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Full text of "Romanische Forschungen"

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ROMANISCHE  FORSCHUNGEN 

ORGAN 

FÜR  ROMANISCHE  SPRACHEN,  VOLKS«  UND  MITTELLATEIN 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

KARL  YOLLMÖLLER. 


XXYII.  BAND. 


-Linr^!£j- 


ERLANGEN. 

Verlag     von     Fr.     J  u  n  j^  e. 

1910.  \ 


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K.  B.  Hof-  und  Uuiv.-Buchdruckerel  von  Juiiue  &  Sul.n  in  Erlange« 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Decuitins,    C,     Kätoromfinische    Chrestoinathie.      Rand  IX:    Ober- 

engadinisch,  Unterengadiniscli.     Volkslieder,  Sprichwörter    .     .       1 — 294 
Hess,  Robert,    Der  Roman  de  Fauvel.     Studien  zur  Handschrift  146 

der  Nationalbibliothek  zu  Paris 295—341 

Förster,  Max,  Das  älteste  raittellateinische  Gesprächbüchlein      .     .  342 — 348 
Audrae,  August,   Weiterleben    und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  349—368 

Sicardi,  Enrico,  Dante  incongruente? 369—373 

Mahrenholtz,  R.,  Replik 374—375 

Hutschenreuther,   Karl,    Syntaktisches    zu    den    rätoromanischen 

Übersetzungen  der  vier  Evangelien 376—600 

Gros,  Robert,  Kleine  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung.    (Mit 

3  Karten) 601-624d 

Höfler,  Hans,  Les  Echecs  Amoureux 625—689 

Wißler,  Gustav,  Das  schweizerische  Volksfranzösisch 690—851 

Etzrodt,  Willy,   Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne 

und  meme 852—931 

Glaser,  Kurt,  Le  sens  pejoratif  du  suflixe-ard  en  fran^ais  ....  932—983 


^iliÖlAIISOI  CHMSTOllAIHll. 


Herausgegeben 


von 


Dr.  C.  Decurtins. 


IX.  Band:   Oberengadinisoh,  Unterengadinisoh. 

Volkslieder,  Sprichwörter. 


Erlangen. 

Verlag      von      Fr.     Junge. 
1910. 


K.  B.  Hnf-  und  TTniv.-Buohdruckor«!  ron  Junge  ft  6ohn  In  Erlangen. 


Der  Jugend  des  Engadins 

gewidmet. 


Einleitung. 


Weun  die  Volksseele  sich  nirgends  so  scharf  ausprägt  wie  in  Sage 
und  Lied,  Märchen  und  Kinderspruch,  so  sind  wir  froh  überzeugt,  mit 
diesem  Bande  unseres  Saramelwerlies  ein  wertvolles  Stück  des  ureigenen 
rätoromanischen  Volkstums  bieten  zu  können. 

Wie  bei  jedem  gesunden  Volke  nimmt  auch  an  den  Ufern  des  Inus 
das  Liebeslied  einen  ausgedehnten  Raum  ein,  sowohl  das  ernste  Lied 
von  Treue  und  Untreue,  als  der  leichte  Sang  jugendlichen  Übermutes. 

Im  Banne  des  traditionellen  Bildes,  in  dem  die  Jugend  ein  blühender 
Garten  ist,  begrüsst  auch  das  ladinische  Volkslied  die  Geliebte  als  weisse 
Rose,  als  rote  Nelke,  als  Lilie  in  Ehren  und  wird  nicht  müde,  die  treue 
Liebe  immer  wieder  zu  preisen.  Nicht  ohne  leise  Schal kheit  und  zarte 
Schicklichkeit  weiss  das  Lied,  wo  es  vom  Liebesapfel  spricht,  goldene 
Hoffnungen  vorzuzaubern.  Aber  auch  der  schrille  Ton  gebrochener  Treue 
tönt  erschütternd  durch  manches  Lied:  die  Sonne  verfinstert  sich,  der 
Mond  kleidet  sich  in  Trauer,  die  Sterne  fallen  und  die  Wasser  stehen 
still  ob  der  bösen  Tat  der  Untreue.  Und  hier  klagt  eine  Maid^  die  einem 
Ungeliebten  die  Hand  reichen  muss,  ihr  heimlich  Herzeleid;  sie  kann 
nimmer  lustig  sein,  sonst  brach'  ihr  das  wunde  Herz  entzwei,  noch  darf 
sie  klagen,  was  sie  drückt,  sonst  war'  es  für  den  Bräutigam  ein  zu  grosser 
Schmerz.  Dort  aber  begegnen  wir  dem  entschlossenen  Mädchen,  das  trotz 
allen  Zwanges  den  hässlichen  Alten  zurückweist;  und  wir  begegnen  dem 
Burschen,  der  vor  die  Wahl  gestellt  ist,  der  unschönen  Reichen  oder  der 
hübschen  Armen  die  Hand  zu  reichen,  aber  das  klare  Wasser  aus  dem 
Quell  dem   herben   Wein  aus  dem  geschliffenen  Glase  vorzieht. 

Aus  einer  Zeit  stammend,  da  man  feierlichen  Worten  eine  geheimnis- 
volle Kraft  beimass,  also  wohl  ursprünglich  ein  Wunsch-  und  Zaubersang 
ist  jenes  Lied,  das  vom  Knechte  erzählt,  der  mit  der  Sonne  aiifsteht,  um 
die  Geliebte  zu  gewinnen,  die  sich  nacheinander  in  eine  Rose,  ein  Körn- 
Teiu,  eiue  Gerase,  einen  Engel  verwandelt,  aber  vom  Geliebten  in  den 
gleicheu  Gestalten  allüberallbiu   verfolgt  und  endlich  gewonnen   wird.     Es 


VI  Einleitung. 

ist  jene  alte  Weise,  die  von  Volk  zu  Volk  wandert  und  in  der  Fassung 
des  Magali-Liedes  in  Mireio  wohl  am  bekanntesten  geworden  ist.  Mit 
dem  Liebeslied  berührt  sich  das  bei  den  Engadinern  so  gepflegte  Lied 
vom  Scheiden  und  Meiden;  es  schildert  uns  den  tiefen  Schmerz,  den  die 
Trennung  vom  geliebten  Tale  bereitet.  Wohl  wenige  Abschiedslieder 
können  sich  an  Tiefe  der  Empfindung  und  dichterischem  Ausdruck  mit 
dem  Liede  vergleichen,  in  dem  der  Jüngling  beim  Morgengrauen  von 
jedem,  der  ihn  sieht,  Abschied  nimmt  und  aus  dem  Geläute  heraushört, 
wie  die  Glocken  alle  mit  ihm  klagend  klingen,  mit  ihm,  der  dann  ent- 
schlossen seinen  herben  Schmerz  hineinwirft  in  des  Bergsees  Tiefe.  Ein 
glücklicher  Fund  (Ms.  Pont.)  macht  es  uns  möglich,  den  Einfluss  des 
italienischen  Liebesliedes  des  16.  und  17.  Jahrhunderts  auf  das  ladinische 
Volkslied  zu  verfolgen. 

Ein  Pflanzgarten  des  Volksliedes  war  die  Spinnstube  (tramelg):  die 
Spinnerinnen  und  die  Burschen  liebten  es,  ein  Lied  anzustimmen  und 
einmal  angefangen,  wurde  das  Füllhorn  bekannter  Volkslieder  von  der 
sangesfrohen  Dorfjugend  mehr  oder  weniger  ausgepflückt  und  wühl  auch 
gelegentlich  bereichert.  Wie  sich  Zeiten  und  Sitten,  Trachten  und  WaÖBn 
änderten,  zeigten  sich  die  Spuren  der  kulturellen  Entwicklung  auch  an 
den  Liedern.  Aber  die  Balladen,  die  besten  Liebeslieder,  die  Spott-  und 
Rügelieder  haben  sich  erhalten,  seit  den  Tagen,  wo  Campell  gegen  sie 
als  schändliche  Lieder  eiferte.  Gerade  die  ältesten  Lieder  finden  sich  in 
allen  rätoromanischen  Mundarten,  finden  sich  in  fast  gleichem  Gewände 
an  den  Quellen  des  Rheins  wie  im  Engadin,  was  Gaston  Paris  in  seiner 
Besprechung  der  Sammhing  von  Flugi  mit  dem  ihm  eigenen  divinatorischen 
Blick  richtig  erkannt  hat. 

Es  gab  immer  Männer  und  Frauen,  meistens  solche,  die  selbst  neue 
Worte  und  Weisen  fanden,  die  eine  grosse  Anzahl  von  Gesängen  aus  dem 
Gedächtnis  vortragen  konnten;  auch  die  Blinden  und  Armen,  die,  Almosen 
heischend,  von  Dorf  zu  Dorf  zogen,  waren  häufig  Träger  und  Verbreiter 
der  Lieder.  Wenn  das  Volk  öfter  ein  Lied,  das  ihm  zu  lang  war,  kürzte, 
so  wollten  diese  Sänger  nicht  selten  die  Lieder  verlängern  und  ausschmücken, 
nahmen  auf  ganz  willkürliche  Weise  einzelne  Strophen  von  einem  Lied 
in  das  andere  herüber,  ja  verknüpften  auf  sinnlose  Art  Lied  mit  Lied. 

Fragen  wir  nach  dem  Ursprung  der  Volkslieder,  so  finden  wir  nur 
wenige  Andeutungen.  Während  Ton  und  Haltung  einiger  Lieder  auf 
Frauengemüt  und  Fraueumund  hinweisen,  bekennt  sich  „ein  junger 
Mann,  der  Federn  am  Hute  trägt'',  „ein  schmucker  Bursche",  „einer 
der  imstande  ist,  über  die  ganze  Welt  dahinzuspringen",  als  Verfasser  eines 
Liedes. 


Einleitung.  VII 

Wenn  sieb  im  Eugadiu  die  Volksliedei-  so  lang  erhalten  haben  und, 
wenn  auch  zu  sehr  später  Stunde  gesammelt,  noch  eine  reiche  und  schöne 
Ausbeute  gewährten,  so  hängt  das  damit  zusammen,  dass  das  Engadiner- 
volk  bis  tief  in  das  19.  Jahrhundert  hinein  eine  mor<alische  Einheit  bildete 
und  dass  weder  Geburt  und  Reichtum,  noch  Bildung  einen  Gegensatz 
zwischen  Volk  und  Herren,  zwischen  Gebildeten  und  Ungebildeten  auf- 
klaffen liess.  Seit  dem  Ausgang  des  Mittelalters  und  der  Bildung  der 
Bünde  waren  die  Sonderrechte  des  Adels  verschwunden.  Und  wenn  der 
Adel  trotzdem  grossen  Einfluss  besass  und  ihn  durcii  Jahrhunderte  be- 
hauptete, so  waren  die  führenden  Aristokraten  immer  sorglich  bestrebt, 
das  Selbstbewusstseiu  des  souveränen  Volkes  nicht  zu  verletzen.  Sorgten 
ja  die  blutigen  Strafgerichte  dafür,  dass  das  alte  rätische  Gebet:  „Gott 
bewahr  uns  vor  des  Volkes  Zorn!"  nicht  leicht  vergessen  werden  konnte! 
Die  Familien,  die  sich  im  Fremdlaud  Vermögen  erworben  hatten, 
kehrten  später  alle  in  die  Heimat  zurück  und  hüteten  sich  ängstlich,  die 
Bande  mit  den  Volksgenossen  zu  lockern. 

Die  Pfarrer,  die  in  Zürich,  Genf  und  Basel  ihre  Bildung  geholt  — 
und  sie  war  bei  einigen  derselben  eine  nicht  unbedeutende  —  wie  die 
Juristen,  die  in  Paris  und  Padua  studiert  hatten,  mussteu,  wenn  sie  wirken 
wollten,  die  Sprache  des  Volkes  reden.  Männer  wie  Martinus  ex  Martinis 
und  sein  Sohn  Johannes,  der  Staatsmann  und  Ki-ieger  Gioerin  Wiezel, 
um  nur  diese  charakteristischen  Vertreter  zu  nennen,  haben  gezeigt,  wie  sie 
in  ihren  Liedern  den  Volkston  ausgezeichnet  zu  treffen  verstanden. 

Niemand  ragte  aus  dem  Volke  heraus  und  niemand  sank  unter  das- 
selbe hinab:  man  spielte  dasselbe  Spiel,  beteiligte  sich  am  nämlichen 
Tanz  und  die  gleichen  Balladen  und  Liebeslieder  ertönten  im  Herrenhaus 
und  in  der  Bauernstube,  Zweifellos  hat  der  originelle^  scharf  ausgeprägte 
Volkscharakter  mitgeholfen,  das  Fremde  fernzuhalten  und  das  Eigene  zu 
pflegen. 

Heute  zeigt  sich  die  Einwirkung  der  Schule,  der  Kaserne  und  eines 
hochentwickelten  Fremdenverkehrs  immer  stärker  und  die  eigene,  von  den 
Vätern  ererbte  ladiuische  Kultur  —  wir  dürfen  hier  das  Wort  Kultur 
wirklich  gebrauchen  —  verschwindet  laugsam,  um  einer  neuen,  internationalen 
Gesittung  Platz  zu  luachen;  und  so  manches  Lied  wird  mit  dem  letzten 
Sänger  und  der  alten  Sängerin   auf  den   stillen  Friedhof  getragen. 

Nur  jene  Lieder,  die  dem  Sinnen  und  Fühlen  der  Volksseele  Aus- 
druck liehen  und  darum  im  Volke  ein  so  treues,  kräftiges  Echo  fanden, 
rechnen  wir  zu  den  Volksliedern.  Darum  schlössen  wir  von  der  Samm- 
lung alle  jene  Lieder  aus,  die  das  Gepräge  des  Gemachten  an  sich  tragen 
und  zumeist  kurzlebig  waren,      Wir  geben  ja  gerne  zu,    dass  die  Scheide- 


VIII  Einleitung. 

linie  hier  nicht  selten  schwer  zu  ziehen  ist  und  es  mag  sein,  dass  dieses 
oder  jenes  Lied  aufgenommen  Avurde,  das  kein  Volkslied  im  strengen 
Sinne  ist,  obwohl  wir  bestrebt  waren,  nach  dem  oben  angegebenen  Ge- 
sichtspunkt aufzunehmen  und  auszuscheiden,  weshalb  wir  auch  eine  grössere 
Anzahl  Lieder,  die  in  früheren  Sammlungen  als  Volkslieder  aufgenommen 
wurden,  fallen  Hessen.  Fragt  der  freundliche  Leser  nach  dem  Eigenen 
und  Charakteristischen  am  ladinischen  Volkslied,  so  wollen  wir  eine  kurze 
Antwort  zu  geben  versuchen.  Der  Charakter  der  Rätoromanen,  die  an  der 
Wasser-  und  Völkerscheide  sich  erhalten  haben  —  ein  Purpursfück  des 
römischen  Kaisermantels  neben  dem  germanischen  Speer  —  hat  im  Volks- 
liede  deutsche  Gemütstiefe  mit  dem  lateinischen  Sinn  für  Mass  und  Schön- 
heit zu  verbinden  gestrebt,  so  dass  das  romanische  Volkslied  zwei  Vorzüge 
aufweist:  tiefes  Gefühl  und  harmonische,  vornehme  Form.  Gerade  bei 
den  Liebesliedern,  wo  dem  Spotte  sein  Recht  wird  und  heikle  Situationen 
zur  Sprache  kommen,  zeigt  sich  ein  ausgesprochener  Sinn  für  das  Schöne 
und  Schickliche. 

Aus  den  historischen  Liedern  spricht  die  Eigenart  des  rätoro- 
manischen Volkes,  das  Selbstbewusstsein  und  trotzige  Kraftgefühl,  das  den 
Männern  der  III  Bünde  eigen  Avar,  das  auf  dem  ruhmreichen  Schlachtfelde  der 
Kalvenklause,  wie  auf  Italiens  Blachfeldern  gewachsen  war  und  die  blutigen 
Befreiungskämpfe  gegen  Baldirons  Scharen  zu  Ende  führen  Hess.  Die 
grosse,  ruhmreiche  Geschichte,  die  noch  aus  den  Briefen  des  Peter  Planta, 
aus  den  selbstbewussten  Worten  über  die  Vereinigung  mit  der  jungen 
Eidgenossenschaft  herausklingt,  erklärt  uns  den  starken  Zug,  der  die 
rätischen  Fahnen  und  das  rätische  Lied  bewegte. 

Wenn  Flugi  meint,  die  puritanische  Richtung  der  Reformation  im 
Engadin  hätte  den  alten  Volksliedern,  die  verpönt  wurden,  das  Los  der 
Vergessenheit  zugeteilt,  so  wird  diese  Meinung  durch  die  Zusammen-  und 
Gegenüberstellung  sämtlicher  rätoromanischen  Volkslieder  nicht  bestätigt. 
Gerade  die  besten  erzählenden  Lieder  des  katholischen  Oberlandes  finden 
sich  auch  im  Engadin,  die  ältesten  Liebeslieder  finden  sich  in  surselvischen 
und  ladinischen  Versionen,  so  dass  der  Einfluss  der  Reformation  auf  das 
Volkslied  als  ein  sehr  geringer  zu  bezeichnen  ist. 

Zu  den  ältesten  Volksliedern  gehören  jene,  die  ursprünglich  bei 
Kidtushandlungeu  gesungen  wurden ;  sie  verherrlichen  Erscheinungen  und 
Kräfte  der  Natur,  die  als  persönliche  Wesen  aufgefasst  und  verehrt  wurden. 
Die  Feier  des  beginnenden  Lenzes,  des  wiedererwachten  Vegetationsdämons 
stand  auch  im  luntal  im  ungeschriebenen  Kalender  des  Volkes.  Wie  aus 
einem  Kiuderspruche  ,.mantinada"  aus  dem  Bergell  erhellt,  ward  der  Ein- 
zug der  wärmeren  Jahreszeit  und  das  Erwachen  der  Vegetation  mit  Spiel 


Einleitung.  IX 

und  Tanz,  ursprünglich  wohl  mit  Gesaug  und  Tanz  gefeiert.  Wir  ver- 
muten, jene  Feier  sei  die  eigentliche  mantiuada  gewesen  und  jene  mantinada, 
die  später  in  einzelnen  Gemeinden  des  Vorderrheiutales  aufgeführt  wurde 
und  das  damit  zusammenhängende  Spiel  vom  Austreiben  der  Fastnacht  sei 
eine  Übertragung  der  ursprünglichen  Frühlingsfeier  auf  die  Fastnacht. 
So  gehört  jenes  FrUhlingsliedcheu,  das  die  Kinder  in  verschiedenen  enga- 
dinischen  Gemeinden  vor  den  Häusern  sangen,  um  sich  eine  freundliche 
Gabe  zu  ersingen,  zu  den  ältesten  Denkmälern  der  rätoromanischen  Poesie. 

Weit  zurück  in  graue  Zeit  reicht  aucli  das  St.  Margare talied^  das 
vom  Ende  des  goldenen  Zeitalters  in  den  Alpen  erzählt  und  das  Pfarrer 
Mohr  noch  im  hochgelegenen  Remüs  gehört  hat.  Es  hat  das  Lied  die 
älteste  Fassung  der  Mai*garetalegeude  zur  Voraussetzung. 

Zum  ursprünglichen  Bestand  der  rätoromanischen  Volkslieder  ge- 
hören offenbar  jene  Lieder,  welche  zum  Tanze  gesungen  wurden  und  nach 
deren  Weise  getanzt  wurde.  Der  feierliche  Reigentanz  wurde,  wie  wir 
aus  einzelnen  surselvischen  Märchen  ersehen,  auf  grünem  Felde  aufgeführt. 
Die  Jugend  versammelte  sich  im  Engadin  wie  im  Oberland  während  des 
Mittelalters  zia  Spiel  und  Tanz  auf  offenem  Felde.  Campell  hat  uns  den 
Anfang  eines  alten  Liedes,   eine  Aufforderung  zum  Tanz,   überliefert: 

„Strada  commüna  ad  yra  sullatzar". 

Neben  dem  Reigenlied  Nr.  84  verweisen  wir  auf  das  eigentümliche  Lied 
vom  Fischer;  es  ist  ein  altes  Erbstück  der  rätoromanischen  Hochzeitsfeier, 
das  nicht  Avie  die  ursprünglichen  Hochzeitsreden  der  herben  Sittenpolizei 
der  jungen  Reformation  weichen  musste,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
ein  Tanzlied. 

Aus  den  engadinischen  Schauspielen,  die  allerdings  zumeist  Über- 
setzungen sind,  erhellt,  wie  das  Lied  in  enger  Beziehung  zum  Tanze 
stand;  da  begegnen  wir  Wendungen  wie:  „Wir  tanzen  nicht  nach  deinem 
Liede",  „nach  eigenem  Liede  tanzen".  Zu  den  ältesten  Liedern  der 
Rätoromanen  gehören  die  Spottlieder.  Es  sind  uns  einige  solche 
aus  dem  Unterengadin  erhalten,  die,  wie  aus  dem  urwüchsigen  Ton,  den 
derben  Kraftsprüchen  und  altertümlichen  Bildern,  wie  boscha  grischa,  er- 
sichtlich  ist,   ins   Mittelalter   zurückgehen. 

Von  den  Tier  fabeln,  die  uns  in  den  dichten  Wald  zurückführen,  wo 
der  Mensch  noch  in  inniger  Beziehung  zu  den  Tieren  stand,  hat  sich  nur 
ein  karges  Bruchstück  erhalten ;  es  ist  das  im  Engadin  wie  im  Oberland 
gesungene  Lied  von  der  Liebe  der  Heuschrecke  und  der  Ameise.  Im 
Engadin  wie  im  Oberland  finden  sich  noch  Spuren  des  liiedes  von  der 
Tierhochzeit.  , 


X  Einleitung. 

Zum  ältesten  Bestandteil  unseres  Liederschatzes  kann  auch  das  Streit- 
lied zwischen  Wein  und  Wasser  gezählt  werden,  das  uns  Campell  auf- 
bewahrt hat  und  das  sicher  ein  paar  Jahrhunderte  älter  ist,  als  Campells 
Aufzeichnung,  der  oflPenbar  alles  weggelassen  hat,  was  an  den  alten 
Glauben  erinnerte. 

An  verschiedenen  Stellen  haben  wir  uraltes  Erbgut  unserer  Volks- 
poesie, von  einer  allzu  klugen  und  kalten  Zeit  in  die  Rumpelkammer  des 
Kinderliedes  verwiesen,  an  den  alten  Ehrenplatz  gestellt,  den  es  früher 
im  religiösen  und  sozialen  Leben  einnahm. 

Ähnlich  dem  Märchen  geht  der  StoflF  der  Balladen  von  Land  zu 
Land,  von  Volk  zu  Volk;  in  der  Behandlung  des  nämlichen  Erzählungs- 
stoffes bei  den  verschiedenen  Völkern  spiegelt  sich  die  nationale  Eigenart 
wieder,  die  den  Liedern  den  eigentlichen  Charakter  verleiht.  Echt  rätisch 
ist  jenes  Lied,  das  uns  von  den  treuen  Lieben  erzählt,  die  nicht  von- 
einander lassen  und  die,  wenn  sie  im  Leben  getrennt  waren,  im  Tode  ver- 
eint werden.  In  der  verstümmelten  Gestalt,  wie  das  Lied  „o  mama  chara" 
uns  im  Ladinischen  und  Surselvischen  überliefert  wird,  ist  dasselbe  ziem- 
lieh unverständlich.  Offenbar  bedeutet  der  Trunk,  der  sonst  ganz  un- 
motiviert wäre,  einen  Verlobungstrunk  oder  einen  Trunk  zum  Zeichen 
geschlossener  Ehe.  Noch  das  statutum  synodale  Andegavense  erwähnt 
die  falsche  Meinung,  die  Ehe  werde  abgeschlossen,  indem  die  Brautleute 
gemeinsam  aus  einem  Glase  Wein  trinken ;  imd  Polydorus  Virgilius  er- 
zählt: „Sponsa  apud  Anglos  postquam  beuedixerit  sacerdos  in  templo, 
incipit  bibere,  sponso  et  reliquis  adstantibus  idem  mox  facientibus".  Wir 
denken  uns,  das  Lied  erzählte  ursprünglich,  wie  der  Geliebte  in  dem 
Augenblick  ankommt,  da  die  Braut  einem  anderen  angetraut  wird ;  ob  des 
traurigen  Wiedersehens  sterben  beide  gebrochenen  Herzens  und  werden 
nebeneinander  begraben  und  aus  ihrem  Grabe  wachsen  Blumen,  die  sich 
umschlingen,  „weil  die  beiden  einander  so  lieb  gehabt".  Die  oberländische 
Form  steht  dem  Original  näher  als  die  ladinische :  dort  haben  sich  noch 
die  rote  Rose  und  die  weisse  Lilie  erhalten,  während  sie,  wohl  um  des 
Reimes  willen,  in  der  ladinischen  Form  durch  die  Kamillenblüte  und  die 
Muskatnuss  ersetzt  werden, 

Ladinisch  hat  sich  auch  eine  alte  Form  des  Liedes:  „0  bab,  bab" 
erhalten;  hier  ist  es  noch  das^Schlossfräulcin,  von  dem  berichtet  wird,  wie 
es  von  Knechten  und  Mägden  Abschied  nimmt,  ehe  sie  gezwungen 
heiratet  und  dem  ungeliebten  Manne  die  Hand  reicht.  Die  Vermutung, 
die  wir  in  unserer  Vorrede  zu  den  oberländischen  Volksliedern  aus- 
gesprochen haben,  das  Lied  gehe  in  das  Mittelalter  zurück,  scheint  somit 
begründet  zu  sein;    wir  haben  hier  eine  Gestalt   des  Liedes    vor    uns,    wo 


Einleitung.  XI 

das  Volk  uocli  offenbar  an  das  Scblossfräulein  denkt;  die  folgende  Variaute 
weiss  nichts  mehr  von  Schloss  und  Fräulein;  das  Lied  meldet  von  der 
Dorfnmid,  die  von  den  Gespielinnen  Abschied  nimmt,  nicht  von  Knechten 
und  Mägden.  In  diesem  Liede  hat  der  Balladenstoff  eine  ganz  rätischc 
Gestalt  angenommen  und  die  rätoromanische  Version  darf  sich  dem 
e-leichen  Liede  bei  anderen  Völkern  au  die  Seite  stellen.  Dramatisch  be- 
wegt  führt  uns  das  Lied  mitten  in  die  Handlung:  wie  lebendig  und  er- 
greifend ist  das  Widerstreben  der  Braut  geschildert!  Eine  ahnungsvolle, 
trübe  Stimmung  ruht  über  dem  Liede  der  Treue,  welche  Tod  und  Grab 
überdauert.  Auch  bei  den  Rätoromanen  können  die  Seelen  der  Liebenden, 
die  in  die  Blumen  übergegangen  sind,  welche  das  Grab  schmücken,  nicht 
voneinander  lassen.  Die  symbolischen  Pflanzen,  in  welche  die  Seelen 
der  Liebenden  übergehen,  wechseln  bei  den  verschiedenen  Völkern.  In 
den  portugisischen  Romanzen  finden  sich  bald  die  Cypresse  und  der  Orangen- 
baum, bald  ein  düsterer  Fichtenwald  über  dem  Grabe  des  Ritters,  über 
dem  der  Jvmgfrau  ein  trauriges  Rohrfeld:  bei  den  Serben  sind  es  Rosen 
und  Kiefer,  bei  den  Rumänen  zwei  Tannen,  im  griechischen  Volksliede 
eine  Cypresse  und  ein  Schilfrohr,  bei  den  Ungarn  Rosmarin  und  Lilie,  bei 
den  Schotten  Rose  und  Birke,  bei  den  Wenden  zwei  Reben,  bei  den 
Bulgaren  Pappel  und  Tanne. 

Zu  den  ältesten  Balladen  gehört  jene,  die  von  den  drei  Kameraden 
erzählt,  die  zur  Jakobsbrücke  gingen,  offenbar  zur  Brücke  an  der  grossen 
Pilgerstrasse,  die  nach  St.  Jacob  in  Gallizien  führte.  Sie  kehrten  in  eine 
Wirtschaft  ein;  der  Jüngste  verliebte  sich  in  des  Wirtes  Tochter,  die  ihm 
ihre  Liebe  schenkte  und  sich  mit  ihm  verlobte :  der  Glückliche  rühmte  sich 
bei  den  Genossen  seines  Erfolges:  aber  der  Wirt  vernahm  es  und  fuhr  ihn 
hart  an:  „0  du  Schelm,  was  gab  sie  dir  zum  Pfand?-'  —  „Einen  goldenen 
Gurt  und  zwei  schöne  goldene  Ringe,"  war  die  Antwort.  Aus  Rache  ver- 
klagte der  Wirt  den  Jüngling,  er  habe  die  Tochter  behext.  Das  Lied 
denkt  wohl  an  Liebeszauber.  Der  Landammann  iind  die  Geschworenen 
richteten  ihn  als  einen  Hexenmeister.  Ehe  der  Todesstreich  fiel,  forderte 
der  Jüngling  die  Henne  auf,  ihn  zu  rächen  und  diese  nahm  so  Rache, 
dass  das  Blut  auf  die  Strasse  floss.  Der  als  Pfand  gegebene  goldene  Gurt 
lässt  auf  ein  hohes  Alter  des  Liedes  schliessen;  nicht  an  den  wilden 
W^aldvogel,  sondern  au  die  häusliche  Henne  richtet  sich  die  Bitte  des 
Sterbenden,  dafür  besorgt  zu  sein,  dass  die  Seinen  ihn  rächen  und  diese 
erfüllen  die  Pflicht  der  Sippe  in  blutiger  Weise. 

Unter  den  Liedern,  die  von  dem  heimkehrenden  Gatten  erzählen, 
finden  wir  ein  eigenes  und  fremdes;  eine  Übertragung  aus  dem  Italie- 
nischen ist  das  Lied:   „Ghante,  chante  Lisetta."     Das  Original,  das  Professor 


XII  Einleitung. 

Alessandro  d'Ancona  in  Ripafratta  gefunden  und  Nigra  mitgeteilt,  gibt 
dieser  in  seineu:  Canti  popolari  del  Piemonte^). 

Wie  bei  den  Märchen,  so  ist  es  auch  bei  den  Balladen  sehr  schwer, 
Eigenes  vom  Übersetzten  auszuscheiden.  So  war  es  uns  bei  einem  von 
Flugi  gegebenen  Volksliede:  ,.Ad  eir  üua  giuvna  sün  ün  marchio"  immer 
aufgefallen,  dass  die  verlassene  Tochter  bekennt,  sie  sei  vom  treulosen 
Geliebten  verlassen  worden,  weil  ihr  Vater  ein  Hirte,  ein  Gemeindediener 
gewesen  sei.  Der  Hirtenstand  wurde  bei  den  Rätoromanen  nie  als  ein 
niedriger  Stand  angesehen,  sondern  war  dem  Bauernstand  vollkommen  eben- 
bürtig. In  der  Version,  die  Vital  gibt,  wird  der  Hirt  dem  Edelmanne, 
der  eine  goldene  Kette  trägt,  gegenübergestellt;  dieser  Gegensatz  zwischen 
Hirt  und  Edelmann  ist  für  das  Engadiu  noch  unwahrscheinlicher.  Der 
ganz  nationale  Schluir^s,  nämlich  die  Berufung  auf  die  schöne  Ebene  von 
„las  Agnias",  die  alte  Richtstätte  des  Engadins,  hatten  aber  unseren  Verdacht 
als  einen  unbegründeten  erscheinen  lassen.  Zum  Glück  aber  hat  sich 
bei  Vital  der  ursprüngliche  Schluss  erhalten:  „Dieses  Lied,  das  ihr  gehört 
habt,  ist  gerade  hier  ohne  Schwierigkeit  übersetzt  worden.  Und  der  es 
zuerst  gesungen  hat,  der  war  ein  Mann,  der  schon  verheiratet  war.  Ich 
nenne  ihn  nicht,  aber  ich  halte  ihn  für  einen  Ehrenmann."  Nach  Ton 
und  Haltung  glauben  wir,  die  Übersetzung  in  das  17.  Jahrhundert  ver- 
legen zu  müssen.  Aus  dem  Deutschen  übersetzt,  erklärt  sich  die  Gegen- 
überstellung des   Hirten   und  Edelmannes. 

Der  Einfluss  des  französischen  Liedes  auf  unser  romanisches  ist  un- 
bestreitbar; weiss  doch  sogar  das  surselvische  Kinderlied  vom  Burschen  zu 
erzählen,  der  nach  Frankreich  ging,  um  für  den  König  die  Lanze  zu 
führen.  Und  Campell  bezeugt  durch  ein  aufbewahrtes  Bruchstück  eines 
Volksliedes,  wie  schon  im  16.  Jahrhundert  der  Engadiner  ein  französischer 
Söldner  wurde,  der  vom  König  als  vom  ,. guten  Vater"  die  ausgeteilten 
Sonnenkronen  in  Empfang  nimmt.  So  ist  das  Lied  von  den  drei  jungen 
Tambouren  mit  dem  Refrain:  „Ran,  ran,  rataplan''  auf  das  Original  zurück- 
zuführen, das  uns  Graf  de  Puymaigre  in  seiner  Sammlung  von  Volks- 
liedern aus  Lothringen  aufbewahrt  hat  und  das  sich  in  verschiedenen 
Varianten   in   ganz  Frankreich^),    bei    den  Piemontesen^)    und   Katalanen*) 

*)  In  den  Anmerkungen  zu  den  Volksliedern,  die  in  Band  X  erscheinen, 
geben  wir  zu  einer  Anzahl  die  fremdländischen  Originale. 

*)  Komancero  de  Champagne,  par  M.  Tarb^  t.  IL,  p.  127.  Romania,  XIII., 
434.  (inillon,  Chans,  pop.  de  l'Ain,  91.  Gönard  de  Nerval,  Les  filles  du  feu, 
La  Boheme  galante.  Annuaire  des  trad.  pop,  II,  46.  M6moires  de  la  Soci6t6 
d'emulation  de  Cambrai,    t.  XXVIIL  p.  276.     E.  Rolland,  Rec.  L,  266.    IL,   149. 

')  Costantino  Nif^ra,  Canti  popolari  del  Piemonte,  p.  382 — 385. 

*)  F.  P.  Briz,  Consons  de  la  terra,  III,  111.    Miiä,  Romancerillo,  175. 


Einleitung.  XIII 

verfolgen  lässt;  man  könnte  aus  demselben  den  fehlenden  Schluss  des 
romanischen  Liedes  rekonstruieren,  wo  der  Trommler  die  Königstochter 
verschmäht. 

Bei  einigen  gerade  von  den  älteren  Liedern  fehlt  der  Schluss;  so  in 
einer  älteren  Fassung  des  Malbruchliedes.  Bemerkenswert  an  dem  Liede 
ist,  dass  hier  der  schöne  Fürst  und  König  von  Holland  die  Stelle  Malbruchs 
einnimmt.  Das  Lied  von  dem  König,  dessen  Tod  vom  schwarzgekleideten 
Diener  der  Fürstin  gemeldet  wird,  repräsentiert  die  älteste  Form  des 
Malbruchliedes. 

Der  Schluss  fehlt  auch  beim  Liede  vom  Fähudrich,  wo  der  Baron 
und  seine  Tochter  in  Ghur,  der  Stadt,  an  die  Stelle  der  Königstochter 
und  des  Königs  von  Frankreich  getreten  sind.  Dass  die  jetzige  Fassung 
aus  vorreformatorischer  Zeit  stammt,  glauben  wir  aus  der  Erwähnung 
des  „Kilbitanzes"  schliessen  zu  dürfen,  zu  dem  auch  die  Knabenschaft 
von  Frankreich  erscheint. 

Bei  einem  Volke,  das  seit  Jahrhunderten  über  sein  Schicksal  ent- 
schieden hat  und  bei  dem  der  Krieg  ein  Volkskrieg  im  eigentlichen  Sinne 
des  Wortes  war,  mussteu  die  geschichtlichen  Vorgänge  tiefe  Spuren  im  Volks- 
liede  zurücklassen.  Campell  hat  uns,  wenn  auch  leider  nicht  die  vollständigen 
Lieder,  so  doch  einzelne  Brxxchstücke  aufbewahrt,  aus  welchen  wir  Schlüsse 
auf  den  Charakter  dieser  Lieder  ziehen  können. 

Es  sind  epische  Gesänge,  bei  denen,  wie  bei  jeder  echt  volkstüm- 
lichen-'Epik,  Rede  und  Gegenrede  der  Helden  einen  breiten  Raum  ein- 
nehmen. 

Ähnlich  wie  bei  den  Serben  und  Montenegrern,  waren  auch  bei  uns 
die  von  einem,  „der  dabei  gewesen",  gesungenen  Schlachtlieder  wirkliche 
Volkslieder.  Das  letzte  Lied  dieser  Art  ist  das  S.  185 — 190  abgedruckte  Lied 
vom  Kampfe  mit  den  Österreichern  aus  dem  Jahre  1623;  hieher  gehört 
auch  das  Lied  vom  Müsserkriege,  von  Johann  Travers  niedergeschrieben, 
das  so  das  älteste  Denkmal  unserer  Literatur  wurde.  Wäre  das  nicht  der 
Fall  gewesen,  so  würde  niemand  im  Verfasser  den  gewaltigen  Staatsmann 
und  gelehrten  Humanisten,  den  Freund  des  Simon  Lemnius  vermuten,  so 
echt  volkstümlich  ist  diese  Antwort  auf  ein  Schandlied,  das  im  Bergell 
gesungen  wurde. 

In  den  wildbewegten  Tagen,  wo  die  Grossmächte  um  die  rätischen 
Pässe  stritten  und  die  Religionskämpfe  in  den  rätischen  Tälern  wüteten, 
wurde  die  öffentliche  Meinung  im  Liede  bearbeitet,  der  Gegner  angegriffen, 
mit  Hohn  und  Spott  überschüttet  und  das  Lob  der  eigenen  Partei  ge- 
sungen. Wenn  das  surselvische  Lied  auf  Jörg  Jeuatsch  offenbar  die  Rache 
des  rätischen  Diktators  fürchtet  und  dem  Herrschgewaltigen  nur  in    vagen 


XIV  Einleitung. 

Andeutungen  Opposition  zu  machen  wagt,  so  greift  das  ladinisclie  Rügelied 
den  Toten  mit  leidenschaftlichem  Hasse  au. 

Hierher  gehört  auch  das  schon  im  Band  VI  dieses  Werkes  veröffent- 
lichte Lied  über  die  Belagerung  von  Montalbau:  der  Umstand,  dass  dieses 
Lied  in  Handschriften  immer  wiederkehrt,  ist  ein  Beweis,  wie  man  in  den 
rätischen  Tälern  regen,  ja  leidenschaftlichen  Anteil  nahm  an  den  Kämpfen 
der  Keligionsgenossen  ausserhalb  des  Landes  und  selbst  Bluts-  und  Stamraes- 
verwandtschaft  darüber  vergass. 

Das  Lied  ,,von  der  Bündner  Freiheit",  das  uns  in  zahlreichen  Vari- 
anten überliefert  wurde,  zeigt,  wie  bei  dem  auf  seine  Vergangenheit  so 
stolzen  Bündnervolke  die  Geschichte  dazu  dienen  mi;sste,  in  den  alten 
die  neuen  ,, Tyrannen"  zu  bekämpfen  und  das  Volk  gegen  Osterreicli- 
Spanieu  aufzureizen,  während  das  Lied  von  Wilhelm  dem  Teilen  dartut^ 
wie  jenes  Band,  das  sich  auf  dem  Schlachtfelde  der  Kalvenklause  in  den 
ersten  blutigen  Fäden  um  die  drei  Bünde  und  die  alte  Eidgenossenschaft 
geschlungen  hatte,  im   17.  Jahrhundert  einen  neuen   Einschlag  erhielt. 

Der  Untergang  des  Marktfleckens  Plurs,  der  wie  ein  erschütternder 
Zwischenakt  der  blutigsten  rätischen  Parteikämpfe  zu  den  Greueltaten  der 
Menschen  noch  die  Schrecknisse  der  Natur  gesellte,  hat  in  zwei  Liedern 
(vgl,  Bd.  VI  p.  164 — 171)  bewegten  Widerhall  gefunden. 

Wenn  sich  in  solchen  historischen  Volksliedern  nicht  bloss  die  be- 
wegte Zeit,  sondern  auch  jener  kühne  und  gewaltige  Geist  des  freien 
Bauernvolkes  widerspiegelt,  so  wurde  mit  dem  Niedergang  des  rätischen 
Freistaates  in  der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  das  historisch- 
politische Lied  unbedeutender;  man  begnügte  sich,  diesen  und  jenen  tapferen 
Offizier  zu  besingen,  der  unter  fremder  Fahne  bündnerische  Soldaten  an- 
führte, wie  jenen  Herkules  de  Capaul,  der  bei  Menin  fiel.  Allmählich 
musste  das  Kampflied  dem  Klagelied  über  schlechte  Zeiten  und  böse 
Menschen  Platz  machen. 

Zahlreich  sind  die  Spott-  und  Rügelieder,  wie  denn  auch 
die  Schriftsteller  aus  dem  18.  und  beginnenden  19.  Jahrhundert,  die 
über  Graubünden  schrieben,  es  nicht  unterliesseu,  auf  die  Neigung  der 
Rätoromanen  zur  Satyre  hinzuweisen.  Da  aber  diese  Lieder  allzu  sehr 
das  Gepräge  des  Persönlichen  und  Lokalen  an  sich  tragen,  mag  es  an  nur 
wenigen  Proben  genügen. 

Wir  glaubten  auch  ein  Lied  da  bacharia  geben  zu  müssen,  das  von 
möglichst  vielen  Nachbarn  während  des  Fleischhackens  und  Fleischwiegens 
am  breiten  Stock  gesungen  wurde.  Das  alte  Lied:  „L'otra  saira  a 
bacharia",  nach  dessen  Melodie  so  viele  Volkslieder  gingen,  konnte  leider 
bis  jetzt  nicht  aufgefunden   werden. 


Einleitung.  XV 

Lieder,  die  wir  wie  einen  düsteren  Vögelzug-  von  Weissrusslaud  bis 
nach  Korsika  hinunter  verfolgen  können,  finden  sich  naturgemäss  auch  im 
ernsten,  einst  so  einsamen  Hochtal  und  zählen  zu  den  ältesten;  es  sind  die 
Klagelieder  um  die  Toten.  Nicht  selten  bricht  der  Schmerz  in  ur- 
wüchsiger Wildheit  hervor,  aber  die  Glaubensfestigkeit  mildert  das  herbe  Leid. 

Den  bewährten  Führern  Grundtwig  und  Child  folgend,  haben  wir 
alle  uns  zugänglichen  Varianten  eines  Liedes  vollständig  wiedergegeben; 
denn  nur  so  wird  es  möglich,  das  vollständige  Material  zur  Kenntnis  eines 
Liederstoffes  und  der  verschiedenen   Bearbeitungen  desselben  zu  geben. 

Von  den  Sprichwörtern  haben  wir  nur  jene  gegeben,  die  nach 
Inhalt  oder  Form  Engadiner  Eigengut  sind,  mit  Ausschluss  des  Über- 
setzten und  Entlehnten.  Besondere  Aufmerksamkeit  haben  wir  dabei  den 
Rechtssprichwörtern  geschenkt,  die  in  reicher  Fülle  vorhanden  sind.  Das 
letztere  wird  uns  nicht  überraschen,  wenn  wir  uns  daran  erinnern,  dass 
der  Freiheitskampf  der  Rätoromanen  sich  eigentlich  zum  Kampf  um  „das 
eigene  Gericht"   zuspitzte. 

Dankbar  gedenken  wir  hier  unserer  Vorgänger,  deren  Sammlungen 
wir  so  reichlich  benutzt  haben.  Es  sind  Alfons  von  Flugi^  der  hochbe- 
gabte Dichter,  dem  es  vorbehalten  war,  mit  dem  feinsten  Sinn  und  sichersten 
Takte  das  Schönste  aus  dem  Garten  der  romanischen  Volkslieder  zu  einem 
einzigen  Strausse  zu  binden;  der  kunstsinnige  Dichter  Peider  Lansel, 
der  die  Sammlung  Flugis  mit  sorglicher  Hand  und  begeisteter  Liebe 
fortgesetzt;  Andreas  Vital,  der  mit  unermüdlichem  SammeMeisse  und  glück- 
lichstem Erfolge  eiue  unvermutet  reiche  Garbe  vor  dem  drohenden  Unter- 
gange  gerettet  hat.  Hier  sei  auch  Florian  Grand  genannt,  dem  wir  eine 
zusammenfassende  und  die  Eigenart  des  romanischen  Volksliedes  glücklich 
charakterisierende  Studie  zu  verdanken  haben. 

Vorliegenden  Band  widmen  wir  der  Jugend  des  Engadins  und  wir 
hoffen,  dass  das  alte  Volkslied  hier  wie  bei  so  manchem  kleineu  Volke 
der  Jungbrunnen  neuen  Lebens  werden  möge. 

Ms.  Pont. 

Papierhandschrift  in  fol.  ",  Format  der  alten  Rechnungsbücher,  zählt 
18  Blätter,  in  einem  neuen  Einbände. 

Auf  fol.  15''  findet  sich  die  Jahreszahl  1728  a  26  Agt  Pontresina, 
auf  fol.  IS''  die  Notiz:  30  Ägofto  Phontraßna  Chamfuns  mundemas  fchritas 
traf  me  wo  el  Cherchia  Chi  Gha  Le  Chi  als  paramt  da  vo  d''  chata. 

Enthält  Volkslieder  und  am  Schlüsse  zwei  italienische  Lieder:  Can- 
xoneta  sopra  ü  dragon  und  La  resposta  del  Dragon. 

In  der  Kantonsbibliothek. 

Daraus  abgedruckt:   2a,  9,  10,  IIa,  12a,  16a,   19a  und  20. 


XVI  Einleitung. 

Ms.  Cad. 
Ein  einzelnes  Blatt  aus  einer  Liederhandschrift. 
Enthält  nur  das  Lied  Nr.  57  und  den   Anfang  des  Liedes  Nr.  9. 
Im  Besitze   des   Herausgebers,    geschenkt  vom   Dichter  Fadri  Caderas. 

Ms.  And. 

Papierhandschrift  in  fol.  *•,  Format  der  alten  Rechnuugsbücher,  zählt 
IG  Blätter. 

Auf  fol.  1*  findet  sich  die  Notiz:  Ano  1678  adi  10  Jennary  als 
quaista  iinta  fatta  aint  et  ais  bain  gratiada  chia  Deis  am  detta  agüd  chia 
pofsel  imprendar  bain  ä  fcriver  cun  quella,    auf   12'^  die  Jahreszahl    1678. 

Enthält  romanische  Volks-  und  Kirchenlieder. 

Im  Besitze  des  Herausgebers. 

Daraus  abgedruckt  Nr.  60. 

Ms.  Ss. 

Papiei-handschrift  in  S^,  26  Blätter  in  einem  modernen  blauen  Earton- 
band.      Enthält  sur-   und   subselvische  Volks-  und  Kirchenlieder. 

Fol.  15''  — 16*^:  Üna  Canzun  dilg  Prophet  Da  las  ligias  Sa  conta  en 
ilg  Miedi:   Carstiaun  chei  taulzas.    Eni  üg  on  1803  ils  26  januarij. 

In  der  Kantonsbibliothek. 

Daraus  abgedruckt:  Nr.  130. 

Ms.  Mio. 

Papierhandschrift  des  XVIII.,  S**,  Jahrb.,   in  farbigem  Umschlag,   alles 
von   der  gleichen  gewandten   Hand  geschrieben. 
In  der  Kantonsbibliothek. 
Daraus  abgedruckt  Nr.  143  und  144. 

Ms.  Lum. 

Papierhandschrift  in   8*^,   gebunden,  45  Blätter^  von  der  gleichen  Hand. 

Fol.  la— 25b  enthalten  die  Lieder  Nr.  167,  168,  169  und  170, 
fol.  26*  — 28b:  Plaunt  dün  Pchieder,  29«— 30^:  Üna  otra  bella  Canxum, 
fol.  31*  — 451»  leer. 

In  der  Kantonsbibliothek. 


VOLKSLIEDER. 


(Romanische  Stuflien  I,  Flugi,  p.  327/8.) 

Less   ir  a  plaz,   less   ir  a  plnz, 
Scha  las  mattaiis   am  lessan: 
Las  tramagliar,   las  dumaudar, 
Scli'ellas   a  mai   pi2;lessau. 

5        Subit  cireii   suu   sül   plaz  riva, 
Schi  u'hai  partuot  guardä; 
La  mia  marusa  d'üua  vart 
N'hai   eu   subit  clomä. 

N'ha  gnü  discuors,   rasclnm   cou   ella 
10   Da  grau  melaucouia: 

Cha  be  per  quai,   cha  be  per  quai 
Meis  cour  qitel  legua  via. 

Scheu  cougiistess  e  sch'eu  avess 
Üua  spusa  zuoud  richa, 
15   Ed  impero  ch'ella  uu  vess 
Ne  senu  e  neir  giüdizi  — 

Seun  e  giüdizi  pola  vair, 
II  Seguer  benedescba, 
Ma  la  superbia  sbassa  bod 
20   Chi  d'ella  muar  as  lascha, 

'Na  bella  J.uouua  völg  avair, 
D'inu.uder  ch'ella  vegna: 
Air   ustaria  la  völg  mautgnair 
E  far  que  ch'ella  vöglia. 


Romanistbe  Forsolumjien  XXVII. 


Volkslieder. 

25        Sck'eu   speud   iiu   baz   schi   not  eu  duos 
Per  far  ma  duouua  bella, 
Per  cli'ella  possa  hain  maugiar 
11  rost  our  d'la  padella. 

Quel  vin  rösin   e  quel  pan  fin 
30    Dess   mia  duonua  mangiar, 

E  quel   vin  ascli   e  quel  pan  noscb 
Lascbaiu   par  dar  als  giasts. 

2. 

a. 

XJna  otra  per  lafs  juvnas  in  la  nota,  quela  ehi  ais  da  mai'ider. 

(Nach  Ms.  Pont.) 
[f.   11*]  Matauns  da  marider, 

Lasains  Un  po   chiauter, 

Da  cour  ans  algraiu 

Ls  mats  fchia  baiu  ni;fs  vainf. 

5   E  nun   stovan   bricbia  efser, 
üngiün   as   lafcba   incbarel'er. 
fuletaf  fchia  ftains   aquiio, 
Schia  nun   vüglian   gnir,   li   ehi  lal'an. 

Ei  pasan  quels,  vus  bels, 
10   Cbia  nu  ls  ftovan   vair  bo  elss, 
C[hia]   ftaun   I'ul  miuebioner, 
Craian  da  ns  fnarauter. 


[f.   11'^] 


Ma  vul's  el'ses  bains  buus^ 
0  vuf,   noaf  bels  marus, 
15   zuond   bain  nus  as  consanzans, 
cbia  vu  efches   be  fcho  infauuts. 

Wais  leta  d'  gnir  u  Iter, 
cun  nus  da  tramaglier, 
Ma  nun  vulai(n)s  brich  chrar, 
20   nus  ftovains  be  I'avar. 

Wais  leta  da  ns   dumauder 
et  Iura  ftuvains  fpater 
bain  ün  lung  temps  aqu(i)o, 
Schia  nuss  volains   piglor  u   na. 


Volkslieder. 

25  La  leta  ais  Iura  nofsa, 
La  I'peta  ais  Iura  vollsja 
uugUua  vais   vauto 
Cur  nulas  in   quaist   fat. 

Schia  baiu   chia  uus  tuots  buii[a]s 
30   amand   voasas  perfumas, 
qualchiosa  iis  fidains, 
Ma  tuot   brich  nu:<   nuu  caraiaii. 

Vufs  as  tgnias   eir  ficli   bels, 
et  cert  vus  efcbes  quels, 
35   Mo   fcho   nu(s)|ii]   efcbe[u]s   fiiias, 
Eschaus   al  maiii   obarinas. 

Vufs  el'ses  plaius   d   l'usdet, 
ingiau  et  [in]fideltet 
iu   vufs  ais  tuot  mautuus. 
40   0   bels,   raa  tos  matuns. 

Iu   buchia  ävais  il   meil, 
ino  iu   il  cour  il  feil, 
voafs  plets  ium  lams  fco  lat, 
Mo   forau   aiut  il   cour. 

[f.    12'']   45   Li   Ulis   (iuciritet, 

iu   uu(n)s   ais  fidiltet, 

in   uus  ais  üu  cour  prus, 

v(e)[u]fs  efchef  malitius. 

Iu  nus  üu  cour  riel, 
50  tuot  baiu  et  üngün  mel, 

mel  ftabiles  scho  ils  utschels, 
Mo  faimpel  schco  ils  agnels. 

Pertauut,   cuupaguias  chieras, 
Lasain  eis  üu  po  fer, 
55   ftaiu  pur  fura  da  uus, 

Cu  ns  veguiau  bod  tar  uus. 

Chieraf  conpagnias  mias, 
vivair  in  alegria, 
da  nus  alegre  in   il  Segner, 
60   ungün   chi  ns  posa   artguir. 


Volkslieder. 

II   Siguer  ans   parchiüi'a, 
US  deta  bain  vintüra, 
quels  chia  dien  ns  vol  der, 
ingiün   non   ils  po   pigler. 

b. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  328/9. 

Mattans  da  maridar, 
Lascba'ns  Uu  pa  chantar, 
Da  cour  ans  allegrain, 
Mattauns  scha  eir  uon  vain. 

5        Que  non  sto  bricba  esser, 
Üngün  nu's  lascha  increscher, 
Snlettas   stain   bain   quia; 
Nu  vöglan  gnir,  schi  laschan. 

S'impaissan  bain  quels  bels 
10  No   stobgiau  vair  ad   eis, 
E   stan   sül  minchunar 
Crajond  da'ns  snarrantar. 

Ma  vus  eschat  bain  buns, 
0  vus,   nos  bels  mattuns: 
15  Zuond  bain  no  s'couoschain, 
'Sehe  chöntsch  no  uns  crajain. 

Vais  letta  da  gnir  o  star 
Cuu  uus  a  tramagliar, 
Ma  uu  leivat  brich  crair 
20  Nus  as  stobgiau  avair. 

Vais  letta  da'ns  dumandai*, 
Lura  stais  spattar 
Bain  ün  hing  temp  aqua 
Scha's  volain  tour  o  na. 

25       La  letta  ais  lura  nossa 
II  spet  ais  lura  voss, 
Üngün  ha  l'avantach 
Far  nozzas  in  quaist  fat. 


Volkslieder. 

Vuo  staivat  zuoucl  ficL  bei 
30  E  tschert  vus  escbat  quel, 
Ma  scha  uiiu  essaus   tiuas 
Eschan  almain  charinas. 

Malizia  e  fosdä 
lugiau,  iufedeltä 
35  In  vus  als  tuot,  matuus, 
0  bels,  raa  fos  matuus. 

lu  buocha  vais  il  meil, 
Ma  iu   il  cour  il  feil: 
Voss  pleds  suu  lams  sco   lat; 
40  Ma  fraid  ais  in  il  fat. 

In  uus  ais  fideltä, 
Iu   nus   sinceritä, 
Iu  nus  ais  cour  real, 
Tuot  baiu  ed  üngüu  mal. 

45        Iu  nus  ais  üu  cour  prus, 
Vus  eschat  malizius, 
Malstabels  sco  utschels, 
Nus  saimplas  sco  aguels. 

Pertaut,  cumpognas  cliaras, 
50  Lascbain  eis  ün  pa  stai-, 
Staiu   par  nus  be  üu  pa 
Schi   veguan   eis  davo. 

Cliaras  cumpognas  mias, 
Uraiü  iu  allegria, 
55   üa's  allegrar  nel  Segner 
Üngün  nun  dess  s'astegner. 

II   Segner  ans   parcbüra, 
E'us  detta  bain   vintüra, 
Quels  scha  Diou  ans  vol  dar 
60   Üngüu  uun's  po  pigliar. 

Vintüra  e  tuot  bainstar, 
AnsT'osta^da  contrari; 
Tia  grazchia,   Diou,   da'ns  quia 
Tia  gloria  iu  tschel  luvia. 


Volkslieder. 

3. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  329.) 

Vussas  inattas   s'almautais 
Da  uus   oters  giuveus, 
Cba  nus  tiraus   our  d'pajais 
Ed  a  vus  bandunaus. 

5        Vussas  nu  savais  parche 
Clia  nus  tiraiu  via: 
Quai  fains  par  quel  grond  bastuu 
Dalla   chüzaria. 

Giaiu   daveut  e  staiu  daveut 
10  Trais  o  quatter  ons, 
Ed  allura  gniu  a  cba 
Cuu  quels  quatter  fraucs. 

La  mita  eir  per  viadi 
Sgür  cba  uus   spendain, 
15  Ed  l'otra  mita 
In  divertimaints. 

Cur  cbi'd   es   in   eben  dell'  au 
Eschens  darcbeu  gliscbs, 
0  cbe  povra  natiuu 
20  Escbftu   uo  auters  Griscbs. 


4. 
(Rouianische  Studien  I,  P^lugi,  p.  329—330.) 

0  giuveu,  tu  bei  giuveu, 
Voust  tu   at  maridar, 
Ma  schi  pur  at  marida, 
Sün   mai  nun   at  biscbar. 

5        Hast  cumanzH  ad   ir 
Pro   otras  a  tramalg; 
Mo   sclii   va  tu   pro  otras 
Cba  cu   pii   uuu   at   völg. 


Volkslieder. 

Scha  tu  at  impissessast 
10   Suis  pläcls  cha  vaius  tscliautschri 
Schi  sgüramaing  cridessast, 
E  gnissest  irrUvlä. 

5. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  315/6.) 
,,Bainvgnia,   tu  raia  cour  eher; 
Vainst  tar  me  a  tramelg? 
Üu'  otra  hest  tu  pü  eher.  (Aiososo) 

Aint   in   mia  cour   sincer 
5   Eu  at  purteiv'  amur 
Be  scu  'ua  fras<;ha  flur. 

Ma  tu,  tia  bain  siueer, 
Cha  tii'ra   faivast   iucler 
luua  ho   quel   trat  vi? 

10        0  eu  cuguuosch  fich   baiu, 
Ch'al  es  daffat  daveut, 
Ch'al  es  par  saimper  speut. 

Cu  s'ho  tia  cor  feria 
Usche  fisch  indüria? 
15   Eu't  rov  do'm   ad  iucler."    — 

„Tu  am   fest   Im  grand   tiiert 
Cun  pleds  usche  fich  dürs; 
Que  iiou  riva   da  me. 

Eu  he  bgers  cunter  me 
20  Provaud  da  svier  que, 
Ma  eu  sum  tuot  cun  te. 

Am  chüran  tuots  mias  pass 
Ch'eu  veng:  che  me  dess  fer? 
Che  dessa  m'impisser? 

25        Ir  davent   am  fo   mel: 
Be  ch'eu  uou  veza  tel! 
Mia  cour  sto  bod  alguer."  — 

O  cor   mia  fich   eher ! 
Sto  que  pi'opi  dvauter, 
30   Cha  tu  stost  trcr  daveutl:' 


Volkslieder. 

Schi   vöglia  giavüsclicr 
Tuot  que  cba  tia  cour  eher 
Be  as  po  impisser. 

Ab  pur  pudess  river 
35   Quell'  ura  aunz  cxi't  partir 
Da  quia,   da'm   sutarer. 

Que  füss  il  pü  bei  spus, 
E  viedi  allegrus; 
Pudess  pur  quel  spuser! 

40        Allur  füss  que  glivro. 
E  tuot  füss  tascbanto 
luvers  dals  prossems  tias. 

Cun  eraunzs  bgers,  mia  amur, 
Sün   mia  vascbe   allur 
45   Gnissast  tu  am  purter. 

Lur   simpissess  tia  cour 
Cba  in  que  vascbe  uouf 
Füss   üna  frasi^ba  flur. ''    — 

,,0   tu,   o   mia  cour  eher!. 
50   Eir  mia  giavüscb  füss  tel 

Cba   vessan   in   ün  di   dan's   sutarer." 

.jüossa  stuvains   glivrer 
Nos  plaundscher  trauuter  per 
E   stuaius  ans  partir. 

55        Dieu  t'cbüra,  vest  davent: 
Tia  cour  sarö  cuntaint ; 
Ma  forsa  per  poch  temp." 


6. 
(Romanische  Studien  I,  Fhigi,  p.  312/y.) 

,,I)iutauut  cli'eu  deir'   üna  juvna   llur 
Vivaiva  in  allegria, 
Ed   uossa  chi'm  eis  gnieu   la  crusch 
Nu  poasö  seutir  la  gia.'"    — 


Volkslieder. 

5        ,,0  sclii  tascha,   miou  cour  clicr, 
E  allura  t'iudaletta ; 
Dis  cert  varost  tu  da  pisser, 
E  dis  eir  dad  algrezchia.''  — 

jjGrand'  algrezcbia  am  po   baiii  giiir 
10   Ed   eir  graud'  nllegi'ia, 

Ma   sclia  in'impais  raa  giuventün, 
Nu  poass  am  smaucher  via,"  — 

,,Scha   Dicu  aus   do  bgers   bels  iffauuts 
E  da  temma  da   Dia, 
15   Viilains  pigler  pazchaiutamaing 
E  ster  in  allegria/^  — 

„Ta  raschum  min  am  vo  per  seiin, 
Un'   otra  vess  eu  baiu   gugent; 
Vess  eu  pur  elas  d'ün   utsche, 
20   Vuless   svuler  davent. 

Schi  eu  vuless  svuler  daveut 
Ed   ir  vi   fin   sur  mer."    — 
„Ed  eu  vuless  bain  bod  ir  zieva 
Ed  ir  vi  at  claper." 

25        ,,Mo  schi  iuua  vulessast  ir, 
Vulessest  tu  trer  via? 
A  cliesa  stuessast  tu  turner 
Sainza  ta  cumpagnia/'   — 

.,Ta  raschum   nun   am  vo  par  cour, 
30  Ed  eu  uu  pilg  fadia; 

Daivast  tu  fer   sainz   'am   pigler, 
Schi   füss  in   chesa  mia."   — 

,,Ma  tu  lo  füssast  suspirand 
Ed   eir  bod   alla  fossa, 
35  Ed  eu  am  vess  da'm  arüvler, 
Da't   vair  do  la  resposta." 


10  Volkslieder. 


7. 

(Komaii Ische  Studien  I,  Flugi,  p.  313.) 
Nus  amis  da  cumpaguia 
Vulains  ir  tuots  a  tramelg, 
Cha  miuch^   üu  piglia  la  sia, 
E   cumainza  a  fer  da  belg. 

5        Cur  cha'l   suu  ho  do   priiicipi 
Duos  alla  vouta  ste  sü, 
Sute  legiers ;  ma  giüdizi ! 
Da  nun  ir  culs  peis  iu  sü. 

S'inguarde  bain  da  tagloulas 
10   Scha  uu  vulais  las  purter, 
Spande  pur  'na  parpajogla 
Ed   al  prüm  fe's  infurmer. 

II  suter  il   spiert  arfras(,ha, 
Fe  las  chammas  stauglanter; 
15   Cur  cha  d'ais   fin   della  trasylia 
As  ho  vögla  da  pusser. 

II  suter  ais  üua  üsaunza 
D'   velg  inö   sto  üsito, 
Ils  pü   scorts  hauu   per  credenscba 
20   Chi   nun   saja  üugiün   pcho. 

Cur  la  generela  riva 
Tuot  chi   sota,   ma  pü  plaun, 
E  faun  tuot  trembler  la  stüva 
Dals  grands  squass  cha  luaint  dann. 

25        Cur   arrivos   sun   a  cliesa 
Tuot  chi  allura  vo  a  pusser, 
Laschan   a  l'otra  brajeda 
A  fer  que  chi   ais   da  fer. 


(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  314.) 
Parche   vulais  ch'üua   parsuna  chaunta 
Chi   nun   ho  pü   sieu  cour  in   libertedV 
Lasche  cliantcr  a  chi  l'amur  coutainta 
E   lasche  mc   in   nia   duhir  ci'ider. 


Volkslieder  11 

5        Ma  uöbla  flur !  che  dess  eu  fer  clii't  plescha? 
Ch'eu  he  pers  tuot  in  perdaut  mieu  eher  cour. 
Voust  tu   ma  mort?   ais  qnist  che  tu  giavüscliastV 
Schi   dum   mieii   saiuig  par  mia  dutsch   amur. 

Zieva  ma  mort  uu  sarost  usche  dura; 
10  Tu  m'amarost,  e  da  me  t'algurdaiid 
Chamiuarost  tu   sur   ma  sepultüra 
Cun  displaschair  ])er  tia  fidel   amaut. 

Ed   in   qnel   lö   inua'l  c^l   at  coudüa 
T'algordarost  da  ma  fidelitet. 
15  La  qneV  ais  saimper  steda  ferm'   e  püra 
Scu'l  firmamaiut  snr  uns  ais  in  vardet. 


9- 

Da  ün,  Chi  amma  cordi[e]lmaing  fia  spufa. 

(Nach  Ms.  Pont.) 

[f.  l^J  Adün   amer,   mo  brich  giodair, 

na  granda  paiua  aise  palva[i]r, 
zuond   üngUn   mel,   nas  poas  eau  dir, 
taunta  dulur,   chi   sfo   fentir, 
5   Achj  quant  beo   ais  quel   da  tgnia[i]r, 
da  cor,   chi   amiaa  et  po   giodair. 

Sco   thia  giata  pigler  uou  po 
Lal's   mlirz,   mo   lafer  ir  lal's  fto, 
ulia  aif  quel,  da  cour  chi  amma, 
10   ne  po  1  furfguiar  que,   chia  el   brama. 
Ach,   quant  da  cour. 

Sco  ün   ut|s]che   uon   po   fchovoler, 
ni  t[r]aier  flet,   fchel   uon  po   fter, 
Ufia  amer  nou   f  po   palvair, 
15   Sainza  havair  fpraunza  da  gudair. 

Scha  la  i'prauuza  a  me  nun   cunsarves, 
in   mia  amur  nun  confirmef, 
fchi  feis   meif  cour  da  fat  fparir, 
et  aunz  la  moart   Itovef  morir. 
20  Ach,  quauut  da  cour. 


12  Volkslieder. 

Per  que  vlilg  uofa  rafugier, 
La  mia  foart  üu  po  prover, 
e  m  ais  fto  dit  fgür  et  cert, 
chia  chi  plü  pichia,   vaiu  aviert. 
25  Ach,  quaunt  da  cour. 

La  certa  Ipraunza  bods  da   I'  vair, 
chiera  mai'ufa,  da  (  gioda[i|r, 
em  viver  fo  fcho  flurir, 
eaue  zainza  vufs  Ituvefs  morir. 
30  a  quant  beo  fum  eaue  da  tgnia[i]r, 
Cur  eaue  ä  vuf  poaf  pofidair. 

Veng  bot  a  gnir  ün  po  tar  vul's, 
ha  noaf  barat  k  farer  gio, 
il  quel  pü  bot,  chia  que  me  dvaiuta, 
35   l'chi  viv  e  mor  con  vus  containt. 
Ach,  quauut  da  cour  a  vufs. 

I ,.    ^  bi  Schi  ue  tli  bot,  eaue  lün  te  I'pet, 

couu  te  da  fter,  aif  mieue  dalet. 
ve,   chiera  marufa,   eaue  t'vülg  taunt  bain, 
40  e  bain  da  cour  nuf  ans  piglaiu. 
0  quaunt  beof  efchenf  da  tgna[i]r 
jnfembel,   chi  enl'  podainf  giodair. 

10. 
(Nach  Ms.  Pont.) 
If.    1'']  Mais  cour  non  ais  plü  meil', 

na  ledra  lo  invulo; 
Ach,   fchia  podeis  il  feis 
asch  tguia  el   apignio. 

5  Ils  leders,  quels  fapichian, 
Ach,   Ich'  au  m  podefs  pichier 
vi  d  l'ia  chiera  vitta 
et   l'tret   l'cho   in   bratz   l'ia. 

0  cliiera,  vus  m  avaifs 
10   Meis  cour   tuot   invullo, 
as   rof,   dem   no   il   voaC, 
u  1   meis  am   turnaute. 


Volkslieder.  I3 


Co  volais,   cbia  dürer  pofsa 
A  viver  fainza  coiir, 
1  5  volaif  vufs  per  cafsa  vol'sa, 
per  vul'  volaif,  cliia  raora, 

0  ledra,  vofsa  fatschia^ 
0  ledra,   vofsa  buchia, 
o  ledra,  vofsa  bratschia, 
20   0  ledra,  vita  tuota, 

0  ledra,  tu  belleza, 
meis  fauug  liest  tormento, 
m  best  do  dolur,  grametzia, 
meis   cour  tuot   in  vul  0. 

25   0  ve,  eaue  fto  morir, 
üngüii  cour  plü  im   vaiu, 
La  moart  eau  fto  patir, 
Per  f  avar  volida  taimt  baiu. 

[f.   2"]  Per   f  avar  porteda  amur, 

30  per  f  avar  douo  mieu  cour, 
faiut  eaue  tauuta  dolur, 
Eaue  ard,  eau  crap,   eau  mour. 

Seh  eau  f  vef  podieu  brancheler, 
0  Ich  ean  vef  gia  la  foart, 
35   fün  vus  da  m  apiclier, 

Iclii  me  nou  füs  eau  mourt. 

Seh  eau  vef  podieu  antrer 
in  vus  tres  qualche  fora, 
eau  uon  vef  vulia  torner, 
40  fainza  iuvoler  voaf  cour. 

Ma  chie  tout  ais  faro, 
tuott  fuorda  mia  bragir, 
tuot  am  lasia  a  qui  gio, 
üngüu  no  m  vol  avrir. 

45  Adia,  dura  beleza, 

Adiaeu,  dimeua  e  bella, 
eau  glivrl  qui  mia  tristeza, 
eau  mour  per  vuf  crudella. 


14  Volkslieder. 

Adieu,    eau  m  fpart   fubit 
50   cun  larmas  et  dolur, 

eaue  pavt  mia  juvua  vita 
et   fum  voal'  fervitur. 

Cur  cheau  veng  a  morir, 
s   vülg  dich  aquaist   rouer, 
55  per  me  de  im  fuspir, 
I'cbi  que  ra  po  cufurter. 

0   fcha  voafs   ölgf  fpandefan 
ua  larma  cur  fum  moart, 
Schi  cert  que  m  alegref, 
60  M  def  qualche  confoart. 

[f.  2'']  Ma  chie  caiie  fto  glivrer, 

avuonda  eis   plauut  a  quo, 
tuott,  chi  I'  0  vulieu  picher, 
ua  fuorchia  ho  achiato. 

65  Ma  eau,   chi  m  ves  peudia 
lun  quista  ufchia  gugent, 
nun  he   brichia  podia, 
Adia,  eau  paf  davent. 

Per  quaist  fto  morir, 
70  La  ledra  viva  aqiiia, 
eau  poaf  clamer  e  dir : 
„Nil   muond   non   aif  giüstia." 

11. 
a. 
Disehuorf  fün  ün  tramelg  da  duof  chi  f.  vüglan  bain. 
(Nach  Ms.  Pont.) 
|f.  3'']      Juvau  Eau  f  vulef  rover,  vus  bella, 

vu  m  fesses  ün  po  d  larg, 
D  am  l'ezer  gio  fpera  ela, 
da  fia  dreta  vart, 

juvna     5   Bain  gugeute,  far,  vus  bei, 
fchia  1  pelesa,   das  fezer  gio, 
fcho  im  völg  eau  bain  per  el, 
M  setser  üu   po   ingio. 


Volkslieder.  ^5 


juvau  Eaue   cert  gugent   que   fef, 

10  em   Cell  amteC  gio  aquia, 
Schia  uou   iucoiuadef 
Merama   voisa   iig[ua]ria. 

juvna  Molesta  certa   üugiui 

am   vaiu   el   a  der, 
15   Schi   al   voul  pigler  per  bau, 
Da   uns  as  adiguer. 

[f.   3^1     juvan  Dimeua  cou  liceuzia 

da  vol'a  bela  grazia, 
em   scbaiut   gio   in   preseutia 
20   tar  vul    liin   qiiaist   voaf  plaz. 

0   eau   he  grazia  da  vair 

Uli   belisem  tramelg, 

cbi   fo   mif  cour  parair. 

Be  giüft  fcbo  1   füs  in  tlchel. 

25   Da  taiintaf  iüvintschellaf, 
Legra(v)as,   virtufas, 
da  iuvnaf  laf  pü  bellaf, 
fchoantilal",  gratiufas. 

Chi  fo  ad  im  legrer, 
30   dich   a  guarder  lur  fatschia, 
in  quel,   fcho  fola  fer, 
il  chiod   fulalg  a  la  glatschia. 

juvna  Cari|fe]m  lar,   vus  bei, 

il   lod   vuf  ns  daif  ä  quia, 
85  partuchia  dichia  ad   el 
et  a  fa  conpagnia, 

Nus  favains  bain  anf  vefa 
ils  maungals,   chia  nus  vainf, 
fchia  nuf  uon  avainf  beleza, 
40   f'chi  chiarinezza  al   main. 

juvan  0  vuf  af  fais  grand  türt, 

0  juvna  perfetissima, 
per  che  chia  fün  voaf  corp 
eis  anim  tuots  belisimf. 


IG  Volkslieder. 

45   iingün  me[u]n(u)gel  ne  raenrla 
in  vufe  aife  da  cheater, 
cun  fluorf,  laf  pü  tarmedafs, 
Leschias  da  congaler. 

[f.  n^\  11  lulalg  dal  uteza 

50  et  ftalaf  lafs  plü  bellaf 
pafas  vuf  in   belteza, 
0  nöblaf  juviutschelals. 

Mo  cert  la  chiariueza 
tar  vuf  as  non  aif  gnida, 
55  inguel  fcho  la  beleza 
da  nus  ais   tuta   bandia. 

Chiarins   lim  dich   ils  matz 
et  bei  laf  lim   laf  niata(f)unf, 
que  aif  cuntscbaint  ä  tuots, 
60  q^ue   saune  er  ils  infeauntf. 

Juvna  Eaue   nun   he   taund   ftügio, 

Con  vus  da  dispiter, 
Mo  nus   favains  darchio, 
Chia  non  aif  da  chiater 

65  Tar  nus  beleza  üngüna, 
mo  que,  vuf  dschaif  aquia, 
que  fe  fc[r]iva  tuot  adüna, 
A  vofsa  cortafia. 

Schia  bain  vus  suefa  non  dschas, 
70  chia  vus  faiaf  fich  belli', 
fchi  nus   bain  que  favainf, 
Ma  nun   vulaif  efer  quel[a]s. 

Schia  me  qualche  beltezza, 
da  guir   fchcrit  tierf  ä  uufs, 
75  fchi  dvainta  in  quela  peza, 
chia  nufs  efans   fpera  a  vufs. 

Juven  Scho  dal  folalg  la  lügna 

Arschava  fia  fpeleudur, 
ufia  ilfs  mats  adügna 
80   D  vuf  heaune  lur  culur. 


Volkslieder.  '  lt 


|f.  4*1  Eil-  bels  quell'  lur  an  peraii, 

taunt  [um   a  vus  prefaintl", 
Ma  flaudet  que  disperan, 
cur   Tum   da  vul'  l)aiiduuar. 

85  E  resta  ul'ia  dimena, 
chia  va[i]r(i)a  aii'  da  fat, 
vuls  ai[sas|  lal'  bellal"  mataC 
et  nul'  ils  chiarinl'  mats. 

Mo  ach,  vus  las  pü  bellal, 
90  eir  que  in  I'en  am  vain, 
Mema  fchüt  vufs  crudellaC 
cun   quelfs,   chi   f  vöglau   baiii. 

II  dür   ficli   düu  diamant 
nun   bo  taunta  düreza, 
95   CO   cbi  bo[n]   laf  matauns 
tierf  lur  granda  beleza. 

Quo  pudel'  ün  ruver, 
infigna  chia  1  fnif  rogk, 
nun  gnif  a  suplicher 
100   fchia  bain  el  dvantef  mogk. 

Pü   bod  gniss   a  udir 
ilf  psalmf  dal  chia  fuol  mar, 
pü  bod  gnis  il  lat  dür, 
Cho  vuf  gnis  as  lambger. 

105   0  eau  non  ves  piso 

Ch'  in  üu[a]  bela,  bela  ceria 
Regnef  taunta  fufdet 
et  eir  ufia  manzneder. 

Juvna  Vuf  cert  jftef  I'avais, 

110  ne  vaif  bsüng,  chi  a  as  dia, 

noaf  cour  quaunt  bun,   chel  eif, 
Scho   1  paum  di   miuchia[di] 

[f.   4^*]  Pustüd  verf  quels  vuf  bels, 

chi  fuu  rielf  et  prus, 
115  et  a  uuf  fun  inguel, 

Quelf  fum  fich   chierf  a   nus. 

Romanische  Forschungen  XXVII. 


±^  Volkslieder. 

Vers  quells   fchia  nuf  pudaiuf 
ilf  uoas   bunf  cours   fer  vair, 
Noaf  faung  eir  unf  fpandesauf 
120  A  quelf  per  couplafair. 

Pertel  enchia  befanf  chiariuaf, 
fcho  1  ais  er  voaf  bei  foer, 
vain  dia  a  buma  fin 
eir  nosa  defens  a  m[n]er. 

125  Per  non  podair  plil  dir, 
[Juvan]  Lafar  voaf  pled  bum, 

dauend  da  quia  per  ir 
vetz  gio,   inua  cbia  fum. 

Adia^   eaue  vtilg  ruver, 
130  fantila(s)  rösa^  bella, 

Ch'eau  f  vUlg  iu   il  feu  der, 
VHS  reftas  faimper  qnella. 

Schia  quel   bun   cour  portais 
vers  me  füQ   quella  amur, 
135   fehl  cert  iufin  la  moart 
faro  voaf  fervitur. 

Juvna  Da  uuf  as  faias  fgiüro, 

chia  aus   ä   belf  amainf^ 
I   ä  varonf  eir  cbiüra, 
140   da  fer,  cbi  fteta  bain. 

Pertaunt  a  quaist  craie, 
ne  egiaf  dubitauuza, 
Cuu   cbiarineza  ame, 
Ne  pardaraf  la  fpraiiuza. 

[f.   5^]  145  Nun  fe^  cbi  faia  quelas 

iudret,  cbi  s  uüglia  giiarder 

et  posa  eser  crudela, 

voaf  bun  coixr  da  nun   anier. 

La  vofa  geutileza, 
150  noaf  cour  6  gio  lamgio, 
et  uuf  nosa  belteza 
a  (u)[v]us  vaiu   dedicbio. 


Volkslieder.  19 


JuvHii  Dal   fulalg  la  belteza 

em   l'to   ul'ia   l'partir, 
155   o  tii  dieu,   d  luteza 
uiim  lal'ier  iuscbiürir. 

Jnviia  Charisem   l'ar,   vuf  bei, 

dieu   I'vüglia  coupagner. 
tauut  er  in   noaf  tramelg 
100   Bain   bod   as   toruauter. 
Adieu,   0  uöbel  platz, 
adieu,  raste  toutf  seaums, 
cun  buna  noat,  vuf  matf 
cur   buna  no[a|t,   mataunl'. 

b. 

(Annalas  XIV,  Vital,  p.  240-44). 
Eau  as  vögl  rover,  vus  bella. 
Cba  'm  fessat  ün   po  d'  larg, 
Da  'm  tschauter  gio  sper  ella 
Da  sia  dretta  vart. 
5   He  bain  gugent,  vus  bei, 
Scba  's  vulais   tschauter  gib, 
Schi  'm  vöglia  bain   per  el 
Am  artrer  ün   po   in   gib. 
Eaa  tschert  gugeut  avess 

10   Da  "m  tschauter  gib  acquia, 
Scha  nou  inconamodess 
La  vossa  signuria. 
Molesta  tschert  iugüna 
Non  vaiu  el  tschert  a  'ni  der^ 

15   Scha '1  voul  piglier  per  bön 
Da  uus  da  's  indegner. 
Dinieua  cun  licenzia 
Da  vossa  bella  grazia. 
Am  tschaiut  gib  in  presenza 

20  Tar  vus  in  quaist  bei  plaz. 
Eau  he  grazia  da  vair 
Ün  bellissem  tramegl, 
Chi  fo  mieu  cour  parair 
Be   SCO   seh'  el  tuss   iti   tschel. 


20  Volkslieder. 

25   Da  tauntas  giuveutschellas 
Legraivlas,   virtuusas, 
Da  giuvnas  las  pü  bellas, 
Gentilas,   graziusas. 

Chi  po  legrer  mieu  cour 
30   Dech  a  guarder  liir  fatschas, 
II  quel  chi  fo  alguer 
Scu  '1  chod    solagl  la   glatscha. 

Cliarischem  sar  vus  bei, 
II  lod  vus  dais  acquia 
35  Pertuocha  dech  ad  el 
Ed  a  sa  compagnia. 

Nus  savains  bain  anvessa 
Ii  maungels  nus  avains, 
Scha  nus  non  vains  bellezza, 
40  Schi  charinezza  vains. 

0  vus  s'  fais  grand  tüert, 
0   giuvna  perfettissma, 
Perche  cha  sum  vos  eher 
Ed   a  vus  tuots  bellissem. 

45   Üngün  maungel  ne  menda 
In  vus 'vais  da  chatter; 
Cun  trais  las  tremendas 
Eschas  da  congualer. 

AI  solagl  dell'  otezza 
50  E  stailas  las  pü  bellas, 
Possaivlas  in  bellezza, 
0  nöblas  giixventschellas. 

Bels  sun  dech   ils  mats, 
Charinas  las  mattauns; 
55   Que  ais  contschaint  a  tuots, 
Que  saun  eir  ils  infaunts. 

Eaii  nun  he  taunt  stüdgio 
Cun   vus  da  disputer, 
Mo  vus   savais  darcho, 
60   Cha  nun   ais  da  chatter. 


Volkslieder.  21 

Tai-  nus  bellezz' Imgüua; 
Mo  que  vus  dscbais  acquia 
Que  scriv'  eau  tiers  adüua 
A  vossa  cortesia. 

65  Schabaiu  vus   svessa  dscbais, 
Cha  vus  fettas  poch  ad  el, 
Schi  svessa  bain  savais^ 
Mo  uuu   vulais  esser  quel. 

Scha  be  qunlche  bellezza 
70  Po  gnir  scrit  tiers  a  nus, 
Schi  dvainta  iu  quella  pezza 
Nus  eschau  spera  vus. 

Scha  dal   solagl  la  glüua 
Impraista  la  splendur, 
75  Usche  ils  mats  adüna 
Da  vus  haun   la  chalur. 

Eir  bels  allura  perau, 
Cur  suu  a  vus  preschaiuts: 
Ma  daudet  quels  dispei'au, 
80   Scha  suu  da  vus  absaints. 

Eau  rest  usche  dimena 
E  vaira  ais  daffat, 
A  vus  las  bellas  femnas, 
A  nus   ils  charins  mats. 

85  Mo  ah,  vus  las  pü  bellas 
Eir  quaunt  il  sen  avais, 
Ma  eir  eschas  crudellas 
Cuu   quels  chi  's    vöglian    bain. 

II  dür  til   diamant 
90  Nuu  ho  taunta  dürezza, 
Co   chi  ho  las  mattauns 
Tiers  lu  grand'  bellezza. 

Co  pudess  lin  güvler, 
lufiu  ch' üu   gniss  aroch; 
95   Nun   gniss   a  '1   supplicher, 
Schabaiu  el  dvantess  mog. 


22  Volkslieder. 

Pü  bod  guiss   ad   avrir 
II  pled   dal  chafuol  mer, 
Pü  bod  gniss  ün   crap  dür 
100  Co  vus  a 's  alamger. 

Eau  tschert  nun  'vess  pisso, 
Cha  tela  bella  chera 
Füss  aint  taunta  fosdet 
Ed  impero  mansuedra. 

105  Vus  eher,  cbe  stais  savair 
Ne  vais  bsögn  uus  as  diau, 
Nos  cour  quaunt  bun  eh'  el  ais 
Sco  '1  pauu   d'  imminchadi. 

Pustüt  vers  quels  vus  bels, 
110   Chi  sun  reels  e  prus, 
Ed  a  vus  suu  eguels, 
Quels  suu  fich  chers  a  uus. 

Vers  quels  scha  nus  pudessau 
II  uos  cour  fer  vair, 
115  Nos  saung  pudessau  der 
A  quels  per  complaischair. 

Per  uuu  pudair  pü  dir 
Lascherö  vos  pled  buu; 
Davent  da  qui  per  ir 
120  L'  ais  gia  ün  pez    cli'  eau  suu. 

Addieu,  eau  's  vögl  ruver, 
Gentila  rüsa  bella, 
Cha  's  vögliau   il   seu   der 
Da  rester  saimper  quella. 

125   E  quel   bun   cour  purtais 
Vers  me  eir  taunt'  auiur, 
Schi  tschert  iufiu  la  mort 
Sarb   vos   servitur. 

Nun  se  chi  saja  quellas, 
130  Indret  schi  's  vögl  guarder^ 
E  possas  esser  beilas, 
Vos  buu  cour  demaner. 


Vülkslieder.  23 

La  vossa  gentilezza 
Nos   cour  ho  giu  lanigio, 
135  E  Ulis  vossa  bellezza 
A  vus  vains  declaro. 

Dal  solagl  la  bellezza 
Am  sto  iiossa  spartir: 
0  Dien  cleir  otezza, 
140   Nu  "m  lascher  ins-chürir. 

Charischem  vus  bei, 
Dieu  vöglia  compagner 
Ed  aiut  in  uos  tramegl 
Baiudod   ans  turnauter. 

145   Addieu,  nobel   plaz, 

Addieu,   reste  tuots  sauns, 
Con  buua  not,   vus  mats, 
Con   buna  not,  mattauns. 

12. 

[f.  7b] 

Discuors  traunter  duof,  ehi  s.  piglan. 
Juvan  (Nach  Ms.  Pont.) 

S  giavüs  na  buna  faira, 
Carisma  niata  bella, 
ue  grant  delet  pelvara, 
ä  pudair  gnir  tierf  ela. 

5  Eau  am  lasches  inchorel'er 
da  fter  fia  long  davent, 
nun  fe  chie  que  po  eser, 
tar  vuf  chia  veng  feia  gugeut 

Ma  chie  fchia   vus  da  me 
10   Mieu  cour  vais  piglio  davend, 
Schi   buonder  nun   af  fe, 
tar  vuf  chia  veng  fuventz. 

Juvua  Bain   vgnieu,   6  juven  chier, 

algrezia  et  dalet  grant, 
15   Mieu  cour  af  fto  legrer, 
Cun  el  vuf  veza  gniand. 


24  Volkslieder. 

Chi   I'o   (cba  baiu   müclo 
vei'  Dia  voal'  crudel  cour, 
et  quel  am  füs  iucholino 
20   a  rae  gugeot  de  tiirner. 

Vers  vuf  crudel  me  fais, 
uun   ais   mia  cour  pelvara, 
fehia  que  he  au  tschan[ts]cho 
cun  vuf  eir  que  arfara. 

Juvua  25   Un  grand  plet  quel  da  dir, 
ün  grand  trot  quel  da  fer, 
nun  Yülgiaf  in  presia  ir, 
ch  vu  hegias  d  as  rügler. 

[f.  8*]  Tierf  me  vul'  non  chiatas 

30  Richeza  ue  beltet, 

Sehe  vul'  af  craudantal, 
Mo  baiu  fchi  piatet. 

Ne   m   (e  eir,  ichia   ii  me 
uus  tauut  amur  portais, 
35  taunt  bain  e  tauut  fe, 

CO  vuf  cun  voas  plets  dschais. 

Per  taunt  f  vülg  eau  cufsler 
Da  prul'a  juvintschela, 
chia  vuf  vüglias  tscbiar[n]er, 
40   na  plü  richia  et  na   plU   bela. 

Juvan  0  chie  plets,   vus  am  dschais, 

0  che  dulur,  tormaints, 
0  che  cordöli  am  dais, 
Mieu  cour  quels  foran  aint. 

45   Cun  quels   uus  non  craiaf, 
Davent  quia  d   am  fer  ir, 
Eaue  s  di  our,   fchia  vuf  vulaif, 
Chia  gia  k   morir. 

In   vus   he  aue  chiato 
50   be  que,  chia  bramava, 
et  ais  bgier  püä|t]et, 
CO  ch'  eau   nie  nun   craiaiva. 


Volkslieder.  25 

Utro   ail"  na  uirtüd 
et  otral'  plü  üuguot, 
55   ma  iu  vuf  chiat  eau  postiul 
isfemel  tuotaf,  tuotal'. 

(Juvua)  Tuot  aque,  chis  po  fer 

A  uoaf  dia  bain  plafaivel, 
in  vuf  ais  da  cliiater, 
60  0  Juvua  alegrafijvla. 

[f.  8'^]  Tuot  que,  chi  plesa  al   muoud, 

havaiu  uus  ia  certezia, 
da  tuotafs  virtüts  zuoud 
liavai(u)s  vuf  granda  ricbeza. 

(Juvan)  65   Quauut  la  uatüra  mufsa, 
ho  vulieu  fer  vair  eir  ela, 
faud  la  perfuua  vofsa 
da  tuotafs  la  plü  bela. 

(Juvau)  Les  ftalafs  al  trupagian, 

70   il   fulalg  s   o   inuilgia, 
cur  el  as  vol  guarder, 
fto   bain,   o  uöbla  gilgia! 

(Juvan)  Co  iu  vof  eut  pü  bei  red 

neu  0   vif  il   fulalg, 
75   mo  ueir  pü   Adeltet 
üugüua  che   in  me. 

(Juvua)  La  bucliia  a  me  ricbianta, 

et  voaf  ölgs  quels  am  renden, 
cura  cbia  quela  cbiauuta, 
80  et  cura  quels  am  guardan. 

(Juvan)  Rüsa  alva,  vuf  pom  grano, 

al   fulalg  vufs   fongias 
cun   virtüds,   chi   faun   vivo, 
E  ä  tuotaf  trappafsais. 

(Juvna)  85  Rosmarin  cun  fia  udur, 
Baisem   il  plü  custavel, 
Leta  efsas  tschantila  flur, 
0  pom  vus  alegravel. 


26  Volkslieder. 

(Juvaii)  Tuot  que  ein  vaiu   dal  ur[i]ai[ut] 

90  da  meza  noat,  metz  di, 
d  lafs  indiaf,  del   ocidaint 
fauut  bei  et  mincliia  di, 

[f.  9"]  Tauut  bels  da  tuot  la  tera, 

tauut  bels  da  tuot  il  mer, 
95   Schi  füs  auuts  plü  pü  bgera 
uuu   ais  d  af  congoler. 

(Juvan)  Scho  our  d  perlaf  ais  tesieu 

alfs  raigs  üua  curuna, 
ufchia   or  d  virtütf 
100  ais  tat  vofa  persuma. 

Sclio  ais  fto  la  prufa  Ana, 
da  mia  lor  Maria, 
Scho  la  cafta  füfaua, 
Schi  efsches  rosa  mia. 

105   0  iulalg  de  la  belezia, 
o  darsch,  o  uöbel  paiii, 
tesori  et  carinetzia 
0  mieii  delet,  mieu  baiu. 

0  vuf  la  mia  belezia 
110  a  mia  ducboisem  cour, 
0  vuf  mia  conteutezia, 
per  che  nou  lasaisch  tor. 

0   riisa  vuf  dschautila, 
o  flur  vuf  da  curuua, 
115   0  vus  florida  gilgia, 

0  nübia  vofsa  perfuma. 

Perche  vulais  vuf  der 
a  me  tauuta  dolurV 
il  quel  chi  ais  voaf  chier 
120   et   ümel   fervitur. 

Vufs   efses   üna  (üna)  gilgia, 
chia  tuotr  as   sto  luder 
Liftef,  chi    f  invilgie, 
IUI  m   chiat  d   af  blafmer. 


Volkslieder.  27 

[f.  9I']  125  0  vnf  I'uleta  e  bella 

Cultavla  perla  fina, 
cuu  me  il  pü  fidel, 
Clin   me   il   pü  cbiariu 

Nuu   faias  tauut  cnidela, 
130   0   Ipraunza,   6   vita  mia, 
cuu  quel,  chi  aif  fidel 
ju  tuot  la  vita  fia. 

Schia  eaue  f  pudef  feruir, 
Uf  der  qualcbie  cufoart, 
135   Süu   voas  cumand  vulel'  ir, 
vulef  eir  ir  in  la  moart. 

(Jiivau)  Schia  vul'  voals  Caung  lamgier, 

voal'  cour  non   vulais  müder, 
varof  da  m  cuupagner, 
140   baiu  bot  [d]am  sutarer. 

Varon  1'  ura  voals  maunf 

iftes  am  fxitarer  gnir, 

füu  mia  vafche  a  meter  ils  crauus 

am   vair   am   lepolir. 

145  Nuu   fe,   schia  foarza  alura 
Faros  da  fata  containta, 
a   vaire  cou   dulur 
fpar[t]ir  mieu  iuvau  feaung. 

Ma  fuu  metz  moart  aquia, 
150   M  vais  be  ftramanto, 

Ma  fchia  vus  om  dschais  l'chi, 
faro  eau  bod  resüsito. 

Vulais  usa  mia  moart, 
U  vulaii'  la  mia  vita, 
155   l'chi  resolve  bain  bod 
e  declare  fubit. 

|t".  10*]  (Juvna)  Avuuda  et  brüchia  p[l]ü, 

eau  vülg  la  vofsa  vita, 
Cun  vufs  völg  eau  dir  fchi, 
160  di  eaue  schi  dandet  fubit. 


28  Volkslieder. 

Aquia  eau  Ipoartsch  vi 

in  mjeu  meaum  dret  mieu  cour, 

el  voafs  de  no  k  mi, 

fchi  ns  vulain  dalungia  tor. 

165  Voas  plets  am  fe  m  legrer, 
Mieu  cour  da  fat  fparir, 
Giavüs  cou  vul'  da  fter, 
a  viver  et  morir. 

Juvau  0  Plets  zuout  cufurtuf. 

170   Chi  ävaif  mieu  cour  legro, 
0  ducha  e  graziusa, 
Che  tauut  fe  bramo. 

Quaistts  plets  me  aum  do  la  vita 
hauu  fat  mieu  cour  fflurir, 
175   Chi  vulava  ufchia  dalungia, 
Üavent  da  me  fpartir. 

Schi  faias  dimena  mia, 
l'cho  eir  eau  fum  voaf, 
0  Segner,   do  ns  la  vita, 
180  Baiu   benedicium. 

Hufsa  fum  eau  containt, 

hufa  vülg  benedir, 

quela  oura,  quel  momaint 

tar  vuf,  chia  (d)he  volia  gnir. 

185   Uofsa  af  vülg  iugrazier 
Cuu   animo  arzirus, 
da  cour  as  vülg  branchler 
0  du[s]cha,  6  chiera  fpufa. 

[f.    10*1  La  grauda  conteuteza, 

190   Chi   fainta  aquia  mieu  cour, 
ungüna  partdertezia 
Mia  po  inandret  dir  or. 

Se  fgür  a  vofa  fiua 
nun   farol'  me  rüvleda, 
195   per  clic   üu  pü  chiarin 
non   vefo  mo  chiato. 


Volkslieder.  29 

Argient  cert  et  bgier  or 
Deaune  oterl's  a  lur  I'pusas, 
richieza,  grand  tesoris, 
200  eir  perlas  pi-eziufas. 

Mo   eaix  a   vul'  niia  coiar 
et  mi  il'tel'  af  dum 
et  (juail'ta  vota  vüglias  pigler 
Per  buna  efeziun. 

205   Uu  pitsclieu  I'eu  da  favur 
aC  vülge  eau  prasauter, 
iuguel  brichia  la  mur 
Chia  dügnia  af  vülg  purter. 

[Juvna]  Gugent  eau  vülg  pigler 

210  tuet  que  gio  da  voaf  chier  maum, 
Lo  fcunter  f  vülg  duner 
cun   mieu  cour  eir  quaist  pain. 

Eau  f  vülg  faimper  porter 
amur  et  tuet  refpet 
215   et  fe  chi  am  poafas  fgüi'er, 
chia  eir  vus  que  faras. 

Adia,  tuots  duofs  ruvain, 
Clii  nf  ho  infemel  mnof 
Da  tschiel,  chia  el  cun  Is  bains 
220  Nuf  tgnieuf  incurunofs. 

[f.   11"]  Siand  chi  ho  plasia 

0  Dia;  quia  d  anf  uuir, 
per  grazia  vüglias  tu 
eir  faimper  benedir. 

225  Ma  chia  il  temp  ais  pafso, 
eas  vol  fer  fparalier, 
bod  f  rouv,   tierf  me  turner, 
dutsch  cour^   er  mia  fpus  chier. 


30  •  Volkslieder. 

[Juvaii]  Da   vuf  dimeoa  am   Ipart 

230   cun  larmafs  da  clirider, 

dameaun,  aunts  co   clii   am   parta, 
Ginarb  af  falüder. 

0  ufsa  as  vülg  braucler 
eau  üu  liusier  amur, 
235  uon   vüglias  me  fmauchier 
voas  debet  fervitur. 


b. 
(Aiinalas  XIV,  Vital  p.  234—40.) 

S'  giavüscb  la  buna  saira, 
Charina  matta  bella, 
He  grand  giavüscb  pel  vaira 
Da  podair  guir  tar  ella. 

5  Eau  am  laschess  increscber 
Da  ster  taunt  löuch  daveut: 
Nuu   so  cbe  chi  poss'  esser, 
Tiers  vus  cba  vegu  suveuz. 

Ma  cbe  vulais  da  me, 
10   Mieu  cour  ais  tuot  daveut, 
Scbi  buouder  nun  as  fe, 
Tar  vus  cha  vegn  suvenz. 

Bainvgnieu,   o  giuven  eher, 
Algrezia,  dolur  granda, 
15  Mieu  cour  as  sto  brancler, 
Cur  el  as  vezza  guaud. 

Cbi  s'  bo  ^scbe  bain  müde 
Vers  Dieu  vos  crudel  cour, 
II  quel  füss  iuclino 
20  A  me  gugent  da  tour? 

Vers  vus  crudel  me  sto 
Nun  ais  mieu  cour  pelvaira, 
Cba  que  avaius  tscliantscbo 
Cou   vus   be  dicb  lier  saira. 


Volkslieder.  31 


25   Üu  graiid  pled  que  da  dir, 
Uu   graud   tuert  que  da   fer, 
Nun   vöglias   in   prescba  ir, 
Nun   liegias  da  's  rügler. 

Tar  me  nun  achattais 
30  Ricliezza  ne  belleza, 
Sco  vus  as  cradantais, 
Mo  bainschi  pieted. 

Nun  se,   scha  eir  a  mi 
Vus  taunt  'amur  purtais, 
35   Taunt   bain   e  taunta  f^ 

Co  vus  cun  VOSS  pleds  dscbais. 

Pertauut  as   vögl  cussglier 
Da  prusa  giuventsdiella, 
Cba  vus  vögliat  cbatter 
40   Una  pü  ricba  e  pü   bella. 

O  cbe  pleds  vus  am  dscbais, 
0   cbe  dolur  turmaint, 
0   clie  cordöli   am  dais, 
Mieu  cour  quel  foura  aiut. 

45   Taunt  nun  s"  cradantais 
Davent  da  qui  am  fer  ir, 
Ed  uossa  vus  volais, 
Cba  eau  giaja  a  murir. 

Tar  vus  be  eau  chatto 
50  Tuot  que  mieu  cour  bramaiva, 
Ed  ais  bger  pü  co  que, 
Cba  eau  m'  incrajaiva. 

Tuot  que  cbi  as  po  fer 
A  nos   Dien  bain   plascbaivla 
55  In  vus  ais  da  cbatter, 
0  giuvna  allegraivla. 

Tuot  que  cbi  plescb'  al  muond 
Avals  eir  in  tschertezza, 
Tuottas  virtüds  eir  zuond 
60   Avals   eir  grand  ricbezza. 


32  VoIUslieder. 

Las  stailas  trapassais, 
11   solagl  bo   invilgia, 
Cur  el  as  voul   guarder, 
Sto  baiu,  0  uöbla  gilgia. 

65   Co  iu  vus  pü  bellezza 
Nun  ho   vis  il   solagl, 
Ma  neir  pü  fidelted 
Ungüu  CO  aint  iu  mai. 

La  buocha  am  riainta, 
70  E  VOSS  ögls  quels  am  guardau, 
E  cur  cha  quella  chauuta, 
Mieu  coiir  s'  allegra  d'  fe. 

Hösa  amabla  e  pom  grano, 
II  solagl  vus  sumgiais. 
75  Las  rösas  chi  savuran 
Vus  tuottas  trapassais. 

Rosmarin  cuu   odur, 
Baisem  il  pü  custaivel, 
E  las  geutilas  fluors, 
80  0  cour  mieu  dalettaivel. 

Taunt  bei   da  tuot  la  terra, 
Taunt  bei  da  tuot  il  mer, 
Scha  füss  auncha  pü  bgeras, 
Non  ais  da  congualer. 

85   Scha  our  da  perlas  as  fess 
Als  raigs  üna  coruua. 
Usche  our  d'  virtüds 
Ais  tat  vossa  persuna. 

See  ais  sto  la  prusa  Anna 
90   Da  nossa  sour  Maria, 
Scü  la  casta  Susanna, 
Schi  eschat  rosa  mia. 

0  sulagl  da  bellezza, 
0  dutsch  amabel  cour, 
95  Tesori  da  tschertezza, 
0  mieu  dalet,  mieu  bain. 


Volkslieder.  ;);3 


0  VHS,   mia   algrezia, 
Mioii  rlntsch,    chariscliem  cour, 
0   vus,   mia  contentescza, 
100  Percbe  nu'  m   volais  tour. 

0   rosa  mia  gentila, 
0  fliir  vus  da  coruua. 
0   vus,   fiurida  gilgia, 
0   cliera  mia  pcrsuna. 

105   Perclie  vulessas  der 
A  me  taunta  dolur  ? 
A  quel   clii   ais  vos  eher 
Ed   ümil   serviturV 

Vus  essas   üua  gilgia, 
110  Cha  tuot  as  sto  luder, 

Usche  cha  uiauuch'  iuvilgia 
Nun   chatta  da  's   blasmer. 

0  vus  suletta  bella, 
Custaivla  perla  tiua, 
115   Cuu  me  la  pü  fidella, 
Cuu  me  la  pü  charina, 

Nun   sajas  usche  crudella, 
0   sprauuza,    o  vita  mia, 
Con  quel   schi   sajas   fidella 
120   Eir  tuot  la  vita  sia. 

Scha  eau  's  pudess  servir 
E  's  der  qualche  cuffort, 
Slin  vos  comand  vless  ir, 
Vless  ir  in  milli  morts. 

125  Ma  scha  vus  nun  s'  müdais 
Vos   cour  a  's  alamger, 
Varos  da  'm  compagner, 
Bainbod  da  'm  sutterer. 

Varos   allur  voss  mauns, 
130  Istess  a  stovair  guir 

Süu  miau  vasche  als  crauuzs, 
A'aros   da  'm   sepulir, 

Romanisebe  Koi-achungen  XX VII. 


34  Volkslieder. 

Nun   se,   scha  fors'  allura 
Füssas  eir  baiu  containta 
135  A  vair  cou  dolur 

Spartir  mieu  giuven   sauug. 

Ma   scha  mez  mort  acqiiia 
Viis  am  vzais  stramento 
Scha  vus  be  dschessas   schi. 
140   Saro  bod  ravivo. 

Vulais  uoss'  mia  mort 
0  vulais  mia  vita, 
Schi  declare  baiubod, 
Schi  declare  subitte. 

145   Avuouda  e  bricha  pü: 

Eau   vögl   bain  vossa  vita: 
Cun   vus   vögl   eau  dir   schi, 
Dir  schi   eir  bod   subitte. 

Acquia  as  possa  eir  der 
150  II  mieu  maun  dret,  mieu  cour, 
II  vos  de  uo  a  mi, 
Schi  'ns   volains   dalum  tour. 

Voss  pleds  am  faun  alguer, 
Mieu  cour  daffat  spartir, 
155   Giavüsche  m  vus  da  ster, 
Da  viver  e  da  murir. 

0  pleds  zuoud  cuffortus, 
Chi   fo   mieu  cour  legrer, 
0  dutsch   e  grazius, 
160  Cha  tauut  he  stuvieu  amer. 

Quaist  pleds  m'  haun  do  la  vita, 
Hauu  fat  mieu  cour  flurir, 
Chi  vulaiva  usche  subit 
Davent  da  me  spartir. 

165   Schi   sajas  dimeua  mia, 
Sco  eir  ch'  eau  vos  sun: 
O  Seguer  do'  us  la  vita, 
Baiu  beuedicziuu. 


\'(.lkslio(lcv.  Si") 

Uossa  suii   cau   cuiitaiut, 
170   Uossa  vögl   benedir 

Queir  ur"  e  quel  momaint, 
Ch'  eau   he  tar  vus   vulieu  gnir. 

Uossa  possa  braucler 
Auima  vivusa, 
175   Da  cour  eau  vögl   braucler, 
0  dutscha,  cliera  spusa. 

La  granda  coutentezza, 
Chi  sainta  qui  mieu   cour, 
Üugüna  perdertezza 
180   Nuu   po   indret   dir  our. 

Or  grand   ed   eir   brich   ora 
E  perlas  preziusas 
Ed   eir   oters  grands  duus 
Dann   oters  a  lur   spusas. 

185  Mo  eau  a  vus  mieii  cour 
E   me   istess   am  dun; 
Eau  's  rouv,   cha  vöglias  tour 
Per   buua  affecziuu. 

Üu   pitscheu   segu   daffat 
190   As  vöglia  preseuter, 
lu  quella  tuott'  amur, 
Cha  adün'  as  vögl  purter. 

Sün  quaunt  eau  vögl  piglier 
Tuot  que  giö  d'  voss  chers  mauns : 
195  Lo  scunter  as  vögl  duner 

Cun   mieu  cour  eir  quaist   pain. 

13. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  325/6.) 

„Pastura  in   chamona, 
Im  sta  a  lavaut: 
Eu   Saint  üu   chi  cloma 
E   batta  in   taut. 

3* 


;>,6  Volkslieder. 

5   Eu   sto   im   proveder 
Chi  esser  po  bain, 
Da  's  fidar  nun   esa 
Da  laschar  gnir  aiut." 

„Eu   suu  ün   chatschadav, 
10   La  nun   ba  da  tmair: 

Eu  's  rov  quaista  giada 

Pro  vo  da  m  atgnair. 

Da  pertuot  s'  ins(;biüra, 

Pastura,  la  not; 
15  Nou  tem  in  bravüra, 

Parcbiürar  la  poss." 

„Giavüschar  nu  dessat, 
Cb'  antrar  nu  sas  po: 
La  cbamou'  ais  stretta, 
20  Ch' eu  svess   n' ba  pac  loe; 
Scb'  insemmel  no  füssen 
Co  da  viver  s'  vess? 
Giavüschar  nu  dessat 
Quai  nu  fuoss  indret." 

25        „In  amur  da  Diou, 
Cha  vais  1'  imaint, 
Cha  vais   in   il  cor, 
Lascham  autrar  aint. 
Eau  'm  völg  suotameter, 

30  Ed  auter  nu  völg; 
Süantar  im  vuless 
Cb'  iutuoru  m'  ais  tuot  mölg." 

„Suvent  udi  uaja 
Ed  es  la  vardä: 

35  Cha  chi  bler  risaja, 
In  prievel  el  sta. 
Eu  m'  ba  reserva 
In  la  not  cb'  esser  po, 
E  cur  cb'  eu  nu  derv 

40   In    giün   gnir   aint   pu," 


Volkslieder,  37 


„Ell  crai  cha  vo  's  temat: 
Ing-uotta  nu  's  fetsch. 
Ün   ciiatschader  siiu, 
Mo  nou  he  schlupet; 
45   Neir  brich   siin   provist, 
Ciiu  puolvra  e  plom; 
Perqiiai  's  fidar  dessat, 
Ch'  eu  siiu  galantora." 

„Parche  cha  vo  guivat 
50   Im  es  bain  contschaint: 
Id  es  massa  prievel 
Cur  duos  suu  ardaiut. 
Ell  stess  im  turpchiar, 
Seh'  eu  fess  tal  puchä : 
55  Scha'  1  fö  pro  '1  ström  gniss, 
Fuoss   bot  invüdä: 

Giavüschar  uu  dessat, 
Ch'  antrar  aint   niis  po." 
„üa  tai  im  disdia 
60  Scha  esser  nun  po. 
Eu  veug  in   cutüra, 
Nai  bei  buouder  d'  tai : 
Taut  voust  esser  sgilira 
Schi   hast   paca  fai." 

65      ,.Scha  tu  hast  pac  bonder 

E  pigliast  ciimgia, 

Cha  tiirnar  nu  tuornast, 

Quai  rejar  am  fa; 

Quist  bricha  am  fa  temma, 
70  Fortuna 't  giavüsch: 

Mo  spetta  ch'  eu  clama, 

Allura  post  gnir." 

„Quant  long  veug  a  viver 
Nu  völg  turuar  plü; 
75  Bain  bler  vuless  speuder 
Da  nun   esser   ":m\: 


gg  Volkslieder. 


Dalett  uai  eu  eir 
Dad   ir  cul  schlupett 
Nil  guaud  ed   a  chatscha 
80   D'  vuolps,  leivras,   chamuotschs. 

Schi   grond  plaschair  uaja 
A   cliatscha  dad  ir, 
Brich   melancouia 
Sül  cierf  da  sbarar: 
85  Bot  vaiu  eir  la  vuolp 
E  leivras  pro  mai: 
Grataig'  il  schlapet, 
Che  dalet  es  quai!"' 

„Sueut  r  arma  prendast 
90   A  chatscha  par  ir, 

Mo  raeilg  par  tai   fuossa, 

A  chasa  da  star; 

Sül  ciervi  clii   sbalza 

T'  allegrast  or  d'  möd : 
95  Gratagia  ch'  tu  fallast, 

Schi   tuoruast  tu   vöd." 

14. 
(Aniialas  XIV,  Vital,  p.  219-220.) 
Taidla,  taidla,  ma  figlietta. 
Taidla,  taidla,   meis  cour  char, 
Chi  ais   gnü  1'  occasiuu, 
Scha  tu  voust  at  niaridar. 

5   0   schi   schi,   la  mi'  manimetta, 
Eu  fetsch   svelt   a  dir  da  schi, 
Bast'  chi   saj'   ün   bei  giiivuet 
E   da  cour  ch'  el   plasch'  a  mi. 

0   schi   schi.   la  mi'  figlietta, 
10  Ed   ais   üu  hom,   chi  viver 's  po: 
Ed  ais   üu   hom,   ehi  ha  respet 
E  't  domanda  per  muglier. 

0   ua  ua,  la  mi'  mammetta, 
Eu  uou   vögl  a  quaist  trid   vegl, 
15   Eu   vögl   propi  üu   bei   giuvuet, 
Intschiiä  fetsch  saiuz'  am  maridar. 


Volkslieder.  39 

0  schi   sclii,   la  mi'  figlictta, 
Piglia  pur  iui   bol   giiivnet: 
Quo  ais  propi   ün   hom  per  tai, 
20  Bastunadas  at  dara  '1. 

15. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  220.) 
Baretta  francesa 
Con   picheis  d'  or  intuorn, 
Chamischölas  cramascliiuas 
E  büsts  saida  con  flurom. 

5  La  saira  vain   ils  mats 

Con  sü  chapütschas  cotscbnas, 
Las  mattaus  per  tramagliar, 
Las  mattans  per  snarrautar. 

Snarraiutau  pur  ad   eis, 
10   Chi   sun  eir   pac  plü   bels, 
Chi  sun   eir  pac  plü  scorts 
E  mettan  sü  lur  chapels  tort. 

16. 
a. 
(Nach  Ms.  Pont.) 
MEis   iuvau  cour  ais   couturblu 
per  te,   chiera  marusa, 
Meis   iuvau   cor  ais  conturblo 
per  te,  o  graziusa. 

5   Ach,   müu  delet  lavefses   pur 
Mieu  let  et  angouia, 
quauuta  dolur,   chia  eau  indür, 
per  vus,   6  Ipraunza  mia. 

[f.   12^']  Teis  dschantil  cour  ftues  iuguel 

10   da  me   f  laser  gnir  pcho, 

pü  dür,   l'chia  1  füs,  cho  il  atschel, 
avair  mia  Adeltet. 

Uugiünas  belas  hauu  pudieu 
Meis  cour  fich  conplasar, 
15   in  te  l'ubit,   chia  te  coutschieu. 
jra  I'teda  iuamorar. 


41)  Vülksliedor. 

Daluugia  eati  vedet  quela  hura, 
fla  t  vair,   ö   bella  buchia, 
a  t  der,   ftuet  eau  cuu  amur, 
20  mia  cour,  mia  vita  tuota., 

0  vita  mia,  uu  t  gritanter, 
tauut,   ch  eau  ne  tasia  quia, 
tafia,   chia  ne  ä  te  braraet, 
ta  dvaiutaf  fpusa  mia. 

25   La  caufsa  quela  ais  in  te, 
in  tia  granda  belezia, 
Chias   fuugaunt  al  fulailg, 
Dich,   tu  am  poust  der  alegrezia. 

Tia  bela  ceria  bo  fich  plaio, 
30  Mieu  cour,   o  rüsa  fina, 

Eaue  t'  i'ov  de  me  lafa  guir  pcho. 
Da  m  pigler  tu   bot  ftignia. 

Eau  nun  guard  brichia  ueir,  i'chia  tu  best  bger, 
Scbo  1  eis  bgiera  richeza, 
35   Scha  tu  best  fits  ur  eir  daners 
Et   fuontz   in   bgieral's  petzias. 

Argieut  et  or,   uu  m  ais  tauut   cbier, 
Stil  vefsast  tuots  mantuns, 
a  ti  a  t  ftoue  eau  bramer, 
40   dicb,   tia  chiera  persuma. 

[f.    IS'"*]  Nu  m  fuin  tauut   uar  da  vlar  cunprer 

ün  cbavalg  per  ]a  fella, 
nu  m  fum  tauut  nar,  da  ni  marider, 
per  roba   bgiera   e  bella. 

45   Cbie  güda  a  mi,   fchaue  cougüstes 
üna  fpusa  zuoud  richia;, 
Lo  tiers,   fcbia  ella  nou  bavef 
ne  fen,   ne  eir  iüdizi. 

Judizi  e  feu^  prudenza  bot 
50  il  Segner  benedesa, 

Mo  la  fupergia  et  il  fen  ot 
eir  bod   perzipitescha. 


Volkslieder.  41 

Eau  l'e  bain  cert,  cliia  tuots  aquo 
il  prüm  gro  vota  avel'en, 
55  Ma  min  vo  lüug  ch  üu  eis  rüolo, 
gnis  larg  gugeiit,   Ichel  piidef. 

Eaii  le,   chia   bgiers   hauu   vulia  pigler 
in  cbiesaf  robas  bgieras, 
Ma  uofsa  itovaue  confaser, 
60   cbia  dauu  piglio  lur  painas. 

E  fesan  bgiers  eir  üu  barat 
La  roba  bod  no  defan, 
tuot  lur  richieza  tuota  fat, 
perfuua  cbia  piglefen. 

65  Tscbieut  mili  raius  uon  ho  pudia 
Na  brava  femua  far, 
Na  brava  femna  ho   bain   favia 
tschient   mili  rains  rafpar. 

Tuot  il  daner  uu  po  paier 
70   in   iuvna   valarusa, 

tuot  lor  del  muoud   uon   füs   l'echier, 
Co  vus  e  vertuisa. 

[f.    13'']  Que  chia  eaue  ciiercher,   crai  da  chater 

in   te,   chiera  marul'sa: 
75   per  que  fto  eau  uofsa  bramer, 
chia  tu  dvaiutas  mia  l'pusa. 

Schia  tu  vaiuts  chiera  que  a  fer, 
fchi   fuue  eau  tuot   containt; 
Diu  taunt,   o    Dia,   eau  t  vülg  ruver, 
80  fo  tu,   chia  que  bod  dvainta. 

b. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  225/6.) 

Meis   giuven   cour  ais   couturblä 
Per  tai,   chara  marusa, 
Mais  giuveu  saug  ais  stramanta 
Per  tai,   o   graziusa. 


^2  Volkslieder. 

5  Ah,  meis  dalet  s'  stovess  iugual 
Da  mai  laschar  gnir  pchä, 
Pill  dllr  seh'  el  füss  co  il  atschal 
A  vair  ma  fideltä. 

Ingllnas  bellas   han  podll 
10  Fin  qua  meis  cour  plajar, 

Ma  eu,  dahin  cha  t'  ha  coguschli, 
M'  hast  fat  inamurar. 

Dalunga  avet  eu  quell'  ouur 
Da  't  vair,   o  bella  bocca, 
15   Dar  at  stovet  eu  cou  amur 
Meis  cour,   ma  vita  tuotta. 

0  vita  mia,   uou  't  grittautar, 
Taut  eh'  eu  ha  taschö  quia, 
Taschll  ch'  eu  ha  be   per   bramar, 
20   Ch' tu  dvaiutast   spusa  mia. 

Meis  giuven  cour  ais  conturbla 

Per  tai,   o  rosa  fiua, 

Eu  't  rouv,   da  mai  t'  lascha  guir  pucha, 

Da'm  tour  tll  bod  festina. 

25   La  causa  quell'  ais  tuot   iu   tai, 
Tu  tia  graud' bellezza: 
Tu  sul',  tll  sul'  am  poust  amav, 
Tll   am  poust  dar  algrezza. 

Che  'm  glld'  a  mai,   seh'  eu  couquistess 
30   Üna  spusa  zuond  richa, 
Lapro  scha  ella  nou  avess 
Ne  sen,   ne  brich  güdizi. 

Seu   e  gUdizi  po   la  avair, 
II   Segner   beuedescha: 
35   Ma  la   superbia  ed   il   sen   ot 
Baiubod  precipitescha. 

Tschiuch  milla  rentschs   ha   baiu   savil 
Üna  brava  femua  far; 
Ma  üna  femu'  ha  eir  savü 
40   Desch  milla  rentschs  disfar. 


Volkslieder.  43 

Nou   sun  taut   aar  da   barattar 
Ün  cliavagl  per  üua  sella, 
Non   sun   taut  uar  da'm  raaridar 
Per  roba  bler'  e  bella. 

17. 
(Anualas  XIV,  Vital,  p.  207/8.) 
'Na  memiua  luugia   uuu   voless, 
'Na  memma  luugia  matta, 
Cha  cur  cli'eau  be  da  1' abbratscher, 
Chi  pera  be  'ua  latta. 

5   'Na  memma  pitschua  uun  voless, 
'Na  memma  memma  pitschna, 
Cha  cur  ch'  eau  he  da  1'  abbratscher, 
Chi   per' üu   puogn   d'ravitscha. 

'Na  memma  grossa  uuu  volless, 
10  'Na  memma  memma  grossa, 

Cha  cur  ch'  eau   he  da  1'  abbratscher, 
Am  per'  üu   sach  piain   d'  ossa. 

'Na  memma  stiglia  uuu  voless, 
'Na  memiua  memma  stiglia, 
15   Cha  cur  ch' eau  he   da  1' abbratscher, 
Chi  pera'ua  claviglia. 

'Na  memma  trida  nuu   voless, 
'Na  memma  memma  trida, 
Cha  cur  ch'  eau  he  da  1'  abbratscher 
20   Chi   pera  be  chi 'm  sgrischa. 

'Na  memma  bella  nuu  voless, 
'Na  memma  memma  bella, 
Cha  cur  ch'  eau  he  dad   ir  daveut, 
Cha  'Is  oters  vaun  tar  ella. 

25   'Na  mezdauetta 'vess  gugent, 
"Na  bella  mezdauetta, 
Cha  cur  ch'  eau  he  da  1'  abbratscher. 
Chi  pera  chi  'm  daletta. 


44  Volköliedcr. 


b. 
(Annalas  VII,  Derin  p.  57/8. 
Scha  vus  vezais  meis  Jon  dret  sü 
Schi  dsche  ün  pa  ch'  el   vegua, 
Seil'  1'  ha  cumanzä  a  far  1'  amur 
Schi   dsche  ch'  hei   In  mautegna. 

5  Na  memma  grauda  nou  vnless, 
Na  memma,  memma  grauda, 
Cha  cur  ch'  eu  n'  ha  da  la  brauclar 
Schi  par'  la  üua  liaugia. 

Na  memma  pitschua  nou  viiless, 
10  Na  memma,   memma  pitschua, 

Cha  cur  ch'  eu  u'  ha  da  la  brauclar 
Schi  par'  1'  üu   puogu   ravitscha 

Na  memma  bella  uou  vuless, 
Na  nemma,  uemma  bella 
1 5   Cha  cur  ch'  eu  u'  ha  dad   ir  daveut 
Am  lasch  iucrescher  d'  ella. 

Na  memma  trida  uou  vuless, 
Na  memma,  nieuima  trida, 
Cha  cur  ch'  eu  n'  ha  da  la  brauclar 
20   Am  para  ch'  eu  am  sgrischa. 

Ma  menzoliua  eu  vuless, 

Üua  menzoliuetta 

Cha  cur  ch'  eu  u'  ha  da  la   brauclar 

Schi   para  ch'  eu  'm   daletta! 

18. 
(Annalas  XIV,  Vital  p.  227—29.) 

Nel  chalender  vain  uomnä 
Tuot  las  sias  insaiuas, 
E  landroura  vain  chatta 
Tuot  las   nialas  femuas, 
5   Chi   uon   sau   as   soffrir, 
Chi  uon   san  as   convgnir, 
Suu   SCO  chau   e  giatta, 
Soveut  as  chatta. 


Volkslieder.  45 


Süll   r  iusaiua  dcl   agne 
10  Ais  ün' insaiua  flaivla: 

Ulla  giuvna  con   ün   vegl 

Ais  inaiiiforgiius'  o   flaivla. 

'La  lasobess   il   vegl  murir, 

'La  tscherchess  da  survgnir 
15  Üu  giuveii   allegraivel 
Ed  amiaivel. 

Sün  r  insaina  del  liun 

Dessast  pur  guardar, 

Da  nou   tour   üu   graud   uarrnu, 

Scliiiia  est   ingianuada. 
20  Ma  pustüt  seh'  el  füss  pac  scort, 

Schi  at  dess  el  pac  cuffort, 

Gess  all'  iisteria 

E  magliess  il  tieu. 

II  stainboc  vain   smaliä 
25   Cou  üiia  corua  lada. 

Seh'  el  savess  da  gratiar 

Pro   inqualche   bavadra, 

'La  bavess  bain  tuot  daveut, 

Saimper  stess  allegrameut, 
30   Füss   adüna  plaina 

E   uon   fess   la  tschaina. 

Sün  r  insaina  del  bouv 

Dessast  bricha  prender 

Una  con   üu   vestmaiut  nouv 
85   E  'Is  chatschous  chi   pendau. 

Scha  infauts  1'  ha  da  survguir, 

Schi  'Is  fa  r  ir  malvestits 

E  mal  ragolats 

E  mal  pezzats. 
40  Sün  r  insaina  Wassermann, 

Ais   ün   insaina  blaua, 

Cur  chi  ais  löuch  tramagliä, 

Schi  soula  ir  ad  aua. 

Ma  tu  est  il  meis  cuffiert, 
45  Spordscha  uau  il  teis  man  dret, 

Schinä  stögl  eu  murir, 
Da  qui  spassir. 


4ß  Volkslieder. 

Eu  voless  geut  rasiar 
Pro  üna  giiiventseliella, 

50  Seh'  eu  savess  da  gratiar 
Pro  üna  scort'   e  bella. 
Ma  e  sun  semuadas  rar, 
Ch'  eu  startess  da  la  chattar, 
E  stess   tour  pazieuza 

55   E  far  peutenza. 

19. 
Ün  discuorfs  contonovant  af  fer  la  mur. 

(Nach  Ms.  Pont.) 
[f.   5*]  Eau  plaiaut  dolur  arfara, 

Giava  ora  fpasigaut, 
l'chia  quela  pudef  vare 
chi  aif  noal'  dal  et  grant. 
5   D(ant)sch(o)[antJilaf  belaf  fluors 
et  rüfas  eaue  vezet^, 
nun  era,   ö  che  doluorf, 
tar  quelaf  mieu  dalet. 
[f.  5'*]  Cuu  meif  [ölgs],   chi  larmavam, 

10   ün   po  inavauut  chia  giet, 
Dalungia  Tiscuntret, 
Da  cour  la  I'aladet. 
Meif  plets  non  paun  dir  onra, 
Ma  lengia  aradschuner, 
15  L  algrezia  da  meil"  cour, 
Chi  fet  que  trapafer. 
Baiu   vguida,  rosa  bella^ 
Dlchiet  eau,   m'  tguiaud  fich   buu, 
Dschantilla  juviutschoella, 
20   et  filgia  da  curuna. 
Juvna  Carisara  far,   uns  bei: 

Baiu  vgnieu  faias  taunt! 
Mo  che  ais  cauf'a  quella, 
Seis  ölgs  ulia  plaiu  d  plannt? 
|Juvan]  25  Que  aif  üna  bella  mata, 
Chi  'm  fo  ufchin  larmer, 
leis  cour  aif  dür  fcho  crapa^ 
Chi   non   f  vol   lambgier. 


Volkslieder.  47 


Eau  uuu  havef  me  erat, 
30   eau  nuu  havel  piso, 
Chia  in   ta  bela  ceira 
regnel'  taunta  crudeltet, 

A  var  il  inieu  amer. 
a  var  mia  rieltet, 
35   a  vair  mia  dulur. 

et  dchio  tguair  rebüto. 

Per  chie  t  aif  uschia  bella, 
cliia  eau  ta  ftölg  am  er, 
per   chie   ufchia  crudella^ 
40   da  uuu  vlar  acceter. 

ff,  Qa.]  Perche  vais   vulia  plaier 

mia  cour  fina  füu  la  moart, 
et  hufsa  nun  vulaif  der 
ungün,   uugüu  cofoart? 

45   perche  1'  o  volia  la  natura 
Usia  bella  f  infiter, 
Ijotierf  f  fer   bgier  pü  dura, 
bgier  plü  co  fplems  dal  mer? 

Mia  cour  vo  fospirand, 
50  chia  munts  et  vals  refpaudan, 
et  non  po  pü   fufrir 
et   bo   patieu  avuonda. 

U  laias  vuf  main  bela, 
Chia  r  pofa  banduner, 
55   u  saias   main   crudella, 
Schi  f  vülgia  eau  amer. 

Schia  vuf  da  me  brich a 
nun  vulais  s  lafer  gnir, 
Schi'm  vsais  eir  vus  aquo 
60   ä  cruder  gio  et  morir. 

Juvna  Pleaum  pleaum,   o  juvan  chier, 

nun   vais  bricha  zuond  radschoun, 

uschia  da  salmanter 

da  me,   chi   sum  tuet   buna. 


48  Volkslieder. 

65  jn  me  uou  f  po  chiater, 

fcho   vuf  quitguaif  il   plannt, 
Chi  s  fatschia  marufer 
flm  mia  persuna  taunt. 

Tiers  qwe  fchia  ean   favef, 
70   cbi  füs   finsiritet, 

Schi  cert  af  radschouef 
L   amnr  chia  tguail'  porto. 

[f.  C']  Eau  uon  podava  crair 

VHS  vefef  taunta  amur, 
75  delf  mats  amur  nou  vaiu, 
Ciant  eaue  fe  palvara. 

Sinfandschaud  da  raorir, 
par  nus  podar  prover, 
et  Inra  da  nus  pudair  arir, 
80   zuond  blers  que  solan   fer 

Jnvan  0  schia  meis  [courj  havef 

üna  fanestra  per  guarder, 
Schi  aint  in  quela  as   vfei' 
tuota  vaira  rialtet. 

85  Quauut  eau  fun,  vuf  favaif, 
Cun   fe,   finfiritet, 
et  v\is  per  peia  am  dais 
voas  fdeugus  et  crudeltet. 

Vus  efas  fteda  la  priima, 
90  chia  eau  (d)[h]e  ftuvia  amer, 
faros  eir  cert  il   ultima, 
.  otras  non  poas  guarder. 

0  cour,   chie  a  t  uüziagia 
ta  mur  e  fideltet, 
95  taunt  bain  et  taunta  fe 
tierf  tela  crudeltet. 

(M)[f]eis  ölgs  haun  fat  na  pleia, 
Chia  fuora  in  meis  dadain  f, 
feis  pleds  fun  üua  deia, 
100   Chi   puudschia  cun   turmaint. 


Volkslie«!«')-.  49 

Na  granda  fiaina  zuoiul 
Nun   paun   oura   Ctüzer 
ils   flums   da  tuot   il   muoiid, 
Lova  da  tuot  il   mer, 

if    7a|  105  Na  fatscliia  liaveif  da  aiiugel,. 

Uli   cor  da  liiui    c  crap, 
bela  efses  f'auuza  meaungel, 
Mo   dura   fainza  grazia. 

II   fö  da  (v)[n]oaf  fuspirs 
110   nun   paun   oura  alguanter 

La  glatschia  el   (m)[v]eir  cour  dar, 
Chi   f  fo   uscliia  pener. 

Taunta  co  1'  ova  sü   da  ir, 
tauuta  la  crapa  ä  fvuler, 
115  CO  eau  s'  lasch  d  af  amer. 
CO  eau  s  lasch  d  af  fervir. 

lu  chie  lö  chia  faros, 
fidelmaing  f  völg  fervir, 
fchia  baiu   favef,  chia 
120  S.   ferviut  ftoves  morir. 

J[u]vau  Eau  qui   nou   poaf  pü   fter, 

Davent   m  sto  fpartir 
par  taunt,  o  juvna  chiera, 
dich   quaist   amo   svülg  dir. 

Juvua  125  Schia  ils  voafs  plets  fun  vara, 
fcho  m'  vaf  aradschuno, 
turne  damaun   ä  fara, 
faros   bain   cuforto. 

Juvau  Eau  as  fto  abauduner, 

130   a  dia,   dimeua  aquia, 

a  dia,  f  vülg  eau  rover, 
Damaun   vus  dvantaf  mia. 

In  pain   f  lasch   mieu  cour 
A  dia,  mia  chiera  amur, 
135   Eau  rastaro  trefour 
Voaf  debet  fervitur. 

Rom.anisi-ht>  Forschungen  XXVII.  4 


50  Volkslieder. 

b. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  265—208.) 
1   Eu  piain  dolur  her  saira 
Get  oura  spassegiand, 
Seh'  eu  quella  podesc  vaira, 
Chi  ais  meis  dalet  grand. 

5   Geutilas  bellas  fluors 
E  rösas  ch'  eu  vezzet, 
Non   eira,   o  che  dolur! 
Pro  quellas  meis  dalet. 

Cou  ögls  qua  chi  larmaivau 
10   Uu  pa'navant  eu  get, 
Dalunga  1'  iuscuntraiva. 
Da  cour  la  salüdet. 

Meis  plant  non  po  dir  oura, 
Mia  lengua  radschunar 
15  L'  algrezia  da  meis  cour, 
Chi  fet  quel  fich  'legrar. 

Bainvgnüda,  rosa  bella, 
Dschet  eu,  am  tgnand  fich   bun, 
Geutila  giuventschella 
20   E  gilgia  da  coruua. 

Charissem  sar  vus  bei, 
Bainvgnü,  sajat  coutaiut! 
Che  causa  ais,  cha  el 
Seis  ögls  ha  piain  da  plautV 

25  Que  ais  'na  bella  matta, 
Chi  'm  fa  usche  larmar, 
Seis  cour  ais  dür  affatta 
E  non   voul  s'  lamiar. 

Eu  non  avess  mai  cret 
30  E  uo  'm  'vess  impissa, 
Cha  pro  quel  meis  dalet 
Regness  tant  crudelta. 


\'olkslieder. 

A  vair  la  mi'  nmur, 

A  vair  mia  fidelta. 

35  A  vair  la  mia  dolur 

E  tguair  me  rebütta. 

Perche  eschat  'sehe  bella, 
Cha  eu  as  sto  aniar, 
Perche  uscbe  crudella 
40   A   uo 'm  Mair  acceptar? 

Che  'vais  vuglü   plajar 
Meis  coiir  flu   sülla  mort, 
E   uossa  uou  'lais   dar 
Usche  ingüu   cuflfort? 

45   0,  sajat  vus  main   bella, 
Ch'  en  's  possa  bandunar, 
0,   sajat   main   crudella 
E  vögliat  mai   pigliar. 

Meis  com-  usche  suspüra, 
50  Cha  vals  e  muuts  respuomiau, 
E  nou  poss  plü  sofFrir, 
Ah,   ha  pati  avuonda. 

Schal  vus  da  mai  pucha 
Non  'laivat   s'  laschar  gnir, 
55   Schi 'm  vezzaivat  qua 
Crodar  gio   e   murir. 

Plau,  plau,   0  giuveu  char, 
Nou  'vais  zuoud  brich  radschuii 
Usche  da  's  almautar 
60   D'  meis  cour,   chi  als  taut   buu. 

In  mai  uou  's  po  chattar, 
Sco   vus  qui  tgnaivat  plant, 
Chi  's  fetsch'  iuamurar 
In  mia  persuua  tant. 

65  Pro  quai,  scha  eu  savess, 
Chi   füss   sinceritä, 
Schi  tschert  recognoschess 
L'  amur,   cha  tguais   povta. 


4* 


52  Volkslieder. 

Eu  uon  podaiva  crair 

70   Vus 've8sat  taut' amur, 
Siaud  ch'  eu   sa  pelvair 
Dels  mats  lur  van'  amur. 
0,  scha  meis  cour  avess 
'Na  fnestr'  a  guardar  aiut, 

75  Schi  aint  ia  quel  's  vezzess 
Decli  vaira  realtä. 
Quant  ch'  eu  as  am  savaivat 
Con  fai,   siuceritä, 
E  vus  per  quai  am  daivat 

80   Vos  sdegn  e  crudeltä. 
Ed  eir  s'  tgnand  eu  tenta 
Dschais  vus   saimper  na, 
Eu  uon  sun  marida, 
Usche  'm  vais  minchiinä. 

85  Pertant  vögliat  guardar, 
0  vus  chars  mattuns, 
Cha  vus  con  marusas 
Non  sajat  massa  buns, 
Eu  ha  prova,   poss  dh', 

90  E  's  vögl  eir  avisar: 
A  commod  vögliat  ir, 
Na  massa  festiuar. 
Eu  con  meis  tramagliar 
Daudet  voliand   ir, 

95   Ha  savü  marusar. 

Cha  tuot  ha  bain  da  rir. 
Non   stovais  brich   s'  impissar 
Mattaus  da  snarrantar, 
Ellas  sau  as  deparar, 
100   In   tradimaiut  manar. 

0. 

(Aunalas  XI,  Vital,  p.  173.) 
Con   grand  dalet   her  saira 
Giand  our  a  spassegiar, 
Crajand  chi   füss  pel   vaira 
Da   vair  meis  amur  char. 


Volkslieder.  '        53 

5   Per  strad.'i,   cha  eu  giaiva, 
Rösiuas  bellas  fluors, 
Per  strada  incontraiva 
Da  tuottas  sorts  coluors. 

Baiavguüda,   vws  chara  bella, 
10   Baiuvgnüda  da  quistas   varts, 
Quinta'  ni  ün  pa  la  causa, 
Cha  giais  iische  tard  a  spass. 

Rösina,  bella  matta, 
Chi'  m  fa  suvent  larmar, 
15   Seis  cour  ha'   la  da  cj*appa, 
Non'  s  voul  laschar  laragiar. 

Sia  fatscha  ha'  la  dad  auguel, 
Seis  cour  ais  dür  sco  crap, 
Bell'  ais  'la  saiuza  macla, 
20   Cliariu  tuottafat. 

Ach,   scha  que  füss   il  vaira 
Ils  pleds  vus  quia  tschantschais, 
Turn  and  doman  a   saira 
Sarat  vus  cousolä. 

25   Adieu,   charissma  niia, 

Impegn  lasch  eu  meis  cour, 
Turnand  doman  a  saira 
Sara  1'  istess  tenor. 

20. 
Una  otra  chanzun  per  fer  funer  fuot  las  fanestras  a  fa  marusa 

o  Vera  a  fia  baia. 

[f.   13bj  (Nach  Ms.  Pont.) 

Uu   bain   m  ftovais   fer, 
inandret  da  zeter, 
fchi  t  vülg  eau  paier, 
eau  fto  cun  vufs, 
5  eau  uofsa  palvara 
al"  der  cun   fuuer 
una  buma  I'ara 


54  Volkslieder. 

A  quela,   vus  bela, 

chi  m  0  ftret  lio. 
10   fum  qui  arive, 

da  dot  fü  funel 

vuf  bela,  o  quela, 

chi  m  fais  pener, 

I'clio   vus  durmi,  fclii   avri 
15   voafs  ölgs  a  tadler. 

Perfuna,  eau  fune 
da  vufs  brichia  eistra, 
villi  fer  funer 
fuot  a  vofas  fnestras. 
20  cunfcbiant  il  tormaiut, 
f  vüli  fer  da  mia  cour; 
tadle  sü,   fe  bain,   vUlgias  acatcr! 

[f.    14^]  Dulur,  ö  dulur! 

Chi   nou   as   po  dia  or 
25  per  üiia  ufia  fina, 

Gratiusa  et  uscbia  beleta, 
per  quela  uschia  fuleta 
fuspire  in   fina  la  mourt. 

Quela  ais  d  uoaf  paias 
30  La  plü  nübla  e  bela, 

fumaglia  il  fulalg 

dal  dret  et   ot  tschiel, 

beleza,   fchco   fveza, 

pur  quela  ho   tuot, 
35   nun   meuchia  a  quela  fraug  Uuguot. 

in   vuf  nun   s  po   chiater  bricha  zuond, 

bricba  maungel,   o  cunzet  da  quaist  muoud ! 

0  gilgia!   liuuilgia  sto  fuefa  loder, 

nun   hoe  chiato   in   vus  d'afs   blasiner, 

-10    Persuma,   curuna 

da  las  iuvintschelas. 

fche  fina  regina! 

eau  faiut  aindadains 

na   grauda  calur, 
45   eau  ard,  fchia   iutard 

d   af  dir  mia  dulur. 


Volkslieder.  55 

vUlg  gnir,   f  vülg  dir,   cho  vus  m  vais  plaio 
cLii   Ib,   Icliia  piatct   iu   vul'  liiola  cliiato. 
0  cbiera;  tadle  mia  dolur, 
50  per  vus,  chia  eau  fto 
patir  grand   tormaiut. 

rf.    I4'*l  Pchio   ('  lasche  uns   giiir  da  mia  dolur, 

piglie  fü  a  me,   voafs  chlor   (crvitur, 
cum  rae  faro  quel  temp   usia  bum, 
55  chia  posa  vair  vofsa 
dschautila  perfuma. 

Tu  funeder  dusts  fo  tuuer, 
vo  pur   iuquelche  loe  aiut 
et   di  la  ad  ela  mia  dolur  et  tormaiut, 
60   fchia  pchio   ue  plet  non  s  vol   laser  guir, 
fchi  ftova  darchio  cruder  et  morir. 

Clareza  eau  vetz  del  di,  chi  apera, 
adia,   adia,  cun  me  ftov  turner, 
eau  bain   per  paina 
65   f  lasch  quia  mia  cour. 

Chi  o  bela  marusa, 
Quel  po  baiu   falegrer, 
et  chü  nou   ha  ünguua, 
Quel  gia  a  la  chiater, 
70  Quel,   chi  Don  ho  marul'a, 
Quel  fpeta  enchia  ü[u]  po, 
Dia  deta  a  tuots,  chi  and  brameu. 


21. 
a. 

(Flugi  I,  Volkslieder,  p.  58/60.) 

El:  Quaist  ais  uossa  la  prüma  saira 

Ch'eu  veng  qui   a  tramelg  tiers  te. 

Ella:  Leivast  guir  pü  bod. 
Che  füss  quai   stat,   scha  füss  guü  plü  bod. 
5   E  nu'm  avessast  lascha  gnir  aint? 
—  Leivast  provar. 


5t)  Volkslieder. 

Sclja  vess  provii  e  nuu  vessast  lasclia. 
Schi   vessast   tu  guU   la  raschun. 

—  Hast  rabgia? 

10  Che  füss  que,  sclia  rabgia  ch'eu  vess? 
Schi  pudess  eau   baiu   cridar. 

—  Che  giavüschast  ad  el? 

Eu  less  chia'l  fuoss  gio'l  fuond  dal  mar, 
E  ch'eu  mai  uu'l  vazess  plü. 
15        —   E   a  mi,   che  giavüschast? 

Eu  less  tu  fuossast  süu  üna  bella  plazza, 
E  ch'eu  t'vazess  irainchiadi. 

—  Che  vessast  Iura? 

Sch'eu  t'vzess  iminchia  minchia  di 
20   Schi'm  pudess  eau  adüna  allegrar. 

—  Va,  a  Dieu. 

Schi  sta  a  Dieu,   üuguotta  in  mal, 
Eu  e  tii  mai  nuu  ans  vezaius  plü. 

b. 

(Aunalas  XI,  Vital,  p.  220—221). 

El:  Quaist  ais  bain  la  prüma,   prüma   saira, 
Cha  eau  a  ti  poss   vair. 

Ella:  'Laivast  guir  pü  bod! 
El:  Che  füss  que  sto^  seh'  eau  füss  gnieu  pü  bod, 
5  Nuu   avess  pudieu   guir   aint. 

Ella:  'Laivast  pruver! 
El:  Pruvo   he  bain,    ma  tu   liest   la  radschuu : 
Ve  gio,  lascha  'm  ir  aint! 

Ella:  Che  voust  fer  quiaiut? 
10   El:  Eau  vögl  be  at  salüder  da  cour,  da  cour 
A   te  charissma  amia. 

Ella:  Eau   nun   he   buouder  da  tieus   salüds. 
El:  Eau  se  bain,  cha  tu  est  steda  hersaira 
Cun   ün   (tter  a  tramegl ! 

Ella:  Hest  rabgia? 


Vülksliedir.  57 

15      El:  Schi,  cha   lic  rabgia,    'in   fo   mel   il  coiir: 
0  cbera^   nu  i\\  fer  pü  que. 

Ella:  Na,   sgür  brich. 

El:  Nii'm  fer  pü  que,  nu 'in  fer  pü  que, 
Fin  ch' eau  tar  üu'  otra  vegn, 
Ella:  Schi  vo! 
20      El:  0   schi   sto   in    Dieu,  inguott',    inguott'   in   nacl, 
Scha  eau  nu  't  vezzess  pü. 

Ella :  Istessamaing  eir  eau. 
El:  Eau  v'less,   cha  tu  füssast  in  üua  bella  plazza, 
25  Cha    t  vezzess  imminchadi. 

Ella:  Eau  v'less,   cha  tu  füssast  gio'l  fuouz,    gio '1  fuouz  del   mer, 
Ch'  eau  nun  at  vezzess  pü. 

22. 
a 
(Fhigi,  Volkslieder,  p.  60.) 
„Guardai  mia  marusa, 
L'ais  our  in  quella  prada, 
L'ais   our  in  quella  prada, 
E   tu   mil'hast  pigliada. 

5   La  mia  marusa  ais  alba, 
L'ais  alba  be  sco'l  sal, 
Cha  a  la  far  gnir  cotschna 
Voul   vin   ün   grand  bocal. 

La  mia  marusa  ais  uaira, 
10   Pü  naira  co'l  chiarbuu, 
Cha  a  la  far  gnir  alba 
Voul   aua  da   savuu. 

Pur  spetta,  meis  cumpong, 
Tu  m'hast  fat  üu  grand  douu.-'   — 
15    „Uoi,    schi  nu  sa  che   far: 
Schi  nozzas  voelg  at  dar." 

,,Eu  vless  plü  jent  sentir. 
La  vera  a  murir, 
La  vera  gio  la  fossa, 
20   Co  cun  tai   far  uozza." 


58  Volkslieder. 


b 

(Aunalas  XIV,  Vital,  p.  212,5.) 

Guardai,  co  ma  marusa 

L'  ais  our'  iu  quella  prada  : 

Ün   oter  mal  compagu 

Ais  gnü  e  1'  ha  pigliada. 
5   Compagn,  tu  mal  compagu, 

Tu  hast  tut  la  mia  chara; 

Con  tauta  marusada 

Tu  est  gnü  e  1'  hast  pigliada. 

Pur  tascha,  ineis  compagn,. 
10   Ch'eu't  fetsch  gnir  a  mas  uozzas. 

Plü  gent  ir  alla  fossa, 

Co   pro   tai  ir  alias  nozzas. 

Plü  gent  vair   a  't   sepulir, 

Co   at  vair  a  spusar: 
15  Plü  gent  ir  alla  fossa, 

Co  pro  tai  ir  alias  uozzas. 

Chi   spia,  quel   sa, 

E  chi  piglia  quel  ha: 

Sun  it  e  r  ha  spiada, 
20   E   tu   est  gnü   e  l'hast  pigliada. 
Qua  ais  sco  ün  bap, 
Chi   ha  be  ün   figlia: 
El  guarda  sü  per  quella^ 
E  vain  ün  oter  e  la  piglia. 
25   Que  ais  sco  ün  raat, 
Chi  ha  be  ün   marusa: 
El  guarda  sü  per  quella, 
E  vain  ün  oter  e  la  spusa. 
0  matta.   bella  matta, 
30   Tu   hast   bain   üu'  alba   fatscha, 
Tu  hast   üu'  alba  fatscha, 
Mai  1'  ais  dscheta  sco   la  glatscha. 

La  glatscha,  quella  leua, 

Ma  1'  amur,   quella  uoo  's  perda. 

Con  tanta   marusada 

Tu   est   gnü   e  1'  hast  pigliada. 


Volkslieder.  513 

c. 

(Annalas,  XI,  Vital  p.  174|5.) 

Pur  spetta  meis  compagu, 

Fü   in' hast   fat   üu   graud  dau, 

Da  tauta  marusada 

E  tu  am   l'hast  pigliadal 
5   Uoi,   sclii   uou   sa  che  t'ar, 

Schi   nozzas  at  vögl   dar, 

Da  quai   non   t'sa  ingün  gra. 

Pur  lascha'm   in   raa  cha! 

Voless   plü  gugent  sentir, 
10   La  vera  a  morir, 

Sa  vera  a  spartir, 

Co  con  tai  ir  e  guir! 

Voless  glü  gugent  be  uossa 

La  vera  gio  la  fossa, 
15  La  vera  gio  la  fossa, 

Co  cou  tai  a  far  nozzas. 

23. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  62.) 
Cur  cha  eu   spusa   sun,   che  dessa  fer? 
Arir   nun   poass'eu   brich,   crider  nun   poass'eu  fich, 
Che  dessa  fer? 

„Ta  bella  grazchia,  tieu  charigu  tschautscher 
5   Ais  sto  la  causa  da'm  inamurer." 

Quel  mieu  ster-legier-cour,  quel  uuu  ais  c6, 
Cha'l   ais  dalöutsch   davent  e   stu  ster  16. 

Ma  cur  cha'l  vaiu.   schi   maiua  el   da'm   vstir 
Saida  o   vlüd,   que  uuu   se  eau  da's  dir, 

10   11   mieu  ster-legier-cour  quell  ais  rivo, 
Da'm   fer  im   vstieu  cha  el   ho  purto. 

El  m'ho  cumpro  da'm  fer  üua  gauella 
Garnida  intuorn  cuu'na  figna  cordella. 

El   m'ho   cumpred'üu   bei   per  d'urachins, 
15   0,   chi  stragliüschan  be   scu  cherubins. 

El   m'ho  cumpreda  eir  auels  d'diamant, 
Chi   eir  stragliüschan   scu'l   sulailg   briglant. 


60  Vulksliecler. 

Aiiucbia  duos   sairas  voul  el  fer  suner, 
Per  ster  alleger  e  cuu  me  suter. 
20  Mo  eil  allegra  que  uu  poassa  ster, 

Schinä  mieu  cour  quel  stuess  be  schluper. 
Ed  eil  que  co  uu   siios(,'hia  brich   dir  our, 
Scbiua  vess  eil  merama  grauda  dulur. 

24. 

(Flugi,  Volkslieder,  p.  72—78.) 
„Ajo,  CO  cbi  boEFa, 
E  soffla  d'iutuoru, 
Ajo,    CO   cbi  uaiva, 
La  uaiv   svoul'intuoru. 

5  Tant  spert  co  ch'eu  possa 
Voelg  provai  dad  ir: 
Ell  veug-,   0  tu  cbara: 
Cbe  am  pe  seguir? 

Eu  tem  cuu  radscbun 
10   Chi  uun  saja  avert; 
Chi  sa  sch^ella  avra 
Siaud  uscbe  tard? 

Eu  veug  cuu  algrezchia 
Alla  porta  a  pichar, 
15   La  mia  chiarischma 
Vaiu  our  a  guardar. 

„Chi  picha  iische  tard?" 
0  tu  chara  vusch! 
Pur  ve  gio  e  derva, 
20  Teis  mar  US  es  dschtruscb.   — 

Mo  iuua  ais  la  strada? 
Mo   Dieu !   scha'm  pardess  1 
E   pro  mia  chara 
Rivar  uu  piidess. 

25  Ach  ua,   ach  na,   Segner, 
Aiit  saiast  ludä, 
Chi's   vezza  la  chasa 
lugio  ella  sta."    — 


Volkslieder.  61 

Siaad  üiizacura 
80  Nel  lö  arriva 
Lu  porta  avevta 
Ha  el  la  cliiatta. 

Rivet   aiut   in   stüva, 
Guardet  cun  amar, 
35  Süu  sia  chiaritia 
Chi   sta  cuu   shipur. 

Sü  dal  muline 
Per  al   dir  baiusant 
Mo  el   la  brauclet, 
40  E  bütschet  daluu. 

„Mo  di'm,   tu  mieii  char, 
Mo  di'm  la  vardat, 
Che  t'ha  commovü 
Da  gnir  usche  tard? 

45   Chi  t'ha  commovU 
Da  gnir  usche  tard 
In   quaista  burrasca 
Pro   mai  a  tramalg?" 

„Be  tu,   o  chiarischmal 
50   Ch'eu  sto  confessar 
La  graudissma  amur 
Chi'm   voiil  consümar. 

Be  tu  est  ma  vitta, 
Tu  füssast  ma  mort, 
55   Sch'tü  schessast:   „banduna'm 
Tschercha  Una  otra  sort."    — 

Anetta   disch  Iura: 
„Nuu  tmair,   mieii  cour   char, 
A  saimper  e  saimper 
60  Vegn  eii  at  amar. 

Co  est  il  mieu  mann, 
Co  est  il  mieu  cour, 
Eu  sgiür  sun   l'Annetta 
Chi   t'ama  trasour."    — 


(^2  Volkslieder. 

65   Co  tschaiüten  insembel 
Qnist  per  dad   amnr, 
E  giodan  insembel 
L'algrezchia  in   lur  conr. 

Eis  laschan   clii   scbbischa 
70  E  boffa  d'iutuoru, 
E   stan  aiut  in   stüva 
E   s'branclau   iutuorn. 

25. 

(Annalas  XI,  Vital,  p.  211.) 
Gnö,  gnö,   quista  flur, 
Chi  deriva  dall'  amur, 
Ed  eir  vus,  chi  la  pigliais, 
Saveros  baiu  co  cha  stais, 
5   Ed  eir  eau,  chi   eil'  as  dun, 
'  Savaregia  co  cha  stun. 

Quia  mattas  e  vus  mats 
Sün  vos  dalettaivel  plaz 
Sun  eau  gnieu  a  's  aviser, 
10   Cha  uu  's  dessat  marider. 
Chi  voul  bella  vit'  as  der, 
Stil  fer  sainz'   as  marider. 
E  chi  voul  per  otra  via, 
Quel  pur  drizza  compagnia. 

26. 
(Annalas  XI,  Vital  p.  194/5.) 
Ils  tschels,  quels  cuschidran 
E  plandschan  con   me, 
Veziand  la  desditta, 
Chi  'm  disch  con  tel  fe. 
5  Non  hegiast  pü  spraunza. 
Nemaiu  t'  impisser, 
L'  ais  fatt'  la  savraunza 
Dels  cours  uschfe  chers ! 
L'  solagl,  quel  s'  ins-chüra, 
10   Splendur  non  ais  pü, 
Veziand  la  clerglüna 
Con  led   revesti. 


Volkslieder. 

Las   stailas  be  croudan, 

Ils  flüms  dvaintan   lass. 
15    11   fö   ai?  consüma, 

Veziaud   ün   tal   cas.       ^ 

Ma  terra  be  smora, 

Frautuna  con  led, 

Veziand  la  tristezza 
20   D'  im   cour   usche   uet. 

Ma  '1   Deis  della  grazia 

Ho  que  ordiuo, 

Faud   iina  tel   pleja, 

Chi   guarir   non   's   po. 

27. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  191'2.) 

Eau  vögl  baiu   alla  mia  bella, 
Ed  ella  voul  bain  a  me, 
Cha  nel   muond  uon   ais  co  qiiella, 
Chi   plaschair   am   poss'   a   me. 
5   Nus  vivaius   iu   allegria 
E  plaschaivla  uuiim, 
Ch'  eau  uou  saiiit  otra   tadia 
Co  dal  temp,  ch'  eai;  la  baiiduD. 
Dals  tramegls  ais'  1'  amatura, 

10   Ma  neir  eu   inguotta  maiu, 

Cha  '1   tramegl   vo   tuot   suotsura, 
Cur  cha  aus   duos  sotaiu. 
Cur   sun   cou   üu'   otr'  in   tras-cha 
Schi  'Is   ögls   m'   ho   '1'   adün'   addöss: 

15  Ma  neir  ella  me  non  lascha 
Dad  üu   oter  tucher  1'  öss. 
Cur  ch'   eau  la  guard   in   fatscha, 
Schi  guard'  eir  ella  fich  süu   me, 
Cha  scha  mieu  cour  füss  eir  glatscha 

20  Schi  alguer  stuvess  el  perque. 
Cur  cli'  eau  la  guard  iu  fatscha 
A  vair  sieus  bels  ögls  nairs, 
Schi  mieu  cour  foura  aint, 
Chi  chi  prova   sto   bain   crair. 


64  Volkslieder. 

25   Cur  chi  vain   la  generela 
Cuor   in   presch'   a  la  piglier, 
La  compagu   iufin   süu   s-chela 
Ed.   in   stüv'   am  lasch'  1'  entrer. 
Ed   allo,   eh'   ingün   non   sainta, 

30  Fains  discours  da  grand  dalet, 

Cha  uoss  cours   be  vi   s'  alguaintan 

Per  r  amur  e  vair  äffet. 

S-ch'  üu  colomb  ais  ella  prusa, 

Inuozainta  s-ch'  ün   ague, 

L'  ais  plaschaivla,  F  ais  baudusa, 

35  Spür  amur  e  spüra  fe. 

Dsche  'm  dimeoa,  seh'  üua  tela 
Non  ais  degna  dad  amer, 
Ad  üu'  orm'  usche  sincera 
40  Vögl  gugent  mieu  cour  duner. 

29. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  209/10.) 
„Ste  a  Dieu,  ch'  eau  vegn   davent : 
Eau  pigl  cumgio,  ma  ua  gugent. 
Uossa  nun  poss  plü  surtrer, 
Que  ais  que  chi  'ra  fo  'mpisser. 
5  S'  iugrazeh  a  tuots  in  generei 
Da  vos  cherin  ed  eir  bun  tramegl, 
E  cha  m'  hegias  eir  perduno, 
Scha  füss  sto  ün  po  sundro." 
„Gomplimaiuts  plü  nun  ste  a  fer, 

10   0  cha  'ns  fessas  plü  a  da  eher, 
Da  rester  aunch  'ün  po  acquia 
E  giodair  uossa  cumpagnia. 
E   scha  que  nun  po  scuntrer, 
Schi  volains  eir  giavüscher 

15  Ün  felice  e  bun   viedi, 

Cha  Dieu  osta  da  tuet  cuntredi. 
E  cha  Dieu  as  fatscha  la  grazia. 
Da  turn  er  darcho  in  patria, 
Per  podair  lur'  ans  chatter 

20   Tuots   darcho   in   buna  sandet." 


Volkslieder.  65 


30. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  53/4.) 

Giavüsch  la  buna  saira 
Charischraa  matta  bella 
Ell  fich  giavüsch  pel  veira 
Da  sezer  jo  spar  ella. 
5  Bainvgnü  persuna  cbara 
Baiu  jeut  eu  as  vez  vguond 
D'  algrezia  singolara 
Meis  cor  va  raovantond. 

Eu  less  ruvar  vus  bella 
10  Scba  'm  fessat  im  pa  d' larg, 
D'  am  sezer  jo  sper  ella 
Da  vossa  dretta  vart. 

Vo  dumondais  liceuzia 
Licenzia's  vögl  eu  dar, 
15  Vossa  bella  preseuzia 
Po  chöutsch  quai  operar, 

Süu  la  liceuzia  datta 
Am  vögl  eu  qua  tschantar 
Sper  vo  0  bella  matta 
20  Eu  's  rov  d'  am  perduuar. 

Ingüua  perdunanza 
Vaivat  da  dumoudar 
Vossa  bella  crajanza 
Laivat  usche  mossar. 

25  Scba  dascjbess  a  vo  bella 
Una  chosa  dumoudar, 
Siond  eu  suu  qua  sper  ella 
Vos  man  uan  da  piglar. 

Vo  bei  scba  as  degnaivat 
30  II  meis  man  via  da  tor 
Schi  la  licenzia  vaivat 
Dun  via  da  bun  cor. 

0  buna  sort,  fortüna 
Ch'  eu  n'  ha  d'  alejer  star 
35  Vossa  bella  persuna 
Vögl  havair  dumondd. 

Romaniaelie  Forscbungea  XX  VII.  1. 


6(5  Volkslieder. 

Seh'  eu  daschess  a  vo  bella 
Meis  cor  apalisar 
Schi  üua  chosa  ad  ella 
Vuless  cu  declarar. 

Vo  bei  in  confidenzia 
Podai  'vos  cor  slargiar, 
Haiat  brich  dubitanza 
Ch'  eu  svögla  SDarantar. 

45  Vo  bella  ma  niarusa 
Eschet  iufin  a  qua, 
Uossa  per  mia  spusa 
S'  vögl  havair  dumonda. 

0  che  gronda  dumonda 
Cha  vo  vai'  fat  a  mai, 
50  A  mai  para  bain  gronda 
Pero  nu  snai  eu  quai. 

Mes  cor  eir  coresponda 
A  vo  0  sar  vo  bei, 
Da  quai  am  fetsch  grond  bonder 
55  L' amur  ch' eu  port  ad  el. 

0  che  dutscha  rasposta 
Vo  bella  am  daivat  qua 
Cha  b^  per  quist  aposta 
Per  far  quist  pass  sun  gnü. 

60  Eir  la  vossa  dumonda 
Meis  cor  ha  movanta 
Prov  cuntainteza  gronda 
Cun  vo  da  far  raüsta. 

Luug  temp  ch'  eu  's  ha  amada 
75   Vo  bella  in  secret 
Uossa  in  üna  jada 
Vai'  surleivgia  meis  pQt. 

Eir  eu  chara  persuna 
N'ha  il  meis  cor  cuntaint 
80  Siond  ch'a  vo  adüna 

N'  hai  tgnü  in  meis  imaint. 


Volkslieder.  67 


Vo  mia  diletta  spusa 
Uossa  as   poss  nomuar 
Chosa  plü  alegrusa 

85  Nu'  vess  podü  dvautar. 
E  vo  persuna  chara 
Uossa  's  poss  dir  nieis  spiis 
0   sort.   fortüna  rara 
D'  am  alegrar  ciin  vus, 

90  Cha'  1  tschel  ans  benedescha 
Vulaius  dir   ameuduos 
Cba  nos  fats  reuscheschan 
Tenor  vögla  da  Diou!   — 

31. 

[Nach  Ms.  Ql.] 

[f.   14*]        A  spafs  lefs  gugieut  ir 

Aint  in  quell  bell  zardiu, 
Chi  m  fa  meis  cour  schflurir 
Be  scoa  im  balsamin. 
6  Aint  in  quell  bell  zardin 

N  haj  chiatta  ün   bellz  thesaur, 
chi  es  moa  bler  plü  fin 
Coa  stralüschaint  bell  aur. 
Moa  üna  roesa  bella 

10  N  hay  eug  usche  chiatta, 
ßchflurida  1  ais  eir  quella, 
scoa  la  flur  d  ün  pom  granat. 
La  sia  bella  visiun 
Ais  alba  scoa  la  naif, 

15  Meis  cour  quell  sta  in  praschun, 
Cur  eug  della  m  impaifs. 
[f.   14^]        La  sia  coatschna  buccetta, 
ilgs  seis  bells  oelgs  nairs, 
Cuort  mia  vita  taotta 

20  Algretzchia  chia  qua  ais, 

Ell  im  sporscha  seis  alp  maun 
Da  amur  et  chiaritat, 
Meis  cour  leigeret  saun 
Zuondt  subit  ais  dvantat. 


68  Volkslieder. 

25  0  tu  alba  roesetta, 

Tu  asch  be  scoa  üu  columb, 
Tti  esch  sabgia,   casta,   h  netta, 
Tu   portascb  üu  bun   niiom. 

Brick  dick   siü  igl  nuom, 
30  Moa  bain  auter  eir  plü, 
Ilg  nuom  et  eir  ilg  pomra, 
Da  quai  cb  eu  n  bai   udi. 

Huofsa  nun  sai  cbe  far 
Da  tai  touraunia, 
35   seh  eug  tai  sto  baudunar, 
Schi  dvainti  amala. 

Par  ün  fingial  d  amur 
T  voelg  usche  dar, 
Un  suspür  zuondt  da  cour 
40  In  bain  vöelgiasch  pilgiar. 

[f.  15*]       Sta  a  Dieu,  noebla  roseta, 
Sta  a  Dieu,  o  vitta  mia, 
sta  ä  Dieu,  bella  plaunta, 
Huofsa  stou  tirar  via. 

45   Chi  quaista  chianzun  ha  fatt, 
Quaist  s  dig  eug  bain  palgvaira, 
Ais  ün  chiarin  bell  matt, 
E  s  da  la  buna  saira, 

Brick  dick  la  buua  saira, 
50  Moa  bain  eir  auter  plü, 
Foelicitat  iu  tuott  quai, 
Ilgs  duus  vuo  vai  arfschü. 

In  conclusiun  voelg  rivar. 
Nun  saig,  che  discuorer  plü, 
55  chia  Dieu  volgia  manar, 
Chia  nuo  bot  inserabel 

Ans  pofsan  darcheu  chiattar. 
Tuott  quai,  chi  ns  plascha  bain, 
Insembel  raschuuar, 
60  Da  cour  lain  uo  dir. 


Volkslieder.  69 


32. 
(Aunalas  XII,  Vital,  p.  257.) 
Mi'  amada,  graud'  persuna 
E  tesori  da  meis  cour, 
Sco  otra  persuna  ingünaj 
Gilgia  bella  dad  onur. 

5  In  vos  sain  ha  rai'  algi'ezia, 
Avant  vus  tuot  meis  dalet, 
Peneträ  'm  'vais  con  algrezia 
E  meis  cour  sta  sün  vos  pet. 

Eu  uou   ha  acqui  sün  terra 
10  Tai  eguala  mai  chattä, 
Tu  amabla  colombina, 
Fand  plaschair  a  teis  ama. 

Saj'  ch'  eu  dorma  o  ch'  eu  vaglia, 
Schi 't  ha  saimper  in  immaint: 
15  Eir  seh'  eu  sun  trauri  da  vagh'a 
At  giavüsch  amo  ardaint. 

La  plü  bella  qui  sün  terra 
Dess  a  quell'  eu  renunziar? 
Na;  que  mai  uon  dvanteraja; 
20  Sainza  quella  non  poss  star. 

0  dalet,  0  coutentezza, 

O  char  cour  usche  amä, 

0  amabla  allegrezza, 

0  dutsch  nom  d'  felicitä. 

33. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  211.) 
Bainvgnüts  eir  vus,  meis  chars, 
Vus  gnivat  bain  dinrar: 
Ma  qualche  giä  cha  gnivat, 
Schi  'ns  allegrain  pel  vaira. 

5  Per  vus  non   sun  eu  quia, 
Ma  per  far  la  vöglia  raia. 
A  nus  volais  vus  bricha, 
Vus  'lais  üna  plü  richa. 


70  Volkslieder. 

Laschai  da  sa  s-chüsar, 
10  Schi  'lain  nvxs  domaudar, 
AI  bap  'lain  domandare 
E  sia  vöglia  fare. 

Dit,  CO  nus  'vaiu  da  dir, 
Cha  vus  uon   hajat  da  rir? 
15   Schi 'lain  nus  dir:   schi,   schi, 
E  '1  fat  ais  stabili. 


34. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  210.) 

Eu  'vaiv'  üua  marusa 
E  pro  quella  staiva  gent : 
Quella  füss  stat  ma  cbara  spusa, 
Seh'  eu  non  füss  it  davent. 

5  11s  bains,  ch'  eu  la  vögl, 
Quai  ingüu  nou   po  dir   our: 
Ma  tu  taschast  be  cbamöu 
E  mai  non  disch  da  'm  tour. 

0,   tour  t'pigliess  eu  gent^ 
10   Scba  teis  pleds  füssan  da  cour; 
Ma  eu  ha  'na  mala  temma, 
Cha  tu  'm  vögliast  snarrautar. 

0,  snarrantar  mattans 
Mai  non  sun  eu  stat'  düsa : 
15   Arno  main  pitscbeus  infants 
Mai  non  ha  eu  ingiannä. 

0,   schi  da  nan  teis  man, 
Teis  mau  dret  sarä  la  fai, 
E   Dieu  guarda  sur  in  giö 
20  E  benedescha  nossa  lai. 

Uoss',  uossa  ha  dit  schi, 

Ha  dit  schi  con  meis  marus, 

0  che  allegraivel  di, 

Cha  quel  ais  stat  da  gnir  meis   spus. 


Volkslieder.  71 


35. 
(Annalas  XIV,  Vital  p.  22G/7.) 
Eu  pro  vus,   bella,   ir  voless, 
Plaschair  nieis  'vair  da  cour, 
Con  desideri  ch'  eu  avess 
Uossa  da  's  podair  toiir. 

5   Cha  plü  bell'  e  plü'  miaivla, 
Mai  eu  uou  ha  vis; 
Scha  no  'm  pigliais,  scbi  eschat  causa 
Da'm  far  gnir  vegl  ant  dis. 

Char  Sar  vus  bei,  ch'  eu  vögl  bain  dir, 
10  Ch' el  tschercha  pur  utro, 

Ch'  el  piglia  quaists  trais  pleds  a  cour 
Ch'  eu  uo'  m  marid  amo. 

Co  quaists  trais  pleds  fan  mal  meis  cour, 
Cur  ch^eu  m' impais  quell 'ura, 
15   Cur  ch' eu  crajaiva  be  da 's  tour^ 
Stovair  murir  ant  ura. 

Char  Sar  vus  bei,  ch'  eu  's  vögl  baiu  dir, 
Cha  be  con  üna  botta 
Non  croud' a  terra  brich  ün  lain; 
20  Usche  ais  la  resposta. 

Buua  saira,   o  vus  bella, 
Eu  sun  darcheu  turuä, 
Scha  '1  vos  cour  iudüri, 
Quel  füss  üu  pa  laragiä? 

25  BainvgnU,  charisani'  ami, 
Acqui  in  chasa  mia, 
Schi  stovera  eu  crajer. 
Chi  saj'  ordina  da  Dieu. 

E  vus,   charissm'  amia, 
30  Schi'  s  vögliat  adegnar, 
Quaist  ane  bain  da  pigliar, 
In   amur  mia  da  portar. 

Con  quaists  duos  pleds  fiuescha, 

Cha  Dieu   ans   beuedescha; 

35   Con  quaist   volain   finir, 

Cha  Dieu'  ns  vöglia  benedir. 


72  Volkslieder. 


36. 
(Romanische  Studien  I,  Flngi  p.  335.) 
Tagle,  VHS  mattas  beilas, 
Che  eh'  eu  s'  völg  declarer : 
0  ch'  eu  s'  banduu  a  tuottas, 
E  veug  iu  ma  chesa  a  ster;  0  faliolela. 
5  Que  chi  'm  fo  cuort'  urella 

Que  ais  be  ün  chalger.     0  faliolela. 

Dalet  uu  poss   avair 
E  neir  brich  contentezza,  0  faliolela. 
Scha  eu  nu  poss  claraer: 
10  Ve  no  mieu  eher  chalger!     0   faliolela. 

Eu  d'  he  iu  mia  vita  gieu 
Quarauntatschinch  marus, 
E  me  nun  he  pudieu  chater 
Uu  usche  bum  chalger. 

15        Da  baiver  a  nus  uu  mauucha, 
Viuars  ed  eir  buu  viu, 
Per  saimper  legers  ster 
A  me  ed   a  mia  eher  chalger. 

Cafe  quel  duma  amvessa, 
20  E  michia  e  pauu  frast^h ;  0  faliolela, 
0  cha  que  ais  üu  buu  maugier, 
Per  me  e  per  mia  eher  chalger.    0  faliolela! 

37. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  332.) 
Eu  veug  pro  te,  mia  eher  amur, 

Per  esser  cousolä; 

A  tai  am  eu  da  tuet  meis  cour 

Uoss'  ed  a  saimper  mä. 

5     Fam  esser  tii  eir  üna  flur 
Süu  teis  giuveu  fraisyh  cour, 
Accio  cha  mia  buu'  amur 
Nun  giaja  pro  la  mort. 

Fam  vezer  tu  tia  buu  amur 
10   Inversa  da  meis  cour 

Parche  ch'^eu  'm  possa  gloriar 
Dad  esser  teis  marus. 


Volkslieder.  73 

Allura   v'ölg  eir  eu  chautar 
Cuu  te  dad  im  bun  cour, 
15   Accio  nus  possaus  ins  amar 
Infina  uossa  mort. 

Voust  tu  gnir  q\\\  e  cunfirmar, 
Meis  cour  quel  ais  containt; 
Sta  sü  cuu   auimusitat, 
20  Retschaiva  tu  meis  mau. 

38. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  321.) 

Eu  vaiv'  üü  mail  cotscheu  rösiu, 
Ha  tut  e  r  ha  mis  sün  meis  scrin. 

E  cur  cha  1'  an  füt  passantä, 
Schi  1'  ha  eu  Iura  gio  pigliä. 
5        Ha  tut  ed  ha  parti  in  dus, 
Ha  dat  ün  toc  a  meis  marus. 

Ha  dat  eir  part  da  seis  manzin, 
Schi  cresch'  in  el  ün  bei  zardin. 

Ün  bei  zardin  cun  bellas  fluors, 
10  Chi  sun  da  totta  sort  culuors. 

La  saviala  cun  seis  odur 
Be  SCO  dils  mats  lur  foss  amur. 

Las  rösas  eir  con  lur  savur 
Be  sco  d'  las  mattas  lur  colur. 


39. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  229.) 

Ed  eiran  duos  compagus, 
Chi  Vaivau   üna  marusa: 
Uoi,  e  r  ün  e  1'  oter 
La  'laivan  per  spusa. 

5   Uoi,   e  d'  ün  as  sainta, 
Ch'  el  va  be  la  daman, 
Uoi,  e  r  oter  va 
La  saira  be  plan  plau. 


74  Volkslieder. 

Uoi,  süu  il  buüdi, 

10  Meis  dutschissem  cour, 
Sun  be  gnü  a  verer, 
Scha  vus  am  'laivat  tour. 
Vus  eschat  massa  tard, 
Ha  fingia  fat  la  faira, 

15  Chi  ais  stat  üu  oter 
Compagu  be  her  saira. 
Uoi,  que  sarä  stat 
Be  quel  il  mais  compagn, 
Ai,   schi  güst  sün  quel 

20  Neu  ha  ingUn  permal. 
Säst,  meis  char  compagn, 
Eu  vögl  at  dir  il  vaira, 
Ch'  eu  la  ha  tutta 
Be  iii  dumengia  saira. 

25  Be  in  dumengia  saira 
Alla  bella  clerglüna, 
Ai,  e  stuu  sün  sprauza, 
Ch'  ella  am  dura  adüna. 
Säst  il  meis  compagn, 

80   Co  ch'  eu  'm  chat  inrücla, 
La  tala  e  tal'  matta 
Dad  avair  pigliä. 
Uoi,  ella  non  sa 
Ne  cusir,   ue  filar, 

35  Nemain  ir  sül  fuond 
Eir  a  lavurar. 
Non  la  sa  far  oter, 
Co  Star  in  cuschina, 
Uoi,  ed  ir  gio  'n  schier 

40  A  stordscher  la  spina. 

40. 
(Aunalas  XI,  Vital,  p.  188.) 
Buna  saira !  Vegn  a  faira 
Tiers  vus  giunfras  bellas, 
Chi  stais  tschautadas  süsom  baue 
Cou   VOSS  marus  col   man    in   flaue 
5  A  discurrir  con  eis. 


Volkslieder.  75 


Chi  eschat  vus?  Chi  eschat  viis? 
Usche  ün  bei  compagn, 
Chi  saglis  con  üu  tal  sforz, 
E  mettais  il  chape  tort 
10  E  spruns  eir  alla  moda? 

Eu  sun  ün  figl,  baiu  geutil, 
Dad  üu  merchadaut; 
Eu  veud  surplius,  peidras  da  fö, 
Bulai  ed  oter  a  meis  möd, 
15   Cha  bazs  a  mai  non  raancan. 

Ün  tal  commers  non  po  guir  smers, 
Con  tantas  merchanzias. 
Vus'  vais  radschun  da  's  gloriar, 
Mats  e  mattas  d'  ingiannar, 
20  Que  ais  raba  da  rier! 

Da  far  ün  spass  da  bels  mats 
Sun  eu  eir  bain  capabel, 
Ad  ir  in  Frantsch'  e  Piemont 
E  dar  ün  sagl  per  tuot  il  muond, 
25  Turnar  a  chas' ün  äsen! 

41. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  194/5.) 

Ils  tschels,   quels  cuschidran 

E  plandschan  con  me. 

Veziand  la  desditta, 

Chi  'm  disch  con  tel  fe. 

5  Non  hegiast  pü  spraunza, 

Nemain  t'  impisser, 

L'  ais  fatt'  la  savraunza 

Dels  cours  usche  chers! 

L'  solagl,   quel  s'  ins-chüra, 

10   Splendur  non  ais  pü, 
Veziand  la  clerglüna 
Con  led  revesti. 
Las  stailas  be  croudan, 
Ils  flüms  dvaintan  lass, 

15  II  fö  as  consüma, 
Veziand  ün  tal  cas. 


76  Volkslieder. 

La  terra  be  smora, 
Frautuna  cou  led, 
Veziand  la  tristezza 
20  D'  üu  cous  usche  net. 

Ma'l  Deis  della  grazia 
Ho  que  ordino, 
Fand  üna  tel  pleja, 
Chi  guarir  uou  's  po. 


42. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  203—208.) 

O  tu  bei  fittamaint, 
Sta  a  Dieu,  tu  ed  ils  teis, 
Ch'  eu  siiu  intenziouä 
E  m'  ha  resolt  aqua 
5  Dad  ir  davent. 

0  tu  il  meis  'sehe  char, 
Schi  che  raa  t'  po  raancar, 
Cha  tu  voust  ir  davent 
Usche  dandettamaing: 
10   Da  'm  ad  iucler, 

Vögl  bella  vit'  am  dar, 
Seh'  eu  sun  eir  maridä. 
Plü  bön  CO  ir  sudä 
Non  poss  eu  chattar  qua; 
15  Non  vögl  plü  Star. 

0  char,   perche  fast  quai, 
Voust  ir  davent  da  mal: 
0  tu  il  meis  'sehe  char, 
Schi  clie  ma  t'  po  mancar, 
20  Da  trar  davent. 

Non  säst,  co  cha'ls  mats  fan? 
Cur  ch'  eis  tut  üna  hau, 
Tscherchau  da  la  snejar, 
Per  chi  possau  mütschar 
25  E  trar  davent. 


Völkslieder.  77 


0  char,   o  char  cour  char, 
Dien  t'  vöglia  bain  müdar, 
Clia  tu   possast  star  qua, 
Con  mai  far  nozzas  bod, 
80  Viver  cou  mai. 

Scha  eu  stovess  qua  star, 
Schi  stess  eu  lavurar, 
Sco  chi  fau  quels  grauds  nars, 
Aint  in  mias  süors 
35  Mangiar  raeis  pau, 

Tnguott'  hast  qua  da  far, 
Nemain  da  lavurar; 
Qua  poust  tu  spassegiar, 
Cou  ils  signuors  mangiar, 
40  0  char,  sta  qua! 

Dalet  ha  eu  plii  grand, 
Cur  chi  's  oda  sunand 
Las  gias  culs  archets; 
Trombettas    !ou  cornets 
45  Fan  m'  allegrar. 

Qua  vaiust  tu  bain  a  vair 
E  vaiust  zuond  fich  a  't  tmair, 
Giand  oura  d'  ün  chanun 
Con  fö  'na  balla  d'  plom, 
50  Va  tras  a  tai. 

L'  schlupet  sbarrä,  dal  bun, 
Non  tem  brich  ün  chanun; 
Eu  am  defender  vögl 
Incunter  1'  inimi 
55  S-ch'  ün  grand  barun. 

Non  t'  impissar,  tu  char, 
Cha  tu  possast  sbarrar; 
Con  temma  stast  tu  qua, 
Bain  bod^vainst  tu  plaja; 
60  Non  rissiar. 


78  Volkslieder. 

Schabaiu  ch'  eu  gniss  plaja, 
Schi  meidis  s'  chatta  lä, 
Chi  sau  perfet  medgiar. 
No  'm  vögl  brich  stramantar, 
65   Vögl  far  tschessar. 

Non  bau  brich  tuots  la  sort 
Da  meidis  gnir  'sehe  bod 
Perfettamaing  medgiats, 
Restau  zuond  blers  strupchats 
70  Fiu  alla  mort. 

Meis  patrun  ais  ün  hom, 
El  porta  üu  grand  nom, 
Wachtmeister  ais  el  stat, 
Ed  eu  am  ha  fina 
75  Per  seis  suda. 

Eu  vögl  pajar  per  tai 
E  dar  tuot  quai,  ch'  eu  nai, 
Be  cha  tu  stettast  qua, 
Nou  giajast  brich  sudä, 
80  Vivast  con  mai. 

A  qui  nou   vögl  eu  star, 
Schi  stess  il  muoud  custar, 
Ch'  eu  ha  impromiss  del  buu; 
Vögl  far  d'  ün  brav  compagn, 
85  Tender  quai  tuot. 

Non  poss  brich  con  rovar 
Inguott'  eu  our  drizzar : 
Scha  tu  voust  baiu  star  qua, 
Schi  vögl  a  tai  bain  dar 
90  Tschinch  milli  rentscbs. 

No  'm  far  brich'  inrüclar, 
Uossa  ha  eu  impromiss; 
Seh'  tu  'm  dessast  tuot  il  tieu, 
Eu  non  stun  plü  aquia, 
96  Nou  rovar  plü. 


Volkslieder.  79 

Non  güda  cou  rovar, 
Dieu  't  vöglia  perchürar. 
Non  voust  tu  tour  cmngia 
Da  teis  amis  aqua 
100  Ant  CO  ir  daveut? 

0   „b'hüet  di  Gott"   di  eu; 
Che  dess  a  tai  curaprar? 
Baintscbert  qualchosa  d'  be, 
Vögl   eu  cuinprav  a  te: 
105    Di   quai  tu   voust. 

Seh*  tu  voust  cumprar  a  mai, 
Schi  cumpra  'm  üu  bei  cranz 
Da  bindeis  albs  e  uaii's. 
Da  dar  alias  mattaus, 
110  Chi 'm  possau   dar. 

Quaists  pleds  no  ^m  van  per  sen, 
Quaists  pleds  no'm  piaschau  bain; 
Di'  ra  tii,  perche  fast  quai, 
Voust  trar  daveut  da  mai : 
115   Che  voul  que  dir? 

Quai  voul  bain  maniar, 
Ch'  in  spazi  dad  ot  dis 
Poss  eu  daveut  tirar 
Ed  aint  in  tschel  rivar 
120  E  la  chantar. 

Ah,  laschast  usche  fich 
Da  mai  increscher  uossa? 
Voust  tu  murir  per  quai 
Usche  dandettamaiug? 
125  0  na,   o  na! 

Non  lasch  increscher  brich, 
Pur  va  tu  bain  dalöntsch; 
Pur  cha  tu  giajast  sü 
E  mai  non  tuoruast  plü; 
130  No'm  menziouar. 


80  Volkslieder. 

Eu  uon  di  quai  per  led, 
Ch'  eu  ha  '1  plü  graud  dalet 
Tu  compagnia  dad  ir 
Cols  meis  'sehe  chars  amis 
135  Per  meis  plaschair. 

Amis  seh' tu  voust  chattar, 
Schi  va  cul  bander al 
lu  Hollanda  del  bun. 
Tschert  üna  cuUa  d'  plom 
140  Va  tras  a  tai. 

Ed  el  la  respondet: 
Pur  hajast  ün  pa  d'  spet, 
Cha  in  term  dad  üu  an 
Tuorn  eu  darcheu  dal  bun; 
145  Pur  va  la  sü. 

Na,  tu  non  tuornast  plü, 
Quai  ch'eu  a  tai  bain  di. 
Quant  bod  tu  est  \k  aint, 
Spaudast  sang  innozaint, 
150  Non  tuornast  mai. 

Sün  quai  el  ais  tirä, 
In  Frantsch'  ais  el  rivk. 
Quantbod  ch'  el  ais  stat  aint, 
Schi  ha  '1  fat  testamaint, 
155  Rendü  sü '1  spiert. 

Eu  di  a  vus,  chars  mats, 
Non  giajat  mass'  a  plaz, 
La  laschanti'  as  fa 
Impissar  d'  ir  sudä 
160  E  trar  davent. 

Scha  sudats  volais  eutrar, 
It  ant  CO  's  maridar; 
Perche  vus'vais  vis  qua 
Bain  co  chi  ais  passa 
165   Con  quaist  compagu. 


Volkslieder.  81 


43. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  247/8.) 

Nou  ais  que  possibel  quia, 
Cha  tieu  coiir  possa  s'  lamger  ? 
Non  cognuoscbast  la  fadia, 
Ch'  eau  per  te  stögl  indürer? 
5   Ach,   chera,   dutscha  bella, 
Poust  esser  tauut  crudella 
Vers  da  ine,  chi  nou  aspir, 
Co  da't  plaschair  o  da  murir? 

0,  öclii  cognuoscha  dimena, 
10  0  ma  vit' e  mieu  cour  eher, 

Ch'  eau  soflfresch  per  te  'na  paina 
Ch'  üngün  me  po  s'  impisser. 
Ah  Dieu,   scha  tu   savessast 
Ed  aint  in  mieu  cour  vezzessast 
15  Tuot  l'excess  da  mia  dolur 
E  da  mia  smcer  amur ! 

Schi  del  sgür,  cha  tieu  cour  eher, 
Vzand,  ch'  eau  sun  usche  sincer, 
S'alamgess  e'm  dess  cufFort, 
20  Non  podiaud  pü  resister. 
Perche  flamma  pü  püra 
Non  ais  nella  natura, 
Co  quella,  chi  ais  in  me, 
Chi  's  consüm'   usche  per  te. 

25   A  mieus  gienituors  ingrazch  eau 
Qui  nel  muond  da'm  avair  miss; 
Ma  da  te  dependa  uossa 
II  restante  da  mieus  dis. 
Dutsch  ogget  da  mia  vita^ 

30  Fo  dimena,  cha  eau  viva! 
Con  Im  pled  porto   dal  cour 
Fo  'm  reviver  e  do  'm  cuffort, 

Non  prolungunar  pü  quia 
Que  momaint  taunt  giavüscho, 
35   Chi  t'  unescha  cul  cour  mieu 
Ed  am  reuda  fortüno. 

Roinauiscb«  Forscliuugen  XXVII.  1. 


82  Volkslieder. 


Avra  tia  buocha  bella, 

Gha  mieus  giavüschs  sajan  complieus, 

Gha  noss  cours  sajau  unieus! 

40   Asgüreda  sajast  quia: 
Fin  cha  fled  in  me  saro, 
Schi  mieu  cour  con  allegria 
A  te  sairaper  amero. 
Ve,  cba  noss  ögls  ageschan 

45   E  cha  noss  cours  s'  uneschan : 
In  tia  grazia  fo  'm  avair 
Qiie  suprem  e  grand  plaschair. 


44. 

(Annalas  XIV,  Vital,  p.  214.) 

0  di  'm  ün  pa,  compagnett'  adorabla, 

0  di  'm  ün  pa,   scha  tu  est  maridada.  • 

Non  sun  maridada  e  no  'm  vögl  maridar, 
Per  taut,   o  giuveu,   sün  mai  non  't  laschar. 

5   Schi  sta  a  Dien,  compagnett'  adorabla, 
Ed  alias  mias  uozzas  sarast  iuvidada. 

Eu  'm  part  eir  da  quia  trais  nras  ant  di, 
E  las  mias  nozzas  saran  venderdi. 

0  charas  mattaus,  dels  mattuns  non  's  fidai, 
10  Perche  que  ch'  eis  dischan   inguotta  non  ais. 

Pevche  que  ch'  eis  dischan  la  saira  pel  vaira, 
Schi  la   daman   inguotta  non   aise. 

Perche  que  ch'  eis  dischan  la  saira  del  buo, 
Schi  la  daman  snejan   sco  'Is  minchuus. 

15  Perche  que  ch"  eis  dischan  la  saira  del  sgür, 
Schi  la  daman  non  aise  pur. 

Insomm'  insomm,  insomma,  chi  sun  razzas  buserunas, 
E  quellas  chi  'Is  crajan   sun  tantas  lumbardunas. 

Insomm',   insomm',   insomma,   chi   sun  razzas  maledettas, 
E  quellas  chi  'Is  crajan  sun  tantas  mattas  schlettas, 


Volkslieder.  83 

45. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  254/5.) 
Eu  vegu  davent  da  cha 
Tuot  sconfortä 
Causa  ün   uom  bramä, 
Chi  m'  ha  il  cour   fura 
5   Cou   grand'  amur. 

Meis  cour  ais  conturbla 
Per  grand'  amur, 
Meis  cour  anguschiä, 
Dalet  quel   m'  aii   passä, 
10   II   sang  m"  ais   smort. 

Con  suas  dad  amur 
Sun  eu  lia; 

Chadainas  e  liaras 
Fermä  hau  ils  meis  maus, 
15  Ah,  crudeltä! 

Ah,  tschels,  cridai  cou  mai 
Per  ün  tal  cour: 
n  solai  plandschera, 
La  glüna  criderä, 
20  Hs  planets  per  mai. 

Stailas  da  grand'  onur, 
Considerai  vus: 
Ün  nom  usche  ama 
Am  ais  davent  sdrappä, 
25  Ah,  che  dolur. 

Tu  terra  non  tardar 
Da  portar  fluors 
Per  allegrar  meis  cour, 
Chi  arda  dad  amur 
30  Giand  as  spassind. 

Neir  V  aua  del  grand  mar 
Non  po  '1  rivar ; 
Ne  'Is  flüms  da  tuot  ii  muond 
Non  pon   neir  bricha  zuoud 
35  L'  amur  stüzzar. 


84  V^)lk8liecier. 

Addieu,   ah,   tu  mal  muond 
Gon  teis  dalet; 
Mia  guerra  ha  fiui, 
Meis  cuors  qiiel  ais  compli  « 

40   Aint  in  quist  muoud. 

Addieu,  cour  char  ama, 
Addieu,  pom  desidera, 
Addieu  tesor ! 
Ah   Dieu,   che  crudelta, 
45   Barbaritä. 

Guardai  da  uon  cridav, 
Larmar  per  mai  ingüu: 
II   sain  dessan  suuar, 
Meis  corp  per  compaguar 
'  50  Nel  champ  beä. 

46. 
(Romanische  Studieu  I,  Flugi,  p.  318). 
„Ai  schi  di,  tu  bella!  che  t' impaissest  tu? 
Am  fest  inamurer,   allura  am  laschast  qui. 

Fom  inamurer  infina  cha  tu  voust, 
Eu  at  di  aquia  cha  guir  mia  stoust. 

5        Chia  possaus  siner  aint  ed  air  inseramel  ster 
Saiuza  cha  quellas  lauugias,  chi  liu  uoss'  haun  miss  mel 

In  noass  economia  hegian  bger  da  's  masder, 
Ne  metter  aint  lur  nes,   ne  metter  sü  lur  sei. 

0  ama  chi  at  ama,  e  lascha  dir  chi  voul: 
10   Ama  tu  pur  nie,   chi  tuot  t'  he  do  mia  cour. 

Tuot  t'  he  do  mia  cour  e'  t  dum  eir  ma  persuma 
Ama  tu  pur  me  chi  me  nu  't  abaudum. 

Me  nu' t  abandum,  infina  alla  mort; 
0  marusa  chera!  tu  est  mia  confort. 

15        Tu  est  mia  vair  cunfort  da  cho  e  da  plümatsch : 
0  marusa  chera!  ve  uo  süu  min  bratsch. 

Nus  vulains  uossa  ir  sü  per  1'  Ingiadigna, 
Üu  rova  il  ris  e  1'  oter  la  farigna. 


Volkslieder.  *  85 

Allura  vulaius  ir  vi  per  la  Bargaglia, 
20  Ün  rova  il  ris  e  1'  oter  las  chastaguas. 
0  marusa  chera!  nu  't  astramanter 
Ch' avuonda  bastiiuedas  uu 't  gnaron  a  mancher.   — " 

„Mo  scha  bastunedas  eu  d'  he  dad  avair, 
Schi  ato  pur  a  chesa;  ch' eu  nu 't  vö  pü  vair." 

47. 
a. 
Salüd  del  spus  all'  arivo  in  chasa  della  spusa. 

(Romanische  Stuciien  I,  Flugi,  p.  310.) 

Alla  marusa  sum  rivo, 
Avaunt  sia  porta  m'he  farmö: 
„Ve  gio  bain  spert  e  lascham  aiut, 
Scha  tu  fest  qua  schi  sun  containt." 
5        „Chi  ais  chi  batta  usche  fich? 
Ais  que  amis  o  disamis  ? 
Da  quistas  uras  usche  tard; 
Eu  völg  savair,  uon   he  resguard." 

„Nu'm  fer  ster  quia  ordadour, 
10   Otramaing  im  dölg'  il  cour, 
Ma  nun  vuless  ch'  ingiüu  savess 
La  noss'  amur  la  declaress. 

Ami  eu  sum  ed  ami  bum, 
Ve  giö  schi  vezzast  schi  ch'  eu  sum ; 
15  E  num  cugnuoschast  tu  a  me? 
Ed  eu  sum  quel  chi  araa  te." 

„Chera  mamma,  ste  sü  eir  vus, 
Ch'  eu  crai  chi  saia  mia  eher  marus.,. 
„0  schi  vo  giö'  läse  ha'  1  guir  aiut, 
20  E  fo  ad  el  ün   bei  bivguaint." 

„Ve  aiut  tiers   me,   mia  amur  eher, 
Accio  ch'  eu  possa'  t  abbrancler; 
Sajast  bainvgnieu,  mieu  eher  amur, 
Quaist  at  dia  bain  da  tuet  mia  cour," 
25        „0  luug  mumaiut  cha  que  es   sto, 
Cur  ch' eu  da  te  m'he  luntauo; 
Mais  m'  eiran   ans,   dis   m'  eiran   mais, 
E'  m  vaiu  be    mel  cur  cha  m'  impaiss. 


86  Volkslieder, 


0  dutsch  momaint  cha  quist  ais  baiu, 
30   Da  't  pudair  brancler  in  mieu  sain, 

Mia  nöbla  flur!  mia  dutsch  tesor! 

Tu  pegn  at  duu  mia  giuven  cour. 
Contaiut  sun  eu  pel  cert,   pel  vair^ 

Te,   bella  rosa,  da  giodair, 
35   Da  tia  persuna,  da  tia  fer, 

Chi  m'ho  fat  taunt  inamurer." 
„„L^amur,  1' amur  ais  un  liam 

E  chi  ch  'il  prova  sainz'   ingianu, 

E  chi  chi  prova  quella  sort, 
40   Disch:  1' ais  pü  ferma  co  la  mort. 

Viva  1'  amur  e  sieus  plaschairs ! 

Viva  tuot  quels  chi 's  vöglian  baiu! 

Viva  V  amur  la  bella  flur, 

E  chi  la  gioda  con  honur! 

b. 

(Annalas  XI,  Vital,  p.  215.) 
Alla  marusa  sun  riva, 
Infiu   süu  porta  m'  ha  f'ermä. 
Chi  ais  chi  batta  usche  fich, 
Aise  amis  o  inimis? 
5  Ami  ch'  eu  sun  ed  ami  buu, 

Ve  gib,  schi  vezzast  quel  ch'  eu  suu. 
0  mamma  chara,   stat  sü  eir  vus, 
Ch' eu  crai  chi  saja  meis  char  marus. 

0  figlia  chara,  sta  sü  be  tu, 
10  E  fa  ad  el  üu   bei   baiuvguü, 
0   mamma  chara  dit  am  il  lö, 
luua  ch'  ais  il  battafö. 

0  figlia  cliara,   sein  guard^iutuoru, 
Eu  crai   ch'  el   saja  süu   bocca  d'  fuoru. 
15   Süu  bocca  d' fuoru  ha  eu  guarda, 
Sün   bocca  d'  fuorn   1'  ha  eu  chattä. 

O   schi    ve  aint,   tu  meis  cour  char, 
Acciö  ch'  eu'  t  possa  abbratschar. 
0  schi  ve  aint,  tu  meis  dalet, 
20  0  schi  ve  aiut  suot   il  meis  tet. 


Volkslieder.  87 

0  schi  ve  aint  tu  meis  cuffort, 
Accib  ch'  eu'  t  ama  fin  la  mort. 
Con  grauda  brania  t'  ha  spettä 
Ed  alla  fin  est  arriva. 

25   Ah,   eu  sun  bain  zuoud   fortünä 
A  'm  vair  da  tai  fich  bain  amä. 
Tu,   meis  araur,  amast  a  mai, 
Ed  eu  nou  bram  oter  co  tai. 

Viv'  ils  amants  ed   eir  1'  amur, 
30  Evviva  quels,   chi  s'  aniau  da  cour, 

Evviv'  ils  coui's,   chi   nou   hau   fosda, 

Evviva,  chi  va  con  realtä. 

Evviv'  ils  mats  e  las  mattaus, 

Evviva  quels_,  chi  portan  crauzs. 
35   Evviv'  ils   homeus  e  lur  dunnans, 

Evvivva  quels,  chi  hau   infants! 

48. 
(Annalas  VII,  Derin,  p.  62.) 

Masura  chara  damau   vegu   a  faira 

Schi  dim  o  chara  cha  tu  vost  ch'  eu  't  maiua? 

0  marus  char   scha  tö   vost   alch  mauar 

Schi  maina*  m  saida  per  far  üu   scussal. 
5   0   schi  la  saida  es  fiiigiä  cumprada, 

Fingia  cumprada  mo  nö  j'  amo  pajada. 

0  scha  pajada  ch'  eil'  amo  nun  es 

Shi   bütt'  la  via  e  lasch'  ingio  ch'  eil'  es. 

0  CO  tu  tschantschast  d'  üua  paca  scorta! 
10  Las  mattas  scortas  portan  tschoccas  cotscbnas. 

0  quella  jada  tli   m'  hast  dumondada 

0  füss'  eu  statta  sün  let  rumanzada! 

0   quella  jada  ch'  eu  u'  ha  dit  da  schi 

0   füss  eu   statta  in   fond  da  meis  uil 
15   0  quella  jada  cha  'ns   vain   raiss  insembel 

0   füssast   statta  aint   sül  cuolraen   d'Feuga 

Sül  cuolmen   d'  Fenga  aint   sot  quella  pedra 

Cha  eu  e   tu   ma  nou'  s  vossan   viss  plii! 


88  Volkslieder. 

49. 
(Anualas  VI,  Deriu,  p.  55.) 

Bella  dim  co  1'  es  passada 
Teis  cor  hast  da  mai  retrat, 
Tia  atnur  es  rafraidada, 
Che  me  es  la  causa  statV 
5  Non   bai  eu  cuu  üu  cor  bun 
Vers  tai  fat  raia  obligatiuu? 

Ma  qualcba  qiierela  forsa 
0  da  roba  o  da  dauers, 
Ha  teis  cor  usch^  maua 
10  Sco  chi  es  dvantä  cuu  blers 
Vaira  es  qiiist  sco  ch'  ün  disch 
11  dangr  curaonda  fich. 

Greiv  nun  pigl  eu  totta  via 
Alla  leiva  vögl  piglar 
1 5   A  chi  plascha  1'  araur  mia 

A  chi  nu  plascha  vögl  laschar. 
Containt  stun   sco  ch'  eu  sun 
Schi  non   saiut  cridar  ningün. 

Schi  containt  sun  eu  adüna 
20   Aint  in  tot  meis  tor  a  mau, 
11  tschel  po  am  dar  fortüua: 
Forsa  hoz  oder  daman 
As  po  müdar  d*  as  müravglar 
Et  il  pover  rieh  dvantar. 

25  Eir  scha  tu  'm  bandunast  uossa 
Ma  non  vögl  eu  at  ödiar, 
Meis  cor  saimper  vers  tei  inossa 
Tot  il  baiu   d'  at  giavüschar. 
Viva  bain  sco  chi  's  convain 

30  Sia  teis  cor  d'  algi'ezia  piain. 

Eu  nu  sa  'm  dar  cuolpa   ingüna 
Quai  stovrast  tu  svessa  dir 
Cha  meis  cor  vers  tai  adüna 
Ma  non  ha  voglü  guinchir. 
35   Ma  buus  pleds  e  buns  efets 
As  flisaja  or  d'  ün  cor  net. 


Volkslieder.  89 

'M  demossar  stögl  eu  aquia 
Sco  cha  vissa  ma  nun  't  vess 
Ma  la  cuolpa  quella  es  tia 
40   Dal  (lefet  clia  eu  patesch, 
0  dolur  quai  foro  il  cor 
As  rlismetter  da  1'  amur. 

Cun  dalet  pro  tai  eu  jaiva 
Per  pudair  be  discurir, 
45  L'  amur  perder  uu  vulaiva 
Ma  sco  'n  müt  stögl  davent  ir 
Pili  nuu  crai  dad  esser  bain 
In  teis  cor  scrit  aint  dad  aint. 

Perche  cüra  ch'  eu  craiaiva 
50  Dad  esser  da  tai  ama 

Ögladas  e  pleds  am  deivast 

L'  ultim  sun  stat  ingianna, 

Uossa  sa  ch'  eu  nu  sarä 

In  teis  cor  ma  plü  amä. 
55   Uossa  at  dun  la  buna  not 

Sta  bain  cun  il  charischem  teis, 

Or  d'  imaiut  at  lasch  eu  tot 

lischt  es  stat  vögla  da  Deis 

Eu  dscharä  quai   es  passä 
60   Usch^  es  stat  ordina. 

50. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  164-166.) 
Üna  saira  sun  eau  sto 
In  üu  zardin  ün  po  fermo; 
Lb  he  vis,  16  he  vis 
0  che  bellas  rösas! 

5  Tuottas  dad  ün  cotschen  flu, 

0  che  dalettus  zardin! 
0  che  bei,  o  che  bei, 
0  che  bellas  rösas! 

Ma  staud^lo  eir  a  guarder, 
10  Tuot  suspais  a'  m  impisser, 
Schi  rivet,   schi  rivet 
Üna  frizza  granda. 


90  Volkslieder. 

E  quella  m'  ais  arriveda 
In  mieu  cour  'na  tal  fureda, 
15  Sco  üu  tschierv,  sco  ün  tschierv, 
Cur  ch'  el  vain  ferieu 

Dal  chatscheder,  ch'  ais  iin  hom, 
Tira  üua  balla  d'  plora, 
Fermamaing,  fermamaiug 
20  Resta  16  ferieu. 

Per  ils  gods  con  grand  turmaint 
Vo  el  derasand  sieu  sauug, 
Surportand,  surportaud 
Tiiot  la  sia  fadia. 

25  Usche  ais  la  mia  dolur 

,     Tanta  grauda  iu  meis  cour! 

Pover  nie,  pover  me, 

Povra  vita  mia! 

Eu  he  roba,   he  dauer, 
30  Ed  üuguotta  po  güder 
Per  guarir,  per  guarir 
La  mia  grand'  ferida. 

Chi  so,  scha  quella  ch'eau  am 
Ho  sieu  cour  scu'l  diamaut? 
35  Nun  poss  pü,  nun  poss  pü 
Supporter  tel  painas. 

0  vus  chers  utschellets, 
Tuot  svanieus  suu  mieus  dalets, 
Transportos,   transmüdos 
40  Sun  in   painas  grandas. 

Nun   chante  per  allegrer 
Quella,   chi   uu'm  voul  amer, 
Per  la  mia,   per  la  mia 
Grauda  disfortüna. 

45  Ma  tar  quella  vögl  eu  ir, 

Quaists  duos  pleds  la  vögl  eu  dir: 
Meis  cour^alguer  e  suspürer 
Sto  per  causa  tia! 


Volkslieder.  91 

Eau't  giavUsch  lau'm  der  la  mort, 
50   Ma  fo'm  viver  da  cuffort; 
Fo'  ra  flurir,  fo'  m  seutir 
In  mieu  cour  algrezcha. 

Scha  tu  uu'  m  voust  der  cuffort, 
Schi  giavUscha'm  be  la  mort 
55  Per  glivrer  d' indürer 
Painas  dolorusas. 

Mort,   o  mort,  ve  co  viciu, 
A  mieu  viver  metta  fin. 
Que  ais  der,  ch' eu  morir 
60  Sto  per  causa  tia. 

51. 
(Romanische  Studien,  Flugi,  p.  333/4.) 

Tu  ast'  na  bocca  sco'  ua  nekla, 
Chia  cur  t'vez  meis  cour  s'allegra, 
Tu  ast  'na  bocca  tanta  fina, 
Teis  congual  nun   ais   brich  üua. 

5        II s  teis  bels  ölgs  nairs, 
Quels  am  fan  inamurar, 
Cura  ques  im  guarden, 
Schi  meis  cour  sto  algar. 

Ils  teis  bes  mauns  straglüschen, 
10  Be  sco  ÖS  dad  elefant, 

Tout  meis  giavüschs  at  giavüschen, 
Mo  teis  cour  eis  da  Diamaut. 

52. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  263—65.) 
In  cas,  chi  s'  imbatta 
Quai,   ch'eu  vegn  tscherchand, 
'Na  prusa  bella  matta 
Lura  vegu  eu  chattand. 
5  Pel  vaira,  pel  vaira, 
Ch'  eu  at  di  da  vaira, 
luguotta  vegn  spargnand 
A  quella  da  cumprar. 


92  Volkslieder. 

A  quella  cumprera 
10   Zuond  bei  da  la  vestir, 
E  con  ineis  bei  daner 
Da  Frantscha  vögl  far  gnir 
Pau  fin  craiuesin, 
Schi  eir  da  la  vestir 
15  Las  sias  bei  las  s-charpas, 
Ch'  la  possa  bin  saglir. 

Duos  abits  vögl,  ch'ell'haja, 
Üu  blau  e  1'  oter  nair ; 
Lura  la  rifara 
20  Ün  bei  büst  dadoura, 
Cnrschins  dals  plü  fins 
Manazins  ed  uracbins, 
Cha  cur  ch'  ella  porta 
Chi  glüschera  zuond  be. 

25  Lnra  la  cumprera 

Eir  pan  dad  üu   libsbruch, 
Liira  la  drizzera 
Tamasc  dad  ün  brastoc, 
Eir  bels  ed  eir  bindeis 

30   Ch'  la  mai  uon   ha  vis  sco  quels, 
Indianna  ed   eir  quadrata, 
Eir  quai  la  drizzera. 

Fnzöls  'na  quantita 
A  quella  vögl  drizzar 

35   Suainter  sais  dalet, 

Dech  schi  suu  bunmarchä: 
Pel  vaira,  pel  vaira, 
Cha  cu  'la  di  da  vaira, 
Quai  po  'la  baiu  zuond  crair, 

40   Cha  quai  la  drizzera. 

Da  spaisas  mangiativas 
Non  vögl  laschar  mancai', 
Buns  pcschs   e  sulvaschina 
Quai  la  vögl  drizzar. 


Volkslieder. 

45   Sia  bella  donsella, 

Chi  serva  decb  ad  ella, 
Tiiot  puai  cb'cUa  comanda 
Sara'l  qua  per  far. 

Fintaot  la  buorsa  dura 

50   Quai  la  vögl  drizzar, 
Vin  cotschen  e  vin  uair 
Dal  plü  bun,  chi  's  po  avair. 
Pel  vaira,  pel  vaira, 
Cha  eu  la  di  da  vaira, 

55   Quai  po  Ma  baiu  zuond  crair, 
Cha  quai  la  vögl  drizzar. 

Fiiitaut  cha  la  matta 
S'  couteuterä  daffatta, 
S'  contentera  da  prus 
60  D'  avair  im  bei  marus, 

Chi  la  darä  üii   tal  dalet 
Con   bainvoglieiitscha  iuaudret. 
E  cur  cha  quai  uou  po  güdar, 
Tour  üua  sua  e  la  stranglar. 


53. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  222.) 

Eau  sun  sco  '1  tscbierv,  chi  ais  ferieu, 

Chi  fügia  dal  chatscheder 

In  ün  desert  cuu  grand  dolur, 

Sieu  maun,   chi  nun  voul  ceder. 

5  luua  ch'el  vo,  schi  ho'l  nel   cour 
'Na  frizza,  chi  '1  turmainta. 
El  vo  pertuot  cun  sia  dolur, 
Sa  pleja,  chi  '1  foraiuta. 

0  quella,  chi  la  frizz'  ho  trat, 
10  Am  ho  il  cour  fureda: 

Quella  mieu  cour  am  ho  furo 
Con  dand  qualche  öglieda. 


93 


94  Volkslieder. 

0  che  ögliedas,  o  clie  spinas 
Sun   in  mieu  cour  fichedas; 
15   Ma   'Is  spins  am  füssan   eir  charins, 
Scha  füss  amur  sincera. 

Ma  tuot  sieu  grand  dalet,  cba  1'  ho, 
Da  'm  vair  a  suspürer; 
Perque  soffrir  mieu  cour  nun  po, 
20  Traunter  ils  torchels  ster. 

Uoss'  am  resolv  d'  üu  cour  contrist 
Davent  da  'm  retirer 
Sün  ün   ot  munt,  e  di  e  not 
Allb  saimper  crider 

25  0  tu  ma  chera,  che  voust  fer, 
Seh'  eau  sun  ardaint  d'  la  fossa, 
Schi  ve  almaiu  a  'm  compagner 
Cun  crauuzs  e  cun  fluors  cotschuas. 

54. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  222.) 

Ve  nan,  tu  meis  dalet, 

Da  nan  tu  teis  man  dret, 

Ve  nan  ün  pa  pro  mai, 

Schi  discurrin  nus  dalla  lai. 

5  Via  pro  tai  vögl  ir, 

Ma  dalla  lai  na  discurrir,        ^ 

Via  pro  tai   vögl  star, 

Ma  na  tschantschar  da'm  maridar. 

Vögl  ir  ün  an  intuorn, 
10  Per  vair,   sch'eu  chat  üna  fluor, 
Seh'  eu  chat  üna  plü  bella, 
Schi  vögl  eu  tour  a  quella. 

55. 
(Nach  Ms.  Ql.) 
[f.   15**]       0  ßöesa  gratziusa, 
Par  tai  aug  fuspür, 
0,  staila  allegraivla, 
Tu  esch  meis  thesaur! 


Volkslieder.  95 


5   Una  friza  subita 

Escli   tratta  in   meis  cour, 
Chia  fuolla  ais  quella 
Cuu  taunta  diilur. 

Teis   ire  &  teis   rire 
10   Im   ha  fatt   inamurar, 

Ilg  tschautscbare  &  guardare 
Im  fa  eil*  allegrare. 
Teis  oelgs  sua  quelse, 
Chi  m  faun  inamurar, 
15  Cuu  laede  sulette 
ston  eug  usche  trar. 

Eug  n  haje  ä  taje 
Eil-  hier  visitae, 
Cuu  rouse  su8p(u)[ü]rse 
20   suvent  saludae. 

0,  Gilgia  tsehautilla, 
Nu  n  defsas  qua  fare 
Cuu  quell a  fidel a. 
Hg  teis  amur  cbiare. 

25  Tu  esch  quella  crudela. 
chi  iiuu  s  poa  dir  oura, 
0,  marusa  gratiusa, 
cha  hasch  in  teis  coui'e? 
Ilg  cuflPortae  ais  morte, 

30  Tu  pousche,  scha  tu  vousche, 
A  mai  imprastare. 
Ten  cor  ai  plü  dure 
Coa  ilg  spelm  dalla  mare. 

[f.   16«]  Eug  fvefse  havefse 

35  Sud  tai  fabrichiae 

Culg  coure  una  tuorre, 

Et  sun  ingiannae. 

Un  crappe  da  fatte 

Sa  stoa  lumiare, 
40   Palg  vaira  d(u)[a]  vaira 

Usche  löenck  süspürare. 


96  Volkslieder. 

Crueza,  düreza, 
Chi  nuu   s  poa  dir  oura, 
Marusa  gratziusa, 
45  che  hasch  in  teis  cour. 
Subita,  dandette 
Vöelg  tour  cumiae 
Da  tai,  o  siilai, 
Chi  esch   scht]g]üir  dvantae, 

60  Nuu  quella  fidela, 

Nun  t  ha  schkiüsa  plüe, 

Tu  hasch  fatte  äsche  a  tuotse, 

Que  chi  tu  hasch  pudue. 

Sta  sauna,   tu  vauna! 
55  Tu  dura  da  tschaira 

Inglur  palgvaira 

Nun   chiattent  cuugual. 

Matunse  k  chiarinse, 

Guardaje   &  sratiraie 
60   Da  Igifchas  usche  f'aufsas, 

Ach,   püir  sparchiuraie 

0  matse,  nuo  tuotse, 

Vulain  tour  cumia 

Da  quellas  usche  bellas, 
65   Chi  saun  schnarantar, 

ludrette  che  fatte, 

Lain  nuo  gio  schuuquar, 

Cun  quellas  crudelas 

Brick  plü  tramalgiar. 

60. 
Üna  chianzun  da  inamuramaintt  da  posval  juven. 

(Nach  Ms.  And.) 

[f.   5*]       Lattschana  eir  in  pa  dir, 
Da  CO  ch  in  va  amaun. 
Meis  cour  quell  stuva  murrir, 
Giont  usche  via  e  nauu, 
5  stou  efser  eir  usche, 

Schi  in  rumpa  eug  ilg  tscharve. 


V(.lkslieder.  97 


Scha  nofs  duos  ius  den  8pnralglar(e), 
Da  let  stoxi  eng  scblupar, 
0   staila  d  la  dainauii, 

10   Et  eir  tia  caruua, 

Eug  vles  ch   tu   ngissafs   uaun 
cun   tia  stolza  parfnna(e); 
pro   tay  les   eng  gient  star 
E  ma  nun  s  voiil  adar. 

15  Tia  vita  plafchaivla(e) 
Les  eug  guageut  amar, 
Ilg  bain,   cli  eu  a  tay  voelg, 
Nun  po   iugün   dir  oura. 
Et  tu  taschas  chia  moe 

20   E  ma  uuu  discli   da  m   tour; 
A  may  saimpar  iucresscha, 
meis  letd  pur  singroudefsa. 
0  nar,   chi   s  inamura 
siiu  femmnas  mafsa  in  prefscha! 

25  scbi  s  porfsa  nauu  teis  raaun 
Cun  buna  pachienza, 
]f.   6*]  Chia  jngün  a  may  nun  sforsa, 

Chieu  fettscha  nautra  pauteuza, 
Eir  rir,   chi  pofsam  maj(e). 

30  Les  deis,  ch  eu  saves  far, 

Chi  a  may  nun  m  iucrafschefs, 
La  les  eug  iugianar, 
pur  chia  ingün  nun  savefs. 
Eug  voelg  tuot  laschar  star, 

35  I  voelg  cun  boeu  pruar; 
seh  ella  a  may  nun  voul, 
schi  la  volgia  blasfmar. 
cun  tuot,  vuo  bella  matta, 
Nun  s  voelgiat  stramantar; 

40  Bavengia,  chi  sa  fatta, 

Scha  vuo  laig  cun  maj  guagiar. 
Quel,  chi  a  fatt  quista  chianzun, 
Ais  ün  juven  da  maridar, 
chi  porta  ün   püschal   penas, 

45   ch   eil   ais  ün   uar  da  femnafs, 
Da  queufs  chi  schiatan   blerfs. 

Romauische  Forschungen  X.W'II.  1. 


98  Volkslieder. 

57. 
Chianzun  supra  üna  ehr...  ludant  chün  l'hegia  dumandas. 

(Nach  Ms.  Cad.) 
[f.   1^]  Cun  üna  mata  bella 

He  eau  bgier  tramaglio, 
Schi  s  ho  la  trata  ad  ella, 
que^chia  nun  ves  piso. 

5  Cun  üna  mata  bella 

Nun  s  po  brig  tramagier, 
ch  la  s  vo  daluu  ludand, 

ch  ün   faia  sto  alla  dumauder. 

Ma  ve,  6  mata  bella, 
10        que  me  nun  daivast  fer, 
Ad  ir  ad  a  cusglier, 

Anns  CO  eau  ges  ad  damander 

Per  che  mia  marusa 

He  eau  sü  züra  in   tschel, 
15  quel  ais  mieu  Jesu  christ, 
quel  pera  fulet  bele. 

Et  ma  compaguia 

Ls   Aungels  et  beos, 
quel  ais  mia  allegria 
20        et  fpusa  mia  ameda. 

Pertaunt  fchi  cradanter 

am  lasch  cun  tramagier, 
Ma  ella  as  vo  ludand, 

chia  loia  sto  alla  dumander. 

25  Mo  ella  cun  vardet 

aque  fat  nun   po   dir, 
Per  taunt  völg  aviser, 

Ch  nü  vöglias  im   prescha  ir. 

Ma  cert  ilg  mieu  parair, 
30        ais  fchi  da  tramaglier, 
Ma   il   mieu   fen   palvair, 

zuond  brichia  da  dumander. 


Volkslieder.  99 


Pertaunt  s  po  la  fparguier, 
Da  s   ir  usche  bravaud; 
35   Perche  chia  eau  cufaser, 

Pudes  eir  eau  quaist  taunt. 

[f.   l'']        AI  muoud  völg  eau  lascher 

Bain  zuond  lg  fieu  mautir, 
Mo  eau  am  völg  flisager 
40        al  mieu  Dieu  ä  fervir. 

Quel  mia  radschun   p  cert 
Vain  a  fer  giiir  a  glüscha, 

Mo  als  mauzueders  fpert 
a  fer  ir  in  schUrdüna 

45  Inua  cbia  crider, 

Plaunser  e  grand  bragir, 
Sgrizcbiaud  Is  dains,   ürler, 
Alo'Ta  foul   feutir. 

Mo   schi,  vus  chers  fidels, 
50        güincbin  eir  dal  mantir, 
Scba  Dus  desiderains, 
in  tschel  lo  Tu  da  gnir. 


58. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  277.) 

Ad  üna  matta  bella 
Ha  eu  lönch  tramagliä, 
Schi  s'  ha  'la  trat  ad  ella, 
Ch'  eu  haja  domanda. 

5  0  di,  tu  matta  bella, 
Devast  avant  spettar, 
Devast  avant  spettar, 
Ch'  eu  gess  a'  t  domandar. 

Lura  podaivast  ir 
10  E  con  bocca  piain a  dir: 
Quel  giiiven  ais  stat  qua, 
Ed  eu  1'  ha  tramiss  a  chä. 


j^QQ  Volkslieder. 


59. 
(Annalas  VII,  Deriu,  p.  62—3.). 

La  buua  saira,   meis  char  spus, 
Vuless  tschautschar  duas  pleds  cuu  vus! 
Jofaliolela  jofalia. 

ScLa  vus  Clin  me  Vais  da  tschantscher 
5   Schi  cun   pocbs   pleds   as   fat  incler 

Perchfe  passond  davant  me  her 
Nun' s 'vais  degnö  d"  am  salüder? 

Scha  salüdeda  ch'  eu  nu'  s  he 

Crai   baiu  d'  havair  radschun  per  que. 

10  0  cour  mieu  usche  eher 
Sto  que  propi  dvanter 
Cha  tu  stoiist  ir  davent? 
Ajo,  so,  so. 

Ach  pudess  mieu  cour  eher 
15   Quell'  ura  bod  river 
Ch'  ün  gniss  am  s uterer 
Ch'  ün  bei  vasche. 

Cuu  craunz  gnissast  alur 
Süd  mieu  vasche  cun  honur 
20  Gnissast  tu  am  purter. 
Ajo,  so,  so. 

0  cour  mieu  usche  eher 
Mieu  giavüsch  füss  eir  sto 
Pudessan  in  ün  di 
25  Aus  suterer. 

Usche  stovains  glivrer 
Nos  plondscher  tanter  per 
Per  ans  stovair  partir 
Ajo,   so,  so. 

30   Schi   vöglia  giavüscher 
Cha  Dieu  at  vöglia  der 
Tuot  quai  cha  tieu  cour  eher 
Po'  8  impisser. 


Volkslieder. 

Da  uo  tieu  mauu  a  mi 
35  E  tuocha  mauu  a  mi 

Auuz   co'  ns  partir  da  qui 
Ajo,  so,   so. 

Dieu  chüra,   vest  davent, 
Ils  tais  saron  cuutaiuts 
40  Ma  forsa  per  poch  temp 
Ajo,  so,  so. 

b. 

(Annalas  XI,  Vital,  p.  216-7.) 
La  buua  saira,  meis  cbar  spus, 
Eü  v'less  tschantschar  duos  pleds  con  vus. 

Duos  pleds  con  mai  volais  tscbautschar, 
Schi  con  pacs  pleds  as  fat  incler. 

5  Vus  m'  eschat  passä  daspera  via, 
Nou   s'  vais  degua  da  'm  salüdar. 

Scha  salüdada  eu  nou   s'  hai, 
Schi  ha  eu  la  radschun  per  quai. 

Nou  staivat  esser  usche  'ndiscret, 
10  Non   staivat  crajer  in  vardet. 

Eu  ha  baiu   vis   eir  V   oter  di 
A  discurrir  cou   quel  ami. 

Non  staivat  esser  üu  crudel, 
Vus  staivat  dir,  chi  chi  ais  quel. 

15  Chi  chi  ais  quel  as  vögl  baiu  dir, 
Ch'  el  ais  eir  ün  da  voss  amis. 

Non  staivat  esser  usche   'udiscret, 
Nou  staivat  crajer  in  vardet. 

Eu  ha  baiü  vis  eir  1'  oter  di, 
20  Cha  cou  partir  as  vais  bütschats. 

Gui  uau  eir  vus,  il  meis  char  spus, 
Eu  sa  d'  avair   saimper  amur. 


101 


102  Volkslieder. 

Amä  cha  'm  vais  que  crai  eu  baiu, 
Ma  ua  da  coixr,   sco  chi'  s  convain. 

25   Che  volais  viis  eir  oter  dir, 

Scha  saimper  s'  ha  amä  dal  sgür. 

Vus   crajais   da  ^n   far  il  strapatsch, 
Schi  sün  ineis  cheu  port  il  chap6. 

Scha  sün   vos  cheu  portais  chape, 
30  Schi  la  baretta  porta  meis. 

Eu  sun  contaiut  da  meis  destin, 
Cha  1'  amur  nossa  fa  üna  fin. 

Schi  Buetigott  il  meis  char  spus, 
In  mau  da  Dieu  as  di  a  vus. 

60. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  253.) 
La  libertä,  della  giuveutüu 
Ais  baiu  ün   nöbilissem  duu. 
Viva  la  libertä,  viva  chi  quella  ha! 

lutant  ch'  eu  suu   usche  giuvnet 
5   Vögl  giodair  ma  libertä. 

Viva  la  libertä,   viva  chi  quella  hal 

Intanter  oters  üu  eu  suu, 

Chi  gioda  quel  nöbilissem  dnu. 

Viva  la  libertä,  viva  chi  quella  ha! 

10  Neir  massa  bod  uo  'm  vögl  maridar 
Aint   in   chadainas  am   rantar, 
Viva  la  libertä,  viva  chi  quella  ha. 

61. 

(Annalas  XI,  Vital,  p.  179.) 
Eu  vegn   in  ma  chasa,  eu  vegu  in   meis  let, 
E  seh*  eu  uou  ha  duouua,   schi  dorm   eu  sulet. 

E   seh  eu  non   ha  let,   schi  dorm  eu  sül   stram: 

Las  pennas   uo'  m  fouran   e'  Is  pülschs   no'  m   dau    dau. 

5  E  sch^eu  uou  ha  stram,   schi  dorm  eu  sül  fain ; 
Las  pennas  no'  m   fouran,   e  stun  lara  e  baiu. 


Volkslieder.  103 

62. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  257—8.) 
Mias  avaiuas  sun   tuot  smissas 
E  meis  cour  sta  stupefat, 
Vezziand,  cba  nii'   algrezia 
Ais  tuot  vana,   sclii  daffat. 

5  Vezziand  üna  persuna, 

Chi  desdisch  d'iin  innozaint, 
Causa  da  mia  vegldüna 
Sto  patir  üu  tal  turmaint, 

Eu  giavüsch  solum 'na  grazia: 
10  Tuottaffat  da  iiu 'ra  desdir, 
Vezziand,  cha  qui  sün  terra 
Stögl  meis  dis  usche  finir, 

Addieu  cour,  da  mai  amada, 
Addieu  cour  desiderä, 
15  Addieu  uom  usche  amabel, 
Addieu  pom  da  mai  amä. 

Ils  suspürs  sun  mia  spaisa 
E  larmas  meis  passatemp; 
Que  ais  scbi  mia  bavranda, 
20   Quella  ba  eu  da  contin. 

63. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  316.) 
,.Be  üna  mogla  uu  po  fer  farigna, 
Cha  que  voul  duos  clii  sajeu  bain  parüna. 

A  laver  pans  voul  ova  e  savum, 
E  a  fer  1'  amur  voul  que  discretium, 

5        A  laver  paus  voul  üna  lavandera, 

Per  fer  1' amur  voul  que  fer  bella  tschera. 

Mo  bella  tschera  fatsch'  eu  cun  dalet, 
Mo  spraunza  d'  eia  be  dad  ün  sulet. 

Be  dad  üu,    o  forsa  eir  da  duos, 
10   E  quel  chi'  m  guarda^  quel  ais  mia  marus."  — 

„Marusa  chera,   di  'm  d'  ün   cour   siucer, 
Che  ch'  eu  a  feira  dess  at  cramager. 


104  Volkslieder. 

Voust  cha'  t  cramagia  pau  da  fer  ün  büst? 
0  voust  valüd  da'  t  fer  ün  bei  chapütsch?"  — 

15        „Scha  tü'm  voust  mner,  schi  maina  sett  auels, 
Ma  guarda  bain  cha  quels  sett  saiau  bells."  — 

„Marusa  chera,  tli  vest  alla  granda: 
Nu  't  atrupagiast  d'  üna  tel  dumauda? 

Tu  stoust  pigler  quels  ch'  eu  at  dum, 
20  Eir  scha  füssan  be'  lutum." 

64. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  334.) 

Eu  sto  quintar, 
Cun   displaschair, 
Cha  quint  ais  fat 
E  sto  valair. 

5        0  charas  rösettas! 
Giüdam  suspirar: 
Las  s^hiarpas  sun  fattas, 
Viadi  stölg  far. 

A  far  viadi 
10   Quintai   sü  indret, 
Stuvair  baudunar 
Quist  bei  tramaglet. 

Quai  am  da  dolur 
Aint  in  mia  cour^ 
15  Nu  poss  far  oter 
Cha  '1  sto  dir  our. 

S'  giavüsch  a  tots 
In  gianaral, 
Nai   fat  inqualchasa 
20   Nun  ajat  par  mal. 

S'  giavüsch  a  tots 
Una   buna  not, 
Cha  Diou  is  mantegna 
In  buna  sandat. 


Volkslieder.  105 

25        A  far  blers  pleds 
Nu  sun  adüsä, 
Las  sarimonias 
Nai  tuottas  sclimauchä. 

65. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p,  334.) 

Chiars  mats,   pigliä  par  böu, 

Quista  saira  ans  vaina  sön, 

E  per  quai  schi  volains  ir 

In  nom  da  Dieu  a  dormir. 

5        Daraan  a  saira  pudais  turnar, 
Allura  insembel  lains  leger  star, 
Per  pudair  riar  e  far  spass, 
E  cun  uos  chiars  star  a  tramalg. 

10       E  quei  ais  stat  la  velg'  üsanza, 
Ei,  schi  viva  chi  chi  la  dovra, 
Ei  schi   viva  quels  chi  hau 
Nossa  chara  libertä! 

Scha  füs  quia  ünqualchün 
15   Chi  nu  füss  da  noss  comüu, 
Schil   vulainsa  giavüschar, 
Cha  Diou  '1   vöglia  parchürar. 

E  uus  vulains  eir  giavüschar, 
Ün  'otra  saira  che'l  possa  turuar; 
20  Per  quista  saira  vulains  uossa  air 
In  nom  da  Dieu  a  durrair. 

66. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  209—10.) 
„Ste  a  Dieu,  eh'  eau  vegn  davent; 
Eau  pigl  cumgio,  ma  na  gugent. 
Uossa  nun  poss  plü  surtrer, 
Que  ais  que  chi  'm  fo  'mpisser. 

5  S'  iugrazch  a  tuots  in  generei 
Da  vos  cherin  ed  eir  bun  tramegl, 
E  cha  m'  hegias  eir  perdun o, 
Scha  füss  sto  ün  po  sundro." 


106  Volkslieder. 

„Complimaints  plü  nun  ste  a  fer, 
10  0  cha 'us  fessas  plü  a  da  eher, 
Da  rester  aunch  'ün  po  acquia 
E  giodair  nossa  cumpagnia. 

E  scha  que  nun  po  scuutrer^ 
Schi   volains  eir  giavüscher 
15   Ün  felice  e  bun  viedi, 

Cha  Dien  osta  da  tuet  cuntredi. 

E  cha  Dieu  as  fatscha  la  grazia, 
Da  turner  darcho  in  patria, 
Per  podair  lur'  ans  chatter 
20  Tuots  darcho  in   bnna  sandet.'' 


67. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  203-4.) 

In  Ollanda  viadi, 

Sapcha  Dieu,   seh*  eu  tuorn  a  chasa: 

Ost'  il  Segner  da  contradi 

Sül  viadi,   ch'  eu  farä. 

5   Dunqu'  addieu,   vus  bap  e  mamma 
E  vus  oters  frars  e  sours: 
Eu  ha  'na  macla  sün  meis  cour, 
E  quella  non  das-ch   eu  dir  cur. 


Pur  di   oura,  tu   meis  figl, 
10  E  non  esser  usche  civil; 

Scha  quella  macla  t'  poss  levar, 
Schi  quella  giuvna  t'  lasch  spusar. 

Dunqu'  addieu,   tli   mia  chara. 
Tu  per  mai  eir  non  cridar: 
15   Scha  Dieu  voul,   ch' eu  tuorn'  a  chasa, 
Schi  a  tai  vögl  eu  spusar. 

Sia  ch'eu  giaja  o  ch' eu  stetta, 
Schi  t' ha   saimper  in   imuiaiut ; 
Eir  seh'  eu   sun   da  mala  vöglia, 
20   Schi  't  giavüsch   eu   ogni   bain. 


Volkslieder.  107 

Eir  seh'  eu  vegn  con  eis  a  baiver, 
Fetscli  eu  fiuta  d'  esser  aiver, 
Fetsch  eu  fiuta  d'  esser  stuoru, 
Dschand:   viva  quella  cha  eu  am, 

25  Scha  la  spelma  dvantess  vigna, 
E   laudroura  gnissa  vin, 
Fin  ch'  ais  sang  iu  mas  avaiuas, 
T'  amerä  eu  da  coutiu. 

Seh'  eu  m'  iiupais  sün  quella  saira, 
30   Dis  ed   uras  e   momaints, 

Ch'  eu  cou  tai  eir  couversaiva, 
0  che  dutsch   impissamaint ! 

0  partenza  dolorusa, 
Cha  que  ais  bain  eir  per  mai, 
35   Separar  d'  ma  chara  spusa, 
0  che  trista  chos' ais  quai! 

Tocca  mau,  til  mia  chara. 
Tocca  mau,  eu  vegn  davent; 
Tuot  la  compagni'  am  spetta, 
40  AddieUj  chara.  e  sta  bain ! 

68. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  201—3.) 

0  spus'  adorabia, 
Nel  champ  sun  clamo: 
Piglier   stögl  aquia 
Con  dolur^  fadia 
5   Da  te,   o  ma  chera, 
Ün  trist  cumgio. 

Che  novas  crudellas, 
Chi  m'  haun  stovieu  gnir ; 
La  Charta  hersaira 
10   Dad  ir  iu   la  guerra 

M'  ais  guüda  pur  memma, 
Ch'  eau  stögl  am  partir, 

Schabain  ch^  eau  podaiva 
Que  CO  m'  aspetter, 
15  Tuottün'  in  quaist  etta 


j^Qg  Volkslieder, 

Da  te,  ma  diletta, 
Schi  que  non  crajaiva 
Ua  'm  stovair  separer. 

Dimena  prepara't, 
20  Pigl' auim,  mieu  cour! 
La  sort  ais  crudella 
Da  stair  lascher  quella, 
Chi  ais  be  suletta 
Ma  sprauuz'  ed  amur, 

25  Non  poss  am  resolver 
Davent  da  partir; 
Per  1'  ultima  geda 
T'  abbratsch,  mi'  ameda, 
Cha  '1  Seguer  am  lascha 

30  Tiers  te  inavö  gnir. 

Per  me  tu  non  plaundscher, 
Ne  vögliast  erider; 
Radschuu  bain  plü  granda 
'Vess  larmas  da  spauder; 
35  Perche  cha  la  vita 
Stögl  forsa  lascher. 

II  Segner  at  chüra, 
Ma  chera,   sto  bain ! 
T  couserva  fidella, 
40  Con  me  sajast  quella 
Sco  m'  est  saimper  steda 
Infiu  al  preschaint. 

Per  tel  rov'il  Segner 
Ed  ura  per  me, 
45   Ch'  obtegnans  victoria 
Sül  champ  della  gloria, 
Bainbod  cha  eau  possa 
Turner  co   tiers  te. 

Schi,  uossa  con  larmas 
45  Nels  ögls  eau  't  baudun, 
Cun  bütschs  e  salüds, 


Volkslieder. 

Saudet  e  giavüschs; 
Da  nu  'm  smancher  via 
Da  cour  t'  recomand. 

50  Vus  chers  bap  e  mamina, 
Eau  stögl  s'  banduner: 
In  sandet  Dieu  s'  lascha, 
La  grazia  am  fatscha 
Bainbod  cha  eau  possa 

55   Darcho   as  brauclor. 


m. 

(Annalas  XII,  Vital,  p.  274-5.) 

Giuven  sun  e  ha  pacs  ans, 
Sto  partir  davent  da  qua: 
In   il  ester  sto  guardar, 
Co  chi  passa  vi'  e  nau. 

5  0  cbe  miserabla  vita 
Ais  quella  d'  üu  viaudan, 
Sül   viadi  brich  savair, 
Co  chi  vaiu  ad  ir  a  man. 

Sül  viadi  bler  inscuutra; 
10  Ans  po  lur'  eir  arrivar, 
E  CDU  noschas  compagnias 
Aus  podain  uus  rechattar. 

Cur  nus  giain  nell'  usteria, 
Schi  nou  eschan  ueir  sgürats, 
15  In  uos  dormir  neir  brich  savaina, 
Co  con  nus  vain  a  passar. 

Scha  giains  in  mar,  schi  bler  inscuutra; 
Ans  po  Iura  arrivar, 
Bastimaint  tras  bleras  uondas 
20  Ans  po  '1  affatta  cupichar. 

Fetscha  Dieu  tras  grazia  sia, 
Cha  vus  s'  possat  rechattar, 
E  con  bunas  compagnias 
Dieu  eir  s'vöglia  compaguar. 


109 


IIQ  Volkslieder. 

25   Ed  eir  sün  la  uossa  cretta 
Dieu  as  fetscha  impissar, 
Ed  eh*  sün  la  via  dretta 
Seis  bun  spiert  s*  vöglia  manar. 

II  Suprem  as  benedescha 
30  Tuot  quai  cha  pigliais  per  man: 
Cba  VOSS  fats  bain  reuscheschan, 
Dieu  as  redscha  con  seis  man. 

Fetscha  Dieu,  cha  vus  s'  impaissat 
Sün  ils  VOSS  chars  genituors, 
35   Da  contin  cha  vus  quels  hajat, 
Cha  vus  amat  quels  da  cour. 

Ma  cur  cha  al  Seguer  plascha 
Darcheu  pro  nus  da  's  turnantar, 
Nus  s'  vezzaiu  coo   allegrezia 
40  Sans  in  nossa  patria. 

Ma  cur  Dieu  gnara  tras  grazia 
Our  dal  muond  tuots  a  'ns  manar, 
La  gnin  nus  con  efficazia 
Con  chanzuns   Dieu  a  lodar. 

69. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  212.) 

II  meis  Star  lejer  temp, 

Quel  ais  passa: 

Cur  eu  sün  quel  m'  impais, 

Stögl  be  cridar. 
5  Ma  eu  crajaiva,  seh'  eu 

Am  maridess, 

Ch'  eu'  vess,  ch'  eu  'vess  pel  vair 

Tuot  quai  ch'  eu  'less. 

Ma  uossa,   ch'  eu  sun  bain 
10  Eir  maridada, 

Schi  sun  tschient  milli  giadas 

Inrüclada. 

L'  ais  gnü  davo  con  pleds 

Fich  malizius, 
15  Per  forza  ha  stü  tour 

Quel  trid  clancus. 


Volkslieder.  111 

Quel   Dieu,  chi  'm  ha  lia, 
Vain  a  'm  sliar : 
Devotas  uraziuus 
20  Am  pon  güdar. 

70. 
(Auoalas  XIV,  Vital,  p.  272-3.) 

Ed   eira,   ed  eira 
Duos  cliaras  compagnas, 
Duos  cliaras  compagnunza8, 
Ai,  duos  charas  corapagnuuzas. 

5   Chi  'vaivan,  chi  'vaivau 
Üu   char  marus   inseiubel, 
Ün   char  marus  insembel, 
Ai,  üu  char  marus  iusembel. 

Ma  üna  chantaiva 
10   Tuot  que  la  podaiva, 
E  l'otra  staiva  trauri, 
Ai,  e  1'  otra  staiva  trauri. 

Compagna,  compagua, 
Ai,  chara  compagna, 
15  Perche  stast  usche  traura, 
Ai,  perche  stast   usche  traura? 

Pili  traura  cha  stun, 
Plü  traura  cha  vegn: 
Non  lasch  sieuer  a  tai, 
20  Ai,  uoii  lasch  sieuer  a  tai. 

Seh'  el  t'  ais  e,  seh'  el  t'  ais  e 

Da  Dieu  ordina, 

Non   vögl  bricha  sviar, 

Ai,  non   vögl  bricha  sviar. 

25  Sch'el  non  t'ais,  seh' el  non  t'ais 
Da  Dieu  ordina, 
Non  lasch  sieuer  a  tai, 
Ai,  non  lasch  sieuer  a  tai. 


[\2  Volkslieder. 

Qua  eir'  el,  qua  eir'  el 
30   Dadour  üsch,  ch'  el  tadlaiva 
Tuot  quai  chi  dscbaivan, 
Ai,  tuot  quai  ein  dschaivan. 

Kovaiva^  rovaiva, 
Cha   Dieu  il  cussgliess, 
3  5   Quala  ch'  el  'vess  da  tour, 
Ai  quala  ch'  el  'vess  da  tour. 

Seh'  eu  pigl  e,  seh'  eu  pigl  e 
La  povra  e  la  bella, 
Schi  mai   non  ha  eu  nüglia, 
40  Ai,   schi   mai  uon  ha  eu  nüglia. 

Seh'  eu  pigl  e,  seh'  eu  pigl  e 
La  richa  e  la  trida, 
Schi  giod  eu  bain  ma  roba, 
Ai,  schi  giod  con  pac  dalet. 

45  Plü  geut  e,  plü  geut  e 
Desch  voutas  plü  gent 
L'  aua  della  fontana 
Ai,  CO  '1  viu  our  dalla  zena. 


71. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  333.) 

0  che  nüua  lungia  via 
0  cha  na  da  chaminar, 
Ir  davent  da  ma  marusa 
Ir  davent  da  meis  cor  char. 

5  0  che  uras  luugurusas 
0  cha  quai  vain  am  parair, 
A  laschar  ma  chara  spusa 
Sainza  ma  la  pudair  vair. 

O  eu  veng  davent  sulet, 
10  Et  m' impais  sün  meis  dalet, 
Et  m'  impais  suvent    sün   quella 
Quella  vista  allegrusa. 


Volkslieder.  liS 

Ohara  bella!  sclia  tu  saintast 
Saintast  a  chantar  Is  utschels, 
15   Schi   ta  dessast   irapissar 
Ch'  eu   a  ti   fetsch   salüdar. 

SalUdar  cha  eu  at  fetsch, 
Eu  at  fetsch  da  tuot'nieis  cour, 
E  cha  t'  he  aint  in  meis  cour, 
20   E  cha  ma  uu  't  lasbh  ir  our. 

72. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  254—55.) 
Eu   vegn   in   vi   e   vegn   in   uan 
E  chat  per  tuot  da  far; 
Perque  schi  ha  tut  avant  mai 
Da  non  am  maridar. 

5  Pero  schi  gniss  üu  bei  giuvnet 
Suainter  il  meis  cour, 
Non  voless  dir  ne  na  ne  nun 
Da  non   il   volair  tour. 

Lura  non   'vess  eu  bricha  terama, 
10   D'  esser  ingiannada, 

Ma  ils   raattuns  quels  paran   buns 
E  sun  uoscha  brajada. 

Eis  dan  pleds  dutschs  be  sco  il  meil, 
Chi  fouran   tras  il  cour, 
15  Ma  la  malizia,  chi  han  aint 
Ingün  non  po  dir  our. 

Dadoura  via  paran  bels 
E  dadaint  sune  farisers; 
Dadoura  via  paran  buns 
20  E  dadaint  spiuan   sco  'Is  charduns. 

Ün  graud  dalet  ais  in  quest  muond 
D'  avair  marus  bels  mats; 
Ma  aucha  plü  felicitä, 
Schi  non   füman  tabac. 

Romanische  ForschuDReu  XXVII.  1-  8 


^^4  Volkslieder. 


25   Üu  grand  dalet  ais  iu  quest  muoud 
D'  avair  marus  da  vaglia ; 
Ma  ancha  plü  felicitä, 
Chi  nou   sajau  bavaders. 

Üu  grand  dalet.   ais  in  quaist   muond, 
30   D' avair  eir  im  bei  hom; 
Ma  ancha  plü  felicitä, 
Seh'  el  ais  ün  geutilom. 

Ün   grand   dalet  ais  iu   quaist  muond 
D^  avair'  na  bella  duonna, 
35  Ma  ancha  plü  felicitä 

Seh'  eil'  ais  'na  gentilduonna. 


73. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  210.) 

Ell  'vaiv'  üna  marusa 
E  pro  quella  staiva  gent; 
Quella  füss  stat  ma  ehara  spusa 
Seh'  eu  nou  füss  it  davent. 

5  11s  baius,  ch'  eu  la  vögl, 
Quai  ingüu  non   po  dir  our: 
Ma  tu  taschast  be  chamön 
E  mai  non  disch  da  'm  tour. 

0,  tour  t'  pigliess  eu  gent, 
10   8cha  teis  pleds  füssan  da  cour: 
Ma  eu  ha  'na  mala  temma, 
Cha  tu  'm  vögliast  suarrantar. 

O,  snarrantar  mattans 
Mai   non   sun   eu   stat'   düsä: 
15  Arno  main  pitschens  infauts 
Mai  non   ha  eu   ingiannä. 

O,   schi  da  nan  teis  mau, 
Teis  man  dret  sarä  la  fai, 
E  Dieu  guarda  sur  in  g'ih 
20  E  benedescha  uossa  lai. 


Volkslieder.  \\!S 

Uoss',    uossa  ha  dit   schi, 

Ha  dit  schi  con   meis   marus, 

0  che  allegraivel  di, 

Cha  quel  ais   stat  da  guir   meis    spus. 


74. 

a. 

(Annalas  VII,  Derin,  p.  62—64.) 

La  buna  saira,  meis  char  spus, 
Vuless  tscliautschar  duas  pleds  cun  vus! 
Jofaliolelo  jofalia. 

Scha  vus  cun  me  "vais  da  tschantscher, 
Sclii  cun  pochs  pleds  as  fat  iucler, 

5  Perche  passoud  davant  me  her, 
Nnu  s'  vais  deguo  d'  am  salüder? 

Scha  salüdeda  ch'  eu  nu'  s  he, 

Crai  bain  d'  havair  radschun  per  que. 

Scha'  vais  radschun  schi  dsche  pur  eo. 
10   Crai   da 's  havair  saimper  amo? 

Amo  cha  'm  vais  qiiai  crai  eu  bain 
Ma  na  da  cor  sco  chi  's  convain. 

Che  vulais  vus  eir  otcr  dir? 
Scha  saimper  's  he  arao  dal  sgUr ! 

15  Scha  vus  am  Vessat  bain  vulieu 
Schi  sgür  nun  füss  eu  stat  tradieu. 

Stovais  bain  esser  zond  ingrat 
A  dir  cha  tradimaint 's' he  fat! 

Eu'  ha  bain  vissa  1'  oter  di 
20  A  discurir  cun  quel  ami. 

Eu  d'  he  discuors  cun  quel  be  her 
Ma  na  sül  fin  da  's  ingianer. 

Cha  fetschat  quai  per  bain  o  mel 
Intant  la  sair'  al  dais  tramegl. 


j^lß  Volkslieder. 

25   Cha  vus  be  quist  dir  am  suoschais 
Ün   cor  crudel   havair  stovais. 

Meis  cor  es  bun  per  vos  avis 

Eu  noud  schess  quai  seh'  eu  uou  'vess  viss. 

Che  'vais  vus  viss?  che  pudais  dir? 
30   Giand   vus  daveut  vegn   a  durmir. 

Manzügnas  dschais  per  as  schüser 
Mo'  1  tradimaint  d'  be  viss  zuoud  der 

Scba  escbet  juven  dad  onur 

Dscbe'  in  che  möd  ch'  eu  n'  ha  fat  qu6? 

35   L'  bonur  meis  quel  es  pü  co  vos 
Cha  traditura  dir  as  poss. 

Cmi   dir  noschs   pleds   na  demossais 
Ingotta  d'  quai  cha  dit  havais. 

Tres  vossas  fueistras  d'  be  guardo 
40  Ün   sper  a  vus  d'  he  viss  tschanto 

Stovais  bain'  vair  ün  cour  crudel 
Scha  vus  uou  dschais  chi  eira  quel 

Quei  eira  prezis  quel  ami 
Cha  discurieu   'vais  1'  oter  di. 

45  Que  saro  sto  be  vos  suspet 

Chi'  s  farÄ  crair  quist  per  vardet. 

Vardet  ais  mieu  suspet  ua  fos 
Cha  as  partiud  ais   'vais  bUtschos. 

Cnn  dir  noschs  pleds  vus  dimostrais 
50  Cha  be  alcb  cunter  mai  havais 

Mategn  das9hais  pur  asgürer 

II  tradimaint  d'  he  viss  zuond  cler. 

Eu^  m  müravagl  da  vos  ardir 
Cha  suoschas  quist  avant  mai  dir 

55   Eu  suosch   dir  quist  avant  scodün 
Cuu  la  vardet  nou  tem  ingün. 


Volkslieder.  117 

Non  'vess  ma  cret  quetant  da  vus 
Crajeiva  d'  havaii-  ün  buii   spus. 

Non  'vess  fat  quai  ueir  qiiista  gieda 
60  Scha  giuvn'  onesta  füssat  steda. 

Schi   trat  dimeua  la  merceda 
Me  'm  'vais  fiu  uossa  siiaranteda. 

t-cha  vus  nou  'vessät  tant  tradi 
Meis  pled  havess  eii  sgür  raautgnü. 
65  Co  'vais  il  vöss  saiuz'   oter  dir 
In  quista  moda  's  lasch  eu  dir 

^Na  buua  part  del   oblig  vos 
Eendaiit  il   mieu   vus  qui  faros 

Schi   «pietigot»   il  raeis  char  spus 
70   In   man   da  Diou  as  di  a  vus. 

Eu  suu  cuntaiut  da  meis  destiu 
Cha  1'  amur   nos  ha  fat   'na  fiu. 


b. 

(Amialas  XI,  Vital,  p.  216—17.) 

La  buna  saira,  meis  char  spus, 

En  v'less  tschantschar  duos  pledscou  vus. 

Duos  pleds  CDU  mai  volais  tschantschar 
Schi  con  pacs  pleds  as  fat  incler. 

5   Vus  m'  eschat  passa  daspera  via, 
Non  s'  vais  degna  da  'm  salüdar. 

Scha  salüdada  eu  non  s'  hai, 
Schi  ha  eu  la  radschun   per  quai. 

Non   staivat  esser  usche  'ndiscret; 
10   Non   staivat  crajer  in   vardet, 

Eu  ha  bain  vis  eis  1'  oter  di 
A  discurrir  con  quel   ami. 

Nou   staivat  esser  ün  crudel, 
Vus   staivat  dir,   chi  chi   ais   quel. 


118  Volkslieder. 


15   Chi  chi  ais  quel  as  vögl  bain   dir, 
Ch'  el  ais  eir  ün  da  voss  amis. 

Nun   staivat  esser  uscbe  'iidiscret, 
Non   staivat  crajer  in  vardet. 

Eu  ha  bain   vis  eir  1'  oter  di, 
20  Cha  con  partir  as  vais  bütschats. 

Gni  nan  eir  vus,   il  meis  char  spus, 
Eu  sa  d'  avair  saimper  amur. 

Ama  cha  'm  vais  que  crai  eu  bain, 
Ma  na  da  coui-,   sco  chi  's  convain. 

25   Che  volais  vus  eir  oter  dir, 

Scha  saimper  s'  ha  amä  dal   sgür. 

Vus  crajais  da  'm   far  il   strapatsch, 
Schi  sün  meis  cheu  port  il  chap6. 

Scha  sün  vos  cheu  portais  chape, 
30  Schi  la  baretta  porta  meis. 

Eu  sun  containt  da  meis  destin, 
Cha  1'  araur  uossa  fa  üna  fin. 

Schi  Buetigott  il  meis  char  spus, 
In  mau  da  Dien  as  di  a  vus. 


75. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  219.). 

Matt'  0  tu  bella  matta, 
Voust  tu  bain  a  mai? 
Voust  tu  bain  a  mai, 
Sco   ch'  eu   vögl   bain   a  tai, 
5   Schi  lain  uus   far  la  lai. 

Scha  tu  a  mai  non   voust, 
Schi  rest  la  ti  'amur, 
Sara  ün   otra  mamma, 
Chi'  v.ara  üu   otra  figlia 
10  Üna  giuvna  dad  onur. 


Volkslieder.  119 

Usche  bella  po'  ia  gnir, 
Ma  cbara  mai  nou  vain  'la, 
Bella  SCO  tu   eirast  tli, 
Ohara  sco  tu  eirast  tu 
15  Mai  nou  gnaraja  plti. 

Cur  tu  m'  iuscuutrerast, 
Che  mai  t'  impisserast, 
0  Deis,   o  Deis,   che  ha  eu  fat, 
0  Deis,    0  Deis,  che  ha  eu  dit, 
20  Quel  podess  osser  meis. 

Quel  podess  esser  meis, 
Ma  eu  nou  1'  ha  voglü ; 
Eu  nou  1'  ha  voglü, 
Perche  '1  non  m'  ha  plaschü, 
25  Perquai  non  1'  ha  voglü. 

76. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  248-50.) 

0  giuvens  chars,  amis,  campagns 
Chi  'vais  la  libertä; 
Tscherchai  da  far  im   bun  guadagu 
Cur  guis  a  's  maridar. 

5   Davo  r  argent  e  davo  1'  or 
Non  hajat  taut'  amur. 
Tscherchai  1'  intern   e  sincer  cour, 
'Varat   bain   ed  ouur. 

Cha  cur  1'  intern  quel  ais  sincer, 
10  ^Vais  Un  bei  avantag; 

Containt  vos  cour  po  star  e  leid 
Da  viver  aint  in   pasch. 

-     Cha  cur  1'  intern  quel  ais  sincer, 

Non  'vais  da  dubitar, 
15  'Varat    na  duonuti  con  pisser 
Con  vos  bain  da  chasar, 

'Varat    na  duonua  con  pisser 
Chi   tain   il   seis  marid, 
Sco  '1  füss  seis  rai  da  cour  sincer, 
20  II  araa  da  cour  fich. 


j^20  Volkslieder. 

Las  raras  bellas  qualitats 

As  cliatt'  in  tal  muglier 

Chi   mütscban  saimper  ils  puchats, 

Temraan  lur  Segner  Deis. 

25   Chi  adura  Dieu  e  '1  tain  ama, 
Podais  bain  s'  impissar, 
Cha  benedida  quella  cha 
Sara  iu  eteruita. 

Scb'  avais  la  sort  da  crodar  bain, 
30  Non  'vais  da  's  inrüglar; 

Schabain  cha  poverta  chattais, 
Podais  as  consolar. 

Ma  scha  1"  incuuter  tguais  tscherchä 
Richezza  per  star  bain, 
35  Non  farai  qnai,  eu  sun   scontra: 
Eu  's  di  a  vns  per  bain. 

Perche  scha'  vessast  quella  sort 
Dad  esser  mal  crodats, 
Non   chatterat   ingün   confort 
40   Co  be  da  suspürar. 

La  duonna,  chi  non  ha  amur, 
Nemain  temma  da  Dieu, 
Coudüa  V  hom   iu   disonur 
E  perda  il  fat  sieu. 

45   Quella  culs  ölgs  da  basilist 
Fa  finta  da  's  bütschar : 
Davo  la  rain  cou  seis  stilet 
Procura  da  's  mazzar. 

Avant  la  glieud  fane  parair 
50   Dad  esser  spür  buntä: 

Augeis  iu  plaz,   sataus  iu  cha, 
Quai  's  di  eu  iu  varda! 

lugüu  vesprer  uou  ais  a  per 
Cou  tuet  il  seis  veliu, 
55   La  duonna  nosch'   ais  amo   per,   • 
La  tizcha  da  contiu. 


Volkslieder.  121 


Non  di  daplü,  vus  saveis  megl 
Que  ch'  eil  völg  dir  acqui. 
Perchüra,  Segner,  tuots  fidels 
60  E  da  'Is  meldras  veiitüras. 


77. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  268—70.) 

Mieu  tesori   in  quaist  muond 
Craja  clia  tii  est  bain  zuond; 
Cha  eau  tieii  dvainta  pur 
Craja  tu  tschert  e  sgür. 

5   Mieu   cour  saiuta  dolur, 
Scha   't  vain   fat   mandonur, 
Da   't  servir   ed  uudrer 
Vögl  saimper  giavü scher. 

Fadia   nun   vögl   spargner 
10  Suveuz  te  da  guarder; 
Craja  piir   sgüramaing 
Ch  'eau  t'  ama  sinceramaing. 

II  temp  ais  luug  per  me, 
Seh 'eau  sun  dalöntsch  da  te; 
15  Possa  gnir  apeudieu 

Quel  chi  sbütta  il  cour  tieu. 

II  malam  possa  purter 

Chi   vain  te   a  sbütter; 

Chi  vain  te   a  spuser 

20  Lod  vain  a  congüster. 

Dad  esser  paissast  zuond 
La  pü  schletta  nel  muond; 
Disonur  sco  tuot  so 
Tii  me  nun   liest  amo. 

25   Da  cour  eau  giavüsch  te. 
Cha  tii  t'  algordast  d'  me ; 
Cha  tii   banduuast  me, 
Que  nun  spet  da  te. 


j^22  Volkslieder. 

Tu  nun  est  in  vardet 
30  Implida  eun  fosdet 

Tscbert   nun  t'  imagiuer, 
Cha  eau  vegn  a'  t  smaucher. 

Cour  tu   vainst  avaunt  lue, 
Mieu  cour  s'  allegra  d'  fe, 
35  Nun  he  dalet  in  me 
Da  trer  davent  da  te. 

Da  'm  liberer  da  te 
Main'   alla  fossa  me: 
Cba  tieu  iniraih  sarb 
40   Cussglier  üngün  nun  po.- 

Scba  eau  stun  löncb  tiers   te, 

Mieu  cour  s'  allegr'  in  me : 

Quel  cbi  vaiu  a'  t  spuser 

Vain  lod  a  cougüster. 

45  Chi  vain  te  a  spuser, 
Sairaper  uudrer, 
Blasmo  saimper  sarö 
Quel  cbi  te  spuserö. 

Dalla  virtüd  üu  flüm 
50   Hest  tu  in  tieu  costüm: 
Tschercho  hest  eun   vigur 
Onested  ed  onur. 

Cba  tu  bandunast  me, 
Que  nun  spet  eau  da  te: 
55  Eau  rouv  te  our  ed  our, 
Cba  tu   'm  dettast  tieu  cour. 

78. 
(Romanische  Studien  I,  Fhigi,  p.  332—33.) 

Nus  giuvens   vulains  discurir, 
Davart  las  mattas  vulains  dir. 

Da  d'  ora  parna  uscbe  beninas, 

Mo  aiut  in  lur  cours  suui  tuot  spinas. 

5  Avaunt  als  giuvens  faui  bellas  tscheras, 
I   Iura  aint   in   cour   suu   malsinzeras. 


Volkslieder.  123 


Avauut  als  giuvens  para  tuot  buntad, 
Lura  aiut  iu  cour  suui  plaiuas  noschdat. 

Q,uai  sola  eir  bain  pal  plü  gratiar, 
10   Clia  ad  üu   pover   tegnani   par  nar. 

Scha  ün  rieb  giuveu  va  a  tramagliar, 
Subit  sanui  dad  el  as  gloriar. 

Vaun  scboud:  aqiiel  avess  pudü  pigliar, 
Mo  '1  gierl  inauai  bastüda  da  til  dar/' 

15  Tuot  quai  sauu  las  mattas  far, 
Als   giuvens   uscbe   baiu   tratar. 

Lascbainlas  pur  far  al  strape, 
Süll   cbio  purtains   uns   il  chape. 

Ed  ellas  portau  las  murinellas, 
20   Cba  crajau  cb'  üngiün  uu  saia  sco  ellas. 

79. 
(Romanische  StudienI,Flugi,p.  326— 27.) 

Ils  teis  bels  ölgs  uairs 
Quels  m'  bau  fat  iuamurar, 
Ta  bocca  cotscbua,  teis  cour  cbar, 
Es  quai  cbi'm  fa  impissar. 
5   Ma  perquai 
Scbi  rov'   a  tai, 

Cba  t' impaissast  decb  sün  mai; 
Cbara,   bella  creatüra! 
Nun   invlüdar   a  mai, 
10   Cb'  eu   uuu   invlüd  a  tai. 

Eu  veng  per  tuot  il  muond  iutuoru 

E  tu  restast  aqua, 

Tu  säst  baiu  cba  uns  escbau 

Tuots  duos  maridä. 
15   Ma  par  quai 

Scbi  rov'  a  tai, 

Tu  t'  impaissast  decb   sün   mai; 

Cbara,  bella  creatüra! 

Nuu  invlüdar  a  mai, 
20  Cb'eu  nun  invlüd  a  tai. 


^^24  Volkslieder. 


Üngiün  uu  po  aus  separar 

Auter  CO  be  la  mort: 

Lasmalaslenguastschautschanbler, 

Mo  quai  es  uoss  cufort. 
25  Ma  per  quai 

Schi  rov'  a  tai, 

Cha  t'  impaissast  deck  sün  mai; 

Ohara,  bella  creatüra! 

Nun   invlüdar  a  mai, 
30   Ch'  eu  non  invlüd  a  tai. 

80. 
(Romanische  Studien!,  Flugi,  p.  318—19.) 
Santi  üu   po,   sautf  ün  po 
II  cas  dair  otra  saira. 
Cha  sum   ieu  per  tschantscher, 
La  inia  bella  per  chatter, 
5  Da  seun  ed  eir  pel  vaira. 

Mo  las  portas  eiran 
Fermamaing  saredas: 
Dhe  pruö  da  las  avrir, 
Nuu  ho  vulia  que  reuschir, 
10   Cha  d' eiran  ferm  schlöpedas. 

Uu   otra  sti'eda,  ün  otra  streda 
He  baiu   spert  piglio; 
Aint  da  cuort  cha  snm   eutro, 
Spera  1'  üscli  cha  d'  he  taglö, 
15   Spera  1' üsch  da  stüva. 

E  luaint  era,  e  luaint  era 
La  mia  chera  bella, 
Schanteda  gib   sün   ün   baiuch, 
Sias  niarus  cul  niaun  sül  flainch 
20   E  discnrind   cum   ella, 

Ma  pel  discuors,  raa  pel  discuors 
Que  nun   vess  fatt  ünguotta: 
Ma  staud  16  eir  auucli  ün  po, 
Spera  1'  üsch  cha  d'  he  taglo, 
25   Schi  s'  aprosman   hir   buochias. 


Volkslieder.  125 

Bgeras  gedas,  bgoras  gedas. 
Ch'  ella  il   bütscliet: 
0  ma  chera!  cha  la  spetta, 
Cha  auncha  qnalcliüns  la  detta 
30   Ed  ella  coiisentiva. 

Intaunt  ch'  eu    staiva  fich   atteiit 
Sulet  cuüur  cul  giat, 
Dlie  fat  resolutiuni 
E   müdo   opinium 
35   Da  la  lascher  daflfat. 


81. 
(Annalaa  XIV,  Vital,  p.  219—20.) 

Taidla,   taidla,  nia  figlietta, 
Taidla,   taidla  meis  cour  cbar, 
Chi  ais   guü  1'  occasiiin 
Scha  tu  voust  at  maridar. 

5  0  schi,   schi  la  mi  'mammetta, 
Eu  fetsch  svelt  a  dir  da  schi, 
Bast'  ein  saj'  im  bei  giuvnet 
E   da  cour  ch'  el  plasch'  a  mi, 

0   schi   schi,   la  mi'  figlietta, 
10  Ed  ais  ün  hom,   chi  viver  's  po; 
Ed  ais  ün  hom,   chi  ha  respet 
E'  t  domanda  per  muglier. 

O  na  na,  la  mi  'mammetta, 
Eu  nun  vögl  a  quaist  trid  vegl, 
15   Eu  vul  propi  ün   bei   giuvnet, 

Intschna  fetsch  saiuz'  am  maridar, 

O  schi  schi,  la  mi  'figlietta, 
Piglia  pur  ün  bei  giuvnet: 
Que  ais   propi  ün   hom  per  tai, 
20  Bastunadas  at  darä'  1. 


126  Volkslieder. 


82. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  232—33.) 

O  bun   araih,   cun  te  stögl  dir, 
Ma  bain  zuond  adascuse, 
Co  our  da  me  as  sto  spartir 
La  mia  chera  marusa. 
5  Eau  tschert  nun  vess  zuond  brich  pisso, 
Ch'  r  am  'vess  zuond  bod    smancheda, 
Taunta  bunted,  amur  e  fö 
Sehe  bod  am  'vess  pajeda. 

Ciira  cha  stuu  a'm  impisser 
10  Tauuta  spartida  amure, 

Schi  sto  mieu  cour  tuot  vi  alguer 
In  larmas  e  dulure. 

Tuot  que  cha  lönch  eau  he  bramo, 
Con  tuot  art  vögl  avaiie, 
15  Co  suu  da  que  daffat  privo, 
Ün   oter  po  '1  giodaire. 

0  eher'  amur,  co  'vais  pudieu 
Sehe  bod  am  sraaucher  via, 
Co  per  ün  oter  s'  metter  sü 
20  Col  bain,  ch'  eau  's  'laiva  quia. 

Co  poss  eau  uossa  pü  dürer, 
Co  sto  spartir  mieu  cour? 
El  sto  schi  tschert  tuot  vi  alguer, 
El  sto  da  craper  our. 

25  Perche  'vais  vulieu,  o  eher' amur, 
Ün  tel  grand  tuert  am  fer? 
Perche  mieu  cour  in  tauuta  dolur 
'Vais  vulieu  fer  alguer? 

Bain  milli  voutas  'vais  vus  vis 
30  L'  amur,   cha  eaus  's  portaiva, 

Ma  vita  e  saung.  cha  eau  'vess  miss 
Per  cha  's  servir  pudaiva. 

Ma  ah,   eau  tschert  nun  poss  sperer 
Vus  dvaiutas  me  pü  mia, 
35  Que  schi,  que  schi  am  fo  alguer 
Que  am  fo  alguer  via. 


Volkslieder.  127 


Addieu  stn  dir,  ma  cu»   tschautscher 
Quaist  pled  am   perd  eau  via, 
Addieu,  addieu,  me  pü   brancler 
40  La  sprauuza,  vita  raia. 

Vus  dintaunt  s'  vögl  giavüscher 
Tamit  bain,  clii  me  s' po  dire; 
Tuot  qua  vos  cour  as  do  da  crair 
Dieu  s'  vöglia  beuedire. 

45  Iz  pur  davent,  vus  mieu  dalet, 
Dieu  s'  vöglia  cumpaguer: 
E  me  chi  resta  qui  sulet 
Dieu  'm  vöglia  cuffoter. 

Scha  uuu  he  vus  brich  pudieu  tour, 
50   Schi  tauut   s'  he  stuvieu  amer 

Schi  tschert  ad   oters  il   mieu  cour 
Eau  me  nun  poss  pü  der. 

Dieu  s'  vaiv'  ad  oters  ordino : 
Eau  poss  brich  contradire 
55  A  que  cha  Dieu  ho  decreto 
El  s'  vöglia  benedire. 

83. 
a. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi  p.  321.) 
„0  che  fast  tu,  raudulina! 
Ourasom  quella  mausina?"'    — 
,,Eu  sun  gnü  par  t'  avisar 
Tu  nu  't  dessast  maridar. 
5  Chi  voul  bella  vit'  as  dar, 
Sto  far  sainz'  as  maridar. 
Olila,   olia,  olila,  faralila. 
E  chi  voul   par  otra  via, 
Quel  pur  s'  drizza  cumpagnia, 
10  Drizza,  drizza,  drizz'  indret, 
Drizza  painch  par  far  spechet; 
Drizza,  drizza,  drizz'  adüna, 
Drizza  bod,  bainbod  la  chüna; 
Drizza,  drizza,  drizza  tudt, 


128  Volkslieder. 

15   Drizza  viu   aint  iiella  biiot; 
Drizza,  drizza  adüu  drizzar, 
Drizza  fascba  da  faschar; 
Pensa,   clii   non   voul  quai   far 
Lascha  saiuza  as  maridar. 


b. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  193.) 

Che  fast  qua,   tli  utschelliua, 
Ourasom  quella  manzina? 
Eu  sun  gDÜd'  a  't  avisar. 
Tu  nou^t'  dessast  maridar. 
5  Chi  voul  bella  vit'  as  dar, 
Fetscha  saiuz'  as  maridar: 
Chi  voul  far  per  otra  via, 
Drizza  bod  sa  compaguia, 
Drizza  cbüna,  drizz'  archet, 

10   Drizza  paincb  per  far    spechets: 
Tuotta  di  sül    bröcb   del  paiucb 
E  la  sair'  inguotta  laiut: 
Tuotta  di  sün  la  farina, 
E  la  saira  non   ais  ingüna. 

15   Drizza,   drizza  ad   ün  drizzar, 
Drizza  fascha  da  faschar, 
Drizza  vin  eir  nella  buot, 
Drizza  pezz'  e  drizza  tuot. 


c. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  189.) 

Cuccarella,  bell  utschella, 
Cuccarin,   bei  utschelliu, 
Tuot  il  di  sün  quel  manziu. 
Eu  sun  gnü  per  t'  avisar, 
5  Tu 'non  t' dessast  maridar. 
Chi  voul  bella  vit'  as  dar 
Sto  far  sainz'  as  maridar. 
E  chi  voul  per  otra  via, 
Quel  pur  s'  drizza  compagnia. 


Volkslieder.  129 

84. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  181.) 

Quaista  saira  'laiu  chantar 
E  Star  allegrameute. 
Seh'  eu  nou  ha  be  qua  meis  char, 
Sclii  ingiö  dess  ir  a  '1  tschercLar 
5  0  meis  char,  charissem ! 

Que  ch'  eu  ha  aiut  iu  meis  maa, 
Q,ue  uou  ais  tuot  mieu; 
Que  chi'  m  plascha  vögl  pigliar, 
E  que  HO  'm  plascha  vögl  laschar: 
10  MiuchUn  piglia  la  sia. 

85. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  212.) 

Ün  e  duos  e  trais, 

Marusa,  di,  seh'  tu'  m  vaiust ; 

Quatter,  tschinch  e  ses, 

Marusa,  di,  seh'  tu'  m  est  | 
5  Set  ed  ot  e  nouv, 

Marusa,  di,  seh'  tu  'm  voust ; 

Desch,  ündesch  e  dudesch, 

Marusa,  di,   seh'  tu  'm  spusast ; 

Traidesch  e  quattordesch, 
10  Sch'eu't  pigl,   schi't  pigl  eu  per  ün  morder; 

Quindesch  e  saidesch, 

Seh'  eu  't  pigl,  schi  't  pigl  eu  per  quaista  saira ; 

Deschset  e  deschdot, 

Sch'eu't  pigl,   schi't  pigl  eu  per  quaista  not; 
15  Deschnouv  e  vainch, 

Seh'  eu  't  pigl,   schi  't  pigl  eu  per  üna  suonda  d'  painch. 

La  suonda  d'  painch  dun  al  raugliner, 

II  mugliner  fa  la  farina; 

La  farina  dun  al  puerch, 
20  II  puerch  fa  la  suondscha; 

La  suondscha  dun  al  ch  alger, 

II  chalger  fa  las  s-charpas; 

Las  s-charpas  dun  alla  cromarina, 

La  cromarina  da  Ms  bindeis, 
25  Ils  biudels  met  sül  chapö  da  meis  marus. 

Romaniache  Forschungen  XXVII.  9 


130  Volkslieder. 

86. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  180.) 
Nia  nia  quaista  flur, 
Chi  deriva  dall*  amur; 
Eu  eu,  chi  la  dun, 
Saverä  bain  co  ch'  eu  stun ; 
5  Ed  eir  vus,  chi  la  pigliais, 
Saverat  bain  co  cha  stais. 
Eu  stun  quia  con  vus  mats, 
Per  manteguer  ün  bei  plaz ; 
Oter,  non   sa  eu  che  's  dir, 
10  Co' na  trai-ch' as  vögl  servir; 
Oter  non  sa  eu  che  far, 
Co'  na  trai-ch'as  vögl  rovar! 


87. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  174.) 
Betta,  perche  cridast  tu,   cridast  tu 
Cridast   usche  fich? 
Eu  crid  per  raeis  Jaronaset, 
Chi  sumagliaiv'  ad  ün  büzzet. 
5  Be  per  quai  schi  crid  eu,  crid  eu, 
Crid  eu  usche  fich. 

Betta,  perche  riast  tu,  riast  tu, 
Biast  usche  fich? 
II  raeis  Jaronas  ais  turnä 
10  Ed  il  meis  cour  ais  allegrä. 
Be  perquai  schi  ri  eu,  ri  eu, 
ßi  eu  usche  fich. 


(Annalas  XI,  Vital,  p.  178.) 
Sta  leger,  Jon  Pitschen,  sta  leger,  Jon  Grand, 
Sta  stü,  Jon  Pitschen,  e  fa  per  comand; 
Sta  leger,  sta  sü, 
Ch'  eu  ha  la  marusa  avant,  co  tu. 
B  Per  far  il  viadi  stimess  eu  il  main, 
Ma  per  tour  cumgiä  da  chi's  voul  bain. 


Volkslieder.  131 

89. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  178.) 

Gusdriu   voust  gnir  cou   mai, 
Ell  at  dun  üna  bella." 
„Cusdrin,  suu   stat  cou   tai 
E  tu  ni' hast   ingianuä. 
5  La  bella  hast  tut  tu 
E  la  trida  hast  lascha." 

90. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  203.) 
0  Tu  trida  mutschinusa, 
Voust  tu  esser  ma  marusa? 
0  na  na,  tu  trid   sgialgia, 
Ruot  las  chammas  e  crappenta. 

91. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  322.) 
Gio  intanter  sass'  eis  üna  palü,  eis  üna  palü, 
E  chi  chi  va  aiut,  nu'  tuorn  'oura  plü. 

„Ach  vus,  mamma  chara!  gnid,  giüdam  inoura,  gnid,  giüdam  inoura."  — 
„Scha  tu  est  id'  aint,   schi  ve  eir  inoura."   — 

5  A  vus,  mamma  chara!  giüdam  a  filar,  a  filar  la  stoppa."   — 
„Hast  fila  il  glin,  schi  fil'  eir  la  stoppa." 

92. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  320.) 

Ad  eiran  duos  compogus,  eh' aveivan  üna  marusa; 
L'  ün  e  1'  oter  la  voleivan  per  spusa. 
Ün  giaiva  la  saira  e  1' oter  la  damau, 
Quel  chi  giaiva  la  saira  giaiva  plan  plan. 

5  0  char  cumpong,  en  't  giavüsch  corteschia, 
Cha  tu 'm  cedast  la  marusa  tia."   — 
0  char  cumpong,   la  corteschia  ais  passada, 
Chi  chi  voul  marusas  giaia  e  las  chatta. 

Quel  chi  nun  he  precda,  quel  nu  segia  fain, 
10  E  quel  chi  nun  ha    raba,    ma  nun    sta   tant  bain ; 
Oura  tanter  craps  eisa  üna  palü 
Quels  chi  vaun  aint  nu  vegnen   oura  plü." 

9* 


132  Volkslieder. 

93. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  332.) 

Quai  ais  la  lavur  dels  mats, 
Lever  ed  ir  a  plaz; 
Eier  ora  las  matauns, 
Quai  es  la  lavur  cli'  eis  faun. 

5  Mo  üu  riai  dad  ellas, 

Vais  grazia  d'  ir  tiers  ellas  * 
Schi  las  volni  pur  pigliar, 
Schi  las  stolni  dumandar. 

Ün  der  schi  o  ün  der  na. 
10  Stolni  spetar  cha  la  da^ 

E  per  trar  zuond  alla  lungia 
Schi  sün  qua  nu  faral  bain. 

Cur  ch'  is  a  pollen  pigliar, 
Schi  lur  cours  fa  alegrar; 
15  Ün  bei  spus  'na  belle  spusa 
Ais  'na  chassa  alegrusa. 

94. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  335.) 

Volains  dar  'na  raschunada, 
Co  er  saira  1'  ais  passada ; 
Chi  ais  sto  il  Sar-vus-bel, 
Chi  m'  ha  er  saira  dumandada? 

5  La  resposta  ch'  eu  n'  hai  dit 
Nai  eu  dit;  turnae  darchio. 
Tuet  chi  vo  e  tuot  chi  vain 
Meis  inarus  quel  ma  uu  vain. 

Uoi  quel  trid  ch'  eu  nu  poss  vera, 
10  Quel  im  ais  adüna  spaera; 
Quel  sgrischaivel  s^hiarbunä 
I  quel   im  ais  adüna  qua. 

Quel  ch'  eu  völg  eir  il  plü  bain 
Ais  davent  e  ma  nu  vain ; 
15  Tuot  chi  va  e  tuot  chi  vain, 
Meis  marus  quel  ma  nu  vain. 


Volkslieder. 

95. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  51—52.) 
Meis  juven  cor  quel  es  fich  contrista 
Per  üna  rosa  ch'  el  lia  tant  bramä, 
Per  üna  matta  per  üna  bella 
Per  podair  ir  a  discuorrer  cuu  ella. 

5  Ma  uossa  am  es  gnü  l'ocasiuu 
Siond  riva  in  ün  lö  usch^  bun 
Da  pudair  ir,  da  pudair  rivar 
In  ün  lö  secret  per  la  dumandar. 
Vo  bella  chara  s'  stess  rovar  üna  grazia 

10  Cun  amur  gronda  da  verar  vossa  fatsclia, 
E  meis  man  dret  as  podair  dar 
Ma  uossa  chara  am  vost  seguitar? 

Ma  quista  saira  am  less  jeut  maridar 
Marusa  chara  dim  scha  'm  vost  piglar, 
15  Ma  tu  a  mai  ed  eu  a  tai 

Marusa  chara  dam  il  man  in  fai. 

II  meis  intent  nun  es  d'  am  maridar 
Mo  in  meis  stadi  'less  gugent  restar 
Mo  schi  perquai  as  vögl  avsiar 
20  Cha  vo  ün  otra  dessat  cherchar. 

Id  es  lung  temp  cha  's  veva  marusada 
Cun  amur  gronda  as  veva  dumondada 
O  che  rasposta  ch'  eu  stögl  dudir ! 
O  dolur  gronda!   Meis  cor  sto  murir! 

96. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  52/53.) 
Ach  eu  sun   gnü  qua  zond  in   prescha 
Per  palisar  la  mia  amur 
La  quala  ch' eu  cun  grond  tristeza 
Sto  raquintar  la  mia  dolur. 
5  Daspö  lung  temp  meis  cor  t'  amaiva 
Üa  tia  beleza  inamurä, 
Ch'  eu  di  e  not  sün  tai  pensaiva 
Sün  tia  beleza  e  castitat. 


133 


j^34  Volkslieder. 

O  chara  dim  sün  qiiai  ün  pled 
10  E  fa  meis  cor  ün  pa  alegrar, 

Meis  juvens  dids  aint  in  grond  led 
Nun   vöglast  brich  laschar  crodar. 

Da  grond  dolur  ch'  eu  sto   sofrir 
In  terra  fessast  bod  mai  ir 
15  Lura  gnissast  bain  at  irüglar 
0  chara^  chara  quai  nu  far. 

0  tu  mia  chara  eu  di  a  tai 
0  tu  est  bain  plü  chara  a  mai 
Co  svess  la  cleritad  del  di 
20   Cusidra  seh' eu  suu  teis  ami! 

Bain  es  a  mai  gnü  ad  uregla 
Dals  teis  üna  trista  novela 
Cha  quels  nu  vöglan  laschar  dvantar 
Per  mia  spusa  a  tai  neir  dar. 

25  In  quant  a  la  roba  scha  hast  da  plü 
Onur  n'  hai  eu  be  tant  co  tu, 
Ün  cor  siucer  sainza  fosdä 
Port  eu  cun  mai  Diou  sia  luda. 

Onur,   sandad  ed  ün  cor  net 
30  N'  hai  eu  chi  jascha  sot  meis  tet, 
Roba  belleza  e  castitad 
Bain  's  chatta  eir  aint  in  tia  cha. 

Eir  scha  'Is  teis  cunter  s'  lessan  büttar 
Da  non  laschar  quai  operar, 
35  Scha  Diou  a  no  aint  in  quist  mond 
Anns  separar  anns  vol  per  zond. 

97. 

Chanzun  da  eordöli  et  plont  d'ün  spus  e  d'üna  spusa. 

(Annalas  VII,  Derin,  p.  60-61.) 

Binsan  tu  mieu  cour  eher 
Vainst  tiers  me  a  tramegl, 
Un'   otra  hest  tu   pü   eher. 
Ajo,   so,    80, 


Volkslieder.  135 


5   II  prüm  est  tu  bain  sto 
Aint  in  mieu  cour  saro 
Nu  Bh  seh'  tu  est  V  ultim 
0  scbia  o  na. 

0  il  tieu  bain  siucer 
10  Cha  tu  faivast  iucler 
Inu'  me  ho  '1  trat  vi? 
Dam  ad  incler. 

Cha  eu  coguuosch  fich  bain 
Cha  '1  es  dafat  davent 
15   Cha  tu  nu  poust  amer 
Ajo,  so,   so. 

Tu  'm  fest  bain  ün  grant  tüert 
Cun  pleds  uschö  fich  dürs 
Que  nu  riva  da  me 
20  0  na  0  na. 

Ch'  eu  d'  he  bgiers  cunter  me 
Provam  da  snaiar  que; 
Mo  eu  tot  que  ch'  eu  poss 
Stun  sgür  cun  te. 

25  Davent  aun  faun  eir  ir 
Perchä,  nu  veza  mieu  amur, 
Mieu  cour,  stögl  vod  sü  der, 
Ajo,  so,  so. 

0  cour  mieu  usche  eher 
30  Sto  que  propi  dvanter 
Cha  tu  stoust  ir  davent? 
Ajo,  so,   so. 

Ach  pudess  mieu  cour  eher 
Queir  ura  bod  river 
35  Ch'  ün  gniss  am  suterer 
Ch'  ün  bei  vasehe. 

Cun  crauuz  gnissast  alur 
Sün  mieu  vasehe  eun  honur 
Gnissast  tu  am  purter. 
40  Ajo,  so,  so. 


^36  Volkslieder. 

0  cour  mieu  usch6  eher 
Mieu  giavüsch  füss  eir  sto 
Pudessan  in  ün  di 
Ans  suterer. 

45  Uscli6  stovains  glivrer 
Nos  plondscher  tanter  per 
Per  ans  stovair  partir 
Ajo,   so,  so. 

Schi  vöglia  giavüscßer 
50   Cha  Dieu  at  vöglia  der 

Tuot  quai  cba  tieu  cour  eher 
Po  's  impisser. 

Da  no  tieu  mauu  a  mi 
E  tuocha  maun  a  mi 
55  Aunz  CO  'ns  partir  da  qui 
Ajo,   SO,   so. 

Dieu  chüra,  vest  davent, 
II  teis  saron  cuntaiuts 
Ma  forsa  per  poch  temp 
60  Ajo,   so,  so. 

98. 

(Annalas  XIV,  Vital,  p.  232/33.) 

0  bun  amih,   cun  te  stögl  dir, 
Ma  bain  zuond  adascuse, 
Co  our  da  me  as  sto  spartir 
La  mia  chera  marusa. 

5  Eau  tschert    nun  voss    zuond  brich  pisso, 
Ch'  1'  am  'vess  zuond  bod  smancheda, 
Taunta  bunted,  amur  e  f^ 
'Sehe  bod  am  'vess  pajeda. 

Cura  cha  stun  a  'm  impisser 
10  Taunta  spartida  amure, 

Schi  sto  mieu  cour  tuot  vi  alguer 
In  larmas  e  dulure. 


Volkslieder.  137 


Tuot  quo  cha  lönch  cau  ho  bramo, 
Con  tuot  art  vögl  avaire, 
15   Co  suu  da  que  daffat  privo, 
Ün  oter  po  '1  giodaire. 

0  eher'  amur,  co  'vais  pudieu 
'Sehe  bod  am  smaucher  via, 
Co  per  ün  oter  s'  metter  sü 
20  Col  baiu,  ch'  eau  's  'laiva  quia. 

Co  poss  eau  uossa  pü  dürer, 
Co  sto  spartir  mieu  cour? 
El  sto  sohl  tschert  tuot  vi  alguer, 
El  sto  da  craper  our. 

25  Perche  'vais  vulieu,   o  eher'  amur, 
Ün  tel  grand  tuert  am  fer? 
Perche  mieu  cour  in  taunta  dolur 
'Vais  vulieu  fer  alguer? 

Bain  milli  voutas  'vais  vus  vis 
30  L'  amur,  cha  eau  's  portaiva, 

Ma  vita  e  saung,  cha  eau  'vess  miss 
Per  cha  's  servir  pudaiva. 

Ma  ah,  eau  tschert  nun  poss  sperer 
Vus  dvaintas  me  pü  mia, 
35  Que  schi,  que  schi  am  fo  alguer, 
Que  am  fo  alguer  via. 

Addieu  sto  dir,   ma  cun  tschantscher 
Quaist  pled  am  perd  eau  via, 
Addieu,  addieu,  nie  pü  brancler 
40  La  spraunza,  vita  mia. 

Vus  dintaunt  s'   vögl  giavüscher 
Taunt  bain,  chi  me  s'  po  dire; 
Tuot  que  vos  cour  as  do  da  crair, 
Dieu  s'  vöglia  benedire. 

45  Iz  pur  davent,  vus  mieu  dalet, 
DieuT^s'  vöglia  cumpagner; 
E  me  chi  resta  qui  sulet 
Dieu  'm  vöglia  cufforter. 


138  Volkslieder. 

Scha  nun   he  vus  brich  pudieu  tour, 
50  Schi  taunt  s'  he  stuvieu  amer 

Schi  tschert  ad  oters  il  mieu  cour 
Eau  me  nun  poss  pü  der, 

Dieu  s'  vaiv'  ad  oters  ordino; 
Eau  poss  brich  contradire 
55   A  que  cha  Dieu  ho  decreto; 
El  s'  vöglia  benedire. 

99. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  43.) 

Vus  femnas  qui  chi  stais 
Felizis  's  po  nomner 
Sainza  piss^r. 

Pudais  considerer 
5   Co  ch'  eu  stögl  ir  davent 
Da  tuots  ils  meis! 

In  Frauntscha  stögl.  eu  ir 
Non  vain  ingün  tiers  me 
Oter  CO  Dieu! 

10  Quaist  pass  nou  vess  eu  fat 
Scha  propi  1'  interess 
Non  vess  fat  fer. 

In  quindesch  dits  stögl'  ir 
La  giövgia  da  gegün 
15  Mo  bain  gugent.  (?) 

0  chara  juventüm! 
Stat  sü  urai  per  mai 
Ün  et  scodün. 

Et  vus  meis  chars  amis 
20  losembel  tuots  unieus 
Laschans  urar. 

Scha  vess  incuuter  fat 
Schi  vögl  eu  giavüscher 
Clia  'm  desset  parduner. 


Volkslieder.  139 

25  Et  vus  meis  cbars  famailgs 
Giavüsch  da  perduner 
Quai  ch'  ou  n'  ha  fat. 

Mieu  cour  quel  sto  alguer 
Cur  ch'  eu  stögl  ir  daveut 
30   Da  mieu  cour  eher. 

Uossa  ais  il  di  rivo 
Cha  eu  stögl  ir  daveut 
Da  mieu  char  cour. 

Uossa  non  poss  plü  ster 
35  Perch^  cha'  Is  camarada 
Sum  sgür  passads. 

Ma  chara  giuventüm 
Laschaus   urar  per  el 
Üü  e  scodUn. 

40  Noss  sar  Jachen  Flizun 
Ha  fat  quaista  chanzuu 
Per  grond'  amur. 

100. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  43/44.) 
L'  ura  mia  es  rivada 
Ch'  eu  sto   ir  davent  da  chasa, 
Ma  ingio  eu  vegu  nou  sa 
Mia  vita  es  da  suda. 

5   Cha  per  büscha  m'  es  toccä 
Da  cumbatter  per  la  patria, 
D'  esser  saimper  vigilant 
E  söget  al  cumandant. 

Stovair  partir  usch^  dandet! 
10  In  juvens  dids  portar  schlupet! 
Juveu  suu  nun  poss  dir  oter 
Onus  n'  ha  sul  be  vainch  e  quatter. 

In  grond  privel  manerä 
Quista  vita  da   sudä, 
15   Ma  ningün  nun  po  jüdar 
Otramaing  nun  's  po  müdar. 


140  Volkslieder. 

Biers  da  quia  hau  algrezia 
Ma  ils  meis  hau  grond  tristeza, 
Mo  quai  löuch  non  dürarä 
20   Cur  Dieu  vol  tot  müdarä. 

Pac  profit  hau  quels  dal  sgür 
Ossa  chi  's  aleigran  pur, 
Biers  piglessau  eir  ma  sort 
Am  vezessan  dafatta  mort. 

25  Eu  vögl  tant  e  tant  adüna 
Rischar  la  mia  fortüna 
Perch6  Dieu  da  suringio 
Saimper  vegua  am  star  pro. 

Ossa  as  di  adiou  in  tschertezza 
30  Tots  meis  camarads  am  spettan, 
Cha  quist  pass  sto  ossa  far 
Ossa  as  rimetter  sül  marchä.  (?) 

Adiou  mamma  frars  e  sor 
Ch'  eu  as  am  da  tot  meis  cor 
35  Mo  sUn  vo  non   vögl  laschar 
Di  e  not  d'  am  impissar. 

Adiou  chara  juventüna 
Ruvai  eir  per  mai  adüna 
Cha  quai  n'  ha  il  plü  gugent 
40  Co  ün  tesor  d'  or  e  d'  argient. 

Eu  dumond  a  tots  pardun 
Ad  ogni  ün  intuorn  intuorn, 
Scha  qualchosa  cunter  vess  fat 
Schi  giavüsch  eu  pardunai. 

45  Bleras  lannas  vegn  a  sponder 
Tots  per  mai  o  dolur  gronda 
Mo  qua  ingün  nun  po  jüdar 
E  neir  quai  as  po  müdar. 

Eu  giavüsch  cha  ingün  nu'  ria 
50  Da  la  mia  debla  poesia 
E  scodün  per  sia  buntad 
Nun  am  vögla  invlüdar. 


Volkslieder.  141 

101. 

(Annalas  VI,  Derin,  p.  45.) 

Sü  e  taschans  baiver 
Nos  viu  exaleut, 
Stat  bain   meis  amihs 
Eu  vegu  uossa  daveut. 
5  Stat  bain  vus  muntognas, 
Sta  bain  tu  comün, 
Sta  bain  tu  mia  stauza, 
Bain  stetta  scodün. 

Amihs  nus  qui  eschens 
10  Amihs  lain  reistar, 

Quai  chi  es  stat  contrari 

Vulains  invlüdar 

E  tu  del  quäl  saimper 

Sun  stat  bain  fida 
15  Infin  a  la  mort 

Sarrast  tschert  bun  gra. 

A  vus  mattans  tottas 
Tot  bain  giavüschaius 
In  buna  memoria 
20  As  tegner  vulains 
E  tu  chi  est  mia 
Portal  n'  ha  dolur 
Adiou  tu  est  scritta 
Chafol  in  meis  cour: 

25  Per  no  qua  sün  terra 

Lö  stabel  nun  ais 

Nus  pelegrinains 

Vers  ün  oter  paiais 

Intant  cun  pazienza 
30  Portains  nossa  sort 

Gnins  no  ans  riverar 

Quai  'ns  saia  cufort. 


142  Volkslieder. 

102. 
(Auualas  VI,  Derin,  p.  45/6.) 
Dileta  mia  sta  a  Diou 
Eu  vegr»   uossa  davent 
0  dür  momaint,  separaziuu 
D'  ün  cor  real  benign  e  bun 
5  O  painas  o  turmaint! 

Dileta  mia,  cor  sincer, 
Eu  tir  davent  da  tai 
Per  pudair  tant  plü  bod  tuornar 
Nel  lö  ch'  eu  am  per  abitar 
10  0  rosa  d'  odur  bun. 

T'  impaissa  pur  mia  chara  amur 
Cha  eu  nu  sun  sco  quels 
Chi  van  per  tot  il  mond  intuoru 
Cherchond  dauers  per  lur  guadogu 
15  Ch'  ais  spüra  vanitad. 

II  pegn  ch'  eu  dun  a  tai  quia  es 
Meis  cor  in  teis  imaint 
Perö  conserval  sainza  frod 
E  dam  il  teis  piain  d^amur  chod 
20  Alura  sun  cuntaint. 

Giavüsch  a  tai  d'  ün  cor  sincer 
Sandad  e  grond  dalet 
E  cur  qualcha  contraritad 
In  tias  vias  gniss  bütta 
25  Schi  ^1  segner  alva  via. 

Adiou,  per  tai  sun  pisserus 
Tu  stanza  da  meis  cor, 
Schabain  nus  eschens  lönch  davent 
Seh'  ils  cors  sun  saimper  eir  preschaints 
30  T'  alegra  pur  cun  mai. 

Tu  fast  a  mai  eir  suspürar 
Per  tai  o  char  amur, 
Nun  post  neir  tu  am  salUdar 
Cun  teis  bun  pled  dad  ün  bun  cor 
35  0  schi  che  post  tu  far? 


Volkslieder.  143 

Che  jüda  plü  intardamaint 
II  tomp  cloma  per  mai, 
As  reud'  usclie  teis  cor  cuntaint 
Per  clii  gnara  surlovgianiaiut 
40  0  chara  dam  il  inaii.  — 

103. 

(Annalas  VI,  Darin,  p.  47.) 

Adiou  meis  amur,  adiou  meis  char  cor, 
Adiou  meis  amur,  adiou  meis  tesor. 

Eu  sto  bandunar  a  tai  meis  char  cor 

E  quai  sto  dvantar  ant  cha  '1  mais  glivra  or. 

5  Am  vaiü  mal  nel  cor  cur  ch'  eu  am   impais 
E  per  dir  tras  or  eu  sun  tuot  surprais. 

Per  tai  mia  dileta  invidas  eu  vegn 
Meis  unic  badeut  e  meis  unic  sustegn. 

Teis  nobel  tratar  eu  n  ha  nel  imaint 
10  Ach  tu  meis  cor  char  tiram  or  dal  turmaint. 

Et  Iura  lascham  ir  ch'  eu  possa  tuornar 
Pro  mia  cumpaguia  ch'  eu  possa  tuornar. 

Scha  Diou  voul  ch'  eu   tuorna  ch'  eu   tuorn  inavb 
Schi  vegn  eu  d'  inviern  per  star  quia  sur  stad. 

15   E  Iura  cun  tai  eu  vögl  bain  passar 
Meis  temp  inandret  sainza  minchunar. 

104. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  47/8.) 

Chara  perchö  tant  suspürast 
Che  at  manca  o  pover  m6? 
Ach  quai  para  cha  tu  cridast 
La  radschun  nu  sa  perch6. 
5  Forsa  säst  tu  a  quist  ura 
Cha  damaun  vegn  a  partir 
Schi  at  rov  o  chara  spusa 
Cun  tias  larmas  ni;  'm  far  ir. 


144  Volkslieder. 

H  destin  vol  ch'  ans  separan 
10  Per  ün  temp  schi  che  vost  far 
Tu  cuu  mai  bain  at  prepara 
AI  dür  pass  cha  stains  rivar. 
Quai  nu  jüda  sa  ingotta 
Havair  painas  e  dulnr 
15  La  fadia  gronda  totta 
Da  Star  ora  ha  teis  spus. 

La  partenza  bain  crudela 
Bier  angosch'  am  sta  sül  cor 
Da  stovair  lasebar  mia  bella 
20  Be  suletta  quia  inavo; 

Pur  eu  stögl  am  sotameter 
Stovara  b6  obedir 
AI  cumond  chi  nun  am  spetta 
Meis  impegn  es  da  curaplir. 

25  Talas  sun  las  circostanzias 
E  las  düras  condiziuns 
Da  nus  oters  in  silenzi 
Pelegrins  povers  grischuns, 
Chi  per  guadaguer  nos  viver 

30  Stovains  ir  pel  mond  intuorn 
Bandunond  nossas  famiglas 
Nossas  chasas  e  contuorns. 

Tant  dandet  tu  am  bandunast 
Est  usche  indifferent 

35  Cha  pur  uossa  am  manzunast 
Cha  daman  vost  ir  davent? 
Tu  nu  vost  ch'  eu  paina  indüra 
Eu  nun  vögl  am  malquintar 
Sco  ün  crap  stess  esser  dura 

40  Scha  nu  vess  da  suspürar! 

Seh'  eu  mia  chara  nu  vess  tmü 
D'  at  far  massa  displaschair 
Schi  dalunga  ch'  eu  ha  savü 
At'  vess  fat  eir  a  savair. 


Volkslieder.  145 

45  Ma  usch6  a  1'  improvista 
Quel  trist  uorden  es  rivä, 
Cha  surprais  e  smort  in  vista 
Bod  pers  via  eu  sun  reista. 

Massa  lönch    am  fetsch  eu  spranza 
50  Nun  havair  daveut  da  star 

Nel  suprem  eu  n'  ha  fidanza 

In  pacs  anns  da  retuornar, 

E  rivair  mia  spusa  chara 

Chi  1'  oget  ais  da  mia  sort 
55   E  sulet  ais  chi  displasclia 

A  meis  cor  infin  la  mort. 

Quistas  sairas  daletusas 
Cha  cuu  tai  eu  passantet, 
Dits  et  anns  pareivan  uras 
60  Quist  mais  be  ün  di  paret! 
Cur  davent  sarä  da  tai 
Anns  ils  mais  am  pararan 
Et  ils  dits  lungs  b6  sco  mais 
Et  las  uras  be  sco  dits.  — 

65  Uossa  bod  1'  ura  s'  aprosma 

Del  viadi  ch'  eu  stögl  far 

Ach  quai  para  ch'  eu  nun  possa 

Usche  bod  at  bandunar 

II  sang  m'  arda  in  las  avainas 
70  0  eu  am  saint  da  murir. 

Che  martiri!  ach  che  painas! 

Eu  nun  poss  amo  partir! 

Eu  sun  bain  disfortünada 

Che  gnaraja  or  da  mai? 
75  Forsa  reist  qua  bandunada 

In  smanchanza  crod  a  tai. 

Pasara  meis  dits  cun  plondscher 

E  meis  cor  fich  contuorblä, 

Stovara  saimper  rimplondscher 
80  II  cuort  temp  ch'  el  t'  ha  apretschä. 

Romanische  Forichungen  XXVJT.  10 


146  Volkslieder. 


Ach  meis  bain  tu  am  cognoschast 
Schi  perch6  vost  am  ferir 
Laschast  guir  quels  pleds  or  d'  bocca 
Ch'  eu  vegn  forza  at  tradir, 
85  Impussibel  es  ch'  eu  possa 
Invlüdar  tot  quist  amur 
Vögl  plütöst  murir  jüst  uossa 
Co  dvautar  ün  traditur. 

Siast  fidela  e  costanta 
90  Sco  ch'  eu  sgür  sara  cun  tai 
E  at  impaissa  chara  amada 
In  teis  cor  zond  sur  da  mai 
Cha  bain    spart    am  vöglast  scriver 
Racumond  eu  chararaaing 
95  Fers'  avant  amo  ch'  eu  riva 
AI  destiu  1'  istessaraaiug. 

105. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  218.) 
Prümavair'   ais  arrivada, 
Chod  splendura  il  solai; 
Nel  lontan  vögl  far  viadi 
Ed  il  man  a  mai  spordschai. 
5   Vers  la  val  pigl  eu  ma  strada 
E  cumgia  pigl  d'  ma  brajada. 
Sta  addieu  tuots  quels  a  chasa 
Ed  il  man  a  mai  spordschai. 

Sta  addieu,  tu  mia  chüna, 

10  Eu  at  sto  uoss'  baudunar 
Vögl  tscherchar  otra  fortina, 
Qui  non  poss  eu  sairaper  star. 
Eir  nel  ester  s'  chatta  chasas, 
Chi  non  resgia,   non  fa  assas; 

15   Sperauzand  vögl  lontanar; 

Qui   non   poss  eu  saimper  star. 

Dieu  suprem  vus  tuots  perchüra, 
Quaist  giavüscha  vos  ami ; 
Amicizia  adüna  dura, 
20   Que  clii   's  ama  rest'   uni. 


Volkslieder.  147 

Uu  solai  per  tuots  ßplendura; 
Vögl  partir,   ed   ais  uoss'   iira. 
Ma  peusai   a  vos  ami; 
Que  cbi  ^s  ama  rest'  uni. 

106. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  34—36). 

Tagle  que  ch'  eu  völg  dir 
Cuu  graud'   afflicziuu, 
Ardaint  a  mia  partir. 
Sun  sohl  del  bun. 

5  Vus  femnas;   chi  vivais 
Felices  s'   p6  nomuer 
In  quist  beo  pajais 
Sainza  pisser. 

Nus  oters  povers  mats 
10   Disfortlinos  baia  zaond 
Da  uon  vair  stabel  plaz 
Brich  iu  quist  muond. 

Que  chi  am  fo  dolur 
Es  da  stuvair  lascher 
15  Ma  mamma  e  mias  sours 
E  mia  bap  eher. 

II  Seguer  po  savair 
Scha  varons  quella  sort 
Da  'ns  pudair  tuots  revair, 
20  0  scha  siim  mort. 

Siand  il  di  rivö 
Chia  tuet  eira  decis, 
Piglio  he  cumio 
Da  chi  he  vis. 

26  n  vih  sum  passe  gib 
Sulet  cun  mia  bap  eher 
Ils  sains  haun  cumanzö 
Tuots  a  suuer, 

10* 


148  Volkslieder, 

Paraiva  be  cha  quels 
30  Cuntschessan  mia  dulur, 
Cha  quel  di  vaiv'  in  me 
Aint  in  mieu  cour. 

Ma  gio  tal  lei  allur 
Sum  ieu  cuu  ardiraaint, 
35  Piglio  tuot  mia  dolur 
E  bütto  aint. 

Cumbot  he  banduno 
L'  Ingiadina  daffat. 
Piglio  he  cumio 
40  Eir  da  mias  bap. 

Impisser  vus  pudais, 
Cu  chi  staiv'  il  cor  mieu, 
Da  nu  Vair  pü  dels  mieua 
Oter  cu  Dieu. 

45  A  quel  m'  he  eu  surdo 
Dalum  in  quel  momaint, 
II  rest  he  tuot  smanchio 
E  füt  cuntaint. 

Scu  ün  tapfer  sudö 
50  M'  he  eu  bain  miss  aqui 
Chi  vo  cul  cour  sfranö 
Vers  l'inimi. 

Suis  cunfins  sun  riv6 
Da  nossas  Ligias  trais, 
55  Allur  he  eau  clamo: 
Adieu,  pajais. 

Cur  tiers  vus  tuorn  nun  se; 
D' intaunt  ste  tuots  adieu; 
Nu  poass  dir  oura  che 
60  Cha  eau  he  nel  cour  mieu. 


Volkslieder.  149 

Viver  cuntaiuts  pudais ; 
Eir  eu  1'  fess  in  vafdet, 
Scha  turner  nel  pajais 
Suschess  da  liberted. 


107. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  49.) 

Malbruc  nun  ir  in  guerra! 

Miromtontoriantera. 

Tu  'm  dast  paina  e  dolur. 

Malbruc  nun  ir  in  guerra! 

5  Tu  'm  dast  paina  e  dolur. 
0  nun  at  tmair  o  chara 
Ch'  eu  stögl  ir  per  onur. 

La  paina  es  tanta  gronda 
Mera  dad  ir  in  Olanda 
10  E  laschar  qua  mia  amur. 

0  che  amur  plü  bella 
Da  star  pro  tai  fidela 
Pro  tai  0  char  amur! 

0  lascha  ch'  eu  at  abratscha 
15  Las  larmas  da  ta  fatscha 
Sun  causa  da  ma  mort. 

Saia  in  Frantscha  o  in  Türchia 
Sarast  la  Spranza  mia 
Mia  spranza  e  mia  sort. 

20   0  chara  mia  bella 
Eu  't  rov  saiast  fidela 
Vers  il  teis  char  amur. 


Eu  vegn  davent  da  quia 
Cun  grond  melanconia 
25  Be  per  tai  meis  char  cor! 


j^50  Volkslieder. 

108. 
(Anualas  XIV,  Vital,  p.  259.) 

Sün  Un  muot  chantaiva  Morel; 

La  veglia  dschaiva:  che  manca,  meis  bei? 

Aint  in  üert  voless  eu  ir. 

La  giuvna  dscliaiva:  lascbä '1  pur  gnir! 

5  Aint  in  üert  chantaiva  Morel; 

La  veglia  dschaiva:  che  manca,  meis  bei? 

Aint  in  cuort  voless  eu  ir. 

La  giuvna  dschaiva:  laschä, '1  pur  gnir! 

Aint  in  cuort  chantaiva  Morel; 
10  La  veglia  dschaiva:  che  manca,  meis  bei? 
Aint  in  stüva  voless  eu  ir. 
La  giuvna  dschaiva :  laschä  '1  pur  gnir ! 

Aint  in  stüva  chantaiva  Morel; 
La  veglia  dschaiva:  che  manca,  meis  bei? 
15  In  davopigna  voless  eu  ir. 

La  giuvna  dschaiva:  laschä. '1  pur  gnir. 

In  davopigna  chantaiva  Morel ; 
La  veglia  dschaiva:  che  manca,   meis  bei? 
Sü  in  chambra  voless  eu  ir. 
20  La  giuvna  dschaiva:  laschä '1  pur  gnir! 

109. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  277-280.) 
Che  ha  tschnä  la  duonna  spusa  la  prüma  saira? 
'Na  pernisch  a  rost 
Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

Che  ha  tschnä  la  duonna  spusa  las  duos  sairas? 
5  Duo   nudind,   chi   van  uudand, 

'Na  pernisch  a  rost 
Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

Che  ha  tschnä  la  duonna  spusa  las  trais  sairas? 
Tri  culomb,   chi   van   svoland, 
10  Duo  nudind,  chi  van  nudand, 

'Na  pernisch  a  rost 
Ed  ün'  umblan'  a  rost. 


Volkslieder.  151 

Che  ha  tschnä  la  duonua  spiisa  las  quatter  sairas? 
Quatter  loivrets,  ein  vau  sigliaud, 
15  Tri  culomb,  chi  van   svolaud, 

Duo  nudind,  chi  van  nudaud, 
'Na  pernisch  a  rost 
Ed  ün'  iimblau'  a  rost 

Che  ha  tschua  la  duonna  spusa  las  tschinch   sairas? 
20  Tschinch  granets,  chi   van   granand, 

Quatter  leivrets,   chi  van  sigliand, 

Tri  culomb,  chi  van   svoland, 

Duo  nudind,  chi  van  nudaud, 

'Na  pernisch   a  rost 
25  Ed  ün'  urablan'  a  rost. 

Che  ha  tschnä  la  duonua  spusa  las  ses  sairas? 
Ses  pigliattas  beilas  chaplüdas, 
Tschinch  granets,   chi  van  granand, 
Quatter  leivrets,   chi  van  sigliand, 
30  Tri  culomb,  chi  van  svoland, 

Duo  nudind,   chi  van   nudand, 
'Na  pernisch  a  rost 
Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

Che  ha  tschna  la  duonna  spusa  las  set  sairas? 
35  Set  agnels  ed  ün  cornü, 

Ses  pigliattas  bellas  chaplüdas, 

Tschinch  granets,  chi  van  granand, 

Quatter  leivrets,  chi  van  sigliand. 

Tri  culomb,  chi  van  svoland, 
40  Duo  nudind,  chi  van  nudand, 

'Na  pernisch  a  rost 

Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

Che  ha  tschna  la  duonna  spusa  las   ot  sairas? 

Ot  poi-chs  ed  ün   creschü, 
45  Set  agnels  ed  ün   cornü, 

Ses  pigliattas   beilas  chaplüdas, 

Tschinch  granets,   chi   van   granand, 

Quatter  leivrets,   chi   van   sigliand. 

Tri  culomb,   chi   van   svoland, 
50  Duo  nudind,   chi   vau   nudand, 


j^52  Volkslieder. 

'Na  pernisch  a  rost 
Ed  ün'  umblan'  a  rost 

Che  ha  tschna  la  duonna  spusa  las  nouv  sairas? 

Nouv  bouvs  bels  e  grass, 
55  Ah,  chi  sun  eir  lams  e  pass, 

Ot  porchs  ed  üu  creschü, 

Set  agnels  ed  ün  cornü, 

Ses  pigliattas  beilas  chaplüdas, 

Tschinch  granets,  chi  van  granand, 
60  Quatter  leivrets,  chi  van  sigliand, 

Tri  culomb,  chi  van  svoland, 

Duo  nudind,  chi  van  nudaud, 

'Na  pernisch  a  rost 

Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

65  Che  ha  tschuä  la  duonna  spusa  las  desch  sairas? 

Desch  fuorns  dal  bun  pan, 

Ah,  ch'el  ais  eir  lam  e  san, 

Nouv  bouvs  bels  e  grass, 

Ah,  chi  sun  eir  lams  e  pass, 
70  Ot  porchs  ed  ün  creschü, 

Set  agnels  ed  ün  cornü, 

Ses  pigliattas  bellas  chaplüdas, 

Tschinch  granets,  chi  van  granand, 

Quatter  leivrets,  chi  van  sigliand, 
75  Tri  culomb,  chi  van  svoland, 

Duo  nudind,  chi  van  nudand^ 

'Na  pernisch  a  rost 

Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

Che  ha  tschna  la  duonna  spusa  las  ündesch  sairas? 

80  Ündesch  buots  dal  bun  viu, 

Ah,  ch'  el  ais  cotschen  e  fin, 
Desch  fuorns  dal  bun  pau. 
Ah,  ch'  el  ais  eir  lam  e  san, 
Nouv  bouvs  bels  e  grass, 

85  Ah,  chi  sun  eir  lams  e  pass, 

Ot  porchs  ed  ün  creschü, 
Set  agnels  ed  ün  cornü, 
Ses  pigliattas  beilas  chaplüdas, 
Tschinch  granets,   chi  vau  grand, 


Volkslieder.  153 

90  Quatter  leivrets,  cbi  van  sigliand, 

Tri  culomb,  ein  vau  svolaud, 
Duo  nudind,   cbi  vau  nudaud, 
'Na  peruißch  a  rost 
Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

95   Che  ha  tschua  la  duonna  spusa  las  dudesch  sairas? 

Dudesch  trats  dal  coufet, 

Possat  mai  alvar  our  d'  let, 

Ündesch  buots  dal  bun  vin, 

Ah,  ch'  el  ais  cotschen  e  fiu, 
100  Desch  fuorns  dal  bun  pan, 

Ah,   ch'  el  ais  eir  lam  e  san, 

Nouv  bouvs  bels  e  grass, 

Ah,  chi  sun  eir  lams  e  pass, 

Ot  porchs  ed  üu  creschü, 
105  Set  agnels  ed  ün  cornü, 

Ses  pigliattas  beilas  chaplüdas, 

Tschinch  granets,   chi  van  granand, 

Quatter  leivrets,  chi  van  sigliand, 

Tri  culomb,  chi  van  svoland, 
110  Duo  nudind,  chi  van  nudand, 

'Na  pernisch  a  rost 

Ed  ün'  umblan'  a  rost. 

110. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  78—80.) 

Tuotta  not  eu  m'  insömgiaiva 
Cha  giaiva  our  in  que  zardin, 
E  chiattaiva  ün  bei  tresor 
Ai,  süsom  que  frus^herin. 

5  Bei  tesor  implanto  our, 
Chi  faiva  allegrer  il  cour ; 
Co  volvet  mieus  oelgs  in  via 
E  vzet  lo  mieu  amur  eher. 

Dalla  granda  allegria 
10   Am  mattet  eu  a  crider, 

Gio  d'mias  oelgs  crudaivan  larmas, 
Schi  craschivan   beilas  fluors. 


154  Volkslieder. 


Schi  craschivan  bellas  fluors, 
Alvas,  cotschnas,  da  culuors; 
15  Las  pigliet  in  mieu  scassel, 
Las  purtet  a  mieu  amur  eher. 

E  da  taunta  allegria 
As  mattet  el  a  crider. 
« Chera,  bella,   s'  ispi^, 
20  8'  ispi5  üna  marusa. 

Bella  sai'  la  be  sco  vus, 
E  chiarigna  be  sco  eau.»   — 
«Sar  vus  bei,   eu  s'  di  da  prus, 
Cha  l'ais  poch  dalöntsch  da  vus.» 

25    «Ai  schi  saja,  ai  schi  via, 
Schi   saregias   tuotta  mia.» 
Co  la  dettl'  im  per  anells 
Piajos  aint  iu  taunt  bindeis. 

Co  la  dettl'   ün  per  fazöls 
30  Ed  ün  bütsch,  ma  bain  da  cour; 
«E  scha'  d  essas  eir  cuntaiuta, 
Vulaius  dalum  siner  aint.» 

«Quista  saira  ais  memma  tard, 
Vulains  lascher  d'  üna  vart, 
35  Lascher  fin  damaun   marvailg, 
Cha  la  not  vaiu  bun    cussailg.» 

111. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  82—84.) 

Chi  me  ais  que  famailg 
Chi'  s  leiva  usche  manvailg 
Cun  la  staila  dal  sulailg? 
Chi  me  ho'  1  par  marusa? 

5   L'  ho  zuond  üna  bella  raatta; 
Ma  da  seis  bap  ho  ella  artö 
Bain  üna  pitschna  dota: 
Sulet  ün  er  chi  rösas  ho  portö. 


Volkslieder,  1"^^ 


«0  bella  matta,  voust  am  der 
10  Üna  bella  rosa  da  tieu  er?»   — 
«0  madiua  cha  nu  farö, 
Cha  mieu  bap  m'  ho  scumando.»   — 

«Nu  voust  tu  ma  marusa  gnir?»  — 
«Aunt  cu  quella  cu  dvanter, 
15  lu  ün  grauuet  am  voelg  cunvertir, 
Ed  in  la  terra  am  voelg  zuper.» 

«Scha  tu  voust  gnir  ün   bei  graiinet, 
Ed  in  la  terra  at  voust  zuper, 
Voelg  eau  gnir  ün  utscbeet, 
20  Ed  our  dalla  terra  at  voelg  picler.» 

«Ün  utscheet  scha  tu  voust  gnir, 
Ed  our  dalla  terra  am  voust  picler, 
Voe  'm  couvertir  in  chiamuotschet 
Ed  in  la  cripla  am  voelg  ris^her.» 

25   «Füssast  tu  üu  chiamuotschet, 
Per  in  la  cripla  at  risc^her, 
Voelg  esser  eu  ün  chatschedret, 
Ed  our  dalla  sassa  at  voelg  claper.» 

«In  chatschedret  t'  voust  convertir, 
30  Ed  our  d' la  sassa  am  voust  claper, 
Schi  voelg  eu  gnir  üna  bella  rosa, 
Ed  in  la  plazza  am  voelg  plazzer.» 

«Scha  tu  füssast  üna  rosa 
Ed  in  la  plazza  at  voust  plazzer, 
35  Ün  cumpredar  voelg  eu  gnir, 
Gio  dalla  plazza  t'  acquister.» 

«Scu  cumpredar  voust  tu  gnir, 
Gio  dalla  plazza  am  voust  cumprer, 
Voelg  in  aunglet  am  convertir, 
40  Ed  aint  in  tchel  am  voelg  retrer.» 

«In  ün  aunglet  t'  voust  cunvertir, 
Ed  aint  in   tschel  voust  at  plazer, 
Schi  voelg  ün   otr'  aunglet  eu  gnir, 
E  svess  in  tschel  at  voe  brancler.» 


156  Volkslieder. 


112. 
a. 

(Flugi,  Volkslieder,  p.  56—58.) 
Ad  eir'  uua  giuvna  sün  ün  marchio. 
Chi  bain  fluriva,  fluriva  sco  üua  rosa; 
Co  eira  ün  giuvan  fich  ot  stimo, 
Chi'l  püßchel  vaiv'  al  chape  tachö. 
5   «Sco  iiondas  dall'  ova  s'  ho  bain  müdö, 
Müdo  tieu  amur  in  fraidezzaj 
Sest  bain,   inua  tieu    pled  m'  best  do; 
L' host  do  auncli'  ad  üna?  a  mi  cumio? 
Nun  poass  qua  crair,  am  fid  sün  te, 

10  Am  lasch  sün  ta  cunscienzchia; 
Pigleda  m'  best  in  tuotta  fe, 
Attestan  in  tschel  que  las  stailas. 
Scha  mias  bap  füss  un  grand  rieh  om, 
Scha'  1  purtess  chadainas  duredas, 

15  Allura  forsa  arfscbess  il  pom, 
Föss  degna  da  't  ster  paraglieda. 
Mo  siand  mias  bap  be  ün  pastur, 
Della  vischnauncha  ün  servitur, 
Nun  best  trupaig  tu  da'm  tradir, 

20   Da  tradir  a  ti  ed  a  tieu  amur. 
Eu  sun  povretta,  e  tu  est  rieh; 
Schi  d'  be  mia  spraunza  nel  paradis; 
Eu'  m  fid  sül  Segner  tuot,  mo  brich 
Nel  om  pü  'm  fid  e  sia  fosded. 

25   Sün  las  Agnias,   lo  ais  ün  bei  plauu, 
Cun   bazs   s'  banescha  lo   il  diaun, 
Lo  post  tu  da  me  at  sparaglier, 
Lo  vegnane  ans  separer. 

b. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  213—14.) 
Ed  eir'  üua  giuvna  sün  ün  marchä, 
Gio  davo  l'aua  guiv'  la  lä, 
Flurescha  sco'  na  rosa. 

Ün  giuven,  ch'  eu  il  crai  fida, 
5  Ha  1  püschel  sül  chape  tachä, 
Ai,  spüra  amur  fosa. 


Volkslieder.  157 

Tu  m'  hast  pigliada  uschfe  soveut, 
Sco  stailas  sun  al   firmamaiut, 
Sovent  m'  hast  tu  gürada. 

10  M' hast  pigliada,   säst  bain   ingio; 

Hast  tut  amo  üua,  scbi  hast  duos  fluors ; 
Eu  am  fid  süu  la  couscienza. 

Eu  sun  povretta  e  tu  est  rieh, 
Ma  sprauza  ha  nel  paradis, 
15  Eu' m  fid  in  Dieu,  meis  Segnei*. 

Perche  meis  bap  ais  ün  pastur, 
Della  vischinancba  servitur, 
Schi' m  das-chast  tu  tradire? 

Ma  scha  meis  bap  füss  geutilom, 
20  Üna  chadaina  d'  or  portess, 
Allura  tu'  m  salvessast. 

Gio  las  Agnas  ais  tin  bei  plan, 
Cou  bazs  banneschan  il  dian, 
Nus  duos  per  sparegliare. 

25  Quaista  chanzun,  cha'  vais  senti 
Vertida  ais  be  uossa  quia 
E  quai  sainza  fadia. 

E  quel,  chi  ha  il  prüm  chantä, 
Que  eir  ün  hom  giä  maridä; 
30  Non  fetsch   seis  nom,  ma  'I  crai  galantom. 

113. 

(Flugi,  Volkslieder,  p.  27/8.) 

Ad  eira  üu  pas^heder  chi  giaiva  pas^hand, 
Zieva  la  riva  cha  '1  giaiva  chantand : 
Eviva  l'amur! 

Mo  pascjher  cha  el  pas^haiva 
5  Üna  bella  matta  cha  el  chattaiva: 
Eviva  l'amur! 

Co  la  piglet  el  par  sias  bels  mauus  alvs, 
E  la  mnet  a  la  frascjha  sumbriva: 
Eviva  l'amur! 


158  Volkslieder. 


10  Eviva  l'amur  da  co  infiu  süu  porta, 
Eviva  l'amur  da  quella  giuvna  scorta! 

Eviva  l'amur  da  co  iufin  suler, 
Eviva  l'amur  da  que  giuven  bei! 

Eviva  l'amur  da  co  infin  sün  üsch, 
15  Eviva  l'amur,   clia  lo  la  dum  ün  bütsch. 

Eviva  l'amur  da  co  fin  iu   stüva, 

Eviva  l'amur  da  quels  chi  haun  vintüra! 

Eviva  l'amur  da  co  flu  sün  chambra, 
Eviva  l'amur  da   quel   bei  per  chi  's  ama! 

114. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  208—9.) 

Ed  eiran  trais  sudats, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 
Rom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan   dalla  guerra, 

5  Ün  da  quels  trais 
'Vaiv'  üna  bella  rosa, 
Rom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

La  figlia  del  rai 
10  Eira  fün  fanestra, 

Rom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

O  bei  tamburin, 
Voust  dar  a  mai  ta  rosa? 
15  Rom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

O  figlia  del  rai, 
Voust  dar  a  mai  teis  cour 
Rom  patipom  patipom, 
20  Chi  gnivan  dalla  guerra. 

0  schür  il  tambur, 
Domanda  a  meis  bap! 
Rom  patipom,  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 


Volkslieder.  159 

25  O  majestä  de!  rai 

Voust  dar  a  mai  fa  figlia? 
Eom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

Signur  il  tambur, 
30  Voust  tu  ch'eu  't  fetsclia  pender? 
Rom  patipom  patipom, 
Chi  guivan  dalla  giierra. 

Tchientmilla  sudats 
Sun  qua  per  am  defender! 
35   Rom   patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

Signur  il  tambur 
Schi  di,   chi  ais  teis  bap? 
Rom  patipom  patipom, 
40  Chi  gnivan  dalla  guerra. 

Meis  bap  ais  il  rai, 
II  rai  dell'  Uugaria. 
Rom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

45  Signur  il  tambur 
Pur  piglia  mia  figlia. 
Rom  patipom  patipom, 
Chi  gnivan  dalla  guerra. 

115. 

a. 

(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  317.) 

Ad  eira  üna  vouta  im  baudirel, 

Chi  giaiva  tschartchand   da  's  marider. 

Ma  nul  eira  be  sulett, 

Cha  '1  vaiva  auncha  set  cun  el. 

5  Co  rivettane  a  Cuoira 
In  quella  gran  bella  cited. 

El  guardet  sün  ün  balcum 
E  vzet  la  figlia  d'  ün  barum. 

„AI  bundi,  Schura  regina! 
10  Voul  ella  gnir  a  tramelg? 


1 60  Volkslieder. 


A  tramelg  da  pardunaunza; 

Cba  vegu  eir  ils  giums  da  Frauntscha.'' 

„üumandarö  a  mas  sett  dunzellas 
Scba  sum  eir  cuntauutas  ellas."   — 

15  La  pü  veglia  la  scusgliaiva, 
La  pü  giuvna  la  casgliaiva. 

E  CO  getla  a  tramelg, 
La  fet  suter  il  bandirel. 

Iminchia  pass  cha  la  matta  daiva 
20  II  bandirel  la  dumandaiva, 

Awnz  cha  la  tras^ba  füt  glivreda 
Eira  la  matta  marideda. 

El  la  det  set  cient  araunscbs, 
E  sett  bels  anels  in  daint. 

25   j,Que  ais  bain  ün  pitscben  dum 
Per  la  figlia  d'  ün  barum."   — 

E  '1  bandirel  s'  bo  affruntö, 
Ed  bo  piglio  ficb  mel  i  '1  chö. 

E  la  regina  ais  turneda 
30  Tuot  in  prescba  par  sa  streda. 

Ed  bo  quinto  a  sas  donzellas 
Co  cbi  ais  passo  cun  ella. 


b. 

(Annalas  XIV,  Vital,  p.  274/5.) 
Ad  eira  ün  giuven  bandirel, 
Cbi  volaiv'  as  marider. 

El  get  fin  our  a  Coira, 
Spassegiand  per  la  citted. 

5  El  guardet  sün  tin  balcun, 
Vzet  la  figlia  d'  ün  barun. 

Reverida,  barunessa, 
Reveri,   signur  barun. 


Volkslieder.  161 


Eau  volaiva  1'  invider 
10  Quaista  saira  a  baller. 

La  barunessa  get  a  tramegl 
E  sotet  cul  baudirel. 

Cur  la  prüma  fUt  glivreda 
Füt  la  giiivua  dumandeda. 

15   Cur  la  seguouda  füt  glivreda, 
Füt  la  giuvna  impromissa. 

Cur  la  terza  füt  glivreda, 
Füt  la  giuvua  iurügleda. 

Ella  get  oura  per  suler, 
20  Terdscband  las  larmas  cul  squassel. 

Ella  get  fin  our  süu  porta 

E  sieu  bap  la  dschet  melscorta. 


116. 
(Annalas  XIV,  Vital,  275/76.) 

Ad  eir'  üua  vouta  ün  cbalderer, 
Cbi  'vaiva  vöglia  da  's  marider. 

Giunfra  prinzessa,  voul'  la  siglir  'na  trais-cha  con  mai, 
Giuufra  prinzessa,  voul'  la  siglir  'na  trais-cha  con  mai, 

5  Mincha  pass,  cha  la  giuvua  faiva, 
II  cbalderer  la  domaudaiva. 

lutant  siglittan  infin  las  dudesch 

Ed  eirau  tuots  duos  marus  e  marusa. 

lutant  siglittan  infina  1'  üna 
10  Ed  eiran  tuots  duos  bain  da  perüna. 

Intant  siglittan  infin  las  dus 

Et  eirau  tuots  duos  spusa  e  spus. 

Intant  rivettan  infin  süu  porta 
Ed  inscuntrettan  seis  giuveu  frar. 

15  Intant  rivettan  infin  sün  s-chala 
Ed  inscuntrettan  a  seis  bap. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  1 1 


162  Volkslieder. 

Intant  rivettan  infin  sün  üsch 
Ed  iuscuntrettan  a  sia  sour. 

Piglia  gi6  quel  scussal  alb 
20  E  metta  sü  quel  s-charbunä. 

Piglia  gib  quella  scufla  d'  saida 
E  metta  sü  quella  trida  uaira. 

117. 
(Annalas  VII,  Derin,  p.  52/3.) 

Viv'  il  bei  prinzi,  rai  d'Olanda 
Quel  vev'  eir  da  gnir  a  cha. 
Haderdom  valeriulä 
Quel  vev'  eir  da  gnir  a  chä. 

5  La  schiora  (sie!)  prinzessa  sün  fanestra 
Guardev'  ora  in  mez  il  mar. 

Qua  vezet'  la  ün  servitur 
Chi  gniva  tot  vesti  a  nair. 

Servitur  o  servitur 
10  Che  ma  novas  mainast  tu? 

Pacas  bunas  schiora  prinzessa 
Tant  per  mai  co  eir  per  lei.  (!) 

Angoscha  gronda  e  dolur 
II  bei  prinzi  es  sotterra 

15  La  schiora  prinzessa  per  terra  crodet 
Da  la  grauda  crudelt(a)[e]d. 

Las  sias  donzellas  tottas  quellas 
Gnittau  la  per  la  jüdar. 


118. 
(Annalas  VI,  Derin,  p.  61.) 

Una  saira  jeiva  ora  sper  il  mar 
Et  eu  cumanzeiva  lä  a  spassisar, 
Eu  da  cor  chanteiva  lä  üna  chanzun 
Schi   bainbod   udit'  eu  ün'  amabla  vusch. 


Volkslieder.  163 

5   Üna  juvna  bella  vez,  vers  mai  a  gnir 
Et  am  dscheiva  quella:  dim  che  quai  vol  dir 
Ün  tavau  da  terra  dod  eu  a  chautar 
Tu  uoss'  am  declera  che  quai  vol  maniar, 

Stupi  meis  cor  steiva  cur  ch'  eu  la  vezet 
10  Lura  eil'  am  dscheiva    guardam   pur  indret 
Sia  groud'  beleza  eira  tschert  usch^! 
Et  eu  cuu  pronteza,  via  pro  ella  jet. 

Eu  la  giavüscheiva  ch'  ella  dess  chautar 
Eir  am  respoudeiva  quai  uuu  po  dvautar. 
15  A  chautar  ch'  eu  guiss  schi  da  sgür  at  di 
Tu  at  rumanzessast  e  nu  sdvuaglessast  plü. 

Quista  juvna  bella  cumainz'  a  chantar 
Üna  vusch  fich   bella  dod  eu  a  chantai', 
Quai  ch'  ella  chanteiva,   nuu  saveiv'  incler 
20  Ma  quai  am  pareiva  üna  vusch  dal  tschel, 

Ohara  juvna  bella  eu  't  vögl  seguitar 
Tia  vusch  fich  bella  fa  meis  cor  legrar, 
Eu  't  vögl  dar  per  spenda  quatter  milli  rentschs 
Cun  bun  cor  at  dun  tot  quai  ch'  eu  posed.  — 

25  0  crastian  da  terra  salva  tot  per  tai 
Tia  richeza  blera  nun  am  po  jüdar, 
Siond  la  chasa  mia  sta  in  mez  il  mar 
Tu  a  totta  via  nun  post  seguitar. 

Scha  quai  nuu  po  esser  dad  at  seguitar 
30  Stögl  eu  laschar  esser  et  am  cuntaintar. 
0  tu  juventschella  schi  va  e  sta  bain 
Giavüschet  a  quella,  plü  nun  as  vezain. 

119. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  276—77.) 

0  Anna  Maria,  ingio  ais  teis  hom? 

L'  ais  our'  in  tablä,  ch'  el  giascha  sül  ström. 

0  Anna  Maria,  ingio  vast  tu? 

Eu  vegn  in  cittä  a  sutar  cols  sudats. 

5  0  Anna  Maria,  va  a  chä,, 
Cha  teis  hom  ais  ammalä. 


11 


* 


j^(34  Volkslieder. 


Seh'  el  aisammalä,   laschain  ch'  el  sia, 
Intant  eu  vögl  sunar  la  gia. 

Sunai*  la  gia  e  1'  giun, 
10  Cha  las  mattas  vegnan  a  mautun. 

Ed  ils  mattuns  vegnan  eir  pro 
E  van  sotand  tuet  inavo. 

120. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  270—71.) 

Daman  a  mamvagl  vögl  eu  alvar 

Ed  ir  aiut  il  god  ed  utschels  sagettar. 

Subit  cha  nel  god  eu  rivet  aint, 
Udit  ün  Infant  zuond  sten  brajand. 

5  0  meis  Infant,   o  meis  char  infant, 
Chi  t'  ha  a  tai  perchüra  qui  aint? 

n  Segner  meis  m'  ha  perchüra, 
Cha  iugün  tier  non  m'  ha  maglii. 

Daman  a  mamvagl  vögl  eu  star  sü 
10  Ed  alias  nozzas  da  mia  mamma  ir, 

Subit  cha  eu  in  stüva  riv  aint 
Vögl  far  a  tuots  ün  bei  complimaiut. 

Bun  di,  bun  di,  vus  nozzadurs, 
Sco  eir  vus  mamma  con  vos  spus! 

15   Co  das-chast  a  mai  tu  tia  mamma  nomnar, 
Quist  cotschen  cranz  non  das-chesseu  portar? 

Schi  'vais  dafat  tuet  invlidä 

Vos  trais  infants,    cha  vus  'vais  zoppautä? 

II  prüm  'vais  vus  davo  1'  aua  bütta, 
20  II  seguond  suot  ün  savüer  zoppanta. 

II  terz'  vais  vus  nel  god  portä, 
Con  lain'  ed  astellas  bain  zoppanta. 

Con  quai  il  satan  da  porta  vain  aint 
E  piglia  la  spnsa  per  ün  man. 


Volkslieder.  165 


25  E  sur  üsch  oura  quella  trand 
D*  üu'  otra  via,  d'  üu  oter  staud. 

D'  ün'  otra  via,  d'  ün  oter  stand 
Stoust  tu  passar  tras  1'  Engelland. 

121. 
(Annalaa  XIV,  Vital,  p.  257—259.) 
Qua  eir'  üna  giuvnetta, 
Una  giuvnetta  persa, 
Üna  giuvnetta  persa, 
Per  set  dis  e  per  set  nots. 

5  Qua  gnit  ün  chavalgiaint 
E  disch:   Che  fast,  giuvnetta? 
Eu  di,  cha  mi  sun  persa 
Per  set  dis  e  per  set  nots. 

0  di,   0  di,  giuvnetta, 
10  Voust  gnir  con  mai  in  groppa? 
0  schi,  ch*  eu  vögl  ir  via 
In  groppa  davo  el. 

Qua  gen  ün  toc  inavant, 
Schi  comainz'  la  a  chautar; 
1 5  Per  begl  ch'  ella  chantaiva, 
Sclii  la  crappa  strasunaiva. 

0  di,   0   di,  giuvnetta, 
Da  chi,  da  chi  est  figlia? 
Eu  di,  cha  mi  sun  figlia 
20   Dad  Un  pover  giornalier. 

0  di,  0  di,  giuvnetta, 
Co  est  'sehe  bain  fittada, 
Con  nollas,   con  manins, 
Con  usche  finas  granadas? 

25  Tuot  quai  meis  bap  guadagna 
Schi  mett'  el   intuorn  mai, 
Schi  mett'  el  intuorn  mai, 
Per  am  fittar  a  mai. 


166  Völkslieder. 

Qua  gen  ün  toc  inavant, 
30  Schi  comainz 'la  a  chantar; 
Per  begl  ch'  ella  chantaiva, 
Schi  la  sassa  strasunaiva. 

0  di,   0  di  giuvuetta, 
Da  chi,  da  chi  est  figlia? 
35  Eu  di,  cha  mi  sun  figlia 
Dad  ün  pover  artiscban. 

0  di,   o  di,  giuvnetta, 
Co  est  'sehe  bain  fittada, 
Con  nollas,  con  manins, 
40   Oon  usche  finas  granadas? 

Tuot  quai  meis  bap  guadagna, 
Schi  mett'  el  intuorn  mai, 
Schi  mett'  el  intuorn  mai, 
Per  am  fittar  a  mai. 

45   0,   schi  guardai  tschavia, 
Quella  bella  compagnia, 
Quai  ais  meis  signur  bap 
Con  seis  dudesch  serviturs. 

0,   schi  guardai  tschavia 
50  Quella  bella  compagnia 

Quai  ais  ma  siguura  mamma, 
Con  las  sias  dudesch   donzellas. 

0  povers  nars  quels  mas-chels 
Chi  crajan  alias  femnas. 
55  Füss  it  per  otra  via, 
Schi  la  matta  eira  mia! 


122. 

(Annalas  XIV,  Vital,  p.  204—5.) 

Vlain  comanzar  eir  a  chantar, 
Ai,  supra  il  maridar. 
0  tadlai,  co  1'  ais  passada, 
Schi  volaina  radschunar. 


Volkslieder  167 


5  La  giaiva  oura  ün  po  a  spass 
Per  verer,  seh'  il  gniss  a  plaz ; 
Bella  tschera,  ch'  eil'  al  fa 
Per  il  far  inamurar. 
„0  buu  di,  vus  chara  bella, 
10  Percbe  stais  da  mala  vöglia, 
Percho  'vais  usche  crida, 
Percbe  'vais  vos  cour  plajä?" 

„Eu  's  voless  bain  radscbunar, 
Scba  VHS  savessat  da  'm  güdar, 

15   Scba  vus  savessat  da'm  quintar, 
Scba  meis  marus  vain  bod  a  cbä." 
„Noscbas  novas  ob'  eu  's  vögl  dar, 
Gba  vos  marus  ais  maridä, 
Noscbas  novas,  ob'  eu  's  vögl  dir 

20   Cba  vos  marus  ais   sepuli. 

Bunas  novas,  cb'  eu  's  vögl  dar 
Per  vos  cour  far  allegrar; 
Be  per  quai  sun  eu  gnü  quia 
Per  Vera,  scba  gnissat  mia." 

25    „Scba  meis  marus  eis  sepuli 
Ed  in  la  terra  ais  clet  sü, 
Megldra  sort  non  sa  eu  bricb 
Co  que^  noss  in  quaist  ifficb." 

Qua  la  d^  '1  ün  per  daners 
bO  E  ses  lingias  bels  granats, 

Qua  la  d^  '1  ün  per  zecbins 

Ed  ün  bei  per  uracbins. 

In  sandä,  vus  cbara  bella, 

In  sandä  da  nossa  lai ; 
36  Dieu  ans  vöglia  beuedir, 

Tuots  noss  fats  far  reuscbir." 

123. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  254.) 
„Buna  saira  mattans  bellas, 
Percbe  stais  da  mala  vöglia? 
Percbe  stais  uscbe  cridar? 
Percbe  'vais  voss  cours  serrats?" 


168  Volkslieder. 


5   „Schi  baiuvgnUts  eir  vus,  bels  giuvens 
Non  Vais  vis  il  meis  marus. 
Meis  marus  quel  non  ais  qua, 
Be  perquai  suspür  eu  qua." 

„Bunas  nouvas  ch'  eu  's   vögl  dar, 
10  Vos  marus  ais  uossa  qua. 

Bunas  nouvas  ch'  eu  's  vögl  dir,*» 
Vos  marus  ais  uossa  qui." 

Qua  la  det  el  duos  anels, 
Plajats  aint  in  bels  biudels; 
15  Qua  la  det  el  duos  zechins 
Ed  üua  s-chacla  d'  uraglins. 

Qua  la  det  el  duos  barettas 
Con   picheis  d'  or  intuorn; 
Qua  la  det  el  duos  fazous 
20  E  duos  bütschs  eir  bain  da  cour. 


124. 
(Annalas  VII,  Deriu,  p.  53—55.) 

0  juvna  bella  che  stais  qua 
Usche  da  mala  vöglia? 
Spetais  a  gnir  vos  char  marus 
Vos  IM  per  alguar  via? 

5  Schi  b6  per  quai  suspür  eu  fich 
Na  sa  ingio  ch'  el  ais 
El  es  bain  i  davent  da  qua 
In  ün  eister  paiais. 

El  es  bain  i  davent  da  qui 
10   Chi  es  fingiä   trais  ons 

Eu  il  spet  gnir  inmiuchadi 
E  ma  nu  til  vez  vgnoud, 

Et  eu  suletta  qua  ch'   eu  stun 
Nu  sa  clie  dir  ni  far, 
15  Ni  cun  chi    metter  jo    radschun 
Sainza  mis  amur  char. 


Volkslieder.  ^69 


O  juwna  bella  seh'  eu  das<;hess 
Duas  pleds  in  confideuza 
D'  BS  palesar  be  iu  secret 
20  Duas  pleds  in  cofideuza 

Char  Sar  vus  bei  pur  discuri 
Scba  savais  inqualcbosa 
Perch6  da  mai  uu  gnis  tradi 
Scb'  eu  'vess  d'  ir  alla  fossa. 

25   Dimena  scha  vus  permetais 
Cun  vus  eir  da  tschantschar 
Scbi  eu  dumoud :  uu'm  cognoschais 
A  mai  jo  da'l  tscbantschar? 

Jo  dal  discuorrer  am  paress 
30  Cha  fossat  meis  amant 

Ma  jo  dal  aier  cba  vus  'vais 
Na  poss  eu  craier  quai. 

Ma  bain  scbi  v6  pur  nan  a  qua 
E  guardam  inandret 
35  Scba  eu  nu  sun  il  teis  ama 
Cbi  am'  a  tai  sulet'? 

Pro  '1  juven  ella  currit  via 
Cun  mans  a  til   branclar 
Per  tant  amur  cba  ella  'vaiva 
40  Sainza  podair  tschantschar. 

Sün  quai  il  juven  cuoret  or 
E  sbrait:  o  fortUna! 
0  che  grond  cas  cba  quel  es  stat 
Cun  ma  bella  persuna. 

45  La  juvna  discb:  o  meis  cbar  cor 
Perche  hast  fat  uschfe? 
II  juven  discb:  per  provar  or 
Scba  1'  amur  es   sinzer. 

Ma  na  savaivast  tu  avant 
50  Co'  m  dar  quista  forada 

Cha  eu  sun  quella  cbi  at  'n  'hai 
Da  löncb  in  qua  amada? 


170  Volkslieder. 

Savaiva  bain  ma  in  quel  temp 
Vess  quai  podü  gnir  frai 
55  Perche  cha  tu  nun  hast  suvent 
Surgni  novas  da  mai. 

Eu  n'  liai  bler  scrit  e  n'  hai  bler  dit 
Che  ma  fa  meis  cor  char, 
Ma  uoss'  il  temp  es  arivd 
60   0ha  no' ns  podain  branclar. 

0  grond  dalet  cha  quai  tschert  ais 
Cur  cha  duas  cors  as  aman 
Pou  bain  eir  gnir  a  discurir, 
Eu't  am  e  tu  eir  'm  amast. 

65   Cur  cha  1'  amur  ha  tut  possess 
Aint  in  duas  cors  chi'  s  aman 
Schi  na  surtainta  1'  interess 
Ni  lengas  pon  dar  don. 

Eu  tschert  finisch  qua  ma  chanzuu 
70  E  di  ingüna  chosa 

Nun  es  plü  ferma  co  1'  amur 
Aint  in  duas  cors  chi   's  aman. 

Eu  tschert  sun  quel  chi  n'ha  provä 
Per  quai  poss  jüdichar 
75  Ma  quel  chi  quai  nun  ha  provä 
Nu  po  bricha  tschautschar ! 

125. 
(Annalas  VII,  Derin,  p.  48/9.) 

Chant^,  chante  Lisetta 
Chi  es  temp  d'  as  maridar ! 

Na  poss  chantar  ni  rier 
Cha  meis  cor  es  contuorblä. 

5  II  meis  spus  es  i  alla  guerra 
In  set  ons  ha '1  da  tuornar; 

Scha  el  tuorna  o  seh'  el  na  tuorna 
II  meis  amä  saimper  sara. 

0  scha  eu  savess  la  strada 
10  Vuless  ir  al  incuntrar! 


Volkslieder.  171 

Duraandoud  e  dumandond 
La  Lisetta  1'  ha  inscunträ. 

Cur  la  fo  a  meza  strada 
Un  bei  juveu  eil'  incuntret. 

15  0  diin,  o  dim  bei  juveu 

Da  che  varts  cha  tu  vaiusch  tu? 

Da  las  varts  del  S  (?)  Mark 
Ingio  il  sulai  ma  na  va  jo. 

O  dim,  o  dim  bei  juveu 
20  Asch  tu  vis  il  meis  ama? 

0  schi  cha  eu  V  ha  vis 
Cun  suspürs  e  gronds  dolurs. 

0  dim,  0  dim  bei  juveu 
Vestimaiuta  che  veiv'  el  aint? 

25  Vesti  eir  el  da  damasc 
A  r  üsanza  del  imperatur. 

0  dim,  0  dim  bei  juveu 
Curapoguia  chi  veiv'  el  la? 

Eir  da  quatter  mataus 
30  Pasigeva  da  sü  e  da  jo. 

Lisetta  doda  quist 

E  mauca  il  pe  et  ella  da  jo. 

Sta  sü,  sta  sü  Lisetta 
Cha  eu  suu  teis  amatur. 

35  Lisetta  in  pe  stet 

Seis  amatur  eil'  abratschet. 

Ach  ve  schi  giains  a  chasa 
Cha  uos  cors  sun  suleivgiats! 

Cur  chi  fuon  rivats  suot  tet 
40  Tuot  seis  amis  el  abratschet. 

0  dim,  0  dim  Lisetta 

L'  asch  chattä  il  teis  amatur? 

0  schi  ch'  eu  '1  lia  chattä 
Cun  suspürs  e  gronds  dolurs! 


172  Volkslieder. 


126. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  52—54.) 

„Plaundscher  stölg  uoßsa  ma  dulur 
Zuped'  aint  in  rnia  cour, 
Sett  ans  sum  sciiors  vi  con  amur, 
E  me  nun  he  dit  our. 

5  Vaiv'  ün  marus,  giuveu  fich  bei, 
D'  eted  da  frais^ha  rosa, 
Mieu  cour  vers  el  es  sto  crudel, 
Nu  he  Orot  sieus  arövs. 

Arövs  fich  bels  e  dutsch  tschantscher; 
10  Inua  me  ho  '1  trat  via? 

Ach,   füssest  uossa,  mia  cour  eher. 
Ach  füssest  tu  aquia! 

Poss  bain  crider,  poss  bain  larmer, 
Ma  que  ais  per  ünguotta; 
15  Ungiün  nu  vain  am  cuffurter 
Via  ais  ma  spraunza  tuotta. 

Scha  aunchia  taunt  stess  suppurter 
La  sort  nu  füss  crudella; 
0  povra  me !  ch'  am  stölg  clamer, 
20  0  povra  giuvintschella!" 

Schand  quaist,  per  guarder,  per  spatter, 
Sün  ün  ot  balcum  get  ella; 
E  na  dalöntsch  vzet  ella  a  gnir 
Una  cumpagnia  bella. 

25   „0  Segner!  be  chia  que  füss  eil", 
Schettl'   in  sieu  cour,    „chi  gniss!" 
Curind  getla  per  dumander, 
Scha  nun  il  vessan  vis. 

„Quel  eira  bei  be  scu  '1  sulailg 
30  Chi  splanduresch'  al  firmamaint, 
Sia  cour  la  saira  e  mamvailg 
Sincer  sco  d'  ün  infaunt," 


Volkslieder.  173 


Mo  el,   santind  Un   tel  discuors, 
Cuüschet  sieu  amur  eher, 
35  E,  schmanchiand  vi  tuottas  erruors, 
S'  mattet  el  a  crider. 

Vzand  que  guardet  ella  pü  bain, 
Cunschet  cbia  d'  eira  quel 
L'  pigliet  intuorn  culöz  cun  maun, 
40  E  crudet  gio  sper  el. 

Per  il  graad  bain   e  por  1'  amur 
Cbia  quels  duos  as  purtaivaa, 
Scbmancbiaivan  vi   tuotta  dulur, 
E  vi  e  pü  s'  braaclaivan. 

127. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  266-268.) 

Ed  eir'  üna  vouta  ün  geutilom, 
Cbi  vaiv'  üna  duonna  zuond  bellaj 
Qua  eir'  ün  oter  frais-ch  compagn, 
Cbi  'laiv'  avair  a  quella. 

5  Qua  b'  tret  el  aint  ün  vestmaint  alb 
Per  cb'  el  paress  il  puotte, 
Eir  per  podair  ir  aint  dadaint 
E  vair  la  duonna  tuotta. 

E  cur  cbi  fno  alias  desch  not, 
10  Scbi  clocca  gio  sün  porta. 
II  gentilom  quel   sta  e  discb : 
Cbi  ais  cugib  cbi  clocca? 

II  gentilom  quel  sta  e  discb: 
Cbi  ais  cugiö  cbi  clocca? 
15  La  gentilduonna  sta  e  discb: 
0,  quai  s&rk  il  puotte. 

II  gentilom  quel  sta  e  discb: 
Tascbai;  lascba  '1  passare. 
La  gentilduonna  sta  e  discb : 
20   It  giö,  lascba  '1  gnir  ainte. 


174  Volkslieder. 

H  gentilom  eir'   ün   hom  grit, 
Battet  sün  sa  siguura: 
Cur  cha  il  hom  ha  da  tschantschar, 
La  duonna  dess  taschaire. 

25  La  gentilduonna  sta  e  disch: 
Tu  vainst  a  't  inrüglare; 
A  mezzanot  vainst  a  'm  tscherchar, 
Ma  mai  plü  a  'm  chattare. 

E  cur  chi  fuo  las  dudesch  not, 
30  II  geutilom  get  a  messa, 

La  gentilduonna  s'  trat  eir  vi 
Cul  giuven  da  compagnia. 

E  cur  chi  fuo  all'  üna  d'  not, 
Cha  '1  gentilom  gnit  da  messa, 
35  Get  el  tscherchand  sia  signura 
E  mai  non  la  chattet. 

Uoi,  0  famagls,  ils  meis  famagls, 
Stat  sü,  laschai  sü  ils  chavagls, 
Ch'  nus  passan  ir  per  munts  e  vals, 
40  Tscherchand  nossa  nossa  signura. 

E  vus  fantschellas,   mias   fantschellas, 
Stat  sü,  mettai  sü  eir  las  sellas, 
Ch'  nus  possan  ir  per  munts  e  vals, 
Tscherchand  nossa  signura. 

45  Acquä  rivetttan  ün  toc  inavant 
Vezzettan  ün  bei  chastö, 
E  süsom  da  quel  chaste 
Vezzettan  lur  signura. 

Uoi,  o  famagls,  ils  meis  famagls 
50  It  sü  e  dit,  ch'  ella  vegna. 

Seh'  ella  non  voul  gnir  in  onur, 
La  resta  in  verguogna! 

128. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  21—22.) 
O  tu  marusa,  o  tu  mia,  o  tu  bain  chara, 
0  schi  cura,   o  schi  di  'm,  poss  cu  gnir  a  tramalg?" 


Volkslieder.  175 

„0  ve  scha  tii  voust  gnir,   scbi  ve  a  mezza  not, 
Cha  mia  mala  mamma  saja  ida  a  durmir." 

5    „0  inviida,  o  schi  invüda  trais  cleras  chandailas 
Ch'  eu  n'  hai  da  passar  trais  tridas  auas." 

Mo  davo  man   cha   1'  invüdeiva 
Sa  mala  mamma  las  stüzaiva. 

La  prüma  aua  cha  el  tschunchett 
10  Alla  seguonda  Diou  in  agüd  clamett 
E  la  terza  il  stanschantett. 

Mo  qua  giav'  ella  gio  sper  quella  riva 
E  cridaiva  e  suspiraiva. 

Qua  gnittan   our  trais  bellas  colombas 
15   „Parche  cridast,  parche  suspürastV" 

„Eu  poss  bain  cridar,  e  poss  bain   suspirar 
Meis  amur  cha  quel  ais  stanschanta. 

Ohara  giuvna,  pur  tuorna  in   sü 

Teis  marus  char  quel  nu  vezzast  plü." 

20   „0  mamma,   o  mala  mamma,   o  che  bun  cuffort 
S'dara  quai  in  vossa  vitta  et  in  vossa  mort?" 

129. 
(Gröber,  Grundriss,  Geschichte  der  rätoromanischen  Literatur  v.  C.  Decurtins 

p.  224.  225.) 

Que  eiran  trais  compagns  con   trais  barettas  cotscbnas 
Chi  vaivain  miss  sün  viadi,  per  ir  alla  punt  St.  Jachen, 
Per  ir  e  per  star  e  per  mai  as  bandunar. 
Uoi,  il  plii  pitscheu   eir'  il  plü  fick  inamurb. 
5  El  s'  innamuret  da  lunga  in  la  figlia  del  uster, 
„üstera,  junfr'  ustera,  dat  gio  fain  a  meis  chavä, 
Ustera  junfr'  ustera,  dat  gio  fain  a  meis  chavä, 
Dat  gio  fain  a  meis  chava  et  tschantschai  duos  pleds  con  mai." 
II  prüm,  ch'  ella  tschantschet,  e  '1  seguond  ch'ella  fallet. 
10  Ai,  d'schet'  la  schi  con  el,  schi  subit  d'schet  la  schi  con  el. 
Qua  guit  el  sü  da  schala  zuon  led  e  bain  containt. 
„Compagns,  meis  chars  compagns,   schi  hai  tut  la  figlia  del  uster" 
„Quai  non  crajan  nus  bricha,   cli'  eil'  saja  tut  a  tei 


176  Volkslieder. 

„Scha  nun  crajais  a  mai,  ai,   schi  clomandai  ad  ella!" 
15  L'uster,   quel  mal  U8ter,  ah,  quel  füt  eir  dadour'  lisch, 

Quel  füt  er'  dadour  lisch  a  tadlet  tout  que,  ch'  el  d'  sehet. 

Qua  gnit  el  aint  lin  stiva,  zuond  grit  e  raalcontaint. 

„Oi,   schi  tu  Schelm,  oschi,  che  hast  tu  dat  per  pegn?" 

„Per  pegn  la  ha  eu  data  üna  tschinta  da  fin  or, 
20  Na  tschinta  da  fin  or,  ai,   e  duos   bels  auels  d'  or." 

„Quai  aut  co  quai  laschar  davantar,  schi  va  tu  pel  mastral ! 

Schi  va  tu  oura  pel  mastral  e  per  sa  mastralia!" 

Qua  fetten  eis  sentenziar,   ch'el  fiiss  ün  poc  ün  bun; 

Qua  fetten  eis  sentenziar,  ch'el  füss  eir  ün  striun. 
25   „Giallina,  giallinetta,  pur  fa  per  mei  Vendetta!" 

Vendetta,   ch'  ella  faiva,  chal  sang  per  via  curraiva. 

130. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  273/4.) 
„0  niamma  chara,  che  mä  dess  eu  far? 
La  mia  marusa  ha  usche  grand  mal?" 
„Säst,  meis  figl,  che  tu  dessast  far! 
Piglia  sunaders  e  fa  'la  sunar 
5  Suot  las  sias  fanestras, 

Schi  crai  'la,   chi  sia  mats  esters." 

„0  mamma  chara,  chi  ais  cugiö  chi  suna, 
Uoi,  avair  ch'  eu  ha  usche  grand  mal." 
„Uoi,  figlia  chara,  que  saran  mats  esters, 
10  Uoi,  chi  non  san,  cha  tu  hast  usche  mal." 
„0  mamma  chara,  güda  'm  vi   sun  balcun, 
E  laschä  'm  vair  chi  quels  mats  esters  sun." 

Sa  mamma  chara  süu  balcun  1'  uzet, 
Seis  amur  char  ebbain  ch'  ella  vezzet. 
15   „0  mamma  chara,  it  oura  e  rivi  la  porta." 
E  qua  vezzenna,  ch'  eil'  eira  tuot  smorta. 
„0  mamma  chara,   it  gib  per  üna  zena  d'  vin, 
Ed  ün  plattet  da  meis  biscutins." 

La  mamma  chara  get  gib  per  üna  zena  d'  vin 
20  Ed  ella  get  via  sün  seis  scrin. 

„Uoi,   il  cromai,  cha  tu  m'  hast  cromia, 

Dieu  saja  loda,  ch'  eu  ha  fingia  porta." 

„Uoi,  giunfra  spusa,  ch'  la  non  dia  quai, 

Ch' eu  stun   con  spranza,   ch' ella  porta  plü  co  quai!" 


Volkslieder.  177 

25  Sa  mamma  chara  guit  sü  con  la  zena  fl'  viu 

E  con  il  plattet  da  seis   bisciitins. 

E  s'  irapriugiaud  ein  s'  impringiaivau, 

Schi  la  giuvnetta  da  quist  rauond  spassaiva. 

Uoi,  alias  duos  geuna  sün  con  ella 
30   Ed  alias  trais  turnenua  gi^  per  el. 

Uoi,  e  sül  tömbel  da  quella  bella 
Creschaiva  'na  flur  da  chamiuella, 
Uoi,  e  sül  tömbel  da  quel  bei  mat 
Creschaiva  'na  flur  da  nusch  nus-chat. 
35  Uoi,   e  pel  bain,  cba  quels  duos  as  'laivan, 
Schi  quellas  fluors  iusembel  as  plajaivau. 

131. 
a. 
(Nach  Ms.  Ss.) 
[f.   16*»]        0  bab,  0  bab,   o  mieu  eher  bab! 

0  chie  gron  picheo,  cha  ves  a  mi  fat, 
Un  dali  da  dali  dali  dalida  da  lari, 
Dalida  dali  dali  dala. 
5  A  fer  pilgier,  an  fer  schnajer, 
A  fer  fnajer  mi  amur  da  Schonse. 

0  tafcha,  filgia,  tafcha,  nun  carider, 
Cha  ti  's  daners  senz  indumbrer. 
Schi  chie  gida  la  rihezia, 
10  Scha  nun  eis  la  cuntantezia? 

[f.   17*]        0  [fjteis  ad  je,  vus,  mis  chera  mama! 
Mo  ei  a  vus  mes  uums  empie. 
0  tafcha,  filgia,  tascha,   nun  carider, 
Cha  ti  's  daners  senz  innumbrer. 

15  Mo  fcha  chie  gida  la  richezia, 
Scha  nun  eis  la  cuntantezia? 
0  fteis  a[d]je,  vus,  mes  chers  frarse! 
Mo  ei  a  vus  mis  nums  empie, 

O  tafcha,   sora,  tafcha,  nun  carider, 
20  Chia  vulens  ir  a  cumpangier. 
Steds  adje,  vus,  mes  chers  frurs! 
Mo  ei  a  vus  me  nun  vesein  pi. 

Komauiache  Forsubungen  XXVIl.  J2 


178  Volkslieder, 

0  ftets  adje,   vus.  mes  cheras  fantfchelas ! 
0  jes  ear  giu  a  parige  las  felas. 
25  0  las  felas  suud  bellas  parigiedas, 
0  be,  chia  vus  seias  jfittedas. 

0  ftets  adje,  vus,  mes  chers  famalgse! 
A  jeseu  giu  a  parigie  als  giavals. 
Als  giavals  sum  bels  parigios, 
30  O,  chia  vus  seigias  iffitos. 

la  mattevan  si, 

Da  lautra  vart  cho  la  deva  giu. 

la  fadia  la  dunna  fpusa  veiva, 
Fin  filg  cLiava gaiva. 

[f.   17'']    35  Co  gietanevan  int  a  chi  navant, 

Schi  anfcuntret  la  si  amur  da  Schons. 

„0  amur  mia,  o  amur  eher! 

Nun  vogft  ti  ngir  a  raa  cumpaugier?" 

„In  fin  a  Surfel  i  t  vol  acurapaugier 
40  Ad  a  la  fofsa  i  t  ve  a  purter." 
Co  arivetan  fin  cela  Surselva, 
Inguta  bei  uu  la  parev'  ad  ella. 

Co  ugita  giu  il  sörel  a  serra, 
„Bisema,  filgia,  chera  dunna  fpufa." 
45    „0  vofsa  filgia  mena  sum  jeu  fteda 
Ad  ei  er  fprenza  brigia  da  viugir." 

Co  ngit  i  giu  kinos  e  kinedas, 
„Bisem,  soer,  chera  dunna  fpusa." 
„0^  vofsa  soer  mena  sum  jeu  fteda 
50  Ad  ei  er  fpronza  brigia  da  vingir." 

Cla  dunna  fpufa  dev  is  da  ver  mel. 

Cur  cha  vetteu  er  bot  maugio, 

La  dunna  fpufsa  dev  is  da  sieu  chio. 

E  cur  chia  vettan  livrot  mangia, 
55  La  dunna  fpufa  füt      ....     sin  bella. 
0  a  las  dus  vetana  fii  par  ella, 
Ea  las  tres  ta[r]notane  [s]ü  par  el. 


Volkslieder.  179 

[f.   18*]        Siuque  tempel  da  quella  giuvinfchella 
Crafcheva  fliirs  ad  ervaa  chiamanela; 
60   Sin  que  tempel  da  que  giiivau   bei  matt 
Carscheva  flurs  ad   ervas   nufchs   iiufchiat. 

Dad  eut  ilg  beng,  chia  per  a  vus  vuleivan, 
Parfin  las  flurs  ch'  elas  abraucleivan. 
Che  bein  ilg  ver,  seo  gis  ilg  proverbi : 
66    „Na  chiofa  par  forza  na  val   üna  fcorza". 

(E  par  mia  1'  eia  pilgida, 
Ad  er  mia  nun  ei  la  rafteda: 
E  par  mia  ei  la  1  ei  a  vulida, 
Ed  ar  mia  nun  ella  vigngida.) 

b. 
(Romauische  Studien  I,  Fliigi,  p.  322—325.) 

„0  bap!   0  bap!  che  veivat  f  at ! 
Am  far  pigliar,  i  alur  am  far  snajar; 
Am  far  snajar  mis  cbar  amur  da  Schons, 
E  far  pigliar  a  quel  trid  da  Surselva."   — 

5        Quel  da  Surselva  eira  dador  üscb, 
Ed  ha  santi  tuot  quai  cha  no  scheivan; 
Qua  gnitel  aint  e  giet  per  stüva  sü 
Cun  tschera  brusca  e  cun  trida  tschera. 

„0  scbi  dimena,   scha  vus  savais  tantas, 
10  Schi  oz  vulains  ir  ün  toc  inavant."   — 
Ed  ella  disch:    „pü  jent  oz  co  daman." 

„Schi  ste  a  Diou,  ma  mamma,  ed  a  Diou! 
Aint  in  meis  cour  nai  na  grouda  fadia. 
Schi  ste  a  Diou,  bap,  ed  a  Diou! 
15  Aint  in  raeis  cour  nai  na  gronda  fadia. 

Schi  ste  a  Diou,  ma  chara  giuventüna! 
Aint  in  meis  cour  nai  grond  incraschantün. 

Aunch'  üna  grazchia  lessa  giavüschar: 
Cha  vo'  m  drizessat  sü  ün  chavalg  zop, 
20  Chi  jes  eir  auncha  blera  plü  planet; 
Pü  plan  cha'l  va  es  in  prescha  per  me. 

12*- 


180  Volkslieder. 

D'üna  vart  sü  chel  ti  la  giüdeiva, 
Da  l'autra  vart  la  juvna  jo  turueiva. 

E  qua  schi  jetau  im  toc  inavant, 
25  E  s'iucuutret  sia  char  amur  da  Schous. 
„0  amur  buna!  i  o  amur  mia! 
Cur  ch'eu  ta  vez^   schi  meis  cour  leua  via. 

Alchüna  grazchia  lessa  giavüschar, 
Cha  tu  be  guissas  am  acumpaguar; 
30  Am  cumpaguar  sün  las  mias  uozas. 
E  sül  davo  eir  sün  la  mia  fossa."   — 

„A  vossas  uozas  s'vögla  cumpagnar, 
E  sül  davo  vulaius  eir  legers  star."    — 

„Aunch'  üna  grazchia  t^lessa  giavüschar; 
35   Cha  tu  piglessas  eir  quist  bei  ane, 

Metessas  aiut  in  tis  bei  daint  d'imez."   — 

0  qua  er  gien  iufin  la  punt  dimez ; 
Qua  bei  ane  as  rumpet  gio  per  mez. 
La  giuvna  disch:   „quist  vol  maniar, 
40   Cha  eu  e  tu  stovains  ans  separar."   — 

0  qua  riveu  infin  la  val  Surselva, 
Ch'es  ma  sto  vis  usche  'na  bella  femna. 
Qua  gnitan  gio  eir  il  sör  i  la  söra: 
„Saila  baiuvgnüda,  figlia,  in  nossa  cha." 

45        „La  vossa  figlia  ma  nun  suna  Stada, 
E  stun   sün  sprouza  eir  da  ma  nu  gnir: 
Meis  temp  s'aprossma  cha  stu  bod  murir." 

Qua  gnittan  gio  quiuadas  e  quinats : 
Saila  baiuvgnüda,  sour,  in  nossa  cha." 

50        „La  vossa  sour,  na,  ma  nu  suna  Stada, 
E  stun  sün  spronza  eir  da  ma  nu  gnir; 
Mis  temp  s'aprossma,  cha  poss  bod  murir. 

Aunch'  üna  grazchia  lessa  giavüschar: 
Üna  saletta  par  pudair  pussar." 


Volkslieder.  181 

55        »^ui  iu  Sursclva  uuu  osa  la  inoda 
La  giunfra  spusa  da  diimaudar  let."   — 

Sulla  saletta  chi  tila  mattotton, 
Ils  Signurs  cbambrers  a  inaisa  s'aschautetten ; 
Mo  i  d'eir  la  sün  quella  bella  noza 
60   Dvautetta  eir  usche  üu   groud  miracul. 

La  plana  dal  spiis  s'alvautet  in  aiit, 
E   s'laschoud  gio  sa  sfaudet  per  mez. 
H  frar  dal   spus  disch:    „laschara  ir  oura; 
Quai  nun  ais  dret  cuu  la  mia  sour. 

66        Qua  Jena  sü  per  la  visitar, 

Cun  pleds  zuoud  dutschs  per  la  cunfurtar; 

Cufortar  ein  la  cufortaivau, 

La  giunfra  spusa  daveut  dal  muond  tiraiva. 

„0  ciliar,  salüda  a  bap  id  a  manima, 
70   Di,  cha  lur  cours  ajen  bain  cuntantä, 
Ed  il  meis  cour  ajen  schlupantä."   — 

Uoi,  qua  s'volvela  culla  fatsch'  iu  aint, 
E  s'partit  veja  be  in  quel  momaint. 

„0  chara,   scba  tu  est  morta  e  per  mi 
75   Schi  völg  eir  eu  gugent  murir  par  ti." 

Uoi  qua  s'bütel  sur  ella,  e'l  let  aint, 
E  s'partit  veja  be  in  quel  momaint. 

Uoi  alias  duos  Jena  sü  cun  ella, 
Ed  alias  trais  turnettan  gio  per  el. 

80        Ils  sains  da   sinar   aint  sun   stats  par  sapulir, 
E  quels  da  Schons  edeir  tils  raspundeivan, 
Per  taut  grond  bain,  cha  quels  duos  as  leivan. 

Uoi,   i  sül  tömbel  da  quella  bella 
Craschiva  sü  üna  flur  da  chaminella; 
85   Uoi^   e  sül  tömbel  da  que  bei  mat 
Craschiva  sü  üua  flur  nusch  nuscjhiat. 

Per  tant  grond   bain  cha  queus  dus  as  leivan, 
Parfiu  las  Üuors  insembel  as  brancleivau. 


182  Volkslieder. 

132. 

(Gröber,  Grundriss,  Geschichte  der  rätoromanischen  Literatur 

V.  C.  Decurtins  p.  225.) 

a. 

II  silip  e  la  furmia 

A'  8  vulaiven  marider,  hola,  falia  le  la,  hola. 

„Silip,   voust  a  'm  pigler?" 

„Furmia,  parche  ua!"    hola,  falia  le  la,  hola, 
5  Cur  gettan   sü  1'  uter, 

Per  metter  aint  1'  ane,  hola,  falia  le  la,   hola. 

Silip  dat  inavous, 

Cha  '1  scharve  saglit  our,   hola,  falia  le  la,  hola. 

Furmia  get  vi  sur  mer, 
10  Per  üt  del  masdiner;  hola^  falia  le  la,  hola. 

La  get  invi  da  Pesqua 

E  turnet  da  Nadel,  hola,  falia  le  la,  hola. 

E  cur  che  la  turnet, 

Silip  füt  mort  e  suterro.     hola,  falia  le  la,  hola, 
15  Eau  d'  he  granda  fadia 

Per  te,  ma  cumpagnia,  hola,  falia  le  la,  hola. 

Eau  d'  he  granda  dulur, 

Par  te,  o  mia  eher  cour!  hola,  falia  le  la,  hola. 

b. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  256—257.) 

II  salip  e  la  furmia 
As  volaivan  maridar. 
Hopsa  j  ufifallerallera. 

E  qua  dschaiva  la  furmia: 
5   „0  salip,  voust  tour  a  raai?" 
Hopsa  jufifallerallera. 

Sün  que  dschaiva  il  salip: 
„0  furmia,  perche  ua!" 
Hopsa  jufifallerallera. 

10  E  qua  gettan  sül  chastfe 
Per  as  metter  aint  1'  ane. 
Hopsa  jufifallerallera. 


Volkslieder.  183 

II  salip  det  suringiö 
E  's  rurapet  eir  il  tscherv^. 
15  Hopsa  jufifallerallera. 

„O  dolux",  melauconia, 
Amalä,  raa  compagnia!" 
Hopsca  jufifallerallera. 

La  furmia  get  vi  sur  mar 
20  Per  masdinas  da  raasdiuar. 
Hopsa  jufifallerallera! 

E  qua  get  eil'  intuoru  Pasqua 
E  turnet  intuorn  Nadal. 
Hopsa  jufifallerallera. 

25  E  cur  ch'  ella  füt  turnada, 
Eir'  el  mort  e  sutterrä. 
Hopsa  jufifallerallera. 

,,0  dolur  melauconia, 
Eu  ha  pers  ma  compagnia.-' 
30  Hopsa  jufifallerallera. 

„Eu  ha  üna  graud'  dolur 

Eir  per  tai,    o  meis  char  cour." 

Hopsa  jufifallerallera. 

„Giuvua  guaivda  cha  eu  sun, 
35  Frais-cha  terra  cha  tu  fast." 
Hopsa  jufifallerallera. 

La  furmia  s^  mett'  a  bragir 
Infin  tant  la  sto  murir. 
Hopsa  jufifallerallera. 

133. 
(Annalus  XI,  Vital,  p.  178.) 
0  dolur,   che  ch'  eu  hat  fat 
Tut  ün    hom  imp6  d'üu  mat, 
Tut   üu   hom   cou   uouv   iufants, 
Tschinch  mattuus  e  quatter  mattans, 


184  Volkslieder. 

5   Quindernan  tgnara  'n  tröp  chavras; 
Quellas  suu  eir  las  chambreras. 
O  che  be  ed  o  che  bain, 
O  che  nozzas,  cha  nus  fain! 

Quinderuan,  tgnara  'n  tröp  lufs^ 
10   Qu  eis  sun  be  per  il  sar  spus. 
0  che  hom  da  grand'  parada 
0  che   nozzas,  che  buada! 

134. 
a. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  17.) 
Chalanda  Mars,  chalaud'  Avrigl, 
Lasche  las  vachas  our  d'nuigl. 

b. 

(Annalas  XIV,  G.  Barblan,  p.  193.) 
Chalenda  Marz^  Chalend'  Avrigl 
Laschai  las  vachas  our  d'  uvigl, 
La  naiv  svanescha, 
E  r  erba  ci'escha; 

5  Schi  non  ais  in  tabla 
Schi  aise  sül  pra. 

c. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  192.) 
Chalanda  März,  chaland'  Avrigl, 
Lascht  la?  vachas  our  d'  uigl. 
Las  vachas  vaun  culs  vdels, 
Las  nuorsas  culs  agnels, 
5  Las  chevras  culs  uzöls, 
Las  giallinas  faun  ils  övs, 
L'  erva  crescha, 
La  naiv  svanescha, 
Scha  'ns  dais  qualchosa, 
10  Schi  Dieu  's  benedescha, 
E  scha  nun  's  dais  inguotta, 
Schi  '1  luf  as  sbluotta. 


Volkslieder.  185 

135. 

(Nach  Ms.  Campell-de  Porta.) 

[p.   646]    Quell  da  Sclilander  e  d'  Unuder  a  chiavalg, 
Hauu  dritzad  queus  üu  mal  cussalg. 

„E  ha  ho  par  daschdrür  la  val  d'  Ingiadiua 
Che  nun  chiaunta  giall  ne  gialgina." 

[p.   647]    Marti-Joan  diss:  Mütscha,  mütscha,  tu  Bart  Gualgelm, 
La  vita  t'  cuosta^   schilt  ed  heim ; 
Diss  el,  ßch'  la  mia  vita  dess  a  mai  custar, 
Voelg  eug  huüur  e  laud  chiattar. 

Mg  pilgaa  la  vita,  doet  in  'lg  chiamp  fadiflf  da  soart, 
Ch'  r  ha  uudesch  glyds  ruott  aunt  la  moart,  etc. 

136. 
(Nach  Ms.  Campell-de  Porta.) 

[p.  684]  Las  Ligias  trais  rivavau  ils  Burmins  tuts  a  mütschar. 

H'ls  prüms  botts  ch'  las  Ligias  davan,  'IsBurmius  d'temm'  a  tramlar. 

Als  Grischuns  puchiad  ven  d'  las  dunauns : 

„Mattauns  turuad   vuo  pouvras,   proa  'Is  pitschens  voas  uffaunts." 

137. 
(Alfons  Flugi,  Zwei  Historische  Gedichte  in  ladinischer  Sprache  aus  dem  16.  und 
17.  Jahrhundert.    Chur,  18G5.    Verlag  von  Leonh.  Hitz.     Anhang,  p.  106—111.) 

II  Düchia  da  Rohaun 
L'  eira  uoss  gianarall, 
Tuet  gieiva  tras  seis  mauu, 
Nun  feiva  malinguall. 
5  II  cumond  stat  es 
A  ugir  iu  Ingiadinna, 
Davoa  queus  frances, 
Chi  d^  eiran  in  Luvin. 

Rivad  ais  eil  fick  leigier 
10  In  Luviu   ilg  fernimunt; 

Aqua  ha  '1  mis  giu  legier, 

Allura  ha  '1  dat  cumond 

A  tuot  sia  sudada, 

Ch'  ingiün   nu  dess  pudair 
15    Ir  our  da  sia  armada 

Zainza  il  seis  savair. 


186  Volkslieder. 


Ün  schantiluom  ais  State 

Aint  in  la  val  luvin, 

Alg  chapitauni  parin  numnad, 
20  Quel  d' eira  d' ingiadinna; 

Aqua  el  stat  indret 

Da  coa  chi  ha  tuquä, 

Alg  fat  ha  manad  ad  afet 

Schkoa  alg  düchia  ha  comandä. 
25  Ilg  Düchia  ha  fat  clamar 

Sia  sudada  in  Ingiadinna, 

—  —  —   —   fat  raspare 

Ad  yr  aint  in  luvin; 

Allä.  sun  ells  manüds 
30  Innfina  la  damaune, 

E  qua  aint  sü  som  sun  yds, 

Cioe  aint  in  Chiaschauna. 

E  lurra  la  damaune 

Suni  yds  vi  sur  algs  mnnts, 

35  Alg  inimi  chiatschä  maune 
Scoa  ferm  tafers  baruns. 
Algs  Imperiais  queus  d'  eiran 
Amuo  blers  a  pusar, 
Da  franzes  nun  saveivan 

40  Chi  ngnissen    als    atscharchiar. 

Et  d'  eira  ün  franzes 

Cioe  cun  ilg  foruot, 

Ilg  cumond  veiva  tuet; 

Ilg  inami  hani  battü, 
45  Via  sur  1'  augua  fat  yre ; 

D'  intaunt  aisi  ngnüd 

Hg  Düchia  cun  ilgs  da  chavalg, 

Qua  hauni  cumanzä  indrctt 

A  batter  scoa  baruns 
50  Alg  fernamunt  dandet. 

L'  hurra  hauna  algs  frances 
Quella  augua  fat  vargiar 
Davoa  algs  chiavaliers, 
Melg  a  pudair  tachiar; 
55  Ferro  ilg  fernamund 


VolkBlieder.  187 


Nun  ha  vulgiü  spatar, 
Daluiigua  dat  cumoud 
Chia  dessaa  ratirar. 
Sei  8  raorts  ha  '1  fat  raspar, 

60  Cwmanzä  a  dar  loe, 
Quels  mis  in  ün  tablä 
E  lurra  chiatscha  foe; 
A  buorm  darchieu  turnä 
Quell  schmuoquer  e  sia  sudada; 

65  Ilg  Düchia  a  Luvin  rastä 
Eir  eil  cun  sia  armada. 
Alg  Düchia  s'  ha  vout  intuorn 
Seis  uffizchials  a  duraaudar; 
Eus  hau  dit:   „giain  a  Buorm, 

70  Alg  iuami  a  cbiatar." 

Moa  lg  Düchia  la  damaun 
Unna  part  ha  '1  licenziat, 
Cioe  ilgs  pagiasauns, 
llgs  ha  eir  ingrazchiads. 

75  Nun  sun  stats  in  luvin, 
Moa  dalunga  marchiä, 
E  ngüds  aint  in  Vutligna; 
Ilgs  spagnous  han  chatad, 
Chi  ngnivan  sü  eir  eus, 

80  A  ngir  proa  lur  amis 
Cioe  Igs  imperials. 
Igls  frances  cun  ilgs  chiavals 
Dandet  haun  valgiü  salgir: 
Ils  spagnous  sun  stats  salds, 

85   Ch'  eis  haun  stuvü  guinchir. 
Ilg  Düchia  ha  inscunträ 
La  guida  dals  chavaliers, 
L'  ha  darcheu  turuantada, 
Süsurra  fat  mal  viers. 

90  Quell  ha  cun  gronda  rabgia 
Tuott  darchieu  fat  turnantar. 
Taunt  CO  ün  chiaun  da  chiatscha 
Dchi  la  guerra  tachia, 
Cun  füergia  suni  tuots 


lyg  Volkslieder. 


95  Via  algs  spaguous  tacbiatS; 
E  quels  daluugua  ruots, 
Ed  eil'  tuots  sparagliats. 
Ilg  Düchia  in  quella  giada 
Ha  tgniüd  grond  piser, 

100  Chia  la  sia  brajada 
Nun  stuess  guinchir; 
Alg  Düchia  aint  in  quell  stuorm 
Ha  tgniüd  grouda  dolur; 
Mo  quel  da  solituorn 

105   S'  ha  congiüstad   hunur. 
Gun  queus  ais  stat  finid, 
Nun  hal  v'  Igiü  bler  pusar ; 
Dalungua  vi  ais  yde, 
Lg  inami  par  tscharcbiar. 

110   Quel  d'  eira  in  ün  vich, 
Maz  vain  quel  numnad; 
A  quella  vouta  ais  yd, 
Seis  champ  ha  '1  ordinä. 
Üua  part  ha  '1  fat  yre, 

115   Sün   ün  munt  fat  zupar, 

Scha  alg  inirai  less  guiuehir, 

—  —  —  veir  s'  ratirar, 
Par  ch'  eis  possan  davoe 
Ilg  pass  algs  padimar, 

120  E  Igs  dessan  giu  palg  chio, 

—  —  —   algs  astramantar. 

Lurra  1'  antra  damauu 
Intuorn   alg  rumper  dalg  dj 
Alg  Düchia  chatscha  mann, 
125  Chia  eil  nun   ha  savüe. 
Hg  feruimund   ha  piuad 
Sia  sudada  a  plü  pudair, 
Cur  chi  eil  ha  gnüd  driza 
S'  hal  vout  intuorn   a  vair. 

130  Hall  viss  nossa  sudada 
Coa  quella  deira  pinada; 
Ha  dit:  „Qui  stain  nuo  fraischs", 
Ais  tiiot  stat  stramantad; 


Volkslieder.  189 

Qua  ha  ilg  fernimund 
135   Cumauza  as  ratirar 
Via  8ur  im  puut, 
E  quell  lia  '1  fat  scbfare. 

Ilg  Düchia  bain  spert 

Dalungua  fat  rafaV, 
140  Id  via  bain  pardert 

Ilg  inami  par  chiatar. 

Luv  propria  chiavalaria 

Gieiva  tras  lur  scliquadrun, 

Cuu  lur  spada  s'  feivau  via 
145  E  quo  tras  lur  peduns. 

Inpe  da  Igs  agiüdar. 
Ilgs  lur  aguaudiar,  (?) 
Mo  taunter  per  s'  mazar, 
Par  ehi  pudessan  tauut  plü  bod  mütschar; 
150  E  quella  chiavalaria 

Ais  mütschada  tuotta  a  Gluorn, 
Moa  la  lur  fantaria 
Ais  Dgiüda  bler  intuorn; 

E  sun  morts  dalla  spada 
155   Üu   inomber  in   quantitad; 
Giascheivan  par  la  strada 
In  lur  saungk  giaschantads, 
Zainza  quells  chi  sun 
In  1'  augua  stanschantads. 

160  Dalungua  suni  yds 

Tras  la  val  a  plü  pudair, 

Et  a  Cluorn  suui  gnüds 

Aunt  CO  lair  savair 

Quint  da  lur  sudada, 
165  Coa  cba  cun  quella  sea, 

Ne  dalg  Düchia  cun  sia  armada. 

Alg  Düchia  s'  ha  fat  süe 
Davoa  in  la  val  marchia, 
Moa  cur  el  ha  savü 
170  Chi  sea  tuot  mütschä, 
Schi  s'  ha  el  impisad, 


190  Volkslieder. 

E  süsurra  dat  tiers, 

Chi  tuornau   in  lur  quatiers, 

Ilg  feruamund  s'  ha  fleivall  chiatä 
175   Davoa  quella  battaglia: 

Dalungua  ha  ^1  raspa 

Üu  innoraber  da  faraaglia, 

Chi  stavan  ilg  pajais. 

Cun  quai  in  sia  virtüd 
180   Dalungua  a  plü  pudair 

S'  hal  darchieu  fat  süe 

Cun  rabgia  e  cun  feill : 

Darcheu  elg  gniüd  aqua 

Inngiua  chi  's  disch  freill. 
185  Qua  s'  hal  fortifichä, 

Cun  tschischpa  fat  üu  mür: 

Da  tschert  ha  el  pisä 

Aqua  ad  esser  sgiür. 

Cur  alg  Düchia  ha  quai  savüd, 

Dalungua  da  '1  avis, 

E  bot  insembell  gniüds, 

Ell  cun  seis  amis. 

138. 
Una  Lamentatiun  per  la  rebeliun  fatta   cuntra  Frances  et  sün  la 
nuova   sgrischusa  Lia   cun  la   ehae  d'Austria   et   cun   lg  Balg  da 

Spagna. 

(Zeitschrift  für  romanische  Philologie,  IV.  Bd.,  Flugi,  p.  263— 2G5.) 

Laschens  pur  dyr  et  aradschuner 
Che  quels  da  las  trais  Lyas  haun  savieu  fer: 
Our  da  Frances  cha  eis  s'  haun  bütos, 
Et  cun  Spagniuols  s' haun  culios; 
5  0  sgrischus  fat!  o  grand  excess 
Chiels  haun  musso  iucuntar  Frances; 
Alg  bun  Signur,   Düchia  da  Ruhan 
Cha  Dieu  voelgia  cha  lg  giaia  bain  amaun ! 
Ell  ho  usche  bain  par  nus  giüstro, 
10  Ma  nus  1' havains  usche  mel  pajo; 

El  ais  adüna  par  nus  sto  bain  par  avis, 
Chiell  ho  tgnieu  oura  noass  inimis; 
Sehe  quels  fuossan  gnits  in  Engadina 


Volkslieder.  \^\ 


Schi  'ns  havessane  miss  tuots  in   arixviua. 
15   La  peja  cha  1' liauii   do  incutiter  radscliun 

Ais  sto  üua  trista  rebeliuu : 

Gunter  Frauces  s'haun  rebelos, 

Our  dalg  pajais  cha  Igs  haun  schatschos 

lucunter  lg  dovair,   cun  tradiniaint, 
20  Cuu  manzoegnas  et  saschinamaint; 

Alg  bun  Signur,   lg  Düchia  da  Kuhaun, 

Zainza  cuolpa  V  haun  chatscho  mann ; 

lucuntav  sieu  merit  et  radschuu 

L'  haun  hagieu  fat  fer  praschun. 
25  Inua  u  co  que  saia  dvanto? 

In  la  terra  da  Cuoira^  o  chie  grand  pchiö! 

Vulais  savair  chi  saian   stos  aquells? 

Schi  sapchias,  chia  1'  ais  sto  ses  Curunells 

Insembel  cun  otars  Signuors  dallas  Lyas 
30  Chi  in  que  fat  sun   stos  unieus; 

Eis  haun  eir  fat  ün  sarramaint 

Da  tegner  suot  que  tradiniaint, 

A  tüert  u  drett  fer  yr  inavaunt, 

Scha  lg  conr  crapess  algs  buns  pur  taiiut. 
35  Nun  haun  tradieu  dick  duos  o  trais, 

Cha  'd  haun  tradieu  lg  intyr  paiais ; 

Nun  haun  tradieu  dick  varzaquaunts, 

Chia  'd  haun  tradieu  qaels  pitschens  iufaunts. 

Our  da  Dieu  cha  as  haun   bütos 
40  Cuu  lg  Antachrist  s'  haun  alios 

Incunter  Lyas  et  sarramaints 

Fatts  da  noas  vilgs  aqui  davauut. 

Eis  dian:    „Nus  havain  lg  fatt  a  mann, 

Nus  vulain  vair,  chi  'ns  voul  mettar  frauug." 
45  Ma  lg  spiert  da  Dieu  nun  ho  pusso, 

Tres  seis  sarviaints  cha  el  ho  pradgio: 

Cha  's  dess  salver  f6  et  vardedt 

Et  nun  schnaier  sieu  sanchissem  pled; 

Cha  's  dess  salver  impromischiun, 
50  E  nun  tradir  noass  Segner  bun ; 

Cha  nus  dessans  fer  noas  fats  plü  pürs, 

Et  nun  dvanter  uschia  spargiürs. 

lutaunt  chia  Igs  Signuors  giaiven   a  tradir, 


192  Volkslieder. 

Lg  cumoen  poevel  staiva  a  bragir; 
55  Ma  milgdramaint   tar  eis  nun   ais  gnieu, 

Ais  baiu  da  plaundscher  a  iioss  Segnei*  Dieu! 

Schi  milgdramaint  as  ho  bain  vyss^ 

Inguel  SCO  dvainta  aiut  in  lg  Abyss, 

Aint  in  lg  quel  eis  vegnan  ad  ir 
60   Scha  lg  plaed  da  Dieu  nun  paun  sufrir, 

Mu  Jesum  Christum  haun  eis  schnaio 

Et  a  sieu  pled  do  cumio; 

Algs  haun  bandieus  our  zura  il  lur. 

Otar  scha  tegnan  lg  papa  par  Siguur; 
65  Algs  vain  do  bain  üna  schiartza  letta: 

U  trer  davent,  u  ster  giu  dalla  cretta : 

Qu6  ais  la  favur  da  lur  Signors, 

Chi  sun  dvantos  lufs  et  schgiarbaduors. 

Aunz  cu  schnajer  noass  Segner  Christ 
70  Et  giürer  suot  alg  Antichrist, 

Vulains  aunz  noassa  vita  der, 

Et  cun  noass  saungk  testificher 

La  vardet  et  lg  pled  da  Dieu, 

Schi  'ns  vain  tuet  arandieu : 
75  Per  que  noass  Segner  quel  ho  dit 

„Gni  zieva  me  zainza  dubit: 

Ad  aquels  voelg  eu  bain  der 

Lg  Araginam  coelestiel." 

Saschins  e  rabels  vegnan  cunpurtos 
80  Lgs  fideils  da  Christ  vegnan  schiatschos, 

Perb  Dieu  hegia  cumpaschiun 

Dalg  sieu  pitschen  fideil  mantun. 

Mu  tuott  aquels  chi  sun  dal  Bap 

Nun  poun  cruder  mia  tuot  a  fat, 
85  Parche  lg  Bap  als  ho  dos  in  chiüra 

A  Jesum  Christ  bain  par  sapchüda. 

Jesu  Christ!  ans  voegliast  cumpaguer 

luua  nus  havain  da  ir  e  ster, 

Ans  impraista  tia  divin  agiüdt, 
90  Nus  stettans  ferms  tiers  noss  salüd! 

0  vus  Grischuns !  s'  impisse  bain 

Che  fat  cha  vus  havais  a  mauu: 

Lyas  giüredas  nun  havais  salvo, 


Volkslieder.  493 

A  Jesu  Christ  do  curaio: 
95   0  schgrischus   fat,   o  graud  tuorp   zuond 

Cha  '1  ais,   da  dir  par  tuot   ilg  rauond, 

Cha  vus  havais  be  per  dauaers 

Aruot  las  Lias  et  fat  rabels. 

Signuors!   uu  pis6  cliia  Üieu  doarma: 
100   Cur  füt   baudieu   il   paun   da  1' oarma, 

Culaiiuas  d'  or  vus  bavais  arfscbieu, 

Par   der  cumio  a  lg  filg  da   Dieu : 

Lg  früt  cba  poartan  quaistas  cbadainas 

Qua  vain  ad  essar  aeternas  paiuas. 
105  Scha  in  voas  saigk  vus  havais  cusglo 

Et  lg  bain  public  uun  havais  amo, 

Schi  vain  noas  Segner  Dieu  in  cuort 

As  fer  gnir  in  tuot  a  tuorp. 

Pur  scha  rügliuscha  vus  fessas  vair, 
110  Et  stessas  gio  da  que  parair, 

Schi  vain  noas  Segner,   aquell  bandus, 

A  vus  ad  essar  bain  grazius ; 

Mu  scha  vulais  propri  per  sgiür 

Aint  in   voas  pchos  ilg  cuutradir, 
115  Schi  gniss  per  tschert  ün  a  chater, 

Chi  sto  cunter  a  voassa  impietaed, 

Perche  quell  Dieu,   chi  ais  saimper  sto, 

Cuntar  a  quell  vain  da  vus  fallo. 

139. 

La  Chianzun  da  Wilhelm  11  Teile. 

(Zeitschrift  für  romanische  Philologie  VI,  Decurtins,  p.  587 — 590.) 

Eng  sun   vilhelm  il  Teile, 
Quel  tapfer  grond  suda, 
II  Deis  dat  Israelle 
Ha  mai  vitorgia  dat, 
5  Cheu  tras  ma  compagnia 
Tras  nossa  taphardad 
Schiatschad  vain  tirania, 
Survgni  la  libertad. 

Scbviz,  Uri,   Untervalden, 
10  Dalgs  rais  gniven  mauads 

Romauiscbe  Forschungen  XXVII.  J^3 


194  Volkslieder. 


Cun  tirania  gronda, 
Chi  gniven  suot  scuitschads 
Ilgs  laudfochts  tramateivau 
Lur  sbirs  pro  ils  purs  curond 
15  Lur  vachias,  bouffs,   pigleivau 
Dalg  pasck  cun  d'  guaut  daveut. 

Ingiüu   no  eira  sgiüre, 
Dunans  ne  lur  uffaunts: 
lugiün  daschieiva  dire 
20  Lasch'  esser  quai  es  mieu, 
Neir  lioraens,  ne  juvnals, 
Juvantschellas  eir  brick, 
Non  eiran  da  quels  tals 
Sgiürs  quia  gniaunck  ün  zick. 

25   Chi  vleiva  qui  ustar 

E'  tgniair  quai  da  seis  velgls, 
Sia  duona  dtschanniar, 
II  chiatscheivni  our  ils  ölgs. 
Non  maina  quad  sgrischar 

30  Sur  scodüna  parsuua 
Suuizi  et  dolur, 
Quin  uomnar  et  fortüna. 

Ad  Aldorf  na  chiapella 
Hai  via  d'  ün  lain  pandü ; 

35  Chi  nö  sincliua  a  quella, 
La  mort  fick  imnatscha. 
0  tirania  gronda 
Cun  larmas  da  cridar, 
A'  blers  quai  incrascheiva 

40  E  fava  suspürar. 

Eug  quella  tirania 
Nun  bai  vuglü  sufrir, 
Aunt  dar  la  vita  mia, 
Bier  aunt,  bler  aunt  morir. 
45  Eug  m'  bai  brick  incliuade 
Alg  pater  fat  honur, 
Cun  quai  nai  gritantade 
Quel  nobel  grond  signiu[r]. 


Volkslieder.  195 

Par  quai  linl  cumaiidado, 
BO  Cheu  des  spert  sagietar 

Uu   mail   gio  dal   chieue 

Da  meis  filg  ilg  plü  chiar. 

Pro   Deis  naig  eng  bragie, 

llg  arck  naj  eug  trat  sü, 
56  Pro   Deis  meis  chiar  siguiur 

Cun  larmas  et  dolur. 

Bragi  nai  eug  dadaut, 
Mo  chie  ais  qui  dvauta, 
Deis  m'  ha  exudi  baut, 
60  II  mail   naj   siata 

Sainza  offeudar  meis  filg. 
Scheu  meis  filg  ves  tuca, 
Vleiv  eug,  craiaj  pardschert, 
Con  ün  stilet  zupa 

65   A'  quel  schelm  mazar  spert. 

Quel  tiraun  vezioud 

Meis  stilet  qua  cuvert, 

Bain  balet  maj   dumaudont, 

Mo  dim,  che  leivasch  fare 
70  Cun  quel  stilet  zupa? 

Nun  vuliond  snaiare, 

Vai  dit  tuot  meis  intent. 

Cun  bain,  chiel  vet  giüra 

Da  far  a'  maj   inguota, 
7B  Non  hal  inpro  salva, 

Mo  1'  saramaint  hal  ruot; 

Bain  baut  faj   eug  lia, 

Lia  suot  saramaint 

In  üna  naf  maua 
80  Maua  dals  meis  davent. 

Stuvü  davent  tirar 
Davent  da  mia  muglair, 
Uffaunts  eir  bandunar 
Brick  spraunza  plü  dals  vair. 
85  A'  maj  quaj  incrascheiva. 
Bleras  larmas  spondek, 

13* 


196  Volkslieder. 

AI  dschellm  da  qiiaj  rieiva 
A'  maj  fick  imnatscliet. 

Tai  völg  huossa  mauard. 

90   A'  Kössnacht,  tu  pitltruii, 
Tai  dal  sulaj  d'  privar 
D'  far  meter  in  praschuu. 
Cun   giomgias  et  cuu  rire 
Mana  fÖ  eug  davent. 

95  Mo  deis  fö  meis  samüre, 
Spandret  seis  sarviaint. 

Deis  Iura  ruviuete, 
Chial  laj   fadschet  ramur, 
AI  dschelm  qua  fick  sinduete, 
100  E'  s  dmet  con  gron  dolur. 
Qua  tras  im  bal  largiad, 
Dit   „Spendra  maj  e  taj!" 
N'  haj  tapfer  lavura; 
Indret  vo  quj   tadla. 

105   Sper  il  crap  leidamaiug 
Sün  quell  sun  eug  saglj, 
La  uaflP  chiatsclieck  in  aint; 
Lura  fick  fastineck 
Tras  vals  e  munts  bain  baut. 

110  AI  laj  con  sia  fortüna 
Surdeck  eug  al  tirann, 
Davo  quaj  el  sbragiva 

Zuond  trid   sgrischusaraaig  — 
Tasneiv  el  aint  in  laj. 

115  Mo  Deis  omnipotaint 

Det  ch'  eug  salvad  im  haj; 
Onde  cheu  deis  ludava 
E  mütscheck  leidamaiug, 
Gnick  sü  per  lautra  via, 

120   Chi  maina  sül  chiaste. 

La  am  farmeck  sün  la  via, 
II  arck  eug  sü  tendeck. 
Spateck  sü  gratia  sia, 
Seh'  el  gnis  a'  qui  dandet, 


Volkslieder.  197 


125   Cbeu  al  pixdes  siatar, 

Auut  cJiiel  gnis  inasa  suot, 
Par   scheu  gnis   a  falar, 
Pudes  d'  chieu  teuder  larck. 

Baiu  baut  cur  el  qixa  guit 
130  A'  mira  eng  pigleck, 

Lascboud  gio  1'  arck  da  git 

Zuond  giüst  eug  al  tukekg; 

Ell  ais  dvauta  cruda 

A^  terra  our  d'  sella  sia 
135   Et  ais  ma  plü  alva, 

Qua  fo  la  gratia  mia. 

Sco   David  cul  aiüd 
Da  deis  Goliat  ha 
Cou  üu  crap  gio  sternüd, 
140  El  ha  il  cheu  via  taglia, 
Vsche  m'  ha  deis  dunade 
Cour  et  eir  taphardat, 
Chial  tirrauu  n^  hai  mazade; 
Survgnid  la  libertad. 

145  II  simil  meis   Compoiiig 
Ha  tapfer  lavurad, 
Con  üna  sgiür  n'  il  boing 
All  Landeuberg  maza, 
■    Cur  el  vulet  s'  furzar, 

150   Sfurzar  sia  mugleir, 
L'  muset  as  inamurar, 
Chiel  sto  usa  la  giaschair. 

Qua  fo  la  vöglia  mia, 

Qua  fo  il  meis  intent, 
155   Da  sdrUr  la  tirania, 

Schiatschar  tuots  schellms   daveut. 

Qua  eira  spraunza  brichia, 

Nos  stand  da  refformar, 

Cos'  meter  a'  dostrichia, 
160  La  schaunza  sasiar. 

No  noufs  Confederats 
Crascheschen  fiek  bain  baut, 


198  Volkslieder. 

Mo  l'  inamj   alva 
O   i neunter  no  con   dguaut 
165   Mo  uo'  inguota  iuterdescheu 
Alveschen  spertamaing, 
A'  Morengart  chnoguischea, 
Bateschen  tapframaing. 

Batesehen  1'  jnami 

170  Con  tuot  la  nobilta 

Bateschen  sten,   sco  sdi, 
Paieschen  lur  nusda. 
Subit  qua  guadagniad, 
La  nouva  baut  ans  guit, 

175  Chi'  inami  fuos  rivad 
In  Untervalden  quel  di. 

Zuond  fick  chno  fastineschen, 
Vain  zuond  brick  intarda, 
A'  Brünig  chno  riveschen, 
180  Vain  1'  inami  chiata, 
Tras  il  ajUd  da  Deis 
Duos  giadas  in  ün  di 
Vitorgia  havain  mautgniü, 
0  Deis,  luda  seasch  tu. 

185  Ach  Schvizers  et  Grischuns, 
Nun  salvarai  par  pauck 
AI  saung,  chia  vos  babuus 
Haun   spons  per   s'  liberar, 
Matai  pur  bain  a  cour 

190  Quel  nobel  schiazi  groud, 

D'  quel  schvo  crüdat  ais  our, 
Usche  chiöntsch  s'vain  brick  trunoud. 

Vo  esched  tras  dolur 

Tras  saung  dals  pardavaunts 

195   Spandrats  our  dzuot  signiurs, 
Gniüds  usche  ferms  h  gronds: 
Vlesed  vo  par  daners 
Tal   libertad  laschar  ir, 
Vlesed  sgundar  a'  quels, 

200   Chi  dscherchien  das  tradir. 


Volkslieder.  199 

Biers  raiö,   fdrsts,   et   siguuors, 
Svez  liuossa  tramatoud 
Pro  vo  'mbascbaduors 
Cim  buns  et  dauers  grouds, 
205  Tras  quai  a  surraanar 

Pitscbeus  et  eir  ils  grouds, 
Cuu  quei  eir  a'  cumprar 
Dunauns  et  eir  ufaunts. 

Ach  s'algurda  dal  Teil 
210  Da  [sia]  tapbarda 

Et  s'  depurta  sco  quel 

Fidel  s'  ha  depurta. 

Eu  s'  hai  vuglli  avisare, 

Avisar  bain  palvair, 
215   Chia  aur,   argieut,  dauere 

Non  haivad  masa  chiar. 

Tguai  baiu  vos  cheus  iusembal, 
Salvai  fai  e  varda,  — 
Schi  guivad  sgiür  uiaudguioude 
220  La  dutscha  libertad. 
0  deis,  da  tu  1'  agiüde 
A'  Schvizers  et  Grischuns, 
0  deis,  da  tli  virtüde, 
Ch'  no  uö  perdeu  teis  duus  ! 
Amen,  finis. 

140. 
Chianzun  dala  libertad  dals  vegls  Grischuns. 
(Zeitschrift  für  romanische  Philologie  VI,  Decurtins,  p.  590 — 595.) 

Eu  völg  chiantar  dals  velgs  Grisüs, 
Co   c'  suu   sats   ferms,   grouds  baruus, 
Üavart  lur  libertade. 
Cuu  saung  hau  eis  quella  survgni 
5   Et  con   houur  saimper  roautgnü 
Cüu  grouda  realtade. 

Vos  pardavaunts,  o  vo  Grischuns, 
Non  sun  stats  Übers,  ue  patruns, 
Mo  suot  la  tirauia. 


200  Volkslieder. 


10  Qu  eis  velgs  chiastels  pudai  guardar, 
Schi   dauui   bain  perdüta  der 
Da  grouda  tirania. 

Quels  grouds  tirauns  hau  tuot   [sjdrapa, 
Figlias  da  bain  haun   eis   sfurza, 
1 5  Fat  groudas  shelmarias ; 

Dunauus  bierras   saiuz'   inorabrar, 
Haun  quels  tirauns  vuglü  sgiarbar 
Par  contantar  lur  vöglia. 

Con  quellas  femnas,  o  sgrischur! 
20   ü'  lur  tour  a  mau  et  maind  honur 
Ais  quia  da  lur  faitse 
Biers  hauni  int  prischun   sara, 
Biers  murdria,   strangla,  maza, 
0  gronda  tirania! 

25  In  Madulain  d'  eira  ün  chiaste, 

Qual  chis  po  dir  diera  ün  marte. 

Da  Deis  aquia  date; 

Tras  seis  chiaschlauns  a'  dumaschiar 

Seis  pövel  et  tiranizar 
30  0  ve,   chie  nun  stipfate; 

Qual  Guardavall  gniva  uomna, 
In  quäl  chiaste  regneiva  a  la 
Ün   sgrischus  grond  tiraune. 
Glieut  sfurzeiv'  eil  a  far  magliar 
35   Culs  porcks,  giaglinas,  et  eir  far 
Autras  strapunarias. 

Eir  ad  ün  paur  da  Chiamuasck 
Ha  sfurza  quia  quel  grond  sguast, 
Chiel  sves  stuvet  mauare 
40  La  sia  figlia  e  la  laschar 

In  sia  pressentia  sbargugniar; 
0  grond  e  greif  puchiae. 

Auo  1323. 

Grof  Heindrich,  fock  a'  Berenburg 
Ha  ad'  ün  paur  eir  el  gnü  tut, 
45  Et  a'  quel  hal   sfurzade, 


Volkslieder.  2Ui 


Culs  porcks,  giaglinas  a'  inagliar, 
Ho  VC  d'  lur  to\ir  a'  niaim  e  far ! 
Ho  ve  il  mal  gratiade! 

Quaunt  tirauaischiamaiug  chiel  ha 
50  A'  seis  subgiets  eiv  tgiüi  trata 
lu   il  comüu  da  Bazen, 
Nou  spo  dir,  crair,  ne  siupissar, 
Tascbair  a'  qui  vlair  manzuuar 
Pö  long,  quia  da  quel  fate, 

55   Udi,  chie  dit,   sgrischus  puchia ! 
Chia  quel  da  Vaz,  con  nom  Duua, 
Cuu  nos  pnis  velgs  eir  fete: 
Zuond  blers  d'  ün  temp  hal  fat  piglar, 
Dschüffar  et  in  prascbun  sarar, 

60  A'  qixels  d'  la  fom  mazete. 

Cridont  eis  puchiadusamaing, 
Braiond  eis  eir  fick  sosamaing 
Quel  Schelm  cun  giomgias  dschete, 
Nun   hai  udi   iugiüns  utschels 
65   Chiautond   mai  usche  bain,   co  quels; 
Da  d'  eis  usche  riette. 

Üua  otra  stou  eug  raschunar: 
Trais  homens  hal  tgnii  fat  baiu 
Dün  temp  in  chiasa  sia; 
70  Qua  hal  tuots  trais  usche  bain  inpli 
Chels  plü  mangiar  nou  haun  pudü, 
Udi,   chie  tirania! 

Lün  fei  sün  que  fick  spasizar, 
Loter  fei  el  laina  tagliar, 
75  AI  terz  hal  fat  dormire. 

Bot  hal  tuots  trais  fat  tagliar  sü, 
Guarda,  quäl   haia  melg  pidi 
Lur  mangiar,  chia  el   sapchia. 

In   quais   ais  gniüd   a  Dieu  puchia 
80   Our  d'  suot  tirauns   ans   hal  slubiad 
Nos  velgs  tras  sia  buntade, 


202  Volkslieder. 

Dat  ardi(n)[m]aiut,  cusalg,  agiüd, 
Clieus  Im  survgni  con  sia  virtiul 
La  nöbla  libertade. 

85  Tras  la  buntad,  agiüd  da  Deis, 

Quel  grond  thesaur  haun  eis  survgni, 
Eir  cou  gronda  dolure, 
Et  tras  sia  gratia  et  seis  aiüd 
Haun  eis  quel  bei  tbesaur  mandgüt 

90  Cul  saung,   dauers,   doluorse. 

Eir  dalas  gueras  fain  mentiun, 
Acio  cbi  sapchia  quia  scodün, 
Sapchieu  et  eir  qui  vezeu, 
Cun  chie  dolur  et  martriar 
95   No  vaiu  tgniü  qnellas   acquistar 
Et  ano  imiteschen. 

Lur  taphardat  in  cas  da  bsöug 
Far  vera  et  rumpai  vo  al  sön, 
Vo,  ils  nos  suxesuorse 
100  Vaglai,  guardai  la  libertad 

S'  pudair  mantegnir  in  tuots  grads 
Sco  baun  vos  padernuorse. 

Daners,  fadia,  cuost,  lavur 
Non  spargniarai  a'  quia  inglur, 
105  Saiad  tapbra  suda 

Incuntra  quels,  chi  vo  dscherdcbiesen 
Da  übers  subgiets  sfar  vulessen, 
Stat  scunter  quela  braiada. 

Hoindrich  (n)[v]on  Verdeuberg  nomna 
110   Qual  sa  via  dvart  u'  hai  mauzuua, 
Cun   forsa  ha  prova  al  prürae, 
Quels  d'  Schons  a'  vulair  dumaschiar 
Fond  pisser  amo  plü  da  far 
Nempe  da   sdrür  las  lias : 

115   Et   a   Grischuus  a   far  morir, 
Lur  libertads  lair   inpitschnir, 
Ad  eis  eir  suotameter. 


Volkslieder.  203 

Lur  facultads,  glieud  et  pai(üi)s 
Posidair  ol  cou  tuot  il  brais, 
120  Brais  et  eir  forsa  sia.     Ano   1425. 

Sur  Cunkels  nauu  ais  el  cruda, 
La  not  Ruzöug  dascus  piglia 
Quel  Schous  per  meter  fraiue, 
Hg  chiaste  da  Berenberg  tutt  ayut, 
125  Quels  d'  Schous  s'  husteu  giaglardamag, 
Lur  frars  fcn  asavaire. 

Quels  zur  ilg  giiaut  dandetamag 
Nauu   zur  ils  muuts  gaglardainaing 
lu  Schon s  cou  lur  agüide, 
130  Cur  lg'  inami  ha  savü  quai 

Dalungia  our  d'  Schous  ais  müdscha  d  fai, 
In  Schous  nou  el  plü  guiüde. 

In   la  turuada  haun   piglia, 
II  Segnier  da  Ruzöug,  maua 
135   Cuu  eis  a'  Valandae; 

Fo  il  seuteutia  dal  far  morir 
Par  mur  ch'  eil   tgnied  cul  iuami, 
Par  gratia  fol  largiade.     Auo   1249. 

Chie  ha  fat  il  seis   anteuad 
140  Rudolf  da  Verdenberg  il  Graff, 
Graf  da  Verdenberg  et  Sarganse, 
Siguiur  da  Bereuburg  e  Vatz, 
Fet  guera  con  duos  oters  sudats 
Da  Ruzöng  et  Riedberge.     Ano   1343. 

145   Ils  duos   fraihers,  quals  sun  clapads, 

Da  Rudolf  et  praschuu  manads, 

Mo  'Is  subgiets  da  Ruzöguie 

Piglieu  eir  eis  Hartman  praschun 

Frar  da  Rudolfus,   quia  cun  nom ; 
150   Mo  pock  temp  davo  quaie. 

Fö   fat  la  pasch  traunter   ils  3   grofs 
Da  Verdenberg  et  eir  dschels  duos 
Tras  Hertman,   abbt  da  Pfefan 


204  Volkslieder. 

Et  Hartmanus  maior  in  Vindegk, 
155  Chi  feu  far  pasch,  mo  cou  quist  packs 
Ils  prascLuners  la[r]g(r)iadse; 

Chiels  gnisseu  aquia  baiu  baut. 
Siin  quai  Riidolfus  tret  baiu  baut 
A'  chiasa  sia  sperte, 
160  Graf  da  Ruzöng  et  da  Riedberg 
Turnantet  el  aquia  spert, 
Eis  turuauten  Hartmanus. 

Cuut  dal  Tirol  sumgiauntamaing 
Aint  Ramuosch  rumpet  el  aint, 
165  Ilg  chiaste  el  tuot  ardete, 

Quels  d'  Eugadina  taphramaiug 
Ils  chiatschen  mann  inpestiond, 
Eis  haun  schiadschads  dandete.    Ano  1480. 

Sapro  il  düchia  da  Milaun, 
170  A  nos  paiais  ha  chiatscha  maun, 
Quell  tuot  par  ruvinare: 
Nos  pardavaunts  cuu  ardimaint 
Pusclilaf  et  Buorm  pigletni  aint; 
Mo  bod  stuvel  turnare.      Ano   1490. 

175   Eir  Maximilian  per  dschert 
Las  lias   el  vleiva  sdrür  spert 
Schvizars   et  eir   Grischuns: 
Aint   in   Müstail  ais  el  cruda, 
Cun  tuorp  e  don  ais  el  schiatscha. 

180   Üa  nos  giagliards  barunsse.     Ano   1499. 

Bod  davo  quai  cun   ardimaint 
AI  Steich  et  Meienfeld  tut  aint 
La  Guargia  hal   mazade, 
Cruda  in   Eugadina  d'  Suot, 
185   Descb  vids  ardel  et  pigliar  tuot, 
La  pascb  ra'  ha  brick  salvade. 

El  ais  dvanta  eir  fick  rabgius, 
Cruda  d'  üu  temp  eir  adaschus. 
In   Eugadina  d'  Sura; 


Volkslieder.  205 

190   L'  ha  üiidasch   vids  tuot  rais   a  fö, 
Ün  Liiviiiasck   al   muet  a'  lö, 
Naschiid   a  la  mal   ura. 

Nos  velgs  tras  la  virtüd  ha  Deis, 
Saimper  el  dat  vitorgia  als   seis, 
195   Sun   trats   in   Val  (p)[d]a   Vuouste, 
Sul  quater  milli  ferms  Grischuus 
Haun  quindasch   milli  Edschleuderuus. 
Vaudschü  con   lur  gron  cuoste. 

Ano   1499.     Pai-  Dschinquaissma. 

Nouff  giadas  Schvizars  et  Grischuns, 
200  Hau[u]  eus  guagia  cun  quels  giatuns 
Nouf  giadas  in  ün  onue; 
Deis  saimperma  ils  ha  giüda, 
Chno  vaiu  quels  trists  utschels  sbluta 
Cun  gronda  tuorp  et  doue, 

205  Nos  pardavaunts  ciin  realta 

Nus  hauu  deck  dgniü  lur  liberta 

Usche  taphramaing  mandgnitide; 

Mo  eir  quel  deug  bell  paravis 

Vudglina  dalg  nos  rai  Luvis 
210  Eir  cun  guerra  survgnide.     Anno   1512. 

Bot  Carolus  quint  ha  mana, 
II  Medigin  siond  muuta, 
Cun  nos  velgs  üna  guerra, 
Las  plaivs  d'  Clavena  tuot  tut  aiut ; 
215  Mo  no  ilg  schiatscheschen  impestioud, 
Bütond  il  caste  a  terra,     Ano   1525. 

Quai  nun  siond  stat  gratia, 
Hai  cun  ilg  nos  uvaisck  trata. 
In  Cuoira  ün  tradimainte; 
220  II  tradiraaint  ven  bod*  scuvert, 

Ns'  vain  cun  la  spada  ustads  spei't 
L'  uvaisck  müdschet  zuond  quette. 

Süsura  ha  Murberg  piglia 
E  quel  znond  fick  sü  fabrica, 
225  Nos  velgs  nö  iutardeten; 


206  Volkslieder. 

Cor»   Schvizers  bot  eis   treten   aint 
Dschiatacber  1'  iuamj  tapbramaiug, 
II  cbiaste  qua  splanete.     La  guera  dal 
caste  da  Müscb.    Anno   1531. 

Eir  Baromeus  cardinal,  arhivesco  di  Milan, 
230  Que  prus  bom  e'  soing  papal : 
Quel  ba  tgniü  pruvae, 
La  Valteliua  avlair  piglar, 
Gun  tradimaint  ans  V  invular, 
Mo  Deis  ans  bagiüdadse.  Ano  1585  et  1610. 

235  0  vo  Griscbuns,   nos  velgs  guarda, 
Lur  giagliardentscba  sinpisa 
Eis  baun  tuot  mis  suot  peisse: 
Haun  vit  rais,  sgniurs^  inperaduors 
Maza  tirauns  e  tradituors 

240  Bain  con  1'  aiüd  da  deise. 

ßay  d'  Spagnia  ba  con  seis  cusalg 
Musad  a'  no  zaond  trid  cumbalg 
Ilg  punds  brieff  fick  cbiasade, 
Con  inprumeter  blers  daners 
245  Agia  compra  il  cour  da  blers, 

Nossas  lias  scbliade.     Anno  1604. 

Vos  ölgs,   Griscbuns,  avri  indret! 
La  libertad,  quel  grond  dalet 
In  priguel  ais  bain  sgiüre. 
250  Eug  tem  eir  mal,  cbial  pled  da  Deis 
A'  terra  gea  suot  ils  peis, 
Quaut  long  vlai  vo  durmire? 

Ell  ba  furtezas  fabricbia 
Et  ilg  landförst  eir  muvauta 
255  In  cunter  nossas  terras, 

Ils  quals  baun  ars  Santa  Maria. 

Maza^  duvra  qua  tirania, 

N'  baun  par  tuot  dat  guerras. 

Vos  frars  forsa  hau  stuvieu 
260  Star  gio  d'  la  creta  in  lur  Dieu, 
Alg  först  Lapro  giürare; 


Volkslieder.  20? 


Jürar  ad  el,  d'  al  esser  suot 
In   secular,   creta  et  tiiot, 
Las  lias  bandunare. 

265   Eir  nos  subgiets  s^  haun  muväta, 
Cheus  iu  quel  di  haun  eir  maza 
Baiu  tuot  ils  nos  signiuorse, 
II  gobernatur,  sco  eir  vicari, 
Ils  pudastads  et  cumisari, 

270  Sco  eir  tuot  ils  scriptuorse. 

Maza  ais  stat  qua  il   siguiur 
Jobau  Travers,  gobernatur, 
Eir  Antoni  von  Salis, 
Vicari  da  quel  terap  ala 
275   Aint  in  quist  boing,   ais  stat  maza, 
Sco  eir  il  cumisari. 

Fortunad  Sprecher  a'  Berueg, 
Üoctur  da  ledscha,  eir  ün  perfet, 
L'  pudasta  da  Morbegnio, 
280  Heindrich  Hartman  da  Parpauu, 
EI  pudasta  eir  da  Tiraun, 
Johannes  uon  Capole. 

El  pudasta  eir  da  Travuna 
Bartholome,  6  chie  fortüna. 
285  El  pudasta  dal  Teiglia, 

Andreas  Enderli  da  Cübliz, 

As  eir  el  gniü  suot  las  lur  griflas, 

Ove,   il  mal  conbaglie! 

Arno  blers  plus  sun  qui  mazad 
290   Christian  Flory  von  Jeuaz, 
II  pudasta  da  Buorme, 
El  pudasta  da  Plur  eir  la 
Pala  vita  ais  gniü  quella  gia, 
Luci  Scarpatete. 

295   Con  oters  plus  nö   manzunads, 
Chi  quella  gia  sun  stats  mazads 
Da  nos  signiuors  Grischunse, 


208  Volkslieder. 

Ch*  in  Valtelina  ufizis  veivau. 
Fon  eis  mazad,  quaunts  chia  iudeiran 
300   Da  nos  subgiets  schelmuuse.     La  rebeliuu 
d  Vudliua.    Ano  1620  ä  18  Juli. 

Ultra  uficials  haun  eis  maza 
Ils  sarviaiuts  da  Deis  a'  la 
Biers  haun  taglia  par  meze, 
Biers  murdria  et  schiavaza, 
305  Lur  raauns  e'  peis  davent  dschuuqua, 
Biers  hauni  sü  pendüe ; 

Biers  saieta  et  acrapa. 
Biers  haun  eis  smers  et  amaza, 
In  laua  fats  morire^ 
310  Par  fin  als  raorts  haun  sü  cliiava, 
E  cun  grond  sdeng  a'  quels  trata 
Cun  giomgias  e  cun  rire. 

A'  blers  ils  ölgs  oura  chiava 
A'  blers  lur  corp  eir  sü  sdratscba, 
315  Maza  duuauns,   uffauntse; 

Ufaunts  incunter  müers  büta, 
Spons  saung  iuu  gniva  pradgia, 
0,   Schelms  e'  morders  grondse. 

Biers  par  forsa  hauni  eis  fat  ir 
320  In  lur  baselgias  ad  udir 
Las  raesas  da  lur  preirsse. 
Cur  ells  haun  quella  tgniü  tadla 
Et  eir  lur  creta  qua  snaias, 
Murir  haun  fat  a'  blerse. 

325  0^  chie  anguoscha,  6  chie  dolur ; 
A'  tai,  o  deis^  a'  tai  signiur 
Quaist  fat  a'  tai  vlain  ploudscher! 
0,  tradituors,  ö  morders  gronds, 
Par  qucl  prus  saung,  ch'  vo  havai  spons 

330  Vain  deis  sia  ira  a  sponder. 

0  vo,  Grischuns,  cun  vos  grond  p[c]hia 
Vos  Deis  in  dschel  vais  gritanta, 
Quel  huossa  bain  s  castia; 


Volkslieder.  209 

II  pled  da  Dcis  vai  vo  sbütas, 
335  La  libertad   vai   surduvra: 
Dieu  muossa  sia  gUstia. 

Ils   buns   vain   iio  persequita, 
Schelms,   tradituors   brick  cliiastia, 
Fat  groiida  iugüstia: 
340  Par  santenzchiar  vaius  praius  daners, 
Ruott  saramaints,   fat  tört  a'  blers, 
Duvra  eir  tirania. 

0  vo,   Grischuus,   co  vlais  vo  far? 
Nu  s   vlais  amo   dal   söii   sdasdar  ? 
345  luua  ais  rialtade? 

Imia  ais  ils  pardavauuts, 

Chi  haun  lur  sauug  et  vita  spous 

Par  vossas  libertadse? 

Lais  vo  qiiels   chiauns  da  saung  siifrir  ? 
350  Baiu  aunt,   bain   aunt  dessed   morir, 
Co  suot  tals  sgniuors  rastare ; 
Laiüs  in  Aegipta  turuar, 
Ilg  pled  da  Deis  slaschar  pigiiar 
Vos  sauug  aunt  desed  sponder. 

355  Grischuns,   Grischuns  alva  sü  baut 

Et  s  vulvai  pro  Deis  sü  aut! 

Vain  el  as  pardunare. 

Pur  sü  vaglia  par  vos   uffauuts 

Gagliardamaing  sco  Is   pardavaunts! 
360  Dieu  vain  vitorgia  as  dare. 

Scha  vo  quai  non   gnivad   a'  far 
Schi  gnivad  sves  as  ruviuar; 
Tuot  vain  da  vo  a'  rire ; 
Eir   vos  uflFaunts  a  salmantar, 
Saimper  [d]a  vo  a  sa  sdegniar, 
Saimper  as  smaladire. 

A 

0  Dieu,  da  cour  no  t  lain  ruar, 
La  libertad  nu  ns  vögliasch  pigiiar, 
0  Dieu,  nu  us  chiastiare! 

Komauisclie  Forschungen  XXVil.  \  4 


210  Volkslieder. 

370   Pü   bod  chiastia  ä  quels  tirauns, 
Nun  chiastiar  ns  teis   ufaixuts, 
Tai,   Deis,  laino  luclare. 

141. 

Anno  1638.    Üna  chiantzün  fatta  in  Cuoyra  da  la  maell  damanaeda 

vitta,  SCO  eir  da  la  grisehüsa  moart  d'un  tiran,  ohi  ho  viueu  da  noas 

tiemps  in  lg  Paias  da  las  3  Lias. 

(Zeitschrift  für  romanische  Philologie  VII,  Decurtins,  p.  99—101.) 

Qui  giescha  uu   bum, 
Nuu   fatscb   lg'  nüm 
Per  seis  paraints 
Ls'  inuozaiuts 

5  Dieu  holl  cüntscbieu 
Et  r  ho  tradieu, 
Sieu  plaed  pradgio 
E  quel  tscbuaio 

Seis  saeramaiuts 
10  Eiran  a  d'  eil  vauns, 
Baiüer  e  magliaer, 
Que  1'  eira  cbiaer. 

Eis  fatt  Papist, 
Eir  atheist, 
15   Üu  filg  dalg  pcbio, 
Mael  gratagio. 

Priiicips   Araios 
Cum  seis  combaygls 
Holl  iugiauno, 
20  L'  bur  müullo. 

Sia  patria, 
La  Rbetia, 
Hol  illatscho 
Cun  poick  qiiitto. 

25  Ell  s'bo  lüdo 
Et  persumo, 
Zuond  da  stützer 
U  Evaugeli  ciaer 


Volkslieder.  211 


L'  Ischcariott 
30   Priuiaiua  tiiot, 
Per  s'  iiigrandyr, 
L'  prorsem   tradyr. 

Cun  cuullair, 
Cuu   nmrdragier, 
35   Cuu  pitanoeng, 
Eir  cuu   striveug. 

Slio  craflautto 
lu   sieu  grand   pchio, 
Saimper  da  ryr, 
40  Ma  da  müryr. 

Mu  Dieu  in  tscbiell 
Quel  ho  gieu  1'  oelg, 
Ho  mis  sieu  maun, 
L'  ho   tgieu  in   fraiu. 

45  Ell  ais  schbaso 
Scün  bouff  cüpo, 
Haün  pitscheu  e  grauds 
Traplo  sieu  sauog. 

Nun  eis  vadgüo 
50  Da  üngiun  crido, 
A  quals  da  Dieu 
Cufoöert  hauu  gieu. 

Nun   eis  tuot   fatt 
Cun  sieu  chiöerp  dschfatt, 
55  L'  oarma  tadlam 
Innua  ella  vam. 

Dieu  quel  disch  d'  pha 
Chi  tschneia  me, 
Vo  zamiza  gioe 
60  Lg  aetearn  phoa. 

0  tu   narüu ! 
TiTot  tieu  bastün 
Eirau  daners, 
Teis  pros  et  aers. 


14* 


2j[2  Volkslieder. 

65  Lg  tschill  hest  schmanchio 
L'  oarma  priuüo 
Dalg  vair  cüfoert 
Tres  Christi  miert. 

Da  tia  jazür 
70   Haun  main  d'  hunür 
Vielgs  et  infaüuts, 
Tuot  teis  paraints. 

Teis  bab  fidaell 
Beo  ais  eil, 
75  Tieu  spüert  fos 
Nou  ho  sieu  poss. 

L'  plaed  t'  hest  schnaio 
Quel  vain   predgio, 
Chi  craia  iu  adquel, 
80  Beo  me  eil. 

0  vus  Grischüns, 
Redschaduors  büns, 
Heigias  sgrischür 
D'  quaist  traditur; 

85  Tuet  voas  cüsailgs, 
Dits,  fatS;  cümbailgs 
Dritze  indraett 
Sün   Dieu   sullett. 

Muryr  stuuais, 
90  E  nun  sauais 
Niaunchia  lg  dy, 
Dieu  s'  vonll  da  qui. 

Chi  craia  in  Dieu, 
Salua  lg'  plaed  sieu, 
95   In  fina  la  fing 

Ais  scheart  diüiug,  diviug. 


Volkslieder.  213 


142. 
(Nach  Ms.  Zh.) 

|f.  ]"|  Schianar  et  mura  .... 

Guarda  po   la  fchgr   .... 

Mo  quel,   chi   ha  Ifa   .    .   . 
Baiu   da  la  raort  speud   .    .   . , 
5   Quel  ais  eir  stat  meis   ba[b], 
Chi   im   hfl  dels  perchüra. 

Perche  cur  chia  quaist  mor   .   .   . 
II   fat  leiva  exequir, 
Scha  1  IVes  stü   inacorscher, 
10   Seis  fat  ha  1   oiir  stü   dir. 

Cuu  bocca  coufessar, 
Seis  coiir  ilg  ha  chiatscha, 
Ils   tradituors  nomnare, 
Chi  lg  veivan   surplida. 

15   Mo  quels  duos  tradituorse 
Vennen   bot  bot  tschüfs   fü, 
Serrads  iu   üna  tuorre, 
Ch'   oura  nun   pofsau   plüe. 

Mo   cur  ils   lur  savenne, 
20   Schi   hauu   eis  irapruvä, 

veute 

chiava. 

vel   buue 

........   et  iucort 

25 a  mantune 

........   e  forza  bod. 

quaist  duos  tradituorse 

aiu   ch   eis   eirau   gronds 

frars  et  prüms   singuorse 

30   Süu   eis   falgits   bragiond. 

Our  (V  lett   ils  hauu   struzchia, 
Baiu   bot  quels   lii   pandü, 
In  pezas  tuot  zipplse, 
Eir  lur  dadaiut  fess   sü. 


214  Volkslieder. 

35   A  quel   eir  talgia^   sqhiarpae 
Lim   lauter  our  dals   mauns, 
Et  usche  hauu  pagiae 
Be  bluot  quaist  duos  furfauts. 

Usche  ha  Deis  mia  vitta 
40  Da  quaist  et  auters  dous 
[f.  2*]  Baiu  perchüra,  fai  s  ditta, 

Sün   vaink  e  quatter  auns. 

L'  hura  fuu  vifitade 
Da  Deis  in  mia  cuort, 
45   Chi  tuot  tngieiva  clamade: 
,.Ilg  prinz  ais  üu  hom  mort!" 

Cur  las  viroulas  certe 
Stattas  cun   tal  fmttüua, 
Chia  qua  eira  cuverte 
50   Da  par  tuot  ma  perfuna. 

Mo  Holand  et  Urania 
Per  mai  hai  bain  ura, 
In  Schottland  et  Brittauia 
Eir  blers  haun  fuspüra. 

55  Hg  cel  ha  bot  udie, 
Meis  meidi  ais  dvantä. 
A  mai  in  agiüd  ngüe, 
Mai  dala  mort  spendra. 

Mo  pauck  pauck  davo  quaie, 
[f.   2'']   60   Cur  eng  fuo  faun  dvanta, 

Ha  Ludvig,  quel  grond  raige, 
Meis   Holand  mai;n  chiatscha. 

Cur  Is   ftadis  quai   vazetten, 
Foune  tuots   strameutats, 
65  Pro  mai  bot  quels  svuletten, 
Per  pudair  ugir  giüdats. 

Qua  chiatscheck  eng  qucl   gialle 
Aint   in  quaraunta  ditts 
Cun   feis  tröp   infidelle 
70   Davent  da  nofs  confins. 


Volkslieder.  215 


Ott  auus  eir  davo  quaie 
Chi  quel  tratt  fuo  dvauta, 
S'  ba  oranscLe  per  maie 
Infembel  tugü  raspä. 

75   Bain  our  d  fuot  ccl  avierte 
Suot   mai   q\ia  per  giürar 
Üu  iuombrabel  tröppe 
S'  hauu  qua  lascbad  cliiattar. 

Hauu   qua  fuot  mai  jürae, 
80  Vardar  baiu  da  falvar, 
[f.  3*^]  Pro  mai  lur  principale 

Finn   alla  fin   da  stare. 

Be  cur  cbia  quai  dvautava, 
Setzoud  eug  fül  tlirun  meis, 
85   N'  ilg  ajer  min   scbvula 
Na  crunua  fü  cbeu  meis. 

La  quala  baun  bain   vife 
Plü  CO  desch  milli  bomens, 
Ils  quals  tuots  baun  bragide: 
90   „Hei  guardä  na  curunnä!-' 

Scba  quai  dech  üna  giada 
Fuofs   dvanta,   s'  dig  pilgvair, 
Miraquel  fuofse  statte 
Avuonda,   deiscb  tu  crair. 

95  Mo  Ott  auDS  davo  quaie 
Be  füu  quel  di  nomnä, 
Cur  cbi  oranscbe  maie 
N'  um  b'  veiva  plü  per  cbeu, 

Ha  Deis  quai  confirmade 
100   Darcbeu  tras  üna  cruuna, 
[f.   S^]  La  quala  ba  fumlgiade 

In  tuot  a  tscbella  prnma. 

Quell'  eira  cert  masdada 
Da  trais  bellas   ciiluors: 
105  Alb,  gielck  et  eir  blave 
Splaudurivaa   sco  1'  aur. 


216  Volkslieder. 

Et  quella   ha  dürade 
N'  ilg  ser   trais   huras  eir, 
Biers   s'  baun   qua  smüravlgiade, 
110  Mo  blers  eir  stuü  tmair. 

Che  '1  miiond  tres  quella  leiva 
Qua  tras  dar  ad  incler, 
Da  tschieut  brick  ün   saveiva, 
Sco  chel  h'  vefs  stü  murir. 

115   Mo   brick  long  davo  quaie, 
Iii   spazi   da  desch  anns 
Ais   ngüd   mifs  pro  raaie 
Uua  cruun  a  mauns. 

La  curuiin  a  mai  ais  ngiüda 
120  Be  gio  dalg  cheu  d'ün  raig, 
[f.   i*"']  Dalg  quäl  eira  naschüda 

La  mia  fpufsa  d'  fai. 

Mo  quaist  mia  curunna 
Nuu   haig  eug  brick  arfschü 
125  Tras  art  d'  ambitiiiue, 
Mo  Dieu  ho  provedü. 

II  percheu  havefs  tngü  faje 
Dalg  faung  eir  da  meis  för, 
Schi  nun   havefs  eug  quaie 
130   Datt  condriz  da  mütschar. 

Mo  Deis,  maftral  ch'  ais  jüste, 
Ha  fatt  fautentia  zuond 
Sco  cun  Saul  e  Davide, 
Qual  veza  tuot  1'  muoud. 

135   Mo  a  mai   geiva  a  coure 
Bier  aunt  mifs'   lugelltera, 
Chi  ra   dava  a   mai   dolure, 
Chell  eira  gia  per  terra. 

Che  dig  eug  d'  Ingialttera, 
140   Schi   tuot  la  christantat 
[f.   41"]  Giascheiva  zuond   per  terra 

Bain  zaiuza  übertat. 


Volkslieder.  217 


Ingüu  raig  dir  daschiaiva: 
„II  ragiuom   ais  meis". 
145  Ludvig  agia  s'  ludeiva, 

Chia  tuot  ilg  muond  fuol's  I'eis. 

N'  gio  fiiofsas  Leopolde? 
Shell  Dim  fuofs  alva  fü, 
Tuot  teis   imperi  groudc 
150  Havelsas  cert  perdü. 

Per  che  chia  Ludovige 
S'  ha  löug  d'  tai   u'  amurä, 
Las  nozas  hal  tngü  ficke 
Par  tai   gia  tngü  piuna. 

155   Ingio   fuofs  da  philippa 
Teis  ragiuom  sehe  groud  V 
Ca  ftefse  cun  Madritte 
Cittat  gronda  dalg  muond? 

[f.   5*]  Co  stefse  vus  Schwizers 

160   Et   Grischuns  tuots  a  fats? 

Eng  defs  huofsa  paucks  crüzers 
Per  vofsas  libertats. 

Seh'  eu  uun  h'  vefsa  quel  gialle 
Las  alas   gio  tondü, 
165   Schi   s'  hvefs   el   salva  male 
A  vuo   et  auters  plus. 

Mo   eug  quel   braf  liune 
Et  leopard   nomnä, 
N'  haig  quel  grande  pavune 
170  Sas  alas  fick  sbafsä. 

Mo  schi  guarda  crastiauufe, 
Uza  vofs  ölgs   lün   cele, 
Co   Deis  usche  pufaunte 
Guarda  ha  cuu   feis   ölgs. 

175   Guarda  et  fimpifaie, 

Co  el  vuo  s'  ha  spendrS, 
Tras   meis  mauu   da  quel   raje, 
Grond  Ludovic  uomna. 


2\ß  Volkslieder. 

[f.   S**]  N'  gi   uauu   et  f  iuscbnulgiae 

180   Sun  la  scliuuolgia  dalg  cour, 
A  vos  Deis  fick  ludae, 
CuD  dar  ad  el  honur. 

Mo  d'  quai  uuu  ais  avunda, 
Deck  da  star  ad  orar, 
185  Nos  Deis  ma  plü  dumanda, 
Eir  tapfer  da  giüstrar. 

Vuo  tapfers  brafs  Engles, 
Tu  Holand  meis  uffauut, 
Slargia  vos  cours  fincers, 
190  Vuo  cavaliers  pufaunts. 

Tu  Cesar  culg  curfurstfe 
Spoug'   eir  fumlgiauntamaiug, 
Vuo  aliats,   ferms  fürstfe, 
Pur  sü  tuots  leidamaing! 

195  Vuo  Sclivizers  e  Grischunse, 
Seh'  efchat  meis  fittamaint, 
Giüstra  pur  sco  baruuse, 
Haiat  bun  ardimaint! 

[f.  6*]  Vuo  finguors  officialse, 

200  Lai  vuo  furfngir  grond  nom, 
Combatai  tuots  iuguale 
Palg  pled  da  Deis  ilg  prüm. 

Sgr.  collonel  Capaule, 
In   guerra  bain  dufad, 
205   S'  lascbai  recomendae 
Ilg  raig  et  libertat. 

Sgnuor  obrist  latiuent 
Da  chiafa  bain   Saluz, 
Deit  eir  vuo  taframaiug 
210  Alg  inami  far  truz. 

Eir  vuo,    obrist   waclidmaister, 
Sgnur  Bell  bain  nomua, 
In  guerra  fick  adeister, 
Sco   vuo   ngid   fick  luda 


Volkalieder.  *  219 


215  Sgnur  capitauui  Buolü, 
Chi  nun   bavai  sparngia 
Ingün  dauer  e  cuofte, 
Mo  h'  vai  tuot  rasigia. 

[f.   6'']  Sclia  lg  groud  duiuaudafse 

220   üad  ir  cir  plü  inavauut, 
Eug  crai,  cli  el  rafsiafe 
Infiua  bain  fülg  faung. 

Sgr.  capitau  Giauatsche, 
Guberuatur  stat  deng, 
225   Duvra  eir  vuo  vofs  bratsche 
Pei'  Deis   et  raig  Wilhelm. 

Juncker  Chriftoffel  Schmide 
Da  Grüeneg  bain   nomuä, 
In  arts  et  in  virtüde 
230  Zuoud  aut  et  bain  ftüdgiä. 

Capitauni  latinent 
Dalg  obrist  da  Capaiü, 
ün   hom  zuoud  bell  tramente, 
Eir  potestat  gia  stat. 

235  Guarda,   s'  faschai  ün  uome 
Da  brava  tapferdat, 
De  huofs  h'  vai  chiaiischune, 
Cheu  vuo  s  dig  in  vardat. 

[f.   7*]  Vuo  tuots  brafs  cavallierse, 

240  Schi  eschat  qui  scrits  fü, 
Et  efchat  eir  sehe  blerse 
Seh'  vuo  vlai  ngir  promovü. 

Vuo   h'  vai  fuot  la  baudera 
Da  vos  raig  cert  gitira, 
245  Schlascha  ir  bain  per  coure 
Imminch^  ün   in   feis  gra. 

Vuo  Sehvizers  e  Grischunse 
Salva  ilg  vos  bun  noine 
Da  tapfers   brafs  baruuse, 
250   Ch  vuo  h'  vai  par  tuot  1'  muond. 


220  Volkslieder. 

Ch  vuo  vai  baiu  üu  tal  raje, 
Chia  Deis  pro   fia  honur 
Ha  fat  fubiect,  cragiaie, 
La  terra  et  i[l]g  mar? 

255  L'  quäl  sco  muravalgia 
Deis  ha  baiu   cufalvä 
TauTiter  blerra  chinalgia. 
Da  taunts  ch'  hauu   impruva, 

Ad  el  da  tuur  la  vitta 
260   Tras  con[s]piratiuus, 
|f.   7^]  Per  ödi   grouda  gritta, 

Sco  Schelms   et  morders  gronds. 

Un  raig  h'  vai  giu  da  fatte 
Sumlgout  a  Salamou, 
265  Uu  vair  prus  Jasaphatte, 
Un  tapfer  Gedeon. 

Schels  fuofsen  fves  u'  ilg  muonde, 
Schi  ngifsau   eis  a  dir, 
El  ais  amo  plü  groude, 
270   Co   nuo   per  cert  e   sgür. 

El  ais   quel   puffauüt  chiar 
Et  chiavals  d'  Ifrael. 
Cul  quäl   el   voul  pichiare 
Quel  narraisck   Ariel. 

275   Quel   ilg  quäl   vaiu   nomuä 

Dals  ruoischs  quel  nobel   raig 
Ed  ilg  priuz  dalas  gilgias, 
Ludovic  eug  mauaig. 

II  quäl   usche  blers   ouuse 
280  Ha  tgnü  usche  gronda  fai 
Dalg  faung  da  vair  fidelse, 
ff.   8*]  Quel   spons  zainza   schauai. 

11s  ruoiscks  quels   stoun   morire 
Da  pouierauza  d    fü, 
285   Las  gilgias  stouu  fiuire, 
Scha  Nafsau  viva  plü. 


Volkslieder.  221 


Quaist  ha  avaunt  tschient   ouuse 
Savü  propbetizar, 
Quel  sabi  noftrodamus, 
290   Cbia  quai  dels   hiiofs  dvautar. 

Hg  saung  dalg  Admirale, 
Caspar  Colingy  priis, 
Stot  bsat  dalg  raig  Wilbelme, 
Maza  zuoud  pucbiadus 

295  N'  ilg  ouu  milli  tscbiug  ciente 
Et  eir  setaunta  e  duos 
Tras  crudel  ardimaiute 
ü'  las  nozas  da  Paris. 

Quaist  buu  saung  zainza  cuolpa, 
300  Ilg  c[ual  ba  agia  pufat 

Tschieut  e  vainck  e  trais  onse, 
Vuol  b' vair  vandetta  fatt! 

[f.   S'J]  Tras  maun  be  da  qua  raje, 

Chi  da  quel  faung  vain   nauu, 
305   Eug  s'  dig  iudret,  cragiaie, 
Wilbelm  1  terz  nomnä. 

Uscbe  ais  el  1  terma, 
Cbia  Deis  ba  ordioä, 
Et  discb  al  tiraun  ferme: 
„Brick  plü  long,  co  qua'/' 

310   Per  quai   scbi  nun  tmaraie 
A  vuo  alg  iuamicb, 
Mo  lu,   sü,  vuo  scbfascbaie 
Incuuter  Ludovic. 

Percbe  cbel  ais  rivade 
315   Aunt  sai  ala  fin, 

Da  nofsa  vart  Deis  stae 
Cun  feis  agiüd  divin. 

Cur  Jacob  quel  foing  buome 
Cun   Deis  bavet  luttä, 
320  Scb'  ais  el  vit  feis  gialune 
Da  Deis,  cbi  lg  ba  plagia. 


222  Volkslieder. 

Quander  cur  la  virtude 
Tscliafad'  ais  dalg  gialune, 
[f.  9*]  Ha  el  da  lungua  ditte: 

325   „0  Seuger  zuopp,   eug  sun!" 

Mo   la  virtüt  piifsaunza 
D'  la  guerra  ais  ilg  daner, 
Schi  1  ha  manteug  la  schauuza, 
Chi   nun  1    ha  quel  ha  pers. 

330  Da  mai  chi  mangua  quaie 
In  Frauntscha  a  Ludovic, 
Stou  el  sgür  avaunt  faje 
Ir  zopp  in  cuort  temp  fick. 

Cur  David  hom  da  Deise, 
,  335  Tapfer  baruu  pufsaunt, 

Giascheiv  n'  ilg  cuvels  feise, 
Ne  h'  veiva  profiaut. 

Schi  h'  vefs  el  bot  stuüe 
Bain  da  la  fom  morir, 
340  Scha  Deis  nun  h'  vefs  redsehü 
In  agiüd  laschar  ngir. 

Schi  CO  defsai  eir  pöza 
Ad  un  tal  gratiar, 
II  quäl  mort  hoz  in  die 
345  II  truz  a  Deis  voul  far. 

[f.  9*»]  Siond  da  ma  chi  aifse 

In  Fraunz  intuorn  intuorn 
Da  viver  pagua  spaifa 
Et  eir  zuoud  gronda  fom, 

350  Quel  raiter  nar,  la  ferne, 
Ls  martraja  di  e  not, 
Chi  so,  nun  va  plaun  planne, 
Fastina  daveut  bain  bott. 

Da  qua  vaing  milli  a  giae 
355  S'  hauu  fatt  da  qua  daventt; 
Quai  a  Ludvic  mal  fae, 
Chel  grisch  vain  aunt  ilg  temp. 


Volkslieder.  '  22H 


Cur  Pharo,   raig  d'  Aegypta, 
Sa  citat  spcr  1'  mar 
360   Havct   tngü   perz   cim   gritte, 
L'  hur  ha  1  stuü  chiallar. 

Ludvig  quel  stou  eir  vair 
Giond  sa  cittat  in  füm, 
Vauut   fai  vaiu   el  a  ftair  crajaird, 
365  Chi  sai  il  raig  Wilhelm.. 

[f.  10«]  Cur  Attila  1  groude 

IIa  long  tngü  da  zippa, 

Scküna  giaischla  dalg  (dalg)   muonde 

Baittü  e  ruvina, 

370   Schi  ha  1   stuü   chiallare, 

Deis  ha  la  giaischla  tschüff, 
Cuu   fÖ   fatt   arfantare, 
Usche  cuu  plus  hal  fatt, 

Cun  tai,  0  Ludovic, 
375   Eug  veug  sves  ad  udir, 
Co  deis  t'  castigia  fick. 


Et  huofsa  fülg  davoe 
A  Deis  vlain  nuo  ruguare, 
380   Quel  grond  fingur,   la  proe 
Nos   Deis  et  fenger  chiar, 

Ch  el  völgia  perchürare 
Bain  da  tuet  mal  e  den, 
In  vitta  e  coufalvare 
385  Biers  ons  alg  raig  Wilhelm. 

Campaing'  e  gualtiere 
[f.  10^]  Saja  pur  Deis  cuu  eil 

In  battaglias  e  guerra, 
Ch  el  nun  banduua  quell. 

390  Da  lg  tu,   6   Deis,  vanttüra 
Cun  feis  inamichs, 
Tengia  davent  svantüra; 
Tras  el  allegrans  tuots. 


224  Volkslieder. 

Seis  laed  et  eir  trifteza 
395  Volgiast,  o  Deis,   müdar 

Vaunt  fai  aint  in  algretzchia, 
Üu  antra  spusa  dar. 

AI  Seuger  dals  Singuorse, 
400   Alg  raig  da  tnot  ils  raigs 
Sai  dat  land  glierg  houure, 
Amen  saig  huofs  eir  quai. 


143. 

Chianzun  da  eumio. 

(Nach  Ms.  Mio.) 

[f.    1*]  Da  loeng  ino  he  eau  bramo 

Da  lüstrer  eistras  terras, 
Da  pudair  vair,  co  chia  1  ranond  vo, 
Co  chi  giaja  in  las  guerras. 
5   Hnofsa  am  ais  gnieu  1'  occafion, 
L'  acett  dimena  cun  cour  bum 
Et  cun  algretia  bgierra. 

Nun  sum  il  prüm,  chi  rifagier 
Voelg  huofsa  ma  fortüna, 
10  Eir  oters  bgiers  haun  vulieu  faer 
Durand  lur  juvautüua 
Qual  chiofa^  par  exprimenter 
Et  cotres  zieva  da  aquister, 
Da  efser  stimos  adüna. 

[f.    1^]   15   Scha  bgiers  baruns  pufaunts  valents 
Et  da  granda  chiafeda 
Lur  vittas  stiman  taunt  co  veuts, 
Solum  chia  cun  lur  speda 
Gustraud,  poafsen  gnir  aduzos 
20  Et  per  aquister  pü  oths  gros, 
Nun  tschertschan  otra  streda. 

Grands  privels  stovan  eis  patir, 
Ne  stiman  que  unguotta, 
Grands  patimaints  stouvan  fufrir, 
25  Scha  veg^n  mifs  in  ruota, 


Volkslieder.  225 

Schi  qualcliiofa  par  es^rimanter, 
Ne  foe,  ne  speda  stovau  stimer, 
Ne  moart  uo  vita  uuguotta. 

Vules  dimeua  raster  qui, 
[t.   2^\   3Q   Ster  g  churar  la  pigua, 

O  na,  qui  uuu  poafs  eau  ster  pü, 
Perdar  raa  juvautüna, 
Sainza  privel  poafs   viagiei*. 
Nun  defs  eau  dimeua  que   fer 
35  Saiuza  otra  incraschantUna. 

Davent  dimeua,  iu  nom  da  Dieu 
Fatsch  buofsa  mieu   viedi, 
II  Seguer  faja  1  cuudüter  mieu, 
Chi  am  hoasta  da  cuutredi, 
40   Et  cun   fa  benedictiuu 

Fatscha  1  viedj   efser  bum, 
Benedescha  mieu  stedi. 

Ste  dieu,  dimeua  in  generei, 
Eau  veng  huofsa  iu   Hollauda, 
45  Paraints,  amichs,  vschins,  tuots  in  generei, 
[f.   2'^]  Als  quels  chia  eavi  amur  grauda 

Purto  he  faimper  finzermaing, 
Tiers  me  favefs  tuots  fgüramaiug 
Saimper  in   stima  granda. 

50   Hundro  trameilg,  zuoud  inandret 

Eau  veng  davend  da  quia, 

Da  tuots  he  eau  arfschieu  acett, 

A  tuots  he  do  fadia, 

Ste  Dieu,  ste  bain,  felicemaing 
55  Vus  fares  faimper  certamaing 

In  la  memüergia  mia. 

As  giavüsch  a  tuots  cur  d'  un  cour  buu, 
Chia  vus  cun  cuntanteza 
Et  pesch  voafs  anns  poafses  gudair 
60  Sainza  unguua  gramezia. 
[f.  S^]  Compati  f  poick  güdici  mieu, 

Et  otra  vouta  ste  a  Dieu, 
A  Dieu  veng  cun   leideizza. 

Uomanisclie  Forscbuugeu  XX VII.  15 


226  Volkslieder. 

144. 
Rasposta. 

(Nach  Ms.  Mio.) 

Uu  juven  geueruf  per  tschert 
Tschertschia  iu  fa  juventüua 
Da  pruver  d  s'  fer  expert, 
Rifagiaud   fa  fortina, 
5   Et  cuu   uu  auim  prompt  aco 

Voul  vair  pruver,  co  chia  V  muond  vo, 
Scha  Mars  detta  fortüna. 

Per  pudair  co  tres  acquister 
Un  nom  stimo  aduua, 
10  Et  fieu  ftedi  per  exalter, 
Atscbo  chia  iu  la  velgdüna 
[f.   3''|  Vegnial  da  doters  houoro, 

Chi  fa  fortüua  hauu  pruvo 
Duraud  lur  juvantüna. 

15   Ils  raigs  e  princips,   grands  signurs 
Nou  tschertschan  otra  streda, 
Da  s  quister  uoms  et  houours, 
Grauds  folum  cuu  lur  speda, 
Lur  scepters  vegen  adüzos 

20  Et  lur  reginams  zuond  fermos, 
Scha  gustia  vain  ufeda. 

Eis  lur  infaunts  exerciter 
Faun  in  lur  juventüua, 
L'  art  militer  exprimauter, 
25   Ch'  lur  noms  poaffen  aduna 
Gnir  aduzos^  hundros,  stimos, 
Par  fin  zieva  lur  moart  gnir  stimos, 
[f.  4"]  Fin  chia  1'  muond  dura  adüna. 

Nun  defs  un  auim  geuerufs, 
30  Sco  noafs  S[er]  Reverendo, 

Ser  Jochiam  Maloraun  da  prus 
Tschert  con  un  cour  tremendo 
L'  occafion  huofsa  accetter, 
Dir  in  HoUanda,  par  pradgier 
35   A  r  armeda  stupenda. 


Volkslieder,  227 

Tl  regiment  Capol  uumuo 
Dal   siguur  brigadier, 
Chi  ais   in   Hollanda  zuoiid   stimo 
Per  sieu  curagi  fiere. 
40  Par  tschert  vus  gnis  as  acquister 
Ud  grand  lod  da  pudair  purter 
In   voafsa  vita  in  terra. 

[f.   4'^]  Nun  dubitains,   chia  legraros 

Voafsa  huudreda  chafeda 
45   Et  chia  cun  voafs  favair  farest, 
Chia  la  faja  fich   stiraeda. 
Alura  tuots   in  generei 
Paraints,   amichs  et  vschius  ingixel 
Algretia  I'aro  deda. 

50   Schi  iü  dimena,   hundros  fignuors, 

Huudros  vschins  du  Schlarinal 

Su,   sha   vulains  aquister  hunixors 

Abandunains  la  pigna! 

Nus  defsans  1'  exaimpel  piglier 
55  Da  noafs  sar  revereudo  eher 

Clin   voeglia  bain   ladina. 

Nus  tuots  dimena  in  generei, 
Juvnos,  juvnas   d'  Schlarina, 
[f.   5^]  Oioe  noafs  inter  trameilg, 

60  As  giavuschains  adüna 

Chia  r  hutischem  s  voeglia  compagner. 
Et  voafs  viedi  voeglia  fer 
Prosperar  con  fortüna. 

Nus  ta  ruvains  d  un  vair  bum  cour, 
65  Ach,  nufs  exoda,   o  Segner, 

Noafs  roef^   chia  nus  spandains  our, 

Voeglias  in   chura  tegner, 

Et   noafs  S[er]   reverenda  eher 

Cun   bain  a  chefa  turnanter, 
70  Voeglias  cun  1  mantegner. 

Cert  nus  havefsans  gieu  gudieud, 
Gudair  voafsa   parfuua, 

15* 


228  Volkslieder. 

Chi   ais  dalataivla  zuond  tramend 
Cun  bella  gratia  aduna, 
75   Ach,  che  defsans  dimeua  faer, 
[f.    b^\  A  nuu  pudair  huofsa  gudair 

Voafsa  preschainta  buna? 

Nus  tuots  aquia  furnumnos 
As  dumandains  pardune, 
80  Scha  nu  vefsaus  fatt,  sco  oblios 
Eiraus,  et  cun  cour  bune 
Felicitaed   as   giaveschains, 
E  tuots  iu  generei  stgnains 
Tschert  in  memuergia  buna. 

145. 
(Annalas  XI,  Vital,  p.  195—198.) 

Quels  giats,  chi  maglian  tantas  mürs 
Ed  uossa  sun  in   trapla  tschüfs, 
Ais  bain  da 's  müravgliar. 
Quels  giats  pon  bain  eir  s'  almantar 
5  Ed  eir  cou  raca  vusch  chantar: 
Miau,  miau,   miau ! 

Quels  giats,   chi  maglian   tants   buns  trats, 
Sun   uossa  zuond  fich  magunats 
Ed  han  fat   mal  lur  gnieu. 
E  malas  mürs  tegnan  cussagl; 
10  Perquai  ils  giats  fan  bain  mamvagl: 
Miau,  miau,  miau! 

Quels  giats  han  gnü  'sehe  fich  sgrattä, 
Ch'  eis  hau  lur  unglas  gio  üsa, 
Ed  uossa  strofiats. 
Perquai  pon  uossa  las  mürs  sotar, 
15  E  tuots  ils  giats  s' ston  pazientar: 
Miau,   miau,  miau! 

Nella  Cad^  eira  ün  giat, 
Chi  eira  vegl,  fich  strapatscha, 
E'vaiva  oir  trat  sü 
Ün  giat  d^  ün  'otra  qualitä, 
20  Chi  involaiv' inviern  e  sta: 
Miau,  miau,   miau! 


Volkslieder  229 


Seis  dscbeuder,  giat  amo  plü  flu, 
Per  iuvolar  Vaiv  il   rampin, 
Propi   seis  natural ; 
Eira  pertuot  it   involaud, 
25  Imminchadi  v'laiv'oter  taut: 
Miau,   miau,   miau ! 

lu  Sursaiss'  cir'  ün  giat  griscli, 
Chi  involaiva  eir  pernisclis, 
Ma  bricha  da  seis  lö. 
"Na  clostra  ha  el  sblundriä; 
30  Ils  gesuiters  fügeutä: 

Miau,  miau,  miau! 

In   Villa  eir'ün  giat  pulit, 
Chi  faiva  tuet  per  far  dispet; 
Quel   eir'  ün   pover  giat ! 
Da  sai  svess 'vaiv' el  invola; 
35  Perquai  ais  el  eir  gnli  s-chatschä: 
Miau,  miau,  miau! 

In   Valien dau  eir'  ün   giat  fin, 
Quel  eira  brich'  ün  giat  comün, 
Domandai   il   Columbau. 
Sco  mincha  giat   ha  sa  natura: 
40   Ed   in   las  grifflas   sa  masüra: 
Miau,  miau,   miau ! 

II  meider  giat  eir'  in  Razüns, 
•    Savaiva  perfin  far  ils  quiuts, 
Avdaiva  in  castels. 
Eir'  usche  fich   it  iuvoland, 
45  Ch' el  staiva  ir  as  azoppand: 
Miau,   miau,   miau! 

Da  tuots   ils  giats  in  Flem  eir'  im, 
Chi   comandaiv'  infin  in  ün, 
Magliaiva  mürs  e  rats. 
Sco   ün   barbar  giaiv'  el   s-charnand 
50  E  va  cou   1'  oter  spadergliand: 
Miau,  miau,   miau! 


230  Volkslieder. 

Füss  eir  blers  plus  giats  da  uomnar, 
Chi  bain   savaivan   mürs  pigliar, 
Ed   eiran  giats  rapins 
Tras  las  lur  tschattas   da  valii. 
55  Suvent  tgnaivan  la  cua  dret  sü: 
Miau,   miau,   miau ! 

Uoss'  han   eis  la  cua  iu   gio, 
Cur  van  da  s  chala  sü  e  gioj 
Ma  CO  ais  qu&i  müdä. 
Da  temp  quels  faivan  ils  grauds  spruugs, 
60   Ed   uoss'  ils  trattan   da  tschigruus; 
Miau,  miau,  miau ! 

146. 

Chianzun  xnundana, 

(Annaliis  VI,  Derin,  p.  56—7.) 

Ils  pesclis  aint  in  l'aua  san  saimper  noudar, 
Üna  fausa  femua   sa  saimper  cridar, 
Chi  talas   larraas   tschert   vain  a  crair 
Vain  ingiauä  cun   grond   displaschair. 

5   Ils  taglalaix^as  quels  fan  astellas 

Mo  quellas  nardats   uu  sun  fich   bellas, 

Chi  chi  po  schivir  V  ocasiun 

E  nou   schivescha  quel   es   ün   miuchun. 

Eu  n'  ha  tgnü  letta  da  duas  schiabels 
10  Vess  podü  tcherner  üu  da  quels, 
Avant  ch'  eu  m'  haia  resolvü 
Cul  chül  per  terra  sun   sezü. 

Scha  üna  signura  havess  fallA, 
Et  in  trais  mais  ün   mat  chatta 
15   A  quella  gnissa  cumpati 
Ad   üna  povretta  dat  chasti. 

Sun   stat   ün   di   in  ün   tschert  lö 
Qua  am  es  gnü  ün  simel  jö 
Zapeivan  1*  aua  a  las  gialiuas 
20   Cribleivan   il   grau   a  las  pulschiuas! 


VolkHÜeder.  231 


Chi   voul  purtar  plU   ;nia  iicl   fliun 
Nu   vain  loda   per  quai  d'  iugün 
Et  eil-  scha  '1   pover  duna  al   rieb 
Mou   vaiu   stiniii  per  quai   zond  brich. 

25   Chi  fabrichar  vol  sper  'na  via 
Schi  a  chi  passa  spera  via, 
Sto  laschar  dir  seis  sentimaint 
Cun  bain  tschol   sia  ignoraint. 

Ad   üu   uster  chi  la  vol   far 
30   II   seis  iu teilt  vaiu  a  fallar, 
Per  iiigiduar  üiia   vegla  vuolp 
Stost  savair  far  divers   gronds  cuolps. 

Ufants   chi   vöglau   irapreuder  bler 
Stou   bler  patir  e  stübgiar  bler, 
35   Cha  ductura  uun   es   niugüu 

Saiuza  fadia,   cuosts   e   starschiu. 

Scha  invüda  hast  in   tia  chk 
Non  'vair  buu   cour  e  rialta, 
Opür  scha  quel   nun   voul   aiutrar 
40   Schi   la  veistmainta  nun   scharpar. 

Scha  ün  secret  hast  in   teis  cour 
Pili  CO  cun  Im   nun   stoust  dir   our, 
Seh'  tu  disch   a  duas   schi   sau  eir  trais 
Intant   il  fat  vain   a  palais. 

45   Dal   Inf  sül   feld   non   desch 't  fidar 
Neir  del  jüdeu  cun   seis  jürar 
Main  la  conschienza  dad  ün  preir 
Perche  tuots  trais  't  ingianan  eir. 

N'  ha  invidar  ün   a  jantar 
50   Sun   stat  stupi   da  seis   tratar 

Scha  seis  butatsch  havess  suostgnü 
Las  maisas  vess'  el  travondü. 

Cur  hau  las  raürs  lur  carnaval? 
Cur  cha  '1  giat  dorma  o   ch'  el  ha   mal, 
55   La  servitüd   lur   spass  eir  fa 
Cur  cha  '1  patrun   es   or  da  cha. 


232  Volkslieder. 

147. 
(Annalas  VI,  Darin,  p.  40.) 

Una  cuorta  chauzviuetta 
Vainta  quia  fat  oiii* 
Incunter  als  Franzes 
Cha  possau  pur  craper 
5  La  repUblic, 

Ils  Franzes   sum  darcheu 
Gnis  gio  per  Eugiadina 
Rivats  sum  üna  not 
Han  gieu  da  sfurcler  brav 
10  0  bain  chi  dan! 

Crajeivan  da  claper 
Als  Salis   in   la  Punt 
Ma  eis   s'  hau   bain   falos 
Quels  quatter  Scravunos 
15  Viv'il  Davos! 

Eis  sum  its  inavauut 
Rivos   infiua  Schiauf 
Lo  per  ir  a  durmir 
Crajaud  dad  esser  sgürs 
20   Dals  Salis. 

Ils   Salis  sum  jous   sü 
Ai  gio  pels  munts  da  Zuoz 
In  terma  da  duas  uras 
Han  clapo   ils  Franzis 
25  Tuots  preschuners. 

Liitinent  Albertini 
Cuu   sia  bella  maniera 
Ho  cumaudo  ils  Franzis, 
L'  ho  clapo  preschuners 
30  Viv' Albertin ! 

L'  es  jeu  da  stüv  aiut 
Cun  sieu  chape  i  maun 
Ils   ho  chatos  allb 
Chi   eiran   be  alvos 
36   Chi  's  treivan  aiut. 


Volkslieder.  23:3 

L'  ho  giavüsclio   il   bmn   di 
Clin   sia   bella  inauiera 
L'  ho  dumandü   ils  Franzis 
Cha  's  rendau  pvescliuners 
40  Eir  tuot  subit. 

Eis  suu  reislos  fich  sraorts 
Siim  squasi  crudos  gio 
Ma  CO  iion  ha  gieu  uom 
Eis  han  stovieu  partir 
45  Eir  tuot  subit. 

Ils  Salis  sum  retrats 
lugio   iufiu   a  Gratz 
Causa  chia  '1  regiment 
Veiva  da  guir  disfat 
50   Del  Salis. 

Schi  nun   füss   sto  per   que 
Nun  giaivua  bricha  ingio 
Quels  quatter  scravuuos 
Vessau  tgnü   iuavos 
55  Be  SCO  ün  spass! 
Viva  r  Albertini ! 

148. 
Partenza  d'  ün  spus  da  sia  amanta. 

(Annalas  VI,  Dcrin,  p.  41/42.) 

Or  dal   cor  la  cumpaguia 
Vegn   pel  moud   pelegrinond 
Ma  qua  reist'  a  mai   fadia 
Cun   tristeza  vegn   scrivond. 

5   Hoz  m'  ais  arivä  'na  charta 
Quella  es  scritta  da  Paris 
E  Napoliun  am   scriva 
Cha  dumau   n'  ha  da  partir, 

La  mia   spada  n'  ha  giüzada 
10   Sün   dumau  per  la  purtar 
E  la  tschinta  es  preparada 
Süll   meis  döss   per  la  tschautar. 


234  Volkslieder. 


Duas  pistolas  sun  chargiadas 
Sün  daman   per  las   sbarar, 
15   Per  far  plaschair  a  mia  armada 
Ed  a  r  otra  contristar. 

Servitur  va  tu  iu  prescha 
E  preparam  il  cbava, 
Perche  eu  jara  a  manvagl 
20   Cur  salvainta  il   sulai. 

Eu  sa  bain  cba  mia  parteuza 
A  qualchüu   displaschara 
Schi   nun  es   üna  schi   es   V  otra 
Chi  per  mai  fich  cridarä. 

25   Char  marus  perche   am   laschast 
Üna  grazia  rov  a  tai 
Pos'  ün   ura  in  mia  bratscha 
Fin   chi  leva   il   sulai. 

Gnissast  a  murir  in   guerra 
30   Schi   chi  guiss   am  cufortar? 
Infin   taut  ch'  eu   sun   süu  terra 
Tai   uon   vegn   a  iuvlüdar. 

Eu  at  rov  o  chara  mia 
Tu  per  mai  neu  plondscher  plü, 
35   Quia  nun  jüda   malincouia 
Usche  voul  il  puut  d'  onur. 

Mia  armada   ais   sün   la  plaza 
Et  ais  temp   bod  da  partir 
Quia  non  jüda   sponder  larmas 
40   Largia  '1   frain   e  lascham   ir. 

Saiuta  CO  cha  'Is  tamburs  battau 
E  la  musica  va  avant 
E  r  armada  ais   sün  la  plaza 
Chi  s'  avauza  plü   inavant. 

45    Sainta  co  cha 'Is  chanuns  sbavan 
Qua  's  avanza  1'  inimili, 
La  battaglia  es  gia  tachada 
Et  eu   sun   a   saimper  qui. 


Volkslieder.  235 

Quai   cb'  eil  't  rov   o  char'  amia 
50   Tu  per  mai  dessast   urar 
Forsa  Dieu  a  tota  via 
Vain  teis  plouts  a  cusidrar. 

Vezast  pur  cha  '1  di  svanescha 
II  sulai  vain   a  partir 
55  E  tu  quia  sü  am  teguast 
Largia  '1  fraiu  e  lascbam  ir. 

Giä  la,  saira  es  arivada 
Et  es  temp  gnü  da  partir 
La  schüra  not  oss'  am  surpreuda 
60   AI  viadi  sto  am  reuder 
Va  iu  teis  let  a  reposar! 

149. 
Clianstin  davart  la  libertad. 
(Annalas  VI,  Darin,  p.  35—37.) 

Sii,   sü,   0  Svizers  e  Grischuus! 
Sü  tots   da  cumpagnia! 
Chantaiu   üiia  uova  chauzun 
AI  Segner  sün   quist  di. 

5   Sü   0  dileta  juventüm! 
Sü   tots  iu  cumpagnia! 
Cbautain   üna  nova  cbanzuu 
A  Dieu  per  sa  jüstia. 

Hoz   vaius  uo  bain  1'  ocasiuu 
10   üsche  d' aus   alegrar, 

Siglir  d'algrezia  e' us   teguer   buus 
Per  nossa  libertad. 

Avant  traischieut  auns   passads 
Nos  babuus  cbars  stovettau 
15   Per  aquistar  lur  libertad 
Sponder  sang  e  combatter. 

Ma  uus   per  causa  nos  pucbads 
Et  groudas   iugüstias 
La  libertad  vaius   inbürgia 
20  0  led  e  magunia! 


2m 


Volkslieder. 

Nel  an   setscliient  e  novaatot 
Per  causa  nos  puchads 
Ha  Dieu  vuglü  nos  char  pajais 
Cun  guerra  circondar. 

25  Ach,  che  trais  anns  cha  qiiels   sun    stats! 
Usche  dals  passantar, 
lugün  podeiva  plü  il  siou 
Dafatta  cumandar. 

Qua  vaiusa  viss  eir  inimihs 
30   Et  eir  alchüns  tirans 

Chi  'ns  han  laschats  inniiuchadi 
0  led,  dolur  e  plouts! 

Mo  '1  Segner  Dieu  omnipotaint 
Da  aus  slaschet  gnir  pchä, 
35  E  uossa  chara  libertad 
Ha  darche  turnantä. 

Dimena  chars  predicaturs 
11  nom  da  Dieu  ludai 
Cha  sainza  temma  dels  mondäne 
40   Seis  pled  predgiar  podai. 

Rovai  dimena  al  S.  Spiert 
Quel  as  vögla  mossar 
Cha  vo  possat  predgiar  indret 
A  r  Evangeli  char. 

45   Sü  0  marits  et  eir  muglers 
Cun   ils  vos  chars   iufauts 
Chantai  d'  algrezia  e  triunf 
E  siat  recognoschaints. 

Sü  verginas  eir  coii  dalet 
50  A  Dieu  dessat  lodar 

Servi  al   segner  cun   cor  s-chet 
Per  nossa  libertad. 

Chautain   bels  psalms   et  eir  canzuns 
A  Dieu  per  celebrar, 
55   Sigli  d' algrezia  et 's  tgnai  buus 
Las   vuschs   fat   strasunar. 


Volkslieder.  237 


Exaudans  Dieu  omnipotaiut 
Per  aiuuv  da  Jesus  Christ^ 
Stans  pro   o   Dieu   omnipotaiut 
60   0  tu  Salvader  jüst. 

Nun  's  chastiar  o  Segnar  cliar 
Aus  vöglast  perdunar 
E   nossa  chara  libcrtad 
Daveut  plü  uon   piglar. 

65  Ach  Segner  lascha  splendurir 
Tia  fatscha  sur  da  uus 
Et   eir  ans   vöglast  beuedir 
0  Segner  grazius. 

No  tai  rovain  Salvader  char 
70   Per  amur  d'  tia  paschiun 
Tu  ma  da  no  nun  at  retrar 
Mo  dans  tot  il  perdun. 

Piglia  sü  nos  ingrazianiaints 
Cha  no   at  podains  dar 
75  Tu  säst  cha  no  perfetamaing 
Indret  nun  podain  far. 

A  tai  sia  lod  ed  ingraziamaint 
0  Crist  nos  redentur 
A  tai  bap,  figl  e  Souch  Spiert 
80   Chautain   gloria  et  onur! 

150. 

(Annalas  XIV,  Vital,  p.  250—253.) 

Si  legramen  schuldause, 
Pur  siat  tapfers  brave, 
Nus  lain  tirar  davent, 
Nel  feld  lain  nus  campar. 

5  La  nossa  libertae 

Co  noss  vegl  pardavauts 
Hau   eir  in   pasch  giodaue 
Et  quai  eir  zond  blers  aus. 

Ils   noss  grands   inimis 
10   La  guerra  zuut  datscherte, 


238  Volkslieder. 

Da  tour  davent  eir  quella 
E  dar  a  nus  im  rai. 

Nus  Svizzers  e  Grischimse 
Lains  uossa  viagiar, 
15   Chia  lä  pudains   muntar, 
Schi  plascli'  a  Dien  da  cliar. 

Ils  Russers  qnels  eir  gnittau 
Con  granda  grimmatat, 
Da  manar  cun  eis  la  guerra 
20  Prender  la  libertat. 

Mo  nus  laius  cuu  curaschi 
Inconter  eis  sü  star, 
Scba  nus  duvrain  la  spada, 
Schi  veu  eis  schon  tschessar. 

25   Udit  uoss  chei  cauere 

Suis  schumbers  e  canunse, 
Chi  saintan  tiers  guerra 
E  pilg  a  nus  intuorn. 

Ma  nus  ans  lains  far  sü 

30  Et  lains  ans  partir  gio 

Las  nos  armadas  in  classas. 
0  Dieu,  siat  pur  cuu  nus! 
Nus  lains  uoss'ir  intuorn 
Et  Pietegot  eir  dare; 

35  Perche  nus  savains  brichia, 
Scha  nus  pudains  turnar. 
0  Pietegots,  meis  velgs, 
Quai  völg  bain  dir  da  cour. 
II  Segner  as  cuforta, 

40  Quai  völg  bain  giavüschar. 
A  ti,  mieu  frar  et  sore 
Vus  essas  giuveus  zonde, 
Vus  veits  ounc  uss  bucca, 
Ounc  anpruva  ilg  mund. 

45   Da  vus  prend  jeu  comgiaue, 
A  vus  dun  Pietegote: 
Viver  recomandaine 
A  vus,  mes  cars  velgiets. 


Volkslieder.  239 


A  VU8,  mes  cars  compougse 
50  lau  stossi  con  bragir 
Da  vus  eir  tour  cougia 
Et   in   la  guerra  ir. 

Ell  's  völg  da  cour  riigare 
Cliia  lais   perdunare, 
55   Sclia  eu   incunter  vus 
Vess  fat   eir  qualcbe   fal. 

0  Pietigot,  mattaus, 
Eug  sto  con  diplaschair 
Da  vus  eir  tour  comgia 
60   Et  forsa  mai  plii  vair. 

Vus  gnit  ün  toc  cun  uns; 
Scha  uus  vain  da  turnar, 
Schi  lain   eir  nus   a  vus 
Ün  bunaman  portar. 

65  Scba  nus  vein  bucca  plie 
Eir  da  turnar  ter  vus, 
Schi  saj'  il  Seguer  Jesus 
II  vos  perpetten  spus. 

Eug  sto   uoss'  in   la  fin 
70  As  dar  ün  Pietigot, 

A  tuots  parents,  vaschins, 
E  Iura  as  far  fort. 

Amis  a  tuots  insembel, 
Cumgia  eir  da  vus  prender 
75  Percbe  eu  sto  in  presch»! 
Ir  tiers  ilg  militar. 

L'  armad'  ais  schon  in  felde 
Ilg  lager  da  Turige 
E  spettan  sün  las  uouvas, 
80  Chi  vegna  1'  inimi. 

Cur  eis  sun  suis  confins, 
Schi  leins  nus  sü  alvar, 
E  Dieu  sia  pur  cun  nus, 
Schi  lains  bain  gudagnar. 


240  Volkslieder. 

85  Mo  scha  nus  intuoch  guissau 
Aint  ilg  nos  viagiare, 
Schi  vegniss   a  nus  tras   Christo 
A  nus  il  tschel  tschiuchiar. 


151. 
(Annalas  XIV,  Vital,  p.  230-231.) 

Scha  '1  Trenta  'vess  raaglio 
II  spiert  d'  la  vauited, 
Schi  grand   bain  'vess  el  fat 
A  tuot  1'  umauited. 

5  Perche  cur  quel  melnüz 
Süu  la  terra  gnit  co, 
La  liberted  svanit 
E  ^1  pover  füt  chalcho. 

Formet  la  nöbilted, 
10  Fet  guerr'  alla  radschuu, 
Stranglet  1'  egualited, 
Per  müder  la  chanzun. 

II  merit  non  füt  pü 

Ün  titel  i-etschercho, 

15   Cur  la  virtüd  stuvet 

Tar  l'hom  sbasser  il  cho, 

Per  plajer  suot  il  giuf 
Della  captivited 
Ün  spiert  eher  adüso 
20  Alla  simplicited, 

E  reverir  percib 
Con   ün   titel   d'  onur 
Ün  esan,  chi  ais  naschieu 
II  figl  d'  ün  grand  signur, 

25  Overo  quels  chi  sun 
Da  fortüua  colmos, 
Da  bazs,   cha  Dien  el  so 
Co  füttan  guadagnos. 

Quaist  muossa,  cha  nel  muond 
30  Ais  tuot  coufusiuu, 


Volkslieder.  241 

Cur  r  Lom  s'Iascha  condür 
Be  tres  1'  ambiziuu. 

Nel  temp  del  secul  d'  or 
Tuüt   vivaiva  coutaint, 
35   II   nom  ad  ogniün 

Eira  solum  contschaiut. 

Perque,   d'  inuonder  vain 
Tuot  quella  uöbilted? 
Nun  ais  Adam  il   bap 
40   Da  tuot  r  umanited  ? 

E  perche  uoss  babuns 
Nun  'vessan   üsito 
Quella  distincziun 
Ch'  hozindi   vain  duvro? 

45   Quels  titeis  da  patruu, 
Da  Giunker  e  Signur, 
D'  Illustrissem  suvenz 
In  tuotta  sa  splendur? 

Scha  tel  füss  sto  dal  tschel 
50  Fixo  per  il  destin, 

Schi  tschert,  cha  Dieu'  Is  'vess  fat 
D' Un  limun   bger  pü  tin; 

Acciö  cha  immiuchün 
Nun  s  'vess  podieu  faller 
55   Da 's  inservir  dal  nom, 
Ch'  el  'vaiva  da  duvrer. 

Ma  na,  na,  mieus  signuors, 
II  bap  celestiel 
S  ho  creos  similmaing 
60  AI  comün  eguel. 

II  merit  solum  fo 
Aduzer  traunter  nus 
In  rango,  dignited, 
Quel  ch'  ais  pü  virtuus. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  j  £' 


242  Volkslieder. 

152. 
(Anualas  XIV,  Vital,  p.  223—224.) 
Sta  a  Dieu,  marusa  chara, 
Eu  uossa  vegn  davent  da  tai; 
Eu  sun  qui  obliä 
Per  nossa  libertä. 
5  0  nöbla  liberta, 

0  chara,  dutscha  patria, 
0  chara.  libertä, 
Chi  hast  tut  da  nus  cumgiä. 
0  nobel,  char  pajais, 

10  Tu  meritaivast  il  prais, 
Eirast  in  tuotta  flur, 
Uossa  est  in  mandonur. 
Eu  at  dun  quaist  ane 
Per  segn  da  grand'  amur, 

15  Eu  met  sü  meis  chape, 

Sta  a  Dieu,  tu  il  meis  cour! 
Scha  tu  voust  ir  davent, 
Meis  cour  quel  sto  murir, 
Meis  cour  quel  sto  murir, 

20  In  terr'  ant  ura  ir. 

Va  a  Dieu,  il  meis  dalet, 
Vast  uossa  our  suot  meis  tet, 
Sta  a  DieU;,  il  meis  cu£fort, 
O  frizza  della  mort. 

25  Stat  a  Dieu,    il  meis  bap  char, 
Gharischma  mamma  mia, 
Va  a  Dieu,   il  meis  figl  char, 
Dieu  saja  ta  compagnia. 

Piglia,   Dieu,  tu  meis  infant, 
30  0  Segner,  in  teis  mans; 
Tras  spada  uon  laschar 
In  terra  gib  crodar. 

Eis  sun  passats  da  Bern, 
Sun  rivats  in  Lucern, 
35  Ma  qua  s'  hau  eis  fermats, 
Chi   ei  ran   scuffortats. 


Volkslieder,  O43 


II  uos  char  geueral 
Ha  tschautscliä  pleds  cordials, 
Ans  ha  baiu  iuformats 
40  E  zuond  fich  allegrats. 

Pur  giaiii  da  legrameut 
II  uos  char  regimont, 
Pur  giaiii   cou   anim  bun, 
Üieu  saja  nos  patruu. 


153. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  313.) 

Ed  ais  stat  darcheu  uouva  combatta 
Per  podair  mautegner  libra  la  patria, 
Ed   il  Suprem   per  defeusur 
Ha  miss  nos  geueral  Dufoui'. 

5  Viva  Dufour  e  si'  armada, 

Chi  ais  stat  tuot  baiu  preparada 
Dad  ir  aint  pel  chautun  Lucern 
E  s-chatschar  oura  quel  fos  guvern. 

Quels  da  lung  temp   nau  ins-chürits 
10  Per  causa  dels  fos  gesuits; 
Ma  uossa  sun  eis  tuot  alerta, 
Cha  'Is  gesuits  bau  stü  tour  perta. 

Schi   uossa,   raeis  chautun  Grischuu, 
T'  allegra  fich   e  't  tegna  bun, 
15  Cha  '1  Sonderbuud  quel  ais  sfriscblä 
E  Siegwart-Müller  ais  mütschä. 

Ed  ais  baiu  stat  granda  battaglia, 
Chi  ha  causa  granda  travaglia 
A  blers  da  noss  confederats; 
20  Ma  uossa  sun  eis  allegrats, 

Guarda,  co  cha  '1  Dieu  divin 
Ha  usche  bod  miss  termin, 
Ch'  el   ha  la  pasch   manä  in  Sviz 
E   s-chatschä  our  ils  gesuits. 


IG* 


244  Volkslieder, 

25  Uossa  dimena,   meis  Grischuns, 

Ans  allegrain  e  'us  tgnain  fich  buns, 
Cba  nus  escban  libers  dals  tiraus 
Cbi  'ns  ban  causats  da  spander  saug. 

E  v'  lain  rovar  per  buna  pasch, 
30  Cba  Dieu  mautegna  taut  'r  ils  frars, 
Cbi  uon  vegua  plü  occasiuus, 
Cbi  saja  da  trametter  battagliuus. 

154. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  314.) 

Nus  guin  qui  iucunter  cou  grand'  allegria, 
Per  podair  retscbaiver  quaista  compaguia, 
A  quels  cbi  eirau  da  quia  passats 
E  con  bleras  larmas  compaguats. 

5  Ma  siand  cba  '1  Segner  ba  gnü  seis  destin, 
Cb'  el  ba  in  cuort  temp  mauä  tuot  a  fiu, 
Scbabain  cba  uus  eiran  in  granda  sculozza, 
Stimand,   cba  las  bailas  ils  mness  alla  fossa; 

Perque  sti  dimena,  giuvens  e  giuventscbellas, 
10  Cbantaiu   e  fain  festa  con  las  lodinellas; 
Eir  quellas  svoulan  e  siglian  e  cbantau 
E  lodan  lur  Dieu  sainza  mai  gnir  stanglas. 

Scbi  uossa  dimena  ans  'lain  nus  far  sü, 
Compagnar  noss  scbarfscbützs  ün  toc  in  sü, 
15  Infiu  cba  nus  escban  aint  in  nos  comün, 
E  Iura  güvlera  tuot  la  giuventün. 

Uoss'  ans  allegrain  tuots  da  compagnia 
E  'lain  far  büman  con  grand'  allegria 
Ed  ans  'lain  allegrar,   cba  vus  sajat  rivats 
20   E  cba  'Is  gesuits  sun  tuots  fügiantats. 

155. 
(Annalas  XU,  Vital,  p.  311—312.) 

Lasebai  clingir  cbant  e  magöl, 
Cba  'Is  tuns  rebomban  fin  sün  tschel. 
La  liberta  tras  uniun, 
Legalita  ais  gnüd'  in   trun. 


Volkslieder.  245 


5   Dals  gesuits,  clii  siui  mütschats, 
Dals  pietists  ed  affilats, 
D'  eis,  cbi  armivan   ils  partits, 
Tuots  lur  uters  sim  uossa  sdrüts. 

El  corrumpaivan  ledscli'  e  dret 
10  Per  teguer  suot  il  spiert  e  pled; 
Bazs  austriacs  daivau  schluppets 
Ed  ils  Franzes  maligns  buns  pleds. 

Perquai,   o  güvla  nia  chauzun! 
Uoss'  ais  la  liberta  sül  truu 
15   Con  seis  celest  der  vestimaiut 
A  tuot  Europa  straglüscbaint. 

A  noss  guerriers  fat  pur  onur, 
Pustüt  a  general  Dufour; 
Ma  tu  ils  hast  electrizä 
20  Con  tia  forza  in  vardä. 

Üu  Deis  sulet  nus  adurain, 
Be  üua  patria  avain, 
Üna  güstia,  egual  dret 
E  libra  cretta,  liber  pled. 

25  Guarde  da  tscbel,  o  bap  etern, 
Illümna  nus  e  nos   guvern, 
Fa  'ns  esser  frars  pro  '1  baiu  comün, 
Units  pro  liberta  e  glüm. 

E  generus  compatriots 
30   'Laiu   perdunar  als   idiots, 

A  tuots  Orbits,   tuots  surmanats 
Ils  fain   dvantar  reacquistats. 

E  Iura,   scha  il  malcuvir 
Ils  potentats  fess  iutervgnir, 
35   Schi  tuots   per  ün   ed  üu   per  tuots, 
E  noss'  Elvezia  non  va  suot. 

Perquai   ans  dess  tuot  quai   svagliar 
Da  'ns  esser  svessa  per  cussgliar, 
Con   Dieu  ün  pövel  bain  units 
40  E  sainza  egoists  partits. 


246  Volkslieder. 

Rebomba,   güvla  ma  chauzuu ! 
Cou   ogui  brava  naziun 
Ais  la  victoria  in  vardä, 
Ais  Dieu  ed  ais  la  liberta! 

156. 

Chanzun  nova  cuntra  la  generala  superbia,  ehi  as  manifesta  in 

grond'  abundanza  nel  preschaint. 

As  po  chautjir  nella  melodia:  „L'  otra  saira  bacharia". 

(Annalas  VI,  Derin,  p.  64—67.) 

Stupefat  reist  eu  aquia 
L'  ciiors  del  raond  considerand 
In  che  esser  ch'  el  es  gieii 
Vegu   adüua  meditond. 

5   Veziond  quantas  müdedas 
Da   uos  autenats  inno, 
Chi  in  quel   sun   gnidas  dedas 
Sco  que'  cl6r  tuot  vair  as  po. 

L'  hümmiltad  quella  regnaiva 
10  La  virtüd  vair'  eir  sieu  sez, 
La  sinceritad  s'  chattaiva 
E  quaist  pü  uossa  nou  vez. 

Keligiun  pü  non  valla 
Stond  as  veza  poch  efet, 
15  La  pü  grouda  part  ais  malla 
Chi  ama  b^  van  dalet. 

Simulatiuu  corruotta 
Ho  piglo  il  suramaun 
Cba  's  fer  buus  eir  la  glieud  tuotta 
20  Tras  virtüd  da  quella  san. 

Tot  il  bain  far  ais  svanieu, 
La  superbgia  ho  piglo  lö 
Et  CO   '1   vizi   in   compaguia 
Fat   han  da  virtüd   ün  giö. 
25   Scha  ün  guarda  la  misergia 
Cha  'Is  pauvrets  in   chesa  han 
Ais'  bondanza  da  superbgia 
Ma  manguel  da  charn  et  pan. 


Volkslieder.  247 


Scha  guardaiu   alur  in  teista 
80  C^imanzand  il  plll  süsom 
Cleramaing  as  manifosta 
Cba  superbgia  port  il  pom. 

Guard^  quantas  mattas  beilas 
Chi   as   vcza  iiel  cli  d'  boz, 
35   Cul  culöz  piain  d'  marinellas 
E  vstieus  alvs  cun  ün  bei  boz. 

Quaist  ais  auncha  la  plü  bella 
Cba  suveuz  Uu  as   mincbuua 
Per  cugnoscber  la  fautscbella 
40  Neir  plü  oiir  da  la  patruna, 

Neir  la  giuvna  opulenta 
Cbi  avuond'   bo  mincba  di 
Our  da  quella  cbi   polenta 
Scbiarsamaing  ba  per  mezdi. 

45   Cbars  amibs  's  cnssagl  aquia 
Scba  vulais  as  maridar 
Nou  's  inamure  del  vstieu 
Ma  sün  cbi  tuocb  il  purter. 

S'  inf norme  della  persuna 
50   Scba  non   v'  lais  as  irügler, 
Scba  la  sai  da  chesa  buua 
U  figla  del  cbuder^r. 

Scba  vzais  bgeras  paupiglottas 
Non  's  iuaraure  stin  tuot 
55   Ma  gnarde  cba  non   sai  scbottas 
Opür  sdratscba  nels  pans  suot. 

Percbe  be  sco  las  Signuras 
Sun   in  cas  d'  as  fiter   sü 
Percbe  vus  as  inamuras 
60   Cba  sainza  non   poun   ster  plü. 

Eng  cusailg  cun   sincerited 
Meis  cbiers  amibs  ad   ogniün 
Da  trer  pü  zieva  la  bunted 
Dal  buu  arost  co  dal  bger  füin. 


248  Volkslieder. 

65  Et  s'  impissfe  cha  vanited 
A  vus  nun  purterö  bger  nüz 
Pü  valaregia  1'  ümilted 
Co  üna  chesa  plaina  d'  chüz. 

Schivi  da  que  ch'  ingün  's  intria 
70   Ch'  ais  im  proverbi  miss  in  scrit 
Superbgia  vo  be  anz  co  la  ruina 
Et  cuostaregia  ün  graud  fit. 

A  Dieu  superbgia  es  displaschaivla 
Et  qu^  iu  general  da  tuot 
75  Ma  auncha  plü  e  'la  sgrischaivla 
Tiers  chi,   chi  non  possed  inguot. 

Ma  1'  ümilted  ais  tanta  bella 
Chi  la  posseda  ais  beo, 

Sco  quel  nel  muond  ch'  ais  gnü  con  quella 
80  Zuond  cleraraaing  aus  ho  mussö, 

Cha  qu6  saregia  ün  bun  exaimpel, 
Chi  purtaro  eir  ün  grand  früt 
AI  Spiritus  et  eir  al  saimpel, 
Saron  stimos  d'  havair  virtüd. 

85  Et  s'  impisse  d'  quella  sentenza 
Cha  chi  's  adoz  'vaiu  abasso 
Et  pigle  quella  a  preferenza 
Quel  chi  's  abatta  vaiu  duzö! 

Perche  superbgia  e  van  dalet 
90   Quels  vegnan  bod  a  passar  via 
Alura  tuot  in  ün   diudet 
Ans  reista  b6  gronda  fadia. 

Ma  quel  chi  viv'  iu  hümilted 
Ho   in   sia   orma  ün   vair  pos 
95  Et  alla  fin  1'  eternitet 
In  cumpagnia  dels  beos. 

Ach  schi  fe  uossa  quella  tscherna 
Sco   que  chi  disch  quaista  chanzuu 
Schi  gnis  a  vair  algrezch'  eterna 
100  Et  a  schivir  1'  aflicziuu,   — 


Volkslieder.  249 

Quel  chi  fet  quaista  poesia 
Ais  da  poch   i  our^dal  paiais 
Nou  vulais  fer  per  cusailg  sieu 
Schi  f^  be  sco  cha  vus  vulais! 


157. 

Aplicatiun  sün  1'  antecedenta  chanzun. 

(Annalas  VI,  Deriu,  p.  G7— 72.) 

Stupefat  reist  eu  aquia 
Supra  ma  prüma  chanzun 
Da  stovair  am  der  fadia 
Et  fer  quaista  aplicatiun. 

5  Per  fer  a  savair  a  quellas 
Sco  chi  'm  ais  sto  requiutö 
Cha  sean  gnüdas  rebellas 

Vers  il   seus  da  mai  tratto. 

Tuot  1'  intera  Engiadina 
10   Ho  ludo  la  mia  chanzun, 
Ma  in  Craista  o  Schlarigna 
Ocho,  nouv  da  quellas  sun, 

Chi  cols  giests  e  con  la  buocha 
Han  d'  havair  fat  a  savair 
15  Cha  quai  seuso  las  pertuocha 
Et  cha  quai  las  sto  dolair. 

Eug  non  voless  tschert  in  vardet 
Cha  fuss  sto  da  contradir 
In  ün  lö  da  pieted 
20   Sco  ch'  eug  d'  hfe'  sentieu  dir. 

Siand  qiiell'  eira  üna  masdiua 
Componida  per  il  mel 
Per  1'  intera  Engiadina 
Da  Puntauta  iufin  a  Segl. 

25   Sün  spranza  cha  quella  saia 
Fatta  per  guarir  il  mel 
II  quel  melavita  craia 
Havains  tuots  in  generei. 


250  Volkslieder. 

Fin  cha  tela  malatia 
30  Our  da  uus  quella  nou  vaiu 
Non  podains  plaschair  a  Dieu 
Et  neir  alla  glieud  da  bain. 

Mas  cheras  mattas  da  Schlarigua 
S'  poss  dir  eil'  eu  nou  'vess  ma  cret 
35   Chi  vess  podieu  tel  masdina 
In  vus  prodüer  tant  poch  efet. 

Anzi  tuot  a  1'  iucontrari 
II  vos  mel  ho  pegiorb 
Fand  vaira  cha  pü  necessari 
40  Saia  ad  agradir  il  pcho, 

Et  fer  beffa  d'  ün  chi  prova 
Tiers  il  bain  da  sugerir, 
Per  tiers  ün  otra  vita  nouva 
Gnissas  bain  eir  as  convertir. 

45  Pü  non  as  serva  der  fadia 
Neir  iugün   sugerimaint 
A  scodün   chi  ais  naschieu 
Et  vuol  morir  eir  ignoraint. 

Quaist  der  vezain  our  d'  ün  exaimpel 
50  See  eh'  eu  d'  he'  sentieu  a  dir 
Cha  infina  aint  il  taimpel 
Suvenz  as  vezan  ad  a  rir. 

Scha  dimeua  il  pled  del  Segner 
Cnu   arir   vain   eir  spretschö 
55   Schi  auncha  main  as  po   sustegner 
Qufe  cha  '1   dotur  ho  ordino. 

Schi  couserve  pur  vossas  taras 
Sco  chi  bain  plescha  a  voss  cours. 
Schi  sco  las  juvintschellas  narras 
60  Gniros  eir  vus  sarredas  our, 

Vus  clamaros  dschand:  Seguer,  Segner 
Laschans   intrer  aint  eir  a  nus 
Ma  el  vain  1'  üsch  sero  a  tegner 
E   disch   eu  non  coguosch   a  vus. 


Volkslieder.  251 


65  Ma  baiu  felices  sarau  quell as 
Chi  haun   a  terap  1'  öli  pinö 
E  SCO  las  sabgias  juviutschellas 
Spar  r  lisch  il  spus  hauu  aspetto. 

Quellas  lur  cun  grond  alegria 
70   Aiut   iu   la  chambra  aintrararu 
Et  con  il  Spus  in   compagnia 
Etern'  algretia  giodaraii. 

Schi  meis  cussaigl  aunch  üna  gieda 
Scha  que  güdess  vuless  eu  der 
75  A  tuotta  cumpagnia  ameda 

A  temp  spar  1'  üsch  d'  ans  preparer. 

Cun  la  provisiuu  del   öli 
Cha  el  retschercha  ta  tuots  uus 
Perchö  non  vegnans   con   cordöli 
80   Chatsches  davent  da  nos  eher  spus, 

Ach  non  savains  quaut  cha  qu^  dura 
Fina  cha  '1   spus  quel  vain   a  gnir, 
Ne  vains  neir  üua  süjertet  sgüra 
Quel  hura  cha  vains  da  murir. 

85   Schi   cheras  mattas  fe  da  scortas 
Craje  seh'  as  podessat  guarder 
Be  sessaunt'  uras  davo  mortas 
Schi  gnissat  sgür  as  irrügler. 

D'  bavair  tant  temp  mal  impondieu 
90   Et  cun  superbia  da  vestir 

A  que  trid  chüerp  mel  savurieu 
Chi  vo  in   terra  as  marschir. 

Et  quaist  aus  stuvess  esser  norma 
Da  bauduner  superbgia  e  mel 
95  Et  da  chercher  da  stir  uoss'  orma 
Chi  ais  chosa  immortela. 

Scha  non   savais  da  che   sort  d'  vstieu 
Cha  quella  vains  dad'  ifiter 
Leg^  pur  bger  il   pled  da  Dieu 
100  Sehi   quel  vain  tuot   as  amusser. 


252  Volkslieder. 


0  scbi  laschains  no  tuots  iusembel 
Dad  üna  vart  la  vauited 
Guidains  la  barcba  cun  quel  rerabel 
Cbi  'as  maiiia  tiers  1'  eternitet. 

105  Chi  ais  eternitet  beeda 
Inua  chatarons  il  spus, 
Chi  ho  la  chambra  prepareda 
Scha  fajns  sa  vögla  eir  per  nus. 

0  schi  faiu  tuots  la  vögla  sia 
1 L  0  II  chh  s'  asgür  chi  nun  ais  greiv 
Et  cur  cha  uus  spartius  da  quia 
Et  cha  morins  ans  sarö  leiv. 

He  bain  stimä  d'  metter  in  peuna 
Eir  quaistJ^  mia  aplicatiun 
115  Per  vair  schi  saja  darcho  da  memraa 
0  forsa  cunter  la  raschun. 

Eir  r  otra  chi  eira  vardaivla 
Fatta  per  tuots  in  generei 
L'  ais  steda  bain  perb  nuschaivla 
120  Tiers  chi  chi  vaiva  il  pü  grond  mel. 

Perb  speresch  cha  quaista  saia 
Ün  buu  remeidi  per  il  tuet 
Almain  a  quel  chi  in  Dieu  craia 
Et  chi  eir  1'  ama  supra  tuet. 

125  Eug  chi  he  fat  las  poesias 
Confess  dad  esser  stb  chargio 
Con  las  pü  grandas  malatias 
Et  lönch  vivieu  in  il  pcho. 

Ma  am  chataud  in  stedi  tel 
140  Et  am  sentind  granden  dolur 

Schi  per  gnir  liber  da  mieu  mel 
Sun  recurieu  tar  il  dotur. 

11  quel  m'  ho  do  üna  masdiua 
Chi  m'  ho  vout  tuotta  raa  natura 
135   Fond   vair  cha  quella  sai  'infina 
Cha  qua  la  mia  vita  dura.    — 


Volkslieder.  253 


Et  spranza  fatsch'  anz  ce  ch'  eu  moura 
Cba   vussas   svessa   stöglat  dir 
In   veziand  mia  buua  ouvra 
140   Cha  quella  m'  ho  podieu  guarir. 

II  quel  dotur  cha  h^  agieu 
Vögl  eir  a  vus  manifester 
Ais  sto  legiand  il  pled  la  Dieu 
Chi  m'  ho  pudieu  bain  resaner. 

14B   0  schi  cherchaiu  tuots  quia  rimeidi 
Percbe  cba  quel  es  ponderus 
E  recuriu  tiers  quel  grand  meidi 
Chi  a  la  mort  ais  jeu  per  uns. 

Quel  vain  tuet  nossas  malatias 
150  Tras  sia  vertüd  a  reraedgier 

lutauDt  cba  uus  las  plaias  sias 
Gaian  col  cour  a  cuntempler. 

Eir  il  pti  et  illümino 
Apostel  Paulo  dels  pajauus 
155   Ha  lönch  vivieu   in   il  pcbö 

Et  eir  in  gronds  surpassamaiuts; 

Alur  udiut  la  vusch  da  Dieu 
Chi  gio  dal  tschel  il  ha  clamb 
Ais  el  bain  bod  sto  convertieu 
160  Et  ais  rivö  fin  a  quel  grh.  — 

Siand  da  tela  eficatia 
Tia  vusch  da  pudair  convertir 
0  Seigner  schi  fans  quella  gratia 
Tieu  pled  cuu  dalet  da  dudir, 

165  Et  fer  seguond  ch'  el  ans  dictescha 
Alur  containts  ans  tschantaraus 
E  pü  cha  il  nos  zeli  crescha 
Et  pü  dalet  cha  d'  havarans. 


254  Volkslieder. 

158. 
(Fliigi,  Volkslieder,  p.  68—70.) 

Ai  mo,  la  figlia  dalla  muliuera 

Ais  saimper  steda  ma  marusa  chera. 

E  cur  cha  giaiva  par  la  dumander, 
Schi  vaivl'  adüna  qualcbiosa  da  fer. 

5   E  cur  cha  giaiva  vi  par  la  raspoasta, 
Schi  vaivl'  adüra  baiu  saro  la  porta. 

„Marusa  chera,  ve  be  our  da  porta, 
E  dorn  a  me  üna  buua  raspoasta." 

„Or  süu  ma  porta  cha  poss  bain  river, 
10  Ma  madinä  cha  num  voelg  marider. 

Tu  dist  adüna,  ch'  eu  uu  saia  uetta; 
Nun  he  er  saira  lavö  la  planetta? 

Tu  dist  adüna,  ch'  eu  nu  fatsch  ünguotta; 
Nun  he  er  saira  cuschinö  la  giuotta? 

15  Tu  dist  adüna,  ch'  eu  nu  saja  davaglia; 
Nun  he  er  saira  lavö  la  tuaglia? 

Schi  uossa  vo  tu  pur  eir  par  tas  vias, 

E  scha  survengst,    schi  drizzat  cumpagnia." 


159. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  04— G6.) 

„0  chera,  o  bella!  eu  vuless  baiu  ir  tiers  vus 
Quista  saira  ün   po  tard, 
A  tschantschar  duos  pleds  cuu  vus."   — 
—   „0  mia  Sar,  vus  bei  e  eher, 
5  Eu  s'  völg  bain  paraviser, 
Cha  davous  ma  porta 
Sto  adüna  ün  homet  velg, 
Chi  pera  be  cha  '1  dorma, 
Ma  1'  ho  aviert  ün  ölg." 

10    „0  chera,  o   bella  eu  vuless  bain   ir   tiers  vus 
Quista  saira  ün  po  pü  tard 
A  tschantscher  duos  pleds  cuu  vus."   — 


Volkslieder.  255 

—  „0  Sar,  VHS  bei  e  eher,, 
Eu  s'  völg  bain  paraviser 

15  Cha  sü  pai"  mieu  lisch  d'  stüva 
Lo  eisa  sett  schlupetts, 
Ed   in  üu  cha  tuchais, 
Schi'  s  sbarane  tuots  sett."    — 

0  chera  o  bella!   eu  vuless  bain   ir  tiers  vus 
20  Quaista  saira  arao  pü  tard 

A  tschantschar  duos  pleds  cuu  vus."   — 

—  „0  Sar,  vus  bei  e  eher, 
Eu  s'  vö  bain  paraviser 

Cha  sü  par  mieu  üscb  d'  chambra 
25  Lo  eisa  sett  pistolas, 
In  üna  cha  tuchais 
Tuottas  sett  cuuter  vus  volvais."   — 

0  chera,  o  bella,  eu  vez  cha  tuot  stravia; 
Schi  pigliaro  mieu  gierl, 
30   E  giaro  a  chesa  mia. 


160. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  70—72.) 

Ad  eis  gnieu  giß  la  greva 
Ed  ho  schgiüzzo  la  fotsch, 
Imminchia  fotschiglieda 
Voul  eir  üna  giüzzeda. 

5  Miu  marus  ais  ün  giuven  pussaiut, 

El  ais  patrun  dell'  ova  e  sarvitur  del  vent. 

Mia  marus  ais  ün  fich  bei  giuvuet, 

L'  ais  zop  e  gob,   e  strozchia  il  pe  dret. 

Del  rest  füss  el  tuot  saun  da  sia  vitta, 
10  Mo'  1  guarda  guersch  our  sur  la  spedla  dretta. 

II  mieu  marus,  quel  m'  ho  scrit  üna  letra: 
Cha  el  niim  voul,   cha  sum  memma  povretta. 

Ed  eu  r  he  scrit  aunchia  üna  pü  isaleda: 
Cha  '1  giaia  as  fer  arder,  clia  sun  marideda. 


256  Volkslieder. 


161. 
(Flugi,  Volkslieder,  p.  66—68.) 

Eu  am  dum  tscbientmilli  buonders, 
Cu  cha  '1  muoud  po  pü  dürer, 
Ün  hom  velg  dad  uchaint'  ans 
Vo  tscherchand  da  's  marider. 

5  El  giaiva  gio  par  la  via 
Cun  ils  mats  da  cumpagnia, 
Inscuntrer  cha  '1  inscuntraiva 
A  Susanna,  bella  matta. 

„A  Dieu,  Giunfra  Susanna, 
10  Voust  tu  esser  ma  marusa? 
Scha  tu  voust  esser  ma  marusa 
Schi  't  voelg  der  üna  bella  doatta." 

Di,  o  di,  o  di,  tu  velg, 
Di,  che  duotta  tu  'm  voust  der, 
15  Schi  scharö  eir  eu  dalungia, 
Schi  0  na  scha  't  vö  pigler." 

Eu  d'  he  üna  scodella  ruotta, 
Ed  una  chevretta  zoppa. 
Ach  schi  di,   Giunfra  Susanna, 
20  Scha  nun  he  üna  bella  dotta? 

Eu  d'  he  quatter  faschols  coats, 
E  nun  he  laina  da  ^Is  s^hiuder 
Ach  schi  di,  Giunfra  Susanna, 
Scha  nun  he  ün  bei  gianter? 

25  Eu  d'  he  quatter  brocs  da  painch, 
Ed  ünguotta  aluaint, 
Ach,   schi  di  Giunfra  Susanna 
Scha  nu  poss  bod  siuer  aint? 

Eu  d'  he  üna  padella  ruotta, 
30  Ed  üna  da  cumader. 

Ach,   schi  di,  Giunfra  Susanna 
Scha  nu  pos  am  marider? 


Volkslieder.  257 

Eu  (V  hc  Ulla  ciivria  ruotta, 
E  la  pell   dad  ün   buochet, 
35  Ach,  schi  di,   Giunfra  Susauna, 
Scha  nun  he  eir  ün  buu  let?" 

„Vo,   0  vo,   0  vo,  tu  velg, 
Vo  Clin   tia  barba  grischa."    — 
„0   schi  vo,   Giuufra  Susauna, 
40   Cun  tias   pUlaschs   in   chiamischa." 

162. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  321.) 

Id   eis  gnü  gio   üu  zop  dall   lugiadiua, 
Per  lair  tour  sü   marusa  par   adüna. 
Hei!   par  adüna  non  hau   eis  vuoglü  dar, 
E  r  otra  chamma  1'  bau   pudü   sfrachar. 

5    „Hei!   malavitta!  meis  scussal  ais  ruot; 
Ma  amo  plü  fich,   cha  meis  marus  ais  zop. 
Sün  meis  scussal  poss  metter  üua  pezza, 
Ma  meis  marus  da  quel  nun  he  algrezchia."   — 

„Oli,    ola!   co'  m  ais   quai  id   a  man! 
10  Pers  la  marusa  e  chattä'  1  büman. 

Mo  il  büman,  quel  nu  less  dir  ünguotta; 
Mo  la  marusa,  quella  vala  tuotta.-' 

163. 
(Romanische  Studien  I,  Flugi,  p.  331/332.) 

Un   di  scu  hoz   me  pü  in  tuot  ma  vita, 
Sül  di  da  nozas  :|:  padrins  e  madrütscha. 

Mo  vus  chambrers  tres'  üu  po  d'  üna  vart, 
E  lascht  gnir  aiut  la  duouna  da  part. 

5  E  tu,   chambrera,   chi  est  la  plü  figna, 
Vo  sün  crapeuda  e  piglia  gio  la  chüuna. 

„Invia  eis  il  Sar  spus,  cha  nu  '1  ais  aco?" 
„L'  ais  sün  crapenda  aint  il  stram  zupö." 

„Schi  gi^  sü  tuots  cun  bella  tschera, 
10  E  dsche'  ch'  al  vegna  gio  a  fer  aint  la  lichera. 

Komanisclie  Forschungen  XXVII.  1  7 


258  Volkslieder. 

E   vus  chambrers,   fe   eir   vus   bnraa  prova, 
Lasclie  vanzer  ün   jjo  vin   da  paglioula." 

Ed   auut  cu  tuot   eira  finia 
Ün  bei  mat  eis  sto  naschia. 

15   „Vus  nozaduors  varos  la  bunted, 

Quist  mia  figliet  da  giüder  batagier." 

„E  cu  vainsa  da  '1  metter  nom?" 

„Seil  sia  bapseguer,  ch'  ais  ün  galantem." 

164. 
(Annalas  XIII,  Vital,  p.  207.) 

Ramoschaus, 
Figls  da  cbans, 
Figls  da  chognas, 
Tridas  carognas. 
5   Sün  bos-cha  grischa 
Sainza  chaniischa, 
Vi  'n   val  torta 
La  vach'  es  morta, 
Ils  corvs  magliaivan, 
10  Ils  da  Ramosch  clamaivan: 

Lasehai  ün  ,pa  eir  a  no,  cha  no  crappain  tots  d'  fom. 

165. 
(Annalaa  XII,  Vital,  300—301.) 

La  malondraivla  glieut  da  Tschlin 
Get  gio  Plaii  a  baiver  vin. 

Bavettan  qua  be  sco  'Is  purschlins 
Ein  chi  restettan  pro  'Is  butschins. 

5  La  malondraivla  glieiid  da  Plan 
Sun  gnüts  sü  Tschlin  a  ruojer  pau. 

Eu  ha  'nvidä  pllis  a  giantar, 

Eu  'vess  fat  meider  da  'Is  laschar. 

La  mais'  avessan  travus  aint, 
10  Scha  lur  butatsch  avess  tgnü  aint. 

Qua  cumanzettan  al  a'  s  dar, 
Chi  eir'  ün  sgrisch  be  a  guardar. 


Volkslieder.  259 

Per  metter  pasch  gnit  il  plavan, 
Las  costas  plaiuas  a  quel   dan. 

15  Qua  gnit  clamä.'   il  Sar  Mastral, 
E  quel  coppet  varquants  cul   pal. 

Fiuid'  ais  uossa  ma  cbauzun, 
E   chi   cbi  crid'  ais  üu  minchun. 

166. 
(Annalas  XII,  Vital,  p.  30G/7). 

Una  cbauzuu   in  quaist  momaint 
Am  vain  a  me  avaunt, 
Chi  podess  gnir  cLauteda 
Da  tuet  quista  brajeda, 
5   Ch'  avains  noss  cours  coutaints. 

Nus  intuoru  la  taglioula  giains 
Liangias  per  zapper; 
Ma  'vaius  eir  buna  spraunza 
E  sün  quella  vivainsa 
10  De  las  podair  sager. 

II  prüm   volains  nus  cumanzer 
Qualcbos'  a  discurir 
Qui  da  uossa  Duouna  Anna, 
Cbi  vo  via  alla  lamma 
15  Liangias  cou  Her. 

Qualcbosa  dschains  traunter  da  nus 
Eir  da  Duouna  Anna  Dusch, 
Cbi  ais  infatscbendeda 
Cun  tuot  quista  brajeda; 
20  Quel  CO  vzains  bain   er  nus. 

A  Giunfra  Mengia,   cbi  sto  co 
Be  a  'ns  guarder  suis  mauns, 
Volains  nus  giavüscber 
Da  "s  volver  e  lascher, 
25   Cha  vezzans  sias  arains 

Giunfra  Nuttina  Barbla  co 
Lai  serius'  as  fo 

17* 


260  Volkslieder. 

Be  per  melauconia, 
Cha  non  la  dun  la  sia; 
30   Ma  uossa  sun   eau  co. 

Maister  Gudaios  savains  eir  nus 
Co  ch'  el  ais  serius  : 
Pero   in  compagnias 
Disch  eir  el  las  sias, 
35   Pustüt  cur  r  ais  cun   uns. 

Oive,  oive,   che  cha  vez  c6 
Güst  uoss'  a  capiter: 
Nossa  Giunfra   Sandriua 
Con   sa  cuorta  chammina 
40   Vain  a  'ns  güder  zapper. 

Ma  uossa  gni  pur  qui  nö  tuots,  ' 

Cha  stögl  as  requiuter: 
Ingrazchain  tuots  perüna 
A  Dieu  ob  con  Chatrina 
45  Chi  l'ho  glivro  dad  iugrascher. 

Perche  avair  da  cuorrer  cö 
Da  s-chela  sü  e  gio 
Con  quella  chamma  noscba, 
Que  ais   'na  povra  chosa; 
50   Mo  uoss'  ho  'la  glivro. 

Ün  tschert  poet  avains  eir  ch, 
Chi  uossa  vain  almain: 
Perche  per  grand  fadia 
II  palat  secha  via, 
55   Da  baiver  scha  nu'  1  dauu. 

167. 
[f.   1*1    Cordiela   Condolenza  sopra  la  bieda  nioart  del  noebel  juven   Sigr- 
id umbrainPol,  nil42  an  da  sia  aetedlhoal  Segner  clamo  al  ooelestiel 
pofs   da   quaista    vitta   temporela    in  laeterna    et   bieda    vitta   in 
lanno  1746   adj  2  Novembris.     Schaunta   in  la   noata:  In  il    paiais 

vers  loccidaint. 

0  che  grand   plannt,  cordoeli   taunt, 
Cha  nus  havaius  a  quia 
Da  d'  üna  chaera  noebla  flur, 
China  ais  alveda  via. 


Volkslieder.  261 


[f.  Ib]  ist  leer. 

[f.  2*]       5  Siaucl   Dieu  bo  da  uus  piglio 
Ün  juveu  chier  amo; 
Üu  prudaiut  cour,  na  chera  flur 
Ho  Dieu  da  nus  alvo. 

Clamo  in   cel  im   cour  fidel, 
10  AI  Sigr.  Lumbrain  Pol, 

La  grazchia  ais  steda  fata  ad  el, 
AI  muer  tar  als  beos. 

Na  richia  spufsa  ais  ad  ol 
Da   Dieu  in  cel  piuo, 
15  La  quel'  il  Segner  Jesus  Christus 
AI  vaiv'  ordino. 

Zuond  baiu  musso  era  '1  trat  sü 
In  buna  disciplina, 
Hol  piglio  tiers  in  grati'  et  spiert 
20  Et  in  virtüd  scodüna. 

[f.   2'']  El   ho   imprains  in   scolas  bain 

Rumauusch,   Tutaisch,  Latin, 
Bain   profito,   inu  lais   sto, 
Bain  vuglieu  da  scodün. 

25   Da  juven  insii  pü  vi  et  pü 
Sia  dalet,   chel  havaiv' 
In   marchanzia  et  nogozcher, 
Cun  honur  guadagnaivel. 

El   vaiva  zel   da  drük   il   mel, 
30   Administrer  justia, 

L'  amaiva  il  bain   in  generei 
Da  nus  da  Bever  quia. 

Nil  taimpel  bei  chantaivel  el 
AI  lod  da  Dieu  Otifsem, 
35  Huofsa  do  '1  lod  al  Sebaoth 
Culs  aungel[s]  et  beos. 

[f.  3*]  Als  taunt  d'  Avuost  el  ieu  davent 

Da  sia  chiera  brajeda. 


262  Volkslieder. 

Incrasautüna  chel  havaiva 
40   Da  dels  qiiela  gieda. 

A  Franckfurt  eir  el  arivo, 
Per  fer  que  ch'  il  premaiva, 
Subit  1  ho  1  Segner  visito 
Cun  malatia  mortela. 

45   Daveud  da  lo  so  el  partieu, 
Per  gnir  incunter  chiesa, 
Et  que  CUD  brama  per  river 
Tar  sia  noebla  brajeda, 

A  Coira  alle  el  arivo 
50  Ma  con  granda  fadia, 
Subit  alo  s  'hol  afarmo, 
Craschieu  la  malatia. 

[f.  3*>]  Subit  el  nun  ho  intardo 

Da  lascher  a  savair, 
55   Cun  scriver  aiut  al  pü  sumgiaunt, 
Ch'  el  vefs  dalet  dals  vair. 

Subit  nun  ho  brich  intardo 
Sa  Sigra  quineda 

Per  grand  amur,  ch'  el  al  purtaiva, 
60  D  'as  mettar  in  streda. 

0  che  grand  plannt,  qui  aint  d'  intaunt 
Ch'  als  seis  ha  un  fat  a  quia, 
Principelmaing  sa  chera  sour, 
La  Sigra  Maria. 

65  0  che  grand  plannt,  cogio  d'  intaunt 
Ch'  al  Sigr  frer  faro, 
Cur  quella  nova  in  Amsterdam 
Ad  el  arivaro. 

[f.  4*]  0  che  dalet,  cha  lais  dandet 

70  Ad  el  alvo  zuoud  via, 

AI  vaiva  uoma  que  sul  frer 
Süt  muond  in  compagnia. 


Volkslieder.  263 

Eau   voelg   tasfchair,    nun    voelg   tschantscher 
Pü  da  quaist   fatt  a  quia, 
75   Che  graud  dolur,   cha  dun   eir  als 
Sgrs  quinos  aquia. 

Ad  aun  per  cert  gieu  par  el 
Granda  dolur  fadia, 
Principelmaing  als  Sigr.  uefs, 
80  Sigras  netzas  quia, 

Sco  eir  als  sieus  Sigrs  cusdrins 
Da  Samedan  a  quia 
Granda  dolur  Laun  gieu  par  el, 
Nul  vair  in  compagnia. 

[f.   4'']       85   Sco   eir  sa  Sigra  quineda 
Nun   ho  brichia  manchio, 
Subit  dal  fer  purter  a  chesa 
Cun  houur  a  co. 

Cun  granda  braiüa  ais  el   rivo, 
90   Et  aint  in  chesa  sia, 

Cun  ingrazcher  el  a  sieu  Segner, 
Ch'  il   vai  va  mno  quia. 

In  let  poch  temp  ais  el  baiu  sto 
Aco  cum  malatia, 
95   L'eira  pazchaint  que  da  purter, 
El  ingrazchaiva  Dieu, 

Ch'  il   vaiva  fat  ad   el   sul  muond 
Eir  una  granda  grazchia, 
Da  pudair  gnir  a  co  a  morir 
100   In   sia  chesa  patria. 

[f.   5*]  Ste  dia  mieus  chers!   singrazcha  tuots 

A  fats  in  generei 
Da  la  fadia,  cha   vais  piglio. 
Da  gnir  am  visiter. 

105   Als   davous  pleds,   ch'  al   ho  eir  el 
Aint   in   quaist  muond  tschantscho, 
Per   olandais  da  dot  ho  '1   dit, 
AI  Segner  ais  rivo. 


264  Volkslieder. 

Als  auugels,  co  sun  stos  per  el, 
110  Sia  oarma  da  piglier, 
lu  la  nova  Jerusalem 
Quela  da  transpurter. 

Lais  cun  larmer  et  cun  crider 
In   sieii  repofs  purto^ 
115  Cuu  crauus  et  fluors  da  tuota  soart, 
Clin  bonnr  cumpaguio. 

[f.   ö**]  La  juventüna  cun  dolor 

In  terr'  al  corapaguaiven, 
A  nun   havair  pü  quela  flur, 
120  Chi  'Is  eir'   alegraivla. 

Gaiven  plandscband,  gaiven  cridant 
Lur  noebla  compagnia, 
Cba  '1  Segner  vaiva  alvo  davend 
Our  da  lur  oelgs  aquia. 

125  Paun  bain  crider  et  suspirer 
Par  una  nöbla  flur, 
Chi  bo  lascho  davous  ad  eis 
Zuond  una  grand'  bonur. 

Cun  giavüscber  et  suplicher 
130  A  tuots  la  castited, 

Da  pudair  vair  et  eir  giodair 
AI  poss  coelestiel. 

[f.   6*]  L'eira  Una  bonur  et  üna  flur 

Cun  tuots,   cbi  al  pratcbaiven, 
135  El  vaiva  zuond  ün  fidel  cour 
Et  eira  buntadaivel. 

Mo  eau  singrazcb  a  tuots  a  fat, 
Ma  cbiera  juventüna, 
Da  la  fadia,  cba  vais  piglio 
140  0  eir  vers  me  adüna. 

Acb,   cun  dolur  lur  cbera  flur 
Fingio  a  sepulir, 
0  zarta  flur,  o  juveu  cour 
In  terra  as  convertir. 


Volkslieder.  265 

145  AI  text  ais  sto  belg  explichio 
Dal  doat  uoass  scr  minister, 
Sco  que  po  1er  ün  et  scodün 
In  la  2^*   epistola, 

Timotheo  cap,  4  v.  8. 

[f.   6'']  El  vaiv'  in  qiiaist  muond  fabrichio 

150   Zuoud  üu  bei  chasamaiut, 

AI  Seguer  Dieu  al  vaiva  pino 
Ün  oter  splenduraint. 

In  il  zardin  da  Eden  fin 
Na  roefsa  el  implanto, 
155  Florescha  bei  saimper  in  cel 
Cun  glüergia  incorono. 

L  ho(hol)  chato  que  sho  braöio 
Na  bella  compagnia, 
Seis  geuituors,  seis  frars  et  sruors, 
160  Tuots  senchs  in  compagnia. 

Quaist  simpifser  dess  padimer 

Voass  cordoelj   et  plannt, 

Gnins  al  chater  tres  grati'  in  cel, 

AI  ais  pafso  avaunt.  ^ 

[f.   7al  165   Voelg  giavüscber  da  noafs  Dieu  eher 
Brameda  contenteza, 
Cha  la  dolur,   cha  vais   nil  cour, 
As  müda  in  algrezchia. 

0  che  barat,  cha  el  ho  fat, 
170  0  che  buna  müdeda! 

Huossa  el  d'  vanto  burgais  dal  cel 
In  la  cited  beeda. 

Dieu  ans  voeglia  mner  tres  grati'  in  cel, 
In  quela  cited   stabla, 
175  Tiers  touts  boos  in  1' aetern  poss, 
In  algrezcha  inefabla. 
Finis. 


266  Volkslieder. 

168. 
[f.  7^]  Christiauna  condolantia  sopra  la  beeda  spartida  da  qnaista  misera 
sitta  alla  pü  beeda  cioe  Ilnoebel  cast  et  prudaint  juven  SigrLum- 
brainPolp.  m.  in  l'anda  8iaaeted42  1'ho  il  Segner  domo  daquaista 

vitta. 

Cur  eau  consideresch^ 
0  muoud,  al  tieu  mel  fer, 
Schi  a  mi  fich  isnuescha, 
Cun  te  pü  loeng  da  ster. 

5  Tu  best  üna  fontauna 
Da  tuot  mel  et  tuot  pcbio, 
Ti'  roba  e  martscba  e  vauna, 
Tieu  dalet  vanited. 

[f.  8*]  Eau  vsaiva,  co  ua  flur 

10  Crescbind  iu  tuot  honur 
Rendaiv'  amabl'  odur, 
0  Dieu,  ve  cun  cofüert. 

Daudet  do  aint  ün  vend, 
Cun  se  bain   bod  la  moart, 
15   Chi  bata  zuond  a  terra 

A  quaist  juven  zuond  scoart, 

Noass  Sigr  Lumbraiu  Pol, 
Ün  juven  amiaivel, 
Beuing  et  liberel, 
20  Versa  scodün  paschaivel. 

In  flur  da  sia  aeted 

Voalv'  aint  noass  Dieu  pufsaunt 

Cun    üna  malatia, 

Crajaivens  brich  la  moart. 

[f.  8^]  25  Scha  vess  püdieu  güideer 
L'  aroef  da  cours  fidels, 
Craje,  el  füss  speudro 
D  'la  moart  tar  nus  resto. 

Co  aus  leiva  vi  il  Segner 
30  Quels,  chi  füfsens  zuond  eher 
E  füfsens  eir  nüzaivels 
II  pover  a  coforter. 


Volkslieder.  267 


II  Segner  leiva  via 
Als  buns  dal   iugrat  muond, 
35  Vsaud,   cha  '1  uuu  saia  deng 
D^  uscbea  noebels  duns. 

Quaist  noebel  fraiscb  compang 
Dieu  al  vaiv'  infito 
Cun  tuota  soart  bels  duns, 
40  Dieu  al  vaiv'  imprasto. 

[f.  9*]  Quaist'  oarma  benedida 

Ho  volieu  considerer, 
Cha  tuot  r  esser  dal  muond 
Ais  spüi'a  vanited. 

45  So  resolt  bain  containt 
Da  volair  bonduuer, 
Da  cbercher  et  bramaer 
AI  pofs  coelestiel. 

Noass  Dieu  in  quaist  muond 
50   II   vaiva  richamaing 
Duno  et  imprasto 
Grandetza  et  dignited. 

Arob'et  cbasamaints, 
Schi  oor  et  eir  argient 
55  Vaivel  in  abundauzia, 
Da  tuot  el  nun  fo  stima. 

[f.   9'']  Vsand,  cba  sieu  term  schanto 

Eira  fingio   spiro, 
Dal  Segner,  noass  Creedar, 
60  Chi  eira  determino, 

As  render  voluntus 

A  seis  bab  gratius, 

S'  sordo   aint  in   ils  mauns 

Da  seis  bab  tuot  pufsaint. 

65  Eau  sum  qui  tieu  infaunt, 
Eau  spett  sün  teis  comand, 
Da  fer  il   mieu  viadi 
Da  quaist  muond  da  contred[i]. 


268  Volkslieder. 

Scha  füss  eir  sto  monarch 
70   Da  d'  ün   inter  grand  muond, 
Chi  vess  pudieu  giudeer, 
Lais  spüra  vanited. 

[f.   10^]  Mi'  oarraa  ho  spofso 

AI  mieu  Salvedar  Christ 
75  Tuot  ueta  et  bain  laveda 
Cul  saung  da  Christ  bandus. 

Las  noatzas  sun  pinedas 
Da  r  agne  ui  Paraviss 
A  tuota  la  respeda 
80  In  il  paiais  dals  vivs. 

Que  e  la  vaira  spaisa 
Dal  boesch  d'  la  vitt'  iudret, 
Baiver  süu  la  maisa 
L'  ova  da  la  vitta  cert. 

85  Poafs  qui  da  cornpagnia 
Bain  noebels   instrumaints 
Udir  cou  armouia 
Dals  aungels  musicants. 

[f.   10'']  Dans  fer  sumgiaunts  als  aungels, 

90   Ho  dit  al  noass  Signur, 
lu  gloria  sainza  maungel 
A  saimper  in  honur. 

Da  nus  vain  ad  ir  our 
Zuond  granda  clarited, 
95  Pü  CO  '1  solalg  splendura 
Et  stailas   in   vardet. 

Schi  che  cha  '1  cour  abrama, 
Laungia  so  giavüscher, 
Vain  Dieu  a  quel,  chi  1'  amen, 
100  In  vitt'  aeterna  a  daer. 

Schi   bgerra  milliera, 
Chi  'n  vaira  creta  moarts, 
Clin  Christ  siiot  si  'bandera 
Güstro  haun  con  cofiiert: 


Volkslieder.  269 


[f.   11*]    105   Marids^  mugliers  et  schlatas, 
Babs,   manias,   frars  e  sruors, 
Amichs  CO  chataue 
In  touta  algrezch'  e  flur. 

Schi  quelsj   ch'  iu  terra  qui 
110  Me  vis  ue  cognoschieu, 
Nuu  vaiva  me  vis  pü, 
Cuutschaiuts   sun   a  qui  sü. 

Ils  Patriarchs  iu  gloria, 
Propbets,  Apoastels  zuond, 
115   Martir,   cbi   cuu   victoria 

Haun  corabatieu  cul  muond. 

Che  uöbla  compaguia 
Dals  aungels  et  beos 
Saron   a  tnota  via 
120   Da  nus  fich  allegros. 

[f.   11^]  Cur  Dien  tiers  el  aus  maina 

In  cel  a  splendurir, 
Vegue'  eis  cuu  buna  voeglia 
Quels  stedi  ans  cuvir. 

125  Con  quela  compaguia 
Gnins  nus  ans  alegrer, 
Noafs  Dieu  con  armonia 
A  saimper  celebrer. 

Sench,   sench,  sench  ais  il  Segner, 
130  II  noafs  pufsaunt  Siguur, 

Geis,  terr'  e  maer  plains  vegnen 
Da  sia  glori'  et  honur. 

0  sehe  '1  pudess  turner 
Tiers   vus  in   ün  momaint, 
135   Schi  cuu  vusch  d'  archaungel 
Gnis  el  as  fer  ardimaint. 

[f.   12^]          Scha  be  se  banduuos, 

Mieus  chers  vus  tuots  afat, 
Voeglias  bain  as  piuer 
140  Tiers  me  bod  da  müder. 


270  Volkslieder. 

Mia  noebla  parantela^ 
Schi  eir  tuots  bims  amichs, 
Sajas  eir  salüdos 
Da  cour  fich  iugrazchios. 

145  Schi  juventüna  tuota, 
Eir  tu  inter  comoen, 
Chi  m'  vais  eir  spoart  honur 
Aint  in  ma  sepultüra 

Mieu  coarp  a  compagnier 
150   Con  larmas  et  con  plauut, 
Mi'  oarm'  huossa  triunfa 
Dant  lod  al  tuot  pufsaunt. 

Mieu  coarp  ais  in  la  terra, 
AI  vain  eir  a  pusser  ' 

155  Spetant  la  resüstaunta 

Dals  jüsts  et  tuota  charn. 

Anno   1746  adj   2  9  bris. 

169. 
[f.   IS^]  Memoria  dala  imatura  inprovistamoart  dal  Sigr  LumbrainPoI  p.  id. 
moart  1746  adj  2  9bri8  nil  42  an  da  sia  aeted. 

Ach  Dieu,   mieix  cour  tres  our 
Per  tauut  malinconia 
Sto  be  da  schluper  our, 
Nun  so  nun  piglen  via 

5  Pal  grand  plannt  et  dolur, 
Cha  mieu  cour  ho  agieu. 
Ach  Dieu,  o  che  dolur, 
Mieu  cour  quel  leva  via, 

Da  nun  pudair  (p)[g]udair 
10  Aint  in  ma  conpagnia 
Quel  noebel  f rasch  gialard 
Ser  Lumbrain  Pol  quia. 

[f.   13^]  Huofsa  per  grand'  amur, 

Ch'  eau  sairaper  he  agieu, 
15  Voelg  metr  ^in  sia  honur 
Duos  saimpels  vers  aquia. 


Volkslieder.  27  t 


Paro  eau  min   voelg  brich 
Ma  peha  qiii  piuer 
Cuu   luug'  discuors,  clii  dich 
20  Qualchün  piulefs  blasmer. 

Novembris  sto  il  mais, 
0  Dieu,  clii  t'  ho  plaschieu, 
D'  ans  der  cuu  graud  suspais 
Et  Clin  aus  alver  via 

25  Na  noebla  frascha  flur, 
Da  scodün  bain  vuglieu, 
Et  eir  cuu  grand'  honur 
Zuoud  respeto  ais  guieu, 

[f.   14^]  El  eira  respeto 

30  Na  solum  in  las  lias, 
In  Franckfurt  et  utro 
Pratchaivel  las  noeblias. 

Ad  Amsterdam  vaiv'  el 

Trafich  et  marchiancia, 

35  Sieu  chier  ser  frer  cun  el 

Vaiv'  el  in  compagnia. 

Aint  in   sa  vacatiun 
Vaiv'  el  grand  deligentia, 
Et  eira  baiu  dal  bum 
40   Duto  cuu  sciencia. 

Per  che  ch' our  avaunt  tuot 
El   Dieu  da  cour  amaiva, 
Et  sieu  saench  pled  pertuot 
Cun  stüdi  pondaraiva. 

[f.   14'']      45  In  quaist  muond  eon  dalet 
Trauuter  nus  belg  fluriva, 
Et  Dieu,  chi  l'ho  elet, 
Lo  saimper  gieu  in  chiüra. 

Che  defs  eau  qui  dir  pü, 
50  A  eher  Dieu  1'  ho  agieu, 
Tiers  nus  nun  ais  el  pü, 
Mo  in  aeterna  glüergia. 


272  Volkslieder. 

Inu  cha  el  allo, 
Na  bella  compaguia 
55  Da  sieus  chiers  hol  chato 
lu  perfeta  allegi'ia. 

Als  seis  ua  grand  dolur 
Ho  el  lascho  aquia, 
L'  crider  et  il  plauut  lur, 
50  0  Dieu  cuschidr,  a  Dieu! 

[f.   15*]  Plannt  da  sieu  ser  frer. 

Suspais  stum  in  me  m'  vefs, 
0  led !  0  che  nüella ! 
Quel  mess  mieu  com-  ho  fefs 
Et  piglio  la  favella. 

5  Mieu  frer,  mieu  tuot  dal  et, 
0  dolorusa  moart! 
M  'est  alvo  vi  dandet. 
O  Dieu,  o  vem  con  cofoart ! 

Ach  frer!  co  malgorder 
10  Poafs  eau  sün  la  moart  tia, 
Cur  eau  tiers  uoass  affer 
Non  t  poafs  pü  vair  aquia. 
S  o  u  r. 

Ach,  che  dolur,  o  Dieu, 
Ns  hest  tu  tramifs  aquia, 
15  Mieu  Lumbrain,  eher  frer  mieu, 
Da  nus  con  alv^r  via. 

[f.   Ib^]  Mieu  cour  ais  conturblo 

Per  grond  incraschatüna, 
Mieu  saung  ais  arfrado, 
20  Cufüert  nun  chiat  liugüin. 

0  frer!  ach,  la  moart  tia 
M'  ais  stede  dolorusa, 
Ma  che  per  te  noafs  Dieu 
L'  ho  fatta  alegrusa. 

25  Ach,  mieu  frer,  mia  amur! 
Co  me  t'  poafs  eau  s'  mancher, 
Usche  na  frascha  flur 
Stuvair  usche  bod  scher. 


Volkslieder.  273 

I..;i  q  uiii  eda. 

Mieu  cour  per  grand  dolur 
30   Et  per  incraschantüna 
Sto   be  da  alguer  oiir, 
Ne  lio  dalet  ungüiii. 

[f.   16*]  Cur  eau  be  con  dalet 

Paraiv'  esser  fich  coutaiuta, 
35   0   Dieu,   scbi   est   dandet 
Müdo  in  granda  stainta. 

Mio  cour  ais  fich  plajo 
Con  penetrauta  deja, 
Stum  be  da  crudaer  gio, 
40  Ach,  medgia  tli  la  pleja! 

Meis  juveus  oarfens  chers, 
Qui  vais  mifs  bgier  suot  terra, 
Dieu,   chi  po  conforter 
Suaintr'  il  bsoeng,   succuora, 

45  Scha  fadia  havefs 

Et  cuost  pudieu  giüdaer, 
Schi  eau  dit,  cert  havefs, 
Moart  tu,  nun  post  autre. 

[f.   16b]    Cofüert. 

Ma  '1   Dieu,   chi   tramifs   ho 
50  11  spert  char  d' Elie,  2  Eegio  cap.  2, 11. 

Cur  da  quaist  muoud  mno  1'  ho 
In  perfet'  allegria. 

Dieu,  chi  V  ho  visito 
In   sieu  ultim  viedi 
55  A  Franckfurt,  ch' el  alle 
S'  chatand  in  mifser  stedi. 

Pero  per  seis  amichs 
Dritzer  our  hol  volieu, 
Que  chi  1'  eira  comifs 
60  Na  con   gronda  fadia. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  1  Q 


274  Volkslieder, 

Huofs  el   ho   bain   tschernieu 
Üna  noebla  müdaeda^ 
Da  ir  sü  tiers  sieu  Dieu 
Et  d'  nun   ir  pü  in   streda. 

[f.   17*J      65  Noafs  noebel   ser  Lumbrain 
Üu   bei  dum   ho   da  Dieu 
Arfschieu  trauntr'   oters   baius 
Tals  seis  dguir  sepulieu. 

Huofsa  la  moart  del  jüst 
70  Ais  saimper  preciusa,  Psalm   116:  15. 

Scha  be  cha  '1  muoud  be  füst 
Per  r  esser  stramantusa. 

Aqui  s'  voelg  giavüscher, 
Dieu,   chi  1'  ho   alvo   via, 
75   As  voeglia  conforter 
Con  il  s.  balsem  sieu. 

Stais  crair,   cha  1  Dieu  d'  pudair 
Ad  el  SCO  Moise  dsched, 
„Murir  stoust  qui  pelvair,  Deut.  32. 

80  Üu  tel  ais  mieu  decret." 

[f.   17^»]  Quels,   chi  haun  gieu  a  chier, 

Frer,   sour,   quinos,   quiuaeda 
Voegliast  Dieu  conforter, 
Tuot  la  noebla  chaseda 

85   Et  voeglast   bod  müder 
Lur   plannt  in  allegria, 
Scha  t'  best  vulieu  plajer, 
Guarir  voeglast,  o  Dieu! 

Com  io. 

A  Dieu,   il  mieu  eher  frer, 
90  Stoelg  comio  piglier, 
In  perfet'  allegria 
Giudarons  compagnia. 

Que  gref  d'  saro  pelvair 
Da   nuns  pudair  pü  vair 
95   Aiut  in   quaist  muond  aquia, 
Dieu  uschea  t'  ho  plaschieu. 


Volkslieder.  275 


A   Dieu,   ma  chera   sour, 
Chi  m'  liest  amo   da  cour, 
Dieu   alegrer  nd   voeglia 
100   Et  müder  bod  tia  doeglia. 

[f.   18^]  A  Dieu,   D»-"^  quineda, 

Da  ine  zuond   ficli   ameda, 
S'  iiigrazch'   d'  voafsa  fadia, 
Clia  vais  cou  me  agieu. 

105  Eau  veng  liuofsa  daveud, 
Perclie   Dieu  m'  ho  gugieud 
Baiu   our  da  quaista  büergia 
Et  taunt  pü  loeug-  in  glüergia. 

A  Dieu,   meis   ser  quiuos, 
110   Da  me  zuoud  fich  amos, 
A  me  dam   alver  via, 
Ais  to  1'  decret  da  Dieu. 

A  Dieu,  tuots  meis  chers  nefs, 
Cun  me  chi  stuais  leds, 
115   Et  a  vus,  mas  chieras   netzas, 
Chieu  daivas  taunt  algrezcbia; 

Seh  'eau   vefs  gieu  da  aevder 
Pu  loeug  tiers  vus  da  ster, 
Schi  vefs  eau  allegria 
120  Gieu  d'  voafsa  compaguia. 

[f.    18*>J  A  Dieu^   clieras   matauns, 

A  mi,  chi  (juu  voafs  crauns 

Ma   vais   houoro  quia, 

S'  ingrazch   d'  voafsa  fadia. 

125  Da  cour  s'  voelg  giavüschaer, 
Cha  Dieu  as  voeglia  daer 
Tuottas  bunas  vintüras 
Es  tgnaud  iu  sia  chilira. 

A   Dieu,   vschins  et  amichs, 
130   Eau  veng  in   Paravis, 
Inua  uus   al   hura 
Farous   aeterna  d'  mura. 


18^ 


276  Volkslieder. 

Dieu  s'  hoasta  tuots  da  led 
Et  s'  mantegnia  sien  pled 
135   Sco  eir  paesch  et  concordia 
Per  sa  misericordia ! 

Ach,  tu,  soench  Spiert  divin, 
Daus  tuots  ua  buna  tin! 
Quaist  ais  scrit  per  niemüergia 
140   Da  ser  Lurabraiu,    ch'  eis  iu  glüergia. 
Finis. 

170. 

Memoria  et  Plaunt  sopra  laimatura  nunspateda  improvista  moart 

et  bieda  spartidadaquaistavittadal  noebelprudaint  etcastjuven, 

Ser  Nuot  Jan  Pol  Con  noafs  ine fa bei  led    et   cordoeli.    Anno  1747 

adj  24  februaro  —  Mifa  in  vers  et  melodia  ex  Simller. 

Pardert  cha  te  o  oarma  mia 

Et  in  il  paiaia  vers  l'occidaint. 

[f.   19^1  Vulefs  gugiend  qualchiosa  dir 

Et  scriver  per  memüergia 
D'  qxie  noebel  juven  u  d'  sieu  spartir, 
Clieis  piglio  sü  iu  glüergia. 

5   Scha  que  nuu   gnis  be   a  dvanter, 
Sco  1'  oblig  füfs  pelvaira, 
Schi  voeglas  a  mi  cuschidrer 
Et  metr'  iu  bona  parte. 

Ach  Dieu,  tli  'ns  best  d'  chio  visitos 
10   Da  nus   con  alver  via 

Noafs  eher  amich  tiers  ils  beos. 
Paro  nus  con  fadia 

Ser  Nuot  Jan  Pol  da  uun  havair 
Brich  pü  tiers  uns  aquia, 
[f.   20*]       15   S^  marieus   füt  ans   nus  tuots   palvair, 
Cur  nus  que  vaius  udieu. 

Quel  eher  compang,   noafs  dalet  graud, 
C  la  moart  tho  alvo  via, 
Scha  be  ch'  el  saun   eir  et  gialard 
20   La  sair  avaunt   aquia 


Volkslieder.  277 

Cim   sieu  ser  frer  et  chers  amicbs 
Giudaud  lur  compagnia, 
Unestas  compaguias,  eis  dich, 
Tiers  se  a  eher  hol  gieu. 

25   Da  scodüu  eir  el  baiu  vuglieu 
In  Bever  et  trauutr  oters 
Per  sieu  bei  trat,  clo  agieu  saimper 
Cua   richs  sco   eir  cun   povers. 

La  compaguia  faiv'  allegrer 
30  Scodüu  dels,  chil  pratchaiven, 

Cun  sieus  discuors,  chis  vaiva  eher 
Et  chi  tuots  allegraiva. 

[f'  20**]  Che  dir  qui   pü,  volains,   o   Dieu, 

Noafs  plauudscher  cert  uuu  giüda, 
35   Sclia  be  uu  '1  vess  a  eher  agieu 
Per  uoass  cosalg  et  guida. 

Ach   Dieu,  ta  foarsa  fest  cler  vair 
Trauuter  uus  qui  sur  terra, 
A  uus  tieu  pled   fand  a   savair, 
40  Ens  daut  contscheutscha  bgerra. 

Sco   tu  iu  que  best  gieu  dutto 
Noafs  uoebel   ser  Nuot  Pol, 
II  quel  tieu  pled   s  'ho   flisagio 
D  'ludir  et  pouderare. 

45   Huofsa  per  cert  quel  ais  beo, 
Chi  ho  per  sa  sumgeuscha 

II   Dieu  da  Jacob  per  sieu  chio  Ps.  14  v.  5. 

Et  quel  vi  d'  Dieu,  chis  poaza. 

[f.   21"]  Sta  fatscha  tu   acco   past  dich, 

50   Baiu   bod   schi  tuet   smarescha, 
II  pled  da   nus  con   alver  via 
Noal's  coarps   bod  vi   smartschefsa, 

L  'exaimpel  cler  ans  best,   o  Dieu, 
Als  noafs   suentz   fat  vair^ 
55   Eir  huofsa  cou   ans  alver   vi 
Un   saun   compang  pel  vair. 


278  Volkslieder. 

Inu'  il  temp  da  Dieu  elet 
Eira  d'  ans  sasaunta  oach, 
Ils  quels  ho'l  con  bgerra  saudet 
60  Vivieu  fin  al  di  d'  hoatz. 

11  quel  ho  tres  grati'  obtguieu  da  te 
N'  ils  cuors  da  sia  vitta 
Bgiers  duus  vi  d'  1'  oarm  'et  coarp  sco  quo 
Anns  sa  bella  spartida. 

[f.   21'']       65   Ho'l  C(mfesso,   s' recomaudant 
In  tia  soeuchia  chiüra 
Si  oarm'  et  coarp  da  cour  urand, 
Ach  ve,   tres  grazcha  spüra. 

Eau  se,  chia  oters  metzs  pelvair 
70   A  qui   nun   paun  giüder, 

Co  Jesum   Christum,   sco   eau  qiie  craj, 
Poafs  am  tschertifichier. 

Chi  ais  quel  pain,  chi  per  mieu  pchio 
Ho  qui  da  d'  iudürer, 
75  Accio  cha  nus  havefsans  poafs 
D  'la  moart  per  aus  spendre. 

Zuond  poig  auutz   1'  hura  da  sa   moart 
Ho  'I  lett  üu'   oratiun 

Per  remissiun  dals  pchios,  ach  che  soart, 
80   Ach  confortus   bei   dun. 

[f.   22*]  Sco  Job  eir  el  tschertifichio, 

Cha  sieu  Spendredar  viva, 
Nil  ultim  di  veng  eau  darchio 
Tres  tia  grazchia  spüra  Job.  19,  25. 

85    D'  chio  sur  la  puolvra  ad  alver  sü 
Ma  carn   con  pel   suttratta, 
Meis  egens  oelgs  cert  vegnen  te 
Ad  vair  da  fatscha  in  fatscha. 

Na  tel  spartid  'ho  cert  noals   Dieu 
90  Ad  el  tres  spraunza  viva 

Co  nus  tres  merit  dal  feig  sieu 
AI  dant  quel'  ova  viva. 


Volkslieder.  279 

Tieu  nom^  o   Dieu,   nun  paun  loder 
Ils  moarts  aint  in  la  foassa, 
95  Mo  ui;s  t  'vnlaiiis  glorifichier 
Per  saimpei*  et  eir  huofsa. 

[f.   22bj  Plannt  dal  fr  er. 

Ach  Dien,  co  plaundsclier  defs  cauqui, 
Ach   Dieu,   nun   gritanter, 
Seh  eau  tres  fadia  dsches  a  tj 
100  Pleds,  chi  nun   füfsen  chers. 

Mieu  frer,  o  Dieu,   m  'hest  alvo  vi, 
Ach  moart,   tll  nun  fpatteda, 
Mieu  frer  da  nun   vair  pü  aquia, 
Ach,   che  grauda  müdeda, 

105   Co  ra'  algorder  poafs   eau  sün   te 
A   nun  t  'pudair  pü  vair 
In   compaguia  dels  uoafs   con  me 
Ne  fül  di  ue  la  faira. 

Smarieu,  o  Dieu,   sum  in  me  m'  vefs, 
110  Cur  ch'  eau  stoelg  m'  algorder^ 

Tu   Dieu   per  cert   noafs  cours  hest  fes, 
M'  do  1  dun  dam   contanter. 

[f.  23»]  Mieu  Nuot,  mieu  frer,  mieu  cour  sincer 

Stair  meter  zuond   fuot  terra, 
115  Füfs  eau  pU  moart  in  pe  d'  mieu  frer. 
Ach  Dieu,  ve  em  succuorra. 

Perche  mieu  cour  plajo  eis  huofs 

Per  grand'  malinconia,  Psalm  129, 

Eau  sura  aflict  et  piain  d'anguoscha  22,   23. 

120   Per  grand  dolur,   o   Dieu! 

Ach   Dieu,   scha  contra  te  nun  ais, 
Schim  voegliast  bod  fer  gratia. 
Da  ir  bod   inua  mieu  frer  ais 
Tiers  te  avaunt  la  fatseha. 

125   Eau   sum  qui  zuond   conturbleda, 
Spand   our  mieu  plannt,   o  Dieu, 
La  graveza  m  ^ho  chalcheda 
Per  dolur  qui,   o  Dieu. 


280  Volkslieder. 

[f.   23'']  Tschauntsclia  auncbia  ta  fan[s]chella, 

130   Ach   Segner  dels   Exercits, 

Voegliast  t'  algorder  da  d'  ella, 
Ne  scbmanchier  quels  teis  afflicts. 

Neza  et  Neifs. 
Ach   Üieu,  tu  'ns  best  alvo  davend 
Noafs  cbier  amo   ser  Barba, 
135   Cbi  per  niis  bo  gieu  bgier  astaend, 
Arfscbieu  begiast  si'  oarma. 

La  dolor,  cb  'uus  bavains,  o  Dieu, 
Vaius   occasiun  zuoud  granda, 
Noafs  cbier  ser  Barba,   cb  'eis  sto  jeu 
140   Et  per  nun  in   Ollanda. 

Per  ans  hier  ans   ad   astrer, 
Chels  pudefs   vair  allgrezcbia, 
Ho  el  gieu  cbüra  daus  mufser 
Cun  araur  et  pacientia 

[f.   24*]     145   Acb   üieu,  tu  best  noal's  cours  batieu 
Con   üna  sped  agüiza, 
11  quels  staun  be  da  alguer  via, 
Acb  dolur,  acb   suuizzi. 

Ciu'  nus  udir   vains  qui   stuieu 
150  La  moart  da  noafs  ser  Barba, 

Scbi  bo  que  cert  noafs  cour,   o   Dieu, 
Et  oelgs  implieus  con  larmas. 

Noafs  ober  ser  Barba  cert  pelvair 
Pudains  uus  qui  bain  plaundscber 
155   Da  nul  pudair  pü  tier  nus  vair, 
Ne  sas  cbartas  artscbaiver. 

Cufüert. 

Con  il  s.  Spiert  voegliast,   o   Dieu, 

Iluminer  ens  aredscber, 

Cb'  nus  saieus  apiuos,  o  Dieu, 

160  Cur  noafs  'uretta  eis  scorida. 


Volkslieder.  281 

[f.  24^»]  Mo  r  Dien,  clii  s'  ho  aqui  plejos 

Voafs  cours  coii  tauut  cordoelj, 
S'  alvaud  daveud  tiei-  ils  beos 
Vo  frer,  ser  Barb'  iu  gloria. 

165   II  Conforteder,   il  soencb  Spiert 

Tramif  dal  Bab  in  grasscbia,  Job.   15. 

Voafs  com-  implier  voelg  et  voafs  spiert 
Cul  dum  dalla  pacientia. 

Voafs  led  voeglia  Dieu  alver  via 
170  Our  d'  spüra  sia  gratia, 

Et   s'  der  a  vus  da  di   iu  di 
L'  aeterna  couteuteza. 

Eau  quaist  da  cour  s'  voelg  gavüscber, 
Cba  voafs  cofüert  tel  saja, 
175  II  quel  cba  David  vaiva  eher, 
Sco   el  in  sieu  psalm   dscbaiva. 

[f.   25*1  Ils  dis  da  noafs  ans  sun  zuond  cuors 

Eir  in   noafsa  fermetza, 
Nun  causescb  oter  co  dolur 
180   Plannt  et  graud  tristezza. 

Quaist  eis  a  vus  eir  per  cofüert 
Das  pudair   allegrer, 
Cbal   Dieu  cbil   vaiva  con   sieu  spiert 
Dnto  r  ho  gieu  a  chier. 

185  Perclie  jüstia  ho  '1  gieu  a  eher 
Et  da  cour  quel'  amaiva, 
Sieu  s.  pled  da  udir  et  leer 
El  da  cour  quel  tscherchaiva. 

Eir  tiers  nus  ho  '1   zuond   bei  florieu 
190   In  la  cbiesa  dal   Segner, 

In  ils  palazis  da  noafs  Dieu 
Sa  staunza  vain  a  tegner. 

[f.  25^]  Quel  ais  per  cert  beo,  o  Dieu, 

Cba  tu  muofsast  ta  ledscha, 
195   Et  drizast  poafs   tres   gratia  tia 
N'  ils  dis  de  la  tristeza. 


282  Volkslieder. 

Quaist  ais  eir  mieu  giaviisch  sincer 
A  vus  tuots,  chil  plandschaives, 
Cha  Dieu  as  voeglia  couforter 
200  II  temp  cha  vus  qui  stais 

Et  ala  fin  tiers  ils  beos 

Our  d  'spüra  sia  gratia 

Aus  voeglia  tuots  der  paesch  et  pos, 

Ens  mner  avaunt  sa  fatscha. 

205   Conced,   o  Dieu,  paesch  et  sandet 
Tubt  la  uoebla  cbaseda, 
Miltiplicbescha  lur  arest, 
Containts  tiers  aus  cha  d  'ovdan. 

[f.   26*]  Quaists  saimpels  vers  he  quia  mifs 

210   In  bouur  et  memüergia 

Da  ser  Nuot  Jau  Pol  in  paravis, 
Chi  giod'  aeterna  glüergia. 
Finis. 


SPRICHWÖRTER. 


1  Viver  e  lasch  ar  viver. 

2  Tuot  grau   ha  sia  porziun   bren. 

3  Seguond   la  glieud  il  bundi. 

4  Plü  cotscben   e  plü   del   diavel. 

5  Ün   pa  per  ün   uon   fa  mal  ad  ingüu. 

6  La  chasa  da  meis  bap  ha  las  portas  d^aui*. 

7  Crair  e  uou   esser,   es   sco  filar  e  non   tesser. 

8  Brüts   e  söras  e  quinadas  mai   non   s'hau  da  cour  amadas. 

9  Charu  grassa  non   ha  baiu,   flu  la  passa  non   vain. 

10  Chi  bain   lia,   bain   slia. 

11  Chi  blasma,  cnmpra. 

12  Aur  nu  piglia  macla. 

13  L'ais  melgder  trar  sü  ils  infants  cols  daiuts  co  collas  audschivas. 

14  II  dan   e  las   giamgias   van   insembel. 

15  Non   s'cliatta  painch   sainza  viglanas. 

16  Duonna  scorta  fa  iufants. 

17  Ogni  utsche  ha  seis   möd. 

18  Giuvens  blers  e  vegls  taots. 

19  Guarda  il  püerch,   na  il   bügl. 

20  Con   ün  cuolp  non   's  copp'  il  bouv. 

21  Dave   la  ria  vain   la  crida. 

22  Chi  viva  da  chaprizi,  paja  da   buorsa. 

23  Blera  baja  e  paca  lana. 

24  Bocca  che  voust,  vainter  che  ponst. 

25  Chi  mal  cusa,   bain  splatta. 

26  Chi  uon  po  vair  il   chau,   po   vair   il  patrun. 

27  Pan  da  chasa  spisgiainta. 

28  Bain  lia,   mez   ma  nä. 

29  Pan  dür,   pan   sgür. 

30  Roba  rara,   roba  chara. 

31  Plü  chi  's  glischa  1'  äsen  e  plü  ch'  el  trettla. 


284  Sprichwörter. 

32  Que  chi  ais  buu  pel  preir,   ais  bun  eir  pel  caluoster. 

33  Chavagls  e  donuans  piglia  iu  teis  comün. 

34  Bod   e  bain  diarar  chi  vain. 

35  Bier  füm  e  pac  rost. 

36  Chi  spüda  cuater  il  vent,  as  spüda  in  fatscha. 

37  Davo  müstats  e  doanans  portautas  non  aise  da  's  indreschir. 

38  Dieu  e  buna  glieud  güdau  adiina. 

39  La  glieud  non  ^s  masüra  col  ster. 

40  Larg  da  boca  e  stret  da  buorsa. 

41  L'  erba  favrerola  e  la  duouna  plazzerola  non  fan  buna  prova. 

42  L'  hom  propoua  e  Dieu  dispoua. 
^3   Strada  fand  s'  commoda  la  chargia, 

44  Ün  plaschair  spett'  ün  oter. 

45  Tuot  ils  asens  as  sumaglian. 

46  A  chi  ha  tscherve  non  manca  chape.  ' 

47  Chi  lönch  domanda,   da  iuvidas. 

48  La  buot  plaina  e  la  fantschella  stuorna. 

49  Malnet  e  malmuoud  fa  '1  chül  roduond. 

50  An  da  nuschaglia,  an  da  maridaglia. 

51  Benedet,  chi  chi  ha  tet. 

52  Chi  voul  la  figlia,   guarda  la  mamma. 

53  Chi  porta  pennas^   ais  nar  da  femnas, 

54  Pan  da  patrun  ha  set   cruostas. 

55  Commina  la  farina,   cur  ais   süssem  la  tina. 

56  Que  chi  ais  trid,   ais   eir  nosch. 

57  Que  chi   vain   da  giat,  clappa  mürs. 

58  Sün  minch'  uonda  1'  aua  's  muonda. 

59  Ün  buu  patrun  fa  ün  bun  famagl. 

60  Ün  man  lava  1'  oter. 

,61   Laina  verda  fa  bler  füm. 

62  Chi  spargna  la  testa,  üsa  las  chammas. 

63  Col  temp  e  coUa  pazienza,   as  vendscha  tuot. 

64  Id  es  megl  da  magliar  tuot  quo  ch'  ün  ha,   co  da  dir  tuot  que, 
ch'  ün   sä. 

65  Un  tixi   schatscha  1'  oter. 

66  Oz  a  mai  daman  a  tai. 

67  L'  aua  ha  seis  dret  in  gib. 

68  Laschar  ir  1'  aua  davo  sa  cuorsa. 

69  Laschar  ir  1'  aua  pels  larschs. 

70  Ingib  r  aua  cuorra,   as  bagnan  las  peidras. 


Sprichwörter.  285 

71  Las  peidras  vaii   süllas  niusclinas. 

72  Peidra  ein  roudla  iion   fa  müa-chel. 

73  Dalla  foura,  clia  tu   est  guü   aint,   giarast  eir   oura. 

74  Ingio  chi   's   po   teudscher,   non   s'  drova  s-chala. 

75  Seuda  battüda  uoii  fa  erba. 

76  Chi   non  ha  gialliuas,   non   mangla  maschim. 

77  A  nucrsa  morta  noa  crescha  lana. 

78  Chi  va  il  prüm  a  mugliu,   mola  il   prüm. 

79  La  rouda  va  intuorn, 

80  A  minchüu  seis  di. 

81  Un  po  per  üu  la  clev  del  murütsch. 

82  Rainta  1'  äsen,   imia  il  patrun  comauda. 

83  Mincha  tet  cuverua  sa  part. 

84  Saug  non  ais  aua. 

85  B   sang  sto   ir  davo   sias  avainas. 

86  Alla  nozza  ed  alla  fossa  as  cognuoscha  la  parentella. 

87  Alla  nozza  ed  alla  fossa  as  cognuoscha  ils  amis. 

88  Basbrin  e  basbrinet  ais  onra  la  scblatta  bain   ed  inaudret. 

89  Ogni  parentella  ha  seis  crap  e  si'  astella. 

90  La  vita  fa  la  glieud. 

91  Da  nöglia  vaine  nöglia. 

92  n  sain  grand  paja  tuot. 

93  II  vif  hierta  il  mort. 

94  Chi  serana  recolgia. 

95  Chi  piglia;  quel   ha. 

96  Chi  chatta  chapütsch   o   chape, 
eh'  el  piglia  sco  ch'  el  ki. 

97  Chi  bain  paja,  bain  gioda. 

98  Chi  gioda,  paja. 

99  Chi  voul  ils  suuaders,  ils  paja. 

100  Errnr  non   ais  pajamaint, 

101  Pats  clers,   amicizia  lunga. 

102  Chi  svess  fa,   svess  gioda. 

103  Da  quai  chi  ais  aint,   vaine  oura. 

104  Mess  nun   porta  paina. 

105  La  peidra  tratta  non  tuorna  plü. 

106  Trid  fa  da  trid. 

107  Chi  mel  fo,   mel  gioda. 

108  Chi  mel  fo,  mel  paisa. 

109  Chi   ha  il   suspet,   ha  eir  il  defet. 


286  Sprichwörter. 

110  Chi  ha  fat  il   mal,  fetscha  eir  la  peniteuza. 

111  Puchä  coufessa  ais  mez   perduuä. 

112  Chi  sa  e  noii  fa,  ha  dubel  pncha. 

113  As  sto  tadlar  tuots  duos  sains. 

114  Chi  tascha,   conferma. 

115  Megl   üu  testimoni,   chi  ha  viss,   co  desch,   chi  hau   udi. 

116  Bocca  morta  non  tschautscha  plü. 

117  Roba  per  forza  non   val'   üna  scorza, 

118  II  scort  ceda. 

119  Äsen  per  äsen  e  'Is  cuosts  per  mez. 

120  Dun  stordscha  ludet. 

121  Ün  bluozgher  favur  vala  tschient  talers  radschun. 

122  Roba  da  comün,  roba  d'iugüu. 

123  Peisa  e  masüra  comanda  Dieu. 

124  Gala  hoz,  damaun  vasche.  , 

125  L'  astella  vain  dal   lain. 

126  Tuots  ils  uufs  vegnan  al  pettau. 

127  Trid  chagnöl,   bei  chan. 

128  II  plü  bun  cuogn  vain  dal  istess  lain. 

129  Duonna  grossa  cul  pe  nella  fossa, 
180  Be  üna  moula  non  po  far  farina. 

131  Chi  nou  po  batter  il  chavailg,  batta  la  sela. 

132  II  spass  ais  bei,  seh'  el  ais  cuort. 

133  Munts  e  vals  stan  saJda,   ma  la  glieud  s'  inscuntra. 

134  Nos  Segner  nun   ais  üu  leder. 

135  Fan  lam  va  be  sco   stram. 

136  Tenor  la  compagnia,  survain  minchün  la  sia. 

137  Chi  nun  vezza  il  bügl,  guarda  il  puerch. 

138  A  nuorsa  morta  nou  crescha  lana. 

139  Chi  non  po  batter  1'  aseu,   batta  la  sella. 

140  Chi   's   fa  da  besch,   vain   magliä  dal  Inf. 

141  Ün  diavel  s-chatscha  Toter. 

142  Tgnair  da  spiua  e  laschar  ir  da  cuccun. 

143  Que  chi  vain  da  rif,   vo  da  raf, 

144  Prescha  non  ha  fortüna. 

145  Peidra,  chi  roudla  non  fa  müschial. 

146  Per  la  gula  as  clapp'   ils  pesehs. 

147  Mattans   sainza  mattuns   ais   sco'   na  schoppa  sainza  baccuns. 

148  Sainza  fadia  nun   vain   giudia. 

149  Cur  ch'  is  taglia   il   nas,   schi  '1   saung  va  in   bocca. 


Sprichwörter.  287 

150  Olli   va  ft  chatscha,   svaiiatscha. 

151  Chi  non   resgia,   nou   fa  assas. 

152  Chi  dorma,   uun   clappa  peschs. 

153  II  Inf  uixn   ho   auucha  me  maglio   1'  iuvicrii. 

154  II  terap  passa  e  la  niort  vain. 

155  La  buot  da  dal   vin,  ch' eil'   ha. 
15G   Dur  con  dür  nou    fa   biin   miir. 

157  I  no  es  ün   narr,   clii  non   chatta  üu   pH  gravid. 

158  Giallina,   chi   va  per  chä,   o  ch'  ella  picla,   o   ch'  eil'   ha  piclä. 

159  II  cuc  chanta  per  sai. 

160  Ils  chans  grauds   uon   's  mordau. 

161  Per  1'  ora  e  la  siguuria  uun   pigler  fautasia. 

162  Ün   bei  guadagu   fa  ün   bei   spender. 

163  Buu  pled  chata  buu  lö. 

164  Chi  blasma,  cumpra. 

165  In  bocca  d' äsen   non  van  spezias. 

166  La  fortüna  sta  sper  via,   chi  la  piglia  e  chi  passa  speravia. 

167  La  bella  vita  fo  rumper  il  culöz. 

168  Chi  duna,   char  venda,   scha   vilan   uon   ais  quel   chi  preuda. 

169  Chi  VC  e  tuorna,   fo   bun   viedi. 

170  II  bunmarcha  schiarpa  la   buorsa. 

171  II   spass  ai-s  bei,   seh'  el  ais  cuort. 

172  La  chasa  renda,   scha  mal  man  non  prenda. 

173  II  luf  in  bocca,  il  luf  davo  la  coppa. 

174  Daints  in  bocca,  peis   in   vainter. 

175  Be  üna  muola  uou  po  far  farina. 

176  Biers  quinats,    bleras   spinas. 

177  Buna  glieud  ha  buua  sort. 

178  Bun  man  fa  bun  cour. 

179  Chi   bler  crida,   bod  invlida. 

180  Cur  il   sulailg   vo  da  strusch,   ch'  ils  daschüttals   vegnian   prus. 

181  Chi  non  ha  cheu,  ha  chammas, 

182  Chi  spüda  cunter  il  veut,   as   spüd'  in  fatscha. 

183  L'  astella  vain  dal  lain. 

184  Con  terra  dscheta  e  narramainta  non  t'  impachar. 

185  Cura  cuorra  il  chan  e  cura  la  leivra. 

186  Domandar  ais  lecit  e  i-espuouder  cortesia. 

187  As   po  bain   müder  mulin,   ma  na  muliner. 

188  II  luf  in   bocca,   il  luf  davo  la  coppa. 

189  Megl  üsar  las  s-charpas  co  '1  linzöl. 


288  Sprichwörter, 

190  Paun  lam  va  be  sco  stram. 

191  Biers   iufants,   bleras  uraziuns. 

192  Be  üna  muola  non  po  far  fariua. 

193  Schi  1' iuvilgia  füss  üna  vacha,  schi  magless  ella  tuot  1' erva. 

194  Roba  rara,  roba  chara. 

195  Ün  plaschair  spett'  im   oter. 

196  Viver  e  laschar  viver. 

197  Di  6  not  dura  adina. 

198  E  vaiu   mincha  di   saira. 

199  Da  foergia  da  poewel  s'  parchiüra  lg  minchiuu, 
V  ch'  eil  stoua  ruir  ün   dür  buccun. 

200  Da  spisa  raschgludada, 

E   medschina  maltamprada: 

Dad  amich   iufendschüd, 

E  fadyw  in  gratzgia  ugüd:  ' 

E  da  füoergia  da  poevel, 

Ins  oasta  deis. 

% 


Inhalt. 

Seite 

Widmung III 

Einleitung V-XVI 

Volkslieder 1—282 

1.     Less  ir  a  plaz,  less  ir  a  plaz 1 

2  a.  Matauus  da  marider 2 

b.  Mattans  da  maridar 4 

3.  Vussas  mattas  s'almautais 6 

4.  O  giuven,  tu  bei  giuven 6 

5.  Bainvgnia,  tu  mia  cour  eher 7 

6.  Dintaunt  ch'eu  deir'  üna  juvna  fliir 8 

7.  Nus  amis  da  cumpagnia 10 

8.  Parche  vuiais  ch'üna  paisuna  chaunta 10 

9.  Adün  araer,  mo  brich  giodair 11 

10.     Mais  cour  non  ais  plü  raeii' 12 

IIa.  Juvan:  Eau  f  vulef  rover,  vus  bella 14 

b.  Eau  as  vögl  rover,  vus  bella .     .     .     .     • 19 

12a.  Juvan:  S  giavüs  na  buna  faira 23 

b.  S'  giavüsch  la  buna  saira       30 

13.  Pastura  in  chamona 35 

14.  Taidla,  taidla,  ma  figlietta       ...,.- 38 

15.  Baretta  francesa 39 

16  a.  MEis  iuvan  cour  ais  conturblo 39 

b.  Meis  giuven  cour  ais  conturblä 41 

17  a.  'Na  memma  lungia  nun  voless 43 

b.  Scha  vus  vezais  meis  Jon  dret  sü 44 

18.     Nel  chalender  vain  nomnä 44 

19  a.  Eau  plaiant  dolur  arfara 46 

b.  Eu  piain  dolur  her  saira 50 

c.  Con  grand  dalet  her  saira 52 

20.     Un  bain  m  l'tovais  fer 53 

21a.  Quaist  ais  uossa  la  prüma  saira 55 

b.  El :  Quaist  ais  bain  la  prüma,  prüma  saira 56 

22a.  Guardai  mia  marusa 57 

b.  Guardai,  co  ma  marusa 58 

c.  Pur  spetta  meis  compagn 59 

23.     Cur  cha  eu  spusa  suu,  che  dessa  fer 59 


290  iQhalt. 

Seite 

24.  Ajo,  CO  chi  boffa       60 

25.  Gnö,  gnö,  quista  flur 62 

26.  Ils  tschels,  quels  cuschidran 62 

27.  Eau  vögl  bain  alla  mia  bella 63 

29.  Stfe  a  Dien,  ch'  eau  vegn  davent 64 

30.  Giavüsch  la  buna  saira       65 

31.  A  spafs  lefs  gugient  ir 67 

32.  Mi'  amada,  grand'  persuna 69 

33.  Bainvgnüts  eil'  vus,  raeis  chars 69 

34.  Eu  'vaiv'  üna  raarusa 70 

35.  Eu  pro  vus,  bella,  ir  voless 71 

36.  Tagl^,  vus  mattas  beilas 72 

37.  Eu  veng  pro  te,  mia  eher  amur 72 

38.  Eu  vaiv'  üu  mall  cotschen  rösin 73 

39.  Ed  eiran  duos  compagns 73 

40.  Buna  saira!     Vegn  a  faira 74 

41.  Ils  tschels,  quels  cuschidran -.     .  75 

42.  O  tu  bei  fittamaint 76 

43.  Non  ais  que  possibel  quia 81 

44.  O  di  'm  ün  pa,  compagnett'  adorabla 82 

45.  Eu  vegn  davent  da  chä 83 

46.  Ai  schi  di,  tii  bella!  che  t' impaissest  tu 84 

47  a.  Alla  marusa  sum  riv6 85 

b.  Alla  marusa  sun  rivä 86 

48.  Marusa  chara  daman  vegn  a  faira 87 

49.  Bella  dim,  co  1'  es  passada 88 

50.  Üna  saira  sun  eau  sto * 89 

51.  Tu  ast'  na  bocca  sco'  na  nekla 91 

52.  In  cas,  chi  s'  imbatta 91 

53.  Eau  sun  sco  '1  tschierv,  chi  ais  ferieu 93 

54.  Ve  nan,  tu  meis  dalet 94 

55.  O  Röesa  gratziusa 94 

56.  (60).     Lattscham  eir  in  pa  dir 96 

57.  Cun  üna  raata  bella 98 

58.  Ad  üna  matta  bella 99 

59  a.  La  buna  saira,  meis  char  spus 100 

b.  La  buna  saira,  meis  char  -spus 101 

60.  La  libertä  della  giuventün       102 

61.  Eu  vegn  in  ma  chasa,  eu  vegn  in  meis  let 102 

62.  Mias  avainas  sun  tuot  smissas 103 

63.  Be  üna  inogla  nu  po  fer  farigna 103 

64.  Eu  sto  quintar 104 

65.  Chiars  mats,  pigliä  par  bön 105 

66.  Stfe  a  Dieu,  ch' eau  vegn  davent 105 

67.  In  Ollanda  viadi 106 

68.  O  spus'  adorabla 107 

(68).    Giuven  sun  e  ha  pacs  ans 109 


Inhalt.  29  i 

Seite 

69.  II  meis  star  lejer  temp 110 

70.  Ed  eira,  ed  eira 111 

71.  O  che  nüna  lungia  via 112 

72.  Eu  vegn  in  vi  et  vegn  in  nan 113 

73.  Eu  'vaiv'  üna  marusa 114 

74  a.  La  buna  saira,  meis  char  spus ....  115 

b.  La  buna  saira,  meis  char  spus       117 

75.  Matt'  o  tu  bella  matta ^     .     .  118 

76.  0  giuvens  chars,  amis,  canipagns 119 

77.  Mieu  tesori  in  quaist  luuoud 121 

78.  Nus  giuvens  vulains  discurir 122 

79.  Ils  teis  bels  ölgs  nairs 123 

80.  Santi  ün  po,  santi  ün  po 124 

81.  Taidia,  taidia,  ma  figlictta 125 

82.  O  bun  aniih,  cun  te  stögl  dir 126 

83  a.  O  che  fast  tu,  randulina! 127 

b.  Che  fast  qua,  tu  utschellina 128 

c.  Cuccarella,  bell  utschella 128 

84.  Quaista  saira  'lain  chantar 129 

85.  Ün  e  duos  e  trais 129 

86.  Nia  nia  quaista  flur 130 

87.  Betta,  perche  cridast  tu,  cridast  tu, 130 

88.  Sta  leger,  Jon  Petschen,  sta  leger,  Jon  Grand 130 

89.  Cusdrin.  voust  gnir  con  mai 131 

90.  O  Tu  trida  nnitschinusa 131 

91.  Gio  intanter  sass'  eis  üna  palü,  eis  üna  palü 131 

92.  Ad  eiran  duos  compogns,  ch'  aveivan  üna  marusa        131 

93.  Quai  ais  la  lavur  dels  mats 132 

94.  Volains  dar  'na  raschunada 132 

95.  Meis  juven  cor  quel  es  fich  contristä 133 

96.  Ach  eu  sun  gnü  qua  zond  in  prescha 138 

97.  Binsan  tu  mieu  cour  eher 134 

98.  O  bun  amih,  cun  te  stögl  dir 136 

99.  Vus  femnas  qui  chi  stais 138 

100.  L'  ura  mia  es  rivada 139 

101.  Sü  e  taschans  baiver 141 

102.  Dileta  mia  sta  a  Diou 142 

103.  Adiou  meis  amur,  adiou  meis  char  cor 143 

104.  Ohara  perche  tant  suspürast 143 

105.  Prümavair'  ais  arrivada 146 

106.  Tagle  que  ch'  eu  völg  dir ■ 147 

107.  Malbruc  nun  ir  in  guerra! 149 

lOS.     Sün  ün  muot  chantaiva  Morel 150 

109.  Che  ha  tschnä  la  duonna  spusa  la  prüma  saira 150 

110.  Tuotta  not  eu  m'  insömgiaiva 153 

111.  Chi  me  ais  que  famailg 154 

112  a.  Ad  eir'  una  giuvna  sün  ün  marchiö 156 


292  Intialt. 

Seite 

112  b.  Ed  eir'  üna  giuvna  sün  ün  raarchä 156 

113.  Ad  eira  ün  pasgheder  chi  giaiva  pasghand 157 

114.  Ed  eiran  trais  sudats 158 

115  a.  Ad  eira  üna  vouta  ün  bandirel 159 

b.  Ad  eira  ün  giuven  bandirel 160 

116.  Ad  eir'  üna  vouta  ün  chalderer 161 

117.  Viv'  il  bei  prinzi,  rai  d'  Olanda 162 

118.  Üna  saira  jeiva  ora  sper  il  mar 162 

119.  O  Anna  Maria,  ingif)  ais  teis  hom? 163 

120.  Daman  a  niamvagl  vögl  eu  alvar 164 

121.  Qua  eir'  üna  giuvnetta 165 

122.  Vlain  comanzar  eir  a  chantar 166 

123.  Buna  saira  mattans  beilas 167 

124.  O  juvna  bella  che  stais  qua 168 

125.  Chantfe,  chantö  Lisetta 170 

126.  Plaundscher  stölg  uossa  ma  dulur 172 

127.  Ed  eir'  üna  vouta  ün  gentiloni /    .     .  173 

128.  O  tu  marusa,  o  tu  mia,  o  tu  bain  chara 174 

129.  Que  eiran  trais  compagus  con  trais  barettas  cotschnas     ....  175 

130.  0  mamnia  chara,  che  mä  dess  eu  far 176 

131a.  O  bab,  o  bab,  o  niieu  eher  bab! 177 

b.  O  bap!   0  bap!    che  veivat  fat! 179 

132  a.  II  silip  e  la  furiuia 182 

b.  II  salip  e  la  furmia 182 

133.     O  dolur,  che  ch'  eu  hat  fat 183 

134  a.  Chalanda  Mars,  chaland'  Avrigl 184 

b.  Chalenda  März,  Chaiend'  Avrigl 184 

c.  Chalanda  März,  chaland'  Avrigl 184 

135.  Quell  da  Schiander  e  d'  Unuder  a  chiavalg 185 

136.  Las  Ligias  trais  rivavan  ils  Burmins  tuts  a  mütschar      ....  185 

137.  II  Düchia  da  Rohaun       185 

138.  Laschens  pur  dyr  et  aradschuner 190 

139.  Eug  sun  vilhelm  il  Teile 193 

140.  Eu  völg  chiantar  dals  velgs  Grisüs 199 

141.  Qui  giescha  un  hum 210 

142.  Schianar  et  mura 213 

143.  Da  loeng  ino  he  eau  bramo 224 

144.  Un  juven  generuf  per  tschert 226 

145.  Quels  giats,  chi  maglian  tantas  mürs 228 

146.  Ils  peschs  aint  in  l'aua  san  saimper  noudar 230 

147.  Üna  cuorta  chanzuuetta 232 

148.  Or  dal  cor  la  cumpaguia       .     .          233 

149.  Sü,  sü,  0  Svizers  e  Grischuns! 235 

150.  Si  legrameu  schuldause 237 

151.  Scha  '1  Trenta  'vess  maglio 240 

152.  Sta  a  Dieu,  marusa  chara 242 

153.  Ed  ais  stat  darcheu  nouva  combatta 243 


Inhalt.  293 

Seit« 

154.  Nus  gnin  qui  incunter  con  grand'  allegria 244 

155.  Laschai  clingir  chant  e  luagöl 244 

156.  Stupefat  reist  eu  aquia 246 

157.  Stupefat  reist  eu  aquia 249 

158.  Ai  mo,  la  figlia  dalla  mulinera 254 

159.  O  chera,  o  bella !  eu  vuless  bain  ir  tiers  vus 254 

160.  Ad  eis  gnicu  giu  la  greva 255 

161.  Eu  am  dum  tschientmiili  buonders 256 

162.  Id  eis  gnü  gio  ün  zop  dall  Ingiadina 257 

163.  Ün  di  scu  hoz  me  pü  in  tuot  ma  vita 258 

164.  Ramoschans 258 

165.  La  malondraivla  glieut  da  Tschlin 258 

166.  Una  chanzun  in  quaist  momaint 259 

167.  O  che  grand  plaunt,  cordoeli  taunt 260 

168.  Cur  eau  consideresch 266 

169.  Ach  Dieu,  mieu  cour  tres  our 270 

170.  Vulel's  gugiend  qualchiosa  dir ,     .     .     .  276 

Sprichwörter 283—288 

Inhalt 290—293 


Der  Roman  de  Fauvel. 
(Studien  zur  Handschrift  146  der  Nationalbibliothek 

zu  Paris.) 

Von 
Robert  Hess. 


I.  Handsclirifteii. 

Der  „Rom;m  de  Fauvel"  ist  ein  allegorisch-satirischer  Zeitroman 
in  2  Büchern  aus  dem  Anfang  des  14.  Jahrhunderts.  Das  erste  Buch 
ist  1310,  das  zweite  1314  entstanden.  Erhalten  ist  er  in  12  Hand- 
schriften; 9  davon  befinden  sich  zu  Paris  in  der  Nationalbibliothek 
(Nr.  146,  580,  2139,  2140,  2195,  12460,  24375,  24436,  Nouv.  acq.4579), 
1  in  Tours  (Nr.  947),  1  in  Dijon  (Nr.  298)  und  1  in  Petersburg. 
8  derselben  (Paris:  146,  2139,  2195,  244.36,  Nouv.  acq.  4579;  Tours, 
Dijon,  Petersburg)  stammen  aus  dem  14.  Jahrhundert;  3  (B.  N.  580, 
2140,  12460)  aus  dem  15.  und  1  (B.  N.  24375)  aus  dem  16.  Jahr- 
hundert. Nr.  580  und  Nouv.  acq.  4579  geben  nur  das  erste  Buch 
wieder,  bei  dem  letzteren  Ms.  fehlt  sogar  das  Ende,  so  dass  heide,  da 
580  aus  dem  15.  Jahrhundert  stammt  und  nur  das  erste  Buch,  Nouv. 
acq.  4579  nicht  einmal  dieses  vollständig  enthält,  für  eine  nähere 
Untersuchung  kaum  in  Betracht  kommen.  Auch  Ms.  2140  ist  nicht 
vollständig,  es  hört  nach  den  ersten  402  Versen  von  Buch  11  auf,  an 
die  der  Kopist  noch  4  eigene  Schlussverse  gesetzt  hat.  Wie  G.  Paris 
sagt,  ist  diese  Handschrift  „par  une  singuliere  preference"  vonA.  Pey 
zum  Abdruck  gewählt  worden.  Dieser  Druck  ist  der  einzige,  den  wir 
von  dem  Roman  de  Fauvel  besitzen,  er  befindet  sich  im  Jahrbuch 
für  romanische  und  englische  Literatur,  Bd.  VII,  316—343 
und  437—446.  Bei  diesem  Abdruck,  den  er  ohne  jegliche  Erklärung 
und  mit  Angabe  weniger  Varianten  angefertigt  hat,  ist  Pey  ein  kleines 
Versehen  untergelaufen.  Seite  333  endet  bei  ihm  mit  Vers  830,  Seite  334 
beginnt  aber  mit  Vers  1031,  dazwischen  ist  aber  nicht^  wie  man  viel- 
leicht vermuten  könnte,  eine  Lücke;  der  Herausgeber  hat  sich  einfach 
verzählt,  so  dass  bei  ihm  das  Gedicht  in  Wirklichkeit  nicht  1870, 
sondern  nur  1670  Verse  umfasst,  wonach  die  betreffende  Angabe  in 
GröbersGrundriss  der  romanischenPhilologie,  Bd.  II,  902  zu 
ändern  ist.  Vor  diesem  Artikel  war  über  den  „Fauvel"  nur  in  der 
Histoire  litteraire  de  la  France,  Bd.  XXXII,  108—153  von 
G.  Paris  sehr  ausführlich    und    gründlich    gehandelt    worden,    dessen 

Komanische  ForscUungen  XXVII.  19 


296  Robert  Hess 

Aiisfiihruugen  natürlich  im  folgenden  benutzt  sind.  Endlich  ist  1907 
der  Noten  wegen,  die  zu  den  am  Rande  eingefügten  Gesängen  in  der 
Handschrift  beigefügt  sind,  die  umfangreichste  Handschrift  des  Romans, 
Ms.  146  der  Nationalbibliothek  von  Aubry  im  photographischen  Ab- 
druck herausgegeben  worden.  Diese  Fassung  mit  ihren  zahlreichen 
Interpolationen  soll  der  Gegenstand  der  folgenden  Untersuchung  sein. 
Einen  kritischen  Text  zu  geben,  war  dem  Verfasser  dieser  Ab- 
handlung bei  der  Menge  der  Handschriften  bis  jetzt  nicht  möglich, 
vielleicht  gelingt  es  ihm  aber,  ihn  in  absehbarer  Zeit  zu  liefern.  Zur 
Feststellung  der  Interpolationen  ist  die  Handschrift  2139,  die  dem  Ver- 
fasser in  einer  von  Herrn  Hue  für  ihn  ausgeführten  Abschrift  vorlag, 
herangezogen  worden,  welche  Hs.  G.  Paris  für  die  beste  Fassung  er- 
klärt hat. 

II.  JVame  des  Romans. 

Den  Namen  „Fauvel"  erklärt  G.  Paris  [Hist.  litt.  XXXII,  108  bis 
116]  als  Ableitung  von /öiff^?.  Nach  ihm  ist  das  Adjektiv /aM!;e  infolge 
der  Ähnlichkeit  seines  lautgesetzlichen  Maskulinums  fals  mit  fals 
<Cfalsus  und  seines  Femininums /«ye  mit  favle,  Dialektform  von  fable, 
zu  einer  äusserst  ungünstigen  Bedeutung  im  moralischen  Sinne  ge- 
kommen. 

Quant  ta  parole  est  blanche  et  ta  peiisee  est  fauve 
Tu  voles  en  tenebres  coranie  une  souiis  cliauve. 

(Vgl,  Meon :  Roman  de  la  Rose  IV,  75.)  In  den  Ducs  de  Norman- 
die  von  Benoit  de  Saiute-More  (um  1170)  finden  wir  als  Symbol  des  Be- 
trugs eine  ^,anesse  fauve'-^,  ebenso  in  zwei  Branchen  des  Roman  de 
Renart  die  Redensart  „savoir  de  la  fauoe  asnesse'-'  für  „Meister  im 
Betrüge  sein."  Für  diese  Eselin  taucht  dann  bei  Jacquemard  Gelee  in 
seinem  Nouveau  Renard  (1288)  der  Eigenname  Faiwain  auf.  Auf 
ihr  reitet  Dame  Guile.  Der  Ausdruck  „Chevauchier  Fauvain"  für  „ein 
Betrüger,  Treuloser  sein"  findet  sich  in  Baudouin  de  Sebourc: 

Aius  chevauche  Fauvain,  assis  droit  en  le  sele  ... 

Gaufrois  entre  en  Niruayc,  qui  chevauchoit  Fauvain  (I,  840), 

und  in  Hugues  Capet: 

Car  encontre  me  fille  volt  chevauchier  Fauvain,  38 
[Siehe  Tobler:  Verm.  Beiträge  2.  Reihe  S.  210  (1894),  S.  230  (1906)]; 

noch  häufiger  verbreitet  ist  der  Ausdruck:  estrillier  Fauvain.  Mit  Vor- 
liebe wurden  diese  allegorischen  Ausdrücke  in  der  Malerei  dargestellt, 
wie  G.  Paris  an  den  Bildern  der  Hs.  571  der  Nationalbibliothek  nach 
weist.  Wie  kommt  aber  der  Dichter  zum  männlichen  Namen  Fauvel 
statt  des  weiblichen  Fauvain'^  Eine  sichere  Antwort  hierauf  zu  geben 
ist  schwer;  auch  G.  Paris  hat  keine  vollkommen  überzeugende  Er- 
klärung bringen  können.  Das  Beispiel,  das  er  für  das  Vorkommen  von 
Fauvel  aus  dem  Jahre  13.30  anführt,    ist    nicht  beweiskräftig,  weil  es, 


Der  Konian  de  Fauvel  297 

erst  lange  nach  unserem  Roman  entstanden,  diesem  selbst  entnommen 
sein  kann.  Den  l^amGü  Faiwel  habe  ich  schon  iu  Philipp  Mouskets 
Cbronique  rimee  Vers  708G,  (ed.  Keiffenberg)  gefunden,  wo  bei  der 
Aufzählung  der  Streitrosse  neben  den  bekannten  Namen  von  Ferrant, 
Morel,  Baiicant  u.  a.  auch  Fauvel  angeführt  wird.  Auf  den  ersten  Blick 
scheint  es,  dass  wir  damit  wenig  gewonnen  haben.  Fauvel  ist  hier 
Pferdename  und  männlich;  das  ist  alles;  denn  aus  dem  ganzen  Zu-^ 
sammenhang  geht  nicht  hervor,  dass  uns  Fauvel  als  Symbol  des  Be- 
trugs entgegentritt.  Doch  ist  es  wichtig,  dass  wir  die  Form  Fauvel, 
wenn  auch  nicht  in  derselben  Bedeutung,  schon  vor  1250,  also  40  Jahre 
früher  als  Fauvain,  belegen  können.  Dann  ist  es  aber  auch  leicht 
verständlich,  dass  neben  Fauvain  die  Form  Fauvel  zur  Bezeichnung 
von  Treulosigkeit  und  Betrug  auftaucht.  In  16—19  der  Bilder  in  der 
oben  erwähnten  Hs.  571  redet  i'rt?^i'am  von  sich  selbst  als  Maskulinum, 
so  dass  wir  hier  vielleicht  den  ersten  Hinweis  auf  die  Verwendung 
von  „Fauvel'-^  in  derselben  Bedeutung  sehen  können. 

Noch  ein  anderer  Grund  kann  die  Vertauschung  von  Fauvain  durch 
Fauvel  begünstigt  haben.  Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  Fauvel  dem 
allgemein  bekannten  und  volkstümlichen  Benart  dem  ganzen  Charakter 
und  der  Anlage  nach  stark  ähnelt.  Aus  der  Fortsetzung  des  Kenart- 
romans ist  die  Figur  Fauvain  hervorgegangen,  und  wie  Gröber  hervor- 
hebt, stammt  die  Idee  im  „Fauvel"  um  so  mehr  aus  dem  „Neuen 
Renart"  als  in  dem  „Roman  de  Fauvel"  der  Schilderung  gleichfalls 
Rondeaux,  Motets,  Balladen  ^  beigemischt  sind  und  auch,  wie  dort, 
die  Einteilung  in  2  Bücher  darin  beliebt  wurde.  In  dem  „Grundriss" 
ist  unsere  Dichtung  sogar  iu  den  Abschnitt  „Allegorisch-sati- 
rische Fuchsdichtung"  gesetzt.  Ist  es  nach  allem  diesem  nicht 
einleuchtend,  dass  die  männliche  Figur  des  Renart  auf  Fauvain  ein- 
gewirkt und  männlich  gemacht  hat?  Einen  Beweis  für  die  engen 
Beziehungen  zwischen  Fauvel  und  Renart  finden  wir  auch  in  dem  Dit 
de  la  queue  de  Renart  (Jubinal:  Contes,  Dits,  Fabliaux  et  autres 
pieces  inedites  des  XIII%  XIV«  et  XV^  s.  Bd.  H,  92).  Fauvel  wird  hier 
zweimal  genannt,  steht  Renart  nahe  und  ist  ihm  untergeordnet.  Neben- 
bei sei  noch  die  Tatsache  vermerkt,  dass  dieses  Dit  mit  unserem 
„Fauvel"  viele  Punkte  gemein  hat.  Besonders  die  Aufzählung  aller, 
die  den  Schwanz  Renarts  ehren,  ebenso  wie  die  Redewendungen  und 
sprachlichen  Ausdrücke  darin  erinnern  stark  an  die  Aufzählung  in 
unserem  ersten  Buche.  Man  kann  vielleicht  daraus  folgern,  dass  ent- 
weder dieses  Gedicht  unserem  Roman  sehr  geschickt  nachgebildet 
worden  ist,  oder  dass  beide  denselben  Verfasser  haben.  Dazu  würde 
stimmen,  dass  dieses  Dit  in  einer  Hs.  aus  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahr- 
hunderts steht  (Nr.  1132  suppl.  frauQ.  der  Nationalbibliothek).  Aller- 
dings* lässt  sich  nicht  nachweisen,    dass    der  Dialekt    in    beiden  Dich- 

19- 


298  Robert  Hess 

tuDgen  derselbe  ist,  da  das  „Dit"  ziemlich  kurz  ist  und  die  allein 
massgebenden  Reimwörter  keine  direkte  dialektische  Färbung  zeigen. 
Wie  dem  auch  sei,  wir  können  beweisen,  dass  Fauvel  in  engster  Füh- 
lung mit  Renart  stand,  so  dass  dessen  Einfluss  wohl  stark  zugunsten 
eines  männlichen  Namens  eingewirkt  hat.  Fassen  wir  zusammen,  so 
mitssen  wir  sagen,  dass  die  Ausdrücke  torcher,  estrüUer  Fauvel  oder 
Fauvain  nebeneinander  hergingen,  und  ohne  Zweifel  war  es  die  Be- 
liebtheit dieser  Redensarten  und  die  Mode,  mit  dieser  Allegorie  die 
Wände  zu  bemalen,  die  den  Dichter  vielleicht  zur  Wahl  dieses  Titels 
seines  Werkes  veranlassten,  wie  dieser  selbst  im  Anfange  des  Ge- 
dichtes andeutet  (Vers  1 — 7): 

De  Fauvel  qua  tant  voi  torcher 
Doucement,  saiiz  lui  escorcher, 
Sui  cntrez  en  mereucolie 
Pour  ce  qu'est  beste  si  polie. 
Souvent  le  voient  en  painture 
Tex  qui  ne  sevent  sa  figure*) 
Moquerie,  sens  ou  folie  .  .  . 

Interessant  für  die  Sprachgeschichte  sind  noch  die  Angaben  von 
G.  Paris  über  die  Verbreitung  der  vielbeliebten  oben  erwähnten  Redens- 
arten in  den  nichtfrauzösischen  Ländern.  Im  Englischen  finden  wir. 
to  curry  lavcl  [^=etriller  Fauvel)  gleich  „betrügen,  schmeicheln."  Als 
man  später  das  Wort  „Favel"  nicht  mehr  begriff,  wurde  durch  Volks- 
etymologie to  curry  favour  daraus,  das  heute  noch  im  Gebrauche  ist. 
In  Deutschland  finden  wir  noch  1494  im  Narrenschiff  von  Sebastian 
Brandt  Verse  gegen  diejenigen,  die  „rfm  falben  Hengst  streichen'^,  eine 
Steile,  die  sicher  das  franz.  ,/'tnller  Fauvel'-^  wiedergeben  soll.  In 
Frankreich  selbst  bildete  man  das  zusammengesetzte  Wort  etrillc-Fau- 
veaH='BetYügeY,  das  sich  noch  bei  Rabelais  und  Marot  findet. 

III.  Inhalt  des  Hoiuansi. 

Buch  I. 
Im  Anfange  zählt  der  Dichter  alle  Leute  auf,  die  Fauvel  streicheln, 
striegeln  und  kämmen,  d.  h.  ihm  auf  jegliche  Weise  Gutes  tun  wollen, 
um  sich  bei  ihm  in  Gunst  zu  setzen.  Zuerst  kommt  der  Papst  mit 
seinen  Kardinälen  und  Prälaten,  dann  die  Könige  und  Fürsten.  Die 
12  Verse,  die  gegen  den  König  von  Frankreich,  Philipp  den  Schönen, 
gerichtet  sind,  hat  G.  Paris  in  Hist.  litt  XXXII,  118  aus  der  Hs.  2139 
abgedruckt,  in  Ms.  146  fehlen  die  2  letzten  Verse.  Nach  den  Grossen 
kommen  die  Ritler,  Mönche  und  arme  Laien,  aWg  ,^j)our  torcher  Fauvel^'. 
Nach    dieser    Einleitung    geht    der   Dichter    zur    näheren  Schilderung 

1)  Hss.  2189  und  146  weisen  sa  statt  se  auf,    G.  Paris  setzt  se    ein,    das 
die  pik.  Form  dafür  sein  dürfte. 


Der  Kouiau  de  Fauvel  299 

Ftiuvels  über  und  zeigt,  duss  seiue  Farbe  nur  falb  und  nicht  anders 
sein  könne.  Die  Bedeutung  des  Namens  Fauvel  und  die  merkwürdige 
Etymologie,  die  ihm  der  Dichter  gibt,  liefern  uns  folgende  Verse: 

Ms.  146  fol.  3^    Fauvel  est  beste  apropriee 
Par  siniilitmle  ordence, 
A  senefier  chose  vaine: 
Barat  et  fausete  luundaine 
Aiissi  par  ethimologie 
Pu6s  savoir  ce  qu'il  senefie. 
Fauvel  est  de  faus  et  de  vel 
Conipost,  cai'  il  a  son  revel 
Assis  sua  faussetö  vellee  (140  voillüe) 
Et  sns  tricherie  mellee  (146  inlelee) 
Flaterie  si  s'en  deiive 
Qui  de  uul  bien  n'a  fons  ne  rive; 
De  Fauvel  descent  flaterie 
Qui  du  monde  a  la  seigueurie 
Et  puis  en  descent  avarice, 
Qui  de  torcher  Fauvel  n'est  nice, 
Vilanie,  et  var'iete 
Et  puis  envie  et  lascJiete. 
Ces  six  dames  que  j'ai  nomees 
Sont  par  Fauvel  senefiees. 
Se  tou  entendement  veus  mettre 
Pren  un  mot  de  chascune  lettre. 

Dank  der  Tätigkeit  Fauvels  ist  in  der  Welt  heutzutage  alles 
„bestourne"  d.  h.  auf  den  Kopf  gestellt  oder  vertiert,  da  Fauvel  als 
Tier  die  Herrschaft  über  die  Menschen  hat.  Zunächst  schildert  der 
Verfasser  den  Zustand  der  Kirche.  Nach  seiner  festen  Ansicht  hat 
allein  die  Kirche  das  Recht  zu  herrschen,  die  weltliche  Macht  muss 
unter  ihr  stehen  und  ihre  Befehle  ausführen.  Gott  selbst  hat  diese 
Herrschaft  der  Geistlichkeit  eingerichtet.  Durch  Fauvel  ist  aber  jetzt 
die  Kirche  ganz  unter  die  weltliche  Macht  gekommen.  Diese  Verse 
nehmen  ebenfalls  auf  Philipp  den  Schönen  Bezug  und  zwar  auf  seinen 
Kampf  mit  dem  Papste.  Der  Dichter  steht  —  dies  ist  wichtig  —  auf 
selten  der  Kirche  und  gegen  den  König,  also  ganz  auf  dem  Boden  der 
päpstlichen  Bulle:  .,Unam  sanctam"  (1302),  in  der  Bonifaz  VHI.  nach- 
drücklich die  Lehre  von  der  Unterordnung  des  weltlichen  Schwertes 
unter  das  geistliche  aufgestellt  hat.  Doch  ist  unser  Verfasser  der 
Kirche  nicht  blindlings  ergeben,  sondern  kritisiert  sie  scharf:  den 
Papst  selbst,  die  Kirchenfürsten  um  ihn  und  die  geistlichen  Orden,  be- 
sonders mit  den  Bettelorden  geht  er  in  strengen  und  kernigen  Worten 
zu  Gericht.  Suchier  sagt  darüber  in  seiner  Literaturgeschichte  S.  216: 
„Wenn  er  (der  Dichter)  sagt,  dass  der  Papst  an  der  Spitze  von  Fauvels 
Anbetern  stehe  und  dem  Könige  trotze,  dass  I'auvel  für  ihn  das  Geld 


300  Robert  Hess 

der  Christenheit  eintreibe,  so  dass  Sankt  Peters  Barke  fast  unter  der 
Last  der  Goldstücke  untergehe,  dass  statt  der  Armut  der  Apostel  jetzt 
der  hoffärtige  Prunk  der  Kardinäle  die  Kirche  beherrsche,  so  wird  mau 
an  die  markigen  Worte  Luthers  und  der  Reformatoren  erinnert".  Auch 
die  anderen  Orden  leben  nicht  mehr  im  Sinne  ihrer  Gründer,  beson- 
ders aber  schreit  das  Verbrechen  der  Temjjler,  das  auch  von  Fauvel 
verursacht  ist,  zum  Himmel.  (Über  die  hier  folgende  Interpolation  siehe 
den  Abschnitt  „Interpolationen",  über  den  plötzlichen  Wandel  des 
Metrums  bei  der  Kritik  der  Bettelorden  und  der  Templer  unter 
„Metrik"). 

Der  Laienwelt  geht  es  nicht  besser  als  der  geistlichen,  kein  Stand 
bleibt  verschont.  Die  Fürsten  und  die  grossen  Herren  bedrücken  das 
Volk  mit  hohen  Steuern;  die  Adligen  sehen  mit  Verachtung  auf  das 
niedere  Volk  herab,  obwohl  sie  "doch  genau  so  gut  nur  Menschen  sind 
wie  die  Bauern;  die  kleineren  I^eute  selbst  verstehen  es  nicht,  sich  in 
ihr  Los  zu  finden.  Ein  wichtiger  Punkt  ergibt  sich  hierauf  für  die 
Feststellung  der  Persönlichkeit  des  Dichters.  Ein  Mann,  der  ein  so 
mitfühlendes  Herz  für  das  Volk  zeigt,  gehört  wohl  nicht  den  höheren 
Ständen  an.  Aus  allen  diesen  Zuständen,  fährt  der  Dichter  fort,  müsse 
er  folgern,  dass  wir  nahe  der  Zeit  sind,  wo  der  Antichrist  und  der 
letzte  Gerichtstag  kommen  wird.  Nach  einem  kurzen  Gebet,  das  sich 
nur  im  Ms.  146  befindet,  verwahrt  sich  der  Verfasser  dagegen,  dass 
er  das  Buch  aus  Neid  oder  Bosheit  geschrieben  habe;  nur  der  Wahr- 
heit, Gott  und  der  Kirche  zuliebe  sei  das  Werk  entstanden 

Qui  fut  complectement  edis 

Ell  l'an  mil  et  trois  cens  et  dis. 

Hiermit  schliesst  das  erste  Buch.  Über  die  folgenden  Interpolationen 
siehe  unten.  Auch  sei  au  dieser  Stelle  ein  für  allemal  bemerkt,  dass 
die  eingeschobenen  lateinischen  und  französischen  Gesangsstücke  bei 
unserer  Arbeit  nicht  berücksichtigt  wurden,  weil  sie  alle  durchgehends 
von  den  Kopisten  eingefügt  worden  sind. 

Buch  IL 
Diese  Fortsetzung  ist  unabhängig  von  der  Interpolation  über  die 
Templer  entstanden,  da  sie  auch  dem  einzigen  Mannskript,  das  nicht 
interpoliert  ist,  angefügt  wurde.  In  diesem  zweiten  Buche  ist  Fauvel 
keine  allegorische  Ticrgestalt  mehr,  sondern  wird  wie  eine  menschliche 
Persönlichkeit  behandelt.  Wir  werden  im  Anfange  in  seinen  Palast 
geführt,  wo  unter  anderem  die  ganze  Geschichte  von  Renart  die  Wände 
bedeckt.  Fauvel  selbst  sitzt  auf  prächtigem  Throne,  neben  ihm  die 
hässliche  Charnalite  und  im  weiteren  Kreise :  Convoitise,  Avarice,  Envie^ 
Detracf/on,  Ila'ine^  Tristcsce,  Ive,  Paresse^  Luxure^  Gloutonnie^  Orgneil, 
rresomption,   Hi/pocrisie,     Faux-Semblant,    Flatterte,     Vilenie,    Variete, 


Der  Roman  de  Fauvcl  301 

Doublete,  Laschete,  Ingratitude  und  andere  mehr.  Dass  die  Besclireibung 
zum  allergrössten  Teil  unter  dem  Eiufluss  des  Roseiiromans  steht,  geht 
schon  aus  diesen  Namen  etwas  hervor,  wird  aber  bei  der  Aufzählung 
von  Hypocrisie  und  Faux-Semblant  vollends    durch   den  Dichter    selbst 

bestätigt: 

Et  qui  cn  veust  savoir  l;i  glose 
Si  voist  au  Roumans  de  la  Kose. 

An  diese  feine  Gesellschaft  richtet  Fauvel  eine  Hede,  in  der  er 
seinen  Plan  darlegt,  Fortune,  die  Glücksgöttin,  zu  heiraten,  die  ihn 
bisher  so  sehr  begünstigt  habe  und  ihn  daher  sicher  liebe.  Dann  sei 
das  Geschick  der  ganzen  Welt  in  seinen  Händen,  und  er  könne  alles, 
noch  mehr  als  bisher,  nach  seinem  Willen  lenken.  Da  selbstverständ- 
lich der  Hof  seinem  hohen  Herrn  eifrig  beistimmt,  rüstet  sich  I^auvel 
wie  ein  Kitter  mit  Degen  und  Sporen  aus  und  kommt  ohne  zu  rasten, 
bald  in  Macrocosme  an,  wo  er  Fortune  antrifft,  die  dort  ihren  Sitz  hat. 
Sehr  eingehend  wird  diese  sonderbare  Gottheit  geschildert.  Die  eine 
Seite  ihres  Gesichts  ist  schön  und  freundlich,  die  andere  hässlich  und 
zornig.  Zwei  Kronen  hält  sie  in  der  Hand:  die  eine,  schön  von  Aus- 
sehen und  mit  köstlichen  Edelsteinen  besetzt,  die  Wohlhabenheit,  ist 
für  die  vom  Glück  begünstigten,  sie  hat  aber  den  üblen  Nachteil,  dass 
die  Steine  die  Träger  der  Krone  stechen  und  bis  ins  Herz  verwunden. 
Die  andere  Krone  wird  den  Unglücklichen  zugedacht.  Sie  ist  zwar 
unscheinbar,  ja  hässlich,  aber  im  Innern  befinden  sich  kleine  Edel- 
steine zum  Tröste  für  die  Armen  und  ihr  schweres  Geschick,  Vor 
Fortune  stehen  zwei  grosse  Kader,  das  eine  bewegt  sich  schnell,  das 
andere  langsam.  In  jedem  von  ihnen  dreht  sich  wieder  ein  kleines 
Rad;  aber  in  der  dem  Hauptrade  gerade  entgegengesetzten  Bewegung. 
Diese  beiden  Kädchen  vertreten  die  hemmende  und  treibende  Kraft. 
Kein  Glück  z.  B.  auf  Erden  ist  vollkommen;  überall  ist  ein  Leiden 
verborgen,  und  früh  oder  spät  wird  das  stets  unterw^ihlte  Glück  voll- 
ständig zerstört.  Die  grossen  Kader,  auf  denen  alle  Menschen  sich 
aufgestaffelt  befinden,  tragen  diese  bald  zur  schwindelnden  Höhe  des 
Glücks,  bald  stürzen  sie  sie  ins  tiefste  Elend.  Zu  Füssen  von  Fortune 
sitzt  die  schöne  „Vainne  Gloire",  die  alle  betört,  die  in  die  Höhe  ge- 
kommen sind,  so  dass  sie  nicht  merken,  wie  schnell  sie  wieder  fallen. 

Fauvel  beteuert  Fortune  seine  Liebe,  die  ihn  so  sehr  quäle;  das  Ver- 
halten der  Göttin  bestärke  ihn  darin,  sie  selbst  habe  ja  auch  ein  grosses 
Interesse,  Erben  zu  bekommen.  Seine  süssen  Worte  werden  aber  von 
Fortune  schlecht  aufgenommen;  ja  entrüstet  weist  sie  seine  Werbung 
ab.  Fauvel  kenne  sie  ja  gar  nicht,  sonst  wäre  es  ihm  nie  in  den  Sinn 
gekommen,  sie  zu  begehren.  Sie  sei  die  Tochter  Gottes,  der  aus  sich 
selbst  geboren,  die  Welt  geschaffen  habe  und  sie  unterhält.  Die  Herr- 
schaft über  sie  hat  er  Fortune  überlassen,  die  mit  ihrer  Schwester  Sa- 


302  Robert  Hess 

pience,  die  alles  weiss,  was  kommen  wird,  ewig  ist.  Vier  Namen  bat 
Fortune,  je  nach  dem  Standpunkt,  von  dem  aus  man  sie  betrachtet, 
nämlich :  Provideuce,  Destinee,  Aventure  und  Fortune.  Wer  sich  gegen 
Gott  empört  wie  Nebukaduezar,  wird  hart  von  ihr  bestraft;  aufrich- 
tiges Gebet  und  inbrünstiges  Flehen  schützen  aber  vor  der  von  Gott 
zugedachten  Strafe,  wie  das  Beispiel  der  Stadt  Kinive  und  des  Königs 
Hiskia  zeigt.  Jedoch  kein  Mensch,  sei  er  auch  noch  so  weise,  entrinnt 
dem  "Wechsel  des  Glücks,  das  unter  dem  Einfluss  der  Planeten  steht. 
Einer  von  diesen  Unglücklichen,  Boetius,  der  von  seiner  Höhe  tief 
hinabgestürzt  wurde,  fand  eine  Trösterin  in  der  Philosophie,  mit  deren 
Hilfe  er  sein  berühmtes  Buch  zum  Tröste  aller  Unglücklichen  schrieb. 
Hieran  anschliessend  folgt  eine  kurze  Theodicee.  Gott  erprobt  erst  die 
Menschen  durch  Leiden  und  Duldeu,  und  wenn  er  sie  als  treu  be- 
funden hat,  lässt  er  ihnen  grosse  Freude  zuteil  werden: 

Car  Bouflfrir  est  la  droite  voie 

De  veincre  et  de  venir  a  joie. 

Wenn  die  schlechten  Menschen  zu  grossem  Keichtume  gelangen, 
so  ist  dies  so  anzusehen,  dass  Gott  sie  doch  für  irgendeine  gute  Tat 
belohnt.  Kein  Mensch  ist  nämlich  so  schlecht,  dass  er  nicht  irgend 
etwas  Gutes  in  seinem  Leben  vollbringe,  keiner  aber  auch  so  gut,  dass 
er  nicht  auch  in  Sünde  verfalle,  und  Gott  will  sogar  die  Sünder  für 
das  Gute  belohnen,  das  sie  getan  haben.  Den  Guten  wie  den  Schlechten 
fällt  die  Gabe  des  Glücks  in  den  Schoss,  aber  schliesslich  wird  nur 
das  Gute  belohnt  und  das  Schlechte  aus  der  Welt  geschafft.  Nach 
dieser  Erörterung  erklärt  Fortune  dem  Fauvel  die  Bedeutung  der  beiden 
Räder  und  Kronen,  die  wir  schon  oben  angegeben  haben.  Das  einzige, 
was  der  Mensch  gegenüber  dieser  Vergänglichkeit  des  Glückes  tun 
kann,  ist  stille  Ergebung  in  den  Willen  Gottes,  der  ihm  sein  Geschick 
zugeteilt  hat,  es  aber  auch  wieder  ändern  kann. 

Über  die  folgenden  Verse,  wo  die  Namen  zweier  Dichter  genannt 
sind,  wird  in  den  Abschnitten  „Interpolationen"  und  „Verfasser"  ge- 
handelt werden.  Die  darauf  folgende  Interpolation  von  über  900  Versen 
brauchen  wir  überhaupt  nicht  zu  besprechen.  Sie  steht  nur  in  Hs.  146, 
enthält  Liebesgedichte,  Rondeaux  und  Balladen,  bei  denen  man  mit 
dem  besten  Willen  keinen  Zusammenhang  mit  dem  Roman  herausfinden 
kann.  Sie  sind  von  irgendeinem  Kopisten  verfasst  oder  von  ihm  anders- 
woher entnommen  worden,  und  da  ihm  die  Stelle  dafür  geeignet 
schien,  hat  er  die  Lieder  hier  eingeschoben. 

Nach  einigen  Verbindungsversen  nimmt  Fortune  ihre  Rede  wieder 
auf.  Noch  einmal  erklärt  sie  ihren  Ursprung  und  sagt  Fauvel  gründ- 
lich die  Wahrheit,  indem  sie  ihm  zeigt,  was  für  ein  niedriges  Geschöpf 
er  selber  sei.  Dann  fährt  sie  in  ihrer  philosophischen  Betrachtung  fort. 
Mit  Recht  wird    die  Welt  Makrokosmus,   der  Mensch  Mikrokosmus  ge- 


Der  Roman  de  Fauvel  303 

uaiiiit.  Beide  sind  aus  denselben  vier  Elementen  zusammengesetzt:  dem 
Heissen  oder  dem  Feuer,  dem  Feuchten  oder  dem  Wasser,  dem  Kalten 
oder  der  Luft  und  dem  Trocknen  oder  der  Erde.  Diesen  vier  Ele- 
menten entsprechen  die  vier  Temperamente:  das  sanguinische,  das 
phlegmatische,  das  cholerische  und  das  melancholische.  Phlegmatisch 
ist  der  Mensch  in  seinen  jungen  Jahren,  sanguinisch  von  15— 30  Jahren, 
cholerisch  in  seinem  reifen  Alter  bis  zu  GO  Jahren,  nach  denen  die 
Melancholie  des  Greisenalters  kommt.  Genau  so  verhält  es  sich  auch  mit 
der  Welt.  Phlegmatisch  war  sie  im  Anfang,  sanguinisch  wurde  sie  zur 
Zeit  Davids,  cholerisch  als  Jesus  lebte,  aber  jetzt  sei  sie  ganz  melan- 
cholisch geworden,  ihr  Ende  nahe  heran,  der  Antichrist  komme  und 
Fauvel  sei  dessen  Vorreiter,  der  alles  für  die  Ankunft  seines  Herrn 
vorbereite.  Wie  könne  eine  solche  Kreatur  nur  so  verblendet  sein, 
Fortune  zur  Frau  zu  begehren.  Eine  Zeitlang  werde  er  regieren,  aber 
die  Seinigen  suche  Fortune  schwer  heim.  (Einige  Verse,  die  an  zwei 
Stellen  eingeschoben  sind,  brauchen  wir  nicht  zu  beachten,  da  sie 
sicher  vom  Kopisten  stammen.)  Damit  aber  Fauvel  nicht  umsonst  zu 
Fortune  gekommen  ist,  soll  er  Vainne  Gloire,  die  zu  Füssen  der  Göttin 
sitzt,  heiraten.  Fauvel  ist  sofort  damit  einverstanden  und  führt  Vainne 
Gloire  als  Frau  heim,  jedoch  ohne  kirchliche  Zeremonien, 

Hier  hört  auf  einmal  der  Zusammenhang  der  Hs.  146  und  Hs.  2139 
auf.  Letztere  hat  zum  Schluss  78  Verse  (nicht  68,  wie  G.  Paris  sagt), 
die  in  Hs.  146  zerstreut  an  verschiedenen  Stellen  vorkommen.  In  ihnen 
wird  kurz  über  das  Hochzeitsfest  und  die  Verwüstung  berichtet,  die 
Fauvel  mit  seiner  zahlreichen  Nachkommenschaft  in  dem  schönen 
Garten  der  Christenheit,  Frankreich,  anrichtet.  Am  Schlüsse  von  Hs.  2139 
finden  wir  die  Verse: 

Fenant  fina,  aussi  fera 
Fauvel,  ja  si  grant  ne  sera, 
Car  il  ne  puet  pas  tous  jours  vivrc. 
Ici  fine  raon  segont  livre, 
Qui  fu  parfait  l'an  mil  et  IUI 
CCC  et  X,  Sans  riens  abatre 
Le  VI«  jour  de  decembre. 
Deo  gratias. 

In  Ferrant  will  G.  Paris  eine  Anspielung  auf  den  Tod  des  Grafen 
Ferrant  oder  Ferdinand  von  Flandern  finden,  der  bei  Bouvines  besiegt 
wurde.  Näheres  über  diese  Schlussverse  siehe  unter  „Verfasser".  Die 
Interpolation  von  2000  Versen  in  Hs.  146,  die  vor  diese  78  Verse  der 
Hs.  2139  eingeschoben  ist  und  am  Ende  wieder  mit  ihnen  überein- 
stimmt, werden  wir  im  nächsten  Abschnitte  ausführlich  behandeln. 


304  Robert  Hess 

IT.  Interpolationen. 

Buch  I. 

Im  ersten  Buche  finden  wir  auf  fol.  9  des  Ms.  ]46  in  der  Kritik 
der  Templer  eine  wichtige  Interpolation.  10  Strophen,  von  Onques  a 
eus  nul  mal  ne  Jis  bis  A  faire  tant  que  Faiivel  plaise  iucl.,  sind  in 
allen  Handschriften  ausser  in  2139,  zwischen  die  anderen  Strophen 
eingeschoben.  Sie  bringen  die  Anklygen  gegen  die  Templer  vor  und 
beglückwünschen  den  Pajjst  und  den  König  von  Frankreich  dazu,  die 
Ketzer  bestraft  und  grösstenteils  hingerichtet  zu  haben.  Die  Hinrich- 
tung von  54  Templern  fand  am  12.  Mai  1310  statt;  die  eingeschobenen 
Strophen  könnten  demnach  der  Zeit  nach  ganz  gut  noch  zum  ursprüng- 
lichen Gedichte  gehören.  Da  unser  Dichter  aber  sonst  nicht  mit  be- 
sonderer Hochachtung  vom  Papste  und  dem  Könige  spricht,  die  beiden 
jedoch  hier  sehr  herausgestrichen  und  verherrlicht  werden,  so  folgert 
G.  Paris,  dass  wir  es  hier  mit  einer  Interpolation  zu  tun  haben  und 
dass  die  Hs.  2139,  in  der  sie  fehlt,  die  ursprüngliche  Fassung  bietet. 
Diese  Folgerung  des  grossen  französischen  Gelehrten  müssen  wir  auch 
aus  anderen  Gründen  bestätigen.  Betrachten  wir  nämlich  die  10  Strophen 
etwas  eingehender,  so  finden  wir  einerseits,  dass  sie  vieles  wieder- 
holen, was  schon  vorher  gesagt  ist  und  andererseits  weicht  der  Stil 
von  dem  kraftvollen  der  anderen  Strophen  sehr  ab. 

Am  Ende  des  ersten  Buches  nach  Anführung  der  Jahreszahl  1310 
(siehe  S.  9)  stehen  nur  in  Hs.  146  einige  Verse,  die  aber  nicht  beson- 
ders wichtig  sind,  und  auf  die  wir  daher  nicht  näher  eingehen.  Aus 
dem  ganzen  Ton  und  der  Lobpreisung  Philipps  des  Schönen  lassen  sie 
sich  leicht  als  Interpolation  erkennen.  Interessant  ist  der  feste  Glaube 
des  Interpolators  au  einen  beabsichtigten  Kreuzzug  Philipps.  Zwei 
Verse  auf  fol.  10^: 

Pour  Pbelippes  qui  regne  ores 
Ci  luetreiz  ce  motet  onquores 

nehmen  nicht  auf  Philipp  IV.  Bezug,  sondern  auf  Philipp  den  Langen 

(1316-1322). 

Buch  IL 

Das  zweite  Buch  hat  umfangreichere  Interpolationen  als  das  erste. 
Die  Liebeslieder,  die  bei  der  Werbung  Fauvels  eingeschoben  sind, 
können  wir,  wie  oben  (S.  8)  erwähnt,  unberücksichtigt  lassen.  Wir 
gehen  daher  gleich  zu  der  grossen  Interpolation  über,  die  gewisser- 
massen  eine  Fortsetzung  des  Romans  bildet.  Da  aber  in  dieser  Inter- 
polation wieder  kleinere  Interpolationen  vorkommen,  geben  wir  zunächst 
den  Inhalt  des  Ganzen  und    gehen  dann  erst  auf  die  Einzelheiten  ein. 

Die  ErwähnuDg  eines  Hochzeitsfestes  veranlasste  sicher  einen 
späteren  Dichter  eine  ausführliche  Beschreibung  dieses  Ereignisses    zu 


Der  Roman  de  Fauvel  305 

geben,  zusammen  mit  dem  nach  der  damaligen  Sitte  davon  untrenn- 
baren Turnier.  Die  Stätte,  au  der  Fauvel  seine  Hochzeit  bält,  ist  ohne 
Zweifel  Paris;  das  geht  aus  der  ganzen  Besehreibung  hervor,  wenn 
auch  der  Dichter  die  Stadt,  die  auf  einer  von  der  Seine  gebildeten 
Insel  liegt,  Esperance  nennt  und  dem  prächtigen  Palast  von  Fauvel 
den  Namen  Desespoir  gibt.  Zu  dem  Turnier  des  Hochzeitsfestes 
ladet  Fauvel  alle,  gleichviel  ob  Freund,  ob  Feind,  ein.  Da  entschliessen 
sich  auch  die  von  ihm  verjagten  Tugenden  mit  Virginite  als  Führeriu 
zur  Teilnahme.  In  der  Stadt  Esperance  werden  sie  von  einem  freund- 
lichen Wirt  und  dessen  Frau  Constance  herzlich  aufgenommen.  Nach 
einem  glänzenden  und  ausgedehnten  Festgelage,  auf  das  wir  bei  Be- 
sprechung der  Einzelheiten  noch  einmal  zurückkommen  werden,  will 
Fauvel  seine  Brautnacht  mit  Vainne  Gloire  abhalten.  Aber  gerade,  als 
er  sich  zu  ihr  legen  will,  entsteht  ein  entsetzliches  Getöse,  eine  Katzen- 
musik eisten  Ranges,  „Chalivali''  genannt,  die  der  Dichter  sehr  ausführ- 
lich und  mit  dem  grössten  Behagen  schildert.  (Über  die  noch  nicht 
völlig  aufgeklärte  Etymologie  des  Wortes  chcdivali  siehe  Körting: 
Lat.-Koman.  Wörterbuch  und  die  dort  angeführte  Literatur).  Die 
Beschreibung  dieses  Höllenlärms  ist  nach  G.  Paris  die  erste  und  also 
älteste,  die  man  von  einem  chalivali  bisher  gefunden  hat.  Geführt 
wird  der  lärmende  Zug  von  einem  Eiesen,  von  Hellequin  selbst.  Diese 
mythologische  Figur  hat  Ähnlichkeit  mit  unserem  „wilden  Jäger"; 
wie  dieser  durchreitet  er  mit  seiner  mesnie  in  der  Nacht  die  Lüfte. 
Nach  Raynaud  (Etudes  romanes  dediees  ä  G,  Paris  par  ses  eleves 
frauQais,  Paris  1891)  knüpft  er  an  Hernequin  vonBoulogne  (f  882)  an. 
Wir  übergehen  wieder  die  Musikstücke,  besonders  den  Gesang  der 
„Hellequ/7ies''^,  der  nichts  mit  unserem  Stück  zu  tun  hat,  sondern  nur 
eine  Art  von  Ballett  ist,  das  der  Dichter  hierher  setzte.  Bei  dem  grossen 
Lärm  wäre  es  doch  auch  unmöglich  gewesen,  zarte  Liebeslieder  zu 
singen. 

Am  nächsten  Morgen  soll  das  Turnier  beginnen.  Der  Dichter  redet 
hier  plötzlich  in  der  ersten  Person.  An  dem  frühen  Frühlingsmorgen, 
dessen  Schönheit  er  schildert,  wandert  unser  Verfasser  zur  Wiese  von 
St.  Germain  des  Pres,  an  der  die  Seine  vorbeifliesst  und  erschrickt 
heftig  beim  Anblick  der  Wächter  Fauvels,  die  die  Stätte  des  Turniers 
hüten.  Dann  sucht  er  das  Hans  der  Tugenden  auf,  wo  Engel  vom 
Himmel  durch  das  Dach  ein-  und  ausfliegen.  Auch  später,  kurz  vor 
dem  Turniere,  werden  die  Tugenden  noch  einmal  ermutigt  und  zwar 
durch  das  Erscheinen  der  heiligen  Jungfrau  Maria  in  einem  kostbaren 
Zelte,  mitten  in  der  Luft  umgeben  von  allen  Heiligen.  Wein  und  Brot 
zum  Abendmahle,  das  dann  den  Tugenden  vom  Erzengel  Gabriel  aus- 
geteilt wird,  fallen  aus  dem  Zelt,  bevor  es  verschwindet.  Im  Turnier  selbst 
besiegen  die  Tugenden  alle  ihre  Gegner,   nämlich  die  ihnen  entgegen- 


306  Robert  Hess 

gesetzten  Laster.  So  kämpft  z.  B.Virginite  mit  Charaalit^,  Pacience  mit 
Orgueil,  Abstiuence  mit  Gloutomiie  u.  s.  w.  Beinahe  wäre  es  zum  blu- 
tigen Kriege  zwischen  Fauvel  und  den  Tugenden  gekommen,  wenn 
nicht  Fortune  eingegriffen  und  den  Tugenden  Halt  geboten  hätte.  Für 
Fauvel  habe  die  Stunde  des  Untergangs  noch  nicht  geschlagen,  die 
Tugenden  sollten  aber  weiterhin  ausharren,  damit  durch  ihr  Beispiel  die 
Menschen  gestärkt  würden.  Noch  einige  Zeit  verweilen  die  Tugenden  bei 
ihrem  hochbeglückten  Wirt.  Alles  drängt  sich  um  sie,  um  sie  zu  sehen 
und  zu  beschenken,  dann  ziehen  sie  ab.  Fauvel  bringt  zahlreiche  Nach- 
kommenschaft hervor  —  hier  stimmt  Hs.  146  mit  Hs.  2139  wieder 
überein,  nur  ist  noch  die  Episode  mit  dem  Jugendbrunnen  eingeschoben, 
in  dem  sich  Fauvel  mit  seiner  ganzen  Familie  verjüngen  will  —  dann 
schliesst  dieser  Teil  nach  einem  langen  Gebete  an  Maria,  Gottvater  und 
Jesus  mit  den  merkwürdigen  Versen: 

Feirant  fina ;  bien  deust  finer 
Fauvel  qui  n'a  a  qui  finer 
En  ce  iDonde,  car  tuit  ob6  — 
Issent  a  lui,  tout  a  rob6. 
Kobe  noua  a  tout  en  lobaut 
Et  lob6  en  nous  desrobant 
II  finera,  car  touz  jourz  vivre 
Ne  pourra  pas,  ci  faut  mon  livre 
Secont.    Dieu  en  gre  le  regoive! 
J'ai  sef  ü  est  temps  que  je  boive. 

Gehen  wir  jetzt  etwas  näher  auf  die  Einzelheiten  dieser  Interpola- 
tion ein.  Sie  ist  aus  mehreren  Stücken  zusammengetragen  und  auch 
nicht  einmal  von  demselben  Verfasser,  wie  wir  sehen  werden.  Von 
vornherein  fällt  uns  die  grosse  Ähnlichkeit  mit  dem  „Tournoiement 
de  l'Antec brist"  von  Huon  de  Mery  auf,  vor  allem  bei  dem 
Kampf  der  Tugenden  mit  den  Lastern  und  bei  dem  allegorischen 
Mahl.  Diese  Ähnlichkeit  ist  meines  Erachtens  psychologisch  leicht  zu 
erklären. 

Wie  schon  oben  gesagt,  wollte  der  Dichter  hier  eine  weitere  Aus- 
schmückung der  Hochzeit  geben,  natürlich  zusammen  mit  einem  Tur- 
nier. Fauvel,  der  Hochzeiter,  ist  der  Vertreter  aller  Laster  und  Sünden 
in  einer  Person;  im  ersten  wie  im  zweiten  Buche  wird  er  mit  dem 
Antichrist  in  enge  Berührung  gebracht.  Wie  nahe  lag  da  der  Gedanke 
eines  Turniers  der  Tugenden  gegen  die  Laster,  und  wie  gross  war 
die  Versuchung,  Merys  Werk,  das  denselben  Gegenstand  und  dazu 
noch  unter  dem  Titel  «Tournoiement  de  rAntcchri8t>  behandelt, 
heranzuziehen  und  bei  der  damaligen  Freiheit,  andere  Werke  zu  be- 
nutzen, reichlich  Stoff  und  selbst  Worte  aus  ihm  zu  entnehmen.  Dies 
ist  denn  auch  in  genügendem  Masse  geschehen.  G.Paris  sagt  darüber: 


Der  Roman  de  Fauvel  307 

„Tout  le  tournoi  des  Vertiis  et  des  Vices  si  maladroitement  amen6  et 
inteiTonipu  est  une  imitation  visible  du  Toiirnoiement  de  l'Antechrist  de  Huon  de 
Müry.  Les  vers  de  Huon  nc  sont  piis  pris  tels  quels,  mais  ses  expiessions,  scs 
bizarres  allegories,  ses  jeux  d'esprit  se  retrouvent  souvent,  quoique  aftaiblis, 
dans  les  vers  plus  läches  et  plus  plats  de  son  iraitateur-,  k  lui  aussi  renionte  la 
partie  allögorique  de  la  descriptlou  du  festin  et  notamment  l'idöe  de  faire  de 
la  honte  le  breuvage  des  convives." 

Darin,  dass  die  g:anze  Auffassung,  Stil  und  Verse  sehr  weit  hinter 
Huon  de  Mery  zurückstehen,    niuss    man    voll   und    ganz  mit  G,  Paris 
übereinstimmen,    aber    darin    irrt    er   sieh  etwas,  wenn  er  sagen  will, 
dass  nicht  wörtliche  Entlehnungen  zu  finden  wären. 
Diese  treten  in  folgenden  Versen  hervor: 
FauveP)  fol.  32^  Sp. 2:     mos  a  guersai  bolvent. 
Toarn.^)  Antechr.  424:   Bevoient  tuit  honte  a  guersoi. 
Fauvel  fol.  32o  Sp.  2:         Faite  fu  la  dite  friture 

De  pechiez  fais  contre  nature. 
T.  A.  415/16:  D'une  mevveilleuse  friture 

De  pechiez  feiz  contre  nature. 
F.  fol.  32^  Sp.  2:  Leschcrie  qui  est  espiciere. 

T.  A.  444:  Car  lecherie  l'espiciere. 

F.  fol.  3S^  Sp.  1:  Le  vin  uc  la  dite  dragie 

Jusqu'a  elles  ne  vindrent  uiie. 
T.  A.  468/69:  Ne  li  entremes  jusqu'a  moi 

Ne  vint  pas. 
F.  fol.  SS"*  Sp.  3:  Droitement  sus  tierce  chemine. 

T.  A.  1397:  Et  chemiuoit  tont  droit  a  tierce. 

F.  fol.  38v  Sp.  2:  et  pourtretes 

De  tres  biaus  petiz  angeloz. 
T.  A.  1539:  Ot  portrez  petiz  angeloz. 

F.  fol.  39r:  Et  l'autre  harnois  du  destrier 

Seile,  lorain,  poitrail,  estrier 
Estoient  tuit  d'or  et  de  soie 
Et  que   [je]  mentierre  ne  soie. 
T.  A.  1319/22:  Car  toz  li  hernois  du  destrier 

Sele,  lorain,  poitral,  estrier 
Estoient  tuit  d'or  et  de  soie 
Et  que  je  mentieres  n'en  soie. 
F.  fol,  39':  Tout  en  despit  des  ypocrites. 

T.  A.  1219:  En  despit  de  toz  ipocrites. 

F.  fol.  39^  Sp.  1:  Qui  maint  homme  a  mis  a  meschief 

Par  fouz  regarz. 
T.  A.  1014:  de  fouz  regars 

Qui  uiaint  homme  ont  mis  a  meschief. 

1)  Wegen  der  Art  unserer  Zitierung  siehe  S.  18. 

2)  Vom  Tournoiement  de  l'Antechrist  benutzen  wir  die  Ausgabe  von 
Wimraer  in  Ausgaben  und  Abhandlungen  auf  dem  Gebiete  der  rom. 
Philologie  LXXVI. 


308  Robert  Hess 

F.  fol.  39^  Sp.  3:  Un  pel  tint  en  lieu  d'une  lanee. 

T.  A.  987:  Et  tint  un  pel  eu  lieu  de  lance. 

F.  fol.  39^  Sp,  3:  D'uis  de  bordel  ot  une  targe. 

T.  A.  1040:  Une  targe  d'uis  de  bordel. 

Einige  andere  Entlehnungen  sind  noch  festzustellen,  die  aber  nicht 
wörtlich  sind;  sondern  nur  den  Sinn  wiedergeben: 

F.  fol.  32v  Sp.  3:  Que  chascuns  sa  barbe  en  deleche. 

T.  A.  441 :  tuit  s'en  deleichent 

Et  ci  et  9a  leur  levres  leichent. 
F.  fol,  32v  Sp.  3:  La  tonne  emprent  trop  par  la  bouche, 

Ivresce  de  si  pres  l'aprouche 

Qu'ad6s  sera  la  tonne  vuide. 
T.  A.  464 — 466:  Qui  en  boit  tant  qu'ele  se  nie 

Et  ivresce  tant  en  entone 

Qu'a  poi  n'a  vidiöe  la  tonne. 
F.  fol.  32v  Sp.  2:  A  une  sauce  si  ague 

Que  de  boire  chascun  argue. 
T.  A.  447:  Qui  si  est  ardant  et  ague 

Qui  leur  langues  point  et  argue. 

Der  Erfolg  ist  derselbe,  nur  in  anderen  Worten  ausgedrückt: 
F.  fol.  32'    Sp.  3:  Et  dit:  „Que  doit  que  vin  ne  vient?" 

T,  A,  449:  Crie  cliascuns:  Le  vin!  Le  vin! 

Ausserdem  finden  wir  noch  sachliche  Übereinstimmungen.  Wie 
G,  Paris  schon  sagt,  wird  in  beiden  Stücken  ein  allegorisches  Mahl 
eingenommen,  wo  wir  auch  die  meisten  wörtlichen  Entlehnungen  fest- 
gestellt haben,  und  bei  dem  als  Tafelgetränk  Honte  in  einer  mächtigen 
Tonne  serviert  wird.  Dazu  kommt  noch  folgendes:  Im  „Tournoiement 
de  l'Autechrist"  spielt  sich  der  Kampf  zwischen  der  Stadt  des 
Himmelskönigs,  Esperance,  und  der  Stadt  des  Antichrist,  Desesperance^ 
ab.  Bei  Fauvel  wohnen  die  Tugenden  in  der  Stadt  Esperance,  was 
also  direkt  aus  Mery  entlehnt  ist,  und  Fauvel  in  dem  Palast  Desespoir. 
In  beiden  Werken  thront  die  Jungfrau  Maria  in  einem  prächtigen  Zelt 
in  der  Luft,  umgeben  von  den  Heiligen.  Auch  der  Erzengel  Gabriel 
kommt  in  beiden  Gedichten  vor:  im  Tournoiement  als  mitkämpfender 
Ritter,  im  Fauvel  als  Knappe,  der  das  Abendmahl  austeilt.  Ebenso 
sind  in  beiden  Stücken  die  Waffen  der  Laster  schwarz  und  kommen 
aus  der  Hölle. 

Vor  der  allegorischen  Mahlzeit  und  vor  dem  Chalivali  finden  wir 
eine  lieihe  von  Versen,  die  wörtlich  aus  dem  „Comte  d'Anjou"  von 
Jehan  Maillart  entlehnt  sind.  Es  sind  „De  viandes  bonnes  et  fines'-'' 
(fol.  32--  bis  2.  Spalte  32^  und  fol.  34''  1.  Spalte).  Die  erste  Stelle  gibt 
ein  ganzes  Menü  der  damaligen  Zeit  und  gewährt  uns  so  einen  inter- 
essanten Einblick  in  die  Küchenkunst  zu  Anfang  des  14,  Jahrhunderts. 
G.  Paris  lehnt  glattweg  die  Annahme  ab,   dass  Maillart  diese  Stellen 


Der  Roman  de  Fauvel  309 

aus  dem  Fauvel  entnommen  habe.  Unsere  Interpolation,  sagt  er,  sei 
also  in  jedem  Fall  nach  1324,  der  Entstebungszeit  des  „Comte  d'Anjou-', 
entstanden. 

Da  die  kSacbe  mit  der  Verfasserscbaft  eng  zusammenhängt;  sehen 
wir  uns  genötigt,  die  Frage  vom  Ursprung  der  Interpolation  nicht  in 
dem  Abscbnitt  VIT  zu  erörtern,  sondern  schon  hier  vorwcgzunebmen. 
G.  Paris  ist  nämlich  ein  Versehen  untergelaufen.  Der  „Comte 
d'Anjou"  ist  erstens  nicht  1324,  sondern  wie  G.Paris  selbst  in  Hist. 
litt.  XXXI,  320  zweimal  festgestellt  hat,  im  Jahre  1310  vollendet  worden. 
Jehan  Maillart  gibt  selbst  die  Entstebungszeit  durch  folgende  Worte  au: 

Tant  qu'il  ot  sa  perfection 
En  l'iin  de  l'incarnation 
MC  CG  et  IUI  foiz  qiiatre 
Sanz  rienz  adjouster  ne  rabatre. 

Zweitens    findet    sich    aber    in    unserer  Interpolation    selbst   beim 
Turnier,  auch  eine  Jahreszahl,  die  von  G.  Paris  gar  nicht  erwähnt  und 
daher  wahrscheinlich  nicht  bemerkt  worden  ist. 
fol.  38^  2.  Spalte  6/7.  Zeile  lautet: 

En  mil  GCC  dis  et  sis  ans 
Ne  fii  veiie  tel  noblece. 

Was  ergibt  sich  hieraus?  Wenn  diese  Zahl  die  Entstebungszeit 
auch  nicht  direkt  angibt,  so  kann  man  doch  aus  der  Stelle  folgern, 
dass  die  grosse  Interpolation,  die  das  Turnier  und  auch  die  Hochzeit 
betrifft,  nicht  später  als  1316  entstanden  ist.  Anders  steht  es  aber  mit 
den  Stellen,  die  mit  dem  „Comte  d'Anjou"  fast  Wort  für  Wort 
übereinstimmen,  nämlich  der  Aufzählung  der  Speisen  und  dem  Zubette- 
gehen  der  Braut,  ebenso  mit  dem  Chal/vali^  das  mit  der  zweiten  ent-' 
lehnten  Gruppe  in  engstem  Zusammenhange  steht.  Diese  Interpolationen 
in  der  Interpolation  können  meiner  Meinung  nach  aus  verschiedenen 
Gründen  nicht  von  dem  Verfasser  der  Hauptinterpolation  und  auch 
nicht  von  Jehan  Maillart  verfasst  sein. 

Gegen  die  Verfasserschaft  des  Hauptinterpolators  spricht  folgendes: 
Die  Verse  vor  dem  Mahle  können  nicht  von  ihm  herrühren,  denn 
wir  bemerken  zu  unserem  Erstaunen,  dass  die  Gäste  gar  nichts  von 
dieser  ausführlichen  Speisekarte  essen,  dass  vielmehr  das  Gastmahl 
streng  demjenigen  im  „Tournoiement  de  1 ' An tec brist"  nachge- 
bildet ist.  Das  Verzeichnis  der  Speisen  und  der  Weine  hat  also  mit 
der  Haupterzählung  nichts  zu  tun  und  erweist  sich,  wie  wir  von  vorn- 
herein annahmen,  als  späteren  Zusatz,  Dies  muss  dann  auch  mit  den 
vor  dem  Chalivall  stehenden  Versen  der  Fall  sein,  denn  es  ist  doch 
kaum  möglich,  dass  die  zwei  aus  Jehan  Maillart  entlehnten  Stellen 
von  verschiedeneu  Dichtern  unabhängig  voneinander  entlehnt  und  ein- 
geschoben sein  sollten. 


310  Robert  Hess 

Die  grosse  Interpolation  hat  aber  den  Jehan  Maillart  nicht  zum 
Verfasser.    Dagegen  sprechen  folgende  Gründe: 

1.  Die  Jahreszahl  ist  bei  beiden  Werken  dieselbe.  Es  kommt  nun 
aber  noch  heute  selten  vor,  dass  ein  Autor  zwei  bedeutende 
Werke  in  einem  Jahre  herausgibt,  wie  viel  weniger  wird  dies  damals 
der  Fall  gewesen  sein,  wo  man  erstens  lange  nicht  so  geschäftig 
und  hastig  war  wie  heutzutage  und  vor  allem  nicht  die  heutigen  Hilfs- 
mittel zum  Anfertigen  eines  Werkes  zur  Verfügung  standen. 

Es  kommt  noch  hinzu,  dass  Jehan  Maillart  besonders  und  aus- 
drücklich hervorhebt,  dass  ihm  der  „Comte  d'Anjou"  erst  nach 
langer,  langer  Mühe  und  Arbeit  gelungen  sei. 

Je  qul  a  ce  dit  rimoier 

Ai  voulu  mon  dit  emploier 

Et  lonc  temps  y  ay  mis  m'estnde 

Comment  que  mon  enging  soit  riide. 

Er  hat  demnach  kaum  in  demselben  Jahre  noch  eine  Interpolation 
von  2000  Versen  verfasst. 

2.  Die  zweite  interpolierte  Stelle  steht,  wie  schon  oft  erwähnt,  im 
engsten  Zusammenhang  mit  dem  Chalivaii,  ja  es  scheint  mir,  dass  sie 
gerade  zu  dem  Zwecke  eingefügt  worden  ist,  um  die  Beschreibung  der 
Katzenmusik  am  besten  anzubringen.  Seinem  ganzen  schriftstellerischen 
Charakter  nach  kann  nun  Jehan  Maillart  diese  Lärmszenen  nicht 
geschrieben  haben,  denn,  wie  er  im  Anfang  seines  Werkes  auseinander- 
setzt, (H ist.  litt.  XXXI,  323),  ist  er  jeglicher  Lärmerei,  Schnurrpfeiferei, 
sogar  den  Ritterromanen  und  Liebesliederu  abhold.  Das  Chalivaii  kann 
hiernach  unmöglich  von  ihm  stammen. 

Die  ganze  Frage  ist  vielmehr  vermutlich  so  zu  lösen.  Die  Haupt- 
interpolatiou  ist  kurz  nach  1316  entstanden.  Die  beiden  Entlehnungen 
aus  Jehan  Maillart  und  das  Chalivaii  kamen  erst  viel  später  in  das 
Werk  und  zwar  durch  den  Bearbeiter,  der  die  ganze  Kompilation  in  der 
Handschrift  146  zusammengefasst  hat.  Seinem  Charakter  entsprechend 
—  wir  werden  gleich  darauf  zurückkommen  —  fügte  er  die  Speise- 
karte aus  J  eil  au  Maillart  vor  dem  allegorischen  Mahle  ein.  Ebenso 
entnahm  er  diesem  Dichter  das  Zubettegehen  der  Braut,  weil  es  ihm 
die  beste  Gelegenheit  bot,  das  Chalivaii^  das  er  gerne  unterbringen 
wollte,  in  das  Gefüge  des  Stückes  einzuordnen.  Dem  Beispiele  der 
vorhergehenden  Dichter  folgend,  versah  auch  er  seine  Einschiebung  mit 
Musikstücken.     Vgl.  damit  Langlois'  Ansicht  im  Anhang  S.  46. 

Es  bleiben  uns  jetzt  noch  einige  Worte  über  den  Schluss,  den 
Jugendbrunnen  und  das  Gebet  vor  dem  Schluss  zu  sagen.  Hat  sich 
der  Kopist  beim  Abschreiben  überhaupt  schriftstellerisch  betätigt,  so 
wird  er  es  sicher  am  Schlüsse  getan  haben,  denn  kaum  ein  Über- 
arbeiter   lässt   es   sich    entgehen,   den  Schluss   selbst  zu  machen  oder 


Der  Roman  de  Fauvel  311 

etwas  umzug-egtalten.  Bei  einem  Vergleich  des  Schlusses  von  Hs.  2139 
und  von  unserer  Hs.  146  finden  wir  in  der  Tat  einen  beträchtlichen 
Unterschied.  Hs.  146  endigt  mit  dem  merkwürdigen  Verse,  auf  den 
wir  oben  (S.  12)  schon  hingewiesen  haben: 

J'ai  sef,  il  est  temps  que  je  boive. 
Dieser  Schluss  drückt  doch  wohl  dieselbe  Stimmung  aus  wie  das 
Challvali:  Freude  am  Leben,  Essen  und  Trinken  und  fröhlicher  Ge- 
selligkeit. Liegt  da  nicht  eine  innere  Wahrscheinlichkeit  vor,  dass  der 
Verfasser  des  Challvali  auch  der  des  Schlusses  ist?  Zu  bemerken  ist 
noch,  dass  der  Kopist  kein  grosser  Dichter  war,  im  Bau  der  Verse 
steht  er  dem  Hauptinterpolator  nach,  Beispiele  siehe  unten.  Deshalb 
wird  auch  die  gutgereimte  Episode  des  Jugendbrunnens  nicht  von  ihm 
verfasst  sein.  Sie  ist  vielmehr  dem  Verfasser  des  Turniers  zuzai- 
schreiben,  mit  dessen  Auffassung,  Reimart  und  Erfindungsgabe  sie  voll- 
ständig übereinstimmt.  Zweifelhaft  kann  die  Verfasserschaft  beim 
Gebete  sein.  Es  steht  mit  seiner  zur  Schau  getragenen  Frömmigkeit 
durchaus  nicht  im  Einklang  mit  der  Sinnesart  des  in  Rede  stehenden 
Kopisten,  eher  wäre  es  dem  frommen  Verfasser  des  Turniers  zuzu- 
schreiben.   Dem  widersprechen  jedoch  die  schlechten  holprigen  Reime. 

Beispiel:  Enseigna  nous  et  sermoniia 

Et  mains  bons  exemples  clonna.  fol.  43^. 

Ebenso:  Vuelle  dieu  que  ixne  rousee 

Viengne  da  ciel  bien  espur6e 

Si  fera  il  qui  effacera 

Leur  weil,  ne  sai  quant  ce  sera.  fol.  42v  Sp.  1. 

Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  stammt  das  Gebet  doch  vom  Ko- 
pisten, aber  es  ist  wohl  nicht  von  ihm  selbst  verfasst,  sondern  anders 
woher  entnommen  und  etwas  umgearbeitet.  Er  wollte  damit  vermut- 
lich das  unmittelbar  vorausgehende  Gebet  von  8  Zeilen,  das  wir  auch 
in  der  Hs.  2139  finden  weiter  ausführen. 

Inwiefern  die  Verse,  in  denen  die  Namen  Frangois  de  Rues  und 
Chaillou  de  Pestain  genannt  werden,  eine  Interpolation  sind,  wird  in 
Abschn.  VH  besprochen  werden. 

Die  Hauptinterpolation  bezeichnen  wir  mit  B  I,  die  kleineren  Ein- 
schiebe mit  B  I  a. 

Anmerkung.  G.  Paris  erwähnt  ausdrücklich,  dass  die  Musikstücke 
des  Challvali  sich  nicht  im  Anfang  der  Hs.  in  dem  Verzeichnis  aller 
Gesänge  des  Werkes  befinden.  Wir  könnten  dann  hier  diese  Tat- 
sache als  weiteren  Beweis  dafür  heranziehen,  dass  das  Challvali  vom 
Kopisten  stamme,  der,  als  er  das  ganze  Werk  zusammenfasste,  sorg- 
fältig alle  Musikstellen  herausgesucht  und  sie  dem  Werke  voraus- 
geschickt habe.  Als  er  aber  beim  Abschreiben  des  Werkes  da  angelangt 
sei,  wo  er  ein  Chalivali  unterbringen  konnte,    habe  er    dieses  mit  dem 

Homanisclis  Forachungen.  XXVII.  20 


312  Robert  Hess 

Zubetteg-ehen  der  Bniut  in  ZusammenhaDg  gesetzt,  das  er  aus  Maillart 
iibernommeri,  ebenso  wie  die  Speisekarte.  Dem  Beispiele  des  vorher- 
gebendeu  Dichters  folgend,  seien  auch  seiner  Einschiebung  von  ihm 
Musikstücke  hinzugefügt  worden,  die  er  dunu  natürlich  nicht  mehr  in 
das  Inhaltsverzeichnis  der  Handschrift  habe  setzen  können.  Dieser 
Annahme  widerspricht  aber  folgender  Umstand.  Wie  wir  oben  gesehen 
haben,  stammen  Schluss  und  Chalivali  höchstwahrscheinlich  von  einem 
und  demselben  Dichter.  Nun  ist  aber  dem  Schluss  ein  Trinklied  bei- 
gefügt, und  dieses  müsste  nach  jener  Annahme  ebenso  wie  die  Musik- 
stücke des  Chalivali  nicht  im  Inhaltsverzeichnis  der  Handschrift 
stehen.  Da  wir  es  aber  doch  dort  finden,  können  wir  diese  Erklärung 
nicht  annehmen,  sondern  werden  Aubry  beistimmen,  der  in  seiner 
Einleitung  die  Meinung  ausspricht,  dass  diese  Musikstücke  als  Refrains 
behandelt  und  als  solche,  wie  stets  in  der  Handschrift,  nicht  in  das  In- 
haltsverzeichnis aufgenommen  worden  sind. 

Y.  Sprt.che  des  Romans. 

Da  wir  es  hier  nicht  mit  einer  kritischen  Ausgabe,  sondern  nur 
mit  einer  Handschrift  in  photographischem  Abdruck  zu  tun  haben, 
können  wir  nicht  nach  einer  allgemein  gültigen  Silbenzählung  zitieren, 
sondern  nur  nach  Blättern  und  Spalten  der  Handschrift.  Aus  demselben 
Grunde  ist  es  auch  klar,  dass  wir  unsere  Untersuchung  auf  die  Reime 
beschränken  müssen,  die  allein  für  die  Sprache  des  Verfassers  mass- 
gebend sind. 

A.  Lautlehre. 

I.  Vokalismus. 

1.  Betonte  Vokale. 

a. 

Das  Suffix  -alem  erscheint  als  -al  oder  el: 
-ül:  esper ital :  cristal  fol.  10'  Sp.  2. 

general  :  mefiesteral  fol.  38'   Sp.  3. 

celestial  :  especial  fol.  42^^  Sj).  2. 
-el:  Morel  :  t  empor  el  fol.  7'   Sp.  1. 

naturel  :  durel  fol.  13^  Sp.  2. 

chardonnerel :  menesterel  fol.  36^  Sp.  2. 
Die  Erklärung  für  diese  Erscheinung  ist  allgemein  bekannt,  so  dass 
wir  hierbei  nicht  länger  zu  verweilen  brauchen.    (Vgl.  auch:  Nathan, 
Das  lat.  Suffix  -alis  im  Franz.     Diss.  Strassburg  1886.) 

Das  Suffix  'üticum  erscheint  regelmässig  als  -age,  ebenso  -abiletn, 

>  -able. 

sages  :  visages  fol.  9^  Sp.  1. 
sage  :  heritage  fol.  lA"'  S]).  2 
und  esfable  :  honorable  fol,  1'. 


Der  Roman  de  Fauvel  313 

Zu  erwähnen  ist  sodann  die  Form  larmes  in  dem  Verse: 
armes  :  larmes  fol.  31"^  Sp.  2. 

larmes  statt  lautgesetzlichem  lermes  erklärt  sich  aus  der  Tendenz 
des  Pariser  Volkes,  a  vor  r  in  e  zu  verwandeln.  Man  sprach  also 
asperge  neben  asparge  (<  asparagiim).  Da  so  die  beiden  Formen 
nebeneinander  bestanden,  bildete  man  auch  umgekehrt  zn  dem  laut- 
gesetzlichen  leniie  ein  lärme.  Dieser  Vorgang  scheint  also  zuerst  in 
der  IsIe-de-FVance  stattgefunden  und  von  da  aus  sich  weiter  verbreitet 
zu  haben.  So  erklärt  sich  auch  der  Reim :  sarge  {serica)  :  large  fol.  16^ 
Sp,  1,  der  auch  Rutebeuf  ü,  74  vorkommt.  (Siehe  Metzke:  Der 
Dialekt  von  Ile  de  France  im  XTII,  und  XIV.  Jahrhundert. 
Diss.  Breslau  1888  S.  9.) 

a,  e. 

Das  Verhalten  dieser  Laute  vor  Konsonant  ist  sehr  wichtig  für  die 
Dialektbestimmung.  Bekanntlich  reimen,  von  einzelnen  Ausnahmen  ab- 
gesehen, im  Pikardischen  und  im  Kormannischen  Dialekt  an  -|-  Kons, 
und  en  -|-  Kons,  nicht  miteinander,  während  das  Französische  und  das 
Champagnische  diese  Scheidung  nicht  kennt.  Nur  vor  ursprünglichem 
m  -f-  Kons,  wird  auch  im  Norden  e  >  a. 

2  Fälle  der  letzteren  Art  finden  wir  in: 
amble  :  resamble  fol.  13"^  Sp.  1. 
esamples  :  amples  fol.  20''  Sp.  2. 

Sonst, hat  weder  A,  das  erste  Buch,  noch  B,  das  ursprüngliche 
zweite  Buch,  Reime  von  en  -f-  Kons,  zu  an  -f-  Kons. 

an  ce  :  halance   fol.  5^  Sp.  1    in  A   rührt   von  einem  Kopisten  und 
nicht  vom  Verfasser  her.    Nur  B  I,    die  Hauptinterpolatiou  im  zweiten 
Buche,  hat  zwei  Ausnahmen: 
riant :  escient  fol.  39'. 
talant  :  alatit  fol.  39', 
aber  beide  Wörter,  escient  wie  talant,  sind  im  Pikardischen  schwankend, 
sie  reimen  teils  zw.  ent,  teils  zu  ant.     (Vgl.  Haase:  Das  Verhalten  der 
pik.  und  wallonischen  Denkmäler  in  bezug  auf  a  und  e  vor  gedecktem  n. 
Halle  Diss.  1888.) 

Vor  einfachem  Nasal  ist  der  Übergang  von  e  zu  ä  schon  früh  voll- 
zogen : 

fame  :  ame  fol.  12''  Sp.  1,  :  clame  fol.  15^  Sp.  1,  :  gatne  fol.  14^ 
Sp.  2  u.  a.; 

auch  vortonig:  hanir  :  hanir  (hiunire)  fol.  10'  Sp.  2. 

e. 
1.  e  <  vlt.  e  ist  mit  e  aus  vlt.  a  -j-  /  gemischt: 
cham23estre  :  pestre  fol.  1^. 
esfre  :  mestre  fol.  2',  7^  u.  s.  w. 

20* 


314  Robert  Hess 

2.  e  <  rt  reimt  mit  e  <  a  -f~  /,  ist  also  zu  ^  geworden;  aber  nur 
vor  r: 

plere  :  pere  fol.  2^  Sp.  1,  fol.  5'  Sp.  2. 

faire  :  mere  fol.  9'  Sp.  1. 

mere  :  traire  fol.  9"^  Sp.  1,  :  trere  fol.  23'  Sp.  2. 

a/;ere  :  affere  fol.  ll""  Sp.  2. 

faire  :  amere  fol.  16'  Sp.  3,  20^  Sp.  3. 

fere  :  pere  fol.  20'  Sp.  2,  20''  Sp.  2. 

mere  :  brere  fol.  28'  Sp.  2. 

3,  Ebenso  reimt  vlt.  e  =  class.  ged.  i  mit  e  aus  a  +  h  ^^so  eben- 
falls >  e  geworden. 

metent :  souhaitent  fol.  32'  Sp.  1. 
charetes  :f altes  fol.  34"^  Sp.  1. 
7ietes ;  pourtretes  fol.  38^  Sp.  2. 

f. 
e  -<  a  reimt  nicht  nur  mit  sich    selbst,    sondern,    wie    wir   schon 
auf  dieser  Seite  gesehen  haben,  vor  r  mit  e  <.a-{-i  und  ist  folglich  in 
dieser  Stellung  schon  zu  e  geworden.    Im  Auslaut  erhielt  sich  e. 

1.  e  vor  r:  e  <  a. 

erent :  apperent  fol.  20  Sp.  1. 
eretit :  alerent  fol.  33'  Sp.  2. 

2.  Auslaut:  e  reimt  mit  f  <  a. 

degreisegre  fol.  lö'^  Sp.  1. 
se^r^  :  gre  fol.  28'  Sp.  3. 

3.  a-\-  i  reimt  mit  e  <  a. 

e  (=  /ai) :  quite  fol.  30"^  Sp.  2. 

se  (=  saO  :  pense  fol.  30^  Sp.  3. 
Der    PiCim    Fere   (=  Pierre)  :  pere  (<  patrem)    fol.  4   Sp.  2    ist 
korrekt.    Nach  Mussafiu,  Zschr.  III,  248    hat  Fere   unter   dem  Ein- 
fluss  von  pere  <  patrem  ein  e  bekommen, 

i. 

I  +  2  >  ^■  und  reimt  mit  i  <  vlt.  i. 

Diese  Entwicklung  von  e  -f-  i  treffen  wir  im  Zentrum,  in  der 
Champagne  und  der  nordöstlichen  Normandie,  während  im  Süd- 
normannischen,  in  den  östlichen  und  nordöstlichen  Dialekten  der  Triphtong 
iei  zu  ei  reduziert  wird. 

dire  :  sire  fol.  3'  Sp.  \,  3^  Sp.  2,  9^  Sp.  1  etc. 
Ire  :  esiire  fol.  13^  Sp.  2  u.  s.  w. 
Die  Heime  auf  ie  zeigen,  dass  die  Reduzierung  von  iee  >  ie  allen 
Verfassern  zuzuschreiben  ist.    Ausnahmen  gibt  es  nicht. 


Der  Roman  de  Fauvel  315 

mesnie  :  vie  fol.  1",  28""  Sp.  3 :  tricherie  fol,  9^  Sp.  2. 

:  niestrie    fol.    IS""  Sp.  2  :  coniimignie    fol.    14^    Sp.    2, 

yP  Sp.  1. 
:  enrag'xe  fol.  34^  Sp.  2. 

acomparagie  :  mestrie  fol.  4^  Sp.  1. 

„  :  ydolatrie  fol.  IS"". 

mercie :  /«e  (<  laeta)  fol.  31^  Sp.  3. 

dragie  :  c^^r^/c  fol.  SO""  Sp.  3  :  envie  fol.  32^  Sp.  2. 

:  mle  fol.  33'"  Sp.  1. 

lignie  :  f/v'e  fol.  42"^. 

i 

bietet  nichts  BesoDCJercs,  der  Laut  reimt  in  der  Kegel  mit  sich  selbst. 

Der  Keim :  royne  :  benigne  fol.  20^  Sp.  1  beweist  die  auch  sonst  belegte 

Aussprache  Ine  für  benigne. 

0  (o  und  o). 
Hier  trefTen  wir  auf  Verse,  in  denen  sich  scheinbar  q  und  o  mischen. 
espouse  :  clouse  fol.  b"'  Sp.  2. 
force  :  pour  ce  fol.  10"^  Sp.  1. 
anwurs  :  a  mours  (mortem  -\-  s)  fol.  18^  Sp.  3. 
mor{t)7ie  :  bestorne  fol.  4*"   Sp.  1. 
Bei  näherer  Betrachtung  finden  wir,  dass  der  erste  Vers  einer  von 
den   vielen'    ist,    in   denen    in    unserer  Hs.    nicht    iglise    mit  mise  oder 
anderen  "Wörtern  -ise  reimt,  sondern  wo  der  Vers  etwas  umgearbeitet, 
also    wohl    auf  Kechniing    eines  Kopisten    zu  setzen   ist.     Aber  selbst, 
wenn    wir    den  Vers   hier   dem  Verfasser  zuschreiben,    ist  o  :  o  zu  er- 
klären,   da  es  feststeht,   dass  9  aus  lat.  au  bereits  im  13.  Jahrhundert 
einzeln  besonders  vor  s  mit  o  reimte    und   wohl   zusammenfiel.     Siehe 
Suchier  S.  17—18  und  Bruuot:  Hist.  de  la  langue  fr.  S.  333. 

Auch  der  zweite  Vers  beweist  nicht  eine  Vermischung  von  o  und  o, 
denn  gerade  die  Stelle,  an  der  er  sich  befindet,  ist  in  Hs.  146  ver- 
derbt, der  Vers  mit  pour  ce  hat  dazu  noch  eine  Silbe  zu  wenig.  Die 
richtige  Lesart  gibt  uns  Hs.  2139: 

D'estat,  de  richesce  ou  de  force 
Que  j'os  bien  dire  que  pour  force 
N'est  pas  au  jour  d'hui  bien  rendue 
L'enneur 

WO  force  mit  sich  selbst  reimt,  aber  in  verschiedener  Bedeutung. 

Anders  steht  es  mit  dem  dritten  Falle,  wo  lat.  amörem:  lat.  mortem 
reimt.  Hier  hat  der  Dichter  wohl  ein  Wortspiel  setzen  wollen  und  also 
absichtlich  einen  Keim  von  o  :  o  genommen.  Es  liegt  also  ungenauer 
Reim  vor. 

Auch  der  vierte  Fall  ist  lautlich  zu  erklären.  In  mort  ne  wird 
das  0  vortonig  behandelt.    Es  wird  also  zu  0  und  reimt  daher  korrekt 


316  Robert  Hess 

mit  bestorne.   Allerdings  Laben  wir  es  hier  mit  einem  leoninischen  Reim 
zu  tun,  der  bei  unserer  Untersuchung-  eigentlich  nicht  nötig  ist. 

Ein  fünfter  Fall:  noces  :  croces  fol.  Sl""  Sp.  1  kommt  für  uns  nicht 
in  Betracht,  da  wir  es  hier  mit  einem  Lehnworte  zu  tun  haben. 

eu  (Lautwert  ö). 
eu  <i  vlt.  ö  ist  mit  vlt.  e  (kl.  ^)  -}-  u  (<  l  Kons.)  zusammengefallen 
und  reimt  mit  eu  <  vlt.  a-\-  l  Kons.    Diese  Erscheinung  linden  wir  im 
Frauzischen  seit  dem  Anfang  des  13,  Jahrhunderts. 
neveus  :  cheveus  fol.  7^. 
greveus  {-ahm  -\-  s)  :  neveus  fol.  19"^  Sp.  1. 
-osum^  -orem  >  -eiis,  -eur. 

aventureuse  :  Jieuse  fol.  16"^  Sp.  2  u.  s.  w. 
angoisseuse  :  epoiise  fol.  44'  zeigt  pikardische  Färbung,   wir  finden 
einen  ähnlichen  Reim  in  „Blancandiu  et  l'Orgueilleuse  d'amour" 
ed.  Michelant,  Vers  1281:1282. 
orgilleuse  :  espoiise. 
Für  p  finden  wir  vor  -re   fast  immer  die  Schreibung  ew,  wie  z.  B. 
in  demeure,  eure,  onneurent,  pleure  u.'S.  w. 

u. 
Über   die  Form  rieiime  =  nfr.  rhume    siehe    unter  ieu.    Sonst   ist 
die  Entwicklung  regelmässig. 

2.  Betonte  Diphthonge. 
ai. 
Dieser  Laut,   ursprünglich    ein  Dii)hthong,   hatte  schon  längst  den 
Lautwert  e,  siehe  unter  e.    . 

Im  Osten  und  Westen  wird  ei  >  al  vor  /: 
traveillie  :  veillie  fol.  21^  Sp.  1. 

ai. 

(d  <  a  -f-  Nasal  ist  mit  el  <  vlt.  e  -f-  Nas.  zusammengefallen. 

painne  :  plainne  (plana)  fol.  3'"  :  modaitmc  fol.  16»"  Sp.  2, :  certalnne 

fol.  23-^  Sp.  2  u.  s.  w. 

oi. 

qi  <  vlt.  au  oder  q  +  /  ist  mit  qi  <  ei  <  vlt.  r  (kl.  fr.  e  oder  i) 
zusammengefallen. 

joieivoie  fol.  4^  Sp.  1,  fol.  F)'"  u.  a.  icoie  fol.  IS"". 
:  monnoie  fol.  23^  Sp.  1  :  proie  fol.  32»^  Sp.  3. 
memoire  :  noire  fol.  2^  Sp.  2  :  boire  fol.  30'  Sp.  3. 
Der  Lautwert  des  Diphthongen  ist  oe,  der  zuerst,  Ende  des  12.  Jahr- 
hunderts,   in  den  nördlichen  Dialekten  z.  B.  bei  Landri  de  Waben, 
Jean  Bodcl  und  Guy  de  Cambrai  sich  findet,    in    den  südlicheren 


Der  Roman  de  Fauvul  317 

Gegenden    erst   seit  Mitte   des  13.  Jahrhunderts  vorkommt.    Bewiesen 
wird  der  Lnutwert  oe  dureli  folgende  Keime: 

roy  :  tralray  fol.  23^  Sp.  1. 

manoir :  dir  fol,  32*  8p.  1. 

pale  :  monnoie  fol.  21'"  Sp.  2. 

ot 

hat  den  Laiitwert  Oß. 

moinnes  :  poinnes  fol.  34'"  Sp.  2. 
compaignes  :  esloignes  fol.  41'"  Sp.  1. 

ie. 
Das  Suffix  -ar'tum  hat  fast  regelmässig-  -ier  ergeben;    nur  2  Fälle 

eiere  :  maniere  fol.  4^  Sp.  2  (nicht  iirspr,  Text) 
und  maniere  :  mere  fol.  40'  Sp.  1, 
sowie  clere  :  chiere  fol.  37^  Sp.  2,    wo  das  Bartsche  Gesetz  nicht  mehr 
wirkt,  sprechen  für  die  Wandlung  von  ie  >  e,    die  seit  dem  13.  Jahr- 
hundert langsam  eingetreten  ist.    (Siehe  auch  unbetontes  ie.)    In  unserem 
Text  findet  sich,  wie  auch  sonst,  pite  neben  ■pitie  : 
pitie  :  ami(s)tie  fol.  9'^  Sp.  2. 
deiU  :  pitS  fol.  18^  Sp.  3. 
pite  :  hmnilite  fol.  20^  Sp.  3. 
materia  wird  matere  in: 

penthere  :  mat(i)ere  fol.  14^  Sp.  1. 

ieu  (Lautwert  iö). 

Hier  finden  wir  den  Reim  rieume  :  Heume  fol.  15^',  wo  nfrz.  rhume 
nicht  mit  theme  reimen  würde.  Eine  gute  Erklärung  dafür  finden  wir 
in  Burgass:  Darstellung  des  Dialekts  im  13.  Jahrhundert 
in  den  Departements  „Seine- Inf eri eure"  und  Eure  (Haute 
Normandie),  Diss.  Halle  1889.  Seite  13  sagt  er  bei  betontem  lat.  m, 
dass  dieses  im  Patois  von  Pont-Aiidemer  wiedergegeben  wird  durch  ö. 
Kobin,  Diotiounaire  du  Patois  Normand  p.  180,  sagt:  „C/soune 
generalemeut  eu  dans  la  bouche  de  nos  paysans  normands"  und  führt 
unter  seinen  Beispielen  rheunie  als  Mask.  und  daneben  als  Fem.  rhleme 
an,  das  sich  auch  in  der  Muse  Normande  so  findet,  nämlich: 
Ne  defale  point  ton  capel 
Et  garde  hien  d'avoir  la  riemc. 

Dieselbe  Erscheinung  zeigt  sich  auch  in  Seine- Införieure  und  zwar 
im  Patois  der   Vallee  d'Jh-es. 

Die  Folgerung  liegt  hiernach  nahe,  dass  der  Verfasser  von  B  ricmc 
mit  teme,  das  er  vielleicht  tieme  aussprach,  reimte,  und  dass  ein  späterer 
Kopist  ritime  graphisch  an  reumc  als  rieume  auglich  und  nach  dieser 
Form  auch  tieuine  schrieb. 


318  Robert  Hess 

Auch  ohne  die  gründliche  Untersuchung  von  Burgass  wären  wir 
vielleicht  zu  demselben  Ergebnis  gekommen,  da  Godefroy  als  norm. 
Form  von  rhume  rihne  und  rieunie  anführt;  der  Atlas  linguistique 
von  Gillieron,  Tafel  1155  für  die  heutige  Pikardie  und  Normandie 
die  Formen  reme  und  riettie  belegt.  Aus  diesen  Tatsachen  hätten  wir 
dann  leicht  denselben  Schluss  ziehen  können. 

au. 
Dass  lat.  au  einzeln  schon  p  geworden  war,   haben  wir   unter   o 
gesehen ;  au  aus  a  •+-  ^  Kons,  ist  noch  o. 

Wir  können  dies  allerdings  nur  an  einem  vortonigen  und  leoninischen 
Reim  zeigen,  der  nicht  besonders  beweiskräftig  ist. 
menestraudie  :  melodie  fol.  33'  Sp.  1. 

ui. 
Die  steigende  Betonung  von  iu  ist  gesichert  durch  die  Reime  mit  i, 
aber  solche  Reime  finden  wir  nur  in  B  I,  keinen  einzigen  in  A  und  B. 

suite  :  subite  fol.  31^  Sp,  2. 

deduisent  :  prisent  fol.  32^  Sp.  2  :  brisent  fol.  40^  Sp.  1. 
euivre  :  ivre  fol.  34'  Sp.  2. 
lui :  abeli  fol.  38^  Sp.  1. 
ruine  :  fauveline  fol.  42^  Sp.  1. 
Leonin.  Reim :  luisans  :  sis  ans  fol.  38'  Sp.  2. 

Unbetonte  Silben. 

1.  Unbetonte  Vokale. 
Es  handelt  sich  hier  meistens  um  leoninische  Reime,  die  allerdings 
nicht  obligatorisch  sind. 

a. 

Bekannt  ist  die  Vorliebe  des  Afrz.  für  a  in  vortoniger  Silbe,  das 
daher  oft  für  andere  Vokale  verwendet  wird,  z.  B.  Interjektion  ha 
neben  he. 

halas  (statt  helas)  :  a  las  fol.  7"'. 
In    folgenden   leoninischen  Reimen    ist   es   schwer  zu  entscheiden, 
ob  vor  r  e  >  a  oder  a  >  e  geworden  ist : 

guersay  :  parsay  fol.  31"^  Sp.  1  und  auch  guarsay  :  parsay. 
harnois :  yver  nois  fol.  38'  Sp.  2. 

ä,  e. 
Ein  Reim   von    an  -f-  Kons.  :  en  -\-  Kons,    kommt   nur  in  B  I   vor, 
sonst  sind  in  A  und  in  B  keine  solchen  Reime  zu  finden. 
manoir :  en  air  fol.  32'  Sp.  1. 


Vortoniges  al  und  e  haben  denselben  Lautwert. 


Der  Roman  de  Fanvel  319 

•petiz :  fetiz  fol.  l''. 
passerai  :  tairrai  fol.  7^. 
desiir  :  plaislr  fol.  23'  »Sp.  2. 
mestier  :  traitier  fol.  31'"  Sp.  2. 
(Bemerkenswert  ist  die  Erhaltung  des  e  in :  soiipecon  :  lecon  fol.  O*" 
Sp.  1-2.) 

2.  Unbetonte  Diphthonge. 

ie. 
Wie   bei   betontem   ie   ist   auch   bei  unbetontem  ie  schon  >  e  ge- 
worden. 

esperiz  :  chieriz  fol.  34''  Sp.  1. 

M.  Konsonantismus. 

1.  Einfache  Konsonanten. 
a)  Liquide. 
l. 
l  vor  einem  Konsonant  ist  aligemein  vokalisiert,  manchmal  wird  es 
noch  geschrieben. 

Im  Reime  fällt  es  nie  aus. 

Reime  von  l :  /  finden  wir  in  B  und  B I,  meistens  bei  A. 
quille  :  Virgile  fol.  11^  Sp.  1. 
ville  :  ßle  fol.  13^  Sp.  1. 
villes-.filles  fol.  31'  Sp.  3. 
estrille  :  vile  fol.  42^  Sp.  2. 

/". 
r  ist  im  Reim  vor  und  hinter  Kons,  vernachlässigt  in: 

07'dre  :  orde  fol.  Q""  Sp.  1. 

gete  :  poverte  fol.  23'  Sp.  1. 

monfe  :  encontre  fol.  32"^  Sp.  1. 

ordre :  remorde  fol.  38'  Sp.  2. 

Leon.  Reime:  a(r)doise  :  adoise  fol.  11'  Sp.  2. 

agiie  :  ar^^/e  fol.  32'  Sp.  2. 

Reicher  Reim:  livrer  :  estriver  fol.  32'  Sp.  2. 

estranges :  angres  fol.  33'  Sp.  2. 
arigres   fol.  33'    Sp.  2   ist    mit    Vernachlässigung    des  r  :  estratiges 
gereimt. 

^ :  r  reimt  in : 

Secile  :  dire  fol.  9'  Sp.  1. 

b)  Nasale. 

m,  n. 
n  reimt  mit  n  in: 

destinee  :  aloingnee  (reicher  Reim)  fol.  40'  Sp.  1. 


320  Robert  Hess 

vlt.  m  reimt  zu  n  in: 

condicions  :  kons  fol.  23^  Sp.  2. 
redempcion  :  enteticion  fol.  43\ 

c)  Labiale  und  Dentale. 
b  ist  regelmässig  zwischen  m  r,  v;^  ^  eingeschoben,  ebenso  d  zwischen 
nr,  Id.    Lat.  i  >  y  kann  vor  einem  Kons,  (r)  ansfiillen: 
aront  (statt  avr(mt):joar  ont  fol.  21"^  Sp.  2. 
aroies :  savoies  fol.  23'  Sp.  2. 
rtro«7  :  s«ro/<  fol.  20'  Sp    3  u.  ö. 
aroient :  recuidroient  fol.  20'  Sp.  3. 
Dieser  Wegfall    des  -v    in  aooir   und    savoir   findet    sich   meist  im 
Pik.,  Wall,  einzeln  im  Zentrum.  Siehe  Suchier:  Reimpredigt  XXIX,  43, 
Foerster  Ch.  II   esp.  LIV. 

d)  Die  Sibilanten.  ' 

s  und  z. 
Auf  die  Verstummung    von  s  vor  Kons,  weisen  folgende  Reime  in 
BI  hin. 

saintisme  :  hautime  fol.  44'^'. 
Leon.  Reime:  racheter  :arresier  fol.  QP  Sp.  1. 
vontrer :  moiistrer  fol.  31^  Sp.  1. 
nature  :  pasture  fol.  38'  Sp.  2. 
assemer  :  g.smcr  fol.  38^  Sp.  2. 
Den  für  das  Pikardiscbe  charakteristischen  Zug,  s  und  z  nicht  zu 
scheiden,  finden  wir  in  den  folgenden  Versen  von  A  und  B,  aber  auch 
in  B  I. 

piz:  pis  fol.  2"  Sp.  1. 
vemiz  :  Venus  fol.  10^'  Sp.  1. 
delh  :  lis  fol.  42^  Sp.  1. 
tuez :  tu  ez  (=  es)  fol.  28'  Sp.  3. 
Das  Suffix  -itia  >  ise  reimt  mit  stimmhaftem  ö'. 
(/läse  :  seroise  fol.  7'. 
justice :  tnise  fol.  9"^  S]).  1  u.  s.  w. 
Aber  auch  als  -ice  mit  stimmlosen  .s. 

Service  :  avarice  fol.  8'  Sj).  2. 
Horning  in  Zschr.  f.  rom.  Phil  XXIV,  545  erklärt  beide  Doppcl- 
formen  für  halbgelehrt. 

e)  Palatale. 

Bei    einer  Untersuchung    über  Palatale    können   wir  kein  Gewicht 

auf  die  Schreibung  einer  Handschrift  legen.     (Ms.  146  weist  manchmal 

l)ikardische  Schreibung  wie  c  statt  ch  vor  a,  c  statt  qu  etc.)    Die  Keime 

selbst  geben  aber  wenig  Auskunft.     Rein  pik.  Reime  finden  wir  keine, 


Der  Roman  de  Fauvol  321 

dagegen  folgende  halb  pik.  und  lialh  franz.  Reime,  die  von  den  einen 
als  Dialektniischung,  von  anderen  Avieder  als  blosse  Augenreimc  erklärt 
Avcrden.     In  ihnen  reimt  franzisch,  ts  :  ts,  pik.  k  :  ts. 

blanche:  senefiance  fol.  2^  Sp.  2. 

pcchie '.  adreci^  fol.  ö«". 
Reicher  Reim:  c/iieres  ibobancieres  fol.  40"  Sp.  2. 

B.  Flexionslehre. 

Da  sich  in  der  jüngeren  Periode,  die  ungefähr  1100  anfängt,  die 
Analogiewirkung  stark  geltend  macht,  werden  wir  bei  unserem  Denk- 
mal aus  dem  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  von  vornherein  sehr  mit 
der  Analogie  zu  rechnen  haben. 

1.  Das  Substantivum. 

a)  Maskulinum. 
I  a. 
Sg.  N.  -  s  PI.  N.  — 
Obl.  —         Obl.  -s. 
Der  alte  N.  y^g.  -s  ist  noch  erhalten  in: 
ßchiez'.chiez  fol.  21'''  Sp,  1.  in: 

Des  biens  mordains  ou  icrt  fichiez, 
Aussi  tristre  en  est  li  chiez. 

fers-.enfers  fol.  43"^: 

Oll  gisoient  plus  dur  qu'en  fers 
Adonc  fii  bien  robez  enfers. 

wenn  wir  fers  als  Acc.  PI.  auffassen. 

Den  Ausfall  des  stammauslautenden  Kons-  vor  Flexions- s  zeigt 
uns  das  Beispiel  von  enfers. 

Das  Eindringen  der  Acc. -Form  in  den  Nom.  zeigen  uns  Beispiele  wie: 
cÄ2e/(:  meschief  Acc,  Sg.)  fol.  8^  in: 

Bien  pert  Fauvel  est  mauves  chief 
Un  ordre  ara  mis  a  raeschief. 

pechiet  {:  (ih\Qi)  fol.  31"^  Sp.  3  in: 

Ta  roe,  quant  plus  tost  ne  chiet 
Sus  Uli,  certes  c'est  grant  pechiet. 

ierme  {:  ferme)  fol.  31^  Sp.  3  in: 

Les  dames  sevent  tont  de  ferme 
Que  forment  aproche  le  terme. 

bruit  {:  conduit)  fol.  32-^  Sp.  1. 

Et  honestement  a  biau  conduit 
S'en  vont  la,  ou  estoit  Ic  bruit. 


322  Robert  Hess 

demi :  anemy  fol  39'  Sp.  3. 

Si  com  je  croi  an  et  demi 

Ce  serabloit  estre  un  anemy. 

Aller  N.  PI.  ist,  wohl  des  Reimes  wegen,  erhalten  in:  general :  mene- 

steral  fol.  38'  Sp.  3. 

Si  en  dirai  en  general 

Plus  que  quatre  menesteral. 

Der  Acc.  PI.  ist  in  den  N.  PI.  eingedrungen  wie  in: 

haillis  {:faillis)  fol.  1\ 

Vicontes,  prevos  et  baillis 

A  bien  torcher  ne  sont  faillis. 

prelas :  helas  fol.  5^  Sp.  1. 

Or  est  le  de  changi6,  helas 

Car  autrement  vont  nos  prelas. 
curez  (:  desmesur^z)  fol.  8'  Sp.  1. 

D'aucuns  prestres  qui  sont  curez  , 

Comment  il  sont  desmesurez. 
usuriers :  sentiers  (Acc.  PI.)  fol,  SI'"  Sp.  1. 

Et  termocers  et  usuriers 

Si  vieignent  trestuit  ces  sentiers. 

chevaus :  vaus  (Acc.  PI.)  fol.  41''  Sp.  1. 
Que  tiex  guesgneurs  chevaus 
En  pais  de  monz  ne  de  vaus 
Pour  jouster  ne  furent  veuz. 

diamans :  amans  (Acc.  PI.)  fol.  38'  Sp.  2. 
Saphirs,  pelles  ne  diamans 
Qui  sont  propres  pour  fins  amans 
Ne  fireiit  la  poiut  de  defaut. 

Ib. 
Sg.  N.  -     PI.  N.  — 
Obl.  —        Obl.  —8. 
Nichts  Besonderes  zu  bemerken. 

IIa. 
Die  oblique  Form  erscheint  als  N.  Sg.  eingedrungen  in: 
conte  :  honte  fol.  1'. 

Ni  a,  sachez,  ne  roi  ne  conte 
Qui  de  torcher  Fauvel  ait  honte. 

IIb. 
Die  Nominulform  sires  ist  gesichert  durch  des/res :  sh-es  fol.  23''  Sp.  1. 
Et  Fauvel  riens  plus  ne  desires 
Fors  que  d'estre  en  monde  grant  sires. 

sonst  haben  wir  sh-e  als  N.  Sg. 


Der  Roman  de  Fauvel  323 

sire  :  dire  fol.  3^  Sp.  1,  fol.  3^  Sp.  2  u.  6. 

Tex  hoiumes  devons  bestes  dire 

De  quoi  Fauvel  est  roj's  et  sire 

und:  Et  pour  ce  par  droit  poons  dire 

Que  Fauvel  est  du  monde  sire. 

sire  :  empire  fol.  Ib"": 

Je  sui  au  jour  de  hui  reis  et  sire 
Et  du  royaume  et  de  l'cnipire. 

sire :  soiipire  fol.  lU'  8p.  2: 

Lors  se  taist  Fauvel  et  soupire 

D'uDs  faus  soupirs  dont  il  est  sire. 

sire  :  souffire  fol.  23^  Sp.  2: 

Fors  eil  a  qui  y  puet  souffire 
De  tiex  biens  couime  uostre  sire. 

sireipire  fol.  28^  Sp.  3: 

Antecrist  si  est  ton  droit  sire 
Tu  es  mauves,  et  il  est  pire. 

Als  Acc.  finden  wir  sire  in: 

sire  :  dire  fol.  9^  Sp.  1 : 

Si  que  maint  n'oseiit  mais  voir  dire 
Que  il  ne  courroucent  leur  sire. 

sire:  empire  fol.  18^  Sp.  2: 

Vous  m'avez  fait  et  reis  et  sire 
Et  du  royaume  et  de  l'empire. 

seigneur  als  N.  Sg.  finden  wir  auf: 

fol.  2v  Sp.  1 :  Un  en  i  a  qui  est  seigneur 

Et  entre  les  autres  li  greigneur. 
fol.  3^  Sp.  1:  Que  Fauvel,  ce  gentil  seigneur, 

Est  le  souvrain  et  le  greigneur. 
fol.  16'^  Sp.  2:  Madame  celi  haut  seigneur 

Qui  n'a  ne  pareil  ne  greigneur. 

In  den  PL  ist  seigneurs  eingedrungen  auf: 
fol.  9v  Sp.  1:        Faus  les  serjans,  faus  les  seigneurs, 
Faus  les  petiz,  faus  les  greigneurs. 

Den  analogischen  N.  Sg.  kons  {Jioms)  finden  wir  zweimal: 
fol.  23^  Sp.  2:      Car  il  sont  de  condicions 

Contraires,  nepourquant  li  hons 

Qui  a  richesce  a  graut  plentö  .  .  . 
fol.  38^  Sp.  8:      Autres  de  gueles  a  lions 

Kampans  d'argent  il  n'a  ei  hons 

Qui  recorder  les  peust  toutes. 


324  Robert  Hess 

b)  Pemininum. 
I  a. 

Sg-.  N.  —  e    PI.  N.  —  es 
Obl.  —  e        Obl.  —  es. 
Die  hierhergebijrigen  Substantiva  geben  zu  Bemerkungen   keinen 
Anlass. 

I  b. 
Sg.  N.  —       PI.  N.  —  s 
Obl.  —         Obl.  -  s. 
Im  N.  PI.  ist  gent  statt  genz  durch  den  Reim  bewiesen: 
urgent :  gent  fol.  41'  Sp.  1. 

coiipes  d'or  et  d'argent 
Mais  emprenoient,  car  gent 
Estoient  d'aneur  et  de  bien. 

Neben  poverte  kommt  poverte  <^  paiiperta  vor  in: 
poverte :  aperte  fol.  8'  Sp.  1. 

Fondees  fussent  sus  poverte 


Vivre  humblement,  c'est  chose  aperte 
verte  fol.  21'  Sp.  1. 

Adonc  Böeee  en  sa  pouverte 
Connut,  se  je  sui  jauue  ou  vertc. 
poverte :  2}erte  fol.  30'  Sp.  1. 

Les  uns  aront  damage  et  parte, 
Les  autres  mourront  en  pouverte. 

n. 

Hier  handelt  es  sich  hauptsächlich  um  das  lat.  soror,  das  aber 
nicht  im  Keim  vorkommt.    Weitere  Bemerkungen  sind  nicht  nötig. 

Vokativ. 
Er  wird  bei  uns  durch  den  Nomin.  ersetzt: 
mesire  :  empire  fol.  ü"^  Sp.  1, 

2.  Der  Artikel. 

Im  Innern  des  Verses  finden  wir  häufig  pik.  Schreibung  wie  z.  B. 
le  für  la  auf  fol.  19'  Sp.  2,  ebenso  öfters  dou  für  du,  ou  statt  au,  aber, 
wie  schon  zu  Anfang  der  Sprachuntersuchung  bemerkt  ist,  können 
für  uns  nur  die  Reime  in  Betracht  kommen. 

Wenn  wir  leoninischen  Reim  annehmen  wollen,  der,  wie  wir  unter 
„Metrik"  sehen  werden,  sehr  stark  in  unserem  Werke  vertreten  ist, 
hätten  wir  vielleicht  bei  demain  :  la  main  fol.  33f  Sp.  2  einen  Beleg 
für  den  ])ik.  Artikel  /e,  doch  sind  trotz  der  Häufigkeit  solcher  über- 
reichen Reime  diese  nicht  obligatorisch,  also  nicht  beweisend. 


Der  Udmaii  de  F;uivol  325 

Eher  dlirfto  im  nuiin  fol.  2^  Sp.  1  für  den  weiblichen  Artikel  le 
zeugen.  Gewöhnlich  wird  Jn  de  oder  a  nicht  mit  te  für  franzisch  la 
zusiimmcngczügen,  aber  vom  Beginn  des  13.  Jahrhunderts  an,  besonders 
im  14.  Jahrhundert,  und  aus  diesem  stammt  ja  unser  Werk,  findet  man 
in  einzelnen  pikardischen  Dialekten  die  Zusammenziehung. 

3.  Das  Adjektivum. 
a)  Das  zweigeschlechtige. 
Die  Maskulina  gehen  nach  la  der  niask.  Subst.,  ebenso  die  Femi- 
nina nach  la  der  femin    Substantive. 

Die  oblique  Form  ist  in  den  N.  Sg.  eingedrungen  in  mor{t)ne  :  bestonie 

fol.  4'-  Sp.  1: 

Las  qiie  ne  fu  Fauvel  inor  n6 

Quant  le  monde  a  si  bestoine! 
guasse :  brasse  fol.  4''  Sp.  2. 
pourri :  nourri{t)  fol.  12^  Sp.  1. 
petü  :  ajjetit  (Acc.  Sg.)  fol,  IS''  Sp.  2. 
content  :  tent  fol.  23"*'  Sp.  2. 
luisant  (Acc.)  :  deduisant  fol.  36^, 
In  den  N.  PI.  ist  der  Obliquus  eingedrungen  in: 
destriers  (Acc.  PI.)  -.fiers  fol.  37''  Sp.  1. 

b)  Das  eingeschlechtige. 
Die  Maskulina    gelien  nach  1  a,    die  Feminina  nach  Ib    der  Sub- 
stantiva. 

Folgende  Bemerkungen  sind  hier  zu  machen: 
Die  analogische  Form  grande  ist  zweimal  durch  den  Reim  gesichert, 
Ulan  de  :  gründe  fol.  12'". 
escandes  :  grandes  fol.  4P  Sp.  2 
sonst  immer  grant. 

Aus  der  Silbenzahl  des  Verses 

Et  ton  vouloir  graurtetnent  feras 
auf  fol.  28^  Sp.  3  geht  hervor,  dass  als  Adverb  gramnient  zu  lesen  ist, 
wie  Ms.  146  auch  richtig  aufweist. 

Die  Wörter   -alis    bilden    das  Fem,    wie  Mask.  auf    eif;    Fem.  auf 
-ele  sind  vor  dem  14.  Jahrhundert  sehr  selten 
Morel :  femporcl  fol.  4^  Sp.  1. 
naiurel:  diirel  fol.  13^  Sp.  2. 
tel   wird   grösstenteils    als  Fem.  und    als    Mask.   gebraucht,    aber 
auch  Fem.  tele  kommt  vor,  das  sich  seit  dem  12.  Jahrhundert  in  franz. 
Texten  findet.     Durch  den  Keim  belegt: 
anceles :  teles  fol.  31"^  Sp.  2. 
teles  :  demoiscles  fol.  31"^  Sp.  3. 
teles :  escheles  fol.  ^V  Sp.  1 
durch  Silbenzählung  in  mehreren  Fällen. 


326  Robert  Hess 

forte  wird  seit  dem  13.  Jahrhundert  als  Fem.  gebraucht.    Es  reimt 
bei  UU8  mit 

aporte  fol.  ö""  :  porte  fol.  T""  Sp.  1. 
:  morte  fol.  10'  Sp.  1 :  transporte  fol.  20''  Sp.  1. 
fortes :  portes  fol.  31'  Sp.  2. 
Die  Feminin  form  -ile  taucht  erst  seit  der  zweitenHälfte 
des  14.  Jahrhunderts  auf,  früher  nur  im  Angionorm. 
gentile-.fiUe  fol.  28'-  Sp.  1. 
Die  Komparation  und  die  Zahlwörter  bieten  nichts  Bemerkenswertes. 

4.  Das  Pronomen. 
a)  Personalpronomen. 
Unbetont. 
3  perL  ohl.  masc.  li  (lui)  :  celi  fol.  7"^  Sp.  2. 
:  abeli  fol.  38^  Sp.  1. 
ohl.  fem.  li  (:  chalivali)  fol.  34'  Sp.  1. 
{:poU)  fol.  37v  Sp.  2. 
ele  und  eles  sind  durch  den  Reim  gesichert  wie  z.B.:  celes  fol.  32' 
Sp.  3,  aber  noch  viel  häufiger  kommt  el  vor,  das  durch  die  Silbenzahl 
zu  beweisen  ist^).    In  der  Form  el  ist  Beeinflussung  der  Maskulinform 
zu   sehen,    sie    ist    viel    im    Norden    verbreitet.    Nach    Meyer-Lübke, 
Gr.  II,  98    findet   sich    el   für   ele   seit   dem  12.  Jahrhundert   in   nor- 
mannischen und  anglonormannischen  Denkmälern.    Diese  Form   finden 
wir  vorzugsweise  in  B.    Auch  eus  für  eles,  entstanden  aus  el  -\-  b,  lässt 
sich    durch    die    Silbenzahl    belegen,    fol.  40'  Sp.  1  Zeile  3   von    den 
Tugenden:  Chascune  d'eus  son  heaume  lace. 

Da  wir  Anfang  des  14.  Jahrhunderts    stehen,    finden   wir   die  Zu- 
sammcnziehungeu  nel,  sil,  jel,  nes,  sis,  jes  nicht  mehr  bei  uns. 

li  als  Keflexivum  der  3  pers.  Sg.  fem.  findet  sich  auf  fol.  12'  8.  Zeile 
von  unten  und  auf  fol.  16^  Sp.  2  Zeile  11. 

C'est  Celle  qui  n'aimme  que  li 
Semblant  d'amour  moustre  a  ceh'  .  .  . 

und  von  Vainne  Gloire: 

Par  son  noble  atour  les  semont 

A  li  si  entendre  et  veoir 

Qu'il  ne  pensent  point  a  cheoir. 


1)  Auf  fol.  12r  6.  Zeile  v.  u. 

De  qui  el  puet  son  profit  faire, 
fol.  13r  8.  Zeile  v.  u. 

Si  qu'el  ne  voit  pas  clerement. 
.  .  .  14v  Sp.  1  letzte  Zeile  u.  s.  w. 

Car  el  ne  veust  nul  recognoistre 
und  Car  el  fut  de  male  heure  n6e. 


Der  Roman  de  Fauvel  327 

b)  Die  übrigen  Pronomina. 
Betont. 

Pron.  possess. :  moie  (=  meam)  :  pensero/e  fol.  19''  Sp.  1. 
sien  :  bien  fol.  40'  Sp.  3. 

Unbetont. 
Die  Form  vo  (obl.  sg.  masc.  und  N.  PI.  masc.)  ist  eine  pikaidisclie 
Eigentümlichkeit.    Sie   findet  sich  in  unserem  Texte  auf  fol.   IC  Sp.  2 
Zeile  1,  2,  16,  20: 

Vo  cueur  nous  .avez  descouvert 
Et  vo  grant  seere  aouvert 


Pour  V0U8  en  vo  Service  aherdre 


Qu'a  pens6  vo  gentil  conrage. 

fol.  18^  Sp.  2   Zeile  1,    fol.  18^  Sp.  3   Zeile  1,    fol.  ig--  Sp.  1  Zeile  4 
von  unten. 

demonstr.  Da  wir  keine  kritische  Ausgabe  haben,  können  wir  ge- 
rade bei  diesem  so  häufig  gebrauchten  Pronomen  keine  genaueren  An- 
gaben machen.  Der  Kopist  von  146  setzt  z,  B.  fast  regelmässig  ce  für 
cel  oder  cest  in  2139.  Folgende  kleine  Bemerkungen  können  wir  hier 
geben. 

Der  e-Vorschlag  lässt  sich  durch  Silbenzählung  nachweisen  in: 
iceste  fol.  23»^  Sp.  2  Zeile  5,  fol.  34'-  Sp.  3  Zeile  3: 
Et  iceste  meesme  entente  .  .  . 
ün  petitet  iceste  estoire. 

ices  fol.  16^  Sp.  1  Zeile  10  von  unten,    fol.  21^  Sp.  2  Zeile  5 

von  unten: 

Ices  roes  sans  sejouruer  .  .  . 
Ices  esraeraudeles  vertes. 

cell  (=  celui)  als  N.  Sg.  nachzuweisen,  z.  B. : 
:li  fol.  7'  Sp.  2: 

Et  pis  rentez  que  n'est  celi 

Qui  plus  tart  vient  pire  de  li  .  .  . 

5.  Verbum. 

a)  Die  Endungen. 

1.  Präsens. 

«)  In  der  1.  pers.  praes.  Ind.  der  1.  schwachen  Konjugation  ist  die 
unflektierte  Form  die  Kegel,  aber  auch  Formen  -e. 
devin  :  vin  fol.  38'  Sp.  1 : 

Pour  voir  vous  dis,  pas  ne  devin, 
Un  pain  et  nn  baril  de  vin  .  .  . 
Romanische  Forschungen  XXVII.  21 


328  Robert  Hess 

dnrcli  SilbenzähluDg"  merveil  fol.  S""  Sp.  1  Zeile  10: 

Pour  ce  ne  me  merveil  je  mie. 

Ebenso  dout  fol.  15^  Sp.  1  Zeile  11,  18  u.  ö: 

Mais  je  me  dout  raoult  d'une  chose 
und:  Me  dout  que  vers  moi  ne  sc  meuve. 

-e:  ciäde  :  vuide  fol.  5"^  Sp.  2: 

Par  tiex  prelas,  si  com  je  cuide, 
Est  au  jour  d'ui  l'eglise  vuide. 

ß)  Über  die  1.  pers.  praes.  sg.  bei  den  Verben  der  3.  schw.  Konj. 
ist  zu  bemerken: 

dar  (:  d'or)  fol.  38"^  Sp.  2  analog  der  2.  und  3.  pers.  sg.  und  neben 
sent  (:  present)  fol.  41''  Sp.  2  auch  Sen  :  sen  fol.  31'^  Sp.  3. 

y)  Die  1.  pers.  pl.  geht  immer  auf  -ons  aus. 

6)  Die  3.  sg.  praes.  der  a-Konj.  hat  im  Ind.  -e,  im  Konj.  einzeln  -^, 
aber  vorwiegend  -e,  das  im  13.  Jahrhundert  eindrang. 

Ind.  fol.  P: 

Haute  menjöere  demande 

Rastclier  bei  et  assez  viande. 
fol.  1"^:  En  lui  essaucier  met  grant  paine 

Car  QU  palais  loial  le  maine. 
fol.  3i":  Ne  la  ün  pas  ne  considere 

Ains  qulert  tont  ce  qui  li  puet  plere.    etc. 

Konj.  -t:  fol.  7"^  Sp.  1  Zeile  22: 

Diox  les  gart  qu'il  n'en  aient  honte. 
saut  (salvet)  :  saut  (salit)  fol.  42^  Sp.  1 : 
Voir  vous  dire,  sc  diex  me  saut. 
De  la  fontainiie  sourt  et  naut  .  .  . 

-e  :  sauve  '.fauve  auf: 

fol,  3i':  Ainsi  Fauvel,  sc  dicx  me  sauve 

Ne  düit  avoir  couleur  fors  fauve. 
fol.  14v  Sp.  2:      Entour  le  sive,  qui  est  fauve 

Avoit,  86  Jhesucrist  me  sauve,  u.  ö. 

regardc  :  arde  fol.  4'   Sp.  2: 

Helas!  helas !  quant  je  regarde 
Que  pour  ce  Fauvel,  quo  feu  arde. 

s)  2  pers.  pl.  der  1  schw.  im  Konj.  auf  -iss/ez: 
felssiez :  amissiez  fol.  18^  Sp.  B. 

2.  Imperfekt. 

Die  3.  pers.  sg.  lautet  stets  -oit. 

Die  1.  pers.  plitr.  -Ions  und  2.  pjers.  plnr.  -iez  sind  grösstenteils 
einsilbig,  doch  lässt  es  sieb,  da  eine  kritische  Ausgabe  fehlt,  häufig 
nicht  gen;iu  feststellen. 


Der  Roman  de  Fauvel  329 

3.  Perfekt. 
1.  Pers.  Sg.:  viiravi  (Adj.)  fol.  28^  öp.  3. 

l)erdi  :  reverdi  (3.  8g.)  fol.  37^  Sp.  1. 
öi/ :  esvanöy  (3.  Sg.)  fol.  38'  Sp.  1. 
3.  Pers.  Sg.:  ~i  statt  -it  ist  durch  den  Reim  gesichert: 
fremi :  ennemy  fol.  9""  Sp.  1. 
nourri : pourri  (Adj.)  fol.  12^  Sp.  1. 
reverdi :  perdl  (1.  Sg.)  fol.  37"^  Sp.  1. 
öy  (1.  Sg.)  :  esvanöy  fol.  3Ö*'  Sp.  1. 
emhati :  ia^/  (Part.  Perf.)  fol.  39^  Sp.  3. 

4.  Futurum  und  Couditionalis. 

Ein  e  eingeschoben    finden  wir    in  meteroie  fol.  lO'"  Sp.  1  Zeile  9, 

Metathese  des  r  und  Ausfall  des  e  in  enterra  :  verra  fol.  33^  Sp.  2,  finer 

in  finera  :  cessera  fol.  20'"  Sp.  2. 

-tez  des  Cond.  ist  zweisilbig  in  fol.  l'*'  Zeile  'i,  fol.  19^  Sp.  1 

Zeile  4  und  5  v.  u. 

5.  Participium  Perfekti. 

Über   die   durch  Reime  gesicherte  Reduktion   von  -iee  >  -ie  siehe 

unter  i  (S.  20/21). 

6.  Imperativ. 

Die  2.    pers.  plur.  Imper.  von  videre  lautet   vez  in  fol.  34^"  Sp.  2 
Zeile  5.    Vgl.  Foerster,  Aiol.  Anm.  zu  1428. 

7.  Infinitiv. 
Die  pikardische  Form  veir  statt  veoir  ist  durch  den  Reim  bewiesen: 

veir :  obeir  fol.  4^  Sp.  1. 
In  seinem  Dis  dou  vrai  aniel  S.  XXV  zählt  Tobler  die  pikar- 
dischen  Werke  auf,  in  denen  diese  Form  hauptsächlich  vorkommt. 

b)  Einzelne  Verben. 
Schwache  Konjugation. 
aler  (:  emmaler)  fol.  Iß'"  Sp.  2  u.  ö. 
Praes.  KonJ.  Sg.  3.  voise  (:  noise)  fol.  38'"  Sp.  3  u.  ö. 
Futurum  Sg.  3.  yra  (:  esbahira)  fol.  44'". 
Imperf.  PI.  3.  aloient  (:  tenoient)  fol.  37*^  Sp.  1. 
Perf.  Sg.  1.  alai  {-.avalai)  fol.  37"^  Sp.  1. 
3.  ala  (:  avala)  fol.  33'-  Sp.  2. 
PI.  3.  alerent  (:  erent)  fol.  33'^  Sp.  2. 
Part.  Perf.  ale  {:  MatursaU)  fol.  42^ 

oir  {:folr)  fol.  38'-  Sp.  3. 
Imper.  oes  (:  roes)  fol.  21'  Sp.  2. 
Per/.  Sg.  1.  öi  {-.esvanöy)  fol.  38'  Sp.  1  u.  ö. 

21^' 


330  Robert  Hess 

Konj.  Imperf.  PI.  3.  öissent  (:  veissent)  fol.  38"^  Sp.  1. 
Part.  Perf.  öy  (:  esvanöy)  fol.  Iß""  Sp.  2  ii.  ö. 

Starke  Konjugation. 
estre  (:  mestre)  fol.  2'  u.  ö. 
Praes.  PL  1.  sommes  (:  hommes)  fol.  Iß'  Sp.  2  u.  ö. 

2.  es^es  (:  bestes)  fol.  l"'  u.  ö. 

3.  sont  (:  ow^  fol.  38^  Sp.  1. 

Konj.  Praes.  Sg.  1.  so/'e  (:  otroie)  fol.  19^  Sp.  2  u,  ö. 

3.  soit  (:  so/0  fol.  lO"^  Sp.  2. 
i^w^.  /S(/.  3.  sera  {:  fera)  fol.  12^  Sp.  1  u.  ö. 
Durch  Silbenzahl:  iert  fol.  lO"-  Sp.  1  Z.  16. 

PI.  3.  seront  (:  ameront)  fol.  12^  Sp.  2. 
Kond.  Sg.  1.  seroie  {-.avoie)  fol.  15^  Sp.  2. 

3.  sß>'0«7  (:  toiirneroit)  fol.  lö'^  Sp.  2  u.  ö. 
Imperf.  Sg.  2.  estoies  (:  cüidoies)  fol.  28'  Sp.  2. 
Durch  Silbenzahl :  Sg.  3.  er^  fol.  34^  Sp.  2  Z.  1  u.  fol.  2^  Sp.  1  Z.  6  v.  u. 

estoit  (:  vestoit)  fol.  5"^  u.  ö. 
PI.  3.  erent  (:  apperent)  fol.  20'  Sp.  1,  (alerent)  fol.  33'  Sp.  2. 

estoient  (:  vestoient)  fol.  ö'^  Sp.  1  u.  ö. 
Pe»/  P/«/r.  5.  furent  (:  Z>«rewO  fol.  38'  Sp.  2  u.  ö. 
Ä^o?i/.  ImperJ.  Sg.  1.  /t<s.se  (:  deiisse)  fol.  28'  Sp.  2. 
Sg.  2.  /«SS6S  (:  ^-imes)  fol.  28'  Sp.  2. 

3.  ßtist  (:  despleust)  fol.  41'  Sp.  1. 

ayoiV  (:  savoir)  fol.  2^  Sp.  1  u.  ö. 
Praes.  Sg.  1.  e  (:  quite)  fol.  30^  Sp.  2. 

PI.  1.  o^ows  (:  saz;o«s)  fol.  32'  Sp.  3. 

2.  avez  (:  savez)  fol.  18^  Sp.  1  u.  ö. 

3.  ont  (:  sont)  fol.  38^  Sp.  1. 
i'M^.  »S'tjf.  i.  ayrae  (:  savrai)  fol.  38'  Sp.  3. 

PI.  3.')  aront  {:par  ont)  fol.  21'  Sp.  2. 
Ko}id.  Sg.  2.'^)  aroies  {:savoies)  fol.  23'  Sp.  2. 

3.0   firoit  {isaroit)  fol.  20'  Sp.  3  u.  ö. 
PI.  3.^)  aroient  (:  recuidroient)  fol.  20'  Sp.  3. 
Imperf.  Sg.  1.  avoie  (:  seroie)  fol.  lö''  Sp.  2. 

3.  at'O/7  (:  savoit)  fol.  5'  u.  ö. 
Perf.  S(j.  3.  ot  (:  chariot)  fol.  34^  Sp.  2. 
PL  3.  orent :  sorent  fol.  41'  Sp.  2. 
wr^M^  {:  re euren f)  fol.  5'. 
üTomJ.  Imperf.  Sg.  2.  ewsses  (:  fusses)  fol.  28'  Sp.  2. 

3.  eust  (:  sews^  fol.  33'  Sp.  1. 
Part.  Perf.  eue  (:  venue)  fol.  31'  Sp.  3. 


>)  Auf  den  Wegfall  des  -v  ist  schon  unter  b  S.  26  hingewiesen  worden. 


Der  Roman  de  Fanvel  331 

fere  (:  contraire)  fol.  4^  Sp.  2  u.  ö. 
Praes.  Sg.  3.  fait  {-.fait  <^  factum)  fol.  15^  Sp.  3  u    ö. 
KonJ.  Praes.  Sg.  3.  face  (:  grace)  fol.  IS'^  Sp.  2. 
Fat.  Sg.  1.  ferai  (:  lerai)  fol.  28^  Sp.  3. 
3.  fera  (:  retornera)  fol.  2""  u.  ö. 
PI.  2.  ferez  (:  ^jor^^re^)  fol.  33'  Sp.  1. 
Inipeif.  Sg.  3.  fesoü  (:  desplesoit)  fol.  43^. 

PI.  3.  fesoient  (:  encontroient)  fol.  34*  Sp.  1. 
Pe^/.  Sg.  1.  ^s  (:  criicefis)  fol.  9'  Sp.  l. 

PI.  3.  fircnt  (:  wem/i)  fol.  32*  Sp.  3. 
Konj.  Imperf.  PI.  2.  f  eissiez  (:  amissiez)  fol.  18*  Sp.  3. 
Par^.  Fß//.  /<?^e  {:  prophete)  fol.  4'  Sp.  2. 

i;e?i?"r  (:  ^e??/r)  fol.  3*  Sp.  1  u.  ö. 
Praes.  Sg.  3.  vicnt  (:  clevient)  fol.  9*  Sp.  1  u.  ö. 
PI.  3.  viennent  (:  tiennent)  fol.  2*  Sp.  2. 
Fut  Sg,  3.  vendra  {-.prcndrä)  fol.  28'  Sp.  3. 

PI.  3.  vendront  {:  prendront)  fol.  21*  Sp.  2. 
Imperf.  Sg.  3.  avenoit  (:  tenoit)  fol.  16*  Sp.  1. 

PI.  3.  venoient  (:  aloient)  fol.  S?*"  Sp.  2. 
Per/.  Sg.  3.  ^;m^  (:  (^e^m^)  fol.  28*  Sp.  2  u.  ö. 

PI.  3.  vindrent  (:  soiäindrent)  fol.  33'  Sp.  1. 
Par^.  Praes.  viengnant  {:  faingnant)  fol.  41*  Sp.  1. 
Part.  Perf  venue  (:  eW)  fol.  31*  Sp.  3. 

dire  (:  ire)  fol.  2^  u.  ö. 
Praes.  Sg.  1   dt  {dl  ce :  vice)  fol.  20*  Sp.  2  u.  ö. 
3.  dit  (:  (?esrf/0  fol.  28'  Sp.  3. 
PL  3.  dient  (:  cfient)  fol.  39'. 
Konj.  Praes.  Sg.  1.  fZ/e  (:  seneüe)  fol.  2*  Sp.  2  u.  ö. 
Pm^  /S^.  1.  dirai  (:  mentirai)  fol.  12'. 

P/.  i.  dirons  (:  lirons)  fol.  7*. 
Imperf.  Sg.  1.  <^m?e  (:  meferoie)  fol.  10'  Sp.  1. 
Par^.  Pß?/.  (Z^Ye  (:  Z?Ye)  fol.  20-  Sp.  3. 

pooir. 
Konj.  Praes.  Sg.  3  puisse  (:  truisse)  fol.  11*  Sp.  2. 
Kond.  Sg  3.  pouroit  (:  vouroit)  fol.  23'  Sp.  1. 
Pe?/.  Sg.  3.  pot  {:pot)  fol.  41^  Sp.  1. 

savoir  (:  avoir)  fol.  2*  Sp.  1  u.  ö. 
Praes.  Sg.  1.  se  (:  pense)  fol.  30*  Sp.  3. 

PI.  1.  savons  (:  avons)  fol.  32'  Sp.  3  u.  ö. 
Konj.  Praes.  Sg.  3.  sacke  (:  fache)  fol.  2'. 
Ph^  Ä^.  i.  savrai  (:  avrai)  fol.  38'  Sp.  3. 


332  Kobert  Hess 

Kond.  Sg.  1.  saroie  (:  voie)  fol.  15'. 

5.  saroit  (:  aroit)  fol.  2CK  Sp.  3. 
Imper.  savez  (:  avez)  fol.  IS''  Sp.  1. 
Imperf.  Sg.  2.  savoies  (:  aroies)  fol.  23'  Sj).  2. 

5.  savoit  (:  «yo«7)  fol.  5'. 
Pe^/.  %  3.  80t  (:  soO  fol.  39'. 

Fl.  3.  sorent  (:  orent)  fol.  41'  Sp.  2. 

surent  (:  inoururenf)  fol.  13'»'  Sp.  2, 
7iCc»»(y.  Imperf.  Sg.  3.  se2<s^  (:  c^ews^)  fol.  20'  Sp.  3. 
Part.  Perf.  sencs  :  avenues  fol.  20  Sp.  3. 

C.  Zusammenfassung. 
1.  Lautlehre. 

1.  -aticum  >  age,  nie  -aige. 

2.  a  statt  e  vor  r;  /arme  etc. 

3.  an  -\-  cons.  und  en  -\-  cons.  bis  auf  B  I  streng  geschieden. 

4.  vlt.  «  -|-  i  >  e  :  e  aus  «  nur  vor  r  und :  vlt.  e. 

5.  e  -j-  «■  >  ^■. 

6.  iee  >  ^ß. 

7.  Freies  n  >  e?^  (Lautwert  c>). 

8.  oi  hat  den  Lautwert  oe. 

9.  am :  ein. 

10.  «e  :  e  nur  in  B  I. 

11.  rimme:  tiemne  ist  norm,  in  B. 

12.  iu  :  i  in  B  I. 

13.  r  im  Reim  vernachlässigt. 

14.  1:1  meistens  in  A. 

15.  b  ist  regelmässig  eingeschoben  zwischen  m  r  oder  m  l,  ebenso 
d  zwischen  n  r  oder  l  r. 

16.  Lat.  h  '>  V  fällt  vor  r  aus  in  B. 

17.  s  und  z  im  Reime  geschieden. 

18.  c  vor  e,  «  >  c,  vor  a  >  cA,  Ausnahmen  in  A  und  B  I,  nicht  in  B. 

2.  Formenlehre. 

1.  Artikel  le  statt  la  vielleicht  durch  den  Reim  zu  belegen. 

2.  CO  statt  vostre  ist  pik. 

3.  Weibl.  Adj.  auf  -ile  ist  agn.  in  B. 

4.  Imj)erf.  nur  -oie  etc. 

5-  -i  statt  -it  der  3.  sg.  des  Perfekts  durch   den  Reim   gesichert. 
6.  Infinitiv  veir  ist  pik.  in  A. 

VI.  ]M[etrik. 

Über  den  Reim  ist  folgendes  zu  bemerken: 

Assonanz  kommt  nirgends  vor.     Meistens   sind    die  Reime  weib- 
lich, männlicher  ist  sehr  selten. 


Der  Roman  do  Fauvel  333 

Reiche  Reime  d.h.  solche,  iu  denen  nicht  nur  der  letzte  betonte 
Vokul  und  die  etw;i  darauf  folgenden  Konsonanten  und  tonlosen  Vokale 
in  den  IJeinivvorten  übereiustinmieu,  sondern  auch  die  dem  leizteu  Ton- 
vokal  vorausgehenden  Konsonanten,  sind  nicht  besonders  zahlreich  bei 
den  einzelnen  Verfassern  vertreten.  In  A  haben  wir  nur  ungefähr 
30  reiche  Reime,  in  B  45  und  iu  B  I  50. 

Dagegen  sind  die  leoninischen  Reime  sehr  beliebt,  d.h.  reiche 
Reime,  in  denen  auch  der  der  betonten  Silbe  vorangehende  Vokal  reimt. 
In  A  bilden  solche  Reimpaare  ungefähr  42"/^  der  Reime,  iu  B  35 "/o, 
in  B  I  34*'/,,,  es  herrscht  also  hierin  kein  grosser  Unterschied  in  den 
einzelnen  Teilen. 

Öfters  wird  der  Reim  auf  3  Silben  ausgedehnt,  z.  B.  in: 

desolacion  :  lamentacion  fol.  4"^  Sp.  2. 

espnndirenf^) :  entend/renf  fol.  5"^. 

exacions  :  consolacions  fol.  5"^. 

desloiautS :  royaute  fol.  9*"  Sp.  2. 

reluisoit:  de  Im  soit  fol.  ll""  Sp.  2. 

iiasclons :  separacions  fol.  12^  Sp.  2. 

esper i table  :  veritable  fol.  43"^. 

redempcion  :  entencion  fol.  43"^. 
Enjambement  ist  sehr  häufig  und  beliebt.     Als  Beispiele  mögen 
dienen: 

grcüit  aidance  —  fönt  a  coynolstre  fol.  2^  Sp.  2  Z.  29/30. 

oster  la  laine  —  Si  pres  de  la  pel  fol.  5  S]>.  1  Z.  4/3  v.  u. 

est  haiUiee  eure  —  Des  gens  garder  fol.  8""  Sp.  1  Mitte 

ne  de  cell  —  Ne  noiis  vcil  faire  fol.  14"^  Z.  5/4  v.  u. 

aus  festes  —  Fait  lahourer  fol.  14'^  Sp.  2  Z.  14/13  v.  u. 

entour  les  pilers  —  Furent  a  nous  .  .  .  fol.  lÖ""  Z.  11/12.'' 

vin  de  —  Calabresin  fol.  33^^  Sp.  2  Z.  2/3. 

la  plus  secree  —  Des  damoiseles  fol.  33^  Sp.  2  Z.  11/12. 

(jui  de  larnies  —  Se  fondent  fol.  38"^  Sj).  1  Z.  23/24. 
Enjambement  findet  sich  sogar  innerhalb  eines  Wortes  iu  folgenden 
Beispielen: 

men  —  gonge  fol.  23^  Sp.  2  Z.  10/9  v.  u. 

sonvereinne  —  Ment  fol.  38''  Sp.  2  Z.  15/14  v.  u. 

Absti  —  Nence  fol.  40^^,  Sp.  1  Z.  2/1  v.  u. 

destrl  —  Er  fol.  40^  Sp.  1  Z.  4/5. 

obe  —  Issent  fol.  45''  Z.  3/4. 
Das    Metrum    ist    der    wohlbekannte    paarweise    gereimte   Ssilbige 
Vers,  der  so  vielfach  augewandt  wurde.    Weil  die  Verse  auf  fol.  8"^  Sp.  1 

1)  Wenn  wir  hier  den  Reim  auf  3  Silben  ausdehnen,  müssteii  wir  ihn  dann 
als  Beispiel  für  einen  Reim  von  an  -j-  cons. :  en  -f-  cons.  in  A  auffuhren^  was  bei 
einem  Reim  -irent  nicht  nötig  ist, 


334  Robert  Hess 

Z.  16  V.  u.  bis  fol.  9'  Sp.  2  Z.  23  v.  u.  iu  dem  Schema  a  a  b  c  c  b  reimen, 
meint  G.  Paris,  dies  sei  die  ursprünglichste  Reimart  gewesen,  das  ganze 
erste  Buch  habe  diese  Form  besessen,  es  sei  nur  später  in  den  geläufigen 
paarweise  gereimten  Achtsilbler  umgearbeitet  worden.  Verhält  sich  dies 
wirklich  so,  wie  ist  es  dann  aber  zu  erklären,  dass  in  allen  guten  Hand- 
schriften diese  Stelle  liier  allein  unverändert  stehen  geblieben  ist,  während 
die  schlechteren  sie  in  ungeschickter  Weise  zu  verändern  suchten?  Warum 
finden  wir  in  keiner  einzigen  von  den  vielen  Hss.  noch  andere  Stellen 
in  der  augeblich  ursprünglichen  Form,  sondern  nur  eine  einzige?  Das 
gibt  uns  doch  etwas  zu  denken.  Aus  dem  einmaligen  Vorkommen 
eines  anderen  Schemas  in  einem  Gedicht  zu  schlicssen,  dass  diese  kleine 
Stelle  allein  das  ursprüngliche  Metrum  zeige,  alle  anderen  Verse  aber 
umgearbeitet  seien,  dürfte  doch  wohl  etwas  zu  weit  gehen.  Schon  aus 
diesem  Grunde  könnte  man  jene  Vermutung  ablehnen.  (Siehe  auch 
Gröbers  Grundriss  S.  902  darüber.)  Inwiefern  aber  G.Paris  damit 
recht  hat,   dass  die  Stelle  ursprünglich  ist,   werden  wir  in  VII   sehen. 

Da  eine  kritische  Ausgabe  fehlt,  so  können  wir  über  Silben  zahl, 
Elision  und  Hiat  keine  endgültigen  Untersuchungen  anstellen. 

Über  -'iez  und  über  el  statt  ele  haben  wir  schon  in  der  Formen- 
lehre (S.  34  u.  S.  32)  gesprochen.  Es  findet  sich  souvrainne  neben 
souverrainne,  ebenso  com  neben  comnie.  Belegt  ist  menesterel  fol.  36^ 
Z.  14  und  menesteral  fol.  38''  Sp.  3  Z.  4. 

Elision  steht  fest  in: 

faucune  fol.  7^  Z.  4  v.  u.  fen  fol.  19''  Sp.  1  Z.  7  v.  u.  fasseur 
Z.  6  V.  u.   stelle  fol.  23'  Sp.  1  Z.  13  u.  a. 

Hiat  ist  gesichert  in: 

que  il  fol.  20^  Sp.  1  Z.  15  v.  u. ;  fol.  21'-  Sp.  1  Z.  10  v.  u.  u.  ö. 
ne  eile  fol.  4'*  Sp.  2  Z.  3  v.  u.,  je  onquore  fol.  ll-"  Sp.  2  Z.  9,  ne  es 
fol.  12^  Sp.  1  Z.  17,  ne  adresce  fol.  14^  Sp.  2  Z.  4,  que  en  fol.  20'' 
Sp.  3  Z.  21,  que  a  fol.  20'  Sp.  3  Z.  23,  fol.  40'  Sp.  2  Z.  1,  Z.  5,  ne 
amour  fol.  28^  Sp.  3  Z.  15,  ne  ieux  fol.  41^  Sp.  2  Z.  6  v.  u.,  se  il 
fol.  44'  Z.  6  V.  u.  u.  a. 

Beispiele:  Pour  ce  wU  je  onquore  dire  .  .  . 
Ne  es  filz  don  charnel  palut  .  .  . 
Si  que  en  tant  com  je  m'aplique  .  .  . 

TU.  Verfasster  und  Zeit. 

Wir  haben  drei  grosse  Teile  unseres  Werkes  unterschieden:  das 
erste  Buch,  das  zweite  Buch  und  die  grosse  Interpolation.  Die  kleineren 
Interpolationen  in  der  Hauptinterpolation  haben  wir  schon  oben  (S.  15 
bis  17)  behandelt  und  unsere  Ansichten  über  deren  Verfasser  aus- 
gesprochen. Es  fragt  sich  nun:  Von  wem  ist  das  erste  Buch?  Von 
wem  stammt  das  zweite?   Haben  sie  vielleicht  denselben  Verfasser? 


Der  Roman  de  Fauvel  335 

Von  dem  Verfasser  des  ersten  Buches  haben  wir  uns  schon  unsere 
Meinung  bilden  können.  Wir  dürfen  sagen,  duss  er  in  künstlerischer 
Hinsicht,  im  Ausdruck,  Kraft  der  l\cde  und  in  seinen  Gedanken  alle 
anderen  Bearbeiter  des  Stoffes  weit  überragt.  Ausser  der  angegebenen 
Jahreszahl  l^UO  und  ausser  unserer  Vermutung,  dass  er  wahrschein- 
lich kein  Adliger  war,  sondern  den  niederen  Ständen  angehörte,  wissen 
Avir  nichts  Genaueres  von  ihm  und  seinen)  lieben.  Es  war  eigentlich 
auch  selbstverständlich,  dass  er  seinen  Namen  nicht  in  einem  Werke 
angab,  in  dem  er,  trotz  seines  kirchlichen  Staudpunkts,  so  sehr  gegen 
die  Kirche  und  geistlichen  wie  weltlichen  Orden  loszog.  Gerade  die 
Kritik  der  Bettelmönche  und  der  Templer  in  einer  Zeit,  die  voll  Span- 
nung den  Prozess  gegen  den  Templeroidcn  verfolgte,  scheint  mir  der 
Grundstein  unseres  gesamten  Werkes  zu  sein.  In  einer  Art  von  Pam- 
phlet machte  der  Dichter  seineu  Gefühlen  und  seinem  Unwillen  Luft; 
dies  sind  die  Verse,  die  G.  Paris,  und  auch  nach  meiner  Meinung  mit 
Recht,  für  die  ursprünglichsten  ansieht,  und  die  im  Schema  a  a  b  c  c  b 
reimen.  (Siehe  „Metrik"  S.  39—40.)  Veranlasst  durch  den  Pvcuart- 
roman,  die  verschiedenen  beliebten  Redensarten  (siehe  S.  4)  und  last 
not  least  durch  seinen  dichterischen  Drang,  verfasste  unser  Autor  das 
erste  Buch,  natürlich  ohne  die  Interpolation  über  die  Templer  und 
ohne  die  für  Philipp  IV.  schmeichelhaften  Verse,  wie  wir  schon  oben 
(siehe  S.  10)  gesehen  haben.  So  wäre  also  auch  der  eine  in  der 
metrischen  Form  abweichende  Abschnitt  zu  erklären,  den  der  Dichter 
später  stehen  liess,  ebenso  wie  alle  guten  Kopisten,  die  jene  Stelle 
als  selbständig  erkannten,  während  die  schlechten  es  in  der  mannig- 
fachsten Weise  umänderten.  (Vgl.  darüber  Hist.  litt.  XXXII,  12G-~128.) 
Auch  Langlois  vertritt  dieselbe  Ansicht.     Siehe  S.  45. 

In  dem  zweiten  Buche  finden  wir  in  den  Mss.  2195,  12460,  24436 
von  Paris  und  im  Ms.  von  Tours  den  Namen  eines  Verfassers.  (Siehe 
Hist.  litt.  XXXII,  136.) 

Ge  rues  doi  u  boi  u  esse 

Le  Mom  et  le  suruora  confesse 

De  celui  qui  a  fait  cest  livre, 

Dien  de  ses  pechiez  le  delivre. 
doi,  boi  und  esse,  sind  die  alten  Namen  der  Buchstaben  (/,  b  und  s,  so 
dass  wir  also  Genies  du  Bus  zu  lesen  haben.  G.Paris  will  Gervesdu 
Bus  lesen,  mir  scheint  aber  nur  Genies  in  den  Vers  zu  passen,  da 
Genies  eine  Silbe  zu  wenig  ergäbe.  Vgl.  Langlois  im  Anhang  S.  45, 
wie  er  die  Verse  hier  vortrefflich  erklärt. 

Die  Frage,  ob  Genies  de  Bus,  der  Verfasser  des  zweiten  Buches, 
auch  der  des  ersten  ist,  muss  entschieden  verneint  werden.  Nach  G.  Paris 
sind  die  Gedanken,  der  Stil  und  die  Lebensanschauung  im  zweiten 
Buche  ganz  andere  als  im  ersten.  Die  Persönlichkeit  Faiivels  ist  ver- 
ändert,   die  Nachahmung  des  Rosenromaus,    das  Eindringen  der  Alle- 


336  Robert  Hess 

gorie,  ist  deutlich  zu  crkeDiien,  und  die  Zeitsatire,  die  im  ersten  Buche 
die  Hauptsache  iyt,  fehlt  hier  gänzlich.  Der  Mittelpunkt  des  Ganzen 
im  zweiten  Buche  ist  die  Gestalt  Fortunes  und  ihre  philosophische  Er- 
klärung. Genies  du  Bus  hat  sicher  die  Beliebtheit  des  ersten  Buches 
dazu  benutzt,  in  einem  zweiten  seine  philosophischen  Ansicliten  über 
Welt  und  Menschen  anzufügen  und,  wie  wir  sehen,  mit  Erfolg,  da 
ausser  in  2  Mss.  sein  Werk  in  allen  anderen  dem  ersten  Buche  ange- 
häugt w^orden  ist.  Dieser  Ansicht  von  G.  Paris  müssen  wir  vollkommen 
beistimmen.  Er  hätte  noch  hinzufügen  können,  dass  Gerues  trotz  seiner 
anscheinend  grossen  Gelehrsamkeit  nur  die  Bibel,  aber  kein  anderes 
Werk  zitiert^  während  der  Verfasser  des  ersten  Buches  auch  Aristo- 
teles heranzieht;  also  auch  eine  Abweichung,  die  bei  der  Verfasser- 
oder besser  Identitätsfrage  wohl  ins  Gewicht  fällt.  Besonders  gibt 
aber  unsere  Sprachuntersuchung  dem  französischen  Gelehrten  recht. 
Zwar  kann  uns  ein  Werk  aus  dem  14.  Jahrhundert,  v^'o  das  Über- 
gewicht des  Franzischen  in  allen  Dialekten  des  Nordens'  feststeht, 
nicht  soviel  dialektische  Merkmale  liefern  wie  Werke  aus  dem  12.  und 
auch  13.  Jahrb.,  auch  ist  ein  so  spätes  Werk  nicht  leicht  zu  lokali- 
sieren, doch  ersehen  wir  aus  der  Zusammenfassung  der  sprachlichen 
Eigentümlichkeiten,  dass  B,  das  zAveite  Buch,  einige  sprachliche  Züge 
besitzt,  die  in  A,  dem  ersten  Buche  und  in  B  I,  der  Hauptinterpolation, 
ganz  fehlen.  Während  A  nämlich  mit  seinen  Reimen  von  s-.z,  tsits^ 
der  Form  ve'ir,  der  Scheidung  von  mi-4-cons.  und  en-\-cons.  iee'>ie  pi- 
kardisch,  wenn  auch  mit  franzischer  Färbung  ist,  finden  Avir  in  B 
ausser  einigen  von  diesen  pikardischen  Zügen  auch  noch  normannische 
wie  z.  B.  der  Reim  rieume-.tieume^  der  auf  das  Departement  Eure  hin- 
weist, die  Femininform  auf  -ile  (schon  zu  Anfang  des  14.  Jahrhunderts) 
und  das  Fehlen  der  Reime  von  ts:ts.  B  I  steht  dem  Pikardischen 
näher,  hat  aber  die  Trennung  von  an  -f-  cons.  und  en  -\-  cons.  nicht 
streng  durchgeführt,  ausserdem  besitzt  es  Reime  von  ic:e  und  ui:i' 
die  in  A  und  B  nicht  vorkommen.  Wenn  wir  die  einzelnen  Teile 
unseres  Werkes  der  Sjn'ache  nach  zu  lokalisieren  versuchen,  so  müssen 
wir  für  A  und  BI  Verfasser  annehmen,  die  Pikarden  waren,  von  denen 
aber  der  von  A  weiter  entfernt  von  der  Isle  de  France  geboren  wurde 
oder  weniger  unter  franzischem  Einfluss  stand  als  der  von  B  I,  da- 
gegen hat  B  einen  pikardischen  Verfasser,  der  w^ohl  in  der  Nähe  der 
Normandie  zu  Hause  war,  vielleicht  zwischen  Beauvaisis  und  Eure. 
(Siehe  S.  45,  wie  Langlois  diese  Vermutung  bestätigt.)  Die  Ver- 
schiedenheit der  3  Teile  wäre  also  ausser  aus  inneren  und  stilistischen 
Gründen  auch  aus  sj)rachlichen  erwiesen. 

Es  bleibt  uns  noch  übrig,  kurz  einiges  über  die  folgenden  Zeilen 
zu  sagen,  die  sich  vor  der  von  uns  nicht  beachteten  Interpolation 
der  Liebeslieder  beiluden.     (Siehe  besonders  Anhang  S.  45.) 


Der  Ivoman  de  Fauvcl  337 

fol.  23t  Sp.  2.     Un  cleic  le  loy,  Franrois  de  Bucs 

Aus  piiioles  (lu'il  a  conceues 

Ell  ce  liviot  qu'il  a  trouv6 

Ha  bien  et  clereraent  prouvc 

Son  vif  eiigin,  son  mouveiucnt, 

Car  il  parle  trop  propreraent. 

Ou  livret  ue  quercz  ja  inen  — 

Conge.     Diex  le  gart!    Amen. 
Ci  s'ensivcnt  les  addiclons  que  mesire  ChaiUou  de  Tesstain  a  uiises  eu  ce 
livre  oiiUre  les  choses  dessus  dites  qui  sont  en  chant. 

Ans  diesen  Versen  geht  hervor,  dasB  Framois  de  Rues  zum  mindesten 
der  Verfasser  der  Musikstücke  von  Anfang  des  Werkes  bis  fol.  23  ist,  das 
sind  „les  choses  dessus  dites  qui  sont  en  chant".  Langlois  hat  es  sehr 
geschickt  verstanden,  diesen  Francois  de  lliies  mit  Gerves  oder  Gerues  de  Bus 
zu  identifizieren.  Siehe  Anhang  S.  45.  ChaiUou  de  Pesstain  hat  den  übrigen 
Teil  des  Romans  mit  Musikstücken  versehen;  sieher  sind  ihm  die  Liebes- 
lieder, möglicherweise  auch  die  Hauptinterpolation  B  I  zuzuschreiben. 
Ein  späterer  Liebhaber,  vielleicht  auch  ChaiUou  de  Pesstain  selbst,  ver- 
einigte dann  alle  Musikstücke  in  unserer  Hs.  und  Hess  sie  reichlich  illu- 
strieren. Dazu  stimmt  auch,  dass  die  angeführten  Verse  nicht  von  Fr.  de 
Eues  zu  sein  scheinen.  Vor  allen  Dingen  ist  es  nämlich  auffällig,  dass  die 
Stelle  mitten  im  Text  steht,  und  zwar  ohne  Zusammenhang  mit  dem  Stück. 
Auch  dürfte  sonst  der  Ton  der  Zeilen  wohl  zu  selbstbewusst  und  voll  von 
Eigenlob  für  den  Dichter  sein.  Alles  dies  führt  zur  Annahme,  dass  der 
Kopist  in  einer  Hs.,  die  uns  nicht  mehr  erhalten  ist,  bei  dem  Musik- 
stück an  dieser  Stelle  die  Namen  der  beiden  Dichter  fand  entweder  in 
Prosa  oder  in  Versen,  jedenfalls  aber  nicht  in  ihrer  jetzigen  Fassung,  die 
entweder  vom  Kopisten  oder  vielleicht  auch  von  Pessfain  selbst  herrührt. 
Näheres  über  das  Leben  der  beiden  Dichter  hat  uns  Langlois  durch 
Aktenmaterial  geliefert.  Siehe  Anhang  S.  45—46,  ebenso  über  Jehan 
MaiUart  S.  46.  Unsere  Vermutung,  dass  der  Verfasser  von  B  an  der 
Grenze  von  Normandie  und  Pikardie  geboren  wurde,  wird  von  Lang- 
lois urkundlich  bestätigt,  S.  45. 

Als  das  Jahr  der  Entstehung  von  B  ist  uns  in  den  schon  früher 
(S.  9)  angegebenen  Versen  1314  und  zwar  als  genaues  Datum  le 
VP  jour  de  decembre  in  Hs.  2139  und  im  Ms.  von  Petersburg,  alle 
anderen  vollständigen  Mss.  geben  Je  seziesnie  jour  de  decemb>-e  an,  nur 
24436  liefert  septembre.  Letztere  Lesung  hält  G.  Paris  für  die  richtige, 
weil  er  aus  den  vorhergehenden  Versen  sehliessen  will,  dass  sie  noch 
zur  Regieruugszeit  Philipps  IV.  geschrieben  seien,  der  am  ^S).  November 
1314  starb. 

VIII.  Anhang. 
Kurz    nach    Ablegung    meiner    Doktorprüfung    erschien    die    Be- 
sprechung von  Langlois'  Werk:    „La    vie    en  France  au  moyen  äge 


338  Robert  Hess 

d'apres  quelques  moralistes  du  temps",  Paris,  Hachette  1908  in  Ro- 
man ia  ßd.  37,  48G/87.  Da  in  diesem  Buche  ungefähr  30  Seiten  vom 
Roman  de  Fauvel  handeln,  sehe  ich  mich  genötigt,  auf  den  Inhalt 
dieses  Abschnittes  näher  einzugehen.  Zuerst  bringt  Langlois  ungefähr 
dasselbe  wie  ich  über  die  Entwickelung  des  Namens  Fauvel,  um  dann 
zur  Frage  überzugehen,  ob  der  erste  und  der  zweite  Teil  denselben 
Verfasser,  Gerues  du  Bus,  haben  oder  nicht  (siehe  oben  unter  VH 
S. 41— 42),  Langlois  macht  besonders  darauf  aufmerksam,  dass  beide 
Teile  genau  datiert  sind  «circonstance  qui  n'est  pas  commune>  und 
jeder  von  ihnen  deutlich  die  unter  Philipp  dem  Schönen  herrschende 
unzufriedene  Stimmung  verrate.  G,  Paris'  Ansicht,  die  Ideen,  der  Stil, 
die  Lebensanschauung  des  zweiten  Baches  weiche  von  denen  des  ersten 
ab,  die  verschiedene  Auffassung  von  Fauvel^  im  ersten  Teil  als  Tier, 
im  zweiten  als  lebende  Person,  und  die  Nachahmung  des  Rosenromans 
trete  besonders  im  zweiten  Buch  stark  hervor,  seien  zu  bezweifeln. 
Langlois  erklärt: 

„Les  id6es,  quoique  diflförentes,  ne  sont  nullenieut  contradictoires,  Je  style 
est  fort  analogue  et  il  serait  meine  aise  de  relever  dang  les  deux  livres  de 
frappantes  similitudes  de  inots.  Quant  ä  la  ciilture,  corament  affirnier?  L'auteur 
du  second  Fauvel  avait  „unc  culture  philosophique",  celui  du  premicr  cite 
Aristote." 

Sind  dies  aber  vollständig  überzeugende  Gründe?  Wenn  wir  auch 
alles  zugeben,  was  Langlois  als  Gegengrüude  hervorhebt,  hat  dann 
G.  Paris  nicht  doch  recht,  wenn  er  behauptet,  der  Verfasser  des  zweiten 
Buches  habe  den  ersten  Teil  so  gut  nachgealimt,  dass  sein  Werk  mit 
dem  ersten  zusammen  verbunden  blieb?  Langlois  selbst  lässt  die 
Frage  offen,  indem  er  fortfährt:  „Quoi-qu'il  en  soit,  le  premier  Fauvel 
presente  une  parlicularite  singuliere".  Wir  aber  sind  durch  unsere 
sprachliche  Untersuchung  imstande,  ein  abschliessendesUrteil  über  die 
ganze  Verfasserfragc  abzugeben.  (Siehe  unter  VII  S.  42.)  Lang- 
lois selbst  teilt  uns  auf  Seite  284  seines  Buches  mit,  dass  Gervais  du 
Bus  Normanne  war,  wir  haben  dasselbe  in  unserer  grammatischen 
Untersuchung  festgestellt,  S.  42.  Wäre  er  auch  der  Verfasser  des 
ersten  Buches,  so  müsste  auch  dieses  ebenso  wie  das  zweite  normanni- 
sche Merkmale  enthalten.  Dem  ist  jedoch  nicht  so;  wir  finden  im 
Gegenteil,  dass  der  erste  Teil  eine  viel  stärkere  pikardische  Färbung 
zeigt  als  der  zweite,  jedoch  kein  einziges  normannisches  Merkmal.  Wie 
wir  an  der  angegebenen  Stelle  S.  42  festgestellt  haben,  haben  wir  es 
in  Buch  1  und  II  mit  zwei  verschiedeneu  Verfassern  zu  tun  und  können 
daher  G.  Paris'  Ansicht  voll  und  ganz  unterstützen. 

Mussteu  wir  Langlois  in  diesem  Punkte  entgegentreten,  so 
stinmicn  wir  in  fast  allen  Fragen,  die  er  sonst  behandelt,  vollständig 
mit    ihm    übereiu.     In  VII   haben    wir    die  Vermutung    ausgesprochen, 


Der  Roman  de  Fauvel  339 

fliiss  die  in  metrischer  Form  abweichenden  Verse  wohl  der  Grundstock 
des  ganzen  ersten  Buches  gewesen  seien;  Langlois  ist  derselben 
Meinung,  denn  er  sagt: 

„Nul  doute  du  reste,  que  Ic  passage  cn  strophcs  soit  de  l'ecrivain  qui  a 
compo86  ce  qui  procede  et  ce  qui  suit  .  .  .  On  peut  faire  plusieurs  hypotheses 
pour  rendie  compte  de  cette  i)articularite:  le  plus  simple  est  que  l'aiiteur  a 
fondu  enserable  des  morceaux  qu'il  avait  ecrits  d'abord,  l'un  eu  atrophes,  l'autre 
en  vers  plats." 

Nur  über  die  Interpolation  in  diesen  Strophen  (die  Beschuldigungen, 
die  gegen  die  Teni])ler  erhoben  werden)  ist  Langlois  anderer  Ansicht 
als  G.  Paris  und  hält  sie  ebenso  wie  die  anderen  Strophen  für  das 
Geistesprodukt  desselben  Verfassers.  Doch  ist  nicht  leicht  einzusehen, 
wieso  die  ersten  Einleitungsstrophen  dieser  „Interpolation"  keine  Er- 
gebenheit für  die  Interessen  des  Königs  an  den  Tag  legen  sollen,  da 
sie  ihn  doch  förmlich  in  den  Himmel  heben,  was  sonst  in  dem  Werke 
nie  vorkommt.  Dass  in  dieser  „Interpolation-'  dieselben  oder  ähnliche 
Ausdrücke  wie  im  ersten  Buche  vorkommen,  ist  auch  nicht  beweisend, 
da  der  Interpolator  sie  doch  sehr  gut  entlehnt  haben  kann. 

Wie  schon  gesagt,  bestätigen  die  Angaben  über  Genies  du  Bus, 
die  Langlois,  auf  Aktenmaterial  gestützt,  in  seinem  Buche  gibt,  unsere 
Vermutungen  betreffs  dessen  Heimat:  „Gervais  du  Bus  etait  normand, 
comme  son  nom  sufl'irait  d'ailleurs'ä  l'indiquer,  puisqu'il  fonda  une  cha- 
pellenie  pour  faire  desservir  la  chapelle  de  Saint  Jean  au  Vieil"  An- 
dely  {Eure).  [Siehe  auch  S.  23  die  Bemerkung  zu  dem  Reim  rieume: 
tieume  (nfz,  rhume :  theme),  den  wir  als  Eigentümlichkeit  des  Departe- 
ment Eure  nachgewiesen  haben.] 

„11  n'etait  pas  noble,  puisqu'il  dut  se  faire  autoriser  ä  aquerir  des  rentes 
en  fief,  „sans  ce  qu'ü  pnisse  etre  constraint  a  mettre  les  hors  de  sa  viain  on  a 
faire  en  finances  pour  cause  de  nouhlece'^ .  II  seuible  qu'il  n'ait  jamais  ohtenu, 
des  cinq  rois  qu'il  servit  que  des  graces  extremement  modestes  cn  rt^compense 
de  ses  longs  Services.    II  etait  encore  vivant  en  döccmbre  1338." 

Das  Wichtigste  aber,  das  wir  von  Langlois  erhalten,  ist  seine  vor- 
treffliche Aufklärung  des  Verses  mit  den  Namen  Frangois  de  Eues  und 
der  Zeilen  mit  Chaillou  de  Pesstain  (siehe  oben  VII  S.  43).  Aber  nicht: 
Un  clerc  le  roy,  Franrois  de  Rues,  sondern:  Un  clerc  le  roy  francois, 
de  rues  ist  zu  lesen.  De  rues  kann  aber  nichts  anderes  als  eine  viel- 
leicht beabsichtigte  Verstümmelung  von  Gerues  d.  h.  Gerveis  =  Gervais 
sein,  wie  er  immer  genannt  wird.  Dadurch  wird  auch  uusere  Be- 
merkung aufgeklärt,  dass  Gerues  und  nicht  Gervais  zu  lesen  sei,  Gerues 
ist  nur  Verstümmelung  des  Namens.  Siehe  auch  die  verschiedenen  Er- 
klärungen von  Langlois  für  den  Eeim  von  Gerues  und  conceues 
S.  287/88.  Der  Sinn  der  Verse  und  der  darauffolgenden  Zeilen  in 
Prosa  ist  ganz  klar,  er  ist  der  von  G.  Paris  gegebene.  (Siehe  oben 
VII  S.  43).    Der  Verfasser    der  Einschiebungen    oder  „additions",  wie 


340  Robert  Hess 

sie  geuaunt  werden,  war  Chaillou  de  Pesstain.  Er  war  sicherlich  ein 
Laie,  da  er  sich  „mesire"  nannte,  und  gehörte  zur  Familie  der  Chaillou, 
aus  der  mehrere  hohe  Verwaltungsbeamte  der  franz.  Könige  im  14,Jahrh. 
hervorgegaugen  sind.  Er  ist  wahrscheinlich  identisch  mit  messireRaoul 
Chaillou,  Ritter,  Bailli  d'Auvergne,  a313-1316j  de  Caux,  (1317—1319) 
de  Touraine  (1322),  dann  membre  de  la  Cour  du  roi,  delegue  ä  l'Echi- 
qnier  (d.h.  dem  höchsten  Gerichtshof)  de Normandie  (1323),  euqueteur- 
reformateur  eu  Languedoc  (1324)  etc.  Im  Frühling  1337  war  er  bereits 
gestorben.  Chaillou  und  Gervais  kannten  sich  aller  Wahrschein- 
lichkeit nach  persönlich,  da  sie  Jahre  lang  Seite  an  Seite  am  Hofe 
lebten.  Gervais  überlebte,  wie  wir  sahen,  seinen  königlichen  Herrn, 
da  er  erst  nach  1338  starb. 

Es  bleiben  uns  noch  eine  Bemerkungen  über  Jehan  Maillart  übrig. 
In  seiner  Societe  frauQaise  au  moyen-fige  1904,  S.  234 ff.  hat 
Langlois  nachgewiesen,  dass  Jehan  Maillart,  Verfasser  der  „Co n- 
tesse  d'Anjou"  kein  anderer  gewesen  ist  als  Jehan  Maillart,  einer 
der  hauptsächlichsten  Clercs  der  Chaucellerie  de  France  im  Anfang 
des  XIV.  Jahrhunderts.  Langlois  sieht  in  dem  Ms.  146,  das  unserer 
Untersuchung  hier  zugrunde  liegt,  ein  charakteristisches  Denkmal, 
das  die  Tätigkeit  eines  bis  jetzt  nicht  vermuteten  literarischen  Kreises 
enthüllt.  Unter  den  Clercs  der  königl.  Kanzlei  der  letzten  Kapetinger 
gab  es  mindestens  2  „hommes  de  lettres"  Jehan  Maillart  undGer- 
vais  du  Fius;  ein  anderer  Diener  Philipps  des  Schönen,  ein  Chaillou, 
der  eine  grosse  Vorliebe  für  Romane  und  für  die  Musik  besass,  tat 
Gervais  und  Jehan  Maillart  die  Ehre  an,  ihre  Werke  zu  benutzen, 
während  er  in  den  Fauvel  die  Erzeugnisse  seiner  Muse  einflocht. 
Dies  alles  stimmt  sehr  gut  mit  den  Meinungen,  die  wir  oben  in  Ab- 
schnitt IV  (S.  43  ff.)  ausgesprochen  haben.  Buch  II  stammt  also  von 
Gervais  du  Bus,  die  grosse  Interpolation  aber  wahrscheinlich  von 
Chaillou,  der  das  Werk  JehanMaillar  ts  „La  Comtesse  d'Anjou" 
ausserdem  benutzte  und  das  „Chalivali",  sowie  das  Gebet  verfasste. 

Unterstützt  von  der  ausgezeichneten  Arbeit  Langlois  glauben 
wir,  jetzt  alles  von  Wichtigkeit  zum  Roman  de  Fauvel  zusammen- 
getragen zu  haben.  Das  übrige  bliebe  dann  der  beabsichtigten  kriti- 
schen Ausgabe  überlassen. 


Der  Roman  cle  Fanvel  34| 

Benutzte  Werke. 

Aubvy:  Le  Roman  de  Fauvel.  Reproduotion  photograpliique  dn  Munuacrit 
francais  M()  de  la  Dibliotliöqiie  nationale  de  Paris.     Paris   1907. 

Pey:  Le  Konian  de  Fauvel  abgedruckt  nach  Ms.  21-lU  der  Nationalbibl.  in  Jiilirbueh 
für  vom.  u.  engl.  Lit.  VII  316—343  und  437— 44G. 

Handschrift  2139   der   Nationalbibl.  zu  Paris  in  einer  Abschrift  benutzt. 


Gröbers  Grundriss  der  roni.  Philologie  Bd.  II. 

G.  Paris:  Le  Roman  de  Fauvel  in  llist.  litt.  XXXII  108  — 1.'')3, 

:  Jehan  Maillart  in  llist.  litt.  XXXI  318—350. 
Suchiev-Birch-IIirschfeld:  Geschichte  der  franz.  Literatur.  Leipzig- Wien  1900. 
Grebel:  Le  Tornoiment  Antechrist  par  Huou  de  Mery.     Diss.  Leipzig  1883. 
Wimmer:  Le  Tournoiment  Antechrist   in  Ausg.  und  Abhandl.  auf  dem  Gebiete 
der  rom.  Phil.  LXXVI. 

Bruno t:  Histoire  de  la  langue  franc.    Bd.  I.     Paris  1905. 

Meyer-Liibke:    Gram,   der   rom.  Sprachen   Bd.  I  u.  II,     Leipzig  ISJ^O  u.  1893. 

Schwan-Behrens:  Grammatik  des  Altfranzösischen  6.  Aufl.     Leipzig  1903.; 

Such i er:  Altfrz.  Gram.  Teil  I.     Halle  1893. 

Burgass:  Darstellung  des  Dialekts  im  13.  Jahrb.  in  den  Departements  „Seine 

luferieure"   und  „Eure"  (Haute  Normaudie).     Diss.  Halle  1889. 
Delp:  Etudes  sur  la  langue  de  Guillaume  de  Palerne.     These  Paris  1907. 
W.  Fo  erst  er:   Die  Schicksale  des  o  im  Franz.  in  Rom.     Studien  HI  174 — 190. 
Haase:  Das  Verhalten  der  pik.  und  wallonischen  Denkmäler   im  Mittelalter  in 

bezug  auf  a  und  e  vor  gedecktem  u.     Diss.  Halle  1888. 
Jubinal:  Gentes,   Dits,  Fabliaux  et  autres  pieces  inedites  des  XII [e,  XIV^,  et 

XVe  s.     2  Bände  Paris. 
Löwe,  Die  Sprache  des  „Roman  de  la  Rose  ou  de  Guillaume  de  Dole".     Diss. 

Göttingen  1903. 
Metzke:  Der  Dialekt  von  Ile-de-France  im  XIII.  u.  XIV.  Jahrh.  Diss.  Breslau  1888. 
Müller:   Untersuchung    der  Reime    des  altfranz.  Artuaromans  von  „Durmart  le 

Galois".    Diss.  Bonn  1906. 
Örtenblad:  Etüde  sur  le  developperaent  des  voyelles  labiales  toniques  du  latiu 

dans  le  vieux  frangais  du  XII  s.     Diss.  Upsala  1885. 
Stimmiug:  Der  anglonorm.  Boeve  de  Haumtone.  Bibl.  Norm.  VII.   Halle  1899. 
Suchier:  Ancassin  u.  Nicolete  4.  Aufl.     Paderborn  1899. 
Tobler:  Dis  dou  vrai  aniel.    Leipzig  1884. 

„      :  Zum  Versbau  in  alt-  und  ncufrz.  Zeit.     Leipzig  1903. 


Atlas  linguistique  von  Gillierou  u.  Edmond. 

Chassant:  Dict.  des  abbreviations  latiues  et  franc.     Paris  1884, 

Sternfeld:  Franz.  Geschichte  (Göschen), 


Das  älteste  mittellateinische  Gesprächbüchlein. 

Von 
Prof.  Dr.  Max  Förster  in  Würzburg. 


Die  Forschung  über  die  fast  in  allen  europäischen  Sprachen  nach- 
weisbaren mittelalterlichen  Sammlungen  von  kurzen  katechismusartigen 
Notizen  theologischen,  historischen  und  naturwissenschaftlichen  Inhaltes, 
die  meistens  —  doch  nicht  durchweg^)  —  in  Frageform  dargeboten 
werden  und  daher  unter  dem  Namen  von  Frage-  oder  Gesprächbtich- 
lein^)  in  der  Literaturgeschichte  laufen,  ist  wesentlich  dadurch  erschwert, 
dass  es  noch  sehr  an  der  Veröffentlichung  des  einschlägigen  Text- 
materiales  fehlt.  Auf  die  älteste  okzidentale  Fassung  eines  solchen 
Fragebüchleins  hatte  schon  1872  Wölfflin  hingewiesen  und  auch  die 
Schlusshälfte  desselben  in  den  „Monatsberichten  der  kgl.  preussischen 
Akademie  der  Wissenschaften"  (Berlin  1873)  S.  116— 118  zum  Abdruck 
gebracht.  Aber  eine  vollständige  Publikation  des  interessanten  Textes 
fehlt  immer  noch.  Als  ich  gelegentlich  einer  anderen  Arbeit  die  be- 
treffende Handschrift  einzusehen  hatte,  habe  ich  daher  eine  vollständige 
Kopie  desselben  genommen,  und  möchte  dieselbe  hiermit  auch  anderen 
zugänglich  machen. 

Der  unten  mitgeteilte  Text  findet  sich  auf  Blatt  71a— 78  b  der  Hand- 
schrift Nr.  1093  der  Stadtbibliothek  zu  Schlettstadt  und  ist  dort  in  einer 
Halbunziale  um  das  Jahr  700  aufgezeichnet^).  Das  Latein,  in  welchem 
uns  der  Text  hier  entgegentritt,  zeigt  sowohl  in  lautlicher  wie  in  flexi- 
vischer  Hinsicht  allenthalben  Anlehnung  an  die  Form  der  Volkssprache ; 
und  dies  der  Grund,  warum  ich  den  Text  in  dieser  Zeitschrift  darbiete. 


1)  Ich  habe  schon  bei  anderer  Gelegenheit  (Englische  Studien  XXIII,  435) 
darauf  hingewiesen,  dass  die  Einkleidung  in  Frage  und  Antwort  häufig  von  den 
Kopisten  vernachlässigt  wird,  da  sie  ja  leicht  vom  Leser  wiederherzustellen  war. 

2)  I)ie  Literatur  darüber  findet  sich  jetzt  am  besten  zusammengestellt  in 
Walter  Suchicrs  Habilitationsschrift  „Das  Provenzalische  Gespräch  des  Kaisers 
Hadrian  mit  dem  klugen  Kinde  Epitus",  Marburg  1SȆ6. 

.1)  Die  Literatur  über  die  Hand.'<clirift  jetzt  bei  L.  Traube,  Zur  Paläographie 
und  Handschriftenkunde  (München  l'.>09)  S.  239. 


Das  älteste  mittellateinische  Gesprächbüchlein  343 

Die  Aiisscliöpfung  des  vulgärlateinischen  Einschlages  sei  aber  den  Ro- 
manisten überlassen'). 

Genau  dasselbe  Gesprächbüclilein  ist  uns,  was  bisher  übersehen 
zu  sein  seheint,  noch  in  einer  zweiten  Handschrift  überliefert,  nämlich 
dem  Cod.  Vat.  lat.  Reg.  840,  fol.  106b- 107a  aus  dem  9.  Jahrhundert  2). 
Dort  ist  der  Text  aber  nicht  vollständig  erhalten,  sondern  er  bricht  am 
Fusse  von  fol.  107a  mitten  im  Satze  34  mit  dem  Worte  7» «mc?/ ab.  Die 
Varianten  dieser  vatikanischen  Handschrift  (Vj  habe  ich  sämtlich  am 
Fusse  der  Seite  beigefügt. 

Was  den  Wert  beider  Handschriften  angeht,  so  bietet  im  allge- 
meinen die  Schlettstadter  Handschrift  den  besseren  Text.  Da,  wo  die 
Lesart  der  vatikanischen  Handschrift  vorzuziehen  ist,  habe  ich  dies 
durch  Zusatz  eines  Sternchens  vor  das  zu  bessernde  Wort  in  meinem 
Abdruck  des  Schlettstadter  Textes  angedeutet. 

Über  die  Entstehuugszeit  unseres  Gesprächbüchleins  vermag  ich  nur 
zu  wiederholen,  worauf  schon  Wölflflin  hingewiesen  hat,  dass  nämlich 
die  spätesten  chronologischen  Daten  —  Kaiser  Justiniau  und  der  Lango- 
bardenzug nach  Italien  —  nur  bis  ins  6.  Jahrhundert  hinaufreichen. 
Ende  des  6.  Jahrhunderts  mag  das  Werk  daher  zusammengestellt  sein. 

Mein  Abdruck  folgt  genau  der  Handschrift.  Doch  habe  ich  die 
Interpunktion,  Worttrennung  und  Verwendung  von  Kapitalen  geregelt, 
sowie  die  Abkürzungen  durch  Kursivdruck  kenntlich  gemacht. 

[1]  Inc/pzY^)  de  plasmationem*)  Adam //o/.  7i*/-  *Ubi  *)  lDe?es  At^am 
plasmauit,  ubi  Chn's^?/s  natus  est,  *hoc*)  in  Bethleem  ciuitatem').  *Ubi«) 
et  medius  mundus  est,  ubi  ex  .im.  limus®)  terrae  et^")  hominem  fecit, 
hoc  est,  afferentes*')  ei  angeli,  id  est,  Mihael  et  Gabriel,  üriel,  Raphael  ^'), 
ex.  .nu.  limus'*)  terrae,  quod  est  *per'*)  quatluor  partes  mundi:  ab  ^*) 
aquilone,  ab")  auslro'"),  a"j  septentrione^»)  et  meridi^.  El  posuerunt 
iuxta  arbore  ^')  necteris '®),  qui  est  in  medio  ligni  paradisi  [fol,  72"'].  Et 
de  quattuor  flumina,  que  sunt  in  paradiso,  Giou,  Phison,  Tegris,  Eu- 
fratis*"),  sumpta  es  aqua"),  uude  consparsum  est  *ei")  ipsum  limuw^s), 
et  factum-*)  est  imaginem**)  *Dei").     De  sp^nY^m  dicit^^),    quomodo 


1)  Auch  die  inhaltliche  Ausschöpfung  rauss  ich  anderen 'überlassen.  Einen 
Anfang  dazu  habe  ich  gemacht  in  meinem  Aufsatze  „Adams  Erschaffung  und 
Namengebung,  ein  lat.  Fragment  des  s.  g.  slawischen  Henoch"  im  Archiv  für 
Religionswissenschaft  XI  (1908)  477—529, 

2)  Gedruckt  von  W.Schmitz,  Miscellanea  Tironiana  (Leipzig, 1896)  S.35— 38. 

3)  Fehlt  V.  4)  plasmatione  V.  5)  ihi  V.  6)  hoc  est  V.  7)  Bethlehem  civi- 
tateY.  S)  ibi  Y.  Q)  limuniY.  10)  f.  V.  11)  deferentes  Y .  12)  et  Gabriel,  Uriel, 
JRaphael  f.  V.  13)  ex  quattuor  partes  mundi  limum  Y.  14)  ex  Y.  15)  aut  V. 
16)  australe  V.  17)  et  V.  18)  septentrionem  Y.  19)  arbores  nectaceris  Y. 
20)  Geon,  Fison,  Thcchris  et  Eufrathis  V.  21)  est  aqua  f.  V.  22)  ei  f.  V. 
23)  lignum  V.      24)  facta  V.      25)   imago  V.      26)  hominis  V.      27)  dicitur  V. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  22 


344  Max  Förster 

missus^)  est  in  Adam.  Siciit  *.iiii.'^)  limus^)  terrae  plasmatus  est*), 
ita  *ad*)  quattuor  angulos  *terra*)  addueta  es')  aqua*).  De  qiiattuor 
flumimbus  consparsum  est;  ita  et  de")  .im.  *neritus''')  precepit  Dowmi<s. 
Et^^)  missus^^)  est  spen72/s")  in  imag-iuem,  et  sufflauit  ^*)  Dominus  in 
imaginem,  et  accepit  spin'tmn, 

[2]  [fol.  72^]  Primum  uerbum  *qualem ")  dixit  Adam  ?  —  Primum 
uerbum")  *Deo  gratias'  dixit"). 

[3]  Öicut  a  quattuor  partes  mundi'*)  *firmatus")  est,  ita  et  quattuor 
*stillas'"')  constitutas")  in  ^caelos").  De  quorum  nomen  accepit  Adam: 
*primam")  ^stilla^**)  Orientalis  dicitur  Anatoli"*);  secunda  ^stilla*")  *occi- 
dentales'^)  dicitur  Dosis'");  tertia  *stilla''")  ab  aquilone")  dicitur  Artus ; 
quarta  ^stilla^")  ^mediana'^*)  dicitur  Mesembrionem^*).  De  istas  quat- 
tuor'") *stilla.s=")  tulit  quattuor  litteras,  id  est:  de  *8tilla'")  Anatoli") 
tulit  A;  [fol.  73^J  de  ^stilla"")  Dosis'')  tulit  D;  de  ♦stilla'")  Artus  tulit 
A;  de  ^stilla'")  Mesembrionem")  tulit  M.  Et  uocauit'*)  nomen  eius"') 
Adam. 

[4]  Ex  qnibus  elimentis'*)  constat  homo")?  —  Hoc  est'*),  anima  et 
corpus,  *sit"')  trij)lix*'')  est  in  acto,  hoc*')  es*'),  corpus  et  animam**), 
et  H\)irifiis.  Corpus  ad  regendum,  auimam*')  ad  uiuendum,  B\nritu8  ad 
intellegendum").  Non  est  aliut*^)  ab  animam*®)  *substantiam*''j  sp^'nYM8, 
sed  tautum  decretum"),  hoc  est,  ut  ^cerni*")  inter  bonum  et  malum. 
Dum  *auimam'"')  et  apiritus  in^')  unu")  sunt,  quattuor  *septies")  in 
corpore  esse  uidemus"),  [fol.  73^]  hoc  est,  ossibus,  neruis")  et»«)  uenas'^'') 
*adque^*)  carnem.  Cum  origo'^")  corporis  ^sed"")  limum  adsumptum, 
quattuor  intrase  coutinet'").causi8''''),  id")  est*'),  frigidum,  calidum  *et**) 
umidum"*)  et  siccuw.  Uiuificatus  ^est"")  corpus  per")  diuinitatem  quat- 
tuor in  se  gerit  diucrsitates,  hoc  est,  ut  *esuriet**),  *et*°)  sitiat,  ut  con- 
cupiscat,  ut  *somnum'"')  capiat.  Usus''^)  autem  *corporalis  *est")  mandu- 
caudum,  bibendum,   *generandum").     Substantia'*)  animae   spiritaliter 

1)  missum  V.  2)  a  quattuor  V.  3)  limos  V.  4)  est  Adam  V.  5)  et  a  V. 
6)  terre  V.  7)  est  V.  8)  et  aqua  V.  9)  a  V.  10)  ventis  V.  11)  ut  V, 
12)  missum  V.  13)  spirituin  V.  14)  insufßavit  V.  \h)  quäle  Y.  16)  Pr.uerhum 
f.  V.  17)  f.  V.  18)  wnmcZw.v  V.  Y.))  formatus  \ .  20)  Stellas  hzw.  Stella  Y.  21)  cow- 
stitutas  sunt  V.  22)  cado  V.  23)  prima  V.  24)  anathoU  V.  25)  occidentalis  V. 
26)  dosi  V.  27)  aquilonis  V.  28)  meridiana  V.  29)  mesimorion  V.  30)  f.  V. 
31)  anathoU  V.  32)  dosi  V.  33)  mesimorion  V.  34)  habet  V.  35)  f.  V. 
36)  elimentibus  V.  37)  f.  V.  38)  est  V.  39)  et  V.  40)  triplex  V.  41)  id  est 
Y.  42)  anima  V.  43)  anima  V.  44)  intelligendum  V.  45)  alius  V.  46)  anima 
V.  47)  in  suhstantia  V.  48)  discretum  est  V.  49)  cerneret  V.  50)  anima  V. 
51)  f.  V.  52)  unum  Y.  53)  speculos  V.  54)  vidimus  Y.  55)  nervi  Y.  56)  f.  V. 
51)veni.  bS)atqueY.  m)  geniusY.  C)0)sitY.  61)  f.  V.  G2)  causasY.  G3)  inter  Y. 
64)  et  vor  calidum  V.  65)  humidum  Y.  Gö)  f.  V.  67)  pro  V.  68)  esuriat  V. 
69)  ut  Y.  70)  somnium  V.  71)  usos  V.  72)  corporalis  est]  confestim  quattuor 
rebus  expletur,  hoc  est  V.     73)  generandum,  videndum  Y.     74)  substantie  V. 


Das  älteste  mittellateinische  Gesprächbüchlein  345 

quattuor  *modi')  subsistit*),  hoc  est,  sensum,  [fol.  74^]  sapientia^). 
volumtateni^)  et  cogitationem.  Sensus  pertinet  ud  uitam,  conBilium  ad 
cogitationein"),  *8apieiitiam *)  *intellectum*'),  *uolümtas "')  ad  aedificu- 
tionem  *). 

[5j  Quibus  *modi')  formadus^«)  est  homo?  —  vii,  hoc  es"),  aiidi- 
tum,  uisum,  gustum,  *gre8Siis'^)  et  ucrbum.  vii")  *ad'*)  ratiouauiliter'^) 
confirmatus  est  homo,  id  est,  intellcctus'*),  cousilium,  cogitatio*''),  patien- 
tia**),  pietate*"),  humilitatem^°)  et  sapientiam. 

[6']  Tribus  modis")  dluiditur^'i):  contempnetur*')  homo  per**)  spem, 
per")  fidem,  per"*)  caritatem.  [fol.  7PJ 

[7]  lnci\iit  de  septew  ponderibus,  iinde  factus  es  Adam^  fides"): 
Pondus  limis*"):  *quia*'')  de"*)  limo")  *factus"")  *est"').  Pondus  maris: 
inde  sunt*")  lacrime  salse*").  Pondus  ignis:  iude  .sunt*^)  alita*")  ^caldas"). 
Pondus  uenti:  inde  est")  flatus**)  frigitus").  Pondus  rux*^):  iude  sudor 
humano")  corpore").  Pondus  floris^*):  inde  est*^)  uarietas  oeulorum. 
Pondos  feni*"):  inde  est")  diuersitas  capillorum*').  Pondus  nuuium"): 
inde  est  stauilitas**)  *in  *mente"). 

[8]  Mulier  autem  ex  noue")  pundura*'')  facta  est**).  Et  *propter*») 
majorem  [fol.  75 ""J  calorem  habet*"),  quia  de  ossibus  *Adam"),  id  est, 
de  Costa  facta  est;  sicut  dixit:  hos^'j  de  ossibus  meis  et  caro  de  carne 
mea.  De  Adam  et")  de")Euam")  dicit"),  qui  originem  *simul")  creati 
sunt,  Corporaliter  autem  non  insimul  facti  sunt:  Adam  fuit  factus  in 
mundo"),   mulier   in  paradiso.     Adam  de  se")   eins  latus")   costae") 


1)  modts  V.  2)  intelliguntur  V.  3)  sapientiam  V.  4)  voluntatem  V.  5)  Sensus 
bis  cogitationem  fehlt  V.  6)  sapientia  ad  intellectum  V.  7)  vohmtas  V.  8)  diffini- 
tionem  V.  9)  modts  V.  10)  firmatus  V.  11)  est  V.  12)  gressum,  g\istum, 
odoratum,  factum  V.  13)  Septem  V.  14)  ad]  modis  V.  15)  rationahiliter  V. 
1^)  intellectum  Y .  11)  cogitationem  Y .  18)  patientiamV.  19)  pietatem  Y .  20)  f.  V. 
21)  Unleserlich  in  V.  22)  Nur  -etur  zu  lesen  iu  V.  23)  j^ro  Y.  24)  et  V. 
25)  Verderbt  aus  id  e$<X>  (nach  R.  Wünsch,  brieflieh).  Die  ganze  Überschrift  f.  V; 
statt  dessen  De  octo  pondera  factus  est  Y.  Überdies  ist  der  Abschnitt  7  in 
V  verstellt:  nämlich  vor  De  Plasmatione  Adam  (oben  Abschnitt  1).  Dass  aber 
die  Stellung  in  S  das  Ursprüngliche  ist,  wird  dadurch  bewiesen,  dass  der  eng 
damit  verknüpfte  Abschnitt  8  in  beiden  Handschriften  an  dieser  Stelle  über- 
liefert ist.  26)  Urne  V.  27)  inde  V.  28)  f.  V.  29)  facta  est  caro  V.  30)  salsi 
erunt  lacrime  V.  31)  f.  V.  32)  anela  V.  33)  calida  Y.  34)  f.  V.  35)  frigida 
V.  36)  rori  V.  Der  ganze  Satz  Pondus  rori:  inde  sudor  steht  in  V  am  Ende 
des  Abschnittes  7.  37)  f.  V.  38)  solis  V.  39)  f.  V.  40)  lunae  V.  41)  f. 
42)  capillarum  V.  43)  nubium  V.  44)  stahilitas  V.  Hier  haben  beide  Hss.  einen 
Fehler:  es  muss  offenbar  instabilitas  heissen.  45)  mentium  Y.  46)  novem  V. 
47)  pondera  V.  48)  Dahinter  in  V :  quia  Eva  de  käme  facta  est.  49)  propterea  V. 
50)  Dahinter  in  V:  et  plus  duriorem  mentem  habet.  51)  adae  Y.  52)  os  Y. 
53)  adam  eua  dicittir  V.  54)  insimul  V.  55)  mundum  V,  56)  f.  V.  57)  latus 
exivit  V.    58)  costa  V. 

22* 


346  Max  Förster 

exiuit,  unde  facta  *es^)  miilier;  *8ig'nifica  ^)  Christum^  de  cuius 
latere')  aqiiam*)  et  saDguis  fluxit,  unde  per  baptismum  facta  est 
*ecclesiam''). 

[9]  Adam  *sex*)  *diebu8*)  plasmatus  est,  significat  Christum  sexta 
miindi  etas')  [fol.  75^]  factus«)  *es«). 

[10]  In")  cainem')  Adam  etEuam'")  absque  Abel  et  Cain  habuit") 
.XXX.  filios  et  .xxx.  filias. 

[11]  Uixit  autem  Adam  annos  dccccxxx  et  mortuos^'')  est  x.  kl. 
*Septembi-ias'^)  *m")  loco  qui  dicitur  Arbe"),  ubi*')  Abraam*')  et  Isaac 
et  lacob  sepiiltii«)  siint^'),  hoc  *es"),  in  Ebreon^")  ciuitate  in  prouincia") 
Allofilonim"),  iibi  fuit  habitatio  gigantorum;  ubi  et  Dauid  unctus  fuit 
in  regno^*),  .xu.^^j  milia")  prope  Hieiusalem  ciuitatem. 

[12]  Duo  Adam  fuerunt:  unus  *plotoplausto")  et  alios")  Baon"), 
que'«;  occisit")  Madia'")  in  campo  [fol  76'']  Moab. 

[13]  Quis  primus  inuenit  artem  musicam,  id  est,  Organa *i)  aut  lira") 
uel  omnem^^)  genera^*)  uallorum^*)?  —  louaP*)  de  genere  Cäin,  filius") 
Adam. 

[14]  Quis  primus  fauer^«)  fuit?  —  TobaP")  *et^'')  Cain^»),  *fratres") 
lobas*'). 

[15]  Da**)  principio  mundi  usque  ad  diluuio")  quod")  anni  fuerunt? 
—   .11.  annorum  et  super  .11.")  annos**)  .ccl.*'). 

[16]  Quautos  annos  habuit  Noe,  quando  *incipit")  fabricare  ar- 
cam")?  —  d. 

[17]  In  quantos  annos  fabricauit  arcam")?  —  c"). 

[18]  Quantum")  temporum")  fuit'*)  in")  arcam")?  —  Anno") 
uno"). 

[19]  Quantos  dies  fuit  super  aqua  arca"*)  —  cl"). 

[20\  Ubi  *requiebit''")  arca,  [fol.  76'7  quando  ^restituit")?  —  Super 
*muntem  ^'^)  Armeni "). 


1)  est  V.  2)  significat  V.  3)  latus  V.  4)  aqua  V.  5)  ecdesia  V.  6)  sexta 
die  V.  7)  aetatem  V.  8)  natus  est  V.  9)  f.  V.  10)  Eva  V.  11)  habuerunt  V. 
12)  mortuusY.  13)  SeptevibrisY.  14)  Davor  richtig  inV:  et  sepiiltus  est  VIII 
Kalenäis  Septewhris.  15)  arabia  V.  16)  et  ubi  V.  17)  AbramY.  18)  sepultus 
est  V.  19)  est  V.  20)  ebron  V.  21)  patria  V.  22)  alophilörum  V.  23)  regno 
Christi  V.  24)  f.  V.  25)  protoplaustus  V.  26)  alter  V.  27)  Sabaoth  V.  28)  qui 
V.  29)  occidit  V.  30)  madian  V.  31)  Organum  V.  32)  lera  V.  33)  omnes  V. 
34)  generationes  V.  35)  pallorum  V.  36)  lubal  V.  37)  filium  V.  38)  faber  V. 
39)  Tubalcain  V.  40)  frater  V.  41)  lohal  V.  Lies  lubal  (Genesis  IV,  21). 
42)  de  V.  43)  diluvium  V.  44)  Lies  quot.  45)  f.  V.  46)an«wV.  47)  CCLII 
V.  48)  inceint  V.  49)  arca  V.  50)  arca  V.  51)  in  C  Y.  52)  quanto  V. 
53)  tempore  V.  54)  fabricavit  V.  55)  arca  V.  56)  annum  V.  57)  integrum  V. 
58)  f.  V.  59)  (:LI  V.  60)  requievit  V.  61)  restitit  V.  62)  montem  Ärathim  V. 
63)  Armcvnia  patria  V. 


Das  älteste  mittellateiuische  Gesprächbüchlein  347 

[21]  *Quantu8')  filios  habiiit  NoeV  —  in.  Sem,  Cham  et  laphet, 
bui  inter  se  diuiseriint  terram*).  Sem  accepit  in')  orieiitem,  Cham  ad 
meridie,  laphed*)  ad  oceidentem.  iii  ])artes  de  toto  mundo  feceruut, 
id  est,  una  pars  dicitur  Asia,  alia  Africa,  tertia  Eriij)pa'^). 

[22]  De  tres  filios  Noe.  lüde  exortae")  sunt  Ixx  ct^)  ii  gene- 
rationis«):  de  Sem  Chaldci,  Ebrei,  Greci");  de  Cham  Afri,  Egipti^"), 
in>')  hoc  sunt'»)Mauri;  de  laphet'')  *Italiai*),  Galli'«)  et  Spauiterrami"). 

[23]  k'')  patre'")  *Abrahami'')  [foL  77«/ fuerunt  anni  m  cxcni^-«). 

[24]  Ilabraam'*)  cento  annorum  genuit  Isaac;  '•''piimus")  genuit 
Hismahel")de'*)  Agar'*).  Mater ■-^)  Hismabelitaruw'")  Agar")  enim").  Et 
modo  dicti  sunt")  Sarracinorum  ").  *Pate'")  HismaheP")  primus  *sagit- 
tatur»')  fuit.  

[25]  Fuerunt  autem  a  principio  mundi  usque  ad  Moisen  llP^a)  cv 
anni"). 

[26]  Quis  primus  litteras  Gregas'^)  inuenit?  —  QuononoeP*). 

[27]  *Ante'^)    medicinara'')   *qui")  *primis'*)  inuenit?  —  Apollion. 

[28]  Quis  primis  nauem  fecit?  —  Orpheus"),   magister  Hirculis"). 

[29]  Quis  primus  litteras  Latinas  inuenit?  —  Carmitis*')  *nepha*^). 

[30]  [fol.  77^]  Da")  Moisen**)  usque  ad  Dauid  fuerunt  anni  ducenti 
septuagiuta  quinque. 

[31]  Quis  primus  rex  fuit")  in**)  Irael")?  —  Saul*'). 

[32]  Post  IUI  cccviii*^)  ^annus*")  Hellas  raptus  est  in  caelo. 

[33]  Quis  primus  *stateriam *")  fecit?  —  Fudunacius"). 

[34]  Post  IUI  cccc  et")  viiii^')  annos  da**)  principio  mundi ^«) 
fuerunt  usque  quod  Romolus  Roma  fabricauit. 

[5:^]  Quis  primus  milite  in  obsetio  misit?  —  Romolus. 

[35]  Quis  primus  Imperator  fuit?  —  lulianus  et  Octabianus.  Ante 
Chr/.s^i  aduento  fuerunt. 


1)  quantof'  V.  2)  terra  V.  3)  ad  V.  4)  lafet  V.  5)  Europa  V.  6)  ortae  V. 
7)  f.  V.  8)  generationes,  unde  electi  sunt  octo  generationcs,  id  est  V.  9)  et 
greci  V.  10)  egyptii  V.  11)  f.  V.  12)  est  V.  13)  lafet  V.  14)  Itain. 
15)  et  Galei  V.  16)  Spanitarum  V.  17)  f.  V.  18)  patri  V.  19)  Dahinter 
richtig  in  V:  De  principio  mundi  usque  ad  Abraham.  20)  CLXXXIIII  anniY. 
21)  abraham  V.  22)  primum  et  Y.  23)  Ismahel  V  u.  so  stets.  24)  relegavit  (?)  V. 
25)  pater  V.  26)  Ismahelitarumque  Cantor  V.  27)  Agareni  V.  28)  quos  V. 
29)  pater  V.  30)  Ismael  V.  31)  sagittarius  V.  31a)  IUI-  V.  32)  f.  V. 
33)  f.  V.  34)  Zonomhel  V.  35)  artem  V.  36)  mediana  V.  37)  quis  V. 
38)  primus  V.  Die  nächsten  vier  Worte  fehlen  in  V.  39)  Horreus  V.  40)  Hercoli  V. 
41)  Carmentis  V.  42)  niwfa  V.  43)  de.  44)  moyse  V.  45)  fuit  rex  V. 
46)  f.  V.  47)  Saul,  filiiis  Israel  Y.  48)  CCCVIIJIY.  49)  annos  V.  50)  stateraY. 
51)  Fidunatus  V.  Gemeint  ist  Fhidon  Argivus  (Isidor,  Oiig.  16,  25  =  Migne 
82,  590).  52)  f.  V.  53)  LVIIII  V.  54)  deY.  55)  Hier  bricht  die  vatiktmischtj 
Handschrift  unten  auf  fol,  107r  ab. 


348  Max  Förster 

[36]  Da  principio  mimdi  usque  quod  [fol.  78"]  ChristuB  natus  est  V 
xxviii  anni  fuerimt. 

[37]  fSignatus  es  Tiuerius  imperatur  in  Hjerusalem  regnante  Herode 
rege. 

[38]  Qiiis  primus  gemma  in')  auro  misit  aiit  mittere  iussit?  — 
Dioclitianus. 

[39]  Qui<8>  primus  litteras  Guticas  inuenit?  —  Goulphyla  Gothoruni 
c\iiscopuB. 

[40]  Fuit  autem  ad^)  principium  mundi  usque  quod  Langobardi 
iu  Italia  praesiderunt  V  dcelxx  et  n  anni,  tempore  lustiniano  impe- 
ratore. 

[41]  Quantas  natiuitas  Chr/s^2<s  habuit?  —  .im.  Prima  natiuitas 
Chr/s/i  diuinitatis  a  pater  ante  saecula.  Secunda  natiuitas  per  ad- 
sumptionis  carnis  de  Maria  uirginera.  Tertia  per  baptismum,  ut  fierit 
primog-enitos  in  multis  fratribus.  Quarta  natiuitas  primogenitus  ex 
mortuis  resurrexit.  Ita  et  hominem  quattuor  natiuitati<s>  sunt.  Prima 
generatio  corporis,  id  est,  figuratio.  Secunda  anima  creatio.  Tertia  in 
baptismo  recreatio.    Quarta  in  resurrectionem  regenerationem. 

[41]  Christus  post  'xxx*  annos  baptizatus  fuit.  xxx  et  'ii*  annos 
et  uno  medio  in  terra  ambolauit. 


1)  I  aus   G    korrigiert.      2)  Lies  a. 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe. 

(Vgl.  „Romauische  Forschimf^eii"  XVI,  321—353.) 

Von 

August  Aiidrae. 


Hätous-nous  d'econter  les  dölicieuses 
histoirea    du    peuple,    avant  qu'il  les 
ait  oubliees  .  .  . 
(Charles  Nodler,  „Contes  de  la  veillee".) 

Was  mir  iu  den  letzten  Jahren  weiter  auf  diesem  Gebiete  vor  Augen 
und  Ohren  gekommen  ist,  soll  als  Zusatz  und  Nachtrag-  zu  meinem 
früheren  Beitrage  —  Das  Weiterleben  alter  Fablios,  Lais,  Legenden  und 
anderer  alter  Stoffe  (R.  F.  a.  a,  0.)  —  in  der  vorliegenden  kleinen 
Arbeit  niedergelegt  werden.  Die  vorgeführten  Stoffe  sind  meistens  die 
alten,  dieselben  geblieben;  einige  andere  damals  nicht  erwähnte  sind 
neu  hinzugekommen.  Von  einem  Unterbringen  der  Stoffe  in  die  ver- 
schiedenen Arten  des  Weiterlebens  —  Sammlungen,  Episoden,  Ein- 
schaltungen, Lesebücher,  Anekdotensammlungen,  Zeitschriften,  Zeitungen, 
Gedichte,  poetische  Erzählungen,  Bühne,  mündliches  Weiterleben  —  ist 
diesmal  abgesehen,  zumal  das  ein  jeder  beim  Lesen  nach  den  Angaben 
leicht  selbst  bewerkstelligen  kann.  Zuerst  eine  kurze  Vorbemerkung 
zu  der  17.  Geschichte  der  „Nouveaux  contes  de  jadis"  von  Mendes. 
Paul  Sebillot  erzählt  in  seineu  weiter  noch  unten  zu  nennenden 
„Contes"  eine  ähnliehe  Vertretung  eines  Heiligen,  „Saint  Denige;  so 
lange  die  Holzstatue  nicht  fertig  ist,  soll  er  sich  in  die  Nische  stellen. 
Darauf  geht  er  auch  ein.  Als  man  ihm  aber  einen  „coup  de  rabot" 
geben  will,  stürzt  er  heraus.  Und  zu  der  19.  Lafontaines  einst  an 
der  Comedie  Fraugaise  vielgegebenes  Lustspiel,  das  auf  eine  Versnovelle 
Ariosts  zurückgeht,  „La  coupe  enchantee"  („Zauberbecher")  hat  jetzt 
Stoff  für  eine  zweiaktige  komische  Oper  von  Pierne  und  Matrat  ge- 
liefert, die  auch  bei  uns  in  Stuttgart  aufgeführt  wurde  (Näheres  im 
„Figaro"  vom  27.  Dezember  1905  und  in  der  „Frankfurter  Zeitung" 
vom  27.  Februar  1907).  Vom  „kurzen  Mantel-'  und  „Schweinskopf'' 
liest  man  auch  noch  in  Percys  „Reliques"  und  in  Herders  „Stimmen". 
Angespielt  wird  kurz  auf  das  „Drinkin^  Horii"  und  den  „Mantle"  in 


350  August  Andrae 

Scotts  ßoman  ,,Tlie  Abbot/'  Wir  ergänzen  mm  die  frühere  kurze  Be- 
merkung 

Vom  gegessenen  Herzen.  Das  Stück  des  südfranzösischen 
Dichters  Jean  Aicard,  „La  legende  du  coeur-',  ist  im  Sommer,  Juli  KK)o, 
im  alten  Theater  zu  Orange  bei  den  Festspielen  zum  erstenmal  mit 
grossem  Erfolg  aufgeführt  worden.  Als  Quelle  hat  dem  Dichter  die 
bekannte  Troubadourgeschichte  Boccaccios  aus  dem  ^Dekaraeron"  ge- 
dient; doch  hat  er  sich  nicht  streng  an  seine  Quelle  gehalten  und 
Eigenes  hiuzugetan  (vgl.  „Der  Tag"  vom  16.  Juli,  „Figaro"  vom  14. 
und  „Journal  des  döbats"  vom  15.  und  16.).  Mit  demselben  Erfolg  fand 
dann  im  September  die  erste  Aufführung  in  Paris,  im  Sarah  Beruhard- 
Theater  statt  (vgl.  „Figaro"  vom  29.  Sept.).  Der  Stoff  schien  damals 
so  zu  sagen  in  der  Luft  zu  liegen;  von  einem  Ferdinand  Esselin 
wurde  dem  „Figaro"  vom  29.  Juni  1903  mitgeteilt,  dass  auch  er  ein 
Drama  in  sieben  Bildern  über  den  Troubadour  Cabastaing  und  Mar- 
garetha  von  Roussillon  beendet  habe.  Manches,  so  von  AutTührungen 
in  Spanien  und  Italien  beruhte  auch  auf  Erfindung.  Aber  bereits  das 
18.  Jahrb.,  wenn  nicht  ein  früheres,  hat  den  Stoff'  der  Bühne  zugänglich 
gemacht:  mir  sind  drei  Stücke  bekannt :  „Gabrielle  de  Yergy",  tragedie 
von  M.  de  Belloy  (1770),  der  ausserdem  der  Verfasser  der  eingehenden 
Abhandlung  „Memoires  historiques  sur  la  maison  de  Coucy,  sur  la 
Dame  de  FaieL  &  surEustache  de  Saint  Pierre"  (1770)  ist,  „Fayel", 
ein  Trauerspiel  in  fünf  Aufzügen:  aus  dem  Französischen  des  Herrn 
d'Arnaud,  Leipzig  zu  finden  bey  Schwickert  1771.  Ein  drittes,  weniger 
bekanntes,  „La  Comtesse  de  Fayel"  wird  vom  „Figaro"  (28.  Sept.  19C»3) 
bei  der  Wiederaufnahme  der  Burleske  „Le  Sire  de  Yergy"  namhaft  ge- 
macht. Dann  wissen  wir,  dass  Müller  v.  Königs winter  mit  einem 
Trauerspiel  „Die  Kastellanin  von  Yergy  beschäftigt  war  und  dass  es 
eine  nachgelassene  Oper  von  Donizetti  gibt.  „Gabriella  di  Vergy", 
Neapel  1844.  Der  grosse  Bühnenerfolg  der  Legende  und  der  Burleske 
lenkte  natürlich  die  Aufmerksamkeit  auf  den  berühmten  Stoff'  —  „de 
toutes  parts  sorrent  des  etudes  et  des  commentaires  sur  la  celebre 
legende"  —  so  bringt  „The  Times  literary  Supplement  vom  29.  Mai  1903 
einen  Artikel  „Strange  adventures  of  a  medieval  story",  und  dem  „Fi- 
garo" vom  3.  Mai  1903  wird  eine  Eomanze  aus  dem  18.  Jahrh.  von  dem 
Herzog  de  la  Valliere,  „Les  infortunees  amours  de  la  dame  de  Fayel, 
epouse  du  barbare  sire  de  Vergi,  et  de  Eaoul  de  Coucy"  mitgeteilt: 
vielleicht  dieselbe,  die  in  Eduard  von  Bülows  Erzählung  „Der  Bi- 
gamist" das  Landmädchen  Jeaunette  zur  Unterhaltung  der  Gäste  singt. 
Ja,  weit  und  breit,  im  Kord  und  im  Süd.  früh  und  spät  wird  von  der 
Geschichte  gesagt  und  gesungen.  Konrad  von  Würzburg  besingt 
„Die Herzmäre'  schon  früh  im  13.  Jahrb.;  eine  nordische  Ballade  „Vom 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  351 

gegessenen  Herzen"  teilt  Mohnike  in  seineu  „Altschwedischen  Balladen" 
mit.  Das  „Dictiounaire  d'anecdotes,  de  traits  singuliers  et  caracte- 
ristiques,  historiettes,  bonsmots,  naivetüs,  saillies,  reparties  ingenieuses, 
&c.  &c."  uouvelle  edition  augmentee.  Tome  second.  A.  Paris,  chez  la 
Combe,  libraire,  Quai  de  Conti  MDCCLXVIir  Avcc  approbation  & 
privilege  da  roi  —  erzählt  sie  unter  „Jalousie",  und  zwar  in  zwei 
Fassungen,  in  der  zweiten,  einer  sjjanischen,  setzt  die  beleidigte  Gattin 
dem  Gatten  das  Herz  der  Geliebten  vor.  Die  „Nouvelles  et  legendes" 
recueillies  a  Demuin  (bourg  jücard)  par  Alcius  Ledieu,  Paris  1895, 
bringen  sie  ebenfalls:  „Le  chatelain  de  Coucy  et  la  dame  de  Fayel". 
Eine  poetische  Bearbeitung  des  Stoffes  liefert  noch  Paul  Sebillot  in 
„La  Bretagne  enchantee  (poesies  sur  des  themes  populaires,  Paris  o.D.): 
„La  dame  de  Hunaudaye".  Vergessen  wir  nicht,  dass  der  Stoff  auch 
unseren  Uhland  zu  seiner  prächtigen  Dichtung  „Der  Castellan  von 
Coucy"  angeregt  hat. 

Eröffnet  wird  Uhlands  Zyklus  „Sängerliebe"  mit  „Rudello",  worin 
der  Dichter  die  bekannte  abenteuerliche  Liebesgeschichte  dieses 
Troubadours  poetisch  behandelt,  die  auch  Heinrich  Heine  zu  seiner 
phantastisch-romantischen  Pvomanze  „Geoffroy  Paidel  und  Melisaude 
von  Tripoli"  und  zu  den  Rudellostrophen  in  „Jehuda  ben  Halevy"  an- 
geregt hat  Vogl  dichtet  die  Ballade  „Melisunda".  Dramatisch  behandelt 
dann  diesen  Troubadonrstoff"  Kostand  in  der  „Princesse  lointaine". 
Von  einer  Oper,  „La  legende  de  Eudel",  Musik  von  M.  Castro,  Dichtung 
von  H.  Brody —  wahrscheinlich  durch  „La  legende  du  coeur"  angeregt  — 
war  noch  Rede  im  „Figaro"  vom  1.  Mai  1904. 

Vom  Ritter,  der  seine  Fran  dem  Tenfel  gab  (Ein  Marienwunder.) 
Die  frühere  kurze  Mitteilung  erweitere  ich  dahin,  dass  das  Stück  im 
Pariser  Odeontheater  zum  erstenmal  im  April  1903,  am  vorletzten 
„literarischen  und  dramatischen"  Sonnabend  aufgeführt  wurde.  An 
diesen  „Sonnabenden",  die  Ostern  zu  Ende  sind,  finden  kurze  Auf- 
führungen dramatischer  Seltenheiten  statt,  denen  eine  literarische  Be- 
sprechungvorhergeht. Das  Stück,  das  auf  einem  alten  Mysterium  beruht, 
liegt  auch  im  Druck  vor  (Paris  1903)  und  wurde  bis  in  den  Juni  hinein 
dann  und  wann  mit  anderen  kleinen  Stücken  zusammen  aufgeführt. 
Der  Inhalt  ist  in  wenig  Worten:  Ein  Ritter,  der  dem  Spiel  leidenschaftlich 
ergeben  ist,  verliert  im  Spiel  all  sein  Hab  und  Gut  an  den  Teufel,  dem 
er  gegen  die  goldschaffende  Schaufel  seine  Frau  verkauft.  H.  Die  heilige 
Jungfrau  erbarmt  sich  der  Schlossherrin,  nimmt  ihre  Züge  und  Gestalt 
an,  schlägt  den  Teufel  in  die  Flucht  und  führt  alles  zum  guten  Ende. 
Wie  schon  gesagt,  findet  sich  die  Legende  auch  bei  Gottfried  Keller, 
der  seinerseits  durch  die  1804  erschienenen  Prosalegenden  K o se  g a r  t  e n  s 
angeregt  wurde. 


352  August  Anclrae 

Vom  Springer.  In  Paris  fand  die  erste  Aufführung  des  Mirakel- 
spieles von  Massenet  im  Mai  1904  an  der  Komischen  Oper  statt 
(„Figaro' 11.  Mai);  andere  Aufführungen  erlebte  das  Werk  in  der  Royal 
Oi)era  in  London  („Times"  10.  Juni  lÜOd,  gelobt  werden  das  „AUeuia 
du  vin",  „La  legende  de  la  sauge"  u.  a. ;  sowie  im  Kgl.  Hoftheater  zu 
München  („Allgemeine  Zeitung"  und  „Müuchener  Neueste  Nachrichten" 
vom  19.  Juni  1903:  sehr  schöner  Erfolg).  Eine  Anspielung  auf  die 
Geschichte  von  A.  France  —  the  Friar  . .  who  had  been  an  acrobat, 
stood  on  his  head  before  the  high  altar  to  the  glory  of  God  —  in 
„The  Times  literary  Supplement-'  vom2ß.  Juni  1903  bei  der  Besprechung 
des  Stückes  „Where  there  is  nothing." 

Von  der  sündhaften  Nonne.  In  Wielands  „Vermischte  Schriften" 
steht  ein  Artikel  ..Tresor  de  l'ame'^  Auszüge  eines  so  betitelten  merk- 
würdigen Buches  aus  dem  15.  Jahrb.;  hierin  nun  wird  die  bekannte 
Marienlegende  neben  anderen  vom  Dichter  erzählt;  ebenso  in  den 
„Contes  de  la  veillee"  von  Charles  Kodier,  „Legende  de  Soeur 
Beatrix"  (1838).  „tire  d'un  vieil  hagiographe,  nomme  Bzovius  . . ."  Mau- 
rice Maeterlinck  hat  den  alten  Legendenstoff'  dramatisch  bearbeitet, 
als  Singspiel  in  drei  Akten;  Aufführungen  im  Neuen  Theater  zu  Berlin 
Februar  1904,  im  Hamburger  Thalia-Theater  („Hamburger  Nachrichten" 
vom  7.  April)  und  im  Müuchener  Volkstheater  im  Juni.  Die  vergebende 
göttliche  Liebe  im  Menschen  ist  der  Grundgedanke  der  Dichtung  wie 
der  Legende. 

Der  Geiger  zu  Gmünd.  Dieser  Stoff"  ist  ja  aus  Justiuus  Kerners 
schönem  Gedicht  genug  bekannt  geworden.  Dann  gibt  es  noch  eine  Ballade 
vonWilh.  Gräfin  Wicken  bürg -Alm  asy,  „Friedel,  der  Geiger"  (nach 
einer  Legende  aus  Tyrol);  abgedruckt  in  Reclams  „Deklamatorium". 
Heinrich  Seidel  tiicht  die  „Märe  von  einem  fahrenden  Geigerlein 
aus  der  alten  Zeit"  in  seinen  Band  „Die  Augen  der  Erinnerung  und 
Anderes"  (1897)  ein.  Erfolgreiche  Tondichtungen,  die  den  Geiger  zum 
Gegenstande  haben,  rühren  her  von  dem  Leipziger  Karl  Reinecke 
und  dem  Schweizer  Hans  Huber  (vgl.  „Berliner  Tageblatt"  vom  14.  Mai 
und  „Frankfurter  Zeitung"  vom  23.  Februar  190(3).  Als  Ballett  für  die 
Kopeuh agener  Bühne  ist  die  alte  Legende  von  P.  A.  Rosenberg  und 
dem  Komponisten  August  Enna  zurechtgemacht,  „Der Goldschuh  der 
heiligen  Cäcilie".  Das  im  Molieretheater  zu  Paris  von  den  „Cadets  de 
France"  im  Mai  1905  aufgeführte  vieraktige  Musikdrama  von  M.  Jacques 
Roullet  und  M.  H.  Eymieu,  „La  legende  du  menetrier",  benutzt 
den  ersten  Teil  der  Legende :  Ludwig,  ein  armer  Minnesänger,  sucht 
die  Kirche  auf,  verspricht  der  Heiligen,  sie  stets  in  seinen  Dichtungen 
feiern  zu  wollen,  und  bittet  sie  um  eiue  Gabe.  Da  geschieht  ein  Wunder; 
die  Statue  belebt  sich  und  überreicht  dem  Säuger  das  Perlenhalsband. 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  353 

Er  wird  nun  des  Diebstahls  angeklagt  .  .  .  (vgl.  „Figaro"  vom  27.  und 
„Der  Tag"  vom  31.  Mai  1905). 

Die  Jnngfran  vertritt  den  ihr  ergebenen  Bitter  im  Kampfe. 

R ticke rt  behandelt  den  alten  Stoff  in  seiner  Ortslegende  „Maria Sieg- 
reich". 

Tom  Sehneekind  (alter  Fabliostoff;  siehe  B  edier  S.  398  u.  460). 
Eingefügt  wird  die  alte  Geschichte,  die  auch  in  Paulis  „Schimpf  und 
Ernst"  zu  lesen  steht,  in  eine  Klostergeschichte  von  Ludwig  Laistner, 
„Schneekind"  betitelt  („Illustrierte  Deutsche  Monatshefte"  Mai  1877)  und 
kurz  erzählt  in  der  „Frankfurter  Zeitung"  vom  22.  März  1905  bei  der 
Erklärung  des  Namens  Schneeburg  (Breisgau). 

Der  angeführte  Teufel  (Ernte vertrag).  Eine  russische  Fabel,  „Der 
betrogene  Bär",  wird  in  der  „Wiener  Mode"  vom  1.  März  1908  mit- 
geteilt, jedenfalls  identisch  mit  „Der  Bauer  und  der  Bär".  Der  Teufel 
als  angeführter  Baumeister  enthält  eine  andere  Gruppe  von  Sagen. 

Der  Mönch  von  Heisterbach, 

„Ich  zog  ja  gestern  morgen  fort!" 
Zwölf  Jahre  warst  du  fern  vom  Ort. 
„Zwölf  Stunden  währte  kaum  die  Nacht!" 
Zwölf  Jahre  hast  du  durchgebracht. 

(Karl  Gerock,  „Tannhäuser") 

Die  alte  Legende,  die  schon  Pauli  erzählt,  will  den  Ewigkeitsgedanken 
verherrlichen  und  zeigen,  dass  die  schönsten  Stunden  am  schnellsten, 
wie  im  Fluge  dahineilen.  Schon  der  Bibel  ist  der  letzte  Gedanke 
nicht  fremd,  wenn  es  im  ersten  Buch  Mose  heisst:  Also  dienete  Jakob 
um  Rahel  sieben  Jahre,  und  däuchten  ihn,  als  wären  es  einzelne 
Tage,  so  lieb  hatte  er  sie  .  .  .  Eine  Aufführung  der  einaktigen 
Märchenoper  „Der  Klosterschüler  von  Mildenfurth"  fand  auch  im  Neuen 
Theater  zu  Leipzig,  Sommer  1905  statt  und  fand  eine  sympathische 
Zustimmung;  die  Musik  klingt  vielfach  an  Wagner  an.  Anlässlich 
des  Todes  der  englischen  Schauspielerin  Miss  Nellie  Farreu  (vgl. 
„The  Times"  vom  29.  April  1904)  wurden  Stücke  aufgezählt,  worin 
sie  eine  Rolle  gespielt  hatte,  darunter  „Rip  van  Winkle".  Dieses 
Stück,  das  unseren  Stoff  humoristisch  behandelt,  ist,  wie  ich  be 
merken  kann,  eine  musikalische  Burleske  von  Robert  Reece  und 
Meyer  Lutz,  die  sich  auf  die  Bearbeitung  der  alten  Legende 
von  Washington  Irving  stützt  und  in  den  70ern  im  Charing 
Cross-Theater  zu  London  aufgeführt,  aber  nicht  gedruckt  wurde.  Der 
Stoff  gehört  ja  der  Weltliteratur  an  und  ist  ungemein  verbreitet.  Immer 
und  immer  wieder  bringen  die  Sagen-  und  Märcheusammlungen  Fassungen. 
So  „Deutscher  Sagenschatz"   von  J.  W.  Otto  Richter:    „Abt  Erpho 


354  August  Andrae 

von  Siegburg-"  (Rheinprovinz;  eine  Stunde  —  300  Jahre),  „Im  Para- 
diese", „Der  unverwesliche  Ebersbach"  (Mecklenburg)  u.  a. ;  die  „Kinder- 
und  llausmärchen  aus  der  Schweiz",  Aarau  1869:  „Der  junge  Herzog" 
(3  Tage  — 300  Jahr),  die  Sammlung  „Aus  dem  Zauberlande"  vonA.H.Fogo- 
witz:  „Das Nebelkästchen"  (3  Jahre  — 300  Jahre).  Dies  ist  die  japanische 
Fassung  der  Sage  (nur  mit  deutschen  Namen),  wie  sie  die  „Frankfurter 
Zeitung"  vom  28.  Februar  1904  erzählte:  „Der  Traum  eines  Sommer- 
tages" von  L.  Hearn  (Tokio).  Eine  Tanzpantomime  mit  unserem  Stoff 
wird  erwähnt  in  den  „Erinnerungen  an  Yokohama"  *von  Mathilde 
Boy  er  („Hannoverscher  Courier"  vom  14.  Juli  1907).  „Das  Laternen- 
fest", eine  chinesische  Fassung,  von  dem  Engländer  W.  T.  Stead, 
übersetzt  von  Käthe  Schiffner,  in  „Für  unsere  Jugend"  (Beilage  zur 
„Sonntags  Zeitung  für  Deutschlunds  Frauen'',  Jahrg.  1904/5),  ist  eine 
interessante  Variante,  die  jedenfalls  das  grosse  Interesse  der  Chinesen 
am  Schachspiel  kennzeichnen  will.  Eine  russische  Fassung  erzählt  die 
Beilage  zum  Jahresbericht  des  Görlitzer  Realprogymnasiums,  1903: 
,, Sechs  russische  Volksmärchen'',  mit  Anmerk.,  übers,  von  Dr.  Max 
Müller:  „Ein  unbedachtes  Wort"  (1  Tag  —  3  Jahre).  Französische 
Fassungen  bringt  Sebillot  in  seinen  „Contes  des  paysans  et  des 
pecheurs",  Paris  1881 :  „La  houle  du  chatelef  (deux  joars  —  dix  ans) 
und  „La  fleur  du  rocher''.  Von  Co Is hörn  gibt  es  eine  Fassung,  die 
sich  an  den  Ort  Gilde  a.  d.  Aller  knüpft,  „Die Zwerge  im  Schalksberge": 
eine  Magd  steht  bei  einem  Zwergkinde  Gevatter;  sie  glaubt  drei  Tage 
im  Berge  gewesen  zu  sein,  während  es  in  Wahrheit  300  Jahre  gewesen 
sind.  Dann  erinnere  ich  anTiecks  reizendes  Feenmärchen  „Die  Elfen" 
(Marie  ist  sieben  Jahre,  die  sie  für  eine  Nacht  hält,  im  Elfenreiche  ge- 
wesen). Rudolf  Baumbach  fügt  die  Sage  als  Episode  in  sein  er- 
zählendes Gedicht  „Frau  Holde"  ein;  der  alte  Schäfer  erzählt  sie  seiner 
Tochter  zur  Warnung,  sie  soll  sich  beim  Kräutersuchen  nicht  zu  lange 
im  Walde  aufhalten;  denn  zur  Zeit  der  Sonnenwende  ists  da  nicht  ge- 
heuer. Diese  Einschaltung  hat  Ähnlichkeit  mit  der  bekannten  Kyffhäuser- 
sage  „Das  Brautpaar  von  Bennungen".  Eine  hübsche  Fassung  lese  ich 
in  „Des  Knaben  Wunderhorn" :  ,, Die  Eile  der  Zeit  in  Gott"  (Aufenthalt 
im  himmlischen  Garten;  ähnlich  Pfeffels  Legende  „Bathille") ; 
Fr.  W.  Webers  Gedicht  „Hans  Höllenknecht"  mit  gegenteiligem 
Inhalt  (Aufenthalt  in  der  Hölle).  G.  von  Leinburgs  episches 
Gedicht  „Der  Abt  von  Heisterbach"  ist  ebenfalls  eine  poetische  Be- 
handlnng  der  Unsterblichkeitslehre,  der  natürlich  die  Rheinsage  vom 
Mönch  zu  Heisterbach  zugrunde  liegt.  Anspielungen,  kurze  Erwäh- 
nungen in  Eichendorffs  Novelle  „Eine  Meerfahrt"  („die  furchtbare 
Sage  vom  Venusberg";  Gerocks  Ballade!),  in  der  Siebengebirgstour 
„Der  Elefant  und  das  Esclein"  von  Artur  Fürst  (,,Berliner  Tageblatt" 
vom  23.  August  1904)  und  in  einem  Artikel   der  „Kölnischen  Zeitung" 


Weiterleben  und  Verbreitung  einij^rer  alter  Stoffe  355 

vom  28.  April  1907),  „Lena  Düren".  —  Man  liest  hin  und  wieder  in 
den  Zeitungen  vom  Erwachen  aus  lang-jährigem  kataleptischen  Schlaf; 
die  Erinnerung;  an  die  Ereignisse  des  früheren  Lebens  ist  frisch  im 
Gedächtnis  geblieben,  als  wären  sie  erst  gestern  geschehen:  man  findet 
zum  Erstaunen  die  Angehörigen  sehr  gealtert  und  kann  nicht  glauben, 
dass  das  Leben  so  lange  —  in  einem  Falle  31  Jahr  —  ausgesetzt 
haben  soll.  Sollte  sich  die  Sage  aus  solchen  Fällen  mit  entwickelt  haben? 

Vom  Soldaten,  der  in  der  Kirche  Karten  spielt  oder  von  der 
geistlichen  Anslegnng  der  Karten.  Eine  derartige  gereimte  Karten- 
erklärung wurde  mitgeteilt  in  einem  Aufsatze  des  „Sonntagsblatt  zur 
Unterhaltung  und  Belehrung"  (Beilage  der  „Göttinger  Zeitung"  vom 
27.  März  1904):  ,,Die  Karwoche",  eine  Schilderung  des  Volksbrauches, 
von  Dr.  J.  Haupt.  Solche  Erklärungen,  die  sich  auf  die  Vorgänge 
derKiirwoche  und  sonstige  religiöse  Dinge  beziehen,  sind  weit  verbreitet. 
Auch  die  „Chansons  populaires^',  recueillies  dans  les  Alpes  frangaises 
(Savoie  etDauphine)  par  JulienTiersot(1903)  sind  dabei  vertreten.  Eine 
englische  Prosafassung  bietet  die  Sammlung:  „The  library  of  anecdote", 
containing  remarkable  sayings  .  .  .  London:  published  by  G.  Berger, 
Holywell  Street,  Strand,  1839:  „Cards  spiritualized";  die  Geschichte 
wird  hier  von  einem  Soldaten  aus  Glasgow  erzählt.  Ausführlich  hat 
über  den  Stoff  gehandelt  Job.  Bolte  in  der  „Zeitschr.  d.  Ver.  f.  Volksk." 
liiOl,  S.  3760".  u.  1903,  84ff. 

Die  Witwe  von  £phesns. 

Diese  Geschichte  steht  in  alten  Büchern 
geschrieben;  und  darum  uiuss  sie  wol 
wahr  sein,  ihr  lieben,  treuen  Weiber! 

(Aurbacher,  „Von  der  Weiber 
Lieb'  und  Treu".  Ein  Schwank 
„Volksbüchlein".) 

Im  Bremer  Stadttheater  wurde  der  Einakter  des  Russen  Tsche- 
chow, „Der  Bär",  im  Oktober  1904  zur  Aufführung  gebracht,  eine 
moderne  Variante  des  alten  Stoffes,  den  Chamisso  von  Lafon- 
taine, dieser  von  dem  römischen  Satiriker  Petron  entlehnt  hat. 
Das  Stück  ist  bei  ßeclam  in  Druck  erschienen.  Aber  früher  ist 
der  Stoff  schon  dramatisch  bearbeitet  worden:  „Die  Wittwe  von 
Ephesus".  Ein  Lustspiel  in  einem  Aufzuge,  von  August  Klingemanu. 
Nach  einer  historischen  Anekdote,  mit  Benutzung  des  Lessingschen 
Fragments  bearbeitet.  —  Ernst  August  Friedrich  Klingemann  1777 
bis  1831.  Lessing  gedenkt  des  Stoffes  in  der  „Hamburgischeu 
Dramaturgie'^  Nach  ihm  hat  dann  auch  Hoffmeister  sein  Satyr- 
spiel „Die  Witwe  von  Ephesus"  gemacht,  das  im  Harzer  Bergtheater 
im  August  1906   aufgeführt   wurde    (vgl.    „Tageblatt   für  Thale  a.  H. 


356  August  Andrae 

und  Umgegend^'  vom  14.  August  1906).  Dann  soll  noch  von  Julius 
Berstl  eine  einaktige  Groteske  „Die  Witwe  von  Epliesus"  in  Jakob- 
sohns  „Schaubüline''  erseheinen  (vgl.  „Literarisches  Zentralblatt"  vom 
März  1907);  in  einer  Figaronotiz  (18.  Dezember  1905)  war  Rede  von 
einem  dreiaktigen  Stück  ,,L'Inconsolable"  (le  sujet  tire  de  la  Matrone 
d'Ephese).  Eine  poetische  Bearbeitung,  „Die  Matrone  von  Epheso", 
brachten  die  „Belustigungen  des  Verstandes  und  des  Witzes"  auf  das 
Jahr  1743,  Jenner,  Leipzig.  Goethes  „Wahlverwandtschaften"  (H,  4) 
bringen  eine  Anspielung,  sowie  schon  ein  in  meinem  Besitze  befind- 
licher alter  schweinslederner  Band  aus  dem  17.  Jahrhundert,  eine 
Reisebeschreibung.  Bei  dem  französisch  schreibenden  vlämischen  Dichter 
Georg  Rodenbach  finden  sich  moderne  Bearbeitungen  des  Stoffes 
(vgl.  „Der  Tag"  vom  16.  und  „Berliner  Tageblatt"  vom  10.  September 
1903:  gleich  am  Anfang  wird  die  alte  Geschichte  erzählt).  Als  Döntje 
ist  der  Stoff  behandelt  in  der  Sammlung  „Riemels  un  Döntjes",  spassige 
Geschichten  un  Klöönkram  von  Willenn  S.chröder,  Berlin  1872: 
,.De  vorsichtige  Wittwe''  (soll  mit  Heiraten  so  lauge  warten,  bis  Gras 
über  des  ersten  Mannes  Grab  gewachsen  ist;  sie  säet  nun  Grassamen 
und  begiesst).  Noch  zwei  humoristische  Gedichte  aus  den  „Meggen- 
dorfer  Blättern"  (Nr.  809,  1906  und  Nr.  874,  1907):  „Der  Aschenkrug" 
und  „Treue".  In  einer  Anekdote  des  „Clausthalischer  allgemeiner 
Harz-Berg-Calender"  auf  das  Jahr  1814  ist  ein  Witwer  bald  der 
Getröstete. 

Vom  Hasen  des  hl.  Petrus  (ein  Lügenmärchen).  Der  Stoflf  ist 
noch  poetisch  behandelt  von  Hoffmann  von  Fallersleben  in  den 
Kinderliedern,  „Der  grosse  Hund"  (21.  Januar  1845)  und  unter  dem 
Titel  „Der  Ritter  und  sein  Knecht"  nach  Simrocks  „Deutschen 
Volksbüchern"  in  einem  Lesebuche  von  Schulze  und  Steinmann 
(Ochse— Esel-Kalb— Fuchs). 

Die  drei  Wünsche.  Die  alte  Wurstgeschichte  wird  kurz  in  einer 
Skizze  von  Agnes  Härder  erzählt,  „Die  drei  Wünsche"  („Die  Woche" 
vom  1.  September  1906).  Dann  bemerke  ich,  dass  das  Kindertheater 
sich  des  Stoffes  bemächtigt  hat:  „Drei  Wünsche",  ein  lustiges  Weih- 
nachtsmärchenspiel von  Ebeling  Grau  und  „Unüberlegte  Wünsche", 
Märchenlustspiel  in  einem  Akte  von  A.  Schnitze,  mit  Anspielung  auf 
die  Wurstgeschichte  (Ludwig  Blochs  „Kindertheater"  Nr.  98  und  48). 
Nicolas  von  Troyes'  53.  Geschichte  kommt  ebenfalls  in  Betracht. 

Der  Menschenfresser.  Ich  finde  eine  solche  Geschichte  noch  in 
der  Sammlung  „Chefs- d'oeuvre  des  i)rosateur8  frangais"  au  19.  sifecle 
par  L.  Collas  et  V.  Tis  so  t  5.  ed.  Paris  1892:  „Une  aveuture  en 
Calabre"    (von    P.-L.  Courier,    1773—1825)   .  .  .    „Eh  bien!    enfin, 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  357 

voyons,  faut-il  les  tner  tous  deux?''  —  „Oui^^  —  Diese  Unterhaltung 
beziehen  die  beiden  Reisenden  auf  sich,  während  die  deux  chapons 
gemeint  waren. 

Von   der  alten  Frau,    die   dem   Richter    die    Hand   schmiert 

(alter  Fabliostoff).  Der  Strassburger  Prediger  Geiler  von  Kaisers- 
berg (1445—1510)  flieht  die  rührende  kleine  Geschichte  in  eine 
Predigt  ein  (vgl.  „Zeitschrift  für  den  deutschen  Unterricht'"  vom 
25.  Mai  1906:   „Humor  auf  der  Kanzel"  von  Prof.  Dr,  A.  Denecke). 

Vom  Schrank,  der  für  ein  Fenster  gehalten  wird.  Auch 
diesen  Schwank,  den  man  ebenfalls  in  Paulis  „Schimpf  und  Ernst" 
findet,  flicht  er  in  eine  Predigt  ein. 

Die  drei  Sünden  des  Einsiedlers.     Pfeffel    hat   den   Stoff   in 

seinem  Gedicht  „Die  Wahl''  behandelt;  Lessing  erwähnt  ihn  im 
Vorspiel  zum  „Faust".  Die  Fassung  in  Ludwig  Aurbachers  „Volks- 
büchlein'' (2.  Aufl.  1830),  „Das  Testament  des  Vaters",  lässt  die  Sünde 
der  Unzucht  nicht  begehen.  Eine  arabische  Legende  mit  unserem 
Stoff"  lautet  nach  dem  „Figaro"  vom  30.  September  1905  („Les  crimes 
du  Soleil"  von  Georges  Claretie):  Le  demon  se  presenta  un  jouv  h 
l'homme  et  lui  dit:  Tn  vas  mourir!  Cepeiidant  je  puis  te  faire  grace  de  la  vie, 
h  l'uue  de  ces  conditions:  Tue  tou  p6re,  frappe  ta  soeur  ou  bois  du  vin ! 
L'homme  choisit  le  crime  le  raoius  grave.  II  but  du  vin.  Mais  s'etant  enivre, 
il  maltraita  sa  soeur  et  tua  son  pere  .  .  . 

Sankt  Peter  und  die  Landsknechte  („Schipp  up  Strand!").  Von 
den  Lebaern,  den  Fischern  des  Städtchens  Leba,  erzählt  Gustav 
Schalk  die  alte  verbreitete  Strandgeschichte  (Unterhaltungsbeilage 
zur  „Tägliche  Rundschau''  vom  11.  Dezember  1898:  „Ein  zweites 
Viueta").  Eine  Fassung  aus  Rügen,  „Schipp  in  Sicht!",  teilt  Oskar 
Dähnhardt  in  seinen  „Schwänken  aus  aller  Welt''  (1908)  mit.  Die 
Halbmonatsschrift  „Niedersachsen''  vom  15.  November  1906  erwähnte 
in  dem  Artikel  „Balladendichter"  ein  Gedicht  von  Benzmann,  „Die 
Strandräuber  im  Himmel",  das  doch  jedenfalls  den  Stoff  zum  Gegen- 
stande hat,  und  spielte  in  der  Nummer  vom  1.  Okt.  1908  auf  die 
„Juisters"'  an  („Sin  Droom"). 

Des  Pfarrhündchens  Testament  (alter  Fabliostoff;  vgl,  B edier, 
S.  473).  Eine  arabische  Fassung  teilt  das  „üictionnaire"  unter  „Juges" 
mit;  Pfeffel  lässt  die  Begebenheit  ebenfalls  im  Orient  spielen.  Auch 
Pauli  kennt  die  Geschichte  schon. 

Von  der  geteilten  Pferdedecke  (alter  Fabliostoff"  mit  Lear- 
motiv;  Bedier,  S.  463).  Die  berühmte  weitverbreitete  Geschichte  vom 
Kindesundank!  In  einer  Beilage  der  Zeitschrift  „Zur  guten  Stunde" 
1903,  „Klassischer  Humor",  wird  eine  sprachlich  erneuerte  Fassung  ausder 


358  August  Andrae 

alten  Sammlung  von  Pauli,  „Schimpf  und  Ernst",  gebracht.  Als  Anek- 
dote teilt  sie  „Allgemeiner  Reichs-  und  Haushaltuugs-Kalender  auf  das 
Jahr  1787  für  die  churf.-Braunschw.-Lüneburg.  Lande"  mit.  Ich  erinnere 
noch  an  das  Gedicht  in  „Des  Knaben  Wunderhorn",  „Das  vierte  Gebot" 
(nach  einer  alten  Handschrift;  der  Alte  ist  ein  König,  ein  Lear),  das 
Catulle  Mendes  als  Vorlage  gedient  zu  haben  scheint.  Dann  be- 
merke ich,  dass  auch  Guillaume  Bouchet,  1526  geb.  (Näheres 
in  der  „Revue  des  traditions  populaires"  XXXHI,  Nr.  5,  Mai  1908: 
„l'raditions  populaires  et  ecrivains  poitevins")  in  seiner  Geschichten- 
sammlang  „Les  Serees'S  einer  Art  Rahmenerzählung,  die  alte  Ge- 
schichte erzählt,  ,, Legen  donnee  par  un  fils  ä  son  pere"  (31.  Abend; 
seree).  „Romania''  April  1908  macht  Paul  Meyer  bei  einer  Hand- 
schrift besprechuug  mit  einer  dritten  Redaktion  des  alten  Fablios  be- 
kannt und  äussert  sich  kurz  dazu:  „ce  conte,  plus  moral  que  la  plu- 
part  des  fableaux,  existe  aussi  sous  forme  latine,  et,  ä  titre  d'exemplaire, 
a  ete  cite  par  les  sermonnaires  et  les  moralistes  du  moyen  äge  (wie 
bereits  früher  bemerkt).  Eutin,  il  a  penetre  sous  forme  vulgaire  en 
mainte  litterature''.  Es  gibt  viele  ähnliche  Geschichten  vom  Kindes- 
nndank,  gleichsam  Abzweigungen  vom  Stamme,  so  die,  wo  der  Alte 
zu  seinem  Sohne,  der  ihn  infolge  eines  Streites  auf  den  Hof  hinaus- 
schleppt, sagt:  „Halt  ein,  weiter  habe  ich  meinen  Vater  auch  nicht 
geschleppt!"  Zuerst  vor  langen  Jahren  im  Konfirmandenunterricht  bei 
Durchnahme  des  vierten  Gebotes  gehört;  wieder  daran  erinnert  wurde 
ich  bei  Besprechung  eines  Buches  „The  Vrouw  Grobelaar's  Leading 
Gases"  („The  Times  Literary  Supplement''  vom  8.  Dezember  1905), 
und,  ich  muss  gestehen,  zu  meiner  Überraschung.  Gleich  die  erste 
Geschichte  hat  den  Schluss:  „Leave  me  here,  my  son,  Thus  far  I 
dragged  my  father".  Das  war  natürlich  die  einst  in  der  Kindheit  ge- 
hörte Geschichte,  die  übrigens  alt,  verbreitet  (bei  den  Buren)  und 
schon  von  Aristoteles  gekannt  ist.  Ich  las  sie  dann  auch  inCasparis 
bekanntem  Buche  „Geistliches  und  Weltliches",  1.  Aufl.  1853,  woraus 
sie  natürlich  der  Pfarrer  wusste  und  das  ausserdem  die  Stamm- 
geschichten „Katzentröglein"  und  „Geteilte  Pferdedecke"  enthält. 

Doch  wir  müssen  noch  einmal  zu  dem  französischen  Erzähler 
Bouchet  zurückkehren,  der  nämlich  in  der  15.  seree  einen  Gauner- 
streich erzählt,  der  auch  sonst  verbreitet  ist  und  den  wir 

Die  ergaunerten  Stiefel  benennen  wollen.  Er  betitelt  seine  Fassung 
„A  chacuu  sa  botte".  Es  handelt  sich  in  den  Streichen  kurz  um  einen 
Gauner  (Schelm),  der  sich  ein  Paar  Stiefel  (Schuh)  zu  erschwindeln 
weiss,  bei  einem  Schuster  den  rechten,  bei  dem  anderen  den  linken. 
Diese  Stiefelgeschichte  steht  nun  auch  im  „Zeit-Verkürtzer'',  Augsburg 
1G75,  „Der  schlechte  Sliefelkäufer",  wonach  sie  Dähnhardt  in  seineu 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  359 

Schwänken  mitteilt.  Ferner  berichtet  sie  Hans  Fraung-ruber  in 
seinen  „Ausseer  G'schichten*'  (Erzählungen  und  Seliwäuke;  Keclam), 
„Die  Schuaeh"  (ein  Knecht  weiss  sich  auf  diese  Weise  ein  Paar  Tanz- 
schuh zu  verschaffen),  und  noch  das  „Wilhelmshavener  Tageblatt"  vom 
16.  Juni  1908  lässt  sie  sich  von  einer  anderen  Zeitung  unter  der  Über- 
schrift „AVie  einer  billig  zu  Schuhen  kam"  aus  China  als  harmlosen 
Gaunerstreich  eines  chinesischen  Spitzbuben  erzählen.  Vermutlich  ist 
die  Anekdote  aus  dem  in  Schanghai  erscheinenden  „Ostasiatischen 
Lloyd"  oder  einer  anderen  orientalischen  Zeitung  in  die  Tagesblätter 
des  Westens  eingedrungen.  Vielleicht  stammt  sie,  wie  auch  so  manche 
andere,  überhaupt  aus  dem  Osten.  Dann  aber  hat,  last  not  least, 
unser  grösster  plattdeutscher  Dichter,  Fritz  Reuter,  sie  in  seinem 
Läuschen  „Dat  stind  up  Stun'ns  sihr  slichte  Tiden"  verwendet. 

Vom  Bauer  im  Paradies.  Der  alte  Fabliostoff,  ein  Schelmen 
streich,  auch  unter  dem  Namen  ,,Der  Weg  ins  Paradies"  bekannt,  ist 
als  Kiudermärchen,  z.  B,  unter  der  Überschrift  „Die  klugen  Leute^'  in 
unsere  Sammlungen  übergegangen.  Ich  finde  den  Schwank  noch  in 
den  ostholsteinischen  Volksmärchen,  die  Wilhelm  Wisser  unter  dem 
Titel  „Wat  Grotmoder  verteilt"  aus  dem  Munde  der  Leute  sammelt; 
neue  Folge,  Jena  1905:  „De  Mann  ut  'n  Paradies'^  und  in  Jakob  Freys 
Schwanksammlung  „Gartengesellschaft"  (1556):  „Von  einem  Schüler, 
der  nach  Paris  ziehen  wollte".  Noch  die  Halbmonatsschrift  „Nieder- 
sachsen" erzählte  in  der  ersten  Augustnummer  1908  das  Stückehen 
aus  dem  Emslande  (Ämslandske  Vertellsters).  Im  Nordischen  ist  die 
„Reise"  ebenfalls  bekannt.  Endlich  hat  Otto  Roquette  noch  die 
alte  Geschichte  poetisch  bearbeitet,  „Der  fahrende  Schüler": 

Ob  er  in'8  Paradies  noch  kam, 
Oder  was  sonst  ein  Ende  nahm, 
Hans  Sachs  thut  davon  kein  Bericht, 
Der  uns  zuerst  gab  die  Geschieht! 

Die  war  natürlich  schon  vorher  durch  das  französische  Fablio 
und  auch  wohl  aus  Pauli  bekannt  geworden. 

Vom  bnnten  Zelter.  Das  hübsche  Fablio  wird  noch  erzählt  in 
„Neue  Volksmährchen  der  Deutschen"  von  Benedikte  Naubert, 
Leipzig  bei  Weygand  1789 — 92,  und  zwar  in  dem  Märchen  „Jungfern- 
sprung und  Rosstrab". 

Vom  Baner  als  Arzt  (Fablio  und  Meliere).  Bei  uns,  auch  aus- 
wärts, in  Belgien,  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  die  Gunst  der  Dra- 
matiker und  Komponisten  dem  Allervveltsschelm  Till  Eulenspiegel 
zugewandt;  mehrere  Bühnenwerke  über  ihn  sind  entstanden,  von  denen 
uns    augenblicklich    nur   die  Volksoper   ,,Till  Eulenspiegel''  von  E.  N. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  23 


360  August  Andrae 

ßeznicek  hier  Daher  angeht,  die  auch  im  Kgl.  Operuhause  zu  Berlin 
aufgeführt  wurde  (vgl.  „Der  Tag"  vom  7.  Mai  1903).  Sie  benutzt 
nämlich  als  letztes  Stücklein  den  Streich  „Die  Heilung  der  Kranken", 
mit  dem  Verbrennungsmotiv,  das  sich  bereits  im  altfrauzösischen  Fablio 
,,Du  vilain  mire",  aber  nicht  in  M olleres  Lustspiel  „Medecin  malgre 
lui^'  vorfindet,  das  doch  sonst  wohl  auf  das  Fablio  zurückgeht.  Vom 
Fablio  aus  geht  es  über,  in  den  „Pfaffen  Ameis",  von  hier  in  ,,Till 
Eulenspiegel"  (in  die  Streiche). 

Vom  Waschfass.  Die  alte  Farce  ist  auch  der  Bühne  zu- 
gänglich gemacht;  ich  kenne  ein  französisches  Stück  von  Gassil  des 
Brulies,  „La  farce  du  cuvier",  comedie  du  raoyen  äge  arraugee  en 
vers  modernes,  Paris  (o.  J,),  Vgl.  noch  0.  Schraders  Buch^  „Die 
Schwiegermutter  und  der  Hagestolz''  (Besprechung  in  „Frankfurter 
Zeitung"  vom  2.  August  1904,  wobei  die  Farce  erzählt  wird). 

Der  Kupferschmied  (alte  Farce).  Alter,  weitverbreiteter,  in  den 
verschiedensten  Gestalten  verarbeiteter  Stoff.  Unser  Kenter  wieder 
benutzt  ihn  für  sein  Läuschen  „Du  dröggst  de  Pann  weg".  Goethes 
Ballade  „Gutmann  und  Gutweib"  gehört  auch  in  diesen  Kreis  Ge- 
schichten. Vgl.  noch  R.  Pischel,  „Gutmann  und  Gutweib"  in  Indien 
(„Zeitschrift  der  deutschen  morgenl.  Gessch."  Bd.  58,  1904). 

Le  lai  d'Aristote  (vgl.  B edier,  S. 446).  Der  berühmte  seit  den 
ältesten  Zeiten  in  allen  Sprachen  und  Gestalten  bearbeitete  Stoff!  Dit- 
furth  („Alte  Schwanke  und  Märlein  neu  gereimt",  Heilbronu  1877) 
macht  eine  lauge  gereimte  Geschichte  daraus:  „Alexander  und  Aristo- 
teles" (nach  von  der  Hagens  „Gesammtabenteuer").  Wie  damals  im 
„Figaro"  von  Anatole  France  zu  satirisch-politischem  Zweck,  so 
wird  die  Geschichte  auch  jetzt  wieder  im  „Berliner  Tageblatt"  vom 
6.  April  1908,  „Aristoteles  und  Phyllis",  erzählt. 

Vom  Ehemann,  der  ein  frivoles  Liebesabenteuer  glaabt  erlebt 
zn  haben,  mit  einer  Fremden,  während  er  es  mit  seiner  eigenen  Frau 
hat,  handeln  noch  zwei  neue  französische  Stücke,  „L'Escapade", 
comedie  en  trois  actes  de  M.  Georges  Berr  und  „Les  Dragons  de 
rimj)eratricc",  opera-comique  en  trois  actes  de  MM.  Georges  Duval 
et  Albert  Vanloo,  musique  de  M.  Andre  Messager  („Figaro" 
vom  19.  April  1904  und  vom  14.  Februar  1905).  Eine  Novelle  Eduard 
von  Bülows,  „Frauentreue:  Männertugend",  nach  Bandello,  ist  des- 
selben Inhalts.  Ebenso  der  „Maskenschwank"  in  der  früher  schon 
angeführten  Zeitschr.  „Preussischer  Volksfreund"  (Nr.  166,  1837).  Karl 
Immermanns  „Der  Carneval  und  die  Somnambule"  läßt  sich  auch 
als  Maskciischerz  anführen.  Das  Abenteuer  lässt  sich  bis  in  alte  Ge- 
schichten hinein  verfolgen  (vgl.  Bedier,  S.  465,  bei  dem  Fablio  „Le 
meunier  d'Arleux"). 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  36I 

Die  Höhle  Ton  Salamanka  (Fubliostoff  wie  „Le  povre  clerk"). 
Die  urspiÜDgliche  dramatiscbc  Bcarbeituug  Emil  Götts  hicss  ,;Der 
Schwarzkünstler"  und  wurde  15  Jahre  nach  der  Entstehung  in  einer 
Sondervorstellung  des  Giesseuer  Theatervereins  am  20.  März  1906,  und 
kurz  darauf  auch  in  Marburg  mit  grossem  Erfolg  aufgeführt.  Nach 
Götts  Bearbeitung  „Verbotene  Früchte",  und  nach  Cervantes  selbst 
hat  dann  Edgar  Istel  seine  einaktige,  komisch-romantische  Oper 
„Der  fahrende  Schüler"  angefertigt,  die  ebenfalls  bei  der  Uraufführung 
im  Karlsruher  Hoftheater  am  24.  März  lUOG  und  im  Erfurter  Stadt- 
theater am  16.  Februar  1908  einen  durchschlagenden  Erfolg  erzielte 
(vgl.  „Münchener  Neueste  Nachrichten"  vom  27.  März  1906  und  „Er- 
furter Allgemeiner  Anzeiger"  vom  18.  Februar  1908).  Einen  eben  so 
grossen  Erfolg  hatte  die  in  Kopenhagen  im  September  1903  aufgeführte 
und  nach  dem  An  der  senschen  Märchen  gedichtete  Komödie  von 
Gustav  af  Geijerstam,  „Der  grosse  und  der  kleine  Klaus".  Das 
interessante  Stück  ist  von  Gertrud  Klett  für  die  deutschen  Bühnen 
bearbeitet  und  für  das  Hebbeltheater  erworben  worden.  Eine  ein- 
aktige komische  Oper  von  Waldemar  Wendland,  „Das  kluge  Fell- 
eisen", die  vom  Stadtthealer  in  Magdeburg  erworben  wurde,  behandelt 
ebenfalls  diesen  Stoff.  Vgl.  auch  das  letzte  Stück  der  Sammlung 
„Niederdeutsche  Bauernspiele  älterer  Zeit"  herausg.  von  J.  Bolte  und 
W.  Seelmaann  (1895).  Als  „Eine  curieuse  und  sehr  lustige  Historie" 
steht  der  alte  Schwank  in  „Verbesserter  auf  die  Stadt  Zelle  und 
Braunschweig- Lüneburg .  . .  accurat  gerechneter  Zeit-  und  Geschichten- 
Kalender  auff  das  Jahr  1713". 

Vom  Sehen  des  nicht  yorhandenen  Gegenstandes  („Das  Wunder- 
theater"). Ich  bemerke  zunächst,  dass  Fuldas  „Talisman"  in  einer 
französischen  Bearbeitung  von  Marsolleau  in  den  Bouffes-Parisiens 
März  1905  aufgeführt  wurde  („Figaro"  vom  23.  März).  Sodann  gibt 
es  eine  Erzählung  von  dem  Madonnenhaar,  das  in  einem  italienischen 
Kloster  aufbewahrt,  jedem  gezeigt  wurde,  aber  nur  der  sehen  konnte, 
der  sich  um  die  Jungfrau  besonders  verdient  gemacht  hatte.  Auf 
diese  Geschichte  spielte  ein  Artikel  in  der  „Frankfurter  Zeitung"  vom 
7.  Juni  1903  an,  „Das  Haar  der  Madonna"  (aus  dem  Russischen  ins 
Deutsche  tibersetzt). 

Vom  Erhöhten  und  Erniedrigten  (Kesselflicker  Schlau).  Der 
uralte  Märchenstoff  beweist  seine  Lebensfähigkeit  bis  in  die  neueste 
Zeit.  Die  Morwitz-Oper  im  Schillertheater  zu  Berlin  führte  am 
27.  Juni  1908  eine  Oper  „König  für  einen  Tag"  auf;  das  ist  nun  zwar 
kein  Original  werk,  sondern  unter  diesem  Titel  hat  Paul  Wulff  die 
alte  bekannte  komische  Oper  Adams  „Si  j'etais  roi"  eingerichtet  und 
ein    immerhin    anmutiges  Werk    für  die  Bühnen   gewonnen.     Shake- 

23* 


362  Augast  Andrae 

speares  und  Plötz'  Lustspiele  erlebten  ebenfalls  Neubearbeitungen 
und  Neuaufführungeu.  Die  „Historiette"  aus  dem  „Dictionnalre"  teile 
ich  hier  mit :  Philippe  le  Bon,  Duc  de  Bourgogne.  se  promenant  im  soir  ä 
Bniges,  trouva  dans  la  place  publique  un  homme  6tendu  par  terra,  oii  il  dor- 
moit  profond6ment.  II  le  fit  enlever,  &  porter  dans  son  palais,  oii,  aprös  qu'on 
l'eut  dfepouillö  de  ses  haillous,  on  lui  mit  une  chemise  fine,  un  bonnet  de  nuit, 
&  on  le  coucha  dans  un  lit  du  Prince.  Cet  ivrogne  fut  bien  surpris  ä  son  reveil, 
de  se  voir  dans  uue  süperbe  alcove,  environnö  d'Officiers  plus  richement  habil- 
les  les  uns  que  les  autres.  On  lui  demanda  quel  liabit  son  Altesse  vouloit  mettre 
ce  jour-lä.  Cette  demande  acheva  de  le  confondre;  mais  aprös  mille  protesta- 
tions  qu'il  leur  fit  qu'il  n'etoit  qu'un  pauvre  Savetier,  &  nulleraent  Prince,  il 
prit  le  parti  de  se  laisser  rendre  tous  les  honneurs  dont  on  l'accabloit:  11  se 
laissa  habiller,  parut  eu  public,  ouit  la  Messe  dans  la  Chapelle  Ducale,  y  baisa 
le  niissel;  enfiu,  on  lui  fit  faire  tontes  les  cer6monies  accoutumees:  il  passa  ä 
une  table  somptueuse,  puis  au  jeu,  ä  la  promenade,  &  aux  autres  divertisse- 
ments.  Apres  le  souper,  on  lui  donna  le  bal.  Le  bon-homme  ne  s'etant  janiais 
trouve  ä  teile  f^te,  prit  liböralement  le  vin  qu'on  lui  presenta,  &  si  largeraent, 
qu'il  s'enivra  de  la  boune  nianiere.  Ce  fut  alors  que  la  comedie  se  dönoua. 
Pendant  qu'il  cuvoit  son  vin,  le  Duc  le  fit  revetir  de  ses  guenilles,  &  le  fit 
reporter  au  meme  liou  d'oü  on  l'avoit  enleve.  Aprfes  avoir  passö  lä  toute  la 
uuit,  bien  eudormi,  il  s'öveilla,  &  s'en  retourna  cliez  lui  raconter  ä  sa  femme 
tout  ce  qui  lui  etoit  effectiveruent  arrive,  comrae  ctant  un  songe  qu'il  avoit 
fait.  Cette  historiette  a  fourni  le  sujet  d'uue  Comedie  Italienue:  Arlequin  toii- 
jours  Arlequin. 

Philipp  der  Gute,  der  sich  den  Scherz  erlaubt,  lebte  im  15.  Jahr- 
hundert, man  erzählt  auch  von  seinen  Gelagen  Wunderdinge.  Die 
„historiette"  zeigt  den  Stofl'  mit  seineu  Stufen  der  Erhöhung  und  Er- 
niedrigung in  reinster  Form:  Schlaf  (Eingeben  eines  Schlaftrunks),  An- 
ziehen der  schönen  Kleider,  ins  Bett  gelegt  werden,  Erwachen  und 
Erstaunen,  Verhalten  im  Zustande  der  Erhöhung  —  Schlaf,  Anziehen 
der  schlechten  Kleider,  an  die  alte  Stelle  gebracht  werden,  Erwachen 
und  Erstaunen!  Die  Komödie,  auf  die  zuletzt  angespielt  wird,  gibt  es 
in  der  Tat;  und  zwar  in  zwei  Fassungen.  Die  ältere,  ursprüngliche 
lautet:  Arlequin  toujours  Arlequin,  Comedie  en  un  Acte  &  en  Prose. 
Par  Messieurs  Lelio  fils,  Dominique  &  Romagnesi.  Representee 
pour  la  premiere  fois  par  les  Comedieus  Italiens  ordiuaires  du  Roi 
le  10.  Aoüt  1726  (die  Pariser  Nationalbibliothek  und  das  Britische 
Museum  besitzen  das  Stück,  das  wohl  nicht  gerade  eine  Seltenheit  ist). 
Antonio  Francesco  Riccoboni  1707—1772  ist  der  Sohn  des  be- 
kannteren Ludovico  R.,  der  als  Darsteller  unter  dem  Namen  Lelio 
bekannt  ist,  der  auch  auf  den  Sohn  übergegangen  zu  sein  scheint. 
Die  jüngere,  spätere  Fassung,  die  mir  allein  vorgelegen  hat,  trägt 
dieses  Titelblatt: 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  363 

Arlequin 

toujours 

Arlequin, 

sujet  Italien  en  un  acte. 

Mis  en  comedlc,  &  redige  par  scönes,  avec 

des  changemeuts  &  des  augmentations, 

Par 

la  Sieur  Terrodak, 

Arlequin  fran^ois  de  la  Conißdie  italicune  de  Paris. 

Kcprßsente  k  la  Haye,  le  .  .  1750. 

Prix  8.  Sols. 

A  la  Haye, 

Se  vend  chez  Pierre  Gosse  Junior, 

Libraire  de  S.  A.  R. 

1750. 

Gleich  in  der  ersten  Szene  wird  der  Leser  und  Ziiscliauer  mit 
der  Sachlage  bekannt  gemacht;  er  erfahrt,  dass  „pour  giierir  l'extreme 
Melancolie  oü  le  Prince  sou  fils  est  tombe,  11  (der  König)  veut  que 
nou8  enivrions  nn  Paysan,  qne  nous  le  transportions  ä  la  Cour  &  ä  son 
reveil  lui  fassions  croire  qii'il  est  Roi".  Arlequin  wird  zu  dieser  Rolle 
geeignet  gefunden.  In  der  achten  Szene  sieht  er  sich  dann  beim  Er- 
wachen als  König  und  fängt  nun  an  seines  neuen  Amtes  zu  walten. 
Diese  Szene  bildet  in  diesem,  wie  in  all  den  Erhobungs-  und  Er- 
niedrigungsstücken (Calderons  „Leben  ein  Traum")  den  Haupt-  und 
Höhepunkt;  auf  sie  richtet  sich  das  Hauptaugenmerk.  Eine  eigent- 
liche Erniedrigung  erleben  wir  nicht;  man  will  noch  sehen,  wie  sich 
der  vermeintliche  König  bei  der  Nachricht  von  herannahenden  Feinden 
benimmt;  beim  Schiessen  reisst  er  aus,  lässt  König  König  sein  und 
heiratet  seine  Colette.  Der  Scherz  aber  hat  seineu  Zweck  erfüllt  und 
den  Prinzen  erheitert.  Auf  die  herrlichste,  poetischste  Bearbeitung  des 
Stoffes  von  der  Erhöhung  und  Erniedrigung  spielten  wir  schon  an,  auf 
Calderons  Schauspiel  „Das  Leben  ein  Traum".  Auch  hier  lassen  sich 
die  Stufen  wieder  verfolgen;  Calderon  hat  den  alten  Stoff  gekannt  und 
benutzt.  Die  Bearbeitungen  des  Stoffes  gehören  ja  dem  heiteren,  humo- 
ristischen Gebiet  an;  das  spanische  Stück  bildet  eine  Ausnahme. 
Äusserst  humoristisch  und  heiter  verwertet  H.  Landois  das  Motiv 
wieder  in  seinem  humoristischen  Roman  „Frans  Essink"  (10.  Aufl.  1905). 
Der  wird  im  „knüppeldicken"  Zustande  in  ein  Mönchsgewand  gesteckt, 
auf  dem  Kopfe  „ratzekahl"  rasiert,  an  der  Klosterpforte  aufrecht  hin- 
gestellt, mit  einem  Worte  zu  einem  Pater  erhöht.  Beim  Erwachen 
wird  er  auch  als  solcher  behandelt,  so  dass  er  schliesslich  selbst  an- 
fängt an  seiner  Person  irre  zu  werden.  Die  Erniedrigung  stellt  sich 
beim  Nüchternwerden  bald  von  selbst  ein.  Die  Erhöhung  zum  Mönch 
finde  ich  auch  in  dem  Märchen  „Der  Fuhrmann"    (aus  der  Wetterauj 


364  August  Andrae 

in  Franz  Hofmanns  „Neuer  deutsclier  Jugendfreund",  52.  Band). 
Unsern  Stoff  behandelt  noch  A.  von  Weilen,  „Shakespeares  Vorspiel 
zu  der  Widcrsp.  Zähmung"  (Frankfurt  1884),  Nachträge  dazu  von 
Varnhagen  in  Gott.  gel.  Anz.  1884,  S.  558  ff.  und  von  Bolte  im 
„Genn.  Jahresbericht"  VI,  S.  115.  Vgl.  auch  meine  kleinen  Beiträge 
in  „Anglia-Beiblatt"  14,  S.  142ff.  und  Jahrg.  1908  S.  299 ff.  („Zum 
Vorspiel  zu  Shakespeares  „The  Taming  of  the  Shrew"). 

In  dem  Märchen  „Der  Fuhrmann"  ist  der  Stoff  mit  einem  andern 
verschmolzen,  der  auch  sehr  verbreitet  und  viel  bearbeitet  ist: 

Vom  Wahrsager,  ohne  es  zu  wissen  („Doktor  Allwissend").  Es 
handelt  sich  um  einen  Diebstahl,  ein  armer  Teufel  meldet  sich  als 
Entdecker;  drei  Tage  Frist  werden  ihm  gewährt,  hat  er  bis  dahin  die 
Schuldigen  nicht  heraus,  so  muss  er  sein  Leben  lassen.  Wenn  er  nun 
auch  ohne  alle  Hoffnung  ist,  die  Diebe  je  zu  entdecken,  so  hat  er  doch 
wenigstens  für  drei  Tage  gut  Essen  und  Trinken.  Wenn  nun  der 
Diener  am  Abend  mit  dem  Essen  kommt,  so  seufzt  er:  „Das  war  schon 
der  eine!"  und  meint  damit  den  ersten  Tag,  während  der  Diener  — 
die  Diener  sind  die  Diebe  —  es  auf  sich  bezieht.  So  geht  es  den 
zweiten,  den  dritten  Tag;  die  Diebe  glauben  sich  entdeckt  und  ge- 
stehen die  Tat  dem  armen  Schelm,  der  als  Wunder  der  Weisheit  ge- 
priesen zu  Reichtum  und  Ehre  gelangt  —  ja,  wenn  einer  Glück  haben 
soll!  Diese  Gescliichte  ist  unzählige  Male,  weit  und  breit,  in  Prosa  und 
Poesie  behandelt.  Eine  französische  Fassung,  „Le  devin  sans  le  savoir", 
liest  man  in  „Le  Berry"  parLaisnel  de  la  Salle,  Bd. 2,  Paris  1902 
(44.  Band  der  „litteratures  populaires").  Das  Buch  „Zigeunerhumor" 
(250  Schnurren,  Schwanke  und  Märchen),  Leipzig  1907  („Der  Volks- 
mund", alte  und  neue  Beiträge  zur  Voiksforschuug,  herausgegeben  von 
Dr.  Fried.  S.  Krauss,  Bd.  9  und  10)  bringt  zwei  Fassungen,  „Das 
Füchslein  im  Sack"  und  „Der  unfehlbare  Wahrsager".  Eine  andere  Fassung 
bringt  Aurbacher  im  „Volksbüchlein",  „Die  guten  Tage".  Als  indische 
Anekdote  erzählt  in  „Zur  guten  Stunde",  Heft  8,  1907,  nach  einem  Buche 
des  Missionars  Fe  r  dinandHahn,  „Der  Simpel".  Auch  RodaRoda 
lässt  seine  Bearbeitung  „Der  Wahrsager"  („Meggendorfer  Blätter" 
71.  Band,  Nr.  3,  1907)  im  Osten  spielen.  Die  Halbmonatsschrift  „Nieder- 
sachsen" vom  1.  April  1906  machte  mit  einer  plattdeutschen  Fassung 
bekannt,  „De  Preester",  dem  Volksmunde  nacherzählt  von  P.  As- 
uiuasen.  Ein  Gedicht  endlich  haben  wir  von  Noack,  „Der  Köhler 
und  die  drei  Diebe",  abgedruckt  in  Deutsches  Lesebuch  von  Karl 
Hansen,  H.  Teil,  11.  Aufl.  Harburgl881  und  „Kinderschatz",  Deutsches 
Lesebuch  von  H.  Schulze  und  W.  Steinmann,  H.  Teil,  1899: 

Einst  war  einem  König  sein  Goldschatz  gestohlen, 

Er  Hess  seine  Selier  und  Wahrsager  holen: 

„Dreitausend  Dukaten  gelob'  ich  zum  Preis 

Dem,  der  zu  erkunden  die  Räuberbrut  weiss"  .  .  . 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  365 

Das  Hemd  des  Glücklichen.  Wieder  ein  alter  berübmter,  lebens- 
kräftiger, bis  in  unsere  Tage  hinein  bearbeiteter  Märebenstoff,  mit  dem 
Grundgedanken,  dass  Zufriedenlieit  ein  gar  seltenes  Gut  ist  auf  Erden, 
Ehren  und  Keichtiim  nicht  zufrieden  maeheu  und  nur  der  zufrieden 
und  glUeklieh  ist,  der  gottselig  und  genügsam  ist.  —  Zunächst  erzählte 
der  „Feierabend",  Sountagsblatt  zum  „Kbeiderland"  (Weener-Ostfries- 
land)  vom  22.  November  189G  die  Geschichte,  mit  der  Überschrift  „Zu- 
friedenheit". Die  im  „Caleuder  auf  das  459.  Hchalt-Jahr  nach  Christi 
Geburt"  1836,  Braunschweig  (Job.  Heinrich  Meyer)  stehende  Fassung, 
„Der  Talisman",  ist  Aurbachers  „Volksbücblein",  das  ja  damals 
gerade  erschienen  war,  entnoomieu.  Es  liegen  auch  noch  poetische  Be- 
arbeitungen vor.  Der  literarische  Vortragsabend,  den  der  „Nieder- 
sachsentag"  im  Herbst  1903  zu  Hannover  veranstaltete,  war  nieder- 
sächsischen Dichtern  und  ihren  neuesten,  noch  uugedruckten  Dichtungen, 
die  durchweg  eine  freundliche  Aufnahme  fanden,  gewidmet.  Neu  dar- 
unter befand  sich  „Das  Glückshemd"  von  G.  Müller- Suderburg. 
Ich  fragte  beim  Verfasser  des  Inhalts  wegen  an;  er  teilte  mir  in  liebens- 
würdiger Weise  seine  wohlgelungene  Ballade,  die  wie  wohl  anzunehmen 
war,  unseren  Stoff  zum  Gegenstände  hat,  aber  ihrer  Länge  wegen  hier 
nicht  zum  Abdruck  gebracht  werden  kann,  schriftlich  mit.  Ebenfalls 
eine  poetische  Bearbeitung  brachte  das  „Daheim"  vom  13,  Mai  1905, 
„Das  Hemd  des  Glücklichen"  (nach  einem  alten  Märchen  erzählt). 
Charles  Nodier  (1783—1844),  dem  wir  bereits  die  Legende  „von  der 
sündhaften  Nonne"  verdanken,  hat  auch  diesem  Stoffe  seine  Auf- 
merksamkeit geschenkt;  seine  Dichtuug  „Babouk  ou  Thomme  heureux" 
geht  auf  das  Arabische  zurück.  Der  Stoff  stammt  überhaupt  wohl  aus 
dem  Osten. 

Vom  neidlscben  Bnekligen.  Wiederum  ein  alter  in  den  ve^-- 
schiedensten  Gestalten  verarbeiteter  Stoff,  Die  damals  in  der  Wiener 
Hofoper  aufgeführte  komische  Ballett-Pantomime  (um  eine  solche  handelte 
es  sich)  in  drei  Akten  von  Fr.  von  Radler  und  Joseph  Bayers  hiess 
„Das  Buckelhaus  am  Bergl"  (so  nach  einem  verrufenen  Gebäude  Alt- 
Wiens  genannt;'  Ankündigung  und  Inhalt  im  „Wiener  Tageblatt"  vom 
28,  Dezember  1899);  am  4.  Februar  1900  zum  erstenmal  mit  grossem 
Beifall  gegeben  und  zwölfmal  wiederholt.  Der  Verfasser  teilt  mir  noch 
mit,  der  Stoff  dieser  Volkssage  habe  sich  per  traditionem  von  Mund 
zu  Mund  erhalten  und  finde  sich  in  ähnlicher  Form  in  vielen  deutschen 
Städten,  wie  die  meisten  Sagen  des  Mittelalters.  —  Das  ist  ja  wahr. 
Paul  Sebillot  teilt  in  seinem  Bande  französische  Fassungen  mit,  „La 
danse  des  fees",  „Les  sorciers  de  Knea"  und  „Les  chats-sorciers  et  les 
bossus" ;  bei  Souvestre  findet  sich  Ähnliches.  Die  Märchensamm- 
luug  „Aus  dem  Zauberlande"  ist  mit  pReinhold,  der  Geiger",   und  der 


366  August  Andrae 

„Sagenschatz"  von  Richter  mit  „Die  buckligen  Musikanten"  (Rhein- 
provinz) vertreten.  Von  K.  F,  Meyer  ist  das  Gedicht  „Fingerhütchen" 
anzuführen. 

De  Panel  qui  faisoit  les  ***  grans  et  roides  (altes  Fablio). 
Ich  lese  die  zotige  Geschichte  von  dem  Ringe  „qui  faisoit  croitre  le 
m  ...  de  demi  pied"  noch  bei  Nicolas  de  Troyes  in  dem  „grand 
Parangon  des  nouvelles  nouvelles",  16.  Jahrhundert.  Zu  der  24.  Geschichte, 
„D'uu  boulcnger  qui  fut  'amoureux  d'une  chamberiere  .  .  ."  bemerke 
ich  kurz,  dass  sich  eine  ganz  ähnliche  bei  Maupassant  befindet,  „La 
Patronne",  in  der  Sammlung  „Les  soeurs  Rondoli",  der  aller  Wahr- 
scheiulichkeit  nach  Nicolas  als  Quelle  gedient  hat.  In  der  Sammlung 
„Boule  de  Suif  hat  Maupassant  eine  Geschichte  „Rose"  (als  Kammer- 
jungfer verkleideter  Verbrecher);  auch  diese  ist  wohl  nicht  eigene  Er- 
findung; man  liesst  schon  eine  ganz  ähnliche  in  der  Monatsschrift 
„Kosmorama^'  1856,  Nr.  9:  „Eine  gefährliche  Bonne.*^ 

Yon  der  geschorenen  Wiese  (altes  Fablio;  Bedier,  S.  467). 
Reclams  „Universum"  vom  25.  August  1904  erzählt  unter  „Politik  und 
Völker"  die  alte  berühmte  Geschichte  von  der  Widerspenstigkeit  der 
Frauen  zu  politischem  Zweck.  Eine  schwedische  Fassung  bringt 
Emilie  Flygare- Carlen  in  ihrer  Erzählung  „Die  Rose  von  Tistelö": 
Schneider  und  Frau  können  sich  nicht  darüber  einigen,  ob  abgeschnitten 
oder  abgerissen  werden  muss. 

Brnnain^  la  yache  au  pretre  (altes  Fablio;  Bedier,  S.  451). 
Dähnhard  bringt  in  seinen  Schwänken  eine  Fassung  aus  Tirol,  „Zwei- 
fache Vergeltung".  Das  Stückchen  aus  Dänemark,  „Der  Pastor  und  der 
Schmied"  ist  mit  dem  alten  Fablio  „Le  vilain  de  Farbu"  verwandt: 
der  dumme  Bauer  spuckt  in  die  Suppe,  um  sie  abzukühlen. 

Der  Tod  als  Gevatter.  Es  gibt  viele  alte  Volksmärchen  und  Ge- 
schichten, in  denen  das  Suchen  eines  Gevatters  eine  Rolle  spielt;  hierzu 
gehört  auch  das  sinnreiche  Märchen  vom  „Gevatter  Tod".  In  der 
Novelle  Adolf  Sterns  „Der  Pate  des  Todes"  ist  das  Hauptmotiv 
des  Märchens  symbolisch  verwandt;  dieses  wird  erzählt.  A.  de  Noras 
Buch  „Totentanz"  enthält  cinDutzend  Novelletten,  von  denen  die  erste 
hier  in  Betracht  kommt.  Auch  ein  in  „The  Times  literary  Supplement" 
vom  3.  August  1906  besprochenes  englisches  Buch  „The  religious  songs 
of  Connaclit"  mit  der  „tale  of  the  tinker  who  wanted  a  godfather  for 
his  child,  and  made  critical  objections  to  the  ,King  of  Sunday'  himself" 
ist  zu  nennen.  Ein  Gedicht  von  Otto  Ernst,  „Der  gerechte  Gevatter" 
in  „Über  Land  und  Meer"  (1904,  Nr.  21)  behandelt  den  Stoff  poetisch, 
ein  Prosamärchen  der  „Fliegenden  Blätter"  vom  24.  Mai  1907,  „Das 
Weib  des  Todesengels",  humoristisch.    Vgl.  auch  noch  die  „Plauderei" 


Weiterleben  und  Verbreitung  einiger  alter  Stoffe  367 

„Der  Herr  Pate"  von  Heinrich  Seidel  („Die  Woche"  1906,  Nr.  30). 
Eine  neue  dänische  Oper  „Der  Pate  des  Todes"  von  Julius  Bech- 
gaard  und  Sophus  Michaelis  sollte  im  Nationaltheater  zu  Kopen- 
hagen aufgeführt  werden.  —  Zum  Schluss  noch  etwas  Anekdoten- 
haftes : 

Vom  Pferdeei  (ein  Schildbürgerstückchen):  einem  Dummen  macht 
man  weis,  eine  Kanonenkugel,  ein  Kürbis  oder  Ähnliches  sei  ein  Pferdeei, 
das  er  dann  auch  ausbrüten  will;  er  setzt  sich  darauf,  meistens  an  einem 
Abhänge;  Kugel  oder  Kürbis  kommt  ins  Rollen  und  schreckt  einen  Hasen 
auf,  den  er  für  das  Resultat  seines  bisherigen  Brütens,  ein  kleines  Fohlen 
hält.  Diese  Anekdote  knüpft  sich  an  viele  Ortschaften,  bei  uns  und 
auswärts.  So  an  Teterow  in  Mecklenburg;  anlässlich  des  Köppeuicker 
Hauptmannsstreiches  wurde  sie  im  „Kladderadatsch"  vom  28.  Oktober 
1906  erzählt.  Von  dem  Ort  Kleiuenberg  an  der  Egge  meldet  sie  Kuhn 
in  seinen  „Sagen,  Gebräuchen  und  Märchen"  aus  Westfalen  (I,  Leipzig 
1859,  Nr.  258),  und  aus  der  Schweiz  „Schweizerisches  Archiv  für 
Volkskunde",  12.  Jahrgang,  Heft  1,  1908,  S.54:  „Schwanke  und  Schild- 
bürgergeschichten aus  dem  Sarganserland".  Aurbacher  teilt  im  „Volks- 
büchlein'' denSpass  als  „Weilheimer  Stücklein"  mit.  Die„Traditions  popu- 
laires  de  Demuin"  endlich  machen  uns  mit  einer  französischen  Fassung 
bekannt,  „Le  Couveur  de  Melon"  .  .  .  „Les  imbeciles!  ils  m'ont  fait 
perdre  mon  jeune  bandet.  Voyez  comme  il  court!  II  etait  dejä  de  la 
force  d'un  bandet  de  six  semaines". 

Vom  überkochenden  Topf.  Diese  Schnurre  von  dem  einfältigen 
Jungen,  der  während  der  Predigt  laut  in  die  Kirche  hineinruft,  seine 
Mutter  müsse  nach  Hause  kommen,  ist  mir  in  mehreren  Fassungen  bekannt. 
Die  englische  aus  Ludwig  Lenz,  „Die  neuesten  englischen  Märchen- 
sammlungen und  ihre  Quellen",  Kassel  1902:  „The  Sheep's  Head  and 
Dumplings",  die  französische  aus  den  „Traditions  populaires  de  Demuin", 
L'enfant  et  le  pot  au  feu" ;  diese  lautet:  Une  femme,  avaut  de  se  rendrc 
ä  la  messe  avait  bien  recommande  ä  son  petit  gar§on  de  veiller  ßoigneusement 
sur  le  pot  au  feu  et  surtout  de  ne  pas  laisser  eteindre  le  feu.  Quand  sa  mere 
fut  partie,  Tenfant,  qui  s'irapatientait  de  rester  inactif,  jeta  une  bonne  bras- 
see  de  bois  dans  le  foyer  et  alla  jouer  dans  la  rue  avec  ses  camarades.  Au 
bout  de  quelques  instants,  il  pensa  au  pot  au  feu ;  11  revint  dans  la  maison,  et, 
quelle  ne  fut  pas  sa  surprise  en  apercevant  que  la  soupe  bouillait  ä  grands 
bouillons  et  que  l'andouille  etait  sortie  ä  moitiö  du  couet.  II  courut  aussitöt  ä 
l'öglise  et  cria  de  toutes  ses  forces  en  ouvrant  la  porte:  „Maman!  i'  feut  venir 
tont  de  suite,  nou  andoule  alle  pend  da  che  fu !"  „Chut!  chut!"  dit  Ic  suisse 
qui  voulait  faire  taire  l'enfant.  „V  u'o  point  de  chut!  chut!«  repliqua  le  ga- 
min,  „nou  andoulle  alle  pend  da  che  fu,  1'  feut  venir  tont  de  suite !" 

Eine  deutsche  erzählt  „Der  Volksmund",  Bd.  12  („Bergischer  Volks- 
humor"): „Die  kochenden  Erbsen"  und  eine  andere  deutsche  endlich 


368  August  Andrae 

habe  ich  von  einem  Barbier  erzählen  hören,  der  sie  von  einem  Schäfer 
wusste:  der  Junge  soll,  während  die  Mutter  in  der  Kirche  abwesend 
ist,  auf  das  kleine  Kind  achten;  es  führt  sich  bald  unanständig  nach 
kleiner  Kinder  Sitte  auf,  der  Junge  rennt  sofort  nach  der  Kirche  und 
schreit  das  grosse  Ereignis  in  die  Predigt  hinein.  Wie  in  der  französischen 
Geschichte  der  Kirchendiener,  so  verweist  hier  der  Prediger  den  Jungen 
mit  pst!  pst!  Da  ruft  der  Junge:  „Diu  best  in  deuiner  Keuipen  (Kiepe 
=  Kanzel)  nitz  te  pissene!"  — 

Tom  Hahn  auf  dem  Kirchturm:  volkstümliche  Erklärung  für 
sein  Vorhandensein  da  oben.  In  Frankreich  fragt  man  die  Kinder  und 
auch  die  Erwachsenen:  „A  cueusse  qu'o  met  un  cou  sur  e-che  cloquer 
de  l'eglise?*'  Antwort:  „Pa'ce  qu'eune  glaine  casseroi  s'n  oeuf  en  pon- 
dan"  („Traditions  populaires  de  Dömuin'^  unter  „Phrases  —  Devinettes"). 
Also:  Warum  setzt  man  einen  Hahn  auf  den  Turm?  Weil  das  Ei 
eines  Huhnes  auf  dem  Kirchendache  zerbrechen  würde.  Dieser  Scherz 
ist  auch  anderswo  gebräuchlich.  Auf  die  Emsländische  Rätselfrage 
„Worum  sitt  'n  Hahn  up  'n  Karktohrn  un  kine  Henne?"  lautet  die  Ant- 
wort: „Der  Küster  könnte  die  Eier  nicht  herunterholen".  Die  vor  langen 
Jahren  in  Goslar  als  Schüler  gehörte  Schurre  fiel  mir  beim  Französischen 
wieder  ein:  Ein  Bauernjunge  aus  Hahndorf  (Dorf  in  der  Umgegend 
von  Goslar)  wird  gefragt:  „Na,  warum  heisst  denn  euer  Dorf  Hahn- 
dorf?'' —  „Ja,  weil  ein  Hahn  auf  dem  Kirchturme  steht."  —  „Ja, 
warum  steht  denn  da  aber  kein  Huhn?"  —  „Ja,  wenn  da  ein  Huhn 
stände  und  legte  ein  Ei,  so  ginge  das  kaput  und  das  ganze  Kirchen- 
dach würde  gelb."  — 


Dante  incongruente? 

Da 
Enrico  Sicardi. 


Nella  canzone  Donnc   cli'  avete  intelletto  d'  Amore^  la  prima   della 
,Vita  NiiovaS  Dante  conchiude  cosi  la  loda  di  Beatrice: 
De  li  occhi  suoi,  come  ch'  ella  li  rnova, 
escono  spirti  d'  Amore  inflammati, 
che  feron  li  occhi  a  quäl  che  allor  la  guati, 
e  passan  si  che  '1  cor  ciascun  retvova. 
Voi  le  vedete  Amor  pinto  nel  viso, 
lä  've  non  pote  alcun  mirarla  fiso. 

E  qui  tutto  ci  sarebbe  sembrato  sempre  mai  liscio  e  piano,  anzi 
pianissimo,  se  il  poeta  stesso,  uella  Divisione  che  tieo  dietro  alla  can- 
zone, non  ci  avesse  dichiarato  il  suo  pensiero  proprio  cosi:  „Nella  se- 
conda  [parte  di  quella]  dico  d'  alquante  bellezze  che  sono  secondo  diter- 
minata  parte  de  la  persona;  quivi:  De  li  occhi  suoi.  Questa  seconda 
parte  si  divide  in  due;  che  nell' una  dico  degli  occhi,  li  qnali  sono 
principio  d' amore,  ne  la  seconda  dico  de  la  bocca,  la  quäle  e 
fine  d' amore".  Or  bene;  era  del  tutto  naturale  che  editori  e  com- 
mentatori  avessero  a  trovarsi,  a  questo  punto,  in  im  g-rave  imbarazzo. 
Ma  come?  —  si  son  chiesti:  Se  ne' suoi  Ultimi  versi  Dante  ci  parla  del 
viso  di  Beatrice,  come  mai  poi,  nella  prosa  dichiarativa,  afferma  d'  avere 
inteso  parlare  solo  della  bocca  di  lei,  della  Aocca  „fine  d' amore"?  Non 
sarebbero  stati  forse  allora,  come  sono  stati  sempre,  hocca  e  viso  due  cose 
ben  distiute?  E  qui,  in  conclusione,  si  tratta  delTuuo  o  dell'altra? 
0  si  deve  conchiudere  di  trovarci  di  fronte  ad  una  pur  possibile  distra- 
zione  del  poeta,  dovuta  forse  al  fatto  che  il  comento  alla  canzone 
fu  scritto  parecchi  anni  dopo  che  essa  fu  composta,  cosi,  senz'  averla 
forse  piii  sottocchio?  —  Mossi  da  questi  vecchi  dubbi  sempre  nuovi, 
editori  e  critici,  per  trovare  una  via  d'  uscita,  si  sono  appigliati,  com'  era 
naturale,  a  parecchi  espedienti,  Piü  spiccio  di  tutti  il  Torri,  per  un 
esempio,  ricorse  al  partito  eroico  si,  ma  assolutamente  inutile,  di  can- 
cellare  a  dirittura,  con  un  taglio  netto,  le  parole  „che  e  fine  d'  amore", 
le  quali,  una  volta  che  si  dovevano  riferire  per  forza  alla  bocca  di  Bea- 
trice, dovettero  apparirgli  cosi  scandalosamente  licenziose,   per  non  dir 


370  Enrico  Sicardi 

peggio,  da  non  potersi  indurre  a  credere  che  proprio  Dante  se  le  sarebbe 
mai  potute  lasciar  sfuggire  dalla  penna!  Ma  con  questa  bellissima  tro- 
vata,  a  dir  vero,  non  si  salvava  la  morale,  che,  ad  esser  sinceri,  non 
correva  nessun  pericolo,  ne  si  ovviava  in  alcun  modo,  com'  e  evidente,  alla 
coutraddizioue  presunta,  rimasta  tale  e  quäle.  Bastava  poi  che  il  Torri 
avesse  auche  im  occhio  solo,  per  accorgersi  che,  li  dove  stanno,  quelle 
parole  non  potevano  mancare  in  alcun  modo,  non  foss'  altro  per  la  evi- 
dente e  perfetta  simmetrica  corrispondenza  fra  esse  e  le  precedenti,  la 
quäle  apparisce  evideutemente  voluta  da  chi  ha  scritto  tutto  quel  tratto: 
j^occhi,  li  quali  sonoprincipio  d'aniore  . . .  bocca,  la  quäle  e  fine  (V  amore^^ , 
e  ricorre  in  moltissimi  altri  luoghi  del  libello  dantesco.  Di  codesta  rispon- 
deuza  dovettero  infatti  accorgersi  faciiimente  i  posteriori  editori  della 
VitaNuova',  i  quali  perciö  conservarono,  s' intende,  le  parole  incriminate 
e  soppresse  dal  Torri,  ma  tornarouo  ad  un  espediente  piü  semplice,  che 
era  stato  giä  proposto  e  seguito  dal  Trivulzio:  quello  di  sospettare 
nella  canzone,  nel  puuto  piü  buono,  un  guasto  di  lezione  facilmente 
emendabile.  —  Viso?  Ma  chey/öo/:  mo,  dissero,  e  qui  da  leggere,  come 
ha  corretto  il  benemerito  Trivulzio.  0  non  vale  riso  appuuto  la  bocca? 
Non  c'insegna  cosi  Dante  stesso  e  tutti  i  Provenzali?  E  qui  non  e  questione 
appunto  6.q\\ü  bocca?  Or  dunque?  —  Non  ci  voleva  di  meno  perche  la 
lezione  proposta  dal  Trivulzio  s'  abbarbicasse  tenacemente  al  testo  del 
nostro  libello,  dove  e  ricomparsa  con  qualche  salto,  sino  a  questo  del 
Beck,  che  ho  sottocchio,  e  che  c  il  piü  recente  e  pregevole  (Stras- 
burgo,  1908).  Per  vero,  alla  lezione  tradizionale  viso  e  tornato  teste 
il  Barbi,  nella  sua  tanto  attesa  edizione  critica  delT  opcretta  di 
Dante  (Milano,  1907);  ma,  in  veritä,  quel  che  bisognava  bene  era,  non 
tanto  di  lasciala  al  suo  posto,  quauto  di  giustificarla  di  fronte  all' altra; 
ed  il  Barbi,  invece,  lo  ha  fatto  in  modo  da  non  appagare  nessuno, 
da  non  ac(|uietare  nessun  dubbio.  „I  mss.  sia  della  V.  N.  sia  delle  rime 
varie  —  egli  dice  in  una  nota  a  questo  luogo,  p.  46  — ,  sono  concordi 
nel  leggere  mo;  ne  c'  c  ragione  di  scostarsi  dalla  loro  testimonianza, 
ben  ])otendo  il  poeta  aver  voluto  vedere  in  lä 've  non  pote  alcun 
mirarla  fiso  la  determinazione  d' una  parte  del  viso,  cioc  della  bocca." 
Le  sou  parole  che,  in  conclusione,  non  concludon  nulla.  Coucordia 
di  codici  a  parte,  e  chiaro  che  la  presunta  spiegazione  di  ciö  che  appare 
contraddittorio  nella  „Vita  Nuova"  si  risolve  in  una  mera  sottigliezza, 
che  a  Dante  non  poteva  neppur  passare  per  il  capo,  e  che  sarebbe 
rimasta,  in  ogni  caso,  puramente  intenzionale.  Giacche  altro  e  che  Dante 
abbia  voluto  vcder  hii  quclla  tal  cosa  in  discorso,  altro  che  V  ahbia  detta 
a  noi  in  realta.  Ma  c'  e  ancora  di  peggio.  Lä  've  non  ])uö  valere  altro, 
grammaticalmente,  che  nel  quäle;  e  questo  pronome  non  puö  riferirsi 
altrimeiiti  che  a  vi^o  che  precede,  a  viso^  tutto  il  viso^  in  generale.  In- 
fatti e  tanto  vero  che  Dante  non  poteva  mirare  fiso  la  bocca  di   Bea- 


Dante  incongruente  ?  37i 

trice,  quauto  e  vero  (ma  uuzi!)  <?)ie  uon  poteva  fissarla  Degli  occhi, 
come  del  resto  in  qualsiasi  altra  parte  del  suo  volto.  Ma  il  Barbi 
coiitinua:  „Forse  originariamcnte  il  poeta,  dicendo  che  Amore  si  vedeva 
pinto  nel  viso  della  sua  doima,  pensö  al  volto  senza  alciina  liuiitazioue 
(cfr.  Dante,  ,Poi  ch'io  mi  trovo',  v.  9:  Donna  non  c'  e  che  Amor  le 
venga  al  volto;  —  Cino  da  Pistoja,  ,Guaidaudo  voi',  v.  10:  VAmor 
clC  e  figurato  in  vostra  cera);  e  f^olo  piü  tardi,  scrivendo  la  prosa,  volle 
farne  una  precisa  allusioue  alla  bocca ;  a  ehe  11  testo  —  e  sempie  il 
Barbi  che  lo  afferma  —  si  prestava  bene."  Ma  sono  idee.  Tanto  vero 
che  il  Barbi  stesso  —  alla  perfine,  si  vede  bene,  non  d;i  questa  sua  che 
come  una  mera  congettura.  E  tale  rimane  di  fatti.  Che  se  Daute 
avesse  peusato  al  volto  sema  alcuna  litnifazione^  e  poi  avesse  voluto 
fare,  solo  nella  prosa,  loia  precisa  allusione  alla  bocca,  avrebbe  dovuto 
vedere  e  persuadersi,  lui  per  prinio,  che  uessimo  mai  avrebbe  potiito 
aflferrare  codesta  sua  sottigliezza  puramente  inteuzionale,  e  che  perciö 
nessuno  mai  lo  avrebbe  potuto  scusare  della  contraddizioue,  pur  sempre 
evidente  e  permanente,  tra'  suoi  versi  e  la  prosa.  Ma  la  verita  e  ben 
altra.  11  vero  e  che  per  Dante,  come  per  tutti  i  migliori  fedeli  d'  Amore 
del  tempo  suo,  naturalmente  bene  addentro  ue'  segreti  della  psicologia 
amorosa  (e  questo  era  de'  piii  semplici),  come  del  linguaggio  che  la 
esprimeva,  solo  due  cose  del  volto  deir  amata,  (ed  e  in  fatti  ragionevole), 
meritavano  d'  esser  rilevate  in  versi,  ed  esaltate:  i  suoi  occhi  e  la  bocca.  E 
il  perche  non  solo  si  capisce  da  se,  ma  lo  comprenderemo  meglio  appresso, 
per  le  parole  stesse  del  nostro  poeta.  Muti  ad  ogni  espressione  o  senti- 
mento  interiore,  guance,  naso,  orecchie  erauo  accessori  della  bellezza 
umana  del  tutto  trascurabili,  di  cui  que'  non  ordinari  trecentisti  tacciono 
con  tantabuona  ragione  M-  Ora,  nel  Iratto  su  riportato  della  sua  canzone, 
Dante  vuol  descriverci  il  volto  di  Beatrice  per  rilevanie  poi  gli  effetti 
mirabili  sia  suir  animo  suo  che  nell'altrui;  ne' primi  versi  ci  ha  parlato 
degli  occhi  di  lei  {De  li  occhi  suoi ^  come  cW  ella  li  mora  ecc);  or  bene: 
la  sola  cosa  che,  voleudo  descrivere  il  viso  dell' amata,  e'potesse  ancora, 
dopo  gli  occhi,  degnameute  ricordare,  o  si  doveva  logicameute  sup- 
porre  ch*  e'  volesse  o  dovesse  ricordare,  senza  peccare  coutro  quel  suo 
ragionevole  e  comune  criterio  estetico,  era  dunque  solo  ed  unicamente 
la  bocca  di  lei.    Giusto  questa,  ripeto,  e  nient'  altro.    E  questa  couside- 

1)  Non  saiä  qui  forse  del  tutto  fuor  di  proposito  ricordare  che  im  bcllo  spirito 
del  Cinquecento,  dal  fatto  che  il  Petrarca,  certo  per  le  ragioni  di  convenienza  or  ora 
dette,  non  ci  parla  mai,  nelle  sue  taute  riiue,  del  naso  di  Madonna  Laura,  ne 
concliiuse  che  la  gentile  madonna  fosse  .  .  .  non  g'ik  senza  naso,  come  a  rigor 
di  logica,  quella  sua,  avrebbe  dovuto  dedurne,  ma  che  lo  avesse  avuto  dalla 
natura,  per  sua  disgrazia,  assai  brutto,  anzi  a  dirittura  caniuso.  Cfr.  L.  Gandini, 
Lettione  .  .  .  sopra  uu  dubbio,  Come  il  Petrarca  non  lodasse  Laura 
espressamente  dal  Naso,  In  Vinegia,  1581. 


372  Enrico  Sicardi 

razione  di  t'atto,  comuuemente  sottintesa,  e  perciö  sempre  pronta  a 
riaffacciarsi  spontanea  alla  meute  di  tutti  gli  spiriti  colti  del  suo 
tempo,  e  in  particolare  de'  fedeli  d'  Amore  cui  Dante  si  rivolgeva  sopra 
tutto,  doveva  non  lasciargli  temere  affatto  che  non  si  potesse  cog-liere 
facilmente  il  suo  preciso  pensiero,  e  senza  alcuna  ambiguitä.  Ora, 
una  volta  che  si  provi  vero  questo,  ci  si  spiega  tutto.  Ma  io  laseerö 
volentieri  questo  ufficio  al  seguente  passo  del  „Convivio",  che  iuvero 
avrebbe  potuto  troncare,  da  un  pezzo,  ogni  discussione  in  proposito. 
Ecco  duuque  ciö  che  Dante  dice  in  quel  passo  III,  8:  „E  perö  che 
potrebbe  alcuno  avere  domandato  dove  questo  mirabile  piacere  [bel- 
lezza]  appare  in  Costei  |la  sua  Donna],  distinguo  nella  sua  persona 
due  parti,  nelle  quali  la  umana  piacenza  e  dispiacenza  piii  appare. 
Onde  e  da  sapere  che  in  qualunque  parte  1'  Auima  piii  adopera  del  suo 
ufficio,  a  quella  piü  fissamente  intende  ad  adornare,  e  piü  sottilmente 
quivi  adopera.  Onde  vedemo  che  nella  faccia  dell'  Uorao,  Ja  dove  fa 
piü  del  suo  ufficio  che  in  alcuna  parte  di  fuori,  tanto  sottilmente  intende, 
che,  per  sottigliarsi  quivi  tanto  quanto  nella  sua  materia  puote,  nullo 
viso  ad  altro  e  siniile;  perche  1'  ultima  [la  piü  perfetta]  potenza  della 
materia,  la  quäle  e  in  tutti  quasi  dissimiie,  quivi  si  riduce  in  atto.  E 
perö  che  nella  faccia  massimamente  in  due  luoghi  adopera  V  Animu, 
cioe  nelli  occhl  e  nella  bocca  (perö  che  in  quelli  due  luoghi  quasi  tutte 
e  tre  le  nature  dell'  Anima  hanno  giurisdizione),  quelli  massimamente 
adorna,  e  quivi  pone  1'  intento  tutto  a  far  bello,  se  puote.  E  in  questi 
due  luoghi  dico  io,  che  appariscono  questi  piaceri  [bellezze]  ...  Li 
quali  due  luoghi,  per  bella  similitudine,  si  possono  appellare  balconi  della 
Donna  che  nello  edifizio  del  corpo  abita,  che  e  V  Anima,  perö  che  quivi, 
avegna  che  quasi  velata  [rivestita  del  suo  oelo:  il  corpo],  spesse  volte 
si  dimostra.  Dimostrasi  negli  occhi  tanto  manifesta,  che  conogcer  si 
puö  la  sua  presente  passione  [disposizione,  sentimento],  chi  bene  li  mira 
.  .  .  Dimostrasi  nella  bocca,  quasi  colore  [un  oggetto  qualsiasi]  dopo 
vetro  .  .  ."  Gli  e  che,  oltre  che  del  riso,  ricordiamolo,  la  bocca  e  Io 
strumento  della  parola,  che  e  in  fine  I'  espressione  piü  immediata  e 
piena  dell'  anima  umana.  E  questo  ci  chiarisce  bene  perche  mai  Dante, 
nelle  Divisione  su  accennata,  dopo  aver  detto  che  per  lui  la  bocca  della 
sua  donna  era  ,,iine  d' amore",  era  cioe  il  fine  ultimo  dell' amore  suo, 
soggiunga  li  subito,  codeste  molto  chiarissime  parole:  „.  •  •  ricordisi  chi 
legge  .  .  .  che  Io  saliito  di  questa  donna,  Io  qtiale  era  de  le  operazionl  della 
sua  bocca,  fue  ßne  de  li  miei  desideri  [seil,  amorosi]":  parole  che 
sarebbero  State  snfficienti  a  provare,  nel  modo  piü  carte,  a  chiunque, 
che,  tanto  ne'  versi  che  nella  prosa  dichiarativa,  Dante  ebbe  in  mente, 
quanto  mai  chiari,  T  idea  e  il  jH'oposito  di  accennare  giusto  proprio  alla 
bocca  di  Beatrice,  giusto  proprio  alla  bocca;  in  quanto  che  non  altrove 
che  in  quella  si  manifestava  quel  sorriso  angelicato,  che,  quand'  ella  Io 


Dante  iiicongruente?  .  373 

salutuva,  lo  rapivu  iu  un'  estasi  dolcissima.  Ad  altro  di  men  che  meno 
ideale  e  sublime  un  amatore  come  Dante  Alighieri  non  poteva  certo  pen- 
sare!  Cosi,  in  conformitä  di  ciö,  dichiarandoci  i  versi  seguenti  del  son. 
Ne  li  occhi  porta  la  mia  donna  Amore: 

Ogne  dolcezza,  ogne  peiisero  ximile 

nasce  nel  core  a  chi  parlar  la  sente  [ncl  suo  salutaie], 

ond' e  beato  clii  prima  la  vide  [la  vede:  la  incoiitraj. 

Qual  ch'  clla  par  quando  un  poco  sorride  [salutando], 

non  si  puö  dicer  nö  tenere  a  mente, 

8i  6  novo  miracolo  e  gentile! 

egii  scrive:  „Poscia,  quando  dico:  Ogne  dolcezza,  dico  quelle  medesimo 
che  detto  e  nella  priuia  parte,  secondo  diie  attide  la  sua  bocca:  V  uno  de  li 
quali  6  lo  suo  dolcissimo  parlare,  e  V  altro  lo  suo  mirabile  riso;  salvo  che 
non  dico  di  quest'  ultimo  come  adopera  ue  li  cuori  altrui,  per6  che  la 
memoria  non  puote  ritenere  lui,  nö  sua  operazione."  Ma  sorriso  e  parola 
dovevano  cospirare  insieme  ad  estasiarlo  allorche  egli  „la  mirava" 
neir  atto  del  „mirabile  saluto";  e  quando  questo  era  porto,  quella  cor- 
ruscazione  interiore  delT  anima,  come  egli  ha  ben  definito  il  riso  umano, 
doveva  effbndersi  dalla  bocca  della  gentilissima  per  tiitfo  il  viso  di  lei; 
ed  era  appunto  allora,  in  quell'  atto  dolcissimo  per  cui  esso  prendeva  tanta 
grazia  ed  espressione,  che  ue  egli  ne  alcuno  i)0teva  mirar  fiso  la  mira- 
bile giovine  madonna,  cosi  spiritualmente  bella.  Per  concludere, 
ne'  versi : 

Voi  le  vedete  Amor  pinto  nel  viso, 

lä've  non  pote  alcun  mirarla  fiso 

Dante  ci  descrive  mirabilmente,  in  tutti  i  suoi  effetti  fisici,  dagli  occhi 
indescrivibili  alle  labbra  divine,  V  esteruazione  del  saluto  dell'  amata,  il 
suo  sorriso  insomma  nell'  atto  di  salutare  sia  le  amiche  piü  care,  sia 
lui,  che  non  poteva  mai  mirarla  senza  tremar  tutto.  E  mentre  nel  verso 
ci  rappresenta  quel  viso  Celeste  nell'  atto  appunto  iu  cui  veniva  a 
mostrare  la  sua  maggiore  espressione  e  bellezza,  nella  prosa  scende 
ad  una  piii  precisa  e  direi  piü  ])edestre  determinazione,  accennando 
all'  atto  di  quella  bocca  divina,  nel  salutare  con  quel  suo  particolare 
sorriso,  che  dava  a  tutto  quel  viso  (e  come  no,  d'  altronde?)  un'  unica, 
specialissima  espressione,  che  egli  protesta  piü  volte  di  non  volersi  neppur 
provare  a  descrivere. 

Cosi  che,  viso  e  non  tiso  e  la  vera  lezione  di  questo  passo;  e  cosi 
leggendo,  anzi  che  contraddirsi,  verso  e  prosa  si  compiono  e  spiegano  a 
vicenda;  anzi  quelle  stesse  parole  della  Divisione  che  furono  causa 
innocente  dell'  imbarazzo  de'  commentatori,  intese  a  dovere,  sono  ap- 
punto quelle  che  ci  chiariscono  assai  bene  il  vero,  preciso  pensiero  del 
poeta,  che,  per  coutro,  senza  di  esse,  si  puo  esser  certi  che  ci  sarebbe 
sfuggito  per  sempre. 


Replik. 

Infolge  mancher  Gesundheitsstörungen  und  der  dadurch  erzwungenen  wissen- 
schaftslosen Müsse  habe  ich  die  „Entgegnung"  von  H.  Haupt  in  Zeitschr.  f.  franz. 
Sprache  u.  Literatur,  XXXIF,  S.  338  erst  am  7.  Februar  1909  lesen  können,  ob- 
wohl das  Heft  7,  dessen  Schluss  sie  bildet,  schon  am  15.  Februar  1908  ausge- 
geben wurde.    Ich  erwidere  auf  dieselbe  folgendes. 

Da  die  Referate  im  Jahresbericht  über  die  Fortschritte  der  romanischen 
Philologie  alljährlich  gegeben  werden,  so  konnte  ich  für  1904  nur  berücksichtigen, 
was  in  diesem  Jahre  erschienen  war,  also  nur  Teil  I  der  Hauptschen  Abhand- 
lung. Die  weiterhin  fälligen  Teilwechsel  mussten  unberücksichtigt  bleiben. 
Immerhin  ist  es  auffällig,  dass  die  im  Beginne  der  Abhandlung  und  der  Ent- 
gegnung so  wohlgefällig  hervorgehobenen  „erstmals  benutzten  neuen  hand- 
schriftlichen Quellen"  für  den  27—28  Seiten  umfassenden  Teil  I,  welcher  den 
Hauptteil  der  Frankfurter  Affären  (1.  Juni  bis  20.  Juni,  also  20  Tage  von  37) 
und  die  Hauptteilnehmer  und  Leidtragenden  des  Breiten  vorführt,  so  wenig 
Neues  ergaben.  Das  gestattet  doch  wohl  einen  Schluss  auf  |den  „Wert  oder 
Unwert"  dieser  Nova,  auch  wenn  sie  noch  nicht  in  extenso  gedruckt  vorliegen. 

Von  den  Einwänden  in  meiner  Besprechung  wählt  Haupt  bloss  einzelne 
aus,  zumeist  nebensächliche.  So  soll  ich  „unterschlagen",  dass  er  sich  für  sein 
Urteil  über  Friedrichs  Poesien  auf  einen  Artikel  der  Revue  de  Paris  berufe, 
obwohl  dieses  Zitat  gegenüber  Desnoiresterres  nicht  schwer  wiegt.  Er  dagegen 
„unterschlägt"  die  weniger  günstige  Meinung,  welche  Friedrich  selbst  von  diesen 
Gelegenheitsergüssen  seiner  poetischen  Ader  hatte,  obwohl  ich  ausdrücklich 
darauf  hinwies.  Im  weiteren  gestattet  sich  Haupt  sogar  eine  Umkehrung  des 
Sachverhalts,  indem  er  mir  vorwirft,  ich  Hesse  ihn  über  Friedrichs  Weisung  an 
Keith  sagen,  was  ich  selbst  ihm  entgegnete.  Dass  der  streitige  Brief  des  abb6 
de  Prades  an  Voltaire  nicht  von  Friedrich  d.  Gr.  diesem  seinem  Sekretär 
diktiert  sei,  lässt  sich  weder  aus  dem  Briefe  selbst,  noch  aus  Voltaires  Antwort 
ersehen,  wie  Haupt  in  einer  Anmerkung  seines  Aufsatzes  behauptet  hat,  viel- 
mehr deutet  Voltaire  mit  dem  Ausdrucke:  „Vous  etes  un  franc  secretaire  d'Etat" 
an,  dass  er  die  Sachlage  durchschaute  (s.  Corresp.  no.  2531  der  Molandscheu 
Ausgabe).  Wenn  ferner  Haupt  den  streitigen  Brief  nicht  als  „Brief  Friedrichs" 
bezeichnet  wissen  will  und  doch  zugibt,  dass  Friedrich  ihn  „veranlasst"  haben 
könne  —  letzteren  Punkt  „unterschlägt"  die  „Entgegnung"  — ,  so  sind  das  in  der  Tat 
„Advokatenkünste",  mag  diese  Bezeichnung  nach  Haupts  Geschmack  sein  oder 
nicht.  Übrigens  ist  in  dem  Briefe  von  „versöhnlicher  Stimmung"  Friedrichs  gar 
nichts  zu  bemerken,  weil  eine  solche  gar  nicht  existierte,  sondern  nur  vernichtender 
Hohn  und  echt  Fridericianischer  Sarkasmus.  Wer  der  ungenannte  „jeder  Sach- 
kundige" ist,  auf  den  Haupt  sich  für  seine  Meinung  beruft,  kann  ich  nicht  er- 
raten.    Was  die  Vorwürfe    betrifft,    ich    lasse  Haupt  das  Verhalten  der  Frank- 


Replik  375 

furter  Behörden  beschönigen,  während  er  so  hart  wie  noch  niemand  zuvor 
geurteilt  habe,  so  verweise  ich  auf  die  „wohlfeile"  Entschuldigung  desselben 
auf  S.  173  des  Aufsatzes  in  Zeitschr.  f.  franz.  Sprache  u.  Literatur.  Auch  was 
er  sonst  z.  B,  181,  Abs.  2,  17-4,  175  sagt,  lässt  von  „Härte"  nichts  durchblicken. 
Ähnlich  steht  es  mit  der  „Verteidigung"  der  Willkür  Friedrichs  in  der  Frank- 
furter Sache.  Ich  will  gern  den  Ausdruck  „Verteidigung"  in  „Unterschlagung" 
verwandeln,  um  mich  der  vornehmeren  Hauptschen  Redeweise  anzubequemen, 
aber  in  den  ganzen  27 — 28  Seiten  wird  Friedrichs  Willkür  nie  ausdrücklich  her- 
vorgehoben, sondern  die  Schuld  tunlichst  auf  seine  Werkzeuge,  insbesondere 
Freytag,  gewälzt.  Dass  Haupt  den  König  für  seine  eigenen  Instruktionen  ver- 
antwortlich machen  muss,  versteht  sich  von  selbst,  die  Folgen  derselben  müssen 
andere  ausbaden.  _  Delirant  reges,  plectuntur  Achivi. 

Ich  weise  es,  nach  dieser  Rechtfertigung  meines  Berichtes,  als  eine  halt- 
lose Verdächtigung  zurück,  dass  ich  eine  mich  speziell  angehende  Abhandlung, 
die  ich  nun  zum  zweiten  Male  mit  der  Feder  in  der  Hand  Zeile  für  Zeile  nach- 
gelesen habe,  „kaum  flüchtig"  gelesen  und  dann  gedächtnismässig  darüber 
referiert  hätte.  Eine  „genaue  Prüfung  des  Sachverhaltes"  erübrigte  sich  bei  so 
abgetanen  Dingen.  Das  über  mich  am  Schluss  ausgesprochene  kritische  Ver- 
dammungsurteil verfehlt  daher  seine  ernstere  Wirkung. 

Dresden,  11.  Februar  1909.  t  R-  Mahrenholtz. 


Romanische  Porschungeu  XXVll.  24 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen 
der  vier  Evangelien. 

Von 
KarlHutsclienreuther. 


Abkürzungen  und  Bibliographie. 

Andeer  =:  Rhätoromanlsche  Elementargrammatik  mit  besonderer  Berücksichti- 
gung des  ladinischen  Dialekts  im  Unterengadin  von  Peter  Justus  Andeer 
(Vorwort  von  Prof.  Dr.  E.  Böhmer)  II.  Aufl.  durchgesehen  von  Prof.  Dr. 
G.  Pult,  Zürich.  1906. 

Andeer  U.  =  Über  Ursprung  u.  Geschichte  der  Ehäto-Romanischen  Sprache 
von  P.  J.  Andeer,  Chur.  1862. 

Ann.  =  Annalas  delhi  Öocietä  reto-romantscha  .  .  .  Coira.  1886 ff. 

As  coli  od.  A.  G.  =:  Arcbivio  glottologico    italiano    von    G.    J.   Ascoli,    Saggi 
Ladini,  Torino.  1873,  I.  Bd. 
—     Annotazioni  soprasilvane,  Torino.  1883,  VII.  Bd. 

August  in  ■=^  Heinrich  Augustin,  Unterengadinische  Syntax,  Diss.,  Halle.  1903. 

Böhmer,  Rom.  Stud.  =  Romanische  Studien  von  Eduard  Böhmer,  Strassburg 
1877,  Bonn.  1895 ff. 

Brandstetter  =:  R.  Brandstetter,  Das  Schweizerdeutsche  Lelingut  im  Ro- 
moutschen,  Luzern.  1905. 

Breymann  —  Hermann Breymann,  Französische  Grammatik,  II.  Teil,  Satzlehre. 
München,  Leipzig.  1886. 

B  übler  =  J.  A.  Bühler,  Grammatica  Elementara  dil  Lungatg  Rhäto-romousch 
I.  Part,  Cuera.  1864. 

Carigiet  =:  P.  Basilius   Carigiet,  Raeto-romanisches  Wörterbuch,  Bonn.  1882. 

Candrian  =  J.  P.  Candriau,  Der  Dialekt  von  Bivio  Stalla,  Diss.,  Halle.  1900. 

Carisch  =:  Grammatische  Pormenlebre  der  deutschen  u.  rhätoromauischeu 
Sprache  nebst  einer  Beilage  über  die  rhätoromanische  Grammatik  im 
Besondern  von  Otto  Carisch,  Chur.  1852. 

Carisch  W.  =  Taschen- Wörterbuch  der  rätoromanischen  Sprache  in  Grau- 
bünden, Chur.  1848—1852. 

Conradi  =  Mattli.  Conradi,  Prakt.  deutsch-romanische  Grammatik,  Zürich.  1820. 

Decurtins  =  Kaspar  Decurtins,  Räto-romanische  Chrestomathie  in  K.  Voll- 
möllers Roman.  Forschungen,  Erlangen.  1883  ff. 

Dicz  =  Friedrich  Diez,  Grammatik  der  romanischen  Sprachen,  4.  Aufl.,  Bonn. 
1872—1876. 

Gärtner  =  Tii.  Gärtner,  Rätoromanische  Grammatik,  Heilbronn.  1883. 

Gröber  =  Gustav  Gröber,  Das  älteste  rätoromanische  Sprachdenkmal.  Separat- 
Abdruck  aus  den  Sitzungsberichten  der  philos.-philol.  u.  der  histor.  Klasse 
der  kgl.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften,  Heft  I  mit  Vorwort  von 
Ludwig  Traube,  München.  1907. 


Syntaktisches  zu  den  riitoronianischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    ||77 

Grundriss  =  G.  Gröber,   Grundrjss    der    romiuiischen    Philologie  I,    2.   Aufl., 

Strassburg.  190t— 190G;  II,  3.  Abt.,  Strassburg.  1901. 
Hiirtmanu  =  Gottfried  Ilartiuiinn,   Rätoromanische  Sprache   und   Literatur  in 

K.  Volhnöllers  kritischem  Jahresbericht,  Erlangen.  1895 — 1905,  4. — 9.  Bd. 
Iluonder  =:  J.  Huonder,   Der  Vokalismus   der  Mundart   von   Dissentis   in   den 

Rom.  Forschungen  1900,  Bd.  XI. 
Ischi  =  Igl  Ischi,  organ  della  Romania  edius  de  Dr.  C.  Decurtins,  Basel.  1897  fi'. 
Kofmel  =:  E.  0.  Kofmel,  lliob,  ein  oberengadinischea  Drama  aus  dem  17.  Jahrb., 

Solothum.  1889. 
Looser  =  Wilhelm  Looser,  Lautlehre  zur  Bibel  von  Schuls  mit  Bemerkungen 

zur  Formenlehre  in  den  Roman.  Forschungen,  Bd.  XIV,  I.Teil,  Erlangen. 

1903. 
Luzi  =  Joh.  Luzi,  Lautlehre  der  Subselvischen  Dialekte,  Diss.  Erlangen.  1904. 
M.-L.  =  Wilhelm  Meyer-Lübke,  Romanische  Syntax,  Leipzig.  1899,  Bd.  IIL 
Michael  =  Johann  Michael,  Der  Dialekt  des  Poschiavotals,  Halle.  1905. 
Morf  =  Heinrich  Morf,  Aus  Dichtung  u.  Sprache  der  Romanen,  Strassburg.  1903. 
Muoth  =  Muoth,   Cudisch    de    lectura,    p.   318—331:   Notizias    sur   il    lungatg 

romonsch  e  sia  litteratura,  Cuera.  1882. 
Pallioppi  =  Zaccaria  &  Emil  Pallioppi,   Dizionari   dels  Idioms  Romauntschs 

etc.,  Samaden.  1894. 
Pallioppi  E.  =  Emil  Pallioppi,  Wörterbuch    der   romanischen  Mundarten  des 

Ober-  u.  Unterengadins  etc.,  Samaden.  1902. 
Phras.  =  Phrases    ex  Terentio    von    Heuricus    Ludovicus   Ardecieusis   Rethti, 

Studiosus  Guardae,  Comendar  ottavel,  (unterengadinisches   Manuskript  im 

Besitze  des  Verfassers),  Ao.  1702. 
Pult  =  Gaspard  Pult,  Le  parier  de  Sent,  Diss.,  Lausanne  1897. 
Rausch  =:  Dr.  Friedlieb  Rausch,  Geschichte  der  Literatur  des  rätoromanischen 

Volkes  mit  einem  Blick  auf  Sprache  u.  Charakter  desselben,  Frankfurt 

a.  M.  1870. 
Revue  =  Revue  des  Langues  Romanes  Montpellier.  1869ff. 
R.  F.  =  Romanische  Forschungen,  herausgeg.  von  Karl  Voll  möller.  Erlangen.  1883  ff. 
Simeon  r=  P.  U.  Siraeon,   Grammatica  Romontscha-Tudestga,    Solothurn.   1904. 
Stürzinger  =  J.  Stürzinger,  Über  die  Konjugation  im  Rätoromanischen,  Diss., 

Winterthur.  1879. 
Vockeradt  =  Heinrich  Vockeradt,  Lehrbuch  der  italienischen  Sprache,  I.  Teil, 

Berlin.  1878. 
Walberg  =  E.  Walberg,  Saggio  suUa  Fonetica  del  Pariare  di  Celerina-Cresta 

(Alta  Engadina),  Lund.  1907. 
Zaun  er  =  Romanische  Sprachwissenschaft,  IL  Teil,  Syntax  (Sammig.  Göschen), 

Leipzig.  1905. 

Abkürzungen  und  benutzte  Texte. 

A.  V.  =:  La  Sancta  Biblia  .  .  .  Tradiit  in  Lingua  Ladina  d'  Engiadina  Bassa 

(von  den  Pfarrern  Andeer  &  Vital),  Colonia.  1870. 

B.  I.  =  L'G.  Nuof  Sainc  Teftamaiut  da  nos  Signer  Jefu  Chrifti,  Prais  our  delg 

Latin  &  our  d'qters  launguax  &  huoffa  da  noef  mifs  in  Arumaunsth  tres 
Jachiam  Bifrun  d'Agnedina,     Pufchlaeff.  Schquischo  ilg  an  M.  D.  L.  X. 
B.  II.  =  II.  Ausgabe,  Puschlaeff.  1607. 

24* 


378  Karl  Hutschenreuther 

C.  =  Ilg  Niev  Testament.    Editiun   nova  revedida  a  corregida,  tout   sco  pus- 

seivel,  suenter  ilg  original  grec,  da  Otto  Carisch.    Quera,  1856. 
Di  od.  =:  Giovanni  Diodati:  La  Sacra  Bibbia,  Londra.  1850  (Neuausgabe). 
F.  =  La  Biblia  u  la  Sontga  Scartira  dil  Veder  a  Niev  Testament,  Vertida  en 

Koiiionsch  da  la  Ligia  Grischa,  Francfort  al  Main.  1870. 
Gr.  =  L'Nouf  S.  Testaniaint  da  Noas  Signer  Jesu  Cliristi,  Huoffa  da  noef  vertieu 

in  Rom.aunsch  our  da  l'originael  Graec,  Traes  Joann.  L:  Grit!,   da   Zuoz. 

Schquitscho  in  Balel,  Ann  1640. 
Ga.  =  Ilg  Nief  Testament  da  Niess  Senger  Jesu  Christ,  Mefs  giu  en  Rumonfch 

da  la  Ligia  Grifcha:  tras  Lud    Gabriel,  Survient  d'ilg  Plaid  da  Dens  ä 

Lgiont.     Squitfchau  a  Bafel.  1648. 
L.  =  Das  neue  Testament  nach  der  deutschen  Übersetzung  Dr.  Martin  Luthers, 

Frankfurt  a.  M.  1840. 
M.  =  II  Nouv   Testamaint   Tradüt    nel  Dialect  Romauntsch    D'Engiadina   Ota 

Tres  J.  Menni,  Coira.  1861. 
Miguel  =  La  Biblia  o'el  Antiguo  y  Nuevo  Testamento  Traducidos  al  EspaSol 

de  la  Vulgata  Latina,  Per.  RMO.  P.  Phelipe  Scio  de  S.  Miguel,  Londres.  1858. 
Novura  Tcstamentum  Graece,  London.  1889. 
P.  =  'L    Testament   Neuv    de    Nosseguour    Gesu-Crist:    Tradout     in    Lingua 

Piemonteiaa.  Londra.  1834. 
Per.  =  A  Santa  Biblia  .  .  .  pelo  Padre  Antonio  Pereira,  Londres.  1828. 
R.  =:  Rätoromanische  Texte  II,  Neudruck  von  Bifruns  Evang.  Mattliaei  u.  Marci, 

von  Jacob  Ulrich,  Halle.  1883  (hiernach  habe  ich  das  Matthäusevangelium 

in  der  dortigen  Zeileuzählung  zitiert). 
Seg.  =  La  Sainte  Bible  par  Louis  Segond,  Oxford.  1887. 
V.  =  Novum   Tcstamentum   Latine   Textum    Vaticanum,    curavit    D.    Eberhard 

Nestle,  Stuttgart.  1906. 
V.  D.  =  La  Sacra  Biblia;  Quai  Ais  Tuet  La  Sancta  Scriftüra:  .  .  .  Tfchantada, 

vertida  e  ftampada  in  Lingua  Rumaufcha   d'Ingadinna  Baffa,   da  Jacobo 

Antonio  Vulpio,  Serviaint   dal  pled   da  Dcis  in  Ftaun      Et  Jacobo  Dorta 

k  Vulpera,  Serviaint  dal  pled  daDeis  in  Scuol.  Stampad'  in  Scuol.,  Anno 

M.D.C.LXXIX. 
V.  D  II  =  La  II.  Editiun,  Scuol.  Anno  M.DCCXLIII. 
oe.  =  oberengadinisch. 
ol.  =  oberländisch, 
ue.  =  unterengadinisch. 

Kein  graphisch  e  Unterschiede,  die  häufig;  nicht  konsequent  durch- 
geführt sind  (hierüber  Hartmann  K.  J.  1903.  1,  p.  105)  wie  s  u. /, 
u  u.  ^;,  gl  u.  lg  etc.  sind,  v^^eil  für  die  Syntax  ohne  Belang,  bei  An- 
führung von  Texten,  wenn  sonst  keine  Abweichungen  stattfinden,  nicht 
berücksichtigt  worden,  wohl  aber  sind  lautliche  Verschiedenheiten  be- 
obachtet. 

Mat.  rr  Matthcäus.  Luc.  ==  Lucas, 

Marc.  =  Marcus.  Joh.  r=  Johannes. 


Syntaktisches  zu  den  liitoroiuauisflicn  Übcrsctzungeu  der  vier  Evangelien    379 

Einleitung. 

Die  ErforscLiiüg  des  so  interessanten,  rätoromanischen  Satzbaues 
ist  noch  lange  nicht  abgeschlossen.  Noch  vor  einigen  Dezennien  hat 
man  der  rätoromanischen  Syntax  gar  keine  Bedeutung  beigemessen. 
So  meint  1883  Gärtner  (Vorwort  p.  VIII):  ,,Einer  eigenen  Syntax 
und  einer  eigenen  Wortbildungslehre  bedarf  es  bei  unserem  Sprachge- 
biete nicht;  denn  erstens  könnten  solche  zwei  Abschnitte,  wenn  sie 
nicht  in  allgemein  romanische  Lehren  ausarten  sollen,  nichts  anderes 
als  kleine  Sammlungen  von  einzelnen  Bemerkungen  sein,  zweitens  liegt 
keine  genug  bedeutende  Literatur  vor,  um  einen  zum  Studium  syntak- 
tischer Feinheiten  einzuladen,  drittens  steht  die  Syntax  fast  überall, 
entweder  unter  deutschem  oder  italiäuischem  oder  unter  beiderlei 
Einflüsse". 

Im  Unterengadinischen  hat  von  den  Einheimischen  erst  1880  der 
Pfarrer  Andeer  einen  schwachen  Versuch  gemacht,  auch  die  Satzlehre 
zu  behandeln.  Allerdings  erfahren  wir  darin  nur  wenig  in  bezug  auf 
die  charakteristischen  Eigentümlichkeiten  des  Rätoromanischen,  weil 
Andeer  seine  Grammatik  zu  sehr  dem  Deutschen  anpasst  und  weil 
sich  in  seinen  ue.  Dialekt   zu  viele  Italianismen  eingeschlichen  haben. 

Auf  Andeers  Grammatik  fusst  neuerdings  Augustins  „Unter- 
engadinische  Syntax  mit  Berücksichtigung  der  Dialekte  des  Obereuga- 
dins  und  Münsterthals  (1903)".  Diese  an  Meyer-Lübkes  „Romani- 
scher Syntax"  sich  anklammernde  Arbeit  bringt  nur  Ergänzungen  über 
die  gesprochene  Mundart,  und  ist,  weil  die  Schriftsprache  zu  wenig 
damit  verglichen,  „etwas  zu  subjektiv",  wie  Hartmann  K.  J.  1903 
sehr  richtig  bemerkt. 

Die  umfangreiche,  ue.  Studie  Pults  (1897),  sowie  Michaels 
knappe  Formenlehre  (1905)  bringen   nur  geringe,   syntaktische  Winke. 

Conradis,  Carischs,  sowie  Bühlers  nur  mit  Vorsicht  zu  ge- 
brauchende Grammatiken  zur  Verschmelzung  der  Dialekte,  enthalten 
im  Oberländischen  nur  verstreut  zur  Satzlehre  dienliches;  auch  Muoth, 
Simeon  und  Candrian  haben  mehr  die  Formenlehre  behandelt. 

Brandstetter  weist  neuerdings  nur  auf  einige  Entlehnungen  aus 
dem  Schweizerdeutschen  hin. 

Da  die  trefflichen  Arbeiten  Ascolis,  Boehmers,  Diez,  Gärt- 
ners und  Stürzingers  meist  bei  der  Laut-  oder  der  Formeulehre 
Halt  machen  und  nur  geringen  Aufschluss  über  Syntaktisches  geben 
(wo  dies  geschehen,  ist  in  vorliegender  Arbeit  darauf  hingewiesen),  so 
haben  wir  als  einziges,  bedeutendes  Werk  über  den  rätoromanischen 
Satzbau  eigentlich  nur  Meyer-Lübkes  an  vielen  Stellen  bereits  ein- 
gehend gewürdigte  Romanische  Syntax.  Allerdings  konnte  bei 
dem   grossen   Gebiete,   das   diese  verdienstvolle  Arbeit  umfasst,   nicht 


380  Karl  Hutschenreuther 

jedesmal  auf  das  Rätoromanische  eingegangen  werden,  so  dass  noch 
manche  Lücken  auszufüllen  wären. 

Sehr  zu  bedauern  ist,  dass  Gärtner  in  Gröbers  Grundriss  die 
rätoromanische  Syntax  ganz  unberücksichtigt  liess. 

Was  nun  die  S])rache  der  rätoromanischen  Bibelübersetzungen  an- 
langt, so  ist  bisher  nur  die  Lautlehre  zur  Bibel  von  Schuls  {La  Sacra 
Bibla,  ScHol.  1679)  mit  einem  Anhang  zur  Formeulehre  behandelt 
worden.  Wo  sich  in  dieser  erfreulichen  Arbeit  Bemerkungen  zur  Syntax 
fanden,  habe  ich  im  Nachfolgenden  darauf  hingewiesen. 

Nach  Kenntnisnahme  dieser  Vorarbeiten  ist  es  nun  meine  Aufgabe, 
die  wichtigsten,  syntaktischen  Erscheinungen,  welche  mir  in  den  Über- 
setzungen der  vier  Evangelien  aufstiessen,  von  dem  Gesichtspunkte,  des 
echträtoromanischen  Besitzes  und  fremden  Einflusses  aus  betrachtet, 
nach  den  üblichen  Kategorien  stofflich  zu  ordnen  und  in  ein  einheit- 
liches grammatisches  System  unterzubringen. 

Bei  der  Anführung  von  Beispielen  und  Gegenüberstellung  dreier 
Haupldialekte  berücksichtigte  ich  zuerst  die  oberengadinischen  Über- 
setzer, hierauf  die  unterengadiuischen,  und  liess  dann  die  oberländischen 
folgen,  auch  hierbei  hielt  ich  wiederum  au  der  chronologischen  und, 
wo  ich  es  für  nötig  hielt,  alphabetischen  Ordnung  fest.  Häufig  habe 
ich  zum  Vergleich  noch  andere  lomanische  Sprachen  herbeigezogen. 

Ausserdem  muss  ich  noch  einige  Bemerkungen  vorausschicken. 
Da  die  rätoromanischen  Bibelübersetzer  sämtliche  gelehrte  Geistliche 
waren,  so  ist  es  selbstverständlich,  dass  wir  es  nicht  mit  der  ur- 
wüchsigen, unverfälschten  Sprache  einfacher  Landleute  zu  tun  haben 
sondern  dass  die  Sprache  dieser  Pastoren  vielfach  geziert  und  ge- 
künstelt ist  und,  dass  manche  davon  sich  ganz  magnetisch  zu  ihrer 
Vorlage  oder  häufiger,  Vorlagen  hingezogen  fühlten.  Einige  Übersetzer 
haben  sogar  von  einander  abgeschrieben. 

So  ist  im  oe.  bei  Bifrun,  noch  mehr  aber  bei  Griti  ein  starker 
Einfluss  des  griechischen  Originals  zu  notieren,  bei  Bifrun  sind  sogar 
Spuren  einer  Vulgatabenützuug  bemerkbar.  Menni  scheint  auf  seinem 
Arbeitstisch  sämtliche  rätoromanischen  Bibelübersetzungen,  sowie  den 
griechischen,  deutschen  und  französischen  Text  ausgebreitet,  und  aus- 
giebig bald  da,  bald  dort  abgeschrieben  zu  haben. 

Im  ue.  haben  die  Pfarrer  Vulpius  und  Dorta,  wie  Pult  in 
Andeers  Gramm,  p.  72  sehr  richtig  bemerkt,  „die  Bibel  fast  zu  wört- 
lich nach  Diodati  (ital.  Bibelübersetzung  1603,  Genf  1641)  übertragen", 
ja  ich  möchte  sagen,  es  ist  eine  sklavische  Nachahmung,  wobei  das 
Originelle  des  ue.  Dialekts  vielfach  verloren  geht. 

Decurtins  Ansicht  in  Gröbers  Grundriss  IT  3.  Abt.  p.  241, 
dass  diese  Bibel  „in  schlichter  und  wirklich  volkstümlicher  Sprache 
geschrieben  ist",  kann  ich  durchaus  nicht  billigen.  Vulpius  undDortas 


Syntaktisches  zu  deu  lätoroiiianischcn  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     381 

2.  Ausgabe  der  Bibel  von  1743  ist  fast  idcutisch  mit  der  ersten.  Die 
neuere  Übersetzung-  der  Pfarrer  An  de  er  und  Vital  ist  grossenteils 
von  Vulpius  und  Dorta  abgeschrieben,  also  kaum  besser. 

Im  ol.  bleibt  Luzi  Gabriel  dem  Lutherschen  Text  ziemlich  treu, 
Cariseh  sucht,  wo  er  nur  kann,  dem  griechischen  Original  nahe  zu 
kommen;  die  jüngere  Frankfurter  Übersetzung  ist  ein  Zwischending 
zwischen  Gabriel  und  Cariseh  ohne  jede  Selbständigkeit. 

Von  allen  diesen  Bibelübcrsetzern  bewahrt  ohne  Zweifel  Bifruu 
immer  noch  die  meiste  Originalität. 

Es  soll  jedoch  nicht  gesagt  sein,  dass  die  Sprache  der  Bibelüber- 
setzungen jede  Urwüchsigkeit  und  Reinheit  verloren  hat  —  das  wäre 
ja  schlimm,  und  dann  wäre  auch  die  vorliegende  Arbeit  für  deu  räto- 
romanischen Satzbau  ziemlich  wertlos  — ,  im  Gegenteil,  es  bleibt  immerhin 
noch  eine  ungeheure  Fülle  eigenartiger  Erscheinungen  übrig. 

Endlich  muss  ich  noch  mein  Bedauern  darüber  ausdrücken,  dass 
wir  keine  Tiroler  und  Friauler  Bibel  besitzen,  wohl  infolge  davon,  dass 
die  katholische  Bevölkerung  weniger  das  Bedürfnis  nach  einer  Bibel 
hat;  ich  hätte  zu  gerne  das  gesamte  rätoromanische  Gebiet  in  den 
Bereich  meiner  Arbeit  hineingezogen.  So  ein  Vergleich  des  Satzbaues 
sämtlicher  Dialekte  wäre  entschieden  noch  weit  interessanter  gewesen. 


I.  Das  Verbum. 

A.  Arten  des  Verburas. 

Man  teilt  die  Verben  in  persönliche  und  unpersönliche  ein, 
je  nachdem  die  Tätigkeit  von  einem  bestimmten  oder  unbestimmten 
Subjekt  im  Singular  ausgeht. 

a)  Persönliche  Verben. 
a)  Transitive  bezw.  reflexive  Verben. 

§  1.  Bei  den  persönlichen  Verben  kann  man  je  nach  der  Art 
der  Tätigkeit  transitive  und  intransitive  unterscheiden. 

Von  den  transitiven  Verben  will  ich  nur  einige  reflexive  Verben 
erwähnen,  die  in  anderen  romanischen  Sprachen  nicht  reflexiv  be- 
handelt werden. 

pnrtir  =  'weggehen'  von  se  partire  =  'sich  teilen'  (Diez  Wb.  I 
307)  ist  bei  Bifrun  noch  richtig  Reflexiv. 

Mat.  XXIV  1. 
oe:  Et    siand    ieu    oura    Jesus    schi    s'  partiva    el    delg   taimpel, 
R.  2370/1  &  B.  II  92, 


382  Karl  Hutschenreuther 

Der  reflexive  Gebrauch  von  oe.  u.  iie.  imp isser  =  'denken'  ist  erst 
bei  den  jüngeren  Übersetzern  beliebt. 

Lue.  XVn  9. 
Diod:  lo  uol  penso. 
oe:  Eau  uu  pais  B.  I  267,  B.  H  274. 
Eau  nun  paifs  Gr.  253. 
Eau  m'impaißs  da  na.  M.  146, 
ue:  Eug-  nun  pais  V.  D.  97. 

Eu  non  m'impais  A.  V.  95. 
Ausserdem  ist  mir  noch  der  eigentümliche  ue.  Gebrauch  des  transi- 
tiven Verbs  giavüscher  im  Sinne  von  'bitten'  aufgefallen.  Pallioppi  E. 
(S.  142)  kennt  nur  arover  oder  dumander  hiefür. 

Mat.  V  42. 

Gieb  dem,  der  dich  bittet. 

ue:  Da  ä  chi  t'  giavüfcha  V.  D.  7  u.  A.  V.  8. 

Ferner  habe  ich  bei  den  persönlichen  Verben  noch  zu  be- 
merken, dass  die  unpersönliche  Redensart:  „es  jammert  mich"  vor- 
wiegend persönlich  wiedergegeben  wird,  und  dass  besonders  die  refle- 
xive Wiedergabe  im  ol.  interessant  ist.  Nur  das  ältere  oe.  behält  den 
unpersönlichen  Ausdruck  bei  und  greift  zu  facere. 

Mat.  XV  32. 
^nXctYyvltiO^'ai  ini  top  ox^ov. 
L.  Es  jammert  mich  des  Volks. 
Diod:  lo  ho  grau  pietä  della  moltitudine. 

oe:  E  m'fo  pchio  delg  poeuel,  R.  1534;  B.  II  59. 

A  mi  fo  compafsiun  del  pcevel,  Gr.  54. 

Eau  he  compassiun  del  pövel,  M.  30. 
ue:  Eug  nhai  granda  compaffiun  dalla  quantitä,  V.  D.  21. 

Eu  ha  granda  compassiun  della  quantitä,  A.  V.  22. 
ol:  Jou  mi  prend  puccau  d'ilg  pievel,  Ga.  73. 

Jou  mi  prend a  puccau  dilg  pievel,  C.  28. 

Jou  mi  prenda  puccau  dil  pievel,  F.  24. 

ß)  Intransitive  Verben. 
§  2.  Die  intransitiven  Verben  lassen  im  oe.  und  uc.  merk- 
würdigerweise auch  ein  Passiv  zu.  Möglich  ist  allerdings  auch,  dass 
im  folgenden  Beispiel  Bifrun,  Vulpius  u.  Dorta,  Andeer  u.  Vital 
resüster  =  'auferstehen'  mit  resüsciter  =  'auferwecken'  (Pallioppi 
S.  613)  verwechselt  haben. 

Mat.  XI  5. 
pexQoi  iydqovrai.  —  Die  Toten  stehen  auf.  ~  V.  mortui  resurgunt. 


Syntaktisches  zu  den  lätoromauischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    383 

Diod:  i  morti  son  risuscitati,  —  Seg:  les  morts  ressuscitent. 
oe:  Vb  morts  uignen  arisüstos  (Ulricli:  arüsistos),  11.  971. 
l's  morts  vegnen  arisüftos,  B.  11  38. 
doch:  l's  raoarts  refüftan,  Gr.  34. 
morts  resUstan,  M.  19. 
ue:  ils  morts  fun  resüftads,  V.  D.  14. 
ils  morts  sun  resüstats,  A.  V.  14. 
ol:  nach  L.:  ils  morts  levan  fi,  Ga.  47  u.  F.  17. 
morts  levan  si,  C,  18. 

b)  Unpersönliche  Verben. 
§3.    Was   die    unpersönlichen  Verben    anlangt,    so    gehören 
hierzu  auch   die   Verben   der  Existenz   (deutsch    häufig:    'es  gibt', 
ital.:  ''vi  ha,  havvi,  c'e,  ci  so?io,  vi  ^,  vi  sono\  franz.:  'il  y  a').    Diese 
werden  stets  mit  esse  konjugiert. 

Joh.  XXI  25. 
oe:  E  fun  aunchia  bgierras  otras  chiofes,  B.  I  387,  B.  IT  400. 

Mu  e  fun  eir  bgerras  otras  chioffes,  Gr.  377. 

A  sun  auncha  bgeras  otras  chosas,  M.  217. 
ue:  Mo  qua  fun  eir  bleras  autras  chiaufes,  V.  D.  143. 

Ma  qua  sun  eir  bleras  otras  choses,  A.  V.  139, 
ol:  Mo  'lg  ei  ounc  bearas  autras  cauffas,  Ga.  499. 

Mo  ilg  ei  aunc  bearas  autras  caussas,  C.  197  u.  F.  139. 

§  4.  Lateinischem  facere,  das  im  Romanischen  zur  Bezeichnung 
des  Wetters  und  der  Zeit  gebraucht  wird,  entspricht  gevpöhniich 
esse,  im  ue.  u.  ol.  d^xchvenire^  zuweilen  greift  das  jüngere  oe.  u.  dasue. 
auch  zu  facere. 

Mat.  XVI  2. 
oe:  Cura  che  cumainza  ad  esser  saira,  schi  dschaisvus:  e  uuol 
esser  sarain,  R.  1561/2  u.  B.  II  61. 
Cura  Teis  faira,  fchi  dfchais,  [vain  ad  effer]  sarain,  Gr.  55. 
Cur  cha  'd  ais  saira,  dschais  vus:  A  vain  bell'ora,  M.  31. 
ue:  Cura  l'ais  gnü  faira,    fchi  dfchais  vus:    E  vain   ad   effer 
temps  farain,  V.  D.  22. 
Cur  '1  ais  gnü  saira,  schi  dschais  vus:  E  vain  ad   esser 

temp  serain,  A.  V.  22. 
(aber  Diod:    Quando    si  fa   sera,    voi    dite,    Fara   tempo 
sereno.) 
ol:  Cur  'lg  ei  vangeu  fera  fcha  fcheits  vns,   Ei  ven  ad  effer 
farain;  Ga.  75. 
La  sera  scheits  vus:  Ei  ven  ad  esser  bell'  aura,  C.  29. 


384  K*i'l  Hutschenreuther 

Cur   igl    ei   vegniu    sera  scheits   vus:    Ei  ven   ad  esser 
serein,  F.  24. 

Ferner  Joh.  XVIII  18. 
06 :  elg-  era  fraid,  B.  I  373,  B.  11  387. 
r  eira  fraid,  Gr.  364. 
aber:  faiva  fraid,  M.  207. 
ue:  fava  fraid,  V.  D.  138. 

(nach  Diod:  faceva  freddo)  faiva  fraid,  A.  V.  134. 
Ol:  ei  fova  freid,  Ga.  482,  C.  190,  F.  135. 

Im  Gebrauch  von  esse  und  venire  scheint  deutscher  Einfluss 
vorzuliegen;  die  eugadinischen  Formen  \m{  facere  sind  jedenfalls  durch 
das  Italienische  eingedrungen. 

c)  Hülfsverben. 

a)  Hülfsverben  zur  Bildung  der  zusammengesetzten  Zeiten 

des  Aktivs. 

§  5.     Gevröhnlich  wird  das  Verbum  finitum  mit  dem  t-Partizipium 

durch  habere  verbunden,  um  eine  Tätigkeit  zu  bezeichnen,  esse  dagegen 

wird  bei  den  meisten  intransitiven  Verben  als  Hülfsverb  zum  Ausdruck 

eines  Zustandes  gebraucht. 

Bei  Bifrun  findet  sich  öfters  habere,  um  mehr   die  Tätigkeit  zu 

betonen. 

Mat.  II  7. 

oe:  da  che  tijmp  la  staila  hau  es  apparieu  ad  eis,  R.  90/91. 

da  che  temp  la  ftaila  haues  apparieu  ad  eis,  B.  II  5. 
Alle  übrigen  Texte  zeigen  hier  esse. 

Den  unpersönlichen  Ausdruck  des  Wetters  „es  donnerte"  finden 
wir  im  oe,  u.  ue.  teils  mit  esse^  teils  mit  habere^  im  ol.  nur  mit  habere 
wiedergegeben. 

Joh.  Xn  29. 

oe:  elg  es  do  ün  thün,  B.  I  3.56. 

elg,  e  i  8  do  ün  thün,  B.  II  366. 

chia  füfs  dvanto  ün  tun,  Gr.  344. 

ch'  avess  tuno,  M.  197. 
ue:  chi  fuofs  dat  ün  tufi,  V.  D.  131. 

cha  haja  tunä,  A.  V.  127. 
ol:  Hg  ha  tunau,  Ga.  456. 

ca  ei  hagi  tunau,  C.  180. 

Ei  ha  tunau,  F.  128. 

§  6.  Die  reflexiven  Verben  werden  stets  mit  habere  kon- 
jugiert. 


Syntaktisches  zu  den  rütoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    385 

oe: 

Marc.  IV  39;  l'ora  s'ho  aquaido,  B.  I  131. 

Tora  s'ho  aquaidaeda,  B.  11  133. 
Mat.  II  16:  s'ho  fig  iro,  Gr.  6. 
Mat.  Vni  27:  la  glient  s'ho  müravgliaeda,  Gr.  25. 
Mat.  Xn  41:  eis  traes  la  predgia  da  Joiiae  s'haun  melgdros,  Gr.  40. 
Mat.  XXII  12:  el  s'ho  mmütieU;  Gr.  76. 

Luc.  XXIV  8:  S'haun  dimaena  algurdaed  as  da  feis  plaeds,  Gr.  284. 
Mat.  XXI  32:  nuD  s'avais  zieva  pentieus,  M.  42. 

iie: 
Mat.  II  11:  h  s'haviand  büttad  in  terra,  V.  D.  3. 
e  s'aviand  büttats  in  terra,  A.  V.  4. 
Mat.  XVI  23:  s'haviand  voiit,  V.  D.  22. 

s'aviand  vout,  A.  V.  23. 
Mat.  XXI  32:  nun  s'havais  davo  quai  meldrads,  V.  D.  29. 
non  s'avais  davo  quai  meldrats,  A.  V.  29. 

Ol: 
Mat.  xn  41:  eis  han  fa  milgiarau  giu  d'ilg  priedi  da  Jonas,  Ga.  56. 
eis  han  sa  milgiurau  glu  dilg  priedi  da  Jonas,  C.  21. 
eis  han  sa  megliurau  giii  dil  priedi  da  Jonas,  F.  19. 
Mat.  XXI  32:  A  vus  ca  veits  vieu  quei,  vus  veits  fuenter  quei  bucca 
mil  giarau,  Ga.  100. 
A  vus,  ca  haveits  viu  quei  haveits  suenter  quei  buca 
vus  megliurau,  F.  31. 
Zum  Gebrauch    von  habere  beim  Keflesiv    ist    zu  bemerken,   dass 
jetzt  im   ol.  vielleicht   durch   italienischen   Einfluss  stets  esse  ge- 
fordert wird  (Simeon  p.  75). 

Die  Übereinstimmung  mit  dem  Deutschen,  das  ja  in  diesem  Fall 
zu  „haben"  greift,  ist  jedenfalls  auffallend;  doch  da  auch  andere 
romanische  Sprachen  teilweise  habere  aufweisen  (M.-L.  §  295  und 
Zauuer,  p.  119),  so   lässt   sich  keine   bestimmte  Entscheidung  fällen. 

§  7.  Häufig  treffen  wir  im  oe.  uud  ue.  ein  doppelt  zusammenge- 
setztes Perfekt  ijiabeo  habutu  dictu^  dafür  auch:  habeo  tenutu  dictu)  an. 

oe. 
Mat.  V  12:  in  aquella  guisa   haun   eis   hagieu   persequito  l's 
profets,  R.  319/20  &  B.  II  13. 
Mat.XXVII60:  quael  chel  hauaiua  hagieu  intaglio  in  Una  pedra, 
R.  2952/53. 
quael  chel  haviaiua  hagieu  intaglio  in  üna  peidra, 
B.  11  115. 


386  Karl  Hutschenreuther 

Luc.  I  70:  öuainter  fco  el  ho  liagieu  favlo  tres  buochia  dals 
fes  faencs  prophets,  B.  1  194. 
Suainter  fco  el  ho  hag-ieii  favlo   traes  buochia  dals 
feis  faenchs  prophets,  B.  II  197. 
Luc.  XIX  20:  quaela    che   eau   he   hagida   miffa    in    im    fazulet, 
B.  I  275. 
quaela   che   eau   hae  hagida  milfa  in  ün  fazoelet, 

B.  II  283. 
la   quaela   eau   hae   hagida  miffa  in  ün  fazzolett, 
Gr.  261. 

ue. 
Luc.  XIII  16:  la  quala  Satanas  haveiva  tgnü  liada,  V.  D.  92. 
la  quala  satanas  avaiva  tgnti  liada,  A.  V.  90. 
(auch  Diod:  la  quäl  satana  avea  tenuta  legata). 
Luc.  XIX  20:  la    quala    eug   nhai    tgnü    tfchantä    in    ün   fazölet, 
V.  D.  100. 
la  quala  eu  ha  gnü  tschanta  in  ün  fazölet,  A.  V.  98. 
(auch  Diod:   la   quala  io  ho   tenuta  riposta  in  uno 
sciugatoio). 
Merkwürdig  ist  die  Form  sum  habutu  yecutu: 
Luc.  II  36:  essendo  avaiva  vivü  set  ans,  A.  V.  70. 
wofür  effendo  vivüda  fett  ans,  V.  D.  72. 

ol: 
Luc.  XIX  20:  iig  quäl  jou  hai  ghieu  mefs  en  ün  fazalet,  Ga.  351. 
il  quäl  jou  hai  giu  mess  en  in  fazalet,  F.  99. 
Ahnliches  auch  im  Spanischen  und  Piemontesischen: 
Miguel:  la  quäl  he  tenido  guardada  eu  un  lienzo. 
P:  ch'i  heu  tenü  enveluppä  ent  un  toc  de  teila. 
Die  Vulgata  hat  jedoch  nur:  quam  habui  repositam  in  sudario. 
Da  auch  Herzog  (Materialien  zu  einer  ncuprovenzalischeu  Syntax 
von  Eugen   Herzog.     Im    Jahresbericht    der    k.   k.    Staats-Untersehule 
Wien  1899/1900,  p.  9)    eine    solche    doppelte    Perfektbildung    für    das 
Neupro vcuzalische  anführt,  so  sehen  wir,  dass  diese  Formen  allgemein 
romanisch   sind,    wenn  sie    auch    Kofmel  (p.  9)  auf   das    Schweizer- 
deutsche:   H  ha  gmacJit  gha^   i  hi  gange  gsij  etc'    zurückführen  möchte. 
(Hierüber  auch  Pult  p.  170,  Augustin  §  113,  Brandstetter  p.  31.) 

§  8.    Volere  und  Infinitiv  nimmt  durchwegs  Futurbedeutung  an. 

Mat.  IV  9. 
TavTtt  nävta  ffoi  öm(to).    V:  Haec  omnia  tibi   dabo;  Diod:    Io  ti 
darö  tutte  queste  cose;  Seg:  Je  te  donnerai  toutes  ces  choses;  L:  Dies 
alles  will  ich  dir  geben. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    387 

oe:  Eau  t'  uoelg  der  ;i  ti  tuot  aquaist,  R.  236. 

Eaii  t'  voelg  da  er  ä  ti  tuot  aquaift,  B.  TI  10. 

Tuot  quaift  voelg  eau  daer  ä  ti,  Gr.  10. 

Quaist  tuot  at  vögl  eau  der,  M.  5. 
ue;  Eug-  t'  völg  dar  tuot  quail'tas  cliiaulas,  V.  D.  5. 

Eu  't  vögl  dar  tuot  quaistas  chosas,  A.  V.  G. 
ol:  Quei  tut  vi  jou  dar  ä  chi,  Ga.  12, 

Quei  tutt  vi  jou  dar  ä  chi,  C.  5, 

Quei  tut  vi  jou  dar  ii  ti,  F,  8. 

Mat.  IV  19. 
xul  noirjcrco   vf.iäg  ali€7g  dv9-Qou7iMv.    V:    et    faciam   vos  fieri    pis- 
catores  hominum;   Diod:  ed  io  vi  farö  pescatori  d'uomini;   Seg:  et  je 
vous  ferai  pccheurs  d'hommes;  L:  ich   will  euch  zu  Menschenfischeru 
machen. 

oe:  schi  uoelg  eau  fer  uus  pesckiaduors  della  lieud,  R.  261. 
fchi  voelg  eau   faer  vus  pefchiaduors  della  lieud,  B.  II  11. 
&  eau  s'  voelg  faer  pefchiaduors  da  glieut,  Gr.  11. 
ed  eau  's  vögl  fer  pes-chaduors  da  glieud,  M.  6, 
ue:  &  eug  s'  völg  far  pefcaduors  da  glieud,  V.  D.  5. 
ed  eu  's  vögl  far  peschadurs  da  glieud,  A.  V.  6. 
ol:  a  jou  vus  vi  far  pefcaders  da  Igeut,  Ga.  13. 
a  jou  vus  vi  far  pescadurs  da  Igieut,  C.  5. 
a  jou  vus  vi  far  pescadurs  da  carstiauns,  F.  8. 
Diese    Beispiele   können  allerdings  auch  durchwegs   eine   Über- 
setzung aus  dem  Deutschen  sein,  da  der   Luthersche  Text  beide 
Male  'wollen'  aufweist. 

Immerhin  nimmt  aber  volere -f- Inf  initiv  im  Engadinischen 
gleich  dem  Rumänischen  Futurbedeutung  an  (M.-L.  §  322  meint  nur 
im  älteren  ol.),  ohne  dass  deutsche  Beeinflussung  darin  zu  erblicken  ist. 

Mat.  XVI  2. 
L.:  Es  wird  ein  schöner  Tag  werden, 
oe:  e  uuol  esser  sarain,  R,  1562. 
e  voul  effer  farain,  B.  II  61. 

Mat.  XVI  3. 
L.:  Es  wird  heute  Uugewitter  sein, 
oe:  huoz  uuol  esser  mel  ora,  R,  1563/4. 
huoz  voul  effer  mael  ora,  B.  II  61. 
Fürs  ue:  Augustin  §  119. 

ß)  Hülfsverben  zur  Bildung  des  Passivs. 
§  9.    Das  Passiv  wird  ähnlich  dem  Deutschen  seit  ältester  Zeit 
durch    venire  -|-  t -Partizipium    wiedergegeben.    Dies    sehen   wir 


388  Karl  Hutschenreuther 

schon  aus  dem  ältesten  rätoromanischen  Sprachdenkmal  in  der  Inter- 
linearversion Zeile  8  u.  ü.  Gröber,  p.  75:  sicu  ueni  adam  perdutiis 
intiti  unfenio  ne  no  ueniamo  si  perduti  u.  Zeile  12/13:  kl  nus  a 
christiani  ueni  (n)ominai. 

Mat.  III  14. 
oe:  ä  mi  es  bsilog,  ch'eau  uigna  battagiö  da  t6,  R.  194/5. 
a  mi  eis  blbeng,  ch'eau  vegna  battagiO  da  te,  B.  II  9. 
Eau  hae  bfoeng  da  gnir  battagiö  da  te,  Gr.  8. 
Eau  he  bsögn  da  gnir  battagiö  da  te,  M.  5. 
ue:  Eug  nhai  bfceng  da  gnir  battizä  da  tai,  V.  D.  4. 

Eu  ha  bsöng  da  gnir  battizä  da  tai,  A.  V.  5. 
ol:  Jou  hai  bafeugs   ca  jou  vengig   battigiaus  da  tei,  Ga.  10. 
Jou  hai  basengs  da  vengir  battiaus  da  tei,  C.  4. 
Jou  hai  basegns  ca  jou  vegni  battigiaus  da  tei,  F.  7. 

Mat.  VII  7. 
oe:  Batte  schi  uain  e  auiert  ä  uus,  E.  570/1  u.  B.  II  23. 

picchie  &  vain  aviert  ä  vus,  Gr.  20. 

piche,  schi's  guarö  aviert,  M.  11. 
ue:  picchiä,  fchi  vain  k  gnir  avert  ä  vus,  V.  D.  9. 

piehai,  schi  vain  a  gnir  avert  a  vus,  A,  V.  9. 
ol:  fplunteit,  fcha  vus  venei  a  vangir  aviert,  Ga.  27. 

splunteit,  scha  vus  ven  ei  ä  vengir  aviert,  C.  10, 

splunteit,  schi  vus  ven  ei  k  vegnir  aviert,  F.  11. 

§  10.  Weitaus  am  häufigsten  wird  in  den  Texten  venire  zur 
Bildung  des  Passivs  verwendet.  Doch  wird  dies  nicht  strikt  durchge- 
führt.    Oft  schleicht  sich  auch  die  gemeiuromanische  Form  mit  esse  ein. 

Mat.  VI  9. 
Friaulisch:  See  santificaat  la  tö  Nom,  Conradi  p.  X. 
oe:  santifichio  saia  l'g  tes  nü,  R.  474. 
fantifichio  faia  Pg  teis  nom,  B.  II  19. 
vegnia  fantifichio  tieu  Nom,  Gr.  17. 
Santificho  saja  tieu  nom!  M.  10. 
ue:  Fat  ianct  vegna  teis  Nom,  V.  D.  7  &  A.  V.  8. 
ol:  Soing  vengig  faig  tieu  num,  Ga.  23. 
Soing  vengi  faig  tieu  Num!  C.  9. 
Sontg  vegni  fatg  tiu  num!  F.  10. 
Andere  Beispiele: 

oe: 
Luc.  I  57:  Et   es   ad  Elizabet   cumplieu    l'g  tijmp  da  parturir, 
B.  I  193. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    389 

Et   eis    ad   Elizabet  cunplieu    l'g-    temp   da  parturir, 

B.  II  19G. 

Luc.  VI  37:  uun    faraes    judichios,)^      ^    ^ 

nun  faraes  condeninosj 
Mat.  II  23:  El  sarö  nomno  Nuzareo,  M.  4. 

Mat.  V  4:  eis  saron  coiifortos,  M.  G. 

Mat.  V  6:  eis  saron  saduUos,  M.  7. 

ue: 
Mat.  V  10:  quels  chi  fiin  perfequitads,  V.  D.  5. 
qiiels  chi  sun  per  seguitats,  A.  V.  6. 
Mat.  XXVI  2:  e  '1  Füg-  dal  craftian  farä  dat  in  maun  dal  Magiftrat, 
V.  D.  36. 
e  '1  figl  del  crastian   sara  dat  in  man  del  magistrat, 
A.  V.  3G. 
Luc,  VI  37:  perduna,  Icbi  s'  farae  perdunä,  V.  D.  78. 
perdunai,  schi  as  sara  ))erduna,  A.  V.  76. 

Ol: 
Mat. XXVIII 15:  fco  eis  fovan  muffai,  Ga.  144  u.  F.  43. 
sco  eis  er  an  stai  instrui,  C.  57. 
Marc.  V  4:  Parchei  ch'el  era  faveuts   ftaus   Hg i aus  cun  ligioms, 
Ga.  166. 
parchei   el   era  savents   staus  ligiaus   cun   ligioms, 

C.  65  u.  F.  49. 

In  Mat.  II  18  ist  das  deutsche  'man'  durchwegs  durch  das  Passiv 
mit  esse  wiedergegeben. 

V.  Vox  in  Rama  audita  est.  —  L.:  Auf  dem  Gebirge  hat  man  ein 
Geschrei  gehöret. 

oe:  La  uusth  in  Rama  es  udida,  R.  128. 

la  vufch  in  Rama  eis  vdida,  B.  II  6. 

Üna  vufch  eis  udida  in  Rhama,  Gr.  6. 

Ün  bragizzi  füt  udieu  a  Rama,  M.  3. 
ue:  Un  bragizi  ais  ftat  udi  in  Rama,  V.  D.  3. 

Ün  bragizzi  ais  stat  udi  in  Rama,  A.  V.  4. 
ol:  II g  ei  udieu  Unna  vufch  enten  Rama,  Ga.  7. 

Inna  canera  fo  udida  ä  Rama,  C.  3. 

Igl  ei  udiu  ina  vusch  enten  Rama,  F.  6. 

Ein  weiteres  Beispiel  für  die  allgemeine  Verwendung  von  esse  beim 
Passiv  ist  Mat.  III  16. 

oe:  Et  sco  Jesus  füt  battagio,  R.  199,  B.  II  9. 
Et  fiand  Jefus  battagio,  Gr.  9. 


390  Karl  Hutschenreuther 

E  cur  Gesu  füt  battagio,  M.  5. 
ue:  E  Jefus  fcumbaut  ch'el  fuo  battizä,  V.  D.  4. 

E  cur  Gesu  füt  battizä,  A.  V.  5. 
ol:  A  cur  Jefus  fö  battigiaus,  Ga.  10  u.  F.  7. 

A  cur  Jesus  fo  battiaus,  F.  7. 
Da,  wie  schon  erwähnt,  das  älteste  Sprachdenkmal  nur  venire 
zeigt,  und  weil  die  Formen  mit  esse  in  den  ältesten  Texten  doch  nur 
in  geringer  Anzahl  vorhanden  sind,  während  sie  sich  in  den  jüngeren 
Texten  häufen,  und  sogar  vielfach  den  Formen  mit  venire  vorgezogen 
werden,  so  darf  mau  wohl  den  Schluss  ziehen,  dass  das  mit  esse  ge- 
bildete Passiv  eine  Entlehnung  aus  dem  Italienischen  ist. 
M.-L.  §  305  lässt  diese  Frage  noch  unentschieden. 

y)  Htilfsverben  zur  Bezeichnung  modaler  Verhältnisse. 
§  11.     'Müssen'    wird    meist    durch  stopere,    ^sollen'    durch    debere 
wiedergegeben. 

Mat.  XXVI  35. 
L:  Und  wenn  ich  mit  dir  sterben  müsste. 
oe:  Scha  bain  eau  ftuefs  morir  cuu  te,  Gr.  95. 
Eir  seh'  eau  stovess  morir  cun  te,  M.  54. 
ue:  Schabain  eug  ftuefs  morir  cun  tai,  V.  D.  37. 
Schabain  eu  stovess  murir  con  tai,  A.  V.  37. 
ol:  Scha  ge  jou  ftuefs  morir  cun  tei,  Ga.  128. 
Er  scha  jou  stuess  murir  cun  tei,  C.  50. 
Scha  gie  jou  stovess  morir  cun  tei,  F.  39. 

Mat.  V  33. 
L:  Du  sollst  keinen  falschen  Eid  tun. 
oe:  tu  nun  t'  daias  spargiürer,  R.  389;  B  II  16. 

Nun  fpergüraer,  Gr.  15. 

Non  spergürer,  M.  8. 
ue:  Tu  nun  deft  gürar  faus,  V.  D.  6. 

Tu  non  deffaft  gürar  fos,  A.  V.  7. 
ol:  Ti  deis  bucca  girar  fauls,  Ga.  19;  C.  7. 

Ti  deis  buca  girar  fauls,  F.  9. 
Doch  finden  wir  auch  beide  Hülfsverben  vertauscht. 

Luc.  X  25. 
L:  Was  muss  ich  tun. 
oe:  che  daia  eau  fer,  B.  I  239;  B.  II  244. 

che  defs  eau  faer,  Gr.  233. 

che  des 8  eau  fer,  M.  IHO. 
ol:  che  dei  jou  far,  Ga.  301. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischou  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    39  t 

chei  8 tos  jou  far,  C.  118. 
chei  dei  jou  far,  F.  86. 

Mut.  XXV  27. 
L:  So  solltest  du  mein  Geld  zu  den  Wechslern  getan  haben. 
ue:  Per  quai,   haveft  tu  ftuvü  metter   meis   danaers  in  maun  da 
baunchiers,  V.  D.  35. 
Per   quai    avessast   tu   dovü   metter  meis  daners  in  man  da 
baunchiers,  A.  V.  35. 
Deutsches  'sollen*  ist  gelegentlich  auch  mit  volere  gegeben. 

Mat.  XXni  10. 
L:  Ihr  sollt  euch  nicht  lassen  Meister  nennen, 
oe:  N'eir  voeglias  effer  clamos  Doctuors,  Gr.  80. 

Mat.  V  13. 
L:  Womit  soll  man  salzen? 
ue:  cun  che  il  voul  ün  infalar?  V.  D,  6. 

con  che  il  voul  ün  insalar?  A.  V.  7. 
ol:  cun  chei  ilg  vult  ün  anfalar?  Ga.  16. 

cun  chei  il  vult  in  ansalar?  F.  9. 

'Müssen'  kann  auch  durch  andere  Wendungen  ausgedrückt  werden. 

Mat.  XVIII  7. 
L:  Es  muss  ja  Ärgerniss  kommen, 
oe:  elg  es  forza  che  uignen  sckiandels,  R.  1738/9. 
elg  eis  forza  che  vegnen  fckiandels,  B.  II  67. 

Mat.  XXVI  35. 
Et  schi  bain  fasches  bsüng  ch'  eau  muris  cun  te,  R.  2692/3 
(vgl.  p.  16). 

Mat.  XVII  10. 
L:  Elias  müsse  zuvor  kommen? 
ol:  ca  Elias  ha  gl  da  vengir  avont?  C.  31. 

§  12.    Statt  velle  (deutsch  Svollen')   steht   manchmal  esse -j- per 
-|- Infinitiv  oder  habere -}- de(da)  -H  Infinitiv. 

Luc.  X  1. 
L:  In  alle  Städte  und  Orter,  da  er  wollte  hinkommen, 
oe:  in  fcodün  loe,  in  aquael  el  era  par  gnir,  B.  I  237;  B.  II  241. 

in  fcodüna  citaed  &  loe,  inua  el  havaiva  da  gnir,  Gr.  221. 
ue:  in  ogni  citta  e  lö,  ingio  el  haveiva  da  gnir,  V.  D.  85. 

(wohl  italienischer  Einfluss. 

Diod:  ove  egli  avea  da  venire). 

in  ogni  citta  e  lö,  ingio  el  avaiva  da  gnir,  A.  V.  84. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  25 


392  Karl  Hutschenreuther 

§  13.  Beim  faktitiven  Hülfsveib  'lassen'  ist  die  Grenze  zwischen 
fare  (=  bewirken)  und  lasciare  (=  zulassen)  nicht  scharf  gezogen,  so 
dass  häufig  Verwechslungen  der  beiden  Verben  stattfinden. 

Mat.  V  44. 
oe:  per   che   el    lascha    aluer  Tg  sullailg  sur  l's  mels  &  sur  l's 
bims,  R.  416/17. 
per  che  el  lascha  aluer  Tg  sullailg    für  l's  toaels  &  für  l's 
büs,  B.  II  17. 
(Alle  andern  Texte  haben  facere). 

Luc.  II  10. 

oe:  eau  lafch  a  favair  ä  vus  üna  granda  allegrezza,  Gr    184. 
ol:  jou  lafch  ä  faver  a  vus  Unna  gronda  latezia,  Ga.  246. 

(doch:  jou  fetfh  a  saver  ä  vus  inna  gronda  latezia,  C.  96/7). 

jou  lasch  ä  saver  a  vus  ina  gronda  letezia,  F.  71. 
Es  ist  anzunehmen,  dass  die  oe.  und  ol.  Übersetzer  sich  durch  das 
deutsche  'lassen'  zur  Anwendung  von  lasciare  verleiten  Hessen. 

B.  Gattungen  des  Verbums. 

a)  Das  Aktiv. 
1.  Umschreibung  des  Aktivs, 

§  14.  Fürs  Aktiv  ist  im  oe.  und  ue.  auch  eine  umschreibende 
Konjugation  mit  stare  und  dem  Infinitiv  mit  da  oder  per  üblich,  um 
die  nächste  Zukunft  zu  bezeichnen;  auch  wird  esse^  hQzvf. stare  mit 
Gerund  gebraucht,  um  eine  vorübergehende  Tätigkeit  auszudrücken. 

Luc.  VII  2. 
L:  Und    eines    Hauptmanns    Knecht    lag  todtkrank.  —  ijfielXs  r« 
Xsvväv.  —  V.  erat  moriturus. 

oe:  Mu  l'famalg   d'ün    tfchert    Capitani    fiand    amalo,    ftaiva    da 
morir,  Gr.  205. 
Ed  il   famagl    d'ün    chai)itanni,    chi    eira    eher  a    quaist,    eira 
ammalo,  e  staiva  per  morir,  M,  118. 
ue:  E  '1  (erviaint  d'ün  tfchert  Capitani,  il  quäl  1'  eira  zuond  chiar, 
eira  amalTi,  e  ftava  per  murir,  V.  D.  79. 
(auch  Diod:  stava  per  morire). 
E  '1  serviaint  d'ün  tschert  chapitani,  il  quäl  l'eira  zuond  char, 

eira  amah'i,  e  staiva  per  morir,  A.  V.  77. 
(Hierfür  hat  das  ol:  a  leva  gual  morir,  Ga.  275). 

Luc.  I  21. 
Kai  riv  b  Xaog  TtQOffdoxo))^  top  Zuxaqlav. 
Diod:  Or  il  popolo  stava  aspettando  Zacaria. 


Syntaktisches  zn  deu  rätoromaiiisclieii  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     393 

oe:  Et  l'g  poeuel  fteiui  alpettäd  Zachariä,  B.  I  190;  B.  11  193. 
Et  eira  1'  pcevel   afpettand  Zachariam,   Gr.  178    (aus   dem 

Griechischen) ! 
Ma  il  püvel  staiva  aspettand  Zaccaria,  M.  102. 
ue:  Mo  'i  pövel  ftava  fpettand  Zacaria,  V.  D.  69. 

Ma  '1  pövel  staiva  spettaiid  Zaccaria,  A.  V.  67. 
Das  ol.  übersetzt  wörtlich  aus  dem  Deutschen: 
Ad  ilg-  pievel  fpechiava  fin  Zacharias  Ga.  239.    (L:  Und  das  Volk 
wartete  auf  Zachariam).    Die  anderen  ol.  Texte  haben  ähnliche  Über- 
setzungen. 

Da   sich    die  Italiener   auch   obiger  Umschreibungen  bedienen,    so 
ist  im  oe.  u.  ue.  italienischer  Einfluss  wahrscheinlich. 


2.  Zeitformen  des  Aktivs. 
a)  Zeitformen  der  Gegenwart. 

§  15.    Das  1.,  ja  sogar  das  2.  Futur  gibt   Bifrun   gerne   durch 
das  Präsens  wieder. 

Mat.  V  46. 
Tiva  nKT&bv    k'xsTS]    V:   quam    mercedem    habebitis.    —    L:  Was 
werdet  ihr  für  Lohn  haben? 

oe:  che  premgia  hauais  uus?  R.  420;  B.  II  17. 
aber:  che  mercede  gnis  ad  havair?  Gr.  16. 
che  premi  gnis  vus  ad  avair?  M.  9. 
ue:  che  premi  gnis  ad  havair?  V.  D.  7. 
che  premi  gnis  ad  avair?  A.  V.  8. 
ol:  chei  pagalgia  vangits  a  ver?  Ga.  20. 
chei  pagalgia  vegnits  ad  aver?  C.  8. 
chei  pagaglia  vegnits  a  haver?  F.  10. 

Mat.  VI  34. 
17  yag  ailgtov  f^iSQiiipriffsi  t«  iavttjg-,  V:  Crastinus  enim  dies  solicitus 
erit  sibi  ipsi.    L:  Denn  der  morgende  Tag  wird  für  das  Seine  sorgen, 
oe:  l'g  di  damaun  ho  l'g  sieu  pisir  da  se  sues,  K.  545. 
l'g  di  damaun  ho  l'g  fieu  pifser  da  fe  fuessa,  B.  II  22. 
aber:  1'  di  d'damaun  vain  a  prender  piffijr  da  fias  (chiolTes), 

Gr.  19. 
il  di  damaun  averö  pisser  per  sias  chosas,  M.  11. 
ue:  '1  di  d'damaun  haver a  pifser  per  fias  chiaufas,  V.  D.  8. 

'1  di  di  daman  averä  pisser  per  sias  chosas,  A.  V.  9. 
ol:  ilg  gi  da  damaun  ven  a  ver  quitau  par  fias  cauffas,  Ga.  26. 
ilg  gi  da  damaun  ven  ad  aver  quitau  par  sias  caussas,  C.  10. 
il  gi  da  damaun  ven  ä  haver  quitau  par  sias  caussas,  F.  11. 

25* 


394  K«''^!'  Hutschenreuther 

Die  Vergangenheit  in  der  Zukunft,  welche  das  oe  und  zu- 
weilen ol.  (Carisch)  durch  das  Perfekt  wiedergeben,  während  das  ue. 
und  ol.  genauer  das  2.  Futur  gebrauchen,  gibt  Bifrun  in  Überein- 
stimmung mit  dem  Lutherschen  Text  einfach  durch  das  Präsens 

Mat.  II  8. 
indv  de  svqtjts,  artuyyeiXaTf  fioi.    V :  et  cum  inveneritis,  renunciate 
mihi.    L:  Und  wenn  ihr  es  findet,  so  saget  mir  es  wieder. 

oe:  Et  cura  aus  l'g  achiates,  schi  lastho  ä  mi  a  sauair,  R.  94. 
Et  cura  vus  l'g  chiataes,  fchi  lafcho  ä  mi  ä  favair,  B.  II  5. 
mu  cura  vus  1'  havais  chiatto  m'lafche  favair,  G.  5. 
e  cur  vus  1'  avais  chatto,  fe  'm  a  savair  que,  M.  3. 
ue:  e  cur  vus  gnis  ä  1'  havair  chiatä,   fchi  referi  quai  ä  mal, 
V.  D.  3. 
(auch  Diod:  e  quando  1'  avrete  trovato.) 
e  cur  vus  gnis  a  1'  avair   chattä,   schi   referi  quai  a  mai, 
A.  V.  4. 
ol:  a  cur  vus  ilg   vangits  a  ver   äff  lau,    fcha  figeit  a  faver  a 
mi,  L.  G. 
a  cur  vus  ilg  veits  afflau,  figieit  ä  saver  ä  mi,  C.  2. 
a  cur  vus  il  veguits  ä  haver  affiau,  schi  fageit  ä  saver  a 
mi,  F.  6. 
Da  auch  der  Deutsche  gerne  das  Präsens  statt  des  Futurs   setzt 
(Vockeradt  §  235),   und    da  Luther   im    letzten  Beispiel  ebenfalls  das 
Präsens  gebraucht,  dürfte  wohl  deutscher  Einfluss  vorliegen. 

In  der  Anwendung  des  Futurum  exactum  im  ue.  u.  ol.  macht  sich 
vielleicht  antiker  Einfluss  geltend,  da  dieses  Tempus  der  rätoro- 
manischen Sprache  nicht  geläufig  ist  (Augustin  §  35). 

ß)  Zeitformen  der  Vergangenheit. 

§  16.  Das  Imperfekt  bietet  nichts  Interessantes,  es  ist  eben  wie 
in  den  übrigen  romanischen  Sprachen  die  Zeit  der  Wiederholung. 

Bezüglich  des  einfachen  Perfekts  kann  ich  M.-L.s  Ansicht 
(§  114),  dass  'dasselbe  in  Graubünden  von  Anfang  an  von  ziemlich  be- 
schränktem Gebrauche  ist',  nur  teilen. 

Im  älteren  oe.  steht  mit  Vorliebe,  in  älteren  ol.  Texten  gerne  das 
zusammengesetzte  Perfekt,  wo  das  einfache  Perfekt  (lat. 
Ferfectnm  historicum)  am  Platze  wäre,  nämlich,  um  eine  einmal  ver- 
gangene Handlung  als  einen  abgeschlossenen  Akt  zu  bezeichnen  ohne 
Kücksicht  auf  den  Verlauf  der  Handlung,  ferner  um  das  Fortschreiten 
der  Haupthandlung  darzustellen  oder,  um  etwas  Neueintretendes  zu 
bezeichnen. 

So  finden  wir  Mat.  I  bei  der  Genealogie  39raal  im  oe.  bei  Bifrun 


Syntaktisches  zu  den  rütovomanischeu  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    395 

und  Griti,  imol.  39mal  bei  Gabriel  das  zusammengesetzte  Per- 
fekt für  das  deutsche  Imperfekt  und  das  einfache  Perfekt  sämt- 
licher übrigen,  büudnerischer  Übersetzer.  Nur  in  der  piemontesischen 
Waldenscrbibelist  im  gleichen  Falle  das  zusammengesetzte  Perfekt 
anzutreffen,  während  alle  anderen  romanischen  Übersetzungen  das 
einfache  Perfekt  aufweisen. 
Andere  Beispiele  sind: 

Mat.  II  1. 

L:  Da  kamen  die  Weisen  vom  Morgenlande  gen  Jerusalem, 
oe:  l's  Magis  sun  gnieus  dalg  oriant,  ä  Jherusalem;  R.  75. 

l's  Magis  fun  gnieus  dalg  oriaint,  ä  Jherusalem,  B.  II  4. 

l's  Sabis  fun  gnieus  da  l'Oriaint  in  Jerufalem,  Gr.  4. 

aber:  cö  gnittan  sabis  dal  oriaint  a  Gerusalem,  M.  2. 
ue:  Magis  d'Oriaint  rivaun  in  Jerufalem,  V.  D.  3. 

Magis  d'oriaint  rivettan  in  Jerufalem,  A.  V.  4, 
ol:  vanginen  Sabis  da  la  damaun  a  Jerufalem,  Ga.  5. 

venginen  sabis  da  la  damaun  ä  Jerusalem,  C.  2, 

schi  vegninan  sabis  da  la  damaun  ä  Jerusalem,  F.  6. 
(Keine  roman.  Übersetzung  hat  hier  das  zusammengesetzte  Perfekt.) 

Mat.  II  4. 
L:  Und  erforschete  von  ihnen, 
oe:  schi  ho  el  dumando  aquels,  R.  82  &  B.  II  4. 

ho  dumando  ad  eis,  Gr.  5. 

Aber:  e  s'informet  dad  eis,  M.  3, 
ue:  s'informet  el  dad  eis,  V.  D.  3;  A  V.  4. 
ol:  fchi  ha  '1  andarfcheu  dad  eis,  Ga.  5. 

ad  andarschö  tier  quels,  C.  2. 

schi  ha  el  andarschiu  dad  eis,  F.  6  (nach  Gabriel). 
In  den  übrigen   romanischen   Übersetzungen  hat  nur  das  Piemon- 
tesische:  a  1  ha  ciamä-ie. 

Mat.  II  16. 
L:  Und  Hess  alle  Kinder  [zu  Bethlehem]  töten  {ävHls). 
oe:  &  ho  amazo  tuots  l's  matteis,  R.  122  &  B.  II  6. 

ho  mazzo  tuots  l's  infaunts,  Gr.  6. 

aber:  e  tramettet  a  mazzer  tuots  ils  infaunts,  M.  3. 
ue:  e  trametet  ä  far  mazar  tuet  ils  iffaunts,  V.  D.  3. 

e  tramettet  a  far  mazzar  tuet  ils  infants,  A.  V.  4. 
ol:  a  figet  mazar  tut  ils  uffonts,  Ga.  7. 

a  figiett  mazar  tuts  ils  uffonts,  C.  3. 

a  faget  mazzar  tuts  ils  uffonts,  F.  6. 
(Auch  hier  hat  nur  das  Piemontesische  das  zusammengesetzte  Perfekt.) 
Solcher  Beispiele  Hessen  sich  in  Menge  anführen,  und  zeigen,  dass 


396  Karl  Hutschenreuther 

wir  es  nicht  mit  einer  Nachahmung  zu  tun  haben,  sondern  dass  das 
zusammengesetzte  Perfekt  einem  Bifrun  &  Griti  geläufiger  war 
als  die  neueren,  allerdings  kürzeren  Formen  des  einfachen  Perfekts. 
Im  ol.  ist  bei  Gabriel  ein  Schwanken  zwischen  zusammengesetztem 
Perfekt  und  einfachem  Perfekt  zu  konstatieren. 

§  17.  Das  Conditionale  (presente  u.  passato)  wird  in  der 
Regel  durch  den  Konjunktiv  Imperfekt  bezw.  Plusquamperfekt  wieder- 
gegeben. 

Marc.  IX  42. 
L:  Dem  wäre  es  besser  .  .  . 
Diod:  megli  per  lui  sarebbe  .  .  . 
oe:  e  füs  milg  agli  .  .  .,  B.  I  153. 
e  füs  melg  agli  .  .  .,  B.  II  156. 
melg  füfs  per  el  .  .  .,  Gr.  143. 
per  quel  füss  megl  .  .  .,  M.  82. 
ue:  fchi  gnifs  ad  effer  melg  per  el  .  .  .,  V.  D.  55  &  A.  V.  55. 
ol:  fcha  fuss  ei  a  Igi  pli  bien  .  .  .,  Ga.  194. 
par  quel  fuss  ei  pli  bien,  C.  76. 
ä  quel  fuss  ei  pli  bien,  F.  56. 

§  18.  Einen  Unterschied  zwischen  einer  direkten  und  indirekten 
Form  des  Conditionale,  wie  ihn  die  Bühlersche  Gramm,  (p.  86) 
kennt,  zeigt  nur  der  jüngere  ol.  Frankfurter  Text. 

Spricht  nämlich  jemand  seine  eigene  Meinung  aus,  so  steht  die 
direkte  Form,  drückt  man  dagegen  etwas  als  Ansicht  einer  anderen 
Person  aus,  so  steht  die  indirekte  Form  des  Konditionalis. 

Das  Interessante  besteht  darin,  dass  die  indirekte  Form  durch 
Aiihängung  einer  Konjunktivendung  an  den  schon  vorhandenen  Kon- 
junktiv (denn  Bühl  er  sagt  ja  p.  86:  ^La  moda  condizionala  ei  e.ra 
nuot  auter  cli'in  conjunctiv')  gebildet  wird,  so  dass  wir  also  einen 
Doppelkonjuuktiv  haben  ähnlich  einem  Doppelfutur  (gnares  ad 
arschaiver  R.  1937)  und  einem  Doppelperfekt  (§  7). 

Beispiele  für  direktes  Conditionale: 

Luc.  XVII  2. 
ol:  (Mo  el  sehet  als  giuvnals:) 

Ei  fuss  4  gli  i)li  bien,  ca  ei  fuss  pendiu  vi  da  siu  culliez  ina 
mola  da  molin^  a  ca  el  vegniss  frius  en  la  mar  .  .  .,  F.  95. 

Luc.  XVII  4. 
A  scha   el   fagess   puccau  ancunter   tei   sett  gadas  il  gi,   a 
turnass  tier  tei  sett  gadas  il  gi  a  schcss;  F.  95. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  cli;r  vier  Evangelien    397 

Für  indirektes  Conditiouale: 

Luc.  XVIIl  36. 
Mo  cur   el    udit   11  pievel    mont  speras  vi,   spiä  el,   cliei  quei 
fussi?  F.  98. 

Job.  IV  1. 
Cur  il  Segner  savet,  ca  ils  Phariseers  havesseu  udiu,  ca  Jesus 
fagessi  pligiuvnals,  a  battigiassi  plica  Johannes,... F.  112. 

y)  Zeitformen  der  Zukunft. 
§  19.     Während  im  oe.   zur  Bezeichnung  einer  zukünftigen  Hand- 
lung,   die    vor    dem    Eintreten    einer    anderen    zukünftigen  Handlung 
vollendet  ist,   häufig  das  Präsens    (§15)    steht,    treffen   wir   im  ue. 
und  ol.  das  Futurum  exactum  an. 

Mat.  V  11. 
Diod:  Voi  sarete  beati,  quando  gli  uomini  v'  avranno    vituperati, 
e  persequiti,   e,    mentendo,    avranno   detto   contr'a    voi 
ogni  mala  parola  per  cagion  mia. 
ue:  Vus  farad  beads,  cur  la  glieud  s'  haverä  vituperä,  e  per- 
fequitä;  e  mentind,    haveran    dit    contra    vus   ogni    mal 
pled  per  chafchun  mia,  V.  D.  6  (von  Diod.  abgeschrieben!) 
Vus  sarat  beats,  cur  la  glieud  s'averä  vituperä,   e  perse- 
guitä;   e,  mentind,  averan   dit  contra  vus  ogni  mal  pled 
per  chaschun  mia,  A.  V.  6. 
(Von  V.  D.  wörtlich  abgeschrieben!) 

Die  übrigen  Texte  haben  an  Stelle  des  2.  Futurs  das  1.  Futur, 
nur  im  oe.  hat  Meuni  in  Übereinstimmung  mit  Luther  das 
Präsens:  Beos  essas  vus,  cur  eis  s'ingiurieschan  e  's  perseguiteschan, 
e,  mentind,  dian  ogni  mel  pled  cunter  vus  peramur  da  me.  M,  7. 

Mat.  XVn  27. 
L:  Und  wenn  du  seinen  Mund  auftust,  wirst  du  einen  Stater  finden, 
ol:  a  cur  ti  vens  a  ver  aviert   fia  bncca,    fcha  vens    ad  afflar 
ün  ftater,  Ga.  82. 
a  cur  ti  vens  a  ha  ver  aviert  sia  bucca,  schi  vens  ad  afflar 

in  stater,  F.  26. 
(Carisch  gebraucht  koordinierende  Hauptsätze). 
Dem  gelehrten  Gabriel  mochten  hier  wohl  antike  Formen  vor- 
schweben.    Der  Frankfurter  Text  ist  von  Gabriel   wörtlich  abge- 
schrieben. 

<5)  Zeitformen  im  Nebensatz. 

§  20.  Bezüglich  der  Zeitformen  im  Nebensatz  finden  infolge 
fremden  Einflusses  öfters  Abweichungen   von  der  genauen  Zeiten- 


398  Karl  Hutschenreuther 

folge  statt.     So  steht  öfters   nach  einem   Präteritum  des  Verbal- 
satzes ein  Präsens  im  Teilsatze. 

Mat.  XXV  24. 
f'yvwv  c«  ort  GxXriQog  sl  avd^Qüonoq.     L:  Ich  wusste,  dass  du  ein 
harter  Mann  bist.     Diod:  io  conosceva  che  tu  sei  uomo  aspro. 
oe:  eau  cunschaiua  te,  che  tti  ist  ün  hum  dür,  R.  2548. 
eau  cuntfchaiua  te,  che  tu  eist  ün  hom  dür,  B.  II  99. 
doch  genau:  Eau  favaiva  tu  eirast  ün  hom  dür,  Gr.  90. 
eau  savaiva,  cha  tu  est  ün  hom  dür,  M.  51, 
ue:  eug  cognofcheiva  chia  tu  eft  hom  afper,  V.  D.  35. 
eu  cognoschaiva,  cha  tu  est  hom  asper,  A.  V.  35. 
ol:  genau:  jou  faveva  ca  ti  fusses  ün  carftiaun  dir,  Ga.  121. 
jou  saveva  ca  ti  eis  in  hum  dir,  C.  47. 
nach  Luzi:  jou  saveva,  ca  ti  fusses  in  carstiaun  dir,  F.  3?. 
Das  oe.  zeigt  hier   mit  Ausnahme   Gritis    teils    griechischen, 
teils  deutscheu  Einfluss;    das  ue.  ist  wörtliche  Übersetzung  aus 
dem  Italienischen;  im  ol.  übersetzt  wiederum   Carisch    aus  dem 
Griechischen. 

Luc.  VII  39. 
syCyvbiffxev  äv  %l(;  xai  noxavri  fj  yvv^.     L:  So  wüsste  er,  wer  und 
welch  ein  Weib  das  ist.     Miguel:    bien    sabria   quiön,    y  quäl  es   la 
muger.     Seg:  il  connaitrait   qui  et   de    quelle  espfece   est   la   femme. 
Diod:  conoscerebbe  pur  chi,  e  quala  sia  questa  donna. 

oe:  fchi   faues    el   bain,   chi  ü  da   che   fort    aquaifta   duonna  füs, 

B.  I  223;  B.  U  227. 

fchi  cuntfchefs  el  chi  &  qu^lla  faia  quaifta  duonna,  Gr.  207. 

schi  savess  el,  chi  e  che  duonna  saja  quaista,  M.  120. 
ue :  fchi  gnifs  el  pur  ä  cognofcher  chi  e  quala  f aj  a  quaifta  duonna, 

V.  D.  80  &  A.  V.  78. 
ol:  fcha  favefs  el  baffai  chi,  a  chei  dunna  quell'  ei,  Ga.  280. 

scha  vengiss  el  bassai  ä  saver,    chi  a   chei    dunna   qttella  ei, 

C.  110. 

savess  el  bassai,  chi  a  chei  dunna  quella  ei,  F.  80. 
Während   das   oe.  zum  teil,    das  ue.  ganz   italienischen  Ein- 
fluss hier  zeigt,  richtet  sich  das  ol.  nach  Luther. 

B.  Das  Passiv. 

§  21.  Das  Passiv  wird  im  oe.  und  ue.  häufig  umschrieben,  indem 
man  das  Verbum  im  Aktiv  gebraucht,  und  es  mit  dem  reflexiven  Für- 
wort verbindet. 

Mat.  XXVI  9. 

L:  Dieses  Wasser  hätte  mögen  teuer  verkauft  (seil,  werden). 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    399 

oe:  aquaist  htit  s'  haues  pudieu  u ender  par  bgier,  R.  2630/1; 
B.  n  102. 
quaist  litt  s'  pudaiva  vender  par  grand  pretfch,  Gr.  93. 

Mat.  I  22. 

L:  Auf  dass  erfüllet  würde. 

oe:  acciö  s'  accompliss,  M.  2. 

ue:  aeiö  chi  's  complifs,  V.  D.  2  u.  A,  V.  4. 

(Auch  Diod:  aeioche  s'  adempiesse;  Seg:  afin  que  s'  accom- 
plit). 

Diese  Art  der  Wiedergabe  des  Passivs  ist  zwar  auch  den  übrigen 
romanischen  Sprachen  eigen;  doch  aus  dem  Umstand,  dass  die  ol. 
Übersetzer  keinen  Gebrauch  davon  machen,  dürfte  man  schliessen,  dass 
im  oe.  und  ue.  die  Nähe  Italiens  mitgespielt  hat. 

Gleich  dem  Deutschen  kann  das  Passiv  durch  das  unbestimmte 
Subjekt  'man'  {unus'>  ins;  unumy  ün)  wiedergegeben  werden.  Es  treten 
auch  noch  andere  Wendungen  ein. 

So  ist  das  Passiv  ganz  verschiedentlich  wiedergegeben  in  Luc.  11  1. 

xal  rixovffd^ri.  —  L:  Und  es  ward  ruchtbar. 

oe: 

durch  f^  ^'  ^*^  '°^^^*^  ^-  ^  ^22- 

esse -Y- rartizip   [^  ^.^  ^^.^^^^  ^^,    ^^^ 

durch  unum       ed  ün  udit,  M.  64. 

ue: 
durch  das       fe  s'  intleget,  V.  D.  44. 
Reflexiv         \e  s'  incleget,  A.  V.  43. 

Ol: 
durch  das  Aktiv 
mit  venire 

durch  die  5.  Pers. )    ,    .     ,.  r^   rr^ 

durch  unus        ad  ins  udit,  F.  45. 

C.  Modnsformen  des  Verbums. 

a)  Indikativ  und  Konjunktiv. 
Bezüglich  der  Modi  gilt  die  allgemeine  Eegel,  dass  der  Indikativ 
zum  Ausdruck  einer  wirklichen  Tatsache,  zur  Feststellung  eines 
bestimmten  Ereignisses  steht,  während  der  Konjunktiv  zur  Dar- 
stellung von  etwas  Zweifelhaftem,  Unsicherem,  Möglichem  und  Unmög- 
lichem gebraucht  wird.  Dies  gilt  sowohl  für  den  Verbal-  wie  Teilsatz. 


lad  ei  vangit  or  la  canera,  Ga.  152. 


400  Karl  Hutschenreuther 

Häufig'  tritt  jedoch  ein  Schwanken  nach  der  einen  oder  anderen 
Verbalform  ein.  Eine  Neigung  zum  Konjunktiv  macht  sich  bei  Bifrun 
und  den  ol.  Übersetzern  merklich. 

a)  Gebrauch  des  Indikativs  bezw.  Konjunktivs  im 

Verbalsatz. 
§  22.  Der  Indikativ  im  Verbalsatz  als  Ausdruck  des  gewiss 
Erkannten  bietet  nichts  Bemerkenswertes.  Auch  der  Konjunktiv  im 
Verbalsatz  ist  gleich  den  übrigen  romanischen  Sprachen  'abhängig  von 
einem  hinzugedachten  Hauptsatz'^)  durchwegs  anzutreffen,  so  dass  es 
keiner  weiteren  Beispiele  bedarf. 

ß)  Gebrauch  des  Indikativs  bezw.  Konjunktivs  im  Teils  atz. 
Im  Teilsatz    lassen    sich   die   einzelnen  Fälle,    wo    Indikativ  oder 
Konjunktiv   verlangt   wird,    am  besten  nach  den  verschiedenen  Arten 
des  Satzes  bestimmen. 

§  23.  Im  Subjektsatz  steht  der  Indikativ,  um  eine  Tatsache 
zu  charakterisieren;  enthält  aber  der  Verbalsatz  einen  Ausdruck  der 
Möglichkeit,  des  Zweifels,  der  Unwahrscheinlichkeit,  so  folgt  im  Teil- 
satz der  Konjunktiv. 

Auch  hier  stimmt  das  Rätoromanische  mit  den  anderen  romanischen 
Sprachen  überein,  so  dass  es  keine  Beispiele  benötigt. 

§24.  Im  Objektsatz  steht  nach  den  Verben  der  Willens- 
äusserung  gleich  den  übrigen  romanischen  Sprachen  allgemein  der 
Konjunktiv. 

Merkwürdiger  ist,  dass  nach  credere  im  alleren  oe.,  sowie  im 
älteren  wie  neueren  ol.  ähnlich  dem  Rumänischen  und  Alt-Italienischen 
(M.L.  §  667)  der  Konjunktiv  steht. 

Joh.  XI  27. 
L:  Ich  glaube,  dass  du  bist  Christus.    Di  od:  io  credo  che  tu  sei 
'1  aristo. 

oe:  Eau  craich  tu  faias  Chriftus,  B.  I  351. 

Eau  craich  tu  faiaft  Chriftus,  B.  II  360/1  u.  Gr.  338. 

aber:  Eau  crai,  cha  tu  est  Cristo,  M,  194. 
ue:  nach  Diod:  eug  crni,  chia  tU  eft  Chrifto,  V.  D.  129. 

eu  crai,  cha  tu  est  Christo,  A.  V.  125. 
ol:  jou  creig  ca  ti  feias  Chriftus,  Ga.  448  u.  C.  177. 

jou  creig,  ca  ti  sei  es  Christus,  F.  125. 
Desgleichen  ist  der  Gebrauch  des  Konjunktivs  durchwegs  an- 

1)  Breymanii,  p.  15  und  16. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    401 

zutreffen  uaeh  einem  nicht  verueinten,  fragend  oder  bedingt  gebrauclitein 
pensare  und  quintare.  Nur  die  italienische  und  piemontesischc  Über- 
setzung zeigen  in  diesem  Falle  ebenfalls  den  Konjunktiv. 

Marc.  VI  49. 
L:  Meinten   sie,    es   wäre   ein  Gespenst.    Mignel:  pensäron  que 
era   phantasma.     Per:    cuidarao    que    era   algum    fantasma.     Seg:  ils 
crurent    que    c'ctait    un    fantome.     P:  a  1  hau   credü  ch'a   fussa    un' 
fautasma.     Diod:  pensarono  che  fosse  una  fantasima. 

oe:  fchi  piffaun  eis  che  füs  ün  Ipierfc  B.  I  141;  B.  II  143. 
haun  piffo  chia  faia  ün  fpiert,  Gr.  131. 
s'impissaivane,  cha  que  füss  ün  spiert,  M.  75. 
ue:  piffaun,  chi  fuofs  ün  fpirt,  V.  D.  51. 

pensettau  chi  füss  ün  spiert,  A.  V.  50. 
ol:  fcha  quitaven  eis,  ch'el  fufs  ün  fpirt,  Ga.  177. 
quitavan  eis,  ca  el  fuss  in  spirt,  C.  69. 
quittavan  eis,  ca  el  fuss  in  spirt,  F.  52. 
Hier  dürfte  deutscher  Einfluss  vorliegen.     Das   ue.  ist   wahr- 
scheinlicher noch  Übersetzung  aus  dem  Italienischen. 

§  25.  Abweichend  von  den  übrigen  romanischen  Sprachen  herrscht 
bei  den  Verben  der  Gemütsbewegung  besonders  im  oe.  u.  ol.  eine 
Neigung  zum  Indikativ  vor. 

Luc.  X  20. 

L :  Freuet  euch  aber,  dass  eure  Namen  im  Himmel  geschrieben  sind. 

oe:  dimperfe  s'allegrö  che  uos  nums  fun  fcrits  in  fchil,   B.  I  239. 

dimperfe  s'  allegrö  che  vos  noms  fun  fcrits  in  tfchel,  B.  II 243. 

mu  baiu  s'allegre   chia   voafs  noms   fun  fcritts  in   l's  tfchels, 

Gr.  223. 
mo  allegre  's,  cha  voss  noms  sun  scrits  sü  in  tschel,  M.  129. 
ue:  anzi,  s'  allegrfi  chia  vos  noms  fun  fcrits  n'ils  tfchels,  V.  D.  86. 
anzi  s'allegrai,  cha  voss  noms  sun  scrits  nels  tschels,  A.  V.  84. 
ol:  mo  vus  lagreit  bearont  ca  vofs  nums  ean  fcrits  enten  tfchiel, 
Ga.  300. 
bearont  vus  legreit,  ca  voss  nums  aen  scrits  enten  tschiel,  C.  118. 
mo  vus  legreit  bearont,  ca  voss  nums  ein  scritts  enten  tschiel. 
F.  85. 
Allerdings  kann  in  allen  romanischen  Sprachen   nach   einem  Aus- 
druck des  Affektes  der  Indikativ  stehen,   wenn  ein  Relativsatz   ge- 
bildet wird  (M.-L.  §  667,  p.  714).    Das  ist  auch  aus  unserem  Beispiel 
ersichtlich : 

Miguel:  antös  gozäos,  de  que  vuestros  nombres  es  tan  escritos 
en  los  cielüs. 


402  Karl  Hutschenreuther 

Per:  mas  sim  deveis  alegrar-vos  de  que  os  vossos  nomes  estäo 
escritos  nos  Ceos. 

Seg:  mais  rejouissez-vous  de  ce  que  vos  noms  sont  Berits  dans 
les  cieux. 

P:  ma  pitost  arlegre-ve  de  Ion  ch'  i  vostri  nom  a  soun  scrit  ent 
'1  ciel. 

aber  Diod:  anzi,  rallegratevi  che  i  vostri  nomi  sono  scritti  ne' 
cieli. 

Der  Indikativ  im  Objektsatz  ist  hier  vielleicht  analogisch  zu  dem 
vorausgehenden:  non  vi  rallegrate  di  cid  che  gll  spiriti  vi  son  sottoposti, 
oder  di  cid  che  ist  das  zweite  Mal  der  Wiederholung  wegen  weggelassen 
und  dem  Sinne  nach  zu  ergänzen. 

Äholich  findet  sich  auch  in  unseren  rätoromanischen  Übersetzungen 
ein  solcher  Relativsatz  mit  Indikativ  dem  letzten  Beispiele  vorausgehend. 

Luc.  X  20. 
oe:  nu  s'allegrö  in  aque  che  l's  fpierts  fun  äuusfubiets,  B.  1  239 

u.  B.  n  243. 
Auch  die  anderen  Texte  haben  diesen  Relativsatz,  nur  gebrauchen 
sie  statt  'in'  die  Präposition  ^da'. 

Die  Vorliebe  des  Indikativs  nach  einem  Verb  der  Gemütsbe- 
wegung zeigt  ferner: 

Joh.  XXI  17. 
L:  Petrus   war   traurig,   dass    er   zum  dritten  Mal  zu  ihm  sagte: 
Hast  Du  mich  lieb? 

oe:  Et  Petrus  hauet  mela  uitta  chel  hauet  dit  agli  la  terza  uuota, 
amas  me,  B.  I  386. 
Et   Petrus    hauet    maela    vitta   chel  hauet   dit  agli   la  terza 

vouta,  amas  me,  B.  II  399. 
Petrus  s'  contriftö  ch'el  Thavaiva  dit  la  terza  vouta,  Amas 

tu  me?  Gr.  376. 
Petro  as  contristet;  ch'el  l'avai  va  dit  la  terza  vouta:  M'  amast-tü? 
M.  214. 
ue:  Petro    s'    contriftet    ch'el    l'havefs    dit    fin    a    trais    voutas: 
M'ainaft  tu,  V.  D.  142. 
(Der  Konjunktiv  ist  wohl  Übersetzung  aus  dem  Italieni- 
schen. 
Diod:    Pietro  s'  attristo    ch'  egli   gli    avesse  detto  fiuo  a  tre 

voltC;  M'ami  tu?) 
Petro  's  contristet,  ch'el  l'avess  dit  fin  a  trais  voutas,  m'amast-tli, 
A.  V.  138  (von  V.  D.  abgeschrieben!) 
ol:  Petrus  vangit  Irifts,  ch'el  Igi  veva  gig  la  terza  gada,  Mi  tens 
ti  char?  Ga.  498  (nach  Luther!) 


Syntaktisches  zu  den  rätororaanischeu  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    403 

Petrus    sa   contristä,   ca   el  Igi  veva  gig  la  terza  gada:   mi 

tens  ti  car?  C.  196. 
Petrus  sa  contristu  ca  el  gli   baveva  gitg  la  terza  gada:  Ma 

tens  ti  car?  F.  139. 

Es  ist  anzunehmen,  dass  die  Bevorzugung  des  Indikativs  nach 
Verben  des  Affektes  deutschem  Einflüsse  zuzuschreiben  ist. 


§  26.  Beim  Objektsatz  ist  bezüglich  der  indirekten  Rede  und 
indirekten  Frage  der  vorwiegende  Gebrauch  des  Konjunktivs  im 
oe.  auffallend;  das  ue.  richtet  sich  zumeist  nach  italienischer  Vorlage; 
im  ol.  herrscht  grosse  Willkür. 

Zur  indirekten  Rede:  Luc.  XXI  5. 

L:  Und  da  etliche  sagten  von  dem  Tempel,  dass  er  geschmückt 
wäre  von  feinen  Steinen  und  Kleinodien. 

Diod:  dicendo  alcuni  del  tempio,  ch'esso  era  adorno  di  belle 
pietre,  e  d'offerte. 

oe:  Et    dfchant    ünqualchiüns   dalg  taimpel,  chel   füs  cun  bellas 

pedras  &  duns  hurdano  fü,  B.  I  282. 
Et    dfchant   ünqualchiüns    dalg  taimpel,    chel  füs    cun  beilas 

peidras  &  duns,  hurdano  sü,  B.  II  290. 
aber:  Et   dichand    alchüns    da   l'taimpel;  ch'el  eira  ornö   da 

beilas  peidras  &  da  duns,  Gr.  268  (nach  dem  Griechischen: 

OTi  .  .  .  xexofffifjTai). 
E  dschand  alchüns,  cha  '1  taimpel  saja  orno  da  bellas  peidras 

e  da  duns,  M.  156. 
ue:  dfchant  alchüns  dal  Taimpel,  chia  quel  eira  adornä  cun  bellas 

peidras,  b  cun  offertas,  V.  D.  102  (nach  Diod.) 
dschand  alchüns  del  taimpel,  cha  quel  eira  adornä  con  bellas 

peidras  e  con  offertas,  A.  V.  100  (von  V.  D.  abgeschrieben)! 
ol:  A  cur  anchins   fchenan  d'ilg  tempel,  co  quel  fufs  fitaus  cun 

bella  crappa,  a  cun  duns,  Ga.  360. 
cur  anchins  schevan  dilg  tempel,  co  el  seigi  ornaus  cun  bella 

crappa  a  duns  d'unfrenda,  C.  142. 
A  cur   anchins   schenan  dil  tempel,  co  quel  fussi  fitaus  cun 

bella  crappa  a  cun  duns,  F.  101  (hier  das  indirekte  Con- 

dizionale!) 

Zur  indirekten  Frage  vergleiche  Luc.  VII  39  (p.  24). 

Im  Gebrauch  des  Konjunktivs  in  diesen  Fällen  ist  wohl  deutscher 
Einfluss  zu  erkennen,  wenn  auch  nicht  immer  Übersetzung  aus  dem 
Deutschen  vorliegt. 


404  Karl  Hutschenreuther 

§  27.  Bei  den  Kausalsätzen  ist  der  IndikatiV;  beiden  Final- 
sätzen der  Konjunktiv  streng-  durchgeführt. 

In  den  Temporalsätzen  waltet  der  Indikativ  vor;  doch  haben 
die  Prioritätssätze  stets  den  Konjunktiv. 

Was  die  Ziels  ätze  anbetriflt,  so  vf  erden  beide  Verbal  formen  ge- 
braucht. Im  oe.  ist  der  Indikativ  üblicher,  während  im  iie.  und  ol. 
der  Konjunktiv  vorwiegt. 

Bezüglich  der  Modalsätze  treffen  wir  bei  wirklichem  Vergleich 
stets  den  Indikativ  an.  Steht  ein  Komperativ  im  Verbalsatz,  so  folgt 
im  Vergleichsatz,  weil  eben  eine  Möglichkeit  vorliegt,  stets  der  Kon- 
junktiv. 

(Beispiele  hierzu  folgen  bei  den  subordinierenden  Konjunktionen). 

Nach  einem  negierten  Verbalsatz  folgt  in  Sätzen,  die  oe.  mit  upceia 
che^  i\  poßia  che,  sainza  clia,  ue.  mit  chi  (=  franz.:  sans  qiie^  ital: 
senza  che),  ol.  mit  senza  ca  eingeleitet  werden  stets  der  Konjunktiv, 
weil  die  Folge  eine  nur  bedingte  ist.  Im  oe  und  ue.  findet  man  statt 
che  auch  schi^  dann  aber  immer  mit  Indikativ. 

Marc.  VII  3. 
L:  Denn   die  Pharisäer   und  alle  Juden  essen  nicht,  sie  waschen 
sich  denn  die  Hände  manchmal. 

oe:  Per  che  l's  pharifeers,  &  tuots  Jüdeaus  upoeia  chels  hegian 
fuuenz    laue    l's   mauns    Ichi   nu   mangien    h,    B.   I  142   u. 
B.  II  144. 
Per  che  l's  Pharifeers  &  tuots  Ts  Jüdeaus  nun  mangic  fch'els 

nun  laevan  fuvenz  l's  mauns,  Gr.  132. 
Perche  ils  Fariseers  e  tuots  ils  Güdevs  nun  mangian,  sainza 
ch'els  hegian  diligiaintamaing  lavo  ils  mauns,  M.  76. 
ue:  Perche  'Is  Fariseers,  fchi  tuots  ils  Jüdeus  nun  mangian,  chi 
nun  hajan  lavä  l's  mauns  fin  al  chandun,  V.  D.  51. 
(von    Di  od.    abgeschrieben:    Perciochc  i  Farisei,   anzi   tutti  i 
Gudei   non    mangiano,   che   non   abbiano  lavate  le  mani 
fino  al  cubito). 
Perche  'Is  Fariseers,  schi  tuots  ils  Güdeus  non  mangian,  schi 
non  hau  lavä  'Is  maus  fin  al  chandun,  A.  V.  51. 
ol:  Parchei    ch'ils   Pharifeers,    a  tut  ils  Judeus    mangian,    fenza 
ch'  eis  hagian  lavau  ils  mauns  bein  ftain,  Ga.  179. 
Parchei    ca   ils    Phariseers    a  tuts    ils  Judeus  mangian  bucca 
senza  ca  eis  hagian  lavan  staiugiameng  ils  mauns,  C.  70. 
Parchei  ils  Phariseers  a  tuts  ils  Judeus  mangian  buc,  senza 
ca  eis  hagien  lavau  ils  mauns  stagnameng,  F.  52. 

Bei  den  Steigerungssätzen  ist  im  ol.  auch  der  Konjunktiv 
des  Zugeständnisses  anzutreffen. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier   Evangelien    405 

Marc.  Vn  36. 
ol:  ino  quont  ca  el  ciiinanduss,    inui    tont   pli  ilg  rasavan  ei 
ora,  C.  71. 

§  28.  Im  Kelativsatz  steht  natürlich  der  Indikativ,  sowie 
eine  Tatsache  festgestellt  wird.  Enthält  aber  der  Relativsatz  eine 
gewünschte,  geforderte  Eigenschaft,  eine  Einräumung,  eine  an  Be- 
dingungen geknüpfte  Tätigkeit,  so  folgt  der  Konjunktiv. 

Marc.  VII  15. 
L:  Es  ist   nichts   ausser   dem  Menschen,    das  ihn  könnte   gemein 
machen,  so  es  in  ihn  gehet, 

oe:  E  nun  es  ünguotta  our  daduor  l'g  hum,   quael  chi  giaia  aint 
in  el  chi  l'g  poffa  maculer,  B.  I  143. 
E  nun  eis  ünguotta  our  dadour  l'g  hom,  quel  chi  giaia  aint 

in  el  chi  l'g  poffa  maculer,  B.  II  145. 
Ungüna   chioffa    eis    da    dour   Thom,    chi    aintra  in  el,  chi  1' 

poaffa  faer  meinet,  Gr.  134. 
Dadour  il  crastiaun  nun  ais  alchtina  chosa,  la  quela,  entrand 
in  el,  il  possa  fer  meinet,  M.  76. 
ue:  E  nun  ais  ingotta  dadour  il  craftian,  chia,  antrand  in  el,  il 
polfa  impalar,  V.  D.  52. 
E  non    ais    inguotta   dadour  il  crastian,  chi,  intrand  in  el,  il 
possa  impalar,  A.  V.  51. 
ol:  Ilg  ei  naginna  cauffa  dador  ilg  carftiaun,  ch  'ilg  poffig  pati- 
char  cun  ir  enteu  el,  Ga.  180. 
(Naginna    caussa    ca   ven    dador    enten   ilg  carstiaun,  ilg  po 

patihar,  C.  70/1). 
Igl  ei  nagina  caussa  dador  il  carstiaun,  ca  il  possi  patihar 
cun  ir  en  el,  F.  53. 

§  29.  Die  Konditionalsätze  haben,  wenn  es  sich  um  einen 
bestimmten  Fall  handelt,  den  Indikativ. 

In  einem  negierten  Bedingungssatz  steht  durchaus  der  Kon- 
junktiv. 

Mat.  XXIV  22. 

L:  Und  wo  diese  Tage  nicht  würden  verkürzet,  so  würde  kein 
Mensch  selig. 

Seg:  Et  si  ces  jours  n'etaient  pas  abregeS;  personne  ne  serait 
sauve. 

Diod:  E,  se  que'  giorni  non  fossero  abbreviati,  niuua  carne 
scamperebbe. 

oe:  E  upoeia  che   aquels  dijs  nü  füssen  stos  scurtos,  schi  nun 
duantass  salua  tutta  (Ulrich:  tuta)  la  chiarn,  R.  2417/9. 


406  Karl  Hutschenreuther 

Et  fcha  aquels  dijs  nun  füflen  ftos  fcurtos,  fchi  nun  duantas 

falua  tuotta  la  chiarn,  B.  11  94, 
Et  fclia  quels  dis  nun  füffen  fcurfunos,  üngüna  chiarn  ftifs 

falva,  Gr.  85. 
E  scha   quels    dis   non   füssan   scurznieus,  non  gniss  salvo 
alchüu  crastiaun,  M.  48. 
ue:  E  fcha  quels  dids  nü  fuoffen  fcurfnids,  fchi  nun  gnifs  ingüna 
chain  confervada,  V.  D.  33. 
E  scha  quels  dis  non  füsßan  scursnits,  schi  non  gniss  ingüna 
charn  conservada;  A.  V.  33. 
ol:  A  fcha  quels  gis  fussen  bucca  fcnrzani,  fcha  vangifs  naginna 
carn  cunfalvada,  Ga.  115. 
A  fussen  quels  gis  bucca  scurzani,  scha  vengiss  naginna  carn 

ä  ngir  cunsalvada,  C.  45. 
A  scha  quels  gis  fussen  buca  scurzani,  schi  vegniss  nagina 
cunsalvada,  F.  35. 
Ist  der  Inhalt  des  Konzessivsatzes  eine  Tatsache,  so  steht  der 
Indikativ.    Doch  finden  wir  auch  im  ue.  in  Nachahmung  des  Italieni- 
schen den  Konjunktiv. 

Job.  IV  2. 
Di  od:  Avvegnachfe  Gesü  stesso  non  battezzasse. 
ue:  Schabain  chia  Jefus  iftefs  nun  hatte zafs,  V.  D.  115. 

aber:  Schabain  cha  Gesu  istess  non  battizet,  A.  V.  112. 
Bei  einer   Voraussetzung  folgt  im  Konzessivsatz   natürlich   der 
Konjunktiv.  (Beispiele  folgen  bei  den  subordinierenden  Konjunktionen). 

b)  Der  Imperativ. 
§  30.    Der  negierte  Imperativ  wird  für  die  2.  Person  Singularis 
im  oe.  und  ue.  durch  non-|-  Infinitiv  gebildet. 

Job.  V  14. 
L:  Sündige  hinfort  nicht  mehr,  .  .  . 
oe:  aqui  dfieva  uu  pchier,  B.  I  322. 

aqui  dfieva  nu  pchiaer,  B.  II  330. 

nun  pchiaer  plü,  Gr.  306. 

nun  pcher  pü,  M.  178. 
ue:  nun  pecchiar  plü,  V.  D.  118. 

non  pechar  plü,  A.  V.  114. 

(auch  Diod:  non  peccar  piü). 
ol:  aber:  fai  bucca  puccan  pli,  Ga.  409  u.  C.  161. 

fai  buca  puccan  pli,  F.  115. 
Da  nur  im  Italienischen  in  diesem  Falle  der  Infinitiv  verlangt 
wird   ('vielleicht    deshalb,    weil  die  Imperativform    leicht  mit   gleich- 


Syutaktisclies  zu  dcu  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     407 

lautenden  Formen  des  Presente  verwechselt  werden  könnte'  Vock. 
§  264,  2  \  und  weil  das  ol.  diesen  Gebrauch  nicht  kennt,  so  dürfte  hier 
wohl  italienischer  Einfluss  vorliegen. 

§  31.  Eigenartig  ist  die  nur  im  ue.  vorhandene  Zusammen- 
schmelzung des  verneinten  Imperativs  der  2.  Person  Singular 
{non  amar)  imä  des  bejahenden  Imperativs  der  2.  Person  Plural 
(amai)  zur  Bildung  des  negierten  Imperativs  der  2.  Person 
Plural  (>  tion  amarai  =  liebet  nicht!)  Dem  oe.  und  ol.  ist  diese 
Form  fremd. 

Mat.  V  17. 
Mri  vofxlcrrjte. 

L:  Ihr  sollt  nicht  wähnen. 
Diod:  non  pensate. 
oe:  Nu  aestmö,  R.  332/3. 
Nun  aeftimö,  B.  11  14. 
Nun  aeltmc;  Gr.  13. 
Nun  impisse's,  M.  7, 
ue:  Nun  piffarai,  V.  D.  6. 

Non  s'impissarai,  A.  V.  7. 
ol:  Vus  duveits  bucca  quitar,  Ga.  16  (nach  Luther). 

Quiteies  bucca,   C.  6   (durch  den   Konjunktiv  wiedergegeben!) 
Vus  duveits  buca  quittar,  F.  9  (nach  Gabriel!) 

Es  folgen  Beispiele  fürs  ue: 
Mat.  V  34:  dafat  nun  jtirarai:  V.  D.  6. 
dafat  non  gürerai:  A.  V.  7. 
Mat.  V  39:  Nun  contraftarai  al  mal;  V.  D,  7. 
Non  contrasterai  al  mal;  A.  V.  8. 
Mat.  XXIII  3:  nun  farai  segund  lur  ouvras:  V.  D.  31. 
non  farai  seguond  lur  ouvras:  A.  V.  31. 
Mat.  XXIV  6:  nun  s'  conturblarai:  V.  D.  32. 
non  as  conturblarai:  A.  V.  33. 
Mat.  XXIV 26:  nun  giarai  our  —  nun  crajarai,  V.  D.  33. 
non  giarai  our  —  non  craijerai,  A.  V.  33. 
Luc.  ni  13:  Nun  etfcharai  inguotta  plü,  V.  D.  73. 

Non  domaudarai  inguotta  plü,  A,  V.  71. 

D.  Verbalnomina. 

1.  Der  Infinitiv, 
a)  Der  Infinitiv  als  Substantiv. 
§  32.    Der  als  Substantiv  gebrauchte  Infinitiv  findet  häufig  Ver- 
wendung und  verleiht  der  Sprache  eine  ausserordentliche  Kürze. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  26 


408  Karl  Hutschenreuther 

Mat.  XX  23. 
L:  Aber    dus  Sitzen    zu  meiner    Recliten    und  Linken   zu  geben, 
stellet  mir  nicht  zu, 

oe:  mu  ser  da  mes  dret  mann  ü  da  mes  snister  mann,  nun  sto  ä 
mi  ä  der,  R.  1978/80. 
mu  ser  da  meis  dret  maun  ü  da  meis  fnefter  man,  nü  fto  ä 

mi  ä  der,  B.  U  11. 
mu  fezer  da  mieu  dret  maun  &  da  mieu   finiiter  maun,  nun 

fto  ä  mi  da  daer,  Gr.  69. 
ma  11  zer  da  mia  vart  dretta  e  da  niia  schnestra  nun  sto  a 
nie  da  der,  M.  39. 
ue:  mo,  quant  al  zer  da  mia  vart  dretta  o  dalla  fneiftra,  nun  fta 
ä  mal  da  dar:  V.  D.  27. 
(nach  Diod:  Ma,  quant'  e  al  sedere  alla  mia  destra  od  alla 

sinistra,  uon  istä  a  me  il  darlo). 
mo,  quant  al  zer  da  mia  vart  dretta  o  dalla  sneistra,  non  sta 
a  mal  da  dar:  A.  V.  27.- 
ol:  ilg-  fer  da  mieu  maun  dreg-,  a  ilg  fer  da  mieu  maun  laniefter 
ftat  bueca  fin  mei  da  dar,  Ga.  95. 
ilg  ser    da  mieu   maun  dreg  a  da  mieu  maun  saniester  stat 

bucca  tier  mei  da  dar;  C.  30. 
il    ser   da  miu  maun  dretg,    a  il  ser  da  miu  maun  siniester 
stat  buea  sin  mei  da  dar,  F.  29. 

Luc.  XVII  14. 
iv  TCO  vnäysiv  avxovq. 
L:  Da  sie  hingingen. 
Diod:  come  eSsi  andavano. 
oe:  ilg  ir,  B.  I  267;  B.  II  274. 

in  r  ir,  Gr.  253. 

(giand,  M.  146). 
ue:  in  il  ir,  V.  D.  97. 

nel  ir,  A.  V.  95. 
ol:  ent  ilg  ir,  Gr.  340. 

enten  ilg  ir,  C.  134. 

en  igl  ir,  F.  96. 

Vereinzelte  Fälle  des  substantivierten  Infinitivs  sind: 

oe: 
Mat.  II  12:  tres  fer  assauair  da  dieu,  R.  106. 

trcs  faer  affauair  da  Dieu,  B.  11  5. 
Mat.  VI  7:  {iv  rrj  noXvXoyla). 

tres  lur  bgier  schäscher,  R.  469. 
tres  lur  bgier  tfchanfcher,  B  11  19. 


Syntjiktisches  zu  den  rätoroinanischen  Übersetziuigcu  der  vier  Evangelien     4ü9 

Luc.  V  5:  Tüu  tieu  dir,  B.  I  210;  B.  II  213. 
Mat.  VI  28:  per  1'  veftir  che  pigliuis  pifsijr?  Gr.  10. 
Mut.  VIII  4:Eiiel    semner    crudet    üua  purt   del   sein  giö  sper  la 
via;  M.  24. 

ue: 
Mat.  XX  1:  sü  'I  far  dal  di,  V.  D.  26. 

(nach  Diod:  in  sul  far  del  di). 
sni  far  del  di,  A.  V.  27. 

Ol: 
Mat.  XV  19:  Parchei  ca  or  d'ilg  cor  veng-ian  naiifchspartrachiaments, 
mazar  Ig-eut,  rumper  las  leg-s,  Ga.  72. 
Luc.  IV  5:  en  ün  batter  d'oelg-,  Ga.  257. 

en  in  batter  d'elg,  C.  101;  F.  74. 

Eine  eigenartige  Zusammensetzung  eines  Substantivs  mit  einem 
substantiviertem  Infinitiv,  wo  sofort  der  Germanismus  zutage  tritt, 
finden  wir  im  ol. 

Mat.  Vm  11. 

da  Solelg  lavar,  a  da  Solelg  ir  da  raudieu,  Ga,  32. 

da  sulelg  levar,  a  da  sulelg  ir  da  rendieu,  C.  12. 

da  solegl  levar  a  da  solegl  ir  da  rendiu^  F.  13. 

b)  Der  nicht  substantivische  Infinitiv. 
a)  Der  präpositionslose  Infinitiv. 
§  33.  Während  die  Verwendung  des  Infinitivs  ohne  Präpo- 
sition als  Objekt  in  den  romanischen  Sprachen  stark  eingeschränkt 
ist,  indem  statt  des  lateinischen  präpositionsloseu  Infinitivs  häufig  der 
Infinitiv  mit  de  oder  ein  Objektsatz  tritt,  finden  wir  dagegen  im  oe. 
und  ue.  häufig  dessen  Anwendung.  Beispiele  für  den  lateinischen 
Accusativus  cum  infinitivo,  das  heisst,  der  lateinische  Brauch,  das 
Subjekt  dem  Infinitiv  bei  den  Verben  des  Sagens  und  der  Wahrnehmung 
in  der  Form  des  Akkusativs  beizugeben,  sind  besonders  im  oe.  nicht 
selten. 

Marc.  Xn  35. 
ncog  Xsyovoip  ol  ygafA/naTSig,  ozi  6  XgKTtdg  vlog  iffti  Jaßiö. 
V:  Qiiomodo  dicunt  Scribae  Christum  filium  esse  David? 
oe:  Inchemoed  dian  l's  fcrivauns  Christum  elfer  filg  da  Dauid? 

B.  I  167  u.  B.  n  170. 
Hier  scheint  Bifrun  die  Vulgata  benutzt  zu  haben. 

Mat.  XVIII  33. 
ovx  edsi  xat  es  iXsTicrai  xbv  GvvdovXöv  dov. 

26* 


410  Karl  Hutschenreuther 

Nun    liaveft    bfoegnio    eir    tU    havair  compafsiun  cun    tieu 
cunfamalg,  Gr.  63/4. 
(Ubersetzuug-  aus  dem  Griechischen!) 

Mat.  XXV  37. 
Cura  havains  vis  te  havair  fam,  Gr.  91. 
Marc.  V  30. 
oe:  Et  bain  bod,  cuntfchand  Jefus  in  fe,  efCer  ieu  oura  virttid 

da  (e,  .  .  .  Gr.  125. 
(Der  griechische  Text  und  die  Vulgata   haben  diese  Konstruktion 
nicht). 

Mat.  XXII  23. 

ils    quels    dian,    nun    esser  alchüna    resüstaunza,    M.  44 
(nach  dem  Griechischen:  Xiyovtsg  fxrj  alvai  dväoTaaiv). 
ue:  laich'  ils  morts  fepulir  lur   morts,  V.  D.  10  &  A.  V.  11  ist 
Ubersetzuug  aus  dem  Italienischen. 
Di  od:  lascia  i  morti  seppelire  i  lor  morti. 
Wo  bei  sämtlichen  Beispielen  nicht  sklavischer  Nachahmungstrieb 
vorherrscht,  scheinen  den  Übersetzern  immerhin  antike  Konstrukti- 
onen vorgeschwebt  zu  sein. 

ß)  Der  Infinitiv  mit  Präpositionen. 

§  34.  Merkwürdig  ist  im  oe.  bei  Bifruu,  zuweilen  auch  Griti, 
und  im  ue.  manchmal  bei  Vulpio-Dorla  der  Gebrauch  des  Infinitivs 
mit  ä  wo  de  {da)  oder  der  reine  Infinitiv  zu  erwarten  wäre. 

Mat.  Xn  10. 
oe:  Es  e  licit  sülg  di  delg  sabath  a  guarir?  R.  1070/1. 
Eis  c  licit  sülg  di  delg  fabbath  ä  guarir?  B.  II  42. 

Mat.  XV  26. 
E  nun  es  hiinest  ä  pr ender  l'g  paun  dals  infauns  . .  .  R.  1516/7. 
E  nun  eis  huneft  ä  preuder  l'g  paun  dals  infauns,  B.  II  59. 

Mat.  XIX  10. 
06 :  schi  nu  es  boen  ä  s'  m  arid  er,  R.  1855/6. 

fchi  uu  eis  boen  u  s'  m arider,  B.  II  73. 

fchi  nun  eife  boen  a  s'  maridaer,  Gr.  65. 
ue:  fchi  nun  aife  boen  ä  s'  maridar,  V.  D.  26. 
(Alle  anderen  Texte  haben  da). 

Luc.  XVI  3. 
oe:  ä  tr  acut  er  m'  trupaick  eau,  B.  I  263. 
ä  tracutacr  m'  turpaick  eau,  B.  II  270. 
aber:  tracutaer  m'  trupag  eau,  Gr.  249. 


Syntaktiscliea  zu  den  rätoroinaniaclicn  Üborsetziiiigen  der  vier  Evangelien     411 

da  miirdier  am  trupag  eau,  M.  144. 
ue:  da  })etliar  'm  turpai  eng,  V.  D.  95. 

da  petliar  am  turpai  eu,  A.  V.  93. 
ol:  dad  ir  a  rng-ar  mi  turpeg-  jou,  Ga.  334  u.  C.  131, 

dad  ir  a  rogar  ma  tur])egia  jou,  F.  94. 
Hier  hat  nur   Bifrun  nach  eiuem  Verb  der  Gemütsbewegung  den 
Infinitiv  mit  d. 

Im  oc.  hat  ferner  nur  Menni  nach  den  Verben  des  Wahrnehmens 
den  Infintiv  mit  a  (hierzu  auch  Pults  Anmerkung  1.  iu  Andeers 
Gramm.,  p.  78:  'eu  il  vezzet  a  crodat^'),  während  die  übrigen  Über- 
setzungen den  reinen  Infinitiv  oder  das  Gerund  gebrauchen. 

Mat.  XV  31. 
oe:  useh6  cha  '1  pövel  as  müravgliaiva,  vzand  ils  müts  a  tschan- 
tscher,  ils  strupchos  a  gnir  sauns,  ils  zops  a  chamin  er, 
e  'Is  orvs  a  vair;  M.  30. 

Marc.  XII  28. 
Ed    ün   dels    dottuors    della  Ledscha,    chi  'Is  avaiva  udieu  a 
dispüter,  M.  89. 

§  35.  Der  Infinitiv  mit  anderen  Präpositionen:  mins  (aoaunt,  ont)^ 
da,  de,  dopo,  par^  per^  sainza^  senza,  suente}\  zieva  steht  gerne  im  Teil- 
ßatz,  wenn  derselbe  mit  dem  Verbalsatz  gleiches  Subjekt  hat,  und  wird 
bei  der  Behandlung  des  Teilsatzes  gelegentlich  berührt. 

§  36.  Abhängig  von  einem  Substantiv  fiel  mir  der  eigenartige 
Gebrauch  des  Infinitivs  mit  'par'  bei  Bifrun  u,  des  Infinitivs  mit 
Mn'  bei  Griti  auf. 

Joh.  VIII  56. 
L:  Abraham,  euer  Vater,  ward  froh,  dass  er  meinen  Tag  sehen  sollte, 
oe:  Abraä  uos  bab  ho  hagieu  bräma  par  uair  mieu  di,  B.  I  341 
u.  B.  II  350. 

Marc.  VI  48. 
Et  ho  vis  eis  chi  havaiven,  fadia  iu  navigiaer,  Gr.  131. 

§  37.  Im  elliptischen  Satze  fand  ich  den  Infinitiv  im  oe.  nur 
bei  Menni,  im  ol.  nur  bei  Carisch;  das  ue.  hat  ihn  nicht. 

Mat.  XV  33. 
oe:  Inuonder  piglier    nel    desert    paun    avuonda,    per    saduller 
tauuta  glieud?  M.  31;  wahrscheinlich  infolge  Benutzung  der 
französischen  Übersetzung.    Seg:  Comment  nus  pro- 


412  Karl  Hutsehenreuther 

eurer  daus  ce  lieu  desert  assez  de  pains  pour  rassasier 
une  si  grande  foule? 
ol:  Entout  ea  el  plidava,  mire  vengir  inua  uebla  clara  sur  eis, 
C.  30;  obwohl  der  griechische  Text  nicht  deu  InfiDitiv  hat, 
ist  es  doch  möglich,  dass  dem  Übersetzer  eine  antike  Kon- 
struktion vorschwebte, 

§  38.  Zuletzt  ist  bei  Bifruu  noch  die  eigenartige  Anwendung 
des  Infiuitivus  activi  statt  des  Infiuitivus    passivi    merkwürdig. 

Mat.  V  13. 

L:  Es  ist  zu  nichts  hiufort  nütze,  denn  dass  man  es  hinausschütte, 
oe:  Alhura  nun   uaela    el  plü  üuguotta  oter  co  da    bitter  oura, 

R.  323/4. 
Alhura  nun  vaela   el  plü  ünguotta   oter  co  da  bütter  oura, 

B.  II  13. 
Die  anderen  Übersetzungen  haben  hier  das  Passiv. 

2.  Das  Partizip. 
«)  Das  Partizip  Praesens  bezw.  Verbaladjektiv. 

§  39.  Dasnt.  Partizipium,  welches  durch  das  Gerundium  verdrängt 
worden  ist,  hat  da,  wo  sich  seine  Form  erhalten  hat,  adjektivische 
Bedeutung  angenommen;  zuweilen  steht  es  auch  für  ein  Partizip 
Perfekt. 

Mat.  l  23. 
L:  Eine  Jungfrau  wird  schwanger  sein. 
oe:  la  uergina  es  purtaunta,  R.  56/7. 
la  vergina  eis  purtaüta,  B.  11  3. 
üna  vergina  vain  ad  effer  purtaunta,  Gr.  4. 
ol:  la  juvantschella  ven  ä  daventar  purtonta,  C.  2. 

Mat.  XXIV  32. 
L:  So  wisset  ihr,  dass  der  Sommer  nahe  ist. 
oe:  favais  chia  la  ftaed  eis  ardaint,  Gr.  86. 
savais  vus,  cha  la  stcd  ais  ardainta,  M.  49. 

Mat.  XXVI  66. 
L:  Er  ist  des  Todes  schuldig. 
Di  od:  Egli  h  reo  di  morte. 

ol:  El  ei  vangonts  da  la  mort,  Ga.  133;  C.  52;  F.  40. 
Wofür: 
oe:  El  es  culpaunt  da  la  muort,  B.  I  106. 


Syntiiktisclics  zu  den  r;itorom;inisclieu  Überselzungcn  iler  vior  Evangelien    413 

El  eis  culpaunt  da  la  muort,  B.  11  108. 
El  eis  culpuuüt  du  moart,  Gr.  98. 
El  ais  culpaunt  da  mort,  M.  56. 
ue:  El  ais  culpaunt  da  mort,  V.  D.  38. 
El  ais  eulpant  da  mort,  A.  V.  38. 

Ähnlich:  Luc.  X  7. 

L:  Denn  ein  Arbeiter  ist  seines  Lohnes  wert, 
oe:  Per  che  Vg  lauraint  es  ueng-iaüt   da  fia  paiag-lia,    B.  I  238. 
Per  che  l'g-  lauraint  eis  veng-iaunt  da  l'ia  paiaglia,  B.  II  243. 
Hierfür  hat  auch  das  ol :  vangonts,  während  im  ue  :  deng 
gebraucht  ist. 

Job.  XVIII  16. 

L:  Da  ging  der  andere  Jünger^    der  dem  Hohenpriester  bekannt 
war,  hinaus. 

Diod:  Queir    altro    discepolo    adunque,    ch'era    noto    al    sommo 
sacerdote,  usoi. 

oe:  Et   giet    oura    aquel    oter   difcipul  quel  chi   era  cüfchieu  agil 
gräd  lacerdot,  B.  I  37f),  B.  U  387.  ' 
Eis  dimaena  ieu  oura  quel  oter  dilcipul  chi  eira  cuntfchaint 

ä  r  grand-facerdot,  Gr.  364. 
E  r  oter  discipul    chi    eira    contschaint   al  grand-sacerdot, 
get  our,  M.  207. 
ue:  Quel    auter    Icular    dimena,     ch'eira    contfchaiut    al    graud 
Sacerdot;  giet  our,  V.  D.  138. 
Quel  oter  scolar  dimena,  ch'eira  contschaint  al  grand  sacer- 
dot,  get  our,  A.  V.  134. 
ol:  A  'lg  auter  Juvnal,  ca  fova  cunafchents  cu  'lg  Parfura  d'ils 
Sacerdots,  mä  ora,  Ga.  482. 
A  l'auter  juvnal  ca   fova  cunaschents   cun   ilg  parsura  dils 

sacerdots,  ma  ora,  C.  190, 
A  '1  auter  giuvnal,  ca  fova  conoschents  cun  il  parsura  dils 

sacerdots,  mä  ora,  F.  134. 
Ähnlich  Job.  XVIII  15,    wo  nur  Bifrun  ^cüfchieu'   und  Griti 
'cuntfchieu'  haben. 

ß)  Das  Partizip  Perfekt. 
§  40.     Das  absolute  oder  adverbiale  Partizip,  welches  kon- 
junktionale  Teilsätze  vertritt,  findet  sich  nur  im  ue.  mit  Beliebtheit. 

Mat.  VIH  32. 
Diod:  ed  essi,  usciti,  se  n'  andarouo  in  quella  greggia  di  porci. 
ue:  E  quels,  fiand  trat«  oura,  gietteu  in  quella  fcolTa  d'porcs: 
V.  D.  10. 


414  Karl  Hutschcnreuther 

E  quels,  siand  trats  oura,  getten  in  qiiella  scossa  da  porchs, 
A.  V.  11. 

Mat.  XX  8. 

Diod:  Poi,  fattosi  sera^  il  padron  della  vigna  disse  al  suo 
fattore. 

ue:  Lhura^    fiaud   fat    faira,    defs  il  padrun  dalla  vigna  ä  feis 
factür:  V.  D.  27. 
Liira,  siand  fat  saira,   disch    il   patrun    della  vigna  a  seis 
factur:  A.  V.  27. 

Mat.  XXVIU  1. 
Diod:  Ol-,    finita    la  settimana,    quando  '1  primo  giorno   della 
settimana  cominciava  a  schiarire. 

ue:  Mo   fiuida   1'   eivna,  cur  il  prlim  di  dall'eivna  cumanzav'  ä 
fclarir,  V.  D.  41. 
Ma,  fini  il  sabbat,   cur  il  prlim  di  dell'  eivna  cumanzaiv'  ä 
sclarir^  A.  V.  41. 
Wir   sehen,    dass   alle   diese   Beispiele   nur    Nachahmung    des 
Italienischen  sind. 

§  41.  Interessant  ist  im  ue.  die  Verbindung  des  absoluten 
Partizips  mit  einer  Präposition  (vgl.  englisch:  ivhen  made). 
Hierzu  M.-L.  §  455. 

Mat.  XXVII  31. 
Diod:  E;  depo  che  1'  ebbero  scheruito,  lo  spogliarono  di  quel  saio. 
ue:  E    dapö    fat    giamgias    d'el,    il    tren    eis    oura   quella   rafla, 
V.  D.  39. 
E    dopo    fat   giamgias  d'il,  al  trettan  eis    oura  quella  rassa, 
A.  V.  40. 

§  42.  Zum  prädikativen  Nominativ  -8  des  Partizip  Per- 
fekts im  ol.,  welches  Asc.  VII  p.  426/27  so  schön  auseinandergesetzt 
hat,  will  ich  nur  ein  paar  Beispiele  bringen. 

In  allen  ol.  Texten  ist  genau  eingehalten,  dass  das  mit  esse  oder 
venire  oder  beidem,  esse  +  venire,  konjugierte  Partizip  Perfekt  im 
Maskulin  das  Nominativ -s  beibehält,  während  das  Neutrum  kein  s 
hat.  Das  mit  habere  konjugierte  Partizip  bleibt  dagegen  stets  un- 
verändert, hat  also  auch  im  Singular  Maskulin  nie  ein  s. 
Beispiele  fürs  Maskulin: 

Mat.  XI  23. 
ol:  A  ti  Capernaum  ca  eis  ftaus  alzaus  antroqu'  ilg  tfchiel,  Ga.  49. 
A  ti  Capernaum,  ca  eis  staus  alzaus  autroqua  tschiel,  C.  19. 
A  ti  Capernaum,  ca  eis  staus  alzaus  antrocau  il  tschiel,  F.  17, 


Syntaktisches  zu  den  lätoromanischoii  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    415 

Luc.  IV  27. 
a  nagin  d'ilfez  ei  vangeus  fcbubriaus,  Ga.  260. 
a  iiag'iu  d'ilsez  ei  veugieus  sclmbriaus,  C.  102. 
a  nagin  d'ilsez  ei  veguius  i)urificaus,  F.  74. 

Beispiel  fürs  Neutrum :  Luc.  Xu  48. 
ol:  alg  quäl  ilg  ei  vangeu  dau  bear,  Ga.  318. 
alg  quäl  fo  dau  beur,  C.  125. 
al  quäl  ei  vegniu  dau  bear,  F.  90. 

Beispiel  fürs  mit  habere  konjug.  Partizip  Maskulin:  Marc.1126. 
ol:  ad  ha  dau  er  a  quels  ca  eran  cun  el,  Ga.  155;  C.  61;  F.  46. 

§  43.  Das  reflexive,  mit  habere  konjugierte  Partizip  ist  im 
ol.  stets  unverändert.    Im  oe.  schwankt  bei  Bifrun  der  Gebrauch. 

Mat.  XII  41. 
ol:  parchei  ch'els  han  fa  milgiarau  giii  d'ilg  priedi  da  Jonas,  Ga.  56. 
parchei  eis  han  sa  milgiurau  giu  dilg  priedi  da  Jonas,  C.  21. 
parchei   eis  han  sa  megliurau  giü  dil  priedi  da  Jonas,  F.  19. 
aber:  Marc.  IV  39. 
oe:  Tora  s'ho  aquaido,  B.  I  131. 

Tora  s'ho  aquaidaeda,  B.  11  133. 
Sonst    ist  im   oe.    und  ue.    das    mit  habere    konjugierte,    reflexive 
Partizip  in  der  Eegel  verändert  (vgl.  §  6).     Doch  finden  wir  im  ue. 
Mat.  II  11  noch: 

e  s'haviaudbüttad  in  terra,  V.  D.  3;  wofür  büttads,  V.  D.  II  steht. 

§  44,  Das  adjektivisch  gebrauchte  Partizip  Perfekt  ist  im  ol. 
bei  Gabriel  häufig  noch  unflektiert. 

Mat.  XII  1. 

ol:  Da  Igez  temps  mava  Jefus  tras  ils  ers  lemnaus  s'ilg  Sabbath, 

Ga.  51. 
aber:    Da   Igez  tem])s  mh  Jesus   ilg  sabath  tras  ers  cultivai, 

C.  19. 
Da  gliez  temps  mava  Jesus  tras  ils  ers  semnai  sin  il  sabbath, 

F.  18. 

§  45.  Bezüglich  der  Übereinstimmung  des  Verbs,  bezw.  des 
Partizips  bei  einem  Substantiv  im  Singular  Maskulin  und  einem 
solchen  im  Singular  Feminin  sind  interessante  Abweichungen  zu  notieren. 

Das  oe,  setzt  in  diesem  Falle  das  Verb  in  den  Singular  und  lässt 
das  Partizip  mit  dem  zuletzt  folgenden  Wort  (hier  Feminin)  überein- 
stimmen, neuerdings  gewinnt  jedoch  das  Maskulin  die  Vorhand. 


416  Karl  Hutsclienreutlier 

Das  ue.  setzt  das  Verb  in  den  Siug-iilar,  und  da  in  diesem  Beispiel 
2  Feminina  ^ind,  so  steht  aiicli  das  Partizip  im  Feminin  Singular. 

Am  orig-inellsten  ist  das  ol.  .  Gabriel  und  die  Frankfurter  Über- 
setzung setzen  das  Verb  in  den  Singular,  jedoch  gebraucht  Gabriel 
die  Mat^kulinform  des  Partizips,  der  Frank  furter  Text  aber  die  Neutral- 
form; Carisch  setzt  das  Verb  in  den  Plural  und  das  Partizip  erhält 
dann  die  Maskulinform  des  Plurals. 

Mat.  XII  31. 
oe:  Scodün  pchio,   et  scodüna   blastemma  uain  ä  gnir   parduneda 
alla  lieud,  R.  1122/3  u.  B.  11  44. 
Tuot  pchio  &  blaftema  vain  parduno  ä  la  glieut,  Gr.  39. 
Ogni  pcho  &  blastemma  sarö  parduno  als  crastiauns,  M.  22. 
ue:  Ogni  puchia,  e  blaftemma  farä  perdun  ad  a  alla  glieud,  V.  D.  16. 
Ogni  pucha  c  blastemma  sarix  perdun ada  alla  g-lieud,  A.  V,  17. 
ol:  Miuchia    puccau,    a  blaftemma   ven   a  vangir   pardynaus    als 
carftiauns,  Ga.  55. 
Minehia    puccau    a   blastemma   veng-en    ä    ngir  pardnnai    als 

carstiaunS;  C.  21. 
Mincha    puccau,    a    blastemma    ven    ä    vegnir    parduuau    als 
carstiauns,  F.  19. 

Zu  bemerken  ist  noch,  dass  Bifrun  ganz  inkonsequent  in  der 
Übereinstimmung  von  Verb  und  Substantiv  ist.  Gerne  lässt  er  sich 
durch  das  Griechische  verleiten  und  oktroirt  seiner  Sprache  griechi- 
sche Ausdrucksweise  auf. 

Joh.  XVIII  2. 
elg  0  sl(Trjkd^€v  avioq  xai  f-iad^rixal  avtov. 
oe:  in  aquel  el  &  fes  di fei  puls  es  ieu  aint,  B.  I  373. 
in  aquael  el  &  feis  difcipuls  eis  ieu  aint,  B.  II  385. 

aber:  Mat.  IX  8. 
Et  l'g  poeuel,   quael  chi   bauaiua  uis  aque,    sun  sthmüraf- 

glios,  &  glorifichieuan  dieu,  R.  740/2. 
Et   l'g  i)oeuel,  quael  chi  huuaiua  vis  aque,    fun  fchmüraf- 

glios,  &  g'lorifichiaeuan  Dieu,  B.  II  29. 

3.  Das  Gerundium. 

§  46.     Das  Gerund  ist  besonders  im  älteren  oe.  sehr  beliebt. 

Mat.  XXVI  26. 
^ E(T&i6)'TCi}v  öe  avTMv,  Xaßdv  ö  ^Ir,novz  xbv  äoxov,   xul   evXoyrjffag, 
Ixlaoe  xal  edidov  ro7q  fiad^i^taig.  xal  eins. 

oe:  Et  mangiand  eis,   schi  praudet  Jesus  l'g  pauu:   &  hauiaud 


Syntaktisches  zu  dcMi  liiturouianisclieii  Ü'tcisotzimgi'n  der  vier  Evangelien    417 

dit  gracitis,  sehi  Tg-  {irumpet  cl,  &  Tg-  dct  ä  ses  discipuls, 

&  dis:  K.  2667/70. 
Et  maiigiaud    eis,    fchi   pradct  Jeius  l'g  paim:    &  haviaud 

dit  gracias,   fchi  l'g-  arumpct  el,  &  Tg  det  ä  Icis  difcipuls, 

&  dis:  B.  II  104. 
Mu   maDgiand    eis,    liaviand    Jcfus    praius    Tpaun  &    dit 

gratias;  ho  el  ruot  &  do  a  l's  difcipuls  &  ho  dit;  Gr.  94. 

Besonders  Griti  verleiht  seiner  Sprache  durch  Häufung  des  Gerunds 
eine  besondere  Kürze. 

Luc.  XIX  5-8. 

oe:  Et  fco  Jefus  venu  in  qucl  loe,  guardand  fü  1'  vezet,   &  difs 
ad  el,  Zucchaee,  ve  giu  ftinand:  Per  che  eau  bfoeug- hoazz 
dmuraer    in  tia   chiaefa.     Et  el  venu  giu  ftinand,    &  l'ho 
piglio   aint  s'allegrand.     Et   tubts    veziand    que,    brnnt- 
laiven,    dfchand,   ch'el    eira    intro    ad   allofchaer  tiers  ün 
hom  pchiueder.    Un  ftand  Zacchaeus  allö,  diis  ä  V  Siguer, 
.  .  .  Gr.  260. 
Wir  haben  es  hier  ohne  Zweifel   mit  antikem  Einfluss  zu  tun. 
Besonders  Griti  trachtet,  um.  dem  Original  treu  zubleiben,  die  griechi- 
sche Konstruktion  genau  wiederzugeben. 

§  47.  Häufig  steht  das  Gerundium  als  appositionelle  Bestimmung 
zum  Objekt  nach  den  Verben  des  "W ahme h mens  und  Findens;  es 
kann  aber  auch  der  Infinitiv  oder  ein  Teilsatz  dafür  eintreten. 

Mat.  III  7. 
^Idcov   ds  noXXovg   xmv   Oagiaamv   xal  ^uödovxaüov  iQxo/.i£vovi; 
ini  TU  ßamiüi-ict  avxov,  slrcev  ccvTo2g. 

oe:  Ma  cura  chel  uezet  che  gniuan  bgiers  dals  Phariseers  &  Sadu- 
ceers    tiers    sieu    bataisem,    schi  dis  el  ad  eis:  R.  171/3  u. 
B.  II  8. 
Mu   veziand    el   bgers   dels  Pharifeers  &  Saducceers   gniand 

tiers  fieu  battaifem,  difs  el  ad  eis,  Gr.  8. 
Mo   vzand  a   gnir  bgers  Fariseers  &  Sadduceers   tiers  sieu 
batlaisem,  al  dschet  el:  M.  4. 
ue:  Mo  el,  veziand  blers  dals  Farifeers,  e  dals  Sadueeers,  gnand 
pro  feis  battaisem,  difs  el  ad  eis:  V.  D.  4. 
Ma  el,  veziand  blers  dels  Fariseers  e  dels  Sadduceers  gnand 
pro  seis  battaisem,  disch  el  ad  eis:  A.  V.  5. 
ol:  Mo  cur  el  vafet  bears  d'ils  Pharifeers,  a  Sadduceers  vangint 
tiers  fieu  Battem,  fcha  fchet  el  ad  eis:  Ga.  9. 
Mo  cur  el  vasett  ngint  tiers  sieu  battem  bears  dils  Phariseers 
a  Sadduceers,  schett  el  ad  eis:  C.  4. 


418  Karl  Iliitäclienreutlier 

Mo  cur  el  vezet  bears  dils  Phariseers  a  Sadduceers  vegnint 
tier  siu  battem,  sehet  el  ad  eis:  F.  7. 

Mat.  XXIV  50. 
ol:  fin  iin  g'i,  eh'el  ilg  guarda  bucca  vangiiit,  Ga.  118. 
in  gi;  ca  el  ilg  guarda  bucca  vengint,  C.  46 
sin  in  gi,  ca  el  il  guarda  buca  vegnint,  F.  36. 

MarCo  XII  28. 
oe:  haviand  udieu  aquels  difputand,  B.  I  166,  B.  II  169. 

haviaud  udieu  eis  difputand,  Gr.  156. 
ol:  A  cur  ün  d'ils  Muffaus  d'  Scarlira  ils   vet  udieu   difpitond, 
Ga.  210. 
A  cur  in  dils  mussaiscartira  ils  havet  udiu  difpitont,  F.  61. 

Mat.  XX  6. 
evQEP  älXovq  earwrug  äqyovq, 
oe:  &  ho  acchiatO  oters  stand  laschains,  R.  1932/3. 

(&  ho  acchiato  oters  ftäd  lafchains),  B.  II  75. 

ho  el  chiatto  oters  ftad  lafchantifs,  Gr.  67. 

aber:  chattet  el  oters,  chi  staivan  lo,  M.  38. 
ue:  chiatet  el  auters  chi  ftavan  lalchantifs;  V.  D,  27. 

chattet  el  oters  chi  staivan  laschautivs,  A.  V.  27. 
ol:  ich'  aftlä  '1  auters  ftent  lufchents,  Ga.  92. 

(aflä  el  auters  ca  stevau  lischents,  C.  36). 

afflä  el  auters  stont  lischents,  F.  29. 
Die  Anwendung  des  Gerundiums   in   solchen   Fällen  ist  jedoch  in 
den  meisten  Fällen  eine  Nachahmung  des  Griechischen. 

§  48.    Ferner  steht  im  oe.  u.  ol.  nach  den  Verben  der  Bewegung 
das  Gerund  an  Stelle  eines  Adverbs. 

Luc.  XIX  5. 
oe:  ve  giu  ftinand,  Gr.  260. 

Luc.  XIX  6. 
L:  Und  er  stieg  eilend  hernieder, 
Diod:  Ad  egli  scese  prestamente. 
oe:  Et  ven  giu  ftinand,  B.  I  273  u.  B.  TI  281. 

E  el  venu  giu  ftinand,  Gr.  26L 

dafür:  Ed  el  gnit  giö  spert,  M.  150. 
ue:  Et  el  venn  giii  bain  bot,  V.  D.  99. 

Ed  el  gnit  gio  bain  bod,  A.  V.  97. 
ol:  Ad  el  vaugit  giu  da  bot,  Ga,  349. 

Ad  el  vegnitt  giu  dabott,  C.  137. 


Syüiaktisches  zu  den  rätoromauischeii  Übersetzungen  der  vier  Evungolien     419 

Ad  el  veg'uit  giü  du  bot,  F.  98. 
Mut.  XIV  29. 

ol:  fchii  mav'  el  pul  Tont  fiii  Taiia,  Ga.  68, 
a  mä  passond  sur  l'ana,  C.  26. 
mava  el  passont  sin  l'auu,  F.  22. 

§  49.     Endlich  vertritt  im  ue.  nach  italienischem  Muster  das 
Gerund  von  sco  begleitet  einen  Nebensatz. 

Luc.  XVI  1. 
Di  od:  esso  fu  accusato  appo  lui,  come  dissipando  i  suoi  beni. 
L:  Der  ward   vor  ihm  berüchtiget,  als   hätte  er  seine  Güter  um- 
gebracht. 

ue:  quel  fuo  chüsfi  avant  el  fco  diffipand  fia  raba,  V.  D.  95. 
wofür:    quel    füt    achüsa  avant   el  sco  dissipatur  da  sia  raba, 
A.  V.  93. 


II»  Das  Nomen. 
A.  Der  Artikel. 

a)  Der  bestimmte  Artikel. 
§  50.     Das  Pronomen   üle  verbindet  sich   in  der  Regel  mit  einem 
Nomen,  um  dieses  als  ein  bekanntes,   ein  bestimmtes  zu  kennzeichnen. 
Doch  herrscht  im  Gebrauche  des  bestimmten  Artikels  bei  den  einzelnen 
Übersetzern  ziemliche  Willkür. 

Mat.  I  23. 
7}  naQ&svog  iv  yaffzQi  'i^si. 
Eine  Jungfrau  wird  schwanger  sein, 
oe:  la  uergina  es  purtaunta,  R.  56/7. 
la  vergina  eis  purtaüta,  B.  11  3. 

Una  vergina  vain  ad  effer  purtaunta,   Gr.  4  (hier  richtet   sich 
Griti  gegen  sein  Versprechen  nicht  nach  dem  Griechischen), 
la  giuvintschella  sarä  gravida,  M.  2. 
ue:  la  Vergine  farä  gravida,  V.  D.  2,  A.  V.  4  und  Diodati. 
ol:  üna  Juvantfchella  ven  a  prender  fi  a  purtar,  Ga.  4. 

la   juvantschella   ven    a    daveutar    purtonta,  C.  2  (nach   dem 

Griechischen), 
ina  giuventschella  ven  ä  prender  si  a  portar  .  .  .,  F.  6. 

§  51.    Von    den    Gegenständen,    die   nur   in    einem    einzelnen 
Bestand  vorhanden  sind,  hat  '■deus'  g-ewöhnlich  keinen  Artikel,  während 


420  K'"l  Hutschenreuther 

'Teufel,  Sonne  und  Mond'  stets  den  Artikel  haben.     Bei  Abstrakten 
schwankt  der  Gebrauch  ;  das  alt-oe.  zieht  den  bestimmten  Artikel  vor. 

Mat.  IV  5. 
oe:  Alhura  Vg  dimuni  l'g  mno  in  la  sainchia  cittaed,  R.  22G/7. 

Alhura  Vg  dimuni  Vg  mnö  in  la  fainchia  citted,  B.  II  10. 

Alhura  V  maina  l'diavol  in  la  laenchia  Citaed,  Gr.  9. 

Allura  il  condüa  il  diavel  nella  sencha  citted,  M.  5. 
ue:  Lhura  il  diavel  il  tranfportet  in  la  iancta  citta,  V.  D.  5. 

Lura  il  diavel  il  transporter  nella  sancta  cittä,  A.  V.  5. 
ol:  Lura  ilg  manä  ilg  Giavel  ent  ilg  foing-  marcau,  Ga.  11. 

Lura  ilg  mana  ilg  giavel  elg  marcau  soing,  C.  5. 

Lura  il  mank  il  giavel  en  il  sontg  mercau  .  .  .,  F.  7. 

Mat.  VII  23. 
(XTTOXdOQSite  aTT    ijjbod  ol  iQya^öfi8V0i  Trjp  dvo^Uav. 
L:  Weichet  alle  von  mir  ihr  Übeltäter, 
oe:  Tirö  uia  our  da  me  uus  chi  faschais  la  nusthded,  R.  607/8. 

Tirö  via  our  da  me  vus  chi  fadfchais  la  nufchdaed,  B.  II  24. 

s'  parti  da  me  vus  chi  fadfchais  la  chiativiergia;  Gr.  22. 

izan  davent  da  me,  operatuors  d'ingüstia!  M.  12. 
ue:  s'  parti  davent  da  mal,  vus  tuots  operatuors  d'iniquita,  V.  D.9. 

(wörtlich  nach  Diod:  voi  tutti  operatori  d'iniquitä). 

as  parti  davent  da  mai,  vus  tuots  operaturs  d'iniquitä,  A.  V.  10. 
ol:  Tileit  davent  da  mei  vus  ca  figeits  naufchadad,  Ga.  29. 

tileit  davend  da  mei,  operaturs  da  malgistia,  C.  11. 

tileit  davend  da  mei  vus,  ca  figeits  nauschadad,  F.  12. 

Hier  ist  vielleicht  Bifruus  und  Gritis  Gebrauch  des  bestimmten 
Artikels  beim  Abstraktum  Übersetzung  aus  dem  Griechischen. 

Aber  auch  ohne  fremden  Einfluss  steht  der  bestimmte  Artikel  in 
diesem  Falle  bei  Bifrun. 

Mat.  XXII  23. 

Ol  liyopTsg  juj}   elpcci  aväoraaiv. 

L:  Die  da  halten,  es  sey  keine  Auferstehung. 

Diod:  i  quali  dicono  non  v'e  risurrezione. 

oe:  quaels   chi    diau   che   nu    saia    1'    aresüstaunza,   R.  2202/3  u. 
B.  II  85.    (Die  übrigen  Texte  haben  keinen  Artikel). 

§  52.  Bei  Stoffnamen  hat  wiederum  das  alt-oe.  den  Artikel, 
während  Mcnni,  das  ue.  u.  ol.  wohl  infolge  deutscheu  Einflusses 
keinen  Artikel  gebrauchen. 

Mat.  IV  6. 

[iTiTtots  7iQO(Tx6il)r}g  ngög  Xli^ov  top  nöda  aov. 


Syntaktisclies  zu  den  rätorümanischon  Übersetzungen  der  vier  Evang-elien     421 

L:  Auf  class  Dn  deinen  Fuss  nicht  au  einen  Stein  stossest. 

oe:  che  tit  nun  d'  picliius  tieu  pc  in  la  pudra,  il.  231/2  u.B.  II 10. 

chia  tu  nun  otVendas  tieu  i)e  in  la  peidra,  Gr.  10. 

cha  tu  non  t'into))j»ast  cul  ])C  in  alchüna  peidra,  M.  5. 
uc:  cliia  forsa  tu  nu  t'    rcamj)iurcbart    cu'l   pe  in   alchüna   peidra, 
V.  D.  5. 

cha    forsa    tu    non    at    schampütschast    con  il   pe  in    alchüna 
peidra,  A.  V.  G. 
ol:  ])ar  ca  ti  Icarpitlchias  cun  tieu  pei  biicca  vi  d'ün  crap,  Ga.  12. 

par  Ca  ti  scarpitschius  bucca  cun  tieu  ])ei  vi  d'in  crapp,  C.  5, 

par  ca  ti  scarpitschies  cun  tiu  pei  buca  vi  d'in  crapp,  F.  8. 

Mat.  III  11. 
^ Eyu)  fisu  ßumll^co  Vfjbäg  ip  vöart  siq  nsräpoiav. 
L :  Ich  taufe  auch  mit  Wasser  zur  Busse, 
oe:  Eau  battaig  bain  uns  cun  l'ouua  alla  arüflijnscha,  K,  183/4. 

Eau  battaig  bain  vus  cun  l'oua  alla  arüflenlcha,  B.  II  6. 

Eau  tfchert  batteg  vus  cun  l'öua  ä  1'  melgdramaint,  Gr.  8. 

Eau  batteg  vus  [be]  cun  ova  alla  peniteuza,  M.  4. 
ue:  Eug  s'  battai  bain  cun  agua,  ä  peuitenza,  V.  D,  4. 

(nach  Diod:  Ben  vi  battezzo  io  con  acqua;  a  penitenza). 

Eu  's  battai  bain  con  aua,  a  penitenza,  A.  V.  5. 
ol:  Jon  vus  batteg  bein  cun  aua  t'  ilg  milgiurament,  Ga.  10. 

Jou  vus  batteg'  [mai]  cun  aua  alg  milgiurament,  C.  4. 

Jon  vus  battegia  bein  cun  aua  tier  il  megliurament;  F.  7. 

Mat.  XXI  8. 
aXXot  Ö€  hxomop  xla'dovg  dno  rciov  SspÖqmv. 
L:  Die  andern  hieben  Zweige  von  den  Bäumen, 
oe:  &  alchiüns  taglieuan   la  ramma  giu  de  la  bostchia,  R.  2033/4. 

&  alchiüns  taglievau   la  ramma  giu  de  la  bofchia,  B.  11  79. 

ed  oters  tagliaivan  giö  manzinas  dalla  bos-cha,  M.  40. 
ue:  &  auters  tagliavan  giu  rams  dalla  bolca,  V.  D,  28. 

(Diod:  de'  rami). 

ed  oters  tagliaivan  gio  raras  della  boscha,  A.  V.  28. 
ol:  ad  auchius  talgiavan  romma  giu  d'ils  pumers,  Ga.  97. 

ad  anchins  tagliavan  romma  giu  dad  ils  pumers,  C.  37. 

ad  anchins  tagliavan  roma  giii  dils  pumers,  F.  30. 

§  53.    Bei  Gattungsnamen  hat  das  oe.  in  der  Regel,  das   ue. 
stets,  das  ol.  nur  zuweilen  den  bestimmten  Artikel. 

Mat.  XXIV  28. 
onov  yc(Q  iav  fj  to  mMfia,  ixsT  ivpaxOrjßovvat  ol  dezoL 


422  Karl  Hutschenreuther 

L:  Aber  wo  ein  Aas  ist,  da  sammeln  sich  die  Adler. 

oe:  Per  che  iuua  chi  uain  ad  effer  l'g-  chiastoer,  allö  uignen  er  k 

s'arasper  las  eaulas,  K.  2431/2. 
Per  che  innua  chi  vain  ad  effer  l'g  chiaftoer,  allö  veguen  eir 

ä  s'arafper  las  eaulas,  B.  II  94. 
Per  che  innua  vain  ad  effer  la  zeppra,  allö  vegnen  ä  s' raefpaer 

las  eaulas,  Gr.  85. 
Perche  inua  ais  il  cadaver,  lo  's  raspan  las  evlas,  M.  49. 
ue:  Perche    ingiö    chi    farä    la    praja   qua  s'   rafparan  las  aglias, 

V.  D.  33. 
(auch  Diod:  dovuuque  sara  il  carname,  quivi  s'accoglieranno 

l'aquile). 
Perche   ingiö   chi   sarä    la   praja   qua  s'  rasperan   las  aglias, 

A.  V.  33. 
ol:  Parchei  nu'  ca  1'  efca  ven  ad  effer,   lou  veugian   ils  adlers   a 

fa  rimnar,  Ga.  116. 
Parchei  nu  ca  1'  esca  ei,   lou  vengen  ils  adlers  ä  sa  rimnar, 

C.  45. 
Parchei  nua  ca  V  esca  ven  ad  esser,  lou  vegnan  las  aquilas 

ä  sa  rimnar,  F.  35. 

Mat.  XXV  32. 

MffTTSQ  ö  noifiTjv  d(poQl^€i  Tcc  TTQoßaTa  dno  xöäv  iQl(f)Cov. 
L:  Gleich  als  ein  Hirte  die  Schafe  von  den  Böcken  scheidet, 
oe:  da    co    chi    zeura   Tg    pastur    las    nuorsas    our  dals    buocks, 
K.  2572/3  u.  B.  U  100. 

fco  Tg  paefter  zaevra  las  nuorfas  da  l's  buochs,  Gr.  90. 

scu  '1  pastur  separa  las  nuorsas  dals  buochs,  M.  51. 
ue:  fco  '1  pafter  fepara  las  nuorfas  our  dals  bocks,  V.  D.  35. 

(auch  Diod:  come  il  pastore  separa  le  pecore  da'  capretti). 

sco  '1  paster  separa  las  nuorsas  our  dals  bocs,  A.  V.  35. 
ol:  fco  ün  Paftur  zeivra  las  nurfas  or  d'ils  bucs,  Ga.  122. 

sco  in  pastur  zeivra  las  nursas  or  dils  bucs,  C.  48  u.  F.  37. 

Fürs  ue.  noch  ein  Beispiel. 

Mat.  VII  18. 

ov  övvatai  öevÖqov  dyadov  xaQnovg  novrjQoi'g  noietv. 
L:  Ein  guter  Baum  kann  nicht  arge  Früchte  bringen. 
Diod:  L'  albero  buono  no  puö  far  frutti  cattivi. 
ue:  II  boefch  bun  nun  p6  far  früts  naufchs,  V.  D.  9  (wörtlich  aus 
dem  Italienischen  übersetzt)! 

1 1  boefch  bun  non  po  far  früts  noschs,  A.  V.  10. 

Aber  oe :  U  n  bü  boesthc,  R.  595. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übeisetzunf^on  der  vier  Evangelien    423 

vn  biin  boefchg-,  B.  II  24.  —  Un  bun  boefch,   Gr.  21.  —    Ün 
bim  bös-ch,  M.  12. 
ol:  Ün  bien  piimer,  Ga.  28.  —  In  bien  pumer,  C.  11  u.  F.  12. 
Man  darf  sagen,  dass  sich  bei  Gattnng-snamen  das  oe.  mebr  nach 
dem  Griechischen,  das  ue.  ganz   nach   dem  Italienischen,   das 
ol.  mehr  nach  dem  Deutschen  bezüglich  des  Artikels  richtet. 

§  54.  Bei  Eigennamen  steht  selten  der  bestimmte  Artikel;  nur 
dann,  wenn  der  Eigenname  auf  eine  bekannte  Person  hinweist,  oder, 
wenn  derselbe  für  eine  Gattung  steht. 

So  ersehen  wir  im  ol  griechischen  Einfluss  bei  Gabriel. 

Mat.  I  2. 

ol:  Abraham  ha  generau  ilg  Isac:  ad  Isac  ha  generau  i  lg  Jacob: 
a  Jacob  ha  generau  ilg  Judas,  .  .  .  Ga.  1. 
{^Aßqaäfjb     ayt^vriffe     %6v    '/(Taäx,     'Iffaäx     6s    iytpvriffe    zov 
'laxtoß  .  .  .) 
Alle  übrigen  Texte  haben  keinen  Artikel  beim  Eigennamen.     Der 
Oberländer  Carisch,    der  doch   am  Titelblatt  verspricht:    'tont  sco  piis- 
seivel  suenter  ilg  original  grec',  hätte  sicherlich  den  bestimmten  Artikel 
angewandt,  wenn  letzterer  seiner  Sprache  nicht  widerstrebt  hätte. 
Den  bestimmten  Artikel  hat  ferner  nur  Bifrun  Mat.  XXII  17. 
i^eCTt  öovvai  x^vffov  aulaaqi, 

oe:  Es  e  licit  ä  der  l'g  steaur  agli  Caefari,  R.  2191. 
Eis  e  licit  ä  der  l'g  fteaur  agli  Caefari,  B.  II  85. 
Hier  vertritt  eben  Caesar  den  Gattungsbegriff  imperatur. 

§  55.  Ostern  (rö  ;racr;fa)  hat  im  oe  und  ue  den  bestimmten 
Artikel;  im  ol  wird  es  im  Plural  ohne  Artikel  gebraucht,  wobei  das 
Deutsche  mitgespielt  haben  mag. 

Mat.  XXVI  2. 
oe:  la  paschqua  R.  2617;  B.  11  102. 

la  paefqua  Gr.  92. 

la  Pasqua  M.  52. 
ue:  la  Pasqua  V.  D.  36;  A.  V.  36. 
ol:  Pafcas  Ga.  125;  C.  49;  F.  38. 

§  56.  Was  Ländernamen  anlangt,  so  schwanken  sämtliche 
Übersetzer  im  Gebrauch  des  bestimmten  Artikels;  am  häufigsten  lassen 
sie  jedoch  gleich   dem  Deutschen  den  Artikel  weg. 

Joh.  IV  354. 
oe:  fchi  abanduno  el  Judeam,  &  tiro  via  darchio  in  Galileam.    El 
ftuaiua  paffer  tres  la  Samariam,  B.  I  316. 

Romanisolie  Forschungen  XXVII.  27 


424  Karl  Hntschenreuther 

fcbi  abaduno  el  Judeam,   &  tiro  via  darchio  in  Galileam,     Et 

el  ftuaiua  paffaer  traes  la  Samariam,  B.  IT  324. 
Ho  el  banduno  l  a  Judea,  &  eis  ien  darchio  i  Galilea.    Mu  el 

ftuaiva  ir  traes  Samaria,  Gr.  300/1. 
bandunet  el  1  a  Giiidea,  e  get  darclio  in  Galilea.    Mo  el  stuaiva 

passer  tres  Samaria,  M.  174. 
ue:  Schi  bandunet    el    la   Judea,    e  giet  darcheu  in  Galilea.     Mo 

el  ftueiva  paffar  tras  il  pajais  da  Samaria,  V.  D.  115  (nach 

Di  od:  Lasciö    la  Giudea,  e  se  n'andö  di  nuovo  in  Galilea. 

Or  g-li  cohveniva  passar  per  lo  paese  di  Samaria). 
Schi  bandunet   el    1  a  Giudea,    e  get  darcheu  in  Galilea.     Ma 

el  stovaiva  passar  tras  il  pajais  da  Samaria,  A.  V.  112, 
0 1 :  Scha  det  el   fi    1  a  Judea,    a  mä  pufchpei  en  Galilea.     Mo  el 

rtuev'  ir  tras  Samaria,  Ga.  401. 
banduna  el  1  a  Judea,  a  ma  puschpei  en  Galilea.    Mo  el  stueva 

passar  tras  Samaria,  C.  158. 
Schi    det   el    si    la  Judea,    a   ma   puspei  en  Galilea.     Mo  el 

stoveva  ir  tras  Samaria,  F.  113. 

§  57.  Beim  Possessivpronomen  -j- S  u  b  s  t  an  tiv  gebraucht 
Bifrun  mit  Vorliebe  gleich  dem  Italienischen  und  auch  Friau- 
li  sehen  den  bestimmten  Artikel  vor  dem  Possessivum,  während  alle 
andern  Übersetzer  nur  die  Form  ohne  Artikel  haben. 

Mat.  VI  9.  10. 

Fri au  lisch:  See  santificaat  la  to  Nom.  Vigna  lu  to  Ream.  See 
fatta  la  too  Volontaat  .  .  (Conradi  p.  X). 

oe:  santifichio  saia  l'g  tes  nü,    l'g  tieu  ariginam  uigua  liers  nus, 
la  tia  uoeglia  duainta  .  .  R.  474/5. 
fantifichio  faia  l'g  teis  nom,   l'g  tieu  arigina  vegna  tiers  nus, 

la  tia  voeglia  duainta  .  .  B.  11  19. 
Aber:  vegnia  fantifichio  tieu  Nom.  Vegnia  tieu  reginam:  dvainta 

tia  voeglia,  Gr.  17. 
Santificho  saja  tieu  nom!    Tieu  reginam  vegna!    Tia  volunted 
saju  fatta,  M.  10. 
ue:  Fat  fanct    vegna    teis  Nom:    Teis  Reginom   vegna   naun  pro: 
Tia  vöglia  dvainta,  V.  D.  7. 
Fat    sanct   vegna    teis    nom.     Teis  Reginam   vegna    nan  pro. 
Tia  vöglia  dvainta,  A.  V.  8. 
0  1 :  Soing  vengig  fuig  tieu  num.    Tieu  Raginavel  vengig  nou  tier. 
Tia  velgia  daveutig,  Ga.  23. 
Soing  vengi    faig  tieu  Num!    Tieu  reginavel  veugi  nou  tiers. 
Tia  velgia  daventi,  C.  9. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    425 

Sontg   vegni    fatg  tiu   num!    Tiu   regiuavel    vegni  dou  tiers. 
Tiu  veglia  daventi,  F.  10. 

Weitere    Belege,    wo   nur   Bifrun  den    bestimmten  Artikel    ge- 
braucht: 

oe: 
Mat.  I  21:  dels  lur  pchios  R.  53;  B.  11  3. 
Mai.  U  11:  l's  lur  thesors  R.  104;  B.  H  5. 
Mat.  III  3:  las*  slas  semdas  R.  162.  &  B.  H  7. 

(* Ulrich:  la) 
Mat    IV  23:  in  las  lur  sijnagogis  R.  270;  B.  11  11. 
Mat    V  12:  la  uossa  merschö  R  318 

la  voffa  mertfche  B    11  13. 
Mat   V  16:  la  uossa  liüsth  R.  330,  B.  n  14. 
Mat   VI  1:  la  uossa  almosna  R.  448/9. 
la  vossa  almoufna  B.  El  18. 
Mat    XI  1:  illas  lur  citteds  R.  964 

illas  lur  cittaeds  B    11  38. 
Mat   XV  22:  la  mia  figlia  R.  1508;  B.  U  59. 
Mat.  XX  8:  agli  sieu  prochiüradur  R    1939;  B.  11  75. 
Mat.  XXI  45:  las  sias  sumaglias  R.  2144;  B    11  83. 
Mat.  XXn37:  cun  tuotta  la  tia  horma  R    2230/1.  &  B.  II  87 
Mat.  XXI  44:  agli  mieu  siguer  R.  2240/1. 
agli  mieu  fegner  B   11  87. 
Marc.  IX  3:  la  fia  uefckimainta  B.  I  149;  B.  11  152. 
Joh.  XVIII  35:  la  tia  lieud  B.  I  376;  B.  II  388. 

§  58.     Zwischen  totus  und  das  Substantiv  tritt  gewöhnlich 
der  bestimmte  Artikel,  wie  ja  auch  im  Italienischen  oder  Französischen. 

Mat.  IV  24. 

oe:  per  tuotta  la  Syria,  R.  273;  B.  II  12;  Gr.  11. 

tres  tuot  la  Siria.  M.  6. 
ue:  tras  tuot  la  Siria,  V.  D.  5;  A.  V.  6. 
ol:  par  tut  la  Siria,  Ga  14. 

par  tutta  la  Siria,  C.  6  &  F.  8. 

Mat  II  4: 
oe:  touts  l's  parzuras  dels  sacerdots,  R.  81;  B.  II  4. 
tuots  Ts  principaels  facerdots,  Gr.  5. 
tuots  ils  principels  sacerdots,  M.  3. 
ue:  tuot  ils  principals  facerdots,  V.  D.  3;  A.  V.  4. 
ol:  tut  ils  Ault-Sacerdots,  Ga.  5. 
tuts  ils  ault-sacerdols,  C.  2. 
tuts  ils  aultssacerdots,  F.  6. 

27* 


426  K^^"l  Hutschenreuther 

§  59.  Bei  Substantiven  in  Verbindung  mit  dem  Vergleichsadverbium 
fco  {=  sie  qiiojnodo)  hat  das  oe  in  der  Regel  den  bestimmten  Artikel, 
das  ue  lässt  denselben  weg,  das  ol  schwankt. 

Marc.  VIII  24. 
BXtTKxi  Tovg  uvd-Qcüriovg,  oTi  wg  divdqa  öqm  nsQinaxovvvag. 
L. :  Ich  sehe  Menschen  gehen,  als  sehe  ich  Bäume, 
oe:  Eau  uez  hümens,  per  che  eau  l's  uezgiand  fco  la  bofchchia, 
B.  1  147. 
Eau   vez    hnmens,  per  che  eau  l's  vez  giand  fco   la  bofch- 
chia, B.  II  150. 
eau  vez  homeus;  per  che  eau  vez  Ico  la  boafchia,  chiami- 

nand,  Gr.  138. 
Eau  vez  la  glieud,  scu  bos-cha,  a  chaminer,  M.  79. 
ue:  (Eug  vez  chaminar  la  glieud,  chi  para  bofca,   V.  D.  53  (nach 
Di  od:  lo  veggo  camiuar  gli  uomini  che  paiono  alberi). 
Eu  vez  chaminar  la  glieud,  chi  para  boscha,  A.  V.  53). 
oe:  (Jou  vez  mont  la  Igieut,  fco  da  ver  pumers,  Ga.  186). 
Jon  veza  mont  la  Igieud  sco  pumera,  C.  74  &  F.  54. 
Marc.  IX  3. 
Xsvxa  Xlav  uig  ximv. 
L. :  sehr  weiss,  wie  der  Schnee, 
oe:  fick  alua  fco  la  naif,  B.  I  149;  B.  II  152. 
fig  alva  fco  la  naif,  Gr.  140. 
fich  alva,  sco  la  naiv,  M.  80. 
ue:  zuond  alba,  fco  naif:  V.  D.  54   (nach  Diod:   come  neve) 

zuond  alba,  sco  naiv,  A.  V.  53. 
ol:  zunt  alva  Ico  la  neif,  Ga.  189. 
fig  alva,  sco  la  neiv,  C.  74. 
zun  alva,  sco  la  neiv,  F.  55. 

§  60.  Bei  'halb'  steht  der  bestimmte  Artikel  (oder  das  Possessiv- 
pronomen) unmittelbar  vor  dem  Substantiv.  Vgl.  englisch :  half  tlie 
sum ;  half  my  fortune. 

Marc.  VI  47. 
oe:  in  meza  Tg  mcr,  B.  I  141;  B.  II  143. 
in  mez  1'  maer,  Gr.  131. 
in  mez  al  lej,  M.  75. 
ue:  in  mez  il  mar,  V.  D.  51;  A.  V.  50. 
ol:  a  miez  la  mar,  Ga.  177;  F.  52. 
ä  miez  ilg  lag,  F.  52. 

Luc.  XXII  55. 
oe:  in  meza  la  cuort,  B.  I  290;  B.  II  299. 
in  mez  la  cuort,  Gr.  276  &  M.  161. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     427 

ue:  in  mez  la  cuort,  V.  D.  105  &  A.  V.  105. 
ol:  entamicz  la  oiirt;  Ga.  371  &  F.  104. 

ä  miez  la  eurfc,  C.  146. 
Da  man  Hn  meza'  etc.  auch    als   Präposition  oder  adverbiell 
(vgl.  ital.:   in  bocca  al  luiw)  fassen  könnte,  so  möge    ein   deutlicheres 
Beispiel  folgen: 

Marc.  VI  23. 
oc:  infina  mez  mieu  ariginam,  B.  I  138  &  B.  II  140. 

infina  mez  mieu  reginam,  Gr.  129  &  M.  74. 
(Das  ue  und  ol  haben  statt  'mez'  Substantive). 
Bildet  mez  +  Substantiv  einen  Begriff,  so  steht  natürlich  kein 
Artikel. 

Mat.  XXV  6. 
oe:  Et  fiand  meza  u6t,  R.  2504;  B.  II  97. 
ä  meza  noatt,  Gr.  88. 
ä  mezza  not,  M.  50. 
ue:  ä  meza  not,  V.  D.  34. 
a  mezza  not,  A.  V.  34. 
ol:  a  meza  noig,  Ga.  25,  C.  47. 
ä  meza  notg,  F.  36. 

§  61.  Bei  der  Apposition  schwankt  das  oe  im  Gebrauch  des 
Artikels,  das  ue  setzt,  wohl  infolge  italienischen  Einflusses 
keinen  Artikel,  das  ol  neigt  mehr  zur  Anwendung  des  bestimmten 
Artikels.    Dabei  wird  manchmal  die  Präposition  wiederholt. 

Mat.  1  16. 
TOP  'Ioi)(Tr](p  TOP  ävöqa  Maolaq. 
L. :  Joseph,  den  Mann  Maria, 
oe:  Jofeph  marid  da  Mariae,  R.  32/3;  B.  II  2. 

Joseph  r  marit  da  Maria,  Gr.  3. 

Jofef,  il  marit  da  Maria,  M.  2. 
ue:  Jofef,  marit  da  Maria,  V.  D.  2  (auch  Diod:  Josef,  maritodi  Maria). 

Giosef,  marit  da  Maria,  A.  V.  3. 
ol:  ilg  Joseph,  ilg  marieu  da  Maria,  Ga.  3  (nach  dem  Griechi- 
schen!). 

Joseph,  ilg  marieu  da  Maria,  C.  1. 

Joseph,  il  mariu  da  Maria,  F.  5. 
Mat.  II  1. 
ev  Brjd^lssfi  rfjg  ^lovdalaq. 
L.:  zu  Bethlehem  im  jüdischen  Lande, 
oe:  in  Bethleem,  in  la  cited  da  Judea,  R.  73/4. 

in  Bethleem  in  la  citaed  da  Judea,  B.  II  4. 
(Die  anderen  Übersetzer  haben  ^in  la  cited'  ganz  weggelassen). 


428  Karl  Hutschenreuther 

Mat.  XXVll  2. 
xal  TiaQsdoixap  avtov  TIovTiiü  TliXaTcg  %m  fjyefjtovi. 
L.:  und  überantworteten  ihn  dem  Landpfleger  Poutio  Pilato. 
oe:  &  [seil:  Vg  haun]  do   in  mann  da  Poneio  Pilato   gnuernadur, 
R.  2816/7;  B.  II  109;  Gr.  99. 
ed  il  dettan  in  mann  da  Ponzio  Pilato,   il   governatur,  M.  57. 
ue:  e   '1  denn  in  mann    da  Pontio    Pilato,    Governatur,    V.    D.  38 
(auch  Di  od:  e  misero  nelle  mani  di  Ponzio  Pilato,  gover- 
natore). 
e  '1  dettan  in  man  da  Ponzio  Pilato,  governatur,  A.  V.  39. 
ol:  ad  ilg  furdanan  ä  Pontius  Pilatus,  alg  Guvernadur,  Ga.   134. 
ad  ilg  surdennen  ä  Pontius  Pilatus,  ilg  guvernadur,  C.  53. 
ad  il  surdenan  a  Pontius  Pilatus,  al  guvernadur,  F.  41. 

Luc.  III  19. 
negl  '^ UQcadiccdoi  xfjq  yvvaixog  Oih'nnov  tov  äösXcpov  avzov. 
oe:  per  causa  da  Herodiada,  la  duonna  da  sieu  frer,  M.  109. 
ol:  par  cascliun  da  Herodias,    la  dunna  da  Philippus,    sieu  frar, 

C.  100.  _ 
(Die  anderen  Übersetzer  haben  donna  ohne  Artikel). 
In  den  meisten  Fällen  ist  der  Gebrauch  des  bestimmten  Artikels 
Nachahmung  des  Griechischen. 

§.  62.    In  der  Wiederholung  des  Artikels  herrscht  grosse  Freiheit. 

Mat.  X  37. 
xal  o  (fiXdJv  viov  fi  d-vyatSQa  vneQ  if-ii,  oiy.  affti  (lov  ä^iog. 
oe:  Et  quael  chi  uain  k  uulair  bain  agli  filg  u  agli  figlia  plü  co 
ä  mi,  aquel  nun  es  deng  da  mc,  R.  934/6, 
Et  quael  chi  vain  ä  vulair  bain  agli  filg  ü  agli  figlia  plü  co 
ä  mi,  aquel  nun  eis  deng  da  me,  B.  II  37. 
(Die  andern  Texte  haben  keinen  Artikel  hier). 

Mat.  XX  5. 
naXiv  i^sXd-0)v  nsgl  exTi]p  xal  eppäzijv  u.quv. 
L.:  Abermal  ging  er  aus  um  die  sechste  und  neunte  Stunde, 
oe:  Et  darchio  es  el  ieu  oura  in  tuorn  las  sis  &  las  nuof  hüras, 
R.  19030/1. 
Et  darchio  eis  el  ieu  oura  intuorn  las  fes  &  las  nouf  hüras, 

B.  n  75. 
Darchio  liand  el  ieu  oura  intuorn  la  fefaevla & novaevla hura, 

Gr.  67. 
Darcho  get  el  our  intuorn  las  ses  e  las  nov,  M.  38. 
ue:  Lhura,  fiand  it  our  eir  intuorn   la    fefavla;,    ed    alla   novavl' 
hura,  V.  D.  27. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    429 

Lura,  siand  it  our  eir  intuorn  la  sesavla,  ed  alla  (iiovavl' ura, 
A.  V.  27. 
ol:  Ad  el   mä  pufcbpei  ora   anturn   la   fifavla,  a   novavla    hura, 
Ga.  92. 
Puscbpei  mä  el  ora  anturn  las  sis,  a  las  nov,  C.  35'6. 
Ad  eis  mä  puspei  ora  anturu  1  a  sisavla  a  novavla  ura,  F.  29. 
Immerhin  wiegt  die  Wiederholung  des  Artikels  vor. 

§  63.     Der  sogenannte  Teilartikel  findet  sich   nur  beim  Neu- 
trum, und  ist  da  durchwegs  mit  Vorliebe  gebraucht. 

Mat.  V  43. 
xaXfäq  noieiTS. 
L.:  thut  wohl, 
oe:  fasche  delg  bain,  R.  413. 

fadlche  delg  baiu,  B.  11  17. 

fadfche  bain,  Gr.  16  (Adverb  wie  im  Griechischen!). 

fe  del  baiu,  M.  9. 
ue:  fad  dal  bain  (aber  Diod:  fate  bene),  V.  D.  7. 

fat  del  bain,  A.  V.  8. 
ol:  figeit  d'ilg  bein,  Ga.  20. 

figeit  dilg  bein,  C.  8. 

figeit  dil  bein,  F.  10. 

Luc.  VI.  9. 
L. :  Ich  frage  euch,  was   ziemet  sich   zu   thun   auf  die  Sabbatber, 
Gutes  oder  Böses. 

oe:  fer  dalg  baiu,  ü  fer  dalg  mel,  B.  I  215. 
f^r  dalg  bain,  ü  f^r  dalg  mael,  B.  11  218. 
faer  bain,  ü  faer  mael,  Gr.  201  (hier  Adverb!), 
da  fer  del  bain,  o  del  mel,  M.  115. 
ue:  da  far  baiu,  o  mal,  V.  D.  77  &  A.  V.  75  (weil  Diod:   di  far 

beue,  0  male). 
0 1 :  da  far  d'ilg  bein,  ner  d'ilg  mal,  Ga.  269. 
da  far  dilg  bein  ner  dilg  mal,  C.  105. 
da  far  dil  bein,  ner  dil  mal,  F.  77. 
Nach  Präpositionen  fand  ich   den  Teilartikel  nur  vereinzelt  im  ol. 

Mat.  XXV  23. 
oe:  8ur  poick,  R.  2545;  ß.  11  99. 

für  poch,  Gr.  90;  M.  51. 
ue:  in  pauca  chiaufa,  V.  S.  35  (weil  Diod:  in  poca  cosa), 

sur  pacas  chosas,  A.  V.  35, 
ol:  für  pauc,  Ga,  121, 


430  K'ii'l  Hutschenreuther 

sur  dilg  pauc,  C.  47. 

sur  pauc,  F.  37. 
In  anderen  Fällen  steht  kein  Teilartikel. 

Mat.  XVI  5. 
L.:  hatten  sie  vergessen,  Brod  mit  sich  zn  nehmen. 
Seg:  avaient  oublie  de  prendre  des  pains. 
Di  od:  aveano  diraendieato  di  prender  del  paue. 
oe:  schi  nü  hauaiue  eis,  par  sthmächiaüza  prais  paus,  E.   1571; 
B.  n  61. 

haun  eis  fmanchio  da  prender  pauns,  Gr.  55. 

avaivan  eis  smancho  da  piglier  paun  cun  eis,  M.  31. 
ue:  fchi  haveivan  eis  fmanchia  da  tour  paun,  V.  D.  22. 

schi  avaivan  eis  smanchä  da  tour  pan,  A.  V.  22. 
ol:  icha  vevan  eis  amblidau  da  preoder  pauns,  Ga.  75. 

vevan  eis  amblidau  da  prender  paun  cun  eis,  C.  29. 

havevan  eis  amblidau  da  prender  pauns,  F.  27. 
"AvÖQsq^    L. :  etliche  Männer,  span. :  unos  hombres^  franz.:  des  gens, 
piemontesisch :  de'gent  ist  wiedergegeben: 

Luc.  V.  18. 
oe:  hurSens,  B.  I  211. 

homens,  B.  11  215. 

tfchert  homens,  Gr.  198. 

alchüns  homens,  M.  113. 
ue:  tfchert  homens,  V.  D.  76  (auch  Di  od:  certi  uomini). 

tscherts  hommens,  A.  V.  74. 
ol:  anzachei  humens,  Ga.  264;  C.  104  &  F.  75. 

b.  Der  unbestimmte  Artikel. 

Der  unbestimmte  Artikel  dient  als  eigentliches  Zahlwort  zur  Be- 
zcichnuDg  unbestimmter  Individuen. 

§  64.    Bifrun  gebraucht  die  eigentümliche  Anreihung  von  unus 
-f-  ille  beim  Superlativ. 

Mat.  V  18. 
L.:  Bis  dass  Himmel  und  Erde  zergehe,  wird  nicht   zergehen  der 
kleinste  Buchstabe,  noch  Titel  vom  Gesetz. 

oe:  per  fin  ä  taunt  che  passa  uia  l'g  schil  &  la  terra  schi  nun 
uain  ä  passer  uia  üna  la  plü  pisthna  lettera  ü  ün  pitschen 
punchict,  R.  336/8. 

per  fin  ä  taunt  che  paffa  via  l'g  tfchel  &  la  terra  schi  nun 
vaiu  ä  paffaer  via  üna  la  plü  pitfchna  lettera  ü  ün  pitschen 
punchict,  B.  II  14. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    481 

Mut.  XXV  40. 
L.:  Was   ihr  getbau   habt  einem  unter  diesen    meinen  geringsten 
Brüdern,  das  habt  ihr  mir  gethan. 

oe:  taunt  sco  uns  hauais  fat  ad  üni  l'g  plU   pitschen  d'aquaists 
mes  frars,  schi  hauais  fat  ä  nii,  li.  2591/3, 
taunt  fco  uns  hauais  fat   ad    üni    l'g   plü    pitfche    d'aquaifts 
meis  frars,  fchi  hauais  fat  k  m\,  B.  IT  101. 
Die  andern  Übersetzer  gebrauchen  diese  Anreihung  nicht. 

§  65.  Ferner  reiht  nur  Bifruu  unus  unmittelbar  an  ein  mit  dem 
Possessivpronomen  verbundenes  Substantiv  an.  (Augustiu  bringt 
§  72  zwei  Beispiele  hiefür  aus  Toutsch's  Information.) 

Mat.  VIII  5. 
L. :  mein  Knecht  liegt  zu  Hause, 
oe:  ün  raes  famailg  giescha  giu  in  chiesa,  R.  643. 
tin  meis  famailg  giefcha  giu  in  chiefa,  B.  II  26. 

Luc.  XI  46. 
L.:  mit  einem  Finger, 
oe:  cü  ün  uos  daint,  B.  I  246:  B.  II  251. 

§  66.  Zur  Angabe  von  Körperteilen  steht  vielleicht  infolge 
deutschen  Einflusses  in  der  Regel  der  unbestimmte  Artikel. 

Mat.  XII  10. 

L.:  Und  siehe,  da  war  ein  Mensch,  der  hatte  eine  verdorrete  Hand. 
Diod:  Ed  ecco,  quivi  era  uu  uomo  ch'avea  la  man  secca. 

oe:  Et  uhe  ün  hum,  quael  chi  hauaiua  ün  maun  seck,  R.  1069|70. 

Et  vhe  ün  hom,  quael  chi  hauaiua  ün  maun  feck,  B.  II  42. 

Et  vhae,  ün  hom  eira  chi  havaiva  ün  maun  fecck,  Gr.  37. 

lo  eira  ün  crastiaun,  chi  avaiva  ün  maun  secb'  M.  21. 
ue:  qua  eira  ün  craftian  chi  haveiva  ün  maun  fech,  V.  D.  15. 

qua  eira  ün  crastian  chi  avaiva  ün  maun  sech,  A.  V.  16. 
ol:  lou  fov'  ün  craftiaun  ca  vev'  ün  maun  fech,  Ga.  52. 

lou  fova  in  carstiauu  ca  veva  in  maun  sech,  C.  20. 

loii  fova,  in  carstiaun  ca  haveva  in  maun  secc,  F.  18. 
Der  Gebrauch  des  bestimmten  Artikels  im    ue   und    ol    in  diesem 
Falle  ist  ohne  Zweifel  eine  Entlehnung  aus  dem  Italienischen. 

Mat.  XXII  12. 
Diod:  E  colui  ebbe  la  bocca  chiusa. 

ue:  E  quel  havet  la  bocca   ferrada,    V.   D.  30    (wofür:    Ma   quel 
tuschet,  A.  V.  30). 


432  Karl  Hatschenreuther 

ol:  Ad  el  vet  la  bucca  clauffa,  Ga.  22  (Mo  quel  tenett  la  bucca 
claussa,  C.  40). 
Ad  el  liavet  la  bucca  clausa,  F.  32. 

§.  67.  Der  unbestimmte  Artikel  vor  talis  -f- Substantiv  findet 
sich  nur  im  oe  überwiegend.  (August in  behauptet  in  §  70,  dass  in 
diesem  Falle  im  Engadinischen  immer  der  unbestimmte  Artikel  steht). 

Mat.  IX  8. 
oe:  Una  tal  pusaunza,  K.  142;  B.  II  29. 
tael  puffaunza,  Gr.  27. 
üna  tela  possaun za,  M.  15, 
ue:  tal  pufanza,  V.  D.  11. 

tal  pussanza,  A.  V.  12. 
ol:  tal  puffonza,  Ga.  36;  C.  14. 
tala  puffouza,  F.  14. 

§  68.  Das  im  prädikativen  Verhältnisse  gebrauchte  Substantiv 
erhält  im  oe  u.  ol  meist  den  unbestimmten  Artikel.  Hier  liegt  sicher- 
lich deutscher  Einfluss  vor.     Das  ue  setzt  keinen  Artikel. 

Luc.  XX  6. 
nsneifffispog  ydq  ecrziv  'Imawi^v  nQO(fTiTi]v  eivai. 
L.:  denn  sie  stehen  darauf,  dass  Johannes  ein  Prophet  sey. 
Miguel:  pues  tiene  por  cierto  que  Juan  era  Propheta. 
Di  od:  percioche  egli  e  persuaso  che  Giovanni  era  profeta. 
oe:  Per  che  chel  tain  par  fchert  Johannem  faia  ün  profet,  B.  I  278. 
Per  che  chel  tain  par  tfchert  chia  loänes  faia  ün  profet,  B.  II  286. 
per  che   eis    ftaun    fü    Iura,    chia    Joannes    faia    ün    Prophet, 
Gr.  264   (Übersetzung    aus    dem  Deutschen   und    nicht 
nach  dem  Griechischen!), 
perche  l'ais  persvas,  cha  Joannes  saja  ün  profet,  M.  157. 
ue:  nach  Di  od:  perche  el   ais  perivas  chia   Joannes  eira  profet, 
V.  D.  101. 
perche  el  ais  persvas  cha  Gioanne  eira  profet,  A.  V.  99. 
parchei  ch'els   falvan  par   fagir,    ca   Johannes   feig    ftaus   ün 

Prophet,  Ga.  355. 
parchei  ei  salvan  par  sagir,   ca   lohannes  seigi   staue  in  pro- 

phet,  C.  140. 
parchei  eis  salvan  par  segir,  ca  lohannes  sei  staus  in  prophet, 
F.  100. 

Joh.  XVUI  35. 
M^ti  iyu)  ^lovdaTög  effji- 
L. :  Bin  ich  ein  Jude? 
Per:  Por  Ventura  sou  eu  Judeo? 


Syntaktisches  zu  den  rätoroinanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     433 

Miguel:  Soy  acaso  yo  Judio? 

S!eg-:  Moi,  suis-jc  Juif? 

P:  Soiin-ne  forsi  Ebrcou  mi? 

Diod:  Sono  io  Giudeo? 

oe:  Sim  eau  forza  ün  Jüdeau?  B.  I  376;  B.  II  388. 

Sun  eau  foarla  ün  Judeau?  Gr.  365. 

Sun  eau  ün  Giüdev?  M.  208. 
ue:  nach  Diod:  Sun  eug-  Jüdeu?  V.  D.  139. 

Sun  eu  Güdeu?  A.  V.  135. 
ol:  Sunt  jou  pia  ün  Judeu?  Ga.  484. 

Sund  jou  in  Judeu?  C.  191. 

Sun  jou  in  Judeu?  F.  135. 

§  69.  Eine  eigentümliche  Stellung  des  unbestimmten  Ar- 
tikels gehraucht  Bifrun  I  hei  ^grand\  indem  er  den  Artikel  unmittel- 
bar vor  das  Substantiv  setzt. 

Luc.  YI  17. 
oe:  Et  cun  granda  üna   quantited  d'  lieud  da  tuotta  la  Ju- 
dea  &  da  Hierufalem,  B.  I  215. 
Dagegen:  Et  üna  granda  quantitaed  d'  lieud  da  tuotta  laJu- 
dea  &  da  Hierufalem,  B.  II  219. 

c.  Weglassung  des  Artikels. 

Zu  den  bereits  beim  bestin)mten  und  unbestimmten  Artikel  er- 
wähnten Fällen  ist  noch  folgendes  bemerkenswert: 

§  70.  Der  Artikel  fehlt  manchmal  im  ue  und  ol  bei  grand'm  der 
Bedeutung  von  ^viel'  und  pitschen  im  Sinne  von  'wenig'. 

Mat.  XX  29. 
Diod:  una  gran  moltitudine  lo  seguito. 
ue:  il  fequitet  granda  quantitä,  V.  D.  27  &  V.  D.  II  30. 

aber:  il  sequitet  üna  granda  quantitä,  A.  V.  28. 
Hier  gebrauchen  die  anderen  Übersetzer  hger^  hear. 

Mat.  XXVI  73. 
L. :  Und  über  eine  kleine  Weile, 
ol:  Mo  pitfchn'  urella  fueuter  quei,  Ga.  133  &  F.  40. 

Mo  pitschn'  urella  suenter,  C.  52. 
Sonst  ist  paiicus  angewandt. 

§  71.     Bei  Zeitangaben  hat  Bifrun  zuweilen  keinen  Artikel. 

Joh.  XI  51. 
oe:  Siand  huaifthg  da  que  an,  B.  I  353  &  B.  II  363. 


434  Karl  Hutschenreuther 

§  72.  Nach  negiertem  Verb  fehlt  im  oe.  u.  ue.  romanischem 
Gebrauch  gemäss  in  der  Eegel  der  Artikel;  im  ol  aber  wird  der  Ar- 
tikel gesetzt. 

Luc.  I  34. 
L. :    sintemal  ich  von  keinem  Manne  weiss. 
Di  od.:  poi  ch'io  neu  couosco  uomo. 
oe:  l'iand  ch'eau  uu  cugniofth  hü,  B.  I  191. 

fiand  ch'eau  nu  cugniuolch  hom,  B.  II  194. 

fiand  ch'eau  nun  cuguuofch  bom,  Gr.  180. 

siand  ch'eau  nun  cogauosch  bom,  M.  103. 
ue:  fiand  ch'eug  nun  cognofch  bom?  V.  D.  70. 

siand  ch'eu  non  cognosch  hom,  A.  V.  67. 

Da  in  diesem  Beispiel  im  ol  nach  Luther  nagin  steht,  so  führe 
ich  Mat.  VIII  10  an: 

L.:  solchen  Glauben  habe  ich  in  Israel  nicht  gefunden. . 
ol:  jou  hai  pir  buc   enten  Ifrael  afflau    Unna   fchi  gronda  cardi- 
enfcha,  Gr.  32. 
nemeins   en  Israel    hai    jou    aflau    inna    schi    gronda    cardi- 

enscha,  C.  12. 
jou  hai  pir  buc   enten   Israel  afflau    ina    schi   gronda   cardi- 
enscha,  F.  13. 
Im  oe  u.  ue  steht  hier  tantus  ohne  Artikel. 

§  73.  Die  Auslassung  des  Artikels  findet  sich  häufig  nach  Prä- 
positionen. 

oe: 

Luc.  I  70:    L:  Als  er  vorzeiten  geredet  hat  durch  den  Mund  {öia  crro- 
(xaTog)  seiner  heiligen  Propheten: 
Suainter  fco  el    ho    bagieu  favlö  tres  buochia  dals 

fes  faencs  prophets,  B.  I  194. 
Suainter  fco  el  bo  bagieu  favlu  traes  buochia  dals 
feis  faencbs  prophets,  B.  II  197. 
Luc.  XXIV  5:  L. :  und    schlugen  ihre  Angesichter    nieder    zu    der  Erde 

abbaffand    lur    uijfta    i neunter    terra,    B.  I   297; 
B.  II  306. 
Marc.  V  14:  &  baun  fat  favair  in  citaed,  Gr.  124. 
Mat.  III  12:  mo  la  paglia  arderö  '1  cu  n  f o  e  chi  me  non's  stUzza,  M.5. 
(auch:  mu  la    ])aglia  vain   el    ad  jirder    cun    foc  chi    nun 
s'ftüzza,    Gr.  8.     Bifruu  bat  cun  ün  foe;  im  ue  u. 
ol  steht  der  bestimmte  Artikel). 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzunjjen   der  vier  Evangelien    435 

u  e : 
Mut.lVlG:  Diod:  II  popolo  che  giaceva  in  tenebre. 

11  pövel  chi  giiilcheivu  in    fcürezzas,  V.  D.  5. 
11  pövel,    chi  giaschaivti    in    Schürezzas,    A.  V.  G, 
(Hier    haben    die  übrigen  oe  ii.  ol  Texte    den  be- 
stimmten Artikel). 

Ol: 
Mat.  V  45:  L.:  Denn    er   lässt  seine  Sonne  aufgehen  über  die  Bösen 
und   über    die  Guten   {im  rtovijQoic  xul  dyad^ovc), 
und   lässt    regnen    über  Gerechte    und   Ungerechte 
{ini  dixaiovg  xai  döixovc). 

perche  el  fo  alver  sieu  solagl  sur  noschs  e  buns, 
plover  sur  giüsts  ed  ingUsts,  C.  9.  Nur  Menni, 
der  übrigens  häufig  mit  Carisch  übereinstimmt,  hat 
noch  so,  während  die  übrigen  Texte  den  bestimmten 
Artikel  vor  jedem  Adjektiv  wiederholen. 

Wie  ersichtlich,  beruht  die  Auslassung  des  Artikels 
nach  Präpositionen  einerseits  auf  einer  Nach- 
ahmung des  Griechischen,  andrerseits  des 
Italienischen. 

§  74.  Ferner  hat  das  Substantiv  häufig  keinen  Artikel,  wenn  es 
so  eng  mit  dem  Verb  (zuweilen  noch  mittelst  Präpositionen)  ver- 
bunden ist,  dass  es  mit  diesem  gewissermassen  einen  Begriff  aus- 
macht. 

Mat.  VI  2. 
L.:  Wenn  du  aber  Almosen  gibst, 

oe:  Et  in  aquelle  guisa  cura  che  tu  da  es  almuosna,  R.  449/50. 
Et  in  aquella  guifa  cura  che  tu  daest  almoufna,  B.  II  18. 
(Der  Gebrauch   von    dnre  statt  fare^    sowie  die  Weglassung 
des  Artikels  zeigen  entschieden  deutschen  Einfluss.) 
Cura  dimaena  tu  faest  almoufna,  Gr.  16. 
Cur  tu  dimena  fest  almosn'a,  M.  9. 
ue:  Cuntut  cur  tu  farast  almoufna,  V.  D.  7. 

Contuot  cur  tu  farast  almousna,  A.  V.  8. 
ol:  aber:  Cuntut  cur  ti  fas  l'almosna,  Ga.  22. 
^  Cur  ti  das  l'almosna,  C  8  (Kreuzung  des  Germanischen 

und  Romanischen  im  Gebrauch  von  dare  mitbestimmtem 
Artikel). 
Cuntut  cur  ti  fas  Talmosna,  F.  10. 
Da  in   diesem  Falle  im    ol  der  bestimmte  Artikel  steht,    so   seien 
andere  Beispiele  angeführt. 


436  Karl  Hutschenreuther 

Ol. 

Mat.  V  44:  L:  bittet  für  die  so  euch  beleidigeu: 

rogeit  par  quels  ca  vus  fan  autiert  (=  Unrecht  tun!) 
F.  10. 
Mat.  XXI  35:  L.:  Da  nahmen  die  Weingärtner  seine  Knechte; 

A  cur  ils  luvrers  venan  catfchau  maun  fes  furvients, 
Ga.  101.  [Sehr  interessant,  weil  auf  diese  Weise  von 
captare  zwei  Akkusativobjekte  abhängen,  die 
jedoch  nicht  mehr  gefühlt  werden,  weil  'catfchau  maun^ 
ein  Begriff  (=  ergreifen,  nehmen)  geworden  ist] 
Neuerdings  ist  der  2.  Akkusativ  durch  den  Dativ  ersetzt: 

Ad  ils  luvrers  catschond  maun  äses  survients,  C.  39. 
Ad  ils  lavur^rs  han  catschau  maun  ä  ses  survients, 
F.  31. 

Mittelst  Präposition:  Mat.  XXVIII  14. 
L. :  Und  wo  es  würde  auskommen  bei  dem  Landpfieger. 
ol:  A  fcha  quei  ven  ad  orelgia  (deutsch:    zu  Ohren  kommt)  ä 

gli  Guvernadur,  .Ga.  144. 

A  scha  quei  ven  ad  urelgia  alg  guvernadur,  C.  57. 

A  scha  quei  ven  ad  oreglia  al  guvernadur,  F.  43. 

Luc.  VI  28. 
L.:  bittet  .für  die  so  euch  beleidigen. 

ol:  a  rogeit  par  quels  ca  vous  fan  adalaid  (deutsch:  ein  Leid 
zufügen),  Ga.  271. 
a  rugeit  par  quels  ca  vus  fan  ad  alaid,  C,  106. 

B.  Das  SulbstaiiÜY. 

a)  Der  Numerus. 

§  75.  Aus  dem  lateinischen  Neutrum  Pluralis  auf  a  haben  sich 
eine  grosse  Anzahl  Substantiva  in  kollektivem  Sinne  zur  Bezeich- 
nung einer  unbestimmten  Menge  gebildet. 

Die  Beliebtheit  solcher  Kollektiva  auf  a  können  wir  aus  ver- 
schiedentlichen  Weiterbildungen  bei  keltischen  und  germanischen  Wort- 
entlehuungeu  ersehen. 

Es  folgen  Beispiele  in  alphabetischer  Ordnung: 

oe. 
Mat.  Xni  32:  sün  sia  aramma,  11.1285;  B.  II  51  (L. :  unter  seinen 

Zweigen). 
Mat.  XIII  32:  traunter  l'aravitstha,  R.  1283;  B.  II  50  (L.:   unter 

dem  Kohl). 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    437 

Marc.  XII  44:  tutta  la  fia  arouba,  B,  I  168; 

tuotta  la  fia  aro  ba,  B,  II 171  (L.:  ihre  ganze  Nahrung). 
Marc.  VIII  24:  fco  la  bofchcliia,  B.  I  147;  B.  II  150  («5  öei^öga). 
fco  la  boafchia,  Gr.  138. 
scu  bos-cha,  M.  79. 
Marc.  XII  4:  crappa  (L.:  Steine),  B.  1 164;  B.  II 167  ;  Gr.  154;  M.  88. 
Marc.  VII  33:  sia  daiuta,  M.  77  (L  :  Finger). 
Mat.  XXI  19:  la  sula  focglia,  R.  2064  &  B.  H  80  (L.:  denn  allein 
Blätter). 

ünguotta  oter  cu  föglia,  M.  41. 
Marc.  XI  8:  la  fruonsla,  B.  II  163  (L.:  Maien). 
Mat.  XIX  22:  el    havaiva   bgerra   roba,    Gr.  66    (L.:    er    hatte  viele 

Güter) 
Mat.  XIX  21:  venda  tia  roba  M.  37  (L.:  verkaufe  was  du  hast). 
Luc.  V  8:  a  la  sthnuoglia,  B.  I  210;  B.  II  214. 
ä  la  fnuoglia,  Gr.  197. 

avauut  la  schnuoglia,  M.  113    (L.:  zu  den  Knieen). 
Mat.  XXIV  19:  chi  dann  tetta,  K.  2412;    B.  II  94;   Gr.  85  (L.:    den 
Säugern). 
Mat.  VI  26:  Vuliie   nos    ceilgs    uia    alla  utschelina    dailg  scbil, 
K.  522/3. 
Vulue  nos  ceilgs  via  alla  utchelina  dailg  tschel,  B.  1121 
(L.:  sehet  die  Vögel  unter  dem  Himmel  an). 
Luc.  II  19:  tuotta  aquaista  uerua,   B.  I  197;  B.  II  200  (L.:   alle 

diese  Worte). 
Marc.  XI  7:  lur  vefckimainta,  B.  I  160;  B.  11  163. 
lur  vestimainta,  M.  40  (L. :  ihre  Kleider). 
Luc.  XXIV  5:  lur  vysta,  B.  I  297;  B.  II  306  (L.:  ihre  Angesichter). 

ue: 
Marc.  Vni  24:  bofca,  V.  D.  53. 

boscha,  A.  V.  53  (L. :  Bäume). 
Marc.  XII  4:  crappa,  V.  D.  59;  A.  V.  58. 
Marc.  VII  33:  la  dainta,  V.  D.  52;  A.  V.  52  (Diod:  le  dita). 
Mat.  XXI  19:  foeglia,  V.  D.  28;  A.  V.  28. 
Mat.  XXIV  32:  la  fron  fia,  V.  D.  33. 

la  fruonsla,  A.  V.  34  (L.:  Blätter). 
Mat.  XXIV  47:  für  tout  fia  raba,  V.  D.  34;  A.  V.  34  (L.:  über  alle 
seine  Güter). 
Luc.  V  8:  avant  la  fnuoglia,  V.  D.  76;    A.  V.  74  (Diod:  alle 
ginocchia). 
Marc.  VII  4:  vaschella   d'aram,  V.  D.  51;    A.  V.  51   (L.:   eherne 
Gefässe). 


438  Karl  Hutschenreuther 

Ol. 
Marc.  XII  4:  crappa,  Ga.  207;  C.  81;  F.  60. 
Marc.  VII  33:  fia  detta,  Ga.  182:  C.  71;  F.  53  (L.:  Fioger). 
Mat.  XXI  19:  felgia,  Ga.  98;  C.  38;  F.  31  (L.:  Blätter). 
Mat.  XXVII  51:  la  g-rippa,  Ga.  140;  C.  55;  F.  42  (L.:  die  Felsen). 
Marc.  VIII  24:  sco  piimöra,  C.  74;  F.  54  (L.:  Bäume). 
Mat,  XIX  22:  beara  rauba,  Ga.  90;  C.  35;    F.  29  (L.:  viele  Güter). 
Marc.  XI  8:  romma,  Ga.  203;  C.  79. 
roma,  F.  59  (L.:  Maien). 
Luc  V  8:  avont  la  fch  a  n  ullg-ia,  Ga.  263 
avont  la  schanulgia,  C.  103. 
avont  la  schenuglia,  F.  75  (L.:  zu  den  Knieen). 
Luc.  XV  5:  fin  fia  fcliuvella,  Ga.  330;   C.  130;    F.  93  (L.:    auf 
seine  Achseln). 
Luc.  XII  35:  Vossa  vaicha,  Ga.  316  (L.:  eure  Lenden). 
Mat.  XI  8:  valcadira  finna,  Ga.  47;  C.  18. 

vestgiadira  fina  F.  17  (L.:  weiche  Kleider). 
Mat.  IX  17:  enten  vafchella  nova,  Ga.  37;  F.  14. 

en  vaschella  uova  C.  14  (L.:  in  neue  Schläuche). 
Marc.  VII  4:  la  vaschella  da  beiver,  Ga.  179  &F  52  (L,:  Trink- 
gefässe). 
vaschella  d'irom  C.  70  &  F.  52  (L.:  eherne  Gefässe). 
Zu  diesen  Pluralieu  eines   alten  Neutrums  mit  Kollektivbedeutung 
gibt    es    verschiedentlich    ein  Femininum  Singularis    mit    dem  dazuge- 
hörigen Plural  auf  s: 

Hiebei  werden  die  Dinge  mehr  im  einzelnen  als  in   ihrer  Gesamt- 
heit betrachtet. 

Marc.  IV  32. 

oe:  mer  co  tuottes  otras  aravilchas,  B.  I  131. 

maer  co  tuottes    otras  aravitfchas,    B.  II  132    (L.:  grösser 
denn  alle  Kohlkräuter). 

Mat.  XXIV  32: 
oe:  las  foeglias  fun  nafchidas,  Gr.  86. 

Marc.  XI  8: 
oe:  oters  tagliaive  fruonslas  giu  da  la  boaschia,  Gr.  150. 

Mat.  Xni  32: 
oe:  Tplli  grand  de  las  ravitschas,  Gr.  45. 
ue:  plU  grand  co  tuot  las  ravitschas,  V.  D.  47  &  A.  V.  47.. 

Marc.  XV  19: 
ue:  in  fnuoglias,  V.  D.  65;  A.  V.  64. 


Syntaktisches  zu  den  liitoioiuaniaclien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     439 

Luc.  XI  27: 
oe:  las  tettas  che  tu  haes  dlo,  B  I  244. 
las  tettas  che  tu  haest  dtö,  B  11  249. 
las  tettas  tu  haest  tetto,  Gr.  228. 
las  tettas  cha  tu  hest  tetto,  M.  132. 
ue:  las  tettas  chia  tu  hast  tettä,  V.  D.  88. 
las  tettas  cha  tii  hast  tettä,  A.  V.  86. 
Ol:  las  tettas  ca  ti  has  tettaii,  Ga.  307;  C.  121;  F.  87. 
oe:  lur  vesckimaintas,  B.  I  276;  B.  II  284. 
§  77.  Neben  den  Plural ien  auf  a  besteht  häufig  noch  meist  in  be- 
stimmten Fällen  die  Maskulinform  des  Plurals,    zu   der  dann  ein   ent- 
sprechender Singular  vorhanden  ist. 

oe: 
Mat.  XXIV  32:  Tg  sieu  aram,  R.  2445;  B.  ü  95. 

Marc.  IV  32:  &  fo  graud  arams,  B.  I  131;  B.  II  132. 
Mat.  III  10:  ogni  bösch,  M.  4. 

vi  alla  risch  dels  bös-chs,  M.  4. 
Marc.  VII  33:  fes  dains,  B.  I  145. 

feis  dains,  B.  II  147  &  Gr.  135. 
Mat.  XXIV  32:  fieu  ram,  Gr.  86. 

Marc.  IV  32:  &  fo  grands  rams,  Gr.  121. 
Mat.  VI  26:  l's  utschels,  Gr.  19. 
ils  utschels,  M.  10. 

ue: 

Mat.  XXIV  51:  '1  fgrizchiar  dals  dain ts,  V.  D.  34. 
sgrizchar  dels  daints,  A.  V.  34. 

Ol: 
Mat.  XXIV  32:  giu  d'ilg  pumer  da  fies,  Ga.  J16. 
giü  dil  pumer  da  fies,  F.  36. 
Marc.  XI  8:  giu  d'ils  pumers,  Ga.  203. 
giu  dad  ils  pumers,  C.  79. 
giü  dils  pumers,  F.  59. 
§  78.    Manche   dieser  Pluralia  Neutra  haben  nur  ein  Masculinum 
Singularis.    Zuweilen  ändert  sich  dann  auch  die  Bedeutung  des  Wortes. 

oe: 
Luc.  XI  39:  piain  d'arob,  B.  I  245;  B.  II  250. 

piain  d'roub,  Gr.  230  (L.:  voll  Kaubes). 
Marc.  XI  16:  tin  vaschilg,  B.  I  161. 
ün  vaschelg,  B.  11  164. 
Luc.  II  29:  fuaiufcer  tieu  vierf,  B.  1   198  &  B.  ü  201. 

Romanische  PovscLungen  XXVII.  28 


440  Karl  Hutschenrcuther 

ue: 

Mat.  ni  10:  og-ni  bösck,  V.  D.  4. 
ogDi  bösch,  A.  V.  5. 
Job.  IV  11:  alcbiin  vascbe,  V.  D.  116.;  A.  V.  112. 

Ol: 

Mat.  IV  6:  vi  d'ün  crap,  Ga.  12. 

vi  d'in  crapp,  C.  5;  F.  8. 
Mat.  XVI  18:  sin  quei  gripp,  C.  29. 

§  79.     Nuptiae    vi^ird    nicht    durchwegs    als    Plurale  tantum  ge- 
braucht, sondern  kommt  im  oe  und  ol  auch  im  Singular  vor. 

Mat.  XXII  8. 

0  f^iep  ydfjiog  ezoifioc  icmv. 

L. :  die  Hochzeit  ist  zwar  bereitet. 

oe:  Las  noutzes  sü  appiuedas,  K.  21G9. 

Las  nuotzes  sü  appinedas  B.  II  84. 

La  noazza  eis  tfchert  appinaeda,  Gr.  76. 

Bain  sun  pinedas  las  nozzas,  M.  43. 
ue:  Bain   Tun    las    nozas  apparechiadas  V.  D.  30    (wörtlich    nach 

Diodati:  Ben  son  le  nozze  apparechiate.) 

Bain  sun  las  nozzas  apparechadas,  A.  V.  30. 
ol:  La  nozza  ei  bein  raftiada,  Ga.  103;  &  C,  40. 

La  nozza  eis  bein  preparada,  F.  32. 
Der  Gebrauch  der    Einzahl    bei  Griti  mag    auf  griechischem 
Eiufluss^  im  o  1.  auf  deutschem  Einfluss  beruhen. 

§  80.     Vielfach  werden  Abstrakta  im  Plural  gebracht. 

Marc.  VII  21/22. 

01  xaxol  sxTiOQSvovrai,  fjbotx€7at,  noQveiat,  (povoi,  xlonal,  nXeovsQlai, 
novijqltti  .  .   . 

Di  od:  adulterii,  fornicazioni,  umicidii,  furti,  cupidige,  malizie,  fraudi, 
lascivie  .  .  , 

oe:  adulteris,  i)ittaniiugs,  humicidis,  ladrunetfths  . . .,  frods  B.  1 144. 

adulteris,  pittanocgns,    humicidis,    ladrunetfch,  .  .  .  frods  .  .  . 

B.  11  146.     adulteris,   pitanoengs,  homicidis,   invoels,   Gr.  134 

&  M.  77. 
ue:  adulteris,     fornicatiuns,    homicidis,     iuvöls,    giavlifchamaints, 

malitias,  frauds,  hixüergias  .  .  .  V.  D.  52. 

adulteris,  fornicaziuns,  homicidis,  invöls,  giavlischamaints,  mali- 

zias,  luxurias  .  .  .  A.  V.  51. 
ol:  naufclia    griaments,    .  .  .  pitanengs,    ladarnitfchs,    gitigonzas, 
anganaments,  Ga.  181. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromauisclion  Überaetzungcn  der  vier  Evangelien     441 

ils  nauschs  partrachiameuts:  rumperlegs,  pitanengs,  mazoments, 

ladernitscbs  .  .  .,  uauscbs  dalegs  ...  C.  71. 
nauschs  desideris,  rumperlctgs,  jjitaneDgs,  mazzaments,  ladar- 
uitscbs  .  .  .,  aDgaauaments  ...  F.  53. 
Soweit  der  ausgiebige  Gebraueb  des  Plurals  in  diesem  Falle  nicbt 
eine  Nacbabmung  des  Griechischen  ist,    liegt  jedenfalls  italie- 
nischer Einfluss  vor. 

b.  Die  Kasus. 
§  81.    Im  ue.  setzen   Yulpio  &  Dorta  vor  den   Akkusativ    der 
Person  W  gleich  dem  Spanischen  (hiezu:    Gärtner  §  100;    Andeer 
p.  75  Anmerkung  1 ;  August  in  §  132). 

Mat.  X  21. 
ue:  Mo'I  frar  vain  a  dar  al  frar  alla  mort,  fe'l  bap  al  filg:  V.  D.  13 
aber:  Ma  il  frar  vain  ä  dar  il  frar  alla  mort,   e'l  bap  il  figl: 
A.  V.  13. 

Mat.  XI  27. 

ingün  nun  cognofcb'  al  Filg,  .  .  .  ingün  nun  cognofch'  al  Bap, 
V.  D.  14/15. 

aber:  inglin  non  cognusch'  il  figl,  .  .  .  ingün  non  cognusch'  il  bap, 
A.  V.  15. 

Mat.  XX  8. 

Clamm  als  lavuraints,  V.  D.  27. 
aber:  Clama  ils  lavuraints,  A.  V.  27. 

§  82.  Ein  doppelter  Genitiv,  nämlich  der  lateinische  Genitiv 
-j-  de(da)^  ist  bei  Eigennamen  gerne  von  Bifruu  und  Griti  augewandt. 
(Hierüber  Gärtner  p.  78/9.) 

Mat.  I  16. 
oe:  Joseph  marid  da  Mariae  R.  32/3;  B.  II  2. 

Mat.  XII  39. 
l'ifaina  da  Jonae  profet  R.  1147/8;  B.  II  45;  Gr.  40. 

Mal.  Xn  41. 
L's*  hummens  da  Ninivitae  R.  1151/2. 
Hiefür  nur  der  lateinische  Genitiv  ohne  romanisches  da: 
L's  hommens  Ninivitae  B.  II  45. 

Mat.  xn  41. 
tres  la  predgia  de  Jone,  R.  1154. 
tres  la  predgia  da  Jonae,  B.  II  45. 
traes  la  predgia  da  Jonae  Gr.  40. 

*  (Ulrich  hat  V hummens.) 

28* 


442  Karl  Hutschenreuther 

Mat.  Xn  42. 
la  sabbijnscha  da  Solomonis,  R.  1159. 
la  fabgienlcha  da  SolomoniS;  B.  II  45. 

Mat.  XIII  14. 

la  propLetia  da  Esaiae,  ß.  1226;  B.  11  48;  Gr.  43. 

Marc.  V  1. 
in  la  cuntredgia  dals  Gadarenorum,  B.  I  132. 
in  la  cuntraedgia  dals  Gadarenorü,  B.  11  133. 

Marc.  V  37. 
Joanuem,  fraer  da  Jacobi,  B.  I  135;  B.  II  137. 

Job.  XIX  12. 
amich  da  Caefaris,  B.  I  378;  B.  H  390;  Gr.  363. 

§  83.    Überflüssig  erscbeint  der  eigentümliche  Gebrauch  des  Genitiv- 
zeichens de  bei  Griti  im  Folgenden: 

Mat.  IV  23. 
oe:  guarind  da  tuottas  foaits  d'malatias  &  da  tuottas  foarts  d'in- 

firmitaets  in  l'poevel,  Gr.  11. 
Man  sollte  erwarten:  ^guarind  malatias  da  tuottas  foarts  &  inßrmi- 
taets  da  tuottas  foarts.'  Jedoch,  weil  die  Vor  ausstell  ung  des  Geni- 
tivs  wohl  infolge  deutschen  Einflusses  allgemein  beliebt  ist  (Marc. 
X  44:  daia  elTer  da  tuots  famalg  B,  I  158;  B.  II  161),  so  müsste  es 
eigentlich  nur:  ,guarind  da  tuottas  foarts  malatias  &  da  tuottas  foarts 
inßrmitaets''  heissen,  wie  ja  auch  andere  Übersetzer  schreiben: 

oe:  guarind  nel   pövel   da   tuotta    sort  malattias  e  da  tuotta  sort 

infirmiteds.     M.  6. 
ol:  a  madagava  da  tutta  fort  malfongias,  a  da  tutta  fortfleivlonzas 
tcnter  ilg  pievel,  Ga.  14;  C.  6. 

a  madagava  da  tutta  sort  malsognas  a  da  tutta  sort  fleivlonzas 
denter  il  pievel,  F.  8. 
(Bifrun  hat:  Icodüna  malatia  &  fcodüna  infirmitaed,    R.  271/2 

&  B.  II  11/12. 
ue:  nach  italienischer  Vorlage:  ogni  malatia  &  ogni  infirmitä, 
V.  D.  5;  A.  V.  6). 

Ähnlich  ist  Mat.  IV  24: 

L.:  mit  mancherlei  Seuchen  und  Qual  behaftet. 

oe:  chiargios  cun  da  plus  foarts  d'  malatias  &  d'  doluors,  Gr.  11, 

wo   zu   erwarten   wäj-e:    ^chiargios  cun  malatias  rf-  doluors  da 

lüüs  foarts'. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    443 

Nim  setzt  aber  Griti  wie  im  vorigen  Beispiele  'inalatias^  und 
^dohiors\  wovon  der  Genitiv  'da  plus  foarts'  abhängt,  gleichfalls  in 
den  Genitiv,  abhängig  von  'foarts\  also  eine  ganz  komplizierte  Kon- 
struktion, in  der  eine  Kreuzung  des  Germanischen  und  Roraani- 
Bchen  zu  erblicken  ist.  Die  übrigen  Texte  lauten  nach  deutscher 
Art: 

oe:  da   plü    guises    malatias   &    da  doeglias    scbirOs,    K.  274/5  & 
B.  II  12. 
quels  chi  eiran  tribulos  da  diversas  sorts  malattias  &  tormaints, 
M.  6. 
ue:  tgnüds  eun  da  blera  fort  infirmitads,    e  doluors,  V.  D.  5  (wo- 
für Di  od:  tenuti  di  varie  infirmitä,  e  dolori). 
tormentats  con  da  blera  sort  infirmitats  e  dolurs,  A.  V.  6. 
ol:  ca  vevan  da  beara  fort  malfongias,  a  dalurs,  Ga.  14. 

od  eran   plagiai  da  diversas  sorts  malsongias  a  dalurs,  C.  6. 
ca  havevan  da  beara  sort  malsognas  a  dolurs,  F.  8. 

§  84.  Einen  Ausfall  des  Genitivzeichens  bei  der  Apposition 
hat  nur  Bifrun: 

Luc.  XXIV  49. 

€v  jfj  noXei  'l€Qov(TaXrj/ii. 
L. :  in  der  Stadt  Jerusalem, 
oe:  in  la  Citted  Hierusalem,  B.  I  301. 
in  la  cittaed  Hirusale,  B.  11  310. 
(wofür  oe:  in  Jerusalem,  Gr.  287. 
nur:  in  la  citted,  M.  168. 
ue:  in  la  cittä  da  Jerusalem,  V.  D.  110. 

nella*  citta  da  Gerusalem,  A.  V.  107. 
ol:  enten  Jerusalem,  Ga.  386. 
ä  Jerusalem,  C.  152. 
en  Jerusalem,  F.  108). 
Soweit   nicht    eine  sklavische  Nachahmung  des  Griechischen 
vorliegt,  macht  sich  hierin  deutscher  Einfluss  geltend. 

§  85.  Nach  Substantiven  der  Menge  und  des  Masses  steht  im 
ol  vielfach  kein  Genitivzeichen,  so  dass  wir  gleich  dem  Deutschen 
eine  Juxtaposition  haben. 

Ol: 
Luc.  XVI  6:  Tchient  masiras  ieli,  F.  94  (L.:  hundert  Tonneu  Öl). 
Luc.  XVI  7:  Tschient  moggia  salin,  F.  94  (wofür:  tschient  stera 
salin,  C.  132). 
Lut:  hundert  Malter  Weizen. 


*  (im  Text  steht  nel.) 


444  Karl  Hutschenieuther 

Luc.  II  24:  ün  per  turteltubas,  Ga.  248. 
in  paer  turteltubas,  C.  97, 
in  per  turturillas,  F.  71. 
L.:  ein  paar  Turteltauben. 
Luc.  XIV  19:  tschunc  paera  bos,  C.  129. 
tschunc  pera  bos,  F.  92. 
L.:  fünf  Joch  Ochsen. 
Luc.  XIII  21:  en  trei  stera  fr  in  na,  C.  127. 
en  trei  stera  frina,  F.  91. 
L.:  unter  drei  Scheffel  Mehl  (die  nicht  zitierten  ol  Texte 
haben  de). 
Hier  bat  sich  ohne  Zweifel  erst  in  jüngerer  Zeit  mehr  deutscher 
Einfluss   fühlbar    gemacht.     Dieser   Ansicht    ist   auch  Ascoli    (VII 
p.  509/10). 

§  86.    Den  Dativ  ersetzt  in  der  Regel  die  Präposition  ad. 
Bei  Bifruu  fehlt    zuweilen   nach    der   Konjunktion   h  die  Präpo- 
sition im  Wiederholungsfalle: 

Mat.  XV  5. 
oe:  Scodün   quael   chi   disth  agli  bab,    ü  la  niamma,    R.  1471/2; 
B.  II  57. 

§  87.  Bei  Eigennamen  gebraucht  das  oe  auch  einen  doppelten 
Dativ:  ad  +  lateinischen  Dativ. 

Mat.  XT  22. 
oe:  ä  Tyrs  &  ä  Sydoni,  R.  1017/8;  B.  II  70. 
ä  Tyrs  &  Sidoni,  Gr.  36. 

Mat.  XXII  18. 
daer  tribut  ä  Caefari,  Gr.  77. 

sogar  mit  Artikel,  weil  Caefar  als  Gattungsbegriff  gefühlt  wird: 
der  Tg  steaur  agli  Caesari,  R.  2191  &  B.  II  85. 

Job.  XIX  12. 
cunterdifth  ä  Caefari,  B.  I  378;  B.  II  390. 
contradisch  a  Caefari,  Gr.  368. 

Interessant  ist  ferner  der  Vergleich  zwischen  Luc.  III  8.  u.  Job. 
XVI II  24.  Im  ersten  Falle  haben  wir  einen  doppelt  en  Da  tiv,  im 
zweiten  Beispiel  folgt  nach  «  der  Akkusativ: 

Luc   III  8, 
oc:  da  aftdaftder  fü  filgs  ad  Abrahae,  B.  1  202. 


Syntaktiscbes  zu  den  rätoromani  selien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    445 

da  iifchdafchdaer   sU  filgs  ad  Abrahae,   B.  II  205    (wofür; 

•  faer  alvaer  fii  infaunls  ad  Abraham,  Gr.  189). 

Job.  XVIII  24. 

Anas  l'g-    trätet    lio    ä    Caiaphä,    B.  I  375;    B.  II  388  (tiers 
Cajapham,  Gr.  364). 

lu  Luc.  XI  30  ist  ein  doppelter  Dativ  im  Plural: 
oe:  tina  ifaiiia  ä  l's  Niniuitis,  B.  II  241). 

(^i  l's  niuitiS;  B.  I  244  ist  ein  Druckfehler.) 
Mat.  XXII  21,  weist  doppelten  Genitiv  und  Dativ  auf: 
oe:  Daed  dime  aquellas  chioses,  chi*  sim  da  Caesaris,  äCaesari, 
R.  2ly7/99. 
Daed  dimae  aquellas  chioles,  chi  fun  da  C^faris,  ä  Celari, 

B.  II  85. 
Rende  dimaena  que  chi  eis  da  Caefaris  a  Caefari,  Gr.  77. 

§  88.  Den  lateinischen  Ablativ  ersetzen  die  Präpositionen  de + 
ad  (<  da),  doch  ist  im  oe  noch  die  antike  Form  bei  Eigennamen  zu 
finden: 

Mat.  XI  21. 

oe:  in  öijdonis,  R.  101 3 ^  B.  H  40. 
in  Tiro  &  Sidone,  Gr.  35. 

Mat.  XI  23. 
in  Sodomis,  R.  1021;  B.  II  40  (in  Sodoma;  Gr.  36). 

§  89.  Eine  Ellipse  des  Akkusativs  nach  italienischem 
Muster  kommt  vor: 

Mat.  XXVI  67. 

ol:  a  Igi  dennen  cun  pungs,  C.  52. 

Eine  Ellipse  des  Vokativs  ist: 

Mat.  VI  30. 
vytäc  oXiyÖTCKjToi. 
L.:  0  ihr  Kleingläubigen. 
Di  od:  0  uomini  da  poca  fide. 
oe:  0  che  s'fides  poick,  R.  536;  B.  II  21. 
6  da  pochia  fidaunza!  Gr.  19. 
wofür  ue:  o  glieud  da  pauca  cretta,  V.  D.  8. 

ol:  6  vus  da  pitfchna  cardienfcha!  Ga.  25. 

*  (Ulrich  hat  schi,) 


446  Karl  Hutschenreuther 

C.  Das  AdjektiT. 

a.  Der  Gebrauch  des  Adjektivs. 

§  90.    Bei  Bifriin  findet  sich   das  Adjektiv  im  Plural  häufig  un- 
flektiert. 

Mat.  Vn  11: 

0  e :  Schi  uns  dime  siand  mels,  savais  der  b  u  n  drms  ä  uos  infauns, 
R.  577/8. 
Schi  vus  dimae,  fiand  maels,  fauais  der  bun  duns  ä  vos  infauns, 
B.  n  23. 

Mat.  vn  18: 
ün  bü  boesthc  uu  po  fer  mels  früts.    Ne  ün   martsth  boesthc 

po  fer  bun  frütß,  R.  595/6. 
ün  bun  boefchg  nun  po  faer  mael  früts.   Ne  ün  martfch  boefchg 
po  faer  bun  frütS;  B.  II  24. 

Mat.  X  31: 
bgiers  pitschen  passers,  R.  921  (doch:   pitschens,  B.  U  26). 

Marc.  IV  32. 
&  fo  grand  arams,  B  I  131;  B.  ü  133. 

§  91.    Bei  manchen  Adjektiven  hat  sich  im  oe.  und  ol.  der  Plural 
des  Neutrums  invariabel  erhalten. 

oe: 
Mat.  V  18:  par  l'g  uaira  che  .  .  .,  l!.  335/6;  B.  H  14. 
Joh.  IV  18:  Aque  haest  dit  Vg  uaira,  B.  I  317;  B.  II  325. 

que  haeft  dit  Tvaira,  Gr.  302  (L. :  da  hast  du  recht 
gesagt). 
Ein  invariables  Neutrum  Pluralis    scheint    mir  auch  das  meist  als 
Adverb  gebrauchte  ahunda  zu  sein,  und  nicht,  wie  Gröber  p.  78  meint, 
der  Ablativ  der  Femiuinform. 

Mat.  VI  34:  ogni  di  ho  avuonda  da  sia  fadia,  M.  11. 
Mat.  XV  33:  Jnuonder  piglier  nel  desert  paun  avuonda?    M  31. 
Hierzu  zähle  ich  auch  die  Superlative  snmmus  und  imus: 
Mat.  XXIV  31:  da  summa  l's  schils  giu  infin  ima  lur  terms,  R-  2443/4. 
da    fumma  Ts  tfchels   giu    infin    ad    ima    lur    terms, 
B.  II  95. 

Ol: 
Mat.  VI  24:  Minchia  gi  ha  avunda  da  fieu  mal,  Ga.  26;  C.  10. 
Mincha  gi  ha  avunda  da  siu  mal,  F.  10^ 
Mat.  XVIII  32:  Ti  naufcha  fumelg,  Ga.  86. 
Marc.  VII  21:  naufcha  griaments,  Ga.  181. 


Syntaktisclies  zu  den  rätoroinanischpii  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    447 

§  92.  Eigentum  lieb  ist  bei  Bifriin  die  Zerleg-ung-  des  Wortes 
'Übeltäter'. 

Marc.  XV  28. 

oe:  cu  l's  maels  futtuors,  B.  I  181;  B.  II  185. 

§  93.  Die  interessante  syntaktische  Erscheinung  im  ol,  dass  die 
Adjektive  für  den  Singular  des  Maskulins  zwei  Kasus  besitzen,  von 
welchen  die  Form  des  alten  Nominativs  als  rrädikatsform  fungiert, 
während  die  andere  Form  als  Objekt  die  Funktion  des  Attributs, 
des  Präpositional-Kasus,  des  Subjekts  und  des  Neutrums  ver- 
sieht, ist  von  Ascoli  (VII  p.  427/8),  Böhmer  (II  p.  210—225)  und 
Mcyer-Lübke  (§  402)  bereits  eingehend  behandelt  worden. 

Natürlich  ist  auch  in  den  ol.  Bibelübersetzungen  dieser  Unterschied 
streng  gewahrt.    Ein  Beispiel  möge  genügen. 

Joh.  IX  1. 

ol:  A  paffont  fperas  vi,    fcha   val'et  el  ün    carftiaun    tfchiee  da 
nafchienfcha,  Ga.  435  (Attribut!). 
A  passond  speras  vi,    vasett  el  in  carstiaun  ca  fova  tschocs 
da  naschienscha,  C.  172.     (Prädikat!) 

§  94.  Was  die  Kollektivbegriffe  im  Neutrum  Pluralis  anlangt, 
so  werden  sie  syntaktisch  als  Feminina  Singularis  aufgefasst,  so 
dass  also  das  dazugehörige  Adjektiv  (auch  Partizip  etc.)  in  die  Feminin- 
form treten  muss. 

oe: 

Mat.  XXT  19:  la  sula  foeglia,  R.  2064;  B.  II  80. 
Mat.  XXII  4:  mesboufs  &  mia  muaglia   ingrafcheda   es  ama- 
zeda,  R.  2159/60. 
meis  boufs  &  mi  a  muaglia    ingrafheda  eis  ama- 

zeda,  B.  II  84. 
meis    boufs    &    mia   muaglia    ingrafchaeda    eis 

mazzaeda,  Gr.  76. 
meis  bouvs  &  mia  muaglia  ingrascheda  ais  maz- 
zeda,  M.  43. 

ue: 
Mat.  XI  8:  ün  crastian  vefti  eun  viftmainta  mollefina?  V.D.14. 
Ün    crastian    vesti    con    vestimainta    deliziusa? 
A.  V.  15. 

ol: 

Mat.  IX  17:  ün  metta  vin  nief  enten  vafchella  nova,    Ga.  37. 
in  metta  vin  nief  en  vaschella  nova,  C.  14. 


448  Karl  Hutschenreuther 

in  metta  vin  niev  enten  vaschellu  nova;  F.  14. 
Marc.  IV  32:  furveu  gronda  romma,  Ga.  1G4;  C.  64. 
surven  grouda  roma,  F.  48. 

§  95.  Das  11  e  gibt  öfters  Adjektive  durch  Substantive  mit  Präpo- 
sitionen wieder. 

Mat.  XXII  16. 

L, :  wir  wissen,  dass  du  wahrhaftig  bist, 
Di  od:  Doi  sappiamo  che  tu  sei  verace. 

uc:  nus  fuvain  chia  tu  eft  d'vardä,  V.  D,  30. 
nU8  savain  cha  tu  est  da  vardä,  A.  V.  30. 

Mat.  XXV  21. 
L:  Du  bist  über  wenigen  getreu  gewesen. 
Diod:  tu  sei  stato  leale  in  poca  cosa. 

ue:  tu  eft  ftat  d'  fai  in  pauca  chiaufa,  V.  D.  35. 
Tu  est  stat  da  fai  sur  pacas  chosas,  A.  V.  35. 

§  96.  Bezüglich  der  Stellung  der  Adjektive  ist  zu  bemerken, 
dass  diese  gerne  vor  dem  Substantive  stehen,  auch  wenn  letzteres 
mehrere  Attribute  bei  sich  hat.  Hierin  ist  wohl  eine  Annäherung 
an  das  Deutsche  (ähnlich  Z anner  p.  93)  zu  erblicken. 

Mat.  XXV  21. 

ev,  dovXe  ayai^s  xal  nidrs. 

L.:  Ei  du  frommer  und  getreuer  Knecht. 

oe:  E  sto  bain  bun  famelg  &  fidel,  K.  2539/40  &  B.  II  99. 

Bain,  bun  famalg  &  fidel,  Gr.  90. 

0  tu  bun  e  fidel  famagl!  M.  51. 
ue:  E  fta  bain,  bun  e  fidel  famagl,  V.  D.  35  &  A.  V.  35. 
ol:  Ei,  ti  bien,  a  fideivel  fumelg,  Ga.  121  &  F.  37. 

Ai,  ti  bien  a  fideivel  fumelg,  C.  47  (nach  Luther!). 
Wenn  Bifrun  und  Griti  im  Vokativ  in 

Mat.  XIX  16: 
oe:  Maistcr  bun   (K.  1870;  B.  II  73;    Gr.  65)  haben,  so  ist  dies 
eine  Nachahmung  des  Griechischen:  JidäffxaXs  aya&s. 

§  97.    Das  Adjektiv  steht  durchwegs  häufig  an  Stelle  des  Adverbs. 

oe: 
Mat.  IX  30:  Jefus  l's  ho  imnatschos  ferm,  Gr.  29. 
Mut.  XIII  15:  &  haun    udieu    gref  cun    lur    uraglies,    K.    1229/30; 
B.  II  48. 


Syntaktisches  zu  den  lätoromanisehon  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    4i9 

cun  Ins  iiraglies  liaun  eis  greif  iidieii^  Gr.  43, 
COM  lur  uraglias  odau  eis  greiv,  M.  24. 
Luc.  XXII  56:  l'g  giuirdaut  pütif,  B.  I  290;  B.  II  299. 
Mat.  VI  16:  nun  daias  guardaer  fehür,  Gr.  18. 

ue: 

Mat.  V  33:  TU  nun  dest  jürar  faus,  V.  D.  6. 

Tu  nou  dessast  gürar  fos,  A.  V.  7  (Diod:  Non  isper- 
giurarti !). 
Luc.  XXII  56:  Taviand    guardä    fifs,'    V.    D.  105;    A.  V.  103    (auch 
Diod:  guardatolo  fisso). 

Ol: 
Luc.  IV  35:  Quefcli  chiou,  Ga.  260/1. 
Quesche  chiou,  C.  102. 
Quesche  chieu,  F.  74. 
Mat.  V  33:  Ti  deis  bucca  girar  fauls,  Ga.  19;  C.  7. 
Ti  deis  buca  girar  fauls,  F.  9. 
Mat.  XIII  15:  cun  las  orelgias  han  eis  udieu  gref,  Ga.  59. 
cun  lur  urelgias  auden  eis  grev,  C.  23. 
cun  las  OTCglias  han  eis  udiu  grev,  F.  20. 

Diese  Verwechslung  von  Adjektiv  und  Adverb  mag  durch  das 
Deutsche,  wo  ja  Adjektiv  und  Adverb  gleichlauten,  begünstigt 
worden  sein. 

b.  Die  Steigerung. 

§  98.     Bifruu  hat  zuweilen  den  Positiv  statt  des  Superlativs. 

Mat.  V  19. 
iXdxiffToc  xXfjd'ricreTai  ev  zij  ßaaiXsla  rtov  ovqavtSv. 
V.  minimus  vocabitur  in  regno  caelorum. 
L.:  Der  wird  der  Kleinste  heissen  im  Himmelreich, 
oe:  aquel  uain  ä  gnir  anumnö  l'g  pitschan  ilg  ariginam  celestiel, 
R.  342/3;  B.  II  14  (überall  steht  sonst  der  Superlativ). 

§  99.  Eigentümlich  ist  im  oe.  und  ol.  der  Gebrauch  des  Adverbs 
mit  und  ohne  Versetzung  von  plus  -f-  bestimmtem  Artikel  an  Stelle 
des  Superlativs. 

Mat.  V  26. 
L  :  den  letzten  Heller, 
oe:  l'g  plü  dauous  uierer,  R.  369;  B.  H  15. 

l'davous  quattrin,  Gr.  14. 
ol:  ilg  fuenter  haller,  Ga.  18. 
ilg  pli  davos  tschentesim,  C.  7. 


450  Karl  Hutschenreuther 

il  davos    qitatrin,    F.  9  (im   ue:    rultim    qnattrin,    V.  D.  6, 
A.  V.  7;  im  oe:  M.  8;  auch  Di  od:  l'ultimo  quattrioo). 

Mat.  VIII  12. 
oe:  in  las  dauous  sckiiiezzas,  R.  660/1  &  B.  II  26. 

§  100.     Durch  VorsetzuDg  von  Adverbien   vor    das  Adjektiv  wird 
gerne  ein  hoher  Grad  der  Steigerung  ausgedrückt. 

Mat.  IV  8. 
oe:  sü  Un  fick  hot  munt,  R.  234;  B.  II  10. 

fün  ün  fig  ot  munt,  Gr.  10. 

sün  ün  f i  ch  ot  munt,  M.  5. 
ue:  sün  ün  munt  zuond  aut,  V.  D.  5. 

sün  ün  munt  zuond  ot,  A.  V.  6. 
ol:  fin  ün  zunt  ault  culm,  Ga.  12. 

sin  in  fig  ault  culm,  C.  5. 

sin  in  zun  ault  culm,  F.  8. 

Mat.  VIII  28. 
oe:  Et  eran  surmoed  grims,  R.  698;  B.  II  28. 

Mat.  XXIII  27. 
oe:  quaelas  our  da  doura  peran  bain  bellas,  R.  2318. 

quelas  our  dadoura  peran  bain  bei  las,  B.  II  90. 
ol:  paran  bein  bels  or  dadora,  C.  43. 

D.  Das  Zahlwort. 

a.  Die  Grundzahlen. 

§  101.    Unus  steht  vielfach  in  Zusammensetzungen  für  ein  unbe- 
stimmtes Pronomen  oder  Adverb. 

oe. 
Mat.  V  25:  che  ünzacura  (=unus  nonsapitquahora)  Tg  aduerseri 

nun  t'des  in  mann  dclg  giüdisth,  R.  365/6;  B.  II  15. 
Mat.  VI  6:  acciö   ch'els    ünzacura    nun   zampiguen    quellas  cun 
lur  peis,  Gr    20. 

ue. 
Mat.  XXI  3:  E    fch'alchün    s'difch    ünzache  (=   unus   non    sapit 

quid),  V.  D.  28  (aber:  qualchosa,  A.  V.  28). 
Marc.  II  1:  Et  ünzaquants   (=  unus   non  sapit   quantos)    dids 
duvo,  V.  D.  44. 
Ed  ünsaquants  dis  davo,  A.  V.  43. 


Syntaktisches  zu  den  rätorouianiachen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    451 

Ol: 

Marc.  XI  3:  A   scha    an  zach  i   (=  imus  non  sapit  quis)    vus   gi, 

C.  79. 
Mat.  XXI  3:  A  fch'anchin  vus  ven  a  gir  a uz  ach  ei  (=  unus  non 
sapit  quid),  Ga.  96;  C.  37  &  F.  31. 
Joh.  X  1:  anzanunder  (=  uuus  non  sapit unde)  auter,  F.  123. 
Marc.  II  1 :  A   cau   d'anzaquonts    (=  unus    non   sapit   quantos) 
gis;  Ga.  151,  C.  59. 
A  cou  d'  anzaquonts  gis,  F.  45. 

§  102.    Oft  wird  mit  unus  das  deutsche  'es'  oder  'man'  wieder- 
gegeben. 

Luc.  II  1: 

L.:  und  es  ward  ruchtbar. 
oe:  ed  lin  udit  M.  64. 

Mat.  V  13: 

L.:  womit  soll  man  salzen? 

ue:  cun  che  il  voul  ün  infalar?    V.  D.  6. 

con  che  il  voul   ün  insalar?     A.  V.  7    (aber  Di  od:    con  che 
salerassi  egli?). 
ol:  cun  chei  ilg  vult  ün  anfalar?  Ga.  16. 

cun  chei  dein  ins  ansalar?  C.  6. 

cun  chei  il  vult  in  ansalar?  F.  9. 

§  103.    Die   Ausdrücke,   welche    dem   deutschen   'eins   werden, 
entsprechen,  sind  folgendermassen  wiedergegeben: 

Mat.  V  24 

L,:  versöhne  dich  mit  deinem  Bruder, 
oe:  uitten  adüna  cun  tes  frer,  R.  362. 
vetten  adüna  cun  teis  frer,  B.  11  15. 

Mat.  V  25: 

L. :  Sey  willfertig  deinem  Widersacher  bald, 
ol:  Veng    (bauld)    parinna    amigeivelmeng  cun  tia  cuntrapart, 
Ga.  18. 

Nou  gleiti  parinna  cun  tia  cuntrapart,  C.  7. 

Veng  prest  parina  amicheivelmeug  cun  tia  cuntrapart,   F.  9 

§  104.    Für    'etliche    Tausend'    existiert    im  oe.  und  ol.  zum  Teil 
ein  Neutrum  auf  a  als  Zahlsubstautiv. 


452  Karl  Hutscheiireutlier 


Luc.  XII  1. 


oe:  üDa  qiiantited  lainza  iiTumber  d'poeuel,  B,  I  247. 

üua  quuutitaed  fainza  innumber  d'poeuel,  B.  II  252. 

milliaera  d'poevel,  Gr.  231. 

il  pövel  in  milliera,  M,  134. 
iie:  la  quantititä  da  blera  milli  V.  D.  89;  A.  V.  87  (Diod:  la  mol- 

titudine  a  migliaia). 
ol:  in  pievel  da  beara  milli,  Ga.  312  &  F.  88. 

beara  milliära  da  pievel,  C.  123. 

§  105.  Bei  der  Angabe  der  Stunden  zeit  wechselt  die  Grund- 
zahl mit  der  Ordnungszahl. 

Mat.  XX  3. 

L.:  um  die  dritte  Stunde. 

oe:  intuorn  la  terza  hura,  R.  1926;  B.  11  75;  Gr.  67. 

intuorn  la  terz'  ura,  M.  38. 
ue:  intuorn  las  trais  hu  ras,  V.  D.  20  (Diod:  alle  tre  ore). 

intuorn  la  terz'  ura,  A.  V.  27. 
ol:  anturn  la  terz'  hura,  Ga.  92. 

anturn  la  terz'  ura,  C.  35. 

anturn  la  terza  ura,  F.  29. 

Joh.  IV  52. 

L.:  um  die  siebente  Stunde, 
oe:  a  las  fet  huras,  B.  1  320. 

ä  las  fett  huras,  B.  II  328. 

ä  l'hura  fettaevla,  Gr.  305. 

alias  set,  M.  177. 
ue:  alias  fet  huras,  V.  D.  117  (Diod:  a  sette  ore). 

ad  uras  set,  A.  V.  113  (mit  eigenartiger  Nachstellung  der 
Grundzahl!), 
ol:  a  las  fet  huras,  Ga.  407. 

a  las  sett,  C.  101. 

ä  la  settavla  ura,  F.  114. 

§  106.    Bei  der  Angabe  des  Lebensalters  steht  die  Grundzahl. 

Der  romanische  Gebrauch  von  hahere  ist  dabei  neueren  Datums. 
Das  oe.  und  ol.  sind  in  der  Anwendung  von  es&e  vom  Deutschen 
beeinflusst.  Ein  krasser  Germanismus  ist  im  ol.  die  HiuzufUgung 
von  velg,  velgia  (alt),  was  Brandstetter  (p.  81)  als  'nackte  Ver- 
bindung' erwähnt. 


Syntaktisches  zu  den  rätorümaniöclien  Übeisctzuuf^cii  der   vier  Evangelien     453 

Marc.  V  42. 
oe:  ella  ern  da  dudcftb  aus,  B.  I  135;  B.  11  l'M. 
ella  cira  da  dudefch  ans,  Gr.  12G. 
ella  avaiva  dadefcli  aus,  M.  72. 
ue:  1  eira   d'eta    da    dudescb    ans,    V.  D.  49  &  A.   V.  48    (oach 

Di  od:  era  d'etti  di  dodid  aniii). 
ol:  ella  fova  da  dodilcb  ons  velg-ia,  Ga.  170. 
ella  veva  diidisch  ons,  C.  67. 
ella  fova  veglia  da  dudiseli  onns,  F.  50. 
Den  gleichen  Germanismus  im  ol.  zeigt,  Mat.  H  IG: 
ol:  a  figet  mazar  tut  ils  uffonts   ca  fovan  a  Bethlehem,   a  l'in  tut 
Heu  antfehiess,  da  dus  ons  velgs,  Ga.  7. 
...  da  d US  onus  velgs,  F.  6  (doch  nur:  da  dus  ons,  C.  3). 

§  107.  Eigentümlich  ist  im  oe.  und  zuweilen  ue.  die  Trennung 
der  Grundzahl  vom  zugehörigen  Substantiv  durch  das  PorrelTiv- 
pronomen. 

Mat.  XI  2. 

ovo  xdäv  f.iad^?]ta)V  uvtov. 
L.:  seiner  Jünger  zween. 
oe:  du  OS  ses  di  sei  puls,  R.  965/6. 

duos  (eis  di  feipuls,  B.  II  38.    (Ebenso  Marc.  XIV  13). 

Mat.  XX  21. 
ol  dvo  vloi  i-iov. 
L. :  Diese  meine  zween  Söhne, 
oe:  aquaists  duos  mes  filgs,  R.  1970. 
aquaifts  duos  meis  filgs,  B.  II  76. 

quaifts  duos  meis  filgs,    Gr.  69  (aber:    quaists   mieus  duos 
figls,  M.  39). 
ue:  quaifts  duos  meis  filgs,  V.  D.  27;    A.  V.  27    (doch  Diod: 

questi  miei  due  figliuoli). 
ol:  aber:  queft  mes  dus  filgs,  Ga.  94. 

quests  mes  dus  filgs,  C.  36;  F.  29. 

b.  Die  Ordnungszahlen. 

§  108.     Verbindungen  mit  yrimus  sind  im  ol.  häufig. 

Mat.  V  43. 
L.:  Du  sollst  deinen  Nächsten  lieben. 
ol:  Ti  deis  taner  char  tieu  parmer  carftiaun,  Ga.  20. 

Ti  deis  tener  car  tieu  parmer  carstiaun,  C.  8. 

Ti  deis  tener  car  tiu  parmer  carstian,  F.  10. 


454  Karl  Hutschenreuther 

Luc.  II  7. 
L.:  ihrem  ersten  Sohn. 
ol:  ilg  amparmer  nafcheu,  Ga.  246. 

ilg  amparmer  nasch ieiT,  C.  96. 

igl  amparmer  naschiu,    F.  71    (hierfür   primogenit  im  oe, 

und  ue.). 

§  109.  Die  Ordnungszahlen  auf  ^avel^  eveV  treten  im  älteren  oe. 
und  ue.,  zumal,  \Yeun  sie  länger  als  das  Substantiv  sind,  gerne  hinter 
dieses. 

Luc.  III  1. 

L.:  In  dem  fünfzehnten  Jahr  des  Kaisertums  Kaisers  Tiberii, 

oe:  ilg  an  quindefthaeuel    dalg    imperi    da    Tiberij   Caefaris, 

B.  I  201;  B.  n  204. 

in  Tquindelchaevel    ann  de   l'imperi  da   Tiberij  Caefaris, 

Gr.  188. 
nel  quindeschevel  an  del   imperatur  del  Tiberio,   M.  108. 
ue:  n'il    ann   quindeschavel    dal    imperi    da    Tiberio    Cefare, 
V.  D.  73. 
nel  quindeschavel  an  del  imperi  da  Tiberio  Cesare,  A.V.  71. 
ol:  ent  ilg   quindifchnvel    on    d'ilg    Imperi    d'ilg    Imperadur 
Tiberius,  Ga.  252. 
ilg  quindischavel  onn  dilg  imperi  dilg imperadur Tiberius, 

C.  99. 

en  11  quindischavel  onn  digl  imperi  digl  imperadur  Tibe- 
rius, F.  72. 

c.  Die  Vervielfältigungszahlen. 

§  110.  Gewöhnlich  treten  für  die  Vervielfältigungszahlen  Um- 
schreibungen ein :  im  oe.  und  ue.  mit  volta  (wie  im  Italicnischen) 
oder  volta  +  tantum,  im  ol.  mit  dubel,  vicata  oder  vicata  + 
tantum.  Hie  und  da  steht  auch  die  Grundzahl  statt  der  Verviel- 
fältigungszahl. 

Luc.  XVIII  12. 

oe:  duos  uuotes  Thema,  B.  I  270. 

du  OS  voutes  l'heifna,  B.  II  278. 

duos  voutas  l'eivna,  Gr.  256;  M.  148. 
ue:  duas  voutas  leivna,  V.  D.  98. 

duos  voutas  Teivna,  A.  V.  96  (Di od:  due  volte  la  settimana). 
ol:  duas  gadas  l'emna,  Ga.  344:  C.  1.36. 

duas  gadas  l'emda,  F.  97. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    455 

Mat.  Xni  8. 

L.:  etliches  hundertfältig;  etliches  aechzigfältig,  etliches  dreissig- 
filltig. 

oe:  alchüns  bain  schient  uuotes  taunt,  &  alchitins  sasaunta 
uuotestaunt,  &  alchiüns  trCta  uuotes  taunt,  K.  1213/15. 
alchiüns  bain  tfchient  vontes  taunt,  &  alchitins  fafaunta 
voutes  taunt,  &  alchiüns  trenta  voutes  taut,  B.  II  47. 
l'tin  Ichient,  Toter  felTaunta,  &  Toter  trenta,  Gr.  42  (nach  dem 
Griechischen:  o  jxEy  ixarov,  Ö  de  s^rixovra,  6  de  xqiättovza). 
Tun  tschient,  Toter  sesaunta  e  Toter  trenta  sems,  M.  24. 
ue:  quäl  graunet  cent,   quäl  falauta,    quäl  trenta,    V.  D.  17  (nach 
Diod:  quäl  granel  cento,  quäl  sessanta,  quäl  trenta), 
quäl  granet  tschient,  quäl  sesanta,  quäl  trenta,  A.  V.  18. 
ol:  tal  granitfch  tfchient,  tal  fifonta,   tal  trenta,    Ga.  58  &  F.  20. 
tal  granitsch  tschient,    tal  sisonta,    tal  trenta  dubels, 
C.  22. 

Mat.  XIX  29. 
L. :  hundertfältig. 
ue:  cent  voutas  taunt,  V.  D.  26  (Diod:  cento  cotanti). 

tschient  voutas  tant,  A.  V.  27. 
ol:  tfchient  dubels,  Ga.  91;  C.  35;  F    29. 

Luc.  XIX  8. 
L.:  vierfältig. 

ol:  quatter  gadas  tont,  Ga.  349;  C.  137. 
quatter  gadas  tont,  F.  98. 

d.  Allgemeine  Zahlbegriffe. 

§  111.  An  die  vStelle  von  'multus'  ist  oe.  bgier,  bger; 
ue.  bler;  ol.  bear  (aus  jjleriqiie^  M.  L.  p.  G6)  getreten.  Zuweilen 
steht  auch  grandis,  das  eigentlich  'gross'  heisst,  und  von  der  Aus- 
dehnung im  Raum  auf  die  Masse  übertragen  wird. 

Ferner  werden  Substantiva,  die  einen  Mengebegriff  ausdrücken 
in  Verbindung  mit  der  Präposition  de(da)  gebraucht. 

Mat.  IV  35. 
oxXoi  noXXol  =  L.:  viel  Volks. 
oe:  ün  gräd  poeuel,  R.  277;  B   11  12. 

bger  poevel,  Gr.  11;  M.  6. 
ue:  bler  pövel  V.  D.  5;  A.  V.  6. 
ol:  bear  pievel,  Ga.  14;  C.  6;  F.  8. 

Romanisobe  Forschungen  XXVII.  29 


456  Karl  flutschenreuther 

Mat.  VI  7. 
kv  t^  noXvXoyicc. 

L. :  wenn  sie  viele  Worte  machen, 
oe:  tres  lur  bgier  schäscher,  R.  469. 

tres  lur  bgier  tfchanlcher,  B.  II  19. 

tres  lur  bg-ers  plaeds,  Gr.  17. 

per  la  quantited  da  lur  pleds,  M.  9  (nach  V.  D.). 
ue:  tras  la  quantitä  da  lur  pleds,  V.  D.  7;   A.  V.  8  (nach  Di  od: 

per  la  moltitudine  delle  lor  parole). 
ol:  paramur  da  lur  beara  tfchontfcha,  Ga.  22  &  C.  9. 

paramur  da  lur  beara  tsehontscha,  F.  10. 

Mat.  XIX  22. 

fiv  yaq  e'xMv  xtrj^iaTa  nolXa. 

L. :  denn  er  hatte  viele  Güter. 

oe:  Per  che  el  hauaiua  bgi  erraspuseschiuns,  R.  1885/6;  6.1173. 

per  che  el  havaiva  bgerra  roba,  Gr.  66. 

perche  el  possedaiva  bgers  bains,  M.  37. 
ue:  perche  el  haveiva  granda  richeza,  V.  D.  26. 

perche  el  avaiva  granda  richezza,  A.  V.  26  (Di od:  perciochö 

egli  avea  molte  ricchezze). 
ol:  parchei  ch'el  veva  beara  rauba,  Ga.  90. 

parchei  el  veva  beara  rauba,  C.  35, 

parchei  el  haveva  beara  rauba,  F.  28. 

§  112.     Im    Gebrauch   von   de  (da)  +  Artikel    nach  oe.    bgiers, 
bgers,'  ue.  blers,   ol.  bears  herrscht  grosse  Willkür. 

Meist  war  der  griechische  Text  für  die  Überletzung   massgebend. 

Mat.  ni  7. 

noXXovq  tüiv  OaQidaloov  xai  ^addovxaicov. 

oe:  bgiers  dals  Phariseers  &  Saduceers,  R.  171/2  &  B.  II  8. 

bgers  dels  Pharileers  &  Sadduceers,  Gr.  8. 

bgers  Fariseers  e  Sudduceers,  M.  4. 
ue:  blers  dals  Farifeers,  e  dals  Saduceers,  V.  D.  4. 

blers    dels    Fariseers  e  dels   Saduceers    (Di od:    molti   de 
Farisei  e  de'  Sadducei)  A.  V.  5. 
ol:  bears  d'ils  Phariseers,  a  Sadduceers,  Ga.  9. 

bears  dils  Phariseers  a  Sadduceers,  C.  4;  F.  7. 

Mat.  IX  10. 
TioXXot  T sXdHvcd  aal  afiaQtoiXol. 
oe:  bgiers  dels    publichauns  &  pechiaduors,  R.  747/8  &  B.  11  30. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    457 

bgers  publichiaiius  &  pchiaduors,  Gr.  27. 

bgers  p  üblich auns,  e  pchaduors,  M.  15. 
iie:  blers  pu  blich  aus,  e  pecchadnors,  V.  D.  11. 

blers   p  üblich  aus,    e  pecchadurs,    A.  V    12  (Diod:    molti 
publieani  e  peccatoii). 
ol:  bears  Zollers,  a  pueconts,  Ga.  36. 

bears  daziers  a  pueconts,  C.  14. 

bears  publicans,  a  pueconts,  F.  14. 

§  113.    Zuweilen  nimmt  bger  mit  einem  Substantiv  verbunden  ad- 
jektivische Bedeutung-  an. 

Luc.  II  36. 

avrri  nQoß8ßr]xina  iv  ^{isoaig  noXXalq. 

L,:  die  war  wohlbetaget. 

oe:  quella  eira  da  bgerra  aetaed,  Gr.  186. 

§  114.    Das  deutsche  'viel  mehr'  (ital.  =  dn  molto  piü)  ist  wieder- 
gegeben : 

Mat.  VI  26. 

oe:  da  loensth  plü  inauaunt,  R.  525/6;  B.  11  21. 

da  plü,  Gr.  19 

bger  da  pU*,  M.  10. 
ue:  da  hier  plü,  V.  D.  8. 

bler  da  plü,  A.  V.  9. 
ol:  bear  pli  (buns),  Ga.  25 

bear  pli,  C    10. 

bear  da  pli,  F.  11. 

§  115.     Auch  einer  Steigerung  ist  bger,  bear  fähig. 

Mat.  XI  20. 
al  nXti(TTCci  övvdfxatg  avxov. 
L. :  am  meisten  seiner  Taten, 
oe:  bgierras  sias  uirtüds,  R.  1010;  B.  II  39/40. 
bgerras  fias  virtüds,  Gr.  35. 
ils  plü  bger 8  da  sieus  miraculs,  M.  20 
ue:  la    maer    part    da    fias    potentas    operatiuns,    V.  D,  14  (nach 
Diod:  la  maggior  parte  delle  sue  potenti  operazioni). 
la  mer  part  da  sias  potentas  operaziuns,  A.  D.  15. 


*  pü  hat  im  o  e.  ein  Feminin  und  wird   flektiert.    Luc.  XI  53.    dumander 
our  da  püssas  chosas,  M.  134. 

29* 


458  Kavl  Hutschenreuther 

ol:  las  pli  bearas  da  fias  ptiffentas  ovras,  Ga.  48-  F.  17. 
las  pli  bearas  da  slas  ovras  pussentas,  C.  18/19. 

§  116.  Ferner  fungieren  im  ol.  'bearezia'  und  'bearira'  als 
unbestimmte  Zahlsubstantive. 

Luc.  I  10. 

ol:  A  tut  la  bearezia  d'ilg  pievel  fteva  or  dadora,  Ga.  237. 
A  tutta  la  bearezia  dil  pievel  steva  ordadora,  F.  G8. 

Luc.  V  6. 

ol:  A  cur  ei  vennen  faig  quei,  pilgiannen  eis  bearira  da  pescs, 
C.  103. 

§  117.  Das  lateinische  paucus  hat  sich  als  oe.  pog,  poug, 
poick,  poch,  poch;  ue.  pauc,  pac;  ol.  pauc  erhalten.  Neben 
paucus  tritt  gleich  dem  Rumänischen  und  Provenzalisehen  (M.  L.  p.  66) 
auch  pitschen  auf, 

Luc.  X  2. 
ol  de  Sgyazai  oXiyoi. 
L.:  Der  Arbeiter  aber  ist  wenig. 

oe:  l's  lauuraius  fuu  pougs,  B,  I  237;  B.  H  241;  (Mat.  VE  14: 
pogs  suu,  R.  587  &  B.  ü  23). 

l's  lavuraints  pochs,  Gr.  221. 

poch 8  sun  ils  lavuraints,  M.  128. 
ue:  'Is  lavuraints  lun  paucs,  V.  D.  85. 

'Is  lavuraints  sun  pacs,  A,  V.  84, 
ol:  luvrers  paucs,  Ga.  298. 

paucs  ils  luvrers,  C.  117. 

lavurers  paucs.  F.  85. 

Mat.  VI  30. 
vf.iäg  bXiylni(TTOt. 
L.:  0  ihr  Kleingläubigen, 
oe:  ö  che  s'fides  poick,  R.  536;  B.  II  21  (=  paucum). 

0  da  pochia  fidaunza!  Gr.  19. 

0  vus  da  pitschna  cardienscha,  M.  10. 
ue:  0  glieud  da  pauca  cretta,  V.  D.  8. 

0  glieud  da  paca  cretta,  A.  V.  9. 
ol:  o  vus  da  pitfchna  cardienfcha;  Ga.  25;  C.  10;  F.  11. 

'Ein  wenig'  ist  durchwegs  mit  paucus  wiedergegeben, 

Mat.  XXVI  39. 
fjiixQov.  —  Di  od:  un  poco. 


Syntaktisches  zu  don  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    459 

oe:  un  p6,  R.  2703;  B.  II  105;  Gr.  95. 

tin  pö,  M.  54. 
ue:  ttn  pTi,  V.  D.  37;  A.  V.  37. 
ol:  ampaiig,  Ga.  129. 

ampan,  C.  51;  F.  39. 

§  118.  *So  viel'  lautet  meist  taunt,  tant,  tont  (lut.  tantus)  und 
ist  im  Plural  oft  unflektiert. 

Andere  Wiedergaben  sind  mit  oe.  abiindus,  tantus  +  plerique, 
ue:  sie  +  grandis,  tantus  +  maguus,  ol.  sie  +  graudis. 

Mat.  XV  33. 

Jlod^ep  Tiiiiv  iv  xfi  €Qi]fila  aqxoi  xoffovtot,  Mffze  xo^täcrcii  o%Xov 
roaovrov; 

L.:  Woher  mögen  wir  soviel  Brod  nehmen  in  der  Wüste,  dass 
wir  so  viel  Volk  sättigen? 

oe:  Innuonder  ä  uns  in  ün  suluedi  taunt  pauns  nus  assadulassen 

taunta  lieud?  R.  1538/40. 
Innonder  ä  nus  in  lin  fuluaedi  taunt  pauns  nus  afladulaffen 

taunta  lieud?  B.  n  60. 
Innuonder  ä  nus  in  l'defert  taunts  pauns,    per  faduler  taunt 

poevel?  Gr.  54. 
Innonder    piglier    nel    desert   paun    avuonda,    per    saduller 

taunta  glieud?  M.  31. 
ue:  Innonder  vuleffen  nus  havair  in   ün   defert  taunt    pauns,    cbi 

baftaffen  ä  laduUar  üna    tamogna*   quantitä?    V.  D.  21. 
Dinnonder    volet^san   nus    avair   in    ün   lö  desert    tant    paus, 

chi    bastassan,    a  sadular    üna    usche    granda    quantitä? 

A.  V.  21.     (Diod:  Onde  avremmo  in  un  luogo  diserto  tanti 

paui,  che  bastassero  a  saziare  una    cotanta   moltitudine?) 
ol:  Nunder    lein    nus  ent  ilg   dafiert    furvangir  tonts  pauns,   da 

duftar  la  fom  ä  tont  pievel?  Ga.  73. 
Da  nunder  lein  nus  survegnir  tont  paun  enten  ilg  dasiert,  da 

dustar  la  fom  ä  tont  pievel?  C.  28. 
Nunder  volein  nus  en  il  desiert    survegnir   tonts  pauns,    da 

dostar  la  fom  ä  tont  pievel?  F.  24. 

Germanismus  ist  sicherlich  der  Gebrauch  von  tantus  +  plerique. 

Job.  VI  9. 
L.:  unter  so  viele. 

oe:  traunter  taunts  bgiers,  B.  I  236. 
trauter  tauns  bgiers,  ß.  II  334. 

^'  V.  D.  II  durch  tanta  ersetzt.    Looser  p.  597. 


460  Karl  Hutschenreuther 

Möglicherweise  ist  auch  die  Anwendung  von  sie  +  grandis  statt 
tantus  durchs  Deutsche  beeinflusst. 
ue:  vergl.  p.  85  A.  V.  (Mat.  XV  33). 

Mat.  Vm  10. 

ovds  iv  T(S  ^iGqari'k  Toaavrriv  nC(Tttv  svqop. 

ol:  jou  hai  pir  buc  enten  Israel  afflantinna  fchi  gronda  cardi- 
enfcha,  Ga.  32, 
iicineins  en  Israel  hai  jou  aflau  inua  schi  gronda  cardienscha 

C.  12. 
jou  hai  pir  buc  enten  Israel  afflau  Ina  schi   gronda  cardi- 
enscha, F.  13. 

§  119.  Dem  italienischen  altrettanto  cutspricht  ue.  auter 
taunt,  oter  tant  und  ol.  auter  tont. 

Luc.  VI  34. 

iva  cinoXäßuxTi  xd  l'(Ta. 

L.:  auf  dass  sie  gleiches  wieder  nehmen. 

Diod:  per  riceverne  altrettanto. 

oe:  par  arfchaiuer  taunt  fcunter,  B.  217 

par  artfchainer  taunt  fc unter,  B.  II  220/1. 

per  artfchaiver  taunt,  Gr.  203. 

per  artschaiver  darcho  l'istess,  M.  116. 
ue:  per  ardfchaiver  auter  taunt,  V.  D.  78 

per  ardschaiver  oter  tant,  A.  V.  76. 
ol:  par  ratfchaiver  tont  a neunter,  Ga.  272. 

par  ratscheiver  aut ertont  l'ancunter,  C.  107. 

par  retscheiver  tont  anc unter,  C.  107. 

§  120.    Mit  tont  gibt  C  arisch  auch  deutsches  'also'  wieder. 

oi'xl  xal  ol  TsXolvat  ovtm  noiov(Tiv\ 

L. :  Tun  nicht  die  Zöllner  auch  also? 

ol:  Fan  bucc  er  ils  daziers  tont?  (hierfür  oe.  aque,  R.  423; 
B.  II  17;  uschea,  Gr.  16;  M.  9.  —  ue.  il  (umgiaunt, 
V.  D.  7;  ilsumgiant,  A.  V.  8.  —  ol.  afchia,  Ga.21;F.  10.) 

§  121.  Für  talis  findet  sich  im  ol,  taugien,  tanien  (von  ta— 
menti,  Asc.  VII  p.536),  das  später  flektiert  wurde  (Feminin:  tanienta). 

Dass  dies  Wort  jetzt  vergessen  ist,  wie  Gärtner  (§  130)  meint, 
möchte  ich  nicht  behaupten. 

Marc.  VI  2. 
L.:  solche  Taten. 


Syntaktisclies  zu  den  rjitoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    461 

ol:  t.ingieu  puffeutas  ovras,  Ga,  171. 
tanientas  ovras,  C.  G7. 
tanientas  ovras  pnssentaS;  F.  51. 

Mat.  VI  14. 

tangicn  puflbnzas,  Ga.  173. 
tanientas  pussonzas,  F.  51. 

Job:  XIV  9. 

Jon  fiint  tiers  vus  ttn  tangien  lenips,  Ga.  464. 
Tanient  temps  sund  jou  cun  vus,  C.  183. 

§  122.  Die  Einzahl  omnis  (=  all)  gebraucht  im  oe.  nur  Menni 
und  ist  im  ue.  wohl  infolge  italienischen  Einflusses  sehr  beliebt. 

Im  oe.  steht  sonst  dafür:  inmünchia,  scodün  oder  totus,  im 
ol.  stets  minchia,  mincha  (=  omni  unqa[m]  Asc.  VII  441). 

Häufiger  wird  im  oe.  und  ue.  'omnis'  für  das  adjektivische  'jeder, 
ein  jeglicher'  gebraucht. 

Mat.  Xn  31. 

näaa  äfiaQzlu  xal  ßXu(T(frjf.iin. 

V.:  Omne  peccatum  et  blasphemia. 

L.:  Alle  Sünde  und  Lästerung. 

oe:  Scodün  pchio,  et  scodüua  blastemma,  II.  1122;  B.  II  44. 

Tuot  pchio  &  blaftema,  Gr.  39. 

Ogni  pcho  e  blastemma,  M.  22. 
ue:  Ogni  puchia,  e  blaftemma,  V.  D.  16. 

Ogni  pucha,  e  blastemma,   A.  V.  16.    (Diod:    Ogni   peccato 
e  bestemmia.) 
ol:  Minchia  puccau,  a  blaftemma,  Ga.  54;  C.  21. 

Mincha  puccau  a  blastemma,  F.  19. 

Mat.  XII  36. 
ndv  QJjfia  ccQyöv. 
V.:  omne  verbum  otiosum. 
L.:  von  einem  jeglichen  unnützen  Wort, 
oe:  dimmünchia  pled,  laschatif,  R.  1138/9  &  B.  II  44. 
da  fcodün  plaed  lafchantif,  Gr.  40. 
d'ogni  vaun  pled,  M.  23. 
ue:  d'ogni    malnüz    pled,    V.   D.  16;    A.  V.  17.     (Diod:    d'ogni 

oziosa  parola). 
ol:  da  minchia  malnizeivel  plaid,  Ga.  55;  C.  21. 
da  mincha  inutil  plaid,  F.  19. 


462  Karl  Ilutschenreuther 

'Nicht  alle'  {ov  nag.  —  V.:  non  omnis  =  Diod:  non  chiiinque) 
lautet: 

oe:  Brichia  imünch'  tin,  R.  599/600;  B.  II  24  (substantivisch, 
aus:  om7ii  miqnafmj  +  unus). 

Brichia  fcodUn,  Gr.  21. 

Bricha  scodtin,  M.  12. 
ue:  Brichia'  minchün,  V.  D.  9. 

Bricha  minchün,  A.  V.  10. 
ol:  Bucca  minchün,  Ga  ^9. 

Bucca  miuchin,  C.  11. 

Buca  minchin,  F.  12. 

§  123.    Qualunque   (=  allerlei)   im   ue.   ist    ohne   Zweifel  dem 
Italienischen  entlehnt. 

Mat.  X  1. 

xal  d^eqccnsvsiv  ndffav  vogov  xai  näaav  (xakaxiav. 

V.:  et  curareut  omnem  lang-uorem  et  omnem  infirmitatem. 

L.:  und  heileteu  allerlei  Seuche,  und  allerlei  Krankheit. 

oe:  &   guarir    inmünchia    malatia    S,    inmünchia    infirmitaed, 

R.  846;  B.  ü  33. 

&  guuriffen  fcodüna  malatia,    &  fcodüna  infirmitaet,  Gr.  30. 

e  da  guarir  ogni  sort  da  malattias  edognisort  infirmiteds, 

M.  17.     (Germanismus.    Hierüber   auch    Asc.   VII  p  510). 

ue:  e  da    guarir    qualunque  malatia,    e  qualunque    infirniitä, 

V.  D.  12;  A.  V.  13  (nach  Diod:   e  da  sanare   qualunque 

malattia  e  qualunque  infirmitä). 

ül:  a  madagar  minchia  malfongia,  a  minchia  malatia,   Ga,  40. 

a  da    madagar   minchia    malsongia    a   minchia   fleivlonza, 

C.  15. 
a  madagar  mincha  malsogna  a  mincha  malatia,  F.  15. 

§  124.     Der    lateinische   Plural    omnia  (=  alle)    ist    durch    totus 
verdrängt. 

Mat.  IV  8. 

näffag  tag  ßaaiXeCag  tov  xocr/^iov. 

V.:  omnia  regna  mundi. 

L.:  alle  Reiche  der  Welt. 

oe:  tuot  ariginams  dalg  muond,  R.  235;  B.  II  10. 

tuots  reginams  del  niuond;  Gr.  10. 

tuots  ils  reginams  del  muond,  M.  5. 
ue:  tuot  ils  reginoms  dal  muond,  V.  D.  5. 

tuot  ils  reginams  del  muond,  A.  V.  6. 


Syntnktischcs  zu  den  riitoromanisclicn  Übersetzungen  der  vier  Eviingelieu    463 

ol:  tut  ils  ragiiiavels  d'ilg-  Mund,  Gii.  12. 
tutts  ils  rcgiunvels  dilg-  muud,  C.  5. 
tuts  ils  reginavels  dil  mund,  F.  8. 

Luc.  II  19. 

L.:  alle  diese  Worte. 

oe:  tuotta  aquaifta  uerua,  B.  I  107;  B.  II  200. 

tuots  quuifts  phieds,  Gr.  185. 

tuots  quests  ])leds,  M.  106. 
ue:  tuots  quaifts  pleds,  V.  D.  71;  A.  V.  69. 
ül:  tut  quefts  plaids,  Ga.  247/8. 

tuts  qucls  plaids,  C.  97. 

tuts  quests  plaids;  F.  71. 

Wie  ersichtlich  ist  totus,  besonders  in  den  älteren  Übersetzungen, 
häufig  unflektiert. 

§  125.  Eine  ganz  eigenartige  Erscheinung  ist  im  oe.  Bifruns 
Gebrauch  des  Adverbs  'zuond'  für  totus.  Zuond,  welches  in  diesem 
Falle  nicht  als  Adverb,  sondern  als  unbestimmtes  Zahlwort  ge- 
fühlt wird;  ist  auch  eines  Plurals  fäbig. 

Luc.  XII  7. 

dXXa  xal  al  rgixsg  rtjg  x€(faXrjg  viiuiv  ndcrai  TjQi&firiPTui. 

L.:  Auch  sind  die  Haare  auf  unserem  Haupt  alle  gezählet. 

oe:  Taunt  plü  er  Ts  chiauels  da  uos  chio  fun  zuonds  innumbros, 

B.  I  248. 
taunt  plü  eir  l's  chiauels  da  vos  chio    fun  zuonds  inumbros, 

B.  II  253  (sämtliche  anderen  Übersetzer  verwenden  totus). 

§  126.  adsatis  (=  genug)  ist  im  oe.  dem  Neutrum  avuonda 
(auch  hauuonda),  ol.  avunda  (von  ö^wwcZms)  gewichen.  Im  ol.  trifft 
man  auch  das  Adverb  davon z  und  das  Adjektiv  abundont. 

Luc   XXH  38. 
V.:  satis  est. 
L.:  es  ist  genug. 

oe:  Eilg  es  auuonda,  B,  I  288. 
Eilg  eis  auuonda,  B.  II  297. 
L'eis  avuonda,  G.  275. 
ol:  Hg    eis   avunda,    Ga.  369;    C.  146;    F.  104    (hiefür:    bastal 
M.  160;  V.  D    105;  A.  V.  103;  auch  Di  od). 


464  Karl  Hutscheiireuther 

Andere  Beispiele  sind: 

Marc.  XIV  56. 

oe:  &  nun  eran  pardüttas  hauuonda  fufficiaintaS;  B.  I  177. 
&  nun  eran  pardüttas  auuonda  fufficiaintas,  B.  H  181. 

Mat.  VI  34. 
ogni  di  ho  avuonda  da  sia  fadia,  M.  IL 

Marc.  11  2. 
cha'l  spazi  davaunt  l'üsch  non  eira  pU  grand  avuonda,  M.  64. 

Marc.  XII  44. 

V.:  ex  eo,  quod  abundabat  Ulis. 

L.:  von  ihrem  Übrigen. 

ol:  quei  ch'els  ban  davvnz,  Ga.  212. 

quei  ca  eis  han  davunz,  C.  83. 

quei  ca  eis  han  abundont,  F.  61. 

§  127.    Lateinisches  nimium  fand  ich  nur  im  ol, 

Luc.  XII  29. 
a  sguleias  bucca  mengia  ault,  C.  124. 

§  128.    Das  lateinische  aliquis  hat  sich  erhalten  in: 

oe:  alchiün,  alcbtin,  qualchün,  üuqualchiün,    tiu  qualch, 
ün  qualche. 

ue:  alchün. 

ol:  anchin. 

Doch  finden  sich  hiefür   auch    tiberall    Umschreibungen   mit  'tinus 
non  sapit  quis'. 

Für  aliquid  finden  vrir: 

oe:  alchiofa,  qualchiofa,  qualchosa,  ünqualchiosa. 

ue:  qualchiaufa,  qualchosa. 

ol:  anqual  caussa. 

Auch   hier   w^crdeu    öfters    Umschreibungen   mit   ^inws    non   sapit 
quid'  gebraucht. 

Marc.  XI  25. 

L.:  wo  ihr  etwas  wider  jemand  habt. 

oe:  fchi  uus  hauais  alchiofa  incunter  alchiün,  B.  I  162. 

fchi  vus  hauais  qualchiofa  incunter  alchiün,  B.  II  165. 

fcbavus  havais  alchüna  chioffa  incunter  qualchün,  Gr.  152. 

scha  vus  avais  qualchosa  cunter  alchün,  M.  87. 


Syntaktiscliea  zu  dt>ii  rätoroinaiiiscliou  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    465 

ue:  fcha  vus  havais  qualclilaufa  contr'ad  alcbün,  V.  D.  58  (nach 
Diod:  se  avete  qualclie  cosa  contr'ad  alcuno). 

sclui  vus  avais  qualchosa  contra  alchün,  A.  V.  58. 
ol:  fcha  vus  veits  an  quäl  caussa  ancuntcr  anchin,  Ga,  205. 

scha  vus  veits  anqual  cauffa  ancunter  anzachi,  C.  80. 

scha  vus  haveits  anqual  caussa  ancunter  anchin,  F.  50. 

Mat.  XXI  3. 

L.:  Und  so  auch  jemand  etwas  wird  sag-en. 

oe:  Et  schi  ünqualchiün  disth  ünqualchiosa  ä  uus,  li.  2021/2. 
Et  fch'  ünqualchiün  difch  ünqualchiosa  ä  vus,  B.  IT  79 
E  seh' alchün  disch  qualchosa  a  vus,  M.  40. 

ue:  E  Ich'  alchün  s'difch  ünzache,   V.  D.  28. 
E  seh' alchün  as  disch  qualchosa,  A.  V.  28. 

ol:  A  fch' anchin  vus  ven  a  g-ir  anzachei,  Ga.  96;  C.  37;  F.  30. 

Luc.  IX  19. 
L.:  Der  alten  Propheten  einer, 
oe:  ün  qualch*  profet  dals  uylgs,  B  I  235. 
ün  qualche*  profet  dals  velgs,  B  11  237. 

§  129.  Die  unbestimmte,  kleinere  Zahl  'etliche'  ist  bei  Bifrun 
mit  dem  veralteten  'uerquants'  wiedergegeben. 

Mat.  XXIII  34. 
L.:  und  etliche  werdet  ihr  geissein 
oe:  &  uerquäts  dels  gnis  ad  amiizer,  R.  2534/5. 

&  verquants  dels  gnis  ad  amazaer,    B.  II  91    (biefür    steht 
oe.  u.  ue.  alchüns;  ol.  anchins). 

E.  Das  Fürwort. 

Zu  den  syntaktischen  Bemerkungen  bezüglich  des  Fürworts  bei 
Ascoli  (VII  p.  445—56),  Gärtner  (§  108—130),  Meyer-Lübke 
(p.  71  ff.),  sowie  neuerdings  bei  Augustin  (§  92— 100),  Brandstetter, 
Candrian  (§  131—140),  Looser  (§  203—213),  Michael  (§  92-100), 
Pult  (p.  147 — 152),  will  ich  in  knapper  Darstellung  einige  beachtens- 
wertere Erscheinungen  hinzufügen. 

a.  Persönliche  Fürwörter. 
§  130.    Das  unbetonte  Fürwort   steht  oft   besonders  im  oe.  und 
ol.  iin  Stelle  des  betonten. 

Job.  XIV  28. 
L.r  Denn  der  Vater  ist  grösser  denn  ich. 

*  adjektivisch! 


4G6  Karl  Hutschenreuther 

Diod:  conciosiacosachö  '1  Padre  sia  maggiore  di  me. 

Seg:  car  le  Pere  est  plus  grand  que  moi. 

oe:  per  che  I'g  bab  es  mer  co  nu  faia  eau,  B.  I  364. 

p  che  I'g  bab  eis  raer  co  nu  faia  eau,  B.  II  375. 

per  che  1'  Bab  eis  plü  grand  co  eau,  Gr.  352. 

perche  mieu  Bap  ais  pil  grand  co  eau,  M.  201. 
ue:  aber  richtig:  per  che  chia  1  Bap  ais  maer  da  mal,  V.  D.  134. 

perche  '1  bap  ais  magiur  da  mai,  A.  V.  130. 
ol:  parchei  ch'ilg  Bab  ei  pli  gronds  ca  jou,  Ga.  467. 

parchei  mieu  Bab  ei  pli  gronds  ca  jou,  C.  184. 

parchei  il  bab  ei  pli  gronds  ca  jou,  F.  131. 

Luc.  XIV  8. 
L.:  Dass  nicht  etwa  ein  Ehrlicherer  denn  du  von  ihm  geladen  sey. 
Diod:  che  talora  alcuno  piü  onorato  di  te  non  sia   stato   invitato 
dul  medesimo. 

Seg:  de  peur  qu'il  n'y  aitparmiles  invites  une  personne  plus  con- 
siderable  que  toi. 

oe:  che  un  füs  forza  iuido  da  quel  tin  plü  hundro  cotü,  B,  1257; 
B.  II  263. 

chia  forfa  ftiss  invido  da  el  ün  plü  honuro  co  tu,  Gr.  242. 
cha  forsa  non  füss  invido  dad  el  ün  pü  onuro  co  tu,  M.  140. 
ue:  chia    forsa    alchün    plü   honorat   co    tu   mm  fuofs  invidä  dal 
medem,  V.  D.  92. 
cha  forsa  alchün  plü  onorä  co  tu  non  füss  invidä  dal  medem, 
A.  V.  91. 
ol:  ei  pudefs  forfa    elfer  anvidau  dad  el  ün  pli  hundreivel  ca  ti: 
Ga.  326. 
scha  in  auter  pli  anavont  ca  ti,  fuss  er  auvidaus  eu,  C.  128. 
ei  pndess    forsa    esser   anvidau  dad   el   in  pli  honorau  ca  ti, 
F.  92. 

Bei  Bifrun  noch  Mat.  XIV  28. 
oe:  schi  tu  ist  tu,  R.  1428. 

Ichi  tu  eift  tti,  B.  11  55  (=  €i  av  sl). 

§  131.  Was  die  Übertragung  des  Dativs  auf  den  Akkusativ 
(M.  L.  §  57)  anlangt,  so  findet  sich  in  den  cngadinischen  Über- 
setzungen nur  bei  Bifrun  noch  die  Dativform  hni^. 

Mat.  X  37. 
oe:  Et  quael  chi  uain  ä  uulair  bain  agli  filg  ü  agli  figlia  plü  co 
ä  Uli,  aquel  nun  es  deng  da  me,  R.  934/6. 
Et  quael  chi   vaiu  ä  vulair  bain  agli  filg  ü  agli  figlia,  plü  co 
ä  mi,  aquel  nun  eis  deng  da  me,  B.  II  37. 


Syntaktisches  zu  deu  rätoroiuaniscben  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    4G7 

§  132.  Das  einfache  Akknsatipronomen  me,  te  etc,  welches 
im  Engadin  und  Münstertal  aus  der  lebenden  Mundart  verschwunden, 
und  wofür  eine  mit  dem  Dativ  identische  Form  mit  der  Präposition  a 
eingetreten  ist  (Augustin  §  19),  findet  man  in  allen  Texten, 

Mat.  X  40. 
oe:  Aquel  chi  arschaiua  uns,  arschaiua  me,  R.  941. 

Aquel  chi  artfchaiua  vus,  artfchaiua  vah,  B.  II  37. 

Chi  artfchaiva  vus,  artlchaiva  me,  Gr.  33  &  M.  19. 
ue:  Chi  ardfchaiva  vus,  ardfchaiva  mai,  V.  D.  13;  A.  V.  14. 
ol:  Chi  ca  prenda  fi  vus,  prenda  li  mei,  Ga.  45;  C,  17;  F.  IG. 

Mat.  XXVI  11. 

oe:  mu  me  nü  hauais  uus  saimper,  R.  2636;  B.  II  102. 

mu  me  nun  guis  ad  havair  faimper,  Gr.  93. 

ma  me  nun  avais  saimper,  M.  53. 
ue:  mo  mai  nun  haverad  faimper,  V.  D.  36. 

ma  mai  non  averat  saimper,  A.  V.  36. 
ol:  mo  mei  vangits  vus  buca  ver  adinna,  Gr.  126. 

mo  mei  veits  bucc  adinna,  C.  49. 

mo  mei  vegnits  vus  buc  a  haver  adina,  F.  38. 

§  133.  An  Stelle  des  gewöhnlichen  Dativs  ad  el  gebraucht  im 
oe:  Bifrun  gerne  agli,  welchem  im  ol:  häufig  ein  ä  gli,  ä  Igi  ent- 
spricht. 

Mat.  III  16. 

oe:  uhe  e  sun  agli  auerds  l's  schijls,  R.  200. 

vh6  e  fun  agli  auerds  l's  tfchels,  B.  II  9. 

vhae,  l's  tfchels  fun  averts  ad  el,  Gr.  9. 

mera,  il  tschel  al  s'avrit,  M.  5. 
ue:  mera,  ils  tfchels  s'avritten  ad  el,  V.  D.  4. 

mera^  ils  tschels  s'avrittan  ad  el,  A.V.  5. 
ol:  mire  ils  tfchiels  s'arvinen  fi  a  Igi,  Ga.  11. 

mire,  ilg  tschiel  Igi  s'arve  si,  C.  4. 

mire,  ils  tschiels  s'arvinau  si  a  gli,  F.  7. 

Mat.  IV  7. 
oe:  Et  Jesus  dis  agli:  R.  232;  B.  II  10. 

Jefus  difs  ad  el:  Gr.  10. 

Gesu  al  dschet:  M.  5. 
ue:  Jefus  il  difs:  V.  D.  5. 

Gesu  al  disch:  A.  V.  6. 
ol:  Jefus,  fchet  ä  Igi  Ga.  12;  F.  8. 

Jesus  schett  ä  Igi  C.  5. 


468  Karl  Hutschenieuther 

§  134.    Zu  neutralem  illud  verweise  ich  auf  Mat.  XVI  2,  §  4. 

§  135.  DasReflexivum  se  als  alleinstehendes  Pronomen  findet 
sich  viel  häufig-er  als  Gärtner  (§  108)  meint. 

oe: 
Mat.  XVIII  34:  tuot  aque,  ch'elg-  era  ä  si  dbit.    R.  1816/7;  B.  11  70. 
Marc.  III  34:  intuorn  fe.     B.  I  128;  B.  II  129. 

Luc.  II  5:  per  s'fer  fcriuer  fe  cun  Maria*,  B.  I  196. 
per  s'faer  fcriuer  fe  cun  Maria,  B.  II  199. 
Mat,  VIII  18:  Mu  veziaud  Jefus  bger  poevel  intuorn  fe,  Gr.  24. 
Marc.  V  30:  cuntfchand  Jefus  in  fe,  effer  ieu  oura  virtüd  da  fe, 
Gr.  125. 
Joh.  XIX  12:  fcodün  cbi  fo  fe  raig,  Gr.  368. 

Mat.  II  24:  e  pigliet  tiers  se  sia  muglier,  M.  2. 
Mat.  XXV  3:  mo  nun  pigliettan  öli  cun  se,  M.  50. 
Mat.  XXVII  35:  partittan  eis  sia  vestimainta  traunter  se,  M.  58. 

Ol: 
Mat.  XXV  3:  mo  parnennen  buc  ieli  cun  sei,  C.  46. 
Für's  ue  fand  ich  keine  Beispiele. 

§  136,  Eigenartig  ist  die,  besonders  im  ol  beim  Ausruf  häufig-e 
Verbindung-  eines  persönlichen  Fürworts  mit  einem  Sub- 
stantiv oder  Adjektiv. 

oe: 
Mat.  V  22:  nar  tu,  R.  356(=Du  Narr!)  (dafür  narrun,  B.  II 15). 
Mat.  XXV  21:  0  tii  bun  e  fidel  famagl!     M.  51. 

ol: 
Mat.  V  22:  Ti  narr,  Ga.  17;  C.  7;  F.  9. 
Mat.  VII  5:  Ti  glifuer,  Ga.  27;  C.  10. 
Ti  hypocrit!     F.  11. 
Mat.  XVIII  32:  Ti  naufcha  fumelg-,  Ga.  86. 

Ti  uausch  fumegl!    F.  27. 
Mat.  XXni  26:   ti  tfchiec  Phariseer,  Ga.  11;  F,  34. 
Joh.  XIX  3:  Ti  Reg  d'ils  Judeus,  Ga.  485. 
Ti  reg  dils  Judeus!     F.  136. 

Im  ue  fand  ich  zwar  keine  Beispiele,  doch  anderweitig  sind  mir  solche 
originelle,  pronominale  Wendungen  bekannt  (Ph ras.  p.  33:  Eng  pouver 
compong,  Ich  armer  Gesell).  Solche  Verbindungen  sind  wohl  durch 
deutschen  Ein  flu  ss  in  ganz  Bünden  üblich. 

*  Im  Text:  maria. 


Syntaktisches  zu  den  rätorouianisclien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    469 

§  137,  Zu  bemerken  ist  ierner,  dass  die  betonten  Formen  gerne 
den  unbetonten,  proklitisclien  vorgezogen  werden. 

oe; 

Mat.  III  14:  Mu  Johannes  afdeua  ad  el,  aquo,  R.  193/4  (L;  aber 
Johannes  webrete  ihm). 
Mu  Johannes  afdaeua  ad  el  aque,  B.  II  9. 
Mat.  III  15:  per  che  es  cuuain  uschia  a  nus,  R.  196/7. 
per  che  es  cuuain  ufchea  ä  nus,  B.  II  9. 
Mat.  XX VII   14:  Et  nun  ho  relpondieu  ad  el  ad  im  plaed,  Gr.  100. 
Marc.  V  19:  mu  ho  dit  ad  el,  Gr.  124. 

ue: 
Mat.  V  7:  mifericordia  sara  ad  eis  fatta,  V.  D.  5;  A.  V.  6. 

(Di od:  misericordia  sarä  lor  fatta).    Wohl  durch  die 

Sonderstellung  des  italinischen  loro  veranlasst. 
Ähnlich : 
Marc.  V  19:  e  requiuta  ad  eis,  V.  D.  48;  A.  V,  48. 
(Diod:  e  raconta  loro). 

Ol: 
Mat.  XVI  17:  parchei   ca   carn  a  faung   han    bucca   fcuviert  ä  chi 
quei,  Ga.  76. 
Parchei  carn  a  saung  han  bucca  scuviert  quei    ä  ti, 

C.  29. 
parchei   carn   a  saung  han  buca  scuviert  ä1i  quei, 
F.  25. 

Marc.  V  19:  fai  a  faver  ad  eis,  Ga.  167;  C.  66;  F.  49. 

Bei  Bifrun  steht  öfters  neben  der  betonten  Form  noch  die 
unbetonte. 

Mat.  IV  9. 
oe:  Eau  t'  uoelg  der  a  ti  tuot  aquaist,  R.  236. 

Eau  t'  voelg  daer  ä  ti  tuot  aquaift,  B.  11  10. 
Jedenfalls   hat  zur  Vorliebe   für   betonte  Formen  die  Nähe  des 
Deutschen  viel  beigetragen.    Dies  ist  auch  Gartner's  Ansicht  (§  109). 

§  138.  Ein  starker  Germanismus  ist  in  der  freien  Stellung 
der  betonten  wie  unbetonten,  persönlichen  Fürwörter  leicht  zu  erkennen. 
Ascoli  (VII  p.  456)  äussert  sich  hierüber:  Ha  collocazione  del  pronome 
alla  tedesca'  und  weiter  unten  'Vestrenio  della  barbarie'. 

oe: 
Mat.  XVI  17:  par  ehe  la  chiarn  &  I'g  saung  nun  hau  ä  ti  manifestO, 
R.  1598/9  &  B.  n  62. 


470  Karl  Hutsclieiireuther 

Ol: 
Mat    IX  5:  Tes  puccaus  ean  ä  clii  pardunai,  Ga.  35. 
tes  piiccaiLs  ein  ä  ti  pardunai,  F.  14. 
Marc.  V  19:  a  co  l'ha  fa  prieu  puccau  da  tei,  Ga.  167. 
a  CO  el  ha  sa  prieu  puccau  da  tei,  C.  66. 
a  CO  el  ha  sa  priu  puccau  da  tei,  F.  49. 

Besonders  lässt  sich  der  deutsche  Sprachgebrauch  aus  der 
prominalen  Stellung  zwischen  Verb  und  zugehörigem  Ortsverb  heraus- 
fühlen. 

Mat.  XXVII  4. 
oe:  Che  uo  ä  nus  tiers?  R.  2822;  B.  II  110;  Gr.  100. 
(L.:  Was  gehet  das  uns  an?) 

Mat.  IV  19. 
ol:  Vangit  tl  mi  fuenter,  Ga.  13. 
Vegnit  ä  mi  suenter,  F.  8. 
(L,:  folget  mir  nach). 

§  139.  Von  den  Pronominaladverbien  ist  inde  vielfach  noch 
erhalten. 

oe: 
Mat.  IV  10:  Vatten    (=  veni  te  inde)    dauend    Satana,    R.  238; 

B.  II  10. 
Mat.  XI  7:  Et  singiand  aquels,  R.  974;  B.  II  38. 
Mat.  XXVIII  7:  izen  praist,  R.  2998;  B.  II  116. 
Joh.  XIV  28:  eau  min  uing,  B.  I  364. 

eau  min  veng,  B.  11  375. 
Joh.  XVI  7:  fch'eau  nun  min  veng,  fch'eau  veng  amminir,  B.  I  ?; 
B.  n  379. 
(Seg:  si  je  ne  m'en  vais  pas^  —  si  je  m'en  vais. 
Di  od:  ch'io  me  ne  vada.  —  se  io  me  ne  vo). 
Job.  VIII  22:  eau  finveng,  Gr.  323. 

Joh.  XVI  7:  l'ais  boen  per  vus  ch'eau  fingiaia,  Gr.  356. 
Im  neueren  oe  existiert  selbständiges  and  (auch  Augustiu  §21). 
Mat.  XXI  2:  Izan  nel  vih,  M.  40. 
Mat.  XXI  3:  II  Segner  and  ho  bsügu,  M.  4;  M.  86. 
Mat.  XXn  5:  Mo  eis  nun  and  fettan  alchün  cas,  M.  43. 
Mat.  XXVI  22:  E    siand   eis  fich   couturblos^   and  cumanzet  scodüu 
a'l  dir,  M.  53. 
Luc.  XIII  6:  e  nun  and  chattet,  M.  138. 

ue: 
wohl  nur  in  uhai  (=  inde  habes). 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    471 

Mat.  XXV  20:  (Di od:    sopra    quelli    n'ho  guadagnati  altri  cinque). 
für  qnels  nliai  eug  guadagna  auters  tfching,  V.  D.  35. 
doch:    pro    quels    lia    eu    guadagna,    oters    tschincb, 
A.  V.  35. 

Ol: 
Im  älteren  ol  nur  im  Adverb  davent  (=  de-ab-inde) 
Job.  XIV  28:  Jou  vom  davent,  Ga.  467;  F.  130. 
Jou  vom  navend,  C.  184. 

Im  jüngeren  ol  gebraucht  nur  Carisch  bei  Verben  der  Gemüts- 
bewegung ein  selbständiges  an. 
Mat.  XXII  22:  s'an  smarvilgiannen  eis,  C.  41. 
Marc.  V  20:  A  scadin  s'an  smarvilgiava,  C.  66. 
Marc.  V  42:  Ad  eis  s'an  stupinnen  cun  gronda  stupur,  C.  67. 
Marc.  VI  2:  a  bears  ca  ilg  udivan,  s'an  stupivan  a  schevan,  C.  67. 
Marc.  VI  26:  cumbein  ca  el  s'an  coutristassi  fig,  C.  68. 

Für  ^ne'    stehen    im    oe    und   ue    auch  Zusammensetzungen    mit 
la  -j-  inde  -f-  foris. 

Mat.  XXI  13. 

Di  od:  ma  voi  n'  avete  fatta  una  spilonca  di  ladroni. 
oe:  Mu   uus   hauais   fat    a  Ion  der    oura    üna  fuora  da  sachins, 
R.  2048/9. 
Mu  vus    hauais   fat    alon der  oura    üna   foura   da  fafchins. 

B.  n  79/80. 
ma  vus  avais  fat  landrour  üna  spelunca  d'assassins,  M.  41. 
ue:  mo   vus   havais   fat    l'andr'our   üna   fpelunca    da  morders, 
V.  D.  28. 
ma  vus  avais  fat  landrour'  üna  spelunca  da  morders,  A.  V.  28. 

Für  'vi'  hat   das  ue  eine  Zusammensetzung  l'aint,  laint  (=  la 
-j-  intus). 

Mat.  XVn  27. 
Diod:  tu  vi  troverai  uno  statere. 
ue:  fchi  vainft  tu  a  chiatar  Taint  ün  ftater,  V.  D.  24. 
schi  vainst  tu  ä  chattar  laint  ün  stater,  A.  V.  24. 
Das  ol  hat  dem  entsprechend  lient. 

Job.  xn  6. 

ol:  a  purtava  quei  ca  vangiva  mefs  lient,  Ga.  453. 

a  purtava  quei  ca  vengiva  mess  lient,  C.  179. 

a  portava  quei  ca  vegniva  mess  lient,  F.  127  (hiefür  oe  und 
ue:  'aint'). 

Romanische  Forschungen  XXVII.  oO 


472  K3,rl  Hutachenreuther 

b)  Possessive  Fürwörter. 

§  140.  ^Suiis'  als  Reflexivum  wird  im  oe  öfters  durch  'aegeu' 
(=  eigen)  verstärkt  (fürs  ue  Augustiu  §  23). 

Mat.  XXV  15. 
excccTO)  xard  tvjp  IdCav  dvva/.iiy. 
L.:  einem  jeden  nach  seinem  Vermögen. 
Seg:  ä  chaeun  selon  sa  capacit6. 
Di  od:  a  eiascun  secondo  la  sua  capacita. 
oe;  a  scodtini  suainter  sia  aegna  pusaunza,  R.  2525;  B.  II  98. 

ä  Icodün  fuainter  IIa  facultaed,  Gr.  89. 

a  scodün  suainter  sia  capacited,  M.  50. 
ue:  a  Icodün  fegund  lia  capacita,  V.  D.  34. 

a  scodün  seguond  sia  capacita,  A.  V.  35. 
ol:  a  fcadün  luenter  fieu  puder,  Ga.  120. 

ä  scadin  suenter  sia  capaviadad,  C.  47. 

t'i  scadin  suenter  siu  puder,  F.  37. 

§  141.  Durch  Hinzufügung  von  'eigen'  (oe  eigeti;  ol  offien) 
oder  'proprius'  (>  proepi,  yropri,  propi)  werden  gerne  Possessiva 
betont. 

Luc.  VI  41. 
iv  TCO  idlca  6^&aX(ic3. 
L.:  in  deinem  Auge. 
Diod:  nell'  occhio  tuo  proprio, 
oe:  in  tieu  eigen  oeilg,  B.  I  218;  B.  II  221. 

in  tieu  proepi  oelg,  Gr.  204. 

in  tieu  propri  ögl,  M.  117. 
ue:  in  teis  propi  öl,  V.  D,  78. 

in  teis  propri  ölg,  A.  V.  76. 
ol:  enten  tieu  agien  oelg;  Ga.  273. 

enten  tieu  agien  elg,  C.  107. 

en  tiu  propri  egl,  F.  78. 

§  142.  Bei  Körperteilen  steht  gleich  dem  Englischen,  aber 
nach  griechischem  Vorbild  das  Possessivpronomen  statt  des  be- 
stimmten Artikels.   Das  ue  dagegen  folgt  italienischem  Muster. 

Marc.  VU  33. 
sßaXe  Tovg  daxTvXovg  avxov  €ig  rd  wxa  avtov. 
L.:  und  legte  ihm  die  Finger  in  die  Ohren. 
8eg:  Uli  mit  les  doigts  dans  les  oreilles. 
Diod:  gli  mise  Ic  dita  nelle  orccchie. 


Syntaktisches  zu  den  vätoromanisclien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    473 

oe:  fchi  metet  el  fes  daius  in  fias  uraglies,  B    I  145. 

fchi  mettet  el  fei 8  daints  in  fias  vraglies,  B.  II  147. 

ho  el  mifs  feis  daints  in  lias  uraglies,  Gr.  135. 

al  mettet  sia  dainta  in  las  uraglias,  M.  77. 
ue:  nach  Diod:  il  matet  la  dainta  in  las  uraglias,  V.  D.  52. 

al  mettet  la  dainta  nellas  uraglias,  A.  V.  52. 
ol:  Icha  Igi  mettet  el  fia  detta  enten  fias  urelgias,  Ga.  182. 

a  Igi  mettett  sia  detta  en  las  urelgias  dad  el,  C.  71. 

gli  mettet  el  sia  detta  en  sias  oreglias,  F.  53. 

§  143.    Bei  Zahlbegriffen   tritt   in    o  e  und  ue   das  Possessiv- 
pronomen gern  unmittelbar  vor  das  Substantiv. 

oe: 
Mat.  XI  2:  duos  ses  discipuls,  R.  9G5/6;  B.  11  38. 
Mat.  XI  20:  bgierras  sias  uirtüds,  R.  1010;  B.  II  39/40. 
Mat.  XX  21:  aquaists  duos  mes  filgs,  R.  1970. 
aquaifts  duos  meis  filgs,  B.  II  77. 
Marc.  VI  33:  infina  mez  mieu  ariginam,  B.  I  138;  B.  11  140. 

infina  mez  mieu  reginam,  Gr.  129;  M.  74. 
Luc.  XIX  8:  meza  mia  roba,  B.  I  274;  B.  11  281. 

ue: 
Mat.  XX  21:  quaifts   duos    meis    filgs,    V.  D.  27;    A.  V.  27    (aber 
Diod:  questi  miei  due  figliuoli). 

c)  Demonstrative  Fürwörter. 

§  144.    Das  Demoustrativum  hie  ist  verloren  gegangen;  ille  hat 
nur  vereinzelt  im  älteren  ol  demonstrative  Bedeutung. 

Luc.  VII  22. 
ol:  ils  da  biemal  vengian  fchubriai,  Ga.  277. 

wofür:  da  quels  da  bieraal  vengen  schubriai,  C.  109. 
ils  leprus  vegnan  purifieai,  F.  79. 
Dieser  sonderbare  Gebrauch  von  ille  ist  bei  Gabriel  ohne  Zweifel 
Germanismus,  weil  ja  im  Deutschen  das  Demonstrativ  'der,  die, 
das'  mit  dem  Artikel  gleichlautet. 

§  145.    Die  Verstärkung  eccum  ille    (oe  &  ue  >  quel]    ol  >  quei) 
steht  im  oe  und  ol  zuweilen  für  den  Artikel. 

Joh.  XIV  26. 
o  de  7iccQCcxXi}zog. 
L. :  aber  der  Tröster. 

oe:  mu  aquel  chi  cuforta,  B.  I  364;  ß.  II  375. 
mu  quel  Cuffortaeder,  Gr.  352. 
ma  il  confortadur,  M.  201. 

30* 


474  Karl  Hutsclienreuther 

11  e:  '1  Cuffortadür,  V.  D.  135. 

'1  confortadur,  A.  V.  130. 
ol:  mo  quei  CunfortUder,  Ga.  466;  F.  130. 

mo  ilg  cunfortader,  C.  184. 

§  146.  Im  ol.  wird  ein  ecce  illu  (>  tfchel)  als  'jeuer'  im  Gegen- 
satz zu  'dieser'  gebraucht. 

Mat.  XXIII  23. 
TuvTa  h'dsi  noiijcraij  xaxsiva  /.i'^  dcpisvai. 
L.:  Dies  sollte  man  thun,  und  jenes  nicht  lassen. 
Diod:  e'si  conveniva  far  queste  cose,  e  non  lasciar  quell'  altre. 
oe:  Aquaistes   chioses    s'astuaiueu    fer,    &  aquellas    nun   lascher, 
R.  2307/8;  B.  11  90  (Ulrich  hat  aquella). 
quaistas  chioffes  s'  bloeguia  faer,  &  quellas  nun  lascher,  Gr.  81. 
Quaistas  chosas  dovessas  vus  fer,   e  quellas  nun  interlascher, 
M.  46. 
ue:  k  s'  ftueiva  far  quaiftas  chiaufas  e  nun  lafcher  manchar  quellas 
autras,  V.  D.  32. 
Un  dovess  far  quaistas  chosas,  e  non  laschar  mancar  quellas 
otras,  A.  V.  32. 
ol:  Queftas   cauffas   duefs   im    far,    a   tfchel  las   bucca   lafchar 
muncar,  Ga.  110. 
Questas   caussas   duvesses  vus  far,    a  tschellas  bucc  anter- 

laschar,  C.  43. 
Questas   caussas    duvess   in    far,   a  tschellas   buca  laschar 
muncar,  F.  34. 

§  147.  Ferner  gebraucht  im  oeGriti  gerne  'da  quel,  da  quels' 
statt  des  Possessiv  'feis',  'lur'. 

Mat.  VII  9. 
oe:  ü  chi  eis  da  vus  ün  hom,  fcha  1' filg  da  quel  dumanda  paun, 
el  r  detta  üna  peidra?  Gr.  20  (sonst  nur  simsl). 

Mat.  V  8. 
&  l'ho  muffo  tuots  reginams  del  muond,  &  la  gloria  da  quels, 
Gr.  10  (sonst  steht  nur  HllorunC). 

§  148.  Lat.  iste  ist  im  Dativ  nur  in  einem  Falle  bei  Bifrun  I 
rein  erhalten,  wo  es  zur  Vermeidung  des  doppelten  aquaift  gebraucht 
wurde.  Ulrich' s  Meinung  (R.  p.  197),  es  müsse  '■aquatsH'  statt  'asti' 
heissen  (vielleicht  deshalb,  weil  die  2.  Ausgabe  so  hat),  kann  ich  nicht 
beipflichten.  Die  Wiederholung  von  'aquaift'  im  Folgenden  halte  ich 
gerade  nicht  für  schöner. 


Syntaktisches  zu  den  lätoromauischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    475 

Mat.  XIII  54. 
oe:  Innuonder  es  iid  asti  aquaista  sabijnscha  &  uirtüds?  R.  1343/4. 
aber:  iDDUoiider  eis  ad  aquaifli  aquaifta  sabgicntfcha  &  virtüdsV 
B.  II  52.     (SoDst  nur  eccum  iste  >  quest  etc.) 
Zu  bemerken  ist  in  diesem  Beispiel  noch  die  sonderbare  Überein- 
stimmung von  a^^zm//;!«  im  Singular  mit  dem  ebensogut  wie  '•sabijn- 
scha' zugehörigen  Plural  '■virtUds'. 
Ähnlieh  hat  auch  Griti: 

Innuonder  ä  quaist  t  a  e  1  a  iabgientfcha  &  virtüts  ?  Gr.  47. 

§  149.  Zusammensetzungen  von  'ipse'  mit  einem  persönlichen 
Fürwort  kommen  in  allen  Personen  vor.  Im  jüngeren  oe  (Menni; 
und  im  ue  hat  die  3.  Person  [sii  ipsu)  die  1.  u.  2.  Person  verdrängt 
(Pult  p.  153),  während  im  älteren  oe  und  im  ol  gewöhnlich  die 
1.  u.  2.  Person  vorhanden  ist. 

Im  0  e  und  u  e  sind  meist  unflektierte  Formen  gebraucht,  während 
das  ol  eine  deutliche  Flexion   zeigt.    Bifrun  und  Griti  wenden  mit 
Vorliebe  neutrale  Formen  auf  'a'   an.    Im  jüngeren   oe   und  im  ue 
trifft  man  vielfach  das  italienische:  'ßefs,  ißefs\ 
Für  -mQ-ipsum  im  Nominativ: 

Luc.  XXIV  39. 
oe:  eau  fun  m'ueffa,  B.  I  300;  B.  11  309. 
eau  m'vefs  fun,  Gr.  287. 
eau  sun  svess,  M.  167. 
ue:  eug  fun  quel,  V.  D.  109. 
eu  sun  quel,  A.  V.  107. 
(Diod:  io  son  desso). 
ol:  jou  fuut  mez,  Ga.  387. 
jou  suud  mez  C.  152. 
jou  sun  mez,  F.  108. 

Für  me  —  ipsum  im  Accusativ: 

Luc.  VII  7. 
oe:  nun  hae  eau  aeftmo  neir  m'ues  deng,  B.  I  220. 

nun  hae  eau  aeftmo  neir  me  m'ves  deng,  B.  II  223. 

n'eir  m'he  m'vefs  fat  degn,  Gr.  206. 

(nun  m'he  eau  neir  stimo  degn,  M.  118.) 
ue:  (na  m'ha  eir  eug  tgnü  deng,  V.  D.  79- 

non  m'ha  neir  eu  tgnü  degn,  A.  V.  77.) 
ol:  mi  hai  jou  mez  bucca  falvau  par  vangonts,  Ga.  275. 

(mi  hai  jou  er  bucca  salvau  vangonts,  C.  108.) 

ma  hai  jou  mez  buca  salvau  par  vangonts,  F.  78. 


47G  ^^^^^  Hutschenreuther 

Für  me  —  //jsmw  im  Genitiv: 

Joh.  V  31 : 
oe:  Sch'eau  des  teftiniunianza  da  nie  m'ues,  B.  I  324. 

Scb'eau  des  teftinmniaunza  da  me  m'ves,  B.  11  334. 

Scha  eau  teftifich  da  me  m'vefS;  Gr.  308. 

Sch'eau  dun  testimoniaunza  da  me  stess,  M.  178/79  (italie 
nischer  Einfluss!). 
ue:  Sch'eug  dun  perdütta  da  mai  fvefs,  V,  D.  118. 

Sch'eu  dun  perdütta  da  mai  svess,  A.  V.  114. 
ol:  Scha  jou  dunt  pardichia  da  mamez,  Ga.  411. 

Dund  jou  pardichia  da  mamez,  C.  162. 

Scha  jou  dun  parditga  da  mamez,  F.  115. 

Für  te  —  ipsum: 

Joh.  VIII  53. 
L.:  Was  machst  du  aus  dir  selbst? 
oe:  Chi  feft  tu  te  dues?  B.  I  341;  B.  H  350. 

Chi  faelt  te  d'vefs?  Gr.  326. 

(Che  fest  tu  our  da  te  stess?  M.  188.) 
ue:  Chi  faft  tai  fvefs?  V.  D.  125;  A.  V.  121. 
ol:  Chi  fas  ti  or  da  tatez?  Ga.  434. 

Chei  fas  ti  or  da  tatez?  C.  172;  F.  122. 

Für  illum  —  ipsum: 

Joh.  IV  44. 
oe:  el  fueffa  Jefus,  B.  I  319;  B.  11  327. 

(ei  Jefus,  Gr.  304.) 

Gesu  svess,  M.  176. 
ue:  Jefus  iftefs,  V.  D.  117  (=  illum  —  istum  —  ipsum). 

Gesu  istess,  A.  V.  113. 
ol:  Jefus  sez,  Ga.  406;  C.  160;  F.  114. 

Für  das  Reflexiv  se  —  ipsam: 

Mai  IX  21. 
oe:  ella  hauaiua  dit  in  se  sues,  R.  781  &  B  II  31. 

(ella  dfchaiva  in  fe,  Gr.  28.) 

(ella  dschaiva  in  se  stess,  M.  16.) 
ue:  ella  dfchaiva  in  fai  fvefs,  V.  D.  11;  A.  V.  12. 
ol:  ella  fcheva  en  fafezza,  Ga.  37;  C.  15;  F.  14. 

Für  se  —  ipsam: 

Mat.  XXVI  42. 

oe:  se  suessa  nun  po  el  salucr,  R.  2911;  B.  II  113. 

fe  fvefs  nun  po  el  falvaer,  Gr.  103. 

(se  stess  nun  po  el  salver!  M.  59. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    477 

11  e:  6  nun  po  falvar  Tai  ftefs,  V.  D.  40. 

e  nou  po  salvar  sa  stess,  A  V.  40  (italienischer  Eiufluss!). 
ol:  a  l'afez  po  '1  biicca  fpindrar,  Ga.  139. 

a  sascz  po  el  bucca  spiudrar!  C.  55. 

a  sasez  po  cl  buca  spindrar,  F.  42. 

Für  se  —  ipsos: 

Marc.  II  8. 
L.:  Dass  sie  also  gedachten  bei  sich  selbst. 
oe:  chels  in  aquella  guifa  pifaffen  in  fe  fueffa,  B.  I  123;  B.  11 124. 

ch'els  difcurriven  ufchea  in  fe  fveffa,  Gr.  113. 

(ch'els  avaivan  tels  impiffamaints  in  se  stess,  M.  65.) 
ue:  (chi  radfchunavan  ufche  taunter  fai  ftefs,  V.  D.  44. 

chi  raschunaivan  usche  in  sai  stess,  A.  V.  44.) 
ol:  ch'els  partarchiaffen  afchia  en  fa  fez,  Ga.  153. 

ca  eis  vevan  da  quels  patrachiaments  en  sasez,  C.  60. 

ca  eis  partratgassen  aschia  en  sasez,  F.  45. 

Für  nos  —  ipsos: 

Job.  IV  42. 
oe:  uns  n's  fueffa  hauains  udieu,  B.  I  319;  B.  II  327. 

uns  n's  vefs  havain  udieu,  Gr.  304. 

uus  svess  avains  udieu,  M.  176. 
ue:  uus  iftefs  l'havain  udi,  V.  D.  117. 

uus  istess  l'avain  udi,  A.  V.  113. 
ol:  nus  vein  nufez  udieu,  Ga.  405. 

uus  vein  udieu  nusez,  C.  160. 

uus  havein  nusez  udiu,  F.  114. 

Für  vos  —  ipsos: 

Mat.  III  9. 
oe:  in  uus  suessa,  R.  177;  B.  II  8;  Gr.  8. 

in  vus  stess,  M.  4. 
ue:  in  vus  fvefs,  V.  D.  4;  A.  V.  5. 
ol:  enten  vufez,  Ga.  9;  F.  7. 
en  vusez,  C.  4. 

Für  vos  —  ipsas: 

Luc.  XXIII  28. 
ol:  bargit  par  vufezzas,  Ga.  376;  C.  149  &  F.  106. 

Für  illos  —  i2)sos: 

Luc.  I  39. 
L.:  in  den  Tagen. 
nur  ol:  ilfez  gis,  Ga.  241;  C.  94;  F.  69. 


478  Karl  Hutschenreuther 

Marc.  XIV  39. 
L.:  dieselbigen  Worte. 

ol:  a  I'chet  gutil  ilfez  plaids,  Ga.  222  (durch  '■guaV  verstärkt!) 
hiefUr:  a  sehet  ils  medems  plaids;  C.  87;  F.  64,  wohl  durch 
italieuischen  Einfluss. 

§  150.  '111  um  ipsum'  steht  im  älteren  oe  und  ol  häufig  für 
^aquel,  quel'  in  der  Bedeutung  von  'der^  derjenige,  derselbige, 
der  nämliche'. 

oe: 

Fürs  Maskulin: 

Mat.  XII  50. 
L.:  Derselbige  ist  mein  Bruder,  Schwester  und  Mutter, 
les  es  mes  frer,  &  sour  &  mamma,  E,    1180/1. 
les  eis  meis  frer,  &  four  &  mamma,  B.  II  46 

Fürs  Feminin: 

Mat.  VII  2. 
cun  aquella   imsüra   che  uus  imsüraes,    cum   lessa  l's  otters 

uignen  ad  imsürer  ä  uus,  R   555/6. 
cun    aquella   imsüra   che   uus   imsüraes,   cun    lefla   l's  oters 
vegnen  ad  imsüraer  a  uus,  B.  II  22. 

ol: 
Fürs  Maskulin:  Mat.  XXVI  48. 
L.:  der  ists,  den  greifet. 

lez  eifei:  lez  pilgeit,  Ga.  130. 

lez  eis  ei:  lez  pilgieit!  C.  51. 

lez  eis  ei:  lez  piglieit,  F.  39. 

Fürs  Feminin:  Mat.  XXI  24. 
L.:  so  ihr  mir  das  saget. 

scha  vus  scheits  ä  mi  lezza  (seil:  'cawssa'),  C.  38. 

hiefür:  fcha  vus  vangits  a  gir  ä  mi  Igez  (seil,  ^plaid'),  Ga.  99. 

scha  vus  vengits  ä  gir  a  mi  lez,  F.  31. 

§  151.  Beachtenswert  ist  die  verschiedentliche  Wiedergabe  von 
'desgleichen'  {Td  ö' aihd)  in  Mat.  XXVII  44. 

L.:  dessgleichen  schmähten  ihn  auch  die  Mörder, 
oe:  Et  aque  proepi  imbitteuan  agli  er  V  saschins,  R.  2915/6. 
Et  aque  proepi  imbüttaeuan  agli  eir  l's  fafchins,  B.  II  113. 
Que  medei'im  l'imbüttaiven  eir  l's  fafchins    Gr.  103. 
Nella   medemma   maniera  Pimgiuriaivan  eir  ils  assassins, 
M.  59. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    479 

ue:  L'iftefs  eir  rimbüttavau  ils  morders,  V.  D.  40. 
L'istess  eir  rimblittaivan  ils  morders,  A   V.  40. 
ol:  Qual  quei  Igi  targenan  er  (i  ils  morders,  Ga.  140. 

La  medemma  caiissa  Igi  frivau  avont  er  ils  morderS;  C.  55. 
Qual  quei  gli  tragenan  er  si  ils  rubadurS;  F.  42. 

Der  oe  und  ol  Gebrauch  von  'medesimus',  sowie  ue  'istess' 
(wofür  Diod:  7o  sfesso')  sind  jedenfalls  durch  das  Italienische 
beeinflusst. 

d)  Relative  Fürwörter. 

Eine  nähere  Behandlung  der  Relativa  folgt  bei  den  Konjunktionen. 

§  152.  Hier  habe  ich  nur  bezüglich  der  Stellung  von  'qualis' 
zu  bemerken,  dass  dieses  im  Genitiv  nur  im  älteren  ol  nicht  hinter 
das  Objekt  des  Teilsatzes  tritt,  während  es  sonst  immer  nachsteht. 

Luc.  XIII  1. 
oe:  quaels    chi    disse    agli    dals    Galileers,    da    quaels   Pilatus 
hauaiua   mafthdo    lur    (aüg    cü    lur  facrificiS;    B.  I  253  & 
B.  II  258. 
alchtins,    chi    l'racontaiven    da    l's    Galileers,    dels    quaels 
l'faung  Pilatus  havaiva  maifdo  cun  lur  facrificis,   Gr.  238. 
ad  al  requintettan  da  quels  Galileers,    il  saung  dels  quels 
Pilato  avaiva  masdo  con  lur  sacrificis,  M.  138. 
ue:  alchüns,  il  quals  il  requintaven  dals  Galileers,  il  faung  dals 
quals  Pilato  haveiva  mafdä  cun  lur  facrificis,  V.  D.  91. 
(Diod:  il  cui  sangüe.) 
alchüns,  il  quals  al  requintaivan  dals  Galileers,  il  sang  dels 
quals  Pilato  avaiva  masdä  con  lur  sacrifizis,  A.  V.  89. 
ol:  anchins,    ca   dumbravan   li  d'ils  Galileers,   ilg    faung   d'ils 
quals  Pilatus  veva  mafchadau  cun  lur  unfarendas,  Ga.  320. 
a  raquintannen  ad  el  dils  Galileers,  ilg  saung  dils    quals 

Pilatus  veva  maschadau  cun  lur  unfrendas,  C.  126. 
anchins,  ca  requintavan  dils  Galileers,  il  saung  dils  quals 
Pilatus  haveva  mischedau  cun  lur  unfrendas,  F.  91. 

e)  Interrogative  Fürwörter. 

§  153.  Meyer  Lübke's  Behauptung  (§  517),  'dass  lateinisches 
qualis  als  adjektivisches  Fragepronomen  auf  dem  ganzen 
romanischen  Gebiete  mit  Ausnahme  Graubündens  erscheint',  ist 
unrichtig.    Qualis  besitzen  alle  Dialekte. 

Interessant  ist  Griti's  adjektivischer  Gebrauch  von  'qui', 
welches  an  Stelle  des  lateinischen  ^quis'?  getreten  ist. 

Luc.  XV  4. 

L.:  Welcher  Mensch  ist  unter  euch? 


480  Karl  Hutschenreuther 

oe:  Quael  hum  es  d'uus?  B.  I  260. 

Quael  hom  eis  dVus,  B.  II  266. 

Chi  ho m  d'vus,  Gr.  245 

(Quel  da  vus,  M.  142.) 
ue:  Qual  craftian  aife  taunter  vus,  V.  D.  94. 

Qual  crastian  aise  tanter  vus,  A.  V.  92. 
ol:  Qual  carstiaun  ei  tenter  vus,  Ga.  330. 

(Chi  da  vus,  C.  130.) 

Qual  carstiaun  denter  vus,  F.  93. 

§  154.  Die  zur  Einleitung  der ,  Frage  durchwegs  anzutreffende 
Verbindung  von  quantum  -}-  grandis  ist  ohne  Zweifel  durchs 
Deutsche  beeinflusst     Bei  B,  II  wird  quantum  sogar  flektiert. 

Mat.  VI  23. 
To  ffxotog  noffov; 

L,:  Wie  gross  wird  dann  die  Finsternis  selber  sein? 
Diod:  quante  saranuo  le  tenebre  stesse? 
oe:  quant  granda  uain  ad  esser  aquella  sckiurezza?    R.  512/3. 

quanta  granda  vain  ad  effer  aquella    fckiürezza?  B.  II  20. 

quaunt  granda  vain  ad  effer  la  fckürezza  sveffa?  Gr.  18. 

quaunt  granda  sarö  la  s-chürezza!  M.  10. 
ue:  quant  grandas  faran  las  fcürezas  fvefs?  V.  D.  8. 

quant  grandas  saran  las  schürezzas  svess?  A.  V.  9. 
ol:  quont  gronda  ven  la  fcüradengia  fezza  ad  effer?  Ga.  24. 

quont  gronda  ven  [Iura]  la  stchiradegna  ad  esser?  C.  9. 

quont  gronda  ven  la  schiradegna  sessa  ad  esser?  F.  11, 

f)  Unbestimmte  Fürwörter. 

§  155.  Lateinisches  alius  ist  durch  alter  verdrängt  worden. 
Dieses  'oter'  ist  bei  Bifrun  häufig  unflektiert. 

Mat.  XXI  41. 
L.:  andern  Weingärtnern, 
oe:  ad  oter  mers,  R.  2131. 

ad  oter  maers  B.  11  83. 

ad  oter 8  lavuraints,  Gr.  75;  M.  42. 
ue:  ad  auters  lavuraints,  V.  D.  29. 

ad  oters  lavuraints,  A.  V.  29. 
ol:  ad  auters  luvrers,  Ga.  101;  C.  39. 

ad  auters  lavurörs,  F.  31. 

§  156.  Dem  substantivischen,  italienischen  altrui,  welches  Oblikus 
zu  'altri'  ist,  entspricht  nur  bei  Bifrun  ein  'utrü'. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungou  der  vier  Evangelien    481 

Luc.  XVI  12. 

L.:  Und  so  ihr  in  dem  Fremden  nicht  treu  seid. 

Seg:  E  si  vous  n'avez  piis  et6  fidcles   diins  ce  qui  est  ä  autnii. 

Diod:  E,  se  non  siete  stati  leuli  neu'  altrui. 

oe:  Et  (bhi  uus  nu  ifches  ftos  fidels  in  aqiie  d'utrü^  B.  I  264. 

Et  fchi  VHS  nu  efcbes  ftos  fidels  in  aque  d'otrü,  B.  U  271. 

Et  fcha  vus  nü  efches  ftos  fidels  in  que  d'oters,  Gr.  249. 

E  scha  vus  uon  essas  stos  fidels  in  que  dad  oters,  M.  144. 
ue:  E  fcha  vus  nun  efchet  ftats  fidels  für  quai  d'auters,  V.  D.  96, 

E,  scha  vus  non  eschat  stats  fidels  sur  quai  dad  oters,  A.  V.  93. 
ol;  A  fcha   vus   effes    bucca   ftai   fideivels   für   quei   dad  auters, 
Ga.  335. 

A  scha    vus   esses   bucca   stai    fideivels    en   quei  dad  auters, 
C.  132. 

A  scha   vus   essas    buca   stai   fideivels   sur   quei  dad  auters, 
F.  94/5. 

§157.  ^Einander'  wird  wiedergegeben  mit  oe:  litin  lioter, 
Tun  Toter,  traunter  per  (pa er)  oder  beides:  liün  lioter  traunter 
per;  ue:  Tun  l'auter,  l'ün  roter;  ol:  ün  'lg  auter  l'in  l'auter. 

In  den  älteren  Texten  steht  vor  dem  zur  Bezeichnung  des  Objekts 
dienenden  'alter'  häufig  keine  Präposition. 

Marc.  IX  50. 

xccl  siQtivsvsTS  iv  dXXfjXoK;. 
L.:  Habet  Frieden  unter  einander! 
Diod:  State  in  pace  gli  uni  con  gli  altri. 
oe:  haue  paefth  traunter  per,  B.  I  154. 

haue  paefch  traunter  paer,  B.  II  156. 

haegias  paefch  traunter  paer,  Gr.  144. 

vive  en  pesch  traunter  per,  M.  82. 
ue:  ftat  in  pafch  l'tin  cun  Tauter,  V.  D.  55. 

stat  in  pasch  Fun  con  Toter,  A.  V.  55. 
ol:  veigias  pafch  ün  cun  'lg  auter!  Ga.  195. 

veigias  pasch  in  cun  'lg  auter!  C.  76. 

haveies  pasch  '1  in  cun  '1  auter,  F.  57. 

Job.  XIII  14. 
L.:  so  sollt  ihr  auch  euch  unter  einander  die  Füsse  waschen. 
Diod:  voi  ancora  dovete  lavare  i  piedi  gli  uni  agli  altri. 
oe:  Schi  daias  er  uus  liün   lioter    traunter   per  lauer  Ts  pes, 
B.  I  359. 
fchi  daias  eir  vus  liün  lioter  traunter  paer  lauaer  Ts  peis, 
B.  n  370. 


482  Karl  Hutschenreuther 

eir  vus  dajas  lavaer  l's  peis  riin  ä  Toter,  Gr.  348. 

schi  dessas  eir  vus  lavar  ils  peis  l'ün  al  oter,  M.  199. 
ue:  duvais  vus  eir  lavar  ils  peis  l'ün  l'auter,  V.  D.  132. 

dovais  eir  vus  lavar  ils  peis  l'ün  al  oter,  A.  V.  128. 
ol:  fcha  duveits  er  vus  lavar  ils  peis  ün  'lg  auter,  Ga.  460. 

scha  duveits  er  vus  lavar  ils  peis  l'in  a  l'auter,  C.  182. 

schi  duveits  er  vus  lavar  ils  peis  '1  in  a  '1  auter,  F.  129. 

Ganz  verschiedentlich  ist  die  reziproke  Tätigkeit  ausgedrückt  in 

Mat.  XVI  8. 
Ti  diaXoylt,€cr^e  iv  eavzoTg. 
L.:  was  bekümmert  ihr  euch  doch. 
Seg:  Pourquoi  raisonnez-vous  eu  vous-memes. 
Diod:  Perche  questionate  fra  voi. 
oe:  Che  pisses  in  uns  suessa,  R.  1576. 

Che  piffaes  in  vus  fueffa,  B.  IJ  61. 

Che  s'  piffais  traunter  paer,  Gr.  55. 

che  s'  impissais  in  vus  stess,  M.  31. 
ue:  Perche  difpitais  tan t er  vus,  V.  D.  22. 

Che  dispittais  in  vus,  A.  V.  22. 
ol:  Chei  veits  audament  ün  cun  'lg  auter,  Ga.  75. 

Chei  veits  andament  tenter  vus,  C.  29. 

Chei  haveits  endaments  in  cun  '1  auter,  F.  24. 

§  158.  'Certus' ist  nur  selten  im  oe  und  ue  zu  finden.  In  älteren 
Texten  vrird  es  gewöhnlich  unflektiert  gebraucht.  Für  '■certus^  steht 
sonst  im  Singular:  '•unus',  im  Plural:  das  Substantiv  ohne  Artikel, 
'aliquis\  oder  'unus  non  sapit  gtits'. 

oe: 
Mat.  XVn  14:  ün  schert  hü,  R.  1677/8. 
ün  tfchert  hom,  B.  11  65. 
Luc.  V  18  :  tfchert  homens,  Gr.  198. 

ue: 

Mat.  XXI  33:  ä  cert  lavuraints,  V.  D.  29. 
(Diod:  a  certi  lavoratori.) 
ä  tscherts  lavuraints,  A.  V.  29. 
Luc.  V  18:  tfchert  homens,  V.  D.  76. 
(Diod:  certi  uomini.) 
tscherts  hommens,  A.  V.  74. 
Es  scheint  dass  'certus'  aus  dem  Italienischen  entlehnt  ist. 

§  159.  Das  distributive  Verhältnis  'der  eine  —  der  andere' 
wird  folgenderraassen  wiedergegeben :  Mit  oe:  alchiün(s)  —  alchiün; 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    483 

rUn  —  Toter;    ue:    chi  —  chi;    ol:    'lg  tin  —  'lg  auter,    Tin  — 
r  auter. 

Mat.  XXn  5. 

o  fiEV  eig  Toi^  Idiov  dygov^   o  de  elg  trjv  efinoglav  avtov. 
L.:  einer  auf  seinem  Acker,  der  andere  zu  seiner  Handthierung. 
celui-ci  Ji  son  chami),  celui-lä  ä  son  trafic. 
Diod:  chi  alla  sua  possessione,  chi  alla  sua  mercantanzia. 
oe:  alchiüns    in    sia    maria  &  alchiün    ä    la    sia    merchiätia, 
R.  2062/3. 
alchiün  in  fia  mairia  &  alchiün  ä  la  lia  merchiätia,  B.  II  34. 
l'ün  in  (ieu  aer,  Toter  tiers  fia  merchiantia,  Gr.  76. 
Tun  sün  sieu  er,  Toter  tiers  sia  merchanzia,  M.  43. 
ue:  chi  pro  fia  poflelliim,  chi  pro  lia  merchantia,  V.D.  30;  A.V.  30. 

(nach  Diod.) 
ol:  'lg  ün  en  fieu  er,  'lg  auter  tier  fia  marcantia,  Ga.  103. 
Tin  ora  en  sien  er,  Taut  er  tier  sieu  negozi,  C.  40. 
'1  in  en  siu  er,  '1  auter  tier  sia  mercanzia,  F.  32. 
Der  ue  Gebrauch  von  'chi  —  chi'  ist  sicherlich  Nachmahung  des 
Italienischen. 

§  160.  Lateinisches  'quidam'  wird  ersetzt  durch  oe.  schert, 
tfchert,  ün  tael,  tel  e  tel;  ue.  ün  tal;  ol.  ün,  in  tal,  in  tal 
a  tal. 

Mat.  XXVI  18. 
TiQog  lov  detva. 
V.:  ad  quemdam. 
L.:  zu  einem. 
Diod:  ad  un  tale. 
oe:  tiers  ün  schert  hum,  R.  2651. 

tiers  ün  tfchert  hom,  B.  II  103. 

tiers  ün  tael,  Gr.  94. 

tiers  tel  e  tel,  M.  53. 
ue:  pro  ün  tal,  V.  D.  36;  A.  V.  36. 
ol:  tier  ün,  Ga.  126  (nach  Luther!) 

tier  in  tal  a  tal,  C.  50. 

tier  in  tal,  F.  38. 

III.  Die  Partikeln. 

A.  Das  Adverbium. 

Das  Adverb  geht  im  Bündnerischen  seine  besonderen  Wege.  Wir 
finden  vielfach    veraltete    Ausdrücke,   eigenartige   Wendungen,   merk- 


484  Kjirl  Hutschenreuther 

würdige  Verbindungen.  Auch  hier  will  ich  wiederum  nur  das  Wich- 
tigste über  die  lokalen,  temporalen,  modalen,  affirmativen  und  negativen 
Adverbien  anführen. 

a.  Die  lokalen  Adverbien. 

§  161.  Die  Anwendung  von  Ortsadverbien  zur  Erzielung  einer 
deutlichen  Ausdrucksweise  ist  beliebter  als  in  den  übrigen  romanischen 
Sprachen.  Oft  werden  daher  Präpositionen  mit  Adverbien  verbunden 
(Brand stetter  p.  56,  §  69). 

Interessant  ist  im  folgenden  die  Wiedergabe  von  aliunde  (=  'anders- 
wo'); diefes  lautet  nämlich  oe.  utru,  utro;  ue.  inchlur  utruo, 
inclur  utro  (hiezu  Asc.  VH  p.  539  Anmerk.);  ol.  vilgiur,  auter 
{aliorso  -}-  alter ^  Asc.  VII  p.  538)  und  anzanunder  auter  (=  unus 
non  sapit  imde  -}-  allerg 

Joh.  X  1. 
oe:  quael  chi  nun  aintra  aint  par  Tg  hüfth  in  l'g  huvilg  de  las 

nuorfas,  dimperfe  uuol  munter  aint  utru,  aquel  es  ün  ledar, 

&  ün  fafchin,  B.  I  345. 
quael  chi  nun  aintra  aint  par  l'g  hüfch  in  l'g  huvilg  de  las 

nuorfas,  dimperfe  voul  munter  aintvtru,  aquael  eisünledar, 

&  ün  fafchin,  B.  II  355. 
chi  nun  aintra  per  l'üfch  in  l'ovilg  de  las  nuorfas,  mo  vo  aint 

utrö,  quel  eis  ün  laeder  &  fafchin,  Gr.  331. 
Quel  chi  nun  aintra  per  l'tisch   nel   ovigl   dellas  nuorsas,   mo 
saglia  sur  aint  utrö,  quel  ais  ün  leder  ed  assassin,  M.  191. 
ue:  chi  nun  aintra  tras  la  porta  in  il    ftavel   dallas  nuorfas,   mo 

raiva  aint   inchlur   utruo*,    quel  ais  ün  lader,   c  fafchin, 

V.  D.  127. 
chi  non  intra  tras  la  porta  nel  stavel  dellas  nuorsas,  ma  raiva 

aint  inclur  utro,   quel  ais  ün  lader,    e  sachin,   A.  V.  123. 
ol:  Chica  va  buc  dad  iTch  ent,    ent  ilg  nuvil  da  las  nurfas,  mo 

reiv'  ent  vilgiur  auter,  quel  ei  ün  lader,  ad  ün  morder, 

Ga.  441. 
Chi  ca  va  bucca  däd  isch  en  enten  ilg  nuvill  da  lasnursas, 

mo  reiva  en   vilgiur   auter,    quel   ei  in  lader  a  morder, 

C.  174. 
Chi  ca  va  buc  dad  isch  ent  en  il  nuvil  da  las   nursas,    mo 

reiva  ent  anzanunder  auter,  quel  ei  in  lader  a  rubadur, 

F.  123. 

§  162.  Beachtenswert  ist  ferner  die  Häufung  von  Ortsadverbien, 
wodurch  eine  grosse  Genauigkeit  erzielt  wird. 

*  (Di od:  'altronde'). 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    485 

Mat.  VII  15. 
L.:  inwendig  aber  sind  sie  reissende  Wölfe, 
oe:  mu  aint  dadains  sun  eis  lufs  sthg'arbedars,  R.  590/1. 

mu  aint  da  dains  lim  eis  lufs  fchgiarbaedars,  B.  II  23. 

nm  aint  dadains  lim  eis  lufs  fgiarbaeders,  Gr.  21. 

mo  dadains  sun  lufs  sgiarbeders,  M.  12. 
ue:  mo  Tun  aint  dadaints*  lufs  fgiarbaders,  V.  D.  9. 

ma  sun  aint  dadaint  lufs  sgiarbaders,  A.  V.  10. 
ol:  mo  en  dadents  ean  eis  lufs  ca  fcarpen,  Ga.  28. 

mo  aen  en  dadens  lufs  ca  scarpan,  C.  11. 

mo  endadeuts  ein  eis  lufs  ca  scarpan,  F.  12. 

Mat.  XXIII  27. 
L.:  welche  auswendig  hübsch  scheinen. 
oe:  quaelas  our  da  doura  peran  bain  beilas,  R.  2318. 
quelas  our  dadoura  peran  bain  beilas,  B.  II  90. 
ol:  paran  bein  bels  or  dadora,  C.  43. 

Luc.  IV  9. 
L.:  so  lass  dich  von  hinnen  hinunter. 

oe:  fchi    t'iafcha   te   duess   da    conder   zura    ingiu,    B.  I  206; 
B.  II  209. 
bütta  te  da  qui  zura  giu,  Gr.  192. 
schi  bütta't  sur  ingiö,  M,  110. 
ue:  ichi   t'bütta  giü  da   qui,    V.  D.  74   (nach  Diod:    gittati  giü 
di  qui). 
schi  t'bütta  gio  da  qui,  A.  V.  72. 
ol:  fcha  ta  fierre  furangiu,  Ga.  257. 
scha  ta  fiere  surangiu,  C.  101. 
schi  ta  fiere  surangiu,  F.  74. 

Luc.  XIV  10. 
L.:  Freund,  rücke  hinauf, 
oe:  Amich,  uo  a  fchö  fü  zura,  B.  I  258. 
Amich,  vö  ä  tfchö  sü  zura,  B.  II  263. 

§  163.    Bemerkenswert  ist   auch  im  oe.  und  ol.  die  Nachstellung 
der  ein  Adverb    regierenden   Präposition.     Da    dem  Deutschen  diese 
Stellung  eigen  ist,  so  mag  wohl  eine  Beeinflussung  vorliegen. 
Für  'dadurch': 

Luc.  XIX  4. 
oe:  el  gniua  ad  ir  allö  tres,  B.  I;  B.  II  281. 
el  gniva  ä  paffaer  all 6  traes,  Gr.  260. 

*  (Diod:  dentro.) 


486  Karl  Hutschenreutlier 

ol:  el  dueva  passar  lou  tras,  Ga.  349. 

el  dnveva  passar  lou  speras  vi,  C.  137. 
el  duveva  passar  1  out  ras,  F.  98. 

Für  'herbei': 

Mat.  Vni  2. 

oe:  ulie  im  ahirus  uen  notier s,  R.  633/4  &  B.  II  25. 

Mat.  III  2. 
ol:  parchei  chMl  Raginavel  da  tfchiel  ei  vangeus  nou  tiers,  Ga.  9. 
parchei  il  reginavel  da  tschiel  ei  vegnius  noutier,  F.  7. 

Für  'hinzu': 

Mat.  VI  27. 

ol:  metter  vi  tiers,  Ga.  25. 
metter  vitier,  F.  11. 

§  164.  Zum  adjektivischen  Gebrauch  von  Ortsadverbieu,  die 
im  oe.  und  ol.  sogar  einer  Steigerung  fähig  sind  (§  99),  will  ich 
noch  hinzufügen: 

Luc.  XIV  10. 
L.:  und  setze  dich  unten  an. 

oe:  feeza  a  maifa  ilg  plü  giu  ad  im  loe,  B.  I  258. 
fezza  ä  maifa  ilg  plü  giu  ad  im  loe,  B.  II  263. 
t'lchainta  in  l'plü  davous  loe,  Gr.  243. 

Luc.  XIV  9. 

L.:  und  du  müssest  denn  mit  Scham  unten  an  sitzen, 
ol:  a  ti  hagias  Iura  cun  zanur  da  prender  ilg  pli  giudim  plaz, 
C.  128. 

§  165.  Von  besonderem  Interesse  ist  die  allen  Dialekten  eigene, 
enge  Verbindung  von  Ortsadverbien  (zuweilen  auch  der  dem 
Adverb  entsprechenden  Präposition)  mit  Verben  an  Stelle  eines 
einfachen  Verbums,  zur  Bildung  eines  einzigen  Begriffes. 

Diese  sehr  beliebte  Formel  ist  zwar  allen  romanischen  Sprachen 
eigen,  man  denke  nur  an  italienisches  dir  su  (=  aufsagen),  correrre 
incontro  (=  entgegenlaufen),  tirar  fuori  (=  herausziehen),  oder  an 
französisches  j  et  er  dehors,  mettre  dedans,  rester  debout  (hierüber 
auch  M.  L.  p.  394  &  p.  517/8),  jedoch  aus  dem  Umstände,  dass  sie 
sich  in  keiner  anderen  romanischen  Sprache  dermassen  verbreitet  hat, 
ferner  aus  der  Tatsache,  dass  das  rätoromanische  Ortsadverb  gewöhn- 
lich die  genaue  Wiedergabe  des  deutschen  Adverbs  ist,  muss  ich 
schliessen,    dass   derlei   Verbal  Verbindungen   im  Kätoromanischen  nur 


Syntaktisches  zu  den  viitoiomanischcn  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    487 

infolge  deutschen  Einflusses  eine  so  grosse  Ausdehnung  gefunden 
haben. 

Ja  diese  Verbindungen  sind  so  eingewurzelt,  dass  sie  sogar  zu 
selbständigen  Weiterbildungen  geführt  haben,  die  das  Deutsche  nicht 
kennt.  (Hierüber  auch:  As  coli  VIT  §1112:  Materia  Romana  e  Spirlto 
Tedesco;  Gärtner,  Einleitung  p.  XI  &  XII;  Morf  p.  453.  Neuer- 
dings Augustin  §  190;  Brandstetter  p.  75,  §95D;  Pult  p.  140/2.) 

Es  folgen  nun  Beispiele  in  alphabetischer  Ordnung  zuerst  fürs 
oe.,  dann  ue.,  dann  ol. 

oe: 

abwischen: 
Luc.  Vn  44:  ters  giu,  Gr.  208. 
angehen: 
Mal.  XXVII  4:  (L.:    was  geht  das  uns  an?)     Che  uo  ä  nus   tiers? 
K.  2822;  B.  H  110;  Gr.  100. 
Che  vo  que  tiers  a  nus?  M.  57. 
[ue:  Che  tuocha  quaift  pro  a  nus?  V.  D,  38. 
Che  vä  quaist  pro  a  nus?  A.  V.  39. 
ol:  Chei  va  quei  ä  nus  tiers?  Ga.  135;  F.  41. 
Chei  va  quei  tier  a  nus?  C.  53.] 
anhaben: 
Mat.  XXII  12:  nun  aviand  aint  vstieu  da  nozzas,  M.  43. 

anziehen: 
Mat.  XXVII  31:  trasse  agli  aint,  E.  2887;  B.  II  112. 
rhaun  trat  aint,  Gr.  102. 
auferziehen: 
Luc.  IV  16:  innua  el  eira  trat  fU,  Gr.  193. 

a  u  f  m  a  c  h  e  n : 
Mat,  II  11:  hauiand   auerts   sü  l's  lur   thesors,   R.  104;   B.  II  5 
(auch  ol:  ad  arviuen  fi  lur  fcazis,  Ga.  6). 
aufhalten:  ' 
Luc.  IV  42:  il  tgnaiva  in  avous,  M.  112. 
ausziehen: 
Mat.  XXVII  31:  traietten  e  oura,  R.  2886;  B.  11  112. 
l'haun  trat  oura,  Gr.  102. 
dahinhaben: 
Mat.  VI  5:  (L.:    Sie   haben   ihren  Lohn  dahin),    eis  haun  via 
la  lur  mersche,  R.  462/3. 
eis  haun  via  la  lur  mertlche,  B.  II  18. 
Luc.  VI  24:  (L.:   Ihr  habt  euren  Trost  dahin),   vus  havais  via 
voas  cuffüert,  Gr.  202. 
vus  avais  via  voas  cuifort,  M.  116. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  31 


488  Karl  Hutschenreuther 

daraufstehen: 
Lue.  XX  6:  (L.:    denn  sie    stehen  darauf,    dass  Johannes    ein 
Prophet  sey),    per   che   eis    (tauu  fü   fura,    ehia 
Joannes  faia  Un  Prophet,  Gr.  264. 
einbrechen: 
Mat.  XXIV  43:  rumper  aint  in  sia  chesa,  M.  49. 

einnehmen: 
Mat.  XVII  24:  pr enden  aint,  Gr.  60. 

[ol:  parnevan  ent,  Ga.  81. 
prendevan  en,  F.  26J. 
unterdrücken: 
Luc.  III  14:  ne  fquitiche  fuot,  Gr.  189. 

[ue:  nun  fquitfcharai  luot,  V.  D.  73. 
non  squitscherai  suot,  A.  V.  71], 
zukommen: 
Luc.  XII  33:  (L.:    Da   kein  Dieb  zu  kommt),    innua    nu  po  tiers 
l'g-  leedar,  B.  I  250. 
innua  uu  po  tiers  Tg  laeder,  B.  II  255. 
innua  l'laeder  nun  vain  tiers,  Gr.  235. 
inua  üngüu  leder  nun  vain  tiers,  M.  136. 
[ue:  iugio  'I  lader  nun  vain  pro,  V.  D.  90. 
ingio  '1  lader  non  vain  pro,  A.  V.  88. 
ol:  nu  ca  nagin  lader  ven  tiers,  Ga.  316. 
nua  ca  nagin  lader  ven  tiers,  C.  124;  F,  89.] 

ue: 
auslegen: 
Marc.  V  41:  fiaud  mifs  ora,  V.  D.  49;    A.  V.  48,    (Di od:    inter- 
pretato). 
ausschlagen: 
Mat.  XXIV  32:  e  büttan  our  la  föglia,  V.  D.  33;   A.  V.  34  [ebenso 
Menni]. 
eintauchen: 
Joh.  XIII  26:  tenlchü  aint,  V.  D.  132;  A.  V.  129  (Diod:  intinto). 
hinzusetzen: 
Luc.  III  20:  Schi  matet  el  eir  quaift  via,  V.  D.  73. 
Schi  mettet  el  eir  quaist  via,  A.  V.  71. 
untergehen: 
Mat.  XIV  30:  ir  fuot,  V.  D.  20;  A.  V.  20. 
Weitaus  am  gebräuchlichsten  sind  solche  Verbindungen  im 

ol: 
abschlagen: 
Marc.  VI  26:  Igi  let  el  bucca   tfchuncar   giu,   Ga.  174    (im  bild- 
lichen Sinne!) 


Syntaktisches  zu  tien  rätoioinanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     489 

ilg  vulctt  bucca  tschuncar  g-iu,  C.  68. 
gli  volet  cl  buca  tscli linear  giii,  F.  51. 
anhalten: 
Job.  VIII  7:  eis  tanevau  tiers,  Ga.  429. 
aufgeben: 
Mat.  XXVII  50:  det  fi  ilg  Spirt,  Ga.  140. 
dett  si  ilg  spirt,  C.  55. 
det  si  il  spirt,  F.  42. 
aufgehen: 
Mat.  IV  16:  ei  lavau  fi  Unna  Igifch,  Ga.  13. 
ei  levada  si  inua  Igisch,  C.  5. 
ei  levau  si  ina  glisch,  F.  8. 
aufsetzen: 
Marc.  VII  13:  fchentau  fi,  Ga.  180. 
aufziehen: 
Mat.  XI  20:  trer  fi,  Ga.  48;  F.  17  (L.:  sehmähen). 
Mat.  XX VII  44:  Qual  quei  Igi  targenan   er  fi  ils   morders,    Ga.  140. 
Qual  quei  gli  tragenan  er  si  ils  rubadure,  F.  42. 
ausbreiten: 
Marc.  VII  36:  rasa  van  ei  ora,  C.  71. 

austeilen: 
Marc.  VI  41:  parchieu  or,  Ga.  176. 
parchitt  el  ora,  C.  69. 
partgiu  ora,  F.  52. 
auswerfen: 
Mat.  XV  17:  (L.:    wird  durch  den  natürlichen  Gang    ausgeworfen) 
ven  catfchau  ora  tras  ilg  gang  natiral,  Ga.  71. 
ven  catschau  ora  par  ilg  vau  natiral,  C.  27. 
ven  catschau  ora  tras  il  vau  natiral,  F.  23. 
einführen: 
Marc.  Vn  13:  manau  en,  C.  70  (wofür  introducm^  F.  53). 

einsehen: 
Mat.  XVI  12:  Lura  vasennen  eis  en,  C.  29. 

ergehen: 
Marc.  V  16:  co  ei  fova  ieu  tier  cun  quei,  C.  65. 

nachfolgen: 
Mat.  IV  19:  Vangit  ä  mi  fueuter,  Ga.  13. 
Vegnit  sueuter  k  mi,  C.  5. 
Vegnit  ä  mi  suenter,  F.  8. 
nachfragen: 
Marc.  IV  38:  fpias  ti  nagut  fuenter,  Ga.  165  &  F.  49. 
amperas  nagutta  suenter,  C.  64. 
nachstel len: 

31* 


490  Karl  Hutscheni-euther 

Marc.  VI  19:  Herodias  ftaliava  fuenter  el,  Ga.  173. 

unterdrücken: 
Marc,  m  9:  ch'els  ilg  fquitfc halfen  bucca  fut,  Ga.  153. 

ca  eis  il  squi tschassen  buca  sut,   F.  47  (L.:   dass 

sie  ihn  nicht  drängten), 
umdrehen: 
Luc.  VII  9:  cur  el  vet  fa  vieult  an  turn,  Ca.  276. 
sa  volvent  an  turn,  F.  79. 
umhauen: 
Luc.  III  9:  tag-liaus  anturn,  Ga.  253;  F.  72;  C.  99. 
umkommen: 
Mat,  XXVI  52:  vangir  anturn,  Ga.  131. 
ngir  anturn,  C.  51. 
vegnir  anturn,  F.  40. 
umstossen: 
Mat.  XXI  12:  fre  anturn,  Ga.  97. 
frit  anturn,  F.  30. 
verheilen: 
Mat.  VIII  3:  fchubriada  davent,  Ga.  31. 
schubriaus  navend,  C.  12. 
purificada  davent,  F.  12. 
verschlingen: 
Luc.  XV  30:  malgiau  navent,  Ga.  333;  F.  94. 
malgiau  vi,  C.  131. 
vorhanden  sein: 
Marc.  III  9:  ch'ei   duefs   adinna   effer   avont    ilg    mann    Unna 
navetta,  Ga.  157. 
ca  ei  duvess  adina  esser  avont  il  mann  ina navetta, 

F.  47. 
vorwerfen: 
Mat   XXVII  44:  La  medemma  causa  Igi  frivan  avont  er  ils  morders, 
C.  55. 
zugeben: 
Mat.  XII  12:  eisei  dau  tiers,  Ga.  52;  F.  18. 
zuhören: 
Luc.  II  46:  tadlava  tiers,  Ga.  251;  F.  72. 
tadlava  tier,  C.  98. 
zunehmen: 
Luc.  II  52:  Jefus  parneva  tiers  en  fabjenfcha,  Ga.  251. 
Jesus  parneva  tier  en  sabienscha,  C.  99. 
Jesus  prendeva  tiers  en  sabienscha,  F.  72. 
zustossen: 
Marc.  X  32:  curdar  tiers,  Ga.  199. 


Syiitaktiachcö  zu  den  liitoroinauischeu  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    491 

curdar  tier,  C.  78. 
Job.  V  14:  par  ch'ei  c rodig  bucca  ticrs  ä  chi,  Ga.  409. 
par  ca  ei  crodig  bucca  tiers  a  chi,  C.  161. 
par  ca  ei  crodi  buccu  tier  ä  ti,  F.  115. 

§  166.  Statt  solcher  Post  Positionen  von  Ortsadverbien  ver- 
bindet sich  auch  abwechselnd  die  gleichlautende  Präposition  mit  dem 
Verb. 

Mat.  IV  6: 
oe:  eis  nignen  cun  l's  mauns  ä  sustgniar  te,  R.  230/1. 
eis  vegne  cun  l's  mauns  ä  fultngiar  te,  B.  II  10. 
aber:  cun  l's  mauns  vegnen  ä  tegner  fü  te,  Gr.  10. 

Mat.  V  39. 
oe:  nu  sted  scunter  agli  mel,  R.  401/2. 
nu  fted  fc unter  agli  mael,  B,  II  16. 

nu  fte  fcunter  ii  l'mael,  Gr.  15  (da  non  resister  al  adversari 
M.  8  ist  Übersetzung  aus  dem  Französischen:  Seg:  de  ne 
pas  resister  au  meehant). 
ue:  Nun  contraftarai  al  mal,  V.  D.  7. 

Nou  coutrasterai  al  mal,  A.  V.  8,  (Diod:  non  contrastate 
al  male), 
ol:  Vus  duveits  bucca  Itar  ancunter  a  Igi  mal,  Ga.  20. 
in  dei  bucca  star  ancunter  al  mal,  C.  8. 
Vus  duveits  buca  star  ancunter  al  mal,  F.  10. 

Allerdings  scheinen  die  allgemein  romanischen  Verbindungen  von 
Verb  und  Präposition  mit  Versetzung  letzterer  und  Verschmelzung  mit 
dem  Verb  mehr  durchs  Italienische  besonders  ins  Engadinische 
eingedrungen  zu  sein. 

b.  Die  temporalen  Adverbien. 
Die    lateinischen    temporalen    Adverbien    sind    grossenteils   durch 
Neubildungen  ersetzt  worden. 

§  167.  Beachtenswert  ist  die  Wiedergabe  von  'am  Morgen'  (V.: 
primo  mane.  —  aiia  nqmt)  in 

Mat.  XX  1. 

oe:  sü  la  damaü  sco  me  füt  di,  R.  1920. 

sU  la  damaun  fco  mae  füt  di,  B.  II  75. 

fün  la  damaun,  Gr.  67. 

la  damaun  a  mamvagl  (=  mane  vigilem^  Pult  §  63)  M.  38. 
ue  :  sü  '1  far  dal  di,  V.  D.  26. 

sül  far  del  di,  A.  V.  27  (nach  Diod:  in  sul  far  del  di). 
ol:  la  damaun  marvelg,  Ga.  91;  C.  35;  F.  29. 


492  Karl  Hutschenrenther 

§  168.  'Den  ganzen  Tag'  gibt  das  ol.  durch  eine  Zusammen- 
setzung von  *tottus  -h  dies  >  tugi  (Mat.  XX  6,  Ga.  92;  C.  36; 
F.  29)  wieder. 

§  169.  Lateinisches  nunc  ist  vielfach  durch  hoc  ipso  (seil, 
tempore) verdrängt,  also  oe.  huoffa;  ue.  hiioffa,  uossa;  ol.  uffa. 

Marc.  VI  25. 
L. :  jetzt  sobald, 
oe:  bainbod,  B,  I  138;    bainbot,  B.  II  140; 

huoffa,  Gr.  129.  —  dalum,  M.  74. 
ue:  huoffa,   V.  D.  50.  —  uossa,    A.  V.  49  (aber:    'di  presente' 

Diod.) 
ol:  gual'  ufs';  Ga,  174.  —  gual  ussa,  C.  68,  F.  51. 

Luc.  Xn  52. 

L. :  von  nun  an. 

oe:  da   quinder  iuuia,    B.  I  252:    B.  11  257. 

da   h uossa    invia,  Gr.  236. 

d'uossa  invia^  M.  137. 
ue:  d'huofs'  in  via,  V.  D,  91. 

d'uoss'  invia,  A.  V.  89. 
ol:  dad  ufs'  anvi,  Ga.  318;  C.  125;  F.  90. 

§  170.    Interessant  ist  ferner  die  Wiedergabe  von  'vorzeiten'. 

Mat.  XI  21. 

oe:  aquidauaunt,    R.  1015;    B.   II  40    {=  a  qui  -\-  de  -{-  ab  -\- 
ante). 

qui  davaunt,  Gr.  35. 

gia  da  long,  M.  20  (=  jam  -\-  de  -\-  lonyiim). 
ue:  agiä  dalöng,  V.  D.  14. 

agiä  dalönch,  A.  V.  15  (Diod:  giä  anticamente). 
ol:  ont  ca  uffa,  Ga.  49;  F.  17. 

schon  da  gig,  C.  19  (gig  =  diu,  Asc.  VII,  p,  522). 

Wie  ersichtlich,  ist  lateinisches  'j  am' erhalten  (im  neueren  oe.  gia; 
im  ue.  agiä;  im  ol.  giä).  Im  älteren  oe.  steht  dafür:  huzme,  huoz- 
mae,  hoaz  mae;  im  ol.  deutsches  'schon'. 

Joh.  XI  39. 

L.:  er  stinket  schon, 
oe:  huzmc  püz'  el,  B.  I  352. 
huozmae  püz'  el,  B.  II  362. 


Syntaktisches  zu  tlcu  rätoroiuanisclien  Übersetzimgon  der  vier  Evangelien     493 

El  püzza  hoaz  mae,  Gr.  339. 

l'ho  g'iu  üna  nosclia  odiir,  M.  194. 
ue:  el  püzza  agia,  V.  D.  129. 

el  odura  agiä,  A.  V.  125  (Di od:  egli  pute  giä). 
ül:  el  fieda  fchon  uffa  mal,  Ga.  450,  C.  178. 

el  freda  gia  iissa  mal,  F.  126. 

§  171.  Germanismus  ist  die  Wiedergabe  des  deutsclien  'bald' 
mit  oe.  u.  ue,  *bod';  ol.  bault  oder  gleiti  (=  schweizerdeutsches: 
'gleitig',  Braudstetter,  §  39). 

Ituliauismen  sind  wohl  oe.  'a  lemp',  u.  ol.  prest. 

Mat.  V  25. 
oe:  bod,  R.  364;  B.  II  15;  Gr.  14. 

a  temp,  M.  8. 
ue:  bod,  V.  D.  6;  A.  V.  7  (Diod:  presto), 
ol:  bault,  Ga.  18;  —  gleiti,  C.  7;  —  prest,  F.  9. 

§  172.  Verschiedentlich  wird  das  sofortige  Handeln  (lat.: 
statim,  ilico)  ausgedrückt. 

Mat.  VIII  3. 

L.:  alsobald. 

oe:  adüntrat,  R.  636;  B.  II  25. 
bain  bod,  Gr.  23. 
subit,  M.  13. 
ue:  in  quel  iftant,  V.  D  9;  A.  V.  10  (nach  Diod:  in  quello  stante). 
ol:  ladinameng,  Ga.  31.  C.  12;  F.  12. 

Mat.  XX  34. 
oe:  bain  bod,  R.  2005;  B.  II  78;  Gr.  70. 

subit,  M.  40. 
ue:  iucontinent,  V.  D.  28  (nach  Diod:  incontanente). 

subit,  A.  V.  28. 
Ol:  ladinameng,  Ga.  95;  C    37;  F.  30. 

M.  XXI  20. 

L.:  Wie  ist  der  Feigenbaum  so  bald  verdorret? 
oe:  Cu  ais  il  bös-ch  da  fixs  daudettamaing  secho?  M.  41. 
ue:  Co  ais  il  figuer  dandettamaing  fecchiä  via?  V.  D.28(Diod: 
subito). 
Co  ais  il  figer  dandettamaing  fecchia  via?  A.  V.  29. 
ol:  Co    ei    quei    pumer    da    fies    alchi    nechiameng    seccaus? 
Ga.  98. 


494  K«"'l  Hutschenreutber 

Co  ei  quei  figuer  seccaus  schi  aDecbiameng?  C.  38. 
Co    ei  quei    pumer    da   fies    aschi    auechameug-   seccaus? 
F.  31. 

Luc.  XIV  5. 

oe:  aclimtrat,  B.  I  252;  B.  II  263. 

fubito,  Gr.  242. 

dal  um,  M.  140. 
ue:  promptamaiiig,  V.  D,  93. 

prontamaiug,  A.  V.  91  (nach  Diod:  pruntamcnte). 
ol:  ladinameDg,  Ga.  325;  C.  128;  F.  92. 

Während  wir  im  oe.  abwechselnd  'ad  iintrat,  bain  bod,  dal  um, 
fubito,  snbit'  haben,  finden  wir  im  ue.  meist  sklavische  Nach- 
ahmung des  Italienischen,  im  ol  vorwiegend  'ladinameng'. 

Interessant  ist  oe.  u.  ue.  ^dandettamaing',  welchem  im  ol. 
'nechiameng,  anechiameng,  anechameng'  entspricht.  ,  Carigiet 
kennt  nur  anetg  (=  ad-ictum). 

§  173.     Das  Fragepronomen  'quousque'  lautet: 

Mat.  XVn  17. 

L.:  wie  lange. 

oe:  cudich  alla  dauous,  K.  1684;  B.  II  65. 

infina  a  quaunt,  Gr.  59. 

infina  cura  me,  M.  33. 
ue:  iufin  ä  cura,  V.  D.  23;  A.  V.  24  (Diod:  'infiuo  a  quando'). 
.ol:  Quont  gig,  Ga.  81;  C.  31;  F,  26. 

oe:  'cüdich',  und  ol.  'quont  gig'  entsprechen  beide  dem 
Deutschen:  'wie  lange?'  Sehr  richtig  bemerkt  Ascoli  (VII  p.  522) 
bezüglich  dieses  deutscheu  Einflusses:  Circa  l'uso  del  soprsh. 
'dig'  siamo  alla  continua  riproduzmie  del  ted.  'lange'. 

§  174.     Die  Vorzeitigkeit  drückt  'primum'  und  'ab  =  ante'  aus. 

Mat   XIII  30. 
L.:  Sammlet  zuvor  das  Unkraut, 
oe:  Cligie  Tg  prüm  la  claffa,  11.  1275;  B.  II  50. 
Raefpe  in  prüma  la  claffa,  Gr.  44. 
Raspe  il  prüm  insemmel  la  zizania,  M,  25. 
ue:  Clegiai  our'  il  prüm  la  zizania,  V.  D.  18;  A.  V.  18. 
ol:  Ivafpeit  avont  anfemel  ilg  zerclim,  Ga.  61. 

Raspeit  ilg  amprim  ansemel  ilg  zerclim,  C.  23. 
Raspelt  avont  ansembel  il  zerclim,  F.  21. 


Syntaktischoö  zu  den  liitoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    495 

§  175o  Für  'zuletzt'  sind  meist  Nenbilduug-en  mit  '(/ß  +  post'  ein- 
getretcD.    Alla  fin  ist  Nachalimung  des  Italieuischen. 

Mut.  XXVI  60. 

oe:  a  hi  plü  dauous,  E.  2761/2;  B.  E  107. 

l'davous,  Gr.  98. 

alla  flu,  M.  56. 
ue:  alla  fin,  V.  D.  38;  A.  V.  38  (nach  Diod:  alla  fine). 
Ol:  s'ilg  davos,  Ga.  132. 

ilg  davos,  C.  52;  il  davos,  F.  40. 

§  176.  Lateinisches  'semper'  ist  nocli  in  allen  Dialekten  erhalten; 
im  oe.  wird  es  öfters  noch  mit  'mag-is'  verbunden.  Für  'semper' 
wird  auch 'ad  unam' (verg-l.  rumänisches 'tot  de  auna',  und  spanisches 
'aun')  gebraucht.  Ferner  wechseln  auch  im  oe.  und  ue.  Latinismen: 
'in  aeternum,  in  perpetuum'  ab. 

Mat.  VI  13. 

oe:  saimper  &  saimperme,  E.  481. 

faimper  &  faimpermae,  B.  11  19. 

in  aeterna,  Gr.  17. 
ue:  in  eternum  V.  D.  7  (Diod:  in  sempiterno). 

in  eterno,  A.  V.  8. 
Ol:  a  temper,  Ga.  23;  C.  9;  F.  10. 

Mat.  XXVI  11. 

L.:  mich  aber  habt  ihr  nicht  allezeit. 

oe:  mu  me  nü  hauais  uns  saimper,  E.  2636;  B.  II  102. 

mu  me  nun  gnis  ad  havair  faimper,  Gr.  93. 

ma  me  nun  avais  saimper,  M.  53. 
ue:  mo  mai  nun  haverad  faimper,  V.  D,  36. 

ma  mai  non  averat  saimper,  A.  V.  36. 
ol:  mo  mei  vangits  vus  buc  a  ver  adinna,  Ga.  126. 

mo  mei  veits  bucc  adinna,  C.  49. 

mo  mei  vegnits  vus  buc  ä  haver  adina,  F.  38. 

Luc.  I  55. 
L.r  ewiglich, 
oe:  imperpetua,  E.  193;  B.  II  196. 

in  aeterna,  Gr.  181. 

in  eterno,  M.  104. 
ue:  in  perpetuo,  V.  D.  70;  A.  V.  68  (nach  Diod). 
Ol:  a  femper,  Ga.  242;  C.  95;  F.  70. 


496  Knx\  Ilutscljcnreuthcr 

Joh.  XI  42. 
L.:  allezeit, 
oe:  adüna,  B.  I  352;  B.  II  362. 

faimper,  Gr.  340;  M.  194. 
ue:  faimper,  V.  D.  129;  A.  V.  125. 
Ol:  adinna,  Ga.  450;  C.  178. 

adina,  F.  126 

177.  Zum  Ausdruck  der  Wiederholung  steht  für  'saepe'  und 
'äenuo^  durchwegs  'subinde'^  ferner  oe.  de  usus,  de  -+-  caput,  de 
4-  bis  +  novum;  ue.  de  -f-  caput,  de  +  novum;  ol.  de  +  no- 
vum  +  mente  (>  danievmeng),  und  sehr  häufig  post  pedem  (auch 
mit  anavos  verstärkt). 

Mat.  XVII  15. 
L. :  er  fällt  oft  ins  Feuer,  und  oft  ins  Wasser, 
oe:  el  tuma  suez  ilg  foe^  &  spes  in  l'ouua,  B.  1681, 

el  tuma  fuenz  ilg  foe,  &  fpes  in  l'oua,  B.  11  65. 

el  fuvenz  do  in  foe,  &  fuvenz  in  l'oua,  Gr.  59. 

suvenz  crouda  '1  nel  fö,  e  suvenz  nell'ova,  M.  33. 
ue:  el  fuvent  crouda  nMl  foe,  e  fuvent  in  Tagua,  V.  D.  23. 

el  suvent  croda  nel  fö,  e  suvent  nell'aua,  A.  V.  24  (Di od: 
spes  so). 
ol:  el  croda  favents  ent  ilg  fieuc,  a  favents  enten  l'aua,  Ga.  80. 

savents  croda  el  elg  fleug,  a  savents  eu  Faua,  C.  31. 

el  croda  savents  en  il  fiiic,  a  savents  en  l'aua,  F.  26. 

Marc.  XIV  70. 
L.:  Und  er  leugnete   ab  er  mal.     Und    nach    einer    kleinen  Weile 
sprachen  aber  mal  zu  Petro,  die  dabei  standen. 

oe:  Et  el  fthaieua  darchio.     Et  poick  dfieua    dabinoef  aquels 
chi  fteuan  alle,  dfchaiuen  ä  Petro:  B.  I  179;  B.  II  182. 
Mu  el  darchio   fchneiö.     Et   poch  zieua    darchio  quels  chi 

ftaiven  allö  diffen  ä  Petro,  Gr.  168. 
Ma  el   snejet   darcho.     E    poch    zieva    dschettan    darcho  a 
Petro  quels  chi  eirau  lo,  M.  96. 
ue:  Mo  el  snejet  dar  che  u.  E  pauc  davo,  quels  ch'eiran  qua  diffen 
danoef  ä  Petro;  V.  D.  64  (nach  Diod:  Ma  egli  da  capo 
lo  negö.     E  poco    stante,    quelli    ch'erano    quivi    disscro  di 
nuovo  a  Pietro). 
Ma   el    snejet    darcheu.     E  pac   davo,    quels    ch'eiran  qua 
dischan  danöv  a  Petro,  A.  V.  64. 
ol:  Mo  el  fchnagä  pufchpei.     Ad  ampaug  fuenter  quci  fchenan 
quels  Ca  fovan  lou  pufchpei  ä  Petrus,  Ga.  226. 


Syiitaktischca  zu  den  rätoroinanisclien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    497 

Mo  el  sclinegä  pusclipei.   Ad  iiDipiiu  suenter  schennen  quels 

ca  tbviiu  lou  pusclipei  ;i  Petrus,  C.  89. 
Mo  el  snegä  puspei.    A  ptiuc  suenter  quei  schenau  quels  ca 

fovan  lou  puspei  ä  Petrus,  F.  65. 

Marc.  XIV  69. 

ue:  l'haviand  dcheu  vis,  V.  D.  64. 

l'aviand  darcheu  vis,  A.  V.  64  (Di od:  vedutolo  di  nuovo). 

Mat.  XXVI  61. 
ol:  danievmeng,  C.  52. 

Mat.  XXVII  3. 

pufchpei  anavos,  C.  53. 

Auch  das  Präfix,  're'  gibt  das  ue.  mit  darcbeu. 

Mat.  XXI  18. 
Di  od:  ritornando. 
ue:  turnand  dar  eben,  V.  D.  28;  A.  V.  29. 

e.  Die  modalen  Adverbien. 

Von  der  Menge  der  modalen  Adverbien  will  ich  wiederum  nur 
einige  bemerkenswertere  herausgreifen. 

§  178.  Latein,  ^etiam'  (=  auch)  ist  verschwunden;  dafür  tritt 
durchwegs  oe.  'er,  eir';  ue.  ^eir';  ol.  'er'.  Dies  erinnert  au  pro- 
venzalisches  'era'  (=  jetzt,    nun)  und  rumänisches  iar[ä]  (=  wieder). 

Mat.  V,  47. 

L. :  Tun  nicht  die  Zöllner  auch  also? 

oe:  Nu  faun  forza  er  aque  l's  publichiauns ?  R.  423. 

Nu  faun  forza  eir  aque  Fs  publichiaüs,  B.  H  17. 

Nun  faun  eir  ufchea  Ts  publichiauns,  Gr.  16. 

Non  faun  uschea  eir  ils  pajauns?  M.  9. 
ue:  Nun  faun  eir   ils   publichans  il    fumgiaunt?    V.  D.  7    (Diod: 
'ancora'), 

Non  fan  eir  ils  publichans  il  sumgianf?  A.  V.  8. 
ol:  Fan  buc  er  afcbia  ils  Zollers?  Ga.  21. 

Fan  bucc  er  ils  daziers  tont?  C.  8. 

Fan  buc  er  aschia  ils  publicans?  F.  10 

§  179.  Als  Ersatzwort  vod  'etiam'  (=  noch)  steht  oe.  und  ol. 
ein*  anque;  imue.  hat  sich  'modo'  als  'admodo'  >  'amo'  erhalten 


498  Karl  IJiitschenreutlier 

Mat.  XXVII  63. 
L.:  da  er  noch  lebte, 
oe:  aiinchia  chel  uiuaiua,  R.  2960;  B.  II  115. 

cura  el  auncliia  vivaiva,  Gr.  105. 

cur  el  vivaiva  auncha,  M.  60. 
11  e:  taimt   ch'el    viveiv'    amo,    V.  D,   40   (Di od:    mentre    vivea 
ancora). 

intant  ch'el  vivaiv'  amo,  A.  V.  41. 
ol:  autroqii'el  fov'  ouuc  vif«,  Ga.  142. 

autroqiian  el  fova  aimc  vivs,  C.  56. 

antrocaa  el  fova  aunc  vivs,  F.  43. 

§  180,     Im  oc.  veitritt  auch 'pure' das 'auch c'.    Meyer-Lübke 
führt  p.  529  nur  ol.  'pir'  an. 

Marc.  XIV  31. 

L. :  Er  aber  redete  noch  weiter. 

oe:  Mu  el  dfchaiua  pur  plü  fick,  B.  I  175;  B.  II  178. 

Mu  el  pur  plü  dfchaiva,  Gr.  165. 

Mo  el  dschaiva  vi  e  pü,  M.  94. 
ue:  Mo    el   plü    vi'  e  plü    fermamaing-   dfcheiva,   V,  D.  63    (nach 
Diod:  Ma  egli  vie  piü  fermamente  diceva). 

Ma  el  plü  vi'  e  plü  fermamaing-  dschaiva,  A.  V.  62. 
ol:  Mo  el  fchet  ounc  pli  ftain,  Ga.  221. 

Mo  quest  scheva  pli  a  pli  datschentameug,  C.  87. 

Mo  el  sehet  aunc  ])li  fermameng,  F.  64. 

§  181.    Für  modo  =  ^nur' findet  man:  oe.  sullamang,  fulla- 
maing,  folum,  be;  ue.  folüm;  ol.  uaguttamai,  er  mai,  mai. 

Mat.  IX  21. 

L.:  Möchte  ich  nur  sein  Kleid  anrühren. 

oe:  sch'eau  sullamang  pös  tuchicr  sieu  uestieu,  I\.  781/2. 

fehl  eau  fullamaing  pös  tuchicr  fieu  veftieu,  B.  II  31. 

fch'eau  folum  veng  ä  tuchiaer  lieu  veftieu^  Gr.  28. 

fch'eau  poss  be  tucher  sieu  vstieu,  M.  16. 
ue:  fch'cug  folüm  tuoch  fia  vefta,  V.  D.  11   (nach  Diod:  sc  sol 
tocco  la  sua  vesta). 

fch'eu  solüm  tuoch  sia  vesta,  A.  V.  12. 
ol:  fcha  jou  tucc  naguttamai  fieu  vaftchieu,  Ga.  38. 

fcha  jou  tucca  er  mai  sieu  vastchieu,  C.  15. 

fcha  jou  tucca  mai  siu  vestgiu,  F.  14. 


Syntnktischcs  zu  den  riitoronianisehcn  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     499 

§  182.  Lateinisches  ^vix'  ist  nur  im  ol.  und  zwar  durchwegs 
erhalten. 

Mat.  XIX  23. 
L.:  Ein  Kcicher  wird  schwerlich  ins  Himmelreich  kommen, 
ol:  ün  rifeh  ven  ad  ir  vess  ent  ilg-  Kaginavel  da  tfchiel,  Ga.  90. 

in  risch  ven  ad  ir  vess  elg  reg-inavel  da  tschiel,  C.  35. 

in  risch  ven  ad  ir  vess  en  il  regiuavel  da  tschiel,  F.  28. 

dafür  oe.  cun  fadia,  K.  1888;  B.  II  73;  Gr.  6G. 

oe.  &  ue:  difficilmaing,  M.  37;  V.  D.  26;  A.  V.  26. 

Marc.  VII  32. 
ol:  ün  furd,  ca  plidava  vefs,  Ga.  182. 
in  surd,  ca  plidava  vess,  C.  71;  F.  53. 

§  183.  Als  Adverbien  der  Art  und  Weise  werden  im  älteren  oe., 
zuweilen  auch  ol.  präpositionale  Wendungen  den  Bildungen  mit 
der  Endung  'mente'  vorgezogen. 

Mat.  I  19. 
L.:  heimlich, 
oe:  ad  ascüs,  R.  46;  B.  II  3. 

fecretamaing,  Gr.  3;  M.  2. 
ue:  lecrettamaing,  V.  D.  2;  A.  V.  3. 
ol:  adafcus,  Ga.  3;  F.  5. 

dascusameng,  C.  2. 

Mat.  VI  4. 
L. :  öffentlich, 
oe:  ilg  appalais,  R.  458;  B.  II  18. 

in  l'palais,  Gr.  17  (Diod:  in  palese). 
publicamaing,  M.  9. 
ue:  avertamaing,  V.  D.  7;  A.  V.  8. 
ol:  avertameng.  Ga.  22;  C.  8;  F.  10. 

Mat.  VIII  26. 
L.:  da  ward  es  ganz  stille. 
oe:  Et  stet  tuet  quaid  &  in  aser?  R.  692. 
Et  ftet  tuet  quaid  &  in  afet*,  B.  II  28. 

Mat.  VI  4. 

durchwegs : 

oe:  ilg  segret,  R.  457;  B.  11  18.    (L.:  verborgen.) 
in  fecret,  Gr.  17. 


*  Bei  Pallioppi  nicht  verzeichnet. 


500  Karl  Hutschenreuther 

ue:  in  fecret,  V.  D.  7  &  A.  V.  8  (Diod:  in  segreto). 
ol:  ent  11  zuppaii,  Ga.  22. 

e  n  t  e  n  i  1  g  z  11  ])  a  u ,  C.  8. 

eu  il  zuppau,  F.  10. 

§  184.  Die  Endung  'meute'  wird  zur  Bildiiug  modaler  Adverbien 
nicht  nur  an  Adjektive,  sondern  auch  an  andere  Wörter,  ja  sogar 
Wortgruppen  angehängt. 

Mat.  XXVI  75. 
L,:  und  weinte  bitterlich, 
oe:  &  ho  erido  sosamang,  R.  2799;  B.  II  109. 

ho  el  crido  fofaniaing,  Gr.  99. 

e  cridet  sosamaing,  M.  56. 
ue:  e  cridet  faufamaing,  V.  D.  38. 

e  cridet  sosamaing,  A.  V.  39. 
ol:  a  bärge  bittrameng,  Ga.  134. 

a  bargie  cauldameng,  C,  52. 

a  bargit  amarameng,   F.  40   (auch  Diod:    c  piause    ama- 
ramente). 

Eigenartige  Verbindungen  sind: 

oe: 
Mat.  XIX  17:  ün  sul,  numnedamäg  deus,  R.  1873  (L.:  Der  einige 
Gott). 
ün  ful,  numnaedamäg  Dieu,  B.  II  73  (hier  geht  das 
Adverb  eine  eigentümliche  Verbindung  mit    einem 
Substantiv  ein;  es stehtanStelleeines Adjektivs). 
Mat.  XXVI  29:  danövmaing,  M.  54. 

ol: 
Mat.  XVIII  35:  dacorameng,  C.  34  (L.:  von  euren  Herzen).    Hiezu 

auch  August  in  §  193. 
Mat.  XXIII  15:  doblameng,  Ga.  109. 

dubia  meng,  C.  43;  F.  34  (=  zwei  fältig). 
Mat.  XXVI  61:  danievmeng,  C.  52. 

Mat.  XII  16:  Ad  el  scumandä  staingiameng,  C.  20. 

Ad  el  als  scumandä  s  tag  na  meng,    F.  16    (doch  nur 
ftain,  Ga.  52). 

d.  Die  Adverbien  dei'  Bejahung  und  Verneinung. 

§  185.  Als  Adverb  der  Bejahung  kehrt  bei  Bifruu  das  eigen- 
tümliche par  Tg  uaira  (pailg  uaira)  meist  noch  mit  che  verbunden 
in  der  Bedeutung  von  'ja',  'wahrlich'  immer  wieder. 


Syntaktisches  zu  den  riitoiomanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    501 

Es  erinnert  an  italienisches:  si  che!     Vho  fatio. 

Im  ol.  findet  man  ein  entsprechendes  'pilgver,  pilver'. 

Mut.  V  18. 

oe:  Par  l'g  uaira  ch'(e),  E.  335/G;  B.  II  14. 

tlchert,  Gr.  13.  —  in  vardet,  M.  7. 
uc:  in  viirda,  V.  U.  G;  A.  V.  7  (Di od:  in  verita). 
ol:  pilgver,  Ga.  17. 

en  vardad;  C.  6.  —  en  verdat,  F.  9. 

In  Luc.  XI  51. 

lautet  'ja': 

oe:  pailg  uaira  che.  B.  I  246;  B.  11  251. 

Joh.  XXI  18. 

oe:  Par  l'g-  uaira  par  l'g  uaira,  B.  I  ,386;  B.  11  399. 
ol:  Pilgver,  pilgver,  Ga.  498;  C.  198. 

Pilver,  pilver,  F.  139  (L.:  Wahrlich,  wahrlich). 

Für  dieses  'wahrlich'  steht  im  oe.  und  ue.  auch  eine  dem  italie- 
nischen '■veramente'  entsprechende  Form. 

Mat.  XXVn  54. 

oe:  duaramaing,  R.  2940. 

duairamaing;  B.  11  114. 

Vairamaing,  Gr.  104;  M,  59. 
ue:  Vairamaing,  V.  D.  40;  A.  V.  40. 
ol:  Pilgver,  Ga.  141;  C.  55.  —  Pilver,  F.  42. 

§  186.  'Non'  steht  als  Antwort  nach  den  Verben  des  Denkens 
und  Sagens  im  ol.  in  der  Regel  nicht  allein,  sondern  ist  von  ca 
{=:  quid)  begleitet,  wie  ja  auch  im  Französischen:  \je  clis  que  nou\ 

Statt  'quid'  gebraucht  Menni  eigentümlicherweise  'da'. 

Luc.  XIII  3. 

L.:  Ich  sage,  nein. 

oe:  Eau  dich  ä  uns,  na,  B.  I  253;  B.  259. 

Zuond  brichia,  dich  eau  a  vus,  Gr.  238. 
Zuond  brich a,  as  di  eau,  M.  138. 
ue:  Na,  s'dig  eug,  V.  D.  91. 

Na,  as  di  eu;  A.  V.  89  (Diod:  No,  vi  dico). 
ol:  Jou  gig  ti  vus  Canun,  Ga.  320;  C.  126. 

Jou  gig  a  vus  ca  nun,  F.  91. 


502  Karl  Hutschenreutlier 

Luc.  XVII  9. 
L.:  Ich  meine  es  nicht, 
oe:  Eau  nu  pais,  B.  I  267;  B.  II  274. 

Eau  nun  paifs,  Gr.  253. 

Eau  m'impaiss  da  na,  M.  14G. 
ue:  Eug-  nun  pais,  V.  D.  97. 

Eu  non  m'impais,  A.  V.  95. 
ol:  Jou  maneg  canuU;  Ga   339. 

Jou  manegia  canun,  C.  134. 

Jon  pensa,  ca  nun,  F.  96. 

§  187.  Statt  'non'  steht  vielfach  oe.  und  ue.  'brichia,  bricha'; 
ol.  'bucca,  buca'. 

Mat.  VII  21. 
ov  nccg. 
L. :  nicht  alle. 
Di  od:  non  chiunque. 
oe:  Brichia  imünch'ün,  R.  599/600;  B.  II  24. 

Brichia  fcodün,  Gr.  21. 

Brich a  scodiin,  M.  12. 
ue:  Brichia  'minchün,  V.  D.  9. 

Brie  ha  minchün^  A.  V.  10. 
ol:  Bucca  minchün,  Ga.  29. 

Bucca  minchin,  C.  11. 

Buca  minchin,  F.  12. 

§  188.  Die  Negation  wird  gerne  verstärkt.  Dies  geschieht  mit 
Adverbien,  wie  oe.  'zuond,  dafat,  par  üngilina  via';  ue.  'dafat'; 
ol.  'zunt  (zun),  dilg  tutt'. 

Mat.  V  34. 
Diod:  Del  tutto  non  giurate. 
oe:  nu  giilro  zuond  brichia,  R.  392;  B.  11  16. 

nu  güre  zuond  bricchia,  Gr.  15. 

non  güre  daffat  bricha,  M.  8. 
ue:  Dafat  nun  jürarai,  V.  D.  6. 

Dafat  non  gürerai,  A.  V.  7. 
ol:  Vus  duveits  zunt  bucca  girar,  Ga.  19. 

Vu8  duveits  dilg  tutt  bucca  girar;  C.  7. 

Vus  duveits  zun  buca  girar,  F.  9/10. 

Luc.  I  60. 

L.:  mit  nichten. 

oe:  Par  üngiüna  uia  brichia,  B.  I  193;  B.  TI  196. 


Syntaktisches  zu  den  rütorouiaDischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     503 

§  189.  Als  Füllwörter  der  Negation  '»o«'  gebraucht  das  oe. 
'mica'  (>  mia)  und  'bricha';  das  ue.  'brichia,  briclia'. 

Mat.  n  6. 
Di  od:  E  tu  Betleem,    terra  di  Giuda,   non  sei  punto  la  minima, 
oe:  Et  tu   Bethleem    da   Juda,    nü  ist  mia   la   plU    pitsthna  .  .  . 
R.  85/6. 
Et  tti   Bethleem   da    Juda,    nun    eift   mia   la   plü   pitfehna, 

B,  n  4. 

Et  tu  Bethleem,  terra  da  Juda,  nun  eft  mia  la  plti  pitfchna, 

Gr.  5. 
E  tu  Betlehem,    terra  da  Giuda,    non  est  zuond  bricha  la 

minima,  M.  3. 
ue:  E  tu,   Betleem,    terra  da  Juda,   nun  eft  brichia  la  minima, 

V.  D.  3. 
E  tti,  Betleem,   terra  da  Giuda,   non  est  bricha  la  minima, 

A.  V.  4. 
ol:  A  ti  Bethlehem  terra  da  Juda,    eis   zunt  buc  la  pli  pitfchna, 

Ga.  6. 
A  ti  Bethlehem,  terra  da  Juda,  eis  zund  bucca  la  pli  pitschna, 

C.  2. 

A  ti  Bethlehem,  terra  da  Juda,  eis  zun  buc  la  pli  pitschna,  F.  6 

§  190.  FUr  'nihil'  findet  sich  durchwegs  *'una  gutta'  (>  oe. 
ünguotta;  ue.  ingotta,  inguoUa;  ol.  nagutta).  *Non'  vor  dem  Hilfsverb 
fällt  im  ol.  meist  weg. 

Luc.  V.  5. 
oe:  Maifter  n's  affadiant  nus  par   tuotta  la  not  Ichi  nun   hauain 
nus  piglio  ünguotta,  B.  I  210;  B.  H  213. 
Maifter,  n's  affadiant  tuotta   noatt,    nun   havains   prains  ün- 
guotta, Gr.  196. 
Musseder!  nus  avains  lavuro  tuotta  not,  e  nun  avains  clappo 
ünguotta,  M.  112. 
ue:  Maifter  nus  ins  havain  sfadiats  tuotta  not,  e  nun  havain  prais 
inguotta,  V.  D.  76. 
Maister,  nus  ans  avain  sfadiats  tuotta  not,  e  non  avain  prais 
inguotta,  A.  V.  74. 
ol:  Maifter,  nus  vein  luvrau  tutta  noig,  a  vein  pilgiau  nagutta, 
Ga.  263. 
Mussader,  nus  vein  luvrau  tutta  noig,   a  n'  avein  pilgiau  na- 
gutta, C.  103. 
Mussader,   nus  havein   lavurau   tutta   notg,    a  havein  pigliau 
nagutta,  F.  75. 

Romanisohe  Forschungen  XXVII.  Oü 


504  K"i'l  Hatschenreuther 

§  191.  'Umsonst' ist  wiedergegeben  mit  oe. 'par  gra ei a,  per  dun, 
gratuitamaing';  ue. 'per  dun';ol. 'par  nagut',  par  nagutta'. 

Mat.  X  8. 
dtagsäv  iXccßets,  doogeav  öoxs. 

L.:  Umsonst  habt  ihr  es  empfangen,  umsonst  gebt  es  auch, 
oe:  par  gracia  haiiais  arffschio,  &  par  gracia  ded,  R.  862/3. 
par  gracia  hauais  arffchieu,  &  par  gracia  daet,  B.  H  34. 
per  dun  havais  arfschieu,  per  dun  de,  Gr.  30. 
Gratuitamaing  avais  arvschieu,  gratuitamaing  de,  M.  17. 
ue:  per    du    havais    ardsfü,    per    dün  dat,    V.    D.    12    (Di od: 
'm  dono'). 
per  dun  avais  ardschvü,  per  dun  dat,  A.  V.  13. 
ol:  par  nagut  veits  vus  ratfchiert,    par  nagut  duveits  vus  dar, 
Ga.  41. 
Par  nagutta  veits  vus  ratschiert,  par  nagutta  ilg  duveits 

vus  dar,  C.  16. 
par  nagut  haveits  vus   retschiert,   par  nagut   duveits   vus 
dar,  F.  15. 

§  192.  Interessanter  ist  die  Übersetzung  von  'vergeblich'  (ital. 
'itivano')  mit  oe.  abech  (bei  Pal  lioppi  nicht  verzeichnet),  später 
iuvaun;  ue.  per  ingotta;  ol.  adumbatten  (Carigiet  leitet  es 
ab  von  ad-am-batter?) 

Mat.  XV  9. 

/iiaTi]v  de  Gißovral  ue. 
»  L.:  Aber  vergeblich  dienen  sie  mir 
Diod:  ma  invano  m'  onorano. 
oe:  mu  eis  huondren  me  abech,  R.  1479/80;  B.  II  57. 

mu  in  vaun  huondran  eis  me,  Gr.  51. 

Mo  in  vaun  am  servan  eis,  M.  29. 
ue:  Mo  per  ingotta  m'honuran  eis,  V.  D.  20;  A.  V.  21. 
ol:  Mo  adumbatten  furvefchen  eis  ä  mi,  Ga.  70;  C.  27. 

Mo  adumbatten  surveschan  eis  ä  mi,  F.  23. 

§  193.  Lateinisches  'nemo'  ist  ersetzt  durch  oe.  'tingtin'  (=  ne 
inde  mius);  ue.  'ingüu';  ol.  'nagin'.  Im  oe.,  häufiger  aber  ol,  kann 
'«0«'  beim  Verbum  wegfallen. 

Mat.  IX  16. 
oe:  Ungilin  nun  metta,  R.  765/6;  B.  II  30. 
tingUn  metta,  Gr.  27. 
UngUn  non  metta,  M.  15. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     505 

ue:  Mo  'ugtin  nun  metta,  V.  D.  11. 

ing'Un  non  metta,  A.  V.  12. 
ol:  nagin  metta,  Ga.  37;  F.  14. 

Nagin  na  metta,  C.  14, 

§  194.  FUi-  örtliches  nusquam  habe  ich,  wo  die  Übersetzung 
nach  dem  Lutherschen  Text  stattfand,  im  oe. 'ingUr';  im  ol.  'nilgiur, 
nilgiu,  nigliiV  (von  negiertem  'aliorso\  Asc.  VII  p.  538/9)  getroffen; 
fllr  griechisches  'ei  firi\  lateinisches  'nisi',  italienisches  ^senon'  steht 
oe.  'oter  c6';  ue.  'auter  co,  oter  co*. 

Marc.  VI  4. 

OTi  ovx  k'ffTi  ngo(p'^Ti}g  ccTi/iiog,  ei  ^iri   ev  xfi  nargiöi  avTOv. 
V.:  Quia  non  est  propheta  sine  honore  nisi  in  patria  sua. 
L.:  Ein  Prophet  gilt  nirgend  weniger,  denn  im  Vaterlande, 
oe:  Ün  profet  nü  es  fthbittö  oter  co  in  fia  patria,  B.  I  136. 
lin  profet  nun  eis  fchblitto  oter  co  in  fia  patria,  B.  II  1H8. 
Un  Prophet  nun  eis  difhonurö  oter  co  in  fia  patria,   Gr.  127. 
Ün  profet  nun    vain    ingür    main    stimo    cu   in    sia   patria, 
M.  73. 
ue:  IngUn   profet   nun   ais    dishonorä,    auter   co   in    fia    patria, 
V.  D.  49. 
IngUn  profet  non  ais  disonorä,  oter  co  in  sia  patria,  A.  V.  49. 
(Diod:  Niun  profeta  e  disonorato,   senon  nella  sia  patria). 
ol:  Un  Prophet  ei  nilgiu r  meins   hundraus    ca    enten  fia  Patria, 
Ga.  171. 
In  prophet  ei  nilgiu  meins  dichiaus,  ca  en  sia  patria,  C,  67. 
in  prophet  ei   nigliü    meins    hororaus   ca    enten    sia   patria, 
F.  52. 

Übrigens  ist  lat.  nisi  (=  ausser)  in  der  Kegel  durchwegs  mit 
oe.  'oter  co,  otercu';  ue.  auter  co,  oterco';  ol. 'auter  ca' wieder- 
gegeben. 

Mat.  XXI  19. 

L.:  und  fand  nichts  daran,  denn  allein  Blätter. 
Diod:  ma  non  vi  trovö  nulla,  se  non  delle  foglie. 
oe:  &  nun  acchiatto  ünguotta  in  aquel,    oter  co  la  sula   foeglia, 
R.  2063/4;  B.  H  80. 
&  nun  ho  chiatto  in  quel  oter  co  folum  la  foeglia,  Gr.  72. 
e  nun  chattet  sün  el  ünguotta,  oter  cu  föglia.  M.  41. 
ue:  mo  nu  chiatet  sün  el  ingotta,  auter  co  föglia,  V.  D.  28. 
ma  non  chattet  sün  el  inguotta,  oter  co  föglia,  A.  V,  29. 

32* 


506  1^8.1-1  Hutschenreuther 

ol:  ad  afflä  nagut  fin  el  auter  ca  felgia,  Ga.  98;  F.  31. 
a  n'aflä  sin  el  nagutt  aiiter  ca  felgia,  C.  38. 

Man  trifft  aber  auch  'sie  non': 

Luc.  XllI  9. 

oe:  fchi  nun,  B.  1254;  B.  H  259. 

fcha  na,  Gr.  238;  M.  138. 
ue:  E  fch'  el  pur  fa  frtit,  buna  nun  brichia,  V.  D.  92. 

E,  seh'  el  pur  fä  früt,  buu  ais;  non  bricha,  A.  V.  90. 
Ol:  Icha  nun,  Ga   321;  C.  126;  F.  91. 

§  195.    Für  italienisches  'nondimeno'  fand  ich  im  ue: 

Mat.  XXI  29. 

ingotta  tant  main,  V.  D.  29. 
inguotta  tant  main,  A.  V.  29. 
Dies  ist  jedenfalls  die  Wiedergabe  des  deutschen  'nichtsdesto- 
weniger'. 

§  196.  Temporales  'nun quam'  ist  durch  'magis'  ersetzt,  zu 
welchem  sich  vor  das  Verb  'wow'  gesellt,  das  nur  im  ol.  hie  und 
da  fehlt. 

Mat.  Vn  23. 

L.:  Ich  habe  euch  noch  nie  erkannt. 

oe:  Eau  mee  nun  hö  cunschieu  uns,  R.  607/8. 

Eau  me  nun  he  cunfchieu  uus,  B.  II  24. 

Eau  me  nun  hae  cuntfchieu  vus,  Gr.  22. 

Eau  nun  s'he  me  cognuschieus,  M.  12. 
ue:  Eug  nun  s'ha  mä  brichia  cognlifchlids,  V.  D.  9. 

Eu  non  s'ha  mä  bricha   cognoschtits,    A.  V.  10  (Diod:   Jo 
non  vi  conobbi  giammai). 
ol:  Jou  vus  hai  mai  ancunascheu,  Ga.  29. 

Jou  maina  vus  hai  ancunaschieu,  C.  11. 

Jou  vus  hai  maina  anconoschiu,  F.  12. 

§  197.  Eine  starke  doppelte  Verneinung,  die  wohl  durch 
das  Deutsche  beeinflusst  ist,  zeigt  grossenteils 

Mat.  XXI  19. 

L.:  Nun  wachse  auf  dir  hinfort  nimmermehr  keine  Frucht. 
Diod:  Giammai  pifi  in  eterno  non  nasca  frutto  alcuno  da  te. 
Seg:  Que  jamais  fruit  ne  naisse  de  toi: 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischeu  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    507 

oe:  Aqui  dsieua  nu  daia  nascher  itngiüu  früt  da  tb  in  aeterna, 
R.  2064/5;  B.  II  80. 
Da  te  nun  nafcha  plü  frütt  iu  aeterna,  Gr.  72. 
Da  te  nun  nasclia  in  eterno  me  pü  früt!  M.  41. 
ue:  Mä  brichia  plü  in  eternum  nun  defs  crefeber  früt  alchün 
da  tai,  V.  D.  28. 
Ma  bricba  plü  in  eterno    non  dess    crescher   früt    alcbün 
da  tai,  A.  V.  29. 
ol:  Sin  tei  dei  crelcber  nagin  frig  pli,  a  femper  buc,  Ga,  98; 
F.  31. 
Sin  tei  na  creschi  mal  pli  frig,  ä  semper  bucca!  C.  38. 

§  198.  Nach  einem  Komparativ  gebraucht  nur  Bifrun,  wenn 
der  zweite  Teil  des  Vergleiches  ein  vollständiger  Satz  ist,  ein  'non' 
vor  dem  Verb  des  zweiten  Gliedes. 

Mat.  Xn  6. 

L.:  Ich  aber  sage  euch,  dass  hier  der  ist,  der  auch  grösser  ist, 
denn  der  Tempel. 

Di  od:  Or  io  vi  dico,  che  qui  v'e  alcuno  maggior  del  tempio. 

oe:  Mu  eau  dich  ä  uus  che  in  aquaist  loe,  es  ün  quel  chi  es  mer 

CO  nun  saia  l'g  sabath,  R    1062/3. 
Mu  eau  dich  ä  vus  che  in  aquaist  loe  eis  tin  quel  chi  eis  maer 

CO  nü  faia  l'g  fabath,  B.  11  42. 
Mu    eau   dich  ä  vus,   chia   qui  eis  tin  plü  grand  co  l'taimpel, 

Gr.  37. 
Mo  eau  di  a  vus,    cha   qui   ais   tin   pti   grand   co  '1   taimpel, 

M.  21. 
ue:  Mo  eug  s'dig,   chia    qui    ais    alchtin  plü  grand  co'l  Taimpel, 

V.  D.  15. 
Ma  eu  as  di,   cha    qui   ais  alchün   plü    grand   co'l   taimpel, 

A.  V.  16. 
ol:  Mo  jou  gig  ä  vus,    ca   quou   ei  ün  pli    grond   ch'ilg   tempel, 

Ga.  51. 
Mo  jou  gig  ä  vus,    quou   ei  caussa  pli  gronda  ca  ilg  tempel, 

C.  19. 
Mo  jou  gig  ä  vus,  ca  cou  ei  in  pli  grond  ca  il  tempel,  F.  18. 

Zu  Bifrun  noch: 

Job.  XIV  28. 

oe:  l'g  bab  es  mer  co  nu  faia  eau,  B.  I  364. 
l'g  bab  eis  mer  co  nu  faia  eau,  B.  II  375. 


508  Karl  Hutschenreuther 

Was  die  Negation  im  Teilsatz  anlangt,  so  habe  ich  bei  der 
Behandlung  desselben  einige  Bemerkungen  eingestreut. 

B.  Die  Präposition. 

Von  den  lateinischen  Präpositionen  sind  noch  ziemlich  viele  er- 
halten. Zu  diesen  haben  sich  eine  Menge  neuer,  von  verschiedenerlei 
Ursprung  gesellt,  welche  ebenso  wie  die  überlieferten  grosse  Änderungen 
in  ihrer  Bedeutung  aufweisen. 

Syntaktisch  interessant  ist  die  Tatsache,  dass  die  Präposition  im 
Btindnerischen  vielfach  unter  deutschem  Einfluss  steht,  weshalb 
ich  auch  auf  den  deutschen  Ausdruck  besonderes  Gewicht  gelegt 
habe.  Sämtlichen  Bibelübersetzungen  hat  sich  oft  ganz  unbewusst  der 
deutsche  Sprachgebrauch  aufgedrängt,  manchmal  haben  wir  sogar 
eine  wörtliche  Übersetzung  aus  dem  Deutschen. 

Auch  hier  will  ich  mich  nur  auf  die  wesentlichsten  Erscheinungen 
der  Funktionsverschiebungen  beschränken,  und  die  Beispiele  alphabetisch 
geordnet  nach  den  üblichen  Kategorien  vorführen. 

a.  Die  lokalen  Präpositionen. 

§  199.  Bei  den  weitaus  am  zahlreichsten  lokalen  Präpositionen 
haben  wir  vor  allem  zwischen  Ruhe  und  Bewegung  zu  unter- 
scheiden. 

Äu 
zum  Ausdruck  der  Ruhe  wird  ausser  mit  ^ad'  wiedergegeben: 

oe:  in,  sü,  sün  (=  susii  +  in),  dfp er a (=  c?e  +  sw/jer),  fpaera, 

sper  (=  super),  auch  vi  +  ad. 
ue:  via,  vi  +  ad,  vi  -\-  da,  fpaer,  sper,  sü,  sün. 
ol:  sper,  sper  vi,  sin,  vi  dil,  vi  d'il. 

Mat.  IV  13. 
L.:  an  den  Grenzen, 
oe:  ils  cufins,  R.  246;  B.  n  11. 

in  l's  cuffins,  Gr.  10. 

suis  confins,  M.  6. 
ue:  sü'ls  confins,  V.  D.  5. 

sün  ils  confins,  A.  V.  6  (Diod:  ä  confini). 
Ol:  vi  d'  ils  cunfins,  Ga.  12;  F.  8. 

sin  ils  cunfins,  C.  5. 

Mat.  IV  18. 
L.:  Als  nun  Jesus  an  dem  galiläischen  Meere  ging, 
oe:  Mu  giand  Jesus  dspera  l'g  mer  da  Galileae,  R.  256/7;  B.  II 11. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    509 

Mu  giand  Jesus  fpaera  Tmaer  da  Galilaea,  Gr.  11. 

Mo  spassagiand  Gesu  sper  il  lej  da  Galilea,  M.  6. 
ue:  Mo  Jesus,  fpassiand  fper  il  mar  da  Galileu,  V.  D.  5. 

Ma  Gesu,    spassiaud  sper  il  mar  da  Galilea,  A.  V.  6  (Diod: 
longo  '1  mare). 
ol:  Ma  cur  Jesus  mava  fper  la  Mar  da  Galilea,  Ga.  13;  F.  8. 

Cur  Jesus  ma  sper  ilg  lag  da  Galilea  vi,  C.  5. 

Zum  Ausdruck  der  Bewegung  wird  'an'  ausser  durch  'ad'  gegeben 
mitoe.  'aint,  vi  ad,  dfpera,  fpaera,  sper';  ue.  via,  vi  +  ad;  ol. 
'vi  da,  vid'. 

Mat.  ni  10. 
L.:  an  die  Wurzel, 
oe:  dspera  la  risth,  R.  181. 

fpaera  la  rifch,  B.  H  8;  Gr.  8. 

vi  alla  risch,  M.  4. 
ue:  via  la  ragisch,  V.  D.  4. 

vi  alla  ragisch,  A.  V.  5  (Diod:  alla  radice). 
ol:  vid'  la  ragifch,  Ga.  10. 

vi  da  la  ragisch,  C.  4;  F.  7. 

Mat.  XVIII  6. 

L.:  Dem  wäre  besser,  dass  ein  Mühlstein  an  seinen  Hals  ge- 
hängt würde. 

oe:  ad  aquegli  füs  plü  üttel  che  l'g  gnis  mis  üna  muola  da  muliu 
aint  ilg  culoetz,  R.  1735/6  &  B.  H  67. 
melg  füfs  ad  el,    chia  l'füfs  mifs  ä  1'  culloez   üna    moula   da 

molin,  Gr.  61. 
per  quel  füss  megl,  cha  üna  moula  d'mulin,  al  gniss  pendida 
vi  al  culöz,  M.  34. 
ue:  fchi  fuoffe  melg  per  el  chi  '1  fuofs  pendü  üna  moula  d'mulin 
vi'  al  culöz,  V.  D.  24  (Diod:  al  collo). 
schi  füss   megl    per  el  chi'l    füss  pendü   üna   moula  d'mulin 
vi'  al  culöz,  A.  V.  24. 
ol:  Scha  fufs  ei  k  Igi  pli  bien  ch'ei  fufs  pandieu  vi  da  fieu  culiez 
üna  mola  da  molin,  Ga.  83. 
fuss  ei  pli  bien,    ca  inna  mola  da  mulin  ngiss  pendida  vi  da 

sien  culiez,  C.  32. 
ä  gli  fuss  ei  pli  bien  ca  ei  fuss    pendiü  vi  da  siu  culliez  ina 
mola  da  molin,  F.  26. 

Im  abstrakten  Siun  ist  oe.  'vi  ad',  ol.  intus  +  in  (>  'enten') 
bemerkenswert, 


510  Karl  Hutschenreuther 


Mat.  XVni  6. 


L. :  Die  an  mich  glauben. 

oe:  quaels  cM  craien  in  me,  K.  1734/5. 

quels  chi  craien  in  me,  B.  II  67. 

chi  craien  in  me,  Gr.  61. 

chi  crajan  in  me,  M.  35. 
ue:  chi  crajen  in  mai,  V.  D.  24. 

chi  crajan  in  mai,  A   V.  24  (Diod:  che  credono  in  me). 
ol:  ca  crein  enten  mei,  Ga.  83;  C.  32;  F.  26. 

Mat.  XXVII  43. 
oe:  el  ho  bainplaschair  vi  ad  el,  M.  59. 

auf. 

Der  Gebrauch  vom  oe.  und  ue.  ^sün\  und  ol.  *sin*  zur  Bezeichnung 
der  Ruhe  scheint  im  folgenden  Beispiel  durchs  Deutsche  beein- 
flusst  zu  sein.    oe.  'per^  und  ol.  'par'  meinen  'über  einen  Raum  hin*. 

Mat.  VI  2. 

L.:  auf  den  Gassen. 

Diod:  nelle  piazze. 

Seg:  dans  les  rues. 

oe:  per  las  uias,  R.  452;  B.  II  18. 

in  las  plazzas,  Gr.  16. 

sün  las  stredas,  M.  9. 
ue:  stin  las  plazas,  V.  D.  7. 

stin  las  plazzas,  A.  V.  8. 
ol:  fin  las  gaffas,  Ga.  22. 

par  las  stradas,  C.  8. 

fin  las  stradaS;  F.  10. 

Ebenso  ist  wahrscheinlich  ue.  ^sü,  'siln'  und  ol.  's/,  sin',  im  Sinne 
von  'auf  zum  Ausdruck  der  Richtung  ein  Germanismus;  während 
sonst  im  oe.  'via  a'  steht. 

Mat.  VI  26. 

oe:  Vuluc  uos  oeilgs  uia  alla  utschelina  dailg  schil,  R.  522/3. 

Vuluc  vos  oeilgs  via  alla  vtfchelina  dailg  tfchel,  B.  11  21. 
ue:  Quardä  sü  'Is  utfcheus  dal  tfchel,  V.  D.  8. 

Quardai  stin  ils  utschels  del  tschel,  A.  V.  9. 
ol:  Mireit  s'ils  utfchels  d'ilg  tichiel,  Ga.  25. 

Mireit  sin  ils  utschels  dilg  tschiel,  C.  10. 

Mireit  sin  ils  utschells  dil  tschiel,  F.  11. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    511 

Deutschen  Einfluss  sehen  wir  auch    deutlich  im  abstrakten 
Gebrauch  von  'smw,  shi'. 

Mat.  XXVII  14. 
L. :  Und  er  antwortete  ihm  nicht  auf  ein  Wort, 
oe:  Et  el  nun  ho  brichia  arespondieu  agli  ad  ün  uierf,  R.  2844/5; 
B.  n  110. 
Et  nun  ho  refpondieu  ad  el  ad  ün  plaed,  Gr.  100. 
Ma  el  nun  al  respondet  neir  sün  ün  sulet  pled,  M.  57. 
ue:  Mo  el  nun  '1  refpondet  stiningotta,  V.  D.  39  (Diod:  a  nulla). 

Ma  el  non  al  respondet  sün  inguotta,  A.  V.  39. 
ol:  Mo  el  figet  er  a  Igi    naginna   rafpofta,    bucca   fiu   lin   plaid, 
Ga.  136. 
Mo  el    faget  er  ä  gli   nagina   resposta,   bucca    sin  in  plaid, 
F.  41. 

Andere  Beispiele  sind 

oe: 
Luc.  XIV  6:  L.:  Und  sie  konnten  ihm  darauf  nicht  Antwort  geben. 
Et  eis  nu  pudaiuen  fün  aquaiftes  chiofes  arefpuonder 

agli,  B.  I  257;  B.  11  263. 
Et  nun  pudaiven   refpuonder  ad  el  fün  que,   Gr.  242. 
E  sün  qufe  nun  al  savaivan  eis  respuonder   ünguotta, 
M.  140  (das  ue.  hat  'ä';  das  ol.  auch  'sin'). 

Nach  Art  des  deutschen  'auf: 

ue: 
Mat.  V  22:  chi   s'adira    sün    feis    frar,    V.  D.  6;    A.  V.  7    (doch 
Diod:  chiunque  s'adira  contr'  al  suo  fratello). 
Ebenso  ol:  Chi    ca   ven    grits   (in  fieu   frar,    Ga.  17 

&  C.  7. 
Chi  ca  ven  gritts  sin  siu  frar,  F.  9;    während  die  oe. 
Übersetzer  richtig  ^incimter,  cunter'  haben. 

Germanismus  im  ol.  ist  ferner: 
Mat.  XX  24:  fcha  fonan  eis  da  mala  velgia   fin   quels    dus    frars, 
Ga.  94. 
fonnen  eis  da  mala  velgia  sin  quels  dus  frars,  C.  37. 
fonan  eis  da  mala  veglia  sin  quels  dus  frars,   F.  29. 
(Hieftir  oe.  ^de^  da,  cunter' -^  ue.  '(/a'.) 

aus. 
Hiefür  finden  wir  allgemein  oe.  und  ue.  'our  da';  ol.  'or  da',  oft 
noch  durchs  Adverb  'or,  ora'  {==  foris  ad)  verstärkt. 


512  Karl  Hutschenreuther 

Mat.  Vn  4. 
L.:  Halt,  ich  will  dir  den  Splitter  aus  deinem  Auge  ziehen? 
oe:  lascha  che  preda  la  büstchia  our  da   tieu   oeilg,   R    559/60. 

lafcha  che  prfda  la  büfchchia  our  da  tieu  oeilg,  B.  11  22. 

Lafcha  ch'eau  chiaeva  la  btischia  our   da   tieu  oelg,   Gr.  20. 

Lascha  ch'eau  tira  la  spina  our  da  tieu  ögl,  M,  11. 
ue:  Lafcha  ch'eug  ta  tira  our  dal  öl  la  büfchia,  V.  D.  8. 

Lascha  ch'eu  at  tira  our  dal  öl  la  büscha,  A.  V.  9. 
ol:  Lai  prender  or  la  refta  or  da  tieu  oelg,  Ga.  27. 

Lai  prender  or  la  resta  or  da  tiu  egl,  F.  11. 

bei. 

wird  oe.  immer  mit  'uia  a'  oder  'tiers',  ue.  stets  mit  'pro';  ol. 
mit  Hier'  auch  'tenter,  denter'  (eigentlich mehr:  'unter  einer  Schar') 
gegeben;  'da'  bezeichnet  mehr  den  Ausgangspunkt. 

Mat.  VI  1. 
L.:  anders  habt  ihr  keinen  Lohn  bei  eurem  Vater, 
oe:  Vschiglioe  nu  gnis  ad  hauair  premgia  uia  ä  uos  bab,  R.  448/9; 
B.  II  18. 
ufchegloe  nun  hauais  mercede  tiers  voas  Bab,  Gr.  16. 
uschigliö  nun  uvais  alchtin  premi  tiers  vos  Bap,  M.  9. 
ue:  ufchloe  nü  haverad  vus  mercede  pro  vos  Bap,  V.  D.  7. 

uschigliö  uon  averat  vus  mercede  pro  vos  bap,  A.  V.  8(Diod: 
premio  appo  '1  Padre). 
ol:  fchilgiog  vangits  vus  a  ver    naginua    pagalgia  da  viefs  Bab, 
Ga   22  (die  übrigen  ol.  Texte  haben  auch  'da'). 

Mat.  XXII  25. 
L.:  Und  sind  bei  uns  gewesen  sieben  Brüder, 
oe:  Et  elg  öran  tiers  nus  set  frars,  R.  2206/7. 

Et  elg  eran  tiers  nus  fett  frars,  B.  II  86. 

Mu  fun  Itos  tiers  nus  fett  frars,  Gr.  77. 

Ma  tiers  nus  eiran  set  frers,  M.  44. 
ue:  Mo  pro  nus    eiran   fet    frars,    V.  D.  30;    A.    V.   31    (Diod: 

appo  noi). 
ol:  Mo  'lg  ei  ftau  tenter  nus  fet  frars,  Ga.  105. 

Mo  tenter  nus  aeu  stai  sett  frars,  C.  41. 

Mo  igl  ei  stau  denter  nus  sett  frars,  F.  32. 

durch 
wird  ausser  mit  'per,  i)ar'  vielfach  im  oe,  mit  'tres,  traes';    im  ue, 
&  ol.  meist  mit  'tras'  wiedergegeben. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    513 

Mat.  Vn  13. 

L.:  Gehet  ein  durch  die  enge  Pforte. 

oe:  Antrö  aint  per  la  porta  stretta,  K.  582/3;  B.  1123. 

Jzen  aint  per  la  ftretta  poarta,  Gr.  21. 

Entrc  per  la  porta  stretta!  M.  12. 
ue:  Antra  tras  la  porta  ftretta,  V.  D.  9. 

Intrai  tras  la  porta  stretta,  A.  V.  10. 
ol:  Meit  ent  par  la  porta  ftrechia,  Ga.  28. 

Meit  en  par  la  porta  strechia!  C.  11. 

Meit  ent  par  la  porta  stretga,  F.  12. 

Joh.  IV  4. 
durch  Samaria. 
oe:  tres  la  Samariam,  B,  316. 
traes  la  Samariam,  B.  IT  324. 
traes  Samaria,  Gr.  301. 
tres  Samaria,  M.  174. 
ue:  tras  il  pajais  da  Samaria,  V.  D.  115;  A.  V.  112  (veofür  Diod: 

per  lo  paese  di  Samaria). 
ol:  tras  Samaria,  Ga.  401;  C.  158;  F.  113. 

für. 

Ausser  oe.  'per,  par'  haben  v^^ir  Umschreibungen  mit  Substantiven, 
so  ue.  'in  lö  da'  entspricht  italienischem  ^in  luogo  di' \  ol.  'en 
ftailg  da'  entspricht  deutschem  ^an  Stelle  von\  dann  hat  das  ol. 
noch  'en  pei  da'  (=  in  pedem  de). 

Luc.  XI  11. 
L.:  für  den  Fisch. 
oe:  par  tin  pefch,  B.  I  242;  B.  II  247. 

per  Im  pesch,  M   131. 
ue:  in  lö  da  pefch,    V.  D.  87;    A.  V.  85    (nach  Di  od:  'in  luogo 

di  pesce'). 
ol:  en  ftailg  d'ilg  pefc,  Ga.  305. 
en  pei  dil  pesc,  F.  87. 

gegen. 

Zur  Bezeichnung  der  Annäherung  scheint  bei  oe.  'i  nennt  er' 
und  ol.  'ancunter'  deutscher  Einfluss  vorzuliegen,  obwohl  man 
auch  im  Französischen  bei  einer  Berührung  ^contre  la  terre*  sagt. 
Eigentümlich  ist  hier  'in'  bei  Griti.  oe.  Vers'  und  ue.  'ä'  sind  allge- 
mein romanisch. 


514  Karl  Hutschenreuther 

Luc.  XXVIV  5. 

oe:  incunter  terra,  B.  I  207;  B.  II  306. 

in  terra,  Gr.  284 

vers  la  terra,  M.  165. 
ue:  ä  terra,  V.  D.  108;  A.  V.  106. 
Ol:  an  Gunter  la  terra,  Ga.  380;  C.  150;  F.  107. 

Abstrakt  im  freundlichen  Sinne  gebraucht  ist  oe.  'incunter', 
und  ol.  'äncunter'  ein  starker  Germanismus. 

Luc.  VI  35. 
oe:  per  chel  es  buntadaiual  incunter  l's  fcunfchains  et  l's  mels, 
B.  I  217. 
per   che   el   eis  buntadaivel   incunter  l's  fcunfchains  &  l's 

maels,  B.  11  221. 
per  che  el  eis  benign  vers  l's  ingrats  &  l's  maels,   Gr.  203. 
per  che  el  ais  buntadaivel  [eir]  vers  ingrats  e  mels,   M  117. 
ue:  perche  ch'el  ais  bening  in  vers  ils  ingrats,  b  mals,  V.  D.  78; 

A.  V.  76. 

ol:  parchei  ch'el  ei  buntadeivels  ancunter  ils  malracunafchents, 

ad  ils  mals,  Ga.  272. 
parchei  ca  el  ei  buntadeivels  [er]  a n  vers  ils  nunracunaschents 

ad  ils  mals,  C.  107. 
parchei  el  ei  buntadeivels  ancunter  ils  malreconoschents  ad 

ils  mals,  F.  78. 

Übersetzung  aus   dem    Italienischen   ist   ue.    'contr' ad'  statt 
des  einfachen  'contra'. 

Marc.  XI  25. 

ue:  fcha  vus  havais  qualchiaufa  contr'  ad  alchtin,  V.  D.  58  (nach 
Diod:  se  avete  qualche  cosa  contr'  ad  alcuno). 
während:    fcha  vus  avais  qualchosa  contra  alchüu,   A.  V.  58. 

gegen  =^  gegenüber 
wird  im  oe.  u.  ue.  echt   rätoromanisch   mit    'uia   incunter,   vi'  in- 
cunter'  gegeben;    ol.    'vi  eifer'    entspricht   deutschem  ''gegenüber'. 
Dem  Italienischen  nähert  sich:  oe.  'ä  l'incunter  de,  in  fatscha  a', 
und  ol.  'en  fatscha  a'. 

Marc.  XII  41. 
L.:  Und  Jesus  setzte  sich  gegen  den  Gotteskasten. 
oe:  Et  cura  che  Jefus  fezaiua  uia   incunter  l'g    gazophijialium, 

B.  I  167/8;  B.  II  170. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    515 

Et  feziand  Jefus    ;i  l'  incunter  de  Iti   chiafcha   de   Tofferta, 

Gr.  157. 
E  Gesu  as  tscbantet  in  fatscha  alla  chascba  dellas  offertas, 

M.  90. 
ue:  E   Jefus,    s'haviand   mifs    ä    zer   vi'   incunter   la    chafleha 

dallas  offertas,  V.  D.  60  (Di od:  di  rincontro  alla  cassa 

deir  Offerte). 
E  Gesu,  s'aviand  miss  a  zer  vi'  incunter  la  chascha  dellas 

offertas,  A.  V.  GO. 
ol:  A  Jefus  fafeva  vi  eifer  ilg  bilg  da  las  unfarendas,  Ga.  212. 
A  Jesus  sa  tschenta.  en  fatscha  alg  belg  da  las    unfrendas, 

C.  83. 
A  Jesus  sesent  vieifer  il  bigl  da  las  unfrendas,  F.  61. 

in. 

Beliebt  ist  'intus  +  in'  (>  oe.  'aint  in',  ol,  'enteu',  'enta')  zur 
Bezeichnung  der  Ruhe.  'In'  (=  'unter  einer  Menge')  wird  in  der 
Regel  mit  oe. 'traunter',  ue. 'tauntr',  'tanter';  ol. 'tenter,  denter' 
wiedergegeben. 

Mat.  II  2. 
'im'  Morgenlande, 
oe:  aint  ilg  oriant,  R.  77/8. 
aint  ilg  oriaint,  B.  II  4. 
in  r  oriaint,  Gr.  5;  M.  2. 
ue:  in  Oriaint,  V.  D.  3.  —  nel  oriaint,  A.  V.  4. 
ol:  enten  la  terra  da  la  Damaun,  Ga.  5;  C.  2;  F.  6. 

Mat.  I  20. 
im  Traum. 
ol:  aint  ilg  soen,  R.  47;  B.  II  3. 

in  r  loenn,  Gr.  4. 

in  sömmi,  M.  2. 
ue:  n'il  feil,  V.  D.  2.  —  in  sömmi,  A.  V.  3. 
ol:  enta  fien,  Ga.  3. 

en  siemi,  C.  2,  —  en  sienn,  F.  5. 

Unserem  'in-darinnen'  entspricht  ol.  'en-dadents,  enten- 
dadents'. 

Mat.  XXIV  26. 
'er  ist  in  der  Kammer. 

ol:  el  ei  enten  las  combrettas  dadents,  Ga.  115. 
el  ei  en*  combretta  dadents,  C.  45. 
el  ei  en  las  combrettas  dadents,  F.  35. 

*  im  Text:  W. 


516  Karl  Hutschenreuther 

Für  'in'  =  'unter'. 

Mat.  V  27. 
im  Volk. 

Di  od:  nella  turba. 
oe:  traiiter  l'g  poeuel,  B.  I  134;  B.  11  136. 

in  l'poevel,  Gr.  125. 

traunter  11  pövel,  M,  71. 
ue:  tauntr'  il  pövel,  V.  D.  48. 

tanter  il  pövel^  A.  V.  48. 
ol:  tenter  ilg-  pievel,  Ga.  168;  C.  66. 

denter  il  pievel,  F.  50. 
Für  'in'  zur   Bezeichnung   der  Richtung   ist  ne.  aint,  aint  in' 
bemerkenswert.    Bifrun  verstärkt  'in'  noch  durch  Präfix  und  Adverb. 

Marc.  XIV  20. 
L.:  Der  mit  mir  in  die  Schüssel  tauchet, 
oe:  quael  chi  intainfcha  aint  cun  me  in  la  besla,  B.  I  174. 

quael  chi  intainfcha  aint  cun  me  in  la  baesla,  B.  II  177. 

chi  tainfcha  cun  me  in  la  baesla,  Gr.  164. 

il  quel  taindscha  cun  me  in  la  besla,  M.  94. 
ue:  il  quäl  tenfcha  cun  mai  aint  il  taglier,  V.  D.  63. 

il  quäl  tenscha  con  mai  aint  nel  tagler,  A.  V.  64. 
ol:  ca  tonfcha  cun  mei  en  la  fcadella,  Ga.  220;  F.  64. 

ilg  quäl  tonscha  cun  mei  en  la  scadella,  C.  86. 
Ist  'in'  =  'über  hin',  so  ist  oe.  'tres'  und  ue.  'tras'  (=  trans) 
statt  'per,  par'  merkwürdig. 

Mat.  IV  24. 
L.:  Und  sein  Gerücht  erscholl  in  das  ganze  Syrienland, 
oe:  Et  la   sia   nünaunza   es    areseda    oura  per   tuotta  la  Sijria, 
ß.  272/3. 
Et   la  fia   numnaunza   eis    arafeda    our  per  tuotta  la  Syria, 

B.  II  12. 
Et  eis  raefaeda  fia  fama  per  tuotta  la  Syria,  Gr.  11. 
E  sia  fama  get  tres  tuot  la  Siria,  M.  6. 
ue:  E  fia  fama  giet  tras  tuot  la  Siria,  V.  D.  5  (Di od:  per  tutta 
la  Siria), 
E  sia  fama  get  tras  tuot  la  Siria,  A.  V.  6  (Augustins  Be- 
hauptung   (§  171),   dass    im   ue.  die  Ausdehnung   über 
einen  Raum  hin  durch  'per'  ausgedrückt    wird,   ist  also 
nicht  immer  zutreffend), 
ol:  A  la  canera  dad  el  mä  ora  par  tut  la  Siria,  Ga.  14. 
A  sia  fama  mä  ora  par  tutta  la  Siria,  C.  6. 
A  la  fama  dad  el  mä  ora  par  tutta  la  Syria,  F.  8. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    517 

jenseits. 
Hierfür  haben  wir  oe.  ^uisur'   (=  via  -f-  super -^  fehlt  bei  Palli- 
oppi),  Vi'  davart',    'vidvart'    (=  via  -f-  de  -\-  partem)-^   letzterem 
entspricht  ue.  'via-dvart',     Vidvart';    im   ol.    steht   'da    tschella 
vart  di'  (=  de  ecce  illam  'partem  -f-  de). 

Mat.  IV  15. 
jenseits  des  Jordans, 
oe:  uisur  l'g  Jordan,  R.  449;  B.  II  11. 

vi'  davart  1'  Jordan,  Gr.  10. 

vidvart  il  Giordan,  M.  6. 
ue:  via-dvart  il  Jordan,  V.  D.  5. 

vidvart  il  Giordan,  A.  V.  6. 
ol:  da  tfchella  vart  d'  ilg  Jordan,  Ga.  13;  C.  5. 

da  tschella  vart  dil  Jordan,  F.  8. 

mit. 

Zum  Ausdruck  der  Begleitung  dient  allgemein  'cun,  con'. 
Durchs  Deutsche  beeinflusst  scheint  der  ol.  Gebrauch  von  'cun' 
in  abstraktem  Sinne. 

Mat.  VI  16. 

ol:  feigias  bucca  fco  ils  glifners  cun  viftas  trurigias,  Ga.  23. 
seies  buca  sco  ils  hypocrits  cuu  vistas  tristas,  F.  10. 

mitten  durch. 

Eine  Verstärkung  von  'per'  ist  oe.  und  ue.  'per  mez,  (=  fran- 
zösischem 'parmi',  provenzal.  ^par  miei\  italienisch,  'per  mezzo',  spanisch. 
'por  medio\  M.  L.  p.  485). 

Interessant  ist  die  ol.  Erweiterung  zu  'parmiez  trag'  und  ^par- 
miez  ora*. 

Joh.  VIII  59. 
öieXd^cop  did  [liffov  auzcSv. 
L.:  mitten  durch  sie  hinstreichend. 
oe:  giand  per  mez  eis,  Gr. 337. 

Da  dies  bei  Bifrun   ebenso    wie  in  der   Vulgata   fehlt,   so 
scheint  Bifrun  letztere  benützt  zu  haben.    Mennihat  wohl 
Bifrun  abgeschrieben, 
ue:  effendo   pafsä   per  mez  eis,    V.  D.  125  (von  Di  od:    essendo 
passato  per  mezzo  loro). 
passand  per  mez  eis,  A.  V.  121. 
ol:  a  pafsä  parmiez  tras  eis.  Ga.  435. 
passend  par  miez  eis  ora,  C.  172. 
passont  parmiez  tras  eis,  F.  122. 


518  Karl  Hutschenreuther 

mitteu  uuter 
wird  in  der  Regel  durch  Zusammensetzungen  wiedergegeben. 

Mat.  X  16. 
L. :  mitten  unter  die  Wölfe. 
Diod:  in  mezzo  de'  lupi. 
Seg:  au  milieu  des  loups. 
oe:  in  meza  l's  lufs,  R.  881;  B.  11  35. 

in  mez  l's  lufs,  Gr.  31. 

traunter  ils  lufs,  M.  18. 
ue:  in  mez  dals  lufs,  V.  D.  13. 

in  mez  dels  lufs,  A.  V,  13. 
ol:  a  miez  tenter  ils  lufs,  Ga.  42;  C.  16. 

b  miez  denter  ils  lufs,  F.  15. 

nach 
wird   fast   durchwegs  mit  oe.    'zieva'   (=  de  sequa)\   ue.  *davo';  ol. 
'suenter'  (=  sequenter)  wiedergegeben. 

Mat.  II  8. 
L.:  forschet  fleissig  nach  dem  Kindlein, 
oe:  intervegni  cun  diligijntia  delg  mattel,  R.  93/4. 
intervegni  cun  diligentia  delg  mattel,  B.  11  5. 
intravgni  diligiaintamaing  zieva  l'infaunt,  Gr.  5. 
dumande  diligiaintamaing  zieva  l'infaunt,  M.  3. 
ue:  dumanda  diligiaintamaing  davo  l'iffaunt,  V.  D.  3. 

domandai  diligiaintamaing  davo  l'infant,  A.  V.  4  (doch  Diod: 
e  domandate  diligentemente  del  fanciulino). 
ol:  andarf chit  cun  tut  flis  fuenter  ilg  uffont^  Ga.  4. 
andarschit  suenter  alg  uffont,  C.  2. 
audarschit  diligentameng  suenter  ilg  uffont,  F.  6. 
Hier  ist  der    Gebrauch   von   'zieua,   davo,   suenter^  nach   Art  des 
deutschen  ,nach'  ohne  Zweifel  Germanismus.   Nur  Bifrun  hat  richtig 
noch  de. 

Den  gleichen  Germanismus  zeigt  durchwegs 

Mat.  V  6. 
L.:  Die  da  hungert  und  dürstet  nach  der  Gerechtigkeit. 
Diod:  coloro  che  sono  aifamati,  ed  assetati  di  giustizia. 
Seg:  ceux  qui  ont  faim  et  soif  de  la  justice, 
oe:  chi  haun  fam  &  sait  sieua  la  giüstia,  R.  305/6;  B.  11  13. 

chi  haun  fam  &  fait  zieua  la  juftia,  Gr.  12. 

chi  haun  fam  &  said  zieua  la  gUstia,  M.  7. 
ue:  chi  haun  faih,  6  fait  davo  la  jUstia,  V.  D.  5. 

chi  han  fam  e  sait  davo  la  gtiftia,  A.  V.  6. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     519 

ol:    c'han  fom  a  feid  fuenter  la  gistia,  Ga.  15. 
ca  han  fom  a  seid  suenter  la  gistia,  C.  6. 
Ca  han  fom  a  feit  suenter  la  gistia,  F.  8. 

Germanismus  fand  ich  auch  bei  Griti  in 

Mat.  n  20. 
L.:  Die  dem  Kinde  nach  dem  Leben  standen, 
06:  quels  chi  tfcherchiaiven  zieva  la  vita  del  infaunt,  Gr.  7. 

nahe  an 
lautet  ausser  'a',  oe.  'ardaint',  'sper'  (=  super)^  ue.  'fpaer,  sper'; 
ol.  stets  'vi  tiers',  'vitier'  (aus  via  -f-  entu  -\-  viers,  M.  L.  p.  475). 

Luc.  vn  12. 

L.:  Als  er  aber  nahe  an  das  Stadttor  kam. 
oe:  Et   cura   chel    s'aprul'mö    alla   porta   della    citted,    B.  I  220; 
B.  n  224. 
Et  fiand  gnieu  ardaint  la  poarta  de  la  citaet,  Gr.  206. 
Ma  cur  el  gnit  sper  la  porta  della  citted,  M.  118. 
ue:  E  cur  el  fuo  fpaer  la  porta  dalia  cittä,  V.  D.  79. 

E,  cur  el  füt  sper  la  porta  della  cittä,  A.  V.  77(Diod:  presso 
della  porta.  —  Seg:  pres  de  la  porte). 
ol:  Mo  cur  el  vangit  vi  tiers  la  porta  d'ilg  marcau,  Ga.  276. 
Mo  cur  el  vengitt  vitier  la  porta  dilg  marcau,  C.  108. 
Mo  cur  el  vegnit  vi  tier  la  porta  dil  mercau,  F.  79. 

nahe  bei. 
Hieflir  steht  oe.  'a',  'ardaint  a';  ue.  das  eigentümliche  'ftrusch, 
strusch  a'  (Pult  §  306,  vom  Partizip  'extrusiis')-,  ol.  meist  'vi  tiers', 
'da  tier  da',  'vitier  da'. 

Mat.  XXI  1. 
L.:  Da  sie  nun  nahe  bei  Jerusalem  kamen, 
oe:  Et  cura  ch'els  s'aprusmaun  ä  Jerufalem,  ß.  2016/7;  B.  II  78. 
Et  fiand  approfmos  ä  Jerufalem,  G.  70. 
E  cur  eis  eiran  ardaints*  a  Gerusalem,  M.  40. 
ue:  E  cur  eis  fuon  ftrusch  Jerufalem,  V.  D.  28  (Diod:  vicino  di 
Gerusalemme). 
E  cur  eis  füttan  strusch  a  Gerusalem,  A.  V.  28. 


*  Hier  ist  ardaint  als  eigentliches  Partizip  Präsens  flektiert.  Dass 
^ardainf  bei  Menni  noch  nicht  zur  Präposition  erstarrt  ist,  sondern  als  Partizip 
bezw.  Adjektiv  gefühlt  wird,  erhellt  ferner  aus  Luc.  X  9:  L.:  Das  Reich 
Gottes  ist  nahe  zu  euch  gekommen:  II  reginam  da  Dieu  ais  a  vus  ardaint, 
M.  129.  Aber:  Treginam  da  Dieu  eis  gniea  ardaint  a  vus,  Gr.  222. 

Romanische  ForBchangen  XXVII.  33 


520  Karl  Hutschenreuther 

ol:  A  cur  eis  eran  vi  tiers  Jerufalem,  Ga.  96. 
A  cur  eis  eran  da  tier  da  Jerusalem,  C.  37. 
A  cur  eis  eran  vi  tier  da  Jerusalem,  F.  30. 

ohne. 

Für  oe.  ^sainza'  und  ol.  ^fenza'  findet  sich  im  Sinne  von 'ausser' 
ue.  'ultra',  das  wohl  dem  italienischen  'oltr^a^  entlehnt  ist. 

Mat.  XIV  21. 
L.:  ohne  Weiber  und  Kinder. 

oe:  sainza  las    dunauna   et  l's    infauns,    R.  1409/10;   B.  II  55; 
Gr.  49. 
sainza  las  duonuas  e'ls  infaunts,  M.  28. 
ue:  ultra  las  dunauns  ^'Is  iffaunts,  V.  D.  20. 

ultra  las  dunans   e'ls   infants,   A.  V.  20   (Di od:    oltr'alle 
donne,  ed  i  fanciulli). 
,  ol:  fenza  dunauns  ad  uffonts,  Ga.  67;  C.  26;  F.  22. 

über 

wenn  gleich  'über  —  hinüber'  lautet  oe.  'uifur',  'via  für'  mit 
welchem  ol.  'vi für'  identisch  ist.  Im  oe.  ist  auch  'vidvart'  ge- 
bräuchlich; ue.  'da  lä  da'  scheint  Nachahmung  des  Italienischen 
zu  sein. 

Joh.  XVIII  1. 

L.:  über  den  Bach  Kidron. 

oe:  uifur  l'g  fltim  Cedron,  B.  I  373;  B.  H  385. 

via  für  1'  flüm  Cedron,  Gr.  362. 

vidvart  l'ovel  da  Kedron,  M.  206. 
ue:  da  la  dal  torrent  da  Chedron,  V.  D.  137. 

da  lä  del  torrent  Chedron  A.  V.  132  (nach  Diod:  di  lä  dal 
torrente   di    Chedron,   ähnlich  P.:    per   delä   del    tourent 
de  Cedron). 
ol:  vi  für  ilg  aual  da  Kedron,  Ga.  480  &  F.  134. 

vi  sur  ilg  ual  da  Kedron,  C.  185. 

Der  abstrakte    Gebrauch    von    'sur    (sur   d')'  =  'über'  ist  in 
allen  Dialekten  vom  Deutschen  beeinflusst. 

Ausgesprochenen  Germanismus  zeigt  durchwegs 

Mat.  XXV  21. 

Per:  foste  fiel  nas  cousas  pequenas. 

Miguel:  fuiste  fiel  en  lo  poco. 

Seg:  tu  as  6te  fidele  en  peu  de  chose. 


Syntaktisches  zu  den  räturoinanisclien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     521 

P.:  te  seus  stait  fidou  ent  poche  cose. 

Di  od:  tu  sei  stato  leale  in  poca  cosa. 

L.:  Du  bist  über  wenigem  getreu  gewesen. 

oe:  sur  puoehia  chiosa  ist  tU  sto  fidel,  R.  2540. 

sur  puchia  chiola  eil't  tu  fto  fidel,  B.  II  99. 

für  poch  eft  fto  fidel,  Gr.  89. 

tu  est  sto  fidel  sur  poch,  M.  51. 
ue:  tu  eft  ftat  d'fai  in  pauca  chiaufa,  istvonDiod.  abgeschrieben. 

tu  est  stat  da  fai  sur  pacas  chosas,  A.  V.  35. 
ol:  ti  eis  staus  fideivels  für  pauc,  Ga.  121;  F.  37. 

ti  eis  Staus  fideivels  sur  dilg  pauc,  C.  47. 

Deutschen  Einfluss  zeigt  ferner 

Mat.  XVni  19. 
oe:  Scha  duos  da  vus  vaun  d'accord  sün   terra  sur   ogni    chosa, 

M.  35. 
ol:  scha  dus  da  vus  vengen  parinna  sur  d'  inna  caussa,    C.  33. 

Übersetzung  aus  dem  Deutschen  ist  ohne  Zweifel 

Mat.  XXn  33. 
L.:  entsetzten  sich  über  seine  Lehre, 
oe:  s'ho  el  ftupieu  für  fia  doctrina,  Gr.  78  (sonst  steht  'de,  da'). 

UDter. 
Der  Gebrauch  von  subtus  (oe.  >  fuot,  ol.  >  sutt)  im  oe.  und 
ol.  an  Stelle  von  *de,  da'  für  deutsches  'unter'  ist  Germanismus. 

Luc.  xxm  7. 

L.:  Und  als  er  vernahm,  dass  er  unter  Herodis  Obrigkeit  gehörte, 
oe.  Et   Ico   el    fauet    chel    udiua    fuot   l'g   dumini   da   Herodis, 
B.  I  292;  B.  n  301. 

Im  Sinne  vom  deutschem  'unter' 

Marc.  V  26. 
ol:  a  veva  andirau  bear  sutt  bears  miedis,  C.  66. 

Ist  'unter'  =  'unter  einer  Anzahl',  so  steht  durchwegs  ein  dem 
Neufranzösischen  d'entre  entsprechendes  oe.  traunter;  ue.  tauntr', 
tanter;  ol.  tenter,  denter. 

Mat.  n  6. 
L.:  Die  Kleinste  unter  den  Fürsten. 
Diod:  la  minima  fra  i  capi. 
Seg:  la  moindre  entre  les  principales  villes. 

33* 


522  Karl  Hutschenreuther 

oe:  la  plti  pitsthna  traunter  l's  signuors,  R.  86;  B.  n  4. 

la  plü  pitfchna  traunter  l's  Princips,  Gr.  5. 

la  minima  traunter  ils  conduetors,  M.  3. 

ue:  la  minima  tauntr'  ils  Capos,  V.  D.  3. 

la  minima  tanter  ils  capos,  A.  V.  4. 
ol:  la  pli  pitfchna  t enter  ils  Caus,  Ga.  6. 

la  pli  pitschna  denter  ils  cauS;  C.  2;  F.  6. 

von. 

Wenn  'von'  =  'was    anlangt'    oder    'bezüglich'    (franz.:    'quant  d\ 

ital.  ^quanto  a')  ist,    so  steht  statt  des    einfachen,    den  Ausgangspunkt 

bezeichnenden  'da'ein  oe. 'taunt  fco  da'(=  tantum  -\- sie  qiiomodo  -|- 

da,)  'davart' (=  (/e-f-i?«^'^f^'Oi  ue.  ital. 'quant  a';  ol. 'tuccond  tier'. 

Mat.  XXII  31. 
L.:  Habt  ihr  aber  nicht  gelesen  von  der  Totenauferstehung. 
Diod:  E,  quant'  h  alla  risurrezion  de' morti,  non  avete  voi  letto. 
oe:  Mu  taunt  sco  da  l'aresUstaunza  dals  mors,  nun  hauais  lijt, 
R.  2218/19. 
Mu  taut  fco  da  l'areltiftaunza  dals  morts,  nun  hauais  let... 

B.  n  86. 

Mu  de   la   refüftaunza   da   l's    moarts,    nun    havais   let  .  .  . 

Gr.  78. 
Davart   la   restistaunza    dels  morts,    nun  avais  vus  let  .  .  . 

M.  44. 
ue:  E  quant  alla  refUltanza   dals   morts,   nun   havais    vus   lett, 

V.  D.  30. 
E  quant    alla   resüstanza   dels   morts,    non    avais   vus   let, 

A.  V.  31. 

ol:  A  veits  vus  bucca  ligeu  da  la  Lavada  d'ils   morts,    Ga.  106. 
Mo  tuccond  tier  la  levada  dils  morts,  n'aveits  bucca  ligieu, 

C.  41. 

A  haveits  vus  buca  legiu  da  la  levada  dils  morts,  F.  33. 

vor. 
Interessant  ist  zur  Bezeichnung  der  unmittelbaren   Nähe  statt 
des  einfachen   'ab  — ante'  C>  oe.  avaunt;   ue.  avant;    ol.  avont) 
ein  oe.  ardaint  sU,  ardaint  a,  ardaint  avaunt;   ue.  daftrufch 
sün;  ol.  datiers  avont,  datier  avont. 

Mat.  XXIV  33. 
L. :  So  wisset,  dass  er  nahe  vor  der  Tür  ist. 
Diod:  sappiate  ch'egli  e  vicino,  in  sulla  porta. 
oe:  schi  saue  che  uain  ad  esser  ardaint  sU  lasportas,  R.  2449/50; 

B.  11  95. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    523 

fchi  fapchias  ch'el  eis  ardaint  ä  Tüfch,  Gr.  86. 

sapchas,  ch'el  ais  ardaint,  avaunt  la  porta,  M.  49. 
ue:  fchi  fapchiad  ch'el  ais  daftrusch,    sün  la    porta,   V.  D.  33, 

scUi  ßapcbat,   ch'el  ais  da  st  ru  seh,    sün  la  porta,    A.  V.  34. 
ol:  fcha  faveigias  ch'el  ei  da  tiers,  avont  ilg  isch,  Ga.  116. 

saveias  ca  el  ei  datier,  avont  ilg-  isch,  C.  45. 

schi  saveies,  ca  el  ei  datiere,  avont  igl  isch.  F.  36. 

zu. 

Zum  Ausdruck   der   Ruhe  ist  'a'   allen  Dialekten  eigen.    Im  oe. 
steht  auch  'in'.    Bemerkenswert  ist  ol.  'davos'  hiefür. 

Mat.  XXVI  7. 
L.:  Der  zu  Tisch  sass. 

oe:  (ad  el  chi  sezaiua,  R.  2628  &  B.  11  102  aus  dem  Griechischen: 
avTov  dvaxsifiivov.) 
ad  el  chi  fezaiva  in  maifa,  Gr.  93. 
intaunt  l'eira  a  maisa,  M.  53. 
ue:  taunt  ch'el  eira  a  maifa,  V.  D.  36. 
intant  ch'el  eira  a  maisa,  A.  V.  36. 
ol:  cur  el  fafeva  davos  meifa,  Ga.  125. 
dantont  ca  el  fova  a  meisa,  C.  49. 
cur  el  seseva  davos  meisa,  F.  38. 

'Zu  —  herein'  wird  mit  oe.  'aint  par'  oder  nur 'per';  ue.  'tras'j 
ol.  'dad  —  ent(en)'  wiedergegeben. 

Joh.  X  1. 
L.:  zur  Tür  hinein. 
Diod:  per  la  porta. 
oe:  aint  par  l'g  hüfth,  B.  I  345;  B.  n  355. 

per  l'üfch,  Gr.  331;  M.  191. 
ue:  tras  la  porta,  V.  D.  127;  A.  V.  123. 
ol:  dad  ifch  ent,  Ga.  441;  F.  123. 

dad  isch  en,  C.  174. 

Drückt  'zu'  die  Richtung  aus,  so  heisst  es  oe.  'ad',  'tiers';  ue: 
'vi  pro';  ol.  'vi  tiers',  'nou  tier'  (nou  =  'm  /mwc'  seil,  locum). 
Verstärkendes  'ye'  oder  'wow'  können  auch  fehlen, 

Mat.  IV  3. 
L  :  Und  der  Versucher  trat  zu  ihm. 
oe:  Et  siand  guieu  tiers  el,  aquel  chi  attainta,  R.  220/1;  B.  II  10, 

Et  gniand  tiers  el  l'tentaeder,  Gr.  9. 

E'l  teutadur,  s'approsmand  ad  el,  M.  5, 


524  Karl  Hutschenreuther 

ue:  E'l  Tentader,  fiand  aprofraä  vi'  pro  el,  V.  D.  4;  A.  V.  5. 
ol:  Ad  ilg  Tentader  pafsa  vi  tiers  el,  Ga.  11;  F.  7. 
Ad  ilg  tentader  passä  noutier  el,  C.  5. 

Im  Sinne  von  deutschem  'gehören  zu'  findet  sich  im  oe.  der 
Germanismus  ''odan  ad',  welchem  ol.  'audan  tier^  entspricht. 

Mai  ni  8. 
oe:  Fasche  dimena  früts,    quaels    chi  odan  ad   tina   artiflinscha, 
R.  175/6. 
Fadfche  dimena  früts,  quaels  chi  odan  ad  üna  arUflenfcha 

B.  II  8. 
Fadfche     dimaena     frtitts    conveniaints   ä    1'    melgdramaint, 

Gr.  8. 
Fe  duncque   früts  degns  da  penitenza,    M.  4  nach  Diod:  Fate 
adunque  frutti  degni  della  penitenza. 
ue:  Fad  dimena  früts  dengs  dalla  penitenza,  V,  D.  4  (n?ich  Diod). 

Fat  dimena  früts  degns  della  penitenza,  A.  V.  5. 
ol:  Parteit  pia  frigs  ch'auden  tilg  milgiurament,  Ga.  9. 
Porteit  pia  frigs  ca  au  den  tier  ilg  milgiurament,  C.  4. 
Porteit  pia  fritgs,  ca  audan  tier  il  megliurament,  F.  7. 

Beachtenswert  ist  noch  ue.  '■pro'  in 

Mat.  XX  34. 

ue:  Jefus  muvantä  pro  compaffiun,  V.  D.  28. 

Jefus   moventä   pro   compassiun,  A.   V.  28   (Diod:    mossa  a 
pietä). 

b.  Die  temporalen  Präpositionen. 

§  200.  Da  Raum  und  Zeit  eng  zusammenhängen,  und  man  zum 
Ausdruck  zeitlicher  Beziehungen  meist  örtliche  Anschauungsmittel  ge- 
braucht, so  sind  die  Präpositionen  zur  Darstellung  zeitlicher  Verhält- 
nisse auch  viel  einfacher  und  nicht  so  zahlreich  wie  die  örtlichen. 

an. 
Der   immer   wiederkehrende  Gebrauch  von  oe.  'stt,   sün'  und  ol. 
'si,  sin'  statt  'in'  oder  'ad'  zur  Angabe  des  Zeitpunktes  scheint  durchs 
Deutsche  beeinflusst  zu  sein.    Im  ol.   ist  noch  die  Verstärkung  von 
intus  -f-  in  >  'enten'  bemerkenswert. 

Mat.  XXU  12. 
am  Sabbath. 

Diod:  in  giorno  di  sabato. 
oe:  suis  dis  delg  sabath,  B.  1077;  B.  II  42. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     525 

fün  rfubbath,  Gr.  38. 

nel  di  del  sabbat,  M.  21. 
ue:  n'il  di  dal  fabat,  V.  D.  15. 

nel  di  del  sabbat,  A.  V.  16. 
ol:  s'ilg  fabbath,  Ga.  52. 

ilg  sabbath,  C.  20   (aber  Mat.  XH  10:    s'ilg  sabbath,    C.  20, 
wo   auch    Bifriin,    &  Griti    'sW,   und   die  ol.   Texte    *.s^' 

haben),    sin  il  sabbath,  F.  18. 

Mat.  Xni  40. 
am  Ende  dieser  Welt. 
Diod:  nella  fin  del  mondo. 
oe:  sti  la  fin  da  quaist  muond,  R.  1307;  B.  11  51. 

in  la  fin  da  quaift  muond,  Gr.  46. 

alla  fin  da  quaist  muond,  M.  26. 
ue:  in  la  fin  dal  muond,  V.  D.  18. 

nella  fin  del  muond,  A.  V.  19. 
ol:  enten  la  fin  da  queft  Mund,  Ga.  63  &  F.  21. 

ä  la  fin  da  quest  mund,  C.  24. 

bei. 
Hiefür  steht  meist  'de'. 

Mat.  II  14. 
L.:  bei  der  Nacht.  —  Diod:  di  notte. 
oe:  d'  not,  R.  115;  B.  II  6. 

d'  noatt,  Gr.  6. 

da  not,  M.  3. 
ue:  d'  not,  V.  D.  3.  —  da  not.  A.  V.  4. 
ol:  (la  noig,  Ga.  7.  —  la  nolg,  F.  6.) 

da  noig,  C.  3. 

bis  nach. 

Das  Ziel  wird  dem  italienischen  ^ßno  a'  entsprechend  im  oe. 
und  ue.  mit  'fin  a'  wiedergegeben.  Bemerkenswerter  ist  oe.J  'per 
fin  a' und 'infina'hiefür;  noch  interessanter  ol.  'antroqua'  (=introque 
-h  ad)  wo  nach  M.  L.  §  242  das  Endziel  als  ein  'hinein'  gefasst 
wird.  Die  Anwendung  von  ol.  'antroqua  fin'  und  'antrocan  sin' 
ist  ohne  Zweifel  eine  Wiedergabe  des  deutschen  'bis  auf.' 

Mat.  II  15. 
L. :  bis  nach  dem  Tode  Herodes. 
Diod:  fino  alla  morte  d'Erode. 
oe:  per  fin  alla  mort  da  Herodis,  R.  116/7;  B.  II  6. 


526  Karl  Hutschenreuther 

iufina  la  moart  da  Herodis,  Gr.  6. 

fin  alla  mort  da  Herodes,  M.  3. 
ue:  fin  alla  mort  d'  Herode,  V.  D.  3. 

fin  alla  mort  d'  Erode,  A.  V.  4. 
ol:  antroqua  fin  la  mort  da  Herodes,  Ga.  7. 

antroqua  la  mort  da  Herodes,  C.  3. 

antrocan  sin  la  mort  da  Herodes,  F,  6. 

gegen. 
Für  die  Annäherung  hat  das  ol.  nach  Art  des   deutschen   'gegen' 
den  Germanismus  'ancunfer\ 

Mat.  XXVH  57. 
oe:  (siand  gnieu  saira,  ß.  2975;  B.  II  114;. 

(fiand  saira,  Gr.  104.) 

vers  saira,  M.  59. 
ue:  fün  la  faira,  V.  D.  40;  A.  V.  40  (Diod:  in  sulla  sera.) 
ol:  ancunter  fera,  Ga.  141;  C.  55;  F.  42. 

in. 

Die  Verwendung  von  ^de'  zur  Angabe  des  Zeitpunktes  ist  allen 
Dialekten  eigen,  und  nicht  so  selten,  wie  M.  L.  §  452  meint.  Das  ol. 
gebraucht  auch  'enten'  hiefür. 

Marc.  XIII  18. 
im  Winter, 
ol:  ilg  inviern,  B.  I  170;  ß.  H  173. 

d'  inviern,  Gr.  160;  M.  91. 
ue:  d'  hiviern,  V.  D.  61.  —  d' inviern,  A.  V.  62  (Diod:  di  verno). 
ol:  d'  unviern,  Ga.  215;  C.  84;  F.  62. 

Marc.  XIII  19. 
in  diesen  Tagen, 
ol:  enten  quels  gis,  C.  84. 
enten  ilsez  gis,  F.  62. 

nach. 

Ist  ^n ach'  =  'innerhalb',  so  steht  oe.  'dsieua,  zieua';  ue.  'infra'; 
ol.  durchwegs  'en'. 

Mat.  XXVI  2. 
L.:  nach  zween  Tagen. 
Diod:  fra  due  giorni. 
oe:  dsieua  duos  dijs,  R.  2616;  B.  H  102. 
zieua  duos  dis,  Gr.  92;  M.  52. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    527 

ue:  infra  duos  dids,  V.  D.  36, 

infra  diios  dis,  A.  V.  36. 
ol:  en  dus  gis,  Ga.  125;    C.  49;  F.  38  (Seg:  dans   deux  jours). 

Beachtenswert  sind  die  Verstärkungen  von  oe.  'dsieua,  zieua', 
ue:  'dapö,  dopo',  ol.  'fuenter'  zur  Bezeichnung  der  unmittel- 
baren Nachzeitigkeit, 

Mat.  XXIV  29. 
L.:  Bald  aber  nach  der  Trübsal. 
Per:  logo  depois  da  afflicgäo 
Miguel:  luego  despues  de  la  Tribulacion. 
Seg:  Aussitot  aprfes  ces  jours  de  detresse. 
P. :  subit  apress  Fafflissioun. 
Diod:  subito  dopo  l'afflizion. 
oe:  im  pestiaüt  dsieua  la  tribulatiü,  R.  2432/3;  B.  II  94, 

bod  zieua  la  afflictiun,  Gr.  85. 

bain  bod  zieva  la  tribulaziun,  M.  49. 
ue:  fubit  dapö  l'afflictiun,  V,  D.  33, 

subit  dopo  l'afflicziun,  A,  V.  33  (nach  Diod). 
ol:  ladinameng  fuenter  la  tribulatiun,  Ga,  116;  C.  45;  F.  35. 

Bedeutet  'nach'  =  'gemäss',  so  ist  im  oe,  'fuainter',  mit  welchem 
ol. 'fuenter'  identisch  ist,  eigentümlich.  Das  neuere  oe.  und  ol.  'con- 
fuorm  a'  erinnert  an's  spanische  ^conforme  a\  währendue.  'fegund, 
seguond'  wohl  Nachahmung  des  Italienischen  ist. 

Mat.  II  16. 
L.:  nach  der  Zeit. 
Per:  pelo  tempo. 
Miguel:  conforme  al  tiempo. 
Seg:  Selon  la  date. 
P.:  tenour  del  temp. 
Diod:  secondo  '1  tempo. 
oe:  suainter  l'g  tijmp,  R.  125. 

fuainter  l'g  temp,  B.  II  6;  Gr.  6. 

confuorm  al  temp,  M.  3, 
ue:  fegund  il  temp,  V.  D.  3. 

seguond  il  temp,  A.  V,  4. 
ol:  fuenter  ilg  temps,  Ga,  7, 

confuorm  alg  temps,  C.  3. 

suenter  il  temps,  F.  6. 

über. 
'Über'  ist  bei  Luther  häufig  im  Sinne   von   'nach'  gebraucht.    Es 


528  Karl  Hutschenreuther 

wild  gegeben  mit  oe.  'dfieua,  zieva',  ue.  'davo'.  Bemerkenswert 
sind  die  ol.  Bildungen  mit  'caput':  ä  cau  d',  ä  cou  d',  oder  nur  cau  d', 
cou  d'. 

Marc.  II  1. 

L.:  Über  etliche  Tage. 

Diod:  Ed  alquanti  giorni  appresso. 

oe:  dfieua  iierquaüs  dis,  B.  I  122;  B.  II  123. 

zieva  [alchüns]  dis,  Gr.  112;  M.  64. 
ue:  Et  ünzaquants  dids  davo,  V.  D.  44. 

Ed  tinsaquants  dis  davo,  A.  V.  43. 
ol:  A  cau  d'  anzaquonts  gis,  Ga.  152  &  C.  59. 

A  cou  d'  anzaquonts  gis,  F.  45. 

Mat.  XXV  19. 

L.:  Über  eine  lange  Zeit. 

o,e:  dsieua  bgier  tijmp,  R.  2532/3- 

dfieua  bgier  temp,  B.  II  98. 

zieua  bger  temp,  Gr.  89. 

zieva  lung  temp,  M.  51. 
ue:  lung   temp    davo,    V.  D.  34;    A.   V.  35   nach  Diod:    lungo 

tempo  appresso. 
ol:  cau  d'  im  leung  temps,  Ga.  120. 

ä  cau  d'  in  lieung  temps,  C.  47. 

cou  d'  in  lung  temps,  F.  37. 

FOD. 

Deutsches  'von  —  an'  wird  meist  wiedergegeben  mit  oe.  'da  — 
in  via';  ue.  *da — in  naun';  'da  —  innan'  (=  'inhanc',  scil.Äoraw); 
ol.  'da  —  anvi\ 

Mat.  IV  17. 

L.:  von  der  Zeit  an. 

Miguel:  Desde  entonces. 

Seg:  Des  ce  momeut. 

Diod:  Da  quel  tempo. 

P. :  Dop  anloura. 

oe:  Da  que  tijmp  in  uia,  R.  251. 

Da  quo  temp  in  via,  B.  II  11. 

D'  alhura  in  via,  Gr.  10. 

E'  allura  in  via,  M.  6. 
ue:  da  quel  temp,  V.  D.  5;  A.  V.  6  (nach  Diod). 
ol:  Da  quei  temps  anvi,  Ga.  13;  C.  5;  F,  8. 


Syntaktisclics  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    529 

Zum  ue.  noch 

Job.  IX  1. 
Diod:  cieco  da  IIa  sua  nativitä. 
ue:  orb  da  fia  uativita  in  nauu,  V.  D.  125. 
orb  da  sia  nascita  innan,  A.  V.  121. 

?or. 
Eigenartig   ist  bei  Bifrun  'auns  co',   l'päter   steht    dafür   im  oe. 
'aunz'.    Zu  ue.  'avaunt,    avant'  und  ol.  'avont'    ist   nichts  zu  be- 
merken. 

Job.  XII  1 

L.:  vor  den  Ostern. 

Diod:  avanti  la  pasqua. 

oe:  auns  co  la  pafthqua,  B.  I  353;  B.  II  364. 

aunz  la  Paefqua,  Gr.  342. 

aunz  Pasqua,  M.  195. 
ue:  avaunt  la  Pasqua,  V.  D.  130. 

avant  la  pasqua,  A.  V.  126. 
oi:  ont  Pafcas,  Ga.  453. 

avont  Pascas,  C.  179;  F.  127. 

zu. 

Der  Zeitpunkt   wird  oe.  mit    'da,    in,  a*;    ue.  'a,  in';    ol.  'da' 
und  'enten'  als  ein  Mn  —  darinnen'  bezeichnet. 

Mat.  II  1. 
L. :  zur  Zeit  des  Königs  Herodes. 
oe:  dalg  timp  da  Herodis  araig,  R.  74. 

dalg  temp  da  Herodis  araig,  B.  II  4. 

in  l's  dis  da  Herodis  raig,  Gr.  4. 

al  temp  del  raig  Herodes,  M.  2. 
ue:  als   dids    dal    raig    Herode,    V.  D.  3    (nach  Diod:    a'  di  de 
re  Erode). 

als  dis  del  rai  Erode,  A.  V.  4. 
ol:  d'  ilg  temps  d'ilg  Reg  Herodes,  Ga.  5  &  C.  2. 

dil  temps  dil  reg  Herodes  F.  6. 

Mat.  HI  1. 
zu  der  Zeit. 

L.:  In  aquels  dijs,  R.  156;  B.  II  7  (vergl.  Marc.  VIII 1:  in  aquellas 
dijs,    B.  I  145,    wo    di^s   Feminin  ist;    die   2.  Ausg.  hat 
aquels). 
in  quels  dis,  Gr.  7;  M.  4. 


530  Karl  Hutschenieuthcr 

uc:  in  quels  dids,  V.  D.  4. 

in  quels  dis,  A.  V.  5  (Diod:  in  que'  giorni). 
ol:  ilfez  gis  Gr.  9;  F.  7. 

enten  quels  gis,  C.  3. 

c.  Die  kausalen  und  finalen  Präpositionen. 

§  201.  Da  sich  Grund,  Veranlassung  und  Absicht  nahe  berühren, 
so  will  ich  sie  hier  gemeinsam  behandeln.  Wie  bei  den  temporalen 
Präpositionen  bedient  sich  auch  hier  die  Sprache  zur  Darstellung  ab- 
strakter Begriffe  meist  der  konkreteren,  räumlichen  Anschauungsmittel. 
So  ergibt  sich  als  Präposition  für  den  Grund  sofort  das  den  Aus- 
gangspunkt bezeichnende  'de',  für  den  Zweck  das  die  Richtung  und 
das  Ziel  ausdrückende  'ad'.  Es  sind  aber  auch  noch  andere  Präpo- 
sitionen für  die  Idee  der  Ursache  und  des  Zweckes  eiogetreten. 

ans. 
Zum  Ausdruck  des  Beweggrundes  ist  im   oe.  'trahs'  (>  ^res, 
traes),  das  eigentlich  das  Mittel  ausdrückt,  bemerkenswert.    Ter'  und 
'par'  teilt  das  Rätoromanische  mit  den  übrigen  romanischen  Sprachen. 

Mat.  XXVII  18. 
L.:  aus  Neid. 

oe:  tres  Tinuilga,  R.  2853. 
traes  Tinuilgia,  B.  II  111. 
traes  invilgia,  Gr.  101. 
per  invilgia,  M.  57. 
ue:  per  invilgia,    V.  D.  39;    A.  V.  39  (Diod:   per  invidia;    auch 

Miguel:  per  envidia;  P.:  per  invidia). 
ol:  par  fcuvidonza,  Ga,  136;  C.  53;  F.  41. 

für. 
Hiefür   wechselt    im  oe.  und  ue.  'da'   mit   'per'  ab;    im  ol.  steht 
immer  'par'.    Eigentümlich  ist  Bifruns  Verstärkung  von  'da-}-par\ 

Mat.  VI  25. 

L.:  Sorget  nicht  für  euer  Leben, 
oe:  Nun  haue  pissijr  da  uossa  uita,  R.  518. 
Nun  haue  pifser  da  volla  vita,  B.  II  21. 
Nun  prende  piflijr  per  vouffa  vita,  Gr.  19. 
Non  sajas  cun  ranchüra  pisserus  per  vossa  vita,   M.  10  (von 
V.  D.  oder  A.  V.  abgeschrieben!), 
ue:  Nun  fajad  cun  ranchüra  pifserüs  per  voffa  vita,  V.  D.  8. 
Non  sajat  con  ranchüra  pisserus  per  vossa  vita,  A.  V.  9. 
(Diod:  Non  siate  con  ansietä  solleciti  per  la  vita  vostra). 


Syntaktisches  zu  den  lätoronianisclicn  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    531 

ol:  Veigias  bucca  qiiitau  par  vossa  vita,  Ga.  24/5;  C.  9/10. 
Haveies  bucca  quitaii  par  vossa  vita,  F.  11. 

Job.  IX  21. 

L.:  lasst  ihn  selbst  für  sich  reden. 

oe:  el  uaiu  ä  dir  da  i)ar  fe,  B.  I  343;  B.  II  353. 

el  vain  a  faviaer  per  fe,  Gr.  329. 

el  po  tschantscher  per  se!  M.  190. 
ue:  el  favlarä  da  fai  (tefs,  V.  D.  126. 

el  favlerä  da  sai  stess,  A.  V.  122  (Diod:  Egli  parlerä  di  so 
stesso). 
ol:  el  ven  a  plidar  par  fafez,  Ga.  438  &  F.  123. 

(el  ven  ä  plidar  sez,  C.  173.) 

nach. 

Bei  Verben  die  ein  'Streben  nach'   ausdrücken  ist  oe.  'davart, 
zieva  ad',  sowie  ol.  'fuenter'  beachtenswert. 

Mat.  XIX  17. 
L.:  Was  heissest  du  mich  gut? 

oe:  Perche  'm  dumandast  tu  davart  il  bön,  M.  37. 

Hier  hat  Menni  'heissen'  im  Sinne  von  'fragen  nach'  aufgefasst, 
und  falsch  tibersetzt.    Er  fährt  auch  ungenau  weiter:  Ün  ais  il  bun. 
{Ovdslg  aycti^og,  et  i-iri  €ig,  ö  d-sog. 
L. :  Niemand  ist  gut,  denn  der  einige  Gott.) 

Mat.  XXII  16. 

L.:  'und  du  fragest  nach  niemand', 
oe':  ne  best  pisijr  dtingiun,  R.  2189. 
ne  heft  piser  düngiün,  B.  II  85. 
ne  haeft  refpett  d'alchüu,  Gr.  77. 

e  non  dumandast    ünguotta  zieua  ad  üngün,    M.  44  (drollig 
fährt  hier  Menni  weiter:  perche  tu  non  guardast  in  fatscha 
alla  persuna  =  denn   du    achtest   nicht   das  Ansehen   der 
Menschen  (L.)  Menni  verwechselt  'Ansehen'  mit  'Angesicht'), 
ue:  e  chia  tu  nu  t'inchüraft  d'  alchün,  V.  D.  30   aus   dem   Ital. 
Diod:  e  che  non  ti  curi  d'alcuno. 
e  cha  tti  non  t'inchürast  d'  alchün;  A.  V.  30. 
ol:  a  fpias  luenter  nagin,  Ga.  104;  F.  32. 

ad  amperas  nagutta  suenter  a  nagin,  C,  41. 


532  Karl  Hutschenreuther 

Mat.  VI  32. 

L.:  nach  solchem  allen  trachten  die  Heiden. 

ol:  suenter  quellas  cauflas  tuttas  ftallegian  ils  pagauns,  Ga.  26. 

par    caussas    da    quella    sort   sa   fadigieschen   ils    Pagauns, 

C.  10. 
suenter   quellas   caussas  tuttas    desidereschan   ils   pagauns, 

F.  11. 

um. 

Hiefür  fungieren  oe.  'de,  da,  per';  ue.  'da';  ol.  'da,  par'. 

Joh.  n  17. 
L.:  Der  Eifer  um  dein  Haus  hat  mich  gefressen. 
oe:  La  fchigliufia  de  tia  chiefa  m'ho  maglio,  B.  1  311. 

La  dichigliufia  de  la  tia  chiaefa  m'ho  maglio,  B.  H  319. 
La  zelufia  da  tia  chiaefa  m'ho  maglio,  Gr.  296. 
II   zeli    per   tia    chesa    vain   a'm    consümer,   M.    172   (nach 
Carisch!). 
ue:  La  zelufia  da  tia  chafa  m'ha  magliä,  V.  D.  114. 

La  zelosia  da  tia  chasa  m'ha  consUmä,   A.  V.  110  (Di od:  II 
zelo  de  Ha  tua  casa  m'ho  roso). 
ol:  Hg  ifer  da  tia  cafa  mi  ha  malgiau,  Ga.  395. 

Hg  arsantim*  par  tia  casa  mi  ven  ä  consumar,  C.  156. 
Igl  arsentim  par  tia  casa  ma  ha  consumau,  F.  111. 

um  —  willen. 

Ausser  einfachem  'per'  haben  wir  meist  Verstärkungen,  oe.  'par- 
mur  de,  peramur  de',  ue.  'per  chafchun  da'  (de);  ol.  'para- 
mur  da'. 

Mat.  V  10. 
L.:  um  Gerechtigkeit  willen, 
oe:  parmur  de  la  giüstia,  R.  313;  B.  H  13. 
per  la  juftia,  Gr.  12. 
peramur  della  güstia,  M.  7. 
ue:  per  chafchun  dalla  jUftia,  V.  D.  5. 

per    chaschun    della    güstia,    A.   V.   6   (nach   Diod:    per 
cagione  di  giuftizia). 
ol:  paramur  da  giftia,  Ga.  16;  C.  6;  F.  9. 

vor. 
'Vor'  zum  Ausdi'uck  des  Beweggrundes   wird   in   der   Regel   mit 
'per,  par',  seltener  'de,  da'  wiedergegeben. 

*  (felilt  bei  Carigiet)- 


Syntaktisches  zu  den  rätoiomanisclien  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    533 

Mat.  XIV  26. 
vor  Furcht. 

oe:  par  temma,  R.  1422;  B.  II  55. 
d'  temma:  Gr.  50. 
per  temma,  M.  28. 
ue:  per  temma,    V.  D.  20;    A.  V.  20  (Diod:   di  paura.  —  Seg: 

dans  leur  frayeur). 
ol:  par  tenima,  Ga.  08;  C.  26. 
par  tema,  F.  22. 

Luc.  XXII  45. 
vor  Traurigkeit. 
Seg:  de  tristesse. 
Diod:  di  tristizia. 
oe:  par  mela  uitta,  B.  I  289. 

par  maela  vitta,  B.  II  298. 

per  triftezza,  Gr.  275/6. 

per  la  tristezza,  M.  160. 
ue:  per  trifteza,  V.  D.  105. 

per  tristezza,  A.  V.  103. 
ol:  par  triftezia,  Ga.  370;  C.  146;  F.  104. 

wegen. 

Ähnlich  wie  bei  'um  —  willen'  finden  wir  ausser  'per'  meist  Ver- 
stärkungen, so  oe.  'par  mur  da,  peramurda,  per  caufa  da'; 
ol.  'paramur  da,  par  motiv  da'. 

Mat.  XIV.  3. 

L.r  wegen  der  Herodias. 

Diod:  per  Erodiada. 

oe:  par  mur  da  Herodiadem,  R.  1366;  B.  II  54. 

per  caufa  da  Herodiade,  Gr.  48. 

peramur  da  Herodiade,  M.  27. 
ue:  per  Herodiada,  V.  D.  19.  —  per  Erodiade,  A.  V.  20. 
ol:  paramur  da  Herodias,  Ga.  65;  F.  22. 

par  motiv  da  Herodias,  C.  25. 

zu. 

Zum  Ausdruck  des  Zweckes  kann  'zu'  mit  'a',  und  gleich  dem 
Italienischen  mit  'da'  durchwegs  wiedergegeben  werden.  Ferner 
finden  'in,  per,  par'  Verwendung.  Das  ue.  hat  auch  'pro'.  Eigen- 
artig ist  die  häufige  Verwendung  von  ol.  'tiers,  tier(t'),  das  auch 
im  oe.  vereinzelt  vorkommt. 


534  Karl  Hutschenreutber 

Mat.  V  13. 

L.:  Es  ist  zu  nichts  hinfort  nütze. 

Di  od:  non  val  piü  a  nulla. 

oe:  (nun  uaehi  el  pIü  ünguotta,  R.  323;  B.  II  13.) 

el  nun  vaela  pIü  ad  alchüna  chioffa,  Gr.  13. 

El  nun  vela  pti  per  ünguott'  oter,  M.  7. 
ue:  el  nun  vala  plü  pro  alchüna  chiaufa,  V.  D.  4. 

el  non  vala  plü  pro  alchüna  chosa,  A.  V.  7. 
ol:  El  vala  tiers  naginna  caulTa  pli,  Ga.  16. 

El  vala  tier  nagutt  auter  pli,  C.  6. 

El  vala  tier  nagina  caussa  pli,  F.  9. 

Mat.  XX  28. 
L. :  zu  einer  Erlösung  für  viele. 
Diod:  per  prezzo  di  riscatto  per  molti. 
oe:  in  spendrischü  par  bgiers,  R.  1992/3;  B.  11  77. 

in  pretfch  da  fpendraunza  per  bgers,  Gr.  70. 

per  pretsch  da  spendraunza  par  bgers,  M.  40. 
ue:  per  pretfch  da  fpendranza  per  blers,  V.  D.  27;  A.  V.  28. 
ol:  par  pagament  da  fpindrament  par  bears,  Ga.  95. 

par  prizzi  da  spindronza  par  bears,  C,  37. 

ä  pagament  da  spindronza  par  bears,  F.  30. 

Mat.  XXVI  28. 
L.:  zur  Vergebung  der  Sünden. 
Diod:  in  rimession  de'  peccati. 
Seg:  pour  la  remission  des  peches. 
oe:  in  aremischiun  dals  pchios,  R.  2675;  B.  II  104. 

in  remifsiun  dels  pchios,  Gr.  94. 

in  remissiun  dels  pchos,  M.  54. 
ue:  in  remiffiun  dals  puchiads,  V.  D.  36. 

in  remissiun  dels  puchats,  A.  V.  37. 
ol:  t'  ilg  pardunament  d'ils  puccaus,  Ga.  128. 

tier  pardunament  dils  puccaus,  C.  50;  F.  39. 

Luc.  IX  62. 

L.:  geschickt  zum  Reich. 
Miguel:  apto  para  el  reyno. 
Seg:  propre  au  royaume. 
P. :  boun  per  '1  regno. 
Diod:  atto  al  regno. 
oe:  fuffiziant  alg  ariginam,  B.  I  237. 
fufficiaint  alg  ariginam,  B.  11  241. 


Syntaktisches  zu  den  r;itoroin;inischeii  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     535 

fnfficiaint  a  1'  rcginam,  Gr.  221. 

apt  tiers  il  reginam,  M.  128. 
ue:  apt  pro  '1  Kegiuom,  V.  D.  85. 

apt  pro  '1  regiiiara,  A.  V.  83. 
ol:  fufficients  d'  ilg  Raginavel,  Ga.  298. 

adatteivels  par  ilg  regiuavel,  C.  117. 

sufficients  par  il  reginavel,  F.  85. 

Joh.  IV  35. 
L.:  sehet  in  das  Feld,  denn  es  ist  schon  weiss  zur  Ernte. 
Diod:  reguardate  le  contrade,   come  giä  son  biauche  da  mietere. 
Seg:  regardez  les  champs  qui  deja  blanchissent  pour  la  moisson. 
oe:  gaardö  las  champagnas  per  che  e  (un  gio  aluas  par  fchun- 
chier  la  mes,  B.  I  319. 
guardö   las    chiampagnas   per  che  e  fun  gio  aluas  par  tfchü- 

chier  la  mefs,  B.  II  327. 
guarde  las  campagnias:  ch'ellas  fun  gio  alvas  da  tfchunchiaer, 

Gr.  303. 
guardö  ils  ers,  co  eis  sun  gia  alvs  da  tschuncher!  M.  176. 
ue:  guardä  las  contradas,    co  ellas  agiä  fun  albas  da    tichuncar, 
V.  D.  116. 
guardai  las  contradas,    co  ellas  agiä  sun  albas  da  tschuncar, 
A.  V.  113. 
ol:  mireit  ilg  feld;  el  ei  fchon  alfs  da  meder,  Ga.  405. 

mireit  la  cultira,  co  eil'  ei  schon  alva  da  meder!  C.  160. 
mireit  la  cultira;  ella  ei  giä  alva  da  meder,  F.  114. 

d.  Die  instrumentalen  Präpositionen, 

§  202.  Als  instrumentale  Präpositionen  fungieren  in  den  romani- 
schen Sprachen  das  begleitende  'cum',  das  örtliche  'de'  und  'ad',  das 
räumliche  'per'  und  zuletzt  das  stoffliche  'in'.  Es  soll  nun  im  Folgen- 
den das  gegenseitige  Verhältnis  der  einzelnen  Präpositionen  gezeigt 
werden,  ferner  sollen  die  anderen  Präpositionen,  welche  im  Räto- 
romanischen zum  Ausdruck  des  Mittels  und  Werkzeuges  dienen, 
noch  angeführt  werden. 

an. 

Für  'an'  zur  Bezeichnung  des  Urhebers  ist  die  Verwendung  von 
oe.  'tres'  und  'in'  bemerkenswert.  Ue.  und  ol.  'da'  zur  Bezeichnung 
des  Ursprungs  ist  allgemein  romanisch.  Im  ol.  steht  auch  die  Ver- 
stärkung 'vi  da'. 

Mat.  XI  6. 

L.:  Und  selig  ist,  der  sich  an  mir  ärgert. 

Diod:  E  beato  h  eolui  che  non  si  sarä  scandalezzato  di  me. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  o4 


536  Karl  Hutsclienieuther 

oe:  Et  bio  es  scodün  quael  clii  nu  uain  uffais  tres  me,  R.  973. 
Et  bio  eis  fcodün  quael  chi  nu  vain  uffais  tres  m^,  B.  II  38. 
Et  beo  eis  chi  uun  s'  fandaliza  in  me  Gr.  34. 
e  beo  eis  quel,  chi  nun  as  8-chandali«a  in  me!  M.  19. 
ue:  E  bead  ais  quel    chi  nun  vain  ä  s'havair   fcandelizä  da  mai, 
V.  D.  14. 
E  beä  ais  quel,    chi  non  vain  as  avair   schandelizä  da  mai, 
A.  V.  14. 
ol:  A  beaus  ei  quel  ca  ven  buc  a  prender   fcandel   vi   da  mei, 
Ga.  47. 
a  beaus  ei  quel  ca  na  prenda  bucca  scandel  da  mei,    C.  18. 
A  beaus  ei  quel,  ca  ven  buc  a  prender  scandel  da  mei,  F.  17. 

bei. 

Beim  Schwören  wird  ^bei'  nur  im  oe.  mit  dem  allgemein  roma- 
nischen 'per'  (M.  L.  §  465)  wiedergegeben.  Lat.  'trans'  (oe.  ,>  'traes'; 
ue.,  ol.  >  Hras')  findet  durchwegs  Verwendung,  im  ue.  steht  sogar 
nur  'tras'  und  ist  keineswegs  eine  'Übersetzung  aus  dem  Deutschen' 
wie  Augustin  §  181  meint.  Neuerdings  finden  wir  auch  den  eigen- 
artigen Gebrauch  von  oe.  'tiers'  und  oi.  'tier'. 

Mat.  V  36. 

L.:  Auch  sollst  du  nicht  bei  deinem  Haupt  schwören. 
Di  od:  Non  giurare  eziandio  per  lo  tuo  capo. 
oe:  ne  er  daias  giürer  per  tieu  chio,  R.  395/6. 

ne  er  daiaft  gtiraer  per  tieu  chio,  B.  II  16. 

N'eir  daiaft  güraer  per  tieu  chio,  Gr.  15. 

neir  dessast  tu  gürer  tiers  tieu  cho,   M.  8    (vielleicht    nach 
Carisch). 
ue:  Nun  jürar  tras  teis  cheu,  V.  D.  7. 

Non  gürar  neir  tras  teis  cheu,  A.  V.  7. 
ol:  Ti  deis  bucca  girar  tras  tieu  cheau,  Ga.  19. 

Ti  deis  er  bucca  girar  tier  tieu  cheau,  C.  8. 

Ti  deis  er  buca  girar  tras  tiu  chau,  F.  10. 

Mat.  XXVI  63. 

L.:  bei  dem  lebendigen  Gott. 

Diod:  per  1'  Iddio  vivente. 

oe:  par  l'g  uiuaint  dieu,  R.  2769;  B.  II  107. 

traes  Dieu  vivaint,  Gr.  98. 

tiers  il  vivaint  Dieu,  M.  56. 
ue:  tras  il  Deis  vivaint,  V.  D.  38;  A.  V.  38. 


Syiitaktiaches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     537 

ol:  tras  ilg-  vivent  Deus,  Ga.  132. 
tier  ilg  vivent  Deus,  C.  52. 
tras  il  vivent  Deus,  F.  40. 

durch. 

Deutsches  'durch'  wird  in  der  Regel  mit  trans  (>  oe.  tres, 
traes;  ue.  &  ol.  tras)  wiedergegeben,  wobei  vielleicht  deutscher 
Einfluss  mitgewirkt  hat.  Im  oe.  finden  wir  auch  romanisches  'per, 
par'. 

Mat.  n  5. 
L.:  Denn  also  stehet  geschrieben  durch  den  Propheten. 
Diod:  percioche  cosi  e  scritto  per  lo  profeta. 
oe:  Perche  e  sto  scrit  uschia  tres  l'g  prophet,  R.  84/5. 
Per  che  e  fto  fcrit  vl'chea  tres  l'g  prophet,  B.  II  4. 
per  che  ufchea  fto  fcritt  traes  V  Prophet,  Gr.  5. 
perche  usche  aise  scrit  tres  il  profet,  M.  3. 
ue:  perche  ufche  ais  fcrit  tras  il  profet,  V.  D.  3;  A.  V.  4. 
ol:  parchei  ch'ilg  ei  fcrit  afchia  tras  ilg  Prophet,  Ga.  6. 
parchei  aschia  eis  ei  scritt  tras  ilg  prophet,  C.  2. 
parchei  igl  ei  scritt  aschia  tras  il  prophet,  F.  6. 

Mat.  XVII  21. 
L.:  durch  Beten  und  Fasten. 
Diod:  per  orazione,  e  per  digiuno. 
Seg:  par  la  priere  et  par  le  jeüne. 
oe:  tresuratiun  &  giUn,  R.  1697;  B.  II  66. 

traes  oratiun  &  güu,  Gr.  59. 

tres  urer  &  güner,  M.  34. 
ue:  tras  oratiun,    e  tras  jegüni,  V,  D.  24  &  A.  V.  24. 
ol:  tras  urar,  a  jaginar,  Ga.  81. 

tras  urar,  a  giaginar,  C.  31. 

tras  urar,  a  geginar,  F.  26. 

Luc.  XXI  24. 
L.:  Und  sie  werden  fallen  durch  des  Schwerts  Schärfe. 
Miguel:  Y  caerän  ä  filo  de  espada. 
Seg:  11s  tomberont  sous  le  tranchant  de  l'epee. 
P.:  E  a  toumberan  souta  '1  tai  de  la  spa. 
Diod:  E  caderanno  per  lo  taglio  della  spada. 
oe:  Et  uignen  ä  tummer  par  l'g  fil  de  la  fpeda,  B.  I  284. 

Et  vegne  ä  tummaer  par  Tg  fil  de  la  fpaeda,  B.  II  292. 

Et  vegnen  ä  tommaer  per  fil  da  fpaeda,  Gr.  270. 

Eis  cruderon  tras  il  fil  della  speda,  M.  157. 

'34* 


538  Karl  Hutschenreuther 

ue:  E  vegnen  ä  crudar  tras  il  tagliaint  dalla  fpada,    V.  D,  103. 

E  vegnan  a  crodar  tras  il  tag-liaint  della  spada,   A.  V.  101. 
ol:  Ad  eis  vengian  a  curdar  tras  ilg  fil  da  la  fpada,  Ga.  362. 

Ad  ei  veugen  ä  curdar  tras  ilg  fil  da  la  spada,  C.  143. 

Ad  eis  vegnan  ä  crodar  tras  il  fil  da  la  spada,  F.  102. 

in. 

Für  'in'  mit  modalem  Anstrich  findet  man  durchwegs  'de' und  4 n', 
letzteres  im  ol.  öfters  noch  mit  'intus'  >  'enten'  verstärkt.  Im  oe. 
und  ue.  steht  auch  'ad',  das  im  oe.  zuweilen  noch  mit  via  >  'via  ä' 
zusammengesetzt  wird. 

Luc.  XV  17. 
L.:  ich  verderbe  im  Hunger. 
Diod:  io  mi  muoio  di  fame. 
oe:  eau  pijr  d'  fam,  B.  I  261. 

eau  per  d'  fam,  B.  II  268. 

eau  mour  d'  fam,  Gr.  247. 

eau  mour  qui  d'  fam,  M.  143. 
ue:  eug  mour  d'  fam,  V.  D.  95. 

eu  mour  da  fam,  A.  V.  92. 
ol:  jou  mier  d'  fom,  Ca.  331. 

jou  miera  quou  da  fom,  C.  130. 

jou  miera  da  fom,  F.  94. 

Luc.  XII  21. 

L.:  reich  in  Gott. 

Diod:  ricco  in  Dio. 

Seg:  riche  pour  Dieu. 

oe:  arick  uia  ä  dieu,  B.  I  249;  B.  II  254. 

riech  in  Dieu,  Gr.  233. 

rieh  in  Dieu,  M.  135. 
ue:  rieh  in  Dieu,  V.  D.  90,  A.  V.  88. 
ol:  richs  in  Dieu,  Ga.  314. 

richs  en  Dens,  C.  124;  F.  89. 

Joh.  XX  12. 

L.:  in  weissen  Kleidern. 

Diod:  vestiti  di  bianco. 

Seg:  vetus  de  blanc. 

oe:  ueftieus  ad  alf,  B.  I  382;  B.  II  395;  Gr.  372. 

vestieus  ad  alv,  M.  211 
ue:  veftids  ad  alb,  V.  D.  141- 

vestits  ad  alb,  A.  V.  137. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen   Übersetzungen  der  vier  Evangelien    539 

ol:  vaftcheus  enten  alf,  Ga.  492. 
vastchieus  en  alv,  C.  194. 
vestgi  en  alv,  F.  137. 

mit 
wird  im  oe.  durch    'de,    da,  cun,   iü,    tres,   traes';    im  ue.  durch 
'cuü,  in',  im  ol.  stets  durch  'cun'  gegeben.    Im  Sinne  des  deutschen 
'mit' 

Marc.  XVI  5. 
Diod:  vestito  d'  una  roba  bianca. 
oe:  ueftieu  cun  ün  ehiamifth  alf,  B.  184;  B.  II  187 
veftieu  d'  üna  raffa  lungia  alva,  Gr.  173. 
vestieu  con  üna  chappa  alva,  M.  99. 
ue:  vefti  cun  üna  rafs'  alba,  V.  D.  66, 

vesti  con  rass'  alba,  A.  V.  65. 
ol:  vaftchieus  cun  Unna  rafs'  alva,  Ga.  233. 
vastchieus  cun  in  manti  alv,  C.  91. 
vestgius  cun  ina  rassa  alva  F.  67. 

In  der   ausgedehnten    Anwendung  von  cun  {con)  nach  Verben  des 
Bekleideus  scheint  deutscher  Einfluss  vorzuliegen. 

Luc.  XXI  19. 
L.:  Fasset  eure  Seelen  mit  Geduld. 
Diod:  Possedete  Tanime  vostre  nella  vostra  pazienzia. 
Seg:  par  votre  perseverance  vous  sauverez  vos  ämes. 
oe:  Tres  uoffa  pacijncia  poffide  uoffas  hormas,  B.  I  283. 

Traes  voffa  paciencia  polsidö  vossas  hormas,  B.  II  292. 

Poffide  voaffas  ormas  in  patientia  voaffa,  Gr.  270. 

Salve  vossas  ormas  cun  vossa  perseveranza,  M.  156. 
ue:  Poffidai  voffas  ormas  in  voffa  patienza,  V.  D  103. 

Possedai  vossas  ormas  in  vossa  pazienza,  A.  V.  101. 
ol:  Muntaneit  voffas  olmas  cun  voffa  patientia,  Ga.  362  &  F.  102. 

Muuteneit  vossas  olmas  cun  vossa  perseveronza,  C.  143  (vergl. 
Miguel:    Con  vuestra  paciencia  poseereis  vuestras  almas). 

Im  Sinne  von  deutschem  'mit'  steht  italienisches  'da'  in 

Mat.  XXVII  39. 
oe:  dand  da  lour  chios,  R.  2905. 
dand  da  lur  chios,  B.  II  113. 

Germanismen  sind  wohl: 

Mat.  IV  24. 
Diod:  tenuti  di  varie  infirmitä. 
oe:  chiargios  cun  da  plus  foarts  d'  malatias,  Gr.  11. 


540  Kin\  Ilutsclicnreuther 

ue:  tngüds  cun  da  blera  fort  infirmitads,  V.  D.  5. 
tormeiitats  con  da  blera  sort  infirmitats,  A.  V.  6. 

Ferner 

Job.  XIX  3. 

Ol:  A  Igi  devan  cun  fifts,  Ga.  485;  C.  191;  F.  136. 

von 

zur  Angabe  des  Stoffes  wird  mit  'da'  (oe.  auch   verstärkt  'our  da') 
ausgedrückt. 

Mat.  III  4. 
L.:  Johannes  hatte  ein  Kleid  von  Kameelshaaren. 
Diod:  Giovanni  avea  il  suo  vestimento  di  pel  di  camello. 
oe:  Johannes  hauaiua  sia  ueschkimainta   fatta  our  d'  peaus  dels 
chiamels,  R.  163/4;  B.  II  7. 
Joannes  hauaiua  fieu  veftieu  our  d'  peaus  d'  camel,  Gr.  7. 
Joannes  avaiva  sieu  vstieu  da  pails  da  chamel,  M.4. 
ue:  Joan  haveiva  feis  viftmaint  da  peus  d'  chameil,  V.  D.  4. 

Gionne  avaiva  seis  vestimaint  da  pails  da  chamel,  A.  V.  5. 
ol:  Johannes  veva   fieu  vaftchieu  da  palingia  da  Cameis,  Ga.  9. 
Johannes  veva  sieu  vastchieu  da  peila  da  camel,  C.  4. 
Johannes  haveva  sin  vestgiu  da  peila  da  camel,  F.  7. 

*Von'  im  Passiv  lautet  meist  'da'.    Im  oe.  ist  der  jeweilige  Ge- 
brauch von  'ä'  und  'tres'  sehr  interessant. 

Luc.  XXI  17. 
L.:  Und  ihr  werdet  gehasset  seyn  von  jedermann. 
Et  gnis  ad  effer  meluuglieus  da  tuots,  B.  I  283. 

Et  gnis  ad  effer  maeluuglieus  da  tuots,  B.  II  291. 

Et  gnis  ad  effer  maelvuglieus  a  tuots,  Gr.  270 

E  VU8  saros  ödios  da  tuots,  M.  156. 
ue:  E  farad  ödiata  da  tuots,  V.  D.  103. 

E  sarat  ödiats  da  tuots,  A.  V.  101. 
ol:  A  vus  vangits  a  vangir  haffiai  da  tuts,  Ga.  362. 

A  vus  vengits  ad  esser  odiai  da  tuts,  C.  143;  F.  102. 

Zur  Verwendung  von  'tres'  bei  Bifrun  vergl.  Mat.  XI,  6  p.  162. 

Nach  den  Verben  des  Schmtickens  scheint  im  ausgiebigen  Gebrauch 
von  'cmi,  con'  statt  'da'  deutscher  Einfluss  vorzuliegen. 

Luc.  XXI  5. 
L. :  dass  er  geschmückt  wäre  von  feinen  Steinen  und  Kleinodien. 
Diod:  ch'esso  era  adorno  di  belle  pietre,  e  d'  Offerte. 


Syntaktisches  zu  den  rätorouiaiilschen  Übersetzungen  clor  vier  Evangelien    541 

oe:  chel  flis  cun  belhis  pcdras   und  duDS,    Imrdano  fti,    B,  I  282. 

chel  fUs  Clin  bei  las  peidrus  &  diins,  liurdano  sü,  B.  II  290. 

ch'el  eira  orno  da  bellas  peidras  &  da  duns,  Gr.  268. 

cha  '1  taimpel  saja  orno  da  bellas  peidras  e  da  duns,  M.  156. 
ue:  chia  quel  eira  adorna*  cun  bellas  peidras,  h  cun  oflfertas, 
V.  D.  102. 

cha   quel    eira    adorna    con    bellas   peidras  e  con    offertas, 

A.  V.  100. 

ol:  CO  quel  fufs  fitaus  cun  bella  crappa,  a  cun  duns,  Ga.  360. 
CO  el  seigi  ornaus  cun  bella  crappa  a  duns,  C.  142. 
CO  quel  fussi  fitaus  cun  bella  crappa  a  cun  duns,  F.  101. 

Nach  dem  Begriffe  des  Anfüllens  ist  der  ol.  Gebrauch  von  'cun' 
wohl  durchs  Deutsche  beeinflusst. 

Joh.  XII  3. 
L.:  Das  Haus  ward  voll  vom  Geruch  der  Salbe. 
Diod:  e  ia  casa  fu  ripiena  dell'  odor  delF  olio. 
oe:  &  la  chiefa  uen  plaina  de  la   fauur  da   quel   hüt,   B.  I  354 
&  B.  II  364. 

mu  la  chiaefa  eis  gnida   plaina  de  la  favur  del  ütt,    Gr.  342. 

e  la  chesa  gnit  plaina  d'  odur  da  quel  unguent,  M.  195. 
ue:  c  la  chafa  fuo  implida  da  11'  odür  dal  oeli,  V.  D.  130. 

e  la  chasa  füt  implida  da  11'  odur  del  öli,  A.  V.  126. 
ol:  a  la  cafa  vangit  amplanida  cun  quei   fried  d'ilg  ig,  Ga.  453. 

mo  la  casa  vengit  plaina  dilg  fried  da  quei  igg,  C.  179. 

a  la  casa  vegnit  amplenida  cun  il  fried  digl  itg,  F.  127. 

e.  Die  modalen  Präpositionen. 

§  203.  Zur  Darstellung  der  Art  und  Weise  der  Ausführung  einer 
Handlung  werden  vielfach  lokale,  kausale  und  instrumentale  Präpo- 
sitionen verwendet.  Wir  finden  daher  lateinisches  'de,  ad,  in,  cun' 
und  'per'.  Es  zeigen  sich  im  Ausdruck  modaler  Verhältnisse  keine 
bedeutenderen  Abweichungen  von   den  anderen  romanischen  Sprachen. 

an 
wird  meist  mit  'in'  gegeben,  doch  findet  sich  auch  oe.  'cun'. 

Luc.  II  52. 
L.:  Und  Jesus  nahm  zu  an  Weisheit,  Alter  und  Gnade. 
Diod:  E  Gesii  s'avanzava  in  sapienza  ed  in  istatura,  ed  in  grazia. 
oe:  Et  Jefus    auanzeua    cun    fabijnfcha,    &  etaed,    &  gracia  ,  .  , 

B.  I  200. 

*  Im  Text :  ardorna,. 


542  Karl  Hutschenrcnther 

Et  Jesus  auanzaeua  cun  fabgienfcha,   &  etaed,  &  gracia  .  .  . 

B.  n  203. 
Et  Jefus    vanzaiva   in    fabgientfcha,   &   aetaet,    &  in  gratia, 

Gr.  188. 
E  Gesu  s'avanzaiva  in  sapienza,  eted  e  grazia,  M.  103. 
ue:  E  Jefus.'s'avanzava  in  sapienza,  ed  in  ftatura,  ed i n  gratia  .. . 

V.  D.  73  (nach  Diod). 
E  Gesu  s'avanzaiva  in  sapienza,  ed  in  statura,  ed  in  grazia  . . . 

A.  V.  71. 
ol:  A  Jefus  parneva  tiers  en  fabjienfcha,  ad  en  grondezia,  ad  en 

grazia  .  .  .  Ga    251. 
A  Jesus  parneva   tier  en   sabienscha   ad   en  velgiadegna  ad 

en  grazia  .  .  .  C.  99. 
A  Jesus  prendeva  tiers  en  sabienscha  ad  en  grondezia  ad  en 

grazia  ...  F.  72. 

auf. 
Soweit    der    lokale   Begriff   berücksichtigt   wurde,    finden  wir  oe. 
'in,  stin';  ue.  'sün';  ol.  'en'.    Der  instrumentale  und  modale  Ausdruck 
kommt  im  ol.  'per'  zur  Geltung. 

Mat.  XIV  13. 

L.:  (wich  von  dannen)  auf  einem  Schiff. 
Diod:  sopra  una  navicella. 
Seg:  dans  une  barque. 
oe:  in  üna  nef,  R.  1387. 

in  üna  naef,  B.  II  54. 

in  naef  Gr.  48. 

sün  üna  nevetta,  M.  28. 
ue:  sün  üna  naf,  V.  D.  19. 

sün  üna  nav,  A.  V.  20. 
ol:  en  ünna  naf,  Ga.  66. 

par  nav,  C.  26. 

en  ina  nav,  F.  22. 

Oe.  'fuainter^  für  'auf  drückt  mehr  die  Folge  aus. 

Luc.  XVII  30. 
L.:  auf  diese  Weise, 
oe:  fuainter  aque,  B.  I  268;  B.  U  276. 

In  quaift  moed,  Gr.  254. 
ol:  En  quella  guifa,  Ga.  342;  F.  96. 

En  la  medemma  guisa,  C.  135  (Hiefür  'usche'  M  147  und  'tal' 
V.  D.  97  &  A.  V.  95,  ebenso  Diod). 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    543 

bei 
wird  zum  Ausdruck  des   diftributiven  Verhältnisses  mit  oe.  ^a,  in, 
per;  ue.  *a,  per';  ol.  blos  mit  'a'  wiedergegeben. 

Marc.  VI  39. 

L.:  bei  Tischen  voll. 

Diod:  per  brigate. 

Seg:  par  groupes. 

oe:  in  maifodas,  B.  I  140;  B.  ü  142;  M.  74. 

per  maifaedas,  Gr.  130. 
ue:  per  compagnias,  V.  D.  50;  A.  V,  50. 
ol:  trops  a  trops,  Ga.  176;  C.  69;  F.  52. 

Nur  romanisches  'ad'  steht 

Marc.  VI  7. 
oe:  duos  a  dus,  B.  137;  B.  H  138;  Gr.  127;  M.  73. 
ue:  ä  duos  a  duos,  V.  D.  49;  A.  V.  49  nach  Diod:  *a  due  a  due. 
ol:  dus  a  dus,  Ga.  172;  C.  67;  F.  50. 

in. 

Allgemein  wird  'in'  (im  ol.  gern  zu  'enten'  verstärkt)  verwendet. 
Im  oe.  steht  auch  begleitendes  'cun'. 

Luc.  I  75. 
L.:  In  Heiligkeit  und  Gerechtigkeit. 
Diod:  In  santitä,  ed  in  giustizia. 
oe:  cun  fantitaed  &  giüftia,  B.  I  194;  B.  11  198. 

In  fantitaed  &  juftia,  Gr.  182. 

in  senchited  e  güstia,  M.  104. 
ue:  In  fantitä,  &  in  jüftia,  V.  D.  71;  A.  V.  69. 
ol:  Enten  foinchiadad,  a  giftia,  Ga.  244;  C.  96. 

Enten  sontgadad  a  gistia,  F.  70. 

nach. 
Die  Gemässheit   drückt  oe.  'fuainter',  dem  ol.  'fuenter'  ent- 
spricht, aus.    Im  ue.  steht  dem  italienischen  'secondo'  entsprechend 
'segund,  seguond'. 

Luc.  I  9. 
Nach  Gewohnheit. 

oe:  fuainter  lüfaunza,  B.  189;  B.  II  192. 
suainter  Tüfaunza,  Gr.  177;  M.  101. 
ue:  fegund  l'üfauza,  V.  D.  69. 

feguond  l'üsanza,  A.  V.  67  (Diod:  fecondo  l'usanza). 
ol:  fuenter  l'ifonza,  Ga.  237;  C.  93;  F.  68. 


544  Karl  Hutschenreuther 

mit. 
Der  oe.  und  ol.  Gebrauch  von  'cun'   statt  'ad'  im  Folgenden  ist 
wohl  durchs  Deutsche  beeinflusst. 

Luc.  XVII  15. 
L.:  mit  lauter  Stimme. 
Di  od:  ad  alta  voce. 
oe:  cü  hota  uufch,  B.  I  267;  B.  II  274. 

cun  granda  vufch,  Gr.  253. 

ad  ota  vusch,  M.  146. 
ue:  ad  auta  vufch  V.  D.  17. 

ad  ota  vusch,  A.  V.  95. 
ol:  cun  aulta  vufch,  Ga.  340;  C.  134;  F.  96. 

über. 

Hier  finden  wir  durchwegs   die  örtliche  Ausdrucksweise   'cur  d,' 
'or  d';  im  oe.  steht  auch  'für'. 

Marc.  Vn  37. 
L.:  Und  verwunderten  sich  über  die  Maassen. 
Diod:  E  stupivano  sopra  modo, 
oe:  &  finfthnuiuen  furmoed,  B.  I  145;  B.  II  147. 

Et  s'ftupivan  our  d'  moed,  Gr.  135. 

Ed  eis  s'instupivan  our  d'  möd,  M.  77. 
ue:  E  s'ftupivan  our  d'  möd,  V.  D.  52;  A.  V.  52. 
ol:  Ad  eis  fa  ftramentavan  or  d'  mafira,  Ga.  183. 

Ad  ei  s'an  stupivan  or  d'  masira,  C    71. 

Ad  eis  s'instupivan  or  d'  masira,  F.  53. 

TOÜ 

wird  abwechselnd  durch  'cun'  oder  'da'  gegeben. 

Mat.  XXn  37. 
L. :  Du  sollst  lieben  Gott,  deinen  Herrn  von  ganzem  Herzen,  von 
ganzer  Seele  und  von  ganzem  GemUthe. 

Diod:   Ama  il  Signore  Iddio  tuo  con   tutto  'I  tuo  cuore,    e  cou 
tutta  r  anima  tua,  e  con  tutta  la  mente  tua. 

oe:  Ama  l'g  signer  tieu  dieu,  cü  tuot  tieu  cour,  cun  tuotta  la  tia 
horma,  &  cun  tuot  tieu  sentimaint,  R.  2229/31. 
Ama  l'g  fcgner  tieu  Dieu,    cun  tuot  tieu  cour,    cun  tuotta  la 

tia  horma,  &  cun  tuot  tieu  fentimaint,  B.  II  87. 
Tu  daiaft  amaer  1'  figner  tieu  Dieu,  cun  tuot  tieu  cour,  &cun 

tuotta  tia  oarma,  &  cun  tuot  tieu  piffamaint,  Gr.  78. 
Ama  il  segner,    tieu   Dieu,    da    tuot   tieu   cour,    da  tuotta  ti' 
orma,  e  da  tuot  tieu  anim,  M.  45. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    545 

ue:  AiiTa  '1  fegner    teis  Deis  eiin    tuot    teis    cour,    e  cun  tuot  ti' 

orraa,  c  cun  tuot  teis  piffamuint,  V.  D.  31. 
Ama  il   fegner  teis   Deis    con    tuot  teis  cour,    e  con  tuot  ti' 

orma,  e  con  tuot  teis  impissamaints,  A.  V.  31. 
ol:  Ti  deis  taner  cbar  ilg   fenger  tes  Deus  da  tut  tieu  cor,  a  da 

tutta  ti'    olma,  a  da  tutta  tia  puffonza,  Ga.  106. 
Ti  deis  tener  car  ilg  (enger  tieu  Deus  da  tutt  tieu  cor,  a  da 

tutta  ti'  olma,  a  cun  tutt  tieu  sentiment,  C.  41/2. 
Ti  deis  tener  car  il  fegner  tiu  Deus  da  tut  tiu  cor,  a  da  tutta 

ti'  olma,  a  da  tutta  tia  pussonza,  F.  33. 

za 

mit    instrumentaler   Färbung   wird    durchwegs   mit    romanischem  'ad' 
wiedergegeben. 

Mat.  XIV  13. 
zu  Fuss.  —  Di  od:  a  pie. 
oe:  ä  pe,  K.  1389;  B.  U  54;  Gr.  48;  M.  28. 
ue:  ä  pe,  V.  D.  19;  A.  V.  20. 
Ol:  a  pei,  Ga.  66;  C.  26;  F.  22. 

C.  Die  Konjunktion. 

1.  Koordinierende  Konjunktionen. 
Die  Mittel  zur  Verknüpfung  zweier  Wörter,    sowie  von  Vollsätzen 
sind  mannigfaltig.    Es  soll  hier  nur  das  Wesentlichste  erwähnt  werden. 

a)  Kopulative  Konjunktionen. 

§  204.  Die  Verwendung  von  'sie'  an  Stelle  von  'et',  welche  nur 
dem  Rumänischen  eigen  ist,  findet  man  durchwegs  in  allen  Dialekten. 
Wir  haben  es  dann  wohl  mit  einer  fklavischen  Nachahmung  des 
Deutschen  zu  tun. 

Mat.  VII  7. 

^haiTe,  xai  dod'rjG'STai  viuv.  ^rjreiTe,  xai  evQ^crsts.  XQOveve,  xal 
dvotyTj(TeTai  vfiiv. 

L.:  Bittet,  so  wird  euch  gegeben;  suchet,  so  werdet  ihr  finden; 
klopfet  an,  so  wird  euch  aufgetan. 

Di  od:  Chiedete,  e  vi  sarä  dato;  cercate,  e  troverete:  picchiate, 
e  vi  sarä  aperto. 

Seg:  Demandez,  et  Ton  vous  donnera ;  cherchez,  e t  vous  trouverez ; 
frappez,  et  l'on  vous  ouvrira. 

Miguel:  Pedid,  y  se  os  darä;  buscad,  y  hallareis:  llamad,  y  se 
08  abrira. 


546  Karl  Hutschenreuther 

oe:  Dmandö    schi   uain  e  do   ä   nus.     Scherchio   schi    gnis   ad 

achiater.    Batte  schi  uain  e  auiert  a  uus,  K.  569/71. 
Dmandö    fchi   vain   b  dö   ä  vus.    Tfcherchio    fcbi    gnis   ad 

achiater.    Batte  fchi  vain  e  auiert  ä  vus,  B.  II  23. 
Dumande,   &   vain    do  a  vus;    tfcherchie  &  gnis    ä   chiattaer: 

picchie  &   vain   aviert   ä  vus,    Gr.   20     (Nachahmung    des 

Griechischen!) 
Rove,  schi  gnarö  do  avus;  tscherche,  schi  chatteros;  piche, 

schi  's  gnarö  aviert.  M.  11. 
ue:  Rugua,    fchi    vain   ä   gnir    dat  e  vus;    cerchä,    fchi    gnis  ä 

chiatar:  picchia,  fchi  vain  a  gnir  avert  ä  vus,  V.  D.  9. 
Rovai;   schi  vain  a  gnir  dat  a  vus;    tscherchai,    schi  gnis  a 

chattar;  pichai,  schi  vain  a  gnir  avert  a  vus,  A.  V.  9. 
ol:  Dumandeit    fcha    vus   venei    a    vangir    dau:     anqurit;    fcha 

vangits  ad  afflar:  fplunteit,  fcha  vus  venei  a  vangir  aviert, 

Ga.  27. 
Rugeit,  scha  vus  ven  ei  ä  vegnir  dau;  anqurit,  sch'a  vengits 

ad  aflar;    splunteit,    scha  vus  veu  ei  ä  vengir  aviert;  C.  10. 
Dumandeit,    schi    vus    ven   ei  ä  vegnir   dau;    anqurit,   schi 

vegnits  ad  afflar ;  splunteit,  schi  vus  ven  ei  ä  vegnir  aviert, 

F.  11. 

§  205.  Eigentümlich  ist  der  Gebrauch  von  'sie'  vor  dem  Impe- 
rativ bei  Bifrun. 

Mat.  V  42. 

L. :  Gieb  dem,  der  dich  bittet,  und  wende  dich  nicht  von  dem  der 
dir  abborgen  will. 

oe:  Ad  tini  che  dmanda  da  te,  schi  dö:  &  ad  üni  chi  agragia  ad 
impraist,  schi  nun  saiast  cuntredi,  R.  407/9. 
Ad  üni  chi  dmanda  da  tc,  fchi  dö;  &  ad  üni  chi  agragia  ad 
impraift,   fchi  nü  faiaft    cuntraedi,    B.  II  27    (die   übrigen 
Texte  haben  kein  ^schi'). 

§  206.  Merkwürdig  ist  die  Erscheinung,  dass  nach  einem  Teilsatz 
der  an  zweiter  Stelle  folgende  Verbalsatz  in  der  Regel  mit  einem 'sie' 
(oc.  &  ue.  >  schi;  ol.  >  scha,  schi)  augeknüpft  wird.  Und  zwar 
ist  diese  Art  Anknüpfung  allen  Dialekten  eigen.  Unromauisch  ist  dieses 
'sie'  gerade  nicht.  Wir  finden  es  im  Altfranzösischen,  Italienischen, 
und  in  grosser  Beliebtheit  im  Rumänischen  (M.  L.  §  651).  Im  Räto- 
romanischen begegnen  wir  schon  zu  Beginn  des  12.  Jahrhunderts  auf 
Zeile  6  der  Interliuearversion  (Gröber  p.  75)  diesem  'sie':  'in  quali 
die  quo    uo    manducado   de   quil    linas  si  uene   sua    uirtu  fos  ouli'.  — 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    547 

Bifrun  greift    zu    diesem  'sie'   als    Vorschlag    für   jeden   neuen  Ge- 
danken^  und  gestaltet  die  Sprache  dadurch  lebhafter.    Vergl. 

Mat.  n  8. 
oe:  Et    cura  tius  l'g  achiates,    schi    lastho  ä  mi  a   sauair,    schi 
uoelg  er  eau  gnir  ailg  adurer,  R.  94/5. 
Et   cura  vus    l'g   chiataes,    fehl    lafcho  ä  mi  ä  fauair,    fehl 
voelg  er  eau  gnir  ailg  aduraer,   B.  II  5  (die  übrigen  Texte 
haben  dies  doppelte  'sie''  nicht). 

Da  nun  'sie'  häufig  dem  Deutschem  'so',  womit  der  Ver- 
balsatz eingeleitet  wird,  entspricht,  so  pflegt  man  diese  Sprach- 
erscheinung in  der  Regel  deutschem  Einflüsse  zuzuschreiben. 
Doch  möchte  ich  dieses  'sie'  nicht  ohne  weiteres  als  'deutsch'  fixieren, 
denn  es  ist  so  in  die  rätoromanische  Sprache  eingewurzelt,  dass  es 
selbst  da  steht,  wo  wir  es  im  Deutschen  durchaus  nicht  anwenden 
können,  so  z.  B.,  wenn  der  Verbalsatz  ein  Fragesatz  ist. 

Mat.  V.  47. 
oe:  Et  schi  uus  abratschais  sulamaing  uos  frars,  schi  che  granda 
chiosa  faschais  uus?  R.  421/23;  B.  H  17. 

Mat.  V  46. 
ue:  Perche,  fcha  vus  amais  quels  chi  amman  vus,  fehl  chepremi 
gnis  ad  havais?  V.  D.  7. 
Perche,  scha  vus  amais  quels  chi  aman  vus,   schi  che  premi 
gnis  ad  avair?  A.  V.  8. 
ol:  Parchei  fcha  vus  taneits  char  quels  ca  tengian  char  vus,  fcha 
chei  pagalgia  vangits  a  ver?  Ga.  20. 

§  207.  'Und  nicht'  nach  verneintem  Satze  gibt  Griti  meist  mit 
'n'eir'.    Deutschen  Einfluss  zeigt  wohl  ol.  'ad  bucca'. 

Mat.  Vn  18. 

Ol;  övvuTai  divÖQOv  dyad^ov  xagnotg  novriQOvg  noielv,  ovde  dsvöqov 
GOJiqov  xaQTtovg  xalovg  notetv. 

L.:  Ein  guter  Baum  kann  nicht  arge  Früchte  bringen,  und  ein 
fauler  Baum  kann  nicht  gute  Früchte  bringen. 

Diod:  L'albero  buono  nou  puö  far  frutti  cattivi,  ne  l'albero  mal- 
vagio  far  frutti  buoni. 

Seg:  Un  bon  arbre  ne  peut  porter  de  mauvais  fruits,  ni  un  mau- 
vais  arbre  porter  de  bons  fruits. 

oe:  Ün  bü  boesth  nu  po  fer  mels  früts.  Ne  ün  martsth  boesthc 
po  fer  bun  früts,  R.  595/6. 


548  Karl  Hutschenieuther 

Vn  bun  boefchg  nun  po  faer  mael  früts.   Ne  iin  martfch  boefschg 

po  fuer  buu  früts,  B,  LI  24. 
Un  bun  boefcb  nun  po  faer    mals    frütts;    n'eir   tiu   martfch 

boefch  po  faer  buns  frütts,  Gr.  21. 
Un  bun  bös-ch  nun  po  fer  nosch  früt,  n  e  ün  nosch  bös-ch  fer 

bun  früt;  M.  12. 
ue:  II  boefck  bun  nun  po  far  früts  naufchs,   ne  '1  böfck   mal    far 
früts  buns,  V.  D.  9  (nach  Diod). 
II  boesch  bun  non  po   far   früts    noschs,   n  e  '1  bösch  mal  far 

früts  buns,  A.  V.  10. 
ol:  Un  bien  pumer  po  bucca  purtar  mals    frigs,    ad  tin  martfch 

pumer  po  bucca  purtar  buns  frigs,  Ga.  28. 
In  bien  pumer  po   bucca   purtar   nauscb    frig,    nfe  in  nausch 

pumer  purtar  bien  frig,  C.  11  (wohl  durch's  Griechische 

beeinflusst!). 
In  bien  pumer  po  buca  portar  mals  frigs,  ad  in  martsch  pumer 

po  buca  portar  buns  fritgs,  F.  12. 

§  208.  Lateinisches  ^nec— nee'  (=  weder  —  noch),  franz.  ni  —  ni^ 
lautet  allgemein  'ne  —  ne  (ne  —  ne)'.  Nur  Griti  gebraucht  'ne  — 
n'eir',  wo  das  zweite  Glied  einem  italienischem  ''non  —  'pure\  ''ne 
anche'  entspricht,    (vergl.  Asc.  VII  p.  538/40.) 

Mat.  V  34/5. 
L. :  Ich  aber  sage  euch,  dass  ihr  allerdings  nicht  schwören   sollt, 
weder  bei    dem    Himmel,  ...  noch   bei    der   Erde,  ...  noch  bei 
Jerusalem. 

Diod:  Mo  io  vi  dico,  Del  tutto  non  giurate:  ne  per  lo  eielo,  .  .  . 
ne  per  la  terra-,  ne  per  Gerusalemme,  .  .  . 

Seg:  Mais  moi,  je  vous  dis  de  ne  jurer  aucunement,  ni  par  le 
ciel,  .  .  .  ni  par  la  terre,  .  .  .  ni  par  Jerusalem. 

oe:  nu   giüro    zuond    brichia,   ne   par   Tg    schil,   .  .  .  ne   per   la 
terra,  .  .  .  ne  par  Jerusalem,  R.  391/4. 
nu   giürö    zuond   brichia,    ne   par   l'g   tfchel,  .  .  .  ne  per  la 

terra,  .  .  .  ne  par  Jerufalem,  B.  11  16. 
nu    güre    zuond    brichia,    ne   per  l'tfchel,  .  .  .  N^eir  per  la 

terra,  .  .  .  N'eir  per  Jerusalem,  Gr.  15. 
Non  gtirc  daffat  bricha,   ne   tiers  il   tschel,  .  .  .  ne  tiers  la 
terra,  .  .  .  ne  tiers  Gerusalem,  M.  8. 
ue:  Dafat  nun  jürarai:  ne  tras  il  tfchel,  .  . .  ne  tras  la  terra, .  . . 
ne  tras  Jerufalem,  V.  D.  6. 
Dafat  non  gürerai:    ne  tras  il  tfchel,  .  .  .  ne   tras    la   terra; 
ne  tras  Gerusalem,  A.  V.  7. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    549 

ol:  Viis  duveits  zunt  bucca  girar:  ne  tras  ilg- tfcliiel,  .  .  .  ne  tras 

la  terra,  .  .  .  ne  tras  Jerusalem,  Ga.  19. 
Vus  duveits  dilg-  tutt  bucca  girar;  ne  tier  ilg  tschiel;  ne  tier 

la  terra;  ne  tier  Jerusalem^  C.  7/8. 
Vus  duveits  zun  buca    girar;    ne   tras  il  tschiel,  .  .  .  ne  tras 

la  terra,  .  .  .  ne  tras  Jerusalem,  F.  9/10. 

§  209.  Für  lateinisches  'et'  steht  im  oe.  und  ol.  auch  'eir'(=  ital. 
'■anche').  Im  ue.  finden  wir  in  Nachahmung  des  italienischen 
'ed  anche'  ein  'ed  eir'.  Dies  erinnert  an  portugiesisches  'e  mais' 
und  an  die  aeuprovenzalische  Verstärkung  'emai'  (M.  L.  §  210.). 

Mat.  VIII  33. 

anriYY^i'^'^v  Ticcpta,  xui  rä  twv  daiiioviX^of-iivcav. 
L. :  und  sagten  das  alles,  und  v?ie  es  mit  den  Besessenen  ergangen 
war. 

Diod:  rapportarono  tutte  queste  cose,  ed  anche  il  fatto  degT 
indemoniati. 

oe:  dissen  e  tuot,   co    che    füs   ieu  cun  l's  indemunios,    R.  711/2; 
B.  11  28. 
haun  raconto  tuot;    &  que  chi   eira   dvanto  a  l's  indemunios, 

Gr.  26. 
e  requintettan  tuot,   eir  que  chi  eira  dvanto  culs  indemunios, 
M.  14. 
ue:  referitten  eis  tuot  quaiftas   chiaufas,    ed  eir  il  fat  dals  inde- 
muniads,  V.  D.  11. 
referittan   eis    tuot   quaistas    chosas,   ed  eir  il  fat  dels  inde- 
muniads,  A.  V.  11. 
ol:  figenan  eis  a  faver  tut  quellas  caufas,  er  quei  ca  fova  daven- 
tau  cun  quels  ca  vevau  ghieu  en  dimunis,  Ga.  34. 
figiennen  eis  ä  saver  tutt,    er   quei  ca  fova  daventau  cun  ils 

indemuniai,  C.  13. 
fageuan  eis  ä  saver  tuttas  quellas    caussas,   er   quei  ca  fova 
daventau  cun  quels  ca  havevan  giu  ent  demunis,  F.  13. 

§  210.  'Desselbigen  gleichen'  entspricht  durchwegs  italie- 
nischem 'simigliantemente'. 

Mat.  XXn  26. 

oe:  sumgiaütamang,  R.  2209;  B.  11  87  (1'  fumgiant,  Gr.  78.) 

sumgiauntamang,  M.  44. 
ue:  fungiantamaing,  V.  D.  31;  A.  V.  31. 
ol:  fumlgiontameng,  Ga.  105. 

lumilgiontameng,  C.  41;  F.  32. 


550  Karl  Hutschenreuther 

§  211.  'Auch  nicht'  heisst:  oe.  'ne,  ne  er,  ne  eir,  neir'  (ge- 
wöhnlich ohne  non  beim  Verb),  'nun  —  niaunchia' 'nun  —  niauncha'; 
ue.  'nun  —  niauncha',  'non  —  niancha',  'medemamaing  nun 
(non)';  ol.  'er  buc',  'nö  meins',  'pir  buc\ 

Mat.  V  15. 

ovds  xaiovffi  Xvxvov. 
L. :  Man  zündet  euch  nicht  ein  Licht  an. 
Diod:  Parimente  non  s'accende  la  lampana. 
oe:  ne  er  s'inuida  Una  litisth,  R.  327. 

ne  eir  s'inuida  üna  lilUch,  B.  II  14. 

ne  s'invida  üna  Igüfch,  Gr.  13. 

tin  non  invida  neir  üna  glüscb,  M.  7. 
ue:  Medemamaing,  nun  s'invida  la  lütfcherna,  V.  D.  6. 

Medemamaing,  non  s'invüda  la  lütscherna,  A.  V.  7. 
ol:  ün  anvida  buc  Unna  Igifch,  Ga.  16. 

In  anvida  er  buc  inna  Igisch,  C.  6. 

In  anvida  buc  ina  glisch,  F.  9. 

Mat.  VIII  10. 

ovds  iv  TM  'IffQui^X  tO(TavT7]v  nidtiv  evgov. 
L.:  solchen  Glauben  habe  ich  in  Israel  nicht  gefunden. 
Diod:  che  non  pure  in  Israel  ho  trovata  cotanta  fede. 
oe:  eau    nun    hae    niaunchia    acchiato    taunta    fö    in    Israel, 
R.  655/6;  B.  H  26. 
u'eir  in  Ifrael  hae  eau  chiatto  taunta  fe,  Gr.  23. 
niauncha  in  Israel  nun  he  eau  chatto  taunta  cretta,  M.  13. 
ue:  niaunch'    in   Israel    nun    ha    eug    chiatä    taunta    cretta, 
V.  D.  10. 
niaunch'  in  Israel  non  ha  eu  chattä  tanta  cretta,  A.  V.  11. 
ol:  jou  hai  pir  buc  enten  Ifrael   afflau   Unna  fchi   gronda   car- 
dienfcha,  Ga.  32. 
n6  meins  en  Israel  hai  jou  aflau  inna  schi  gronda  cardienscha, 

C.  12. 
jou   hai   pir   buc   enten  Israel    afflau   ina   schi   gronda  car- 
dienscha, F.  13. 

§  212.  ,Nicht  nur  —  sondern  auch'  lautet:  oe.  'brichia 
fuUettamang  —  mu  er',  'brichia  fulletamang  —  mu  eir',  'na 
fulamaing  —  ma  eir',  'na  be  —  ma  eir';  ue.  'brichia  folüm  — 
mo  eir',  'bricha  solum  —  ma  eir';  ol.  'bucca  mai  —  mo  er', 
'buca  mai  —  mo  er'. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromauischen  Übersetzuugcu  der  vier  Evangelien    551 

Job.  XIII  9. 

L.:  nicht  die  Füsse  allein,  sondern  auch  die  Hände  und  das 
Haupt. 

Diod:  non  solo  i  piedi,  ma  anche  le  mani  e  '1  capo. 
Seg:  non   seulement    les   piedg,   mais    encore    les    mains   et 
la  tete, 

oe:  brichia  fullettamang  l's  pes,  mu  er  Va  mauns  et  I'g  chio, 
B.  I  859. 
brichia  fulettamang  l's  peis,  mu  eir  l's  mauns  &  Tg  chio, 

B.  11  369. 

na  fulamaing  meis  peis,  ma  eir  l's  mauns  &  l'chio,  Gr.  347. 
Na  be  mieus  peis,  ma  eir  ils  mauns  e'l  cho!  M.  198. 
ue:  brichia    folüm    ils    peis,     mo    eir    ils    mauns,    e    '1    cheu; 
V.  D.  132. 
bricha  solum  ils  peis,  ma  eir  ils  mans,  e'l  cheu,  A.  V.  128. 
ol:  bucca    mai    ils    peis,    mo  er    ils    mauns,    ad    ilg    cheau, 
Ga.  460. 
bucca    mai    mes    peis,    mo    er   ils   mauns,    ad    ilg   cheau, 

C.  182. 

buca  mai  ils  peis,  mo  er  ils  mauns,  ad  ilg  chau,  F.  129. 

b.  Disjunktive  Konjunktionen. 

§.  213.  Lateinisches  'auf  (oe.  >  u  und  o;  ue.  >  o)  wird  im 
ol.  durch  'nee'  >  'ne'  (M.L.  §  213),  häufiger  aber  durch  'nee  -|-  er' 
>  'ner'  ersetzt,  gleich  ob  eine  Verneinung  vorausgeht  oder  nicht.  Sehr 
richtig  bemerkt  As  coli  VII  p.  539:  ''Nelle  scritture  de'  riformati  e  ner 
la  forma  costante  per  'o'. 

Dieses  'ner'  steht  auch  für  italienisches  'overo',  welches  die 
ue.  Übersetzer  sklavisch  nachgeahmt  haben. 

Mat.  V  17. 

L.:  Ihr  sollt  nicht  wähnen,  dass  ich  gekommen  bin,  das  Gesetz 
oder  die  Propheten  aufzulösen. 

Diod:  Non  pensate  ch'io  sia  venuto  per  annullar  la  legge,  od  i 
profeti. 

Seg:  Ne  croyez  pas  que  je  sois  venu  pour  abolir  la  loi  ou  les 
prophetes. 

oe:  Nu  aestmö  ch'eau  saia  gnieu  par  arüper  la  lescha  ü  l's  profets, 
R.  332/3. 
Nun  aeftimö  ch'eau  faia  gnieu  par    arumper    la   letfcha  ü  l's 
profets,  B.  II  14. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  OO 


552  I^'^^"l  Hutsclienreuther 

Nun  aeftimo  ch'eau  faia  gnieu  per  annulaer  la  Ledfcha,  u  l's 

Prophets,  Gr.  13. 
Nun  impisse's,  ch'eau  saja  gnieu  per  annuler  la  Ledfclia  u  'Is 

profets,  M.  7. 
ue:  Nun    piffarai    ch'eug    faja  gnü  per    auullar   la  Ledfcha  o  'Is 

profets,  V.  D.  6. 
Non  s'impissarai,  ch'eu  saja  gnü  per  anuular  la  ledsclia  o  'Is 

profets,  A.  V.  7. 
oe:  Vus  duveits  bucca   quitar  ca  jou  feig   vangcus  par  caflar  ilg 

fchentament,  uer  ils  Propbets,  Ga.  16/7. 
Quiteias  bucca  ca  jou  seigi  vengieus  per  cassar  ilg  Tscheuta- 

ment  ne  ils  Prophets,  C.  6. 
Vus  duveits  buea  quittar,    ca  jou    seig   veguius   par    cassar  il 

tschentament  ner  ils  propbets,  F.  9. 

Mat.  V  18. 

oe:  scbi  nun  vain  ä  passer  uia  üua  la  plü   pisthna    lettera  ü  ün 

pitschen  punchiet,  R.  337/8. 
scbi  nun  vain  ä  palTaer  via  üna  la  plü  pitfchna   lettera  ü  ün 

pitscben  puncbiet;  B   II  14. 
nun   vain  k    palTaer    via    ün    cuftab,    ü  ün    pitfcben    puonch, 

Gr.  13. 
CO  cha  tin  custab  o  ün  pitschen  punct   (della  Ledscba)  passa 

via,  M.  7. 
ue:  ichi  nun  vain  ä  palTar  via    brich'    ün    buftap^    od  ün    pichel, 

V.  D.  6. 
scbi  non    vain  a  passar   via    brich'    ün    buftap,    o  ün  tichel 

A.  V.  7. 
ol:  fcha  venei  buc  ä  vargar  vi   ün  d'  ils  pH    pitfchens    buoftabs 

ner  ün  pichel,  Ga.  17. 
veu  bucc  in  bustab  ne  pikel  (dilg  Tschentament)  ä  vargir  vi, 

C.  6. 
ven  buc  ä  vargar  vi  in  iota  ner  in  plccal,  F.  9. 

Mat.  VII  4. 

L.:  Oder,  wie  darfst  Du  sagen  zu  Deinem  Bruder  .  .  . 
Diod:  Overo,  come  dici  al  tuo  fratello  .  .  . 
oe:  (Et  in  che  moed  dist  tu  a  tes  frer,  R.  559.) 

U  CO  pouft  dir  ä  tieu  fraer,  Gr.  20. 

0  cu  poust  tu  dir  a  tieu  frer,  M.  11. 
uc:  0  verO;  co  difch  ii  teis  frar,  V.  1).  8. 

Ovvero,  co  disch  a  teis  frar,  A.  V.  9. 


Syntaktisches  zu  den  riitoromanischen  Übersetzungen  der  vier  EviingclicMi     553 

ol:  Ner  co  vol  ti  g'w  ü  tieu  frar,  Ga.  27. 
Ncr  CO  vul  ti  gir  ;i  tieu  frar,  C.  10. 
Ner  CO  vul  ti  g-ir  ä  tiu  frar,  F.  11. 

§  214.  Die  Alternative  (lateinisch  'aut  —  auf)  wird  im  oe. 
und  ol.  meist  mit  che(ca)  verstärkt  und  lautet:  oe.  ü  che  —  ii  che, 
0  che  —  0  che,  ü  —  ü  che;  ue.  o  —  o  vero,  o  —  ovvero,  w^ie 
im  Italienischen;  ol.  ner  ca  —  ner  ca,  ner  ca  —  u,  u  ca  —  ner 
ca,  wobei  wiederum  die  häufige  Verwendung  von  '^n er' interessant  ist. 

Mat.  VI  24. 

L.:  Entweder  er  wird  einen  hassen,  und  den  andern  lieben,  oder 
wird  einem  anhangen  .  .  . 

V.:  aut  enim  unum  odio  habebit,  et  allerum  diliget:  aut  unum 
sustinebit. 

Di  od:  0  ne  odierä  l'uno,  ed  amerä  l'altro:  overo,  s'atterra 
all'  uno. 

oe:  II  chel  uain  ä  uulair  mel  ad  aquaisti,  &  alg  oter  bain,  ii  chel 
s'apoza  uia  ad  aquaisti,  R.  514/6. 
ü  chel    vain    ä  vulair    mael    ad    aquaifti,    &  alg    oter   bain, 

ü  chel  s'apoza  uia  ad  aquaifti  ...  B.  11  20. 
ü  ä  l'ün    voul    el  mael,    &  Toter  ama  el:    ü  ch'el    s'appoaza 

via  ä  1'  ün  .  .  .  Gr.  18. 
0  ch'el  ödiescha  l'ün  ed  ama    Toter;    o  ch'el  s'attacha  vi  al 
ün  .  .  .  M.  10. 
ue:  od  ä  Tun  oedierä  el,  &  amarä  Tauter:  o  verö,  s'  rantara  via 
Tun,  V.  D.  8. 
0  Tun  ödierä  el,  ed  amerä  Toter:  ovvero,  s'  rantarä  el  vi  al 
ün,  A.  V.  9. 
ol:  ner  ch'  el  veu  'lg  ün  a    haffigiar,    a  'Ig  auter  a  taner  char: 
ner  ch'el  ven  'lg  ün  a  taner  ii,  Ga.  24. 
ner  ca  el  ven  ä  hassiar  Tin,  ad  ä  teuer  car  Tauter;  u  ä  sa- 

rantar  vi  da  Tin,  C  9. 
u  ca  el  ven  '1  in  ad  odiar,  a  '1  auter  a  teuer  car:  ner  ca  el 
ven  '1  in  a  teuer  si,  F.  11. 

c.  Adversative  Konjunktionen. 

§  215.  Die  lateinischen  Ausdrücke  für  den  Gegensatz:  'sed, 
autem,  tamen'  sind  verschwunden.  Als  Ersatz  dafür  dient  vor  allem 
'magis'.  (>  oe.  'mu,  ma';  ue.  'mo,  ma';  ol.  'mo').  Der  ue.  Ge- 
brauch von  'anzi'  ist  Italianismus, 

35* 


554  K^rl  Hutschenreuther 

Mat.  V  37. 

L.:  Eure  Rede  aber  sey. 

Di  od:  Anzi  sia  il  vostio  parlare. 

oe:  Mu  uos  pled  saia,  R.  397. 

Mu  vos  plaed  faia,  B.  11  16. 

Mu  faia  voas  plaed,  Gr.  15. 

Ma  vos  tscbantecher  saja,  M.  8 
ue:  Anzi,  faja  vos  tfchantfchar,  V.  D.  7;  A.  V.  8. 
ol:  Mo  viefs  plidar  dei  effer,  Ga.  19;  F.  10. 

Mo  viess  plidar  seigi,  C.  8. 

Im  oe.  hält  sich  Griti  sklavisch  an  den  griechischen  Text,  indem 
er  jedesmal  'de'  mit  'mu'  wiedergibt,  so  dass  die  Satzanfänge  oft  ein- 
tönig klingen. 

Mat.  I  18. 

Tov  de  ^Iriaov  Xqkttov  rj  yivvricng  ootcog  ^p. 

oe:  Mu  la  nafchenfcha  da  Chrifti  eis  ftaeda  ufchea,  Gr.  3. 

Mat.  I  19. 

^looffrjcp  de  .  .  . 

Mu  Jofeph  feis  marit,  Gr.  3. 

Mat.  I  20. 

TavTcc  6s  avTOv  ev^Vfirid^evroq  .  .  . 

Mu  s'  piffaud  el  que,  Gr.  4. 

Te^siai  de  vlöp. 

M  u  ella  vain  ä  parturir  tin  filg,  ...  Gr.  4. 


Mat.  I  22. 


Toiixo  de  bXov  yeyovev  .  .  . 
Mu  tuot  que  eis  dvanto,  .  .  . 

Mat.  I  24. 

Jieyegd^elg  de  ö  '/«(T^y  dno  tov  vnvov  .  .  . 
Mu  fiand  Jofeph  asdaifdo  da  1'  foenn,  Gr.  4. 

Mat.  n  1. 

Tov  de  ^IrjCTov  ysvvii^ePTog  .  .  . 
Mu  fiand  nafchieu  Jefus,  Gr.  4  etc. 


§  216     Statt  'ma'  verwendet  Bifrun  auch  das  verstärkende  'dim- 
perfc'  (von  de  -f-  '^  per  se,  Pall). 


Syntaktisches  zu  den  rütoroiuanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     555 

Mat.  VIII  8. 
äXXa  fiovov  eine  Xoyov. 
Di  od:  ma  solamente  di  'la  parola. 
oe:  dimperse  di  iin  siil  lüerf;  R.  647/8;  B.  II  26  (sonst '7«a,  wo*). 

luteiessant  ist  auch  Bifruns  Übersetzung  von 

Mat.  V  17. 
ovx  riX&mv  xutaXvffai^  äXXa  nXrjQwöai. 
V.:  neu  veiii  solvere,  sed  adimplere. 

Diod:  io  non  son  venuto  per  annuUargli;  anzi  per  adempiergli. 
L.:  Ich  bin  nicht  gekommen  aufzulösen,  sondern  zu  erfüllen, 
oe:  Schi  bain  plü  nu  sü  eau  gnieu  par  arumper,  mu  bain  par 
ch'eau  la  cüpleseha,  R.  334/5;  B.  II  14  (seil:  la  lescha). 

Statt  des  verstärkten  'mu  bain'  haben  die  oe,  und  ol.  Texte  ein- 
faches 'ma  (rao)'.  Das  ue.  zeigt  natürlich  Diodatis 'anzi',  das  auch 
Menni  nachahmt. 

Bifruns  eigenhändige  Einleitung  mit  'schi  bain  plü',  welche 
sonst  kein  Text  zeigt,  entspricht  dem  adversativen,  latein.  ^potius', 
ital.  ^piuttosto\  franz.  'plutöf,  und  rumänischen  hnai'  ^muW. 

Ein  'püttost'  gebraucht  nur  Menni. 

Mat.  V  18. 
oe:  Püttost  trapasseron  tschel   e   terra,    co  cha  ün  custab  o  ün 
pitschen  puuch  della  Ledscha  passa  via,  M.  7. 

§  217.  'Doch'  wird  mit  oe.  'imperfcho,  perö:  ue.  'impro, 
impero'  (=  ital.  perö);  ol.  'ouncalura,  auncalura'  gegeben. 

Mat.  XI  22. 
L.:  Doch  ich  sage  euch: 
Diod:  ma  pure  io  vi  dico. 

oe:  Imperscho    dich   eau    ä    uus,    R.    1017;    B.   II    40    (ebenso 
Mat.  XI  24). 

Perö  eau  dich  ä  vus,  Gr.  36. 

Mo  eau  di  a  vus,  M.  20. 
ue:  Impro  dig  eug.  a  vus,   V.  D    14  f    ^^  ^^^    ^j  ^4. 

Impero  di  eu  a  vus,    A.  Y.  15  [ 
ol:  Ouncalura  gig  jou  a  vus,  Ga.  49  (ebenso  Mat,  XI  24). 

Mo  jou  gig  ä  vus,  C.  18. 

Auncalura  gig  jou  ä  vus,  F.  17  (auch  Mat.  XI  24). 

§  218.  Eigenartig  ist  Bifruns  Verstärkung  des  einfachen  'mu' 
mit  'via'  >  'muuia;  mu  via'. 


5jG  Karl  Ilutscheiircuther 

Mat.  V.  8. 
00 :  M II via  che  isches  ieus  oura  })ar  uair?  E.  977/8. 
Mu  via  che  efches  ieus  oura  par  vair?  B.  II  38. 

§  219.  Ital.  '■altrimenW  und  franz.  'antrement'  (=  'sonst,  anders') 
fand  ich  nur  im  oe.  'otramaing'  wieder.  Man  hat  hiefür  durchwegs 
oe.  'ufchiglioe,  uf'chegloe,  uschiglö'  (=  si  alio  loco  oder  sl  alio 
hoc?  Pall.);  ue.  'ufchloe,  uschig-liö';  ol.  'fchilgiog,  schilgioc, 
schiglioc'. 

Mat.  VI  1. 

L.:  ihr  habt  anders  keinen  Lohn  bei  eurem  Vater. 
Di  od:    altrimenti,    voi    non   ne    avrete    premio    appo    '1   Padre 
vostro. 

oe:  Uschiglioe    uu    gnis    ad    hauair    premgia    uia   k  uos    bab, 
R.  448/9;  B.  II  18. 
utchegloe  nun  havais  mercede  tiers  voas  Bab,  Gr.  16. 
uschiglö  nun  avais  alchün  premi  tiers  vos  Bab,  M,  9. 
ue,  ufchloe  nü  haverad  mercede  pro  vos  Bap,  V.  D.  7. 

uschiglio  non  averat  mercede  pro  vos  bap,  A.  V.  8. 
ol:  fchilgiog  vangits  vus  a  ver  naginna  pagalgia   da  viefs  Bab, 
Ga.  22. 
schilgioc    na   vengits    ad    aver  naginna    pagalgia  da    viess 

Bab,  C.  8. 
schiglioc    vegnits    vus    ä    haver    nagina   pagaglia  da  viess 
bab,  F.  10. 

doch  auch: 

Mat.  IX  17. 

L. :  anders  die  Schläuche  zerreissen  .  .  . 
oc:  otramaing  Ts  uders  s'  rumpan,  Gr.  28. 

§  220.  Für  lat.  'tamen'  steht  oe.  'tuottüna',  manchmal  mit 
'et*  verstärkt. 

Für  lat.  'nihilominus'  ist  nur  im  u  e.  eine  Verschmelzung  von 
ital.  'nondimeno'  und  deutschem  'nichts  desto  weniger'  ein- 
getreten.    Meist  steht  noch  ital.  'pure'  (>>  pur)  voraus. 

Mat.  X  29. 

L.:  Noch  fällt  derselben  keiner  auf  die  Erde. 

Diod:  pur  nondimeno  Tun  d'essi  non  puö  cadcre  in  terra. 

Seg:  Cependant,  il  n'eu  tombe  pas  ün  ä  terre. 

oe:  E  tuottüna  nun  crouda  ün  da  quels  sün  terra  ...  M  18. 


Syntaktisclies  zu  den  rätoronuinisclieii  Übersetzungen  der  vier  Evivngelien     507 

ue:  pur  ingotta  taant   main  l'ün  du    quels    mm   pö  criular  in 
terra,  V.  D.  13. 
pur  inguotta  taut    main    riin    da    quels  non  po  crodar  iu 
terra,  A.  V.  14. 

Mat.  VI  26. 

oe:  e  tuottliiia  vos  Bnp  celesticl  ils  luidria,  M.  10  (wo  ol:  avicss 
Bab  da  tschiel  ils  viveiita  to  na  tont,  C.  10). 

Mat.  XXI  29. 

Di  od:  pur  nondimeno,  poi  appresso,  ravvedutosi  v'andö. 

ue:  pur  ingotta  tant  main,  davo  quai'  s'baviand  inrüglä,   giet 

el,  V.  D.  29. 
pur  inguotta  tant  main,   davo  quai,  s'aviaud  inrüglä,    get 

el,  A.  V.  29. 

d.  Kausale  Konjunktionen. 

§  221.  Als  kausale  Konjunktionen  fungieren  oe.  'tres  aque, 
par  aque,  per  che  che,  per  che,  per  que,  perque';  ue.  'per 
quai  und  perche';  ol.  'cuntut,  cuntutt,  parchei  oder  par- 
chei  ca'. 

Mat.  VI  25  &  Mat.  XII  31. 

L  :  Darum  sage  ich  euch. 
Diod:  Percio,  io  vi  dico. 
oe:  Tres  aque  dich  eau  ä  uus,  E.  517/8;  B.  11  12. 

Par  aque  dich  eau  ä  uns,  R.  1121/2;  B.  U  44. 

Per  que  dich  eau  ä  vus,  Gr.  19  &  39. 

Perque  di  eau  a  vus,  M.  10  &  22. 
ue:  Per  quai  s'  dig  eug,  V.  D.  8. 

Per  quai,  dig  eug  ä  vus,  V.  D.  16. 

Per  quai  as  di  eu,  A.  V.  9. 

Per  quai,  di  eu  a  vns,  A.  V.  16. 
ol:  Cuntut  gig  jou  ä  vus,  Ga.  24  &  54;  F.  11  &  19. 

Cuntutt  gig  jou  ä  vus,  C.  9  &  21. 

Luc.  XX  6. 

L. :  denn  sie  stehen  darauf. 

Diod:  percioche  egli  e  persuaso  ... 

oe:  Perche  chel  tain  par  fchert,  B.  I  278. 

Per  che  chel  tain  par  tfchert,  B.  11  286. 

per  che  eis  ftaun  fü  Iura,  Gr.  264. 

perche  l'ais  persvas,  M.  153. 


558  Karl  Hutschciireuther 

ue:  per  che  el  ais  perfvas,  V.  D.  101;  A.  V.  99. 
ol:  parchei  ch'  eis  lalvan  par  fagir,  Ga,  355. 

parchei  ei  salvan  par  sagir,  C.  140. 

parchei  eis  salvan  per  segir,  F.  100. 

e.  Konsekutive  Konjunktionen. 

§  222.  Zur  Folgerung  dient  oe. 'dime,  dimae,  dimena' (Bifrun 
hat  auch  die  Verstärkung  'et  ufchia  dime',  ^et  ufchea  dime); 
ue.  'dimena,  cuntuot,  coutuot;  ol.  'cuutut,  cuntutt,  pia'. 

Mat.  V  48. 

€fT€(Td^S    OVV    Vf.lSlC,    TslsiOl. 

V.:  Estote  ergo  vos  perfecti. 

Diod:  Voi  adunque  siate  perfetti. 

Seg:  Soyez  donc  parfaits. 

oe:  Saias  dime  perfets,  E,.  424;  B.  17. 

Saias  dimaena  vus  perfects,  Gr.  16, 

Ma  vus  sajas  perfets,  M.  9. 
ue:  Vus  dimena  fujad  perfets,  V.  D.  7. 

Vus  dimena  sajat  perfets,  A.  V.  8. 
ol:  Saias  pia  perfegs,  Ga.  21. 

Seigias  pia  perfegs,  C.  8. 

Seies  pia  perfetgs,  F.  10. 

Mat.  V  23. 

^Ea'v  OVV  7TQ0(T(f>SQT]g  To  dwQov  (Tov  inl  ro  S'VoiaaTiJQtov  .   .  . 
V.:  Si  ergo  offers  munus  tuum  ad  altare. 
Diod:  Se  dunque  tu  offerisei  la  tua  offerta  sopra  l'altare. 
ol:Etuschia    dime    scbi    tu    haes    appraschanto    tieu   du    alg 
hutaer  .  .  .  R.  357/8. 

Et  vfchea  dime  fchi  tu  haeft  apprafchätö  tieu  du  alg  hutaer, 
B.  n  15. 

Scha  tu  dimaena  poartaft  tieu  dun  avaunt  V  uttaer,  Gr.  14. 

Scha  tu  portast  dimena  tia  offerta  sün  Tuter,  M.  8. 
ue:  Cuntuot  fcha  tu  offerraft  tia  offerta  slin  1'  Utaer,  V.  D.  6. 

Contuot,  scha  tu  offerrast  tia  offerta  sün  1'  uter,  A.  V.  7. 
ol:  Cuntut  Icha  ti  vens  ad  unfrir   tieu    dun  s'  ilg  altar,    Ga.  18. 

Cuntutt  scha  ti  vens  par  unfrir  tieu  dünn  s'  ilg  altar,  C.  7. 

Cuntut  scha  ti  vens  ad  unfrir  tiu  dun  sin  igl  altar,  F.  9. 

§  223.  Auch  Adverbien  werden  zur  Anknüpfung  einer  Folgerung 
benützt.     Diese  werden  oft  noch  mit  'e  f  oder  'niagis'  verbunden. 


Syntaktisches  zu  don  rätoromanischen  Übersetzungen  dor  vier  Evangelien    559 

So  haben  wir  für  'darnach'  beispielsweise:  oe.  'et  dafpoeia' 
(kennt  Augustin  §210  in  dieser  Bedeutung  als  koordinierende  Kon- 
junktion nicht),  'mu  (ma)  zieva';  ue.  davo  quai';  ol.  'mo  suenter', 
'mo  fuenter  quei'. 

Mat.  XXI  29. 

L.:  Darnach  reute  es  ihn. 

Diod:  poi  appresso,  ravvedutosi  .  .  . 

Seg:  Ensuite,  il  se  repentit. 

oe:  Et  daspoia  es  el  sto  aiilflo,  R    2098/9. 

Et  dafpoeia  eis  el  Ito  arüflo,  B.  II  81. 

Mu  zieva  s'haviand  rüvlo,  Gr.  73. 

Ma  zieva  s'  artivlet  el  .  .  .  M.  42. 
ue:  davo  quai,  s'  haviand  inrügla,  V.  D.  29. 

davo  quai,  s'  aviand  inrügla,  A    V.  29. 
ol:  mo  fuenter  quei  s'  anriglä  '1,  Ga.  100. 

mo  suenter  s'  anriclä  el,  C.  39. 

mo  suenter  quei  s'  anrigla  el,  F.  31. 

2.  Subordiniereude  EoDJunktionen. 

Die  mannigfachen  Konjunktionen,  welche  zur  Verknüpfung  von 
Teilsätzen  dienen,  will  ich  im  Folgenden  zugleich  mit  einer  ausführ- 
licheren Darstellung  der  Teilsätze  behandeln. 

a)  Die  Subjektsätze. 

§  224.  Die  Subjektssätze  werden  im  oe.  mit  che,  chia,  cha; 
im  ue    mit  chia,  cha;  im  ol.  mit  ca  (ch')  eingeleitet. 

Mat.  XVni  7. 

oe:  elg  es  forza  che  uignen  sckiandels,  R.  1738/9. 

elg  eis  forza  che  vegnen  fchiandels,  B.  II  67. 

l'eis  bfoegn  chia  vegnen  fcandels,  Gr.  61. 

l'ais  bain  necessari  cha  s-chandels  vegnan,  M.  35. 
ue:  l'ais  bain  necelfari  chi  vegnen  fcandels,  V.  D.  24. 

l'ais  bain  necessari  cha  vegnan    jchandels,    A.  V.  24  (Diod: 
bene  e  necessario  che  scandali  avvengano). 
ol:  ilg  ei  bafengs  ch'ei  vengig  fcandels,  Ga.  83. 

ilg  ei  bein  necesseri,  ca  scandels  vengian,  C.  32. 

ilg  ei  basegus  ca  ei  vegni  scandals;  F.  26. 

§  225.  Bezieht  sich  das  Subjekt  des  Teilsatzes  auf  ein  Objekt  im 
VerbalsatZ;  so  folgt  auch  der  Infinitiv. 


5G0  K'ii"l  Iliitschenieuthcr 

Mat.  XVIII  8. 
oe:  Elg-  es  boen  ä  ti  ad  ir  aint  in  la  iiitta  zop,  R.  1470. 

Elg  eis  bocu  a  ti  ad  ir  aint  in  la  vifta  zop,  B.  II  68. 

ä  ti  eis  boen  ir  in  la  vita  zopp,  Gr.  61. 

l'ais  megl  per  te,  d' entrar  nella  vita  zop,  M.  35. 
ue:  melg  als  per  tai  d'antrar  in  la  vita  zopp,  V.  D.  24. 

megl  ais  per  tai  d'intrar  nella  vita  zop,  A.  V.  24. 

Mat.  XIV  4. 
ol:  Ilg  ei  bucca  lubieu  ä  chi  d'  haver  ella,  Ga.  65. 
Ilg  ei  bucca  lubieu  a  ti,  d'  aver  ella,  C.  25. 
Igl  ei  bucca  lubiu  ä  ti  da  baver  ella,  F.  22. 

b.  Die  Obj  ektsätze. 

§  226.  Nach  den  Verben  der  Willensäusserung,  der  Gemüts- 
bewegung, des  Denkens  und  Sagens,  sowie  der  Wahrnehmung 
folgt  im  Nachsatz  wiederum  oe.  che,  chia,  cha;  ue.  chi,  chia, 
cha;  ol.  ca(ch'). 

oe: 
Mat.  VIII  18:  Et  ueziand  Jesus  ch'  elg  era  ün  grand  poeuel  intuorn 
el,  schi  cumando  el  che  giessen  in  la  riua  uiduart, 
R.  674/6. 
Mat.  III  9:  Per   che    eau    dig  ä  vus,    che    Deis    po  faer  ch'  our 
da  quaiftas  pcdras  stetten  sU    infauns    ad  Ahrahe, 
B.  II  8. 
Mat.  V  21:  Vus  havais  udieu,  che  l'eis  dit  a  Ts  velgs,  Gr.  13. 
Mat.  IX  30:  Quarde,  cha  üngün  non  vegna  a  savair,  M.  16. 

ue: 
Mat.  VII  12:  Tuot  las  chiausas    dimena    chia   vus    vulais    chia  la 

glieud    s'  fetfcha,    fchi    fad'    las    eir    vus    ad  eis, 

V.  D.  i). 
Mat.  IX  30:  Guardai  cha  ingüu  non  sapcha,  A.  V.  12. 

Ol: 
Mat.  XXVII  20:  ils  Velgs  furplidanen  ilg  pievel,  ch' eis  dueffengrigiar 
larg  Barabbam,  Ga.  136/7. 
Joh.  XV  \io:  nio  jou  hai  legieu  ora  vus,  ad  urdanau,  ca  vus  meias 

a  purteias  frig,  a  viess  frig  rumongig,  C.  185. 
Mat.  IX  30:  Guardeit  ca  nagin  na  si\\)\,  F.  15. 

§  227.  Als  Objcktsätze  kommen  auch  die  indirekte  Rede  und 
indirekte  Frage  in  Betracht. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    5G1 

Die  indirekte  Rede  wird  im  oe.  durch  cbC;  co  che,  chia,  im 
iie.  durch  chi,  cha;  im  ol.  durch  ca(eh')  eiug-eleitefc.  Die  Konjunktion 
wird  jedoch  nicht  jedesmal  wie  z.  B.  im  Französischen  wiederholt, 
sondern  es  herrscht  eine  freiere  Redeweise  vor. 

Mat.  XVI  20/21. 

Töte  disGrelXaro  ro7q  ixad^rizatg  avzor,  iV«  firjdsvl  slnmcriv  oti 
ccvtög  i<JTiv  ^IijCovg  o  XQKTxöq.  ^Ano  tots  rjo^aro  6  ^Ii^fforg  deixvveiv 
Tolg  fia^riza7g  avTOv,  ort  der  avtbv  äneX^elp  sig^IsooaöXviia,  xal  noXXd 
na&sip  dno  roh'  TCQeoßvrsQwv  nai  aQXieqsMv  xal  ygafifiaztojv^  xul 
anoxxavSrivtti^  xai  Ttj  tqIvi^  r^iioq!.  iySQd^firai. 

L.:  Da  verbot  er  seinen  Jüngern,  dass  sie  niemand  sagen  sollten, 
dass  er  Jesus,  der  Christ,  wäre.  Von  der  Zeit  an  fing  Jesus  an,  und 
zeigte  seineu  Jüngern,  wie  er  müsste  hin  gen  Jerusalem  gehen,  und 
viel  leiden  von  den  Ältesten,  und  Hohenpriestern  und  Schriftgelehrten, 
und  getötet  werden,  und  am  dritten  Tage  auferstehen. 

Di  od:  Alloru  egli  divietö  ;i  suoi  discepoli,  che  uou  dicessero  ad 
alcuno  ch'egli  fosse  Gesü,  il  Cristo.  Da  quell'  ora  Gesü  cominciö  a 
dichiarare  ä  suoi  discepoli,  che  gli  conveniva  andare  in  Gerusalemme, 
e  sofferire  molte  cose  dagli  anziani,  e  da'  principali  sacerdoti;  e  dagli 
scribi  ed  esser  ucciso,  e  risuscitar  nel  terzo  gioruo. 

oe:  Alhura  scumando  el  ä  ses  discipuls  chels  nü  dessen  dir  ad 
tingitini  ch'el  füs  Jesus  Christus.  Et  da  que  tijmp  inuia 
cumanzo  Jesus  ad  appalanter  ä  ses  discipuls,  co  che  stues  ir 
e  Jherusalem,  &  indürer  bgier  dals  seniours,  &  dals  parzuras 
dels  sacerdots,  &  dals  scriuaüns  &  gnir  amazo,  &  ilg  ters 
di  aresüster,  R.  1607—13. 
Alhura  fcumando  el  ä  feis  difcipuls  chels  nun  dessen  dir  ad 
üngiüni  ch'el  füs  Jefus  Christus.  Et  da  que  temp  inuia 
cumanzo  Jefus  ad  appalantaer  a  feis  difcipuls,  co  chel 
ftues  ir  ä  Jherufalem,  &  indüraer  bgier  dals  feniuors,  &  dals 
parzuras  dels  facerdots,  &  dals  (criuauns  &  gnir  amazo  & 
ilg  ters  di  aresüftaer,  B.  II  62/3. 
Alhura  fcumando  el  ä  feis  difcipuls,  chia  nun  dfchefsen  ad 
alehün  ch'el  füfs  Jefus  1'  Christus.  D'  alhura  in  via 
cumanzo  Jefus  ä  dir  ä  feis  difcipuls,  ch'el  ftuefs  ir  in 
Jerufalem,  &  bger  indüraer  da  l's  feniuors  &  principaels- 
facerdots,  &  fcrivaunts,  &  gnir  mazzo,  &  in  l'terz  di  refüftaer, 
Gr.  56/7.' 
Alhura  cumandet  el  a  sieus  discipuls,  da  nun  dir  ad  üngün, 
ch'el  saja  il  Cristo.  D'  allura  invia  cumanzet  Gesu  a  musser 
a  sieus  discipuls,  ch'el  stöglia  ir  a  Gerusalem;   ed   indürer 


562  Karl  Hutschenreuther 

bger  dals  seüiiiors  e  principels  sacerdots  e  dottuors  della 
Ledscha,  e  gnir  mazzo,  e  '1  terz  di  resüster,  M.  32. 
ne:  Lhura  fcnmanda  'l  ä  feis  fculars,  chi  nun  dfcheffen  ad  alchlin 
ch'  el  fuos  Jefus,  il  Chriftus.  Da  quell'  bura  in  via  cumauzet 
Jefus  ä  declarar  ä  feis  fculars,  ch'el  ftuefs  Irin  Jerufalem, 
cd  indürar  bleras  chiaufas  dals  Seuiuors,  e  dals  priucipals 
facerdots,  e  dals  Scrivants:  e  gnir  mazA.,  e  resüftar  n'il 
terz  di,  V.  D.  22. 

Lura  scomandet  el  a  seis  scolars,  eba  non  dschessan  ad 
alchün,  eh'  el  füss  Gesu,  11  Cristo.  Da  quell'  nra  invia 
comanzet  Gesu  a  declarar  a  seis  scolars,  cb'el  stov'  ir  in 
Gerusalem,  ed  indürar  bleras  chosas  dals  seniurs,  e  dals 
principals  sacerdots,  e  dals  scrivants,  e  gnir  mazzä  e  reslistar 
uel  terz  di,  A.  V.  23. 
ol:  Lura  (cummandä  '1  a  fes  Juvnals,  ch'els  dueffan  gir  ä  nagin 
ch'el  feig  Jefus,  ilg  Chriftus.  Da  quei  temps  anvi  ha  Jefus 
anchiet  a  gir  ä,  fes  Juvnals,  ch'el  ftovig  ir  a  Jerufalem, 
a  bear  andirar  d'  ils  velgs,  ad  Ault-Sacerdots,  a  Muffaus 
d'  Scartira,  a  vangir  mazaus,  ad  ilg  tierz  gi  vangir  laven- 
taus  fi,  Ga.  77. 

Lura  cumandä  el  k  ses  juvnals,  da  bucca  gir  a  nagin, 
ca  el  seigig  Jesus,  ilg  Christus,  a  lur  anvi  autschavett 
Jesus  ä  gir  ii  ses  juvnals,  ca  el  stoppig  ir  a  Jerufalem, 
ad  andirar  bear  dad  ils  anciauns,  ad  aultsacerdots  a  mussai- 
scartira,  a  vengir  mazaiis,  ad  ilg  tierz  gi  ä  gnir  laventaus 
si,  C.  30. 

Lura  scumraandä  el  k  ses  giuvnals,  ca  eis  duvessen  gir  a 
nagin,  ca  el  seigi  Jesus,  il  Christus.  Da  quei  temps  anvi 
ha  Jesus  antschiett  k  gir  ä  ses  giuvnals,  ca  el  stovi  ir  ä 
Jerufalem  a  bear  andirar  dils  vegls  ad  aultssacerdots  a 
mussaiscartira,  a  vegnir  mazzaus  ad  il  tierz  gi  leventaus 
si,  F.  25. 

§  228.  Die  indirekten  Fragesätze  werden,  soweit  es  sich  um 
Satzteil  fragen  handelt,  durch  das,  die  selbständige  Frage  einleitende 
Pronomen  und  die  Konjunktion  (oe:  che,  chi;  ue:  chia,  cha;  ol:  ca) 
eingeführt. 

Mat.  VIII  33. 

xai  änek^ovisg  sCg  ttj  ttoXiv  anriYyeiXav  nm'za,  xut  ra  twv  daifio- 
viQoiiivoav. 

L.:  und  gingen  hin  in  die  Stadt,  und  sagten  das  alles,  und  wie 
es  den  Besessenen  ergangen  war. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    5G3 

oe:  &  siand  ieus  iu  la  citted,    schi   disseu  e  tuot,   co  che  füs  ieu 

cun  l's  indemunios,  R.  710/12;  B.  H  28. 
&  fiund  ieiis  in  la  citaet,  hauu  raconto  tuot;  &  que  chi  eira 

dvaiito  ä  l's  indcmunioS;  Gr    26. 
Mo  ils  pastuors  fiigittan,    guittan  in  la  citted,    e  requintettan 

tuot,  eir  que  chi  eira  dvanto  culs  indemunios,  M.  14. 
ue:  e  fiand  its  in  la  cittä,    referitten    eis   tuot    quaiftas    chiaufas, 

ed  eir  il  fat  dals  inderauniads,  V.  D.  11  (ähnlich  A.  V.  11) 

nach  Di  od:  'ed  anche  //  fatto  degl'  indemoniati'. 
ol:  a  cur  eis  fonan  vangi  ent  ilg  marcau,  fcha  figenau  eis  a  laver 

tut  qnellas    cauflas,    er  quai   ca  fova    daventau    cun  quels 

ca  vevan  ghieu  en  dimunis,  L.  34. 
a,  rivai  enten  ilg  marcau,  figiennen  eis  ä  saver  tutt,   er  quei 

ca  fova  daventau  cun  ils  indemuniai,  C.  13. 
a  cur  eis  fonan  vegni  en  il  mercau,  fagenan  eis  a  saver  tuttas 

quellas  caussas,    er   quei  ca  fova   daventau    cun    quels  ca 

hauevan  giu  ent  demunis,  F.  13. 

Fürs  ue.  noch 

Marc.  VI  22. 
ue:  Dumanda'm  tuot  quai  chia  tu  vouft,  V.  D.  50. 
Domanda'm  tuot  quai  cha  tu  voust,  A.  V.  49. 

§  229.    Zuweilen  leitet  auch  nur  das  Fragepronomen  ohne  Kon- 
junktion den  indirekten  Fragesatz  ein. 

Mat.  II  4. 
oe:  schi  ho  el  dumandö  aquels,  hinua  che  Christus,  gniua  ä  nascher 
R.  82/3;  B.  II  4. 
ho  dumando  ad  eis,  innua  Christus  daiva  nafcher,  Gr.  5. 
e    s'informet    el   dad   eis,    inua    Cristo    hegia    da    nascher, 
M.  3. 
ue:  s'mformet  el  dad  eis  ingio  Chriftus  daiva  nafcher,    V.  D.  3. 
s'informet,  el  dad  eis,  ingiö  Cristo  dovaiva  nascher,  A.  V.  4. 
ol:  fchi  ha'l  andarlcheu    dad    eis,    nua  Christus    deigig   uafcher, 
Ga.  5. 
ad    andarsche    tier    quels,    nua    Christus    hagi    da    nascher, 

C.  2. 
schi  ha  el  andarschiu  dad  eis,    nua  Christus    deigi    nascher, 
F.  6. 

c)  Die  Kausalsätze. 
§  230.     Die  Kausalsätze  werden  meist    durch  die    präpositionalen 
Verbindungen  oe.  per  che  che,  par  che  che,    paraquö  che,    per 


564  Karl  Hutsclienreuther 

que  che;  ue.  per  quai  che;  ol.  parcbei  ca  (ch'j  eingeleitet.  Öfters 
wird  im  oe.  und  ne.  nur  per  che,  par  che  ohne  Hinzufüguug-  der 
Partikel  'che'  gesetzt,  während  im  ol.  stets  parchei  ca  steht.  Die 
alleinige  Anwendung  der  Partikel  '^che,  ca'  ist  selten. 

Mat.  II  18. 
oe:  Rachel  planschet  ses  filgs  nü  s'ho  uulieu  lascher  cüfurter  per 
che  ch'  eis  nun  sun,  II.  129/31. 
Rachel  i)lanrchant  ieis  filgs  nun  s'ho  vulieu  lalchaer  cunfurtaer 

per  che  ch'  eis  nun  Tun,  B.  II  6. 
Rachel    plaundlchaiva    Ieis    iufauuts;    &   nun    s'ho    laichaeda 

cufiortaer,  per  che  eis  nun  Fun,  Gr.  6. 
Rachel  plaudschaiva  sieus  infauntS;    e  nun  's  volaiva    lascher 
conforter,  per  que  ch'  eis  non  sun  pü,  M.  3. 
u  e :  Rachel  crida  per  feis  ifaunts,  e  nun  s'ha  vulü  lafchar  cuffortar, 
per  quai  ch'  eis  nun  fun  plü,  V.  D.  4. 
Rachel  crida  per  seis  infants,  e  non  s'ha  voglü  laschar  cuffortar, 
per  quai  ch'  eis  non  sun  plti,  A.  V.  4. 
0 1 :  Rachel  bargiva  par  fes  uffonts,    a  fa  leva  bucca  lafchar  cun- 
fortar,  par  quei  ch'  eis  ean  bucca  pli,  Ga.  8. 
Rachel  bargiva  par  ses  uffbnts,   a  leva  bucca   sa   schar  cun- 

tbrtar,  parquei  ca  eis  eran  bucca  pli,  C.  3. 
Rachel  bargiva  par  ses  uffonts  a  voleva  buca  sa  laschar  cun- 
fortar,  parquei  ca  eis  ein  buca  pli,  F.  6. 

§  231.  Als  weitere  kausale  Konjunktionen  werden  auch  oe.  siand 
(Partizip!)  und  siand  cha;  ue.  siand  cha,  siand  chia;  ol.  damai 
ca  (=  de  -}-  wagis  +  quid)  und  siond  ca  verwendet. 

Mat.  XIII  5  &  6  (auch  Marc.  IV  5  &  6). 
oe:  et  adüntrat  haun   bitto  sü,    mu   paraque    che    uu    hauaiuen 

fuons  d'  terra,    sco  l'g  sullaig   es    sto  aluo  schi  sun  e  ars, 

e  per  che  che  nun   hauaiue  aristh,    schi   sun   eis    schirös 

uia,  R,  1206—10. 
&  adüntrat  haun  bütto  sü,  mu  paraque  chenü  hauaiue  fuons 

d'  terra,  fco  l'g  fullailg  eis  fto  aluo,   fchi  fun  h  ars,  &  per 

che    che   nun    hauaiuO    arifch,    Ichi    fun    eis    fchiros   via, 

B.  U  47. 
&  fun  bod  crefchieus,    per  che   nun   havaiven   bgerra    terra. 

Mu  fiand  alvo  1'  fulalg,  fchi  fun  eis  afchiudos;    &  per  che 

nun  havaiven  rilch,  fun  eis  fechios  via,  Gr.  42. 
e  que  dschermügliet  bod,  siand  el  nun  avaiva  chafuol  terrain. 

Ma  cur  il  solagl  alvet,  ardet  el,  e  siand  ch'  el  nun  avaiva 

risch,  scchet  el,  M.  24. 


Syntaktisches  zu  den  rätoiüniaiiiacben  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     565 

ue:  V  priiit  fubit;  perche  el  mm  bavaiva  cbiafuol  tcrrain.  Mo, 
erCendo  alvfi  '1  (iilai,  (clii  fiio  '1  arleiita:  e  fiaud  ch'  el  mm 
haveiva  ragilch,  fchi  fecchet  el,  V.  D.  17. 

e  priiit  subit;  perche  el  dou  avaiva  cbafuol  terraiii;  Ma 
csscndo  alvä  il  sola!,  scbi  füt  el  arseuta;  e  siaiid  cb'  el 
noii  avaiva  ragisch,  scbi  sechet  ei,  A.  V.  17. 
ol:  ad  el  pruiet  ladinamcng-,  parquei  ob'  el  veva  biic  aiilt 
tratfcb.  Mo  cur  ilg-  Iblelg  fö  lavaiis,  Icba  brifchä  ei,  a 
damai  cb'  el  veva  bucca  ragilch,  Icba  Teccä  '1,  Ga.  58. 

ad  el  pruiett  ladiuameug,  siond  caei  veva  bucc  aiilt  terratsch. 
Mo  cm*  ilg  sulelg  fo  levaus,  briscbä  ei,  a  seccä,  parquei 
ca  ei  veva  bucca  ragiscb,  C.  22. 

ad  el  pruit  ladiuameug,  parquei  ca  el  baveva  buc  ault 
terratsch.  Mo  cur  il  solegl  fü  levaus,  briscbä  ei,  a  damai 
c  a  el  baveva  buca  ragisch,    seccä  el,  F.  20. 

§  232.  Als  kausale  Konjunktion  fungiert  ferner  bei  Bifruu  noch 
da  poeia  che  (=  de  -f-  ijostea  -f-  quid). 

Luc.  II. 

L.:  Sintemal  sich  es  viele  unterwunden  haben. 

oe:  Da  poeia  che  bain  bgiers  luu  ammis,  B.  I  191;  B.  II  194 
(wofür:  Per  que,  Gr.  176;  fiand  cha,  M.  101;  A.  V.  66; 
fiand  cbia,  V.  D.  68.  —  Damai  ca,  Ga.  236;  F.  68.  — 
fiond  Ca,  C.  92.  —  Diod:  Conciosiacosache). 

Auch  das  ue.  bat  ein  dem  italienischen  'posc/'a  che'  entsprechen- 
des -dufpö  cbia,  daspö  cha'. 

Lue.  II  30. 

ue:  Dafpö  cbia  meis  öls  haun  vis  teis  falüt,  V.  D.  72. 
Daspö  cha  meis  ögls  han  vis  teis  salüd,  A.  V.  70. 

d)  Die  Finalsätze. 

§  233.  Die  Finalsätze  werden  durch  oe.  ehe,  cbia,  cha;  ue. 
Chi,  cha;  ol.  ca(ch'),  oder  durch  den  präpositionalen  Ausdruck  oe. 
par  che,  per  cbia;  ue.  per  cbi;  ol.  per  ca  au  den  Hauptsatz  an- 
gereiht. 

Job.  V  14. 

oe:  aqui   dfieua  nu   pchier,    che  nu   gratagia  ä  ti    im    qualchiofa 
pys  .  .  .  B.  322. 
aqui  dfieua  nu    pchiaer,    che  nu  gratagia  ä  ti  ün  qualchiofa 
pes,  B.  II  330. 


566  Karl  Hatschenreuther 

nun  pchiaer  plü,    chia    nun   t'vegnia    qualchioffä   plti   maela, 

Gr.  306. 
Nun  pcher  pü,  cha  nun  t'arriva  qualchosa  d'  pes,  M.  178. 
ue:  nun  pecchiaer  plü,  clii  nu  t'fcuntra  ]]ee,  V.  D.  118. 
non  pechar  plü,  cha  non  at  scuntra  pe,  A.  V.  114. 
ol:  fai    bucca    puccau    pli,    par  ch'  ei   crodig   bucca    tiers  ä  chi 

anqual  cauffa  pigiur,  Ga.  409. 
fai   bucca    puccau  pli,    par  ca  ei  ta  crodi    bucca  tier  anqual 

caussa  pigiura!  C.  161. 
fai  buca  puccau   pli,    par  ca  ei  crodi    buca   tier  ä  ti  anqual 

caussa  pigiura,  F.  115. 

Einfaches  'ca'  im  ol.  steht 

Mat.  XIX  16. 

ol:  Bien  Meifter,  chei  bien  dei  jou  far  ca  jou  hagig  la  vitta  per- 
petua?  Ga.  89. 
Bun  mussader,  chei  bien  dei  jou  far  ca  jou  hagi  la  vita  per- 
petua?  F.  28. 

§  234.  Die  häufig  wiederkehrende  Einleitung  der  Finalsätze  mit 
oe.  acciö  chia,  aociö  cha  und  ue.  aciö  chi  ist  wohl  eine  Ent- 
lehnung aus  dem  Italienischen. 

Mat.  V  16. 

oe:  Ufchea  lafche  Igüfthir  voaffa  Igüfch  avaunt  la  glieut,    acciö 

chia  vezan  voaffas  bunas  ouvras,   &  glorifichen  voas  Bab, 

Gr.  13. 
Usche  dess  vossa  glüsch    splendurir  al  conspect  della  glieud, 

acciö   cha   vezzan  vossas    bunas   ouvras  e  glorifichan  vos 

Bap,  M.  7. 
ue:  Ufche  defs   iplendurir  vofla    lüm   u'il    confpect   dalla  glieud: 

aciö  chi  vezan  voffas  bunas  ouvras,  c  glorifichan  vos  Bab, 

V.  D.  6. 
Usche  dess    splendurir   vossa  glüm  nel  conspect  della  glieud, 

acio  chi  vezan  vossas  bunas  ouvras  e  glorifichan  vos  bap, 

A.  V.  7  (Diod:  acioche  veggano  .  .  .). 

§  235.  Bei  gleichem  Subjekt  im  Verbal-  nnd  Teilsatz  steht 
meist  der  Infinitiv. 

Mat.  III  13. 

oe:  Alhura  ueu  Jesus  our  da  Gulilea   alg  Jordan   tiers   Johannem 
par  ch'  el  gnis  battagio  da  d'el,  K.  191/3. 


Syntaktisches  zu  den  lätororaanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    567 

Alhura  venu    Jefus,    du  Gallilea  ä  1'  Jordan  tiers  Johannem, 

per  gnir  battagio  da  el,  Gr.  8. 
Allura    gnit  Gesu  da  Galilea  al  Giordan    tiers    Joannes,    per 

g:uir  battagio  dad  el,  M.  5. 
ue:  Lhura  venn  Jedis   da  Galilea   al    Jordan  pro    Johannes,    per 

gnir  dadel  battiza,  V.  D,  4. 
Lara  gnit  Gesu  da  Galilea  al  Giordan  pro  Gioanne,  per  gnir 

dad  el  battiza,  A.  V.  5. 
ol:  Lnra  vangit  Jefus  da  Galilea  t'ilg  Jordan,  tiers  Johannes,  per 

vangir  battigiaus  dad  el,  Ga.  10. 
Lura   vengitt  Jesus  or  da  Galilea   alg  Jordan   tier  Johannes, 

par  sa  schar  battiar  dad  el,  C.  4. 
Lura  vegnit  Jesus  da  Galilea  al  Jordan    tier   Johannes,   par 

vegnir  battigiaus  dad  el,  F.  7. 

e)  Die  Temporalsätze. 

§  236.  An  Stelle  des  lateinischen  'c^w'  und  des  späteren  'quando^ 
finden  vrir  zur  Bezeichnung  des  Zeitpunktes  die  Neubildung  cur, 
cura  (=  qua  hora)^  oft  noch  mit  oe.  'che,  chia';  ue.  'chi,  cha'; 
ol.  'ca'  verbunden.  Zuweilen  stehen  auch  letztere  Konjunktionen  allein 
ohne  cura. 

Bifrun  wendet  auch  'fco'  (=  quomodo)  an.  Öfters  ist  allerdings 
der  Teilsatz  durch  einen  Partizipialsatz  verkürzt. 

Mat.  XXIV  32. 
oe:  cura  che  lg  sieu  aram  es  gio  tender  &  sia  foeglia  es  bitteda 
oura,  schi  sauais  uus  che  la  sted  es  prosma,  R.  2444/7. 
cura  che  l'g  lieu  aram  eis  tender,  &  fia  foeglia  eis  büttaeda 

oura,  fchi  iauais  vus  che  la  fted  eis  profma,  B.  II  95. 
cura  fieu  ram  dvainta  ziijüs,    &  las  foeglias  fun    uafchldas, 

favais  chia  la  Itaed  eis  ardaint,  Gr.  86. 
Cur  sieus  rams  sun  giä  in  ztij,  e  büttan  our  la  füglia,  savais 
vus,  cha  la  sted  ais  ardainta,  M.  49. 
ue:  Cura  feis  rams    fun    agiä    in    züh,    e  la  fronfla    germuoglia, 
fchi  favais  vus  chia  la  stad  ais  vicina,  V.  D.  33. 
Cur  seis  rams   sun   agiä   in   züh,   e  la    fruonsla   germuoglia, 
schi  savais  vus,  cha  la  stä  ais  vicina,  A.  V.  34. 
ol:  cur  fieu  rom  ha    fchig,    a  ch'el  catfch'    ora   la    felgia,    fcha 
faveits  ca  la  ftad  ei  datiers,  Ga.  116. 
cur  ca  sia  romma  ei  elg  schitt,  a  catscha  ora  la  felgia,  saveits 

vus,  ca  la  stad  ei  datier,  C.  45. 
cur  siu  rom  ha  schitt,  a  catscha  ora  la  feglia,  schi  saveits  ca 
la  stad  ei  datiers,  F.  36. 

Romanische  Forschungen.  XXVII.  36 


568  Karl  Hutschenreuther 

Verschiedentliche  Wiedergabe  der  Konjunktion  finden  wir 

Mat.  III  16. 

L.:  Und  da  Jesus  getauft  war,  stieg  er  bald  herauf  aus  dem 
Wasser. 

oe:  Et   SCO    Jesus    füt    battagio,    schi   gnit  «1  böd  sü   da  l'ouua, 
R.  199/200  &  B.  U  9. 
(Et  siand  Jesus  battagio  ...  Gr.  9. 
aus  dem  Griechischen:  xai  ßanzKr^elg  ö  'I)](7org). 
E  cur  Gesu  füt  battagio,  gnit  el  subit  our  dall'  ova,  M.  5. 
ue:  E  Jesus   fc umbaut  ch'    el  fuo  battiza,    fchi  venu  el  sü  our 
dair   agua,   V.  D.  4   (Deutsches    'sobald  als'    für  Dio- 
datis Hosto  che',  Segonds  'c^es  que'). 
E  cur   Gesu    füt    battiza,    schi    gnit    el   spert   sü   dall'   aua, 
A.  V.  5. 
ol:  A  cur  Jefus  fö  battigiaus  fcha  vangit  ei  ladinameug  fi  or  da 
l'aua,  Ga.  10. 
A  cur   Jesus    fo   battiaus,    vengitt    el    si   ladinameng    or  da 

l'aua,  C.  4. 
A  cur   Jesus  fö   battigiaus,    vegnit    el    ladinameng  si  or   da 
l'aua,  F.  7. 

§  237.  Um  das  relative  Zeitverhältnis  auszudrücken,  wurde 
im  Lateinischen  meist  'cum  primum',  'simul  atque'  gebraucht.  In 
den  rätoromanischen  Bibelübersetzungen  sind  verschiedene  Neubildungen 
angewandt,  um  zu  bezeichnen,  dass  das  im  Verbalsatz  Mitgeteilte  erst 
eintreten  kann,  wenn  die  Handlung  des  Teilsatzes  vollzogen  ist.  So 
oe:  'fco',  'impeftiaunt  fco',  'fcumbold';  ue:  'subit  cur';  ol:  'fchi 
bauld  fco',  'schi  prest  sco',  zuweisen  auch  einfaches  'cur'. 

Marc.  XI  2. 

L.:  und  also  bald,  wenn  ihr  hineinkommt,  werdet  ihr  finden  ein 
Füllen  angebunden. 

Diod:  subito  come  entrerete  lä  troverete  un  poledro  d'asino 
attaccato. 

P.:  e  ent  '1  entre-ie,  i  treuveri  un  asnet  staca. 
Seg:    des    que    vous  y   serez    entres,    vous    trouverez    un   änon 
attachö. 

Miguel:  y  luego  que  enträreis  en  el,  hallareis  un  pollino  atado. 
oe:  impeftiaunt  fco  vus  giais  aint  in  aquel,  fchi  gnis  ad  achiater 
lin  puUadrin  ...  B.  I  160;  B.  11  162/3. 
fcumbod   vus    giais   in    quel,    gnis  ä  chiattaer  ün   pulleder 
ranto,  Gr.  150. 


Syntaktisches  zu  den  rätoioiiKinischen  Übersetzungeu  der  vier  Evangelien     569 

e  scumbod  vus  entrais  iu  quel,  chatteros  ün  puledrin  rantO; 

M.  87. 
ue:  (ubit  cur  vus  guis  ad  antrar  \ä,  gnis  ä,  chiatar  ün  puleider 

d'alen  rantä,  V.  D.  58, 
subit  cur  vus  gnis  ad    intrar    h'i  gnis  ä  chattar  ün  puleider 

d'aseu  ranta,  A.  V.  58. 
ol:  fchi  bauld  Ico  vus  vangits  en   quel,    fcha   vangits    vus    ad 

afflar  ün  pulieder  ran  tau,  Ga.  202. 
cur  vus  esses  rivau  en  quel,  vengits  gleiti  ad  afflar  ün  pulieder 

rantaus,  C.  79. 
schi  prest  sco  vus  intreits  en  quel,  vegnits  vus  ad  afflar  in 

pulieder  rentau,  F.  59. 

Ol.  'fchi  bault  fco,  schi  bauld  sco'  zum  Ausdruck  des  rela- 
tiven Zeitverliältnisses  ist  ohne  Zweifel  Wiedergabe  des  deutschen 
'so  bald  als'. 

Marc.  I  29. 

ol:  A  fchi  bault  fc'  eis  vanginen  or  da  la  Sinagoga,  fcha  manen 
eis  enten  la  cafa  da  iSimon  ad  Andreas.  Ga.  149. 
A  schi  bauld  sco  ei  vengiunen  or  da  la  sinagoga,   mannen 
eis  en  casa  da  Simon  a  d'  Andreas,  C.  58/9. 

§  238.  Um  die  Gleichzeitigkeit  zweier  Handlungen  auszu- 
drücken, steht  oe:  aunchia  che,  cun  dych  che,  cun  dich  che, 
intaunt  cha;  ue:  tant  chia,  taunt  chia,  intantcha;  ol:  antro- 
quan  ca,  afchi  gig  fco,  cur,  dantont  ca,  entont  ca,  fartont 
ca,  fratont  ca.  Im  Italienischen  steht  meist  'mentre',  im  Fran- 
zösischen 'pendant  que',  im  Spanischen  'mientras  que'. 

Mat.  IX  15. 

L.:  Wie  können  die  Hochzeitleute  Leid  tragen,  so  lange  der 
Bräutigam  bei  ihnen  ist? 

Di  od:  Que'  della  camera  delle  uozze  possono  egliuo  far  cordoglio 
mentre  lo  sposo  e  con  loro? 

oe:  paun  forza  l's  filgs  delg  spus  uaidguer,  cun  dijch  ch'  lg  spus 
es  cun  eis?  R.  762/3. 
paun  forza  l's  filgs  delg  Ipus  vaidguaer,  cü  dijch  ch'  lg  fpus 

eis  cü  eis?  B.  H  30. 
Pauu  foarfa  l's  chiambraers  plaundscher  intaunt  chia  l'fpus 

eis  cun  eis?  Gr.  27. 
Paun  ils  nozzaduors    plaundscher,    intaunt   cha  '1    spus   ais 
con  eis?  M.  15. 

36* 


570  Karl  Hutschenreuther 

ue:  Quels  dalla    chambra    dallas   nozas  poun    eis    havair  cordöli 

tant  chia  '1  fpüs  ais  cun  eis?  V.  D.  11. 
Quels  della  chambra  dellas  nozzas  pon  eis  avair  cordöli  in- 

taDt  cha  '1  spus  ais  con  eis?  A.  V.  12. 
ol:  Pon  ils  fpufadurs  purtar  malacurada,    afchi  gig  fe'  ilg  fpus 

ei  tiers  eis?  Ga.  37. 
Dein  forsa  ils  nozzadurs  purtar  malacurada,  antroquan  ca  ilg 

spus  ei  cun  eis,  C.  14. 
Pon  ils  spusadurs  portar  malacurada,  aschi  gig  sco  il  spus  ei 

tier  eis?  F.  14. 

Mat.  XVII  5. 

oe:  Et  aüchia   ch'el    fafleua,   uhe    tina    nüfla   clera   l's    caurit, 

K.  1655/6 ;  B.  II  66. 
(Fafland  el  aunchia,  ...  Gr.  38,  nach  dem  Griechischen:  exi 

avtov  XaXovPTOg  .  .  .) 
Ed  intaunt  ch'el  favlaiva  auncha,  mera  üna  ntivla  clera  ils 

sursumbrivet;  M.  33. 
ue:  Taunt  ch'el    amo    favlava,   mera,    tina  nUvla  claera  ils  für 

fumbrivet,  V.  D.  23. 
Intant  ch'  el  amo  favlaiva,    mera,    üna   ntivla  clera  ils  sur- 
sumbrivet, A.  V.  23. 
ol:  Cur  el  plidav'  ounc,  mire  fcha  figet  tinna  nebla  clera  umbriva 

für  eis,  Ga.  79. 
Entont  ca  el  plidava,   mire  vengir  inna  nebla  clara  sur  eis, 

C.  30. 
Cur  el  plidava  aunc,   mire   schi  faget  Ina  nebla  clara  umbriva 

sur  eis,  F.  25. 

Mat.  XXV  10. 
L.  Und  da  sie  hingingen  zu  kaufen,  kam  der  Bräutigam, 
oe:  Et  intaunt  che  gietten  a  cumprer,  schi  uen  l'g  spus,  K.  2512/3 
&  B.  II  97/8. 
Mu  intaunt  ch'  ellas  fun  idas  ä  cumpraer,  eis  gnieu  1'  fpus, 

Gr.  88. 
Mo  intaunt  ch'ellas  gettan  a  cumprer,  gnit  il  spus,  M,  50. 
ue:  Mo   taunt   chia    quellas    giaivan  ä   cumprar,   venu  il  fpüs, 
V.  D.  34. 
Ma   intant    cha    quellas    giaivan  a  comprar,   gnit   il  spus, 
A.  V.  35. 
ol:  Mo  fartont  ch'   ellas   mavan  par   cumprar,    fcha  vangit  ilg 
fpus,  Ga.  119. 


Syntaktisclies  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    571 

Mo  fartont  ca  ellas  mannen  par  cumprar,    vengitt  ilg  spus, 

C.  47. 
Mo  fratont    ca    ellas    mavan   par   cumprar,    veguit   il    spuS; 

F.  37. 

§.  239.  Für  die  Priorität  dienten  im  Lateinischen  die  Konjunk- 
tionen antequam  &  priusquam. 

Wir  finden  liiefür  im  oe:  aiins  co  che,  aunz  chia,  aunz  cha; 
im  ue:  avaunt  chi,  avant  chi;  im  ol:  ont  ca  (ch'),  avont  ca. 

Mat.  I  18. 
L.:  ehe  er  sie  heimholete,  .  .  . 

oe:  auns  co  ch'  eis  hauessen   cumpagnia  in  semmel,    sch'es  ella 
achiatcda  grefgia  delg  sainc  spiert,  R.  42/4. 

auns  CO  ch'  eis  gnifsen  in  femmel,   fch'   eis  ella  achiataeda 
graefgia  delg  fainch  Spiert,  B.  II  3. 

aunz  chia  gniffen  infemel,  eis  ella  chiattaeda  purtaunta  da  V 
Spiert  faench,  Gr.  3. 

as  chattet,  aunz  cha  gnissan  a  conviver,  ch'ella  eira  gravida 
dal  Spiert  sench,  M.  2. 
ue:  avaunt  chi  fuoffen  gnlids  ä  ftar  infemmel,  's  chiatet  gravida ; 
il  quäl  eira  dal  Spirt  (anct,  V.  D.  2. 

avant  chi  füssan  gnUts  a  star  insemmel,    s'  chattet  gravida, 
il  quäl  eira  dal  Spiert  Sanct,  A.  V.  3 
ol:  out  ch'els  vangiffen  ansemel,    fcha  fa  cattä  ei,    ch'ella    fova 
purtonza  d'  ilg  Soing  Spirt,  Ga.  3. 

sa  catta  ei,  avont    ca  eis   vengissen   ansemel,    ca    ella   fova 
purtonta  dad  iig  soing  Spirt,  C.  2. 

ont  ca  eis  vegnissen  ansembel,  sa  catta  ei,  ca  ella  fova  pur- 
tonza dil  (ontg  Spirt,  F.  5. 

§  240.  Für  die  im  Latein  die  Posteriori  tat  bezeichnenden  Kon- 
junktionen ^p 08 1 quam,  posteaquam'  steht,  wenn  nicht  eine  Parti- 
zipial-  oder  Infinitivkonstruktion  vorgezogen  wird,  im  oe:  cura  che 
(cha),  zieva  chia  (cha);  ue:  dapö  chi,  dopo  cha;  ol:  cur, 
suenter  ca,  suenter  quei  ca. 

Mat.  XXVI  32. 

oe:  Mu  dsieua  ch'   eau   iiing  ad  arsüster  schi  uoelg  eau  passer 
auaunt  ä  uns  in  Galilea,  R.  2684/6. 
Mu  dfieva  ch'  eau    veng  ad  arisülter  fchi  voelg  eau  paffaer 
auaüt  ä  vus  in  Galilea,  B.  II  104. 


572  K^i'l  Hutschenreiither 

Mu  zieua  ch'  eau  fuu  refüfto,  veng  eau  a  paffaer  avaunt  vus 

in  Galilea,  Gr.  95. 
(Mu  ziena  mia  resiistaunza  vögl   eau  passer  avaunt   a  vus  in 

Galilea,  M.  54.) 
ue:  Mo  dapö  ch'  eng  veng  ad  effer  relüftä;    völg  eug  ir  avaunt 

a  VHS  in  Galilea,  V.  D.  37. 
Ma,  dopo  ch'  eu  vegn  ad  esser  resüstä;    vögl  eu  ir  avant  a 

vus  in  Galilea,  A.  V.  37. 
ol:  Mo  fu enter  quei  ea  jou  veng  ad  effer  lavaus  fi^    vi  jou  ir 

avont  ä  vus  en  Galilea,  Ga.  128. 
Mo  suenter  ca  jou  veng  ad  esser   levaus  si,  vi  jou  ir  avont 

ä  vus  en  Galilea,  C.  50;  F.  39. 

Mat.  IV  2. 
oe:  Et    hauiand    giünö     quaraunta   dijs  &   quaraunta  nots,    schi 
hauet  el  dsieua  fam,  R.  218/20;  B.  II  10. 
Et  haviand    el    güno   dis    quaraunta  &  noatts  quaraunta,    ho 

el  alhura  hagien  fam,  Gr.  9. 
E  ziev'  avair    güno     quaraunta    dis    e   quaraunta    nots,    avet 
el  alla  fin  fam,  M.  5, 
ue:  E  dapö  ch'el  havet  jejünä    quaranta   dids,    e  quaranta  nots, 
fchi  havet  el  alla  fine  famm,  V.  D.  4. 
E  dopo  ch'el  avet  gegüna  quaranta  dis  e  quaranta  nots,  schi 
avet  el  alla  fin  fam,  A.  V.  5. 
ol:  A  cur  el  vet  jaginau  quronta  gis  a  quronta  noigs,    fcha    vet 
el  Iura  fom,  Ga.  11. 
A  suenter  ca  el  vett   jaginau    quronta   gis  a  quronta  noigs, 

vett  el  Iura  fom^  C.  4. 
A  cur  el  havet  geginau  quaronta  gis  a  quaronta  notgs,  havet 
el  Iura  fom,  F.  7. 

§  241.  Die  Konjunktionen  für  deu  Anfangspunkt  sind:  oe.  da 
poeia  che,  dapoeia  chia,  daspö  cha;  ue.  dapö  chi,  dopo  cha; 
ol.  daluranou  ca,  da  lurannou  ca. 

Luc.  VII  45. 
oe:  aquaifta  da  poeia  ch'   eau    fun  gnieu  aint  nun  ho  pufö  da 
tiguer  bülcho  mes  pes,  B.  I  224. 
aquaifta  da  poeia    ch'   eau    fun    gnieu    aint   nü  ho  pufö  da 

tegner  bütfcho  meis  peis,  B.  II  227. 
quaifta,  dapoia  ch'eau  fun  intro,  nun  ho  lafcho  da  bütfchaer 

meis  peis,  Gr.  208. 
ella,  daspö  ch'  eau  sun  entro,    nun   ho  tschesso  da  bütscher 
mieus  peis,  M.  120. 


Syntaktisches  zu  deu  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     573 

ue:  quailta,  dapo  ch'  eil'  ais  antratta,    nun   ha   ella  mri    challä 

da  'm  bütfchar  ils  peis,  V.  D.  81. 
quaista,  dopo  ch'  eil'  ais  intrata,  non  ha  ella  raa  challa  da'  m 

bütschar  ils  peis,  A.  V.  79. 
ol:  (juesta  ha  bucca    calaii,    daluranou  ch'el  ei   vangid'ent,    da 

bitfchar  mes  peis,  Ga.  281. 
ella,    da  lurannou   ca  eil'  ei  veDgida  en,  ha  bucca  calau  da 

bitschar  mes  peis,  C.  45. 
questa  ha  buca  calau,  da  lurannou  ca  ella  ei   vegnida  ent, 

da  bitschar  mes  peis,  F.  80. 

§  242.  Die  Konjunktionen  für  den  Ziel-  oder  Endpunkt  sind 
oe:  infin  ä  taunt  che,  per  fina  taunt  che,  infina  chia(cha); 
ue:  fin  chi,  cha;  ol:  antrocan,  antrocan  ca,  antroqua,  antro- 
quan  ca,  aschi  gig  sco. 

Mat.  V  18. 

oe:  Par  Tg  uaira  ch'eau  dich  ä  uns,  per  fin  a  taunt  che  passa 
uia  l'g  schil  &  la  terra  schi  nun  uain  ä  passer  uia  üna  la 
plü  pisthna  lettera  ii  ün  pitschen  punchiet,  our  dalla  lescha, 
infin  ä  taunt  che  nun  es  tuot  duanto,  R.  335—40. 

Par  Tg  vaira  ch'eau  dich  ä  vus,  per  fin  ä  taunt  che  palfa 
via  l'g  tfchel  &  la  terra  fchi  nun  vain  ä  paffaer  via  üna  la 
plü  pitfchna  lettera  ü  ün  pitfchen  punchiet,  our  dalla  letfcha, 
infin  ä  taunt  che  nun  eis  tuot  duantö-,  B.  II  14. 

Tfchert  eau  dich  ä  vus,  infina  chia  pafla  via  l'tfchel  &  la 
terra,  nun  vain  a  paffaer  via  ün  cuftab,  ü  ün  pitschen 
puonch  de  la  Ledfcha,  infina  chia  tuot  nun  eis  dvanto, 
Gr.  13. 

Perche  eau  di  a  vus  in  vardet:  Püttost  trapasseron  tfchel  e 
terra,  co  cha  ün  custab  o  ün  pitschen  punct  della  Ledscha 
passa  via,  infina  che  tuot  nun  ais  dvanto,  M.  7. 
ue:  Perche,  eug  s'dig  in  vardä,  chia,  fin  chi  faja  pafsä  vi'  il 
tfchel,  e  la  terra,  fchi  nun  vain  ä  paffar  via  brich'  ün 
buftap,  od  ün  pichel  dalla  Ledfcha,  ch'  ogni  chiaufa  nun 
faja  fatta,  V.  D.  4. 

Perche,  eu  's  di  in  vardä,  cha,  fin  chi  saja  passa  vi'  il 
tfchel  e  la  terr;i,  schi  non  vain  a  passar  via  brich'  ün 
bustap,  0  ün  tichel  della  ledscha,  ch'  ogni  chosa  non  saja 
fatta,  A.  V.  7. 
ol:  Parchei  ca  jou  gig  ä  vus  pilgver,  autroquan  ch'  ei  na  ven 
ad  effer  vargau  vi  ilg  tfchiel,  a  la  terra,  fcha  venei  buca 
vargar   vi    ün   d'ils   pli    pitfchens    buoftabs,    ner  ün  pichel 


574  Karl  Hutschenreuther 

d'ilg  Schentament,  antroqua  tuttas  cauffas  vengian  a 
daventar,  Ga.  17. 

Parchei  jou  gig  k  vus  en  vardad:  Aschi  g\g  sco  ilg  tschiel 
a  la  terra  na  vargan  vi,  ven  bucc  in  bustab  nb  pikel  dilg 
Tschentament  ä  vargar  vi,  antroquan  ca  tutt  quei  da- 
ventig,  C.  6/7  {Aschi  gig  sco  ist  die  wörtliche  Wiedergabe 
des  deutschen:  'so  lange  als'). 

Parchei  jou  gig  ä  vus  en  verdat:  Antroean  ca  ei  na  ven  ad 
esser  vargau  vi  il  tschiel  a  la  terra,  ven  buc  ä  vargar  vi 
in  iota  ner  in  piccal  dil  tschentament,  antroean  tuttas 
caussas  vegnien  ä  daventar,  F.  9. 

§  243.  Als  Konjunktion  der  Wiederholung  fand  ich  nur  bei 
Bifrun  'inmünchia  uota  che'. 

Marc.  IX  18. 
L. :  und  wo  er  ihn  erwischet,  so  reisst  er  ihn. 
oe:  inmünchia  uota   chel    Vg   appiglia,    fchi  l'g    dfthrama    el, 
B.  I  151;  B.  n  153. 
(Die   übrigen  Texte    haben   nach   Luther:    'inmia   che,   ingio 
chiafchaj;  nu  ca\) 

f)  Die  Modalsätze. 

§  244.  Zur  Einleitung  der  Modalsätze  gebrauchte  der  Lateiner  zu- 
nächst fünf  Konjunktionen:  'ut,  quem  ad  modum,  quasi,  quomodo, 
quam'. 

Im  Rätoromanischen  ist  nur  quo(modo)  in  Verbindung  mit  sie  > 
sco  (scu)  erhalten;  dieses  wird  oft  noch  mit  che  verbunden,  und  bei 
einem  wirklichen  Vergleich  angewandt.  Im  oe.  steht  auch  'da 
CO  chi',  im  ue.  ein  dem  Italienischen  entlehntes  Mn  maniera 
cha  (chia)'. 

Mat.  XXIII  37. 
oe:  quantas  uuotes  hae  eau  vulieu  arasper  tes  infauns,    sco  üna 
giaglina  araspa  ses  pulschains  suot  sias  aelas,  R.  2345/8. 
quauntas  voutes  hae  eau  vulieu  arafper  tes  infauns,  Ico  üna 

giaglina  arafpa  (eis  pulfchains  luot  fias  aelas,  B.  11  9L 
(Anders  Mat.  XXV  32:  &  uain  ä  zaurer  aquels  oters  our  dals 
oters,   da  co  chi    zeura  Vg  pastur   las   nuorsas   our   dals 
buochs,  R.  2571/3  &  B.  II  1(X)J. 
quauntas  voutas  hae  eau  vulieu  raefpaer   teis    infaunts,    fco 
üna  gallina  raefpa  feis  pulfchains  fuot,  fias   aelas,  Gr.  83. 
qnauntes  voutas  he  eau  volieu  rasper  tieus  infaunts,  sco  üna 
gilina  raspa  sieus  pulschains  suot  sias  elas,  M.  47. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     575 

ue:  quantas  voatas  nhai  eng  valü  rafpar  teis  iffaunts,  in  maniera 

chia   la    gialina    rafpa     ieis    pulfchains    fuot    las    alas? 

V.  D.  32  (nach  Diod:  nella  maniera  che  la  gallina  rac- 

coglie  i  suoi  pulcini  sotto  V  ale). 
Quantas  voutes  ha  eu  voglü  raspar  teis  infants,  in  maniera 

cha  la  giallina  raspa  seis  pulschins  suot  las  alas?  A.  V.  33. 
ol:  quontas  gadas  hai  jou  vulieii  rafpar  tes  uffonts,  fc'  Unna  gal- 

gina  rafpa  fes  plufcheins  fnt  fias  alas,  Ga.  112. 
quontas  gadas  hai  jou  vulieu  raspar  tes  uffonts,  sco  inna  gal- 

ginna  raspa  ses  pluscheins  sutt  sias  alas,  C.  44. 
quontas  gadas  hai  jou  voliu  raspar  tes   uffonts,  sco   ina   ga- 

glina  raspa  ses  pluscheins  sut  sias  alas,  a  vus  haveits  buca 

voliu,  F.  34. 

§  245.  Soll  der  Modalsatz  eine  Gemässheit  ausdrücken,  so  steht 
oe:  fco,  fco  cha,  suainterche,  suainter  co  che,  suainter  sco; 
ue:  fco,  segund  cha,  seguond  chia,  tenor  cha,  tenor  chia; 
ol:  fco. 

joh.  xvn  2. 

oe:  fuainter  fco  tu    haes   do  agli   pufaüza  da    fcodüna   chiarn, 

B.  I  371. 
fuainter  fco  tu  haeft  do  agli   pufaunza  da  fcodüna   chiarn, 

B.  n  382  (aber  Mat.  1  24:  schi  ho  el  fat, 
suainter  che    l'g   aungel    dalg    signer   hauaiua  miss  agli  ä 

maun,  R.  60/61  und  Luc.  I  55: 
Suainter  CO  chel    hauaiua  faflo  als  nos  babuns,   B.  I  193; 

B.  II  196.) 
Sco  tti  l'haeft  do  puffaunza  (ur  tuotta  chiarn,  Gr.  359. 
sco  cha  tu  Test  do  possaunza  sur  tuotta  charn,  M.  205. 
ue:  Segund  chia  tu  l'halt  dat  puffanza  für  ogni  charn,  V.  D.  156 

(nach  Diod:  Secondo  che  tu  gli  hai  data  podestä  sopra 

ogni  carne). 
Seguond    che    tu    l'hast    dat    pussanza    sur    ogni    charn! 

A.  V.  132. 
ol:  Sco  ti  Igi  has  dau  puffonza  für  tutta  carn,  Ga.  476;   C.  188; 

F.  133. 

§  246.  Wenn  wir  einen  eigentlichen  Vergleichsatz  haben,  so  weist 
ein  im  Verbalsatz  stehendes  demonstratives  Adverb,  das  dem  latein. 
sie  entspricht,  auf  den  Teilsatz  hin.  So  entspricht  einem  oe.  in 
aquella  guisa  sco'  (oder  nur  'sco')  ein  im  Verbalsatz  folgendes 
jUschö,  uschea,  uschia';  einem  ue,  'sco'  ein  'usche';  einem  ol. 
,8co'  ein  'aschia'. 


576  K^äri  Hutschenieuther 

Mat.  XIII  40. 
oe:  Et  in  aquella  gnisa  dime  sco  la   claffa  uain  clitta  &  arsa 

cun  l'g-  foe,    uschia  uain  er   ad    esser   sü  la  fin  da  quaist 

muoud,  R    1305/7. 
Et  in  aquella  guifa  dimae  fco  la  claffa  vain  cletta  &  arla 

cun  l'g  foe,  ufchea  vain  er  ad  effer    sü    la    fin  da  quaift 

muond,  B.  II  51. 
Sco  uain  dimaena  raefpaeda  la  claffa,  &  arfa  V  foe:  ufchea 

vain  ad  esser  in  la  fin  da  quaift  muond,  Gr.  46. 
Sco  dimena  la  zizauia  vain  cletta   insemmel   ed  arsa  cun  fö: 

usche  sarö  que  alla  fin  da  quaist  muond.  M.  26. 
ue:  Sco    dimena    la    zizania   s'  clegia  infenTel,    e  s'arda  cun  foe, 

ufche  vain  eir  ä  dvautar  in  la  fin  dal  muond,  V.  D.  18. 
Sco  dimena  as  clegia   insembel  la  zizania,    e  's  arda  con  fö, 

usche  vain  eir  ä  dvantar  nella   fin  del    muond,    A.  V.  19. 
ol:  Cuntut  fco   ilg    zerclim   ven    rafpaus    anfemel,    ad,  arfentaus 

cun  'lg  fieuc:    afchia  venei  ad  effer   enten    la  fin  da  queft 

Mund,  Ga.  63. 
Cuntutt  sco  ilg  zerclim   ven    raspaus    ansemel    ad    arsentaus 

cun  fleug:  aschia  ven  ei  ad  esser  ä  la  fin  da  quest  mund, 

C.  24. 
Cuntut  sco  ilg  zerclim  ven  raspaus    ansembel,    ad   arsentaus 

cun  il  fiuc:    aschia  ven  ei  ad  esser    enten  la  fin  da  quest 

mund,  F.  21, 

§  247.  Von  der  Gleichmässigkeit  der  im  Lateinischen  korre- 
spondierenden Adjektiva  'talis  —  qualis'  und  'tantus  — 
quantus'  finden  starke  Abweichungen  statt.  Dabei  geht  häufig  der 
Modalsatz  in  einen  verallgemeinernden  Relativsatz  über. 

Einem  oe.  'in  quaunt'  entspricht  im  Verbalsatz  das  Neutrum  des 
persönlichen  Pronomens  ill,  1';  oder  einem  'taunt'  im  Teilsatz  folgt 
kein  korrespondierendes  Adjektiv,  Fürwort,  oder  demonstratives  Adverb; 
oder  es  korrespondiert  mit  einem  im  Teilsatz  stehenden  'taunt  sco' 
das  demonstrative  Adverb  'schi'  im  Verbalsatz, 

Im  ue.  folgt  einem  Mnquant'  im  Teilsatz  ein  11(1)  =  illud  im 
Verbalsatz. 

Im  0 1.  entspricht  einem  'aschi  anavont  sco'  ein  ,ilg'  im  Ver- 
balsatz; oder  es  erwidert  einem  im  Teilsatz  stehenden  verallgemeinernden 
'eh ei  ca*  ein  'schi',  das  jedoch  auch  wegbleibt. 

Mat,  XXV  40, 
L.:  Was  ihr  getan   habt  einem    unter    diesen    meinen    geringsten 
Brüdern,  das  habt  ihr  mir  getan. 


Syntaktisches  zu  den  rcätororaanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    577 

Diod:  in  quanto  Tavete  fatto  ad  uno  di  questi  miei  fratelli,  voi 
r  avete  fatto  a  me. 

oe:  taunt  sco  uns  liauuis  fat  ad  Uni  Vg  plü  pitschen  d'aquaists 
mes  frarS;  scbi  hauais  fat  ä  mi,  R.  2591/3. 
taunt  fco    UU8   hauais  fat  ad  üni    Vg  plü  pitsch?  d'aquaifts 

mais  fiars,  Ichi  hauais  fat  ä  mi,  B.  II  101. 
taunt  vus  bavais  fat  ad  ün  da  quaifts  meis  l's  plü  pitfchens 

frars,  hauais  fat  ä  mi,  Gr.  91. 
In  quaunt    vus  avais   fat  que  ad  ün  da  quaists  mieus  frers, 
eir  dels  minims,  1'  avais  vus  fat  a  me,  M.   52  (nach  Diod. 
oder  V.  D.) 
ue:  inquaunt  vus  havais  fat  quai  ad  ün  da  quaifts  meis  minims 
frars,  vus  T  havais  fat  a  mai,  V.  D.  35  (nach  Diod!). 
inquant  vus  avais  fat  quai   ad  ün    da   quaists  meis   minims 
frars,   vus  T  avais  fat  a  mai,    A.  V.  36    (von  V.  D.    abge- 
schrieben), 
ol:  Chei  ca  vus  veits  faig  ad  ün  da  quefts  mes  ils  pli  pitfchens 
frars,  fcha  veits  vus  faig  ä  mi,  Ga.  123. 
Aschi  anavont  sco  vus  veits  faig- quei  ad  in  da  quests  mes 

pli  pitschens  frars,  ilg  veits  vus  faig;  ä  mi,  C.  48. 
Cbei  ca  vus  haveits  fatg-  ad  in  da  quests  mes  ils  pli  pitschens 
frars,  haveits  vus  fatg  a  mi,  F.  38. 

§  248.  Die  Folgesätze,  welche  im  Lateinischen  mit  'ut',  später 
'quod'  angeführt  wurden,  werden  im  Rätoromanischen  eingeleitet 
mit  oe:  cha,  da  sort  che,  in  moed  chia,  usch'e  cha;  ue:  tal  cha 
(chia);  ol:  aschia  ca,  da  tal  giiifa  ca. 

Im  Verbalsatz  steht  meist  ein  korrespondierendes  Adjektiv  der 
Menge  oder  ein  demonstratives  Adverb. 

Mat.  VIII  24. 

oe:  eilg  es  d'uauto  ün    grand    cuntuorbel   ilg  mer,    da  sort  che 

la  nef  s'  cufriua  da  las  huondas,  R.  685/7. 
eilg  eis  duanto  ün  grand  cuntuorbel   ilg   maer,    da   fort  che 

la  naef  s'  cuuriua  da  las  huondas,  B.  11  27. 
ün  grand  muantamaint  eis  dvanto  in  1*  maer,  in  moed  chia 

la  naef  s'  cuvriva  da  las  uondas,  Gr.  25. 
tina  granda  burrasca    s'alvet  sül  lej,    usche    chala  nevetta 

gniva  cuvernida  dal  las  uondas,  M.  14. 
ue:  in  il  mar  dvanted  ün    grand    muvantamaint  tal  chia  la  naf 

gniva  cuvernada  dallas  uondas,  V.  D.  10. 
nel    mar   dvanted    ün    grand    moventamaint,    tal  cha  la  nav 

gniva  covernada  dallas  uondas,  A   V.  11. 


578  Karl  Hutschenreuther 

ol:  ei  daventä  tinna  gronda  müvantada  fin  la  Mar,  da  tal  guifa 
ca  la  naf  vaugiva  ciirclada  da  las  vellas,  Ga.  33. 

inna  gronda  strasaura  s'alzä  sin  ilg  lag,  aschia  ca  las  undas 
devan  sur  la  nav  en,  C.  13. 

ei  daventä  ina  granda  moventada,  sin  la  mar,  aschia  ca  la 
nav  vegniva  curclada  da  las  undas,  F.  13. 

§  249.  Steht  ein  Komparativ  im  Verbalsatz,  so  wird  der 
modale  Vergleichsatz  mit  oe;  co,  co  cha  (che);  ue:  co  cha;  oi: 
ca  (ch')  angereiht. 

Mat.  XIX  24. 
oe:  Et   darchio   dich  eau  ä  uns   che    cun   main    fadia   passa  tin 
chiamel  tres  la  foura  dtina  aguoglia  co  Un  arick  giaia  aint 
ilg  ariginam  da  Dieu,  R.  1888/91  &  B.  11  73. 
Mu  darchio  dich  eaii  ä  vus,  Pili  choentfch  eis,  chia  ün  camel 
giaia  traes  la  foura  d'üna  guoglia,   co  ch'  Un   riech   aintra 
in  1*  reginam  da  Dieu,  Gr.  66. 
E  darcho  di  eau  a  vus:    L'ais  pü    facil    ch'lin   chamel    passa 
tres  la  foura  d'ün'    aguoglia,   co  cha  ün    rieh    aintra    nel 
reginam  da  Dieu,  M.  38. 
ue:  E  darcheu,  s'dig  eug:  L'ais  plü  facil  ch'ün  camel    paffa    tras 
la  foura  d'ün'  aguoglia,  co  ch'  ün  rieh  aintra  n'il  Reginom 
da  Dieu,  V.  D.  26. 
E  darcheu  's  di  eu:   L'ais  plü  facil  ch'ün   chamel    jtassa    tras 
la  foura  d'ün'  aguoglia,  co  ch'  ün  rieh    intra    nel    reginam 
da  Dieu,  A.  V.  26. 
ol:  Pli  maneivel  mafs  ün  Camel  tras  la  rufna  d'ünna  guila,  ch'  tin 
rieh  na  vommig  ent  ilg  Reginavel  da  Dens,  Ga.  90. 
Ilg  ei  pli  maneivel,    ca  in  camel  vommi  tras    la    rusna    d'inna 
guila,  ca  in  rieh  enten  ilg  reginavel  da  Dens,  C.  35,    (Das 
Verb  des  Vergleichsatzes  ist  aus  dem  vorangebenden  Sub- 
jektsatz zu  ergänzen!) 
Pli  maneivel  mass  in  camel  tras  la  rusna  d'ina   guila,   ca  in 
rieh  na  vomi  en  il  reginavel  da  Dens,  F.  28. 

§  250.  Die  proportionale  Steigerung  (lat.  quo  —  eo;  quanto 
—  tanto)  ist  wiedergegeben  mit: 

oe:  plü   fich  che  —  taunt  plü   (=  plus  ßctus  quid  —  tantum 
plus). 
pü  che  —  e  pü  che. 
quaunt  plü  che  —  taunt  plü; 
ue:  plü  cha  —  plü  cha; 

ol:  pli  ca  —  a  pli  ca,    pli  ca  —  tont    pli   ca;   quont  ca  — 
mai  tont  ca. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    579 

Marc.  VII  36. 
L.:  Je  mehr  er  verbot,  je  mehr  sie  es  ausbreiteten, 
oe:  Mu  plti  fich  che  el  Ts  hauaiiui  Icumaudo,  taunt  plUgiaiuen 
eis  dichant,  B.  I  145;  B.  II  147. 
mu  quaunt  plU  eh'   el  fcumandaiva  ad  eis,    taunt  plü  eis 

faiven  palais,  Gr.  135. 
ma    pti    eh'el    als   scumandaiva,    e    pü    eh' eis    publichaivan 
que,M.  77. 
ue:  moplli  eh'el  feumandav  ad  eis,  plü  eh' eis  il  predgiavan  oura, 
V.  D.  52. 
ma  plU  eh'el    scomandaiv   ad    eis,    plü    ch'els    predgiaivan 
oura,  A.  V.  52. 
ol:  mo  pli  eh'el   feummandav'  ad  eis,    a  pli  ch'els   clummaven 
or,  Ga.  183. 
mo  quont  ca  el   cumandass,    mai   tont   pli   ilg  rasavan  ei 

ora,  C.  71. 
mo  pli  ca  el   scuniandava  ad   eis,    tont  pli  ca  eis  il  rasa- 
van ora,  F.  53. 

g)  Die  Relativsätze. 

§  251.    Von  grosser  Wichtigkeit  sind  auch  die  Relativsätze. 
Von  dem  lateinischen  Pronomen  'qui,   quae,    quod'   und   dessen 
Flektion  ist  nur  im  beschränkten  Masse  als  Nominativ: 
oe,  u.  ue.  'chi';  ol.  'ca'; 

als  Oblikus:  oe.  u.  ue:  'cha,  chia,  chi,  che'; 
ol:  'ca,  cui,  cui  ca'  erhalten  geblieben. 

Mat.  IV  16. 

oe:  (L'g  poeuel  quael  chi  steua  in  la  schürezza  &  in  la  sumbriva 
della  mort,  ho  uis  üna  liüsth  granda,  R.  250/2)  [vergl. 
hiefür  Mat.  I  17:  Et  dsieua  la  praisa  cha  füt  steda  in 
Babylonia,  R  39/40.  —  Et  dfieua  la  praifa  chi  fütt  ftaeda 
in  Babylonia  ...  B.  II  2;  ersteres  sollte  wohl  auch  'chi' 
heissen]. 

L'  poevel  chi   ftaiva   in   las   fchürezzas,    ho   vis  üna  granda 
Igüfch,  Gr  10. 

il  pövel,    chi  dmuraiva   nella    s-chürdüm,    vzet   üna   granda 
gltisch,  M.  6. 
ue:  II  pövel  chi  giafcheiva  in  fcürezzas,  ha  vis  üna  granda  lüm, 
V.  D.  5. 

II  pövel,    chi  giaschaiva  in  ?chürezzas    ha   vis   üna    granda 
glüm,  A.  V.  16. 


580  Karl  Hutschenreuther 

ol:  Quei  pievel  ca  (afeva  en  la  fcüradengia,  ha  vieu  Unna  gronda, 
Igifch,  Ga.  13. 
Quei  pievel  ca  saseva  en  lu  sthiradegna  ha  vieu  inna  gronda 

Igisch,  C.  5. 
Quei  pievel,   ca  seseva  en  la  §chiradegna,  ha  viu  ina  gronda 
glisch,  F.  8. 

Für  den  Oblikus 

Joh.  XXI  25. 

oe:  E  fun  aunchia  bgierras  otras  chiofeschi  hofatJefus,  B.  1387, 

B.  II  400. 

(doch  Joh.  XVI  15:  Tuottes  quauntas  aquellas  chiofes  che  l'g 

bab  ho,  fun  mias,  B.  I  ?;  B  H  380.) 
Mu    e    Tun    eir    bgerras    otras    chioffes    chia    Jefus   ho    fat, 

Gr.  377. 
A  sun  auncha  bgeras  otras  chosas,  cha  Gesu  ho  fat,  M.  214. 
ue:  Mo  qua  fun   eir  bleras   autras   chiaufas,   chia  Jefus  ha  fat, 

V.  D.  143. 
Ma    qua   sun    eir    bleras   otras    chosaS;    cha    Gesu    ha    fat, 

A.  V.  139. 

ol:  Mo   'lg   ei    ounc    bearas    autras    cauffas   ca   Jefus    ha    faig, 
Ga.  499. 
Mo   ilg   ei    auuc    bearas    autras    caussas    ca   Jesus   ha   faig, 

C.  197- 

Mo  ilg    ei    aunc   bearas    autras    caussas  ca   Jesus    ha   fatg, 
F.  139. 

§  252.  Merkwürdig  ist,  dass  nur  Bifrun  dem  einfachen  qui  eine 
Zusammensetzung  mit  qualis  also  ein  quael  chi,  quaela  chi, 
quaels  chi,  quaelas  chi  (Nom),  (a)quael  che,  (a)quaela  che, 
(a)quel8  che,  (a)quaela8  che  (Oblik.)  in  den  meisten  Fällen  vor- 
zieht. Auf  diese  Weise  kommt  eine  Annäherung  an  den  modalen 
Konsekativsatz  zustande. 

Mat.  III  8. 
L.:  tut  rechtschaffene  Früchte  der  Busse. 

oe:  Fasche  dimena  früts,    quaels   chi  odan  ad  üna  arüflinscha, 
R.  175/6. 
Fadschö  dimena  früts,  quaels  chi  odan  ad  üna  arüflenscha, 

B.  II  8. 

Dies  meint:  Tut  solche    (so  beschaffene)    Früchte,   dass 
sie  zur  Busse  gehören. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    581 

Mut.  XXIV  41. 
oe:  Duos  quaelas  chi    muollän    in    ün   mulin,    lüna  uain  ä  gnir 
praisH  &  lotni  a  gnir  lascheda.  I\.  2465/7;   B.  II  96,    meint 
auch:  zwei  solche,  dass  sie  mahlen. 

Mat.  XI  20, 
L. :  Da  fing  er  an  die  Städte  zu  schelten,  in  welchen  am  meisten 
seiner  Taten  geschehen  waren. 

oe:  Alhura  cumenzo  el  od  imbiter   las    citöds,    in    quaelas    che 
l'g  era  sto  fat  bgierras  sias  uirtUds,  K.  1009/10. 
Alhura  cumenzo  el  ad  imbütaer  las  citeds,  in  aquaelas  che 

l'g  era  fto  fat  bgierras  fias  virtüds,  B.  II  40, 
Nirgends    finden     wir    qnalis  -+-    quid.      Wir    haben    oe.    'in 
quaelas'  Gr.  35;    'nellas  quelas'   M,  20;    ue,  'in  las  qualas' 
V.  D,  14;   'nellas  qualas'  A,  V.  15;   ol.  ent  ils  quals   (mar- 
caus)  Ga.  48;  enten  ils  quals  C.  18;  en  ils  quals,  F,  17. 

Mat.  XXIV  45. 
oe:  Chi  es  aqael  famelg  d'  fö  &  uez,  quael  che  l'g  signer  ho 
mis  sur  sia  famaglia  chel  l's  detta  da  mangier  in  sia 
saschun?  K,  2474/7. 
Chi  eis  aquel  famelg  d'  fe  &  vez,  quael  che  Tg  fegner  ho 
mis  für  fia  famaglia  chel  l's  detta  da  mangier  in  fia  fafchun? 
B,  II  96. 

§  253.     Das  ol.  hat  den  Oblikus  cui  bewahrt,   dieser  wird  meist 
noch  mit  ca  verbunden. 

Mat.  XI  27, 
oe:  ne    alchiün    nun    cugniouscha   l'g   bab    oter   co    l'g  filg,  &  a 
aquael  che  l'g  filg  uuol  fer  appalais,    R.  1033/5  (L.:  und 
wenn  es  der  Sohn  will  offenbaren), 
ne  alchiün  nun  cugniuofcha  l'g  bab  oter  co  l'g  filg,  e  a  quael 

che  l'g  filg  voul  f^r  appalais,  B.  II  40. 
eir  üngün  cugnuofcha  1'  Bab  oter  co  1'  Filg,   &  ä  chi  1'  Filg 

voul  manifeftaer,  Gr.  36. 
ed  üngün  nun  cognuoscha  il  Bap,   oter  cu  '1  Figl,    e  quel,  al 
quul  il  Figl  voul  manifester,  M.  21. 
ue:  ingün  nun  cognofch'  al  Bap,  auter  co  '1  Filg,  e  quel,  al  quäl 
il  Filg  haverä  vulü  manifeftar  quai,  V.  D.  15. 
ingün  non  cognuosch'  il  bap,   oter  co  '1  figl,  e  quel,    al  quäl 
il  figl  avera  voglü  manifestar  quai,  A.  V.  15. 
ol:  a  nagin  ancanufch'  ilg  Bab,  auter  ch'  ilg  Filg,  ad  4  cui  ch' 
ilg  Filg  vult  fcuvrir,  Ga.  49. 


582  Karl  Hutschenreuther 

a  nagin  n'  ancanuscha   ilg  Bab,    auter   ca   ilg   Füg,    a  quel, 

ä  cui  ilg  Füg  ilg  vult  scuvrir,  C.  19. 
a  nagin  anconoscha    il   bab,   auter  ca  il  figl,    ad  a  cui  ca  il 

figl  vult  scuvrir,  F.  17. 

§  254.  Bifrun  trennt  zuweilen  nach  antiker  Vorlage  den 
Relativsatz  von  seinem  zugehörigen  Worte. 

Luc.  VII  2. 
ExuTovTccQXOV     de    rivog     öovXog     xaxdög    h'x^^    ijfieXXs    Tekevtäy, 
og  ^v  avTM  e'yTtfiog. 

auch  L.:  Und  eines  Hauptmanns  Knecht  lag  todkrank,  den  er 
wert  hielt. 

oe:  Et  tin  famalg  d'tin   fchert  Centurio    hauaiua   mel,    et  traiaua, 
quael  chi  era  agli  chier,  B.  I  219. 
Et  tin  famalg  d'ün  tfchert  Centurio  hauaiua  mael,  et  traiaiua, 
quael  chi  era  agli  chiaer,  B.  11  223. 

§  255.  Das  Relativpronomen  'quid'  vertritt  auch  lokale  Ad- 
verbien. 

Mat.  XXIV  38. 

L.:  bis  an  den  Tag,  da  Noa  zu  der  Arche  ging. 

oe:  infina  ad  aquel  di  che  Noe  antrö  in  I'  archia,  R.  2460/1. 

infina  ad  aquel  di  che  Noe  antrö  in  la  archia,  B.  11  95. 

infina  in  V  di  chia  Noe  intret  in  l'archia,  Gr.  86. 

infina  al  di  cha  Noe  entret  in  1'  archa,  M.  49. 
ue:  fin  al  di  chia  Noe  antret  in  1'  Archa,  V.  D.  33. 

fin  al  di  cha  Noe  intret  nell'  archa,  A.  V.  34. 
ol:  antroqua  fin  quei  gi,  ca  Noe  ei  ieus  en  l'arca,  Ga.  117. 

antroquan  ilg  gi  ca  Noe  mä  enten  l'arca,  C.  46. 

antrocan  sin  quei  gi,  ca  Noe  ei  ius  en  l'arca,  F.  36. 

§  256.  Weit  häufiger  als  'qui'  findet  'qualis'  besonders  im  Geni- 
tiv, Dativ  und  Akkusativ  Verwendung.  Dieses  qimlis  wird  zumeist 
noch  mit  dem  bestimmten  Artikel  verbunden. 

Mat.  n  6. 
oe:  Per  che  our  d'  te  uain  a  gnir  tin  düsth  quael  chi  uain  ä  gu- 
uerner  mes  poeuel  da  Israel,  R.  87/8. 
Per  che  our  d'  te  vain  a  gnir  tin  dfifch  qu^l  chi  vain  ä  guuer- 

naer  meis  poeuel  da  Israel,  B.  II  4. 
Per  che  da  te  vain  ä  gnir  tin  Düchia,   chi  vain  ä  guvernaer 
mieu  poevel  Ifrael,  Gr.  5. 


Syntaktisches  zu  den  liitoioinauisclioii  Übersetzungeu  der  vier  Evangelien     583 

perche  da  te  sortiro  il  condUttur,  il  qucl  vain   a  paschanter 

mieu  pövel  Israel,  M.  3. 
ue:  perche  da  tai  vain  ä  guir  ün  Capo,  il  quäl  pafchantarä  meis 

pövel  Ilrael,  V.  D.  3. 
perche  da  tai  vaiu  a  gnir  liü  capo,  il  quäl  paschantera  meis 

pövel  Israel,  A.  V.  4. 
ol:  parchei  ca  or  da  tei  ven  a  vangir  tin  Guvernadur,    ilg*    qual 

ven  a  pafchentar  mieu  pievel  dad  Ifrael,  Ga.  6. 
parchei  or  da  tei  ven  ä  vengir  in  guvernadur,   ilg  qual  ven 

ä  paschentar  mieu  pievel  d'lsrael,  C.  2. 
parchei  or  da  tei  ven  ä  vegnir   in   guvernadur,   il  qual    ven 

ä  paschentar  miu  pievel  Israel,  F.  6. 

Mat.  I  16. 

oe:  Jacob  ho   genuieu  Joseph  marid    da   Mariae    da    quaelaes 

stö  naschieu  aquel  Jesus,  R.  32/4. 
Jacob  ho  genuieu  Jofeph  marid  da  Mariae  da  quaela  eisftö 

nafcbieu  aquel  Jelus,  B.  II  2. 
Jacob  ho  genuieu   Jofeph  1'  marit  da  Maria,    da  quaela  eis 

nafchieu  Jefus  Tquael  vain  nomno  Christus,  Gr.  3. 
e  Jacob  generet    Josef,    il  marit  da  Maria,    da  IIa  quela  ais 

naschieu  Gesu,  M.  2. 
ue:  E  Jacob  generet  Josef,  marit  da  Maria:  da  IIa  qualaaisnad 

Jefus,  V.  D.  2. 
E  Giacob  generet  Giosef,    marit  da  Maria,    della  quala  ais 

nat  Gesu,  A.  V.  3. 
ol:  A  Jacob  ha  generau  ilg  Jofeph,  ilg  marieu  da  Maria:   da  la 

quala  ei  nafcheus  Jefus,  Ga.  3. 
a  Jacob  generä  Joseph,  ilg  marieu  da  Maria,    da  la  quaela 

ei  naschieus  Jesus,  C.  1. 
A  Jacob  ha  generau  Joseph,  il  mariu  da  Maria,  da  la  quala 

ei  naschius  Jesus,  F.  5. 

§  257.  Bezieht  sich  der  Relativsatz  auf  ein  determinatives  Pro- 
nomen, das  für  ein  Nomen  steht,  so  wird  meist  zu  den  verschiedenen 
Flexionsformen  von  'qualis'  (-|-  bestimmtem  Artikel)  gegriffen.  Zu- 
weilen steht  auch  qui;  bei  Bifrun:  qualis  -\-  qui. 

Joh.  XIII  26. 

oe:  Elg  es  aquel  ad  aquaeli  ch'eau  uing  ä  fporfcher  l'g  paun 
intauufchieu  aint,  B.  I  360. 
Elg  eis  aquel,    ad  aquaegli    ch'eau   veng  ä  fporfcher  Tg 
paun  intanfchieu  aint,  B.  11  371. 

Romanische  Forschungen.  XXVII.  37 


584  Karl  Hutschenreuther 

quel  ais,  ä  chi  eaii  veng  ä  fporfcher  1'  baccun    intainfchieu, 

Gr.  349  (doch  Mat.  III  3:    quaift  eis  quel,    da  quael  eis 

dit  .  .  .  Gr.  7). 
Quel  ais,  al  quel    eau   vegn   a    taindscher   aint  ed  a  der  il 

baccun,  M.  199. 
ue:  L'ais  quel,  al  quäl  eug  veng  ä  dar  il  baccun,    dapö  l'havair 

tenrchü  aint,  V.  D.  132. 
L'ais   quel,    al    quäl    eu  vegn  a  dar  il  bacun,    davo  l'avair 

tenscbü  aint,  A.  V.  129. 
ol:  Ilg  ei  quel,  alg  quäl  jou  veng  a  dar  Unna  buccada  boingiad' 

ent,  Ga.  462. 
Ilg    ei    quel,    alg   quäl   jou   veng    a  bungiar   ent  a  dar  la 

buccada,  C.  182. 
Igl  ei  quel,    al  quäl  jou  vegn  ä  dar  ina    buccada   bognad' 

ent,  F.  129. 

§  258.    'Dasjenige,  welches',  'das,  was'  beim  Neutrum  heisst: 

oe:  aque  chi,  que  chi; 

ue:  quai  cha;  ol:  quei  ca(ch'). 

Mat.  I  20. 
oe:  aque  chi  es  cuncepieu  aint  in  ella,  es  gnieu  delg  spiert  saenc, 
R.  50/1. 
aque  chi  eis   cuncepieu    aint  in  ella,    eis  gnieu    delg   Spiert 

faench,  B.  II  3. 
que  chi  eis  concepieu  in  ella,    eis  da  l'Spiert  faench,    Gr.  4. 
que  ch'.ais  in  ella  genuieu,  ais  dal  Spiert  sench,  M.  2. 
ue:  quai  ch'in    quella  ais    generä    ais  dal  Spirt   fanct,    V.  D.  2. 
quai  ch'in  quella  ais  generä,    ais  dal  Spiert  Sauet,  A.  V.  4. 
ol:  quei    ch'ei     ratfchiert    enten    ella,     ei    d'ilg    Soing    Spirt, 
Ga.  3. 
quei   ca    ei    concepieu    enten   ella,    ei    dad   ilg   soing  Spirt, 

C.  2. 
quei,  ca  ei  retschiert  enten  ella,  ei  dil  Sontg  Spirt,  F.  5, 

§  259.     ^Das,  was'    als  Neutrum  auf  einen  Satz  bezogen,    heisst: 
oe:  que  que,  quael  (quel)  chi; 
ue:  11  quai;  ol:  quei. 

Mat.  I  23. 
oe:  &  uignen  a  clamer  ses   num  Emanuel,    quel  chi  mett'   oura 
uuol  dir:  deus  cü  nus,  R.  57/9. 
&  vegne  ä  clamaer  feis  nom  Emanuel,  quael  chi  mett'oura, 
voul  dir:  Deus  cun  nus,  B.  II  3. 


Syntaktisches  zu  den  rätoroiu.anischen  Übersetzimgen  der  vier  Evangelien     585 

&  tu  vainft  ä  clamaer  fieu  nom  Emanuel:  que  mifs  oura,  voul 

dir:  Dieu  cuu  nus,  Gr.  4. 
e  parturirö  un  fig-l,    il   qiiel   sarö    nonino    Emanuel,    que  voul 

dir:  Dieu  eon  nus,  M.  2. 
ne:  e  parturira  Un  filg,   il  quäl  farä  clamä  Emmannuel:   il  quäl, 

mifs  oura,  voul  dir:  Dieu  cun  nus,  V.  D.  2. 
e  parturira  ün  figl,  il  quäl  sarä  clama  Emmannuel,   il  quäl, 

miss  oura,  voul  dir:  Dieu  eon  nus,  A.  V.  4. 
ol:  a  ven  a  parturir   Un    filg,    ilg-    quäl    ven   a   vangir    numnaus 

Emanuel,  quei  ei  eu  niefs  languaig,   Dens  cun  nus,  Ga.  4. 
la  juvantschella  ven  ä  daventar  purtonta  ad  ä  parturir  in  filg, 

ilg  quäl    ei  vengen   ä   numnar    Emanuel,    quei  ei  en  niess 

lungaig:  Deus  cun  nus,  C.  2. 
a  ven  ä  parturir  in  figl,  il  quäl  ven  ä  vegnir  numnaus  Emma- 
nuel, quei  ei  en  niess  linguaig:  Deus  cun  nus,  F.  6. 

§  260.    Als    substantivisches   Pronomen   findet    für  das   Maskulin 
Verwendung: 

oe:  'chi,  quei  chi,  ün  chi'; 
ue:  'chi';  ol:  'qu  el  ca'. 

Mat.  V  42. 

oe;  Ad  Uni  chi  dmanda  da  te,   schi  dö:  &  ad  Uni  chi  agragia 

ad  impraist,  schi  nun  saiast  cuntredi,  R.  407/9;  B.  11  17. 
A  chi  dumanda  da  te,  do:  &  chi  voul  imprailtaer  our  da  te 

nun  faialt  contrari,  Gr.  15. 
dö  a  quei  chi  t'  arova  ;    e  nun  at  volver  davent  da  quei, 

chi  voul  piglier  da  te  ad  impraist,  M.  9. 
ue:  Da  ä  chi  t'  giavüfcha,    e  nun    contradir  la  dumanda  da  chi 

voul  tour  alchüna  chiaula  ad  impraift  da  tai,  V.  D.  7. 
(Aus    dem    Italienischen    wörtlich    Übersetzt.     Di  od:    Va' 

a  chi  ti  cbiede,    e   non   rifiutar    la    domanda  di  chi  vuole 

prendere  alcuna  cosa  in  prestanza  da  te). 
Da  a  chi  't  giavüfcha,  e  non   contradir    la   dumanda   da  chi 

voul  tour  alchUna  chosa  ad  impraift  da  tai,  A.  V.  8. 
ol:  Dai  ä  quei  ca  ta  roga,    a  ta  volve   buc  navend  da  quei  ca 

vult  prender  d'amprest  da  tei,  Ga.  20. 
Dai  a  quei  ca  ta  roga,   a  ta  volve    bucca    navend   da  quei 

c  a  vult  prender  da  tei  ad  amprest,  C.  8. 
Dai  ä  quei  ca  ta  roga,    a  ta  volve  buc  davend  da  quei  ca 

vult  prender  d'amprest  da  tei,  F.  10. 

§  261.    Die    verallgemeinernden  Relativa,   welche    im  La- 

37* 


586  K^i^'l  Hutschenreuther 

teinischeo    durch  Verdopplung   {qiäsquis,   quidquid)  oder  Verlängerung 
{qiiicunque,  quilibet)  gebildet  werden,  sind  bei  Personen: 

06:  chi,  quel  chi,  scodiin  chi,  fcodtin  quael  chi; 

ue:  chi  quel  chi,  scodiin  chi; 

ol:  chi  ca. 

Mat.  V  22. 

oe:  scodiin  quael  chi  sMra  i neunter  ses  frer  sainza  chiaschun, 

uain  ad  esser  culpaunt  agli  giiidizi,  E.  352/4. 
fcodiin  quael  chi  s'ira  incunter  Teis    frer    sainza    chiaschü, 

vain  ad  esser  culpaüt  agli  giiidici,  B.  II  15, 
quel  chi  s'ira  incunter    (ieu    fraer   faiuza    caufa,    eis  obliö  ä, 

r  giudici,  Gr.  13. 
Scodiin  chi  s'adira  cunter  sieu  frer    sainza    radschun,  sarö 

suottopost  al  tribunel,  M.  7. 
ue:  chi   s'adira    süu    feis    frar    fainza    caufa,    farä    fuottopoft   al 

Jüdici,  V.  D.  6;  A   V.  7. 
ol:  Chi  ca  ven  grits  lin  fieu  frar  fenza    cafchun,    ven    ad    effer 

fottopofts  alg  Dreg,  Ga.  17. 
C  h  i  c  a  ven  grits  sin  sieu  frar  —  senza  caschun  —  ven  ä  ngir 

sottoposts  alg  tribunal,  C.  7. 
Chi  ca  ven  gritts  sin  siu   frar   senza   caschun,   ven  ad  effer 

suttaposts  al  dretg,  F.  9. 

Flir's  ue.  noch: 

Mat.  V  19: 

mo  quel  chi  l's  mettera   in   effet,   e  'Is  muffarä,    farä  clamä 

grand,  V.  D.  6. 
Ma  quel  chi  'Is  mettera  in  effet,  e  'Is  muosserä,  sarä  clamä 

grand,    A.  V.  7  (Di od:  eolui  che  gli  metterä  ad  effetto); 

und  Mat.  X  42: 

ue:  E  fcodiin    chi    haverä    dat    da    baiver    folüm    ün    bachiaer 
d'agua  fraida  ad  iin  da  quaifts  pitfchens,  V.  D.  13. 
E  scodün  chi  averä  dat  da  baiver   solum  iin   bacher   d'aua 
fraida  ad  ün  da  quaists  pitschens,  A.  V.  14. 

§  262.  Bifrun  drückt  diese  Verallgemeinerung  auch  ähnlich  dem 
Französischen  '■qui  que  c^  sott  qui'  durch  einen  Teilsatz  aus,  dessen  Verb 
im  Konjunktiv  steht.  Vielleicht  hat  ^lah  Bifrun  durch  seinen  längeren 
Aufenthalt  in  Paris,  und  infolge  seines  eingehenden  Studiums  der 
französischen  Sprache  diese  Ausdrucksvpeise  augeeignet. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzunj^cn  der  vier  Evangelien     587 

Mat.  V  19. 

oe:  Et  par  aqiie  quael  chi  fUs  cbi  gnis  ad  ainiper  ün  da  quaists 
plii  pitschens  cumandamuins,  &  in  aquellu  guisa  amussas  la 
lieud,  aquel  uaiii  ä  gnir  aniimDO  Vg  pitschan  ilg  ariginam 
celestiel,  R.  340/3;  B.  11  14. 

§  263.    Das  verallgem  einem  de  Neutrum 'alles;  was'heisst: 
oe:  que,  tuot  aque  chi  (che),  tuot  que; 
ue:  tuot  quai  cha  (chia); 
ol:  chei  ca. 

Mat.  XVI  19. 
oe:  tuot  aque  che  tu  uainst  ä  Her  in  terra,  uain   ad  esser  lio  in 

schil,  &  tuot  aque  che  tU  dschlias  in  terra  uain  ad  esser 

dschlio  in  scbil,  R.  1604/7. 
tuot  aque  che  tu   vainft  ä  liaer  in    terra,    vain  ad  effer  lio 

in  tfchel,  &  tuot  aque  che  tu    dfchlias    in    terra   vain  ad 

effer  dfchlio  in  tfchel,  B.  II  62. 
que  tu  vainft  a  liaer  in  terra,  vain  ad  effer  lio  in  Ts  tfchels: 

&  que  tu  deslias  in  terra,  vain  ad  effer  deslio  in  l's  tfchels, 

Gr.  56. 
tuot  que  tu  vainft  a  lier  sUn  terra,    sarö  lio  eir  in  tschel;  e 

tuot  qufe  tu  vainst  a  slier  sün  terra,  saro  slio  eir  in  tschel, 

M.  32. 
ue:  tuot  quai  chia  tu  haveraft  lia  in  terra  farü  liä  n'ils  tfchels, 

b  tuot  quai  chia  tu  haveraft    üia    in   terra  farä  fliä  n'ils 

tfchels,  V.  D.  22. 
(nach  Diod:  tutto  ciö  ch'avrai    legato  iu  terra  sara    legato 

ne'  cieli,  e  tutto  ciö  ch'avrai    sciolto  in  terra  sara  sciolto 

ne'  cieli). 
tuot  quai  cha  tu  averast  liä  in  terra,   sara  lia  nels  tschels, 

e  tuot  quai  cha  tu  averast  sliä  in  terra,    sara    sliä    nels 

tschels,  A.  V.  23. 
ol:  chei  ca  ti  A'-ens  a  ligiar  fin  terra,   ven  ad  effer  ligiau  enten 

tlchiel:  a  chei   ca  ti  vens  a  sligiar  fin  terra,    ven  ad  effer 

sligiau  enten  tfchiel,  Ga.  77  &  F.  25. 
chei  ca  ti  vens  ä  ligiar   sin    terra,    ven   ad   esser    ligiau    en 

tschiel;  a  chei  ca  ti  vens  ä  sligiar  sin  terra,  ven  ad  esser 

sligiau  en  tschiel,  C.  30. 

h)  Die  Kondizional-  und  Konzessivsätze. 

§  264.    Die  Konditionalsätze  werden  mit  's  cha'  (oe.  auch  's  chi') 
eingeleitet.     Diese  Konjunktion   entspricht  dem  lateio.  'si'.    Im  ue.  ist 


588  K'*^!'!  Hutschenreuther 

dieses  'scha'  zuweilen  mit  'pur'  gleich  italienischem  'se  pure'  ver- 
stärkt. Das  ol.  gebraucht  auch  die  Fragestellung  mit  Auslassung  der 
Konjunktion. 

INIat.  IV  3. 
oe:  Schi  tu  ist  filg  da  dieu,    schi   cumanda    ch'aquaistas    pedras 
duainten  pann,  R.  221/3. 
Schi    tu  eift  filg  da  Dieu,    fchi  cumanda  ch'aquaiftas  peidras 

duainten  pauu,  B.  II  10. 
Scha  tu  eft  Filg  da  Dieu,    di    chia  quaiftas  peidras  dvainten 

paun,  Gr.  9. 
Scha  tu  est  Figl  da  Dieu,  schi  di,  cha  quaistaa  peidras  dvain- 
tan  paun,  M.  5. 
ue:  Scha  pur  tu  eft  Filg  da  Dieu,   fchi  di  chia  quaiftas  peidras 
dvainten  pauns,    V.  D.  4    (nach  Diod:    Se  pur  tu  sei  Fi- 
gliuol  di  Die,  .  .  .) 
Scha  pUr  tu  eft  figl  da  Dieu,  schi  di,   cha  quaiftas    peidras 
dvaintan  pans,  A.  V.  5, 
ol:  Scha  ti  eis  Filg  da  Dens,  fcha  gi  ca  quelta  crappa  daventig 
paun,  Ga.  11. 
Es  ti  ilg  Filg   da   Dens,    scha    gi    ca    questa   crappa    daventi 
paun,  C.  5  (nach  L.:  Bist  du  Gottes  Sohn,    so  sprich,  .  .  .) 
Scha  ti  eis  il  figl  da  Deus,  schi  gi,  ca  questa  crappa  davent 
paun,  F.  7. 

§  265.  Folgen  mehrere  Konditionalsätze,  so  gebraucht  Bifrun 
slalt  'schi'  zu  wiederholen,  das  zweitemal  'cura  che',  während  die 
anderen  Übersetzer  das  'schi'  im  Wiederholungsfalle  weglassen. 

Mat.  V  23. 
^Eav   ovv  TiQoff^iQTig  to    ödöqöv  cov    int    to    &v(Tia<TTi^Qiop,    xaxei 

[ivriod-'Tjg  .   .   . 

L.:  Darum,  wenn  du  deine  Gabe  auf  dem  Altar  opferst,  und  wirst 
alle  eindenken  ,  .  . 

oe:  Et  uschia  dime  schi  tU  haes  appraschanto  lieu  dri  alg 
hutaer  par  hufiferrer,  &  cura  che  tu  ist  allö,  che  tU 
t'alguordas,  .  .  .  R.  357/9. 
Et  ufchea  dime  fchi  tU  haeft  apprafchätO  tieu  du  alg  hu- 
taer par  huiferrer,  &  cura  che  tU  eift  ajlö,  che  tu  t'al- 
guordas, ...  B.  II  15. 

§  266.    Eine  Neubildung  zeigt  Menni  in 

Mat.  XII  33. 
L.:  Setzet  entweder  einen  guten  Baum,    so    wird   die  Frucht  gut; 
oder  setzet  einen  faulen  Baum,  so  wird  die  Frucht  faul. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  clor  vier  Evangelien    589 

oe:  Supponi  cha  '1  b()S  ch  saja  buD,  schi  sarö  bun  sieii  frlit; 
0  supponi  cha  '1  bösch  saja  nosch,  schi  sarö  nosch  sieu 
frtit,  M.  23. 

§  267.  Die  Konzessivsätze,  welche  im  Lateinischen  mit  eti  am 
si,  qiiamquam,  quamvis  eingeleitet  werden,  sind  verschiedentlich 
wiedergegeben.     So  finden  wir  als  Konjunktionen: 

oe:  cumbain  (=  quomodo  -f-  bene)^    eir  schi,    et  schi    bain, 

scha,    schabain,   scha    eir   be,    schi    pur   (=  ital.  si 

pure). 
iie:  schabain,  schabain  cha  (chia),  (eine  Verschmelzung  von 

si  bene  -j-  ^^^^^  cÄe);  scha,  folüm  (=ital.  se  solo); 
ol:  cumbein  ca,    er  scha,    scha   er  mai    (=  si  -j-  etiam  -f- 

tnagis);    scha  ge,    scha  gie    (=  si  -\-  Jam);    scha  na- 

guttamai. 

Joh.  IV  2. 

L  :  "Wie  wohl  Jesus  selber  nicht  taufte. 

oe:  cübain  Jefus  fues  nu  battagieua,  B.  I  316. 

cumbain  Jefus  fues  nu  battagiaeua,  B.  II  324. 

cum  bain  el  Jefus  nun  battagiaiva,  Gr.  300. 

schabain  Gesu  non  battagiaiva  svess,  M.  174. 
ue:  Schabain  chia  Jefus  iftefs  nun  battezafs,  V.  D.  115. 

Schabain  cha  Gesu  istess  non  battizet,    A.  V.  112    (Di od: 

Avegnache  Gesu  stesso  non  battezzasse). 
ol:  Cumbein  ca  Jefus  battegiava  bucca  fez,  Ga.  401. 

cumbein  ca  Jesus  battiava  bucca  el  sez,  F.  158. 

Cumbein  ca  Jefus  battigiava  buca  sez,  F.  112. 

Mat.  XXVI  35. 

L. :  Und  wenn  ich  mit  dir  sterben  müsste,  so  will  ich  dich  nicht 
verleugnen. 

Diod:  Benche  mi  convenisse    morir  teco,    non  perö  ti  rinegherö. 
oe:  Et  schi  bain  fasches  bsüng  ch'eau  muris  cun  te  schi  nun  t' 
uoelg  eau  sthaier,  R.  2692/4. 
Et  fchi  bain  fadfches  bfoeng  ch'eau  muris  cun  te,    fchi  nun 

t'  voelg  eau  fchnaier,  ß.  II  105. 
Scha  bain   eau    ftuefs    morir    cun    te,    fchi    nun    voelg  eau 

fcbneiaer  te,  Gr.  95. 
Eir  seh'  eau    stovess    morir  cun  te,    schi   nun    at    vögl    eau 
snejer,  M.  54. 
ue:  Schabain    eug    ftuefs    murir    cun    tai,    fchi    nun  t'völg  eug 
perö  fnegar,  V.  D.  37. 


590  Karl  Hiitschenreuther 

Schabaiu  eu  stovess  murir  con  tai,  schi  non  at  vögl  eu  pero 

snejar,  A.  V.  37. 
(doch  auch  mit  chia  (cha)Mat  XXVI  33: 

Schab a in  chia    tuots    gniffen    fcandelizads  in  tai,    fchi  nun 

völg  eng  mä  brichia  gnir  fcandelizä,  V.  D.  37. 
Schabain  cha  tuots    gnissan  ^chandelizats  in  tai,    schi  non 

vögl  eu  mä  bricha  guir  ^chandelizä,  A.  V.  37.) 
ol:  Scba  ge*  jou   ftuefs  morir   cun  tei,    fcha    ta   vi  jou  bucca 

fchnagar,  Ga.  128. 
Er  sc  ha  jou  stuess  murir  cun  tei,    ta   vi  jou  bucca  schnegar, 

C.  50. 
Sc  ha  gie  jou  stovess  morir  cun  tei,   ta  vi  jou  buca  snegar, 

F.  39. 

Marc.  V  28. 

L.:  Wenn  ich  nur  fein  Kleid  möchte  anrühren,  so  würde  ich 
gesund. 

Diod:  Se  sol  toceo  i  suoi  vestimenti,  sarö  salva. 
oe:  fch'  eau  pur  tuoick  la  fia   uefckimainta,    fchi   ving   eau   ad 
effer  guarida,  B.  I  134. 
fch'  eau  pur  tuoick  la  fia   vefckimaiuta,    fchi    veng   eau  ad 

effer  guarida,  B.  II  136. 
Scha    eau    tuocck    fia    veftimainta,     fchi    veng   eau    fauna, 

Gr.  125. 
Seh'  eau    tuock    eir  be  sieu  vstieu,    schi  vegu    eau    sauna, 
M.  71. 
ue:  Seh'  eug  folüm  tuoch    fia   viftmainta,    fchi  veng  eug  fauna, 
V.  D.  48. 
Seh'  eu    sol  um    toc    sia    vestimainta,    schi    vegn    eu    sana, 
A.  V.  48. 
ol:  Scha  jou  tucc  naguttamai    fia    vafcadira,    fcha   veng  jou 
fauna,  Ga.  168. 
Scha  jou  tucca  er  mai  sieu  vastchieu,  scha  veng  jou  sauna, 

C.  66. 
Scha  jou  tucca  er  mai  sia  vestgadira,   schi  vegn  jou  sauna, 
F.  50. 

IV.  Die  Wortstellung. 

Die  Wortstellung  im  Rätoromanischen  ist  bisher  nur  immer  sehr 
8j)ärlich  behandelt  worden.  Bedauerlicher  Weise  sieht  Meyer-LUbke 
(§  753)  ganz  vom  Kätororaanischen   ab,    As  coli  (VII  p.  509—14)   hat 

*  Deutsches  'wenn  sclion'. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien     591 

sich  nur  auf  gewisse  Erscheinungen  beschränkt,  Gärtner  widmet  (Ein- 
leitung p.  XLl)  der  Wortstellung  nur  einige  Zeilen,  Morf  weist  eben- 
falls nur  auf  einige  Germanismen  hin,  Brandstetter  bringt  neuer- 
dings (§  104)  gewisse  auffällige  Stellungen  des  Schweizerdeutschen. 
Etwas  genauer  geht  August  in  '§  266—69)  auf  die  Stellung  der 
Satzglieder  ein. 

Von  den  bUndnerischen  Grammatikern  haben  im  ol.  nur  Carisch 
(p.  168— 72\  im  ue.  'Andeer  (p.  53—80)  Näheres  über  die  Wort- 
stellung gebracht. 

Was  nun  die  Wortstellung  in  den  rätoromanischen  Bibelüber- 
setzungen anlangt,  so  herrscht  hierin  grosse  Willkür,  so  dass  sich 
keine  strengen  Regeln  aufstellen  lassen.  Gewiss  ist,  dass  sich  jeder 
Übersetzer,  soweit  er  nur  konnte,  sklavisch  an  seine  Vorlage  hielt. 

So  haben  wir  im  oe.  bei  Bifrun,  Griti,  zuweilen  auch  Menni, 
im  ol.  bei  Carisch  zumeist  griechische  Stellung.  Die  ue.  Über- 
setzungen sind  fast  die  wörtliche  Wiedergabe  des  Italieners  Diodati, 
der  selbst  wiederum  häufig  gegen  seine  eigene  Sprache  sündigt,  wäh- 
rend sieh  die  ol.  Texte  (ausser  Carisch)  an  Luther  anklammern. 
Eins  aber  ist  sicher,  nämlich,  dass  sämtliche  rätoromanischen  Über- 
setzer, wo  sie  aus  der  Rolle  fallen  und  von  ihrer  Vorlage  abweichen^ 
in  der  Stellung  der  Satzglieder  unwillkürlich  durch  das  Deutsche 
beeinflusst  sind. 

§  268.  Die  allgemeine  romanische  Ordnung  bei  der  Wortstellung: 
Subjekt  —  Prädikat  —  Objekt  (je  mit  den  verschiedenen  Er- 
weiterungen) wird  von  den  rätoromanischen  Bibelübersetzern  durch- 
aus   nicht   eingehalten.     Abweichungen    davon    sind   sogar   die  Regel. 

So  tritt  mit  Vorliebe  das  Subjekt  hinter  das  Verb. 

Teils  griechischen,  teils  deutschen  Einfluss  zeigt  im  oe. 
und  ol: 

Mat.  IV  5. 

T6v€  TiaQaXafißävei  avzov  b  öidßoXog  sig  t^v  aylav  noXiv. 
L. :  Da  führte  ihn  der  Teufel  mit  sich  in  die  heilige  Stadt, 
oe:  Alhura  l'g  dimuni   l'g  ranö  in  la    sainchia    cittaed,    R.  226/7; 
&  B.  II  10. 

Alhura  1'  maina  1'  diavol  in  la  faenchia  Citaed,  Gr.  9. 

Allura  il  condüa  il  diavel  nella  sencha  citted,  M.  5. 
ue:  Lhura  il  diavel  il  tranfportet  in  la  fancta  citta,  V.  D.  5. 

Lura  il  diavel  il  transportet  nella  sancta  citta,  A.  V.  5. 

nach  Diod:    Allora  il  diavolo  lo  trasportö    nella    santa  cittji, 
(auch  Seg:    Le  diable  le  transporta  dans  la  ville  sainte). 


592  Karl  Hiitschenreuther 

ol:  Lora  ilg  manä  ilg  Giavel  ent  ilg  loing  marcau,  Ga.  11. 
Lura  ilg  manä  ilg  giavel  elg  marcau  soing,  C.  5. 
Lura  il  manä  il  giavel  en  il  sontg  mercau,  F.  7. 

Durchvregs  griechische  Stellung  zeigt 

Mat.  VIII  23. 
xai     iftßävrt    avroj    eig    xö     nXoXov,      TjxoXovd-ii(Tai^     avToJ    ol 
/iia&i^ral  avrov. 

L. :  Und  er  trat  in  das  Schiff,  und  seine  Jünger  folgten  ihm. 
Diod:  Ed  easendo  egli  entrato  nella  nuvicella,  i  suoi  discepoli  lo 
seguitarono. 

Seg:  II  monta  dans  la  barque,  et  ses  disciples  le  suivirent. 
oe:  Et  siand  antro  in  la  nef,  schi  sun  ieus  dsieua  el  ses  dis- 
cipuls,  R.  684/5. 
Et  fiand  antro  in  la  uaef,  Ichi  fuu  ieus  dfieua  el  feis  difci- 

puls,  B.  II  27. 
Et  fiand  el  ieu  in  la  naef,    Fun    feis  difcipuls   ieus   zieua 
el,  Gr.  25  (Ed  el  entret  in  la   nevetta,    e  sieus  discipuls  al 
seguitettan,  M.  14  nach  L.  oder  Diod.). 
ue:  E  fiand  el  antrat  in  la  naf,  Ichi  '1  leguitaun  feis  fcularS; 
V.  D.  10. 
E  siand  el  intrat  nella  nav,  schi  '1  sequitettan  seis  sco- 
lars,  A.  V.  11. 
ol:  A  cur  el  fö  ieus   en    la    naf,    fcha    vanginen    fes    Juvnals 
fu enter  ä  gli,  Ga.  33. 
A  cur  el  fo  passaus  en  la  nav,  savundannen  ses  juvnals 

suenter  ä  Igi,  C.  13. 
A  cur  el    fova   ius    en    la   nav,   vegninan   ses   giuvnals 
suenter  ä  gli,  F.  13. 

Ganz    antiromaniseb,    mit    teilweise    wörtlicher    Wiedergabe    des 
Griechischen  lautet  im  oe.  und  ol.  (Carisch) 

Luc.  VII  18: 

xul  ccTti^yyeiXfxp  'lamvi/rj  ol  fxad-rjTal  avTOv  ttsqI  nävTUtv  xovtoav. 
\j.\  Und  es  verkündigten  Johanni  seine  Jünger  das  alles, 
oe:  Et    diffen    ä    Johanne    l's    fes    difcij)nls    da    tuottes 
aquaiftes  chiofes,    B.  I  221  (wörtliche  Übersetzung   aus 
dem  Griechischen!). 
Et  diffen    ä    Johanne    l's    leis    difcipuls    da    tuottes 

aquaiftes  chioles,  B.  11  224. 
Et    tuottas  quaiftus  chiolfcs  hauu    lafcho  ä  favair  ä 
Joanni  feis  difcipuls,  Gr.  207. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    593 

Quaist  tuot  rappoitettan  a  Joannes   sieus  discipiils, 

M.  119. 
ue:  Mo  'Is  fculars  da   Joanne  '1  referitten  tuot   quaiftas   chiaufas, 

V.  D.  79. 
Ma  'Is  scolars  da  Gioanne  al   referittan  tuot    quaistas  chosas, 

A.  V.  78  (korrekte  Stellung   nach  Di  od:    Or  i  discepoli  di 

Giovanni  gli  rapportarono  tutte  queste  cose). 
ol:  Ad  ils  Juvnals  da  Johannes    Igi    figenan   k  faver   tut  quellas 

cauffas,  Ga.  277. 
Ad  a  Johannes  figiennen   ses  juvnals  ä  saver    tuttas 

quellas  caussas,  C.  108. 
Ad  ils  giuvnals  da  Johannes  gli  fagenan  ä  saver  tuttas  quellas 

caussas,  F.  79. 

Übereinstimmung  mit  dem  Griechischen  bezüglich  der  Nach- 
stellung des  Subjekts  sehen  wir  im  oe.  und  ue.  in 

Mat.  VI  34. 

(xqxstÖv  rfl  fj/niga  ^  xaxla  uvT^g. 

L.:  Es  ist  genug,  dass  ein  jeglicher  Tag  seine  Plage  habe. 

ue:  Et  basta  ä  scodüni  di  la  sia  fadia,  K.  546;  B.  II  22. 

e  bafta  ä  fcodün  di  fia  fadia,  Gr,  19. 
oe:  e  bafta  ä  fcodün  dy  ieis  mal,  V.  D.  8;  A.  V.  9  (indirekt 

durch  Diod.    aus    dem    Griechischen:    basta    a    ciascun 

giorno  il  suo  male). 

§  269.  Deutsche  Wortstellung  haben  wir  in  zusammenge- 
setzten Zeiten  bei  der  Stellung  des  Subjekts  zwischen  Hilfs- 
verb und  Partizip. 

Joh.  IV  52. 

(xai  einov  ai'TOj)  oit  x^^?  wQav  eßdof-iviv  cc^rjxev  aviop  6  nvQSTog. 
L.:  Gestern  um  die  siebente  Stunde  verliess  ihn  das  Fieber, 
oe:  Hijr  ä  las  fet  huras  l'abaudunö  la  feuura,  B.  I  320. 

Her  ä  las  fett  huras  l'abandunö  la  feuura,  B.  H  328. 

Hijr  ä  rhura  fettaevla  l'ho  la  feivra  lafcho,  Gr.  305. 

Her,  alias  set,  il  bandunet  la  feivra,  M.  177. 
ue:  Her  alias  fet  huras  l'ha  la  feivra  lalchä,  V.  D.  117. 

Her  ad  uras   set  l'ha  la    feivra    lafchä,    A.  V.  113    (doch 
Diod:  Jieri  a  sette  ore  la  febbre  lo  lasciö). 
ol:  Jer  a  las  fet  huras  ilg  ha  la  fevra  bandunau,  Ga.  407. 

Jer,  a  las  sett,  ilg  ha  la  fevra  bandunau,  C.  161. 

Jer,  ä  la  settavla   ura  il  ha  la  fevra  baundunau,   F.  114« 


594  Karl  Hutschenreuther 

Bifrun  gebraucht  ebenfalls  diese  Stellung. 

Mat.  n  3. 
oe;  Et  hauiand  udieu  aque,  schi  esHerodes  araig  conturblo, 
R.  79/80. 
Et  hauiand  vdieu  aque,  fchi  eis  Herodes  araig  conturblo, 
B.  n  4. 

Die  grösste  Freiheit  in  der  Trennung  von  Hilfsverb  und  Partizip 
durch  Zwischenschiebung  des  Subjekts  in  Begleitung  längerer,  näherer 
Bestimmungen  nach  deutscher  Art  erlauben  sieh  die  ol.  Übersetzer 
und  von  diesen  wiederum  besonders  Gabriel. 

Luc.  IV  40. 

L. :  Und  da  die  Sonne  untergegangen  war,  alle  die,  so  Kranke 
hatten,  mit  mancherlei  Seuchen,  brachten  sie  zu  ihm. 

ol:  Mo  cur  ilg  Solelg  mä  da  randieu,  fchi  han  tuts  quels  ca 
vevan  malfauns,  cun  da  minchia  fort  malfongias,  ils  manau 
tiers  el,  Gu.  261. 
doch:  Mo  cur  ilg  sulelg  mä  da  rendieu,  manaunen  touts  sco 
vevan  malsauns,  cun  da  tutta  sort  malsongias,  quels  tier 
el,  C.  102. 
Mo  cur  il  solegl  mä  da  rendiu,  mananan  tuts  quels,  ca  have- 
van  malsauns  cun  da  minchia  sort  malsognas,  quests  tier 
el,  F.  75. 

§  270.  Das  Akkusativobjekt  tritt  ferner  gern  an  die  Spitze 
des  Satzes,  wobei  für  das  oe.  mehr  der  griechische  Text,  für  das 
ol.  mehr  Luther  Vorbild  gewefen  ist. 

Mat.  XIII  33. 

*'^XXr}v  naqaßoXriv  iXdXi^ffsv  uvtoTg. 

L.:  Ein  anderes  Gleichnis  redete  er  zu  ihnen. 

doch  Diod:  Egli  disse  loro  un'  altra  parabola. 

Seg:  II  leur  dit  cette  autre  piirabole. 

oe:  ün  otra  sumaglia  hol  dit  ad  eis,  E.  1285/6;  B.  II  50. 

Una  otra  fumaglia  difs  el  ad  eis,  Gr.  45. 

Un'  otra  sumaglia  als  dschet  el,  M.  26. 
ue:  nach  Diod:  El  difs  ad  eis  ün'  antra  fumgenfcha,  V.  D.  18. 

El  disch  ad  eis  Un'  otra  sumgenscha,  A.  V.  18. 
ol:  ün  antra  (umelgMa  fchet  el  ad  eis,  Ga.  62. 

Inn'  antra  sumelgia  schett  el  ad  eis,  C.  24. 

In'  antra  sumaglia  sehet  el  ad  eis,  F.  21. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    595 

Mat.  XIII  34. 

Tavta  nävxa    iXäXtiGei'  o    'Iij(Tovg  iv   nagaßoXaig  roTg  ox^ok;. 
Solches  alles  redete  Jesus  durch  Gleichnisse  zu  dem  Volk. 
Auch  Diodl    Tutte  queste  cose  ragionö  Gesü  in  parabole  alle 
turbe: 

doch  Seg:  Jefus  dit  ä  la  foule  toutes  ces  choses  en  paraboles. 
oe:  Et  aquaist  tuet,    ho  Jesus  faflö  tres  sumaglias  alg  poeuel, 
R.  1289/90,  B  II  50. 
Tuot  quaist  ho  Jefus    favlo  in  lumaglies  ;i  l'poevel,  Gr.  45. 
Tuottes  quaistas  chosas    dschet    Gesu    al    pövel    in    su- 
maglias,  M.  20. 
ue:  Tuot  quaiftas  chiaufas  radlchunet  Jefus  tras  fumg;enfcha8 
al  pövel,  V.  D.  18  (nach  Diod). 
Tuot  quaistas  chosas  raschunet  Gesu  tras  sumgenschas  al 
pövel,  A.  V.  19. 
ol:  Tuot  quellas  cauffas   ha  Jesus   plidau  tras  fumelgias    an- 
cunter  ilg  pievel,  Ga.  62. 
Tuttas  quellas  caussas  plida  Jesus  tras  sumelgias  avont 

ilg  pievel,  C.  24. 
Tuttas  quellas  caussas  ha  Jesus   plidau    tras    sumeglias 
ancunter  il  pievel,  F.  21. 

§  271.  Gerne  tritt  besonders  im  oe.  nach  deutscher  Art  das 
Akkusativobjekt  zwischen  Hilfsverb  und  Partizip.  Ähnliches 
haben  wir  ja  auch  beim  Subjekt. 

Mat.  Ill  4. 
oe:  Mu    el    Johannes    hauaiua    sia     ueschkimainta    fatta    our 
d'peaus  dels  chiamels,  R.  162/4  &  B.  11  7. 

Mat.  XXI  3'. 
oe:  schi  haun  eis  qualchiün  battieu,  qualchilin  amazo  &  qual- 
chiün  aecrapo,  R.  2118/9,  B.  H  82. 

Antiken  Einfluss  aber  zeigt 

Luc.  XHI  6. 

2vxrji^  Bi^i  rii  iv  reo  dinneXcSyi  avrov  ns(fvtsvf.iivnv. 

V.  Arborem  fici  habebat  quidam  plantatam  in  vinea  sua  (vgl. 
M.  L.  §  288  u.  Zauner  §131:  habeo  caballum  comparatum  =  ich  habe 
ein  Pferd,  das  sich  im  Zustande  des  Gekauftseins  befindet). 

L.:  Es  hatte  einer  einen  Feigenbaum,  der  war  gepflanzet  in  seinem 
Weinberge. 


596  ^*'^  Hutschenreuther 

Diod. :  Un  uomo  avea  un  fico  piantata  nella  sua  vignea:  (in  der 
Urbedeutung  des  Perfekts!); 

auch  Seg:  Un  homme  avait  un  figuier,  plante  dans  sa  vigne. 
oe:  tin    hauaiua   Un    boefthc    da   figs    implantO    in   sia    uigna, 
B.  I  253/4. 
tin  hauaiua   ün    boefehg    da   figs    implanto    in    fia   vigna, 

B.  n  259. 
Un    tschert   havaiva    ün    boefch    da  fichs  in  fia  vignia  im- 
planto, Gr.  238. 
Aber:  Ün  crastiaun  avaiva  ün  bös-ch  da  fixs,  il  quel  eira  im- 
planto in  sia  vigna,  M.  138  (nach  Tjuther  oder  C arisch), 
ue:  Un  hom  haveiv'  ün  figuaer  implantä  in  fia  vigna,  V.D,91. 
Ün  hom  avaiv'  ün   figuer    implantä   in  sia  vigna,  A.  V.  89 
(nach  Diod.). 
aber  o  1 :  Ün  veva  plantau  ün  pumer  da  fies  en  fia  vingia,  Ga.  320. 

In  veva  in  figufer,  ilg  quäl  era  plantaus  en  sia  vingia,  C.  126 

(nach  Luther). 
In  haveva  plantau  in  pumer  da  fies  en  sia  vigna,  F.  91. 

§  272.  Die  Vorausstellung  des  Genitivs,  welche  teils 
durchs  Griechische,  teils  durchs  Deutsche  beeinflusst  ist,  liebt 
nur  Bifrun. 

Mat.  VI  28. 

Kai  negi  ivdvfiat  og  xl  fisgi/itpaTS', 

oe:  Et  dalla  uesckimainta  che  uulais  esser pissirus ?  R.  528/9. 
B.  II  21. 

Marc.  X  44. 
efftai  nävxdov  dovXoq. 
L.:  soll  aller  Knecht  sein, 
oe:  daia  esser  da  tuotsjamalg,  B.  I  158,  B.  II  161. 

Luc.  III  8. 
yÜYf*^  Y^9  lY/u',  oxi  dvvaxai  6  Qsog  ixxwv  Xld-oav  xovxatp  iysT- 
gai  xixva  xm  'yißQadfi. 

L.:  Denn  ich  sage  euch:  Gott  kann  dem  Abraham  aus  diesen 
Steinen  Kinder  erwecken. 

06 :  Per  che  ch'eau  dich  a  uns,  che  deus  es  puffaunt  d'aquaiftas 
pedras  da  aftdaftder  fü  filgs  ad  Abrahae,  B.  I  202. 
che  Dieu  eis  puffaüt,  d'aquaiftas  peidras  da  afchdafchdaer 
8ü  filgs  ad  Abrahae,  B.  11  205. 

Übersetzung  aus  keiner  anderen  Sprache,  sondern  deutscher 
Einfluss  liegt  wohl  vor  in  Joh.  VIII  44: 


Syntaktisches  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    597 

ort  xpsvffTrjq  iffzi  xai  6  naziiQ  avTOv. 

L.:  Denn  er  ist  ein  Lügner  und  ein  Vater  derselbigen. 

oe:  el  es  mrifner  &  da  In  mazügna  bab,  B.  I  340. 

el  eis  manfnaer  &  da  la  manzoegna  bab,  B.  II  350. 

§  273.  Der  Dativ  wird  im  oe.  und  ol.  gerne  an  die  Spitze  des 
Satzes  gestellt.  Hier  decken  sich  griechischer  und  deutscher 
Brauch,  so  dass  anzunehmen  ist,  dass  sich  die  oe- Übersetzer  mehr 
nach  dem  Griechischen,  und  die  ol  nach  dem  Deutschen  (Luther) 
richteten. 

Luc.  I  57. 

Tfj  de  'Eh(sd߀T  inXrj(T3)]  u  XQÖvoi;  rov  tsüeiu  aixriv, 
L. :  Und  Elisabeth  kam  ihre  Zeit,  dass  sie  gebähren  sollte. 
oe:  Et  es  ad  Elizabet  cumplieu  l'g  tijmp  da  parturir,  B.  I  193. 
Et  eis  ad  Elizabet  cumplieu  l'g  temp  da  parturir,  B.  II  196. 
Mu  ad  Elisabeta  eis  cumplieu  l'temp  da  parturir,    Gr.  181. 
Mo  ad  Elisabet  s'accomplit  il  temp  da  parturir,  M.  104. 
ue:  Mo'l  term  d'Elifabet  s'complit,  da  parturir,  V.  D.  70. 
Ma  '1  temp  d'Elisabet  as  complit  da  parturir,  A.  V.  68. 
(nach  Diod:  Or  si  compie  il  termine  d'Elisabet,  da  parturire). 
ol:  Mo  ad  Elifabet  vangit  cumplanieu    fieu    temps  da  parturir: 
Ga.  243. 
Mo  ad  Elisabeth  sa  cumplanitt  ilg  temps  da  parturir,  C.95. 
Mo   ad  Elisabet    vegnit  cumplaniu    siu    temps    da   parturir, 
F.  70. 

§  274.  Auch  der  Dativ  des  betonten  Fürworts  steht  durch- 
wegs vor  dem  Akkusativ.  Wenn  hiebei  nicht  immer  deutscher 
Sprachgebrauch  massgebend  war,  so  kommt  für's  ue  nur  noch  die 
Sonderstellung  des  italienischen  Horo'  in  Betracht. 

Mat.  X  1. 
L.:  und  gab  ihnen  Macht, 
Diod:  Diede  lor  podestä. 
aber  Seg:  il  leur  donna  le  pouvoir. 
oe:  schi  hol  do  ad  eis  pusaunza,  R.  844,  B.  II  33. 

ho  el  do  ad  eis  pulTaunza,  Gr.  30. 

(doch:  als  det  possaunza  M.  17). 
ue:  det  el  ad  eis  puffaunza,  V.  D.  12. 

det  el  ad  eis  pussanza,  A.  V.  13. 
ol:  fcha  det  el  ad  eis  puffonza,  Ga.  40. 

a  dett  ad  eis  pussonza,  C.  16. 

schi  det  el  ad  eis  pussonza,  F.  15. 


598  Karl  Hutschenreuther 

§  275.  Deutscher  Brauch  ist  im  oe.  und  ol.  auch  iu  der  Vor- 
stellung des  Dativs  vor  die  Prädikatsaussage  zu  erblicken. 

Luc.  XVIII  13. 

0  Qeog,  iXdd^r^Tl  f.ioc  t«  äfiagrcokM. 

L.  Gott  sey  mir  Sünder  gnädig! 

Diod:  0  Dio,  sii  placato  inverso  me  peccatore. 

oe:  Dens  saiast  pchiadus  a  mi  pchiadur,  B.  I  270,  B.  U  278. 

Dieu,  faiaft  ä  mi  pchieder  gratius,  Gr.  257. 

0  Dieu,  sajast  grazius  invers  me  pcheder,  M.  148  (nach  V.  D.). 
ue:  0  Dieu,    fajaft  abuniä  invers  mal  pecchiader,  V.  D.  98   (nach 
Diod). 

0  Dieu,  sajast  abuniä  invers  mai,  pechader,  A.  V.  96. 
ol:  0  Deus,  feigias  ä  mi  puccont  gratius,  Ga.  344. 

0  Deus  seigias  grazius  ä  mi  puccont,  C.  136. 

0  Deus,  seigies  ä  mi  puccont  grazius,  F.  97. 

§  276.  Deutschen  Einfluss  zeigt  ferner  die  Trennung  von 
Verb  und  Präposition  durch  Fürwörter. 

Mat.  XXVn  4. 

L. :  Was  gehet  das  uns  an? 

Diod:  Che  tocea  questo  a  noi? 

oe:  Che  uo  k  nus  tiers?  R.  2822,  B.  11  110;  Gr.  100. 

Che  vo  que  tiers  a  nus?    M.  57. 
ue:  Che  tuocha  quaift  pro  a  nus?  V.  D.  38. 

Che  vä  quaist  pro  a  nus?     A.  V.  39. 
ol:  Chei  va  quei  ä  nus  tiers?    Ga.  135  &  F.  41. 

Chei  va  quei  tier  ä  nus?     C.  53. 

§  277.  In  der  Stellung  adverbialer  Satzbestimmungen  ver- 
fahren sämtliche  Übersetzer  sehr  willkürlich.  Man  darf  sagen,  dass 
sich  die  oe-Übersetzer  mehr  nach  dem  Griechischen,  die  ue  stets 
nach  dem  Italienischen,  die  ol.  grösstenteils  nach  dem  Deutschen 
richteten. 

Mat.  Xn  12. 

cöCTf  e^ecTTt.  Toig  (Ta ßßaa i  xaXcog  noietv. 

L.:  Darum  mag  man  wohl  am  Sabbath  Gutes  tun. 

Diod:  Egli  e  dunque  lecito  di  far  bene    in  giorno  di    sabato. 

oe:  Es  p6  dime  suis  dis  delg  sabatts  fer  delg  bain,  R.  1076/7. 

Es  pö  dimae  suis  dis  delg  sabatts  faer  delg  bain,  B.  11 42. 

Per  que  eis  licit  fUn  1'  fabbat ts  da  faer  bain,  Gr.  38. 


Syntaktisches  zu  den  rätoromaniachen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien    599 

Uschö  aise  permiss  da  fer  del  bniu  nel  di  del  Sabbat,    M.  21 
(nach  V.  D.). 
ue:  Cuntuot    uife    licit   da    far    bain    u'il    di  dal  Sabat,  V.  D.  15 
(nach  Di  od). 
Contuot  aise  licit  du  far  bain  nel  di  del  sabbat,  A.  V.  16. 
ol:  Cuntuteiiei  dau  tieis  s'ilg  sabbath  da  far  d'ilg  bein,  Ga.  52. 
Parquei  eis  ei  lubieu  da  far  dilg  bein  ilg  sabbath,  C.  20. 
Cuntut  eis  ei  dau  tiers  sin  il  sabbath  da  far  dil  bein,  F.  18. 


Schluss. 

Wenn  wir  die  syntaktischen  Erscheinungen  kurz  zusammenfassen 
so  kommen  wir  zu  dem  Schluss,  dass  von  allen  Satzteilen  eigentlich 
nur  das  Zahlwort  von  fremden  Einflüssen  am  meisten  verschont  ge- 
blieben ist. 

Antiken  Einfluss  sehen  wir  besonders  beim  Verb  im  Gebrauch 
des  Akkusativs  mit  Infinitiv,  in  der  häufigen  Anwendung  des 
Gerundsimoe,  ferner  im  häutigen  Vorkommen  des  zweiten  Futurs 
im  ue,  beim  Substantiv  in  der  Beibehaltung  des  lateinischen 
Kasus  bei  Eigennamen,  ausserdem  bei  der  Steigerung  und  Wort- 
stellung. 

Italienischen  Einflnss  zeigt  ausgiebig  das  ue,  so  im  Gebrauch 
des  negierten  Imperativs,  des  bestimmten  Artikels,  der  Prä- 
positionen und  Konjunktionen. 

Weitaus  am  grössten  und  über  alle  drei  Dialekte  sich  erstreckend 
ist  jedoch  der  deutsche  Einfluss. 

Die  Anreihung  von  Substantiven  ohne  Präposition,  die  An- 
wendung von  Adjektiven  an  Stelle  von  Adverbien,  die  Ver- 
tauschung betonter  und  unbetonter  Fürwörter,  der  Gebrauch 
der  Präpositionen  nach  deutscher  Art,  ebenso  die  beliebte  Ver- 
bindung von  Verben  und  Ortsadverbien  und  —  last  not  least 
—  die  freie,  ungebundene  Wortstellung  nach  deutschem  Brauche 
ist  allen  Dialekten  gemeinsam. 


Romanische  Forachungen  XXVII.  38 


600  Karl  Hutschenreuter. 

Nachwort. 

Auf  meinen  Wanderungen  durch  die  rätisebe  Bergwelt  Graubündens, 
deren  Farbenpracht  scbillernden  Eises  und  trotziger  Felsen  8egantinis 
Gemälde  so  berrlich  wiederspiegeln,  babe  ich  auch  die  schöne  räto- 
romanische Alpensprache  liebgewonnen,  jene  Sprache,  welcbe  einem 
Aschenbrödel  gleich,  lange  Zeit  stiefmütterlich  bebandelt  wurde,  und 
der  erst  die  Gegenwart  die  gebührende  Achtung  zollt.  Leider  ist  dies 
schon  fast  zu  spät,  denn  mit  dem  Zunehmen  der  vielen  neuen  Schienen- 
wege, denen  kein  Alpental  heilig  ist,  und  mit  dem  Aufblühen  inter- 
nationaler Kurorte  ersten  Kanges  wie  Scbuls,  Tjirasp  und  des  raffinierten 
Luxus-  und  Sportplatzes  St.  Moritz,  werden  auch  allmählich  die  letzten 
trauten  Laute  dieser  alten  Römersprache  verklingen  \),  um,  trotz  ver- 
zweifelter Gegenbestrebungen  einzelner,  begeisterter  Verehrer,  einer 
durchgreifenden  Germanisierung  Platz  zu  machen. 

Wehmütig  sucht  der  Forscher  nach  den  letzten  vergilbten  Manu- 
skripten und  Literaturdenkmälern,  die  nun  grossenteils  aus  den  Bücher- 
schreinen und  Truhen  der  Dachkammern  verschwunden  sind.  Um  so 
mehr  mahnt  uns  dies,  noch  die  vereinzelten,  spärlichen  Reste  aus  alten 
Zeiten  mit  dem  Bienenfleisse  eines  Decurtins  zu  sammeln  und  sie 
der  Nachwelt  zu  tiberliefern. 

Immer  schon  trug  ich  den  Gedanken,  die  schöne  rätoromanische 
Sprache,  und  besonders  deren  Satzbau  einer  näheren  Betrachtung  zu 
unterziehen.  Da  war  mein  verehrter  Lehrer,  Herr  Professor  Dr.  Gott- 
fried Hartmann  so  liebenswürdig,  mir  unter  mehreren  Themen  eine 
syntaktische  Studie  zu  den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier 
Evangelien  vorzuschhigeu.  Für  diese  wertvolle  Anregung,  sowie  für 
manche  schätzenswerte  Winke  will  ich  an  dieser  Stelle  meinem,  um 
die  rätoromanische  Forschung  so  hochverdienten  Lehrer  von  Herzen 
den  innigsten  Dank  aussprechen. 

Die  vorliegende  Arbeit  soll  nun  aber  keine  vollständige  rätoroma- 
nische Syntax  bringen,  sondern,  wie  schon  der  Titel :  'Si/ntakfisches  za 
den  rätoromanischen  Übersetzungen  der  vier  Evangelien'  besagt,  will  ich 
mich  vielmehr  darauf  beschränken,  nur  eigentümliche,  beachtenswertere, 
syntaktische  Erscheinungen  der  Sprache  der  rätoromanischen  Bibel- 
übersetzungen der  vier  Evangelien  vorzufUhreu,  —  Erscheinungen,  die 
teils  dem  Rätoromanischen  allein  angehören,  teils  durch  fremden  Einfluss 
herbeigeführt  sind. 

Da  eine  solche  Arbeit  bei  der  Fülle  des  Stoffes  immer  etwas  Will- 
kürliches auf  sich  hat,  so  möge  mein  bescheidener  Versuch  mit  Nach- 
sicht aufgenommen  werden! 


1)  Älinliches  hierüber  Luzi,  p.  3 — 4;  s.  Walberg:  Avvertenza. 


Kleine  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung. 

Von 
Robert  Gros,  Frankfurt  a.  M. 


Wechsel  von  Labitilis  und  Gutturalis  im  Romanischen. 

Zunächst  gebe  ich  einige  Fälle,   bei   denen   augenscheinlich    eine 
Liquida,  zumeist  r  die  Vertauschuiigen  herbeigeführt  hat: 

Span.      gramil  >  bramil    Michaelis,  Stud.    zur    rom. 

Wortschöpfung  1876,  p.  237. 
grutesco  >  brutesco  „ 

bramido  >  gramido  „ 

brugidor  >  grugidor  „ 

bronia  >  groma  (andalus.)  „ 

Ital.        grappolo  >  dial.  varpell 

(frz.)  glisser  mant.  sblissar 
ven.     sbrissar 
brumesta  >  piem,  grUmestja 
neb'lus  >  sie.  nigghiu.     Arch.  Lat.  Lex.  IV,  131 
?  taurus  >  taguru  (Süd.-Ital.) 
laurus  >  laguru  „ 

Vegliot.  muovere  >  mugro 

s.  Bartoli:  Das  Dalmatische  II,  p.  383. 
Franz.     socerum  >  suevre 

sugrundia  >  sevronde. 
S.  über  dieses   Wort   Rüusch,  Collect,    phil.   p.   152  und  Kuhns 
Zeitschr.  XXXVII,  p.  185. 

feu  brison  —  feu  grison. 
corrogata  >  corvee. 
R  war  im  Romanischen  ursprünglich  überall  ein  Zuugen-r.  Es 
liegen  also  in  den  obigen  Fällen  entweder  Annäherungen  oder  Diiferen- 
zierungen  der  Artikulationsstellen  vor.  Bei  „grutesco"  wurde  die  Arti- 
kulation des  g  durch  die  dentale  Aussprache  des  r  beeinflusst,  bis 
schliesslich  statt  des  g  ein  b  eintrat,  d.  h.  ebenfalls  ein  im  vorderen 
Teil  des  Mundes  artikulierter  Laut.  Genau  das  Gegenteil  trat  ein  in 
Fällen  wie  „broma>  groma".     Diese  DitTerenzierung  der  Artikulations- 


()02  Robert  Gros 

stelle  fand  eine  Stütze  in  der  Tatsache,  dass  auch  das  dentale  r  velare 
Elemente  enthält'). 

Wenn  die  Erklärung  von  gramil  >  bramil  sich  als  richtig  erweisen 
sollte,  so  könnte  man  auf  der  gleichen  Grundlage  enterver  <  interrogare 
erklären.  Man  würde  dann  von  interrogare  (au  dessen  Stelle  As  coli, 
A.  Gl.  J.  III,  p.  106  ja  ein  interrogvare  setzen  wollte)  ausgehen.  Wir 
besitzen  im  Spanischen  die  Form  entergar  (s.  Michaelis  p.  237)  und 
eine  ähnliche  Gestalt  muss  das  Wort  auch  im  Altfranzösischen  gehabt 
haben.  Wir  hätten  dann  hier  denselben  Vorgang  wie  bei  gramil  > 
bramil,  nur  dass  die  Assimilation  in  umgekehrter  Richtung  stattgefunden 
haben  müsste. 

Bekanntlich    wandeln    im    Romanischen    Worte    mit    anlautendem 

germanischen  tv  diesen  Laut  in  einen  labiovelaren  Verschlusslaut.    Wir 

finden  jedoch  auch  bei  nichtgermanischen  Worten    die  Ersetzung  eines 

anlautenden  stimmhaften   Labials   durch   einen  stimmhaften  Velarlaut: 

Franz.  vallus  >  gaule  Zeitschr.   für   rom.  Phil.  XVIII,  220; 

XXI,  456 
vervactum  >  gueret 
Span,    gurujo  —  burujo  (Michael,   p.  237). 
gofetä  =  bofetada  (andalus)  „     „ 
gorracho  =  borracho  „     „ 

gunuelo  =  buüuelo 
gurro  =  burro 
Sard.     gurpe  <  vulpem  Wagner,  Südsard.  p.  34. 
Rät.       vulpem  >golpe  Gärtner  p.  188. 

vomere  >  gomer  Schneller,  Die  rom.   Volksmund- 
arten p.  90. 
gomitare 
vocem  >  gos 
Ital.       vocem  >  gosa  (lunig.)  Jahresb.  V,  I  130. 
bergam.  go lader  „ 

cors.  gulinteri  =  volontieri         „ 
?  varius  >  gajo  Kört.  1718. 

vocitare>  goita  (perug.)  P arodi, Rom. XXVII, p. 238. 

„      >  sgutä  (marchig.)     „  „         „       „     „ 

„       >  sgudare  (trent.)      „  „         ,,       „     „ 

volare  >  golare  „  „         „       „     » 

vomere  >  gomerä  etc.  „  „        „       „     „ 


1)  Vietor  (Elem.  der  Phonetik  p.  208)  sagt  vom  Zungeii-j-:  „gleichzeitige 
gutturale  Hebung  des  Zungenrückens  scheint  durch  das  Emporrichten  der 
Zungenspitze  bedingt  zu  sein".  Vielleicht  Hesse  sich  auf  dieser  Basis  eine  be- 
friedigende Erklärung  geben.  Sie  würde  sich  auf  experimentelle  Untersuchungen 
stützen  müssen. 


Kleine  lieitiiigc  zur  lomaniselien  Lautforschimg  603 

ö  vol;'i>.s  golü  Neumaiiu,  Zcitsclir.  XXVITI,  p,  300 
svilui)i)0>fc;g-iilui)i)0     „  „  „        „     „ 

vuotaro  >  govetä  „  „  „        „     „ 

Meycr-Liibkc,  Rom.  Gram.  T,  340  fuhrt  dicseu  Wundel  mit  Recht 
auf  den  velaren  Vokal  zurück.  Es  lässt  sich  jedoch  zeigen,  dass  auch 
nocii  andere  Gründe  das  Zustandekommen  dieser  Formen  begünstigt 
haben  kiiniieu. 

In  dem  Dialekt  der  Marche  (s.  Neumann -Spallart,  Zeitschr. 
XXVIII,  p.  300)  wechselt  v  mit  g,  konstant  in  „volare"  und  „volpe"; 
am  vcrbieitetsten  ist  der  völlige  Schwund.  Dieser  Schwund  der  an- 
lautenden Konsonanten  ist  natürlich  von  satzphonetischen  Bedingungen 
abhängig.  Das  heisst  v  und  (j  sind  ursprünglich  wohl  nur  in  post- 
vokalischer  Stellung  gefallen.  Es  bestand  also  nun  ein  Kampf  zwischen 
Formen  mit  erhaltenem  v  bezw.  g  und  solchen  mit  geschwundenem 
Anlaut.  In  diesem  Kampfe  haben  hier  die  letzteren  gesiegt.  In  ein- 
zelnen Fällen  jedoch  sind  die  konsonantischen  Formen  durchgedrungen 
und  dabei  sind  nun  g  und  v,  die  ja  unter  einer  bestimmten  Bedingung 
ein  gleiches  Schicksal  gehabt  hatten,  miteinander  verwechselt  worden. 
Tatsächlich  findet  diese  x\nschauung  ihre  Bestätigung:  „nna  volta"  wird 
zu  „unn  ota'-,  andererseits  wird  „una  gabbia' >  „una  (h)obbia"  und 
durch  einen  Vorgang,  den  man  in  der  Tat  nur  als  „umgekehrte  Sprech- 
weise" bezeichnen  kann,  wird  nun  „non  e  atto"   zu  „non  e  gatto". 

Wagner  in  seiner  Schrift  über  die  südsardischen  Mundarten  p.  34 
erwähnt,  dass  bei  sard.  „gurpe"  aus  „vulpem"  nicht  gut  mit  einer  Er- 
klärung aus  dem  Germauischen  durchzukommen  ist.  Vielleicht  haben 
wir  hier  die  Spuren  ähnlicher  Vorgänge,  wie  in  dem  eben  besprochenen 
Dialekt  der  Marche.  Kennt  doch  auch  das  Sardische  den  Schwund 
anlautender  Konsonanten  in  intervokalischer  Stellung:  „sa  femina"  > 
„sa  cmina",  dagegen:  „sas  femiuas"  (siehe  A.  L.  L.  XI,  p.  601). 
Immerhin  wird  sich  die  Frage  vorläufig  schwer  entscheiden  lassen. 

Bevor  ich  weitergehe,  will  ich  hier  eine  eigentümliche  Erscheinung 
aus  dem  Spanischen  erwähnen.  Bei  Worten,  die  ue  im  Anlaut  besitzen, 
entwickelt  sich  Spanisch  öfter  ein  gue,  das  bis  jetzt  noch  nicht  erklärt 
ist.  Man  kann  es  nicht  durch  germanischen  Einfluss  begreiflich  machen; 
denn  es  sind  echt  romanische  Worte,  die  hier  in  Frage  kommen.  Nun 
ist  bekannt,  dass  im  Spanischen  n  +  n  ein  ng  ergibt: 

manualem  >  mangual 
mmuare  >  menguar. 

Wenn  wir  nun  güeso  statt  hueso,  güesped  statt  huesped,  güevo 
statt  huevo,  güerto  statt  huerlo  finden,  so  lässt  sich  vielleicht  annehmen, 
dass  sich  hier  das  g  hinter  dem  unbestimmten  Artikel  „un"  entwickelt 
hat.  un  uerto,  un  uevo.  die  ja  in  der  Sprache  sehr  häufig  vorkamen, 
konnten  dieselbe  Entwickelung  wie  manualem  durchmachen. 


604  Robert  Gros 

Auf  derselben  Grundlage  wie  die  Fälle  mit  anlautendem  g  statt  v 
kann  man  nun  auch  den  Wechsel  zwischen  g  und  v  im  Inlaut  erklären 
Man  hat  da  vielfach  mit  dem  Terminus  „hiatustilgender  Übergangsiaut" 
operiert,  aber  ich  glaube  nicht,  dass  man  das  heute  noch  uls  Erklärung 
gelten  lassen  kann.  Bevor  Beispiele  gegeben  werden,  sei  ein  Hinweis  auf 
das  Lateinische  gestattet,  wo  wir  einen  charakteristischenFalldes  Schwun 
des  eines  Lautes  und  seiner  späteren  Wiederherstellung  vor  uns  haben. 
Im  Latein  ist  intervokalisches  v  zu  Beginn  der  Kaiserzeit  zunächst 
vor  u  gefallen;  dann  griff  die  Tendenz  weiter  um  sich: 

Fhivus>Flaus     CIL.  11  950 

vivus  >  vius  „     VI  3574 

(s.  Sommer,  Laut-  u.  Formenl.  p.  175). 

flavu8>flaus  App.  Prob.  62 

(s.  Schuchardt,  Vok.  II,  472). 

flavus  >  flaus  CIL.  I  277 

„    VIII,  9422 

avus>au8  App.  Prob.  29 

(8.  Heraus,  ALL.  XI,  p.  306). 

Faentiae  CIL.  III,  3582 

Paimento     „     VI,  122 

favilla  >  failla  App.  Prob. 

pavorem  >  paor  etc. 
Bei  den  vier  zuletzt  genannten  Worten  wird  der  anlautende  Labial 
dissimilierend  mitgewirkt  haben,  den  Schwund  des  v  zu  beschleunigen 
(s.  Thurneysen,  Ind.  Forsch.  IX.  Anzeig.  p.  36).  Diese  Tendenz 
vermochte  jedoch  nicht  sich  durchzusetzen.  Vielleicht  unter  literarischem 
Einfluss  wurde  das  ^;,  das  ja  auch  nur  vor  u  und  o  eine  starke  Tendenz 
zu  fallen  gezeigt  hatte,  wieder  befestigt.  Man  hatte  „vius"  aber  „vivi". 
Von  vivi  aus  ist  dann  aber  auch  vivus  neu  gebildet  worden. 

Ganz  ähnlich  muss  die  Entwicklung  im  Romanischen  vor  sich  ge- 
gangen sein.  In  der  Tat  finden  wir  auf  allen  Gebieten,  auf  denen  v 
und  g  im  Inlaut  wechseln,  dass  unter  gewissen  Bedingungen  beide 
Laute  die  Tendenz  zeigen,  völlig  zu  schwinden.  Diese  Tendenz  ist 
aber  nirgends  zum  Durchbruoh  gekommen.  So  glaube  ich  denn,  dass 
wir  in  den  meisten  der  hier  folgenden  Fälle  verkehrte  Rekonstruktionen 
zu  sehen  haben.  Ausserdem  aber  halte  ich  es  für  möglich,  dass  bei 
einigen  der  hier  in  Betracht  kommenden  Worte  Allegroformen  mit  ge- 
schwundenem und  Lentoformen  mit  erhaltenem  Konsonanten  neben- 
einander existierten.  Bei  den  Formen  mit  anlautendem  g  statt  v  war 
der  Grund  fUr  die  Verwechselung  darin  zu  suchen,  dass  in  intervokali- 
scher  Stellung  beide  gefallen  waren,  hier  im  Inlaut  hätten  also  die 
gleichen  Allegroformen  zu  einer  Verwechselung  der  verschiedenen 
Lentoformen  fuhren  können. 


Klciuc  Ik'itijigc  zur  lomaiiiaelicn  Lautforscliung  605 

Beispiele: 

Nebeneinander  Sj)un.    fabuoo  <  faguco 
jabcga  — jiibeba 
calabozo  —  calagoxo 
caoba  —  caoga 
marabuto  —  maraguto 

(s.  Michaeli.s,  Stud.  p.  237). 
Beifabucoausfaguco  ist  das  6  offenbar  durch  Dissimilation  entstanden, 
rimi.    nebula>  negura  ALL.  IV  130. 

favulus>  fagur  Tiktin,  Elem.  p.  69. 
Rät.    cigola,  nugola  rugolar 

Sclineller,  Rom.  Volksmundart  p.  90. 
Sard.  pajura  s.  Wagner  p.  25. 
Für  das  Frunzösiscbe  verweise  ich   auf  die  Karten  „profond"  und 
„dedans"  des  .,Ath'.s.  ling."  (Gart.  1095  u.  381)  die  im  8iiden  zahlreiche 
Formen  mit  g  aufweisen. 

Ital.:  pagura  Arch.  glott.  XIV;  p.  231. 
meutogar  ,,  „         „  „ 

doghexe  neben  doexe  „  „ 

colego        „        coleo    „  „ 

rubiis  >  rovo,  rogo 

jugum>giovo,  giogo  Meyer-L.-d'Ovidio  p.  107. 
fravola >  fragola  Neumann,  Zeitschr.  XI,  p.  45. 
Uvula  >  ugola 
stiva  >  stegola  (?) 
pavonem  >  pagone 
frivolus  >  frigolo 

.sebum>sego  Kört.,  Lat.-Rom.  W.  8549. 
äucfiva  =  acciuga  Zeitschr.  XIV,  p.  154. 
doga>dova     Meyer-L.,  It.  Gr.  p.  122. 
fagus>favo  „  „     „     „       „ 

cipolla>  sigolla        „  „     „     „       „ 

regond,  legüt  „  „     „     „       „ 

rovora  >  rogora        „  „     „     „    125. 

pav.  milan.-legora    „  „      „     „ 

Siz.:  pogiru,  agunanza,  nugolo,  pagolino, 

papavero >  papaghero  Salvioni,  Jahresb.  IV,  I  168- 
meta  >  mega  (padov.)  „  „         „     „     „ 

Nach   Meyer-Lübke    sind    auch   sciagura    und  agosto  sekundär 
gebildet. 

uva  >  liga  Salvioni,  Dial.  di  Milano  p.  212. 
bergam.  nigola  M.-L.,  Rom.  Gr.  I,  443. 
„        legor         „         „        „    „     „ 


606  Robert  Gros 

Dass  die  Einschiebung  des  g  nicht  direkt  von  dem  Labial  ab- 
hängig ist,  zeigt  die  Tatsache,  dass  es  öfters  auch  an  Stelle  von  Den- 
talen vorkommt. 

credulus  >  cregul  Bergell,  s.  Zeitschr.  VllI,  p.  194. 

sudorem  >■  sügur  etc. 
Wenn  es  erlaubt  ist,  aus  einem  andern  Sprachgebiet  eine  analoge 
Erscheinung  heranzuziehen,  so  möchte  ich  auf  das  Bretonische  bin 
weisen  (s.  Ernault,  Mem.  de  la  Soc.  ling.  VI  431,  Vil  496).  Hier 
kommen  Verwechslungen  vor  zwischen  b,  g  und  m.  Diese  Erscheinung 
beruht  wohl  auf  einer  Tatsache,  die  der  von  uns  ausgesprochenen  Er- 
klärung zur  Bekräftigung  dienen  kann.  Die  drei  erwähnten  Laute 
können  nämlich  im  Bretonischen  sich  in  v  verwandeln.  Dieses  gleiche 
Schicksal  hat  wohl  auch  hier  zu  ihrer  Identifizierung  und  später  zu 
ihrer  Verwechslung  geführt. 

Über  „soif"  uud  Verwandtes. 

Die  Frage  des  Wandels  eines  auslautenden  französischen  Dentals 
zur  labialen  Spirans  ist  von  Gröber  (Zeitschr.  II,  459)  behandelt  worden. 
Er  meint,  bei  soif  und  blef  sei  die  labiale  Spirans  rein  graphischer 
Natur  und  auf  analogische  Beeinflussung  zurückzuführen,  bei  den  mit 
dem  germanischen  Suffix  „-bod '  zusammengesetzten  Eigennamen  habe 
das  französische  Wort  „boeuf"  eine  starke  Einwirkung  ausgeübt ;  „fief" 
aus  „feod"  führt  er  auf  „fiever"  zurück  und  betrachtet  es  als  deverbales 
Substantiv. 

Dieser  Anschauung  trat  Gaston  Paris  entgegen,  (Rom.  VIII,  135) 
und  er  glaubte  stets,  dass  hier  ein  rein  phonetisches  Problem  vorliege, 
nämlich  der  tatsächliche  Übergang  von  t  bezw.  d  zu  /.  Vgl.  Paris, 
Journ.  desSavants  1900,  p.  365,  wo  er  jedoch  keine  befriedigende  lautliche 
Erklärung  gibt.  Es  ist  zur  Erklärung  von  „soif"  die  analogische  Ein- 
wirkung von  „boif"  angeführt  worden.  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass 
dieses  Wort  auf  soif  gewirkt  haben  kann.  Aber  es  soll  gezeigt  werden, 
an  welchem  Punkte  diese  aualogische  Wirkung  einsetzte.  Wir  besitzen 
jetzt  ein  gewichtiges  Argument  gegen  Gröbers  Auffassung  unseres 
Problems,  nämlich  die  Karte  soif  des  „Atlas  linguistique"  (Karte  I).  Sie 
zeigt,  dass  soif  heute  ein  /  auf  einem  geographisch  zusammenhängenden 
Gebiete  besitzt.  An  eine  rein  graphische  Entstehung  des  /  kann  man 
schon  angesichts  dieser  Tatsache  nicht  glauben. 

Den  richtigen  Weghat  Varnhagen  (Zeitschr.  X,  299)  eingeschlagen. 
Er  behandelt  dort  die  französischen  Worte  mit  auslautendem  Dental, 
die  im  Englischen  auslautende  dentale  Spirans  zeigen:  feit  >  feith, 
maugreth  etc.  Dieses  auslautende  th^  das  im  Französischen  schon  in 
einer  sehr  alten  Zeit  existiert    haben    muss  (Zeitschr.  XX,  p.  322),   ist 


Kleiue  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung  607 

im  Laufe  des  elften  und  zwölften  Jahrhunderts,  zuerst  im  Normannischen, 
geschwunden.  Bei  dem  Schicksal  dieser  auslautenden  Spirans  werden 
satzphonetische  Verhältnisse  eine  starke  Einwirkung  gehabt  haben. 
th  ist  wohl  zuerst  da  entstanden,  wo  ihm  ein  vokalisch  anlautendes 
Wort  folgte.  Es  wurde  dann  verallgemeinert  und  auch  in  antekonso- 
nantiseher  Stellung  gebraucht.  Dann  trat  eine  neue  Spaltung  in  ante- 
konsouantische  und  autevokalische  Formen  ein  und //nst  wahrscheinlich 
zuerst  vor  konsonantischem  Anlaut  gefallen.  Erst  auf  der  Etappe  th 
setzte  die  aualogische  Beeinflussung  ein.  Und  hier  gab  die  Analogie 
nur  einen  Grund  mehr  für  einen  Lautwandel,  der  auch  sonst  romanisch 
durcbaus  nichts  Unerhörtes  ist.  Bevor  ich  zu  diesen  Beispielen  über- 
gehe, will  ich  noch  eine  Anzahl  Belegstellen  für  das  Vorkommen  der 
Formen  mit  /  geben. 

soif  (im  Reim),  Eust.  le  moiue,  s.  Rom.  XVIII,  328. 
bod  >  beuf,  Limbof,  XL  Jahrhundert, 

s.  Joret,  Melauges  de  phon.  norm.  p.  XXXI V. 

Apfel  St.,  Lothr.  Psalter,  Altfr.  Bibl.  IV: 

soif  41,  2 

pechief  105,  36 

nif  83,3;  103.17;   103,18 

muef  prolog.  2,  8 

nif,  Miracle  de  Notre  Dame  VIII,  169 

allod>alleuf,  burgund.  Frz.  Stud.  VII,  117 

blef  (aber  ny),  Foerster,  Lyon  Ysop,  1963  u.  131 

blef  und  ble,  Gottschalk,  Mundart  v.  Provin  p.  36. 

Um    den    Wandel   von   th  >  /  begreiflich  zu    machen,    lässt   sich 
schon  das  Altitalische  anführen: 

gr.  dvfioq      altiiid.  dhümas  entspricht  lat.  fumus 
gr.  eQvd^go'g    umbr.  rufru 
lat.  medhis     osk.      mefiai 

lat.  aedes        osk.      Ailfineis  {Yg\.  Mem.  Soc.  Ling.  VI,  p.  223). 
Siehe  auch:  german.  fliehen  =  got.  ))liuhan 
flehen  =  got.  plaihan. 
Beiläufig  sei  aus  dem  Albanesischen  erwähnt: 
Savfia  '^favmäs 
&QOvoq  '^  fron 
ital.  sica  >  &ixe  >  fik  etc. 

(Jahresber.  des  rumän.  Sem.  X,  p.  39.) 
Auch  das  Rumänische  kennt  die  gleiche  Entwicklung: 
gr.  Xoyo9sT7j<;  >  logofat, 

Tiktin,  Elementarb.  p.  54. 


608  Robert  Gros 

Gerade  der  Vergleich  mit  dem  Rumänischen  scheint  darauf  hinzu- 
deuten, dass  der  Wandel  von  th'y  f  auf  einer  Stufe  eintrat,  wo  die 
Artikulationsstärke  des  th  schon  sehr  herabgesunken  war,  d.  h.  wo  es 
wenig  mehr  als  ein  Hauchlaut  war.  Das  Rumänische  kennt  nämlich 
den  Wandel  von  h  >  /'): 

prah  >  praf 

vrah  >  vraf,  Popovici,  Rum.  Dial.  I,  123. 
bulg.  hlaku  >  rum.  fläcäii 
vruhu  —  virf 

prah  —  praf,  Tiktin  p.  53. 
Über  ^>/siehe  ferner  Weigand,  Sprache  der  Olympo-Walaclien 
p.  48. 

Tn   ganz  besonderem  Masse  geeignet,    unsere  Anschauung    zu    be- 
stätigen, ist  das  Rätische.     Gärtner,  Rät.  Gram.  p.  187  gibt  für  Colle 
die  Form  ,,sef'  (s?7/s)  für  Obcr-Comelico  dagegen  die  Form  „seidi". 
Ferner  gehört  wohl  hierher: 

rät.  nodus  >  nuff,  Rom.  Forsch.  XIV,  589. 
wo  jedoch  Looser  das  /  als  „hiatustilgend"  bezeichnet. 

Aber  aus  dem  Französischen  selbst  bietet  der  „Atlas  liuguistique" 
zahllose  Fälle  des  Wandels  einer  dentalen  Spirans  zur  labialen. 


Cent  >  fwä 

Carte  211    N. 

967 

„     >f^ 

11       11       11 

958 

cing  >  fe  etc. 

11     2892) 

sanglier  >  feghfr 

„    1188   N. 

937 

fraise  >  fref 

„     608     „ 

192—94 

maison  >  mafn 

„     791     „ 

956 

ensemble  >  äfäble 

„     464     „ 

957 

„        >  efwfeblc 

11       11       11 

967 

chanson  >  tsäfu 

11     -^^1     11 

968. 

Dieses  Wort  verdient  eine  besondere  Berücksichtigung.  Denn  ausser 
der  obenstehenden  Form  finden  sich  noch  andere  sehr  merkwürdige 
Gestaltungen : 

tsählo  977 

fäsS  (s  =  »)  959 

safö  Hautc-Savoie 

sasö  953 

säö  963 

fäu  973. 

1)  Vgl.  frz.  freux  zu  gerni.  hrok,  frimas  zu  germ.  liriiii. 

2)  Hier  sei  bemerkt,  dass  bei  cinquante  (Carte  291)  die  Tormeu  mit  /  nieht 
auftreten.  OiVenbar  repräseutiert  eiiKj  als  das  h  ä  iif'igere  Wort  die  volks- 
tümliche Entwicklung.  Oder  sollten  dabei  phonetische  Dinge  z.B.  der  Akzent 
eine  Rolle  spielen? 


Kleine  Beitrüge  zur  loraanischen  Lautforschung  609 

Wenn  sich   jetzt  noch   das  anlautende  /  über  h  verflüclitigt,   dann 
sind  die  Konsonanten  von  cantionem  sämtlich  verschwunden! 
avancer  >  ävafi  Carte  77  N.  *.)57 
neptia  >  ijese  >  nefe  Carte  Uli  (Savoie) 
noce  >  nöfe  „      913 

lait  >  läse  >  läfe  „       746  (II.  Savoie) 

bo8su>bofu  „      149  N.  945,  940  etc. 

place  >  plafe  „     1204. 

Man  vergl.  ferner  rateau  (Carte  1132),  poussiere  (C.  1078),  puisse 
(1085),  secher  (C.  1210)  und  viele  andere. 

Der  Wandel  eines  dentalen  oder  interdentalen  Spiranten  >  /ist  also 
französisch  durchaus  nichts  Ung-ewöhnliches. 

Noch  einige  Worte  über  analogische  Wirkungen,  die  hier  statt- 
gefunden haben.  Der  „Atlas"  bietet  im  Süden  des  „soif- Gebietes" 
Formen  mit  auslautendem  r.  Ich  glaube  nicht  zu  weit  zu  gehen,  wenn 
ich  für  die  Erklärung  dieser  Formen  den  Infinitif  „boire"  heranziehe. 
Und  diese  Anschauung  findet  ihre  Bestätigung  dadurch,  dass  an  einigen 
Punkten  „soif'  durch  envie  de  boire  völlig  ersetzt  worden  ist.  (Siehe 
Gauchat  in  Melanges  Chabaneau  p.  871  ff)  Wenn  sich  ausserdem 
im  Südosten  Formen  mit  nasaliertem  Vokal  vorfinden,  so  haben  wir 
vielleicht  hier  eine  Einwirkung  des  begrifflich  eng  assoziierten  „faim" 
vor  uns.  Ob  die  Analogie  mit  „faim"  der  alleinige  Grund  für  diese 
Erscheinung  ist,  muss  dahingestellt  bleiben. 

Jeanjaquet  Festschr.  für  Morf,  p.  290  gibt  Beispiele  für  f: 

luef  (locu) 
juef  (jocu) 
Chief  (casa) 
clochief  (cloccariu) 
teif  (tectu) 
lief  (lectu) 
ebrief  (hebraeu). 
Diese  Beispiele,  deren  /"Jeanjaquet  als  „non  etymologique"  be- 
zeichnet, unterliegen  verschiedener  Beurteilung. 

Für  „luef"  und  ,  juef"  muss  man  wohl  nach  dem  Vorgang  von 
Fr.  Neumann  von  der  antevokalischen  Form  „lueu",  „jueu"  ausgehen. 
(siehe  habuit).  Diese  Formen  erhielten  vor  konsonantischem  Anlaut  und 
in  Pausa  gebraucht  den  stimmlosen  Endkonsonanten. 

„teif",  „lief"  würden  unter  die   oben  vorgetragene  Erklärung  von 
„soif"  fallen,     „ebrief"  verdankt  wie  „juif"   sein  /  einem  Suffixwandel 
ebraeu  >  ebriu,  iue  beeinflusst  durch  antiu,  antive  (oder  ähnl.). 
ergibt:  ebrieu,  cbrive,  dieses  beeinflusst 
durch:  attentif,  ive  etc. 
ergibt:  ebrief,  ebrive. 


610  Robert  Gros 

Schciübar  unvermittelt  gehe  ich  hier  zur  Besprechung-  von  Fällen 
über,  in  denen  sich  statt  des  Dentals  ein  auslautender  /c-Laut  zeigt. 
Wir  haben  also  französisch  nicht  nur  „nid"  >  „nif",  sondern  auch 
„nid"  >  „nik".  Ich  werde  später  ver.suchen,  diese  beiden  divergierenden 
Tendenzen  in  Zusammenhang  zu  bringen. 

Es  ist  ohne  weiteres  klar,  dass  in  nid  >  nik  nicht  ein  Übergang 
von  d^  k  vorliegt.  Ich  wüsste  nicht,  wie  man  einen  solchen  phone- 
tisch wahrscheinlich  machen  wollte.  Das  k  niuss  also  aus  dem  Vokal 
entstanden  sein,  wenn  es  lautlichen  Ursprungs  ist.  In  der  französischen 
und  rätischen  Schweiz  sind  solche  „parasitischen"  Palatal-  und  Velar- 
laute längst  bekannt  und  registriert  worden.  Für  Frankreich  gibt  jetzt 
der  „Atlas"  neues  Material.  Wenn  ich  im  folgenden  die  rätischen 
Beispiele  an  die  Spitze  setze,  muss  ich  dazu  zweierlei  bemerken.  Ein- 
mal, dass  die  Erscheinung  im  rätischen  noch  lange  nicht  genug  er- 
forscht ist,  um  mehr  als  andeutungsweise  behandelt  zu  werden.  Wie 
Morf  (Archiv  119,  p.  402)  in  seinem  Basler  Vortrag  erwähnte,  ist  sie 
im  Tessin  noch  zu  entdecken.  Zweitens  ist  es  nicht  auszumachen, 
welcher  Zusammenhang  hier  zwischen  der  rätischen  und  der  franzö- 
sischen Schweiz  besteht.  Dreht  es  sich  um  selbständige  Entwicklung, 
die  hier  und  dort  zu  demselben  Resultate  führte,  oder  liegt  ein  tieferer 
Zusammenhang  vor?  Ohne  dieser  Frage  näher  zu  treten,  glaube  ich, 
dass  wir  die  Erscheinungen  in  der  gleichen  Weise  erklären  müssen, 
weil,  wie  ich  meine,  die  gleichen  phonetischen  Bedingungen  für  beide 
gelten. 

Hier  eine  Reihe  von  Beispielen  aus  Gärtner,  Rätorom.  Gram.; 

pensnm  >  p^ks  (Bergün) 

lepus  >  legvra  (Samaden,  p.  174) 

sebnm  >  seif 

>  sekf  (Schweiningen) 

sera  >  segra 

sex  >  s§i8>  seks 

filu  >  feil  >  fekl  (Bergün) 
„         „   >  fikl  (Samaden) 

dies>deks  (Schweiningen) 
„     >  dzeks  (Bergün) 
„     >  diks  (Oberengadin) 

sitis  >  sekt  (Samaden  u.  Bergün)  soif ! 

treis>  treks        „  „         ?, 

vivere  >  vegver  (Bergün) 

„      >  vigver  (Samaden,  Scanfs) 

camisia  >  txamigza  (Sam.,  Berg.) 

obscurus  >  stxikr  (Schweiningen,  Berg.) 

lepus  >lyokr  (Berg.) 


Kleine  Beiträge  zur  romanisclion  Laiitforscluing  6[t 

nivem>iiekf  (Schweininger,  Berg.) 
vetulii  >  vekla  (Noiisberg) 
Stella  >  steg-k  (Berg.)  ^ 

Und  ferner: 

Ovum  >  okf  (Bergün) 
lupUH  >  lokf  (Schweiniugen) 

„     >  lukf  (Bergün) 
hora  >  iigru  (Samaden) 
vocem  >  vuks  (Öchweiuingen) 

„      >  vüks  (Bergün,  Saiuud.,  Scanfs) 
novem  >  nokf  (Samaden) 
uva>egva  (Bergün). 

Hier  fällt  zunächst  das  abwechselnde  Vorkommen  von  k  und  g  ins 
Auge,  Es  bildet  jedoch  keine  Schwierigkeit.  Denn  k  steht  durchweg 
vor  stimmlosen,  g  vor  stimmhaften  Lauten.  Was  nun  die  Erscheinung 
selbst  angeht,  so  möchte  ich  vorschlagen,  darin  eine  besonders  weit- 
gehende Diphthongierung  zu  sehen.  Jede  Diphthongierung  ist  eigent- 
lich eine  Differenzierung.  Aus  einem  einheitlichen  Laut  entstehen 
zwei  verschiedene  Laute.  Und  zwar  tritt  zunächst  Zweigipfelig- 
keit  des  Akzentes  ein.  Dann  fällt  das  Hauptgewicht  dem  einen 
der  beiden  Akzente  zu.  Erst  infolge  dieser  Akzentdififerenzierung 
tritt  nun  auch  eine  qualitative  Veränderung  der  Vokale  ein.  Diese 
qualitative  Differenzierung  ist  nun  in  den  Fällen,  die  uns  be- 
schäftigen, so  weit  gegangen,  dass  z.  B.  aus  ei  ein  ek  werden  konnte 
Bei  ei  hebt  sich  die  Zunge  nach  dem  Palatum  hin.  Der  phonetische 
Vorgang  war  nun  der,  dass  die  Zunge  dem  Palatum  so  weit  genähert 
wurde,  bis  sich  ein  palatales  Reibegeräusch  {ch  in  ,^ich^^)  eiubiellte. 
Dieser  Geräuschlaut  hat  sich  dann,  wie  ich  vermute,  zuerst  vor  Konso- 
nanten, zu  einem  Verschlusslaute  gewandelt.  Was  nun  Fälle  wie 
Ovum  >  okf  angeht,  so  liegt  hier  eben  derselbe  Vorgang  vor,  nur  dass 
wir  statt  der  palatalen,  velare  Laute  haben. 

Unter  welchen  Bedingungen  konnte  sich  nun  dieser  eigentümliche 
Lautwandel  einstellen?  Ich  denke,  dass  er  von  der  Betonung  der  Worte 
im  Satzzusammenhange  abhängig  ist.  Bei  starker  Akzentuierung  und 
besonders  in  Pausa  wird  er  sich  wohl  zuerst  gebildet  haben.  Diese  An- 
schauung wird  weiterhin  noch  ihre  Bestätigung  finden. 

Wenn  ich  nun  zu  den  französischen  Beispielen  übergehe,  so  findet 
sich  für  diese  keine  andere  Erklärung  als  für  die  rätischen.  Im  Wallis 
ist  die  Tendenz,  ,.parasitische''  A;-Laute  hervorzubringen,  so  stark,  dass 
diese  Laute  bis  in  die  flexivischen  Elemente  eingedrungen  sind.  Man 
vergleiche  hier  die  Beispiele,  die  sich  bei  Z immer li.  Die  deutsch- 
franz.  Sprachgrenze  und  Lavallaz,  Le  patois  d'Herömeuce,  sowie  im 


Q^2  Robert  Gros 

„Atlas  liog."  findeu.    Der  Schweizer  Sprachatlas  wird  natürlich  ein  viel 
reicheres  Material  liefern. 

Zimmerlilll,  152;  venire  >  enek,  venek  (Chaley,  St.  Luc) 
amicum  >  amek  (Chaley,  8t.  Luc) 
„       >  amik  (Evolene,  Pinsec) 
sitim  >  sek  (Evol,,  Chaley,  Pinsecj 
digitum  >  dek  (St.  Luc) 
ripa  >  rrgva  (Chal.,  Pins.) 

„    >  regva  (St.  Luc) 
(reiva  Montana!) 
leporem  >  ligvra  (St.  Luc) 
libram  >  ligvra  (Evol.,  Pins.) 

,,       >  ligbra  (Chal.) 

„       >  legvra  (St,  Luc)  (lei.vra  Montana!) 
frigidum  >  frek,  directum  >  drek        (Evolene) 
tectum  >  tek,  ptsum  >  pek,  pilum  >  pek     „ 
uivem  >  nek,  nek  (Evol.,  Chal.,  Pinö.) 
punectum  >  punek  (Chal.,  St.  Luc) 

„         >  punik  (Pins.) 
vivere  >  vigvere  (Evol.,  Pins.) 

„      >  vigbere  (Chal.) 

„      >  vegvere  (St.  Luc) 
(veivere  Montana) 
legere  >ligre  (Evol.) 

„      >  iTgere  (Pins.) 

„      >  legere  (St.  Luc.) 
rationem  >  regzö  (Evol.) 
noctem  >  nek  (Chal.) 
gelosum  >  zalök  (Evol.) 
lupum  >  lök  „ 

nepotem  >  neok        „ 
paucum  >  pük  (Montana) 
nudu>  nük  (Evol.) 
vendutu  >  venduk  (Evol.) 
*vidutu  >  viuk  etc.  (Evol.) 
duru  >  duk  (Chal.,  St.  Luc) 
maturu>  ma(u)k  „ 

„       >  mavuk  (Pins.) 
nodum>nöks  (Evol.) 
nö(u)  (Chal.  Pins.) 
>  nül  Montana') 

1)  Für  nül  weiss  Ziuamerli  keine  Erklärung  zu  geben.     Vielleicht  ist  die 
folgende  anuehnibur:  Wie  ;uia  Zimiuerlia  Listen   hervorgebt,   wandelt   sich  in 


Kleine  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung  613 

caldariam  >  tsugdire  (Chal.,  8t.  Luc) 
>  tso^dire  (Evol.) 

o 

ascuItaro>  ahokta  (Chal  )axokta(Pins.,  8t.  Luc) 

eultellu  >  kukte  (8t.  Luc) 

falciculam>  foksele  (Cbal.) 
„  >  fuksile  (Pins.) 

pulvis  >  püksa  (Kvol.) 

auriculaiii  >  og-reic  „ 
autumiius  >  oktou  „ 
(outou  Freiburg-). 

Ein  merkwürdiges  Faktum  soll  niclit  unerwähnt  bleiben.  Neben 
den  Formen  mit  k  und  g  treten  nämlich  in  Montana  (Wallis)  auch 
solche  mit  p  und  h  auf.  Freilich  nur  bei  den  mit  Lip])enruudiing  ge- 
sprochenen Vokalen  o  und  n. 

(Zim.  III,  154)  caldariam  >  tsubdire 
a8cultare>  ahppta 
pulvis  >  pupsa 
nudus  >  niip. 
Ferner:  vt^ndiip,  perdnp 

vu  >  jüp. 
Ferner:  Atlas 7ing.  C.  103  N.  979 
abutu  >  äQp 

eredutu  >  krfip  Carte  364  N.  979  etc. 
Bei  0  und  n  werden  die  Lippen  genähert.  Wie  also  bei  jenen 
andern  Formen  unter  den  erwähnten  Bedingungen  das  i  bis  zum  Palatum 
und  das  o,  n  bis  zum  hinteren  Teil  des  Gaumens  rückte,  um  schliess- 
lich Verschlusslaute  zu  bilden,  so  wird  hier  die  Annäherung  der  Lippen 
bis  zur  Bildung  eines  labialen  Verschlusslautes  geführt.  Beide  Er- 
klärungen scheinen  einander  zu  bestätigen. 

Eine  grosse  Sammlung  von  „/c- Formen''  findet  man  in  dem  erwähnten 
Buche  von  L  a  v  a  1 1  a  z  p.  180. 

In  Heremence  findet  sich  das  k  in  den  allerhäufigsten  Endungen 
bei  -osu^  etil  z.  B.  gloriok  etc.  in  Verbalendungeu :  -ere^  -ehat^  Ire 
ütu  u.  s.  w. 

Zu  diesen  Beispielen  füge  ich  jetzt  eine  Reihe  aus  dem  „Atlas  ling." 
Sie  stammen  sämtlich  aus  der  französischen  Schweiz: 


den  Orten,  aus  denen  seine  Aufzeichnungen  stammen,  die  „1  mouill6e"  häufig 
in  d  und  d  (stimmh.  dent.  Spir.).  Unter  dem  Einfluss  der  Schrift8pr;\che  ist  nun 
diese  Lautentwicklung  vielfach  wieder  beseitigt  worden.  Dabei  ist  aber  nun 
das  d  von  nodus  mit  in  diesen  Entäusserungsprozess  geraten  und  so  zu  1  ge- 
worden.    Es  ist  also  ein  Fall  von  Überentäusserung-. 


Robert  Gros 

Carte 

103 

N.  989 

H 

103 

„    988 

?: 

143 

„    988 

n 

143 

„    963 

n 

143 

„    988-89 

krük        „ 

364 

„    988-89 

J7 

402 

„    979,  989 

r 

402 

„    988 

n 

402 

„    988-89 

n 

427 

„    989 

» 

429 

„    989 

» 

446 

„    988  etc. 

)i 

466 

„    979,  989  etc 

614 

il  y  a  eu  >  aük 
„  >  iik 
buvait  >  bivek 
>  bevek 
cul  >  kük 

cru  (crudii8)>  k^ük,  krük 
du  >  dyuk 

r  >yuk 

doigt  >  dek 
droite>  drekte 
dur  >  duk 
ecrire  >  ecrigre 
auditns  >  äwik 

Die  gleiclien  Erscheiimugen  treten  ferner  auf  bei  den  Karten:  je 
nie  suis  (500),  fieelle  (564),  fil  (567),  foire  (587),  11  jure  (738),  il  lit 
(774),  mari  (814),  milieu  (856),  mois  (868),  mur  (890),  neige  (903),  neveu 
(907),  oreille  (946),  paroi  (973),  pays  (983),  pelure  (993),  pipe  (1019), 
pois  (1050),  poivre  (1053),  j'ai  pris  (1090),  puits  (1104),  sauter  (1198), 
8u  (1203)  und  bei  einigen  andern,  die  noch  zur  Sprache  kommen.  Sehr 
interessant  ist  der  Gegensatz  der  Karten  „lui  lu-bas"  (784)  und  „et  que 
nous  lui  rendions"  (785).  Nur  die  erstere  nämlich  zeigt  Formen  wie 
IwTk  (N.  979),  lik  (N.  989).  Offenbar  hat  eben  nur  die  betonte  Form 
den  ,,para8itiscben"  Ä;-Laut  entwickelt. 

Ich  wende  mich  jetzt  den  Dialekten  Frankreichs  zu  und  bemerke 
zunächst,  dass  ich  auf  eine  historische  Untersuchung  unserer  Frage 
verzichten  muss;  das  Material  ist  spärlich  und  unzuverlässig  und  selbst 
wenn  eine  Form  durch  den  Reim  gesichert  ist,  so  lässt  sich  nicht  ohne 
weiteres  ihre  Heimat  bestimmen,  nie  ist  bei  Godefroy  aus  dem  Jahre 
1380  belegt.  Es  kommt  bei  Roger  de  Collery  vor.  Godefroy 
bemerkt:  Poitou,  Normandie,  was  zu  unsrer  Karte  I  stimmt,  noeud  > 
niik  erwähnt  Niederländer  Mundart  von  Namur  (Zeitschr.  XXIV,  p.  258). 
Vgl.  auch  Stürzinger,  „Altfranz.  Bibl.  VIII,  48". 

Eine  Sonderstellung  nehmen  diejenigen  Worte  ein,  die  den  Ä;-Laut 
hinter  nasaliertem  Vokal  zeigen: 
unum  >  ok 
mei  >  mek 

sang>8C)k  etc.,  Niederl.  p.  257 
unum  >  öc 
plumbum  >  pl<ic,  Walion.  Zeitschr.  IX,  493 

>  plonc,  Apfel  st ,  L.  Psalter  XLIV 
tendre  >  tcke,  Atlas  C  1294  im  Nordosten 
levain  >  levak,  Atlas  C  762  N.  878  etc. 
loin  >  Iwcek,  Carte  780  N.  869  etc. 


Kleine  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung  615 

Hier  konnte  sich  der  A-Luut  sehr  leicht  entwickeln.  Man  erinnere 
sich  an  die  Ausspruchefehler  der  Norddeutschen,  wenn  sie  französische 
Nasalvokale  sprechen. 

Von  der  französischen  Schweiz  kommend,  finden  wir  die  ^■-Formen 
in  Savoyen.    (Revue  des  patois  I,  p.  183). 

loup  >  lok 
venir  >  venik 
neige  >  nek 
jaloux>  dzalok 
Valais  >  valek. 
Sie  kommen  ferner  im  Westen  in  der  Charente  vor  (Rousselot, 
Modific.  phon.  du  patois  p.  249). 

nid  >  nik  (Ruffec  env.  de  Cognac) 

nuk  (Channay) 

perdük  (Salles  de  Villefagnan) 

luk  (Saint-Fort-sur-le-N6) 

clou  >>  kl  ük  (La  Chaise). 

Für  fusil  >  fusik,  das  im  Nord-Osten  weit  verbreitet  ist,  scheint 
eine  analogische  Einwirkung  anzunehmen  zu  sein.  Er  kommt  auch  im 
Sudosten  (N.  866  der  Karte)  vor.  Er  wird  weiter  erwähnt  bei  Alten- 
burg,  Die  wallen.  Mundart  p.  28. 

Zu  erwähnen  ist  bruit  >  brük  Carte  180,  N.  448^).  Auf  grösseren 
Gebieten  kommen  die  A-Formeu  vor  bei  den  Worten  „nocud",  „nid" 
und  „loup".  Ich  verweise  auf  die  Karte  I  und  la.  Es  ist  kaum  zurück- 
zuweisen, dass  die  heute  zersprengten  Gebiete  früher  einmal  einen 
grösseren  Zusammenhang  bildeten.  Es  scheint,  dass  wir  hier  die 
Trümmer  einer  früher  mächtigeren  Sprachtendenz  vor  uns  haben.  Auf 
diese  Karte  habe  ich  nun  das  Gebiet  eingezeichnet,  auf  dem  soif  heute 
ein  auslautendes  f  besitzt.  Es  zeigt  sich,  dass  diese  Formen  mit  aus- 
lautendem /  grade  da  auftreten,  wo  keine  solchen  mit  auslautendem  h 
existieren.  Wenn  man  nun  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  annehmen 
darf,  dass  auf  dem  heutigen  „soif-Gebiete"  sich  auch  die  heute  nicht 
mehr  vorhandenen  Formen  vom  Typus  nif  länger  erhalten  haben,  so 
stehen  wir  hier  vor  zwei  divergierenden  Tendenzen,  nämlich  „nid  >  nif" 
und  „nid  >  nik."  So  gelangen  wir  zu  dem  Punkte  zurück,  von  dem 
wir  ausgegangen  waren.     Diese  divergierende  Entwicklung  ist  unserer 


1)  Siehe  Verrier-Onillon,  Gloss.  des  Patois  et  des  Parlersde  l'Anjou  unter 
troue  (treu) 
jarc 

souc  (soül) 
nouc  (noeud) 
louc  (loup). 

Romauische  l^orachungen  XXVII.  o9 


616  Robert  Gros 

Meinung  nach  durch  satzphonetische  Momente  geschaffen  worden, 
„nid"  >  „nif"  repräsentiert  die  autevokalische  Entwickelung.  Vor 
Konsonant  fiel  der  dentale  Spirant,  und  hier  konnte  dann  in  der  oben 
ausgeführten  Weise  der  Ä;-Laut  entstehen, 

Bemerkungen  über  die  Entstehung  „epenthetiseher"  Nasallaute 

im  Romanischen. 

Folgende  Erörterungen  über  „Nasalepenthese"  sollen  keine  ab- 
schliessende Arbeit  sein,  sowenig  meine  Beispielsammlung  irgendwelche 
weitgehenden  Ansprüche  erhebt.  Nar  Gesichtspunkte  sollen  gegeben 
werden,  die  bei  einer  sprachwissenschaftlichen  Erklärung  der  hier  in 
Frage  stehenden  Erscheinung  zu  berücksichtigen  sind.  Schon  das  Wort 
„Epenthese"  erweckt  den  Widerspruch  des  Sprachforschers.  Es  ist 
ein  Ausdruck,  der  noch  aus  der  Zeit  der  Schematisierung  stammt.  In 
den  italienischen  Dialektarbeiten  findet  man  denn  auch  Beispiele  für 
diesen  Vorgang  unter  der  Rubrik  „accidenti  generali".  Was  sich  nicht 
in  die  Lautgesetze  fügte,  wurde  eben  unter  Spezialnummern  unter- 
gebracht. 

Zwei  Erklärungen  will  ich  zunächst  anführen,  die  der  Sache  sprach- 
wissenschaftlich näher  getreten  sind  und  zu  ihrer  Lösung  ein  gutes 
Stück  beigetragen  haben. 

Einmal  hat  As  coli  (Arch.  glott.  III,  442)  in  seinem  Artikel:  „le 
doppie  figure  neolatine  del  tipo  briaco,  imbriaco"  einige  Fälle  dieser 
Art  betrachtet.  Er  gelangt  zu  dem  Resultate:  In  Fällen  wie  ebriacus, 
{h)ibenius^  aequdl/s^  aestdte  etc.,  entstanden  Anlaute  iv-,  ig,,  is-  etc.  Da 
diese  Anlaute  im  Italienischen  höchst  selten  waren,  schuf  man  einer- 
seits elidierte  Formen,  z.  B.  verno,  State,  andererseits  aber  wirkten  die 
weit  häufigeren  Anlaute  imb,  ing,  ins  etc.  Die  seltenen  Formen  konnten 
der  analogischen  Einwirkung  auf  die  Dauer  keinen  Widerstand  ent- 
gegensetzen. So  gingen  sie  denn  in  imb,  ing,  ins  über.  Daher  im- 
briaco, inguale  etc.  Diese  Erklärung  Ascolis,  die  sich  auf  das  Prinzip 
der  Analogie  stützt,  wird  den  von  ihm  behandelten  Fällen  durchaus 
gerecht.  Ich  hoffe  jedoch  zu  zeigen,  dass  neben  der  Analogie  auch 
noch  andere,  rein  lautliche  Faktoren  beim  Zustandekommen  der  nasa- 
lierten Formen  mitgewirkt  haben. 

In  einer  völlig  verschiedenen  Weise  hat  Foerster  (Zeitschr.  XXII, 
p.  264 ff.)  Fälle  der  „Nasalepenthese"  behandelt.  Seine  Ansicht  ist 
vor  kurzem  in  der  trefflichen  Arbeit  Hetzers  über  die  Reichenauer 
Glossen,  p.  128  noch  einmal  vorgebracht  worden.  Foerster  behandelt 
Fälle  vom  Typus:  fideos  >  findeos,  gibbo  >  gimbo,  leggero>  lenger. 
Er  sieht  in  diesen  Formen  Produkte  der  „nachlässigen  Sprechweise  mit 
gesenktem  Velum".    Hiermit   gibt  Foerster   einen   zweiten  Gesichts- 


Kleine  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung  ßl7 

punkt  für  unsere  Frage,  den  ich  jedoch  phonetisch  modifizieren  möchte. 
Rousselot  hat  an  verschiedenen  Orten  dargetan,  dass  die  nasale 
Artikulation  eine  geringere  Kraft  erfordert  als  die  Artikulation  der 
oralen  Laute.  Princ.  de  phonc^t.  exper  II,  p.  535  gibt  er  eine  eigen- 
tümliche experimentelle  Beobachtung,  die,  wie  ich  meine,  hierher  ge- 
hört. Er  berichtet,  wie  er  bei  der  graphischen  Aufnahme  zweier  Verse 
von  Racine  sich  verspätet  und  mit  dem  noch  feuchten  Blatt  aus  dem 
Laboratorium  heraustritt.  Ein  Windstoss  reisst  ihm  das  Blatt  aus  der 
Hand,  er  muss  von  neuem  anfangen,  er  spricht  hastig  in  den  Apparat 
und  „toutes  les  consonnes  etaient  nasalisties!'' 

Wir  haben  es  also  hier  mit  Allegroformen  zu  tun.  Das  schnelle 
Kedetempo  gibt  auch  hier  den  Anstoss  zur  phonetischen  Weiterent- 
wicklung. Freilich  um  dann  diesen  unter  speziellen  Bedingungen 
entstandenen'  Bildungen  allgemeine  Geltung  zu  verschaffen,  dazu 
werden  in  der  Kegel  noch  andere  Motive  erforderlich  sein,  z.  B.  die 
von  Ascoli  herangezogene  Analogie  oder  Einwirkungen  wie  wir  sie 
weiter  unten  vortragen  möchten.  Doch  zunächst  eine  Reihe  von  Bei- 
spielen, die  hierher  gehören  (das  Prinzip  der  Einteilung  wird  später 
erörtert) : 

brigant  >  bringans      Jahresb.  II,  169 
Gregoriu8>  Gringoire       „        n      -n 
Dangobert  „        „      „ 

dempuis  Frz.  Stud.  V,  p.  385 
laironcins  „  „  III,  p.  120 
X.iyYiß^Qi  >  gingembre 

coquere  >  kuenre  Odin,  Phon,  des  patois  du  canton  de  Vaud.  p.  155 
caldariam>tsandeure  „  „  „  „  „  „  „  „  „  „ 
leporem  >  lenvra  „  „  „  „  „  „  „  „  „  „ 
joculam  >  dzanlya  „  „  „  „  „  „  „  „  „  „ 
crissonem  >  krenson  „  „  „  „  „  „  „  „  „  „ 
pipionem  >  pendzon  „  „  ,,  „  „  „  „  „  „  „ 
rigare  >  ringiu  P  u  i  t  s  p  e  1  u ,  Dict.  du  Patois  Lyonnais.  CIV 

frz.  pigeon  >  pinjon  „  „      „        „  „ 

tracanoir>  trancanoir         „  „      „         „  „  „ 

brocconem  >  brongon         „  „      „        „  „  „ 

biga>bing6  (se  fatiguer)  „  „      „        „  „  „ 

rigoler  >  ringoler  „  „      „        „  „  „ 

capsicula  >  ehansei  „  „      „        „  „  „ 

ibid.  noch  weitere  Beispiele 
lingance    Rom.  Stud.  IV,  p.  597 
paringal      „         „       „     „      „ 

languste  Anglofranz.  v.  Storm,  Engl.  Phill.,  p.  295 

cuiDChe  ,j  „        „  „         „        „     „ 

39* 


Q\g  Robert  Gros 

massengeris  Anglofraaz.  v.  Storni,  Eugl.  Pbill.,  p.  295 

paringale  „  „         „  „         „        „     „ 

cheuenteyn  „  „         „  „         „        „     „ 

grapond  „  ,,         „  „         „        „     „ 

m.  engl,  passenger  „  „        „  „        „        „     „ 

spica  >  spinca  Jahresb.  V,  I  133 

lengeramenti  Schädel,  Mundart  v.  Ormea  p.  62 

deslengua    Genues.  Arch.  Glott.  X,  156 

lenier  „  „      „     „ 

lenger  „  „       „     „ 

pincen  „  „       „     „ 

maggio  >  manz,  Lago  Maggiore 

gaggia>  ganza  Arch.  Glott.  IX,  224  (vgl.  Meyer-L.,  It.  Gr.  171) 

cucuina  >  cuncuma,  Sizilisch 

gibbo  >  gimbo  Lecce,  Arch.  Glott.  IV,  p.  130 

vapor>vampo  Arch.  Glott.  III,  168 

Capitolium  >  Campidoglio  (Volksetymol.!)  (Diez  I',  p.  402) 

strabo  >  strambo  „  „      „     „      „ 

gibbus  >  zenibo  „  „      „     „     „ 

labrusea  >  lambrusca  „  „      „     „      „ 

tuba  >  truba  >  trumba  „  „      „     „      „ 

parangone    Siena,  Zeitschr.  IX,  555. 

pronvenda        „  „  „      „ 

Rangona  „  „  „      „ 

usignuolo  >  runshö    Zeitschr.  XIV,  154 

Gaetano  >  Ghlntä  „  „       „ 

liDger  „  „       „ 

ragione  >  rango  „  „       „ 

cenlando   Tristan  venet.  Studj  rom.  IV,  p.  87 

langreme        „  „  „         „       „     „     „ 

spasimo  >  schiansimo  Bruner,  Pistoj.  Dial.  p.  75 

steccolito  >  stencurito  „  „  „      „     „ 

labirinto  >  lamberö  Salvioni,  Dial.  mod.  d.  Milano  p.  201. 

capo  >  gamblis 

strambo  etc 

figicare  >  fincar  poi  tug.  ALL.  11,  284. 

liuterna              Fo  er  st  er,  Span.  Sprachlehre  p.  129 

garganta                     „               „  „  „  „ 

alondra                      „              „  „  „  „ 

fincancia                    ,,              „  „  „  „ 

greco>gringo          „               „  „  „  „ 

reglon  >  renglon        „               „  „  „  „ 

zonzo  =  insulsus       „              „  „  ,,  » 


Kleine  Beiträg'e  zur  romanischen  L;iiilforschung  {')[Q 

condencion  =  condicio  altsp.,   Foerster,    Span.    Sprachlehre 

p.  129  etc. 

V.  Michaelis,  Rom.  Wortschöpf,  p.  24G. 
sabata  >  sambata 

adito>  andito! 

tiibiis  >  tumbu  Sardisch  Arch.  glott.  XIV,  p.  407 

gebbus  >  zumbu,  sembu  „        „         „       „     „ 

lapatium>  lampauzu  (span.  lampazo)     „         „  „       „     „ 

sapunare  >  sarapunare  Sardisch. 

ubi>umbe,  Wagner,  Südsard.  p.  66 

sunfriri  „  „         „     „ 

bardunfula  „  „         „     „ 

farda,  falda  >  franda 

laceu>lanl)u  (l)  =  th  engl.) 

lingier  Rätiscb. 
Ich  glaube  also,  daps  bei  den  hier  aufgeführten  Beispielen  (weitere 
bei  Meyer  Lübke,  Gram.  d.  rom.  Sprachen  I,  486  und  Ital.  Gram.  171) 
der  phonetische  Grnnd  das  schnelle  Redetempo  war.  Inwieweit 
die  Analogie  hier  gewirkt  haben  kann,  raüsste  für  jeden  einzelnen  Fall 
untersucht  werden.  Nur  selten  wird  man  dabei  freilich  über  Ver- 
mutungen hinauskommen.  Auf  einen  Umstand  will  ich  jedoch  noch 
hinweisen.  Bei  einer  Anzahl  der  erwähnten  Beispiele  befindet  sich  in 
dem  Worte  noch  ein  anderer  Nasal.  Es  ist  kaum  zu  leugnen,  dass 
er  bei  der  Entstehung  des  „epenthetischen"  Nasals  mitgewirkt  hat, 
(lavroncius,  krenson,  pinjou,  parangone  etc.).  Diese  Mitwirkung  eines 
anderen  Nasallautes  führt  uns  zu  anderen  Fällen,  die  meiner  Ansicht 
nach  eine  Sonderstellung  einnehmen.  Siehe  hierüber  Meyer-Lübke, 
Ital.  Gram.  §  306;  ders.,  Rom.  Gr.  I,  §  587.  Hierher  gehören  zunächst 
die  bei  Ascoli  (1.  c)  erwähnten  und  erklärten  Fälle.  Aber  noch  viele 
andere: 

ton  ami  >  tä  äme  Gillieron,  Carte  38  ehr.  146 

engueil  Jhrb.  II,  169 

Dial.  Greg  196,  ingal    „       „     „ 

wallen    enweile  „       „     „ 

engliese  „       „     „ 

Tangöney  „       „     „ 

enwangeliste,  wallon.,  Rom.  XVII,  566 

enstable  „  „         „         „ 

englize  „  „         „         „ 

enscrit  „  „         „         „ 

it.  acciiiga >  auchois  v.  Dicz,  Etym.  Wörterb. 

enlyUdzi  =  illucere    Odin,  Phonol.  p.  155 

enpondze  =  spougia      „  „        „     „ 


620  Robert  Gros 

envä  =  hibernum  Odin,  Phonol,  p.  155 

engau  =  acqualis  Frz.  Stud.  III,  p.  120. 

agrifoliu>  angruolo  Puitspelu,  Dict.  Pat.  Lyonn.  p.  CIV 

abricot  >  ambrico 

ägoni  Namui';  Zeitschr.  XXIV,  p.  266 

englise 

ancoison,  Burgundisch  XIII,  u,  XIV.  Jahih.  v.  Korn.  Stud.  VII,  109 

ensement  =  ip8amente  Herr  ig  8  Archiv  76,  p.  319 

iDgualmente  Schädel,  Muud.  v.  Ormea  p.  62 

unguanza    Geuua,  A.  Gl.  X,  156 

invriago  „         „     „     „     „ 

euvrianza        „         „     „     „     „ 

CDternal  (!)     „         „     „     „     „ 

inguarmenti    „         „     „     „     „ 

aaglisia,  A.  Gl.  IV,  p.  23 

abrotonum  >  ambrogano,  verones.  Körting  v.  46 

angönia  Pracenza,  Zeitschr.  XIV,  p.  154 

eixtov^  äncöna 

inguale,  inbetania  Keller,  Reimpred.  des  Barsegapö  p    15 

encosi,  insteso  etc. 

hecticatus  >  span.  entecado  Diez,  Altrom.  Gloss.  32 

axungia >  enjuudia    Foerster,  Span.  Sprach),    p.  129 

examen  >  enjambre  „  „  „  „     „ 

exaltiare  >  ensalzar  „  „  „  „     ,, 

enclusa  „  „  „  „     „ 

ensayo  =  exagium  „  „  „  „     „ 

oflfrire  >  unf'rir    Kätisch,  A.  Gl.  I,  110 

oblita  >  amblidar     „  „     „     „     „ 

ensir  Genua,  A.  Gl.  X,  156 

nincorger  etc.  =  accorgersi  Salvioni,  Dial.  di  Milan  p.  207. 

Die  hier  aufgeführten  Beispiele  haben  sämtlich  vokalischen  Anlaut. 
Wie  man  sieht,  wird  Ascolis  Erklärung  sich  nicht  auf  alle  anwenden 
lassen.  Ich  möchte  nun  vorschlagen,  hier  eine  Entwicklung  im  Salz- 
zusammenhang  anzunehmen.  Indem  ich  die  am  Schlüsse  aufgeführten 
Verba  zunächt  beiseite  lasse,  halte  ich  es  für  sehr  wahrscheinlich,  dass 
der  unbestimmte  Artikel  un'  hier  seine  Wirkung  ausgeübt  hat.  Man 
denke  an  frz.  nombril!  Die  Verbindung  un  abricot  wird  wohl  zu  un 
ambricot  geführt  haben.  Am  deutlichsten  aber  sieht  man  diese  pro- 
gressive Nasalierung  in  dem  ersten  Beispiel,  bei  ton  ami,  nur  dass  hier 
die  Wirkung  vom  Pos8essivi)ronomen  ausging.  Wie  stiirk  eine  solche 
Wirkung  sein  kann,  zeigt  Kousselot  Modif.  phonöt.  du  patois  p.  45, 
wo  sich  in  Celle  frouin.     „Diable  ton  happeur!"   in  „dyjibl  tun   ämur« 


\ 


Kleine  Beiträge  zur  romanischen  Lautforschung'  ()2i 

verwandelt.    Die  Nasalierung  war   so  stark,    dass    sie    sogar  jjp  in  ni 
verwandeln  konnte. 

Nun  zu  den  Verben.  Schädel,  Mundart  v.  Orm.,  Halle  1903,  p.  (il, 
erwähnt  von  dem  Veibuni  exire  >  csir  eine  Reihe  von  Formen  mit 
e|)enthet.  n.  Diese  kommen  zunächst  nur  in  den  unbetonten  Formen 
vor.  In  den  stamnibetonten  sagt  man  esco,  csce  etc.  „Nach  dem 
XV.  Jahrhundert  kommen  keine  Belege  mehr  vor;  das  Verbum  ist  im 
Genuesischen  .  .  .  durch  die  Reflexe  von  sortire  ersetzt  worden.  Wo 
es  blieb;  wurde  das  epcnthetische  n  in  die  stammbetonten  Formen  ver- 
pflanzt, wo  dann  Metathese  eintrat."     Also:  neso,  nesia  etc. 

Ich  glaube,  dass  man  mit  Worten  wie  „Epenthetisch,  Metathese" 
diesen  komplizierten  Vorgängen  nicht  gerecht  wird.  Es  scheint  mir, 
dass  wir  hier  von  der  Verbindung  inde-exire  ausgehen  müssen.  Ich 
erinnere  an  die  deutsche  Umgangssprache,  die  aus  „herausgehen"  ein 
„rausgehen"  geschaffen  hat.  Ich  glaube,  dass  in  dem  n  von  tie  =  inde 
der  Keim  für  dieses  epeuthetische  n  lag.  Und  diese  Ansicht  findet  ihre 
Bestätigung  im  Mailändischen.  Ganz  ohne  Zweifel  ist  hier  aus  me 
u'incorgi  ein  nincörgersi  erwachsen. 

Die  Besprechung  dieser  Fälle  führt  uns  zu  anderen,  wo  wir  den 
Nasal  nicht  erst  zu  suchen  brauchen,  um  den  epenthetischen  Laut  zu 
begreifen. 

mindraille  Körting  G221 

nabot>nambot      Puitspelu,  CIV 

ginestu>  ginintola  „  „ 

simötyer         Namur,  Zeitschr.  XXIV,  p.  266 

magis  >  me        „  „  „       „      „ 

afrz.  nachier>nasi      „  „  „       „      „ 

magis  >  mains,  wallon.,  Rom.  XVII,  p.  566 

ami  >  amiu        norman.  Zeitschr.  XIII,  393 

venu  >  venuu  „  „  „        „ 

c'minse=chemise   „  „  „         „ 

minserable  „  „  „         „ 

inodiu  >  annin        „  „  „         „ 

noctem  >  gnin         „  „  „         „ 

amins  Lot.  Psalter  Aj)  feist,  p.  XL 

nengune  neben  negus  Frz.  Stud.  III,  p.  120. 
Hier  hat  vielleicht  das  n  der  Schlusssilbe  mitgewirkt,  denn  negus 
zeigt  kein  epenthetischcs  w. 

midi  >  mendis  Lyon.  Zacher,  Bonn.  Diss.  ]».  44 

nasse >nanse  Körting  6456 

sevenn;  (Metz.)  Frz.  Stud.  V,  505 

ninf=novem        „         „       „      „ 

chemis  „         „       „     „ 


ß22  Robert  Gros 

emi"?  West-Frankr.  Atlas  C.  264 

magon  >  mä'^sö  „  C.  791  ehr.  988  (etc.) 

mespula  >  mii'^spley      „  C.  902  ehr.  672 

nidu8>nins  „  910  „  981 

initiare  >  ninza  Mailändisch 

maggio  >  manä  A.  Gl.  IX,  224 

medius  >  menzu  Sizilien 

muccu8>moneo  (?) 

amandola  ALL.  XI,  321 

miea>iniDga  Lombard.  Körting  6147 

media  >  menia  (Lecee)      A.  Gl.  IV,  127 

bene-mezzo  >  minimenzii     ,,      „     „     137 

prumiutu  =  permetto  „      „     „     138 

mugilare>  mugnulä  ALL.  IV,  123  (friaul.) 

amendue  Studj  rom.  IV,  87 

ninguna  „         „       „      „ 

Mandalena  „        „       „      ., 

per  mezzo  >  per  men  „         „       ,,       „ 

noeeiola  >  mnsöla  Zeitsehr.  XIV  p.  154  (Piaeenza) 

maestro  >  meTstar         „  „      ,,       „  ,, 

nitiare  >  ninsa  ,,  „      ,,       „  „ 

menzu  Meyer-LUbke,  It.  Gr.  172 

mentiri     sizil.  „  „      „       „ 

mingrana   „  „  „      „       „ 

nti  =  noi  >  nun  Mail.  „  „      „       „ 

minga  Urbino  etc.  ,,  „      „       „ 

madrigal >  mandrial  Foerster,  Span.  Sprl.  129 

mandona  Trist,  venet. 

mandama  Studj  rom.  IV,  87 

in-hoc >  inongi  Sardiseh,  Wagner  p.  66 

melius  >  mengus    Sard. 

nuptiae  >  nunsas        „ 
„       >  nuntä  Rumän. 

mejurge  >  menjurge  Michaelis,  Stud.  p.  244 

macula  >  mancha  Span. 

mensage  =  leon.  message  Foerster  p.  129 

matiana  >  manzana 

medicus  >  menge  etc. 
Obgleich  sie  nicht  in  den  Bereich  des  hier  erörterten  Problems  ge- 
hören, will  ich  hier  noch    einige  Fälle   erwähnen,  in  denen    auf    assi- 
milatorischem Wege  ein    vorauHgehender  Nasal   einen    anderen  Konso- 
nanten in  einen  Nasal  verwandelt: 


Kleine  Beiträge  zur  rom.auischen  Lautforschung  623 

monteplia  Bibl.  Elzev.  Nouvell  XIll»,  p.  163 

hebdomiida  >  settimaua 

amaricosus  >  mani5ü8U  Wagner  1.  c. 

manto  altsiz  =  multo  (?) 

meretrix  >  menetiis  App.  Probi  (Heraus)  Nr.  147 

manescals  Prov. 

millegraua>  uiingrana  Dz.  469  etc. 
Anhangsweise  sei  bemerkt,   dass  auch   das  Assyrische   ähnliche 
Dinge  kennt,  wenn  sie  auch  bisher  noch  nicht  in  dieser  Weise  erklärt 
wurden. 

nubbu>numbu  v.  Delitzsch,  Assyr.  Gr.  p.  104  u.  129 

mädu  >  mandu 

näduru  >  nanduru 

kurzubu  >  kuuzubu 

subbu  >  zumbu  etc. 
Um  meine  Auffassung  noch  einmal  zusammenzufassen,  möchte  ich 
das  schnelle  Redetempo  als  die  phonetische  Ursache  des  epenthet. 
Nasals  betrachten.  Diese  sporadisch  auftretenden  Nasalierungen  werden 
unter  analogischer  Einwirkung  verallgemeinert.  Ausser  der  Analogie, 
deren  Wege  zu  erforschen  Aufgabe  der  etymologischen  Einzelforschung 
ist,  wirken  benachbarte  Nasallaute,  teils  im  Satzzusammenhang,  teils 
im  Innern  des  Wortkörpers,  um  den  Nasal  dauernd  zu  befestigen. 

dehors. 

Im  fünften  Heft  der  Zeitschrift  f.  rom.  Phil.  Jahrg.  1907  erschien 
ein  Artikel  von  Settegast,  der  sich  mit  dem  Problem  „hors",  „dehors'' 
befasst.  Der  Artikel  wendet  sich  gegen  die  von  Neu  mann  gegebene 
und  vielfach  rezipierte  Erklärung.  Neumanns  Ansicht  lautet:  bei 
„deforis"  wird  der  stimmlose  labiale  Spirant  in  intervokalischer  Stellung 
stimmhaft,  also  >  devors,  und  sehwindet  dann  >  deors.  Das  h  is:) 
als  graphisches  Zeichen  aufzufassen  und  dient  wie  bei  „trahir"  nur 
dazu,  den  selbständigen  Lautwert  der  beiden  Vokale  kenntlich  zu 
machen.  Gegen  diese  Anschauung  bringt  nun  Settegast  mehrere 
Bedenken  vor.  Er  bestreitet,  dass  mau  den  in  Frage  stehenden  Wandel 
/>  V  für  das  Französische  annehmen  dürfe  und  ficht  die  etymologische 
Sicherheit  der  bisher  dafür  beigebrachten  Beispiele  an.  Er  behauptet 
ferner,  der  enge  Zusammenhang  zwischen  foris  und  de-foris  habe  den 
Schwund  des  /  verhindern  müssen.  Schon  der  Ausdruck  „verhindern 
müssen"  widerspricht  den  Anschauungen  der  lebendigen  Sprachforschung. 
Endlich  sollten  wir  doch  aufhören,  den  Reichtum  des  sprachlichen 
Geschehens  in  unsere  armseligen  Regeln  zwängen  zu  wollen.  Bemühen 
wir  uns  lieber,  die  Diversitäten  zu  begreifen  und  wenigstens  einige  der 


624  Robert  Gros 

psychischen  Faktoren  zu  entdecken,  die  die  Sprache  in  ihre  oft  so  ge- 
wundenen Pfade  führen.  Das  dritte  und  wesentliche  Bedenken,  das 
Settegast  gegen  die  Erklärung  Neunianns  vorbringt,  lautet:  hors 
hat  Ji  aspiree,  „das  wenigstens  im  Altfranzösischen  wie  unser  deutsches 
h  gesj)rochen  wurde."  Er  fügt  hinzu:  „im  Neufrauzösischen  ist  be- 
kanntlich die  A  aspiree  zu  einem  stummen  Buchstaben  herabgesunken." 
Davon  ist  freilich  wahr,  dass  in  „hors"  und  in  „dehors"  eine  A  aspiree 
steht.  Diese  h  aspiree  aber  wurde  nicht  nur  im  Altfrauzösischen, 
sondern  sie  wird  noch  heute  auf  grossen  Gebieten  der  französischen 
Sprache  gesprochen.  Aber  davon  später  und  nun  zu  Settegasts 
eigener  Erklärung. 

Er  führt  das  h  auf  germanischen  Einfluss  zurück.  In  gewissen 
fränkischen  Dialekten  erscheint  ein  „epenthetisches"  h  (Literatur  siehe 
bei  Settegast).  Settegast  geht  nun  von  einem  fränkischen  „huz"  = 
„uz",  „US"  aus.  Wie  ich  von  Professor  Braune  erfuhr,  ist  es  bis  jetzt 
nicht  auszumachen,  inwieweit  es  sich  bei  diesem  h  um  eine  rein 
graphische  oder  um  eine  lautliche  Erscheinung  handelt.  Aber  gesetzt, 
der  lautliche  Charakter  sei  für  diesen  Fall  gesichert,  so  ist  die  An- 
nahme einer  Beeinflussung  hier  doch  wohl  weit  hergeholt;  weit  eher 
noch  liesse  sich  bei  „haut"  ein  germanischer  Einfluss  begreifen,  obwohl 
ich  auch  hier  durchaus  nicht  überzeugt  bin  und  eine  Erklärung  mit 
französischen  Mitteln  vorziehen  würde.  Ich  werde  unten  eine  solche 
vorschlagen.  Der  sterbende  König  Ludwig  der  Fromme,  der  den  bösen 
Geislern  ein  „/«<0,  hizV''  zuruft,  dient  zur  Bekräftigung  dieser  Theorie 
Settegast's.  In  der  Chronik,  aus  der  das  Zitat  stammt,  steht  dahinter: 
,^qnod  significat  foras'-^.  Ich  glaube  annehmen  zu  dürfen,  dass  dieses 
Wort  „foras"  die  Veranlassung  zu  der  Theorie  Settegasts  gegeben 
hat.  Neben  den  Bedenken,  die  die  W^ahrscheinlichkeit  gegen  eine  solche 
Annahme  erhebt,  treten  aber  noch  andere  auf:  Der  „Atlas  linguistique", 
den  Neumann  vor  20  Jahren  nicht  besass,  von  dem  Settegast  aber 
jetzt  keine  Notiz  genommen  hat,  gibt  uns  ein  handgreifliches  Material 
zur  Beurteilung  dieser  Frage.  Ich  lege  hiermit  dem  Leser  diese  Karte 
vor  (K.  II).  Sie  enthält  zunächst  ein  kapitales  Faktum,  das  Neu- 
manns Erklärung  ohne  weiteres  bestätigt,  nämlich  die  von  Neumann 
geforderte  Übergangsform  „devors*) '.  Es  wird  sich  nicht  ohne  weiteres 
beweisen  lassen,  ob  diese  Form  wirklich  jene  alteÜbergiiugsstufe  darstellt, 
oder  ob  sie  aus  einem,  wie  ich  zeigen  möchte,  sekundär  entstandenem 
„defors"  neuerdings  sich  gebildet  hat.  Auf  alle  Fälle  bcAveist  sie,  dass 
auf  französischem  Boden    der  Übergang  von  />  v  in  vokaliseher   Um- 


1)  Um  die  Karte  nicht  zu  belasten  sind  diese  Gebiete  nur  durch  •  be- 
zeichnet. Ebenso  sind  auch  im  Osten  zahlreiche  Nebenformen  (nochmalige  Kom- 
position mit  „de",  Eindringen  von  „devant")  nicht  berücksichtigt  worden. 


Kleine  Beitrüge  zur  romanischen  Lautforschiing  624» 

gebung  durcliaiis  nichts  Unerliörtes  ist.  Überdies  ist  ein  solcher  Wandel 
romtmisch  gar  nicht  ungewöhnlich.  Ich  verweise  auf  provenzalisch 
profundus  >  preon.  „Atlas  ling."  carte  1095  zeigt  eine  Reihe  der  Ent- 
wicklungsstadien ])rofundiis  >  prevon  >  prer.u  etc.  Als  eine  Erweichung 
von  intervokalischem/ sind,  wie  ich  glaube,  au f/u fassen  :  sizilisch 
fuocu  >  vuoco,  fienu  >  vienu,  fimina  >  virainu  etc.  (siehe  Juhresb.  V,  I, 
153).  Derselben  Beurteilung  unterliegt  der  Dinlekt  dcrMarche,  wenn 
er  fiore  >  viore,  hi  viera,  lu  vume,  varco  =  falco,  bifolco  >  biolc, 
sifone  >  seien  entwickelt  (siehe  Zeitschr.  XXVIIl,  p.  300  und  Beihefte, 
Heft  11,  p.  46).  Im  Sardischen  ist  bekanntlich  anlautendes  /  in  inler- 
vokalischer  Stellung  ganz  gefallen,  so  dass  wir  auch  hier  eine  Parallele 
für  die  französische  Entwicklung  besitzen.  Selbst  das  Lateinische 
scheint  Ansätze  dazu  gekannt  zu  haben:  Inscr.  Hisp.  Chr.  175  findet 
man  ponti?;icatu8  statt  ponti/catus  (siehe  darüber  Carnoy,  Latin  d'Esp. 
2«  ed.  1902/3,  p.  117).  Ausser  „devors"  zeigt  nun  die  Karte  drei  grosse 
Gebiete,  einmal  deors,  diors  etc.  (ohne  Farbe),  worin  ich  die  normale 
Lautentwicklung  von  „deforis"  erkennen  möchte,  zweitens  „defors"  in 
verschiedener  lautlichen  Gestalt  und  endlich  „dehors",  mit  gesprochenem 
h.  Ich  bemerke  zunächst,  dass  ich  „defors"  nicht  für  eine  altertümliche 
Entwicklungsstufe  halte.  Es  waren  zwei  Typen  vorhanden,  „fors"  und 
„deors",  beide  lautgemäss  entwickelt.  Von  „fors"  aus  wurde  ein 
„defors"  sekundär  auf  analogischem  Wege  ins  Leben  gerufen,  wie  um- 
gekehrt nach  „deors"  ein  „(h)ors"  gebildet  wurde,  welches  schon  aus 
dem  XI.  Jahrhundert  zu  belegen  ist.  Bis  hierher  genügt  die  Erklärung 
Neumanns.  Aber  wie  sollen  wir  die  Formen  mit  ä  aspiree  verstehen? 
Man  sieht  auf  Karte  II,  dass  die  Gebiete  mit  gesprochenem  h  eine 
weitgehende  geographische  Übeieiustimmung  zeigen.  Es  ist  freilich  das 
Gebiet,  auf  dem  auch  das  A  germanischen  Ursprungs  noch  als  „attaque 
forte"  weiter  existiert.  Siehe  die  Karlen  des  Atlas  ling.  Aber  daraus 
geht  nicht  ohne  weiteres  hervor,  dass  deshalb  bei  „haut"  und  „hors" 
eine  germanische  Einwirkung  stattgefunden  haben  muss*).  Vielmehr 
ist  es  sehr  wohl  möglich,  dass  sie  mit  dem  germanischen  h  nur  in 
einem  indirekten  Zusammenhang  stehen.  Es  ist  bekannt,  dass  in 
der  französischen  Umgangssjirache  Wörter  mit  vokalischem  Anlaut 
öfters  mit  starker  Aspiration  gesprochen  werden.  Wörter  wie  „la 
Äaine"  hört  man  den  Franzosen  in  der  Emphase  mit  starkem  Hauch- 
einsatz sprechen.  Die  Pariser  Kutscher  sind  dafür  bekannt,  dass  sie 
den  Passanten  „^attention"  zurufen.     In  Lyon   wird  ululare  >  cÄurler 


1)  Eine  Unterpuchung  über  die  cntwicklungsgeschichlliche  Beziehung  von 
äo  (attaque  forte)  und  aho  (wirkl.  Hauch)  lässt  sich  auf  Grund  des  „Atlas  ling." 
nicht  anstellen,  weil  es  zweifelhaft  ist,  ob  hier  die  Data  des  A  L.  zuverlässig 
Bind.     Eine  experim.  Untersuchung  könnte  hier  Klärung  bringen. 


624b  Robert  Gros 

{ch  gleich  dem  deutscbcn  ch  in  ach\  siehe  Puitspelu.  Dict.  du  pat, 
Lyon,  p.  eil.  Wir  hüben  es  hier  mit  Prozessen  zu  tun,  die  speziellen 
öpraehbedingiing-eu,  z.  B.  dem  Affekt,  der  Emphase  etc.  ihre  Entstehung 
verdanken.  Es  ist  das  kein  A,  dem  wir  etymologisch  nachgehen 
könnten,  sondern  es  ist  der  verstärkte  Exspiratiousstrom,  der  sich  bei 
einem  Worte,  das  mit  grossem  Nachdruck  ges])rochen  wird,  zu  einer 
„attaque  forte"  gestalten  kann.  Und  in  diesen  Tatsachenzusammenhang 
möchte  ich  nun  auch  „haut"  und  ,,hors"  bezw.  „dehors"  stellen. 
Professor  Morf  machte  mich  darauf  aufmerksam,  dass  „en-haut"  als 
Zuruf  in  Gewerben,  beim  Heben  von  Lasten  u.  s.  w.  vorkomme.  Es 
ist  unbestreitbar,  dass  es  dabei  mit  grossem  Nachdruck,  mit  weit- 
schallender Stimme  gerufen  wird.  Hiermit  gibt  Morf  die  Erklärung 
für  das  h.  Ebenso  oft  mag  wohl  auch  „hors"  und  „dehors"  als  ener- 
gischer Zuruf  vorkommen!  Ja  ich  möchte  fast  das  vonSettegast  an- 
geführte „huz"  in  der  gleichen  Weise  auffassen,  wenn  es  sieh  dort 
wirklich  um  mehr  als  graphische  Dinge  handelt. 

Wie  aber  kommt  nun  der  geographische  Znsammenhang  dieses  h 
mit  dem  germanischen?  Das  h  in  „haut"  und  „hors"  hat  überall  in 
Frankreich  entstehen  können.  Dass  es  gerade  auf  diesen  Gebieten 
durchdrang,  mag  wohl  seinen  Grund  darin  haben,  dass  hier  eben  über- 
haupt noch  ein  gehauchter  Anlaut  vorhanden  war.  Hier  also  setzte 
meiner  Meinung  nach  der  germanische  Einfluss  ein,  nicht  um  das  h  in 
„haut"  und  „hors"  zu  schaffen,  sondern  um  es  zu  befestigen.  Wo  es 
isoliert  stand,  ist  es  wohl  sporadisch  und  individuell  geschaffen  worden, 
aber  es  schwand  wieder,  da  es  durch  keine  analogen  Fälle  gestützt 
wurde.  Ich  will  die  Gesamtentwicklung  von  „dehors"  noch  einmal 
in  einem  Schema  vor  Augen  führen: 

foris  de-foris 

lautgem.  fors  - — _____^^________--- —  deors 

analog.  (h)ors  -*"''''     "  ""^  defors  (->  devors?) 

unter  speziell. 
Bedingungen        ^ors >  dehors 


Das  gaskoguische  h. 

Bei  der  Behandlung  derjenigen  Formen  von  „dehors",  die  „A  aspirce" 
zeigen,  müssen  wir  das  Gebiet  ausscheiden,  welches  mit  dem  Ge- 
biete des  „gaskognischen  ä"  zusammenfällt.  In  der  südwestlichen 
Ecke  Frankreichs  ist  wie  im  Spanischen  jedes  anlaulende  /  zu  h 
geworden.  Durch  dieses  h  werden  die  in  Frage  stehenden  Dialekte 
in  einen  scharfen  Gegensatz  zur  Schriftsprache   gesetzt.    Wie  überall, 


Kleine  Beiträge  zur  i-oiu.anisclien  Laiitforscliung  624c 

werden  auch  hier  die  scliriftsprachlicbcu  Formen  den  Sieg  davon- 
tragen. Est  ist  jedoch  interessant,  an  der  Hand  des  „Atlas"  die 
Weg-e  zu  verfolgen,  auf  denen  diese  Verdrängung  vorwärts  schreitet. 
Das  in  Frage  stehende  h  ist  in  einigen  Fällen  ganz  verstummt. 
Atlas  ling.  Karte  527.  Es  ist  charakteristisch,  dass  wir  dieses 
Schwinden  des  h  bei  zwei  Femininen  „la  faim"  und  „la  fourmi"  beob- 
achten. Gerade  in  dem  Teil  des  Gebietes,  der  nach  Spanien  hinüber 
leitet,  ist  das  h  verstummt.  Ohne  Zweifel  handelt  es  sich  hier  um  eine 
satzphonetische  Erscheinung.  Da  a  der  klangreichere  und  intensiver 
stammhafte  Vokal  ist,  konnte  er  den  Schwund  des  h  leichter  herbei- 
führen, als  das  z.  B.  bei  „le  fer"  möglich  war.  Bei  „faim"  kam  noch 
hinzu,  dass  es  in  den  Verbindungen  „j'ai  faim",  „tu  as  faim"  überaus 
häufig  in  vokalischer  ünigebuug  stand.  Wir  erkennen  also  hier  bei 
volkstümlichen  Worten  die  Tendenz,  das  anlautende  h  zu  beseitigen. 
Sie  hat  bei  denjenigen  Fällen  eingesetzt,  die,  wie  „faim",  einerseits 
durch  häufiges  Vorkommen,  andererseits  durch  lautliche  Verhältnisse 
dazu  in  besonderem  Grade  geeignet  waren.  Sie  würde  von  hier  aus 
sich  auf  die  andern  Fälle  fortpflanzen,  wenn  sich  dem  nicht  eine  andere, 
siegreiche  Macht  entgegensetzte,  nämlich  das  Schriftfranzösische,  das 
das  alte  f  wieder  an  seine  Stelle  einsetzt.  Wenn  man  die  Karte  „la 
fumee"  Karte  III  und  „fumer  un  cigare"  vergleicht,  so  zeigt  die  erstere 
anlautendes  Ji  auf  einem  grossen  Gebiete.  Es  ist  das  Erbwort,  das 
der  Landmanu  täglich  gebraucht,  denn  Tag  für  Tag  erhebt  sich  der 
Rauch  aus  dem  Schornstein  seiner  Hütte.  Ganz  anders  bei  „fumer  un 
cigare".  Fast  überall  herrscht  hier  das  /  der  Schriftsprache.  Nur  noch 
an  vereinzelten  Punkten  zeigt  sich  hier  das  alte  h.  „fumer"  ist  kein 
Erbwort  mehr.  Der  Tabak  kommt  aus  der  Stadt,  er  trägt  den  Steuer- 
stempel der  Regierung  und  zugleich  mit  diesem  Stempel  bringt  er  ein 
Stück  der  Sprache   der  Regierung,    das    sc hrift französische  Wort. 

Betrachten  wir  die  Karte  für  „femelle",  „fruit",  „fleurs"  (Atlas. 
Cartes  547,  615,  582),  so  muss  uns  befremden,  dass  bei  diesen  so 
durchaus  volkstümlichen  BegritTen  die  erbwortliche  Gestalt  schon  so 
stark  zurückgetreten  ist.  Es  sind  Worte,  die  dem  landwirtschaftlichen 
Betriebe  angehören.  Sie  sollten  doch  gerade  erbwortliche  Gestalt 
zeigen.  Es  zeigt  sich  jedoch,  dass  diese  Worte  Dinge  bezeichnen,  die 
der  Bauer  nach  dem  städtischen  Markte  bringt,  über  die  er  mit  dem 
städtischen  Aufsichtsbeamten  und  mit  dem  städtischen  Käufer  verhandelt. 
Alles  das  sind  Gelegenheiten,  bei  denen  sich  die  schiiftfranzösische 
Form  an  die  Stelle  der  dialektalen  drängt. 

Schon  „fleurir"  und  das  Kompositum  „fleurs  de  farine"  treten  in 
Gegensatz  zu  „fleurs".  „Les  fleurs"  gehören  eben  der  Poesie  eher  an, 
als  der  Sprache  des  Landmanns,  dem  seine  „fleurs  de  farine"  öfter  zu 
denken  geben  als  die  Kinder  der  Flora. 


C24d  Robert  Gros 

Interessant  ist  ferner  ein  Vergleich  zwischen  „fer"  und  „ferrailles". 
Ich  zitiere  hier  Joanne,  Dict.  geogr.  et  administr.  de  la  France,  Paris 
1890 f.,  II f,  1639: 

„La  rafetallurgie  est  fort  peu  coniiue  dans  la  Haute-Gascogne,  bien  que  la 
uiatifere  premi^ie  u'y  fasse  nuUement  defaut;  dans  tous  les  genres,  ce  ne  sont 
presque  jamais  des  indigfenes  qui  sont  les  fondateurs  ou  les  organisateurs  des 
usines  ou  manufactures  les  plus  prospferes". 

Das  ist  also  schon  ein  Umstand,  der  dem  Schriftwort  in  seinem 
Kampfe  gegen  das  Erbwort  hilft.  Das  Erbwort  hält  sich  noch,  da  es 
in  der  Kede  des  Bauern  täglich  vorkommt.  Aber  ausser  der  nicht 
einheimischen  Industrie  kommt  hier  noch  ein  weiteres  Moment  hinzu, 
das  Breschen  in  die  Gebiete  der  Dialektformen  „her"  etc.  schlägt, 
nämlich  „le  chemiu  de  /er".  Vor  dem  Austurm  dieser  sprachaus- 
gleichenden Gewalt  weichen  die  Dialekte  zurück.  Die  „Instruction 
primaire",  der  Heeresdienst  und  alle  anderen,  Einrichtungen  der 
zentralen  Verwaltung  werden  die  Dialekte  bald  völlig  verschwinden 
lassen. 

Eigentümlich  und  lehrreich  ist  auch  der  Gegensatz  zwischen  „fort" 
und  „la  force"  im  Verhalten  zu  dem  anlautenden  h.  fort  zeigt  h  auf 
einem  grossen  Gebiete,  „la  force"  nirgends.  Hier  kommen  zwei  Momente 
in  Betracht,  einmal  ein  lautliches.  Wie  bei  Gelegenheit  von  „la  faim" 
auseinandergesetzt  ist,  war  gerade  eine  Verbindung  wie  la  force  ge- 
eignet, sich  von  „la  hors"  >  „la  ors"  weiter  zu  entwickeln.  Um  so 
grösser  wurde  der  Gegensatz  zur  Schriftsprache  und  um  so  schneller 
musste  eine  Umprägung  erfolgen,  sobald  eine  starke  Einwirkung  seitens 
desSchriftfrauzösischen  einsetzte.  Diese  Einwirkung  war  aber  dauernd 
vorhanden,  denn  —  und  dies  ist  das  zweite  Moment  —  „force"  be- 
zeichnet den  abstrakten  Begriff,  der  dem  volkstümlichen  Denken  ferner 
lag  als  „fort"  (il  pleut  fort  etc.!).  La  „force"  hört  der  Bauer  wohl 
einmal  in  der  Predigt  des  Geistlichen  oder  ...  in  der  Wahlrede  des 
Agitators,  aber  eben  dann  in  der  schriftfranzösischen  Gestalt. 

Das  Gebiet  des  „gaskognischen  /?"  ist  ein  Trümmerfeld.  Und  wie 
diese  vereinzelte  Erscheinung  wird  auch  das  gesamte  Leben  der  Dialekte 
Frankreichs  der  schriftsprachlichen  Einwirkung,  von  deren  Wegen  wir 
hier  einige  vorführten,  keinen  Widerstand  leisten  können.  Der  „Atlas 
lingnistique"  ist  gerade  vor  Toresschluss  gekommen. 


Les  Echecs  Amoureux^). 

^Von 
Dr.  Hans  Höfler. 


Der  Ehestand  2). 

Über  diesen  Abschnitt  verbreitet  sich  der  Dichter  der  E.  A,  mit 
grosser  Ausführlichkeit  und  schildert  die  verschiedensten  Vorkommnisse 
mit  einer  sehr  ins  einzelne  gehenden  Genauigkeit.  Die  Unbefangenheit, 
mit  der  er  über  manche  Details  handelt,  erinnert  so  recht  an  die  Un- 
geniertheit des  mittelalterlichen  Mönchs.  Eskann  jedoch  auch  in  diesem 
Kapitel  nur  wenig  als  eigenes  Erzeugnis  des  Dichters  bezeichnet  werden, 
denn  auch  bei  nur  oberflächlichem  Vergleich  der  Überschriften  ergibt 
sich,  dass  Colonnas:  De  regimine  principum  die  Vorlage  bildete,  wenn 
auch  die  Anordnung  des  Stoßes  manchmal  von  der  des  französischen 
Gedichtes  abweicht. 

Die  Urquelle  für  Colonna  und  infolgedessen  auch  für  die  E.  A.  ist 
wiederum  Aristoteles  und  zwar  besonders  seine  Staatslehre.  Um  die 
Grundzüge  der  aristotelischen  Politik  kennen  zu  lernen,  lasse  ich  hier 
die  Worte  Zellers  folgen,  der  darüber  schreibt: 

„In  der  Natur  des  Menschen  liegt  der  Trieb  zur  Gemeinschaft  mit 
Seinesgleichen  {ayd^gcarrog  (fvaei  noXinxov  l^o^ov  Polit.  I,  2.  1253  a  2), 
und  er  bedarf  dieser  Gemeinschaft  nicht  allein  zur  Erhaltung,  Sicherung 
und  Vervollkommnung  seines  physischen  Daseins,  sondern  vor  allem 
deshalb,  weil  nur  in  ihr  eine  gute  Erziehung  und  eine  Ordnung  des 
Lebens  durch  Recht  und  Gesetze  möglich  ist  (Eth.  X,  10).  Die  voll- 
kommene, alle  andern  umfassende  Gemeinschaft  ist  aber  der  Staat. 
Sein  Zweck  beschränkt  sich  daher  nicht  auf  die  Sicherung  des  Rechts- 


1)  II.  Hälfte.  Die  Untersuchung  über  die  erste  Hälfte,  66b— 103 d,  Ka- 
pitel I,  II,  ist  als  Münchner  Dissertation  1905  erschienen.  Aktien- Druckerei, 
Neustadt  a.  d.  Haardt. 

2)  Kapitel  III  des  Ganzen. 

Romanische  Forachangen.  XXVII-  40 


626  Dr-  Hans  Höfler 

zustandes,  die  Abwehr  äusserer  Feinde  und  die  Erhaltung  des  Lebens, 
seine  Aufgabe  ist  vielmehr  eine  höhere  und  umfassendere:  die  Glück- 
seligkeit der  Bürger  in  einer  vollkommenen  Lebensgemeinschaft  (^  tov 
ev  C^f  xoivayvla  .  .  .  ^o'^?  reXslag  /ag/r  xai  ai'Tägxovg.  Pol.  III,  9, 
1288,  b  33);  und  eben  deswegen  ist  der  Staat  seiner  Natur  nach  früher 
als  der  Einzelne  und  die  Familie,  wie  ja  überhaupt  die  Teile  eines 
Ganzen  durch  das  Ganze  als  dem  Zweck,  dem  sie  dienen,  bedingt  sind 
(Pol.  1,  2).  Und  da  nun  die  Tugend  den  wesentlichsten  Bestandteil  der 
Glückseligkeit  bildet,  so  erkennt  auch  Aristoteles,  wiePlato,  die  Haupt- 
aufgabe des  Staats  in  der  Erziehung  des  Volkes  zur  Tugend,  und  er 
missbilligt  es  entschieden,  wenn  ein  Staatswesen  statt  der  friedlichen 
Pflege  der  sittlichen  und  wissenschaftlichen  Bildung  auf  Krieg  und  Er- 
oberung angelegt  ist. 

Der  Zeit  nach  gehen  aber  dem  Staate  allerdings  die  Familien  und 
Gemeinden  voran.  Die  Natur  führt  zunächst  Mann  und  Frau  zur  Be- 
gründung eines  Hausstandes  zusammen;  die  Familien  breiten  sich  zu 
Dorfgemeinden  {xMfxai)  aus;  die  Verbindung  mehrerer  Gemeinden  führt 
zur  Stadtgemeinde  {nöXig),  die  auch  Aristoteles  von  dem  Staat  noch 
nicht  unterscheidet.  Die  Dorfgemeinde  bildet  nun  eine  blosse  Ueber- 
gangsstufe  zum  Staat,  die  in  ihm  aufgeht.  Dagegen  zeigt  Aristoteles 
(Pol.  H,  Iff.)  aufs  treffendste,  dass  Piatos  Forderung,  auch  die  Familie 
und  das  Privateigentum  der  Staatsgemeinschaft  zum  Opfer  zu  bringen, 
nicht  bloss  in  jeder  Beziehung  unausführbar  sei,  sondern  auch  von  einer 
falschen  Vorstellung  über  diese  Gemeinschaft  ausgehe ;  denn  der  Staat 
sei  kein  bloss  einheitliches  Wesen,  sondern  ein  aus  vielen  und  ver- 
schiedenartigen  Teilen  bestehendes  Ganzes.  Er  selbst  behandelt  (Pol.  I, 
2,  IB,  Eth.  Vlll,  14  u.  0.)  die  Ehe  und  die  übrigen  Verhältnisse  des 
Familienlebens  mit  einem  sittlichen  Verständniss,  wie  es  uns  im  Alter- 
tum selten  begegnet.  Dagegen  entrichtet  auch  er  dem  griechischen 
Nationalvorurteil  seinen  Zoll,  wenn  er  den  unhaltbaren  Versuch  macht, 
die  Sklaverei  mittels  der  Voraussetzung  zu  rechtfertigen,  dass  es 
Menschen  gebe,  die  nur  körperlicher  Arbeit  fähig  seien  und  deshalb 
von  anderen  beherrscht  werden  müssen,  und  dass  dieses  im  allgemeinen 
das  Verhältnis  der  Barbaren  zu  den  Hellenen  sei  (Pol.  I,  4fl'.);  und 
dasselbe  gilt  von  seinen  Erörterungen  über  Erwerb  und  Besitz  (I,  8ff.), 
in  denen  er  nur  diejenigen  Erwerbsarten  als  natürliche  gelten  lassen 
will,  welche  der  Befriedigung  der  Bedürfnisse  unmittelbar  dienen,  alle 
Geldgeschäfte  dagegen  mit  Geringschätzung  und  Misstrauen  behandelt 
und  alle  „banausischen"  Tätigkeiten  des  freien  Mannes  unwürdig  findet." 

Nachdem  wir  die  Hauptgedanken  der  aristotelischen  Staatslehre 
ins  Auge  gefasst  haben,  wollen  wir  dazu  übergehen,  die  Darstellung 
derselben  bei  Colonna  und  wiederum  die  Verwertung  Colonnas  durch 
den  Verfasser  der  K.  A.  näher  zu  erörtern.    Für  letzteren  ist,  wie  schon 


Les  Echecs  Amoureiix 


627 


bemerkt,  zur  Beurbeitung-  dieses  Teils  Colonnas  De  regimiue  i)rincipum 
1.  II,  p.  I,  vorbildlich  gewesen.  Colonnji  beg-iiiut  mit  c.  I:  Qnod  naturale 
est  homini  viuere  in  societate  et  quod  decet  lioc  reges  et  principes 
diligenter  uduertere.  Zunächst  gibt  er  nach  seiner  Gewohnheit  eine 
summarische  Wiederholung  des  im  ersten  Buch  behandelten  Stoffes  und 
führt  dann  vier  Gründe  an,  warum  der  Mensch  in  Gesellschaft  mit 
andern  leben  will;  da  der  Dichter  der  E.  A.  sich  nicht  näher  darüber 
verbreitet,  können  wir  dieselben  übergehen.  Erst  von  e.  7  ab  beginnt 
der  direkte  Einfluss  unverkennbar  zu  werden,  denn  hier  fand  unser 
Dichter  die  Gründe,  die  er  zur  Rechtfertigung  des  ehelichen  Lebens  an- 
gibt.    Bei  Colonna  lesen  wir  in  dem  genannten  c.  7 : 


Quod  homo  est  animal  naturaliter 
coniugale,  et  quod  nolentes  nubere  non 
viuunt  ut  homines  sed  sunt  ut  bestie 
vel  dii  ...  Scienduin  ergo  quod  Philo- 
sophus  VIII  etil,  volens  ostendere  qualia 
amicicia  sit  viri  ad  uxoiem,  probat 
amiciciam  illam  esse  secundum  naturara, 
adducens  triplicem  rationem,  quod 
naturaliter  homo  sit  coniugale.  Prima 
ratio  sumitur  ex  parte  societatis  hu- 
mane. Seeunda  procreationis  prolis. 
Et  tercia  ex  parte  operum.  Probatur 
enim  in  primo  capitulo  huius  secundi 
libri  hominem  esse  naturaliter  auimal 
sociale  et  communicatiuum.  Communi- 
tas  autem  in  vita  humaua  ut  supra 
tangebatur,  ad  quadruplex  genus  redu- 
citur,  quia  est  quedam  communitas 
domus,  quedam  viel,  quedam  ciuitatis, 
quedam  regni  ...  Si  ergo  homo  magis 
naturaliter  est  animal  domesticum  quam 
politicum,  cum  prima  communitas  sit 
coniunctio  viri  et  uxoris,  sequitur  ex 
parte  ipsius  communitatis  humane,  quod 
magis  homo  sit  animal  sociale,  coniu- 
gale quam  politicum  .  .  .  Secundo 
homo  est  naturaliter  animal  coniugale 
ex  parte  procreationis  prolis.  Nam 
illud  videtur  maxime  naturale,  ad  quod 
homo  habet  naturalem  impetum,  quare 
cum  homo  et  omnia  animalia  naturaliter 
inclinantur,  ut  velint  producere  sibi 
simile,  quia  in  hominibus  hoc  debite 
fit  per  coniugium,  homo  naturaliter  est 
animal  coniugale;  hanc  autem  rationem 
tangit    philosophus    I.    Politicorum    et 


104  c 

Cy  comraence  pallas   a   parier    de 
lestat  de  mariage  et  moustre  premiere- 
ment  comuient  nature  y  eucliue. 
104  c. 

Encore  de  ce  et  moustre  comnient 
homme  et  femme  sout  en  mariaige  pour 
III  cliosez. 
104  c" 

Nature  dont  propre  et  commune 
Homme  et  femme  ensamble  et  aune 
Par  mariaige  pour  troiz  choses 
Qui  te  seront  Ichy  descloses 
Lune  est  pour  compaignie  auoir 
Car  tant  pues  tu  domme  sauoir 
Quil  na  eure  naturelment 
De  viure  solitaireraent 
Ainz  veult  en  compaignie  viure 
Pour  mieulx  acquerre  et  mieulx  pour- 

suiure 
Ce  quil  fault  a  vie  parfaitte 
Et  pour  ce  est  tonte  cite  faitte 
Sicom  Je  tay  deuant  retrait 
104  d 

Se  nature  dont  lomme  attrait 
A  communite  pollitique 
Encor  doit  mieulx  la  domestique 
Et  la  communite  priuee 
Qui  entre  homme  et  femme  est  trouee 
Et  qui  est  rachine  dicelle 
Par  droit  estre  plus  naturelle 
104  d» 

A  ce  lesmuet  dont  compaignie 
Cest  aussy  pour  auoir  lignie 
Et  cest  ce  qui  encliner  fait 
Lomme  et  lez  bestez  a  ce  fait 
40^ 


628 


Dr.  Hans  Höfler 


IV.  Ethicovum,  ubi  probat  coniugium 
competere  homini  secundum  iiaturam 
quia  naturale  est  homini  et  Omnibus 
animalibus  habere  naturalem  impetnm 
ad  producendum  sibi  simile.  Tercia 
ratio  sumitur  ex  parte  operum,  quia 
ut  dicitur  VHI.  Ethicorum:  Confestim 
enim  diuisa  sunt  opera  viri  et  uxoris 
Opera  enim  viri  dicuntur  esse  in  agendo 
que  sunt  fienda  extra  domum.  Opera 
enim  uxoris  que  sunt  in  conseruando 
suppellectilia  et  in  operando  intra 
domum. 


Plus  principalment  an  voir  dire 

Et  que  nature  plus  desire 

Car  tonte  mortel  creature 

Ayme  son  estre  par  natüre 

Et  de  estre  sestre  peuist 

Questre  perpetuel  euist 

Et  pour  ce  que  ce  ne  puet  estre 

Que  riens  qui  ait  naturel  estre 

Tant  en  puist  nature  eurer 

Puist  pardurablement  durer 

Quant  a  sa  singularite 

Nature  qui  en  a  pite  .  .  . 

Le  continue  en  son  samblable  .  .  . 

Laquel  chose  et  non  aultrement 

Se  fait  par  generacion. 

105  a 

La  tierce  chose  est  ensement 

Pour  auoir  plus  souffissamment 

Ce  quil  fault  a  parfait  maisnaige 

Car  chil  qui  sont  en  mariaige 

Sentraident  moult  voulentiers  .  .  . 

Car  li  maris  qui  est  plus  fora 

Fait  lez  besongnez  de  dehors 

Et  la  femme  fille  et  entent 

A  ce  qui  en  lostel  sestent. 

Die  in  den  E.  A,  folgenden  Bemerkungen  über  die  Heiligkeit  und 
Nützlichkeit  der  Ehe  erinnern  an  keine*)  Vorlage,  während  die  Behaup- 
tung, Häuser  und  Städte  seien  wegen  der  Ehen  gebaut  worden,  teilweise 
auf  1.  H,  p.  1,  c.  2  zurückgeht,  wo  es  heisst: 
Naturalis  ergo    origo    ciuitatis    et       107  b'* 


regni  ut  patet  per  philosophum  primo 
politicorum  hoc  modo  existit,  quia  primo 
facta  fuit  una  aliqua  domus,  sed  cre- 
scentibus  filiis  et  filiabus  et  non  valen- 
tibus  pre  umltitudine  habitare  in  domo 
lila  construxerunt  sibi  domus  annexas 
et  sie  ex  multis  domibus  factus  fuit 
vicus.  Unde  I.  polit.  dicitur  quod  vicus 
est  viciua  domorum  quas  constrnxit 
nmltitudo  collectancorum  et  filiorum  et 
puerorum. 


Ainsy  au  commencement  firent 

Les  maisons  li  premier  qui  virent  , 

Et  depuiz  tant  en  ordonnerent 

Quant  li  enfant  multiplyerent 

Quil  firent  ruez  et  cites 

Et  telz  aultrez  comnumites 

Et  granz  regnez  finablement 

107  b» 

Briefraent  comme  tu  moiz  retraire 

La  communite  domestique 

Est  cause  de  la  poUitique. 


Der  Dichter  der  E  A.  kommt  nun  auf  die  Einwände  zu  sprechen, 
die  gegen  die  Ehe  gemacht  werden.  Da  dieselbe  eine  von  Gott  und 
der  menschlichen  Natur  gebotene  Anordnung  ist,  so  fragt  es  sich,  was 
von  denen  zu  halten  sei,  die  trotzdem    ein   eheloses  Leben   vorziehen. 


1)  S.  I.  Hälfte,  S.  75. 


Les  fechecB  Atuoureux 


629 


Die  Antwort  darauf  nahm  unser  Dichter   aus    der    zweiten  Hälfte    des 
schon  benützten  c.  7,  wo  Colonna  fortfährt: 
Sod  si  coniiigiimi  est  quid  naturale,        107  c 


sequitur  quod  formatio  quo  coniugio 
contrariatur,  sit  uniuersaliter  a  ciuibus 
vitanda,  tamquam  aliquid  contrarium 
rei  natural!  . . .  Iliis  visis  potest  quedaiu 
dubitatio  ex  dictis  oriri.  Nam  si 
coniugium  est  liomini  naturale,  repre- 
hcnsibilis  est  igitur,  quicunque  nou 
datoperamut  coniugio  copuletur.  Sed 
hec  dubitatio,  si  considerentur  hec  dicta 
de  leui  repellitur.  Nam  si  naturale  est 
homini  esse  aniinal  coniugale,  quecunque 
rennuit  coniugem  ducere,  non  viuit  ut 
homo.  Sed  non  viuere  ut  homo  potest 
esse  dupliciter,  vel  quia  eligit  vitam 
supra  hominem  et  vult  contineve  et 
vacat  conteinplationi  veritatis  et  operi- 
bus  diuinis.  Vel  non  viuit  ut  homo, 
quia  eligit  vitam  infra  hominem  et 
viuit  ut  bestia.  Quare  si  dicebaraus 
de  societate  politica,  videlicet  quod 
eligens  soiitudinem  et  nolens  ciuiliter 
viuere,  vel  est  bestia,  vel  est  deus,  sie 
etiam  de  coniugio  dicere  possumus. 
Nam  nolens  coniugaliter  viuere  vel  hoc 
est  quia  vult  liberius  fornicari,  quare 
eligit  sibi  vitam  infra  hominem  et  est 
quasi  bestia;  vel  hoc  est  quia  vult  se 
dare  speculationi  diuiue  veritatis  et 
diuinis  operibus,  quare  sibi  eligit  vitam 
supra  hominem  et  est  quasi  deus.  Non 
nubentes  ergo  si  dent  se  potioribus 
bonis  quam  sunt  bona  coniugii,  licet 
non  viuunt  ut  homines,  non  tarnen 
propter  hoc  male  agunt,  quia  sunt  quasi 
dii  et  sunt  honünibus  raeliores. 


Sans  faille  aucuns  pourroit  aussy 
Faire  une  doubte  et  dire  ainsy 
Que  puisque  li  homs  raisonnables 
Est  par  nature  mariables 
Et  doit  en  compaignie  vinre 
Sil  veult  bien  sa  nature  ensuiure 
II  samble  de  premiere  face 
Que  tort  a  soy  meismez  face 
Et  desraisonnable  oeure  et  ville 
Chilz  qui  fuit  la  vie  ciuille 
Et  qui  de  marier  na  eure 
Car  II  fait  contre  sa  nature 
Et  samble  pour  dire  en  brief  sommc 
Quil  ne  vit  pas  de  vie  domme  .  .  . 
Mais  pour  ce  ne  sensieult  II  pas 
Quaucuns  ne  puist  bien  aultrement 
Bien  viure  et  raisonnablement  .  .  . 
107  d" 

Briefment  cest  pour  ce  que  li  homs 
Veult  viure  de  plus  haulte  vie 
Pour  vacquier  a  philosophie 
Ou  a  aueune  diuine  oeure 
Et  chilz  biaulx  filz  qui  ainsy  oeure 
Fait  mieulx  et  vit  plus  dignement 
Que  chilz  qui  vit  ciuilement 
Car  la  vie  contemplatiue 
Est  trop  plus  digne  que  lactiue 
Ainsy  com  le  tay  dit  ailleurs 
Et  pour  ce  est  chilz  domme   meilleurs 
De  tant  que  sa  vie  vault  mieulx 
Car  II  vit  comme  Angles  ou  dieux 
Ou  ccst  pour  ce  secondement 
Quil  puist  espoir  plus  franchement 
Vacquier  a  fornicacion 
Et  a  la  delectacion  .  .  . 
Et  chilz  qui  ainsy  vit  sans  doubte 
Se  fait  meudre  domme  et  sabbaisse 
De  tant  quil  fuit  la  vie  et  laisse 
Qui  a  lomme  est  propre  et  honneste 
Pour  viure  de  la  vie  de  beste. 
Im  Verlauf  dieser  Widerlegung  der  oft  gegen  die  Ehe  vorgebrachten 
Gründe  ergänzt  unser  Dichter  trefflich   sein  Vorbild  durch    eine  Reihe 
glücklich  gewählter  Beispiele  aus  der  Mythologie  und  tritt  mit  grossem 
Eifer  für  die  Ehrenhaftigkeit  und  Sittsamkeit  der  Frauen  ein,  indem  er 
behauptet,    dass  alle  Autoren,    die   den  Frauen  Übles  nachreden,    ent- 


630  ^^-  Hans  Höfler 

weder  selbst  gemeinen  und  niedrigen  Charakters  sind  oder  einen  eigen- 
nützigen Zweck  verfolgen.  Mit  den  Schriften  letzterer  Art  spielt  er 
wohl  auf  den  Roi?euroman  an;  denn  der  Dichter  der  E.  A.  uimmt  mit 
seiner  Verteidigung  des  ehelichen  Lebens  und  der  Rechtfertigung  der 
Frauen  eine  geradezu  gegeusätzliche  SteliuDg  zu  Jean  de  Meuug  ein, 
der  in  dem  genanuten  Gedichte  II,  9019  ff.  die  Ehe  und  die  Frauen  mit 
grimmiger  Satyre  geisselt.  Als  abschreckendes  Beispiel  nennt  er  Deja- 
nira,  die  sogar  den  gewaltigen  Herkules  durch  List  betrog  und  bezwang 
(II,  9527  tf.).  In  ähnlicher  Weise  fiel  auch  der  starke  Samson^)  der 
Arglist  des  Weibes  Dalila  zum  Opfer  (II,  9538).  Gerade  auf  dieses 
Beispiel  nimmt  unser  Autor  bezug  und  sucht  es  durch  Hinweis  auf 
Jason  und  Medea  zu  entkräften  mit  der  Bemerkung,  man  dürfe  nicht 
parteiisch  nur  die  eine  Seite  betrachten  und  sich  so  über  die  Vortreff- 
lichkeit der  Ehe  hinwegtäuschen  lassen.  Von  den  weiteren  Tugenden 
der  Weisheit,  Tapferkeit  und  Keuschheit,  welche  die  Frauen  ebenso  wie 
die  Männer  besitzen,  weiss  J.  d.  Meung  überhaupt  nichts'  oder  will 
wenigstens  nichts  davon  wissen.  Man  vergleiche  nur  sein  abfälliges 
Urteil  über  die  Keuschheit  der  Frauen,  II,  8935: 

Penelope  neis  prendroit 

Qui  bien  ä  li  prendre  entendroit 

Si  n'ot-il  meillor  fame  en  Grece 

Si  feroit-il  par  foi  Lucrece. 
ausserdem  II,  8985: 

Si  n'est-il  mes  nule  Lucrece, 

Ni  Penelope  nule  en  Grece, 

Ni  prodefame  nule  en  terre. 
Wiederum  sind  es  diese  beiden  Frauen''),  deren  Tugendhaftigkeit 
der  Dichter  der  E.  A.  als  mustergültig  hinstellt.  Offenbar  hat  er  mit 
diesen  Gegenbeweisen  einen  Hieb  gegen  den  Roman  de  la  Kose  führen 
wollen,  der  ihm  auch  gelungen  ist,  zumal  nach  seiner  Ansicht  in  den 
meisten  Fällen  die  Verführungssucht  der  Männer  die  Schuld  an  den 
Fehltritten  der  Frauen  trägt. 

Die  folgenden  Ausführungen  lehnen   sich   wieder    an  Colonna   an, 


1)  108  c'^*  Se  li  homs  dist  en  sa  chauson 

Que  dalida  decupt  Sanson 

La  responce  est  toute  apprestee 

Aussy  decupt  Lison  Medec. 

2)  lOKc*  Te  puiz  Je  dire  de  lucrece 

Et  de  peneloppe  de  {,^reco 
Ces  deux  se  lystorre  ne  mcnt 
Se  maintindrent  si  chastement 
Et  si  leaument  et  si  bien 
Enuers  leurs  maris  que  le  tien 
Que  uulz  nc  Ics  feist  fausser 
Neys  pour  los  membrez  qiiasser. 


Lcs  Echecs  Amoureux 


631 


WO  der  Dichter  der  E.  A.  die  Gründe  für  die  lebcuslängliche  Dimer  der 
Ehe  fand;  es  heisst  dort  in  1.  II,  p.  1,  c.  8: 
Probaut    autem    pliilosophi     quod        110  c" 


decet  coniiigi:i  iiuliiiisibilia  esse,  mcI 
quod  üstendenduiu  possumus  adducere 
duas  vias,  qiias  philosophi  tetigeruiit. 
Prima  via  sumitur  ex  parte  fidei,  vel 
ex  parte  amicicie  naturalis,  quedebct 
esse  inter  viruin  et  uxorcm.  Seciinda 
vero  est  ex  parte  prolis.  Prima  via 
sie  patet.  Nam  cum  nunquaiu  aliquis 
fideliter  amicetur  alicui,  si  amicicia 
eins  discedat,  si  iutor  viriim  et  uxorera 
dcbitam  fidem  vel  fidelem  aniiciciam 
saluare  volumus,  iic  sit  ibi  violatio 
tidei,  oportet  virum  indiuisibiliter  ad- 
herere  uxori  sue  et  econuerso  cum  enim 
iiiter  virum  et  mulierem  sit  amicicia 
naturalis,  ut  probatur  VIII.  Ethicorum. 
.  .  .  Secunda  via  ad  inuestigandum  hoc 
idem  sumitur  ex  parte  prolis.  Nam 
licet  coniugium  si  sit  sterile,  indisso- 
lubile  manere  debeat,  quia  ciipiditas 
filiorum  preponi  nou  debet  fidei  con- 
iugali. 


Cliiiz  (lui  veult  dont  saus  abiiaer 
Sa  vic  cn  mariage  user 
Doit  auüir  sa  femme  et  sespeuse 
Qui  luy  soit  belle  et  graciense 
La(}uelle  II  doit  preraierement 
Amer  de  euer  entiercment 
Et  auoir  propos  et  enuie 
De  le  garder  toute  sa  vie 
Sanz  luy  lamais  repudier 
Car  ce  ne  doit  pas  anuyer 
Ou  il  doit  tel  amour  auoir 
Ou  le  tay  tait  deuant  sauoir 
Car  sur  tout  aultre  amour  terrestre 
Cest  amour  doit  excellente  estre 
Et  tres  naturelle  et  tres  ferme 
Ainsy  que  raisons  nous  afferme 
Siquez  li  marie  tout  doy 
Se  doiuent  entreporter  foy 
Car  ce  nest  pas  bonne  amistie 
Ou  foy  ne  maint  ne  leaulte  .  .  . 
A  ce  tont  aussi  grandemeut 
La  lignie  et  li  eufaut  deux  .  .  . 
110  d'' 

Et  suppose  meismeraent 
Quil  neuissent  poiut  de  lignie 
Si  doit  estre  leur  compaiguie 
Sanz  departir  tout  leur  viuaut 
Car  la  foy  que  Jay  dit  deuant 
Doit  plus  peser  au  dire  voir 
Que  le  desir  denfans  auoir. 
Colonna  nennt  hier  als  seinen  Gewährsmann  Valerius  Maximus,  der 
im  zweiten  Buch  seines  Werkes:    De   factis  memorialibus  capitulo   de 
institiitis  antiquis  berichtet,  dass  seit  Gründung-  der  Stadt  Kom  bis  zum 
Jahre  150    ,,repudiiim   inter  virum   et  uxorem  .  .  .  nullum  intercessit^^ 
Weiter  heisst  es  (c.  8): 


Primus  autem  qui  dimisit  uxorem 
sterilitatis  causa  fuit  Spurius  Carbilius, 
qui  quamquam  ratione  tolerabili  motus 
videretur,  reprehensione  tamen  non 
caruit,  quia  cuncti  arbitrabantur  cupi- 
ditatera  liberorum  coniugali  fidei  non 
debere  preponi. 


Pour  ce  fu  blasmez  de  maint  liomme 
Purins  qui  sa  femme  a  Romme 
Repudia  premierement 
Et  si  la  laissa  seulement 
Pour  cause  de  sterelite 
Car  li  saige  de  la  cite 
Disoient  tuit  commeut  quil  voit 
Que  la  foy  que  Je  dy  deuoit 
Aler  deuant  toutez  les  clioses 
Qui  sont  en  mariaige  encloses. 


632 


Dr.  Hans  Hötler 


Ob  der  in  den  1^.  A.  genannte  vielleicht  auf  einem  Missverständnis 
beruhende  Name  Purins,  der  zu  JRom  seine  Gattin  infolge  ihrer  Un- 
fruchtbarkeit verstiess,  mit  dem  oben  erwähnten  Spurius  Carbilius 
gleichbedeutend  ist,  lässt  sich  wohl  vermuten  aber  nicht  direkt  be- 
haupten. 

In  der  Angabe  der  Gründe,  die  den  Mann  zur  Monogamie  veran- 
lassen sollen,  hält  sich  unser  Autor  an  Colonna,  c.  9: 


Quod  oimies  eines  et  raaxime  reges 
et  principes  uiia  sola  uxore  debent  esse 
coDteuti.  Apud  aliquas  sectas  non 
reputatur  contra  dictamen  rationis, 
quod  unius  eiusdeni  simul  plures  exi- 
stant  uxores.  Sed  quod  recta  ratio 
dietet  quoslibet  ciues  et  maxime  reges 
et  principes  unica  coniuge  debere  esse 
contentos  triplici  via  venari  possumus. 
Prima  sumitur  ex  parte  ipsius  viri.  Se- 
cunda  ex  parte  ipsius  uxoris.  Tercia 
ex  parte  prolis,  Prima  via  sie  patct. 
Nam  sicut  pluralitas  ciboram  prouocat 
ad  nimiam  concupiscentiam  venereorum, 
quare  sihuiusmodi  concupiscentie  fortes 
sint,  obnubilent  mentem  et  rationem 
percutiunt.  Si  indecens  est  omnibus 
ciuibus  vacare  venereis  et  retrahere 
se  ab  actibus  prudentie  et  ab  operibus 
ciuilibus,  indecens  est  eos  habere 
plures  coniuges  .  .  .  Secunda  via 
sumitur  ex  parte  ipsius  uxoris.  Nam 
sicut  ex  parte  viri  indecens  est  uxorum 
pluralitas,  ne  propter  nimiam  operam 
venereorum  vir  a  cura  debita  retra- 
hatur,  sie  hoc  indecens  est  ex  parte 
uxoris,  ne  uxor  a  suo  coniuge  non 
debite  diligatur.  Nam  inter  virum  et 
uxorem  debet  esse  amor  magnus,  quia 
inter  eos,  ut  probatur  octauo  cthicorum 
est  amicicia  excellens  et  naturalis ;  sed 
cum  excellens  amor  non  possit  esse  ad 
plures,  ut  vult  philosophus  nono  ethi- 
coruni,  indecens  est  quosque  viros 
plures  uxores  habere,  quia  eas  non 
tanta  amicicia  diligerent,  quanta  inter 
coniuges  esse  debet  .  .  .  Tercia  via 
ad  inuestigandum  hoc  idem  sumitur  ex 
nutritione  filiorum. 


llOd 

Comment  uus  homs  doit  estrc  con- 
tens  dune  femme. 
Je  dy  aussy  biaulx  auiis  gens 
Combien  con  voye  aucunez  gens 
Qui  ont  tel  loy  et  tel  usaige 
Quuns  homs  puet  prendre  en  mariaige 
Pluiseurs  femmez  licitement 
Qui  vault  mieulx  a  mon  Jugement 
Et  est  plus  raisonnable  chose 
Qui  bien  tout  considere  et  glose 
QuDs  homs  tous  seuls  tant   seulement 
Soit  maris  dune  quautrement 
Et  cest  chose  a  prouuer  legiere 
Par  pluiseurs  raisonz  la  preniiere 
Kegarde  attemprance  et  mesure  .  .  . 
Et  cest  aussi  comme  samblable 
Au  familleux  qui  a  sa  table 
Pluiseurs  mes  delicieux  treuue 
Car  cest  trop  fort  que  ce  nesmeuue 
Son  appetit  aucunement 
A  meugier  oultrageusement. 
111  a^^ 

Laultre  raison  con  puet  trouuer 
Pour  ceste  sentence  prouuer 
Regarde  lamistie  parfaitte 
Dont  mencion  ta  este  faitte 
Qui  en  mariaige  doit  estre 
Car  sur  tout  aultre  amour  tcrrestre 
Comme  Jay  dit  lamour  presente 
Est  naturelle  et  excellente 
Et  teile  amour  au  bien  enteudre 
Ne  se  puet  a  pluiseurs  estendre 
Car  teile  exccllence  damour 
Ne  fait  quen  un  seul  lieu  demour 
Nul  euer  ne  puet  amer  briefment 
Quen  un  licu  cxcellentcment. 
lllc>« 

Et  cest  aussy  chose  contraire 
Aux  enfanz  nourrir  et  parfaire. 


Les  Echecs  Amoureux 


633 


Coloiina  setzt  hier  in  einem  litiig-eren  Verg-leich  auseinander,  dass 
bei  den  Tieren  dieses  Verhältnis  ganz  anders  ist.  Da  die  Sorge  für 
die  Jungen  fast  ausschliesslich  Sache  des  Weibchens  ist  und  dieselbe 
ausserdem  sich  nicht  auf  so  lange  Zeit  zu  erstrecken  braucht  wie  bei 
den  Menschen,  so  kümmert  sich  das  Männchen  nicht  weiter  um  Zahl 
und  Pflege  der  Jungen  ebensowenig  wie  um  das  Weibchen  selbst.  Bei 
den  Menschen  bedarf  jedoch  das  Kind  der  elterlichen  Fürsorge,  solange 
es  lebt;  daher  müssen  Gatte  und  Gattin  schon  aus  diesem  Grunde  sich 
auf  Lebensdauer  die  eheliche  Treue  wahren.  Statt  dieses  Gedankens 
führt  der  Dichter  der  PI  A,  einen  anderen  Grund  ins  Feld,  der  den 
Mann  zur  Monogamie  bewegen  soll,  nämlich  den  häuslichen  Frieden. 
Wo  mehrere  Frauen  im  Hause  sind,  kann  bei  der  leichten  Reizbarkeit 
Herrschsucht  und  Eifersucht  der  Frauen  unmöglich  Friede  und  Eintracht 
im  Hause  herrschen. 

Billigerweise  wird  jetzt  auch  von  der  Gattin  verlangt,  dass  sie  nur 
einem  Manne  anhänge  und  ihm  in  Treue  zugetan  sei.  Unser  Dichter 
setzt  hier  sorgfältig  die  bei  Colonua  vorgebrachten  Gründe  in  Verse 
UQi.  Dort  treffen  wir  seinen  Gedankengang  genau  vorgezeichnet  in 
c.  10: 


Qaod  coniuges  oinnium  ciuium  et 
maxime  leguni  et  pvincipum  uno  vivo 
debeiit  esse  contente.  Qiiamuis  apud 
aliquas  sectas,  ut  apud  sarracenos  et 
apud  forte  aliquas  barbaras  nationes 
non  reputetur  incongruum  uiiura  virum 
siiuul  habere  phues  uxores,  apud  nullas 
tarnen  gentes  secundura  quascunque 
leges  viuentes  nunquam  legimns  hoc 
indultum  fuisse,  ut  siniul  iina  muliere 
pluribus  viris  per  coniugium  copule- 
tur  .  .  In  couiugio  enim  primo  res- 
eruatur  ordo  naturalis.  Nam  naturale 
est  feminara  esse  subiectam  viro,  eo 
quod  vir  sensu,  intellectu  etprudentia 
prestautior sitipsa.  Sccundo  ex  coniugio 
consurgit  pax  et  amicicia;  luultas  enim 
guerras  et  multas  discordias  sedari 
videnius,  eo  quod  inter  partes  contra- 
huntur  coniugia.  Tercio  ex  coniugio 
oritur  ipsa  proles  .  .  .  Quarto  sicut 
coniugium  ordinatur  ad  filiorum  pro- 
creationem  sie  ordinatur  ad  eorum 
debitam  nutritionem  .  .  .  Quod  autem 
ex  hoc  tollatur  naturalis  ordo  videre 
non  est  difficile.  Nam  secundum  ordiueni 
naturalem,    ut  patet  per   philosophura 


lllc 

Comment    une    femnie    aussy    doit 
estre  contente  dun  raary. 

Briefment  ce  seit  contre  raison 

Quns  seulx  homs  ait  en  sa  maison 

Plus  dune  femme  encur  sanz  doubte 

Est  ce  plus  contre  raison  tonte 

Qune  femme  seule  ce  samble 

Ait  pluiseurs  maris  tous  ensamble 

Sanz  faille  aussy  ne  fu  II  oncques 

Veu  en  nulle  loy  quelconques  .  .  . 

Les  causes  sont  chi  toutes  cleres 

111  d 

Preraieremcnt  tu  doiz  sauoir 

Quil  doit  en  mariaige  auoir 

Une  loy  et  une  ordre  teile 

Qui  est  aussy  que  naturelle 

Cest  assauoir  que  par  raison 

La  femme  doit  toute  saison 

Estre  subgette  a  son  mary 

Et  plainement  obeir  y 

Car  li  lioms  doit  naturelment 

Auoir  plus  graut  entendement 

Que  la  femme  et  plus  de  prudence 

Li  maris  dont  doit  seignourir 


634 


Dr.  Hans  Höfler 


in  politicis,  scniper  vir  debet  esse 
preeininens,  mulier  vero  debet  esse 
subiecta.  llursus  secundura  ordinem 
naturalem  in  eisdeni  operibus  nullus 
eque  per  se  duobus  vel  pluribus  potest 
esse  subiectus  .  .  .  Nam  et  si  idem 
potest  domipari  pluribus  ut  plures  sunt, 
eundem  tarnen  obedire  pluribus  prin- 
cipantibus,  nisi  plures  siiit  secuudum 
ordinem  naturalem,  esse  non  potest . . . 
Secundo  hoc  idem  inuestigari  potest 
ex  ipsa  pace  et  coucordia  ad  quam 
couiugium  ordinatur.  Nam  cum  qui- 
libet  moleste  ferat,  si  in  usu  sue  rei 
delectabilis  impeditur,  absque  dissen- 
sioue  et  discordia  esse  non  posset,  si 
una  femina  per  couiugium  pluribus 
copularetur  viris,  dum  unus  illorum  in 
usu  rei  delectabilis  alterum  impediret 
inter  eos  guerra  et  inimicicia  oriretur; 
yrao  quilibet  illorum  virorum  contra 
parentes  et  consanguineos  uxorum  ad 
inimiciciam  moueretur,  eo  quod  suam 
coniugem  alteri  viro  per  coningium 
subicerunt.  Ex  coniugio  ergo  quod 
ordinatur  ad  pacem  et  amiciciam,  lis 
et  discordia  oriretur  .  .  .  Tercio  boc 
idem  patet  ex  generatiouc  prolis,  ad 
quam  coniugium  ordinatur;  impeditur 
enim  ipsa  fecunditas  filiorum,  si  una 
femina  pluribus  coniugatur  viris,  unde 
et  meritrices  conspicimus  magis  esse 
steriles  quam  alias  mulieres;  ergo  ex 
parte  procreationis  filiorum  omnino 
indecens  est  unam  feminam  plures 
habere  viros  .  .  .  Quarto  hoc  inuesti- 
gare  possumus  ex  filiorum  debito  nutri- 
mento;  nam  ex  hoc  parentes  sollici- 
tantur  circa  pueros,  quia  lirmiter  credunt 
eos  esse  pueros  filios  eorum.  Quicquid 
enim  impedit  certitudinem  filiorum, 
iuipeditnc  pater  dillgentereisprouideat 
in  hereditate  et  in  nutrimeuto  debito. 
Sed  si  una  femina  pluril)us  nubet  viris 
patres  de  suis  filiis  certi  esse  non 
poterunt,  quare  nQn  adhibebunt  illam 
(liligenciam  quam  debeut,  ut  suis  filiis 
de  nutrimeuto  et  in  hereditate  proui- 
deant,    detestabile    est    virum    unum 


Par  raison  lusquez  au  mourir 

Sil  na  a  prudence  failly 

Et  la  femme  obeir  a  ly 

Et  par  ly  regier  tout  son  estre 

Or  ne  puet  une  personue  estre 

Ainsy  subgette  proprement 

A  pluiseurs  aumainz  equalment 

Briefment  II  est  bon  a  veir 

Qune  personne  seuleraent 

Puet  bien  et  raisonnablemeut 

Sur  pluiseurs  seignourie  auoir 

Mais  nulz  ne  puet  au  dire  voir 

A  pluiseurs  qui  bien  raenteudy 

Estre  subgiez  si  com  le  dy. 

111  d 

Je  dy  aussi  secoudement 

Quil  ne  pourroit  en  tel  maisnage 

Ou  II  aroit  tel  mariage 

Dune  a  pluiseurs  que  Je  recorde 

Auoir  paix  ne  boune  concorde 

Ainz  verroit  on  sourdre  layenz 

112a 

Moult  de  granz  Inconuenienz 

Qui  troubleroient  le  conuent 

Pour  ce  quil  auenroit  souuent 

Que  li  unz  a  laultre  nuyroit 

Dont  chilz  se  courrouceroit 

P^t  seroit  espoir  mal  contenz 

Sen  sourdroit  tost  granz  li  contenz 

Car  nulz  cuers  ne  se  i'eleesce 

Quant  II  parchoit  que  on  lempesce 

En  son  delit  et  a  sa  chose 

Maiz  luy  desplaist  et  si  oppose 

Et  sen  courrouce  par  uature 

Et  briefment  par  ceste  auenture 

Pourroient  venir  maint  mal  tel 

Non  pas  seulement  eu  lostel 

Ainz  en  pourroit  sourdre  dehors 

Eutre  les  parens  graus  descors  .  . 

Sachez  aussy  que  peu  vauldroit 

Chilz  mariaigez  chy  endroit 

Pour  auoir  eufanz  et  lignie 

Car  femme  qui  a  compaignie 

Et  accointance  a  pluiseurs  hommes  . 

Ne  couchoit  pas  naturelment 

Si  tost  ne  si  legierement 

Que  celle  (pii  neu  conguoist  qun 

Ainz  est  fort  quelle  ait  fruit  aucun . 


Les  Echecs  Amoureux  635 

plures  habere  uxorcs,   secl   dctestabile       Corame  on  voit  dez  femmez  comniunez. 

est,  unani  iiiulierem  habere  plures  viros,        112a"' 

quia  per  hoc  magis  impeditur  certitudo        Si  a  II  un  point  en  ce  fait 

liliorum.  Qui  forment  a  reprendre  fait 

Car  nulz  des  mariz  ne  saroit 
Des  enfauz  que  la  femme  aroit 
Liquel  soroient  sien  ou  non 
Combien  quil  en  euist  le  nom  .  .  . 
Dont  Uli  grant  meschief  ressauldroit 
Qui  pire  encor  dassez  vauldroit 
Car  II  ne  chauboit  aux  chetiz 
Maryez  des  enfans  petiz 
Qui  de  tel  mariaige  ystroient 
Pour  ce  quilz  ne  les  conguistroient 
Nil  ne  mettroient  la  grant  eure 
A  parfaire  leur  nourreture 
Na  procurer  leur  pourueance 
Si  seroient  en  grant  balanee 
Finablement  II  nest  maniere 
112b 

De  marier  qui  tant  affiere 
Ne  qui  tant  vaille  simplement 
Que  dun  a  une  seulement. 

Wie  eingeliend  sich  unser  Autor  mit  seiner  Vorlage  bescLäftigt, 
gellt  auch  aus  der  Bestimmung  der  Zeit  hervor,  in  der  es  am  vorteil- 
haftesten ist,  zur  Ehe  zu  schreiten,  um  ihren  Zweck  zu  erfüllen  und 
Nutzen  für  sich  selbst  als  auch  für  die  Kinder  daraus  zu  ziehen.  Die 
Anleitung  dazu  empfing  er,  nachdem  er  vorläufig  einige  Kapitel  über- 
schlägt, aus  Colonnas  c,  16: 

Quod    detestabile   est   in  omiiibus        112b 
ciuibus  et  maxime  in  regibus  et  priuci-  Encore  de  ce   et  moustre    que    ce 

pibus  in  etate  nimis  iuuenili  uti  copula       nest  pas  bon   de   luy  marier    en    trop 
coniugali  .  .  .     Tangit  autem  philoso-        grant  lonesche   et   quil  aux  parenz  et 
phus  septimo  politicorum  quatuor  rati-       aux  enfans. 
ones  probantes,    quod   in    etate   nimis 
iuuenili    esse    non    utendum    coniugio. 
Prima  ratio  sumitur  ex  lesione  filiorum. 
Secunda    ex    intemperantia    uiulierum. 
Tercia  ex  periculo  earum.     Quarta  ex 
male  viroruni. 

Ein  kurzer  Vergleich  der  angegebenen  vier  Punkte  in  beiden 
Fassungen  ergibt,  dass  der  Dichter  der  E.  A.  dieselben  in  umgekehrter 
Reihenfolge  wie  seine  Vorlage  bespricht.  Bei  Colonna  heisst  es  dem- 
nach in  c.  16  weiter: 

Prima   via    sie  patet,     Nam   si  in       112d 
etate  nimis  iuuenili    coniungantur    vir       Ce  nest  pas  aussy  chose   bonne 
et  uxor,   ut  probat  philosophus   tercio       Aux  enfanz  dont  le  et  sermonne 


636 


Dr.  Hans  Höfler 


politicorum  leduiitiir  iiide  filii  quautum 
ad  corpus  quia  ut  pliuimuiu  suut  iiimis 
debiles  corpore  et  iuiperfecti  et  etiam 
leduntur  quantum  ad  animam,  quia  sie 
nasceiites  ut  plurimuiu  defieiunt  ratidne 
et  intellcctu  .  .  .  Secunda  via  ad 
inuestigandum  hoc  idem  sumitur  ex 
intemperantia  mulierura.  Nam  si  in 
etate  iuucnili  uxores  suis  viris  copu- 
leiitur  non  solum  filii  inde  leduntur, 
sed  etiam  ipse  uxores  efficiuntur  intem- 
perate  etlasciue,  quia  quelibet  persona 
nirnis  desiderat  aliud  et  nimio  ardore 
concupiscit  ipsum  si  exnimia  iuuentute 
sit  asuefactum  ad  illud.  Undc  septimo 
politicorum  dicitur  quod  intempcranti- 
ores  videutur  esse  mulieres  ille,  que 
iuuencule  fuerunt  use  coniugio.  Tercia 
via  sumitur  ex  periculo  raulierum.  Nam 
ut  dicitur  tercio  politicorum:  In  partu 
iuuencule  magis  dolent  et  periclitantur 
plures;  uiide  et  antiquitus  ut  pliiloso- 
plius  recitat  fuit  consuetudo  apud  geu- 
tiles  speciale  oraculum  facere  pro  partu 
iuuencularum,  in  Signum  quod  iuuen- 
cule magis  periclitantur  in  partu  quam 
alie.  Quarta  via  sumitur  ex  maio  ip- 
soruni  virorum,  quia  ipsi  viri  leduntur, 
si  in  nimia  iuuentute  utantur  coniugio. 
Unde  tercio  politicorum  dicitur  quod 
niasculorum  corpora  leduntur,  si  tem- 
pore augraenti  et  crescente  corpore 
utantur  vencreis  .  .  .  Sed  si  queratur 
quautum  tempus  requiratur  in  ipsis 
coniugibus  videtnr  enim  velle  philo- 
Roplius  huiusraodi  tempus  in  ipsa  coniuge 
(iebere  esse  deceniocto  annorum.  In 
viro  vero  plus  tcniporis  reqiiiritur.  Nam 
si  per  totuni  tempus  augmcnti  uociuum 
est  masculis  uti  coniugio,  cum  tempus 
augmenti  communiter  in  hominibus 
requirat  tria  septennia,  post  septennium 
tercium  in  viris  videretur  esse  tempus 
dcbitum  darc  opcram  copule  coniugali. 


Qui  de  si  losne  gent  descendent  .  .  . 

Car  telz  enfanz  communement 

Sont  de  corps  fehle  et  Imparfait  .  .  . 

112  d" 

Et  si  a  pis  car  II  conuient  .  .  . 

Quil  y  ait  empecscheinent 

Eu  lame  et  cn  lentendement. 

112c" 

Et  si  ra  un  aultre  meschief 

Dont  on  ne  vient  pas  bien  a  chief 

Tant  fait  grant  dorapmaige  aux  fillettes 

Car  les  damoiselles  Jounettes 

Qui  sont  trop  tost  a  ce  fait  miscs 

Sont  plus  fort  de  delit  sousprises 

Et  y  mettent  plus  lors  ententes 

Siquelles  sont  mainz  continentes 

Et  mainz  chastes  naturelment 

Comnie  on  voit  par  experiraent 

Que  cellez  qui  apoint  entendent 

Car  plus  par  mesure  y  entendent 

112c" 

II  nust  aussy  aux  Jouencelles 

Et  est  trop  grant  peril  ponr  elles 

Quant  ce  vient  a  lenfantement 

Car  trop  plus  y  ont  de  tourment 

Et  de  dolour  que  celles  nont 

Qui  de  Corps  et  deaige  sont 

Farfaittez  et  bien  ordonnecs  .  .  . 

Pour  ce  ordonnerent  li  payen 

Uu  Oracle  ou  tout  Anchyen 

Proprement  pour  prier  aux  dieux 

Quant  II  en  serroit  temps  et  lieux 

Pour  Celles  qui  traucilleroient 

Pour  CO  que  pluiseurs  en  mouroient. 

1120» 

Premieremcnt  li  losnez  homs 

Qni  nest  pas  de  parfait  aaige 

Se  fait  au  corps  trop  grant  dompmage 

E  en  destourbe  sa  croissance 

Dont  II  a  trop  mcndre  puissance. 

113  a'-' 

De  ce  concliient  II  appres 

Con  düit  la  femnie  ou  assez  pres 

Marier  a  XVIII  anz 

Et  que  lors  est  ce  li  droiz  tempz 

Et  li  homz  aussy  li  peuent  estre 

Sil  veult  continuer  son  estre 

Apprez  XXIV  anz  ou  trente 


Les  Ecbeca  Amoiireux  637 

Lora  y  puet  II  raettre  sentente 
C.ir  lors  a  II  boniie  piiissance 
Saiiz  ricuz  meffaire  a  sa  croissance 
Cest  li  tempz  ordonncz  dcz  saiges 
Pour  coiumenchier  les  inariaiges. 

Über  das  heiratsfähige  Alter  bei  den  Mädchen  (18  Jahre)  stimmt 
unser  Dichter  mit  Colonna  überein,  dagegen  setzt  er  dasjenige  der 
Männer  in  die  Zeit  vom  24.— 30.  Lebensjahr.  Ausserdem  legt  er  auch 
Gewicht  darauf,  dass  man  nicht  in  zu  vorgeschrittenem  Alter  sich  ver- 
ehelichen soll,  da  nämlich  die  Eltern,  wenn  sie  bei  der  Heirat  schon 
bei  Jahren  sind,  weder  für  ihre  Kinder  genügend  sorgen  können,  noch 
die  Kinder  zu  dem  Alter  gelangen,  in  welchem  sie  ihre  Eltern  unter- 
stutzen könnten.  Gleichfalls  selbständig  weist  der  Dichter  der  E.  A. 
bei  den  Warnungen  vor  allzu  jugendlichen  Eheschliessungen  darauf  hin, 
dass  die  Kinder,  wenn  ihre  Eltern  bei  Schliessung  der  Ehe  zu  jung 
waren,  wegen  des  geringen  Altersunterschiedes  ihnen  nicht  die  nötige 
Ehrfurcht  entgegenbringen  würden. 

Die  im  nachfolgenden  ausgesprochene  Meinung,  es  sei  nicht  ratsam, 
sich  mit  einer  Verwandten  zu  verehelichen,  rührt  wieder  aus  Colonna 
her,  der  besonders  den  Gedanken  äussert,  man  solle  durch  die  Heirat 
mit  einer  Frau  ausserhalb  seines  Verwandtenkreises  sich  neue  Freunde 
zu  erwerben  suchen.  Unser  Dichter  greift  dabei  auf  Colonnas  1.  H,  p.  I, 
c.  11  zurück: 

Quod  decet  omnes  eines  et  maxime        113  b 
reges  et  principes  non  ducere  coniuges  Cy  uioustre  pallas  quel  femnie  on 

in  Ulla  consanguinitate  sibi  coniuuctas.  doit  eslire  et  quelle  non  et  premiere- 
Crederet  forte  aliquis,  dum  tarnen  una  luent  cou  ne  doit  mie  prendre  de  sa 
femiua    per    coningium    uni    copuletur       lignie. 

viro,    licitum    illud    coningium    cuius-       —  —  —  — — —   — 

cunque   generis   vel  cuiuscunque   con-       Or  saichez  dont  premierement 
sanguinitatis  esse  habeat  vir  et  uxor.       Biaulx  doulx  amiz  con  ne  doit  raie 
Sed    quod    hoc    sit    rationis    dictamen       Faire  sa  femme  ne  samie 
quod  cum  parentibus   et   cum   consan-       De  sa  parente  aumains  prochaine 
guineisnimiaconsanguinitateconiunctis       Car  raisonz  et  nature  liumaiue 
non    sit   ineundum    coniugium   triplici       Ce  samble  de  premiere  face 
via  venari   possumus.     Prima   sumitur       Deffendent  que  nulz  ne  le  face 
ex  debita  reuerentia  que  est  parentibus       Pour  ce  que  lamistie  charnelle 
et  consanguineis  exhibenda.      Secunda       Qui  en  mariaige  sosteile 
sumitur  ex  bono  quod  ex  coniugio  con-       Nest  pas  teile  que  lamistez 
surgit.      Tercia    ex    malo    quod    inde       De  lignaige  Ainz  est  veritez 
vitatur.     Prima  via   sie   patet.     Nam       Quelle  veult  aultrez  cireonstances 
cum  ex  naturali  ordine  debeamua  paren-       Aultrez  poinz  et  aultrez  plaisancez 
tibus    debitum    subiectionem    et    con-        Que  lautre  par  naturel  droit 
sanguineis  debitam  reuerentiam,  cuius-       Car  chascuns  scet  assez  con  doit 
modi  reuerentia    debita   non    seruetur       A  sa  mere  aultre  reuerence 
inter  uxorem  et  virum  propter  ea  que       Aultrement  estre  en  sa  presence  .  .  . 


638 


Dr.  Hans  Höfler 


iuter  eos  mutuo  sunt  agenda,  dictat 
naturalis  ratio,  quod  nirais  propinqua 
ex  suo  genere  non  est  per  coniugium 
socianda  .  .  .  Non  licet  ergo  filiis 
contrahere  cum  parentibus,  propter 
mutuam  reuerentiam,  quam  sibi  mutuo 
debent;  sie  etiam  non  licet  eis  contra- 
here cum  consanguineis  aliis,  si  sint 
eis  nimia  consanguinitate  coniuncti, 
nisi  ex  dispensatione  et  in  casn.  Nam 
propter  aliquod  magnum  bonum  quod 
possit  inde  consiirgere,  conceditur  ali- 
quando  alicui  in  aliquo  casn,  quod  com- 
muniter  aliis  denegatur  .  .  .  Secunda 
via  hoc  idem  ad  inuestigandum  sutnitur 
ex  bono  quod  ex  matrimonio  consurgit. 
Dicebatur  enim  in  precedenti  capitulo 
quod  ex  contractione  coniugii  iuter  cos 
contrahentes  oritur  pax  et  concordia. 
Sed  cum  inter  consanguineos  ex  ipsa 
proximitate  carnis  sufficiens  amicicia 
esse  videatur,  dictat  naturalis  ratio 
coniugia  contrahcnda  esse  inter  illos 
qui  non  sunt  nimia  consanguinitate 
coniuncti,  ut  quos  carnis  coniunctio 
per  dilectiouem  et  amiciciam  non  con- 
iuugit  coniungat  contractio  copule 
coningalis. 


Aultrement  qua  sa  concubine 

113b 

Briefment  qui  a  bien  concheu 

La  sentence  de  ma  parole 

Nulz  homs  sil  na  pensee  fole 

113c 

Ne  doit  eslire  sa  parente 

Ne  mettre  y  son  euer  ne  sentente 

Pour  an  faire  samie  ou  sa  femme  .  .  . 

Se  ce  nestoit  par  auenture 

Par  bonne  dispensacion 

Et  pour  aucune  occasion 

Qui  touchast  le  prouffit  commun 

En  ce  cas  lont  bien  fait  aucun 

Car  la  loy  pour  aucun  graut  bien 

Aucune  foiz  accorde  bien 

Une  chose  a  une  personne 

Qui  nest  pas  communement  bonne  .  .  . 

113c» 

Et  suppose  meismement 

De  congnoistre  aussy  charnelment 

Une  femme  de  son  lignaige 

Ou  de  la  prendre  en  mariaige 

Que  ce  ne  fust  point  de  pechies 

Et  quil  nen  auenist  la  meschies 

Si  vault  n  mieulx  au  voir  comprendre 

A  une  estrange  femme  prendre     ~ 

Pour  acquerre  amistie  nouuelle 

Que  femme  de  sa  parentelle 

Car  gent  dun  lignaige  ce  samble 

Out  la  grant  amistie  ensamble 

Aumains  le  doiuent  H  auoir 

Nature  cest  bon  assauoir 

A  grant  amistie  les  encline 

Pour  ce  quilz  sont  dune  rachiue 

Et  prouchain  de  char  et  de  saug. 

Der  an  dritter  Stelle  von  Colonna  erwähnte  Grund  gegen  die  Ver- 
mählung mit  Blutsverwandten  schien  unscrm  Dichter  nicht  stichhaltig 
zu  sein,  da  er  denselben  überhaupt  nicht  berückfcichtigt.  Colonna  meint 
nämlich  c.  XI:  cum  enim  ad  persona«  nimia  consanguinitate  coniunctas 
habcatur  naturalis  amor,  si  supra  amorem  illum  superadderetur  ami- 
cicia coniugalis  inter  coniuges  sie  se  habentes  tanta  multiplicaretur 
dilectio,  ut  oportet  eos  nimium  vacare  venereis. 

Auch  hier  unterlässt  es  unser  Autor  nicht,  seine  Belesenheit  in  der 
griechischen  und  römischen  Literatur')  zur  Schau  zu  stellen,  indem  er 

1)  113  c"    Pour  ce  firent  nioult  a  blasmer 

Mirra  qui  voult  son  pere  amer  .  .  . 


Les  Echees  Auioureux 


639 


obne  Vorlage  mehrere  Personen  zitiert,  über  deren  Häupter  infolge 
Ehcscbliessung  mit  nüobsten  Verwandten  scbreckliches  Unglück  berein- 
brueb. 

Abgesehen  davon,  duss  die  Oattin  nicht  uus  der  Verwandtschaft 
stammen  soll,  muss  sie  noch  andere  P^igenschaften  und  Vor/Alge  des 
Leibes  und  der  Seele  besitzen,  die  gleichfalls  von  Colonna  namhaft  ge- 
macht werden  und  zwar  in  c.  12: 

Quouiüdo  regea  et  priiiciijes  et 
uuiuersalitcr  omnes  ciues  tleccnt  uxores 
accipere  ornatas  exterioribus  bonis. 
Bonorum  autem  quedam  sunt  auime 
bona,  ut  virtutes  et  boui  mores.  Quedam 
vera  sunt  bona  corporis,  ut  pulchritudo, 
niagnitudo,  agibilitas  et  cetera  talia. 
Quedam  autem  dicuutur  exteriora  bona, 
que  quantum  ad  presens  spectat,  in 
triplici  genere  babent  esse.  Nam  hono- 
rabilitas  generis  pluralitas  amieorum, 
multitudo  diuieiarum  inter  bona  exte- 
riora computantur,  ut  patet  per  philo- 
sophum  primo  ethicorum.  Cum  ergo 
reges  et  principes  volunt  alicui  i)er 
coniugium  copulari,  attendere  debent, 
ut  persona  illa  quam  sibi  in  coniugem 
Optant,  Sit  omnibus  liis  bonis  ornata  .  . 
Ordinatur  euim  coniugium  ut  patet  ex 
dictis,  ad  debitam  societatem,  ad  paci- 
ficum  esse  et  ad  sufficientiam  vite. 
Prout  ergo  coniugium  ordinatur  ad 
debitam  societatem  apud  reges  et  prin- 
cipes in  suis  coniugibus  querenda  est 
nobiUtas  generis.  Sed  prout  ordinatur 
ad  esse  pacificum,  querenda  est  multi- 
tudo amieorum.  Sed  prout  ordinatur 
ad    sufficientiam     vite     querenda     est 


lUb 

(,'y  moustre  pallas  quel  femuie  et 
de  quel  condicion  on  doit  prendre  en 
mariaige  au  plus  prez  con  puet. 

Et  se  tu  veulz  apprez  aequerre 

Quclx  bieos  on  doit  en  temme   querre 

Et  quelx  biens  on  y  doit  eslire 

Je  respons  et  puis  ainsy  dire 

Ad  fin  que  Je  ne  faille  en  riens 

Quil  est  troiz  maniere  de  biens 

Li  Premier  sont  li  bien  forain 

Que  Je  ne  pris  pas  un  lorain  .  .  . 

Li  second  sont  li  bien  del  ame 

Et  li  aultre  li  bien  du  corps 

Quant  est  dont  aux  biens  de  deliors 

Que  fortune  que  Je  di  garde 

II  est  bon  que  chilz  preude  garde 

Que  Celle  quil  veult  prendre  a  femme 

Soit  de  bpnz  parenz  sans  diffame 

Et  donneste  lignie  et  boune 

.Selon  lestat  de  sa  personne 

Car  chilz  qui  marier  se  veult 

Se  doit  prendre  au  plus  prez  quil  peut 

Selon  raison  a  sa  pareille  .  .  . 

114  c'" 

Li  noble  dont  et  li  gentil 

Doiucnt  a  noblez  femmez  tendre. 


Et  biblis  qui  ama  son  frere 

Et  menofron  aussy  sa  mere  .  .  . 

113  c  14    Et  ce  nous  moustre  bien  listoire 

De  Epydus  qui  est  moult  uottoire 
Qui  sa  mere  espousa  corament 
Quil  le  fist  Ingnoramment  .  .  . 

114  a  25    Pour  ce  mourut  de  mort  amere 

Jadis  soubdainement  la  mere 
Dun  pliilosophe  dit  second  .  .  . 
114  b*    Pour  ce  se  courroucha  aussy 
Biaulx  filz  li  rois  cynaras  sy 
Quil  voult  tuer  mirra  sa  fiUe. 


640 


Dr.  Hans  Höfler 


pluralitas  diuiciarura  .  .  .  Secundo 
j)ropter  esse  pacificum  querenda  est 
multitudo  amicorum,  nam  pax  inter 
liomines  se  habet  quasi  sanitas  respectu 
hunioruin  .  .  .  Quare  sicut  ad  esse  Sa- 
num requiiitur,  ut  quis  habeat  naturam 
fortem  ut  possit  nociua  expellere,  sie 
ad  esse  pacificum  requiritur  abundancia 
ciuilis  potentie  et  pluralitas  amicorum, 
nam  secuudum  philosophum  III.  reth. 
homines  libenter  iniustificant  cum  pos- 
sunt  .  .  .  Restat  ostendere  quomodo 
ex  ea  debeat  queri  diuiciarum  multi- 
tudo. Queruntur  enim  ex  coniuge  dotes 
et  diuicie  ad  supportandum  onera 
coniugii  et  propter  sufficicntiam  vite; 
verum  quia  reges  et  principe»  semper 
intelliguntar  diuiciis  et  possessionibus 
abundare,  que  deseruiunt  ad  sufficien- 
ciam  vite,  decet  eos  in  suis  coniugibus 
principalius  querere  quod  sint  nobiles 
genere  et  quod  per  eas  abuudent  in 
ciuili  potencia  et  quod  acquirant  multi- 
tudinem  amicorum  quam  quod  ex  tali 
coniugio  acquiratur  multitudo  nummis- 
matum  ...  in  omni  coniugio  nimia 
iraparitas  videtur  esse  vitanda.  Nam 
iinparitas  in  excessu,  siue  sit  secundum 
nobilitatem,  siue  secundum  etatem,  ut 
plurimum  est  causa  litigii  vel  etiam 
est  causa,  quod  sibi  coniuges  fidem  non 
seruent. 


114  c.    Encore  de  ce. 

H  est  bon  aussi  daultre  part 

Quant  aux  biens  que  fortune  part 

De  prendre  qui  puet  femme  teile 

Que  chilz  par  laccointance  delle 

Pulst  pluiseurs  bons  amis  acquerre . . . 

Car  II  sen  trouuera  plus  fort 

Sil  auoit  mestier  de  confort  .  .  . 

On  en  vit  plus  paisiblement 

Et  par  maniere  plus  seure 

Car  on  fait  voulentez  Iniure 

Sicomnie  on  puet  souuent  veoir 

A  ceulx  qui  ont  petit  pouoir 

114c,o 

Et  tiercement  II  doit  vouloir 

Sil  ne  veult  con  le  tiengne  a  niche 

Quelle  soit  souffissament  riebe 

Pour  aidier  a  porter  le  faiz 

Dez  granz  despens  et  dez  granz  fraiz 

Quil  fault  en  mariaige  faire 

A  quoy  richesse  est  necessaire 

114d* 

Sauz  faule  li  prince  et  li  roy 
Quit  sont  riebe  et  de  noble  arroy 
Doiuent  plus  lez  deux  poinz  preraiers 
Querre  en  leurs  femmez  que  le  tiers 
Cest  assauoir  noble  lignie 
Pour  auoir  meilleur  compaignie 
Et  plus  pareille  et  plus  samblable 
A  leur  noblesce  aussy  nottable 
Et  graut  moultitude  darais 
Pour  soubzmettre  leur  anemis. 
114c" 

Car  la  trop  grant  disparitez 
En  lignie  ou  en  dignitez 
Et  en  eaige  aussy  nieismez 
Selon  ce  que  deuant  deismcz 
Fait  en  lostel  noise  et  rihotte 
Et  bien  souuent  que  Je  plus  notte 
Et  que  Je  tieng  a  peril  graindre 
La  foy  du  mariaige  enfraindre. 
Hinsichtlich  der  mehr  äusseren  Vorzüge  der  Gattin  ist  der  Dichter 
der  E.  A.  wiederum  sehr  von  seiner  Vorlage  abhängig;    auch  er  be- 
spricht nur  diejenigen  Eigenschaften,  welche  Colonua  in  c.  13   für  be- 
gehrenswert hält: 

Sciendum  quod  philosophus  primo        114d 
rethoricorum    enunierando    bona  fenii-  Cy  parle  pallas  des  biens  corporeux 

narum  ait,  quod  bona  corporis  femi-       que  la  femme  doit  auoir. 


Les  6checs  Amoureux 


641 


narum  sunt  pulchritudo  et  magnitudo . . . 
Videmus  auteni  qiiod  inaguitudo  cor- 
poris facit  ad  bonuui  prolis.  Nam  filii 
in  quantilate  corporis  xit  plurimum 
matrizant,  quia  totam  copulcntam  sub- 
staiitiara  habent  a  matre  quodaiuodo. 
Sicut  eniiu  in  aliis  aniiualibus  ut  pluri- 
mum ex  magno  genere  et  corpore 
magna  procedunt  sie  et  in  hominibus, 
si  pareutes  magni  existant  filii  ut  pluri- 
mum magni  nascuntur  .  .  .  Secundo 
inter  bona  corporis  querenda  est  in 
uxore  formositas  et  pulchritudo.  Nam 
et  hoc  facit  ad  bonum  prolis.  Nam  ut 
sicut  plurimum  nascuntur  magui  ex 
raaguis  sie  et  ex  pulcbris  nascuntur 
pulchri. 


Quant  est  dez  biens  du  eorps  aussy 
II  est  bon  sil  puct  estre  ainsy 
Que  la  femme  soit  grande  et  belle 
De  droite  beaulte  naturelle 
Car  femmez  de  grant  estature 
Portent  biaulx  enfanz  par  nature 
Et  lez  belles  beaulx  ensemcnt 
Aumainz  le  plus  communement 
Ce  sont  deux  poinz  ou  on  doit  tendre 
Qui  veult  a  mariaige  entendre 
Et  dont  on  doit  trop  estre  engranz 
Cest  dauoir  beaulx  enfanz  et  granz 


lUd,3 

La  beaulte  que  Je  doy  nest  pas 
Sans  plus  prouffitable  en  cest  pas 
Ainz  vault  se  tu  le  veulx  oyr 
A  foruicacion  fouir. 
Nach  der  bei  Colonna  stets  üblichen   speziell  an   die  Könige    und 
Fürsten  gerichteten  Ermahnung^    bei   der  Wahl   der   Gattin  besonders 
diese  Vorzüge  anzustreben,  folgt  die  Besprechung  der  in  den  E.  A.  als 
biens  de  Tarne  bezeichneten  Güter,  worüber  sich  Colonna  in  c.  13  weiter 
auslässt: 


Restat  videre  quomodo  ad  bona 
anime  querenda  sunt  in  ea  temperantia 
et  amoroperositatis.  Illud  enim  bonum 
maxime  videtur  esse  querendura  in 
femina,  ad  cuius  oppositum  maxime 
incitatur  .  .  .  Sed  cum  temperantia, 
ut  supra  in  primo  libro  diffusius  dixi- 
mus  Ipsas  passlones  moderet,  ad  quas 
mulieres  maxime  incitantur,  licet  sin- 
gulis  virtntibus  secuudum  modum  eis 
congruum  feminas  pollere  deceat,  tarnen 
cum  tradenda  est  aliqua  nuptui  potis- 
sime  querendum  est,  utrum  polleat 
temperantia,  eo  quod  ad  intemperan- 
tiam  femine  maxime  incitentur  .  .  . 
Decet  ergo  coniuges  teraperatas  esse, 
decet  etiam  eas  amare  operositatem, 
quia  cum  aliqua  persona  ociosa  existit 
lenius  inclinatur  ad  ea  que  ratio  vetat. 
Nam  mens  humana,  ut  innuit  philoso- 
phus  septimo  politicorum,  nescit  ociosa 
esse;  statira  ergo  cum  quis  non  dat  se 
bonis  et  Ileitis  exerciciis  mens  vagatur 
circa  alia  et  occupatur  cogitationibus 
turpibus. 

Romaniache  Forschungen  XXVII. 


115  a.     Des  biens  de  lame. 

Je  dy  aussy  dez  biens  del  ame 

Quil  est  bien  seant  que  la  femme 

Soit  encline  yuer  este 

A  vertu  et  a  honnestc 

Si  con  ne  voye  rien  de  lait 

Et  par  especial  quelle  ait 

En  luy  la  vertu  dattemprance 

Et  quelle  ait  desir  et  plaisance 

De  faire  tousdiz  honneste  oeure 

Car  attemprance  met  mesure 
En  euer  dhumaine  creature 
Et  le  refraint  et  le  retrait 
Des  deliz  ou  li  sens  lattrait 

La  bonne  exercitacion 
Aussi  dont  Je  fayz  raencion 
De  mal  penser  le  gardera  .  .  . 
Je  diz  aussy  seconderaent 
Quelle  doit  son  entendement 
Mettre  comme  raison  le  donne 
En  excercitacion  tres  bonne 
Et  ne  doit  oncquez  estre  oyseuse 
Pour  ce  que  la  pensee  humaine 
41 


642 


Dr.  Hans  Höfler 


Ne  scet  estre  naturelment 
Oyseux  a  poy  un  seul  moment 
Car  dez  lors  con  ne  se  excercite 
En  aucune  chose  licite 
Elle  tourne  a  la  verite 
Tost  sa  pensee  en  vanite 
Et  en  chose  laide  et  villaine. 

Die  Gründe,  welche  dafür  angeführt  werden,  dass  man  lieber  eine 
Jungfrau  als  eine  Witwe  zur  Gemahlin  nehmen  solle,  scheinen  der 
eigenen  Erfindungsgabe  unseres  Dichters  entsprungen  zu  sein;  wenigstens 
Hessen  sich  keinerlei  Anhaltspunkte  dafür  vorfinden. 

Bei  der  Erörterung  über  die  Behandlung  der  Frau  verschmolz  der 
Dichter  der  E.  A.  Colonnas  c.  14  und  c.  15  miteinander.  Im  ersteren 
legt  Colonna  Gewicht  besonders  darauf,  dass  der  Ehemann  hinsichtlich 
der  Unterordnung  seine  Gattin  nicht  nach  denselben  Gesichtspunkten 
behandeln  solle  wie  seine  Kinder;  im  letzteren  betont  er,  dass  die  Frau 
noch  viel  weniger  mit  der  Dienerschaft  auf  gleiche  Stufe  gestellt  werden 
dürfe.  Aus  c.  14  entlehnte  unser  Dichter  zur  Begründung  der  au  erster 
Stelle  ausgesprochenen  Behauptung  den  Satz: 

Inter  patreni  enim  et   filium   non       115  d.    Encore  de  ce. 


interueniunt  conuentiones  et  pacta  qno- 
modo  eum  regere  debeat,  sed  pater 
sccundum  suum  arbitrium  prout  melius 
viderit  filio  expedire,  ipsum  gubernet 
et  regat,  siciit  et  rex  gentera  sibi 
subiectam  regere  debeat  secundum 
suum  arbitrium  prout  melius  viderit 
illi  genti  expedire.  Quare  tale  regimen 
recte  dicitur  regale,  sed  inter  uxorem 
et  virum  semper  interueniunt  quedam 
conuentiones  et  pacta  et  sermones 
quidam,  qualiter  vir  se  habere  debeat 
circa  ipsam.  Dicitur  ergo  tale  regiraeu 
politicum. 


Briefment  le  raary  ne  puet  pas 

Ne  ne  doit  sa  femme  traittier 

Sil  veult  par  raison  exploittier 

Du  tout  a  sa  voulente  plaine 

Mais  par  conuenance  certaine 

Et  Selon  la  loy  et  lusaige 

Con  doit  garder  en  mariaige 

Et  pour  ce  com  on  puet  veoir 

Ny  a  II  pas  si  piain  pouoir 

Com  li  percs  sur  ses  eufans 

Combien  con  les  tiengne  a  moult  frans 

Car  seignonrie  nupcial 

Nest  pas  seignourie  royal 

Ne  si  grant  ne  si  naturelle 


Que  seignourie  paternelle. 
Ausserdem  benutzte  er  aus  c.  14  die  Bemerkung: 
Kursus  dominium  paternale  magis        Car  mariaiges  se  veult  faire 

Par  eleccion  volentaire 
Et  se  Jay  dit  en  ma  doctrine 
Quo  nature  lomme  y  eucline 
Certes  la  veritez  est  teile  .  .  . 
IKJa 

Mais  li  enfant  cest  chose  clere 
Neslisent  pas  ainsy  leur  pere 
Ainz  sont  engendre  par  nature. 

In  ähnlicher  Weise  verwertet  unser  unbekannter  Autor  auch  c.  15 


est  secundum  naturam  quam  coniugale. 
Aliquo  enim  modo  uxor  iudicatur  ad 
paria  cum  viro  et  eligit  sibi  virum. 
Filii  autem  non  indicautur  sie  ad  paria 
cum  patre,  uec  eligunt  sibi  patrem,  sed 
naturaliter  producuntur  ab  ipso. 


Les  Echecs  Amoureux 


643 


nur  im  Auszug.  Die  drei  Punkte,  die  Colonna  als  Beweis  dafür  an- 
gibt, dass  die  Frau  nicht  wie  eine  Sklavin  zu  betrachten  sei,  lauten: 

Prima  sumitur  ex  ipso  ordine  naturali.  Secunda  ex  perfectione 
domus,     Tercla  ex  paritatc  coniugum. 

Aus  Colonnas  ausführlicher  Betrachtung  zum  ersten  Punkt  entnahm 
der  französische  Dichter  den  Hauptgedanken: 

Quare  cum  uatura  ordinauerit  coiii-        llöc^ 


ugem  ad  generationcni,  indecens  est 
quod  ordinetur  ad  seruiendum  .  .  . 
tarnen  apiid  aliquas  gentes,  sicut  apud 
barbaros,  idem  sunt  femina  et  scruus  . . . 
Secuudn  via  ad  inuestigandum  hoc 
idem  sumitur  ex  parte  perfectionis 
domus;  videtur  enim  domus  esse  im- 
perfecta et  habere  penuriam  rerum  et 
non  sibi  sufficere  in  vita,  unde  dicitur 
VI.  politicorura  quod  pauperes  qui  non 
habent  copiam  senütorum  nee  liabun- 
dant  in  hiis  que  requiruntur  ad  per- 
fectionem  domus,  utuntur  uxoiibus  et 
filiis  tamquam  seruis.  Tercia  via  sumi- 
tur ex  paritatc,  que  debet  esse  inter 
uxorem  et  virum.  Nam  licet  vir  debeat 
preesse  uxori,  eo  quod  sit  ratione 
prestantior,  non  tarnen  debet  esse  tanta 
imparitas  inter  uxorem  et  virum  quod 
ea  uti  debeat  tamquam  serua,  sed  magis 
tamquam  socia. 


Car  la  femme  qui  bicn  comprent 

Ce  que  natura  nous  apprent 

Nest  pas  pour  seruir  ordonnee 

Aius  est  establie  et  donnce 

A  lomme  comme  neccessairc 

A  generacion  parfaire. 

llßa*' 

Li  homs  dont  de  nature  bonne 

Doit  traittier  comme  raison  donne 

Sa  fenime  non  pas  seruement 

Et  saucun  le  fönt  aultrement 

Cest  par  deffaulte  de  raison 

Ou  de  richesse  en  la  maison 

Comme  fönt  li  foi  barbarin 

Ou  aucun  poure   patharin 

Qui  nont  de  quoy  seruans  auoir 

Et  ce  nous  fait  assez  sauoir 

Quen  noble  maison  et  parfaitte 

Femme  ne  doit  serue  estre  faitte   .  . 

115d" 

Pour  ce  que  li  homz  est  plus  saigez 

Que  la  femme  et  plus  raisonnable 


Siquez  la  femme  par  raison 

Le  doit  toudis  croire  et  ensuiure   .  .  . 

Maiz  pour  ce  ne  doit  pas  li  homs  .  .  . 

Sa  femme  tenir  en  seruaige  .  .  . 

Ainz  est  raisons  quil  samollie  .  .  . 

Quelle  doit  estre  sa  pareille 

Et  sa  compaigne  en  pluiseurs  cas. 
Der  französische  Dichter  ermahnt  nun  nochmal  die  Gattin  zur 
Tugend;  die  Eltern  sollen  ihren  Kindern  ein  gutes  Beispiel  geben.  Diese 
Ausführungen,  sowie  die  beiden  Gleichnisse  vom  Sämann  und  von  den 
biegsamen  oder  unbiegsamen  Ruten  sind  wahrscheinlich  ohne  Vorbild 
entstanden.  Über  das  Benehmen  des  Mannes  gegen  seine  Frau  handelt 
Colonna  in  c.  19  und  c.  20.  Aus  letzterem  nahm  er  besonders  den 
Schlussgedauken  herüber : 


Debent  enim  viri  diligeuter  ad- 
uertere,  utrum  uxores  sint  süperbe  an 
huniiles,  utrum  sint  prudentes  an  fatue . . . 


117c,, 

Car  qui  luy  laisseroit  sans  doubte 
Faire  aussy  sa  voulento  toute 
41* 


644 


Dr.  Hans  Höfler 


Süperbe  eniua  adeo  fiunt  elate,  si  eis 
miilta  amicicia  ostendatur,  ut  velint 
etiam  viris  propriis  dominari.  Kursus 
etiara  sie  conuersandum  est  cum  eis, 
quod  aliter  instruende  sunt  prudentes 
aliter  fatue.  Nam  prudentibus  ad  cor- 
rectionem  leuia  et  blanda  verba  suffi- 
ciant.  Fatuis  vero  asperior  increpatio 
est  adhibenda. 


Sanz  luy  corrigier  par  raison 
Elle  voulroit  en  la  maison 
Estre  maistresse  soirs  et  mains 


118a" 

Et  pour  ce  si  fault  II  gaittier  .  .  . 
Tres  bien  leur  nature  et  leur  estre 
Comrae  seile  est  noble  ou  villaine 
Ou  seile  est  humble  simple  et  plaine 
De  grant  orgueil  ou  poure  ou  riebe 
Ou  seile  est  aussy  saige  ou  niche  .  .  . 
Car  lune  veult  finablement 
Con  la  maine  amiablement 
Sanz  violence  et  sans  Iniure 
Et  lautre  par  voie  plus  dura. 
Von  dem  in  den  E.  A.  ausgesprochenen  Kate,  man  solle  seine  zu- 
künftige Gattin  schon  von  der  ersten  Begegnung  an  nach  seinem  Kopf 
ziehen,   weiss  Colanna  nichts.     Zu    der  kurzen  Bemerkung   über   den 
ehelichen  Verkehr  der  Gatten  empfing  unser  Dichter  die  Anleitung  aus 
Colonnas  c.  20: 


Sunt  autem  tria  quantum  ad  presens 
spectat  diligenter  consideranda,  in 
quibus  viros  circa  proprias  coniuges 
decet  debite  se  habere.  Nam  primo 
debent  moderate  et  discrete  eis  uti. 
Secundo  debeut  eas  honorifice  tractare. 
Tercio  debent  cum  eis  debite  conuer- 
sari. 


118b,, 

Pour  ce  te  vueil  oultre  Informer 
Dun  point  qui  est  de  grant  mistere 
Cest  qne  li  homs  doit  eusement 
De  sa  femme  user  saigement 
Et  garder  dez  le  premier  cop 
Quil  nen  face  ne  pou  ne  trop 
Mais  tant  et  par  mesure  teile 


Quil  souffisse  a  la  damoiselle. 
In  den  E.  A.  wird  von  den  drei  Punkten  besonders  die  Mässigung 

betont,  während  die  übrigen  beiden  ausser  acht  gelassen  werden  mit 

Ausnahme  des  schon  früher  erwähnten  Schlusssatzes,    dass  man   stets 

der  Natur  seiner  Gattin  Rechnung  tragen  müsse. 

Die   Warnung    vor  der  Eifersucht   wurde   wörtlich    aus  Colonnas 

c.  22  herübergenommen: 

Quod  non  decet  reges  et  piincipes 

et  uniuersaliter  oranes  ciues  erga  suas 

coniuges   nirais    esse    zelotipes.    Multi 

viroriim    videutur    in    hoc    delinquere, 

quia  circa  uxores  proprias  sunt   nimis 

zelotipes.     Sed  quod  nimis  zelus   non 

Bit    laudabiüs    triplici    via   ostendere 

posBumus.      Nam   cum  quis  erga  suam 

coniugem  est  nimis  zelotipus  ex  nimio 

zelo,    quem    erga    illam    gerit,    omnia 

Buspicatur  in  peius.      Multociens   enim 

uxores    bene    viucntes    et    debite     se 


118c     Comraent  li  homs   ne  doit  pas 

estre  trop  Jaloux  de  sa  femme. 

II  y  a  aussy  une  chose 

Qui  aueuc  ce  que  Je  texpose 

Vault  a  cest  propoz  cest  corabien 

Que  li  mariz  sur  toute  rien 

Doye  apprez  dieu  sa  femme  amer 

Ou  II  fait  forment  a  blasmer 

118ci» 

Si  ne  lo  Je  pas  toutesuoie 

Quil  laint  tellemeut  con  le  voie 

Jaloux  desraisonnablemeut 


Les  6chec8  Amoureux 


645 


gereutes  increpnnturaviris;  si  contingit 
eaa  esse  niniis  zelotipes  co  quod  zelo- 
tipi  sit,  etiam  bene  acta  in  peius 
suspicari.  Ex  suspitione  autem  ipsius 
zelotipi,  si  niraius  sit  eius  zelus,  tria 
mala  consnrgunt,  ex  quibus  tres  raci- 
ones  sumi  possunt,  ostendentes  nimis 
zelotipes  non  esse  laudandos:  primiim 
et  quia  viri  in  se  ipsis  nimia  tuibacioue 
vexantnr,  Secundum  quia  ex  hoc  ipse 
uxores  incitantur  ad  malum.  Tercium 
vero  quia  ut  plurimum  ex  tali  zelo  con- 
surgit  in  domo  litigium  et  perturbacio. 
Prima  via  sie  patet.  Nara  si  viri  nimio 
zelo  raouentur  circa  uxores  proprias, 
quasi  semper  sunt  in  suspitione  et  per 
consequens  semper  sunt  in  anxietate 
cordis  quare  cum  una  cura  impediat 
aliam  oportet  sie  zelantes  retrahi  a 
debitis  curis  et  a  ciuilibus  operibus  . . . 
Secunda  via  ad  inuestigandum  hoc  idem 
sumitur  ex  eo  quod  uxores  incitantur 
ad  malum,  si  contingat  suos  viros  zelo- 
tipes esse.  Commune  est  enim  quod 
semper  prohibicio  äuget  concupiscen- 
ciam,  nam  ut  dicitur  II.  rethoricorum 
concupiscencia  est  eius  quod  abest . . . 
Tercia  via  sumitur  ex  lite  et  litigio 
sine  iurgio  quod  in  domo  consurgit, 
nam  cura  videtur  uxoribus  quod  sine 
causa  calumpnientur  et  quod  eorura  viri 
sine  culpa  suspicientur  de  ipsis  mala, 
quod  faciunt  viri  nimis  zelotipi,  non 
possunt  pacientersufferre,  propter  quod 
in  domo  lila  ut  plurimum  oriuntur  Utes 
et  iurgia. 

Unabhängig  schaltet  hier  unser  Autor  noch  die  Ermahnung  ein, 
die  Gattin  solle  in  allen  vernünftigen  Dingen  sich  dem  Willen  ihres 
Mannes  unterwerfen  und  in  Glück  und  Unglück  ihm  treu  zur  Seite 
stehen.  Sie  nehme  sich  Peuelope  oder  Abtiste  als  Beispiel,  die  ihren 
Eheherrn  treu  ergeben  und  musterhafte  Frauen  waren.  Zu  diesem  Zweck 
ist  es  jedoch  noch  erforderlich,  dass  die  Gattin  mit  einer  Anzahl  sonstiger 
Tugenden  ausgestattet  sei,  die  der  Verfasser  der  E.  A.  getreulich 
Colonnas  c.  19  entnimmt: 


Car  chilz  qui  vit  en  tel  tourment 

Biaulx  amis  ce  doiz  tu  sauoir 

Ne  puet  Joye  ne  bien  auoir 

Ne  bonne  pensee  nays 

Ains  cuide  estre  tousdiz  trahis 

Et  deceus  en  toute  ohose 

Car  li  cuers  Jaloux  toudiz  glose 

Et  prent  quanquil  vbit  au  senz  pire 

Si  frist  et  art  en  tel  martire 

Et  sefforce  espoir  desprouuer 

Ce  quil  ne  vouldroit  pas  trouuer 

Sen  vit  en  grant  meschief  mortel 

Et  si  a  un  mal  encor  tel 

Car  la  dame  qui  scet  et  notte 

Corament  li  Jaloux  si  le  notte 

Et  durement  le  maine  et  traitte 

En  est  plus  meue  a  mal  faire 
Seile  nest  de  trop  mal  aftaire 
Et  ad  ce  penser  et  vouloir 
Quelle  meist  a  nonchaloir 
Se  chilz  ne  ly  ramenteuist 
Quil  vauldroit  mieulx  quil  se  teuist 
Et  quil  la  traittast  doulcement 
Quoy  plus  et  Je  dy  tiercement 
Quil  ne  puet  auoir  par  raison 
Joye  ne  paix  en  la  maison 
Mais  que  discorde  et  tenchon  toute 
Ou  celle  Jalousie  se  boute. 


Decet  enim  coniugea  esse  castas 
non  solura  propter  fidem  seruandara 
suis  vivis,  sed  etiam  propter  procre- 
andum  prolem;  nam  si   coniunx  caati- 


120a 

Aueuc  la  bonne  obeissance 
Et  le  seruice  et  la  plaisance 
Que  la  femme  de  bonne  affaire 


646 


Dr.  Hans  Höfler 


tatem  non  seruet,  de  facile  filius  non 
prout  ipsiuB  viri  succedit  in  hereditatem 
patris  .  .  .  Secundo  decet  eas  esse 
pudicas  et  hunestas,  nam  non  sufficit 
coniuges  esse  castas  et  cauere  sibi  ab 
operibus  illicitis  sed  oportet  eas  esse 
pudicas  et  honestas  ut  sibi  caueant  a 
signis  et  a  verbis  que  videntur  in- 
honestatem  protendere  .  .  .  Tercio 
oportet  eas  esse  abstinentes,  ut  caueant 
sibi  a  superfluitate  cibi.  Nam  cibi 
superfluitas  ad  incontinentiam  inclinat. 
Quarto  decet  eas  esse  sobiias,  ut  caue- 
ant sibi  a  superfluitate  potus.  Kam 
cum  immoderantia  cibi  quam  potus 
prouocat  venerea,  unde  et  antiquitus 
apud  romanas  mulieres,  ut  recitat 
Yalerius  raaximus  in  libro  secundo  capi- 
tulo  prirao  de  institutis  antiquis,  quoda- 
modo  nephas  erat  bibere  vinum  .  .  . 
Viso  coniugem  sie  regendam  esse,  ut 
sit  temperata  debite  restat  ostendere 
quomodo  regenda  sit  ut  sit  debite  taci- 
turna.  Nam  ut  scribitur  prirao  politi- 
corum:  Ornamentum  mulierum  est  silen- 
cium.  Si  euim  mulieres  debite  se 
habeaut  et  congrue  silencium  seruent 
ex  hoc  magis  apparent  oruate  et  ad 
maiorem  honorem  et  amorem  viros  in- 
ducant.  Decet  ergo  eas  esse  tacitas 
sie  etiam  decet  ipsas  esse  stabiles, 
quia  quanto  uxor  est  magis  constaus 
et  firma  tanto  magis  incrudelitas  ad- 
generatur  viro,  ut  ei  debitara  fidem 
seruet  ,  .  .  Ad  hec  autem  omnia  viri 
eas  inducere  poterunt,  vel  per  seipsas, 
vel  matronas  boni  testimonii,  vel  per 
cautelas  alias  adhibendo. 


Doit  toudiz  a  son  amy  faire  .  .  . 

Doit  eile  viure  chastement 

Et  luy  porter  selou  la  loy 

Toute  sa  vie  bonne  foy 

Sanz  son  corps  a  aultruy  partir  .  . 

Et  si  doit  aussi  regarder 

Pour  le  peril  de  la  lignie 

Qui  vient  destrange  compaignie  .  . 

120b 

Pour  ce  doit  la  leale  espcuse 

P^stre  ainsi  questrange  honteuse 

Et  sauuaige  a  toute  personne  .  ,  . 

Et  fuir  tels  decepuemcns 

Telz  regars  et  telz  touchemens 

Car  cest  la  voye  plus  seure 

Pour  soy  garder  de  souilleure  .  .  . 

120  b 

La  femme  aussy  se  doit  garder  .  . 

120c' 

De  trop  mengier  et  de  trop  boire 

Car  on  se  meflfait  de  legier 

Par  trop  boire  et  par  trop  mengier  , 

Pour  ce  fu  dez  Auchiens  saiges 

Li  vius  defl'endus  aux  romains 

Pour  les  garder  doeures  villains  .  . 

Car  li  vins  conforte  nature 

Pour  ce  quil  fait  grant  nourreture 

Qui  la  chaleur  croist  et  araplj^e 

Et  lez  e^periz  multiplye 

Qui  le  euer  a  delit  esmeuuent. 

120  c, 

Aueuc  ce  que  Je  te  deuis 

Doit  la  femme  de  bon  aduis 

Et  de  raisonnable  maniere 

Estre  paisible  et  pau  parliere 

121d 

Car  aussi  que  la  Jangieresse 

Qui  noyseuse  est  et  tenceresse 

Est  abhominable  et  horrible 

Aussy  est  la  femme  paisible 

Qui  parle  peu  et  par  raison 

Trez  gracieuse  en  la  maison 

Et  tres  plaisant  chosc  a  veir 

Et  dont  trop  se  doit  resioir 

Son  mary  quant  II  la  voit  teile  .  .  . 

120  d, 3 

Encor  doit  la  femme  honnourable 

Estre  toudiz  ferme  et  estable  .  .  . 

Car  femme  con  voit  tost  muable 


Les  Echecs  Amoureux  647 

Nest  pas  par  raison  si  croable 
Qiic  cellc  conime  Je  propos 
Qiii  se  tient  feime  en  ßon  propos  .  .  . 
121a" 

Mais  toutes  foiz  par  discipline 
Et  par  boii  admonnestement 
Oll  les  fait  viure  lionuostement 
Kaison  aussy  de  lautre  part  .  .  . 
Lez  fait  resister  au  contrairc  .  .  . 
Par  leur  seule  vertu  meisiuez  .  .  . 
Zu  diesen  Tugenden  fügt  der  Dichter  der  E.  A.  noch  hinzu,   dass 
die  Frau  viel  im  Hause   arbeiten   und   zu  Gott   beten   solle;    besonders 
sollen  die  Eheleute  sich  gut  mit  ihren  Schwiegereltern  vertragen.    Mit  der 
Vorschrift,  die  Gattin  solle    zuhause    bleiben    und    die  häuslichen   Ar- 
beiten verrichten,  verrät  er  einen  direkten  Gegensatz  zu  J.   de  Meung, 
gegen  den  er  damit  wieder  einen  Trumpf  ausspielen  zu  wollen  scheint. 
Im  Rosenroman  wird  die  Frau  ermahnt  (III,  14115): 

Et  gart  que  trop  ne  seit  enclose 
Car  quant  plus  ä  l'ostel  repose, 
Mains  est  de  toutes  gens  veue. 
Et  sa  blaute  mains  congneue, 
Mains  convoitie  et  mains  requise. 
Sovent  voise  ä  la  mestre  eglise 

(1421)    Et  face  visitacions 

A  noees,  ä  processions, 

A  geus,  ä  festes,  ä  karoles. 

Diese  Anweisungen  gehen  übrigens  im  Grunde  aufOvids  Ars  ama- 
toria  zurück,  die  auch  J.  de  Meung  teilweise  nachahmte.  Ovids  An- 
sicht findet  sich  kurz  zusammeugefasst  in  A.  a.  III,  417: 

Utilis  est  vobis,  formosae,  turba,  puellae 

Saepe  vages  ultra  limina  ferte  pedes. 

In  der  Verurteilung  der  übertriebenen  Putzsucht  der  Frauen  und 
ihrer  Vorliebe  für  Schminken  und  Färben  des  Körpers  befindet  sich  der 
Dichter  der  E.  A.  wieder  im  vollen  Einklang  mit  Colonnas  c.  21: 

Quomodo    mulieres   circa  ornatum  122  a 
corporis  debeant  se  habere  .  .  .    Seien-  Comment  la  femme  doit  garder  de 

dura  ergo  ornatum  femineum  qnantum  faire    despens    oultrageux    et   de   trop 

ad  presens  spectat,  in  duobus  consistere,  grant  cointise. 

quorum  unus  potest  dici  ficticius   alius  122 a^j 

non  ficticius.     Ficticius  autem   ornatus  Pour  ce  doit  eile  regarder 

dicitur  futatio,  ut  appositio  coloris  albi  Seile  veult  bien  sonneur  garder 

vel  rubei,  quibus  per  quedam  figmenta  Et  faire  ce  que  raisons  donne 

ostendunt  se  femine  rubicundiores   vel  Quant  aux  despens  de  sa  personne 

albiores   vel   aliquo   modo    pulchriores  Quelle  ne  soit  pas  ententiue 

quam    sint.      Talia    autem    quia    sunt  Dauoir  vesture  excessiue 

ficticia   et  sophistica   sunt    illicita    et  Ne  trop  Jolie  ne  trop  cointe  ,  .  , 


648 


Dr.  Hans  Höfler 


prohibenda.  Alius  autein  est  ornatus 
non  ficticius,  qiii  consistit  in  debitis 
indumentis  et  iu  aliis  ornaraentis,  que 
si  considerato  proprio  statu  et  condi- 
cionibus  personarum  debite  et  ornate 
fiant,  sunt  licita  et  honesta. . .  Aduer- 
tendum  autem  quod  circa  ornatum 
vestimentorum  contingit  duplicJter 
peccare.  Primo  ex  superhabundantia. 
Secundo  ex  defectu.  Superhabundantia 
vero  ut  videtur  oportet  ibi  triplicem 
virtutem  querere,  quam  tangit  Antro- 
nicus  peryppoteticus  in  libello  quem 
fecit  de  virtute.  Huius  autem  triplex 
virtus  est  humilitas,  moderantia  et 
simplicitas.  Tunc  enira  mulieres  circa 
ornatum  corporis  sunt  humiles,  quando 
non  propter  gloriam  vanain  se  ornant 
sed  hoc  agunt,  ut  suis  viris  bene  pla- 
centes  eos  a  fornicationibus  retrahant. 
Tunc  vero  sunt  moderate,  quando  con- 
siderato suo  statu  non  superflua  vesti- 
menta  querunt . . .  Tercio  decet  feminas 
circa  ornatum  corporis  esse  simplices, 
ut  non  nimia  solicitudine  ornamenta 
requirant  .  .  .  His  ergo  tribus  modis 
contingit  delinquere  circa  superflui- 
tatem  oruamentorum,  sed  duobus  modis 
ut  ponitur  communiter  contingit  delin- 
quere circa  defectum.  Primo  si  hoc 
tiat  ex  pigritia  et  negligentia.  Nam 
alique  adeo  sunt  pigre,  quod  ex  sola 
negligentia  omittunt  solicitari  circa 
debita  indumenta.  Secundo  in  talibus 
deliuquitur  si  ex  ipso  defectu  queratur 
laus  et  gloria. 


122b  „ 

n  loist  bien  dont  quelle  se  pare 

Honnestement  tant  quil  appere 

Quelle  soit  belle  et  honnerable  .  .  . 

Toutcsfoiz  quil  soit  naturelle 

Sanz  sophistiquier  et  sanz  faindre 

Et  pour  ce  deffens  Je  le  paindre 

Et  le  farder  estroittement 

Car  femme  qui  si  faittement 

Se  paint  et  farde  et  se  couloure 

En  verite  se  deshonnoure. 

122  c» 

Et  briefmeut  cest  la  fin  du  compte 

II  sanible  de  premiere  face 

Que  la  femme  quoy  quelle  face 

Qui  veult  viure  si  cointement 

Ne  veult  pas  viure  chastement 

Et  si  despent  et  fait  oultraige 

Dont  II  est  pis  en  son  mesnaige 

La  femme  dont  vaillant  et  saige 

Doit  amoderer  son  couraige, 

122  c.    Encore  de  ce. 

Pour  ce  doit  la  femme  de  bien 

Estre  attempree  en  son  maintlen 

Et  tousdiz  eusieuir  ladresce 

De  humilite  et  de  siraplesce 

Car  attemprance  luy  mesure 

Son  attour  es  sa  vesteure 

A  poiut  sanz  superfluite 

Et  la  vertu  dhurailite 

La  garde  aussy  de  vaine  gloire 

Et  dorgueil  seile  le  veult  croire 

Et  simplesce  de  lautre  part 

Quant  eile  y  tourne  son  regart 

Le  recontregarde  eusement 

Dentendre  y  trop  songneusement. 

122c" 

Car  aussy  con  deuroit  blasmer 

La  femme  en  cointise  oultrageuse 

Aussi  doit  ou  la  precheeuse 

Et  la  niche  et  la  negligente. 

Auf  die  nähere  Erklärung  dieser  Punkte  lässt  sieb  der  Dichter  der 
E.  A.  nieht  ein,  wie  sjich  hier  überhaupt  die  Wahrnehmung  machen 
lässt,  dass  er  in  anerkennenswerter  Weise  kürzer  sich  zu  fassen  be- 
strebt ist.  So  verliert  er  auch,  nach  nochmaliger  Ermahnung  an  die 
Gattin  zu  Liebenswürdigkeit  und  Geborsam  nur  sehr  wenige  Worte 
darüber,  dass  die  Frauen  weder  zum  Rate  beizuziehen  noch  ihnen  Ge- 


Les  6chec8  Amoureux  649 

heimnisse  anzuvertrauen  seien.    Colonna  verbreitet  sich  ausführlich  da- 
rüber in  c.  23: 

Quäle    Sit   consiliuin   mulierum    et        123  a,, 
quod  earum  consilio  non  est  utendum       Car  teimnes  ne  sout  pas  habiles 
sinipliciter  sed  in  casu.  A  bicii  conseillier  de  tclz  clioses  .  .  . 

Et  sil  auient  par  auenture 
Que  la  femme  aucnus  secrez  sache 
De  son  iiiary  quoy  quelle  faclie 
Gart  soy  bien  quil  soit  si  cele 
Que  Jamals  ne  soit  reuele. 

Über  das  Verschweigen  von  Geheimnissen  spricht  er  in  c.  24: 
Quomodo  non  decet  reges  et  principes  et  uniuersaliter  omnes  eines 
propriis  coniugalibus  sua  aperire  secreta. 

In  trefl'lichcr  Weise  ergänzt  der  französische  Dichter  sein  Vorbild 
dadurch,  dass  er  auch  einige  Andeutungen  über  das  Verhalten  des 
Hausherrn*)  gibt,  der  wie  ein  König  in  seinem  Reich,  wie  Gott  über 
die  Welt  so  als  Oberhaupt  in  seinem  Hause  schalten  und  walten,  über- 
all mit  gutem  Beispiel  vorangehen  und  sich  liebevoll  und  ehrbar  gegen 
seine  Gattin  betragen  soll. 

Wir  wollen  hier  nicht  unterlassen,  den  hohen  sittlichen  Ernst  und 
die  Eindringlichkeit  anzuerkennen,  mit  der  Colonna  und  sein  poetischer 
Nachahmer  wiederholt  die  Ehegatten  zu  gegenseitiger  Liebe  und  Treue 
auffordern  und  insbesondere  die  Unauflöslichkeit  der  Ehe  betonen.  Als 
gebildete  Männer  waren  die  beiden  Autoren  natürlich  mit  der  Geschichte 
Frankreichs  vertraut  und  da  mochten  sie  sich  wohl  an  die  leichtfertige 
Art  und  Weise  erinnern,  mit  welcher  die  damaligen  französischen  Könige 
sich  von  ihren  Gattinnen  zu  trennen  beliebten.  Philipp  II.  August  ver- 
mählte sich  nach  dem  Tode  seiner  ersten  Gemahlin  Isabella  von  Henne- 
gau mit  der  dänischen  Königstochter  Ingeborg,  „einer  Jungfrau  von 
Schönheit,  Tugend  und  Sittsamkeit".  Aber  aus  unbekannten  Gründen 
fasste  der  König  schon  in  der  Brautnacht  eine  so  heftige  Abneigung 
gegen  die  Neuvermählte,    dass  der  Aberglaube  meinte,    Zauberei   habe 


1)  123  b*^     Comme  un  senl  roy  fait  eu  sou  regne 

Et  uu  seul  dicu  sur  tont  le  monde 
A  qui  II  fault  que  tout  responde 
Tout  ainsi  dont  que  nous  veons 
Que  chilz  dieux  en  qui  nous  creons 
Tout  le  monde  gouuerüe  et  maine 
Par  droitte  ordonnance  certaine 
Et  que  chascune  creature  .  .  . 
Oeuure  et  luy  fait  obeissance  .  .  . 
Aussi  dis  Je  finablement 
Quil  doit  auoir  en  la  maison  .  .  . 
ün  gouuerneur  .  .  . 


650  Dr«  Hans  Höfler 

ihm  den  Sinn  verstrickt.  Er  beschloss,  sie  nicht  als  seine  Gattin  an- 
zuerkennen. Auf  Grund  einer  erfundenen  Verwaudschaft  wurde  durch 
den  Erzbischof  Wilhelm  von  Heims  und  mehrere  Bischöfe  die  Trennung 
der  Ehe  ausgesj)rochen  und  dann  die  Verstossene,  da  sie  sich  weigerte, 
nach  ihrer  Heimat  zurückzukehren,  in  das  Frauenkloster  Beaurepaire 
gebracht.  Unterdessen  sah  sich  Philipp  nach  einer  anderen  Braut  um. 
Als  die  Tochter  des  Pfalzgrafen  Konrad  seine  Hand  verschmähte,  warb 
er  um  Agnes,  die  schöne  Tochter  des  Herzogs  von  Meran  und  Hess 
sich  mit  ihr  trauen,  obwohl  der  Papst  die  Scheidung  von  Jngeborg  für 
ungültig  erklärt  hatte.  Erst  als  das  Interdikt  über  Frankreich  ausge- 
sprochen und  Agnes  gestorben  war,  nahm  Philipp  seine  verstossene 
Gattin  wieder  als  Gemahlin  an,  nachdem  sie  17  Jahre  als  Gefangene 
gelebt  hatte  ^). 

Ähnliche  Zustände  herrschten  in  dem  Nachbarreich  England  unter 
der  Regierung  Johann's  ohne  Land,  der  ebenso  wie  seine  Gemahlin 
manches  galante  Abenteuer  erlebte  (Weber  1.  c.  VH,  643),  und  auch 
Ludwig  X.  von  Frankreich  (1314 — 131G)  hatte  seine  Gemahlin  Margareta 
von  Burgund  im  Gefängnis  töten  lassen,  um  eine  neue  Ehe  schliessen 
zu  können.  Seine  Wahl  fiel  auf  dementia,  die  Königstochter  von 
NeapeP). 

Es  erübrigt  noch  am  Schluss  dieses  Abschnitts  darauf  hinzuweisen, 
dass  auch  in  dem  Werke  eines  anderen  mittelalterlichen  Schriftstellers 
sich  ab  und  zu  Bemerkungen  über  den  Ehestand  finden,  die  mit  solchen 
des  Dichter  E.  A.  ziemlich  übereinstimmen.  Es  ist  dies  das  Speculum 
naturale  des  Vincentius  von  Beauvais.  Derselbe  kommt  für  den  nach- 
folgenden Teil  unserer  Untersuchung  in  grösserem  Masse  in  Betracht 
und  es  könnte  vielleicht  die  Ansicht  Platz  greifen,  dass  Vincentius 
auch  in  dem  eben  behandelten  Kapitel  vorbildlich  gewesen  sei. 

Über  die  Monogamie  äussert  sich  Vincentius  kurz  in  Sp.  nat.  pag.  383 
(1.  30;  c.  32)  Patet  etiam  quod  unicam  esse  debere  sit  naturali  iure. 
Est  enim  de  naturali  iure,  ut  alii  non  facias.  quod  tibi  non  vis  fieri. 
Sicut  ergo  vir  non  vult  mulierem  dividere  caruem  suam,  ita  nee  ipse 
debet  dividere  suam  .  .  .  ausserdem  in  30,  33  (pag.  383):  Nee  sicut 
uni  viro  plures  licobat  habere  uxores,  sie  et  uni  foeminae  vires  plures, 
nee  forte  ipsius  prolis  causa,  si  forte  illa  quidem  parere  posset  et  ille 
generare  non  posset. 

Gleich  Colonna  und  dem  Dichter  der  E.  A.  gibt  auch  Vincentius 
den  Rat,  man  solle  sich  nicht  mit  einer  Verwandten  verehelichen:  30,  17: 
Ceterum  in  coniunctione  viri  ac  foeminae  oportuit  excipi  propinquos 
carnis  supradicta  s.  ratione,  ut  vir  vel  mulier  quaelibet  coniugem  quae- 


1)  Vergl.  Weber  1.  c.  VII,  p.  707. 

2)  S.  Weber  1.  c.  Vit,  750. 


Les  Echecs  Amoureux  651 

rens  extru  coni?ang'iiinitatem  suam  pliires  sibi  necessitudines  et  uffiui- 
tates  cum  pluribus  acquireret  ac  per  hoc  etiam  plures  sibi  amicitias 
copularet. 

Die  Eigenschaften,  welche  die  Gattin  zieren  sollen  sind  in  c.  30,  37 
enthalten:  Si  ergo  vis  ducere  uxorcm  noli  quaerere  diviteni,  scd  bene 
morigeratam :  quia  mores  boni  divitias  semper  acquirnnt,  divitiae  aiitem 
uunquam  mores  fccerunt.  Et  gloriosior  est  paupertas  fidelium  quam 
divitiae  peccatorum.  Noli  quaerere  speciem  .  .  .  Qui  ergo  suavitatem 
quaerit  coniugii,  non  tarn  pulchritudo  mulieris  quam  virtus  eins  et  gra- 
vitas  ilium  delectet,  non  superiorem  ceusu  ambiat,  non  genere  nobili- 
orem,  haec  enim  superbiae  pruxima  sunt,  nee  movilibus  ornatam  sed 
moribus. 

Ausser  den  soeben  genannten  Hessen  sich  keine  Ähnlichkeiten  mehr 
nachweisen.  Es  fehlt  bei  Vincentius  besonders  die  systematische 
Gliederung  und  Erklärung  der  einzelnen  Beweispunkte,  wie  sie  uns  bei 
dem  Dichter  der  E.  A.  und  Colonna  begegnet.  Darum  wird  es  wohl 
überflüssig  sein,  weiter  auszuführen,  dass  letzterer  für  das  Kapitel  über 
den  Ehestand  als  einzige  Quelle  anzusehen  ist. 

Die  Erziehung  des  Kindes^). 

Wir  treten  hiermit  in  die  Besprechung  eines  Abschnitts  ein,  der 
auch  in  unserer  Zeit  noch  einer  allgemeineren  Beachtung  würdig  ist, 
da  er  uns  das  damalige  Erziehungsideal  vor  Augen  führt.  Der  Ver- 
fasser der  E.  A.  sjiricht  mit  hohem  Ernst  und  Verständnis  von  der 
körperlichen  und  geistigen  Ausbildung  des  Kindes,  und  wir  können 
jeden  Satz  seiner  Pädagogik  auch  heute  noch  getrost  unterschreiben; 
höchstens  weichen  die  Ansichten  über  die  Auswahl  der  Lehrgegenstände 
von  einander  ab.  Wir  müssen  jedoch  eingestehen,  dass  der  Dichter 
keine  selbständigen  Gedanken  vertritt,  sondern  dass  er  in  seinen  Be- 
mühungen, nützliche  Katschläge  in  Ehesachen  zu  geben,  sehr  stark  von 
andern  Autoreu  beeiuflusst  ist. 

Es  zeigt  sich  zunächst,  dass  Colonna  es  jedenfalls  für  unpassend 
hielt  oder  auch  vergass,  sich  seinem  Schüler  gegenüber  betreffs  körper- 
licher Pflege  auszusprechen;  er  handelt  nur  über  die  geistige  Ausbildung. 
Der  französische  Dichter  sah  sich  daher  nach  einer  anderen  Quelle  um 
und  geht  in  der  Beschreibung  der  ersten  Ernährung  des  neugeborenen 
Kindes  und  der  eventuellen  Notwendigkeit  der  Wahl  einer  Amme  zu- 
rück auf  das  Speculum  doctrinale  des  Vincent   de  Beauvais^).     Wenn 

1)  Kapitel  IV  des  Ganzen. 

2)  Vincent  de  Beauvais  (Vincentius  Bellovacensis),  gelehrter  Dominikaner- 
mönch zu  Beauvais,  starb  um  1264.  Er  verfasste  auf  Veranlassung  des  fran- 
zösischen Königs  Ludwig  IX.  das  enzyklopädische  Werk  Speculum  quadruplex 
(Douai  1624,  4  Bde.). 


652 


Dr.  Hans  Höfler 


man  also  behaupten  wollte,  der  uubekannte  Verfasser  sei  Mediziner 
gewesen,  so  könnte  man  dies  mit  viel  grösserem  Rechte  von  den  Au- 
toren der  benutzten  Quellen  auch  annehmen;  von  diesen  weiss  man 
aber  sicher,  dass  sie  Mönche  waren.  Die  medizinischen^)  Details  finden 
sich  in  den  mittelalterlichen  Sammelwerken  überall  mit  sehr  grosser 
Genauigkeit  verzeichnet. 

Die  Vorsichtsmassregeln,  welche  in  den  E.  A.  bei  der  Wahl  einer 
Amme  vorgetragen  werden,  sind  nichts  weiter  als  eine  Übersetzung 
des  Kapitels:  De  eligenda  nutrice  et  eius  regimine;  Spec.  Doctr.  1.  XII, 
c.  29,  das  wir  zum  Vergleich  im  Auszug  wiedergeben  wollen: 

Quod  si  res  aliqua  matris   lac   in-  124  b.     Cy  apprez   moustrc  pallas 

fanti  dare  prohibeat,  ut  debilitas  ipsius       quelle  noiirrice  on  doit  eslire  ou  qui 


vel  corruptio  lactis  eius,  vel  quod 
deliciosa  est,  eligenda  est  nutrix  etatis 
mediocris,  s.  inter  XXV  et  XXX,  quo- 
niam  hec  est  etas  iuventutis  et  sanitatis 
atque  complimenti.  In  ea  quoque  con- 
sideranda  sunt  fif^ura  corporis  et  mores 
et  forma  manimillarum  et  qualitas  lactis 
et  quantitas  temporis  quod  fluxit  ab 
hora  sui  partus,  s.  ut  sint  duo  menses 
vel  ad  minus  mensis  et  dimidius;  sitque 
partus  eius  masculus  et  partus  secundum 
normale  tempus;  ipsa  vero  nee  aborsus 
fccerit  nee  facere  consueuerit-,  utatur 
autem  exercitio  temperato,  cibisque 
boni  chimi  nutriatur,  et  omniuo  caueat 
a  coitu  . . .  Nutricem  debet  esse  iuuenem, 
beiie  coloratam,  pinguedine  mediocrem; 
mammillas  maguas  et  amplum  pectus 
habentem,  non  maculosam  nee  inlirmam 
nee  partui  propinquam,  nee  multum  ab 
eo  remotam.  Et  haec  quidem  nee  salsa 
comedat  nee  acuta  nee  acetosa  .  .  .  a 
solicitudine  quoque  caueat. 


seroit  neccessaire. 

Toutes  foiz  ou  cas  con  verroit 

Que  celle  entendre  ny  voulroit 

Pour  raaladie  ou  pour  foiblesce 

Ou  pour  grandeur  ou  pour  noblesce 

Ou  pour  aucune  aultre  cautelle 

II  fault  querre  une  aultre  et  teile 

Qui  veult  auoir  bonne  noorrice 

Qui  lenfant  bien  adroit  nourrice 

II  fault  cest  la  prämiere  tesche 

Quelle  soit  prise  en  sa  lonesche 

Pour  mieiilx  prouffiter  a  cest  fait 

Et  en  son  eage  parfait 

Qui  est  entre  XXIV  ans 

Et  XXXVI  cest  li  droiz  temps 

II  fault  quelle  ait  la  couleur  bonne 

II  fault  comme  raisons  le  donne 

Quelle  ait  bonne  complexion 

Et  bonne  composicion 

124  c 

Et  pour  ce  veult  ceste  doctrine 

Quelle  ait  col  fort  et  grant  poitrine 

Et  la  char  musculeuse  et  dure  .  .  . 

Elle  doit  auoir  les  mamelles 

Aussy  conuenablez  et  belles 

La  mamelle  de  bonne  fourrae  .  .  . 

Ne  doit  pour  dire  a  brief  somme 

Estre  trop  dure  ne  trop  mole 

Ne  trop  petite  ne  trop  graude  .  .  . 

Et  quelle  soit  de  bon   lait  plaine  .  . 

124d» 

II  fault  aussi  a  lautre  lez  .  .  . 

Que  la  fcmme  ait  naturelment 


1)  Vgl.  Sieper  E.  A.  p.  202. 


Les  6chcca  Amoureux  653 

Et  a  teriue  bien  ordonne 

En  enfaiit  uuislc  trea  bieu  ne 

Et  si  fault  que  la  feninie  apprez 

Ne  soit  ue  trop  loin«:z  ne  trop  prez 

Du  Jour  de  son  enfantement 

Maiz  quil  y  ait  eslongemcnt 

De  deux  moiz  ou  de  six  sepuiaines . . . 

Et  que  nulz  homs  ne  couche  o  ly  .  .  . 

Pour  ce  la  doit  on  teile  eslire 

Qui  soit  sans  fureur  et  sans  Ire  .  .  . 

Triste  ne  melancolieuse 

Ne  fole  ne  gloute  ne  yurongne  .  .  , 

Das  Verfahren,  durch  welches  man  die  gute  Milch  von  der  untaug- 
lichen mittels  der  Probe  auf  dem  Fing-ernag-el  unterscheiden  kann,  hat 
in  demselben  c.  29  seinen  Ursprung: 

Lac  itaque  quod  melius  iudicatur       124c  jg 
est  illud  cuius  una  gutta  supra  unguem       Le  lait  dont  de  bonne  ordonnance 
distillata  nee  multum   subtilis   apparet       Doit  estre  de  bonne  substance 
nee    liquida ;    nee    multura    crossa    et       Siquil  nappere  aux  veaus 
congelata:      bonum     habens     odorem,       Ne  trop  subtilz  ne  trop  fluans 
paruamque  dulcedinem.      Salsura   vero       Ne  trop  groz  aussi  ne  trop  priz  .  .  . 
lac  vel  mali  odoris  nuUo  modo  conue-       Et  cest  assez  chose  legiere 
niens  est  nutrimento  infantis.  A  esprouuer  et  a  veoir 

Sur  longle  ou  sur  le  miroir  .  .  . 
124  d^ 

II  doit  doudeur  estre  aggreable 
Sans  aucun  flair  abhominable 
Et  aussi  de  bonne  saueur 
Qui  se  traye  vers  la  doulcheur 
Car  il  ne  vauldroit  une  plume 
Sil  seutoit  aucune  amertume 
Ou  quil  fust  aigrez  ou  sallez. 

Der  Umstand,  dass  das  Alter  der  zu  wählenden  Amme  in  den  E.  A. 
auf  die  Zeit  von  24—36  Jahre  verlegt  ist,  hat  keine  Bedeutung;  die 
sonstigen  Ähnlichkeiten  beider  Fassungen  rechtfertigen  zur  Genüge  die 
Annahme,  dass  eine  direkte  Nachahmung  stattfand,  was  sich  aus  dem 
folgenden  noch  deutlicher  ergibt.  Nach  der  Einschaltung  der  Mittel 
zur  Beruhigung  des  Kindes  nämlich  —  sie  sind  wohl  selbständig  zu- 
sammengefasst  —  lässt  sich  des  Dichters  Abhängigkeit  von  V.  de  Beau- 
vais  wieder  auf  Schritt  und  Tritt  verfolgen. 

Zunächst  nimmt  er  dessen  Rat  an,  man  solle  die  Kinder  nicht  zu 
bald  auf  die  Strasse  bringen,  um  sie  gehen  zu  lehren  (Spec.  Doctr. 
Xn,  c.  30): 

.  .  .  nee   ambulare   non  suo   tem-       126b" 
pore    permittatur    s.    priusquam    eins       II  vault  mieulx  con  ne  le  remue 
membra  firmata  sint  et  solidata.   Alio-       Car  li  petits  enfes  foles 


654 


Dr.  Hans  Höflev 


quin  femoribus  eins  et  cruribus  debili-       A  lez  oz  tendres  et  raoles 
tates  fient  et  curvationes'  Et  tous  les  merabrez  de  son  eorps 

Pour  ce  nest  ce  pas  mez  accois 
Con  le  pourmaine  tellement 
Aumainz  si  tres  bastiuement 
II  vault  mieulx  quil  soit  enfermez 
Tant  que  11  corps  seit  confermes 
Et  que  li  membre  soient  dur  .  .  . 
Affin  con  ne  lez  face  tortes  .  .  . 

Aus  demselben  c.  30  rührt  auch  die  Wainuag-  her,  spitzige  oder 
gefährliche  Gegenstände,  womit  sich  das  Kind  verletzen  könnte,  aus 
seinem  Bereich  zu  entfernen: 


Cultelli  quoque  fustes  et  huiusmodi 
qui  pungunt  vel  incidunt  ab  eins  con- 
spectu  remoueantur. 


126c" 

Elle  doit  aussy  soir  et  main 

Garder  quil  ne  tiengiie  en  sa  main 

Greffe  forchettes  ne  coutel 

Aguille  espingle  ne  fusel 

Ne  rienz  qui  ait  pointe  ou  qui  taille. 

Desgleichen  finden  sich  dort  auch  die  Anweisungen  über  das  Ver- 
fahren bei  der  Entwöhnung,  sowie  über  die  Zeit,  wann  dieselbe  am 
besten  geschieht: 


Mamniillarum  succio  paulatim  est 
rainuenda  ...  Et  hoc  etiam  obseruan- 
dum  est  valde  ne  in  tempore  calido  a 
lacte  remoueatur.  Normale  ablactandi 
tempus  est  duorum  annorum  . . .  Quodsi 
mammillas  improbe  petierit,  supra  eas 
volens  sugere,  mirra  et  mentastra  more 
emplastri  sunt  epytimaude. 


126  c  5 

Pour  ce  doiz  tu  apprez  entendre 
Que  li  enfant  petit  et  tendre 
Doiuent  alaittier  certain  tempz 
Cest  assauoir  le  filz  III  anz 
Ou  du  mainz  deux  aus  et  demi 
124  d* 

La  fille  doit  deux  anz  tetter 
Ou  deux  anz  et  demy  au  plus. 
Et  se  sauoir  veulz  du  sur  plus 
Quant  II  en  doiuent  estre  oste  .  .  . 
Je  dy  quil  vault  mieulx  en  yuer  .  .  . 
Tu  doiz  sauoir  con  ne  doit  pas 
Lenfant  seurer  soubdainement 
Aiuz  se  doit  faire  saigement 
La  chose  petit  a  petit  .  .  . 
Et  sil  ne  veult  par  son  malice 
126  d,, 

Oublier  espoir  sa  nourrice 
On  doit  lors  affin  quil  sen  garde 
La  mamelle  oindre  de  moustarde 
Daux  ou  de  mierre  ou  daloe. 
Das  medizinische  Wissen  des  Verfassers  der  E.  A.  findet  also  nach 
meinem  Ermessen  wenigstens,   seine  Erklärung  durch  V.  de  Beauvais. 
Man  kann  zwar  die  Vermutung  nicht  absolut  ausschliessen,  dass  gerade 
in  diesem  Punkt  zwei  Männer  vielleicht  unabhängig  von  einander   die- 


Les  !6chec8  Amoureux 


655 


selben  Ideen  äussern,  dieselben  Katscliläge  erteilen  können,  dass  also 
in  unserem  Falle  V.  de  Beauvais  keine  Einwirkung-  auf  die  E.  A.  aus- 
geübt habe.  Man  wird  jedoch  diese  Behaui)tung  schwerlich  aufrecht 
erhalten  können;  denn  auf  solche  Einzelheiten  wie  die  Probe  der  Milch, 
die  spitzigen  Gegenstände  etc.  verfallen  doch  nicht  leicht  zwei  Autoren 
selbständig.  Übrigens,  warum  spricht  unser  Dichter  nicht  von  anderen 
Dinaen  auch  z.  B.  von  den  Krankheiten  der  Kinder  etc.?  weil  er  eben 
in  seiner  Vorlage  nichts  darüber  fand.  Wir  dürfen  also  sicher  schlicsseu, 
dass  das  französische  Gedicht  in  diesem  Teil  auf  dem  Werke  des  V. 
de  Beauvais  basiert.  Unsere  Annahme  wird  noch  mehr  bestätigt 
werden  bei  dem  Abschnitt  über  die  Musik  und  die  häusliche  Ein- 
richtung. 

Nach  dieser  vorübergehenden  Anlehnung  an  V.  de  Beauvais  kehrt 
unser  Autor  wieder  zu  seiner  alten  Quelle  zurück;  denn  die  jetzt  folgen- 
den pädagogischen  Belehrungen  flössen  ihm  alle  aus  dem  Buch  De 
regimine  principum  Hb.  11  pars  11  zu.  Die  ersten  vier  Kapitel  über- 
schlägt unser  Autor;  er  beginnt  die  Ausbildung  des  kindlichen  Ver- 
standes mit  dem  Unterricht  in  der  Religion  im  Anschluss  an  Colonnas  c.  5: 

Quod  decet  omnes  ciues  etniaxime        127 au 


reges  et  principes  sie  solicitari  circa 
regimen  fiüorum,  ut  ab  ipsa  int'.-uitia 
instruautur  in  fide.  Videntur  aiitera 
tria  ipsi  fidei  conuenire  propter  que 
triplici  via  venari  possuraus  .  .  .  Fides 
enim  priino  supra  rationem  est  et  ea 
que  sunt  fidei  ratione  compreliendi  non 
possunt.  Secundo  ea  que  sunt  fidei 
slmpliciter  sunt  credenda.  Teicio  est 
ei  firmiter  adherendum. 


Pour  ce  doit  li  homs  raisonnablez 
Par  enseignemenz  contienablez 
Lenfant  duiie  et  endoctrinei-  .  .  . 
Aprendre  et  desclaiiier  sa  loy 
Et  moustrer  lez  poinz  de  sa  foy 
Et  les  diuins  comiuandeniens 
127  b 

Car  li  humaiuz  entendemenz 
Est  adont  plus  prez  de  tost  croire 
Quen  aultre  tempz  et  la  memoire 
Plus  preste  aussy  de  retenir 


Ce  quelle  ot  deuant  luy  venir. 
Die   daran   geknüpften   Erläuterungen    Colonnas  lässt  der  franzö- 
sische Dichter  aus,  wie  er  auch  c.  6  nur  auszugsweise   benützt.     Das- 
selbe lautet: 


Quod  decet  onmes  ciues  et  maxime 
reges  et  principes  sie  solicitari  erga 
filios,  ut  ab  ipsa  infantia  bouis  moribus 
imbuantur  .  .  .  Prima  via  sie  patet. 
Nam  secundum  philosophum  tercio  ethi- 
corum  adeo  connaturale  est  nobis 
delectari,  quod  ab  ipsa  infantia  de- 
lectari  incipimus.  Unde  et  pneri  statim 
delectantur  cum  incipiunt  suggere  mam- 
mas.  Si  ergo  sie  ab  ipsa  infantia  est 
tali  coucupiscentie  resistendum  ex  ipsa 
autem     connatuvalitate     delectacionis, 


127  b'' 

Pour  ce  le  doit  II  ensement 

Encliner  continuelment 

Taut  corame  II  puet  a  bonnez  mours 

Et  luy  enduire  par  araours 

Et  par  parolez  amiables  .  .  . 

Car  natura  a  lenfant  petit 

Moustre  le  chemin  de  delit 

Dont  forment  luy  piaist  la  nouuelle 

Desquil  est  nays  la  mamelle 

Se  commence  II  a  delitter 

Et  pour  ce  fault  II  rcsister 


656 


Dr.  Hans  Höfler 


statim  cum  piieri  sunt  delectationis 
sermonuiu  capaccs,  sunt  iustruendi  ad 
bonos  mores  et  debent  eis  fieri  moni- 
tiones  debite.  Secunda  via  ad  inuesti- 
gandum  hoc  idem  suinitur  [ex  rationis 
defectu.  Nara  tunc  sunt  aliqui  magis 
mouendl  ad  bonos  mores  quando  magis 
incitantur  ad  lasciuiam  .  .  .  Tercia 
via  sumitur  ex  pronitate  quam  babemus 
ad  malum  .  .  .  Unde  et  philosopbus 
circa  finem  secundi  ethicormn,  hoc 
modo  decet  nos  dirigere  ad  bonos  mores 
quo  dirigitur  virga  tortuosa.  Volens 
ergo  tortuosam  virgam  rectificare,  in- 
clinat  eam  ad  partem  contrariara  valde, 
que  sie  inclinata  vedit  ad  medium  et 
ad  rectitudinem  .  .  .  Quarta  via  su- 
mitur ex  vitatione  habitus  contrarii. 
Nam  quia  luuenes  molles  sunt  et  duc- 
tiles,  si  sine  freno  sequantur  lasciuias, 
statim  imprimuntur  in  eis  habitus  vici- 
osi,  sicut  in  cera  moUi  et  ductili  statim 
imprimitur  forma  sigilli. 


Contre  ceste  Inclinacion 

Et  mettre  y  moderacion 

Par  ly  encliner  au  contraire. 

127b^ 

Aussy  sont  tost  les  Josues  gens 

Mal  eiifourmes  biaulx  amis  gens 

Qui  bleu  par  raison  ne  les  maine 

Que  veulz  tu  plus  nature  humaine 

Est  de  son  droit  a  mal  encline 

127  c^ 

Et  pour  ce  fault  con  lez  encline 

Au  contraire  et  con  les  demaine 

Tant  que  son  puet  on  les  ramaine 

Par  bonne  doctrine  a  mesure 

Et  a  raisounable  droiture 

Aussy  con  fait  la  verge  torte 

Quant  eile  est  a  redrechier  forte 

Con  ploye  tant  ou  sanz  contraire 

Con  la  fait  a  son  droit  retraire 

Si  la  fait  toute  droitte  et  belle  .  .  . 

127b  17 

Car  li  enfant  de  losne  eaige 

Sont  mol  par  nature  et  ductible 

Et  legierement  conuertible 

Et  pour  ce  qui  lors  leur  lairoit 

Faire  ad  piain  ce  quil  leur  plairoit 

Et  querre  sanz  frain  leur  delices 

Mauuaisez  meurs  et  mauuais  vices 

En  eulx  tost  former  se  pourroient  .  .  . 

Et  cest  aussy  con  pourroit  dire 

Et  con  voit  que  la  mole  chire 

Receipt  legierement  la  fourme 

Du  seel  duquel  on  lenfourme. 

In  sehr  kurzer  Form  ermahnt  jetzt  der  Dichter  der  E,  A.  die 
Eltern,  ihre  Kinder  frühzeitig  in  den  Wissenschaften  unterrichten  zu 
lassen;  die  Anleitung  dazu  gibt  ihm  Colonua  in  c.  7: 

Licet  deceret  oranes    homines  co-       127  c*^ 
gnoscerelitteras,  utper  easprudentiores       Pour  ce  deuroient  ensement 
eflfecti,  magis  possent  illicita  precauere.       Li  citoyen  songneusement 


Videntur  euim  aliqui  licitam  excusa- 
tionem  habere,  si  non  studio  litterarum 
adherent.  Huiusmodi  autem  pauperes 
non  habentes  necessaria  vite,  qui  se 
retrahunt  a  litteralibus  disciplinis,  ut 
querant  sibi  necessaria  vite,  videntur 
excusabiles  esse.  Nobiles  autem  et 
maxime  reges  et  principes  in  diuiciis 
et  possessionibus  habundantes  omnino 


Et  par  especial  li  riebe 
Et  li  noble  ou  l\  sont  trop  niche 
Mettre  a  lescole  et  a  lostude 
Leurs  enfans  sil  ne  sont  trop  rnde 
Pour  leur  entendement  parfaire 

127  d 

Sanz  faille  cascuns  ne  puet  pas 

Bonnement  passer  par  ce  pas 


Lea  Ecbecs  Araoureux 


657 


repreheusibiles    existunt,    si    non    sie       On  en  doit  le  pouro  excnser 
solicitantur  circa  rcgimcn   filioriun,    ut       A  qui  il  fault  ailleuis  uiuser 
etiam  ab  ipsa  infautia  tradantnr   libc-       Pour  auoir  sa  neccessite 
ralibus  discipbnis.  Maiz  li  aultie  a  la  verite 

Qui  sont  riebe  doiuent  aprendre 

Ou  II  fönt  forment  a  reprendie 

Soient  ou  villain  ou  gentil 

Et  par  especial  li  fil 

Dez  princez  et  des  grans  seigneurs. 

Die  drei  Grliude,  warum  die  Kinder  von  frühester  Jugend  an  zum 
Studium  anzuhalten  seien  (Prima  via  sumitur  ex  parte  eloquentie.  Se- 
cunda  ex  parte  attentionis.  Tercia  ex  parte  perfectionis)  werden  in  den 
il.  A.  nicht  berührt.  Auch  begnügt  sich  der  Dichter,  bei  der  Angabe 
der  Unterrichtsgegenstände,  in  denen  die  Knaben  unterwiesen  werden 
sollen,  aus  seiner  Vorlage  nur  die  Namen  auszuwählen.  Der  so  auf- 
gestellte Lehrplnn  stimmt  bei  beiden  Autoren  überein;  nur  hat  der 
französische  Dichter  die  sieben  freien  Künste  nicht  einzeln  aufgezählt 
und  von  langen  Erklärungen  abgesehen.  Colonna  gibt  seine  Vorschriften 
über  die  verschiedenen  Wissenszweige  in  c.  8: 


Quaa  scientias  debent  addiscere 
filii  nobilinm  et  ruaxime  legurn  et  prin- 
cipum.  Septem  scientias  esse  faniosas 
apud  antiquoa  antiqua  autoritas  pro- 
testatur  .  .  .  Has  autem  oinnes  libe- 
rales vocant,  eo  quod  filii  liberoriim  et 
nobilium  ponebantur  ad  illas. 


127  c  23 

Pour  ce  leur  deuroient  II  faire 
Aprendre  les  ars  liberaulx 
Qui  sont  sciencez  generaulx 
Et  plainez  de  haultez  sentencez 
Et  dez  aultrez  noblez  sciencez 
Celle  ou  mieulx  se  trait  la  nature 
De  lenfant  soit  par  auenture. 

Nach  der  ausführlichen  Schilderung  der  artes  liberales  fährt  Colonna 
fort  (c.  8) : 


Et  has  Septem  artes  nimium  ex- 
toUebant.  Verumtamen  plures  alie 
sunt  scientie  nobiliores  istis.  Nam 
naturalis  philosophia  docet  coguoscere 
naturas  rerum  .  .  .  Amplius  theologia 
que  est  de  deo  .  .  .  Medicina  est  sub 
naturali  philosophia ;  leges  et  iura  que 
sunt  de  actibus  hominum  sunt  sub 
politica. 


Philosophie  naturelle 
127  CjB 

Ou  la  Philosophie  belle 
Et  de  tres  grant  utilite 
Qui  traitte  de  moralite 
Ou  II  apprendre  medechine 
Se  sa  nature  si  encline 
Ou  theologie  ou  decrez 


Ou  droit  ciuil  se  cest  ses  gres. 

Mit  dem  Ausdruck  philosophie  belle  will  der  Dichter  der  t,,  A. 
jedenfalls  die  von  Colonna  erwähnte  Metaphysik  bezeichnen. 

Über  die  Eigenschaften  des  Lehrers,  den  man  zum  Unterrichten 
des  Kindes  bestimmen  soll,  gibt  unser  Dichter  auch  nur  sehr  kurze 
Andeutungen,  während  Colonna  sich  in  eingehendster  Weise  damit  be- 
fasst  und  zwar  in  c.  9: 

Romanische  Forschungen  XXVII.  42 


658 


Dr.  Hans  Höfler 


127  d.  Cy  parle  pallas  du  maistre 
qui  doit  lenfant  endoctriner  et  ap- 
prendre. 

Pour  ce  doit  on  bien  regarder 
Que  chilz  qui  doit  lenfant  garder 
Et  enseignier  et  entroduire 
Süit  souffisaans  pour  bieu  conduire 
A  Science  et  a  vertu  toute 
^e  sont  les  deux  chosez  sanz  doubte 
Qui  peuent  mieulx  lame  parfaire 
Le  maistre  dont  de  bonne  affaire 
A  vertu  attrait  et  encline 
Lenfant  de  bonne  discipline 
Par  parole  et  par  cxemplaire 
II  le  puet  par  parolle  attraire 
Cest  par  bei  adoionnestement 
De  bien  viure  et  lionnestement 
Et  par  ly  souuent  sermonjier 
Coinuient  II  se  doit  demener 
Et  par  exemples  ensement 
Quant  II  vit  vertueusement 
Car  la  vie  honneste  est  loable 
Du  maistre  bon  et  honnourable 
Au  disciple  occasion  donue 
De  viure  aussy  de  vie  bonne  .  .  . 
127  d« 

Par  ces  inoz  cy  puez  tu  sauoir 
Que  le  bou  maistre  doit  auoir 
En  luy  deux  gracez  et  deux  dons 
Cest  quil  seit  saiges  et  preudons  .  .  . 
128a^ 

Car  la  science  sanz  vertu 
Ne  vauldroit  pas  un  seul  festu. 

Damit  verlässt  der  frauzösische  Dichter  das  Leben  in  der  Schule 
und  ergeht  sich  im  Anschluss  an  seine  Quelle  Über  die  Pflicht  der 
Eltern,  das  Kind  vor  unehrbaren  Reden,  dem  Anblick  und  dem  Anhören 
unziemlicher  Dinge  zu  behüten.  Die  beiden  Darstellungen  stimmen  ge- 
nau miteinander  tiberein,  mit  Ausnahme  des  geringfügigen  Umstandes, 
das8  in  den  E.  A.  im  Gegensatz  zu  dem  lateinischen  Text  zuerst  vor 
dem  Anhören  und  dann  vor  dem  Ansehen  unpassender  Sachen  gewarnt 
wird.  Besonders  mutet  uns  die  Ermahnung  ganz  modern  an,  die  Jugend 
von  anstössigen  Schaustellungen  und  Bildern  fern  zu  halten.  Colonua 
entwickelt  seine  Ansichten  hierüber  in  c.  10: 

Qualiter  circa  loquelani,  visum  et  128  a.     Cy  moustre  pallas  quel   le 

auditum  instruendi  sunt  iuuenes.    Circa  maistre  doit  estre  ...  et   comment  II 

tinem  VII.  pol.  docet  philosophus  iuue-  doit  proceder. 

nes  coliibendos  esse  circa    locutioneni,  II  doit  dont  continuelment 


Qualis  debet  esse  magister  qui  filiis 
nobilium  et  maxirae  regum  et  principum 
est  proponendus  .  .  .  Optimum  autem 
et  bonum,  ad  quod  inducendi  sunt 
iuuenes,  est  duplex,  scientia  scilicet  et 
mores.  Ad  bonos  autem  mores  inducitur 
aliquis  dupliciter:  exemplo,  per  boni- 
tatem  vite,  et  verbo  per  monitiones 
debitas;  quantum  scilicet  ad  presens 
spectat  magister  puerorum  nobilium  et 
maxime  regum  et  principum  tria  in  se 
debet  habere.  Debet  enim  esse  sciens 
in  speculabilibus,  prudens  in  agibilibus 
et  bonus  in  vita  .  .  .  Talis  ergo  debet 
esse  doctor  iuuenum,  ut  eos  per  debitos 
sermones  et  per  debitas  monitiones 
inducat  ad  bonum  verum;  quia  ad 
bonum  quis  inducitur  non  solura  moni- 
tionibus  et  correctionibus,  sedetoperi- 
bus  et  exemplis,  requiritur  quod  huius- 
modi  doctor  sit  in  vita  bonus  et  honestus. 
Nam  quia  etas  iuuenilis  valde  est  prona 
ad  intemperantiam  et  lasciuiam  quan- 
tumcunque  puerorum  doctor  eis  verba 
bona  proponeret,  si  tarnen  opere  con- 
trario faceret,  iuuenes  illi  eius  exemplo 
inducti  de  facili  ad  illicita  declinarent. 


"Lcs  :6cliecs  Ainoureux 


659 


in 


Auoir  Ineil  et  lentendement 

A  lenfant  quil  iie  se  dcsuoye  .  .  . 

Pour  ce  se  doit  il  fort  astraindre 

Quil  vueielle  sa  laugue  refraindre 

Tellement  quil  nysse  paroUe 

De  sa  bouche  laide  ue  foUe 

128  a,o 

Tour  duel  ne  pour  loye  quil  ait 

Car  parier  deslionneste  et  lait  .  .  . 

A  oeurez  villaines  enclinent 

Et  se  corrompent  ensement 

Les  bonnes  meurs  legierement 

II  se  doit  aussy  encliner 

Tant  quil  puet  et  si  raffrener 

Sa  langue  quil  ne  die  chose 

Ou  menchongne  puist  estre  enclose 

Ainz  die  toudiz  verite 

Pour  ce  se  doit  habiliter 

Li  enfenz  qui  veult  prouffitter 

A  pou  parier  et  par  mesure  .  .  . 

128  b  1*   . 

Et  saucuus  parle  a  luy  tempre  ou  tart 

Quil  ne  sauance  mie  tiop 

De  tost  respondre  au  premier  cop 

Mais  quil  sauise  ainz  quil  responde 

Quil  meismez  ne  se  confonde 

Par  parier  trop  hastiuement  .  .  . 

II  doit  dont  un  poy  arrester 

Pour  mieulx  son  langaige  apprester 

Et  pour  mieulx  par  aduis  respondre. 

Zufolge  der  angegebenen  Umstellung  heisst  es  bei  Colonna  weiter 
c.  10: 


visionera  et  auditum  .  .  .  Circa  locu- 
tionem  quidem  iuuenes  tripliciter  pec- 
caro  videiitur.  Primo  quia  de  facili 
loquuntur  Insciuia.  Secundo  quia  de 
leui  loquuntur  falsa.  Tercio  (]uia  ut 
pluvirauni  loquuntur  fatua  et  impre- 
meditata  .  .  .  Ratio  autem  quare  a 
seraionibus  turpibus  sunt  cohibendi  est 
secundum  philosophuin,  quia  ex  talibus 
locutionibus  de  facili  ad  opera  turpia 
inclinantur  .  .  .  propter  quod  bene 
dictum  est,  (luod  corrumpunt  bonos 
mores  coUoquia  praua  .  .  .  Secundo 
cohibendi  et  corrigendi  sunt,  ne  loquan- 
tur  falsa.  Nam  ut  superius  dixiraus, 
iuuenes  sunt  de  facili  mentitiui  .  .  . 
Tercio  cohibendi  sunt  ne  absque  preme- 
ditatione  loquantur.  Nam  iuuenes  sunt 
inexperti  et  pauca  cognouerunt;  qui 
ergo  pauca  cognoscunt  respicientes, 
enuncient  facile  et  enunciant  cito  et 
debiliter.  Quare  mouendi  sunt,  ne  ad 
intcrrogata  statim  respondeant  .  .  .  si 
asuefiant  nt  premeditati  respondeant 
et  ut  precogitent  in  sermonibus  pro- 
ferendis  per  successionem  temporis 
disponentur,  ut  proferant  sermones  irre- 
prehensibiles. 


Restat  videre  quomodo  sunt  in- 
struendi,  ut  se  babeant  circa  visum  .  .  . 
Quantum  ad  visibilia  quidem,  quia  sicut 
non  decet  turpia  loqui,  sie  indecens  est 
eos  turpia  videre.  Huius  autem  ratio 
assignatur  a  philosopho  VII.  ethicorum 
ubi  ait,  quod  omnia  primo  amamus 
magis  .  .  .  quia  que  primo  aspiciuntur 
cum  maiori  admiratione  videntur,  quare 
sumus  magis  attenti  circa  illa  et  per 
consequens  ea  magis  memoriter  retine- 
mus  .  .  .  Quare  si  contingat  eos  videre 
turpia,  magis  recordantur  de  illis  et  per 
consequens  magis  inclinantur  ad  con- 


128  c« 

Pour  ce  lez  doit  on  ensement 

Contregarder  songneusement 

Tant  con  puet  quil  ne  voyent  chose 

Ou  villonnie  soit  enclose  .  .  . 

Car  telz  escripturez  leuez 
Et  telz  pourtraiturez  veuez 
Et  aussy  lez  oir  retraire 
Seulent  les  losnez  euer  attraire 
Aux  euurez  quellez  signiffient 
Pour  ce  sicom  li  saige  dient 
Quellez  ramainent  a  memoire 
Aucune  delittable  hystoire  .  .  . 
42* 


660 


Dr.  Hans  Höfler 


cupiscendum  ea  . .  .  Restat  ostendere 
quomodo  sunt  instruendi  ut  se  habeant 
ad  Huditum  circa  quem  quantum  ad 
presens  spectat  etiatu  duplex  cautela 
est  adhibeuda.  Primo  quantuin  ad  res 
auditas.  Secundo  quantum  ad  eos  quos 
audit  .  .  .  Nam  secundum  philosophura 
VII.  politicorum,  ubi  de  hac  materia 
loquitur  proliibendi  sunt  iuuenes  ne 
audiant  quodcunque  turpiuin  .  .  .  quia 
ex  hoc  de  facili  iuclinantur  ad  opus. 
Secundo  adhibenda  est  cautela  in  ipsis 
iuuenibus  quantum  ad  eos  quos  audiunt, 
quia  sicut  decens  est  eos  audire  honesta 
et  puFchra  et  indecens  est  est  audire 
turpia,  sie  decet  eos  audire  vires  bonos 
et  honestos  et  cohibendi  sunt,  ne  au- 
diant maliloquos  et  inhonestos. 


Qui  le  euer  du  regardant  fait 

Le  pareil  desir  desirer. 

128  b„ 

Toutesfoiz  II  ne  souffist  pas 

Que  li  enfez  quant  a  ce  pas 

Se  gardent  de  dire  paroUez 

Qui  soient  villainez  et  follez 

Son  ne  les  garde  del  oyr 

II  doiuent  dont  briefiuent  fuir 

Anchoiz  quil  doye  ad  piain  souffire 

Aussy  bien  loir  que  le  dire 

Et  pour  ce  les  doit  on  enduire 

Taut  con  puet  qui  lea  venlt  bien  duire 

De  conuerser  aueuc  personnez 

128  c 

Qui  usent  de  paroUez  bonnez 

Et  qui  viuent  honuestement 

Et  de  fuir  contrairement 

Toute  personne  mal  parliere 

Et  de  deshonneste  maniere 


Die  Anweisungen,  welche  jetzt  in  den  E.  A.  über  das  anständige 
und  gesittete  Betragen  des  Kindes  bei  Tisch  sowie  über  die  Genügsam- 
keit in  Speise  und  Trank  gegeben  werden,  entnahm  der  Dichter  sämt- 
lich der  Reihe  nach  aus  Colounas  c.  11: 

128c.     Comment   on    doit   lenfant 
enduire  a  sobrcce. 
On  doit  aussy  lenfant  enduire 
Par  beaulx  moz  ou  par  dures  chastois 
A  estre  sobres  et  courtois 
Quant  a  boire  et  quant  a  mengier  .  . . 
II  doit  dont  quant  II  est  a  table  .  .  . 
Mengier  a  droit  et  par  loisir 
128d» 

Sans  luy  haster  plus  que  droiture 
Car  chilz  fait  grant  tort  a  nature  .  .  . 
Qui  mengue  trop  gloutteraent 
Tu  scez  bien  que  nature  donne 
Principalment  a  la  personne 
Les  dens  pour  raachier  sa  viande 
Dont  li  fait  chilz  Iniure  grande 
Qu!  bien  ne  le  mache  au  voir  dire 


Quot  modis  peccatur  circa  cibum 
et  qualiter  debeant  se  habere  iuuenes 
circa  ipsum  .  .  .  Circa  cibura  autem 
contingit  sex  modis  delinquere  .  .  . 
Delinquitur  enim  primo  circa  cibum  si 
suniatur  vaide  feruenter.  Nam  hoc 
non  solum  nocet  anime,  quia  nimis 
feruenter  et  auide  sumentes  cibum  fiunt 
gulosi  et  intemperati,  sed  etiam  nocet 
corpori.  Nam  cibus  nimia  auiditate 
sumptus  non  bene  masticatur  et  per 
consequens  non  bene  digeritur.  Ordi- 
nauit  enim  natura  aninialibus  dentes, 
ut  per  eos  cibus  debite  tritus  facilius 
pateretur  a  calore  naturali  .  .  .  Se- 
cundo delinquitur  circa  cibum  si  sunia- 
tur nimis  in  quantitate.  Nam  et  hoc 
nocet  auime,  quia  reddit  ipsam  intem- 
peratam  et  etiam  nocet  corpori,  quia 
impedit  digestionem  debitam  . , .  Tercio 
delinquitur  si  sumatur  turpiter.  Sunt 
enim  plurimi  seipsos  pascere  nescientes, 
qui  vix  aut  nunquam  comedere  possunt, 


Je  vueil  aussi  seconderaent 
Quil  se  garde  songneusement 
De  trop  mengier  comment  quil  aille 
Car  aueucquez  la  gloutonie  .  .  . 
Le  trop  mengier  le  greueroit 


Les  !]6checs  Amoureux 


661 


quin  sua  vestiraenta  deturpent  .  .  . 
Quarto  circa  cibum  delinquitur  ex  in- 
ordinatione  temporis  ut  si  nimis  ante 
horam  vel  nimis  inordinate  sumatur 
cibiis;  nam  ex  tau  siuiiptione  efficitur 
quls  giilosus  et  intemperatus  et  ctiara 
leditur  secuudum  corpus  ,  .  .  Quinto 
peccatur  circa  sumptionem  clbi,  si 
querantur  cibaria  nimis  lauta  et  deli- 
cata  ultra  quam  eius  status  requirat. 
Delicatio  enim  tiborura  accipienda  est 
secundum  conditionem  persone  et  secun- 
dum  statum  nobilitatis  eius  .  .  .  Sexto 
delinquitur  si  querantur  cibaria  nimis 
studiose  parata  .  .  .  videutur  enim 
tales  viuere  ut  comedant,  non  comedere 
ut  viuant,  cum  nimiura  Studium  et 
nimiam  curam  apponant  circa  prepara- 
menta  ciborum. 


Comme  le  mal  machier  feroit  .  .  . 

128d.. 

II  doit  anssy  honnestement 

Tousdiz  mengicr  et  nettement 

Car  forment  fait  a  laidengier 

Laide  manierc  de  mengier 

Et  si  doit  mengier  a  droite  heure 

Sanz  faire  trop  longue  demeure 

Et  Sans  leure  aussy  auanchier  .  . 

On  doit  mangier  par  ordonnanche 

129  a'' 

Car  II  prouffite  a  la  personne 

A  la  sante  du  corpz  meismez 

129  a  18 

Li  enfez  aussy  de  bon  estre 

Ne  doit  de  rienz  dangereux  estre 

Nauoir  trop  la  eure  ententiue 

A  viaude  delicatiue 

Aumainz  plus  quil  ne  luy  affiert 

Ne  que  sez  estas  ne  requiert 


Et  pour  ce  samble  II  que  li  homz 
Qui  quiert  telz  preparacionz 
Et  qui  est  aussy  curieux 
De  querre  mez  delicieux 
Ne  vueille  pas  principalment 
Mengier  pour  viure  proprement 
Malz  que  viure  pour  mangier  vueille 
Si  men  doubt  en  fin  ne  sen  dueille. 

Die  drei  Gründe,  durch  welche  der  Dichter  der  E.  A.  die  schäd- 
lichen Wirkungen  des  übermässigen  Weiugenusses  für  das  jugendliche 
Alter  nachzuweisen  sucht,  entsprechen  vollständig  den  Ausführungen 
Colonnas  in  c.  12: 


Qualiter  instruendi  sunt  pueri,  ut  se 
habeant  circa  potum  . . .  Vinum  autem 
immoderate  sumptum  quantum  ad  pre- 
sens  spectat  tria  mala  causat.  Primo 
quia  venerea  prouocat.  Cum  ergo 
corpore  calefacto  maior  fiat  incitatio 
ad  actus  venereos,  vinum  quod  maxime 
calorem  efficit  immoderate  sumptum 
incitat  ad  incontinentiam  .  .  .  Secun- 
dum malum  quod  inducat  nimia  sumptio 
est  depressio  rationis.  Nam  ascenden- 
tibus  fumositatibus  vini  ad  caput  tur- 
batur  cerebrum,  quo  turbato  deprimitur 
ratio  nostra  quantum  ad  suos  actus  , . . 


129  a.     Encore  de  ce  et  moustre  par 
especial  que  de  boire  le  vin  uest  pas  bon. 
Li  enfez  qui  ne  vouldra  croire 
Doit  aussy  par  mesure  boire 
Et  garder  quil  ne  face  oultraige 
A  boire  quelconque  beuraige 
Et  par  especial  de  vin 
Qui  ne  le  decoipue  en  la  fin 
Car  li  vins  encline  a  luxeure 
Qui  ny  garde  trop  bien  mesure 
Pour  la  chaleur  qui  forteffie  .  .  . 

Li  vins  est  a  raison  contraires 
129  b 

Aussy  qui  en  beueroit  guaire? 


662 


Dr.  Hans  Höfler 


Terciuin  malum  quod  ex  vino  consurgit, 
est  lis  et  dissensio.;  turbato  enim  cevebro 
ex  nimia  suniptione  vini  et  amisso  usu 
ratiouis,  de  facili  prorumpimtur  in  verba 
inordinata  et  consuigunt  dissensiones 
et  lites  .  .  .  Verumtainen  quia  facilius 
adheremus  his  ad  que  ab  infancia 
asuescimus  decet  oranes  patres  et  raa- 
xime  reges  et  principes  solicitari  circa 
regimen  filiorum,  ut  ab  ipsa  infancia 
sie  regantur  quod  sint  abstinentes  et 
sobrii. 


Tant  quil  enyure  la  personue 
Pour  sa  furaee  qui  lestonne. 
Et  si  fait  tenclions  et  rihottes 
Ce  sout  trois  perilleusez  nettes  .  .  . 
Car  Jonesche  par  son  attrait 
Trop  les  encline  et  lez  attrait 
A  Delectacion  charnelle 
H  ont  aussy  feble  cheruelle 
Si  les  greueroit  ensement 
La  fumee  legiereraent 
Et  sayment  rihotte  et  discorde  .  .  . 
Pour  tant  y  doit  on  encliner 
Les  enfanz  con  veult  doctriner 
De  leur  Jonesse  premeraine 
Et  tant  con  puet  plus  mettre  y  paine 
Car  ce  con  a  daccoustumance 
Especialment  dez  senfance 
On  laime  mieulx  assez  et  prise 
Con  ne  fait  chose  tart  aprise. 
Zu  der  Abhandlung  über  Körperhaltung-  und  Gebärden  des  Kindes 
sowie  über  die  Kleidung  desselben  fand  unser  Dichter  das  ganze  Mate- 
rial,   das  er  wortgetreu    nachahmt,    in    seiner  Vorlage   c.  13:    Qualiter 
puerl  siue  iuuenes  se  habere  debeant  in  ludis,  in  gestibus  et  in  vestitu. 
Nach  einer  kurzen  Bemerkung   über  die  Spiele,   worüber  der  Dichter 
der  E.  A.  sich  erst  später  ausspricht,  fährt  Colonna  fort: 
Gestus    autem    dicuntur    quilibet       l'29c* 


motus  membrorum  ex  quibus  iudicari 
possunt  motus  anime,  Videmus  enim 
prndentes  et  bonos  habere  gestus  ordi- 
natos  et  honestos ;  cohibent  enim  tales 
sua  membra,  ne  aliquem  motum  habeant 
ex  quo  quis  coniecturari  possit  elationcm 
animi  vel  insipieutiam  mentis  vel  in- 
tempevantiam  appetitus  .  .  .  Discipliiia 
autem  que  est  danda  in  gestibus  est 
ut  quodlibet  membrorum  ordinatur  ad 
opus  sibi  debitum;  homo  enim  non 
audit  per  os  sed  per  aurem,  frustra 
ergo  cum  quis  vult  audire  alium  retinet 
os  apertum.  Sic  etiam  homo  non  lo- 
quitur  pedibus,  nee  manibus,  nee  spatu- 
lis  sed  ore,  Sicut  ergo  habent  indisci- 
plinatüs  gestus  qui  cum  volunt  alios 
audire,  ora  tenent  aperta  sie  sunt  in- 
disciplinati  secuudum  gestus,  qui  cum 
volunt  loqui  extendunt  pedes  vel  crura 
vel  nimis  spissum  moueut  brachia  vel 
eriguut  humores  vel  faciunt  alia  que 


Chilz  pors  se  bien  tu  ten  remembres 

Cest  un  demencment  de  membres 

üne  contenance  de  corps 

Qui  segniffie  par  dehors 

Lestat  du  coraige  et  de  lame  .  .  . 

Pour  ce  veonz  nous  que  li  saige 

Qui  ont  bon  sens  et  bon  couraige 

Mueuent  leurs  membrez  ensement 

En  tous  faiz  conuenablement 

Et  est  lors  maintienz  bien  seanz  .  . 

Et  tout  aussy  contrairement 

Puiz  Je  dire  generalment  ,  .  , 

Qui  ses  membrez  aultrement  maine 

Quil  napartient  a  leur  office 

Que  cest  signe  daucun  mal  vice 

Comme  dorgueil  ou  de  folie 

Ou  daucuue  melancolie  .  .  . 

129  c, 

Li  homs  doit  parier  de  la  bouche 

Et  si  doit  oyr  del  oreille 

Et  pour  ce  chilz  qui  sappareille 

Et  qui  sauance  de  parier 


Les  Echccs  Amoureux 


663 


ad  locutionem  nichil  deserniuiit.  Vesti- 
menta  quideni  ad  tria,  ordiuari  videntur, 
videlicet  ad  dllectiouem,  utilitatem  et 
honorem  . . .  ai  ergo  vestimenta  queriin- 
tar  propter  bonum  delectabile,  sie 
queruntur  delicata  et  mollia  ;  si  propter 
utile,  sie  queruntur  calida,  ad  repelleu- 
dum  frigus  tempore  liiemali,  vel  non 
calida  tempore  estiuo  •,  si  vero  querantur 
propter  bonum  honorabilc,  sie  queruntur 
pulchra  et  decora.  Indecens  est  autem 
nimis  sollicitari  circa  molliciem  vestium 
et  circa  delectationem  in  ipsis;  nam 
ex  hoc  efficitur  quia  intemperatus  et 
timidus-,  deleui  enim  quis  ad  lasciuiam 
et  ad  molliciem  carnis  prorumpit  .  .  . 
iuuenes  maxime  cum  ad  illam  etatem 
peruenerint,  quod  sint  abiles  ad  vacan- 
dum  circa  labores  bellicos,  ne  abhorre- 
ant  arma,  instruendi  sunt  ut  non  nimis 
delectentur  in  moUicie  vestium. 


Ne  doit  pas  trop  dcz  braz  baller 
Ne  dez  Jambes  ne  des  espaulles  .  .  . 
129d» 

Car  telz  raouuemens  ne  vault  rienz 
Ne  ne  prouffitte  a  la  parole 
Et  aussy  est  ce  chose  fole 
Et  coutre  ce  que  raisons  donne 
Quant  cliilz  qui  vcult  aultruy  personne 
Uu  parier  lors  sa  bouchc  oeure 
Car  la  bouche  cest  chose  clere 
A  loye  rienz  ne  confere. 
129  d 

De  la  vesteurc  dez  enfanz. 
Secoudement  la  vesteure 
Doit  cstre  aussy  bonne  et  seure 
Et  prouffittable  pour  le  corps 
Chaude  en  yuer  Je  my  accors 
Et  en  este  tenure  et  legiere 
Briefment  il  loist  que  chascun  quiere 
Vesteure  au  corps  prouffittable 
Et  qui  soit  belle  et  honnourable 
Et  aussy  de  bonne  fachon  .  .  . 
Maiz  Je  ne  vueil  pas  toutesuoie 
II  nest  mal  en  ce  que  gy  voie 
Que  li  enfez  soit  ententiz 
A  querre  trop  delicatiz 
Ne  trop  precieux  vesteraens 
Car  ce  nest  quns  decepuemens 
Et  une  effeminacions 
Et  si  rest  preparacions 
A  paour  et  a  couardie  .  .  ." 

129  d 

Cest  doncq  perilleuse  coustume 

130  a 

Aux  enfanz  quant  on  accoustume 
A  les  vestir  trop  souefment  .  .  . 
Et  par  especial  a  ceulx 
Qui  doiuent  aux  armez  entendre 
Car  II  en  deuiennent  si  tendre 
Quil  ne  peuent  le  faiz  souffrir. 

Einen  wichtigen  Erziebungsgrundsutz  berührt  der  Dichter  nuit  der 
Ermahnung,  den  Umgang  der  Kinder  zu  überwachen  und  dieselben  vor 
schlechten  Personen  zu  behüten.  Doch  lieferte  auch  hier  Colonna  die 
vier  Punkte  in  c.  14: 


Quod  in  etate  iuuenili  maxime  ca- 
uenda  est  praua  societas  .  .  .  Qiiatuor 
yideotur  inesse  ipsis  iuuenibus  ex  quibus 


130  a 

De  la  compaignie  quil  doiuent  ensuiure. 


664 


Dr.  Hans  Höfler 


quatuor  rationes  sumi  possunt,  quod 
maxime  in  iimenili  etate  fugiencla  sit 
prauorum  societas.  Juuenes  enim  prirao 
sunt  molles  et  ductiles.  Secundo  sunt 
passionum  insecutores  et  proni  ad  ma- 
lum.  Tercio  sunt  nimis  amatores  socie- 
tatum.    Quarto  sunt  nimis  creditiui. 


130  ai, 

Car  qui  bien  son  regart  adresche 
Aux  meurs  que  lez  Josiiez  gens  ont 
II  voit  par  natuie  quil  sont 
De  plus  legiere  voulente 
Et  plus  tost  enclin  et  tente 
A  faire  folie  et  oultraige 
Quil  ne  sont  a  nul  aultre  aalge 
II  sont  aussy  plus  eompaignables 
130  a  11 

Et  plus  par  nature  amiables 
Et  si  croyent  legierement 
Chil  quattre  point  tout  clerement 
Nous  moustrent  que  male  doctrine 
De  legier  a  mal  lez  encline. 
Von  den  näheren  Erklärungen  Colonnas  hat  der  Verfasser  der  ii.  A. 
abgesehen,   wie   er   sieh  überhaupt   durchweg   einer  bemerkenswerten 
Kürze  befleissigt.     Dasselbe  Bestreben  tritt  auch  hervor  bei  dem  jetzt 
folgenden  Traktat  über  Spiele  und  Erholungsarten,  wofür  unser  Autor 
zunächst  einige  Gedanken  dem  c.  15  entnimmt: 


Quinte  recreandi  sunt  pueri  per 
aliquos  ludos  et  per  aliquas  fabulas. 
Ludus  enim  moderatus  competit  pueris, 
quia  in  moderato  lüde  est  moderatus 
raotus  et  per  moderatum  ludum  vitatur 
inertia  et  redduntur  corpora  agibiliora. 


130b  20 

Con  die  eu  lieu  desbattement 
A  la  foiz  a  lenfant  des  fables 
Et  de  beaulx  delittables  .  .  . 
Car  li  enfez  en  apprendra 
Mieulx  a  parier  et  y  prendra 
Aueuc  la  recreacion 
Exemplaire  et  occasion 
De  mieulx  adreschier  son  affaire 
Nun  holt  der  Dichter  der  E.  A.  den  früher   ausgelassenen  Anfang 
des  c.  13  nach: 


Ludus  autem  ut  probat  philosophus 
octauo  politicoruiu  est  necessarius  in 
vita,  quod  quantum  ad  presens  spectat 
duplici  via  declarare  possumus.  Prirao 
ex  vitatione  illicite  solicitudiois.  Se- 
cundo ex  adeptione  finis  intenti.  Prima 
via  sie  patet.  Nam  mens  luimaua  nescit 
ociosa  esse.  Cum  ergo  quis  vacat  ocio 
et  non  intendit  aliquibus  delectationibus 
Ileitis,  statim  incipit  vacari  cogitando 
de  illicitis  .  .  .  Secunda  via  ad  osteu- 
dendum  hoc  idem  sumitur  ex  adeptione 
iinis  intenti.  Nam  non  semper  statim 
quis  habere  potest  finera  intentuin;  ne 
ergo  propter  contiuuos  labores  doficiaut 
a  consecutione  finis,  expedit  aliquos 
ludos    et   aliquas   delectationes   inter- 


130  b  5 

Briefment  tant  te  di  le  des  leux 

Quil  sont  aux  losnez  et  aux  vieux  . 

Neccessaire  en  la  vie  humaine  .  .  . 

130  c 

Pour  deux  raisons  premierement 
II  valent  a  fuir  oyseuse  .  .  . 
Pour  ce  que  lumaine  pensee 
Nest  oncques  de  penser  lassee  .  , 
Et  pour  ce  chilz  qui  oyseux  est 
Sil  ne  sapplicque  sans  arrest 
A  aucune  licite  chose 
Sa  pensee  en  leure  sexpose 
Et  se  tourne  legierement 
A  penscr  lUicitement  .  .  . 

Li  leu  valent  seconderaent 

Et  li  honneste  esbattement 


Les  6cliecs  Amourcux 


665 


ponere  suis  cui'is,  ut  ex  hoc  aliquam 
requiem  recipientes  magis  posscnt 
laborave  in  consecutione  finis. 


Pour  recreer  nature  humaine  .  .  . 

Car  Jl  a  en  lactiuc  vie 

Moult  de  penseez  curieusez 

Et  de  chosez  laborieusez  .  .  . 

130  d» 

Pour  lez  fins  Attaindre  ou  II  tendent 

Et  pour  ce  loist  II  quil  entendent 

Entre  ces  curez  anuyeusez 

Aucunez  chosez  loyeusez 

Et  aucun  biau  leu  sans  nul  blasme 

Pour  recreer  le  corps  et  lame 

Et  pour  y  prendre  aucun  repos  .  .  . 

Car  quant  nature  se  reliefue  .  .  . 

Elle  sen  remet  raieulx  a  oeure; 

Nach  dieser  Auselnandersetziing-  über  die  unbediogte  Notwendigkeit 
der  Erholung  geht  der  französische  Dichter  näher  auf  die  nach  seiner 
Ansicht  beste  Art  derselben,  die  Musik,  ein.  Colouna  berührt  zwar  bei 
der  Angabe  der  Lehrgegenstäude  für  die  Jugend  (i.II,  p.  2,  c.  8)  unter 
den  sieben  freien  Künsten  auch  die  Musik  und  bemerkt,  dass  er  viel- 
leicht später  noch  darüber  handeln  werde,  was  er  jedoch  unterlässt. 
In  Ermanglung  irgendwelcher  Anhaltspunkte  in  seiner  gewohnten  Vor- 
lage kehrt  der  unbekannte  Autor  wieder  zu  V.  de  Beauvais  zurück,  mit 
dessen  Speculum  doctrinale  die  ganze  Episode  über  die  Musik  im  engsten 
Zusammenhang  steht.  Schon  die  einführenden  Bemerkungen  über  die 
erfreuende  und  betörende  Wirkung  derselben  auf  Mensch  und  Tier  be- 
gegnen uns  in  Spec.  Doctr.  XVIII,  c.  10: 

Musica  est  plurium  dissimilium   in        131a" 


unum  redactornm  concordia  . . .  Musica 
mouet  affectus,  prouocat  in  diuersum 
habitum  sensus.  In  proeliis  quoque 
tube  concentus  pugnantes  accendit  et 
quanto  vehementiorfuerit  clangor,  tanto 
fit  ad  certamen  animus  fortior  .  .  . 
Excitatos  quoque  animos  musica  sedat . . . 
Ipse  quoque  bestias  necnon  et  ser- 
pentes,  volucres  et  delphinos  adauditum 
sue  modulationis  musica  prouocat. 


Musique  est  chose  delittable 

Et  chose  gracieuse  en  soy 

Et  aussy  se  Je  bien  et  voy 

Que  lame  humaine  par  nature 

Se  delitte  et  se  rasseure 

Et  se  resiouist  et  conforte 

Es  melodiös  quelle  aporte  .  .  . 

Li  bon  cheual  aussy  sanz  faille 

En  sont  plus  fier  en  la  bataille 

Et  plus  hardi  et  plus  Joyeux 

131  a^, 

Li  serpeut  en  sont  decheu  ,  .  . 

Li  oysellet  aussy  sauuaige 

Sen  fönt  prendre  etmettre  in  seruaige  . . . 

]31b 

Le  delphin  bien  le  segnefie. 

Nach  nochmaliger  Hervorhebung  des  Nutzens  der  Musik  für  die 
Seele  —  Aufheiterung,  Trost  in  der  Betrübnis,  Bildung  des  Verstandes 
—  folgt  ein  ausführlicher,  ganz  aus  V.  de  Beauvais  entnommener  Be- 


666 


Dr.  Hans  Höfler 


rieht  über  das  kosmische  System  des  Pythagoras,  der  die  Musik  beim 
Yorbeigelien  au  einer  Sehmiede  aus  dem  Klang-  und  Gewicht  der  nieder- 
fallenden Hämmer  erschloss  und  die  dabei  gefundenen  Proportionen 
nachher  auf  Instrumente  anwandte.  Um  einen  Vergleich  zu  ermöglichen, 
sei  hier  die  lateinische  Darstellung  der  französischen  gegenübergestellt. 
Sp.  Doctr.  XVIII,  c.  24: 


Qualiter  Pythagoras  coDsonantiarum 
propoitiones  iimestigauit.  Cum  interea 
diuiuo  quodam  nutu  praeteriens  fabvo- 
rum  officinas  pulsos  malleos  exaudit 
diuersis  sonis  unam  quodaramodo  con- 
cinentiam  persouare.  Ita  ergo  ad  id 
quod  diu  inquirebat  attonitus  accessit 
ad  opus,  diuque  considerans  arbitratus 
est  diuersitatem  sonorum  ferentinm  vires 
efficere  atque  ut  it  apertius  colliqueret 
mutare  inter  se  malleos  imperauit,  sed 
sonorum  proprietas  non  in  hominum 
lacertis  herebat  sed  mutatos  malleos 
coraitabatur.  übi  igitur  hoc  animad- 
uertebat  malleorum  pondus  examinat. 
Et  cum  quiiique  essent  forte  mallei 
dupli  reperti  sunt  pondere,  qui  sibi 
secundum  dyapason  consonantiamvende- 
bant;  eundem  etiam  qui  duplus  essent 
alio  sesquitertium  alteriuscomprehendit 
ad  quem  s.  dyatesseron  sonabat.  Ad 
alium  vero  quendani  qui  eidem  dyapente 
consonantia  iungebatur;  eundum  supe- 
rioris  duplum  repperit  esse  huius  ses- 
quialterum.  Duo  vero  hi  ad  quos 
superior  duplex  sexquitertius  es  sex- 
quialter  probatus  est  ad  se  inuicem 
sexquinctauam  proportioneni  perpensi 
sunt  custodire.  Qiiiutus  vero  est  re- 
iectus,  qui  cunctis  erat  inconsouans. 
Cum  igitur  ante  Pythagoram  conso- 
nantie  musice  partim  dyapason  partim 
dyapente  partim  dyatesseron  quod  est 
consonantia  minima  vocarcntur:  priraus 
Pythagoras  hoc  modo  repperit  qua  pro- 
portione  sibimet  hec  sonorum  concordia 
iungeretur.  Et  ut  sit  clarius  quod 
dictum  est,  sint  verbi  gratia  malleorum 
quattuor  pondera  quae  subterscriptis 
numeris  contineantur  XII.  IX.  VIII.  VI. 
Hi  igitur  mallei  qui  XII.  et  VI.  ponde- 
ribus   iungebantur  dyapason   in    duplo 


131c.      .    .    .    comment    pithagoras 
trouua  premierement  musique. 
131d« 

Ceste  chose  anchiennement 
Aussy  comme  diuinement 
Pythagoras  premier  trouua 
Et  Premiers  la  chose  esprouua 
En  la  forge  dont  moult  sesioy 
Quant  lez  sonz  dez  marteaulx  oy 
Dont  11  quattre  sen  accordoyent 
Et  quil  sceult  les  poiz  quil'  auoient 
Car  II  trouua  que  chil  martel 
Auoient  certain  pois  et  tel 
Quil  y  trouuoit  si  quil  me  samble 
Quant  H  les  comparoit  ensamble 
Quattre  proporcionz  nottablez 
A  musique  moult  conuenablez 
Li  Premiers  comparez  au  quart 
Auoit  a  luy  double  regart 
Et  pour  ce  trouua  quil  faisoient 
Dont  moult  a  loreille  plaisoient 
Un  accord  doulz  et  armonique 
Cest  dyapason  en  musique 
II  vit  aussy  que  chilz  premiers 
Contenoit  au  regart  du  tiers 
Tant  et  demy  precisement 
Et  li  seconz  au  quart  briefment 
Eauoir  autel  comparison 
Siquil  faisoient  par  raison 
Une  armonio  et  un  accort 
Que  tout  appellent  dun  descort 
Dyapente  communcment 
Chilz  Premiers  marteaux  ensement 
Le  Second  et  un  tiers  pesoit 
Et  autel  li  tiers  refaisoit 
Ou  regart  du  quart  Justement 
Siquil  faisoient  tierceraent 
Ensamble  dyacesaron 
Quant  chascuns  sonuoit  son  droit  son. 

132  a  2 

Affin  quil  ten  souuiengne  mieulx 


Les  ifechecs  Araonreux 


667 


concinentiam pcrsoiiabant ;  ni.illeus vero 
XII  ponderum  ud  malleuin  IX  et  mal- 
leus  VIII  ponderum  ad  malleum  VI 
ponderum  secundum  ephitricam  pro- 
portionem  ad  dyatcsseron  consouantiam 
iungebantur;  nouem  veio  ponderum 
ad  VI  et  XII  ad  VIII  dyapente  con- 
sonantiam  pevmiscebant-,  IX  veio  ad 
VIII  in  sexquioctaua  proportione  re- 
sonabaut  ton um. 


Quant  II  en  scrra  tempz  et  lieux 

Sont  appelleez  lune  double 

Gast  quant  un  uombie  laultre  double 

Sans  rien  adiouster  iie  rabbattre 

Couinie  un  et  deux  ou  deux  et  quattre 

Et  cestc  dyapason  sonne  .  .  . 

La  aeconde  est  sesquialtere 

Quant  uns  nombrez  daultre  partie 

Laultre  contient  et  la  moittie 

Deux  ou  trois  ou  quattre  ou  six  ont 

Autel  regart  et  autel  sont 

Et  de  ce  vient  dyapente 

Comme  le  tay  deuant  compte 

La  tierce  est  sesquitierre  ditte  .  .  . 

Cest  quaut  li  unz  tant  seulement 

Contient  lautre  une  seule  foys 

Et  un  tierz  comme  quattre  a  troys 

Et  VIII  a  VI  sarablablement 

Et  ceste  fait  finablement 

Dyatessaron  ressonner. 

Der  Dichter  der  E.  A.  führt  uuii  eine  ziemliche  Anzahl  von  In- 
strumenten an,  für  welche  Pythag-oras  seine  Entdeckung  praktisch  ver- 
wertet haben  soll ;  er  kümmert  sich  dabei  wenig  um  den  Anachronismus 
und  nennt  einfach  die  ihm  bekannten  Instrumente.  V.  de  Beauvais 
schreibt  darüber  in  1.  XVIII,  c.  25  nur: 

Hinc  igitur  domum  reuersus  varia       132  b  ^ 


examinatione  perpendit,  an  in  bis  pro- 
portionibus  ratio  simphouiarum  tota 
cousisteret.  Nunc  quidem  equa  pondera 
neruis  aptans,  eorumque  consonantias 
aure  diiudicans,  nunc  vero  in  longitudino 
calamorum  duplicitatem  medietatemque 
restituens,  ceterasque  proportiones  ap- 
tans integerrimam  fidem  diuersa  ex- 
perientia  caplebat  .  .  .  hinc  etiam 
ductus  longitudinem  crassitudinemquc 
chordarum  ut  examinare  et  aggressus 
est. 


Pour  ce  que  le  tay  deuise 
Mieulx  examiner  et  sauoir 
Les  Instrumens  quil  pot  auoir 
Harpez  psalterions  et  rottes 
Ou  on  fait  raoult  de  belles  nottes 
E  cyphonies  et  vielles 
Et  flahutez  et  challemelles 
Orguez  et  muses  de  vent  plaines 
Trompez  et  buisinez  haultaines 
Tymbrez  naquairez  et  tabours 
Cymballes  et  aultrez  pluisours 
II  trouua  vcritablement 
Quil  faisoient  sarablablement 
Leurs  accors  par  teile  raison 
Quaut  II  faisoit  comparison 
En  ces  choses  de  leurs  longueurs 
De  leurs  gros  ou  de  leurs  grandeurs 


Die  Abhängigkeit  unseres  Dichters  von  V.  de  Beauvais  ist  auch  in 
der  Theorie  über  die  Sphärenmusik  unverkennbar;  letzterer  äussert  sich 
darüber  an  verschiedenen  Stellen  z.  B.  XVIII,  c.  10: 


668 


Dr.  Hans  Ilöfler 


Nam  et  ipse  mundus  quadam  armo- 
nia  souorum  fertiir  esse  compositus  et 
celum  ipsura  aub  armonie  modiihitione 
reuolui. 


132  d" 

Briefraent  li  anchien  disoient 
Qae  li  ciel  qui  ainsi  tournoient 
Entour  la  terra  nuit  et  lour  .  .  . 
Sont  ordonnez  trez  soubtilment 
Par  ceste  musical  mesure  .  .  . 

.  XVIII,  c.  16  ausge&iprochen : 
Pour  ce  eiicor  quoy  quil  en  puist  estre 
Dirent  11  que  le  corps  Celeste 
Par  leurs  tres  hastilz  mouucmens 
Et  par  leurs  diuers  toucheiuens 
Faisoient  melodiez  et  sonz 
Et  armoniez  et  chansonz 
Dexcelleute  consonnancie 
Corument  que  ce  ne  viengne  mie 
Jusquez  aux  oreillez  bumainez 
Pour  aucunez  causez  certainez. 

Die  übrigen  Behauptungen  von  dem  Vorhandensein  gewisser  musi- 
kalischer Harmonieen  und  Proportionen  in  den  vier  Elementen,  in  den 
Jahreszeiten,  im  Menschen  selbst  etc.  stellt  V.  de  Beauvais  gleichfalls 
in  1.  XVIII,  c.  16  zusammen: 


Dieselbe  Ansicht  vpird  auch  in 
.  .  .  Quomodo  enim  fieri  potest  ut 
tarn  velox  cell  machina  tacito  silentique 
cursu  moueatur.  Et  si  ad  nostras  aures 
sonus  ille  non  peruenit,  quod  multis 
fieri  de  causis  necesse  est  non  poterit 
tarnen  niotus  tarn  velocissimus  ita  niag- 
norum  corporuin  nullos  omnino  sonoa 
scire. 


.  .  .  lam  vero  quattuor  elementorum 
diucrsitates  contrariasque  potentia  nisi 
quaedam  armoniaconiungeret,  quomodo 
tieri  posset,  ut  iu  unum  corpus  ac 
machinam  conuenirent.  Sed  liec  omnis 
diuersitas  et  ita  tempornm  varietatem 
parit  et  fructuum,  ut  tarnen  et  unum 
anni  corpus  efficiat.  Nam  quod  con- 
stringit  hiems  ver  laxat,  toiret  estas, 
maturat  autnmnus  .  .  ,  Humana m  vero 
musicam  quisquis  in  seipsura  descendit 
intelligit.  Quid  enim  est  quod  illam 
incorpoveam  rationis  vinacitatem  cor- 
pori  misceat,  nisi  quedam  coaptatio  et 
veluti  grauium  leuiumque  vocum  quasi 
unam  cousouantiam  efficiens  temperatio. 


134  a 

Chil  ancbien  saige  ensement 

Disoient  que  li  dement 

Estoient  proporcionne  .  .  . 

Par  musicaulx  proporcions 

Et  aussy  que  leurs  miscions  .  .  . 

Ne  se  puet  bonnement  parfaire 

Se  nature  ne  les  assamble  .  .  . 

134b 

Li  quattre  tempz  de  lau  aassy 

Qui  se  diuersifieut  sy 

En  natures  et  se  descordent 

Conuicnt  ensamble  et  saccordent 

Tant  quil  t'ont  un  an   conuenable  .  .  . 

134  b, 

Car  ce  quyuers  i)0ur  sa  froidure 

En  son  tempz  restraint  et  engelle 

Le  printempz  ou  tout  renouuelle 

Le  recueure  et  relacbe  appres 

Li  estez  qui  le  sieut  de  prea 

134  c 

Pour  la  grant  cbaleur  quil  aporte 
Les  fruis  de  terre  aussy  conforte 
Qui  sont  en  autorapne  parfait. 

135  c,, 

Car  tu  verras  se  bien  der  voiz 

Que  los  dcux  voix  de  femme  et  domme ... 


Les  ißcliecs  Ainoiireux 


669 


Ont  ceste  proporcion  double 
Cav  chil  a  l;i  voix  grossi;  et  trouble 
Et  Celle  la  agiie  et  clere 
Tellement  quelle  se  diifere  .  .  . 
De  laultie  ou  double  propreraent. 
Von  der  in  verschiedene  Abschnitte  zerfallenden  Zeit  von  der  Em- 
pfängnis bis  zur  Geburt    des  Kindes    liess   sich    nirgends   eine  Vorlage 
finden;    vielleicht  hat  sie   der  Dichter    aus    eigenem  Wissen    geschöpft 
oder  in   dem  Bestreben,  überall  Zulilenverhältnisse  zu  erblicken,  selbst 
abgeleitet.     Zum  Schluss  dieser  Ausführungen  über  die  „vorzüglichste 
Erholungsart"  wird  in  den  E.  A.  ein  Gesamturteil  über  die  körperliche 
Rekreation  gefällt,  das  sich  ebenfalls  mit  der  Ansicht  des  V.  de  Beau- 
vais  deckt;  Sp.  Doctr.  1.  XV,  c.  62: 

De  Exercitiis:    Motus  duo  genera  137  a.     Cy  commence  pallas  a  parier 

sunt.     Unurn   s.  anime,    quod  animalis        de  le  excercitacion  des  enfans. 


motus  dicitur;  aliud  corporis,  quod 
exercitium  vocatur,  et  est  neccssarium 
tribus  modis.  Primo  ut  naturalem  ca- 
lorem  expergefaciat  et  expergefactum 
augeat,  qui  confortatus  cibos  fortius 
attrahat,  ac  velocius  digerat;  ut  super- 
fluitates  corporis  subtilientur.  Sccundo 
ut  nieatus  purget,  porös  dilatet,  super- 
fluitates  corporis  dissoluat.  Tercio  ut 
ea  membra  indurescant  et  confortentur 
aliorum  cum  aliis  repressione:  et  ideo 
confortentur  in  actionibus  suis,  remo- 
tioraque  fiant  ab  incommodorum  sus- 
ceptione. 


Ainsy  doiuent  estre  de  leu 

Li  enfant  en  tempz  et  en  Heu 

Recree  raisonnablement 

Et  tout  aussy  samblablement 

Dis  le  de  excercitacion  .  .  . 

Que  excercitacions  soit  bonne 

Meismez  a  toute  personne  .  .  . 

Cest  ponr  ce  briefment  quelle  excite 

Et  muet  la  chaleur  naturelle 

Siquez  nature  qui  par  eile 

Doit  la  digestion  parfaire 

En  fait  mieulx  ce  quelle  doit  faire 


137  b 

Briefment  excercitacions 
Comprent  pluiseurs  condicions  .  .  . 
Cest  la  lyrae  aspre  qui  excite 
La  chaleur  qui  est  entonnie  .  .  . 
Qui  consume  et  boute  tout  hors 
Les  superfluitez  du  corps 
Cest  ce  qui  lez  membrez  conferme 
Et  qui  fait  le  corps  dur  et  ferme 
Cest  puis  quil  fault  que  le  le  die 
La  mort  de  toute  maladie. 
Der  Rat,  man  solle  die  körperlichen  Übungen  am  besten  nüchtern 
machen,  wird  auch  von  V.  de  Beauvais  erteilt,  Sp.  Doctr.  XV,  c.  63; 
Exercitia  sunt  laudabilia  et  utilia       137d,„ 


custodiende  sanitati  si  ante  cibum  fiant. 
Membra  enim  confortant  et  indurant. 


Ceste  excercitacionz  chy 
Se  doit  faire  a  Jeun  aussy 
Quant  la  viande  deuant  prise 
Est  digeree  et  a  pöint  mise. 
Obwohl  Colouna  in  1.  II,  p.  II,  vier  Kapitel  (15—18)  darauf  ver- 


670  r>i".  Hans  Höfler 

wendet,  um  in  ziemlich  ermüdeuder  Weise  darzütun,  dass  die  junge* 
Leute  zu  Leibesübungen  anzuhalten  seien,  gibt  er  doch  ausser  dem 
Gebrauch  der  Waffen  keine  Namen  der  Übungen  an,  welche  eigentlich 
betrieben  werden  sollen;  auch  V.  de  Beauvais  nennt  keine  speziellen 
Übungen.  In  den  E.  A.  werden  jedoch  die  verschiedenen  Gattungen 
von  Erholungen  —  laufen,  reiten,  fechten  etc.  sowie  einige  Gesellscbafts- 
und  Turnspiele  aufgezählt,  aus  denen  wir  uns  ein  Bild  machen  können 
von  dem  in  jeuer  Zeit  üblichen  Unterhaltungs-  und  Verguügungsleben 
und  den  gebräuchlichsten  Erholungsarten,  wie  sie  auch  noch  heute  in 
Schwung  sind.  Es  war  dem  Dichter  der  E.  A.  jedenfalls  nicht  schwer, 
nachdem  er  lange  genug  über  die  Vorteile  der  Erholung  gehandelt 
hatte,  auch  eine  Liste  über  die  Mittel  und  Wege  anzufertigen,  wie  die- 
selbe am  vorteilhaftesten  bewerkstelligt  werden  könne;  er  durfte  ja  nur 
einen  Blick  auf  das  tägliche  Leben  werfen. 

Die  bisher  erörterten  Vorschriften  über  die  Pflege  des  jugendlichen 
Geistes  und  Körpers  beziehen  sich  nach  der  Darstellung  der  E.  A.  ent- 
sprechend den  Vorbildern  eigentlich  bloss  auf  die  Knaben.  Es  ist  je- 
doch selbstverständlich,  dass  sie  grösstenteils  auch  auf  die  Mädchen 
in  Anwendung  gebracht  werden  können.  Trotzdem  gibt  der  Dichter 
der  E.  A.  noch  einige  gute  Lehren  für  die  Erziehung  der  Mädchen  und 
hält  sich  dabei  —  da  V.  de  Beauvais  hierüber  keinerlei  Stützpunkte 
mehr  gewährte  —  wieder  an  seine  am  meisten  ausgebeutete  Vorlage 
De  regimine  principum,  um  aus  den  drei  letzten  Kapiteln  des  vorher 
benutzten  1.  11,  p.  II  kurz  noch  einige  Gedanken  zu  entnehmen.  Colonna 
beginnt  seine  Anschauungen  über  die  spezielle  Fürsorge  für  die  Mäd- 
chen mit  c.  19  zu  entwickeln: 

Quod  filie  ciuium  et  maxime  nobi-        138 dg 
lium  et  regum  et  principum  a  discursu       On  doit  dont  penser  des  puchelles 
et    vagatione    sunt    conhibende    .    .    .       Qnellez  soient  de  corps  et  dames 
Prima  via    sumitur  ut  tollatur  filiabus       Tennez  pour  honnestez  dames  .  .  . 
commoditas    male    faciendi.      Secunda       139  a' 

ne  fiant  inuerecunde.     Tercia  ne  fiant       Pour  ce  lez  doit  on  dez  enfance 
lasciue  et  impudice.  Nourrir  en  bonne  accoustumance 

Et  les  tant  com  puet  plus  attraire  . . . 
A  chaaste  et  a  sobbresche  .  .  . 
Ccst  quelle  seit  premierement 
Cioseraent  en  lostel  teuue 
Sanz  luy  trop  moustrer  par  la  rue 
Et  con  la  garde  aussy  doyseuse 
Et  quelle  ne  seit  pas  noyseuse  .  .  . 
La  femme  en  deuient  mains  honteuae. 
Von  den  bei  Colonna  hierzu  gegebenen  Erörterungen,  wird  in  den 
E.  A.  Abstand  genommen,  da  der  Dichter  sich  jetzt  überhaupt  immer 
sehr  kurz  fasst.      Dieselbe  Wahrnehmung  lässt  sich   auch  machen    bei 
der  jetzt  folgenden  Warnung  der  Mädchen  vor  dem  Müssiggang.    Die 


Les  Echecs  Amoiireux 


671 


drei  in   der  Vorlage  (c.  20)  Jiiifgeführten   Gründe  und  deren   Interpre- 
tation 


Prima  sumitnr  ex  lionesto  solacio 
quod  iiide  liabcnt.  Secnnda  ex  illicita 
süllioitudinc,  (jue  proptor  lioc  vitatiir. 
Tercia  ex  fruetu  et  utilitatc  que  inde 
consurgit 


139  b* 

On  In  doit  garder  ensenient 
Doyseuse  tres  songneiiseiuent 
Pour  lez  graiiz  pcrilz  qui  eii  viennont 
A  ceulx  qui  oyaeiix  se  luaintieineiit .  . . 
Et  pour  le  grant  bien  au  contraire 
Qui  vient  dexcercitacion  .  .  . 
139  b  3 

Finablement  eile  en  serra 
Qui  a  bonne  oeure  pensera 
Plus  vertuense  en  tous  endroiz 
hat  der  Dichter  der  E.  A.  weniger  hervorgehoben.    Die  Herüberuahme 
der  am  Ende   des   c.  20   angedeuteten   Beschüftigungsweise    lässt   sich 
jedoch  nicht  bezweifeln.     Die  in  Betracht  kommende  Stelle  lautet: 
Si    queratur    circa    qualia     opera        139 b'^" 


Quelle  soccupe  ou  excercite 
En  aucune  cliose  licite 
Siconirae  en  aprendre  ou  a  lire 
Aucuns  bons  liures  ou  en  dire 
Oroisons  heures  et  matines 
Et  choses  bonnez  et  diuines  .  ,  . 
Celle  qui  na  pas  si  grant  tiltre 
Doit  ou  couldre  ou  filier  ou  tistre 
Ou  faire  aucune  oeure  samblable 
A  son  mariaige  prouftitable. 


exercitari  debent,  oportet  in  tnlibns 
dift'erenter  loqui,  secundumdiuersitatem 
personarum.  Texere  enim  filare  et 
operari  sericum  satis  videntur  opera 
competentia  feminis;  quod  si  tarnen 
femina  instruenda  in  tarn  alto  gradu 
esset,  quod  non  esset  dignuni  vel  quod 
non  esset  consuetuni  secundum  modum 
patrie,  ut  se  circa  talia  exercitaret, 
adhuc  non  esset  admittenda  ut  viueret 
ociosa,  sed  tvadenda  esset  studio  litte- 
rarum. 

Die  Mädchen  der  höheren  Stände  sollen  demnach  auch  in  das 
Studium  der  Wissenschaften  eingeführt  werden;  der  Dichter  der  E.  A. 
zeigt  sich  jedoch  nicht  mit  Colonnas  Rat  einverstanden,  scheint  also 
kein  Freund  gelehrter  Frauen  gewesen  zu  sein.  Er  vertritt  stattdessen 
die  Ansicht,  die  jungen  Mädchen  sollten  sich  lieber  dem  Gebet  und  der 
Betrachtung  göttlicher  Dinge  widmen  und  solche  Arbeiten  verrichten, 
die  für  ihre  sjjätere  Ehe  von  Nutzen  sind. 

Mit  der  zuletzt  ausgesprochenen  Ermahnung,  die  Mädchen  sollten 
besonders  zur  Schweigsamkeit  erzogen  werden,  steht  unser  Dichter 
wieder  im  Einklang  mit  dem  letzten  Kapitel  seiner  Vorlage,  dem  er  in 
aller  Kürze  die  drei  Beweispunkte  entnimmt. 

Colonna  schreibt  1.  11,  p.  II,  c.  21  folgendes: 

Quod  decet  reges  et  principes  et  139  c.    Comment  on  doit  la  lone 

uniuersaliter  omnes  ciues  solicitari  erga       fiUe  enduire  a  poy  parier. 


filias  ut  sint  modo  debito  taciturnc. 
Ostenso  quod  non  decet  puellas  esse 
vagabundas,    nee    deceat    eas    viuere 


On  doit  la  losne  fille  enduire  .  . 
A  ce  quelle  soit  pau  parliere 
Car  cest  fort  a  faire  sans  faille 


672  Dr.  Hans  Höfler 

ociose  restat  ut  nunc  tercio  ostendamus,       Quant  on  parle  trop  con  ne  faille 
quod  decet  eas   taciturnas    esse,    quod       Ou  quil  ne  vole  de  la  bouche 
triplici    via    venari    possumus.     Prima       Aucune  chose  espoir  qui  touche 
sumitur,  ut  magis  appareant  ornate  et       Et  desplaist  a  aultruy  personne  .  .  . 
decentes  et  ut  a  viris  suis  magis  dili-       Car  11  en  vient  souuent  grant  noise 
gautur.    Secunda  ne  loquantur  indebite       Et  granz  tenchonz  dont  II  me  poise 
et  incaute.     Tercia  ne   sint  prone   ad       Et  par  especial  la  femme 
iurgia  et  ad  lites.  Trop  sen  deshonneure  et  diffame 

Car  femme  est  a  tenchier  encline 
139  d« 

Ainsy  doit  la  puclielle  saige 
Duire  sa  langue  et  son  couraige 
Car  Celle  qui  sordonne  ainsy 
En  vault  mieulx  de  soy  et  aussy 
Elle  en  samble  que  le  ne  mente 
Plus  auenant  estre  et  plus  gente 
Et  plus  graeieuse  en  tous  lleux 
Et  si  len  amera  trop  mieulx 
Ses  maris  .  .  . 

In  der  Erziehungsmethode  der  Mädchen  weicht  der  Dichter  der 
E.  A.  von  den  Autoren,  die  er  zu  Beginn  seines  Werkes  verwertete, 
Ovid  und  J.  de  Meung,  gründlich  ab.  Während  diese  beiden,  besonders 
Ovid,  das  junge  Mädchen  nur  dazu  abrichten  wollen,  wie  es  einen  bezw, 
mehrere  Männer  in  seinen  Netzen  fangen  i<:aun,  über  ehrbare  häusliche 
Tätigkeit  jedoch  kein  Wort  verlieren,  erzieht  unser  Dichter  das  Mädchen 
zur  praktischen  Hausfrau,  die  von  Jugend  auf  zur  Sittsarakeit  und 
Gottesfurcht  angehalten  und  durch  Erlernung  nützlicher  Arbeiten  darauf 
vorbereitet  werden  soll,  später  einmal  als  tüchtige  brauchbare  Gattin 
einem  Hauswesen  vorzustehen. 

Es  mag  jedoch  dahingestellt  bleiben,  ob  unser  Autor  bei  der  Ent- 
wicklung seiner  Erziehungsgrundsätze  sich  gegen  Ovid  oder  J.  de  Meung 
wenden  wollte.  Seine  Ausführungen  beweisen  auf  jeden  Fall  starke 
Beeinflussung  durch  Vorbilder,  geben  jedoch  auch  Zeugnis  dafür,  dass 
sich  der  Dichter  einer  grossen  Vollständigkeit  zu  befleissigen  sucht, 
wenngleich  dieses  Bestreben  ihn  vielfach   zu  Weitläufigkeiten  verleitet. 

Das  vollkommene  Haus^). 

Wir  sind  hiermit  bei  dem  nach  der  getroffenen  Einleitung  letzten 
Kapitel  des  zu  betrachtenden  Stoffes  angelangt.  Zu  einem  vollständigen 
und  vollkommenen  Hauswesen  rechnet  Colonna  die  Eltern  und  die 
Kinder,  ausserdem  die  Dienerschaft  und  nach  1.  H,  p.  H,  c.  1  gehört 
auch  dazu  decentia  edificiorum,  multitudo  munmismatum  et  copia  posses- 
sionum  aliarum.     Derselben  Ansicht   ist  auch    der  Dichter  der  ]fc.  A., 


1)  Kapitel  V  des  Ganzen. 


L('8  Echecs  Amoiireux  673 

der  mit  einigen  Änderungen  in  der  Reihenfolge  bis  zum  Schluss  des 
Gedichtes  seiner  Hauptvorlage  treu  bleibt;  er  beginnt  zunächst  über 
die  Behandlung  der  Diener  zu  sprechen.  Es  muss  jedoch  betont  werden, 
dass  Colonna,  obwohl  er  sich  hinlänglich  über  die  Diener  äussert,  doch 
nicht  so  viele  dem  praktischen  Leben  entnommene  Winke  für  das  Ver- 
halten des  Herrn  zu  seiner  Dienerschaft  gibt  wie  der  französische 
Dichter,  dem  wir  daher  in  diesem  Teil  eine  gewisse  Selbständigkeit 
nicht  absprechen  dürfen. 

Über  den  allgemeinen  Verkehr  zwischen  Herrn  und  Diener  spricht 
Colonna  in  1.  H,  p.  Hl,  c.  19  gegen  Ende: 

Quid  sit  aiitem   teuere   in   talibus  140 a" 

medium  et  esse  moderatum  siimi  potest  Briefment  II  fault  si  graut  auis 

ex  hia  que  dicuntur  V.  pol.,  ubi  dicitur  Car  II  couuient  ce  mest  auis 

quod  persona  principis  non  debet  ap-  Le  moyen  prendre  au  mieulx  que  puet 

parere  seuera  sed  reuerenda,    Non  ergo  Qui  bien  sen  serf  gouuerner  veult 

decet    principem    tam    familiärem    se  Et  mettre  en  bonne  obedience 

habere   ministris,  ut  habeatur  in  con-  II  luy  conuient  bien  grant  prudence 

temptu,    et   ut   non  app.ireat  persona  Et  con  le  maine  saigement 

reuerenda.      Nee   debet  se   sie    excel-  Sanz  le  traittier  trop  rudement 

lentem  ostendere,  ut  omnino  appareat  Et  sans  luy  faire  aucune  Iniure 

austerus  et  onerosus.  In  omnibus  enim  140  a 

ut  traditur  tercio  ethicorum,   medium  Maiz  aussy  nest  ce  pas  droiture 

laudatur  et  extrema  vituperantur.  Con  se  remoustre  a  luy  trop  mol 

Qui  ne  veult  con  le  tiengne  a  fol 
Mais  par  raison  moyennement. 

Im  nachfolgenden  werden  in  den  E.  A.  drei  Arten  von  Dienern 
unterschieden,  wozu  der  Dichter  die  Anleitung  jedenfalls  auch  aus  Co- 
lonna empfing;  als  Beweis  für  die  Behauptung,  dass  manche  Menschen 
von  Natur  aus  zum  Sklavenstand  bestimmt  seien,  beruft  er  sich  jedoch 
an  Stelle  der  von  Colonna  in  1.  ü,  p.  HI,  c.  13  zitierten  drei  Gründe 
auf  den  von  demselben  schon  früher  angegebenen  Punkt  (1.  II,  p.  I,  e.  5) 

Nam  ille  proprio  est  dominus,  qui       140d" 
viget  intellectu,   ille  vero  proprie   est       Car  li  uns  est  serfz  de  nature 
seruus,   .  .  .  qui    deficit   intellectu   et       Pour  ce  quil  a  corps  dur  et  fort 
poUet  fortitudine  corporali  .  .  .  Pour  bien  soustenir  paine  et  fort 

Et  lentendement  groz  et  rüde 
Qui  riens  ne  vauldroit  a  leatude. 

Dass  auch  die  Besiegten  und  Kriegsgefangenen  zum  Sklavendienst 
bestimmt  seien,  spricht  Colonna  in  1.  II,  p.  III,  c.  14  aus: 

Sic  Visum  fuit  conditoribus  legum,  Li  aultrez  laist  par  violence 

quod    propter    seruitutem     naturalem  Tout  ait  II  espoir  grant  prudence 

secundum     quam     ignorantes     debent  Et  nature  gentille  et  france 

seruire    sapientibus    dare    seruitutem  Mais  par  loy  et  par  ordonnance 

legalem  esset  et  quasi  positiuam  secun-  II  fault  quil  serue  ainz  que  pis  aille 

Romanisch«  Forschungen.  XXVII.  43 


(574  l^r-  Haiis  Höfler 

dum   quam   debiles    et   victi   seruirent       Par  constrainte  espoir  de  bataille 
victoribns  et  potentibus.  Ou  par  aucune  occasioa 

De  samblable  condicion. 

Ebenso  entnahm  unser  Dichter  die  Meinung,  dass  manche  Diener 
aus  Liebe  und  Freundschaft  ihren  Herrn  ergeben  seien,  aus  Colonnas 
1.  II,  p.  III,  c.  15: 

Ad  hos  autem  ministros  quos  virtus       140d 
et  amor   boni   inclinat  ad  seruiendum       Et  li  tiers  volontairement 
decet  principantes  se  habere  quasi  ad       Sert  pour  aucun  eraolument 
filios  et  decet  eos  regere  non  regimine       Ou  II  le  fait  par  auenture 
seruili  sed  magis  paternali  et  regab'.         Seulement  pour  araistie  pure 

Et  pour  le  seul  bien  de  vertu. 

Die  Bezeichnung  dieser  drei  Gattungen  von  Dienern  —  Operateur, 
curateur,  ordinateur  —  und  die  Ermahnung  des  Herrn,  für  eine  richtige 
Verpflegung  der  Dienerschaft  Sorge  zu  tragen,  weisen  auf  keine  Quelle 
hin.  Vielleicht  schwebten  unserm  Dichter  auch  einige  Kapitel  des  Spec. 
Doctr.  des  V.  de  Beauvais  vor,  der  an  verschiedenen  Stellen  auf  die 
Diener  zu  sprechen  kommt  (Spec.  Doctr.  1.  V,  c.  8;  VII.  78;  VI,  12); 
aber  auch  er  gibt  seine  Anweisungen  nicht  in  so  präziser  Weise  nach 
Form  und  Inhalt  wie  der  Dichter  der  E.  A. 

Die  Schilderung  der  Lage  und  Einrichtung  des  Hauses  zeigt  uns 
jedoch  nochmals  ganz  deutlich,  wie  wenig  es  der  unbekannte  Autor 
verschmäht,  sich  auch  in  Einzelheiten  und  geringfügigen  Dingen  au  das 
einmal  ausgesuchte  Vorbild  anzuklammern.  Wir  müssen  nämlich  ge- 
stehen, dass  es  sich  in  den  nächsten  Kapiteln  nur  um  eine  wörtliche 
Übersetzung  der  bei  Colonna  vorgefundenen  Belehrungen  handelt.  So 
entsprechen  sich  die  Anforderungen  beider  Autoren  an  die  Luftverhält- 
nisse in  der  Umgebung  des  Hauses  ganz  genau;  Colonna  äussert  sich 
darüber  in  1.  H,  p.  III,  c.  3  gegen  Ende  folgeudermassen : 

Restat  videre  qualia   debent  esse  141  d^ 

edificia  quantum  ad  aeris  temperamen-  La  maison  de  bonne  deuise 

tum.    Tangit  autem  palidinius  in  libro  Premierement  doit  estre  assise 

de  agricultura  tria  ex  quibus  cognoscere  En  bon  air  et  eu  bon  terroir  .  .  . 
possimus  in  quo  aere  edificium  sit  con-  Sans  faille  on  puet  assez  aauoir 

strueiiduin.      Dicit    enira    salubritatem  Sil  doit  bon  air  ou  sain  auoir 

aeris  primo  declarari  a  vallibus  intimls.  En  la  place  con  veult  eslire 

Si  enim  in  vallibus  infimis  edificia  con-  Par  troiz  poinz  qua  Je  te  vueil  lire 

struantur,    quia    aer    est    ibi    grossus  Le  premier  pour  dire  a  briefz  moz 

propter  circumstanciani   moncium  con-  Cest  quant  li  airs  ny  est  pas  gros 

tingit  ipsum  non  esse  salubrem.    ...  Ne  de  trop  espesse  substance 

Secundo   considorandum    est   ut   locixs  Ainsy  quil  est  daccoustumance 

illc  in  quo  est  edificium  construendum  Et  par  nature  es  vaulx  parfonz 
sit    a    nebularum    tenebris    absolutus ;  Li  poins  et  li  signez  secondz 

nam  in  aliqua  parte  terrarum  vel  quia  Cest  quant  II  est  purs  et  ytelz 

ipaa  est  magis  paludosa,  vel  propter  Que  Vcapeurz  et  fumositez 


Lea  6chec8  Amoureux 


675 


aliquara  aliam  dispositionem  terre  magis 
et  sepius  obtenebratur  aer  per  nebulaa 
et  vapoies  quam  in  parte  alia  .  .  . 
Tercium  quod  declarat  salubritatem 
aeris  est  consideratio  habitatorum  cxi- 
stencium  in  ipso;  si  eniui  alicubi  edi- 
ficare  vulmus  si  contingat  circa 
regionem  illam  aliquos  habitare,  con- 
sideranda  sunt  habitatorum  corpora  si 
eis  Sit  color  sanus  et  pulcer,  si  sit 
ipsis  firma  sinceritas  capitis,  si  habeant 
acutum  Visum  et  purum  auditum  et 
vocem  claram ;  nam  per  omuia  hcc 
iudicatur  benignitas  aeris  et  per  con- 
traria iudicatur  aer  infirmus  esse. 


142  a 
Ny  puet  faire  empeschement 
Aumainz  accoustumeement 
Pour  i)alut  ne  pour  aultre  chose 
Li  tiers  des  signez  que  Je  expose 
Qui  moustrent  lair  bon  et  santieu 
Cest  quant  li  habitant  dou  lieu 
Et  qui  entour  ont  demoure 
Y  sont  sain  et  bien  couloure 
Et  quil  ont  voix  nette  et  onnie 
Bonne  memoire  et  bonne  oie 
Et  bonne  veue  et  ague 
Ceste  chose  briefment  Argue 
Et  signifficacion  donne 
Que  lä  demeure  estre  y  doit  bonne 
Et  aussy  ne  se  doit  nulz  traire 


Ou  on  voit  la  chose  contraire. 
Die  Aufzählung   der  Räumlichkeiten,  welche  das  Haus   enthalten 
soll,  ist  bei  Colonna  nicht  vorhanden;    es  schien  ihm  dies  zu  sehr  ins 
einzelne  gehend;  nur  über  den  Keller  spricht  er  ganz  am  Ende  des  c.  4: 
Essent  autem  in   edificiis   constru-       143b 


Li  chelier  pour  le  vin  garder 

Doit  septentrion  regarder 

Et  se  doit  frois  estre  et  obscurs 

Ou  II  nest  mie  bien  seurs 

II  doit  loingz  estre  aussi  sans   doubte 

De  cyterne  et  dyavve  toute 

De  bainz  de  fourz  de  fienz  destablez 

Et  de  touz  lieux  mal  odorablez. 


endis  alia  particularia  dicenda;  ut 
qualis  deberet  esse  cella  vinaria;  quia 
debet  esse  frigida,  obscura,  opposita 
septentrioni ;  debet  esse  longe  ab  aquis, 
ut  a  cisternis  et  fluuiis  et  longe  a 
Stabulis,  furno  et  sterquiliniis.  Sic 
etiam  alie  particulares  conditiones  edi- 
ficiorum  distingui  possent,  sed  quia 
talia  nimis  particularia  edificatorum 
Industrie  relinquantur. 

Es  kann  wohl  angenommen  werden,  dass  der  französische  Dichter 
mit  leichter  Mühe  die  verschiedenen  Räumlichkeiten  selbst  zusammen- 
stellte und  beschrieb;  wir  werden  übrigens  nochmal  darauf  zurück- 
kommen. 

Zweifellos  ergibt  sich  die  Abhängigkeit  unsers  Dichters  von  seinem 
Vorbild  aus  der  Angabe  der  Merkmale,  die  einen  Schluss  auf  die  Be- 
schaffenheit des  Trinkwassers  ziehen  lassen ;  denn  in  den  E.  A.  begegnen 
uns  gerade  die  sechs  Kennzeichen,  die  Colonna  in  c.  4  anführt  unter 
dem  Titel: 

142  b.  Comment  yavve  est  uec- 
cessaire  a  humaine  vie  et  quelle  yavve 
on  doit  eslire. 

On  doit  garder  premierement 
Quelle  ne  viengne  aucunement 
De  lac  destang  ne  de  palu 
Car  ceste  oncquez  riens  ne  valu 
43* 


Qualia  debent  esse  edificia  quan- 
tum  ad  salubritatem  aquarum  et  quan- 
tum  ad  ordinem  uniuersi  .  .  .  Tangit 
autem  palidinus  in  libro  de  agricultura 
sex,  que  ait  consideranda  esse  in  cog- 
nitione  salubritatis  aque.  Primum  est 
quia  aqua   illa   deriuari  nun  debet  a 


676 


Dl-.  Hans  Höfler 


paludibus  vel  lasciuiis;  paludes  enim 
et  lasciuie  eo  quod  sit  eis  quodammodo 
stans  ut  plurimum  habent  aquam  non 
salubrem.  Secundo  considerandum  est 
ne  aqua  illa  sumat  originem  ex  metallis 
vel  ne  transeat  per  metallorum  venas. 
.  .  .  Tercio  considerandum  est  in  aquis 
quod  sit  coloris  perspicui;  nam  ipsa 
infectio  colorum  aque  infectionem 
demonstrat.  Quartum  est  ne  aliquo 
sapore  vel  odore  vicientur  . . .  Quintum 
est  ne  aquis  illis  insideataliquis  limus; 
nam  terra  limosa  vel  lutosa  eo  quod 
infecta  sit  sana  esse  non  potest  .  .  . 
adducit  palidinus  sextum  quod  dicitur 
considerandum  esse,  videlicet  ut  con- 
sideretur  dispositio  corporum  utencium 
illis  aquis;  est  ergo  aspiciendum  si 
dentes  et  gingine  utencium  illis  aquis 
sint  pure.  Si  utentes  eis  habeant  capita 
sana  et  inperturbata,  si  venter  aut 
viscera  vel  latera  siue  renes  nuUo 
dolore  aut  inflatione  vexentur.  Nam 
ex  aquarum  malicia  vel  omnino  mala 
hec  vel  aliqua  horum  consueuerunt 
contlngere. 


On  doit  aussy  quoy  quil  auiengne 
Bien  garder  qua  leavve  ne  viengne 
Daucune  miniere  voisine 
Par  auenture  metalline  .  .  . 
Tierchement  on  doit  regarder 
Qui  veult  bien  sa  sante  garder 
Quelle  soit  clere  et  nette  et  pure 
Sanz  estre  tonrble  ne  obscure 
Quartement  que  nulz  qui  en  boiue 
Mauuaise  saueur  ny  parchoiue 
Ne  mauuaise  odeur  ne  pesant 

Quintement  quelle  ait  fons  plaisant 
Et  net  sans  lymon  et  sans  boe 
Ou  H  nest  pas  droiz  con  la  loe 
Finablement  beaulx  amis  doulx 
Li  plus  certains  signez  de  tonx 
Et  qui  mieulx  moustre  leavve  saine  . . . 
Cest  quant  li  habitant  du  lieu 
Qui  en  usent  et  qui  en  boiuent 
142  c 

Nul  mal  aduenir  napercoiuent 
Taut  ayent  au  lieu  demoure 
Ains  sont  sain  et  bien  couloure 
Siquez  mal  dedens  ne  de  teste 
Communement  ne  lez  moleste 
Ne  goutte  ne  paralysie 
142  c^ 

Nappostume  ne  ydropisie 
Ne  flux  de  ventre  ne  grauelle 
Ne  nulle  maladie  teile 
Que  lez  mauuaisez  yavvez  tont 

142  c  3 

Et  Sil  aduient  que  puis  y  faille 

Ou  que  lyavve  espoir  rienz  ne  vaille 

Aumainz  y  doit  la  cisterne  estre 

Pour  recepuoir  leavve  celestre  .  .  . 

Die  Anweisungen  über  den  Bau  einer  unter  Umständen  nötigen 
Cisterne  gibt  gleichfalls  Colonna  in  der  Fortsetzung  des  c.  4  mit  den 
Worten : 


Quod  si  cum  edificandi  necessitas 
urgeat,  nee  tamen  ibi  aque  salubris  sit 
copia,  est  ibi  secundum  Paludinum  con- 
struenda  cisterna,  in  qua  pluuiales  aque 
colligende  sunt.  Nam  secundum  eundem 
aqua  celestis  et  pluuialis  ad  bibendum 
quasi  omnibus  prefertur.  Sunt  autem 
in  cisterna  pisces  fluuiales  apponendi, 


142  d" 

Car  raisons  naturelle  preuue 

Le  ne  scay  son  men  voulra  croire 

Quil  nest  meilleur  yavve  pour  boire 

Con  y  mette  Anguilles  noans 
Et  poissons  la  dedens  Jouans 
Pour  donner  aucun  mouuement 


Les  ^checs  Amoureux 


GTT 


ut  eorum  natatu  aqua  stans  agilitatem 
currentis  aqiie  immitetur. 


A  leavve  continuelment 

Et  cest  affin  quelle  ressamble 

A  leavve  courant  ce  me  samble. 


Auf  den  folgenden  Sätzen  dieses  e.  4  beruht  die  Angabe  unseres 
Dichters  über  die  Lage  des  Hauses  hinsichtlich  der  Himmelsrichtungen; 
Colonna  gab  ihm  zur  Erwähnung  dreier  beachtenswerter  Regeln  An- 
lass  (c.  4): 


Viso  qualiter  est  edificium  con- 
struendum,  quantum  ad  salubritatem 
aque,  restat  videre,  quomodo  sit  con- 
struendura,  quantum  ad  ordinein  uni- 
uersi.  In  ordine  autem  uniuersi  prout 
requiritur  ad  edificium,  sunt  tria  con- 
sideranda,  scilicet  conditio  celestis, 
diuersitas  ventorum  et  dispositio  terra- 
rum.  Quantum  ad  conditionem  celestem 
sunt  tria  consideranda:  Primo  ut  in 
hieme  debita  claritate  illustretur.  Se- 
cundo  ne  in  estate  immoderato  calore 
opprimatur,  quod  fieri  contingit,  si 
edificium  secundum  suam  ampliorem 
partem  respiciat  oriens  hiemale.  Tunc 
enim  eo  quod  in  hieme  oppositum  sit 
soli,  debita  claritate  illustrabit;  in 
estate  quidem,  |eo  quod  oblique  respi- 
ciatur  a  sole,  habebit  in  calore  tempe- 
ramentum  .  .  .  Secundo  in  edificando 
edificia  attendenda  est  diuersitas  ven- 
torum et  hoc  quantum  ad  diuersitatem 
camerarum.  Nam  ventus  septentrionalis, 
eo  quod  puriorem  aerem  facit,  salubrior 
esse  videtur.  Propter  tempus  ergo 
estiuum,  in  quo  homines  faeilius  infir- 
mantur  edificande  sunt  alique  camere. 
opposite  vento  septentrionali,  ut  in 
eis  salubrior  custodiatur  vita.  Tercio 
quantum  ad  ordinem  uniuersi  conside- 
randa est  terrarum  dispositio,  et  ut  in 
tali  loco  edificium  construatur,  cui 
viridaria  et  pomeria  possint  esse  con- 
nexa.  Aspectus  enim  talium  et  peram- 
bulatio  per  ea  ad  hilaritatem  et  Sani- 
tätern confert. 


142  d.     Comment   la   maison    doit 
estre  assise  ou  regart  du  cid. 
Ainsi  doit  on  ediffier 
Comme  tu  moiz  signiffier 
La  maison  parfaitte  et  nottablo 
En  bon  air  et  sain  et  loable 
Et  en  bon  fons  samblablement 
II  fault  aussy  secondement 
Considerer  ainz  quil  souffisse 
Biaulx  amis  que  le  ediffisse 
Soient  assis  bien  et  adroit  .  ,  . 
Ou  regart  du  ciel  et  du  vent  .  .  . 
143  a* 

Pour  ce  doit  briefment  estre  assise 
143  a 

La  maison  manable  en  tel  guise 
Pour  le  salut  des  habitans 
Quelle  soit  froide  en  äste  temps 
Et  chaude  en  yuer  ensement 
Et  quelle  soit  souffissamnient 
Aussy  clere  et  enluminee 
Ainsy  doit  eile  estre  ordonnee 
Pour  ce  doiz  tu  apprez  sauoir 
Quil  doit  en  la  maison  auoir 
Seile  est  parfaitte  mansions 
De  diuerses  condicions  .  .  . 
Celle  desto  qui  bien  lordonne 
Ainsy  que  sa  droiture  donne  .  .  . 
Doit  auoir  son  regart  a  bise 
Et  au  vent  septentrional 
Pour  ce  que  li  vent  noctual 
Sont  froit  et  sain  naturelment  .  .  . 
Et  Celle  aussy  contrairement 
Qui  est  pour  lyuer  que  Je  di 
Doit  estre  contre  le  miedi  .  .  . 
143  b» 

U  y  a  aussy  une  chose  .  ,  . 
Cest  con  doit  son  puet  par  raison 
Tousdis  asseoir  sa  maison  .  .  . 
Loingz  de  tout  Heu  deshonnourable 
Et  pres  sainsy  puet  escbeir 


678  Dr.  Hans  Höfler 

De  chosez  plaisans  a  veir 
Especialment  de  vergiers 
Ou  II  ait  prayaux  et  pommiers 
Et  arbres  portans  diaers  frais 
Car  cest  granz  biens  et  granz  dedais 
Et  tresgrans  confors  a  nature  .  .  . 
Et  briefment  cest  chose  certaine 
Qui  vault  a  la  sante  humaine. 
In  den  E.  A.  werden  jetzt  noch  einige  genauere  Bemerkungen  über 
Keller,  Speicher  und  Stall  gemacht;    wir  erklärten  dieselben  oben  für 
unabhängig  von  Vorbildern,  da  Colonna  die  Anlage  dieser  Räume  als 
nimis  particularia  der  Geschicklichkeit  der  Bauleute  anheimstellt.     Es 
sei  uns  jedoch  erlaubt  auf  mehrere  Ähnlichkeiten  hinzuweisen,  die  hin- 
sichtlich   der  Beschreibung    des   vollkommenen  Hauses   zwischen   den 
E.  A.  und  V.  de  Beauvais  bestehen,   der  ja  sehr  oft  zu  Rate  gezogen 
wurde,  wenn  die  Hauptquelle  versagte.    Im  Spec.  Doctr.  begegnen  wir 
da  und  dort  zerstreut  denselben  Belehrungen  über  die  Einrichtung  des 
Hauses  wie  bei  Colonna,  von  denen  einige  bei  letzterem  nicht  erwähnt 
werden.    Schon  die  ersten  Andeutungen  über  die  Lage  des  Hauses  und 
die  Gegend,  die  man   zum  Wohnort  ausersehen  soll,    finden   wir  auch 
bei  V.  de  Beauvais,  Spec.  Doctr.  1.  VI,  c.  16:  Edificium  pro  agri  merito 
et  pro  fortuna  domini  oportet  institui.     Si  vicinus  est  fluuius  ubi  sta- 
tuimus  fabrice  sedem  parare  eins  debemus   explorare   naturam,    quod 
plerumque  quod  exalat  inimicum  est.     Palus  omnimodo  vitanda. 

Ebenso  erachtet  es  V.  de  Beauvais  für  angenehm,  dass  das  Wohn- 
haus (1.  VI,  c.  17)  hortis  et  pomariis  cingi  possit  aut  pratis.  DieHaupt- 
bediugung  ist  jedoch  nach  seiner  Meinung,  dass  die  Luft  in  der  Um- 
gebung gesund  und  zuträglich  sei;  man  kann  dies  an  verschiedenen 
Merkmalen  erkennen  nach  1.  VI,  c.  39:  Aeris  salubritatem  declarant 
loca  ab  infimis  vallibus  libera  et  nebularum  noctibus  absoluta,  et  habi- 
tatorum  considerata  corpuscula,  si  eis  color  sanus,  capitis  firnia  sin- 
ceritas,  inoff'ensum  lumen  oculorum,  purus  auditus,  fauces  commeatus 
liquide  vocis  exercent,  hoc  genere  benignitas  aeris  approbatur. 

Von  grosser  Wichtigkeit  ist  es,  bei  der  Wahl  des  Platzes  zum  Bau 
seines  Hauses  darauf  zu  merken,  dass  in  der  Nähe  gutes  Wasser  vor- 
handen ist,  da  die  Gesundheit  des  ganzen  Menschen  in  hohem  Grade 
davon  abhängt.  Die  Eigenschaften,  welche  auf  die  Güte  des  Wassers 
schliessen  lassen,  werden  auch  von  V.  de  Beauvais  als  beachtenswert 
empfohlen.  Spec.  Doctr.  VI,  c.  39:  Aque  vero  salubritas  sie  agnoscitur; 
primum  ne  a  lacunis  aut  palude  ducatur;  ne  de  metallisoriginem  sumat, 
sed  Sit  perspicui  coloris  neque  ullo  aut  sapore  aut  odore  vitietur ;  nullus 
illi  limus  insidiat  .  .  .  Ipsam  quoque  ex  incolarum  salubritate  noscamus, 
si  fauces  bibentium  pure  sint,  si  saluo  capite  in  pulmonibus  ac  thorace 
aut  uulla  est  aut  rara  causatio. 


Les  ;&chces  Amoureux  679 

Sollte  es  Dotwendig  werdeii;  eine  Zisterne  zu  graben,  so  finden  sich 
auch  darüber  bei  V.  de  Beauvais  Sp.  nat.  1.  V,  c.  49  und  Spec.  Doctr.  VI, 
c.  20  genaue  Vorschrifteu;  wörtlicli  übersetzt  wurde  die  an  beiden 
Stellen  vorkommende  Anweisung:  Anguillas  sane  piscesque  fluuiales 
nutriri  in  bis  pascique  conueniet;  ut  borum  uatatu  aqua  stans  agiiitatcm 
currentis  aque  imitetur. 

V,  de  Beauvais  gibt  auch  die  Probe  an,  die  es  ermöglicben  soll  zu 
unterscheiden,  welches  von  zwei  Wassern  leichter  oder  schwerer  und 
infolgedessen  besser  oder  schlechter  ist.  Sie  lautet  Sp.  nat.  1.  V, 
c.  54: 

Aqua  njiraque  quae  leuior  est,   in       142  d" 
pluribus  dispositionum  est  melior.   Est       Et  ee  tu  vois  deux  yavvez  tellez 
nutern     cum    cognoscitur    pondus     per       Si  gracieuses  et  si  bellez 
mensuraru.     Et  est  cum  cognoscftur  si       Que  tu  ne  sces  laquelle  eslire 
in    duabus    aquis    diuersis    duo   panui       Ne  laquelle  est  meilleur  ou  pire 
unius    ponderis   madetiaut,    et    postea       Pren  eii  cest  cas  la  plus  legiere 
vehementer  exiccentur,   deinde  ponde-       Et  Je  te  diray  la  maniere 
rcntur.     Aqua  enira  cuius  leuius  faerit       Comment  tu  le  pourras  sauoir 
pondus,  melior  est.  Tu  doiz  deux  nez  drappiaux  auoir 

Dun  poiz  et  de  toille  tout  uue 
Et  mouillier  en  un  en  chascune 
Et  puis  tordre  fort  et  espresser 
Et  lun  contre  lautre  presser 
Car  chilz  qui  le  mainz  pesera 
La  plus  legiere  moustera. 

Es  scheinen  nämlich  unserem  Dichter  ab  und  zu  auch  Erinnerungen 
an  das  Speculum  naturale  des  V.  de  Beauvais  in  den  Sinn  gekommen 
zu  sein.  Derselbe  handelt  in  1.  V  von  c.45  ab  über  Brunnen,  Zisternen  etc. 
und  die  Übereinstimmung  mit  den  einschlägigen  Stellen  der  E.  A.  ist 
oft  unverkennbar.  So  berichtet  z.  B.  V.  de  Beauvais  über  die  Wirkungen 
des  schlechten  Wassers  in  Sp.  nat.  1.  V,  c.  56: 

.  .  .  Non  sapida  vero  est  salsa  uel  142  b  27 

sulpliurea,    putea    aluminosa,    vitrea,  On  doit  aussy  quoy  quil  auiengne 

metallina    .   .  .      Aqua    salsa   ventrem  Bien  garder  que  leavve  ne  viengno 

emoUit,    saepe    autem    bibita   ventrem  Daucune  miniere  voisine 

constipat,  corpus  desiccat,   prurigincm  Par  auenture  metalline 
et  scabiem  generat.  Sulphurine  ou  alumineuse. 

In  der  Beschreibung  des  Kellers  stimmt  der  Dichter  der  E.  A.  mit 
V.  de  Beauvais  überein,  welch  letzterer  folgende  Massregeln  innezuhalten 
rät:  Spec.  Doctr.  1.  VI,  c.  21:  Cellam  vinariam  septentrioni  habere 
debemus  oppositam,  frigidam  vel  obscure  proximam,  longe  a  balneis, 
Stabulis,  furno,  sterquiliniis,  cisternis,  aquis  et  ceteris  odoris  horrendi  . . . 
Beide  Autoren  empfehlen,  dass  man  den  Keller  gut  pflastern  lassea 
solle  (Sp.  Doctr.  VI,  c.  21); 


680  ^^''  H''i^s  Höfler 

ut  etiam  si  ignorata  se  cupa  dififu-       143  bj^ 
derit,    laco    subdito    excipiantur    iion       Et  si  doit  auoir  ensement 
pcrituia  vina  que  fluxerunt.  Dur  et  ferme  le  pauement 

Affin  son  voit  le  tonnel  courre 
Con  puist  aumains  le  vin  rescourre 
Et  recueillier  Isnellement. 

In  gleicher  Weise  lassen  sich  manche  Züge  bestimmen,  die  betreffs 
des  Speichers  in  unseres  Autors  Darstellung  übergingen.  V.  de  Beau- 
vais  gibt  darüber  dieselben  Anweisungen  Spec.  Doctr.  VI,  c.  22: 

Situs    horreorum    quisquis    ipsam        143  bg 
desideret  partem,  et  superior  et  longe       La  grange  veult  de  sa  nature 
ab  omni  humore  et  letamine  et  stabulia       Lieu  sans  rumeur  et  sanz  ordure 
ponendus    est,    frigidus,    ventosus    et       Lieu  loing  destable  et  de  furnier  .  .  . 
siccus.  Lieu  secq  lieu  venteux  et  lieu  froit. 

Über  den  Bau  des  Stalles  äussert  sich  V.  de  Beauvais  Spec. 
Doctr.  VI,  c.  23: 

Stabula   equorum  vel  boum  meri-       143  c" 
dianas   quidem  reapiciant  partes,    non       Lestable  aussy  de  lautre  part 
tarnen  egeant  a  septentrione  luminibus       Doit  souuerture  et  son  reg.art 
que  per  hiemem  clausa  nihil  noceant,       Auoir  aussy  principalment 
per  estatem  patefacta  refigerent.  Et  si  doit  estre  closement 

Deuers  le  nort  tenue  aussi 
Sanz  faille  son  faisoit  ainsi 
Quil  y  euist  quelque  fenestre 
Pour  esuenter  en  este  lestre 
Maiz  quelle  y  fust  en  yuer  close. 

Der  Vollständigkeit  wegen  sei  noch  erwähnt,  dass  Avir  hier  vor 
demselben  Problem  stehen  wie  in  Kap.  I  über  die  Glückseligkeit,  wo 
sich  ebenfalls  eine  Übereinstimmung  der  E.  A.  mit  verschiedenen  Au- 
toren zeigte.  Es  lässt  sich  beim  ersten  Anblick  nicht  leicht  entscheiden, 
ob  Colonna,  V.  de  Beauvais  oder  Brunetto  Latino  die  unmittelbare  Quelle 
des  Dichters  der  E.  A.  gewesen  ist.  Latino  schreibt  nämlich  über  das 
Haus  und  seine  Teile  so  ziemlich  dasselbe  vor  wie  V.  de  Beauvais  und 
Colonna,  nur  treffen  wir  bei  den  beiden  letzteren  manche  Stellen,  die 
bei  ihm  nicht  vorkommen.  Wir  wollen  des  leichteren  Vergleichs  halber 
in  aller  Kürze  die  in  Betracht  kommenden  Andeutungen  Latinos  wieder- 
geben. Über  die  Räumlichkeiten  des  Hauses  heisst  es  im  Tresor  1.  I, 
p.  IV,  c.  130:  Quant  ta  maison  est  complie  et  garnie  de  ses  edefiemenz 
selonc  Testat  dou  leu  et  dou  tens,  tu  doiz  faire  chambres  et  cheminees 
lä  oü  li  chans  de  ta  maison  te  mosterra  que  miex  soit;  et  si  penseras 
de  molin  et  de  four  et  de  vivier  et  de  columier  et  de  estable  ä  berbiz 
et  ä  porciaus,  et  de  gelines,  et  de  chapons,  et  d'oies,  et  d'anetes. 

Die  Angaben  über  die  Beschaffenheit  gesunder  Luft  zeigen  gleich- 
falls grosse  Ähnlichkeit  mit  der  Bearbeitung  des  Dichters  der  E.  A. 
Tresor  1.  I,  p.  4,  c.  126:   Li  sains  airs  puet  estre   conneus   en   ceste 


Los  ;6chec8  Amoureux  681 

maniere,  que  li  lens  ne  soit  eu  parfonde  valee  et  que  il  seit  purs  de 
tenebrouses  nues,  que  les  geus  qui  i  hubitent  soient  bien  sain  de  lor 
cors,  et  cler  et  apert,  et  que  la  veue  et  la  voiz  d'euls  et  I'oie  soient 
bien  cleres  et  purefiees. 

Die  Erkennungszeichen  des  guten  Wassers  sind  in  der  unmittel- 
baren Fortsetzung  dieses  c.  126  angeführt:  Et  la  bonte  de  l'aigue  tu 
puez  apercoivre  se  ele  ne  naist  de  paluz  ou  de  mauvais  estauc  ou  de 
vaine  de  soufre  ou  de  coivre;  et  que  sa  colours  soit  luisanz,  et  que  sa 
savor  ou  son  oder  ne  soient  vicie,  et  que  il  n'i  alt  Inmondice  dedanz 
et  soit  en  yver  chau  de  et  eu  este  froide,  et  la  naissance  de  son  cours 
soit  vers  Orient  et  po  declinant  vers  septentrion  et  bien  corranz  et  isnele 
8or  petites  pierres  ou  sus  bele  areine  .  .  .  (pag.  175).  Et  sa  bonte 
poons  nos  apercoivre  as  gens,  que  se  il  ont  la  bouche  dedanz  saine  et 
pure,  et  bone  teste,  o  toutes  les  vaines  dou  polmon,  et  que  il  n'aieut 
dolours  ou  enfleures  au  cors  dedans,  et  la  vessie  nete  et  pure  et  sanz 
vice. 

Über  die  Zisterne  äussert  sich  Latino  in  LI,  p.  4,  c.  129  wie  folgt: 
...  tu  feras  une  cisterne  qui  alt  plus  de  lonc  que  de  le  et  soit  bien 
pavee  .  .  .  soit  mise  aigue  dedanz  et  anguiles  et  poissons  de  fluns, 
liquel,  par  lor  noer,  facent  movoir  l'aigue  de  laienz. 

Desgleichen  decken  sich  seine  Belebrungen  über  Keller,  Scheune 
und  Stall  mit  V.  de  Beauvais  und  der  Ansicht  des  Dichters  der  E.  A. 
Latino  berichtet  darüber  1. 1,  p.  4,  c.  127:  Tes  celliers  doit  estre  contre 
septentrion,  froit  et  oscur,  et  loing  de  baing  et  d'estable,  et  de  four  et 
de  cisternes  viez,  et  de  toutes  choses  qui  ont  fieres  odors.  Li  greniers 
desire  cele  partie  meisme,  ä  ce  qu'il  soit  loing  de  fiens  et  de  toute 
moistor.  Li  leus  de  l'uille  soit  contre  midi,  et  soit  bien  garniz  por  le 
froit.  L'estable  des  chevaus  et  des  bues  regarde  vers  midi,  et  ait  au- 
cune  fenestre  por  alumer,  devers  septentrion,  en  tel  maniere  que  tu  la 
puisses  en  yver  clorre  por  la  froidure  eschuer  et  en  este  ovrir  por  la 
froiehor. 

Wenn  wir  nun  die  eben  zitierten  Stellen  aus  Latino  mit  den  aus 
V.  de  Beauvais  und  Colonna  angeführten  vergleichen,  so  lässt  sich  die 
Tatsache  einer  auffallenden  Übereinstimmung  der  drei  Autoren  mit  den 
E.  A.  nicht  wegleugnen.  Es  lässt  sich  nicht  gut  behaupten,  dass  die 
Schriften  der  drei  zuerst  genannten  Autoren  unter  sich  von  einander 
abhängig  sind;  es  mag  jeder  der  Verfasser  selbständig  vorgegangen 
sein,  denn  nach  ihrer  eigenen  Angabe^)  schöpften  sie  aus  gemeinsamer 

1)  Latino  im  Tresor  1,  I,  p.  4,  c.  126:  Pallades  doit  que  on  dit  esgarder  III 
choses  .  .  .;  V.  de  Beauvais  im  Spec.  Doctr.  1.  VI,  c.  16:  Palladius  in  libro  de 
agricultura  .  .  .,  Colonna  in  De  regimine  principum  1.  II,  p.  III,  c.  3:  paladinus 
in  libro  de  agricultura;  er  nennt  ihn  bald  Paladinus  bald  Palidinus  (1.  II,  p.III, 
c.  4),  auch  Paladinus  (1.  II,  p.  III,  c.  4),  Palidinius  (c.  3). 


682  Dr.  Hans  Höfler 

Quelle.  Diese  war  der  römisclie  Schriftsteller  Rutilius  Taurus  Aemilianus 
Palladius,  der  im  4.  Jahrhundert  n.  Chr.  das  Werk:  De  re  rustica  in 
14  Büchern  verfasste,  eine  Schrift,  die  besonders  wegen  ihres  Inhalts 
—  sie  enthält  einen  ausführlichen  Wirtschaftskalender  —  im  Mittelalter 
hoch  in  Ehren  stand.  Es  ist  daher  auch  die  Möglichkeit  nicht  ausge- 
schlossen, dass  der  Verfasser  der  E.  A.  bei  seiner  umfassenden  Bildung 
direkt  auf  Palladius  basiert,  ohne  sich  der  Nachahmungen  zu  bedienen. 
Doch  scheint  es  mir  fast  sicher,  dass  derselbe  eher  von  Colonna  aus- 
ging und  hie  und  da  auch  bei  V.  de  Beauvais  nachsah,  um  aus  dessen 
Werk  einige  ergänzende  Gedanken  herüberzunehmen;  denn  an  diese 
beiden  lehnt  er  sich  auch  sonst  mit  grosser  Vorliebe  an,  wie  wir  im 
Lauf  dieser  Abhandlung  öfters  wahrnahmen.  Aus  diesem  Grunde  schon 
glaube  ich,  dass  Latino  hier  nicht  benützt  wurde;  ausserdem  kommen 
einige  Angaben,  z.  B.  die  Anleitung  zur  Probe  des  Wassers  bei  ihm 
nicht  vor,  so  dass  die  grössere  Wahrscheinlichkeit  entschieden  für  eine 
Abhängigkeit  der  E.  A.  von  Colonna  bezw.  V.  de  Beauvais  spricht. 

Nachdem  das  Haus  gebaut  ist  und  allen  Anforderungen  an  die  Lage 
und  innere  Einrichtung  nach  Colounas  Vorschrift  möglichst  Rechnung 
getragen  wurde,  ist  es  für  den  Besitzer  von  Wichtigkeit,  die  Mittel  zu 
kennen,  durch  welche  er  seinen  Wohlstand  begründen  kann.  Unser 
Dichter  zeigt  ihm  fünf  Wege,  die  zu  diesem  Ziele  führen  und  hält  sich 
dabei  getreulich  an  Colonnas  1.  II,  p.  3,  c.  12: 

Quod   diuersi   sunt  modi  luciandi  143 d.      Comment    li    homs    puet 

peccuniam  .  .  .    Circa  finem  primi  pol.        habonder   en   prouffite   ou   en  lichesse 
distinguit  philosophus  diuersos  modos,        par  V  manieres. 
quibus  nummismata  acquiruntur;    con-       La  premiere  cest  que  li  homa 
tingit     enim    hoc     fieri    quinque    viis,       Qui  a  terre  et  possessions 
quarum    una    dicitur    possessoria.     Se-       Doit  regarder  sil  est  soubtieux 
cimda   mercatiua.      Tercia   merconaiia       Tenez  et  vignez  et  courtieux 
vel  conducta.     Quarta  experimentalis.       Et  tout  faire  en  temps  labourer  .  .  . 
Quinta  artifica.    Via  autem  possessoria       143  dj^ 

acquiritur  peccunia,  quando  quis  posses-       Pour  recueillier  plus  grant  mesure 
sionibns  habundans  ex  fructibus  eorum       Et  plus  de  prouffis  et  de  fruis 
peccuniam    acquirit.      Decet    enim  se-       En  ce  doit  estre  ses  deduis 
cundum    philosophum    yconomicum    et       II  doit  regarder  ensement 
dispensatorem    domus    esse    expertum        Sil  a  vin  ou  soilie  ou  forment 
circa   possessiones,    sciendo    que  sunt       Et  telz  fruis  que  la  terre  amaine 
magis   fructifere    et   ex  quibus  potest       Bestez  grosses  et  bestes  a  laine  .  .  . 
melius  subuenire  indigentie  domestice       Et  considerer  par  raison 
siuo  gubernationi  domus.     Hoc   autem       En  quci  Heu  et  en  quel  saison 
licri    contingit    sciaturque     in    quibus        Cliacune  doit  estre  plus  chiere 
p.'utibus  habundant,  ubi  quis  illis  ani-       Et  de  ce  doit  H  la  maniere 
malibus  habundet  qui  in  partibus  illis       Et  lexperience  sauoir  .  .  . 
in  quibus  existit  melius  conseruantur  . . .        144a* 

Secunda  via  utilis  ad  peccuniam  acqui-       Laultrc  voye  con  puet  tenir 
rendam    dicitur   esse    mercatiua;    cum       Pour  nüeulx  A  richesse  venir 


Les  ißchecs  Amourcux 


683 


quis  per  mare  aiit  per  terram  dcfert 
luercationes  aliquas  .  .  ,  Tercia  via 
acquirendi  peccuniam  dicitur  esse  mer- 
cenaria  vel  condiicta,  ut  cum  quis  spc 
mercedis  vel  prccio  conductus  aliquid 
operatur.  Quaita^)  via  dicitur  expcri- 
inentalis  .  .  .  llecitat  enim  philsophus 
duo  particularia  gcsta  quibus  fuit 
pecunia  acquisita.  Primum  est  quod 
fecit  calles  millesius,  unusde  Vllsapien- 
tibus,  qui  primo  philosophari  ceperunt. 
Ipse  enim  cum  esset  panper  et  impro- 
paretursibi  a  multis,  curpliilosopharetur 
et  ad  quod  valeret  philosophia  sua, 
cum  seraper  iu  egestate  viueret,  qui 
respondit  quod  ipse  non  denariorum 
cupidus  esset  sed  ut  ostenderet  quod 
facile  esset  philosophis  ditari  si  circa 
talia  curam  gererent  vidit  per  astro- 
nomiara  futuram  esse  magnam  copiam 
oliaarum  ab  omnibus  incolis  regiouis 
illius  emit  totum  oleum  quod  recoUecturi 
erant  in  anno  futuro.  Mutuata  ergo 
pecunia  et  dato  arabone  pro  futuro 
oleo,  tunc  nullus  poterat  vendere  nisi 
ipse  .  .  .  Secuudum  particulare  gestum 
quod  recitat  idem  philosophus  est  de 
quodam  siculo  qui  emit  totum  ferrum 
nundinarum  et  quia  ipse  solus  ferrum 
vendebat  hicrabatur  pecuniam  ut  vole- 
bat.  Inter  enim  cetera  augentia  diui- 
cias  secundum  philosophnm  est  facere 
monopoliara  et  facere  vendicionem 
unius.  Nam  quando  unns  aolus  vendit 
taxat  precium  pro  sue  voluntatis  arbi- 
trio  .  .  .  Quinta  via  dicitur  easc  artifica, 
quando  quis  per  artem  suam  aliquid 
exereet  propter  quod  pecuniam  lucratur. 
Nam  licet  finis  artis  militaris  sit  vic- 
toria  et  medicinalis  sit  sanitas.  Singule 
tamen  artes  quasi  ad  pecuniam  ordi- 
nantur;  cum  ex  opere  ex  arte  facto 
pecuniam  intendunt;  ut  medici,  fabri, 
domificatores  et  etiam  ipsi  milites  cum 
stipeudary  fiunt  pecuniam  intendunt. 


Corabien  que  grant  fortune  y  gise 
Cest  le  fait  de  marchandise 
Soit  par  la  mer  ou  par  la  terro 
Par  cest  cherain  voit  on  acquerrc 
Mainte  grant  richesse  souuent 
Qui  bien  si  maintient  et  saigement 
La  tierche  voye  est  daultre  affaire 
Cest  par  aucun  seruice  faire 
Ou  aucune  ocurc  corporelle 
En  esperance  et  a  fiu  teile 
Con  en  ait  loyer  raisonnable 
144  a^« 

La  quinte  vient  dexperiencc  .  .  . 
Pour  ce  te  vueil  compter  un  fait  . 
Que  Charles  milesius  fit 
Uns  philosophes  anchyens  .  .  . 
Chilz  saiges  par  le  cours  celestre 
Cousidera  quil  deuoit  estre 
144  b 

En  un  este  naturelment 
Des  oliues  habondamment 
Et  que  chilz  des  lyuer  deuant 
Quant  II  ala  ce  concepuant 
Acheta  sans  estre  esbahys 
Tous  les  oliuiers  du  pays 
Et  tout  le  fruit  appartenant 
Quant  a  leste  prouchain  venant 
144  b 

Finablement  chilz  tout  queilly 
Dont  pluiseur  furent  mal  bailly  .  .  , 
Car  II  se  falloit  vers  luy  traire 
Qui  vouloit  oliues  auoir 
Ainsy  concquist  chilz  grant  auoir  . 
Et  ce  fist  II  et  par  tel  gnise 
Non  pas  mens  de  conuoitise 
Mais  pour  moustrer  et  esclarchir 
Que  ce  nest  pas  fort  denrichir 
Un  philosophe  quant  II  veult 
Mais  de  legier  enrichir  peut  .  .  . 
Uns  sciliciens  ensement 
Ouura  Jadis  samblablement  .  .  . 
II  acheta  une  Journee 
Quil  Vit  ad  ce  bien  ordonnee 
Tout  le  fer  de  la  region 
Et  garda  sa  prouision 
Tant  que  le  fer  ailleurs  failly 


1)  Der  Dichter  der  E.  A.  vertauschte  Punkt  4  und  5  seiner  Vorlage  mit- 
einander. 


684:  Dr-  Hans  Hötler 

Et  con  nen  pooit  fors  a  ly 
Trouuer  en  aucune  maniere 
Sique  chilz  vendy  sa  miniere 
Tant  quil  voult  par  ceste  cautell« 

144  a" 

La  quarte  chose  conuenable 
Pour  cheuance  auoir  et  pecune 
Cest  par  sauoir  faire  art  aucune 
Comme  lart  de  massonnerie 
Lart  de  paindre  ou  orphauerie  .  .  . 
Les  ars  meisraez  honnourables 
Qui  doiuent  a  noble  fin  tendre 
Puet  on  bien  a  pecune  estendre  .  .  . 
Comme  lart  de  cheualerie 
Et  lart  aussy  medichinal 
Qui  quant  a  la  fin  principal 
Entendent  cest  chose  nottoire 
i  Lune  sante  lautre  victoire 

Et  toutesfoiz  on  voit  enfin 
Que  cheualier  et  medechin 
En  usent  pour  aucun  loyer. 

Aach  die  letzten  Verse  unseres  Gedichtes  über  Geldgeschäfte  und 
Wucher,  wodurch  man  zu  Reichtum  gelangen  kann,  schliessen  sich  an 
Colonna  an,  der  sich  in  drei  Kapiteln  darüber  ausspricht,  1.  0,  p.  3,  c.  9 : 

Quod  sunt  species  commutationum  144  c.    Encor  de  ce  et  parle  de  lart 

et  quod  fuerit  necessitas  inuenire  dena-  de  change  et  de  usure. 

rios:   c.  10:    Quot  sunt  species   pecu-  144 d.    Encor  de  ce  et  commence 

niatiue  et  quae  illarum  sit   laudabilis  a  mettre  aucunez   rieglez   de   lart   de 

et  que  vituperabilis;  c.  11:  Quod  usura  change. 
est  simpliciter  detestabilis  et  quod  decet 
reges  et  principes  prohibere. 

Da  das  Gedicht  mit  dem  Kustos  remulteplier  plötzlich  schliesst, 
ist  unsere  Quelleuuntersuchung  hiermit  auch  zu  Ende.  Es  ist  klar,  dass 
der  Dichter  zunächst  die  drei  eben  erwähnten  Kapitel  seiner  Vorlage 
ausgearbeitet  und  näher  über  die  Möglichkeit,  sein  Geld  durch  Wucher 
zu  vervielfältigen,  gesprochen  hätte.  Ob  er  dann  Stoff  zu  neuen  Be- 
trachtungen aus  Colonna,  V.  de  Beauvais  oder  irgend  einem  anderen 
Werke  hergenommen  oder  vielleicht,  was  das  Beste  gewesen  wäre,  sein 
Gedicht  hier  wirklich  zum  Abschluss  gebracht  hätte,  ist  natürlich  nicht 
zu  bestimmen.  Es  ist  wohl  der  Gedanke  annehmbar,  dass  der  Verfasser 
der  E.  A.,  oder  nach  der  Fiktion  Pallas,  nachdem  sie  ihrem  Schüler 
alles  Wissenswerte  über  die  Ehe,  die  Pflichten  und  nötigen  Eigenschaften 
der  Eheleute,  die  Bedingungen  der  Glückseligkeit  und  des  Wohlstandes 
etc.  sehr  genau  auseiDaudergesctzt  hatte,  ihm  auch  seinen  Herzens- 
Avunsch  erfüllt  hätte,  dadurch,  dass  sie  ihm  seine  Gegnerin  im  Schach- 


Les  Ecliecs  Amoureux  685 

spiel  gewinnen  Hess.  Der  geduldig  zuhörende;  verliebte  Jüngling  er- 
innert ja  fast  bei  jedem  neuen  Abschnitt  die  unermüdlich  redende  Göttin 
der  Weisheit  daran,  dass  es  ihm  nur  darum  zu  tun  sei,  endlich  den 
Sieg  im  Schachspiel  zu  gewinnen,  wenn  er  auch  sein  Interesse  an  den 
Lehren  der  Göttin  jedesmal  beteuern  muss,  wenn  dieselbe  über  ein  neues 
Thema  ihren  Redestrom  unbarmherzig  sich  weiter  über  ihn  ergiessen 
lässt.  Die  wenigen  Worte  und  Hinweise  auf  den  Ausgangspunkt  bezw. 
das  Endziel  an  den  einzelnen  Übergängen  bilden  auch  das  einzige 
schwache  Glied,  dass  den  Zusammenhang  des  ganzen  Werkes  doch 
etwas  herstellt.  Ich  verweise  dabei  auf  die  Verse  vor  der  Besprechung 
des  Standes  der  Räte'),  des  Volkes^)  und  vor  der  Abhandlung  über 
den  Ehestand^).  Der  zuhörende  Jüngling  erinnert  dort  seine  Lehr- 
meisterin daran,  dass  sein  einziges  Streben  auf  den  Sieg  im  Schach- 
spiel gerichtet  sei,  beziehungsweise  die  Göttin  macht  ihrem  Schüler 
Vorhalt  wegen  seiner  schlimmen,  nur  auf  den  Dienst  der  Venus  ab- 
zielenden Leidenschaft.     Aus  diesen  kurzen  Anspielungen  auf  das  zu 

1)  81c    Dame  dia  le  certaiuemeiit 

Vous  maues  du  gouiiernement 
Dez  princes  parle  moult  auant 
Et  se  vous  diz  bien  le  men  vant 
Que  lay  tres  bien  retenu  tout 
Car  la  mafiere  me  piaist  moult 
Et  lay  ouy  tres  voulentiers 
Tout  ne  men  soit  II  la  mestiers  .  ,  . 
Car  le  nay  de  regner  enui  .  .  . 
Fors  en  mon  hostel  seulement 
Et  tant  le  ne  vueil  point  raentir 
Samoura  le  voaloit  consentir 
Que  le  peusse  auoir  victoire 
Aux  eschecz  cest  toute  la  gloire 
Et  la  maistrie  que  le  quier 
Plus  grant  chose  a  dieu  ne  requier 
Cest  me  orison  toute  et  mon  pry. 

2)  87  c  3    Dame  par  dieu  le  roy  celestre 

Dis  la  dont  le  ne  vouldroie  estre 
lugez  en  maniere  quelconques  .  .  . 
87  d'    lay  aultre  ymaginacion. 

3)  104 bis    Puis  Q"6  t'i  °62;  encor  pas  las 

Biaulx  amis  de  moy  esconter 
Aussy  ne  suis  le  sanz  doubter 
Pas  de  toy  respondre  anoyee 
Ains  seroie  moult  esioyee 
Se  le  te  pouoye  retraire 
Chose  qui  te  peuist  retraire 
De  ta  foUie  perilleuse 
Ou  miz  tout  amours  et  oyseuse. 


686  I^J*-  Hans  Höfler 

Anfang;  des  Werkes  veranstaltete  Schachspiel  und  dessen  Preis  lässt 
sich  ersehen,  dass  unser  unbekannter  Autor  den  eigentlichen  Grund- 
gedanken seines  Gedichtes,  das  Schachspiel,  von  dem  er  ausging,  immer 
im  Auge  behielt  und  ausserdem  können  wir  daraus  folgern,  dass  den 
Schluss  jedenfalls  die  Niederlage  der  schönen  Partnerin  bildete,  die 
dann  mit  allen  früher  verlangten  Tugenden  geschmückt  wohl  als  Herrin 
in  das  von  dem  Dichter  bequem  und  sorgfältig  errichtete  Haus  einge- 
zogen wäre. 

Diese  Übergangszeilen  unterstützen  auch  die  Ansicht  Siepers^),  der 
den  Titel  Echecs  Amoureux  gegen  Körting 2)  verteidigt;  auch  Junker^) 
billigt  diesen  Titel  nicht.  Der  Dichter  hätte  höchstens  einen  allgemeinen 
Namen  wie  Speculum,  Tresor  etc.  wählen  können;  allein  die  zugrunde 
liegende  Idee  des  Gedichtes  ist  das  Schachspiel;  davon  geht  der  Autor 
aus  und  ruft  auch  gelegentlich  dem  Leser  diesen  Ausgangspunkt  ins 
Gedächtnis  zurück.  Die  endlosen  Abschweifungen  geben  beredtes 
Zeugnis  für  die  Vorliebe  des  Mittelalters  für  enzyklopädische  Schilderung 
überhaupt  und  für  die  bienenhafte  Emsigkeit  unseres  poetischen  Mönches 
im  besonderen.  Aus  seiner  Sucht,  alles  beschreiben  zu  wollen,  entsprang 
dann  unser  allerdings  wenig  übersichtliches  Sammelwerk:  Les  E.  A. 
Die  am  Schluss  desselben  wahrscheinlich  vollzogene  Vermählung  des 
Jünglings  mit  seiner  Gegnerin  im  Spiele  hätte  dem  Ganzen  freilich 
einen  passenderen  Abschluss  gegeben,  der  den  Titel  „Liebesschach" 
um  so  mehr  gerechtfertigt  hätte. 

Um  ein  Gesamturteil  über  die  Dichtung :  Les  Jeu  Des  Eschez,  wie 
die  Dresdner  Handschrift  eigentlich  betitelt  ist,  zu  fällen,  so  lässt  sich 
aus  der  angestellten  Untersuchung  erkennen,  dass  das  stattliche  Werk 
verhältnismässig  sehr  wenige  selbständige  Gedanken  des  Verfassers  ent- 
hält. Derselbe  beschränkte  sich  meist  darauf,  die  in  Prosa  abgefasste 
Vorlage    durch  zahllose    formelhafte  Wendungen*)    zur  Erzielung   von 


1)  1.  c.  p.  Il2f. 

2)  1.  c.  p.  6:  „Vom  Schachspiel  selbst  handelt  nur  ein  sehr  kleiner  Teil 
der  Dichtung,  und  der  Umstand,  dass  der  Held  des  Gedichtes  sich  allerdings  bei 
einer  Schachpartie  in  seine  schöne  Gegnerin  verliebt,  ist  doch  nicht  wichtig  ge- 
nug, um  darnach  das  ganze  vorwiegend  ganz  andere  Materien  behandelnde  Ge- 
dicht zu  benennen." 

3)  1.  c.  p.  158  „Dem  Titel  „Verliebtes  Schach"  zum  Trotz  ist  vom  Schach- 
spiel nur  nebenher  die  Rede". 

4)  84  d-^    au  dire  voir, 

85  c  7    au  voir  retraire, 

86 dg    le  my  accors 
88  b"    Et  se  nous  voulons  dire  voir 

88  b  7    cest  bon  assauoir 
96  a  13    .  .  .  se  dicux  me  gart  dire 
97c, 9    ...  comment  quil  aille  etc. 


Lcs  fichecs  Amourcux  687 

Reimen  in  Verse  umzugestalten,  wobei  er  freilich  manche  auf  keine 
Quelle  hindeutende  Ideen  mit  in  die  Darstellung  verflicht  und  besonders 
seine  gründliche  Kenntnis  der  antiken  Mythologie  und  Literatur  zum 
weiteren  Ausbau  der  Vorbilder  verwertet.  Als  Hauptvorlage  ist  ohne 
Zweifel  Guido  daColonnas:  De  regimine  principum  zu  bezeichnen,  das 
vollständig  verarbeitet  wurde,  mit  Ausnahme  des  1.  I,  p.  3  und  1.  IlT, 
pars  1;  die  zweite  Stelle  nimmt  das  Speculum  doctrinale  des  Vincentius 
Bellovacensis  ein,  dazu  kommen  vielleicht  noch  gelegentliche  Erinne- 
rungen an  den  Tresor  des  Brunetto  Latino.  Diese  drei  haben  jedenfalls 
die  Schriften  des  berühmtesten  damaligen  Vertreters  der  aristotelischen 
Philosophie,  des  Dominikaners  Thomas  von  Aquin,  benützt  oder  viel- 
leicht seine  Vorträge  an  der  Universität  Paris  selbst  angehört. 

Bei  der  Benutzung  hat  sich  unser  Autor  fast  durchweg  genau  an 
seine  Vorlage  gebunden;  hie  und  da  erlaubt  er  sich  allerdings  auch 
Kürzungen,  ändert  die  Reihenfolge,  bringt  noch  weitere  Gleichnisse  an  etc. 
Bemerkenswert  sind  die  Verbindungen  der  einzelnen  Abschnitte  des 
Gedichts.  Der  Verfasser  streut  sich  nämlich  dort  immer  unverblümt 
eine  Art  Weihrauch,  indem  er  durch  den  Mund  des  zuhörenden  Ver- 
liebten (=  er  selbst)  der  lehrenden  Göttin  (wieder  er  selbst)  die  aus- 
giebigsten Lobsprüche  über  ihre  vollkommene  Weisheit  und  unerreich- 
bare Gelehrsamkeit  spendet.  Solche  Stellen  scheinbar  unbewussten 
Eigenlobs  finden  sich  z.  B.  beim  Übergang  von  dem  Gespräch  über 
Felicite  zur  Beschäftigung  der  einzelnen  Stände  (Tßbeff.)  ^),  ferner 
STdj'^ff.^);  104b^fr.3).  Diese  Art  der  Gedankenverknüpfung  bildete  der 
Dichter  der  E.  A.  dem  Rosenroman  nach,  wo  in  ähnlicher  Weise,  so- 
bald der  Dialog  beginnt,  der  Zuhörer  der  vortragenden  Göttin  einige 
anerkennende  Schmeicheleien  zollt  (vgl.  1.  c.  11,  4600  ff.,    II,  10 344 ff.). 

Ziemlich  reich   ist   das  Gedicht   an  sentenzähnlichen  Ausdrücken, 


1)  Dame  eu  qui  sens  paifais  habende  .  . 
Jay  tres  grant  plaisanche  en  voz  dis 
Car  II  sont  de  belle  matiere 

Et  se  sont.  piain  de  grant  mistiere. 

2)  Toutesfoiz  ne  manoy  II  pas 
Car  vous  parles  si  par  compas 
Et  si  substancieusement 

Que  le  vous  oy  loyensement 
De  toutes  matieres  parier. 

3)  Dame  dis  II  me  souuient  bien 
De  nature  et  de  tout  le  bien 
Quelle  me  dist  et  encherga  .  .  . 
Sachiez  dame  aussy  que  tousdiz 
Me  souuenra  II  de  vos  diz 

Et  de  voz  trez  bellez  paroles 
Qui  ne  me  samblent  mie  foles. 


638  I^r.  Hans  Höfler 

die  vielleicht  zu  jener  Zeit  als  Sprichwörter  in  Umlauf  waren;  sie 
nehmen  sich  aus  dem  Mnnd  der  Göttin  der  Weisheit  bezw.  unseres  ge- 
lehrten Mönches  mitunter  ganz  trefflich  aus.  Zu  den  bei  Junker')  an- 
geführten Sprüchen  seien  noch  folgende  gefügt: 

Fol,  80c"    .  .  .  chose  qui  est  violente 

Ne  puet  en  cest  monde  terrestre 

Par  nature  pardurable  estre. 
83cj8     ...  mentir  est  chose  villaine 

Et  de  mal  et  de  peril  plaine. 
88  b^*    De  bien  quon  pulst  ou  monde  auoir 

Nest  la  possession  loyeuse 

Sanz  compaignie  gracieuse. 
119  c''    ...  11  bon  amy  naturel 

Ne  se  doinent  oncquez  pour  el 

Que  pour  la  mort  seule  desioindre. 
118b*    .  .  .  on  tient  le  saige 

Pour  fol  Sil  a  trop  de  langaige 

Et  le  fol  pour  saige  au  contraire 

Quant  II  se  scet  bien  a  point  taire. 
111  b'    (Von  den  Frauen:) 

Qui  en  a  une  II  en  a  cent 

Et  qui  en  a  cent  au  contraire 

II  nen  a  nulle  au  voir  retraire. 

Diese  Auslese  Hesse  sich  natürlich  noch  bedeutend  erweitern,  doch 
würde  uns  dies  zu  weit  führen.  — 

Interessant  sind  mir  die  vielen  Füllwörter  bei  der  Negation  vorge- 
kommen; in  den  E.  A.  herrscht  darin  grosser  Reichtum  und  Abwechs- 
lung.   Zur  Probe  seien  kurz  einige  wiedergegeben: 

73  b  20  II  ny  compte  une  poiteuine 

80  c  21  Ne  vault  une  pomme  pourrie 

81c  4  Ou  tout  ne  vault  un  ail  pelle 

88  b  24  Ne  priseroit  .  .  .  un  bouton 

96  d^^  Ains  ne  vauldroit  tout  une  escorce 

122 d^"  Ne  valent  pas  un  seul  festu 

124  d*  .  .  .  il  ne  vauldroit  une  plume. 

Ein  nicht  ausser  acht  zu  lassender  Grund,  der  Zeugnis  dafür  ab- 
legt, dass  der  Dichter  vielleicht  durch  den  Tod  verhindert  wurde,  sein 
Werk  zu  vollenden  bezw.  die  letzte  feilende  Hand  daran  zu  legen,  sind 
die  zahlreichen  Lücken  in  der  Ausfüllung  der  Verse.  Oft  fehlt  nur  ein 
einziges  Wort,  manchmal  lässt  der  Dichter  Raum  für  einige  Zeilen  frei, 
um  natürlich  später  diese  Verse  nachzuholen.  Zum  Beleg  erwähne  ich: 
71c^  71d^';  84bii,  86b";  104a";  129d',  136b^'. 


1)  1.  c.  pag.  38  und  39. 


Les  ifecliecs  Amoureux  689 

Wenn  auch  der  ästhetische  Wert  der  E.  A.,  der  auch  nicht  nach 
modernem  Standpunkt  bemessen  werden  kann,  ziemlich  gering  ist,  da 
dem  Verfasser  der  Begriff  des  geistigen  Eigentums  fast  unbekannt  zu 
sein  scheint,  so  ist  doch  sicher,  dass  er  mit  den  Wissensgebieten  seiner 
Zeit  und  der  vorchristlichen  Periode  vertraut  war  und  die  Sammelwerke 
der  damaligen  Zeit  eingehend  studiert  hatte.  Vielleicht  gehörte  das 
Gedicht  Les  ^checs  Amoureux  seiner  Zeit  ebenso  zu  dem  Lesestoff  der 
Gebildeten  und  wurde  von  ihnen  nicht  minder  geachtet  wie  jedes  andere 
derartig  allegorisch-moralisierende  Epos.  An  das  tonangebende  Muster 
dieser  Dichtungsgattung,  den  Rosenroman,  reicht  es  freilich  nicht  heran. 


Komanische  Forschungen  XX VII.  44 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch. 
Von 

Dr.  Gustav  Wifsler. 


Vorwort. 


Im  „Confeur  voiidois",  dem  Unterhaltungsblatt,  in  dem  noch  gelegent- 
lich Stücke  in  Waadtländer  Mundart  erscheinen,  wird  in  der  Nummer 
vom  4.  August  1877  eine  hübsche  Anekdote  erzählt,  betitelt  „Les  deux 
extremes  du  langage'K  Ein  Pariser  Gelehrter  macht  mit  seinem  Freund, 
einem  Waadtländer,  einen  Spazierritt  nicht  weit  von  Lausanne  und  leistet 
sich  den  Scherz,  einen  jungen  Bauern  zu  verblüfifen,  indem  er  ihn  folgen- 
dermaßen anredet:  „Rustique,  fais  un  mouvement  d'approximation  vers 
mon  bypostase  pour  egaliser  mes  Supports,  dont  Fun  est  succinct  et  l'autre 
prolixe.'^  Der  Bauer  hat  natürlich  keine  Ahnung  davon,  daß  er  auf- 
gefordert wird,  ans  Pferd  heranzutreten,  den  Riemen  des  einen  Steig- 
bügels zu  verlängern  und  den  des  andern  zu  verkürzen.  —  Kurze  Zeit 
darauf  muß  der  junge  Gelehrte  seinem  Freunde  eingestehen,  daß  es 
noch  Abarten  der  französischen  Sprache  gibt,  die  er  nicht  kennt  und 
nicht  versteht.  Die  beiden  Freunde  haben  zufällig  die  Gelegenheit,  die 
Worte  zu  hören,  die  ein  Bauer  von  Savigny  an  seinen  Knecht  richtet: 

„Piste^)  voi"^)  vers  le  bourneaii^)  pour  virer*)  \e  mdcle*)^  ^w'y')  ne 
cambe'')  pas  la  baragne^)  et  qu'y^)  rCalle^)  pas  troupiner^")  le  coin  de 
sottines^^) ;    et  j^i^"^)  apres  tu  traceras^^)  voi^)  mettre  les   aises^*)  ä  la 

Vgl.  bei  B  r  i  d  e  1 :  1)  pistä  =  decamper,  se  rendre  promptement  quelque  part. 

2)  voi  =  volre,  donc. 

3)  hörne,  boueneau  etc.  :=  fontaine. 

4)  Vgl.  S.  759. 

5)  makllo,  mahllo  =  le  taureau. 

6)  qu'il. 

7)  Icaviba  =  enjamber. 

8)  baragna  =  garde  fou,  balustrade,  hier  =  clOture. 

9)  Statt„aille",  analogisch  nach  „aller". 

10)  Vgl.  trepa,  troupa  =  fouler  aux  pieds,  tronpenä  (Dumur)  =  id. 

11)  Eine  Kartoflfelart  (?). 

12)  =  puis. 

13)  trefi,  tressi  =  tracer,  courir  fort  vite  (vgl.  S.  820). 

14)  aise,  s,  f.  pl,  =  les  outils  (du  charpentier,  menuisier  etc.). 


Vorwort.  691 

chotte^)  devanf^)  qiii  roille^),  car  jjom*)  m'^)  yaiira'^)^  le  temps  a 
bargagne'')  toute  la  vepre*)^  et  ces  enliiges")  sont  signe  de  niargue^"), 
et  pP^)  regarde-voi  ^-)  comnie  les  arbres  vouichent^^)  et  comme  les 
genilles^^)  se  froulent^-')  eontre  les  ages^^)  Tai^'')\  y  plovigne^^)  dejü? 
Ne  mouzi^^)  pas,  mais  dcgroum/Ue-")  toi!'' 

In  korrektem  Französisch  würde  diese  Kode  etwa  lauten : 
„Coiirs  donc  vers  la  foutaine  et  chasse  (ramene)  le  taureau  poiir 
qu'il  ne  frauchisse  pas  la  barriüre  et  qu'il  n'aille  pas  fouler  aux  pieds 
le  carreau  de  pommes-de-terre.  Puis  tu  te  häteras  d'aller  niettre  les 
ustensiles  a  l'abri  avant  qu'il  ne  plcuve  li  vcrse,  car  nous  aurons  süre- 
ment  un  orage:  le  temps  a  ctc  incertain  toute  l'apres-midi  et  ces  eclairs 
sont  des  iudices  significatifs.  Vois  donc,  comme  les  arbres  sont  agites(?)  et 
comme  les  poules  se  blottissent  eontre  les  haies.  Tiens!  Sont-ce  dejä 
les  premieres  gouttes  ?  Ne  perds  pas  de  temps  ä  reflechir,  mais  depecbe- 
toi  (demene-toi)!" 

So  stark  weicht  nun  allerdings  in  Wirklichkeit  die  Sprache  eines 
Waadtländer  Bauers  nicht  von  derjenigen  eines  gebildeten  Parisers  ab: 
die  Rede  des  erstem  ist  hier  absichtlich  mitProvinzialismeu  gespickt;  aber 
Tatsache  bleibt  nichtsdestoweniger,  daß  ein  Welschschweizer  und  ein  Fran- 
zose oft  Mühe  haben,  einander  zu  verstehen.  Und  doch  ist  in  der  Haupt- 
sache auch  die  Sprache  der  Welschschweizer  nichts  anderes 
als  die  Mundart,  die  in  der  Isle  de  France  autochthon  ist 
und  von   dort   aus   in   den   übrigen  Provinzen  Frankreichs 

1)  chotta,  siouta  =  abri  eontre  la  pluie. 

2)  dean,  devan  =z  devant,  avant. 

3)  quir=  qu^ü-^  rollhi  =  battre,  vgl.  rollha,  s.  f.  =  batterie,  pluie  d'orage. 

4)  =  pour. 

5)  =  sür. 

6)  Ellipse  für  „il  y  aura    du  mauvais  temps",    die   mir    sonst  nicht  be- 
kannt ist. 

7)  barguegni  =  barguigner,  hesiter. 

8)  vepra^  s.  f.  =:  apr^s-midi,  soiree,  avant  la  veillee. 

9)  einlutzo,  einliuzo  =  eclair. 

10)  marka  =  signe,  indice  (Tautologie!). 

11)  =:  puis. 

12)  voi  =  voire,  donc. 

13)  Vgl.  vouistä  =  fouetter  (S.  810). 

14)  djenelhe  =  poule. 

15)  se  froulä  (Mundart  von  Villeneuve)  =  se  blottir  eontre  un  objet. 

16)  adje  =.  haie  vive. 

17)  Ausruf. 

18)  pllovigni  =:  pleuvoir  par  gouttes  menues. 

19)  vgl.  mousa  etc.  =  penser,  reflechir,  auch  =  perdre  du  temps,  nach  dem 
„Conteur  vaudois". 

20)  Vgl.  degremehlli  :=  developper,  dömeler  un  echeveau. 

44* 


692  G-  Wißler 

u  nd  in  der  franz.  Schweiz  zunächst  als  Schriftsprache,  dann 
als  Volkssprac  he  Verbreitung  fand.  Auch  innerhalb  der  beiden 
Länder,  von  Provinz  zu  Provinz,  von  Kanton  zu  Kanton,  von  Stadt  zu 
Stadt  weist  das  Französische  größere  oder  geringere  Unterschiede  auf. 
Ein  Picarde  oder  ein  Marseiller  wird  in  Paris  seiner-  Sprache  wegen 
sofort  auffallen.  Einem  geübten  Beobachter  gelingt  es  ziemlich  leicht, 
in  einer  Gesellschaft  von  welschen  Eidgenossen  aus  den  verschiedenen 
Kantonen  die  Genfer,  Neuenburger,  Waadtländer  etc.  herauszufinden, 
bloß  auf  Grund  ihres  Französisch;  selbst  in  den  Sitzungen  der  eid- 
genössischen Räte  fallen  diese  Besonderheiten  auf.  Auch  wir  Deutsch- 
schweizer erkennen  ja  gleich  bei  den  ersten  Worten,  ob  es  ein  Berner, 
Basler,  Zürcher  oder  St.  Galler  ist,  der  im  Ratssaal  sein  Votum  abgibt. 
Die  sprachlichen  Besonderheiten  bieten  häufig  Anlaß  zu  Neckereien 
zwischen  französischen  Schweizern  verschiedener  Herkunft.  Jeder  sucht 
das  Französisch  des  andern  zu  bemängeln  und  das  seine  als  das 
reinere,  bessere  hinzustellen.  Besonders  die  Neuenburger  sind  stolz  auf 
ihren  ^,accent''%  der  sogar  den  der  Pariser  an  Reinheit  übertrefi'en  soll! 
(Vgl.  hierüber  den  Artikel  „L'accent  vaudois"  von  0.  Tourel  im 
„Conteur  vaudois"  (23.  I.  1904). 

Welches  sind  die  hauptsächlichsten  Merkmale  dieser  lokalen  Abart 
der  Schriftsprache  in  der  welschen  Schweiz  —  des  Volksfran- 
zösischen, wie  wir  es  kurz  nennen  wollen?  Woher  stammen  die  be- 
sondern Ausdrucks  formen,  in  denen  es  vom  Literärfranzösischen  abweicht 
und  wodurch  wird  deren  Erhaltung  bedingt?  Über  diese  Fragen  existiert 
m.  W.  noch  keine  eingehende  wissenschaftliche  Abhandlung.  Die  über- 
wiegende Mehrzahl  der  philologischen  Arbeiten,  auf  romanischem  wie 
auf  jedem  andern  Gebiete,  beschäftigen  sich  ausschließlich  entweder 
mit  der  Schriftsprache  oder  mit  den  Mundarten.  Für  das  Volksfran- 
zösische dies-  und  jenseits  des  Jura  —  und  für  die  Volkssprache  über- 
haupt —  fällt  nur  hie  und  da  eine  Bemerkung  ab.  Und  doch  ist  der 
Gegenstand  einigen  Interesses  wert,  ist  doch  das  Volksfranzösische 
heute  die  Umgangssprache  der  Mehrzahl  der  Franzosen  und 
welschen  Schweizer  und  diejenige  Sprache,  die  berufen  ist,  einmal 
überall,  wenigstens  eine  Zeitlang,  die  Stelle  der  aussterbenden  gallo- 
romanischen  Mundarten  einzunehmen. 

Daß  das  Volksfranzösische  seine  Besonderheiten  zum  größten  Teil 
den  zugrunde  liegenden  Mundarten  entlehnt  hat,  ist  an  und  für  sich 
zu  natürlich  und  geht  mit  zu  großer  Deutlichkeit  aus  einer  noch  so 
oberflächlichen  Vergleichuug  der  beiden  Idiome  hervor^),  als  daß  nicht 
schon  Laien,   die  sich  mit  der  Volkssprache    beschäftigten,    zu    dieser 


1)  Vgl.  z.  B.  die  Eingangs    angeführte   Probe    mit    den    entsprechenden 
raiindartlichen  Ausdrucksforraen. 


Vorwort.  693 

ErkläruDg  gcgriffeu  hätten,  vgl.  z.B.  A.  Cer^sole  iu  seinen  „Seenes  vau- 
doises":  Le  parier  vaudois.  (I.  Aufl.  1883).  Von  den  Philologen  hatm.  W. 
zuerst  Gillieron  (Patois  de  Vionnaz,  1880)  nachdrücklich  auf  diesen 
Zusammenhang  hingewiesen.  Eine  zusammenfassende  Darstellung  der 
Art  und  Weise  dieses  Einflusses  und  seiner  Ursachen,  wie  sie  die  vor- 
liegende Arbeit  bieten  möchte,  hatte  Gillieron  schon  damals  für 
wünschenswert  erachtet;  er  selbst  hatte  schon  damit  begonnen,  eine 
Materialsammlung  anzulegen,  mußte  aber  dann,  da  diese  über  sein  Er- 
warten umfangreich  wurde,  die  Ausführung  seines  Planes  aufschieben; 
die  Arbeit  wurde  später  leider  nicht  wieder  in  Angriff  genommen.  Auf 
den  Mangel  einer  solchen  Arbeit  wiesen  wieder  hin:  Urtel  in  seiner 
Dissertation  über  die  „Neuchateller  Patois"  (1897)  und  Prof.  Gauchat 
in  ,.Nos  patois  romands"  (im  Bulletin  du  Glossaire  des  Patois  de  la 
Suisse  romande,  1902)  und  neuerdings  in  seiner  Kritik  der  „Methodo- 
logie" von  Dauzat^)  in  „Herrigs  Archiv"  1908,  S.  239ff.  Dauzat 
selbst  bemerkt  in  dem  erwähnten  Werke,  das  Studium  des  provinziellen 
Französisch  sei  für  die  Sprachforscher  interessant;  er  empfiehlt  diesen 
aber,  vorläufig  nur  Materialien  dafür  zu  sammeln  und  die  ganze  Kraft 
der  Dialektforschung  zu  widmen.  —  Die  vorstehenden  Angaben  genügen, 
um  anzudeuten,  daß  eine  Arbeit  über  das  Volksfranzösisch  vielleicht 
eines  gewissen  Interesses  nicht  entbehrt. 

Nicht  ganz  unzeitgemäß  ist  sie  wohl  auch  in  anderer  Hinsicht, 
speziell  für  die  französische  Schweiz.  Den  äußeren  Anlaß  zur  Ab- 
fassung der  vorliegenden  Arbeit  gab  nämlich  ein  Streit  zwischen  hervor- 
ragenden schweizerischen  Schriftstellern  und  Schulmännern,  der  auch 
in  schweizerischen  Zeitungen  und  Zeitschriften  sein  Echo  fand  und  der 
sich  um  die  Frage  drehte,  ob  und  inwiefern  die  Vermeidung  oder  die 
Beibehaltung  provinzieller  Sprachbesonderheiten,  speziell  provinzieller 
Wörter,  zu  em])fehlen  sei  und  wie  sich  die  Schule  dazu  zu  verhalten 
habe.  Daß  zwischen  kompetenten  Personen  über  diese  Fragen  Meinungs- 
verschiedenheiten bestehen,  ist  für  die  Schweiz  nichts  Neues.  Vielleicht 
ist  hier  der  Ort,  den  Standpunkt  der  alten  und  neuen  Puristen  und 
ihrer  Gegner  zu  resümieren.  —  Bekannt  ist  die  Abneigung  J.  J.  Rous- 
seau's  gegen  den  Purismus;  trotzdem  bemüht  er  sich,  in  seinen  Werken 
nur  reines  Französisch  zu  schreiben  und  die  Provinzialismen  nur  be- 
wußt zu  gebrauchen.  Vgl.  darüber  A.  Frangois:  „Les  provincialismes 
de  J.  J.  Rousseau"  in  den  „Annales  de  la  Soci6te  J.  J.  Rousseau", 
Jahrgang  III,  und  namentlich  die  darin  (S.  7)  angeführte  Stelle  aus 
einem  Brief  an  den  Neuenburger  Du  Peyrou  (vom  12.  IV.  1756): 

,,  .  .  .  on  ne  parle  et  l'on  n'6crit  que  pour  se  faire  entendre."  „  ..parlez 
donc  clairement  pour  quiconque  entend  le  fran§ais.    Voilä  la  r^gle,  et  soyez  sür 

1)    Essai    de    Methodologie    linguistique    par    Albert   Dauzat;    Farjg 
(Champion)  1906. 


694  ^-  Wißler 

que,  fißsiez  vous  au  surplns  cinq  cents  barbarismes,  voiis  n'en  auriez  pasmoins 
bien  6crit  .  .  ." 

Vor  hundert  Jahren,  zur  Zeit  des  vermehrten  politischen  Einflusses 
der  Franzosen  in   der  Schweiz,   begannen  bei   uns   die  ersten  Puristen 
mit  der  Veröffentlichung  ihrer  Schritten,  mit  welchen  sie  ihre  welschen 
Mitbürger  den  richtigen  Gebrauch  der  französischen  Sprache  zu  lehren 
beabsichtigten'),    so  Develey  in  seinen  „Observations  sur  le  langage 
du  Pays  de  Vaud"  (1.  Aufl.  1808,  2.  Aufl.  1824),  Gaudy-leFort   in 
seinem  „Glossaire  genevois"  (1.  Aufl.  1820;  2.  Aufl.  1827)  undGuille- 
bert  in  seinem  „Le  dialecte  neuchatelois"  (1825)  und  in  seinem  „Glos- 
saire neuchatelois"  (1.  Aufl.  1829—32,   2.  Aufl.  1858).     Im   Jahre  1828 
veröff"entlichte  A.  Peter  in  La  Neuvevllle  (Kt.  Bern)  sein  „Corrige  de 
la  cacologie  et  de  hi  phras^ologie"  .  .  .;  davon  die  2.  Auflage  1841  als 
,, Corrige  de  la  Nouvelle  cacologie  ou  dictionnaire  des  locutions  vicieuses." 
Diese  ersten  Sprachreiniger  sind  nicht    extrem   in    ihren  Forderungen: 
Develey   schreibt    nur   für    die  Gebildeten    und   verlangt   nicht,    daß 
Wörter  aufgegeben  werden,  „qui  n'ont  decidement  point  de  synonymes 
en  fran^ais";  Guillebert  stellt  selbst  eine  Liste  solcher  Wörter  auf 
und  Gaudy-le-Fort  verlangt  Sprachreinheit  bloß  in  der  Schrift  und 
im  „discours  soutenu",  nicht  in  der  „conversation  familifere^'.    Und  doch 
machte  sich  schon   damals  eine  gewisse  Opposition    geltend,    wie    die 
von    Develey    selbst   (in  der  2.  Aufl.)   in   extenso    augeführte   „Lettre 
adressee  au  redacteur    du    ,,Journal    suisse"    en    septembre  1808,   par 
M.  Louis  Cassat"  (S.  66ff.)  und  „Les  plaintes  de  la  Muse  vaudoise'^ 
(en  vers)  von  Dl.  de  Trey  (S.  730".)    beweisen.  —  Eine    zweite  Gene- 
ration   von    Provinzialismensammlern    beginnt     mit    Jean    Humbert 
(Nouveau  glossaire  genevois^),  1852).    Es  folgen  Callet  (Waadt),  1861; 


1)  Denselben  Zweck  hatschon  hn  Auge  der  GenferLehrerFr  a  n  c  o  i  sP  o  ul  a  in 
de  la  Barre  in  seinem  1691  veröffentlichten:  Essai  de  remarques  particiiliöres 
sur  la  langue  frangoise  de  la  Ville  de  Geneve",  wohl  dem  frühesten  Werke  über 
westschweizerische  Provinzialismen.  Er  wendet  sich  ausschließlich  an  die  Ge= 
bildeten  von  Genf;  diese  Stadt  liege  inmitten  einer  Gegend  „oü  le  patois  est 
fort  grossier  et  fort  cloigne  de  la  langue  frangoise".  Schon  er  weist  auf  den 
Nutzen  hin,  den  die  Kenntnis  des  reinen  Französischen  habe,  mit  Rücksicht  auf 
die  ausländischen  (englischen,  dänischen,  schwedischen,  polnischen,  deutschen) 
Edelleute,  die  nach  Genf  kommen,  um,  unter  anderem,  französisch  zu  lernen. 
Er  führt  weit  mehr  Fälle  von  unkorrekter  Aussprache,  von  falscher  Verwendung 
eines  Wortes  etc.  an  als  eigentliche  Provinzialismen  (wie  carron,  prin,  ü.  s.  w.); 
unter  diesen  gehören  übrigens  keine  zur  Kategorie  der  gefühlsbetonten  Wörter.  Vgl. 
über  das  Buch  E.  Ritter  in  der  „Tribüne  de  Geneve"  vom  29.  Sept.  1890  und 
Zbinden  in  derselben  Zeitung,  5.  und  6.  Okt.  1890. 

2)  Einige  Ergänzungen  dazu  von  E.  Ritter  siehe  in  „Glossaires  et 
lexicographes  genevois"  im  32.  Jahrg.  (S.  214  ff.)  des  Bulletin  de  ITnstitut  national 
genevois. 


Vorwort.  695 

G  rangier  (Freiburg),  1864— G8;  BoDhüte(NeueDbiirg)1867.  Humbert 
hat  sein  Glossaire,  das  reichhaltigste,  das  wir  besitzen,  im  Gegensatz 
zu  den  übrigen,  ohne  pädagogische  Nebenabsichten  geschrieben;  doch 
versichern  auchCallet,  Grangier  und  Bonhote  in  iiiren  ,,preface8", 
sie  hätten  nicht  die  pedantische  Absicht,  sich  zu  Verbesscrcrn  der 
Sprache  ihrer  Mitbürger  aufzuwerfeu,  sondern  sie  möchten  nur  denen, 
die  es  wünschen,  insbesondere  den  jungen  Lehrern,  Gelegenheit 
geben,  ihre  Kenntnis  der  Schriftsprache  zu  vervollständigen.  —  Zu 
einer  dritten  Generation  gehören  W.  Plud'hun  mit  seinem  „Parlons 
frangais"  (1.  Aufl.  1890)  und  Dupertuis  mit  seinen  „Locutions  vieieuses" 
(1892)^),  welche  Bücher  ganz  auf  die  Schule  zugeschnitten  sind.  Du- 
pertuis ist  weniger  pedantisch  und  praktischer,  als  der  Genfer  Sozio- 
logie-Professor Louis  Wuarin,  dessen  unter  dem  Pseudonym  Plud'hun 
veröffentlichte  Schrift  Anlaß  zu  dem  erwähnten  Streit  gegeben  hat. 
Wuarin  ist  das  Haupt  der  zeitgenössischen  Puristen  in  der  welschen 
Schweiz  und  legt  im  14.  Tausend  seiner  Broschüre  (1905)  seinen  Stand- 
punkt klar  [Reponses  ä  quelques  ,,pourquoi",  S.  HI  u.  IV,  Preface 
(S.  1—8),  Faut  il  parier  frangais,  quelques  mots  aux  „nationalistes" 
romands.  (S.  59—73)].  Nach  ihm  muß  der  Welsclischweizer  absolut  reines 
Französisch  sprechen,  damit  er  vonjedermannverstandenwerde 
und  selbst  jedermann  verstehen  könne.  So  sollte  ein  Landwirt 
(cultivateur)  ein  in  Frankreich  geschriebenes  Buch  über  Ackerbau  ohne 
Schwierigkeit  lesen  können  (S.  1).  Ein  „fran^ais  de  chez  nous"  neben 
einem  „frangais  de  France"  habe  keinen  Sinn  (S.  8) :  „tout  ce  qui  peut 
etre  traduit  eu  paroles  humaines  est  susceptible  d'etre  rendu  en  bon 
frauQais  (!)  et  ne  ferait  meme  que  perdre  ä  etre  exprime  en  frangais 
douteux"  (S.  60).  ,,Ce  qui  n'est  pas  possible,  c'est  apres  avoir  pris  le 
pli  d'un  frangais  presque  quelconque,  de  pouvoir  ä  un  moment  donne, 
au  Premier  appel,  retrouver  sous  sa  main  le  fran^ais  de  bonne  ecole." 
(S.  70).  Daher  müssen  die  provinziellen  Sprachgewohnheiten  „qui  ne 
laissent  pas  d'offrir  des  cotes  interessants  pour  les  litterateurs  et  les 
linguistes",  ga'hz  zu  Gunsten  der  reinen  Schriftsprache  geopfert  werden, 
außer  in  einigen  seltenen  Ausnahmefällen  (S.  1).  So  soll  unsern  Er- 
zählern die  Freiheit  gewährleistet  sein,  gelegentlich  dialektische  Formen 
zu  benützen,  „pourvu  qu'il  ne  soit  pas  question  de  nous  les  imposer 
comme  faisant  partie  integrante  du  fran§ais".  (S.  59).  Plud'hun  wirft 
seinen  Gegnern  vor  „ils  decreteut  leur  incorporation  d'office  (des  pro- 
vincialismes)  dans  le  frangais  de  France."  (S.  66).  [Daran  hat  doch 
wohl  niemand  gedacht!]  Die  französische  Sprache,  meint  er,  nehme  nur 
solche  Wörter  auf,    „qui  ne  s'eloignent  pas  trop,    dans   leur   formation 


1)  Darüber  R.  Sachs  im  Literaturblatt  für  germamsche  und  romanische 
Philologie  1905,  Sp.  53. 


696  CJ.  Wißler 

et  leurphysionomie,  de  son  genie  propre''.  So  werde  sich  die  Schriftsprache 
mit  einem  Wort  wie  „luge"  ganz  gut  abfinden  können,  nicht  aber  mit  Aus- 
drücken wie  „s'encoubler",  „poutzer",  un  „chemin  ombre"  etc.  (S.  IV).  In 
der  Schule  sollen  seine  Vorschriften  („Dites"  —  „ne  dites  pas")  stieug 
befolgt  werden.  Unsere  Schüler  hätten  ein  Recht  darauf,  daß  ihnen  ein 
reines  Französisch  beigebracht  werde,  damit  sie  selbst  später,  z.  B.  als 
Lehrer,  den  ausländischen  Konkurrenten  gewachsen  seien  (S.  72). 

Herr  A.  Bonnard,  der  in  einer  Rezension  über  den  „Foyer  romand 
1905"  Plud'hun  gegen  die  Angriffe  Ph.  Godet's  verteidigt  (Gazette  de 
Lausanne  vom  13.  Dezember  1904),  meint,  ihre  Größe  und  ihre  Expan- 
sionskraft verdanke  die  französische  Sprache  vor  allem  dem  Umstand, 
daß  sie,  im  Gegensatz  zu  andern  Sprachen,  „est  restöe  une,  intacte, 
intelligible  ä  tous,  gräce  aux  autorites  qui  en  fixent  les  lois".  „Devant 
l'Academie  je  m'incline  avec  humilitö  et  gratitude.*'  .  .  .  „de  tout  notre 
effort  nous  devons  parier  fran^ais,  sauf  quand,  par  des  provincialismes 
voulus  et  conscients,  nous  cherchons  k  fixer  plus  exactement  les  aspects 
locaux." 

In  ähnlicher  Weise  antworten  Prof.  L.  Nävi  IIa  von  Genf  und 
J.  Leco nitre  auf  eine.Umfrage  der  „Semaine  litteraire"  (11.  II.  1905, 
S.  69,  70) '). 

Zu  den  heutigen  Verteidigern  des  Provinzialimus  gehört  vor  allen 
Herr  Ph.  Godet,  der  in  seinem  Artikel  „Parlons  clair",  im  „Foyer 
romand,  etrennes  litteraires  pour  1905"  (S.  251  ff.),  gegen  Plud'hun 
polemisiert.  „  .  .  .  il  n'y  a  qu'un  usage  que  le  genie  de  la  langue 
nous  impose,  c'cst  de  parier  clair  ..."  „Pour  le  reste  je  me  moque 
bien  de  Tusage  et  des  cercles  qui  donnent  le  bon  ton  2)".  —  „Presque 
tous  scs  preceptes  (de  Plud'hun)  reviennent  pratiquement  ä  enlever  au 
langage  sa  saveur  et  sa  force".  —  „Avons-nous,  oui  ou  non,  le  droit 
de  dcsigner  par  un  terme  special  des  choses  qui  nous  sont  parti- 
culiöres?"  — 

Noch  mehr  Gewicht  auf  den  ästhetisch-nationalen  Charakter  des 
Provinzialismus  legt  Herr  Ph.  Monnier  im  Kapitel  „Pour  les  vieux 
mots"  seiner  „Causeries  genevoises"  (S.  153ff'.): 

„  .  .  .  termes  du  terroir,  parier  du  pays,  chferes  expressions  fleurant  la 
petite  enfance,  la  cour  du  coWhge,  la  rue  cordiale,  les  mceurs  domestiques,  le 
cercle  de  famille  aux  l^vres  ouveites  sous  la  lampe,  toutes  les  bonnes  choaes, 
toutes  les  saintes  choses  de  la  vie;  trösor  de  saveur,  provision  loyale  et  solide 
de  franchise  et  de  crudit6,  quel  peche  d'ignoruinie  avez-vous  donc  commis  que 
l'on  doive  vous  honnir?"  —  „Et  puis  quoi,  6crire  fraugais,  parier  frangais, 
h6!  le  pouvons-nous  .  .  .?"    „Car  au  dessus  de  notre  langue  propre  nous  avons 


1)  Plud'hun  zitiert  auch  mehrere  beifällige  Zuschriften  auf  S.U.  seiner 
Broschüre. 

2)  Ganz  der  Standpunkt  J.  J.  Rousseau's,  wie  man  sieht! 


Vorwort.  697 

une  culture  speciale,  iine  tradition  h6rit6c,  une  cducation  morale  et  mentale  ä 
nous,  qui  commande  cette  lan^aie  et  c'est  cette  äine  localc  et  nationale  qu'en 
dernifere  analyse  il  s'agirait  d'abolir".  —  „Alors  quoi?  Ecrire  genevois?  Par- 
faitement!  Ecrire  genevois,  cc  qui  n'a  jamais  voulu  dire  Ecrire  charabia  ou 
frangais  federal".  „Garder  nos  facultas  naturelles,  nos  qualit6  natives,  notre 
äme  du  terroir  avec  nos  expressions  du  cru".  —  „Rester  de  chez  nous."  — 

In  ähnlicher  Weise  urteilte  schon  A.  Ccresole  im  Kapitel  „Le 
parier  vaudois"  seiner  „Scenes  vaudoises".  Mit  Ph,  Godet  einver- 
standen erklären  sich  S.  Cornut  in  „L'accent  de  chez  nous"  in  der 
„Tribüne  de  Lausanne"  vom  26.  VIII.  1906,  und  G.  Vallette  in 
einer  Rezension  von  „Parlons  clair".  („Semaine  litt^raire",  26.  XI.  1904). 
Henry  Besangon  in  „Le  parier  vaudois"  (Gazette  de  Lausanne", 
12.  IV.  1906)  bedauert  die  Einschleppung  von  Pariser  Argotismen  in 
unsere  Volkssprache.  L.  Dumur's  Artikel  im  „Mercure  de  France" 
[vgl.  „Semaine  litteraire"  vom  9.  XL  1907  (S.  536)]  war  mir  nicht  zu- 
gänglich. 

Mit  der  Aufzählung  der  wichtigsten  Provinzialwörterbücher  von 
Develey  bis  Plud'hun  habe  ich  auch  die  hauptsächlichsten  Quellen 
zur  vorliegenden  Arbeit  genannt.  Über  die  „Glossaires"  wäre  noch  zu 
bemerken,  daß  ihre  Verfasser  nicht  durchaus  selbständig  arbeiten; 
namentlich  Bonhöte  schreibt,  wie  er  übrigens  im  Vorwort  selbst  zugibt, 
einzelne  Artikel  aus  Humbert's  „Glossaire  genevois"  oft  Wort  für  Wort 
samt  Definitionen  und  Beispielen  ab.  Ziemlich  häufig  begegnen  wir  in 
den  „Glossaires"  Wörtern,  welche  nicht  für  unser  Volksfranzösisch 
charakteristisch  sind,  aus  Frankreich  eingeführten  Argotwörtern,  fami- 
liären Ausdrücken  und  dergl.  —  Von  den  literarischen  Quellen  charak- 
terisieren Cerösole,  R.  Morax,  Vallotton,  Monnet,  Gorgibus 
(Pseudonym  für  G.  Pfeiffer)  die  waadtländische,  Ph.  Monnier 
und  M^^'  Mussard  die  genferische  und  Courthion  die  wallisische 
Volkssprache.  Die  meisten  dieser  Schriftsteller  scheinen  ihr  Idiom  mit 
Sicherheit  zu  beherrschen.  Nicht  richtig  informiert  ist  nur  hie  und  da 
Ceresole,  wenn  er  ganz  seltene  Wörter  verwendet,  z.  B.  wenn  er 
schreibt  „agafer  un  grafion  de  cerises"  (Scenes  vaud.  S.  271),  offen- 
bar im  Sinne  von  ein  Büschel  Kirschen  herunterholen;  grafion 
(V,  Dupertuis.  loc.  vic),  grefion  (F),  greifion  (G),  griffion  (N), 
greßon^  grafion  (Bridel)  bedeutet  aber  nach  übereinstimmendem  Zeugnis 
der  Glossaires:  bigarreau,  d.  i.  Herzkirsche  (eine  Kirschensorte).  Cere- 
sole verwendet  calluger  (Scenes  vaud.,  S.  280)  im  Sinne  von  „lug er", 
glisser,  während  es  heißt  „zur  Seite  rutschen,  von  einem  Lastwagen 
gesagt,  der  oder  dessen  Hinterräder  bei  glattem,  schlüpfrigem  Fahr- 
damm nicht  der  vom  Fuhrmann  gewollten  Richtung  nach  vorn  folgt", 
(nach  E.  Hausknecht:  „luge"  in  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und 
Literatur  XXXI,  S.  294  ff.).  —  Leider  beruht  meine  Kenntnis  der  Volks- 


698  6.  Wißler 

Sprache  nur  zum  g-erlügsten  Teil  auf  eigener  Beobachtung,  da  ich  nicht 
in  einem  geeigneten  Milieu  lebe.  Ich  suchte  mir  aber  durch  kürzere 
Aufenthalte  in  Sitten,  Neuenburg,  Auvernier,  Lausanne, 
Epesses  und  Bulle  und  durch  Befragen  von  Personen  aus  ver- 
schiedenen Gesellschaftsschichten,  von  den  tatsächlichen  Verhältnissen 
ein  gewisses  Bild  zu  machen^).  —  Da  mir  über  die  Volkssprache 
des  Bern  er  Jura  (mit  Ausnahme  mündlicher  und  schriftlicher  Mit- 
teilungen aus  dem  unter  neueuburgischem  Einfluß  stehenden  St.  Imier 
und  der  in  Neuenstadt  entstandenen  „Cacologie"  von  Peter,  die  wenig 
Eigenes  bietet)  —  kein  Material  zu  Gebote  stand  und  dieser  Landesteil 
schon  wegen  seiner  nicht  frankoprovenzalischen  Mundart  eine  eigene 
Stellung  einnimmt,  so  habe  ich  dessen  Volkssprache  nur  ganz  aus- 
nahmsweise berücksichtigt. 

Wie  bereits  angedeutet,  fehlte  es  mir  fast  ganz  an  wissenschaft- 
lichen Vorarbeiten.  Außer  den  erwähnten  Bemerkungen  bei  Gillieron 
(Vionnaz)  und  dem  durchaus  dilettantischen  Kapitel  über  „Le  parier 
vaudois"  in  Ceresole's  „Scenes  vaudoises"  erwähne  ich  noch  den 
allzu  kurzen  Abschnitt  über  das  Volksfranzösische  in  der  Schweiz 
von  Prof.  L.  Gauchat  im  „Geographischen  Lexikon  der  Schweiz" 
(Bd.  V,  S.  79). 

Provinzialismen  aus  dem  Waadtland  stellte  schon  Barbieux  zu- 
sammen (Herrigs  Archiv  für  das^Stud.  der  neueren  Sp.  u.  Litt..  Jahrg. 
1847  (III),  S.  340),  begleitet  von  einigen  Bemerkuogen  über  die  Be- 
sonderheiten des  Landes  und  seiner  Kultur.  —  „Die  Aussprache  des 
Französischen  in  Genf  und  in  Frankreich"  bespricht  Koschwitz  im 
VIL  Supplementheft  zur  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und  Literatur 
(1892);  doch  war  für  mich  aus  dieser  Arbeit  nicht  viel  zu  gewinnen, 
da  der  Verfasser  nur  auf  die  besondere  Aussprache  einzelner  in 
Plud'hun's  „Parlons  fran^ais"  erwähnter  Wörter  eingeht  und  am  Schlüsse 
bemerkt:  „Noch  bleibt  die  Frage,  ob  nicht  dem  Verfasser  (nämlich 
Plud'hun)  andere  wichtige  Dinge  entgangen  sind,  ob  nicht  ganze  orga- 
nische Lautgesetze  existieren,  die  dem  Genferischen  eine  Sonderstellung 
geben".  Koschwitz  versprach,  auf  diese  Frage  wieder  zurückzukommen. 
Schade,  daß  er  es  nicht  getan  hat!  —  Nach  einer  Mitteilung  von  Prof. 
Jeanjaquet  soll  sich  endlich  die  Verfasserin  einer  Wiener  Disser- 
tation, die  leider  nicht  publiziert  wird,  mit  der  Sprache  in  den  Werken 
des  waadtländischen  Schriftstellers  Vallotton  beschäftigt  haben. 

Das  Hauptgewicht  der  vorliegenden  Arbeit  liegt  in  ihrem  lexiko- 
logischen  Teile  und  in  der  Untersuchung  der  Gründe,   welche  die  teil- 


1)  Doch  war  es  mir  nicht  möglich,  über  die  Vitalität  jeder  einzelnen 
provinziellen  Ausdrucksform  genauen  Aufschluß  zu  erhalten.  Es  ist  also  möglich 
daß  in  dieser  Arbeit  zu  oft  seltene  und  fast  ausgestorbene  Provinzialismen  als 
Beispiele  angeführt  werden. 


Bibliographie.  699 

weise  Beibehaltung  des  mundartlichen  Wortschatzes  in  der  Volkssprache 
bewirkt  haben.  Es  ist  nicht  zu  erwarten,  daß  dabei  der  Wissenschaft 
bisher  unbekannte  Momente  des  Sprachlebens  zutage  gefördert  werden. 
Ich  darf  meine  Aufgabe  als  gelöst  betrachten,  wenn  es  mir  gelingt,  an 
einem  bestimmten  Sprachstoff  die  Wirkungen  von  Kräften  nachzuweisen 
die  bereits  durch  die  Arbeiten  hervorragender  Gelehrter  klargelegt 
wurden.  —  So  verdanke  ich  viele  wichtige  Anregungen  namentlich  dem 
wissenschaftlichen  Unterricht  und  den  Werken^)  der  beiden  Männer, 
die  nacheinander  den  Lehrstuhl  für  romanische  Philologie  an  der 
Universität  Bern  inue  hatten:  der  Herren  Prof.  L.  Gauchat  und  Prof. 
K.  Jaberg.  Nicht  nur  hierfür,  sondern  auch  für  die  vielen  trefflichen 
Ratschläge,  mit  denen  sie  mich  bei  der  Abfassung  dieser  Arbeit  unter- 
stützten, und  für  die  Liebenswürdigkeit,  mit  der  sie  mir  ihre  Zeit,  ihr 
Wissen  und  ihre  Materialsammiungen  zur  Verfügung  stellten,  möchte 
ich  den  beiden  Herren,  meinen  Lehrern,  meinen  tie  fgefühlten  Dank 
aussprechen.  Auch  alle  übrigen  Personen,  welche  in  zuvorkommender 
Weise,  durch  mündliche  und  schriftliche  Mitteilungen  über  die  Volks- 
sprache oder  die  Mundarten,  mir  die  Arbeit  erleichtert  haben,  seien 
hier  meiner  dankbaren  Gesinnung  versichert,  so  vor  allen  meine  Stu- 
dieukameraden  und  Freunde  Dr.  F.  Fankhauser,  Gymnasiallehrer,  W. 
Hirschy,  lic.  es  lettres,  J.  Eos  sei,  Fürsprech  und  Gerichtsschreiber 
in  Bern,  ferner  die  Familie  E.  Monnard  und  meine  übrigen  Verwandten 
in  Neuenburg  und  Murten,  die  Familien  Körber-Cherix  in  Bulle, 
Bergier,  S.  Dentan,  E.  Blaue  und  Guibert  in  Lausanne,  C. 
Fonjallaz  in  Epesses,  A.  Kibordy,  Rouiller  und  AUette  in 
S  itten. 


BibHographie. 

I.  Allgemeines. 

Außer  den  allgemein  bekannten  Handbüchern  benutzte  ich  folgende 
Werke  2): 
Coolidge   W.   A.    B.:    Josias    Simler    et    les    origines    de    ralpinisrae ;    Gre- 

noble  1904. 
Encyclop6die:   Recueil   de   plan  dies   sur   les   sciences   et   les   arts;  Paris 

1762  ff. 


1)  Ich  verweise  noch  ganz  speziell  auf:  L.  Gauchat:  „Warum  verändert 
sich  die  Sprache?",  in  der  „Zeitschrift  für  Wissen  und  Leben",  Zürich  1908; 
(S.  57,  75,  115 ff.)  und  K.  Jaberg:  „Wie  die  Wörter  untergehen",  Antrittsvor- 
lesung (19.  I.  07),  abgedruckt  im  Feuilleton  der  Neuen  Zürcher  Zeitung. 

2)  Der  gesperrt  gedruckte  Teil  der  angeführten  Büchertitel  wird  in  dieser 
Arbeit  als  Abkürzung  verwendet. 


700  G.  Wißler 

Erdmann  K.:  Vorstellungswert  und  Gefühlswert  der  Wörter;  in  der  Beilage 
zur  Allgemeinen  Zeitung;  München  1906,  Nr.  222,  223. 

Geographisches  Lexicon  der  Schweiz;    Neuenburg  (Attinger)  1902 ff. 

Idiotikon,  Schweizerisches,  Wörterbuch  der  schweizerdeutschen  Sprache ;  Frauen- 
feld 1881  ff. 

Jaberg,K.:  Wie  dieWörter  untergehen;  Antrittsvorlesung,  Zürich  19.1.07. 
Separatabdruck  aus  der  Neuen  Zürcher  Zeitung. 

de  Saussure,  H.  B.:  Voyages  dansles Alpes;  I.Neuchätell779,  II.  Genfeve  1786, 
III.,  IV.  Neuchätel  1796. 

II.  Lexikologische  Arbeiten. 

Gignoux,  L.:   La  terminologie  du  vigneron   dans   les    patois   de  la  Suisse 

romande;  thfese  Zürich;  Halle  sur  Saale  (E.  Karras)  1902. 
Luchsinger,    Chr.:    Das  Molkereigerät  in  dcu  romanischen  Alpendialekten 

der  Schweiz;  Diss.  Zürich;  Zürich  (Juchli  und  Beck)  1905, 
Streng,  W.  0.:  Haus  und  Hof  im  Französischen;  Helsingfors  1907. 
Tappolet,  E.:  Die  romanischen  Verwandtschaftsnamen,  Dissert.  Zürich, 

Straßburg  1895. 
Zaun  er,  A.:    Die    romanischen  Namen    der  Körperteile;    Erlangen  (Junge) 

1903. 

III.  Mundarten. 

1.  Gedruckte  Quellen: 

Baudouin,  A.:  Glossaire  dupatois  de  laforet  de  Clairvaux;  Troyes,  1886. 

Bridel:  Glossaire  du  patois  de  la  Suisse  romande;  in  M6moires  et  docunients 
publies  par  la  Soci6t6  d'histoire  de  la  Suisse  romande,  tome  XXL;  Lau- 
sanne (G.  Bridel)  1866. 

Bulletin  du  Glossaire  des  patois  de  la  Suisse  romande;  Zürich  (Zürcher  und 
Furrer)  1902,  Lausanne  (G.  Bridel)  1903  ff. 

Byland,  A.:  Das  Patois  der  „Mölanges  vaudois"  von  Louis  Favrat;  Dias.  Zürich; 
Berlin  (Gronau)  1902. 

Constantin,  A.  etD6sormaux,  J. :  Dictionnaire  savoyard^);  Paris  et  Annecy 
1902.    (Abkürzung:  Di  ct.  sav.). 

Constantin,  A.  et  Gave:  Flore  savoisienne;  Supplement  de  la  Revue 
savoisienne  1903,  Nr.  3  et  suiv. 

Gauchat,  L. :  Le  patois  de  Dompierre;  th&se  Zürich;  Halle  sur  Saale  (E. 
Karras)  1891. 

Gilli6ron,  J.:  Patois  de  la  commune  de  Vlonnaz;  in  der  Biblioth^que  de 
l'Ecole  des  Hautes  Etudes   (quarantifeme  fascicule);  Paris  (Vieweg)  1880. 

Gilliferon,  J.  et  Edmont  E. :  Atlas  linguistique  de  la  France;  Paris  (Cham- 
pion) 1902 ff.  (Abkürzung:  Atl.  ling.). 

Häfclin,  Fr.:  Die  Neuenburger  Mundarten;  in  „Die  romanischen  Mundarten 
der  Südwestschweiz"  (Abdruck  aus  der  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprach- 
forschung); Berlin  (Düramler)  1874. 

Häfclin,  Fr.:  Etüde  sur  le  vocalisme  des  patois  romans  du  canton  de  Fri- 
bourg;  Diss.  Strasbourg;  Leipzig  (Teubner)  1876. 

1)  Hauptquelle  für  die  bei  Bridel  häufig  fehlenden  mundartlichen  Formen 
der  Genfer  Provinzialismen. 


Bibliographie.  701 

Jaberg,  K.:  Über  die  assoziativen  Erscheinungen  in  der  Vcrbalflexion 
einer  südostfranzösischen  Dialektgruppe-,  Aarau  (Sauerländer)  1906. 

de  Lavallaz,  L.:  Essai  sur  le  patois  d'Höremence;  th&se,  Lausanne;  Paris 
(Welter)  1899. 

Mistral:  Lou  tresor  dou  f61ibrige  ou  dictionnaire  proven^al-frangais;  Avignon, 
Paris. 

Odin,  A. :  Phonologie  des  patois  du  canton  de  Vaud;  Halle  sur  Saale  (Nie- 
meyer) 1886. 

Piat:  Dictionnaire  fran9ais-occitanien;  Montpellier  1894. 

Puitspelu,  N.  du:  Dictionnaire  ötymologique  du  patois  lyonnais;  Lyon  1887 ff. 

Rousselot,  l'abbß:  „Les  raodifications  phonetiques  du  langage",  in  Revue  des 
patois  gallo-romans  (IV,  V  et  Supplement),  Paris  (Welter)  1893. 

Roussey,  Gh.:  Glossaire  du  parier  de  Bournois;  Paris  1894. 

Savoy,  Hubert  P.  C:  Essai  de  Flore  roniande;  Fribourg  (Frugniere)  1900. 

Tappolet,  E.:  Über  den  Stand  der  Mundarten  in  der  deutschen  und  franzö- 
sischen Schweiz;  in  „Mitteilungen  der  Gesellschaft  für  deutsche  Sprache 
in  Zürich",  Heft  VI;  Zürich  (Zürcher  und  Furrer)  1901. 

ürtel,  H.:  Beiträge  zur  Kenntnis  des  Neuchateller  Patois,  I.  Vignoble  und 
B6roche;  Diss.  Heidelberg;  Darmstadt  1897. 

2.  Handschriftliche  Quellen: 
Im  Bureau  du  Glossaire   des  Patois    de   la  Suisse   romande,   auf 
Zetteln : 

Barman:  Glossaire  valaisan. 

Conteur  vaudois:  Auszüge  aus  den  Dialektstücken. 
Dumur:  Patois  vaudois. 
Dur  et:  Patois  genevois. 
Gauchat,  L.:  Patois  fribourgeois. 

—  Patois  de  la  Montagne  neuchäteloise. 

—  Patois  du  Val  de  Ruz^). 
Jeanjaquet:  Patois  d'Hermance  (Geu^ve). 

Dialektformen  aus  Leysin  und  L'Etivaz  (Waadt)  verdanke  ich 
Herrn  Prof.  Jab er g,  solche  aus  Val  d'Illiez  und  ausEstavannens 
(Gruyere)  Herrn  Dr.  F.  Fankhauser. 

IV.  Volkssprache. 

1.  Schriften  über  die  Volkssprache,  Glossare  etc. 

Beauquier:  Vocabulaire  etymologique  des  provincialismes  du  Departe- 
ment du  Doubs;  extrait  des  ,,M6moires  de  la  Society  d'emulation  du 
Doubs",  1876. 

Bonhote,  J-H.:  Glossaire  neuchätelois;  Neuchätel  (Wolfrath)  1867 
(Abkürzung:  N). 

Callet,  P.  M. :  Glossaire  vaudois;  Lausanne  (Bride!)  1862  (Abkürzung:  V). 

Cunisset-Carnot:  Vocables  dijonnais  1889. 


1)  Die  bei  Bride!  häufig  fehlenden  Dialektformen    für  Neueuburger  Pro- 
vinzialismen wurden  meist  aus  dieser  Sammlung  ergänzt. 


702  Cr.  Wißler 

Develey,  E.t  Observations  sur  le  langage  du  Pays  deVaud;  seconde  Edition; 

Lausanne  (Lacoiube)  1824. 
Dupertuis,  F.:   Recueil   des   locutions  vicieuses  les   plus  usitees  dans  le 

canton    de    Vaud,    Lausanne    (Payot)    1892.     (Abkürzung:    Dupertuis: 

Loc.  vic). 
Frangois,  A.:  Les  provincialismes  suisses-romands  et  savoyards  de  J.  J. 

Rousseau;  in  Anuales   de  la  Societe  Jean- Jacques  Rousseau,  tome  III; 
[Gaudy-le  Fort]:    Glossaire  genevois,  deuxi^me  Edition;   Gen^ve,  1827. 
Godet,  Ph.:  Parlons  clair;  in  „Foyer  romand,  etrennes  littöraires  pour  1905"; 

Lausanne  (Payot). 
Gran  gier,    L.,  Glossaire   fribourgeois,   suivi  d'un  Supplement;  Fribourg  (Fra- 

gni^re)  1864—68.    (Abkürzung:  F). 
G[uillebert],  Alph.:  Glossaire  neuchätelois  ou  fautee  de  langage  corri- 

g6es,  seconde  6dition;  Neuchätel  (Gerster),  1858. 
Humbert,  Jean:  Nouveau  Glossair e  genevois,  tome  I  et  II;  (Jullien  frferes) 

Gen^ve  1852.    (Abkürzung:  G). 
Koschwitz,  E.  Zur  Aussprache  des  Französischen  in  Genf  und  in  Frankreich; 

in  Supplementheft  VII  der  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und  Litt.;  1892. 
Pöter,  A.:  Corrige  de  la  nouvelle  Cacologie  .  ,  .  ou  dictiounaire  des  locutions 

vicieuses,  seconde  Edition;  Neuveville  1842. 
Pierrehumbert,  W.:  Le  parier  de  chez  nous,  recueil  de  termes  locaux  pro- 
pres ä  la   Suisse   romande    et   particuliferement  au   canton  de  Neuchätel; 

Verkürzte   handschriftliche   Kopie   davon,   nach   dem  Ms.   im  Bureau   du 

Glossaire  des  patois  de  la  Suisse  romande. 
Plud'hun,  W.:  Parlons  fran§ais,  quelques  remarques  sur  la  langue  et  la  pronon- 

ciation,  quatorziöme  mille;  Gen^ve  (Pasche)  1905. 

Bemerkung:  Befindet  sich  ein  Wort  in  G,  V,  N,  so  sind  Gaudy-le  Fort 
und  Plud'hun,  bezw.  Develey  und  Dupertuis,  bezw.  Guillebert  und  Pierrehumbert 
nur  ausnahmsweise  zitiert. 

2.  Mündliche  Quellen. 

Es  ist  jeweilen  nur  der  Ortsname  angegeben: 

Auvernier. 

Bulle. 

Chaux-de-Fonds. 

Epesses. 

Lausanne,  in  drei  Familien. 

Neuenburg. 

Pruntrut. 

Sitten  (Abkürzung  dafür  W). 

St.  Imier. 
Die  Provinzialismen  aus  St.-Imier  und  Porrentruy  verdanke  ich  der 
Güte  zweier  Studienkameraden. 

3.  Literarische  Quellen. 
C6r6sole,  Alfred:  En  cassant  les  noix;  Lausanne  (Payot)  1896. 
—  Seines  vaudoises,  5™«  mille;  Lausanne  (Payot)  1892. 
Courthion:  Scönes  valaisannes;  Lausanne  1900. 


Bibliographie.  703 

Gorgibus:  Cabotzet  ii  l'Esposition;  (ien^ve  (Eggimann)  1897. 

—  Les  cufes  de  T;iute  Julio;  Geneve  (Eggimann)  [1897]. 

—  Fr6d6ri,Fanchette,  BocanctetCie.,  vaudoiseries-,  Geneve  (Eggimann)  1896. 
La  „Maitre  phon6tique",    avril  1905,   S.  62:   A.  de  Ilaller:   „Specimen    de 

frangais  vaudois", 
Monnct,  L. :  Favey  et  Grogniiz ;  Lausanne  (Vincent)  1887. 
Monnier,  Philippe:  Causerics  genevoises;  Geneve  (A.  Jullien)  1902. 

—  LelivredeBlaise;  Gen^vo  (A.  Jullien)  1904. 
Morax,  ßen6:  La  dime;  Lausanne  (Payot)  1903. 

—  Sacädouilles;  Lausanne  (Payot)  1904. 

Mussard,  Mi^e  Joanne:  Petit  Jean,  le  messager  genevois;  Geneve  1864. 
Vallotton,  Benjamin:  Portes  entr'ouvertes;  Lausanne  (F.  Rouge)  1904. 

—  Monsieur  Potterat  se  marie  .  .  .;  Lausanne  (F.  Rouge)  1906. 

—  Le  sergent  Bataillard,  deuxi^me  mille;  Lausanne  (F.  Rouge)  1907. 

4.  Anhang. 

Über  Pariser  Are:otismen: 
Rigaud,  L. :  Dictionnaire  d'argot  moderne;  Paris  (Ollendorff)  1881. 
Vi  Hatte,  C:  Parisismen;  5.  Auflage;  Berlin  (Langenscheidt)  1899. 

Abkürzungen. 

Außer  den  bereits  in  der  Bibliographie  zitierten  und  den  allgemein 
üblichen  (frz.  =  französisch,  schwd.  =  Schweizerdeutsch  etc.)  sind  keine 
besonderen  Abkürzungen  angewendet  worden. 

Transkription  der  Laute. 

Die  in  meinen  Quellen  (z.  B.  bei  Bridel  und  im  Dictionnaire  sa- 
voyard)  in  gewöhnlicher  Orthographie  wiedergegebenen  mundartlichen 
Lautformen  zitiere  ich  unverändert  und  füge  nur  wenn  nötig  die  phone- 
tische Transkription  bei.  Formen,  die  ich  in  meinen  Quellen  schon 
nach  irgend  einem  System  transkribiert  fand,  habe  ich  dem  von  mir 
angenommenen  System  angepaßt,  welches  in  der  Hauptsache  mit  dem 
von  L.  Gauchat  in  „Le  patois  de  Dompierre"  angewendeten  überein- 
stimmt : 

a  e  i  0  u  ü  ce  sind  geschlossene  Vokale. 

a  e  i  o  u  ü  ce  sind  offene  Vokale. 

t,       C        (        I.         l  I 

ä  Laut  zwischen  «  und  e. 

d  =  das  unbetonte  schlaff  artikulierte  «  (sog.  „e  muet"). 

a  e  0  ce  =  die  Nasalvokale  (vgl.  S.  26). 

iy  n  =  mouilliertes  1,  n. 

A  ist  der  von  Jaberg:  Assoziative  Erscheinungen  S.  XIII  be- 
schriebene zwischen  /  und  1  liegende  stimmlose  Reibelaut  (dort  mit 
^  transkribiert). 

X  stimmloser  postpalataler  Reibelaut  (der  deutsche  ich-Laut). 

X  stimmloser  velarer  Reibelaut  (der  deutsche  ach-Laut). 


704  G.  Wißler 

&  stimmloser  interdentaler  Reibelaut  (stimmloses  englisches  th). 

6  stimmhafter  interdentaler  Reibelaut  (stimmhaftes  englisches  th). 

z  stimmhafter,  s  stimmloser  postdentaler  Reibelaut. 

z  „  s  „  präpalataler  „ 

y  lü  w  Halbvokale  (stimmhafte  Spiranten: 

i  II  ü  entsprechend). 

1]  der  velare  Nasallaut,  (wie  ng  in  deutsch  „singen"),  vgl.  Gauchat: 
Dompierre  S.  3  und  Jaberg:  Assoziative  Erscheinungen,  S.  XI. 

Bemerkung;  Wörter  der  Schrift-  und  Volkssprache  werden  in 
gewöhnlicher  Druckschrift,  Dialektwörter  kursiv  gedruckt. 


Einleitung. 
A.  Mundart  und  Schriftsprache  in  der  Schweiz. 

Wie  in  den  deutsch-schweizerischen  Kantonen  der  alemannische 
Dialekt,  so  ist  in  der  französischen  Schweiz  die  frankoprovenza- 
lische  Mundart  die  autochthoue  Sprache.  Eine  Ausnahme  macht  der 
Beruer  Jura,  dessen  Dialekt  der  ostfrauzösischen  Dialektgruppe  an- 
gehört. 

Während  das  Schweizerdeutsch  als  Umgangssprache  überall  noch 
sehr  lebendig  ist  und  noch  in  Rats-  und  Gerichtsverhandlungen  und 
zum  Teil  im  Heer  und  in  der  Schule  verwendet  wird,  sind  unsere 
welschen  Patois  zum  Teil  ausgestorben,  zum  Teil  im  Aussterben  be- 
griffen. Überall  werden  sie  von  der  französischen  Schriftsprache  zurück- 
gedrängt. Nur  in  einigen  Tälern  der  Kantone  Wallis  und  Freiburg  und 
im  katholischen  Teil  des  Berner  Jura  können  sie  sich  noch  als  Sprache 
des  Volkes  behaupten. 

Über  den  heutigen  Stand  der  Dialekte  in  der  Schweiz  und  ihr 
Verhältnis  zu  den  beiden  Schriftsprachen  geben  Auskunft: 

Prof.  E.  Tappole t:  „Über  den  Stand  der  Mundarten  in  der 
deutschen  und  französischen  Schweiz"  (Zürich,  lüOl). 

Prof.  L.  Gauehat:  „Nos  patois  romauds"  im  „Bulletin  du  Glos- 
saire"  1902,  S.  3—24. 

Derselbe  in  „Langue  et  Patois  de  la  Suisse  romande"  im  „Diction- 
naire  geographique  de  la  Suisse",  Neuchätel  (Attinger)  1907. 

Diesen  Schriften  entnehme  ich  nur  kurz  folgende  Angaben: 

Im  Gegensatz  zum  Alemannischen,  das  mehr  oder  weniger  mit 
hochdeutschen  Formen  .untermischt  in  der  deutschen  Schweiz  bis  zur 
Reformation  als  Schrift-  und  Kanzleisprache  diente,  sind  die  welschen 
Mundarten  nur   ausnahmsweise  in   der  Schrift  verwendet   worden.    Es 


Das  schweizerisclie  VolksfranzÖsisch  705 

sind  uns  aus  dem  17.  und  18.  Jahrhundert  nur  einige  Volkslieder 
überliefert.  —  Schon  seit  dem  XIll.  Jahrh.  werden  die  Urkunden  in 
der  französischen  Schweiz,  wenn  nicht  in  lateinischer  Sprache,  in 
einem  Französisch  abgefaßt,  das  sich  demjenigen  der  Isle  de  France 
nähert^). 

In  den  größeren  Städten,  Genf,  Lausanne^  Neuenburg,  war  um  die 
Wende  des  18.  Jahrhunderts  der  Übergang  von  der  Mundart  zur  Schrift- 
sprache vollzogen.  Die  kleinem  Städte  und  ein  Teil  der  Landbe- 
völkerung sind  erst  im  Verlaufe  des  letzten  Jahrhunderts  zum  Fran- 
zösischen übergegangen.  Die  Ausbreitung  der  Schriftsprache  ging  immer 
von  den  größeren,  verkehrsreicheren  Zentren-)  aus  und  begann  in  der 
Weise,  daß  sich  die  dialektsprechende  Bevölkerung  die  Schriftsprache 
zunächst  als  zweite  Sprache  neben  der  Mundart  aneignete.  Den  Haupt- 
anstoß hiezu  gab  vor  allem  die  Notwendigkeit,  die  Schriftsprache  im 
Verkehr  mit  auswärts  gebrauchen  zu  müssen,  um  im  wirtschaftlichen 
Konkurrenzkampf  bestehen  zu  können.  So  wurde  in  den  Bürgerschulen 
der  Städte,  besonders  seit  der  Reformation,  die  Schriftsprache  gelehrt. 
Die  zunehmende  Bildung  der  Bürger,  die  engen  Beziehungen  mit  Frank- 
reich, die  Einwanderung  dortiger  Protestanten,  der  wachsende  Verkehr 
überhaupt;  und  dazu  der  willkürliche  Einfluß  von  Kirche  und  Schule, 
brachten  es  dahin,  daß  die  ererbte  Sprache  nach  und  nach  zugunsten  der 
neuen,  importierten  aufgegeben  wurde.  Die  Bewegung  nahm  und  nimmt 
in  den  Dialektgebieten  noch  heute  ihren  Anfang  in  den  gebildeteren, 
vornehmeren,  „besseren"  Kreisen,  die  sich  auch  durch  die  Sprache  vom 
„gemeinen  Volke"  unterscheiden  wollen.  Von  ihnen  lernen  dann  die 
Übrigen  Bürger,  bald  früher,  bald  später,  je  nach  ihrer  sozialen  Stellung, 
die  heimische  Mundart  verachten;  auch  sie  wenden  sich  nach  und 
nach  der  Schriftsprache  zu.  Die  Ersetzung  der  alten  Umgangssprache 
durch  die  neue  erfolgte  früher  viel  langsamer  als  heutzutage.  Die 
größeren  Städte  waren  jahrhundertelang  mehr  oder  weniger  zwei- 
sprachig, die  kleineren  Städte  und  die  Dorfgemeinden  nur  während 
weniger  Jahrzehnte.  —  In  den  letzten  30—40  Jahren  ist  der  direkte 
oder  indirekte  Einfluß  der  Schule  zu  Gunsten  der  Schriftsprache  ganz 
besonders  gewachsen:   Nicht  nur,    daß  alle  jungen  Schweizer   in   der 


1)  Über  die  Mischsprache  iu  Urkunden  aus  dem  XV.  Jahrhundert  vgl.: 
J.  Jeanjaquet:  Uu  document  inedit  du  fran^ais  dialectal  de  Fribourg  au  XVe 
si^cle  in  der  Festschrift  Morf  ,,Aus  romanischen  Sprachen  und  Literaturen"; 
Halle  1905. 

2)  Deren  Sprache  konnte  daher  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  umgebende 
Landschaft  bleiben,  wie  nach  Dauzat  (Methodologie,  S.  190)  das  Französisch 
von  Clermont-Ferrand  als  „le  frangais-type"  für  die  ganze  Auvergne  angesehen 
wurde.  Für  die  Schweiz  wäre  die  Beeinflussung  der  Volkssprache  durch  die 
regionalen  Zentren  noch  genauer  zu  untersuchen,  vgl.  übrigens  S.  720  und  S.  753. 

Bomanisohe  Forschangen  XXVII.  45 


70G  G.  Wißler 

Volksschule  die  Schriftsprache  erlernen  müssen '),  in  den  französischen 
Kantonen  verbieten  die  Schulbehörden  den  Schülern  den  Gebrauch  der 
Mundart  innerhalb  und  oft  sogar  auch  außerhalb  der  Schule^).  Um  den 
Kindern  das  Erlernen  der  Schriftsprache  zu  erleichtern^  hören  dann  die 
Eltern  auf,  mit  ihnen  in  der  Mundart  zu  verkehren,  wenn  sie  dieselbe  auch 
unter  sich  und  mit  ihren  Altersgenossen  verwenden  3).  So  verläßt  eine 
Familie,  eine  Gemeinde  nach  der  andern  den  Weg-,  den  die  Ahnen  in  Jahr- 
hunderte langer  Entwickluug  vorgezeichnet  und  festgelegt  haben,  und 
schwenkt  in  eine  breitere,  ebenere  Straße  ein,  welche  ein  anderes, 
fremdes  Volk  für  sich  gebaut  hat. 

Wir  wissen,  daß  unser  Volk  einen  Teil  der  alten  Traditionen  auf 
den  neuen  Weg  mitnimmt  (vgl.  Vorwort,  S.  692)  und  werden  versuchen, 
dies  im  Einzelnen  nachzuweisen  und  zugleich  die  allgemeinen  und  be- 
sonderen Gründe  zu  dieser  Erscheinung  klarzulegen. 


B.  Erscheinungen  bei  gegenseitiger  Einwirkung  zweier  Idiome. 

Die  Tatsache,  daß  die  frankoproveuzalischen  Mundarten  die  iu  ihr 
Gebiet  eingeführte  Schriftsprache  verändert,  umgeformt  haben,  ist  in 
ihrer  Art  nicht  isoliert,  sondern  gehört  zur  Gesamtheit  jener  sprach- 
lichen Erscheinungen,  die  regelmäßig  auftreten,  wenn  jemand  zu  seiner 
Muttersprache  noch  eine  neue  Sprache  hinzulernt  oder  wenn  zwei 
Sprachen  —  insbesondere  zwei  verwandte  Sprachen  —  in  einem  und 
demselben  Individuum  gegenseitig  auf  einander  einwirken: 

1.  Wer  eine  fremde  Sprache  erlernt,  neigt  mehr  oder  weniger  un- 
bewußt dahin,  Ausdrucksformen  seiner  Muttersprache,  für  welche  die 
fremde  nichts  Entsprechendes  bietet  oder  deren  Entsprechungen  ihm 
unbekannt  oder  nicht  gegenwärtig  sind,  aus  jener  zu  entlehnen.  Diese 
Entlehnungen  betreffen  hauptsächlich  den  Wortschatz  und  finden 
um  so  leichter  statt,  je  näher  die  beiden  Sprachen  einander  verwandt 
sind,  d.  h,  je  häufiger  in  beiden  Sprachen  derselbe  etymologische  Typus 
in   verschiedener  Lautform    und    mit   derselben  Bedeutung    vorkommt. 


1)  Seit  1874  ist  der  Besuch  der  Primarschule  für  alle  Kinder  obligatorisch. 

2)  Das  führt  oft  zu  eigenartigen  Erscheinungen.  So  lernen  die  Kinder 
der  Bauern  in  der  Umgebung  von  Romont  ihre  Mundart  erst,  nachdem  sie  aus 
der  Schule  entlassen  sind.  Sie  werden  von  den  Älteren  so  lange  geneckt,  bis 
sie  dieselbe  geläufig  sprechen.  Die  gleiche  Beobachtung  machte  Dauzat  in 
der  Auvergne. 

3)  In  der  Regel  versteht,  nach  Prof.  Gaue  hat  (Bulletin  I,  38)  und  nach 
eigener  Beobachtung,  die  Generation,  welcher  die  Mundart  nicht  mehr  gelehrt 
wird,  die  Sprache  ihrer  Eltern  noch  einigermaßen,  ohne  sich  selbst  deren  zu  be- 
dienen. Der  folgenden  Generation  aber  ist  die  Mundart  ganz  fremd  und  die 
altern  Leute  brauchen  sie  ihr  gegenüber  als  Geheimsprache. 


Daa  schweizerische  Volksfranzösisch  707 

Ein  Itiiliener  wird  viel  leichter  „staccare"  [*„estaqucr"],  als  ein  Deutscher 
das  Wort  „trennen"  ins  Französische  herübernehnien. 

2.  Im  Gedächtnis  des  Anfängers  assoziieren  sich  die  Ausdrucksformen 
der  neuen  Sprache  mehr  oder  weniger  eng  mit  ähnlichen  und  ent- 
sprechenden seiner  Muttersprache,  so  daß  er  sie  oft  nicht  auseinander- 
hält oder  sich  über  die  Unterschiede  zwischen  ihnen  keine  genaue 
Rechenschaft  gibt.  Infolge  dieses  Mangels  an  Sprachbewußtsein  in  der 
fremden  Sprache  reproduziert  der  Anfänger  häufig  unbewußt  Ausdrucks- 
formen seiner  eigenen  Sprache,  wenn  er  sich  in  der  fremden  ausdrücken 
will.  Um  derartige  Vorgänge  handelt  es  sich,  wenn  z.  B.  der  Deutsche 
das  französische  z,  das  in  seiner  Sprache  nicht  vorkommt,  im  Fran- 
zösischen durch  s,  ersetzt:  sur  für  jour,  ras  für  rage,  oder  wenn 
er  die  offene  Aussprache  des  kurzen  u-Lautes  in  geschlossener 
Silbe  (vor  langer  oder  doppelter  Konsonanz)  auf  das  Italienische  über- 
trägt: punfo  für  punto,  nijla  für  nulla,  gemäß  dem  deutschen  rutschen, 
Butteretc.  (Lautsubstitution).  Aus  der  Morphologie  gehören  hierher 
Bildungen  wie  "tossare  (statt  ital.  tossire)  imMuude  einesFranzosen(Kon- 
jugationswechsel),  lepaire  (statt  frz.  lapaire)  im  Munde  eines  Italieners 
(Substitution  des  Genus);  aus  der  Wortbildung:  femminino  (statt 
ital.  femminile)  im  Munde  eines  Franzosen  (Suffixsubstitution);  aus 
der  Lexikologie:  Bedeutungs Übertragungen,  wie  der  Gebrauch 
von  ital.  fermare,  villa,  lordo  im  Sinne  von  franz.  fermer,  ville,  lourd. 

3.  Selbst  wenn  im  allgemeinen  zwei  ähnliche  Ausdrucksformen  der 
beiden  Sprachen  unterschieden  werden,  so  kann  es  vorkommen,  daß 
sich  dieselben,  bei  geringer  Aufmerksamkeit,  infolge  der  engen  Asso- 
ziation, momentan  im  Bewußtsein  des  Sprechenden  kreuzen  und  daß  er  so 
kontaminierte  Formen  hervorbringt.  Durch  solche  Kontaminationen 
wird  am  häufigsten  die  lautliche  Gestalt  der  fremden  Wörter  verändert. 
Durch  die  Identität  oder  die  Ähnlichkeit  des  Bedeutungsgehaltes  sind 
ähnliche  Wörter  enger  miteinander  assoziiert  als  andere  sprachliche 
Ausdrucksformen.  So  können  z.  B.  im  Munde  eines  Franzosen  jaloux 
und  geloso  zu  einem  *dzaloso,  ouvrir  und  aprire  zu  einem  *üprire  oder 
*avrire  verschmelzen.  Die  Bildung  solcher  Kontaminationen  hängt  stark 
von  der  momentanen  psychologischen  Disposition  des  Sprechenden  ab. 

4.  Wie  die  Sprache  des  Kindes,  so  ist  auch  die  des  unerfahrenen 
Anfängers  häufig  falschen  Analogiebildungen  unterworfen,  dies  um 
so  mehr  als  seine  eigene  Sprache  oft  zu  solchen  Bildungen  das 
Beispiel  gibt.  Aus  der  Morphologie :  Wenn  der  Franzose  im  Italienischen 
ein  *sospenduto  bildet,  so  folgt  er  ebenso  sehr  der  Analogie  des  Fran- 
zösischen suspendre:  suspendu,  wie  der  des  italienischen  vendere:  ven- 
duto.  —  Aus  der  Wortbildung:  Nach  dem  Muster  der  zahlreichen  Ad- 
jektiva  auf  -ato  (dorato  etc.)  und  dem  des  frz.  „pourpre"  bildet  der 
Franzose  leicht  ein  *porporato  (statt   ital.   porporino    oder  purpureo). 

45* 


708  G-  Wißler 

5.  Besteht  in  der  zu  erlernenden  Sprache  in  beziig-  auf  irgend  eine 
Ausdrucksform  (die  weder  durch  die  entsprechende  Ausdrucksform  der 
eigenen  Sprache  ersetzt  noch  irgendwie  beeinflußt  werden  kann)  keine  feste 
Gewohnheit  (keine  allgemein  gültige  Regel),  so  daß  auch  innerhalb  der 
fremden  Sprache  bestimmte  eindeutige  analogische  Einflüsse  nicht  statt- 
finden; so  ruft  dies  im  Anfänger  Unsicherheit  und  Schwanken  hervor  und 
verleitet  ihn  zu  Mi  ßgri  ffen  aller  Art.  Die  jedesmalige  Gestalt  der  betr. 
sprachlichen  Ausdrucksform  ist  auch  hier  stark  von  den  momentanen  Um- 
ständen abhängig.  Wie  häufig  sind  z.  B.  bei  den  Fremden  die  Fehler 
in  der  Bildung  der  Formen  der  inchoativen  und  nicht  inchoativen  Verba 
auf  -ir  bezw.  -Ire  im  Französischen  und  Italienischen. 

6.  Die  Lautformen  eines  und  desselben  etymologischen  Worttypus 
in  Mutter-  und  Fremdsprache  werden,  da  sie  rhythmisch  und 
phonetisch  ähnlich  gebaut  und  bedeutungsverwandt  sind,  zu  einander 
in  enge  Beziehung  gesetzt,  als  einander  „entsprechend"  empfunden. 
Ein  Entsprechungsbewußtsein  zwischen  je  zwei  —  gleichen, 
ähnlichen  oder  verschiedenen  —  Lauten  der  beiden  Sprachen  kommt 
zustande,  wenn  in  einer  Reihe  von  einander  entsprechenden  Wörtern 
der  eine  I^aut  jeweilen  den  andern  vertritt.  Je  zahlreicher  die 
Fälle,  in  denen  eine  derartige  Entsprechung  stattfindet,  und  je 
seltener  die  Ausnahmen,  desto  leichter  entsteht  das  Entsprechungs- 
bewußtsein. Außerdem  scheint  die  Entstehung  eines  solchen  durch  die 
Ähnlichkeit  der  einander  entsprechenden  Laute  erleichtert  zu  werden. 

In  gleicher  Weise  und  unter  denselben  Bedingungen  können  auch 
je  zwei  Lautgruppen,  Silben,  Endungen,  Affixe  als  einander  entsprechend 
gefühlt  werden.  Das  Entsprechungsbewußtsein  ersetzt  häufig  beim  Unge- 
übten das  eigentliche  Sprachbewußtsein  und  erleichtert  den  Gebrauch  einer 
fremden  verwandten  Sprache  insow^eit,  als  viele  Wörter  unter  Anwen- 
dung der  Entsprechungsregeln  aus  der  Form  der  Muttersprache  in  die 
der  Fremdsprache  übergeführt  werden  können.  Die  Entsprechungs- 
regeln werden  mehr  instinktiv  als  bewußt  angewendet.  Sie  kommen 
auch  dann  zur  Geltung,  wenn  die  der  einen  Sprache  entlehnten  Wörter 
dem  allgemeinen  lautlichen  und  formellen  Habitus  der  andern  ange- 
paßt werden  sollen').  Beispiel  aus  der  Phonetik:  Durch  die  Vergleichung 
von  flamme:  fiamnia,  gonfler:  gonfiare  etc.  entsteht  das  Entsprechuugs- 
bewußtsein:  frz.  fl  =  ital.  fy;  demgemäß  wird  das  frz.Flandre  zuFiandra 
italianisiert;  aus  der  Morphologie:  der  ital.  Endung  -are  im  Infinitiv 
entspricht  die  frz.  -er  (-e)  in  mangiare:  munger  etc.;  daher  gehören 
auch  die  der  ital.  -are  =  Konjugation  entlehnten  frz.  Lehnwörter  (gui- 
dare  :  guider;  scemare  :  chemer)  der  frz.  -er  Konjugation  an,  u.  s.  w.  — 
Aus  der  Wortbildung:   Dem  ital.  Suffix  -ino  entspricht  franz.  -in  (e), 

1)  Vgl.  1.,  S.  706. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  709 

daher  auch  arlecchiiio  :  arleqnin,  etc.  Erleichtert  das  Eutsprechungs- 
bewußtsein  die  Erlernung-  einer  Fremdsprache,  so  kann  es  andererseits 
auch  eine  Quelle  von  Fehlern  sein,  da  der  Sprechende  veranlasst  wird, 
1.  die  Entsprechungsregeln  auch  in  Fällen  anzuwenden,  wo  dieselben  eine 
Ausnahme  erfahren  und  z.  B.  nach  fleur  :  fiore  etc.  auch  flotte  :  *fiotta 
zu  bilden  und  2.  der  fremden  Sprache  angepaßtes  eigenes  Sprachgut 
für  derselben  wirklich  angehörend  zu  betrachten,  vgl.  S.  707  das  Bei- 
spiel „staccare". 

7.  Ob  eine  sprachliche  Aiisdrucksform  dem  einen  oder  dem  andern 
der  eben  besprochenen  Vorgänge  ihre  Existenz  verdankt,  ist  nicht  immer 
leicht  zu  entscheiden.  Man  kann  sich  z.  B.  fragen,  ob  eine  Form  wie 
„*devere"  im  Munde  eines  italienisch  sprechenden  Franzosen  nach  1. 
eine  dem  Französischen  gemachte  Entlehnung  des  Wortes  als  solches 
ist')  oder  ob  es  nach  3.  als  eine  momentane  Kontamination  der  beiden 
Infinitive  aufzufassen  ist  oder  nach  4.  als  Analogiebildung  nach  andern 
Formen  des  Verbums  im  Italienischen  (deve,  devono),  wobei  wiederum 
das  frz.  devoir  mitgespielt  haben  kann.'  Je  nach  den  Umständen  kann 
die  eine  oder  die  andere  dieser  Annahmen  der  Wahrheit  entsprechen. 
Möglicherweise  resultiert  eine  derartige  Ausdrucksform  auch  aus  der 
Kombination  der  verschiedenen  Gründe. 

Auf  die  eben  besprochenen  sprachlichen  Vorgänge  gehen  die  meisten 
„Fehler"  zurück,  welche  die  Schüler  im  fremdsprachlichen  Unterricht 
immer  wieder  machen,  die  aber  bei  richtiger  Methode  und  genügender 
Übung  nach  und  nach  seltener  werden.  Vollständig  verschwinden  sie 
erst  dann,  wenn  die  Begriffe,  Vorstellungen  und  Gefühle  des  Sprechen- 
den so  fest  mit  den  Ausdrucksformen  der  fremden  Sprache  assoziiert 
sind,  daß  er  in  der  fremden  Sprache  denkt. 

C.  Einflufs  der  Mundart  auf  die  Volkssprache.     Schul-  und 
Verkehrsverhältnisse. 

Ein  analoges  Verhältnis  wie  zwischen  Muttersprache  und  ver- 
wandter Fremdsprache  besteht  zwischen  Dialekt  und  Schrift- 
sprache. Die  Voraussetzungen  zu  sprachlichen  Vorgängen  wie 
die  eben  besprochenen  sind  also  auch  vorhanden ,  wenn  jemand 
von  der  Mundart  aus  die  Schriftsprache  erlernt.  Die  verschiedenen 
Einflüsse  der  Mundart  auf  die  Schriftsprache  werden  sogar  er- 
leichtert dadurch,  daß  die  beiden  viel  mehr  gemeinsame  Züge  auf- 
weisen als  zwei  Schriftsprachen  und  die  einzelnen  einander  ent- 
sprechenden sprachlichen  Ausdrucksformen  weniger  leicht  auseinander 


1)  Mit  Ersatz  der  frz.  Endung  -oir   durch  die  entsprechende  ital,   -ere, 
nach  vouloir  -.  volere  etc. 


710  G.  Wißler 

gehalten  werden.  Wenn  also  das  Deutsche  und  das  Französische  im 
Munde  unserer  dialektsprechenden  Schulkinder  von  mundartlichen  Ein- 
flüssen nicht  frei  ist,  so  hat  das  nichts  Auffälliges  an  sich.  Eher  ver- 
wundern könnte  man  sich  über  die  Tatsache,  daß  selbst  bei  Leuten, 
welche  eine  6-  bis  9  jährige  Schulzeit  hinter  sich  haben,  und  oft  sogar 
bei  Gebildeten  die  provinziellen  Besonderheiten  so  stark  hervortreten^), 
und  über  die  weitere  Tatsache,  daß  auch  in  den  Gebieten  der  fran- 
zösischen Schweiz,  wo  die  Mundart  als  Verkehrssprache  längst  aus- 
gestorben ist  und  keinen  direkten  Einfluß  auf  die  in  der  Schule  ge- 
lehrte Schriftsprache  mehr  ausüben  kann,  die  Volkssprache  noch 
dialektisch  gefärbt  ist.  Diese  Tatsachen  erklären  sich  1.  dadurch, 
daß  die  Wirkungen  der  besprochenen  sprachlichen  Vorgänge  —  die 
eine  Beeinflussung  der  Schriftsprache  durch  die  Mundart  zur  Folge 
haben  —  durch  die  Schule  und  den  Verkehr  —  welche  die  Schrift- 
sprache vermitteln  —  nicht  genügend  eingedämmt  und  nicht  rasch 
genug  aufgehoben  werden,  2.  durch  eine  mehr  oder  weniger  bewußte 
konservative  Tendenz  unseres  Volkes,  3.  durch  gewisse  die  Bei- 
behaltung begünstigende  Eigenschaften  der  entlehnten  mundartlichen 
Ausdrucksformen. 

Die  kurze  Schulzeit,  die  vielen  Kenntnisse,  welche  die  Elementar- 
schule den  Kindern  übermitteln  muß,  die  häufig  noch  mangelhafte  Aus- 
bildung der  Lehrer^),  die  mannigfachen  Schwierigkeiten,  mit  denen  die 
Schule,  besonders  früher,  zu  kämpfen  hatte,  verhindern  eine  genügende 
Durchdringung  der  Schüler  mit  dem  Wesen  und  Geist  der  Schriftsprache, 
mögen  diese  von  Haus  aus  die  alemannische  oder  die  frankoproven- 
zalische  Mundart  oder  ein  dialektisch  gefärbtes  Französisch  sprechen'). 
In  neuerer  Zeit  sind  die  Schulverhältnisse  und  Schulmethoden 
zwar  erheblich  besser  geworden,  aber  noch  immer  gibt  es  Lehrer, 
welche  die  Schriftsprache  ungenügend  beherrschen  und  noch  manchen 
überflüssigen  Provinzialismus  unkorrigiert  lassen,  und  die  sich  damit 
begnügen,  entweder  ohne  Konsequenz  bald  diesen,  bald  jenen  Fehler 
zu  rügen  oder  dann  in  pedantischer  Weise  nur  auf  gewisse  besondere 
Einzelheiten  zu  achten*).  Viele  junge  Leute  verlassen  daher  auch 
heule  noch  die  Schule  ohne  über  das  tatsächliche  Verhältnis  von  schrift- 
sprachlichen und  provinziellen  Ausdrucksformen  einigermaßen  im  klaren 


1)  Über  die  Aussprache  des  Schriftdeutscheii  in   der  Schweiz;  vgl.  z.  B. 
den  Artikel  Prof.  Bachmaiins  im  Geogr.  Lexikon,  Bd.  V,  S.  69 ff. 

2)  Die  Lehrer  sind   in   der  Eegel  Einheimische  und   stehen    selbst   unter 
dem  fortwährenden  Einfluß  der  Umgangssprache. 

3)  Jedenfalls  kann    der  Volksschullehrer  auf  sprachliche  Dinge   nie  die- 
selbe Sorgfalt  verwenden  wie  der  eigentliche  Sprachlehrer. 

4)  Zwischen  einzelnen  Lehrern,  einzelnen  Schulen  und  namentlich  zwischen 
Stadt  und  Land  bestehen  natürlich  in  dieeer  Hinsicht  grosse  Unterschiede. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  711 

ZU  sein.  Sie  wisseu  nur,  daß,  trotz  der  Ähnlichkeit  von  Mundart  und 
Schriftsprache,  nicht  alle  Ausdrucksformen  der  einen  ohne  weiteres  auf 
die  andere  übertragen  werden  können. 

Je  nach  ihrer  sprachlichen  Schulung  und  je  nach  der  Häufigkeit 
der  entsprechenden  schriftsprachlichen  Formen  u.  s.  w.  verwenden  sie 
die  provinziellen  Formen,  bald  ohne  es  zu  ahnen,  bald  mit  großem 
oder  geringeren  Zweifeln  an  deren  Richtigkeit  und  aus  Verlegenheit  — 
weil  ihnen  die  richtigen  Formen  nicht  gegenwärtig  sind  — ,  bald  auch 
mit  Absicht,  wie  wir  aus  dem  Folgenden  ersehen  werden.  Die  unvoll- 
kommene Beherrschung  der  Schriftsprache  hat  im  allgemeinen  nicht 
sehr  nachteilige  Folgen  für  das  praktische  Leben.  Bauern  und  Hand- 
werker kommen  nicht  sehr  häufig  in  den  Fall,  mit  Ausländern  zu  ver- 
kehren und  unter  Landsleuten  sind  ja  gerade  dialektisch  gefärbtes 
Deutsch  und  Französisch  die  gewöhnliche  schriftliche  und  provinzielles 
Französisch  die  gewöhnliche  mündliche  Verkehrssprache,  und  sie  sind  als 
solche  auch  den  Gebildeten  nicht  fremd.  Begreiflich  ist  daher,  daß  ein 
großer  Teil  der  Bevölkerung  von  sich  aus  keinen  Anlaß  hat,  seine 
Kenntnis  der  Schriftsprache  zu  vervollkommnen  und  daher  den  puri- 
stischen Bestrebungen  der  Schule  und  der  Gebildeten  gleichgültig  gegen- 
übersteht. Was  kümmert  es  das  Volk,  ob  seine  Art,  sich  auszudrücken, 
von  der  Academie  anerkannt  werde  oder  nicht!  Es  hat  kein  Interesse 
und  keine  Zeit,  über  solche  Sachen  nachzusinnen.  —  Zudem  ist  es,  be- 
sonders auf  dem  Lande,  in  seiner  ganzen  Art  zu  denken  und  zu  handeln 
konservativ  und  hängt  zäher  am  Eigenen,  Bodenständigen,  an  alther- 
gebrachten Gewohnheiten  und  Traditionen,  als  der  Städter,  der  Ge- 
bildete. Mit  Mißtrauen  betrachtet  es  all  das  Neue,  das  ihm  von  den 
Gebildeten  —  in  oft  wenig  taktvoller  Weise  —  aufgedrängt  wird, 
besonders  wenn  es  ihm  keinen  direkten  Vorteil  bringt  oder  wenn  es 
diesen  nicht  einsieht.  So  lebt  noch  in  einem  großen  Teil  des  Volkes  in 
der  deutschen  wie  in  der  französischen  Schweiz  das  instinktiveBewußtsein, 
daß  seine  ererbten  mundartlichen  (bezw.  provinziellen)  Sprachformen 
den  schriftsprachlichen  als  Ausdrucksmittel  ebenbürtig  und  oft  sogar 
überlegen  sind  und  daß  namentlich  alles  Gefühlsmäßige  in  mundart- 
licher (provinzieller)  Fassung  sich  viel  besser  sagen  läßt  und  viel 
wirkungsvoller  zum  Ausdruck  kommt,  als  in  der  korrekten  schrift- 
sprachlichen Form. 

Diese  letztere  im  allgemeinen,  besonders  aber  gewisse  Wörter,  er- 
scheinen dem  Volke  kalt,  nüchtern,  farblos,  steif,  pedantisch,  gesucht, 
geziert.  Es  ist  also  natürlich,  daß  es  derartige  Ausdrucksformen  ab- 
sichtlich meidet,  die  heimischen  Provinzialismen  dagegen  mit  besonderer 
Liebe  pflegt.  Ohne  eine  solche  absichtliche  Tendenz  wäre  die  Erhaltung 
einer  verhältnismäßig  reinen  alemannischen  Mundart  als  allgemeine 
Umgangssprache  in  der  deutschen  Schweiz  kaum  zu   erklären.    Auch 


712  G-  Wißler 

unsere  welsclien  Eidgenossen  tragen  mehr  oder  weniger  bewußt  dazu 
bei,  die  letzten  Spuren  ihrer  angestammten  Mundart  (die  Provinzialismen) 
vor  vorzeitigem  Untergang  zu  bewahren.  Es  kann  sogar  vorkommen, 
daß  der  Einfluß  der  Schule  auf  die  Volkssprache  von  der  Familie  direkt 
bekämpft  wird,  indem  die  Eltern  ihr  Französisch  für  „gutes  Französisch" 
erachten,  den  Lehrer  der  Pedanterie  bezichtigen  und  dessen  Autorität 
bei  den  Kindern  in  Mißkredit  bringen. 

Wenn  trotz  dieses  aktiven  und  passiven  Widerstands  eines  Teiles 
des  Volkes  die  Kenntnis  des  Hochdeutschen  und  des  Schriftfranzösischeu 
bei  uns  stete  Fortschritte  macht,  wenn  sich  die  Volkssprache  diesem 
letzteren  beständig  nähert  und  w^enu  selbst  die  alemannische  Mundart 
besonders  in  den  größern  Städten  an  Originalität  verliert  und  in  eine 
immer  größere  Abhängigkeit  von  der  Schriftsprache  gerät,  so  ist  das 
die  Folge  von  Umständen,  die  unabhängig  von  dem  direkten  Willen 
des  Volkes  bestehen  und  auf  seine  Sprache  einwirken :  neben  den  immer 
besseren  Schulen  sind  es  der  protestantische  Gottesdienst,  welcher  die 
Leutemit  gewissen  Worten  und  Wendungen  vertraut  macht,  der,  wenn  auch 
kurze,  Militärdienst,  in  dem  Stadt-  und  Landleute  sich  zusammenfinden, 
die  fortwährend  wachsende  Erleichterung  des  Verkehrs,  der  immer  mehr 
neue  Gegenstände  allgemein  bekannt  macht  und  der  immer  mehr  Fremde 
zu  dauerndem  oder  vorübergehendem  Aufenthalt  ins  Land  zieht,  die 
Gewohnheit  der  Landleute,  einen  Teil  ihrer  Lehrzeit  im  Ausland  oder 
in  der  Stadt  zu  verbringen,  der  allgemeine  Zug  der  ländlichen  Be- 
völkerung nach  der  Stadt  überhaupt,  ferner  der  immer  schärfere  wirt- 
schaftliche Konkurrenzkampf,  der  die  geistige  Regsamkeit  weckt  und 
eine  bessere  Kenntnis  der  Schriftsprache  unentbehrlich  macht,  die 
Zeitung,  welche  sich  nach  und  nach  jeden  Familientisch  erobert,  Vor- 
träge, billige  Bücher,  die  dem  wachsenden  Streben  nach  aligemeiner 
Bildung  entgegenkommen,  das  Beispiel  der  obern  Gesellschaftsklassen 
endlich,  dem  die  unteren  bewußt  oder  unbewußt  folgen,  kurz  alle 
diejenigen  Einflüsse,  im  allgemeinen,  welchen  die  frankoproven- 
zalischen  Mundarten  teils  schon  erlegen  sind,  teils  in  absehbarer  Zeit 
erliegen  werden^).  Und  wie  diese  Mundarten  ehedem  allmählich  an 
Bedeutung  verloren  und  als  gemein  verachtet  wurden,  so  beginnt  heute  in 
gewissen  Kreisen  des  Volkes,  die  stark  den  eben  erwähnten  Einflüssen 
ausgesetzt  sind,  die  häufig  mit  Fremden,  Gebildeten  etc.  verkehren,  die 
Meinung  Boden  zu  fassen,  das  aus  Frankreich  eingeführte  Französisch 
sei  vornehmer  und  kulturell  höher  stehend  als  das  eigene  provinzielle. 


1)  Selbst  unser  urchiges  und  heimeliges  Schweizerdeutsch  wird  vielleicht 
einmal  vor  dem  Ansturm  aller  dieser  Mächte  weichen  müssen.  Über  die  Gründe, 
warum  die  franko-provenzalischen  Mundarten  früher  zugrundegingen  als  die 
alemannischen  vgl.  die  eingangs  erwähnte  Arbeit  von  Prof.  Tappolet. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  713 

Man  fängt  an,  die  Provinzialismen  lächerlich  zu  finden,  sich  ihrer  zu 
schämen  und  sie  zu  meiden.  Zu  einer  derartigen  Bewegung  sind  freilich 
heute  erst  Ansätze  vorhanden. 

Während  das  Französische,  das  in  der  Schule  gelehrt  und  das 
im  Verkehr  mit  Landsleuten  gebraucht  wird,  selten  ganz  frei  ist 
von  provinzieller  Beimischung,  so  ist  andererseits  das  von  den 
eingewanderten  Franzosen,  von  aus  Frankreich  zurückgekehrten 
Schweizern  eingeführte  Französisch  nichts  weniger  als  homogen,  oder 
gar  identisch  mit  der  reinen  Schriftsprache.  Besonders  gewisse  Aus- 
drücke der  Pariser  Volkssprache  finden  leicht  Eingang  in  die  unserige, 
vgl.  S.  837  if.  Diese  Argotismen  haben  einen  ganz  besonderen  ßeiz; 
sie  gehören  mit  zur  kulturellen  Überlegenheit  des  Reichsfranzösischen. 
Wer  mit  solchen  um  sich  wirft,  gilt,  besonders  in  gewissen  städtischen 
Kreisen,  als  ein  Mann  von  Weltkenntnis  und  Erfahrung  und  wird  von 
den  Provinzlern,  die  sich  schämen,  als  solche  zu  gelten,  mit  Eifer  nach- 
geahmt. 

Wie  aus  dem  bisher  Gesagten  hervorgeht,  sind  die  Kräfte,  welche 
an  der  Gestaltung  unserer  Volkssprache  wirken,  sehr  verschiedener 
Art  und  in  ihren  Wirkungen  einander  oft  entgegengesetzt.  Je  nach- 
dem der  einzelne  Mensch  mehr  diesen  oder  mehr  jenen  Einflüssen  aus- 
gesetzt ist,  je  nach  seiner  Bildung,  seiner  sozialen  Stellung  u.  s.  w., 
gestaltet  sich  seine  Sprache  verschieden^).  Der  Charakter  des  Volks- 
französischen in  einer  einzelnen  Ortschaft,  besonders  in  einer  Gemeinde, 
die  vor  nicht  langer  Zeit  die  Mundart  aufgegeben  hat,  ist  viel  weniger 
einheitlich  als  z.  B.  derjenige  einer  Mundart.  Homogener  als  die  Mund- 
arten ist  die  Volkssprache  in  geographischer  Hinsicht.  Die  Unter- 
schiede, die  zwischen  dem  Volksfranzösisch  der  einzelnen  Kantone  in 
lautlicher  und  lexikologischer  Hinsicht  bestehen  (vgl.  Vorwort,  S.  3), 
sind  mehr  untergeordneter  Art^),  und  ein  Bauer  aus  dem  Unterwallis 
wird  sich  mit  einem  Kollegen  aus  dem  Neuenburger  Jura  ganz  gut 
verständigen  können,  wenn  jeder  sein  Französisch  spricht.  Dies  kommt 
daher,  daß  „les  habitants  de  la  Suisse  romande  ont,  a  un  degre  egal, 
conscience  de  la  correspondance  entre  les  sons  francais  et  les  sons 
de  leurs  patois  respectifs"  et  que  „les  raisons  qui  amenent  le  neolo- 
gisme  (Provinzialismus !)  sont  generalement  les  memes  dans  les  divers 
patois  et  que  le   lexique   est  a  peu    pres  identique^)    dans    toutes    les 


1)  Über  äie  Verbreitung  der  verschiedeneu  provinziellen  Besonderheiten, 
vgl.  das  Schlußkapitel  (S.  839). 

2)  Leider  kann  ich  auch  hier,  mangels  eigener  Beobachtung,  keine  nähern 
Angaben  machen. 

3)  Das  gilt  doch  wohl  nur  für  die  allgemein  bekannten  Begriffe,  vgl.  die 
Arbeiten  von  Gignoux,  Luchsinger,  etc. 


714  G.  Wißler 

parties  de  nos  cantons  romands",  wie  schon  Gillieron  bemerkte 
(VionnaZ;  S.  VII).  Nicht  ohne  Bedeutung  ist  vielleicht  auch  die  Beein- 
flussung der  Volkssprache  eines  Kantons  durch  die  regionalen  Zentren 
(vgl.  S.  705). 

Im  Folgenden  soll  an  einer  Reihe  von  Beispielen  gezeigt  werden, 
in  welcher  Weise  die  verschiedenartigen  Einflüsse  der  Mundart  auf  das 
Volksfranzösische  in  den  verschiedenen  Gebieten  des  sprachlichen  Lebens 
zum  Ausdruck  kommen.  Es  sollen  einzelne  Erscheinungen  aus  der 
Phonetik,  Morphologie  und  Wortbildung  besprochen  und  dann  ein- 
gehender die  Lexikologie  behandelt  werden.  Aus  verschiedenen  Gründen 
mußte  ich  auf  eine  Behandlung  der  Syntax  (mit  Einschluß  der  stehen- 
den Wendungen)  vorläufig  verzichten.  In  einem  Schlußteil  soll  endlich 
kurz  angedeutet  werden,  in  welcher  Weise  sich  die  provinziellen  Besonder- 
heiten auf  die  verschiedenen  Bevölkerungsklassen  verteilen  und  wie 
sich  das  Volksfranzösische  voraussichtlich  weiter  entwickeln  wird. 

Bemerkung:  Im  Munde  der  zweisprachigen  Bevölkerung- wird  nicht 
nur  die  Schriftsprache  durch  die  Mundart,  sondern  auch,  wie  bereits  auge- 
deutet, diese  durch  jene  beeinflußt.  Eine  eingehende  und  zusammenfassende 
Untersuchung  über  die  Art  und  Weise  und  über  das  Maß  dieses  Einflusses 
fehlt  leider  noch.  Einige  Bemerkungen  darüber  siehe  in:  Gauchat: 
Unite  phonetique  d'un  patois  in  Festschrift  für  H.  Morf,  S.  189,  bei 
Gillieron:  Vionnaz  S.  III  fl".  und  „Remarques  sur  la  vitalite  phone- 
tique des  patois"  in  „Etudes  romanes,  dediees  ä  G.  Paris",  S.  459ff. 
und  für  einen  südfranzösischen  Dialekt  bei  Rousselot:  ,.Les  modifications 
phonetiques  du  langage"  in  der  Revue  des  Patois  gallo-romans  IV  und 
V  (Paris  1893).  Interessant  sind  auch  Dauzat's  Mitteilungen  in  seiner 
„Methodologie"  (S.  1910".),  wo  er  neuerdings  darauf  hinweist,  wie 
sehr  die  Linguisten  bis  jetzt  das  Studium  dieses  Einflusses  vernach- 
lässigt haben. 


Erster  Teil 
Phonetik. 


Der  Ausspracheunterricht  war  lange  genug  das  Stiefkind  der 
Schule  und  ist  es  vielfach  auch  heute  noch,  sowohl  im  fremdsprach- 
lichen wie  im  schriftsprachlichen  Unterricht.  Viele  Lehrer,  nicht  nur 
an  Primarschulen,  begnügen  sich  damit,  den  Schülern  einige  elemen- 
tare (und  oft  unzutreffende)  Leseregelu  zu  geben.  Viele  Unterschiede 
zwischen  ähnlichen  lautlichen  Phänomenen  merkt  der  Schüler  und  der 
Laie  von  sich  aus  nicht,  so  daß  selbst  gute  Vorbilder  und  häufiger 
Verkehr  mit  richtig  sprechenden  Ausländern  eine  schlechte  Aussprache 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  715 

nicht  zu  verbessern  vermögen.  So  erscheint  es  keineswegs  verwunder- 
lich, wenn  die  Volkssprache  in  der  französischen  Schweiz  in  lautlicher 
Hinsicht  noch  zahlreiche  dialektische  Züge  aufweist. 

A.  Lantsnbstitntion. 

1.  Die  frankoprovenzalischen  Mundarten  kennen  die  reinen  frz. 
Nasallaute  a,  C,  o,  öe  nicht,  sondern  nur  ungleichmäßig,  am  Anfang 
schwach  und  am  Ende  stark  nasalisierte  Vokale,  welche  vor  Konso- 
nanten in  den  Laut  t}  übergehen'): 

Nasal :       <  ij 

Vokal:  a> 
Derartige  Nasallaute  beobachtete  ich  in  der  Volkssprache  von 
Sitten,  Epesses,  Bulle  und  Tramelan,  an  den  beiden  zuletzt  ge- 
nannten Orten  auch  das  nasalisierte  geschlossene  «  (a  von  m«d«m 
=  madame)  —  Speziell  pariserische  Lauttendenzen,  wie  die  Ver- 
schiebung des  ä  gegen  ö,  des  a  gegen  ^,  des  vortonigen  o  gegen  o,  sind 
in  der  Schweiz  im  allgemeinen  unbekannt. 

2.  Ein  Teil  der  waadtländischen  und  freiburgischen  Mundarten 
wandelt  Je  vor  palatalen  Vokalen  {i,  <?,  i<,  cß)  zu  %  oder  ^/,  z.  B.  in  t^ezd 
(Byland  §  19  ß),  tyäzd  (Jaberg :  Leysin)  =  quinze,  tye  =  que  (Jaberg : 
Leysin)  [lat.  qu  vor  e];  in  tyü  =  c\x\  (Jaberg:  Leysin)  [lat.  c  -4-  u];  in 
tyüfsi  =  coucher,  fi/üsa  =  cuisse  (Odin :  Phonol.  §  314)  flat.  c  -f-  o  -f- 
palat.];  [In  der  Plaine  du  Rhone,  der  Vallee  de  Joux  und  in  Ste  Croix 
wird  Ö  bezw.  ö  zu  oe,  w*)]  in  kijos  =  cuir,  %cBC?e  =  coude,  hijoedrd  =  coudre 
(s.  u.  vb.)  ahijaeta,  afyüfa,  etyüta  =  ecouter  (Odin  :  Phonologie,  §  314), 
ferner  in  fjüdrö  =  courge  (Byland  §  52)  und  in  zahlreichen  Lehn- 
wörtern :  tyitä  =  quitter,  tyesa  =  caisse  (Jaberg  :  Leysin),  bot/e  =  bou- 
quet  (Byland  §  68),  txepi='ke])'i  (Byland  :  Wörterverzeichnis),  tyätö  = 
quintal  (Jaberg :  Leysin);  tyilr}.  =  eure  (Jaberg  :  Leysin),  etxü  =  6cu, 
tyuricß  (Odin,  §  82,  Byland  :  Wörterverzeichnis) ;  txär^  tx(p  (Byland  ibid., 
Odin :  Phonol.  §  314),  otye,  tylzd  (Häfelin  :  Freiburg,'  S.  68).  Vgl. 
auch  Häfelin :  Neuenburg  S.  72  für  die  Beroche  und  die  folgenden 
Karten  des  Atlas  ling.:  coeur  (306),  cul  (372)  quelle  [chaleur]  (1115) 
quelque  chose  (1116),  quinze  (1124)   quintal  (1123)   und  caisse  (197)'). 

Das  Volksfranzösische  in  einem  Teil  des  Waadtlandes  und  des  Kantons 
Freiburg  weist  die  nämliche  Eigentümlichkeit  auf.    So  läßt  Gor gibus 


1)  Vgl.  Gau  Chat:  Dompierre  (S.  3)  und  Urtel:  Neuchätel  (S.  7). 

2)  Vgl.  Odin:  Phonologie,  §§  82  und  124. 

3)  Diese  Karten  zeigen  die  nämliche  Tendenz  auch  für  andere  Gegenden 
des  französischen  Sprachgebiets.  Vgl.  übrigens  Rousselot:  Les  modifications, 
S,  249  flf.  (für  Cellefrouin  in  der  Charente). 


716  G.  Wißler. 

seinen Cabotzet  folg-endermiißen  sprechen:  „.  .  .  tielbon  nouveau=  quelle 

bonne  nouvelle."  (S.  6).   „Ty  est-ce  qui  fait?"  <^/eskife>==  Qu'est- 

ce  qii'il  fait?  (S.  12).    „Si  n'est  pas  tont  ä  fait  toqui6"  =  S'il  n'est  pas 

entierement  fou  .  .  (toque)  (S.  56).     „Pardon  estiuse  (excuse!),  mais  j'ai 

enticrement  tont   vu,   sans   rien    manquie   (manquer)".  (S.  7).     „J'etais 

tiurieux  (curieux)  de  les  voir  de  mes  yeux."  (S.  10),     „Une  espece  de 

tiaisse  (caisse)  (S.  16).    Vgl.  auch  (S.  11)  le  tieu  =  le  coeur. 

Aus  Gorgib  US :  „Frederi  .  .  ."  entnehme   ich   folgende  Beispiele: 

cintierae  (S.  20)  —  cinquieme,  manquie  (S.  63)  banquiet  =  banquet  (S.  63), 

etiurie  =  ecurie  (S.  83);  ausMonuet:  Fuvey  et  Grognuz  :  ces  coquiens 

de  baillis  (S.  60),  Kierne  =  Kern  [Eigenname]  (S.  43);  aus  Ceresole: 

Scenes  vaud. :  tienze  =  quinzc,  tiai  =  quai,  boutiet  =  bouquet  (S.  36); 

aus  dem  Glossaire  fribourgeois  (F):  tiecie  =  caissier,  tiental  = 

quiutal,  tieue  =  queue;    aus   dem  Maitre    phonetique,  avril  1905 

t 
:  [c  rr=  k;^] :  pice  =  piquet,  cüryoe,  celg  =  quelle^). 

3.  Unter  den  nämlichen  Bedingungen  mouillieren  die  Waadtländer 
Mundarten  auch  das  g  [  vor  i,  e,  m,  a]:  Dies  g  geht  entweder  auf 
germ.  w  zurück,  wie  in  gyeri  =  guerir,  gyerda  =  garder,  dyeru^  gy§'>^u 
<  weigaro  >  =  combien  (Odin  :  Phonologie  §  270);  dylra  =  guerre 
(Byland§53),  dye  =  g\iet,  c??/efce  =  guicbet  d'un  tonneau,  volet  (Jaberg: 
Leysin),  oder  es  findet  sich  in  einem  Lehnwort,  wie  in  dylza  (Byland, 
§  53,  Odin  :  Phonologie,  §  270),  dyerfö  =  domestique  [gargon], 
dyernäe  <  =*gaernier  ">  =  grenier,  odyüsfj  =  Auguste  (Jaberg:  Leysin), 
fidyüra  =  figure  (Jaberg  :L'Etivaz).  Vgl.  auch  die  folgenden  Karten 
des  Atlas  ling.  :  guere  (673),  gui  (675),  guichet  (676),  Guillaume  (677), 
Diese  Karten  geben  nicht  immer  ein  richtiges  Bild  von  der  Verbreitung 
des  lautlichen  Phänomens.  Die  Karten  Auguste  (71)  und  figure  (566) 
notieren  für  die  Schweiz  überall  reines  gül 

Beispiele  aus  dem  Volksfranzösischen: 

„djere"  <:=dy6r8!  >  =  guerre  (Ceresole :  Scenes  vaud.  S.  36); 
chansons  guierrieres  (Monuet :  Favey  et  Grognuz,  S.  81);  de  ce  fameux 
Guiesselai  [=  Gessler]  (Mounet  ibid.,  S.  60);  le  die  (F)  =  le  guet; 
je  me  fidiurais  [=  figurais]  (Gorgibus:  Cabotzet  .  .  S.  19);  Audiu- 
ste  [Auguste]  (Gorgibus :  Frederi  ,  .  S.  141);  dediuster  [deguster] 
(ibid.,  S.  159);  guieux  =  gueux  (ibid.,  S.  99);  „te  laisse  endieuse 
[engueuser  =  trom])er]  par  le  premie  venu  qui  te  paie  nn  demi" 
(ibid.,  S.  123);  un  bladieii  [=  blagueur]  (Gorgibus  :  Cabotzet,  S.  46). 

4.  In  der  westschweizerischen  Volkssprache  wird  langes,  betontes  e 
in  französisch  ursprünglich  offener,  heute  geschlossener  Silbe  (vor  ein- 
fachem Konsonanten  oder  vor  muta  plus  liquida  im  Auslaut)  außer  vor 


1)  Vgl.  hierzu  auch  die  Bemerkung  von  Gillieron  (Vionnaz,  S.  69). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  717 

r  durchweg  geschlossen  (r)  gcsjjrochen,  statt  wie  ioi  Franz.  orten  (e)  i). 
Vgl.  Schreibungen  wie:  bete  =  bete  (Gorgibus  :  Cabotzet  .  ,,  S.  7), 
meme(ibid.,  S.  67),  peut-etre  (ibid.,  S.  1)2)  tele  (ibid.,  S.  30);  mauv^se  = 
mauvaise  (ibid.,  S.  93);  reve  =  reve  (ibid.,  S.  10),  Systeme  (ibid,,  Ö.  56), 
espece  (ibid.,  S.  163)  Geneve  (Ceresole,  Scenes  vaud.,  S.  35);  il  gele  = 
gele  (Gorgibus  :  Cabotzet  .  .  .  S.  72)  je  me  leve  (Gorgibus  :  Frederi  .  ., 
S.  42),  il  m'emmene  (Gorgibus :  Cabotzet,  S.  56)  etc. 

Mit  geschlossenem  }  werden  auch  gesprochen:  vous  etes  <  et  >, 
fenetre,  chevre  (sevr)  levre,  beche,  maitre,  metre,  creme,  remede,  regle, 
scene,  negre,  peine,  veine,  peigne;  maigre  (megr),  aigle,  il  aime  (em) 
chaine,   il  traine,   semaiue,   laine,  chaise,  braise,  caisse,  il  laisse  etc.  ^). 

Auch  diese  Aussprucheeigentümlichkeit  ist  nach  meinem  Dafür- 
halten hauptsächlich  auf  Lautsubstitution  zurückzuführen,  doch  können 
hierbei  eine  Anzahl  anderer  Ursachen  mitbestimmend  gewesen  sein,  die 
wir  vor  allem  erörtern  wollen: 

Der  e-Laut  in  den  verschiedenen  franz.  Wörtern  ist  verschiedenen 
Ursprungs,  hat  also  verschiedene  Vorstufen  durchlaufen,  doch  scheint 
er,  selbst  in  Paris,  in  vielen  der  hier  in  Betracht  kommenden  Wörter 
einmal  geschlossen  gesprochen  worden  zu  sein.  Noch  im  17.  Jahrh. 
schwankte  die  Aussprache  in  mehreren  Fällen.  Die  Grammatiker-Zeug- 
nisse widersprechen  sich,  so  daß  man  sich  kein  klares  Bild  von  den 
wirklichen  Ausspracheverhältnissen  machen  kanu^). 

Selbst  heute  ist  die  Pariser  Aussprache  des  e  nicht  einmal  in  allen 
Mundarten  der  Isle  de  France  verbreitet*).  Die  meisten  von  ihnen 
schwanken  noch  zwischen  e  und  i,  soweit  wenigstens  die  verschiedenen 
Karten  des  Atlas  linguistique  sichere  Schlüsse  gestatten^). 


1)  Im  mustergültigen  Französisch  der  gebildeten  Kreise  Nordfrankreichs, 
nach  Michaelis  und  Passy:  Dictionnaire  phonetique  de  la  langue  fran^aise; 
Berlin  (Meyer)  1897. 

2)  A.  Ha  11  er  im  Maitre  phonetique;  avril  1908,  transkribiert  zwar:  meme- 
ment  (memement),  etr  (etre),  älevo  (enleve)  [aber  fer  =  faire] ;  doch  kann  dieses 
e  unmöglich  mit  dem  pariserischen  identisch  sein! 

3)  Für  Einzelheiten  verweise  ich  auf :  Me yer-L üb kes  Romanische  Gram- 
matik: I,  S.  115,  156,  200 ff.,  210;  Brunot  in  der  „Histoire  de  la  langue  et  de 
la  litterature  frangaise"  von  Petit  de  JuUeville,  T.  VI.,  S.  856fr.;  E.  Gaufinez: 
„Notes  sur  le  vocalisrae  de  Meiiet"  in  „Beiträge  zur  roman.  und  engl.  Philol., 
Festgabe  für  W.  Förster"  (Halle  1902),  S.  363 ff.  und  Ch.  Thurot:  „La  pronon- 
ciation  frangaise  depuis  le  .  .  .  XVI™f  siöcle  d'apres  les  temoignages  desgram? 
mairiens  (Paris,  1881—83),  Tome  I,  S.  62—87  und  308—351. 

4)  Vgl.  z.  B.  aret,  brez,  kyes  (caisse]  tien  (chaine),  fnZtr,  len,  punez  in  Le 
Plessis-Piquet  im  Dep.  de  la  Seine.    (Pkt.  226  des  Atl.  ling.). 

5)  In  vielen  Fällen  wird  es  sich  um  satzphonetische  Abweichungen 
handeln. 


718  G.  Wißler 

Es  ist  also  sehr  wahrscheinlich,  daß,  als  das  Französische  sich  in 
unseru  Städten  zu  verbreiten  begann,  eine  Anzahl  Wörter  in  Frankreich 
noch  mit  geschlossenem  e  gesprochen  wurden  und  unsere  heutige  Aus- 
sprache, zum  Teil  wenigstens,  eine  archaische  ist^).  Diese  Erklärung 
wird  durch  die  Tatsache  gestützt,  daß  das  westschweizerische  Volks- 
französisch  auch  sonst  in  einzelnen  Fällen  eine  altertümliche  Aus- 
sprache*) beibehaltenoder  Wörter  bewahrt  hat,  die  im  Schriftfranzösischen 
ausgestorben  oder  veraltet  sind'),  was  durchaus  zum  konservativen 
Charakter  der  Volkssprache  stimmt.  Unerklärt  bliebe  dabei,  warum 
man  die  geschlossene  Aussprache  auf  alle  Wörter  ausdehnte,  auch 
auf  diejenigen,  die  erst  in  jüngster  Zeit  eingeführt  wurden. 

Man  könnte  auch  auf  die  in  vielen  Sprachen  herrschende  Ten- 
denz hinweisen,  Vokale  in  offenen  Silben  zu  schließen  (und  umge- 
kehrt in  geschlossenen  Silben  zu  öffnen*)  Die  Volkssprache  hat  von 
den  Mundarten  die  Gewohnheit  übernommen,  den  unbetonten  Schluß- 
vokal in  Fällen  beizubehalten,  wo  er  im  Französischen  abgefallen  ist*), 
80  daß  die  Tonsilbe  in  der  Volkssprache  länger  offen  und  das  e  daher 
länger  geschlossen  blieb.  Daß  durch  die  Beibehaltung  dieser  mund- 
artlichen Sprachgewohnheit  das  Fortbestehen  der  archaischen  Aus- 
sprache des  e  —  wo  es  sich  um  eine  solche  handelt  —  erleichtert 
wurde,  halte  ich  nicht  für  ausgeschlossen.  Ich  glaube  aber  nicht,  daß 
dieses  Moment  von  entscheidender  Bedeutung  war. 


1)  Man  könnte  sich  auch  fragen,  seit  wann  überhaupt  die  Pariser  Aus- 
sprache auf  die  unsrige  den  ausschlaggebenden  Einfluß  ausübt  und  in  wieweit 
in  frühereu  Jahrhunderten  das  Französische  der  der  Schweiz  benachbarten  Pro- 
vinzen für  die  Aussprache  in  unseren  Städten  mit  bestimmend  war.  Vgl.  auch 
die  Ausführungen  Prof.  Jeanjaquets  in  „Un  document  in6dit  du  fran^ais  dia- 
lectal  de  Fribourg  au  XV.  si^cle"  in  „Aus  romanischen  Sprachen  und  Litera- 
turen", Festschrift  Morf,  Halle  (Niemeyer)  1905;  S.  274:  „Les  rapports  directa 
avec  la  capitale  6taient  rares  et  c'est  bien  plutot  les  habitudes  linguistiques 
des  rögions  voisines  de  la  Suisse  qui  devaient  servir  de  modfeie  pour  les  secrö- 
taires  fribourgeois.  Nous  ne  nous  etonnerons  donc  pas  de  rencontrer  dans  leurs 
actes  beaucoup  de  particularites  dialectales  qui  caract6risent  la  langue  6crite 
des  provlnces  de  l'Est  de  la  France,  de  la  Bourgogne  en  particulier".  Inwie- 
weit änderten  sich  diese  Verhältnisse  später?  Welches  sind  die  Spuren  eines 
solchen  Einflusses  in  unserer  Volkssprache?  Es  würde  sich  vielleicht  verlohnen, 
in  einer  Spezialarbeit  diesen  Fragen  näher  zu  treten.  Vorläufig  fehlen  mir 
sichere  Anhaltspunkte. 

2)  Vgl.  S.  724  (apprentif). 
(         3)  Vgl.  S.  754. 

4)  Auf  eine  solche  Tendenz  in  der  Mundart  von  Dompierre  weist  Prof. 
Gauchat  hin  (§  106). 

5)  Die  Volkssprache  hält  wenigstens  auf  dem  Lande,  besonders  im  Kt.  Waadt 
noch  an  dieser  Gewohnheit  fest,  vgl.  S.  723. 


Das  schweizerische  Volksfraiizösisch  719 

Als  die  wichtigste  Ursache  zur  heutigen  Aussprache  des  e  in  der 
Volkssprache  betrachte  ich  die  direkte  Herübernahme  einer  mundart- 
lichen Sprachgewohuheit: 

Soweit  ein  Durchgehen  der  Arbeiten  von  Odin,  Byland,  Urtel, 
Häfelin,  Gauchat  einen  Schluß  gestattet,  ist  e  <  in  den  von  ihnen 
behandelten  Mundarten  äußert  selten,  e  <  dagegen  das  Gewöhnliche^). 
So  bestand  also  in  der  Mundart  unserer  Städte  die  Gewohnheit,  langes 
betontes  e  in  offener  Silbe  in  Paroxytonis  nur  geschlossen  auszusprechen, 
und  diese  Gewohnheit  wurde  auch  in  der  Volkssprache  beibehalten:  in 
allen  französischen  Wörtern  wurde  das  lange  e  an  entsprechender 
Stelle  —  welches  auch  in  der  eingeführten  Schriftsprache  seine  Qualität 
gewesen  sein  mag  —  durch  geschlossenes  e  wiedergegeben  (ersetzt), 
und  es  wurde  au  dieser  Aussprache  auch  festgehalten,  als  durch  Ab- 
fall der  unbetonten  Schlußsilbe  diese  Wörter  sich  in  Oxytona  ver- 
wandelten und  ihre  letzte  Silbe  geschlossen  wurde.  Jedes  neu  auf- 
genommene Wort  wurde  (und  wird  noch  heute)  nach  diesem  Laut- 
substitutionsgesetz umgestaltet  2), 

Bemerkung:  Entspricht  in  den  Mundarten  dem  franz.  ^  ein 
anderer  Vokal  als  e,  so  ist  dieser  Vokal  in  den  allermeisten  Fällen 
lang,  so  daß  es  begreiflich  scheint,  daß  gerade  die  Länge  dieses 
."  als  das  Charakteristische  herausgefühlt  wurde  und  nicht  etwa  seine 
Qualität,  vgl.  im  Atlas  ling.  die  Karten:  18,  aile  (ä/a),  169,  braise 
{hraze^  hrZzd)^  221  chaine  (tsäna),  744  laine  {läna),  989  peigne  {pulo) 
etc. 3). 

In  den  Mundarten  ist  das  e  in  der  hier  in  Betracht  kommenden 
Stellung  das  Ergebnis  besonders  zweier  latein.  Lautgruppen: 

«)  ä  -f-  palatal*)  vgl. :  %e^;o  =  bleich^)  (Byland,  §4),  fetd  =  faite 


1)  Ausnahmen  vor  r  siehe  S.  720 flf.  Im  übrigen  habe  ich  nur  die  folgenden 
notiert:  in  Byland:  kretr?  =  croitre  (§56),  (sonst  meist  kurz:  kretra,  mein  = 
maitre  {§  85),  megro  =  maigre  (§  73),  trezd  =  13,  sez9  =  16  (§  90);  in  Urtel: 
rts  =  scie  (in  Bevaix),  ev9  =  eau  (in  Lignieres,  Cressier  und  Landeron);  in 
Häfelin :  Fribourg:  megru,  egru  im  Greyerzer  Dialekt  (S.  15)  e&ela  =  etoile, 
,ev7-a  =  \\hvre  etc.  <|  sonst  im  Freiburgischeu:  a«,  «J/ :  Za«ura  etc.  >  in  Gauchat : 
Dompierre:  tsdvf&ru  =  capistru  (§  41)  [Andere  Formen  dieses  Wortes  siehe 
bei  Jaberg:  Assoziative  Erscheinungen  §  13],  metra  =  maitre  (§  101).  —  Das 
ü  in  etäla  (Landeron)  kommt  hier  wohl  nicht  in  Betracht. 

2)  Unerklärlich  ist  mir  die  Tatsache,  daß  gewisse  franz.  Lehnwörter  in 
den  Dialekten  der  Westschweiz  e  haben  sollen,  wie  careme  (Atl.  ling.  Karte  200) 
crete  (K.  254). 

3)  Vgl.  auch  1  in  tlta  etc.,  S.  720. 

4)  Ich  übergehe  die  Beispiele,  wo  das  e  heute  im  Auslaut  steht,  wie  le  = 
*ac,  fe  =  fais  etc. 

5)  Wenn  byevo  wirklich  auf  das  von  Schuchardt  (Zeitschr.  f.  rom.  Phil.  XVIII, 


720  ^-  Wißler 

(Byland,  §  109),  pünezd  =  punaise,  }y9  =  aigle,  pxede  vous  plaisez, 
lese  =  laiöse,  flza  =  je  fais,  beze  =  il  baise,  d2ebd  =  (ia.ge  (Gauchat: 
Dompierre  §§  17 — 21).  Vgl.  auch  die  Karten  aigle,  punaise  des  Atl. 
ling^). 

ß)  e  -^  8  kons,  ergibt  in  einem  großen  Teil  der  Kantone  Neuen- 
burg und  Waadt  und  im  Kt.  Genf*)  f;  in  der  übrigen  Schweiz  et/  (in 
Blonay  nach  Odin,  in  Vionnaz  nach  Gilli^ron)  oder  i,  vgl.  Odin  : 
Phonologie,  S.  40,  Urtel  :  Neuchätel  S.  17,  Häfelin  :  Neuenburg,  S.  16—20, 
Häfelin  :  Frei  bürg,  S.  19,  Gauchat :  Dompierre  §§  30,  37,  41.  Byland 
§§  9  und  14,  Gillieron  :  Vionnaz,  S.  29  und  die  folgenden  Karten  des 
Atl.  ling. :  arete,  bete,  tete,  fenetre,  besonders  an  den  Punkten  936 
(Bernex),  937  (Gingins),  40  (Le  Pont),  52  (Les  Ponts  de  Martel). 

Bemerkung:  Man  könnte  gegen  die  obigen  Ausführungen  den  Ein- 
wand erheben,  daß  in  den  Gegenden  wo  statt  bl-ta,  feta,  f^ietra  etc. 
hita,  fnitra  etc.  gesprochen  wurde,  die  Beispiele  mit  e  <C  vielleicht  doch 
nicht  so  stark  über  die  mit  e  <<  überwiegen,  daß  eine  allgemeine 
Tendenz  daraus  entstehen  konnte.  Nun  ist  aber  damit  zu  rechnen,  daß 
die  bevölkertsten  Städte :  Genf,  Lausanne,  Neuenburg,  La  Chaux- de- 
Fonds ^),  von  denen  aus  sich  das  Französische  ausbreitete,  in  der 
Mundart  auch  in  diesem  Falle  e  sprachen.  In  den  übrigen  Teilen 
des  Landes  wurde  dann  die  provinzielle  Aussprache  der  Städte  nach- 
geahmt. 

Nicht  so  allgemein,  wie  vor  den  übrigen  Konsonanten,  ist  in  dem  Volks- 
französischen die  geschlossene  Aussprache  des  e  vor  r  in  der  betonten 
Schlußsilbe:  In  der  Mundart  erscheint  e  in  ferd  =  faire  (Byland  §  4, 
Odin  :  Phonologie  §  34),  -px^r^  =  plaire,  tn-ra  =  traire  (Gauchat :  Dom- 
pierre, §  17,  Urtel  :  Neuchätel,  S.  9);  vgl.  feyre^  treyre^  pd'eyre  in 
Leysin;  e  vor  r  in  :  tera  (Byland  §  9),  veru  =  verre,  vera  =  voir, 
hrerd  =  croire  (ibid.  §  13),  yerd  (ibid.  §  55),  tomrd  =  tonneiTe  (ibid. 
§  123),  [dzerba  ■=■  gerbe,  tserdze  =  il  Charge  (Gauchat :  Dompierre, 
§  9),  trba  ==  herbe  (ibid.  §  29)]  pxffd  =  pierre,  pxjru  =  Pierre  (ibid. 
§  26\fyer3  =  ferir  (ibid.  §  28);  Odin  (Phonologie  §  51)  transkribiert: 
i«>6a],  A;rärß (croire),  2>f/ra( pierre),  fä?'a  etc.  Das  aus  tr,  dr,  rr  entstandene 
r  ist  aber  wahrscheinlich  in  allen  Mundarten  länger  (r)  als  das  von 
einfachem  r  abstammende,  wenn  auch  vielleicht  der  Unterschied  nicht 


S.  433)  angenommene  Etymon  für  afrz.  bloi:  *blaviu  zurückgeht  (??);  vi  sonst  = 
dz,  vgl.  Byland  S.  69. 

1)  Im  Wallis  ergibt,  nach  Angaben  von  Prof.  Gauchat  diese  Lautgruppe 
teilweise:  i. 

2)  Auch  in  Herftmence  (Lavallaz  §  67). 

3)  Freiburg  hat  7,  vgl.  Häfelin.    Freiburg,  S.  20. 


Das  scliwcizeiische  Volksfranzösisch  721 

SO  auffällig  ist  wie  z.  B.  in  Leysin  oder  in  Diablerets  (vgl.  Jaberg : 
Assoziative  Erscheinungen,  S.  XII  und  auf  S.  68,  69  die  Beispiele: 
krär<>,  vüvd,  (=  voir)  fyllr^,  hjch'i))ünd  die  Verfasser  der  oben  zitierten 
Arbeiten  ihn  deshalb  nicht  erwähnen  Wenn,  wie  ich  vermute,  der 
Unterschied  zwischen  r  und  r  von  den  Dialektsprechenden  liberall 
empfunden  wurde  und  das  e  nach  ihrem  Gefühl  in  tera  gedeckt  war, 
wie  in  erba  etc.,  so  ist  leicht  zu  ersehen,  warum  die  franz.  Lehnwörter 
wie  perc,  mere,  necessaire,  conlraire,  barri^re,  tabatifere  in  der  Mund- 
art zu  den  Fällen  auf  -cro  geschlagen  wurden  (und  nicht  zu  denen 
auf  -erd).  Über  pera,  mera  (an  Stelle  der  lautgerechten  pära,  mära^ 
vgl.  Tappolet  :  Verwandtschaftsnamen,  S.  19,  Gillieron  :  Vionuaz,  S.  IV, 
Gauchat:  Dompierre,  S.  5  und  Bulletin  du  Glossaire  1902,  S.  9  und 
die  Karte  841  des  Atlas  ling. ;  nasaseru,  kotrhii,  baryera,  tabatyera  vgl. 
Gauchat :  Dompierre,  S.  21.  —  So  lange  das  Volksfranzösische  den 
S.  34  erwähnten  eigentümlichen  Wortrhythmus  beibehält,  was  besonders 
auf  dem  Laude  in  den  Kt.  Freiburg  und  Waadt  der  Fall  ist,  so  bleibt 
zwischen  üra  und  fera  derselbe  Unterschied,  wie  in  der  Mundart;  daher 
erscheinen  auch  hier  wieder  faire,  pere,  sinc^re  etc.  mit  e:  fere,  se 
tere  (Ceresole  :  Scenes  vaud.,  S.  35),  affere  (Gorgibus  :  Frederi  .  .  ., 
S.  181),  fei'(Maitre  phonetique,  avril  1905,  S.  62);  son  pere  et  sa  mere 
ont  mauvaise  tete  (Cercsole  :  Scenes  vaud.,  S.  35);  sincere  (Gorgibus: 
Cabotzet  .  .,  S.  92),  vipere  (Gorgibus: Frederi  .  .,  S.  163)  colere  (Gorgi- 
bus. ibid.,  S.  127).  —  Wo  aber  das  unbetonte  Schluß-c?  abfällt,  wie  in 
der  Stadt  und  bei  den  gebildeteren  Kreisen,  da  ist  der  Unterschied 
zwischen  v  und  v  in  ter  und  fer,  per  kaum  mehr  fühlbar  und  ver- 
schwindet ganz.  Auf  dieser  vorgerückteren  Stufe  der  Volkssprache 
wird,  vielleicht  nicht  ohne  den  Einfluß  der  schon  existierenden  Fälle 
mit  e  vor  r  in  betonter  geschlossener  Endsilbe  (wie  ter),  die  offene 
franz.  Aussprache  des  e  (in  faire  (fer)  pere,  sincere,  bergere  etc.)  rascher 
verbreitet,  als  vor  andern  Konsonanten  (wie  in  meme,  kiine,  tete  etc.). 

Um  diese  Erörterungen  nicht  noch  mehr  auszudehnen,  verzichte  ich 
auf  die  Darstellung  aller  Fälle,  wo  zwischen  Volks  und  Schriftsprache 
nicht  nur  in  bezug  auf  die  Qualität  des  betonten  e,  sondern  auch  in 
bezug  auf  dessen  Quantität,  Unterschiede  bestehen,  guepe  <^  franz. 
gep  >•  lautet  z.  B.  in  La  Chaux-de-Fonds  gfp,  in  der  Mundart  unpa 
(vgl.  Atl.  ling.  K  672),  vu/ppa,  voiieppa  bei  Bridel. 

Wie  dies  Beispiel  zeigt,  besteht  für  das  volkstümliche  Sprachbe- 
wußtsein neben  langem  geschlossenem  betontem  e^)  nur  kurzes  offenes 
e  in  betonter  geschlossener  Endsilbe.  Auch  diese  letztere  lautliche 
Besonderheit  —  die  unser  Volksfranzösisch  mit  dem  Schriftfranzösischen 
gemein  hat  —  ist  in  den  frankoprovenzalischen  Mundarten  begründet, 

1)  Mit  der  erwähnten  Ausnahme  vor  r. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  46 


722  ö.  Wißler 

indem  in  den  meisten  von  ihnen  das  kurze  betonte  e  in  geschlossener 
Silbe  offen  oder  wenigstens  halboffen  klingt,  vgl.  Gauebat :  Dompierre 
§  29  {ptrtsd\  §  41  {tsäbeta)  §  42  {pedza  und  sitsd,  das  nach  §  106  nach 
setsd  hin  tendiert);  vgl.  aucb  Byland  §  14  {petsd  etc.),  Urtel,  S.  16  und 
21,  Häfelin :  Neuenburg,  S.  21  ff.,  Freiburg  S.  15  und  21,  Odin,  §  73. 

B.  Beibehaltung  anderer  Spraehgewohnheiten. 

I.  Abfall  des  Schlusskonsonanten. 

Nach  Odin:Phonologie  (§§  240,  250)  und  Byland  (§§  61-65) 
fallen  in  einem  Teil  der  waadtländischen  Mundarten  lateinisch  inter- 
vokale Konsonanten,  nachdem  sie  in  den  romanischen  Auslaut  gelangt 
sind,  auch  unter  Bedingungen,  die  im  Französischen  diesen  Schwund 
nicht  herbeiführen,  vgl,  die  folgenden  Beispiele: 

a»  =  oeuf,  ba°  =  boeuf,  tardü  =  tardif  (Byland  §  62),  pa*  =  poil, 
fj  =  fil,  et^ayrü  =  ecureuil,  eterue  =  eternel  (Byland,  §  64);  tse  = 
eher,  aväe  =  avoir,  meyä°  =  meilleur,  sü  =  sür  (Byland,  §64);  sia  = 
sac,  se  =sec;  to  =  tour,  tse  =  char  (Byland,  §65);  so  =  sourd,  tä  = 
tard,  nye  =  nerf,  ve  =  vers,  to  =  le  tour,  dzo  =  jour,  avri  =  avril 
(Byland,  §  73)-,  avwe  =  avec,  wä"  =  miel  (Byland,  §  84)^). 

Dieselbe  Erscheinung  in  der  Volkssprache: 

.  .  „c'est  plus  naturet  [natüre  für  naturel]  que  la  nature"  (Gorgi- 
bus '^) :  Cabotzet  .  .,  S.  8);  „des  tunnets  [=  tunnels]  en  toile"  (ibid. 
S.  19);  „.  .  un  rüde  [tres]  joli  journat  [Journal]  .  ."  (ibid.  S.  93); 
,,eü  plein  soleit  [soleil]  (Gorgibus  :  Fredöri  .  .  .,  S.  159);  „conset 
[=  conseilj"  (Monnet :  Favey  .  .  .,  S.  43);  „qui  n'a  rien  su  voi  [voirj, 
qui  prend  des  vessies  pou  [pourj  des  lanternes".  (Gorgibus  :  Cabotzet, 
S.  9)  „Y  [il]  vaut  mieux  ne  pas  continue,  kä  je  me  fächerais". 
(Gorgibus  :  Cabotzet,  S.  9) ;  „le  beau  sesque  [sexe]  est  toujou  [toujours] 
le  beau  sesque."  —  „Le  tieu  [coeur],  ga  reste  toujou  jeune"  — 
„.  .  mais  ce  qu'ils  sont  voleu  [voleurs]  ces  poisous  d'Africains".  (ibid. 
S.  11);  „Je  800  [sors]  ma  bourse"  (ibid.  S.  12);  „c'etait  des  miroi 
(miroirs)";  dehoo  [dehors]  (S.  17)  „brouille  a  moo  [mort]"  (S.  57);  la 
chai  [chairj  (S.  93) ;  hive  [hiver]  (S.72);  pas  pu  veni  [venir]  (Gorgibus  : 
Frederi,  Fanchette,  Bocanet  et  C^^,  S.  27);  trafi  =  trafic  (ibid.  S.  59); 
Fred6ri  =  Frederic  (ibid.  Titel). 


1)  Vgl.  auch  dieK<arten  des  Atlas  ling.,  z.B.  poil  (1044),  fil  (567),  soif, 
(1237),  fort  (.592),  four  (602). 

2)  In  den  Werken  von  Gorgibus  etc.  ist  die  Wiedergabe  der  Laute 
natürlich  eine  sehr  ungenaue  und  inkonsequente.  Dem  Autor  ist  es  nur  darum 
zu  tun,  komisch  zu  wirken.  Wollte  er  jedes  Wort  (nach  seiner  Transkription) 
möglichst  genau  wiedergeben,  so  wäre  die  Lektüre  für  die  Mehrzahl  der  Leser 
zu  mühsam. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  723 

Vgl.  ferner  im  Maitre  phouetique,  avril  1905  (S.  62):  pr9fe8()e,  V9ni, 
sawa  [ijiavoir]  rapo  [rapport],  iiv§  nu  [avec]  kütona  [cantonal],  davi 
[DavidJ  elc.  und  die  von  Cer^sole  (Scenes  vaud.,  S.  36)  zusammenge- 
stellten Beispiele. 

Die  gleichzeitige  Existenz  zweier  entgegengesetzter  Tendenzen  (der 
hier  und  der  unten  erwähnten)  gibt  Anlaß  zu  merkwürdigen  Doppel- 
formen'): avec  lautet  einmal  avf :  in  „avet  un  mossieu"  [monsieur] 
(Gorgibus :  Fredöri  .  .,  S.  158),  ein  andermal  „aveque  ga"  (ibid.,  gleiche 
Seite)  —  notra  pe  [p6re]  spricht  auch  der  S.  839  erwähnte  Pfarrer: 
daneben  existiert  die  Aussprache:  pera,  vgl.  S.  721. 


II.  Wortrhythmus. 

Die  frankoprovenzalischen  Mundarten  besitzen  viel  mehrParoxytona 
als  das  Französische,  da  sie  den  unbetonten  Schlußvokal  viel  häufiger 
beibehalten  als  dieses.  Vgl.  Odin :  Phonologie,  §§  198—210,  Byland, 
§§  44—47,  Häfelin  :  Neuenbürg,  S.  40—48,  ürtel :  Neuchatel,  S.  36  ff., 
Gauchat :  Dompierre,  §§  95—105,  Häfelin  :  Freiburg,  S.  34if.,  welchen 
die  folgenden  Beispiele  entnommen  sind: 

monnaie  :  munayd^  aile  :  nla,  goutte  :gota,  feuetre :  fdnltra,  piece  :  p'isd, 
mouche  :  mqtsd^  beurre  :  huro^  je  porte  iporto,  äge  :  adzo,  verre  :  väru, 
\e\if :  vevu,  ils  vendent  :  vädö  etc. 

Die  Volkssprache  behält  diesen  Wortrhythmus  bei:  Die  Waadt- 
länder  und  Freiburger  besonders  haben  die  Gewohnheit,  an  jedes 
französische,  auf  einen  Konsonanten  ausgehende  Wort  ein  -9  anzu- 
hängen, insofern  dieser  Konsonant  nicht  nach  der  S.  722  gegebenen 
Kegel  fallen  gelassen  wird^):  Vgl.  Ceresole  :  Scenes  vaud.  S.  35  Oh, 
j'ai  une  soife,  mais  une  soife!  Quel  air  vife.  En  casse  de  malheur. 
Ibid.  S.  36:  Aou-vu  [avez-vous  vu]  mon  saque  [=  sacj.  —  Z9  termin » 
la  prezat;  däz  ün.)  foel;  sa  vuz  eteresa  da  .  .;  (xn  om.>  do  sört  [sorte 
=  qualite  superieure];  kom>  de  fräse;  si  t^l8ma.;  ce  pce  tro  vit,>. 
(A.  Haller  im  Maitre  phouetique,  avril  1905).  Graugier  (F)  bemerkt: 
On  ajoute  sottement  un  e  „accentue"  (das  heißt  wohl :  prononee)  oü  11 
n'en  existe  point :  Alfrede,  toure,  voire,  finire,  Friboure,  fore  [fort]  und 
ebenso  in  tete,  ville,  boutique,  Philippe  etc. 


1)  Durch  das  Bestehen  zweier  analoger  Lauttendenzen  ist  die  Koexistenz 
von  Formen  wie  tribuna  und  miele  im  Italienischen  zu  erklären. 

2)  Alle  in  dieser  Arbeit  gegebenen  Beispiele  sind,   wenn  sie  nicht  einem 
Satze  eingegliedert  sind,  als  Pausaformen  gedacht. 

46* 


724  ^-  Wißler 

C.  Missgriffe  infolge  Mangels  einer  festen  Sprachgewolinheit. 

Besteht  weder  in  der  Mundurf,  nocli  iu  der  Schriftsprache  in  beziig 
auf  das  Vorkommen  eines  Lautes  eine  allgemein  gültige  Gewohnheit, 
so  erzengt  das  im  Sprechenden  Unsicherheit  im  einzelnen  Fall.  —  So 
ist  der  Vortonvokal  im  Französischen  bald  e,  bald  9;  auch  die  Mund- 
arten schwanken  zwischen  beiden,  vgl.  Byland  §§  36— 39,  Odin  :  Phono- 
logie  §§  140—146,  Gauchat :  Dompierre  §§  85  und  86:  manä  neben 
kr^evä  [e  =  mittleres  e].  —  In  der  Volkssprache  schwankt  daher  die 
Aussprache  bei  einzelnen  Wörtern.  Vgl.  mesurer  (F)  =  mesurer,  serin 
(F),  dehors  (V),  velin  =  velin  (F,  V),  leton  (N)  =  laiton.  Bei  den 
folgenden  Beispielen  kann  auch  die  mundartliche  Form  mitgewirkt 
haben:  cretin  (F,  V)  =  cretin,  iu  der  Mundart :  cre^m  (Bridel) ;  grelon 
(Nj  V)  =  grelon,  in  der  Mundart :  ^re^o?«  (Bridel);  resin  (F)  =  raisin, 
in  der  Mundart :  r^e  (Gignoux  :  Terminologie  IU,  §37):  secher  (G)  = 
secher,  in  der  Mundart  setzi  (Bridelj  u.  s.  w. 

D.  Vereinzelte  Entstellungen: 

1.  durch  Volksetymologie  :  patalons  =  pantalons  (Gorgibus :  Fr6- 
deri .  .  .  S.  102)  nach  patte(G,N,F,  V)  =  chiffon,  morceau  de  vieux  linge, 
cf.  patta  (Bridel);  aigledon,  egledon^)  (G)  =  6dredon,  nach  aigle; 
flutaine  (K.  Morax  :  Dime,  S.  15)  =  futaine,  nach  flute  [?];  primbeche 
(G,  V)  =  pimbeche,  nach  prim  <C  i^re  >  (Bridel)  ==:  mince,  fin  [??]; 
2.  durch  Assimilation :  cauegon^)  (F,  N)  =  calegon ;  3.  durch  Dissi- 
milation :  calonnier  (G)  =  canounier;  fievre  celcbrale  (V)  =  f.  cere- 
brale; feutre  wird  auf  ähnliche  Weise  zu  fleutre  (V,  Auvernier)  wie 
in  der  Mundart  tabula  zu  trablla  (Bridel).  [Vgl.  hierüber  L.  Gauchat 
in  Korn.  Forsch.  XXIII,  p.  871]. 

E.  Archaische  Aussprache. 

Archaische  Aussprache  scheint  unabhängig  von  der  Mundart  er- 
halten in:  api)rentif :  apprenti  (G,  V,  F,  N;  vgl.  auch  :  A.  Frangois  :  Les 
provincialismes  de  J.  J.  Rousseau);  bericles  =  besicles  (F);  ouste  (G, 
N),  aouste,  aoute(F)  =  aoüt.  Die  Mundarten  der  Schweiz  haben  u 
oder  M^,  vgl.  Atl.  ling.  (Karte  47). 

Anmerkung:  Formen,  die  durch  falsche  Lesung  entstanden  sind, 
sind  bei  uns  wie  iu  Frankreich  verbreitet:  rododadrn  (Neuenbürg)  für 
rhododendron,  gazcer  für  gageure,  egize  für  aiguiser  (vgl.  Atl.  ling. 
Karte  16,  Pkt.  227;,  etc. 


1)  Vgl.Koussclot:Modificatiüiis  . .  S.  'iy)e(jrodö  und  Atlas  ling.,  Karte  duvet 
(430),  Pkt.  275. 

2)  Vgl.  Roiissolof.  Moclificatiüüs  ,  .  .  (S.  20):  hansd. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  725 

F.  Lautsubstitiition  in  numdurtlichen  Lehnwörtern, 

Infolge  der  in  den  vorigen  Kapiteln  beschriebenen  lautlichen  Vor- 
gänge wird  zwar  der  Lautstand  der  Volkssprache  dem  der  Mundart 
genähert,  aber  keineswegs  mit  ihm  identifiziert.  Laute,  die  als  solche 
der  Schriftsprache  ganz  fremd  sind,  werden  —  durch  Laul Substitution, 
vgl,  aä  etc.,  t^  etc.  S.  715  AT.  —  nur  wenige  von  der  Volkssprache 
übernommen  und  verschwinden  dort  nach  und  nach.  Somit  müssen 
auch  die  mundartlichen  Lehnwörter  dem  Lautstand  der  Schriftsprache 
(genauer:  der  Volkssprache)  ange])aßt  werden.  Unverändert  können 
sie  nur  aufgenommen  werden,  wenn  ihre  Laute  in  der  Schriftsprache 
vorkommen:  l-afino  (Gauchat :  Montagne  neuchäteloise) :  eafignon  (N)  = 
soulier  de  lisiöre;  tnJö  (Gauchat  :Montagne  neuch.) :  toulon  (F,  N)  = 
bidon;  cassei)i  (Bridel)  :  cassin  (G,  V,  N,  W)  =  contusion;  broustou 
(Bridel)  :  broustou  (G,    Dupertuis  :  Loc.  vic.)  =  gilet  de  flanelle,  etc. 

Im  übrigen  erfolgt  —  insofern  die  Laute  nicht  gemäß  dem  Ent- 
sprechungsbewußtscin^)  ersetzt  werden  —  einfach  Lautsubstitution,  d.h. 
der  mundartliche  Laut  wird  durch  den  nächstverwandten  der  Schrift- 
sprache verdrängt.  So  wird  waadtländisches  nya'>  (Byland  §  26)  zu 
niau  <;;  il)  >  (Duj)ertuis  :  Loc.  vic.)  =  amas,  quantite;  mciHlzo  By- 
land, §  8)  :mege  (V)  =  charlatan;  fraeza  (Byland,  §  71)  :  fraise  = 
Krümchen  (F.). 

G.  Lautentsprechung. 

Das  Wesen  der  Lautentsprechung  ist  auf  S.  708  erläutert.  Zwischen 
den  Lauten  der  Mundart  und  der  Schriftsprache  entsteht  ein  Ent- 
sprecbungsbewußtsein  um  so  leichter  als  sehr  viele  Worttypen  beiden 
Idiomen  angehören. 

Zwischen  dem  Frankoprovenzalischen  und  dem  Französischen  sind 
konsonantische  Entsprechungen  viel  häufiger  als  vokalische,  da  die 
Entwicklung  der  Vokale  sich  in  beiden  Idiomen,  infolge  der  Einwirkung 
umgebender  Laute,  stark  differenziert  hat. 

1.  DenWs  und /s  im  Waadtländischeu  entspricht  das  franz.  .s,  vgl.  in 
Odin  :  Phonologie  §§  310,  312,  313  und  bei  Byland  §§  52  und  G5  die  folgen- 
den Beispiele:  tsä  :  champ,  Ul  :  chez,  tsä{r)  :  char,  tsö  :  chaud,  tsdme  : 
chemin,  ^s^^a  :  chose;  motsa:  mouche,  ^;a?Sc> :  vache,  /or^se  :  fourche ;  Ue  : 
eher,  ts'ivra  :  chevre,  etc. 

2.  Desgleichen  entspricht  dem  mundartlichen  dz  oder  dz  ein  franz. 
z,  vgl.  Odin  :  Phonologie  §§  225,  335,  342,  345,  Byland  §§  52,  54,  69: 
dze  :  gens,  dznta  :  joue,  verdze  :  verge,  rodzo  :  rouge,  dzame  :  jamais  etc. 

3.  Dem  X"^)  oder  ^i  ein  kl,  vgl.  Odin  :  Phonologie  §  257,  Byland, 
§  56  :  Aä  =  elef,  Xu  =  clou,  „serltlyo'-''  =  cercle,  etc. 

1)  Vgl.  den  folgenden  Abschnitt. 

2)  Dem  gleichen  Laut  entspricht  fl  in  Idyäma  =:  flamme,     Idyaw  ==  fleiir 
(Odin,  §  255). 


726  G"-  Wißlcr 

Mittels  solcher  Entsprechungsregeln  werden  die  mundartlichen 
Lehnwörter  in  der  Volkssprache  umgeformt  (französisiert): 

Ad.  1:  wo^sow  (Bridel) :  mochon  (N);  mouchon(V)  =  bout  de  chan- 
delle,  trontze  (Bridel)  :  tronche  (F)  =  tronc;  crotzon  (Bridel) :  crochon 
(G,  V,  N,  W)  =  croüton;  kritscha  (Bridel):  crcche  (F,  N)  =  hotte; 
tsäbrulö  (Gauchat :  Patois  de  laMontagne  neuchät.)  =  chambroulon  (N) 
=  balängoire;  ^soZr«  (Gauchat :  Val  de  Ruz):choquet  (Pierrehumb.)  = 
grappe  de  fruits  etc. 

Ad  2  :  cordzon  (Bridel)  :  corgeons  (V)  =  bretelles;  dsingä,  dzingä 
(Bridel)  :ginguer  (G,  N,  V)  =  folätrer;  londjoula  (Bridel):  longeole 
(G)  =  andouille;  djerla  (Bridel)  :  jerle  (N)  =  tine,  etc. 

Ad  3:  Jdlamo<Ckamo'>  (Bridel) :  clämeau  (V)  =  crachat;  hllesein^ 
hlloson  (Bridel) :  clousin  (F:Suppl.)  [aber  auch  •.hllotta^)  (Bridel): flotte 
(G)  =  ^cheveau]. 

Die  Eutsprechuugsregeln  dienen  umgekehrt  auch  d?izu,  franz.  Lehn- 
wörter der  Mundart  anzupassen  :  So  erscheint  franz.  „chiquer"  =  Tabak 
kauen  bei  Bridel  als  tsika\  „chiquet"  als  tsiket;  „jaquette  ah  dzaketta  eic. 

Die  Wirkung  der  Entsprechungsregeln  ist  keine  absolute.  Nament- 
lich auf  dem  Lande  begegnet  man  häufig  Provinzialismen  in  mundart- 
licher Gestalt.  Vgl. z.B.  crotchou  (Wj,  moutson(F),  kritse  (inBex)  etc. 

Außerdem  gibt  es  eine  Reihe  mundartlicher  Wörter,  die  in  der 
Volkssprache  die  mundartlichen  Laute  konsequent  beibehalten: 

^sq^«/roM (Bridel) :  tsaffairu  (F:  Supplement)  =  feu  de  joie,  le  soir 
des  Brandons;  djaillot^  (Pierrehumb.)  =  weißgestreift  [von  Tierfellen ], 
Yg].djaillo  (Bridel) ;  vieudge^)  (N),  s.  m.  =  serpe,  vgl.  viaudjo{BT\dQ\).  — 
Diese  Ausdrücke  sind  nur  der  Landbevölkerung  eigen.  —  djomna, 
in  der  Freiburger  Mundart  :  djoume  (F)  =  femme  ridiculement  vetue; 
badz  in  der  Mundart  von  La  Brevine  :  badje  (N)  =  abattu;  cotzchon, 
cotzon  (Bridel)  =  nuque  bleibt  wohl  meist  cotzon  (V.  F),  um  die 
gefährliche  Homonymie   zu  vermeiden,   vgl.  aber  G:cochon. 

H.  Falsche  Bückbildnngeii. 

Über  falsche  Rückbildungen  französischer  Worttypen  aus  der 
Mundart  auf  Grund  der  Entsprechungsregeln,  siehe  S.  755  die  Fälle 
lerger,  chatagne,  flot,  crochon  etc. 

Eine  andere  Art  falscher  Rückbildungen  möchte  ich  hier  er- 
wähnen: Spricht  jemand  ein  stark  von  der  Mundart  beeinflußtes  Volks- 
französisch und  kommt  er  in  ein  Milieu,  wo  dieses  sich  mehr  der  Schrift- 
S])rache  nähert,  so  werden  ihm  gewisse  allgemeine  Unterschiede  zwischen 
seinen  bisherigen  und  den  neuen,  für  ihn  mustergültigen  Sprachformen 


1)  Vgl.  Atl.  ling.  (Karte  1541)  fl^ta  (in  Savoyen). 

2)  Vgl.  vyodzo  „Bulletin"  1906,  S.  40  (mit  Abbildung). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  727 

iiuffallen  und  zwischen  je  zwei  entsprechenden  Aiisdrucksformen  wird 
ein  Entsprechiiugsbewußtsein  entstehen,  von  dem  er  sich  leiten  läßt, 
wenn  er  seine  bisherige  Sprechweise  korrigieren  will.  Du  nun  aber 
auch  diese  Entsprechungsregcln  nicht  in  allen  Fällen  zutreffen,  so 
werden  Sprachformen  gebildet  werden,  welche  weder  durch  den  Ein- 
fluß der  Mundart,  noch  durch  den  der  Schriftsprache  direkt  erzeugt 
worden  sind').  So  ist  „parapel"  (N)  eine  Folge  des  Bewußtseins,  daß 
einer  falschen  Endung  -"  eine  richtige  -^1  entspreche,  in  Fällen  wie 
„tunnet",  „naturet"  etc.  (vgl.  S.  722).  In  gleicher  Weise  erklären  sich 
toil  (G,  N)  =toit,  compar  (F:Suppl.)  =  compas.  Desgleichen  glaubt 
der  Sprechende  eine  provinzielle  Aussprache  zu  verbessern,  wenn  er 
durch  dieBeispiele  [äbro]  :abre:arbre,  [mäbre]:miihYe  :marbre  verführt, 
sabre  in  sarbre  verwandelt  (F,  N).  —  Kann  auch  zere  (G,  N,  F,  Cer6- 
sole  :  Sc.  vaud.,  S.  35)  als  eine  falsche  Rückbildung  eines  für  mund- 
artlich gehaltenen  zero  (mit  unbetonten  o!)  nach  den  Beispielen  omo: 
homme,  ö^ro  :  autre,  etc.  erklärt  werden? 

Anhang.     Agglutination  und  Deglutiuation. 

Über  Agglutination  und  Deglutination  in  den  frankoprovenzalischen 
Mundarten  schrieb  E.  Tapi)olet  im  „Bulletin  du  Glossaire"  1903, 
S.  3 ff.,  22 ff.,  37 ff". 2).  Auf  diese  Arbeit  beziehen  sich  die  Hinweise  im 
Folgenden.  -  Auch  die  hier  besprochenen  Bildungen  sind  zum  größten 
Teil  lexikalische  Entlehnungen.  Wo  kein  Beispiel  aus  den  Mundarten 
vorliegt,  (z.  B  bei  l'abanlieue)  ist  selbständige  Bildung  in  der  Volks- 
sprache anzunehmen. 

Beispiele:  1.  Typus  ,.lendemain"  : /«  Iota  (Gignoux  ü,  §  14, 
Bulletin  1903,  S.8) :  la  lotte(G)  =  lahotte.  —  le  iuiset3)(G)  [l'huiset]  = 
petite  lucarne.  —  la  luppe  (in  G,  als  terme  vaudois)  =  la  huppe.  — 
la  loirie  (G)  =  l'hoirie.  —  le  loquet  =  le  hoquet  (G,  F,  nach  Bulletin 
1903,  S.  13  auch  in  Neuenburg  und  nach  G  auch  parisien  populaire). 

2.  Umkehrung  dieses  Typus  (Deglutination  des  ,,1")  recrelet  =  le 
„lecrelet",  cf.  S.  99  und  Bulletin  1903,  S.  41. 

3.  Typus  „ra gl  an".  :o«a  yd*)  (Byland,  §  56,  Häfelin  :  Neuenbürg, 

1)  Gillieron  nennt  in  der  Revue  des  Patois  gallo-romans  I  (S.  30)  die  Form 
dixe  für  disque  (nach  luxe  statt  des  falschen  lusque)  eine  „forme  ä  rebours" 
oder  deutseh  :  „umgekehrte  Sprechweise". 

2)  Vgl.  auch  von  demselben  Verfasser:  „Zur  Agglutination  in  den  franz. 
Mundarten"  in  der  „Festschrift  zur  49.  Versammlung  deutscher  Philologen  und 
Schulmänner".  Basel  1907,  S.  324  ff.  und  Beispiele  aus  dem  Italienischen  im 
Grundriss  1  (2.  Aufl.),  S.  673,  ferner  Behrens'  Ergänzungen  zu  Tappolets  Arbeit 
in  Zeitschrift  für  rom.  Phil.  XXXII,  S.  11.5—118  und  Urtels  Aufsatz  in  der 
Festschrift  für  Vollmöller. 

3)  Vgl.  Atl.  ling.  Karte  porte  (1062)  Pkt.  476  z.  B. 

4)  Vgl.  Atl.  ling.  Karte  des  glands  (648). 


728  G.  Wißler 

S.  55):  [un]  aglan  (G),  cf.  Bulletin  1903,  S.  23  über  die  große 
Verbreitung- dieser  Bildung-.  —  [\a]  trein,  ^re«^?  (Bridel :  Vaud) :  l'atran, 
l'atrein,  s.  f.  (G)  =  trideut,  fourche  ä  trois  deuts^).  —  l'abanlieue  = 
la  banlieue  (G).  —  Schwanken  zwischen  la  pure  und  T apure, 
vgl.  S.  88. 

4.  Umkehrung  dieses  Typus  (Deglutination  des  l'a)  :  rabrdmeb 
(Gauehat :  Dompierre,  §  82,  vgl.  Bulletin  1903,  8.  42) :  la  bremelle  ou 
rabremelle  (F)  [von  sehwd.  Habermehl]  =  gruau  d'avoine.  — 

5.  Typus  „les  e com  es":  etenahlle^  s.  f.  pl.  (Bridel)  :  les  etenailles 
(G,  F,  N,  V)  =  les  tenailles.  (Vgl.  Bulletin  du  Glossaire  1903,  S.  25). 
Gehört  hierher  auch  eplateau  =  madrier  (N)?  Kein  Beispiel  im 
Patois! 

Zweifelhafte  Fälle:  Nach  V  sagt  man  für  huile  de  ricin :  huile 
d'^rixin.  Ist  auch  hier  für  das  Bewußtsein  des  Sprechenden  eine  wirk- 
liche Agglutination  anzunehmen  oder  deutet  die  Schreibung  in  V  nur 
die  Aussprache  d^  an? 

Eine  Verschmelzung  des  Eefiexivpronomens  mit  dem  Verbum  (in 
der  Volkssprache)  vermute  ich  in:  „Quand  il  a  s'agi  de  se  mettre  ä 
table,  rien  n'etait  pret.  (G)  „Quand  il  a  b'agi  de  payer  .  .  ."  (G,  N, 
vgl.  auch  Dupertuis  :  Loc.  vic).  il  s'agit  wird  als  ein  Wort:  il  „sagit" 
aufgefasst  und  davon  regelmässig  il  a  „sagi"  gebildet  (wie  il  faut,  il 
a  fallu).  Dieser  Vorgang  ist  nur  möglich,  wenn  der  nicht  sehr  häufige 
franz.  Infinitiv  „agir"  nicht  bekannt  ist. 


Zweiter  Teil. 
Morphologie. 

DieFlexionsforraen  einer  Sprache  sind  ihr  hauptsächlichstes  Charakte- 
ristikum^).  Die  Schule  legt  das  größte  Gewicht  darauf,  daß  die  Schüler 
sie  richtig  beherrschen.  Infolge  ihres  häufigen  Vorkommens  bleiben  sie 
leicht  im  Gedächtnishaften.  Die  formalen  Elemente  einerSprache  sind  nicht 
viel  mehr  als  bloße  kouventionelleZeichen,  ohne  großen  eigenenGehalt;  sie 
haben  keine  konkrete  Bedeutung  und  beschäftigen  weder  die  Einbildungs- 
kraft, noch  das  Gemüt.  So  ist  es  erklärlich,  daß  beim  Übergang  zur  Schrift- 
sj)raclie  die  Flexionsformen  der  Mundart  rasch  und  vollständig  aufgegeben 


1)  cf.  F  trin,  s.  f.  und  aträ  (Bernox)  im  „Bulletin"  1904,  S.  36. 

2)  Die  Formen  bilden  auch  tür  E.  Kitter  das  Kriterium  für  die  Unter- 
scheidung von  Schriftsprache  und  Mundart.  Vgl.  Documents  de  la  Sociötö 
d'liistoire  et  d'archöologie  de  Geneve  T.  19,  S.  12. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  729 

werden  und  in  der  Volksspraclic  nur  geringe  Spuren  zurücklassen,  die 
librig-ens  nach  verhältnismäßig-  kurzer  Zeit  verschwinden. 

A.  Verbjil formen. 
I.  Die  Endungen. 

Entsprechungsbewußtsein:  Leichter  noch  als  zwischen  ein- 
zelnen Lauten  kommt  ein  Entsprechungsbcwußtsein  zustande  zwischen 
Lauten  und  Laulgruppen,  welche  die  nämliche  Funktion  bezeichnen.  So 
entspricht  der  Infinitivendung  -a  der  Mundart  im  franz.  -er  <  ?>  :  tsäta : 
chanter:  sa^tä  rsauter;  amdna  lauienereta.;  daher  schließen  sich  alledem 
Dialekt  entlehnten  Verba  auf  -a  der  franz.  -er-Konjugation  an  :  tsübrulä 
(Gauchat :  Patois  de  la  Montagne  neuchät.) :  chambrouler  (N)  =  balan- 
cer;  brcsola  (Bridel) :  br esoler  (G,  F,  V)  =  griller;  if;^/«  (Bridel)  :  beder 
(V)  =  rater,  etc. 

Desgleichen  entspricht  der  Infinitivendung  -I  (der  ersten  Konju- 
gation) das  franz.  -er  :  lesl  =  laisser,  katsi  =  cacher,  t3rt  =  tirer  und 
demnach  :  trotzig  trotschi  (Bridel):  trocher  (G)  =  taller;  ra/onc7 (Bridel): 
rafoncer  (V,  F)  =  precipiter  le  marc  du  cafö,  etc. 

In  gleicher  Weise  besteht  auch  ein  Entsprechungsbewußtsein  für  die 
Partizipien,  wie  weit  für  die  einzelnen  Formen  des  verbum  finitum, 
namentlich  für  die  lautlich  so  verschiedenen  Formen  des  Imperfektum, 
ist  schwer  zu  entscheiden. 

II.  Einzelne  Formen. 

Als  direkte  lexikalische  Entlehnung^)  aus  der  Mundart  oder  als 
Substitution  einer  Verbalendung 2)  sind  zu  betrachten: 

toussir  (G,  N,  V),  das  gemäß  dem  mundartlichen  iossi  (Dict.  sav.), 
tsi  (G),  der  -ir-  Konjugation  angehört.  (Vgl.  auch  :  Jaberg  :  Assoziative 
Erscheinungen,  S.  120). 

s  entu  (G,  N,  V,  Ceresole  :  Sccnes  vaud.  S.  42)  =  sentl ;  dialektisch  : 
satii^  sein  (vgl.  die  aus  Dompierre  [Gauchat],  L'Etivaz,  Diablerets, 
Lej'sin,  Blonay  [Odin].  Vionnaz  [Gillierou],  Heiömenoe  [Lavallaz] 
zusammengestellten  Formen  bei  Jaberg  :  Assoziative  Erscheinungen, 
S.  82,  83).  Die  mundartlichen  Formen  gehören  zu  einem  Infinitiv  6ö^/'3*) 
(Jaberg  :  loc.  cit.  72),  der  in  der  Volkssprache  ra.  W.  keine  Spur  hinter- 
lassen hat. 

repentu  (G,  N)  =  rei)enti;  in  der  Mundart  rapütil  etc.,  nach 
Jaberg,  loc.  cit.,  S.  82,  83,  zu  rdpätrd. 


1)  nach  1.,  S.  706. 

2)  nach  2.,  S.  707. 

3)  Dieses  sätrd   ist  in   der  Mundart   wohl    erst   unter    dem  Einfluß   eines 
primären  satii  entstanden. 


730  Cl.  Wißler 

rizu  =  ri  (G);  in  den  Mundarten  von  Dompierre  (Gauchat)  und 
Blouay  (Odin)  irizll,  vgl.  Jaberg  :  loc.  cit.,  S.  78,  79'). 

Für  falsche  Analogiebildungen  in  der  Volkssprache,  unter- 
stützt durch  eine  entsprechende  Form  in  der  Mundart^),  halte  ich: 

eteindu  =  eteint  (Monnet :  Favey  et  Grognuz,  S.  78),  nach  :  atten- 
dre  :  attendu,  ötendre  :  etendu,  etc.  und  dem  mundartlichen  dexedü  in 
L'Etivaz,  dexodu  in  Dompierre  (nach  Gauchat),  vgl  Jaberg :  Assoziative 
Erscheinungen,  S.  78,  79. 

ils  soustraisent  (G,  N,  V)  =  ils  soustraient,  nons  distraisons 
(F,  N,  Pierrehumb.)  =  di-strayons;  je  traisais  =  je  trayais  (Pierrehumb.), 
nach  den  Formen  von  taire,  plaire  und  den  mundartlichen  trezd  = 
tirent,  tr'^zä  =  tirons,  trczotvo  etc.  =  tirais  (in  Leysiu). 

Bemerkung:  Wie  dieselbe  analogische  Form  unabhängig 
in  Mundart  und  Volkssprache  entstehen  kann,  lehrt  das  folgende 
Beispiel:  „mettu"  statt  „mis"  sagen  (nach  einer  Mitteilung  von 
Herrn  Dr.  F.  Fankhauser)  die  Bauern  des  Val  d'Illiöz,  wenn  sie  fran- 
zösisch sprechen;  in  der  dortigen  Mundart  existiert  „mettre"  nicht,  man 
sagt  butä.  Dagegen  kommt  die  Form  trietii  in  der  Mundart  von  Here- 
mence  vor,  (vgl.  Lavallaz,  S.  242). 

Zweifelhaft  ist  die  Mitwirkung  der  Mundart  bei  der  Bildung 
folgender  Formen:  il  aye  (F),  il  aie'')  <  ey  >  iW^"  Mussard :  Petit- 
Jean,  S.  35,  41,  45  etc.),  =  il  ait;  il  soie*)  <  sway  >  (ibid.  S.  41), 
=  il  soit;  il  äplway  =  il  emploie,  il  krway  =ils  croient,  il  vway  = 
ilsvoient  (in Lausanne);  sie  sind  der  1.  und  2.  pers.  plur.  angeglichen.  Vgl. 
in  den  Mundarten  :  el  eyd  (Häfeliu  :  Neuenburg,  S.  89),  e  shijd  (Häfelin  : 
Neuenburg,  S.  92),  hy  (Lavallaz  :  Hercmence,  S.  245),  hrayo  =  je  crois, 
kräyö  =  croient,  vayö  =  voient.  Derartige  Bildungen  finden  sich  auch 
in  Frankreich,  vgl.  „.  .  pur  ko  tu  le  soes  [les  ceux]  ki  krway  ä 
Iwi  sway  pa  perdü,  me  pur  k  iz  ey  la  vi  eternel."  in  P.  Passy:Les 
sons  du  fran^ais,  S.  166:3,  Parisien  populaire-). 

Unabhängig  von  der  Mundart  ist  die  (auch  in  Frankreich  vorkommende) 
Bildung:  je  m'asseye  (G,  F,  N,  V),  as  seye- toi  (M"»®.  Mussard:  Petit- 
Jean,  S.  19)  s'asseyer  (G,  F,  N,  V).  In  der  Mundart  lautet  das  Ver- 
bum  s'assita  (Bridel)  oder  (häufiger)  aseta^).  Desgl.  ,;Je  va  t'apprendre" 

1)  Vielleicht  hat  sich  rizu  auch  halten  können,  weil  das  entsprechende  ri 
als  zu  kurz,  zu  „zwerghuft"  empfunden  wurde! 

2)  Nach  4.     S.  707. 

3)  Vgl.  Atlas  ling.  die  Karte  n'aie  pns  (peur)  (101),  Formen  ?y,  ey  etc. 

4)  Vgl.  Atlas  linj?.  (Karte  .'il7)  z.  B.  Pkt.  .f)l  sey,  Pkt.  937  .set/e,  in  Frank- 
reich :  Pkt.  251   sw.iy. 

5)  Risop    zitiert   (Zeitschrift    für  Rom.  Phil.  XXXI,  S.  675,    als  Formen 
aus  dem  Pariser  Volksfranzösiscli :  il  asseye,  il  soye,  ils  voyent,  eile  aye  etc. 

6)  Vgl.  Atl,  ling.,  Karte  1444 :  assieds-toi :  nsway  —  (Pkt.  903),  asita  —  \vl 
der  Schweiz  und  die  Karte  s'aascoir  (G2). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  731 

(Conrthion  :  Sccnes  val.,  S.  144).  Die  mundartlichen  Formen  vgl.  bei 
Jiiberg:  Assoziat.  Ersclieinungen,  S.  58 ff. 

Durch  die  größere  Zahl  der  Verba  auf  -er,  namentlich  in  Ab- 
leitungen ist  bedingt  der  Konjugat  Ions  Wechsel  in  empuanter  (G) 
für  empuantir,  faibler  (G)  für  faiblir*)  =  ceder. 

Infolge  der  Verwechslung  eines  seltenen  Verbums  mit  einem 
sehr  häufigen  sagt  man  in  G,  F,  N,  V  recouvert  für  recouvrö. 

B.  Nomina  und  Adjektiva. 

I,  Die  Bildung  des  Femininums. 

Durch  Entlehnung  sind  entstanden :  vert,  verde  (N)  :  var,  varda 
(Häfelin  :  Neuenburg,  S.  24).  Vgl.  auch  ve,  verda  (Gauchat :  Dompierre, 
S.  34,  Lavallaz :  Heremence,  S.  194). 

bleu,  bleuve  (Peter  :  Cacologie) :  ä/?«,  bhwa  (Bridel). 

Als  Analogiebildung,  unterstützt  durch  die  entsprechende  Dialekt- 
form halte  ich: 

pouliu:  pouline  (G),  poulaine  (G,  V);  in  der  Mundart  :/;o/im, 
'poltenna<i poie^  2)otena'>  (Dict.  sav.);  vgl.  auch  Atlas  ling.,  Karte  1070. 

Ohne  den  Einfluß  der  Mundart  sind  gebildet: 

nine  für  naine  (G,  N,  V)  (angelehnt  an  voiöin,  voisine,  eine  Bildung 
des  Femininums,  die  ungleich  häufiger  ist,  als  e-,  -Qn). 

enclinte  für  encline  (G,  F,  N,  V).  Das  Wort  ist  selten,  besonders 
das  Femininum,  dessen  Bildung  also  unsicher.  Wegen  seines  Präfixes 
(en-)  nähert  sich  enclin  in  seiner  äußeren  Gestalt  (wie  sonst  kein  Wort 
auf  •^)  den  Partizipien  der  Verba  auf  -eindre  und  -aindre  fenceint,  con- 
traint, etreint,  atteint,  empreint)  und  entlehnt  deshalb  leicht  deren 
Femininum-Bildung. 

Ahnliche  Missgriffe  sind  perclus,  perclue  (N),  camus,  camue 
(G).  Bildungen  -us,  -use  sind  im  Französischen  viel  seltener  als  -u,  -ue 
(exlu,  exclue  etc.).  Auch  die  Mundarten  schwanken  zwischen  -üsu  und 
-üva^  vgl.  Jaberg :  Assoziat.  Erscheinung.  S.  80  f.  —  saligaud  -aude  er- 
scheint bei  uns  als  saligot  -otte:  (G,  F,  N,  V,  St.  Imier).  Der  Grund 
ist  nicht  recht  ersichtlich. 

Das  im  Franz.  unveränderliche  Adjektiv  capot  bildet  in  der  Volks- 
sprache ein  Femininum  capotte  (G,  F,  N,  V). 

II.  Die  Pluralbildung. 

In  der  Mundart  verändern  die  männlichen  Substantiva  ihre  Form 
zur  Bildung  des  Plurals  nie,  vgl.  Lavallaz  (Heremence,  §  350)  und 
Bylaud  (§  87).     Der    unbewußten  Übertragung    dieser  Eegel    auf    die 

1)  Wenn  faibler  nicht  einfach  als  Neubildung  zu  betrachten  ist. 


732  G-  Wißler 

Volkssprache  verdanken  ihre  Existenz  Formen  wie  „les  gener ats" 
[=  gencraux]  (Gorgibus-Cabotzet  .  .,  S.  69).  [Die  Mundart  kennt 
überhaiiiit  keine  Wörter  auf  -al!].  Daneben  hört  man  auch  Singular- 
formen wie  le  travau,  le  chevau,  le  journau,  welche  direkt  die  mund- 
artliche Endung  enthalten  (vgl. /rayo  bei  Bridel,  ho  bei  Häfelin  :  Neuen- 
burg, S.  69). 

III.  Gesehleeht  der  Substantive. 

Die  Abweichungen  der  Volkssprache  von  der  Schriftsprache  er- 
klären sich  auch  hier  zum  Teil  durch  den  Einfluß  der  Mundarten  und 
zwar  durch  direkte  Entlehnung  und  zum  Teil  durch  Vorgänge,  die 
von  der  Mundart  unabhängig  siud^). 

So  werden  als  Feminina  u.  a.  folgende  Wörter  gebraucht: 

une  lifevre  (G,  F,  V,  N);  in  der  Mundart:  laevra,  s.  f.   (Byland, 

§  Sin 

la  poison  (G,  F,  V,  W);  in  der  Mundart  :  pwe<;5    (Byland,  §  70). 

une  serpent  (G,  F,  N,  V,  W),  in  der  Mundart:  serpe,  s.  f.  (Byland. 
§  87); 

la  sable  (F  :  Supplement),    in    der  Mundart :  saJ//a,  s.  f.  (Bridel); 

la  dimanche  (G,  V,  Courthiou :  Sc  val.,  S.  146);  in  der  Mundart 
dememtze^  s.  f.  (Bridel); 

une  saule  (G,  F,  V);  vgl.  in  der  Mundart  :  saz^c^/a,  sof?ee  (Bridel); 

les  bagnes  (N),  s.  f.  =  les  bains,  in  der  Mundart,  baqne^  s.  f.  = 
bain  (Bridel); 

la  cheneau  (N,  V,  Dupertius  :  Loc.  vic),  la  chenä  (G)  =  le  cheneau, 
in  der  Mundart :  c/i'^'wa«/,  tzenau,  s.  f.  (Bridel); 

iine  noyere  (F)  =  un  noj^er;  in  der  Mundart  noylrd  [neben 
noyi]  (Byland  §  5);    desgleichen  in  Auveruier  poiriere  neben  poirier; 

une  coudre  (ß.  Morax  :  Dirne,  S.  14),  statt  un  coudre  [Haselnuß- 
strauch]; in  der  Mundart  hUra,  kwdm,  ka°dra  (H.  Savoy  :  Flore  romaude, 
S.  141). 

la  minuit  (G,  F,  N);  in  der  Mundart  la  7inne  (Byland,  Glossar). 

Als   Masculiua: 

le  poire  (F,  N,  V)  =  la  poire,  in  der  Mundart :  2Ja?r9,  s.  m.  (By- 
land, §  87); 

huile,  8.  m.  (G,  F,  V),  in  der  Mundart:  oiiillo,  s.  m.  (Bridel),  ityo 
(Byland); 

charpi,  s.  m.  (G,  N)  =  charpie,  iu  der  Mundart :  c/^er/;/,  taerpi^ 
charpi^),  s.  m.  (Bridel). 


1)  Vgl.  zum  Folgenden  auch  La vallaz:  H6remcnce  S.  IflOund M.  Gabbu d 

et  L.  Gaucliat :  Melanges  bagnards  I  im  „Bulletin"  1908,  S.  3ff. 

2)  Vgl.  Atlas  liiig.  Karte  7G9. 

3)  Vgl.  sarpi,  s.  m  auf  der  Karte  1495  äes  Atl.  ling. 


Das  sclnveizerische  Volksfranzösisch  733 

un  noiiveau  (G^  N,  F,  V)  =:  une  iiouvelle,  in  der  Mundart:  novi, 
nove,  s.  ni.  (Pn-idcl). 

Vgl.  damit  die  Beispiele  aus  dem  Schweizerhochdeiitscheii:  der 
Bank,  das  Teller,  das  Ort,  das  Bleistift. 

Der  Analogie  verdankt  sein  Genus  :  le  glu  (G,  V,  N);  es  ist  neben 
bru  das  einzige  Femininum  auf  -u  im  Französischen. 

Missgriffe  infolge  Maiigeis  einer  festen  Kegel,  die  das  Geschlecht 
aus  der  Form  erkennen  ließe,  kommen  vor  bei  seltenen  Wörtern,  wie : 
un  gau  fre  (F,  N,  V),  un  fibre  (N),  un  purafe  (^N),  un  glaire  (G,  N)  etc. 

Dasselbe  gilt  von  den  folgenden  Beispielen;  doch  wird  die  Un- 
sicherheit liier  noch  dadurch  vergrößert,  daß  der  vokalische  Anlaut  es 
nicht  gestattet,  das  Geschlecht  weder  an  dem  bestimmten  Artikel  (T) 
noch  an  dem  unbestimmten  (an  >ün)  zu  erkennen:  une  exercice  (N),  une 
ongle,  un  entorse,  une  espace,  un  Image,  un  alcove  etc. 

la  raille  heißt  in  Neuenburg  die  Eisenbahnschiene  (franz.  le  rail). 
Das  Wort  kommt  meist  im  Plural  vor  und  selten  mit  einem  Adjektiv 
zusammen_,  so  daß  sein  Geschlecht  aus  dem  jeweiligen  Satzzusammen- 
hang nicht  häufig  zu  erkennen  ist.  Die  weiblichen  einsilbigen  franz. 
Substantive  auf  ay  (-aille  :  cuille,  maille,  paille,  taille  etc.)  sind  zahlreicher 
und  werden  häufiger  gebraucht  als  die  männlichen  (auf  -ail :  ail,  pl.  aux, 
bail,  pl.  baux,  mail)  und  haben  wohl  deshalb  das  unter  den  männlichen 
auch  wegen  seiner  Pluralbildung  fast  isolierte  rail  zu  sich  herübergezogen. 


Dritter  Teil. 

Wortbildung. 

A.  Zusamniensetzung. 

Im  Schriftfranzösischen  sind  zusammengesetzte  Wörter  selten;  in 
unsern  Mundarten  sind  sie  etwas  häufiger,  doch  nicht  so,  daß  ihre 
Häufigkeit  ein  besonderes  Merkmal  des  Fraukoprovenzalischen  wäre. 
Es  ist  also  kein  Grund  dafür  vorhanden,  daß  die  Volkssprache  an  der- 
artigen Bildungen  besonders  reich  sei.  Weitaus  die  meisten  zusammen- 
gesetzten Wörter  in  der  Volkssprache  sind  als  reine  lexikalische  Ent- 
lehnungen aus  der  Mundart  nachzuweisen. 

In  den  meisten  Fällen  wird  das  Wort  in  seiner  mundartlichen  Form 
herübergenommen,  d.  h.  die  einzelnen  Teile  werden  nicht  ins  Franzö- 
sische übersetzt,  sondern  nur  dem  franz.  Lautstand  angepaßt.  Es  wäre 
aber  falsch,  anzunehmen,  daß  zur  Zeit  des  Sprachwechsels  das  Wort  in 
allen  Fällen  nicht  mehr  als  Zusammensetzung  gefühlt  wurde,  oder 
daß  die  franz.  Entsprechungen  der  einzelnen  Teile  nicht  bekannt  waren. 
Es  scheint  mir  vielmehr,    daß  durch  eine  Übersetzung  das  W^ort  seine 


734  G.  Wißler 

Gestalt  80  stark  verändert  hätte,  daß  es  nicht  mehr  ohne  weiteres  als 
derselbe  Typus  gefühlt  worden  wäre  und  also  wie  ein  besonderer  Wort- 
typus hätte  dem  Gedäclituis  eingeprägt  und  mit  dem  Begriff  und  der 
Vorstellung  assoziiert  werden  müssen.  In  manchen  Fällen  mag  auch 
die  Übersetzung  als  zu  unfranzösisch  vorgekommen  sein,  so  daß  man  es 
vorzog,  den  mundartlichen  Typus  als  solchen  beizubehalten, 

Beispiele:  mönet-etta,  adj.  (Bridel  unter  mo  =  mal):mauuet 
(F)  =  sale;  tiatsin  (F)  =  ecorcheur')  ist  zusammengesetzt  aus  thia 
=  tuer  und  chem,  üein  =  chien  (Bridel);  tintebin,  vgl.  S.  786; 
traderan,  vgl.  S.  779;  tirevougner,  vgl,  S.  810;  pecosi^)  (vgl.  S,  748; 
Bridel : />/Äro0ej  übersetzte  man  mir  in  Epesses  spontan  mit  piqu'- 
oiseau  [=  primeverej;  matafan  [=  „mäte- faim'']  (Bridel):  matafan 
(V,  G),  mäte-faim  (G)  =  Sorte  de  crepe  [Krapfen]  und  in  übertragenem 
Sinne  =  lourdaud,  belilre;  tapaseillon,  tapatoule,  tirelignu 
vgl,  S.  138;  tapagoia  [=  tape-etang]  (Lavallaz :  Heremence,  S.  263): 
tapegouille  (W)  =  idiot.  Nicht  mehr  als  Zusammensetzung  empfunden 
wurden  vielleicht  petabosson,  vgl,  S.  827  [bosson  =  buisson  (Bridel)], 
und  die  dem  Schweizerdeutschen  entlehnten  legrefass(S.  780)  und  peu- 
glise  (S.  786).  Keine  mundartliche  Entsprechung  habe  ich  gefunden  für 
un  perd-temps  (G,  N)  =  tout  objet  qui  invite  ä  perdre  le  temps". 

B.  Übergang  in  eine  andere  Wortart. 

Hierher  gehören  on  batzi  (Bridel) :  un  baptise(N,  F)  =  un  bapterae 
und  la  ros (L'Auberson,  Waadt) :  la  rousse  gewöhnlich  pl:les  rousses 
(G,  V,  N)  =  Sommersprosse,  franz, :  tache  de  rousseur. 

Nicht  als  Adjektiva  gefühlt,  aber  adjektivisch  gebraucht  werden 
in  der  Volkssprache  Wörter  wie:  „misere"  für  „miserable",  „verglas" 
für  „glissant"  (Pierrehumbert),  „coeur"  für  ,,charmant"  (G):  „Cet  enfant 
est  coeur". 

Vergeblich  habe  ich  die  mundartliche  Form  gesucht  für  mince 
(Pierrehumb.)  =  menues  brindilles;  la  claire  (G),  le  claire  (N)  =  en- 
droit  use  d'un  vetement. 

C.  Wortbildung  durch  Affixe. 

Die  Wortbildung  durch  Affixe  ist  das  Gebiet  des  Sprachlebens,  wo 
selbst  die  Schriftsprache  am  meisten  Veränderungen  und  Neubildungen 
duldet.  Um  so  größer  ht  die  Freiheit  in  den  Mundarten.  Spontane 
Neubildungen  sind  dort  etwas  dem  Sprachbewußtsein  durchaus  Ent- 
sprechendes und  Normales.    Es  herrscht  in  der  Mundart  dieselbe  Frei- 

1)  Bei   Gorgibus  :  Fr6deri,    S.   8,    wird    tiatsin    mit    „eouteau    de    poche" 
übersetzt. 

2)  Mit  pekozi  bezeichnet  man  in  Nyon    die    dauphineile  des  bl6s  [Ritter- 
sporn] (Bridel).  —  Vgl.  prrkozi  etc.  auf  der  Karte  primev^re  (1092)  des  Atl.  ling. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  735 

heit,  wie  etwa  im  Altfianzösischen.  Gewisse  Affixe  können  fast  ebenso 
leicht  an  jedes  Wort  angeg-liedert  werden,  wie  die  Flexionsendungen 
an  jeden  Verbalstaniui. 

Durch  Neubildimgcu  lassen  sich  oft  unbequeme  und  schwerfällige 
Umschreibungen  vermeiden  und  Nuancen  ausdrücken,  für  welche  der 
Schriftsprache  jede  Bezeichnung  fehlt.  Es  ist  daher  nur  natürlich, 
wenn  das  Volk  bestrebt  ist,  die  Bildungsfähigkeit  der  Mundart  auf  die 
Schriftsj)rache  (Volkssprache)  zu  übertragen.  Dieser  Tendenz  ist  die 
Volksschule  kein  großes  Hindernis.  Sie  kann  auf  die  Wortbiidung-s- 
lehre  nicht  viel  Zeit  verwenden.  Die  Schüler  werden  höchstens  mit 
den  allgemeinen  Erscheinungen,  nicht  aber  mit  den  Einzelheiten  bekannt 
gemacht.  Es  hält  auch  schwer,  ihnen  begreiflich  zu  macheu,  daß  zwar 
dieses  oder  jenes  Grundwort  zur  Schriftsprache  gehört,  nicht  aber  dessen 
Ableitungen.  Die  Schüler  lernen  also  nicht,  in  jedem  Falle  zu  ent- 
scheiden, ob  eine  Ableitung  nach  dem  allgemeinen  Gebrauch  der  Schrift- 
sprache gestattet  ist  oder  nicht.  Noch  viel  weniger  werden  sie  nach 
dem  Austritt  aus  der  Schule  Ursache  haben,  darauf  zu  achten. 

Da  die  Typen  der  Grundwörter  und  der  Affixe  im  Frankoproven- 
zalischen,  im  Altfranzösischen  und  in  der  heutigen  Volkssprache  Frank- 
reichs vielfach  dieselben  sind,  wie  in  unserer  Volkssprache,  so  weist 
diese  letztere  Bildungen  auf,  denen  in  den  genannten  Idiomen  identische 
Bildungen  entsprechen,  ohne  daß  man  deshalb  immer  direkte  Entlehnung 
anzunehmen  braucht. 

Mit  den  obgenannten  Idiomen  sind  der  Volkssprache  eine  Reihe 
charakteristischer  Erscheinungen  gemein : 

1.  Analogische  Umbildung  des  Wortstammes  der  Ableitung  nach 
der  Lautform  des  Grundwortes  (in  gelehrten  Wörtern):  arrierage  (F) 
nach  arriere,  sourdite  (G,N,  V)  nach  sourd;  singuliarite  (G,  V)mich 
singulier,  enverjure  (V,  N)  nach  verge,  apparution  (G,  N,  F,  V) 
nach  apparu,  er  er  [aerer]  (V)  nach  air. 

2.  Kegelmäßige  Bildungen  mit  dem  gewöhnlichen  Wortstamm, 
statt  der  unregelmäßigen  (gelehrten)  Bildungen  :  carole  (von  carreau) 
=  quadrille (Pierrehumb.),  exprimatiou  =  expression  (Gorgibus  :  Fre- 
deri  .  .,  S.  66),  sugage  =  succion  (Peter :Caco].)  secouee  (G,  F,  V)  = 
secousse. 

3.  Substitution  eines  Suffixes  durch  ein  verwandtes,  nach  Analogie 
ähnlicher  Bildungen,  liegt  vor  in  pechier  (G,  F,  N^  V)  =  pecher,  nach 
poirier,  prunier  etc. 

4.  Assimilation  eines  in  der  Volkssprache  nicht  bekannten  franz. 
Suffixes  durch  ein  häufig  vorkommendes  rsalarde  (F)  =  salade.  Das 
französische,  dem  Provenzalischen  entlehnte  Suffix  -ade  wurde  nicht  in 
unsere  Mundarten  und  zunächst  auch  nicht  in  die  Volkssprache  aufge- 
nommen.  Es  existiert  auch  kein  Entsprechungsbewußtsein  zwischen  -ade 


736  G-  Wißler 

und  dem  etymologisch  identischen  -äi/d  (repp.  -ee),  so  daß  es  mit  dem 
lautlich  ähnlichen  -arde  leicht  verwechselt  wird  und  dieses  bei  unge- 
bildeten Leuten  regelmäßig  an  seine  Stelle  tritt,  sularde  speziell  lehnt 
sich  vielleicht  eng  an  cougnarda  (Bridel)  rcouguarde  (V,  N)  =  raisine, 
confitiire.  Die  Suffixsiibstitution  findet  schon  im  Patois  statt,  vgl.  .sa- 
larda^  lemonarda  [limonade]  (Lavallaz  :  Heremence,  §  527),  so  daß 
salarde  eine  lexikalische  (Rück-)  Entlehnung  sein  könnte.  Wir  finden 
ähnliche  Bildungen  aber  auch  bei  Wörtern,  die  kaum  je  der  Mundart 
angehört  haben,  wie  bei  barricarde  (Nj.  Vgl.  auch:  taillarder  (G)  = 
tai  Hader. 

5.  Ist  ein  Verbalstamm  gebildet  aus  der  engen  Verbindung  eines 
Präfixes  mit  einem  Wortstamm,  der  allein  (ohne  Präfix)  nicht  vorkommt, 
so  wird  das  verneinende  Präfix  de-  ibezw.  dis-)  leicht  dem  ganzen 
Verbalstamm,  statt  bloß  dem  eigentlichen  Wortstamm  vorgesetzt;  des- 
atteler  (N,  F :  Suppl.,  Peter:  Cacol.)  =  deteler  (vgl.  Godefroy,  Littre), 
desencombrer(G,  F,  N)  =  d6combrer  (vgl.  Littre  :  altfranz.  und  Chateau- 
briand), desagrafer  (F,  N,  V)  =  degrafer  (vgl.  Littre  :  mauvais 
mot!),  depersuader  (F,  N)  =  dissuader  (vgl.  Littre  :  St.  Simon,  J.  J. 
llousseau). 

6.  Die  anlautende  Silbe  eines  Wortes  wird  als  Präfix  betrachtet 
und  erhält  die  Lautform  dieses  Präfixes  :soupoudrer  (G,  F,  N,  V)  = 
saupoudrer  (als  sous  -\~  poudrer  aufgefaßt). 

7.  Infolge  von  Präfixverwechslung  wurde  education  zu  inducation 
(Gorgibus  :  Frederi  .  .  .;  S.  99),  augelehnt  an  die  zahlreichen  Fremd- 
wörter mit  in-  im  Anlaut. 

8.  Durch  Neubildung  oder  durch  Verlust  des  Suffixes  entstanden 
die  Formen  •.  eher  che,  s,f.(G,F,N)=recherche,  von  chercher  aus  gebildet 
oder  von  rejcherche  abtrahiert?  [vgl.  cerche  =  tournee,  ronde(Godefroy), 
en  cherche  de  . . .,  familiär,  uaehSachs-Villatte];  m  er  ci  er  (Pierrehumbert) 
=  remercier  [cf.  mercier  :  Godefroyj.  Der  Mundart  entstammt  sHvra 
(Bridel)  :s'ivrer  (G)  =  s'enivrer. 

Eine  falsche  lUickbildung,  unter  Verkennung  des  Wortstammes,  die 
aber  vielleicht  aus  der  Mundart  entlehnt  ist,  haben  wir  in  tamer  (F,  V) 
=  retamer  (G,  V,  F)  [neben  retamer  (G,  N)]  minus  re-,  für  etamer, 
vgl.  tama  in  der  Mundart  (Bridel). 

Im  Folgenden  geben  wir  einige  Beispiele  für  die  Affixbildungen  der 
Volkssprache. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  737 

I.  Neubildungen. 

1,  Suffixbildungen  *). 

a)  Substantive  und  Adjektive. 

«)  Die  weiblichen  Verbalsubstanti va,  sind  in  unserer  Volks- 
sprache häufiger  als  im  modernen  Französischen.  Sie  sind  wohl 
zum  Teil  französische  Archaismen  und  ersetzen  die  nicht  volkstüm- 
lichen franz.  Bildungen  auf  -ation,  -ement,  -ure,  wie  une  trouve  (N) 
=  trouvaille,  recouvre  (N)  =  recouvrement,  procure  (G,  F,  N,  V)  = 
procuration,  consuIte(G,F,N,V)  =  consultation,in vi te(E.Rod: Luisita 2), 
S.  62),  couverte  (G,  F,  W,  V,  N,  Vallotton  :  Portes  entr'ouv.,  S.  290)  = 
couverture,  brise^)(G,V)  =  fragmentde  chosebrisce,  la  crache*)  (Pierre- 
humb.)  =  salive;  une  ronfle  (G)  =toupie;  la  glisse  (vgl.  S.784);  une 
grouille(St.  Imier)  =  une  foule  de. .;  uneetouffe(Pierrehumbert)=une 
personne  agagante;  une  bouffe  (Pierrehumbert)  =  partie  du  veteraent 
qui  boufie;  une  empoigne  (Pierrehumb.)  =  poignee,  anse,  vgl.  in  der 
Mundart  inpougne,  s.  f.  (Dumur);  la  coüte  (La  Chaux-de-Fonds)  = 
frais,  depense.  —  Den  Mundarten  sind  sehr  wahrscheinlich  ent- 
lehnt:  une  bede  =  fissure,  (G)  cf.  becla  (Dict.  sav.);  la  mouille  = 
humiditc  (G,  N,  Peter  :  Cacol.),  cf.  moid  <  molte  >  (Dict.  sav.)  und 
mollhe,  s.  f.  pl.  =  pre  marecageux  (Bridel);  la  leve,  les  attaches,  les 
effeuilles  vgl.S.778;  riza^  s.  f.(Bridel) :  les  rises^)  (N,F,V)  =  eclats  de 
rire;  morsa  (Bridel) :  une  morse  (G,  Dupertuis)  =  une  bouchee. 

Als  Beispiele  männlicher  Verbalsubstantive  seien  genanntem  rem- 
bours^)  =  remboursement  (G,  F,  N;  V),  gel=gelee  (G,N),  le  tremble  = 
frisson*)  (G,  N);  un  encave  (N)  =  encavement;  lecrü(G;  V)=la  crois- 
sance  etc. 

Zu  den  fruchtbarsten  Suffixen  der  Volkssprache  gehören: 

ß)  -ee^).  Dieses  Suffix  dient  wie  die  franz.  -ade  und  -ement,  die 
es  häufig  vertritt,    dazu,   eine  zeitlich  näher   bestimmte  Handlung    zu 

1)  Über  Suffixbildungen,  deren  Suffixe  als  lautliches  Symbol  für  einen 
Gefühlswert  betrachtet  werden  können,  vgl.  S-  813  ff. 

2)  In  Nouvelles  vaudoises;  Lausannne  (Payot)  1903. 

3)  Vgl.  zu  diesen  Wörtern:  trueve,  s.  f.,  recovre,  procure,  brise,  (Gode- 
froy);  consulte  (bei  Scarron),  invite  (term.  techn.  des  Kartenspiels),  couverte 
(Militärsprache),  brise  (eclats  de  menuisiers)  bei  Littre;  coveirta  (Bridel),  briaa 
(Dict.  sav.). 

4)  Vgl.  das  Wort  bei  Godefroy. 

5)  Vgl.  ital.  le  risa. 

6)  Vgl.  hiermit:  rembours  bei  Cotgrave  (nach  Godefroy),  gel,  tremble, 
bei  Littre  und  räbü  in  der  Mundart  des  Val  d'llliez. 

7)  Über  die  Aussprache  dieses  Suffixes  vgl.  S.  741;  über  die  der  Mundart 
entlehnten  Suffixwörter  auf  -ee  siehe  S.  742. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  47 


738  G.  Wißler 

substantivieren  oder  einen  Kollektivbegriff  anzudeuten.  Es  kann  fast 
an  jeden  Verbnlstamm  gehängt  werden  und  muss  im  Französischen  oft 
durch  Umschreibungen  wiedergegeben  werden:  poussee  (N,  V)  = 
pousse  d'une  plante  (vgl.  Byland  §  110  :  pusäye)-,  videe  =  action  de 
vider  (G,  N,  V),  vgl.  ouedahie  (Bridel);  une  crachee  [de  neige] 
(G,  V,  N)  =  une  petite  quantite,  vgl.  cra/sc/za/e (Bridel);  pipee,  (F,  N, 
Dupertuis  :  Loc.  vic.)  =  contenu  d'une  pipe,  vgl.  -püpayd  (Gauchat : 
Dompierre,  §2);  hurlee  (Dupertuis  :  Loc.  vic),  vgl.  das  Wort  bei  Gode- 
froy;  craquee(N)=craquemeut;  miaulee(N)  =  miaulement;  sanglee 
(Dupertuis  :  Loc.  vic.)  =  sanglade;  filee  (G;N)  =  file;  enfilee(G,  F,  N) 
=  enfilade;  trottee  (G,  F,  N,  V)  =  trotte;  secouee  (G,  F,  V)  =  se- 
cousse;  rechignee  (G,  F,  N)  ==  rechignement;  piaillee  (F,  V,  N)  = 
piaillerie,  etc. 

y)  -age.  Durch  dies  Suffix  wird  eine  Tätigkeit  au  und  für  sieh, 
ohne  zeitliche  Bestimmung,  substantiviert  oder  ein  Kollektivbegrifi  an- 
gedeutet. Es  vertritt  häufig  die  in  der  Volkssprache  unproduktiven 
franz.  Suffixe  -ement  und  -erie,  vgl.  encavage  (G,  F,  V,  Feter  :  Cacol.) 
=  eucavemeut;  affranchissage  (G,  N^  V,  F,  Peter  :  Cacol.)  =  affran- 
chissement;  chuchotage(G,F,N,V)  =  chuchoterie,  chuchotement;  coif- 
fage  (N)=coifl"ure;  cancanage(V,]S[)=cancan;  profitage(G)  =  profit; 
nappage  (G,  N,  V,F  :  Suppl.)  =  linge  de  table,  sugage  (vgl.  S.  735)  etc. 

ö)  Von  anderen  Bildungen  seien  erwähnt :  1  o  i  n  t  e  u  r  (G)  =  eloignement, 
distance;  enrouure  (G,  N,  V)  =  enrouement;  copieur  (F)  =  copiste, 
tapisseur^)(G)=tapissier;  assassincur(Peter  :  Cacol. )  =  assassin;  to- 
queur  (R.  Morax  :  Dirne,  S.  137)  =  celui  qui  trappe;  rechigneur  (N)  = 
homme  quirechigne;  taxeur  (Dupertuis:Loc.  vic),  accompagneur  (V), 
dessineur  (N),  statt  taxatcur etc. ;  rancuneux'^)  (N)  =rancunier;  co- 
lereux^)(F,  N)  =  colcrique;  euvironnier(]S[)  =  habitant  des  environs; 
matinier  (G)=matinal(vgl.  wa^ewa/,  Bridel) ;  p runeaulier,  vgl.  S.769; 
beurriere,  vgl.  S  798;  cadenatiere  (G,  V)  =  charniere;  huiliere(N) 
=  huilerie;  relationne  (Gj,  adj.  =  qui  a  des  relatious. 

Pejorativ  :  avocatou  (G)  =  mauvais  avocat,  bonbounaille  (N)  = 
boubons,  sens  pejoratif.     Diminutiv  :  lauget  (N)  =  petit  lange. 

b)  Verba. 

Von  Substantiven  abgeleitete  Verba :  r  e  t  a  1  o  n  n  e  r  (F;  N,  V)  =  remettre 
de  nouveaux  talons  ä  des  bottes,  vgl.  rctalouna  {V>x\^q\)-^  etre  bise  (G, 
N,  Dupertuis  : Loc.  vic.)  =  etre  assailli  par  la  bise,  vgl.  bisä  (Bridel); 
se  honter^)  (F)  =  avoir  honte  [sieb  schämen];  s'aiser^)  (V)  =  se 
faciliter    [?],  vgl.  s'aisi  (Bridel);    flamraer')  (G,  V,  Peter :  Cacol.)  = 

1)  Vgl.  diese  Wörter  bei  Godefroy. 

2)  Nach  Sacli8-V. :  populär ! 

3)  Vgl.  se  honter,  s'aisier,  flanier,  bei  Godefroy. 


Das  schweizerische  Volksfranzösiach  739 

flauiber,  vgl.  hllamma  (Bridel) ;  con fusiouiier(G)  =  rcndre  confus  (nach 
Saclis-V.  selten!);  jointcr(V)=joindre;  planeher,  v.a.  (G)  =  g-arnir  de 
plant'hes  (bei  Sachs-Vill.  mit  audcrcm  Sinn) ;  ensourder  iN,  Pierrehumb.) 
=  assourdir;  rechuter')(G, Pierrehumb. )=avoirunerecliute;  rater(G)  = 
prendre  des  rats,  vgl.  in  der  Mundart  rr/^a  (Dumur);  peintrer  =  pein- 
dre  (ef.  Vallottou  :  Portes  entr'oiiverteS;  S.  208)  bouchonner  (F)  = 
boucher;  mietter  (F,  V)  =  emiettcr;  bouer(G,  V,  Peter :  Caeologie)  = 
crotter;  gueuser  (,G,  N)  v.  n.  =  se  conduire  mal;  ligner  (un  cuhier) 
=  regier  (V,  F,  N);  miser  (G,  F,  N,  Dupertnis :  Loc.  vic.)  =  encherir, 
vgl.  in  der  Mundart:  misn  (Conteur  vaud.). 

Von  Verben  der  Volkssprache  mit  eigentlicher  Suffixbildung  kenne 
ich  fast  keine,  die  sich  nicht  auch  in  der  Mundart  nachweisen  lassen: 
disputailler(F)  kommt  auch  in  Frankreich  vor  (vgl.  Littre);  i)intailler 
(W)  bedeutet:  sich  in  den  Wirtshäusern  herumtreiben;  neigeotter(G,  N) 
=neiger  un  peu,  vgl.  uedzota  (Gauchat :  Patois  duVal  dePuz);  nageotter 
(G)  =  nager  avec  difficulte,  in  der  Mundart :w(7rf.2;ote  (Dumur);  risotter 
(N)  =  sourire,  in  der  Mundart  rizotä  (Conteur  vaudois);  pleuvotter^) 
(La  Chaux-de-Fonds)  =  pleuvoir  par  gonttes  menues;  toussiller  (G) 
=  toussoter ;  t o  u r  n  i  q  u  e  r  ( V),  t o  u  r n  i  c  o  t e r  (G)  =  tournailler ;  r o  n  g i  1 1  e r 
(G,  N);  rondziller  (F)  =  ronger  legerement;  bougiller  S.  799. 

2.  Präfixhildungen. 

a)  Unter  den  Präfixen  der  Volkssprache  ist  am  fruchtbarsten  re-, 
das  man  jedem  Verbum  vorsetzen  kann;  der  Franzose  muß  es  meist 
durch  das  unbequeme  „de  nouveau''  umschreiben,  vgl.:  ranter^j  des 
bas  (N)  =  enter,  rallerO(F,  V)  =  aller  de  nouveau,  refalloir  (G,  F,  N) 
=  falloir  de  n.,  rarranger  (G, F,  N,  V)  =  arranger  de  n.,  redecider 
(Pierrehumb.)  =  decider  de  n,  raccompaguer  (Dupertuis  :  Loc.  vic.) 
=  accompagner  de  n.,  rcfrissonner  (K),  se  renrhumer  (N),  renrouler 
(Pierrehumb.),  rogmenter  (Pierrehumb.)  =  augmenter  de  nouveau,  se 
replaire  =  se  plaire  enormement  (Pierrehumb.);  ilestreloin  ==  .  .  .  de 
nouveau  parti  (F,  N). 

ß)  In  der  Volkssprache  hat,  wie  in  der  Mundart,  das  Präfix  oft  den 
Zweck,  den  Begriffsgehalt  des  Grundwortes  zu  verdeutlichen. 
So  drückt  schon  das  oben  angeführte  renterdenBegriff  viel  deutlicher  aus, 
als  das  franz.  enter.  Ähnliche  Beispiele  sind:  debattre  des  oeufs  (F,  V)  für 
battre  desceufs,  vgl.  debattre,  v.  a.  bei  Bridel  im  Sinne  von:  briser  le  caille 


1)  Nach  Sachs-V.  bei  George  Sand. 

2)  Daa  Patois  wort  ist:  plovigni  (Bridel). 

3)  Vgl.  reuter  bei  Rob.  Estlenne  (nach  Godefroy)  und  reintä  (retä)  in  der 
Mundart  des  Vuilly. 

4)  Nach  Littre  :  populär. 

47* 


740  G.  Wißlei' 

dans  la  chaudiere;  decesser (G,  F,  V,  Peter:  Cacol.)  =  cesser,  vgl.  das 
Wort  bei  Sachs  und  decession  bei  Godefroy;  debriser  (N)  =  briser; 
debranclier  (Pierreh umb.)  =  ebraneher;  dctriper  (Pierrehumb.)  = 
etriper;  degreuer  (Pierrehumb.)  =  egrainer;  demoustillö  (N)  =  emou- 
stille;  devers  präpos.  =  vers  (nach  Sachs  veraltet).  —  accomparer 
ä  (G)  =  comparer;  aboucler^)  (G)  =  boucler;  agaffer  (G)  =  gaffer, 
vgl.  aga/ä  (Byland  :  Glossar,  Dict.  sav.);  apreter  (F)  =  ])reter. 

y)  a-:  Nicht  immer  läßt  sich  die  Bildung  eines  Wortes  mit  diesem 
Präfix  in  der  eben  angedeuteten  Weise  erklären.  Bei  s'assouvenir  (F) 
und  agoüter  (G)  [vgl.  agouster  :  Godefroy,  ogotä  :  Dict.  sav.]  könnte  man 
an  eventuelle  Verbindungen  wie  „se  souvenir  a  qch";  „goüter  ä  qch." 
denken,  doch  habe  ich  keine  Belege  dafür  gefunden.  Eine  derartige 
Erklärung  ist  aber  unmöglich  für  acraser  (G,  F,  N,  V)  =  ecraser, 
raboutonuer  (G)  =  reboutonner,  agracier(F)  =  gracier  [vgl.  das  Wort 
bei  Godefroy  für  favoriser].  Lavallaz  (Heremence,  §542)  sagt  in  Bezug 
auf  das  Präfix  a-  in  der  Mundart:  „La  siguification  originaire  du  pre- 
fixe  s'est  eflacee".  „a,  prefixe  patois,  s'est  place  devant  des  .  .  .  verbes 
assez  capricieusement  ou  parait  s'etre  substitue  ä  d'autres  prcfixes, 
surtout  ä  ex-".  Wie  wenig  auch  diese  Erklärung  befriedigt,  so  bleibt 
uns  doch  nichts  anderes  übrig,  als  sie  vorläufig  gelten  zu  lassen  und 
ähnliche  Tendenzen  auch  in  der  Volkssprache  anzunehmen. 

IL  Entlehnungen. 

Wie  bereits  bemerkt  ist  es  nicht  immer  möglich,  Entlehnungen 
aus  der  Mundart  und  Neubildungen  von  einander  zu  unterscheiden.  Mit 
ziemlicher  Wahrscheinlichkeit  läßt  sich  jedoch  Entlehnung  annehmen 
für  die  Bildungen,  deren  Grundwort  mundartlich  ist,  wie  fürboquenet 
(S.  836),  granet  (S.  43),  deren  Suffix  in  der  Volkssprache  nicht  pro- 
duktiv ist,  wie  für  pendeau  (vgl.  S.  799),  für  Bildungen,  die  sehr  ver- 
breitet sind,  wie  niouille  (vgl  S.  737)  oder  die  eine  spezielle  Be- 
deutung angenommen  haben,  wievergillon  (vgl.  S.  742),  bravet  (vgl. 
S.  836)  etc. 

Über  die  Wortbildung  in  den  frankoprovenzalischen  Mundarten  vgl. 
Lavallaz  :  Heremence  (§§  497— 547)  und  Byland  (§§  110—112).  Die  Ent- 
lehnung mundartlicher  Affixbildungen  wird  von  denselben  Umständen 
begünstigt,  wie  die  Neubildungen  der  Volkssprache,  vgl.  oben  (S.  7850".). 
Über  die  Gründe  zur  Beibehaltung  speziell  der  diminutiven  und  pejo- 
rativen Suffixwörter,  vgl   S.  8130". 

Bei  der  Entlehnung  der  Suffixwörter  und  Präfixbildungen  wieder- 
holen sich  dieselben  lautlichen  Vorgänge,  die  wir  schon  in  der  Phonetik 


1)  Vgl.  das  Wort  bei  (Jodefroy. 


Das  schweizerische  Volksfrauzösisch  74 1 

kennen  gelernt  haben^    soNvohl    am  Stamm    als    auch    an    den  Affixen. 
Deren  Typen  sind  in  beiden  Idiomen  fast  ohne  Ausnahme  dieselben. 

a)  Durch  Übertragung  mundartlicher  Sprachgewohnheiten 
erleidet  z.  B.  das  franz.  Suffix  -ce  lautliche  Umgestaltungen.  In  der 
Mundart  ist  das  entsjirechende  -aye  zweisilbig  mit  hiatustilgendcm  y^). 
In  der  Volkssprache,  besonders  auf  dem  Lande,  sind  beide  Sprach- 
gewohnheiten, oder  nur  die  eine,  beibehalten  worden  und  das  Suffix 
lautet  -eya  oder  -ea;  in  der  Stadt  hört  man  dafür  meist  ^. 

b)  Die  Häufigkeit  gewisser  Affixe  und  die  Identität  ihrer  Bedeutung 
in  Mundart  und  Schriftsprache  erleichtern  eine  enge  Assoziation  der 
beiden  Modifikationen  eines  und  desselben  Affixtypus  und  die  Entstehung 
eines  Entsprechnngsbewußtseins,  nach  welchem  die  mundartlichen 
Affixbildungen  in  der  Volkssprache  umgewandelt  werden.  So  entsprechen 
sich  das  mundartliche  Suffix  -a«  («C-ariu)  und  das  franz.  -ier  in  ovra^ : 
ouvrier,  mö??««  :  meunier,  i^.sayra« :  chevrier,  pa;;«'' :  papier,  /joto®:  potier 
etc.  (Vgl.  Byland,  §  5,  Odin :  Phonologie  §  35).  Daher  erscheint  auch 
imta^-)  (Gauchat :  Dompierre  S.  20)  als  pattier  (N,  F)  =  chiffonnier. 

Dem  mundartlichen  Suffix  -9na  entspricht  das  franz  -ine,  in 
famdna  :  famine,  vdZdTia  :  voisine  (Odin  :  Phonologie  §  63),  ra&diia  : 
racine,  kuzena  :  cuisine  (Gauchat :  Dompierre,  §  50);  in  der  Volkssprache 
lauten  demnach  :  iupdna  (Byland,  §  86) :  toupine  (G,  F,  N,  V)  =  cruche, 
pot;  kurtena  (Byland,  ibid.)  :  courtine  =  fumier;  kramdTta :  ct am\UQ , 
vgl.  S.  820. 

Das  franz.  Präfix  en-  (ä)  entspricht  einem  mundartlichen  e  in  eddra  : 
endurer,  efornci :  eufourner,  eplyeyi :  employer  etc.  (Odin: Phonologie,  lexi- 
que):  daher  in  der  Volkssprache  :  (?m^e^scÄ/  (Bridel)  :  entecher  (V)  = 
entasser;  eingreindji  (Bridel):  engriuger  (N)  =  mettre  de  mauvaise 
humeur;  emmoder,  vgl.  S.  822,  embaumer,  vgl.  S.  818  etc. 

Das  einzige  mundartliche  Suffix,  das  in  der  Schriftsprache  nicht 
(mehr)  existiert  ist  -a/v  (^=  -ator),  dessen  Anwendung  in  der  Mundart 
beschränkt  ist,  vgl.  Lavallaz  :  Heremence,  §  518,  Byland,  §  110  a^). 
In  die  Volkssprache  wurde  daher  das  Suffix  als  solches  nicht  herüber- 
genommen und  in  den  wenigen  Lehnwörtern,  welche  es  enthalten, 
wird  es  vielfach  als  das  in  der  Volkssprache  homonyme  franz. 
Suffixe  -ard  angesehen,  vgl. :  molard  (N,  F)  :  molare  (Byland,  §  110a)  = 


1)  Vgl.  Byland,  §  110,  2,  o,  ß,  Gauchat  :  Dompierre  §  2,  Lavallaz  :  Here- 
mence, §  514. 

2)  Vgl.  pata«  auf  der  Karte  chiffonnier  (1501)  des  Atl.  ling. 

3)  Prof.  Ganebat  (, .Bulletin"  I,  S.  5)  gibt  die  Zahl  der  ihm  bekannten 
Suffixwörter  mit  -are  auf  einige  sechzig  an;  ob  nicht  mehrere  davon  den  Bildungen 
des  Suffixes  -ard  beizuzählen  sind,  wie  etwa  die  angeführten  pli/orär,  ro^.ar? 


742  Ct.  Wißler 

^mouleur;  braDdard(N) :  brctäre^)  (Byland,  ibid.);  vielleicht  gehört  hier- 
her auch  cibare,  vgl.  S.  790. 


1.  Safftochildungen. 

a)  Substantive  und  Adjektive*). 

a)  Die  in  unserer  Volkssprache  gebräuchlichen  verkürzten  Ad- 
jektiva  sind  nicht  nur  in  unseren  Mundarten,  sondern  z,  T.  auch  in 
gewissen  französisclien  Dialekten  verbreitet :  em^/o  (Bride!)  :  eufle^) 
(G,  F,  V,  W,  N,  Vallofton :  M.  Potterat,  p.  220),  und  boreinfllo  (Bridel): 
bourenfle  (G,  F,  K,  V)  =enfle;  goyißo  (Dict.  sav.)  [vgl.  gonhllo  =  ma- 
ladie  des  vaches,  Bridel]  :  gonfle  3)  (G,  F,  N,  V,  W)  =  gonfle;  uso 
(Dict.  sav.)  :use^)  (G,  N,  V)  =  use;  trempe  (G,  F  :  Supplement,  N,  Cere- 
sole :En  cassant,  S.  56)  =  trempe;  chappe,  echappe^)  (F)  =  echappe, 
quitte;  trape^)  (G)  =  trapu,  vgl.  trdpo  in  der  Mundart  von  Estavannens 
(Gruyere) ;  Bridel  verzeichnet  trapu. 

ß)  -  ce^)  :ramenäya  (Bylaud,  §  110):rameuee  (Pierrehumb.)  und 
ra^^asay^  (Byland  ibid.) :  repasse e  (Pierrehumb.)  =  uue  volee  de  coups; 
trälee,  charoupee,  ramel^e,  embardoufflee,  ouichtee,  pon- 
cenee,  etraclee,  recaffee,  vgl.  821  und  822. 

y)  Andere  Bildungen  :  thiolaira  (Bridel)  :  tuiliere'')  (G,  F,  N,  V) : 
tuilerie;  bouchere,  vgl.  S.  100;  drapeau^)  (F  ;  Suppl.)  =  lange,  vgl. 
drapala,  s.  f.  (Bridel);  pendeau,  vgl.  S.  799;  sapelle')  (F,  V)  =  petit 
sapiu,  vgl.  sa/>a//a( Bridel);  atson,  atscJion  (Bridel) :  hachon  (G)  =hache; 
bourlon  ^Bridel)  :  brülon  (F,  N,  V,  Peter  :  Cacol.)  =  goüt  et  odeur  de 
brüle;  mollhon  (Bridel) :  moui Hon  (F,  V)  =  humidite. 

d)  Diminutive*);  verdjillon  (Bridel)  :  vergil Ion  (G)  =  petite  verge 
ajoutee  k  la  ligne  du  pccheur;  guetthon  (Bridel)  :  guetton  (G,  F,  N,  V)  = 
petiteguetre;  rongeon,rongillon,bontillon,  vgl  S.799;/«<»'e^(Bridel): 
fumet  (G,  N,  V,  Peter  :  Cacol.)  =  fnmeron,    tison   qui    fume;    hrasetta 


1)  Vgl.  Gignoux  IV,  6  :  bretar,  hrädar  etc. 

2)  Über  die  den  Mundarten  entlehnten  Verbalsubstantiva  morse,  bede, 
monille,  leve,  attachcs,  efli'eiiille,  vgl.  S.  737. 

3)  Vgl.  enfle,  gonfle  bei  Godefioy;  cnfle  {cfle,  anfle),  gounfle,  usc  bei 
Mistral;  gnfy  bei  Roussey.    Über  gonties  s.  f.  pl.  vgl.  S.  768. 

4)  Vgl.  escap,  escape  bei  Mistral. 

5)  Vgl.  trape  bei  Godefroy. 

G)  Zahlreiche  Beispiele  aus  der  Mundart  in  Tapp  ölet:  Les  cxpressions 
ponr  „une  volee  de  conps"  im  Bulletin  du  Glossaire  190G,  S.  3  ff.  —  Neubildungen 
in  der  Volkssprache,  vgl.  S.  737. 

7)  Vgl.  bei  Godefroy:  tieuliere,  drapel  (^  vetement,  chift'on),  sapel. 

8)  Die  Diminutive  in  den  Mundarten  der  Waadtländer  Alpen  behandelt 
Isabel  im  „Bulletin"  1901,  S.  il  ft'. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  743 

(Bridel) :  braisette  (V,  Pierrelmmb.)  =  meinie  braise;  grillet,  grellct 
(Bridel,Dumur) :  grillet(G,F,N,V,W)=:gTiIlon;  grcniet{V>x\(\Q\)  :  g-ranet 
(F,  V)  =  petit  graiu;  paneir  {},\m\Aix\'i  von  Esttivaiinciis) :  paneret^)  (F) 
=  petit  panier;  ^Jor/e^/a  (Bridel) :  portette  (N,  V)=  petita  porte  prati- 
qiiöe  au  fond  d'untonneaii:  r atel et  (V,  F  :  Supplement,  Pienehumbert) 
=;  ])etit  raleaii,  vg-l.  in  der  Mundart  ratalct  in  der  Bedeutung :  carrc  de 
mouton,  baut  cote  (Bridel,  Dumur);  boquenet,  vgl.  S.  836;  grosset^) 
(Bridel) :  grosset  (G),  adj.  =  un  peu  gros;  risolet,  bravet,  vgl.  S,  83G; 
petiot,  vgl.  S.  835. 

Verba. 

Von  Substantiven  abgeleitet :  (hnragni,  iragni  (Bridel) :  ebaragner 
t  G)  aragner^  (V)  =üter  les  toiles  d'araignees;  äoAs(??/7  (Gauebat :  Patois 
de  hl  Montagne  neuchäteloise),  butseyt  (in  Leysin  naeb  Jaberg  :  Assoziat. 
Ersch.,  S.  27) :  boucboyer  (N,  Pierrehumb.,  Peter  :  Caeol.)  =:  tuer  uue 
bete;  ckota  (Dict.  sav.) :  6coter  (G)  [von  ly'Ao^  (Bridel) :  ecot  (G)  =  petit 
niorceau  de  bois  sec|  =  ramasser  du  menu  bois;  dezudanyi  (in  der 
Mundart  von FreiburgundWaadt,  nach  E.  Tappoletrandain,  im  „Bulletin" 
1908,  S.  13) :  desandagner  (Pierrehumb.);  potter  (Pierrehumb. \  vgl. 
potahi,  poteihi  (^v\Aq\)  ;=  faire  la  moue,  [von  potta  rpotte,  vgl.  S.  832]: 
repochonner(G),  \^\.potzounc(hie,sA.  =  (io\iitVL\\  d'un  ,,pochon"\Bridel) 
[von  pof^on :  pocbon,  vgl.  S.  797];  s'endioter  (G)  =  s'empetrer  |von 
diot,  5r;</o^  (Bridel) :  diot  (G;  V)  =  argile] ;  bonner,  vgl.  S.  779;  bour- 
reauder,  vgl.  S.  806. 

2.  Pi'äflxblldungen. 

a)  Begriffliebe  Verdeutlichung*:  s^espirä  (Lavallaz:  Here- 
mence) :  s'ensauver  (Vallotton  :  Mr.  Potterat  .  .  .,  S.  255);  s'mieyl  (in 
L'Etivaz,  nacb  Jaberg  :  Assoziative  Erscbcinuugeu,  S.  26)  :  s'ennoyer 
(F)  =  se  noyer;  doufä  (,Dict.  sav.):d6ter^)  (G)  =  öter;  f/fsse'/;arä (Bridel  : 
desseparer  (F)  =  separer. 

ß)  Für  die  Überwucherung  des  Präfixes  a-«)  siehe  folgende  Bei- 
spiele :  a/i:?/^/a( Bridel),  acuIä(D\Qi.  sav.):acculer'j  (G,N,Peter:Cacol.)  = 
eculer  (les  souliersi;  ratigni  (Bridel)  :ratenir*j  (G,  F,  N,  V)  =  retenir. 


1)  Vgl.  das  Wort  bei  Godefroy. 

2)  Cf.  grosset  bei  Godefroy  und  Sachs-V. 

3)  Bescherclle  verzeichnet  das  Verb  araigner. 

4)  Vgl.  S.  739. 

5)  Vgl.    dustar    (r.ätorom.)  =  abwehren    (Körting)    und   Atl.    ling.    Karte 
ote  (956). 

6)  Vgl.  S.  740. 

7)  Verwechslung  mit  franz.  acculer  liegt  wohl  kaum  vor;  vgl.  im  übrigen 
das  Wort  bei  Kabelais,  nach  Godefroy. 

8)  Vgl.  ratenir  bei  Godefroy. 


744  G.  Wißler 

Vierter  Teil. 

Lexikologie. 

Unter  allen  Abweichungen  der  Volkssprache  der  welschen  Schweiz 
von  der  französischen  Schriftsprache  sind  am  auffälligsten  die  den 
Wortschatz  betreffenden.  Hier  ist  der  Einfluß  der  frankoprovenzalischen 
Mundarten  am  offenkundigsten.  Eine  große  Anzahl  Dialektwörter  aus 
allen  möglichen  Begriffsgebieten  leben  im  Volksfranzösischen  als  Pro- 
vinzialismen weiter.  Daß  ein  so  weitgehender  Einfluß  möglich  war,  ist 
in  erster  Linie  den  auf  S.  709 ff.  geschilderten  Schul-  und  Verkehrs- 
verhältnissen zuzuschreiben.  In  zweiter  Linie  liegen  die  Gründe 
zur  Beibehaltung  der  Provinzialismen  in  gewissen  speziellen  Eigen- 
schaften dieser  Wörter  selbst,  wie  ich  im  zweiten  Abschnitt  (B)  dieses 
Teiles  nachzuweisen  suche. 


A.  Allgemeines^. 

L  Kapitel: 
Die  Erlernung  des  Wortschatzes  überhaupt. 

Bei  der  Erlernung  einer  Sprache  bereitet  am  meisten  Schwierig- 
keiten und  erfordert  die  größte  Anstrengung  die  Aneignung  ihres  Wort- 
schatzes. Die  Zahl  der  Elemente,  aus  denen  dieser  zusammengesetzt 
ist  (der  Wortstämme,  Endungen  und  Affixe),  ist  unvergleichlich  viel 
größer,  als  die  Zahl  der  Laute,  der  Formen  oder  selbst  der  syntaktischen 
Erscheinungen. 

Uns  ein  neues  Wort  mit  seiner  Bedeutung  so  zu  merken,  daß  wir 
es  unter  allen  Umständen  willkürlich  reproduzieren  können,  ist  eine 
Aufgabe,  die  eine  gewisse  psychische  Anstrengung  erfordert  und  die 
wir  nicht  auf  einmal  bewältigen  können^).  Die  Größe  der  psychischen 
Anstrengung  hängt,  außer  von  dem  Wesen  des  neuen  Wortes  selbst, 
besonders  von  den  Umständen  ab,  unter  denen  wir  es  hören : 

1.  Stehen  unsere  Sinne  unter  dem  unmittelbaren  Eindruck 
des  Gegenstandes,  den  das  zu  erlernende  Wort  bezeichnet,  so  daß 
wir  uns  ein  klares  Bild  von  ihm  macheu  und  es  uns  einprägen 
können,  so  kommt  eine  enge  Assoziation  des  Lautbildes  des  Wortes 
mit  der  Vorstellung  des  Gegenstandes  zu  stände,  zufolge  deren  das 
Wort  durch  den  entsprechenden  Sinneseindruck  oder  die  entsprechende 
Vorstellung  leicht   reprozudiert  wird   (und  umgekehrt  die  Vorstellung 


1)  Einerlei,   ob  das  Wort  der  Muttersprache  oder  einer   fremden  Sprache 
angehört. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  745 

durch  das  Wort).  Das  Wort  bleibt  so  viel  fester  im  Gedächtnis  haften, 
als  wenn  es  nur  durch  abstraktes  Denken  mit  dem  Begriff"  assoziiert 
worden  wäre. 

So  merken  wir  uns  den  Namen  einer  Pflanze  leichter,  wenn  wir 
sie  g-enau  betrachten  können,  als  wenn  sie  uns  bloß  beschrieben  wird.  — 
Die  Bezeichnung  für  einen  bestimmten  Maschinenteil  wird  uns  erst 
dann  sicher  im  Gedächtnis  bleiben,  wenn  wir  dessen  Funktion  mit 
eigenen  Augen  haben  konstatieren  können.  —  Den  Namen  einer  be- 
stimmten Ortschaft,  eines  bestimmten  Berges  werden  wir  weniger  leicht 
vergessen,  wenn  wir  über  dessen  Lage,  wenigstens  auf  der  Karte, 
orientiert  sind,  ii.  s  w.  Daher  erinnern  wir  uns  auch  im  allgemeinen 
besser  der  Bezeichnungen  für  konkrete  Gegenstände  als  derjenigen  für 
abstrakte  Begriff"e,  zumal  wenn  diese  Bezeichnungen  Fremdwörter  sind, 
die  —  bei  dem  Laien  wenigstens  —  ein  Mitspielen  auch  von  Nebenvor- 
stellungen ausschließen.  Man  vergleiche  Brot,  Haus,  Hammer,  —  Auf- 
gabe, Verständnis,  Begründung  —  Apperzeption,  Modalität,  Meto- 
nymie. 

2.  Von  allen  Gegenständen  und  Handlungen  machen  diejenigen 
auf  unser  Gedächtnis  den  größten  und  nachhaltigsten  Eindruck,  die 
durch  einen  heftigen  Reiz  auf  die  Sinne  unsere  Aufmerksamkeit, 
unser  lebhaftes  Interesse  wecken  oder  heftige  Gemütsbewegungen 
—  Lust-  oder  Unlustgefühle  —  in  uns  hervorrufen.  Die  Bezeichnungen 
für  derartige  Gegenstände  assoziieren  sich  nicht  nur  mit  dem  Begriff" 
und  der  entsprechenden  Vorstellung,  sondern  gewissermaßen  auch  mit 
dem  Aff"ekt  selbst,  so  daß  gleiche  oder  ähnliche  psychologische  Be- 
dingungen (zugleich  mit  der  Vorstellung  des  Gegenstandes)  das  Wort 
zu  reproduzieren  vermögen.  Wir  können  auch  bewußt  uns  entfallene 
Wörter  wieder  ins  Gedächtnis  zurückrufen,  wenn  wir  uns  in  die  Stim- 
mung zurückdenken,  in  der  wir  sie  einmal  gehört.  Andererseits 
können  gewisse  Wörter,  die  wir,  selbst  nach  lauger  Zeit,  vvi§der 
hören  —  wie  übrigens  auch  gewisse  Gehörs-,  Gesichts-,  Tast-,  Geruchs- 
oder Geschmacksempfindungen  —  uns  in  eine  frühere  Stimmung  zurück- 
versetzen und  mittelbar  eine  Reihe  realer  Nebenumstände  in  die  Erinne- 
rung zurückrufen,  die  die  Stimmung  oder  Gemütsbewegung  begleiteten. 
So  ist  das  Wort  direkt  oder  indirekt  mit  einem  ganzen  Ereignis,  mit 
einem  Erlebnis  verknüpft. 

Vermag  auch  nicht  jedes  Wort  uns  spontan  an  ein  bestimmtes 
Erlebnis  zurückzuerinnern,  so  liegt  doch  in  solchen  Erlebnissen  die 
Grundbedingung  dafür,  daß  wir  ein  Wort  leicht  im  Gedächtnis  behalten. 
Vgl.  die  oben  angeführten  Beispiele  und  die  folgenden: 

Hat  ein  Kind  einmal  eine  Apfelsine  gekostet,  so  wird  es  deren 
Namen  nicht  so  leicht  wieder  vergessen,  als  wenn  man  sie  ihm  nur 
gezeigt  hat,  um  botanische  Belehrungen  daran  zu  knüpfen.  —  Ist  das 


746  ^^-  Wißler 

Kind  von  einer  Wespe  gestochen  worden,  so  wird  es  sich  des  Schmerzes 
noch  lange  entsinnen  und  sich  zugleich  mit  der  Vorstellung  von  dem 
Wesen  des  bösen -kleinen  Insekts  auch  dessen  Namen  ins  Gedächtnis  ein- 
prägen.   In  derartigen  Fällen  geschieht  das  fast  ohne  jede  geistige  Arbeit. 

3.  In  anderen  Fällen,  wo  die  Gemütsbewegung  weniger  heftig,  der 
Gegenstand  weniger  sinnfällig  ist,  prägt  sich  das  Wort  erst  genügend 
fest  ein,  wenn  sich  mehrere  Erlebnisse  daran  knüpfen.  Je  häufiger 
dies  geschieht,  desto  besser  haftet  das  Wort. 

Erst  durch  wiederholtes  Erleben  kann  uns  Sinn  und  Tragweite 
eines  Wortes  genauer  klar  werden.  Aus  der  Summe  der  Erlebnisse 
ergeben  sich  für  uns  \.  seine  Grundbedeutung,  2.  sein  Bedeutungs- 
umfang, d.h.  die  Gesamtheit  der  Fälle,  in  denen  das  Wort  im  eigent- 
lichen oder  im  bildlichen  (übertragenen)  Sinne  gebraucht  werden  kann, 

3.  sein  Vorstellungswert'),  d.  h.  die  dominierende  Vorstellung  und 
die  Nebenvorstellungen,  die  gewöhnlich   mit   ihm   assoziiert    sind,    und 

4.  sein  Gefühlswert^),  d.  h.  der  aus  den  einzelnen,  mit  dem  Worte 
verknüpften  Gefülilsbewegungen  sich  ergebende  mittlere  Stimmungs- 
gehalt. —  Da  die  Erlebnisse  von  Mensch  zu  Mensch  ins  Unbegrenzte 
variieren,  so  sind  die  von  einem  jeden  erlebten  Wörter  nie  absolut  die 
nämlichen  und  so  ist  die  Bedeutung  der  einzelnen  Wörter  nicht  für 
zwei  Individuen  ganz  identisch.  So  hat  schließlich  jeder  Mensch,  trotz 
der  allgemeinen  Übereinstimmung  innerhalb  einer  Sprach-  und  Kultur- 
gemeinschaft, seinen  eigenen  und  individuell  gefärbten  Wortschatz. 

Wir  können  also,  nach  dem  Vorausgehenden  zusammenfassend  be- 
haupten : 

Je  anschaulicher  und  intensiver  der  Gegenstand  auf 
unsere  Sinne  wirkt,  je  größer  das  Interesse,  das  wir  ihm 
entgegenbringen,  je  stärker  die  Gemütsbewegung,  die  er  in 
uns  auslöst  und  je  häufiger  die  Erlebnisse,  die  sich  an  den- 
selben knüpfen,  desto  leichter  werden  wir  das  ihn  bezeich- 
nende Wort  behalten. 

Sollen  wir  uns  nun  für  ein  und  denselben  Begriff  neben  einer 
ersten,  schon  bekannten,  eine  zweite  Bezeichnung  zu  eigen  machen  und 
zwar  so,  daß  diese,  ebensogut  wie  die  erste,  spontan  reproduziert 
werden  kann,  so  muß  —  wenn  wir  das  neue  Wort  hören  -  der  Gegen- 
stand ebenso  mächtig  auf  unsere  Sinne  wirken,  müssen  Interesse  und 
Gefühl  ebenso  stark  angeregt  und  die  Erlebnisse  ebenso  zahlreich  sein, 
oder  die  psychische  Anstrengung  muss  erhöht  werden.  —  Soll  das  neue 
Wort  das  alte  ganz  aus  unserem  Gedächtnis  verdrängen,  so  müssen 
alle  diese  Umstände  für  die  Aneignung  des  Wortes  noch  weit  günstiger 
sein  oder  wir  müssen  unser  Gedächtnis  noch  mehr  anstrengen. 


1)  Vgl.  über  diese  Begriffe  die  S.  700  genannte  Arbeit  von  K.  Erdmann. 


Das  schweizeiisclie  Volksfranzösisch  747 

II.  Kapitel: 
Die  Erlernung  des  seliriftspraclilichen  Wortschatzes  in  der 

Volksschule '). 

Den  Wortschatz  einer  fremden  Sprache,  in  unserem  Fall  speziell 
der  Schriftsprache,  eig-uen  wir  uns  in  der  Schule  nicht  in  gleicher 
Weise  an  wie  den  der  Muttersprache.  Diesen  erwerben  wir  auf  Grund 
eig-ener  Erfahrung  und  im  fortwährenden  Kontakt  mit  den  Gegenständen, 
Die  Anschauung  ist  immer  eine  lebendige  und  das  Gemüt  stets  mehr 
oder  weniger  beteiligt.  Der  Wortschatz  der  Muttersprache  ist  also  im 
Wesentlichen  erlebt.  —  Der  Betrieb  der  Schule,  wo  die  meisten  unserer 
Schuler  die  Schriftsprache  und  die  fremden  Sprachen  erlernen,  schließt 
ein  solches  „Erleben"  des  Wortschatzes  aus.  Es  ist  unmöglich,  den 
■  Kindern  alle  Gegenstände  vor  Augen  zu  führen.  (Abbildungen  sind 
ein  ungenügender  Ersatz  dafür  und  werden  noch  zu  selten  benutzt.) 
So  wird  das  Interesse  der  Schüler  nicht  genügend  geweckt,  sein  Gefühls- 
leben fast  gar  nicht  angeregt.  Oft  weiß  auch  der  Lehrer  das  Interesse, 
das  die  Schüler  von  sich  aus  gewissen  Gegenständen  entgegenbringen,  nicht 
genügend  auszunützen.  So  kostet  es  manchen  Schulmeister  nichts,  im 
Winter,  wenn  Stein  und  Bein  gefroren  ist,  die  Kinder  über  die  Obst- 
bäume zu  unterhalten  oder  im  Sommer,  wenn  auf  dem  Felde  gearbeitet 
wird,  die  Schüler  mit  dem  Thema  „Heizeinrichtungen"  zu  laugweilen.  — 
So  ist  der  Lehrer  meist  genötigt,  die  Wörter  der  Mundart  durch  die  der 
Schriftsprache  zu  tibersetzen  und  die  neuen  Ausdrücke  au  Vorstellungen  zu 
knüpfen,  die  den  Kindern  nicht  zum  vornherein  lebendig  sind  und  an  Gegen- 
stände, die  nicht  im  Vordergrund  ihres  Interesses  stehen.  Nach  dem 
S.  746  Gesagten  werden  wir  uns  nicht  verwundern,  daß  sich  die 
Schüler  die  neuen  rein  verstaudesmäBig  erlernten  Wörter  nur  mühsam 
und  unvollkommen  aneignen  und  sie  rasch  wieder  vergessen.  — 
Auch  die  künstlichen  Mittel,  weiche  die  Schule  oft  anwendet  — 
Zusammenstellung  der  Wörter  nach  Synonymen,  Homonymen,  Be- 
grifisgruppen  etc.  —  erleichtern  das  Lernen  nicht  sehr,  da  sie 
dem  Gedächtnis  nur  eine  schwache  Stütze  bieten.  Zudem  wird  der 
Wortschatz  in  der  Schule  sehr  ungleich  behandelt.  Gewisse  Ge- 
biete, welche  nicht  zum  eigentlichen  Unterrichtsstoff  gehören,  werden 
gar  nicht  berührt  oder  nur  ausnahmsweise  gestreift.  Von  dem, 
was  in  der  Sennhütte  vorgeht  oder  von  der  Behandlung  des 
Weiustocks,  davon  spricht  man  vielleicht  nie,  vielleicht  nur  einmal 
während  der  ganzen  Schulzeit;  die  Bezeichnungen  für  viele  Haus- 
haltungsgegeustände  kommen  den  Schülern  wohl  selten  zu  Gehör.  Da- 
gegen werden  sie  über  gewisse  Gebiete  der  Geschichte,  der  Geographie 


1)  Über  die  Scliulverhältuisse  im  allgemeinen  siehe  die  Eiuleitiing',  S.Tügff. 


748  G.  Wißler 

der  Mathematik  und  Grammatik  und  der  Religion  eingehend  aufgeklärt. 
Der  Unterricht,  der  häufig  von  einem  Gegenstand  auf  den  andern  über- 
springt; nimmt  auch  auf  die  allmähliche  Erweiterung  des  Wortschatzes 
zu  wenig  Bedacht^):  Der  Schüler  kommt  häufig  in  den  Fall,  Dinge 
nennen  zu  müssen,  deren  richtige  Bezeichnungen  ihm  nicht  geläufig  sind. 
Was  ist  unter  diesen  Umständen  natürlicher,  als  daß  das  Kind  jedes- 
mal, wenn  das  Gedächtnis  es  im  Stich  läßt,  zu  dem  mit  dem  Begriff 
(und  der  Vorstellung)  eng  assoziierten  Dialektwort  (bezw.  Provinzialis- 
mus) greift?  So  wird  es  die  Arbeit  des  „molard"^)  (N,  F),  beschreiben 
können,  dem  es  oft  zugeschaut,  nicht  aber  die  des  „emouleur"  oder 
j.gagnepetit",  wie  ihn  der  Lehrer  einmal  genannt  hat.  Es  wird  wissen, 
wozu  die  „catelle"^)  dient  (G),  die  „poulie"  aber  nicht  kennen.  Es 
wird  auch  immer  von  dem  „fruitier"  (G,  F,  N)*)  sprechen,  bei  dem  es 
jeden  Tag  der  Mutter  die  Milch  holt,  und  nicht  von  dem  „fromager" 
des  Schulmeisters.  Im  Frühling  wird  es,  selbst  auf  einem  Schulspazier- 
gang, „pecosi"  (F)^)  —  seine  Lieblingsblume  —  suchen  und  keine 
„primeveres".  —  Beim  Fleischer  wird  es  nicht  der  Schule  zuliebe 
„cimier"  verlangen,  sondern  „cuvard''  (S.  787),  wie  die  Mutter  sagt.  — 
Endlich  weiß  es  wohl,  wie  die  „grabons"  (S.  787)  schmecken,  während 
es  sich  unter  „cretons"  nichts  Bestimmtes  vorstellen  kann.  So  werden 
die  jungen  Berner  auch  in  der  Schule  von  der  „Gülle",  vom  „Chabis" 
(Kabis)  und  vom  „Anken"  zu  sprechen  fortfahren  und  mit  den  ent- 
sprechenden hochdeutschen  Wörtern  ,.Jauche",  „Weißkohl"  und  „Butter" 
nur  eine  mehr  oder  weniger  flüchtige  Bekanntschaft  schließen.  •— 
Eine  Vermischung  des  schriftsprachlichen  und  des  mundartlichen  Wort- 
schatzes durch  die  Dialektsprechenden  wird  sehr  erleichtert  durch  das 
Beispiel  der  vielen  Fälle,  wo  hier  und  dort  für  denselben  Begriff  Formen 
eines  und  desselben  Typus  gebraucht  werden  und  durch  das  daraus 
hervorgehende  Gefühl  der  Lautentsprechung "),  [Momente,  die  bei  der 
Erlernung  fremder  Sprachen  weit  weniger  mitwirken].  —  So  bringen 
denn  unsere  dialektsprechenden  Schüler  aus  der  Schule  eine  recht 
mangelhafte  Kenntnis  des  schriftsprachlichen  Wortschatzes  mit,  und 
die  Gewohnheit,  diesen  Wortschatz  stets  durch  Entlehnungen  aus  der 
Mundart  zu  ergänzen.  Nicht  sehr  viel  besser  steht  es  mit  der  Sprach- 
kenntnis derer,  die  zu  Hause  ein  dialektisch  gefärbtes  Französisch  ge- 
lernt haben. 


1)  Vgl.  darüber  0.  v.  Greyerz:  Die  Mundart  als  Grundlage  des  Deutsch- 
unterrichts, Vortrag  gehalten  am  XIX  Schweiz.  Lehrertag,  Bern  1900. 

2)  Vgl.  S.  741. 

3)  Vgl.  catella  (Bridel). 

4)  Vgl.  fretai  <  frfta»  >  (Bridel). 

5)  Cf.  pikozc  (Bridel);  vgl.  auch  S.  734. 
0)  Vgl.  S.  708  und  S.  725. 


,  Das  schweizerische  Volksfranzösisch  749 

III.  Kapitel: 

Die  Ausbrüituiig  des  schriftsprachlichen  Wortschiitzes  durch  den 

Verkehr. 

Nicht  mehr  als  die  Schule  begünstigen  die  Verkehrsverhält- 
nisse die  intensive  Verbreitung  des  schriftsprachlichen  Wortschatzes 
unter  der  dialektsprecheuden  oder  mehr  oder  weniger  zweisprachigen 
Bevölkerung. 

Die  Schweiz  ist  wirtschaftlich  so  gut  wie  politisch  von  ihren  Nach- 
baren bis  zu  einem  gewissen  Grade  unabhängig.  Der  Verkehr  mit  dem 
Ausland  ist  zwar  bedeutend,  doch  nicht  derart,  daß  dadurch  unser  Volks- 
tum schon  stark  beeinflußt  worden  wäre.  Weder  unsere  Bauern  noch 
selbst  die  meisten  Stadtleute  beziehen  das,  was  zum  Leben,  zur  Aus- 
übung des  Berufes  nötig  ist,  direkt  aus  Frankreich  oder  Deutschland. 
Im  großen  ganzen  hat  unsere  Lebensweise,  namentlich  auf  dem  Lande, 
einheimisches  Gepräge  bewahrt.  Der  Warenverkehr  mit  dem  Ausland 
bringt  den  Großteil  der  Bevölkerung  nicht  in  Berührung  mit  Franzosen 
und  Deutschen,  da  der  Zwischenhandel  zum  größten  Teil  in  den  Händen 
von  Einheimischen  ruht.  Auch  der  stets  wachsende  Fremdenverkehr 
übt  keinen  allzu  großen  Einfluß  aus,  da  die  Fremdenindustrie  nur  ge- 
wisse Gegenden  des  Landes  besonders  beschäftigt.  Den  Fremden  fällt 
es  nur  höchst  selten  ein,  ihre  Sprache  den  Einheimischen  aufdrängen 
zu  wollen  und  diese  selbst,  insoweit  sie  nicht  in  Kaufläden  und  Gasthöfen 
beschäftigt  sind,  haben  wenig  Interesse  daran,  sich  den  fremden  Wort- 
schatz anzueignen.  Namentlich  gilt  das  von  allen  Ausdrücken,  die  sich 
auf  häusliche  Einrichtungen  und  Betätigungen,  auf  den  Landbau,  die 
Viehzucht,  auf  die  Natur,  die  Berge,  Pflanzen,  Tiere,  auf  Sitten  und 
Gebräuche,  auf  das  Gefühlsleben  etc.  beziehen.  Auch  von  Kirche  und 
Militärdienst  werden  diese  Teile  des  Wortschatzes  kaum  beeinflusst. 
Eine  große  Zahl  schriftsprachlicher  Ausdrücke  werden  vom  Volke  nicht 
häufig  genug  „erlebt",  um  mit  den  Vorstellungen  und  Affekten  genügend 
fest  assoziiert  und  spontan  reproduziert  werden  zu  können. 

Am  leichtesten  prägt  es  sich  diejenigen  Wörter  der  Schriftsprache 
ein,  die  zum  primitivsten  mündlichen  und  schriftlichen  Verkehr  unbe- 
dingt notwendig  sind  und  auf  die  auch  die  Schule  ganz  besonderes 
Gewicht  legt,  die  Verkehrswörter,  die  ganz  allgemein  bekannte 
Begriffe    bezeichnen,   die  Scheidemünzen    des  sprachlichen  Verkehrs^). 

1)  Wie  mannigfaltig  auch  die  Gründe  sein  mögen,  welche  das  Beibehalten 
alter  ixnd  das  Aufkommen  neuer  Wörter  verursachen,  so  haben  doch  die  Ver- 
kehrswörter vor  allen  das  Bestreben,  sich  über  das  ganze  Gebiet  einer  Sprache 
auszubreiten  und  existierende  autochtlione  Ausdrücke  in  den  Mundarten  zu  ver- 
drängen.  Vgl.  z.  B.  die  folgenden  Karten  des  Atlas  ling.:  acheter,  avoir,  böte, 


750  (^-  Wißler 

In  zweiter  Liuie  werden,  wenn  die  Umstände  günstig-  sind,  diejenigen 
Wörter  im  Gedächtnis  behalten,  die,  ohne  gerade  Verkehrswörter  zu 
sein,  doch  Begritte  bezeichnen,  die  jedermann  geläufig  sind.  Ich  denke 
an  Wörter  wie:  table,  fenetre,  foret,  pomme,  uuage,  feuille,  K'vre,  par- 
tüg-er,  tailler  ^),  se  taire*},  envoyer,  entier,  tendre  etc.  Diese  Wörter 
können  umgekehrt  auch  in  die  Mundarten  aufgenommen  werden,  be- 
sonders in  solche,  die  nicht  mehr  sehr  lebenskräftig  und  im  Begriffe  sind, 
vor  der  Schriftsprache  zu  weichen.  Wenn  sie  auch  die  alten  autochthonen 
Worttypeu  nicht  sofort  verdrängen  können,  so  machen  sie  ihnen  doch 
als  Synonyme  Konkurrenz^).  Zu  den  Wörtern,  welche  das  Volk  ge- 
wöhnlich dem  Wortschatz  der  Schriftsprache  entnimmt  und  die  daher 
auch  in  die  Mundarten  Aufnahme  finden,  gehören  die  Bezeichnungen 
für  gewisse  abstrakte  Begriffe,  wie  patience  {pasesd  bei  Byland), 
ouvrage  {ovrädzo^  ibid.),  proposition  ipropozisd,  ibid.)  etc.,  für  neue  Be- 
griffe, wie  locomotive  {komoüvd,  ibid.),  (\m\itfx\  [txvtiJ-,  Byland,  §58) etc. — 

Diejenigen  autochthonen  Wortty|ien,  die  schon  m  der  Mundart 
als  veraltet  gelten  oder  durch  die  entsprechenden  schriftsprachlichen 
merklich  zurückgedrängt  worden  sind,  werden  natürlich  in  der  Regel 
von  der  Volkssprache  nicht  übernommen  und  gehen  als  ausschließlich 
dialektisches  Sprachgut  mit  dem  Aussterben  der  Mundart  unter.  —  Es 
ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  auch  eine  gewisse  Schwierigkeit,  das  eine 
oder  andere  Wort  dem  allgemein  schriftsprachlichen  Habitus  anzu- 
passen, oder  vielleicht  noch  andere  Momente  seine  Aufnahme  in  die 
Volkssprache  verhindern  oder  erschweren. 

Trotz  aller  dieser  Ausscheidungen  ist  die  Zahl  der  ins  Volks- 
französische herübergenommenen  Dialektwörter  noch  eine  sehr  große, 
namentlich  in  den  Begriffsgruppen,  die  nicht  der  ganzen  Bevölkerung, 
sondern  nur  in  bestimmten  Klassen,  Berufen  bekannt  sind  und  wo  die 
Einführung  der  französischen  Bezeichnungen  schwer,  fast  unmöglich  ist. 

Um  von  diesem  Reichtum  eine  Vorstellung  zu  geben,  habe  ich  für 
eine  Anzahl  von  Begriffsgrupjjen  die  Zahl  der  mir  bekannten  ver- 
schiedenen Provinzialismen  (in  runden  Zahlen')  zusammengestellt.  Man 
wird  nicht  verfehlen  zu  bemerken,  daß  diejenigen  Begriffsgruppen,  die 
am  meisten  bodenständiges  Gepräge  aufweisen,  besonders  zahlreich 
vertreten  sind. 


blanc,  bleu,  cent,  chaud,  eher,  cinq,  coiuraencer,  croire,  demain,  heure,  ecole, 
6crire,  6t6,  etc.  Mit  Ausnahme  der  zuerst  und  zuletzt  genannten  umfassen  alle 
diese  Karten  nur  je  einen  einzigen  Worttypus  (acheter  und  6t6  je  zwei). 

1)  Die  entsprechenden  muudartliclicn  Typen  pwä  und  txeyzi  kommen  m.  W. 
in  der  Volkssprache  der  Schweiz  nicht  vor. 

2)  Vgl.  Gillieron:  Vionnaz  S.  III  ff. 

3)  Diese  Zahlen  haben  natürlich  nur  sehr  relativen  Wert!  Die  entsprechen- 
den Zahlen  für  die  gefühlsbetonten  Provinzialismen  siehe  auf  S.  817. 


Daa  schweizerische  Volkafranzösisch  751 

Pflanzen  und  Obstarten  170;  Vögel  50;  Fische  20;  übrige  Tiere 
(ohne  Nutzvieh)  40;  Vieli  und  Viehzucht,  Stall  etc.  50;  Weide,  Wiese, 
Feld,  Feldarbeit  und  Foldgoräte  70;  das  Heu  und  seine  Behandlung  35; 
Wein,  Tätigkeit  des  Winzers  und  Küfers  und  ihre  Geräte  100;  Hennerei, 
Käsefabrikalion  und  deren  Geräte  öO;  Fischer-  und  Schif'ferausdrücke 
25;  Haus-  und  Küchengeräte  25;  Werkzeug  der  Schreiner,  Zimmerleute, 
Holzhauer  20;  Wagen,  Schlitten  und  deren  Teile  25;  Häumlichkeiten 
des  Hauses  20;  Stotte,  Kleidung  und  Kleiderfabrikation  120;  Körjjer- 
teile70;  Krankheiten 'J5;  Speisen  und  Backwerk  120;  Spiele  der  Kinder 
und  Erwachsenen  160. 

IV.  Kapitel: 
Die  yerschiedenen  Arten  dis  Provinzialismus. 

Wie  aus  den  bisherigen  Ausführungen  hervorgeht,  ist  ein  Provin- 
zialismus ein  Wort  der  Mundart,  das  zu  einer  Zeit,  wo  die  Bewohner 
einer  Ortschaft  neben  ihrem  Dialekt  auch  die  Schriftsprache  mehr  oder 
weniger  beherrschen  —  also  zweisprachig  sind  — ,  in  die  von  der 
Mundart  lautlich,  formell  und  syntaktisch  stark  beeinflußte  provinzielle 
Schriftsprache  herübergeuommen  wird  und  im  Munde  des  Volkes  auch 
dann  weiter  lebt,  wenn  dieses,  die  Mundart  allmählich  vergessend, 
wieder  einsprachig  geworden  ist.  In  der  Regel  ist  der  Provinzialis- 
mus ein  Worttypus,  der  nur  der  Mundart  eigen  ist  und  in  der 
eigentlichen  Schriftsprache  nicht  vorkommt,  selbst  nicht  in  einer 
anderen  Lautform  oder  mit  einer  anderen  Bedeutung.  Wenn  wir  die 
einzelnen  Provinzialismen  nach  ihrer  Herkunft,  ihrer  heutigen  Verbrei- 
tung und  ihrer  Bedeutung  untersuchen,  werden  wir  freilich  finden,  daß 
die  Ausnahmen  von  obiger  ßegel  sehr  zahlreich  sind. 

1.  Die  Provinzialismen  nach  ihrer  Herkunft  und  Verbreitung. 
a)   Schweizerdeutsche  Lehnwörter. 

Sie  verdanken  ihre  Existenz  dem  starken  schweizerdeutschen  Ein- 
schlag in  der  welschen  Schweiz,  besonders  in  den  Kantonen  Freiburg, 
Neuenburg  und  im  Berner  Jura\).  Sie  sind  verhältnismäßig  zahlreich 
—  eine  Zusammenstellung  der  mir  bekannten  ergab  mehr  als  90  solcher 
Wörter;  die  Beispiele  ließen  sich  aber  leicht  vermehren.  —  Ein  großer 
Teil  dieser  schweizerdeutschen  Lehnwörter  läßt  sich  auch  in  den  franko- 
provenzalischen  Mundarten  nachweisen,  so  daß  einige  davon  vielleicht 
nur  durch  deren  Vermittlung  in  die  Volkssprache  gedrungen  sind.  Doch 
ist  die  Möglichkeit  einer  direkten  Aufnahme  in  die  Volkssprache  immer 
vorhanden.     Die  Gründe   zu  suchen,    warum  die   einzelnen  schweizer- 


1)  Vgl.   dcarüber  Prof.  Gauchat  im  Geographischen  Lexikon  V,  S.  76flf. 
und  Zimmer  11:  Sprachgrenze  111,  S.  117 ff. 


752  ^'  Wißler 

deutschen  Lehnwörter  in  die  Mundarten  (bezw.  die  Volkssprache)  der 
franz.  Schweiz  gedrungen  sind,  ist  nicht  meioe  Aufgabe.  Es  soll  hier 
nur  angedeutet  werden,  daß  dasVerbreitungsgebiet  je  nach  dem  einzelnen 
Fall  ein  sehr  verschiedenes  ist.  Überall  bekannt  sind:  lecrelet,  brisse- 
iet (vgl.  S.  99);  bouebe  s.  m.  und  s.  f.  (=  boitbo,  bouebo,  boueba^), 
Bridel),  schwd.  blieb  =  Knabe;  tri nguelte  (F.  und  J.  J.  Rousseau,  nach 
A.Fran9oi8:Lesi)rovincialismesdeJ.  J.R.,S.23uud37)wird  zu  tringuette 
inNundV,  wg\.  tringuelt,  bei  Bridel,  schwd.  tririkxgält',  stand  <.stä>> 
(vgl.S.790);  fid^s,  s.m.pl.(G,F,V)fidees,  s.f.pl.(N)  vermicelles,  schwd. 
fideli.  Sehr  bekannt  sind  auch:  griös  (N),  griesse  {¥),  grietz(V)  = 
semoule,  schwd.:  (/ms;  schnetz'')  (F,  N),  schnitz  (Dupertuis)  = 
quartiers  de  pommes  seches^  schwd.  snits-^  stahl  (N,  Dupertuis  :  Loc. 
vic.)  =  fusil  pour  aiguiser  les  couteaux,  schwd.  stTtl  oder  staxdl-^  chema- 
rotzer  (F;N,V)  =  ecornifler  [schmarotzen];  chalvere'')(F,  N,  Dupertuis  : 
Loc.  vic.)  =  bagne,  maisou  de  correction,  berudeutsch  sa/aM^ära;;  braute 
oder  brande  (vgl.  S.  797).  —  In  mehreren  Kantonen :  l  e  g  r  e  f  a  s  s  [und  legre] 
(vgl.S.780);toufelet(vgl.S.787);cratte(S.777);bache*)undcruche*) 
(F,  Pierrehumb.)  zwei  alte  Münzsorten,  den  schwd.  Ja/Sc?  und  a;rM^s3r  ent- 
sprechend, bei  J,  J.  Rousseau  b  a  t  s  e  und  c  r  u  t  z  e  [auch  creutzer]  (vgl.  A.  Fran- 
Qois  :  Les  provincialismes  de  J.  J.  R.,  S.  36) ;  veque  (F),  vec (Pierrehumb.) 
=  petitpain,  schwd.  wA<?;  schapsigre  (N),  schafzigre  i^F)  =  espece  de 
fromage  vert,  im  Schwd.  sabtsiydr ;  b  1  e  t  z  etc.  (vgl.  S.  797y ;  b  e  tt  e  1  e  r  <betle> 
(F,  La  Chaux-de-Fonds),  peteler  (N),  d.  pXtlä  in  der  Mundart  des  Val  de 
Ruz  i^Gauchat)  =  demander  avec  instance,  mendier,  schwd.  bätld\ 
poutzer  (F,  N,  Pierrehumb.)  =  nettoyer,  &Q\\vii\..  putsd-^  une  chelampe 
(F,  N)  =  femme  paresseuse,  schwd.  slampd\  schätz  (W,  Pierrehumb.) 
=  bonne  amie  [Schatz];  un  tutche  =  un  allemaud  (vgl.  828);  yass 
(vgl.  S.  790).  Nur  einem  einzigen  Kanton  scheinen  anzugehören:  guetzoetc. 
(S.  773);kritze(S.773);  berr^S.776);  peuglise  (S.786),  strube(S.783); 
schilte  (Pierrehumb.);  schelt  (N)  =  euseigne  d'auberge,  schwd.  silt\ 
stekre=:bäton,  schwd. s7rtX-a;y ;  chemelet (N)=escabeau,  schwd. säm»//; 
kneupflet  (N),  knefflet  (Pierrehumb.)  =  eine  Art  Kloß,  schwd.  a;»^/)^«; 
couglof  (Pierrehumb.),  schwd.  gugolhrq)/;  fouetre,  vgl.  S. 772  eflemu 
oder  f  lumu  (F)  =  compote  aux  pommes,  schwd.  wpfdlmuds-^  stotz  (F)  = 
fesse  de  vache,  schwd.  s7o^s3 ;  f  o  r  c  c  e  (nach  F  in  der  Stadt  Freiburg)  =  espece 


1)  Vgl.  hioeha  auf  der  Karte  fillette  (1569)  des  Atl.  ling. 

2)  Davon  schnetzer  oder  vendre  des  schnetz  (N)  =  faire  tapisserie  (keinen 
Tänzer  haben). 

3)  Davon  chalvörien  (N,  F,  Dupertius :  Loc.  vic.)  =  for§at. 

4)  Bemerkenswerte  Laiitformen,  welche  zeigen,  daß  die  Wörter  aus  der 
Mundart  (mit  Anwendung  der  Entsprechungsregel  ts—s)  in  die  Volkssprache 
aufgenommen  wurden. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  753 

de  ragoüt  de  la  „benichon"  [Kirch weihfest],  schwd. /om.??;  souriebe 
(N,  Pierrehumb.)  =  compote  aux  raves,  schwd.  surrüdba-,  kannepire 
(N),  8.  m.  =  poire  d'angoisse,  schwd.  xahdpira]  des  vergessminettes 
(N),  des  verguisses,  des  guisses,  desfleurguisses [Volksetymologie!] 
(La  Chaux  de  Fonds)  =  myosotis;  das  schwd.  fdrgismäijnixt  ist  nicht 
autochthon  [Die  Blume  heißt  auch  im  Frz.  „ne  m'oubliez  pas"];  fravail 
(vgl.  S.  789):  raeunns  (Picrrehumb.)  =  Kleingeld,  schwd.  münfs]  tseye 
(F)  =  coriace  (vgl.  tsei/a^  Gauchat :  Patois  de  Dompierre,  §95);  schwd, 
tsäi/;  freiere  (G)  =  perdu,  schwd. /<?r^ra;  fertik  (Pierrehumb.)  =  fini ; 
schwd.  fertik-,  ouze!  (F)=va-t-en!  (en  chassant  un  chien),  schwd.  tts?! 
(=  hinaus!)^). 

Anmerkung:  Die  frankoprovenzalischen,  wohl  nur  durch  das 
Volksfranzösische  verbreiteten  Lehnwörter  sind  im  Schweizerdeutschen 
nicht  besonders  zahlreich.  Mir  sind  nur  die  folgenden  bekannt:  Tablar 
(vgl.  S.  797),  Ädrio  =  &.ir\SLU  (vgl.  S.  787),  i>r«e  =  piorner  (S.  809). 
Baiaillesuppe  =  soupe  ä  la  bataille  (G,  N,  F,  W,  Dupertuis)  [franz. 
potage  ä  la  julienne].  In  Murten  heißt  der  Schürhaken  „9s  Ofarabli: 
dies  Wort  geht  eher  auf  das  frankoprov.  Dimin.  rahllet  (Bridel) :  rablet 
(G,  F,  N,  Dupertuis)  zurück,  als  auf  das  franz.  „rable". 

b)  Wörter,  welche  nicht  den  lokalen  Mundarten 
entstammen. 

Nicht  immer  entstammen  die  Provinzialismen  den  lokalen  Mund- 
arten; gewisse  unter  ihnen  haben  die  Tendenz,  sich  auszubreiten.  So 
sagte  mir  eine  Frau  aus  der  Umgebung  von  Romont  die  hölzerne 
Schöpfkelle  heiße  in  der  Mundart  kavwe,  im  Französischen  aber  goume. 
Dies  Wort  ist  der  waadtländische  Provinzialismus,  der  sich  als  franz. 
W^ort  einbürgert.  —  Das  Wort  fayard  (G,  W),  foyard(F,  N,  V,  Peter: 
Cacol.),  das  in  der  franz.  Schweiz  allgemein  die  Buche  bezeichnet,  ist  dort 
nicht  autochthon  [in  der  Mundart  heißt  die  Buche:  fohira  (s.  f.),  fohi 
<ifqxiy,  fau,fou,  s.m.  (Bridel),  vgl.  auch  /ö.s/[?]  etc.,  fü  etc.  auf  der  Karte 
hetre  (690)  des  Atlas  ling.;  dazu  der  Provinzialismus  feu  nur  in  GJ. 
foyard  stammt  vielmehr  aus  den  benachbarten  Gebieten  Frankreichs. 
Über  seine  Verbreitung  im  Burgundischen,  einem  Teil  des  Frankopro- 
venzalischen und  des  Provenzalischen  (der  Rhone  entlang)  vgl.  die  er- 
wähnte Karte  des  Atl.  ling.;  vgl.  das  Wort  auch  bei  Littre:  un  des 
noms  vulgaires  du  hetre.  —  Das  Wort  gou  verner  =  das  Vieh  besorgen, 
(vgl.  S.  772)  gilt  in  L'Etivaz  für  französisch ;  in  der  Mundart  sagt  man 
edär(U  (nach  Prof.  Jabergs  Mitteilung). 


1)  Neubildung   von    schwd.  Stamm   ist   tsrouker  (Pierreh.);  tsruk   schwd. 
=:  zurück. 

Bomanisolie  Forschungen  XXVII.  48 


754  G-  Wißler 

In  den  Ossolalälern  gilt  das  vom  Piemontesischen  eingeführte 
randza  (statt  des  mundartl.  zgetsa)  =  Sense  als  italienisch  (nach  Prof. 
Jaberg). 

c)  Die  Verbreitung  der  provinziellen  Worttypen. 

Mit  Ausnahme  von  Beispielen,  wie  die  eben  erwähnten,  entspricht 
die  Verbreitung  des  Provinzialismus  der  des  entsprechenden  Dialekt- 
wortes. 

Eein  lokalen  Charakter  haben  z.  B.  tertasse  =  ruelle  montante  in  G 
bacouni  =  batelier  inG  (vgl.  Ph.Monnier  :  Causeries  gen.  S.  173);  rein  = 
espece  degaufre  (nachFin  Estavayer),  bornan,  vgl.S.  767  etc.  Größer  ist 
das  Verbreitungsgebiet  z.  B.  von  t  i  n  t  e  b  i  n  (vgl.  S.  734),  b  r  6  v  a  r  d  (vgl.  S.  789), 
empare  (vgl.  S.  793)  etc.  Sehr  viele  Provinzialismen  sind  in  allen  franz. 
sprechenden  Kantonen  bekannt  und  kommen  dann  gewöhnlich  auch  in 
den  Mundarten  Savoyens  vor,vgl.seret  (S.774),  tomme(S.  774)  coineau 
etc.  (S.  783),  paufer  (S. 783).  Auch  in  Lyon  und  z.  T.  im  Proveuzalischen 
finden  sich  mailler  (vgl.  S.  819)  magnin,  (vgl.  S.  782);  plot  (vgl.S. 782) 
chesal  (vgl.  S. 785),  vogue(S.741),  enfle,  gonfle,  use^vgl.  S.  741);  in 
der  Franche Comte  embrier  (vgl.S. 822);  derocher=tomber  (inG,N,V, 
W,  F;  vgl.  bei  Godefroy  die  heutige  Verbreitung  und  derotschi  etc.  bei 
Bridel)  etc.  Mit  dem  Italienischen  haben  wir  z.  B.  gemein  taccon  (vgl. 
S.  797),  loton  (vgl.  S.  755),  piote  (G,  F,V,W  =  patte,  jambe;  vgl.  piota, 
pioüta  bei  Bridel) :  ital.  piota  =  Fußsohle;  planelle  (^G,  N,  V)  =  sorte 
de  brique,  vgl.  ital.  pianella  =  flacher  Ziegel.  Je  größer  das  Ver- 
breitungsgebiet eines  mundartlichen  Typus  auf  franz.  Sprachgebiet  ist, 
desto  größere  Aussicht  hat  er,  in  der  Volkssprache  beibehalten  zu 
werden. 

d)  Archaismen^). 

Ein  großer  Teil  der  in  den  heutigen  franz.  Mundarten,  im  Franko- 
provenzalischen  und  in  unserer  Volkssprache  vorkommenden  Wörter 
war  in  der  altern  Sprache  Frankreichs  weiter  verbreitet  und  kam  selbst 
in  der  Isle  de  France  vor,  vgl.  die  eben  erwähnten  chesal  undderocher, 
ferner  ritriaux(S.787),craisu(S. 7861, pose(S. 790),  donne(S.  791),  es- 
eieut  (S.824),  grosset  (S.743);  „se  gaber"  (F:  Supplement),  in  der  Mund- 
art :  vgl.  gahba  (Bridel)  =  se  vanter,  altfranz.  gaber  (Godefroy),  u.  s.  w. 

2.  Schriftsprachliche  Worttypen  in  mundartlicher  Lautform. 
Wie  bereits  S.748  angedeutet,  enthalten  die  fraukoprovenzalischen 
Mundarten  eine  Menge  Worttypen,  die  auch  in  der  Schriftsprache  vor- 
kommen.    Z.  T.   sind   dieselben    autochthon,   z.  T.    früh    entlehnt.    In 
jedem  Falle  aber  sind  sie  dem  Lautsystem  der  Mundart  angepasst,  also 


1)  Vgl.  auch  S.  737. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  755 

lautlich  oft  sehr  verschieden  von  ihren  Entsprechungen  in  der  Schrift- 
sprache; sie  werden  daher,  trotz  des  Entsprechungsbevvußtseius  zwischen 
einzelnen  Lauten,  nicht  leicht  als  identisch  erkannt.  Übrigens  sind  die 
eigentlichen  schriftsprachlichen  Lautformen  häufig  unbekannt.  Der 
ungebildete  Dialektsprechende  entlehnt  also  auch  solche  "Wörter,  wenn 
er  sich  in  der  Schriftsprache  ausdrücken  will,  direkt  der  Mundart  und 
verändert  sie  —  in  gleicher  Weise  wie  die  Wörter,  die  in  der  Schrift- 
sprache keine  etymologische  Entsprechung  haben  —  und  so  weit  als  es 
sein  Entsprechungsbewußtsein  zwischen  mundartlichen  und  schriftsprach- 
lichen Lauten  verlangt.  In  dieser  Gestalt,  die  durchaus  nicht  immer 
mit  der  schriftsprachlichen  übereinstimmt,  leben  die  Wörter  auch  in 
der  eigentlichen  Volkssprache  weiter.  Der  Laie  betrachtet;  wenn  er 
die  provinzielle  Lautform  mit  der  schriftsprachlichen  vergleicht,  dieselbe 
als  falsche  „Aussprache" : 

tsataila^)  (ßyland,  §  71)  :  chatagne  (F,  N,  V)  =  chätaigne;  leräji^ 
lerdzi'')  (Bridel) :  lerger  (V)  =  leger;  ourthia^)  (Bridel) :  ourtie  (G,  V, 
Peter  :  Cacol.)  =  ortie;  avhllon,  avellhon  (Bridel),  aulo  (Atl.  ling,  K,  15  und 
K.  1426) :  avouillon  =  aiguillon;  subllet*')  (Bridel) :  suhlet,  chubliet 
(F)  =  sifflet;  voueppa,  vuippa  (Bridel)  :  vouepe  (G)  =  mechante  femme, 
eigentlich  =  guepe,  vgl.  S.  756.  kinson  (Bridel) :  quinson  (G,  F,  V)  = 
pin8on^)«);^o^wzow, ^ormow(Bridel):polmon,  pormon(G,V)  =  poumons); 
iavä  (Byland,  §  60) :  tavan  (G,  F,  N,  V)  =  taon")»);  ffo  (Byland,  §  34): 
flot  (N,  V)  =  fleau <*)»);  lofon")  (Bridel;  :  loton  (G,  F,  JSl,  V)  =  laiton; 
beuza  (Bridel) :  beuse  (Dupertuis  :  Loc.  vic.)  =  bouse');  mourgiiet 
(Bridel)  rmurguet,  meurguet  (G,  V,)  =  muguet.  Vgl.  auch  hutains 
(S.  781),crochon")>ndiot;I  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  ßuz)  :bovi  (N) 
=  „bouvier"^)  etc. 


1)  Vgl,  Atl.  ling.  Karte  251. 

2)  Vgl.  ibid.  Karte  576. 

3)  Vgl.  ibid.  Karte  951. 

4)  Vgl.  Atl.  ling.  Karte  1231  {sübye). 

5)  Vgl.  im  Atl.  ling.  die  Karten  pinson  (1018),  poumon  (1073),  taon  (1281) 
fl6au  (580),  büuse  (181),  berger  (128). 

6)  Vgl.  Mistral :  quinsoun. 

7)  Vgl.  S.  796. 

8)  Vgl.  den  Artikel  über  fleau  von  Prof.  Jeanjaquet  im  Bulletin  1905, 
S.  33  und  Gilli6ron:Mirages  phonötiques;  Revue  Cledat  1907,  S.  130 fif. 

9)  Vgl.  ital.  l'ottone. 

10)  Vgl.Gillieron,  loc.  cit.  S.  132:  „La  Suisse  romande  ne  reconnaissant 
pas  le  frangais  croüton  dans  son  crotzon,  mais  ayant  observ6  quo  ts  =  ch,  a 
forge  crochon". 

48* 


756  G-  Wißler 

3.  Die  Provinzialismen  nach  ihrer  Bedeutung. 
a)  Abweichungen  von  der  Mundart. 

a)  Die  Fälle,  in  denen  der  Provinzialismus  in  der  Bedeutung  von 
dem  entsprechenden  Dialektwort  abweicht,  sind  nicht  besonders  zahl- 
reich und  nicht  sehr  wichtig.  Die  Unvollständigkeit  meines  Quellen- 
materials gestattet  mir  nicht  festzustellen,  ob  die  abweichende  Bedeu- 
tung in  der  Mundart  oder  im  Volksfranzösischen  wirklich  nicht  auch 
vorkommt,  ob  es  sich  um  lokale  Verschiedenheiten  handelt,  u.  s.  w. 
So  bedeutet  nevä  nach  Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz  =  grosse  couche  de 
neige,  nach  N  dagegen  neva,  s.  m.  =  petite  neige,  neige  tombant  en 
tres  petite  quantite;  niozf  =  courte  bille  renouee  qu'on  a  de  la  peine 
ä  fendre  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz)  oo  mosets,  s.  m.  pl.  =  pieces 
de  bois  de  cinq  pieds  de  longueur  qui  sont  transformees  en  echalas 
(N.  Pierrehumb.)  etc. 

ß)  Eine  allgemeine  Erscheinung  ist,  daß  Wörter,  welche  in  der 
Mundart  eine  konkrete  und  eine  übertragene,  gefühlsbetonte  Bedeutung 
haben,  die  erstere  in  der  Volkssprache  leichter  verlieren,  als  die  letztere: 
So  bedeuten  segneula,  signeula  (Bridel)  und  ivega  (vgl.  Gauchat :  Patois 
de  la  Montagne  neuch.)  in  der  Mundart :  manivelle,  (daneben  segneula 
s.  m.  =  vieillard  [!],  Bridel);  dagegen  ist  nach  Pierrehumb.  vouingue 
in  der  Volkssprache  als  „manivelle"  ungebräuchlich,  wohl  aber  als 
„chose  qui  fait  un  bruit  monotone  et  continu";  nach  N :  vielle,  orgue 
de  Barbarie,  mauvaise  machiue  quelconque;  segneu le,  s.  f.  se  dit 
d'une  personne  ennuyeuse,  fatigante,  qui  rabache  continuellement,  qui  ^ 
demande  avec  une  insistance  desagreable  (N);  signoule  =  femme  j 
ennuyeuse;  segnaule(V),  segneule,  signoule  (Dupertuis  :  Loc.  vic.) 
=  vielle*). 

Vgl.  auch  potte  (S.832),  das  nur  in  den  Ausdrücken  „faire  la  potte", 
„se  lecher  les  pottes"  gebraucht  wird,  sonst  aber  nicht  die  Stelle  von 
Ifevre  vertritt  und  nicht  von  jedermann  mit  diesem  identifiziert  wird, 
vouepe  (S.  755)  ist  nur  in  der  übertrageneu  Bedeutung  in  die  Volks- 
sprache gelangt;  in  der  Bedeutung  Wespe  :  gcp.  Auch  die  ursprüng- 
liche Bedeutung  von  tiule  und  biole  ist  nicht  allen  denjenigen  bekannt, 
welche  die  Ausdrücke  „avoir  sa  tiole"  und  „etre  dans  les  biole s"  ver- 
wenden (vgl.  S.  837).  Mau  denkt  nicht  immer  an  eine  nächtliche  Ver- 
sammlung der  Hexen  (vgl.  Bridel  chetta,  chatta  etc.),  wenn  man  sagt  ; 
„faire"  oder  „mener  la  chette"  (V,  Pierrehumb.,  cf.  Gorgibus  :  Frederi . . ., 
S.  40)  für  „Lärm  machen",  so  wenig  als  encoubler,  wie  die  S.  140  an- 


1)  Vgl.  ouiuguer  (S. 

2)  Einzig  G  verzeichnet    für   „cheniüle,    senifile''   neben   der  Bedeutung: 
personne"  ennuyeuse  auch    manivelle;  ^vgl.  segneuler  (N)  =  ennuyer,   fatiguer. 


Das  schweizerische  Volijsfranzösisch  757 

geführten  Beispiele  beweisen,  immer  die  ursprüngliche  Vorstellung  er- 
weckt. 

Solche  Änderungen  im  begrifflichen  Bedeutungsgehalt  der  Wörter 
haben  naturgemäß  auch  Änderungen  im  Vorstellungswert  zur  Folge.  Die 
Bedeutungsentwicklung  von  segneule  und  oingue  (S.  756)  z.  R.  be- 
dingt, daß  mit  diesen  Wörtern  nicht  mehr  die  visuelle  Vorstellung  einer 
Kurbel,  um  so  intensiver  aber  die  akustische  Vorstellung  eines  unan- 
genehmen langweiligen  Geräusches  oder  diejenige  einer  unangenehmen 
Empfindung  überhaupt  assoziiert  ist. 

y)  Inwieweit  die  Wörter  der  Mundart  beim  Übergang  zur  Volks- 
sprache (oder  nachher)  eine  Änderung  ihres  Gefühlswertes  durchmachen, 
läßt  sich  mehr  ahnen  als  feststellen,  da  namentlich  der  Gefühlswert 
eines  Dialektwortes  für  den  Dialektsprechenden  von  einem  Unbeteiligten 
schwer  nachgefühlt  werden  kann.  Wenn  ich  richtig  vermute,  sind  im 
lebendigen  Patois  Wörter  wie  pessublla^\  petublla  =  „vessie  d'homme 
ou  d'animal";  j)'-t^^'>^ossa  =  „linge  use,  chiffon  pour  essuyer  la  vaisselle, 
les  meubleS;  grosse  toile  d'emballage,  dont  on  se  sert  pour  laver  les 
planchers"  (Bridel)  nicht  besonders  gefühlsbetont  (nicht  mehr  als  es 
etwa  die  synonymen  schweizerdeufscheu  ,^Blattere^'  und  ,,Lumpe'''  sind). 
Die  Provinzialismen  petuble  (F,  V)  undpanosse(G,  F,  N,  V)  sind  nicht 
mehr  überall  sehr  gebräuchlich;  sie  haben  daher  an  Gefühlswert  zu- 
genommen und  gehören  hier  oder  dort  schon  zu  denjenigen  Wörtern, 
welche,  wie  mir  in  Epesses  gesagt  wurde,  nur  mehr  verwendet  werden, 
um  Anekdoten  daran  zu  knüpfen. 

b)  Abweichungen  von  der  Schriftsprache. 

a)  Die  etymologisch  identischen  Wörter  in  der  Schriftsprache  und 
in  der  Mundart,  seien  sie  nun  in  dieser  autochthon  oder  entlehnt,  haben 
nicht  immer  dieselbe  Bedeutung  oder  denselben  Bedeutungsumfang. 
Werden  nun  solche  Wörter  (nach  S.  755)  in  die  Volkssprache  herüber- 
genommen, so  behalten  sie  leicht  ihre  dialektische  Bedeutung  bei. 
Wenn  es  schon  schwierig  ist,  den  Schülern  klarzumachen,  daß  gewisse 
Wörter  in  der  Schriftsprache  nicht  gebraucht  werden  dürfen,  so  wird  es 
noch  viel  schwieriger  sein,  ihnen  beizubringen,  gewisse  Wörter  seien 
zwar  auch  schriftsprachlich,  bedeuten  aber  etwas  anderes  als  in  ihrer 
Alltagssprache.  So  heißt  denn  fourneau  (G,  F,  N,  V)  =  poele'^),  wie 
das  mundartliche  fornef  (Bridel):  viadzo  (Bridel) :  voyage  (V,  Courthion  : 
Scenes  val.,  S.  31)  =  Charge,  fardeau;  fretai  (Bridel)  rfruitier  (G,  F, 


1)  Vgl.  Ati.  ling.  Karte  vessie  (1380). 

2)  Vgl.  Atl.  ling.  Karte  1043. 


758  Gr.  Wißler 

V,  N)  =  fromag-er;  hravo  (Dict.  sav.)  :  brave  (G)  =  joli,  mignon; 
pUemä  (Bridel) :  plumev  (F)  =  peler^);  remoua  (Bridel)  :remuer  v. n. 
(G,  V,  N),  neben  der  eigentlichen  Bedeutung  auch  =  demönager; 
pilon  (Bridel)  :  p  i  1 0  n  (G,  F,  N,  V,  W)  =  mortier;  cougni,  cugni 
(Bridel)  reo  gne  r  (G,  F,  N)  =  presser,  fouler;  patta  (Bridel) :  p  a  1 1  e 
(G,  F,  N,  V,  P6ter  :  Cacol.),  neben  der  eigentlichen  Bedeutung :  chiffon, 
guenille*). 

Archaisch  ist  vielleicht  die  provinzielle  Bedeutung  von  disputer 
und  (se)  bavarder  (vgl.  S.  826  und  827). 

Crocheter  ist  in  Lausanne  und  La  Chaux-de-Fonds  eine  provinzielle 
(mundartliche?)  Neubilduug  und  bedeutet :  häkeln,  (das  franz.  :  crocheter 
=  ouvrir  une  porte  avec  un  crochet,  nach  Littre). 

ß)  Dringt  ein  Wort  aus  der  Schriftsprache  in  die  Mundart  oder  in 
das  Volksfranzösische,  so  nimmt  es  leicht  eine  von  der  ursprünglichen 
etwas  verschiedene  Bedeutung  an,  namentlich  wenn  Mundart  oder  Volks- 
sprache den  Begriff  mit  einem  eigenen  noch  sehr  lebenskräftigen  Worte 
benennen : 

hetre  bezeichnet  z.  B.  in  gewissen  Ortschaften  des  Kt.  Freiburg 
(Bulle,  etc.)  nicht  die  Rotbuche  (für  die  der  Name  foyard')  beibehalten 
wird),  sondern  einen  ähnlichen,  etwas  selteneren  Baum,  den  ich  nach 
der  Beschreibung  nicht  sicher  identifizieren  konnte.  Wahrscheinlich 
ißt  es  der  Hornbaum  (Weißbuche),  franz.  charme.  —  taupe  bezeichnet 
in  Epesses  nicht  den  Maulwurf  (derbon)*),  sondern  die  braune  Feld- 
maus, vgl.  in  der  Mundart  tgpa  =  Feldmaus  (Byland,  §  74).  —  Unter 
loquet  versteht  man  in  N  nicht  die  Klinke^)  (den  Drücker),  sondern 
den  Riegel')  (verrou).  —  Da  grenier  die  ursprüngliche  Bedeutung 
(Korn-,  Heuspeicher)  bewahrt,  so  tritt  in  der  Bedeutung  „unbewohnter 
Dachraum"  das  franz.  galetas  an  seine  Stelle.  —  duvet  (G,  F,  N,  W, 
Dupertuis)  wird  gebraucht  für  ödredon,  couvrepieds;  pionnier  (V)  für 
cantonnier,  etc. 

Eine  Bedeutungserweiterung  haben  erfahren  :gaspiller  (G,  F,  V) 
=  voler  [dasselbe  bedeutet  gaspii  in  der  Mundart  des  Val  de  Ruz 
(Gauchat)],  embeter  (N)  =  enjoler,  tromper. 


1)  Vgl.  Atl.  ling.,  Karte  991  und  Gilliöron  :plumer-peler  in  Revue  de 
Philologie  frangaise  (CI6dat),  1907,  S.  107. 

2)  BelLittie  als  Provenzalismus ;  vgl.  die  Karte  chiffou  (281)  des  Atl.  ling. 

3)  Vgl.  S.  753. 

4)  Vgl.  derbon  bei  Bridel  und  Atl.  ling.,  Karte  1286. 

5)  Diese  heißt  p6clet  (G,  F    N,  V,  W),  vgl.  pekllet  (Bridel). 

6)  Selten  den  vom  Schlosse  unabhängigen,  meist  den  zum  Schlosse  ge- 
hörigen Riegel.  Die  Karte  verrou  (1374)  des  Atl.  ling.  verzeichnet  lokc  für 
Pkt.  122  (in  der  Aube). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  759 

Einen  prägnanteren  Sinn  haben  angenommen  :  gouherna,  gouverna 
(Bridel) :  gouverner,  v.  n.  (N,  V,  F)  =  prendre  soin,  soir  et  matin,  du 
betail,  lui  donner  ä  manger,  le  tenir  propre.  (Vgl.  auch  Ceresole  :  En 
cassaut  .  .,  S.  44  und  Sf),  Courthion  :  Scenes  val.  S.  162).  —  relava 
(Bridel) :  relaver  (G,  F,  V,  Pierrehumb.)  =  laver  la  vaisselle  apres  las 
repas.  —  frequenter  (G,  N,  F:  Suppl.)  =  avoir  un  bon  ami  oii  une 
bonne  amie.  (Vgl.  Vallotton,  Mr.  Potterat  .  .  S.  5  und  frenentachon  im 
Dict.  sav.).  —  Über  amasser,  ramasser  vgl.  S.  804. 

Anm.  Von  Bedeutungsabweichungen,  die  auch  in  der  Volkssprache 
Frankreichs  vorkommen,  erwähne  ich  nur :  quitt  er  de  faire  qch  =  cesser 
de  faire  qch.  (auch:il  a  quitte  de  pleuvoir);  lächer(F)  =  quitter;  rester i) 
=  loger  (G,  N,  F,  V,  W);  consequent  (F,  V)  =  important*);  puissant 
(F,  V)  =  gros,  grand;  fautif  (G,  F,  N)  =  coupable. 

c)  Bedeutungslehnv7örter'). 

vdvi,  gewöhnlich  =  tourner,  wird  in  der  Mundart  auch  gebraucht 
als  vdri  le  vatse  (nach  G  und  N,  vgl.  auch  vdri  IS  vaghe  im  Dict.  sav.) 
für  „das  Vieh,  das  sich  von  seinem  Weideplatz  entfernt  hat,  dorthin 
zurücktreiben".  Auch  in  diesem  Fall  wird  in  der  Volkssprache  V9ri 
durch  tourner  übersetzt  :  tourner  les  vaches  (G,  F,  N). 

derae,  {derrai  bei  Bridel)  heißt  in  der  Mundart  sowohl  „hinter" 
(Präpos.)  als  „(der)  letzte"  (Adjektiv)  und  wird  in  der  Volkssprache 
auch  im  ersten  Fall  mit  dernier  übersetzt  :  dernier=  derriere  (F)  vgl. 
dernier  la  croix  (Gorgibus :  Frederi,  S.  105),  dernier  les  fascines 
[fagots]  (Gorgibus,  ibid.  S.  82),  dernier  la  grange  (Gorgibus,  ibid. 
S.  99). 


B.  Spezielles. 
Die  einzelnen  Provinzialismen  im  Kampf  mit  den  ent- 
sprechenden sehriftsprachliclien  Ausdrücken. 

Die  vorgebrachten  allgemeinen  Gründe  würden  vielleicht  genügen, 
um  die  Entstehung   von  Provinzialismen   zu    erklären,    nicht    aber    die 


1)  Cf.Mistralresta;  wurde  schon  von  Vaugelas  getadelt(Edit.Cha8sangI,232). 

2)  cf.  Rousselot :  Modifications,  S.  22. 

3)  Über  diesen  Begriff  vgl.  Prof.  S.  Singer:  „Die  deutsche  Kultur  im 
Spiegel  des  Bedeutungslehnwortes"  in  Mitteilungen  der  Gesellschaft  für  deutsche 
Sprache  in  Zürich;  Heft  VII  (1903), 


760  Cr.  Wißler 

hartnäckige  Beibehaltung  gewisser  unter  ihnen  auch  in  Kreisen,  wo 
das  mustergültige  Französisch  sehr  gut  gekannt  wird  und  wo  auch  die 
Gelegenheit,  mit  Franzosen  zusammenzukommen,  sich  häufig  bietet, 
wie  in  den  gebildeten  städtischen  Kreisen.  Wir  müssen  also  unter- 
suchen, ob  nicht  auch  die  Gründe,  welche  die  Beibehaltung  verschiedener 
Gruppen  von  Provinzialismen  fördern,  in  gewissen  Eigenschaften 
dieser  selbst  liegen,  so  nämlich,  daß  die  betr.  Provinzialismen  im  Kon- 
kurrenzkampf mit  den  entsprechenden  französischen  Synonymen  irgend 
einen  Vorteil  haben. 

Wir  werden  also  die  Provinzialismen  mit  den  entsprechenden 
schriftsprachlichen  Ausdrücken  vergleichen  und  uns  fragen,  in  wieweit 
ihr  Bedeutungsgehalt  (Begriff-,  Vorstellungs-  und  Gefühlswert)  ihre  laut- 
liche und  formelle  Gestalt  und  endlich  ihre  syntaktische  Verwendung 
bei  ihrer  Erhaltung  eine  Rolle  spielen  mag. 

Bemerkungen: 

1.  In  den  folgenden  Ausführungen  ist  dem  französischen  Wort  der 
mundartliche  Typus  immer  in  der  frauzösisierten  Form  gegenüber- 
gestellt, ohne  Rücksicht  darauf,  daß  der  Konkurrenzkampf  oft  schon 
im  Stadium  der  Zweisprachigkeit  beginnt.  Doch  verläuft  der  Kampf 
in  diesem  Fall  nicht  wesentlich  verschieden,  da  die  nämlichen  Momente 
in  Betracht  kommen. 

2.  Bei  jedem  einzelnen  Beispiel  werden  alle  Gründe,  deren  nicht 
eben  Erwägung  getan  wird  und  die  oft  in  gleichem  oder  in  höherm 
Maße  zur  Erhaltung  des  Provinzialismus  beitragen,  vernachlässigt,  um 
die  Darstellung  nicht  zu  sehr  zu  komplizieren. 


I.  Kapitel: 
Das  Wort  als  Träger  des  Begriffs. 

Der  autochthone  Wortschatz  der  Mundart,  zumal  in  einem  politisch 
und  wirtschaftlich  selbständigen  und  in  vielen  Beziehungen  eigenartigen 
Gebiete,  wie  der  Schweiz,  paßt  sich  möglichst  dem  Begriffsschatz  an 
und  entwickelt  sich  allmählich  mit  diesem,  so  daß  er  zu  jeder  Zeit 
den  Bedürfnissen  des  Gedankenaustausches  in  jeder  Beziehung  gerecht 
wird.  So  sind  unsere  alemannischen  und  frankoprovenzalischen  Mund- 
arten für  unsere  Hirten,  Bauern  und  Handwerker,  in  den  Bergen  und 
in  der  Ebene,  in  Stadt  und  Land,  für  das  ganze  Volk,  ein  bequemes, 
handliches  und  allen  Zwecken  dienstbares  Werkzeug.  Im  Vergleich 
dazu  entsprechen  die  beiden  Schriftsprachen,  die  aus  verschiedenen 
Kulturverhältnissen  herausgewachsen  sind,  unseren  Bedürfnissen  nur  in 
mangelhafter  Weise. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  761 

1.  Lücken  im  schriftsprachlichen  Wortschatz. 

Eine  der  idealen  Forderungen  an  die  Sprache  ist  die,  daß  sie  dem 
Sprechenden  für  jeden  Begriff  und  für  jede  besonders  charakte- 
risierte Modifikation  eines  Begriffs,  wenigstens  eine  Bezeichnung 
biete. 

Zwar  wird  diese  Forderung  von  keiner  Sprache  vollkommen  er- 
füllt, doch  lassen  sich  die  Gedanken  in  einer  Sprache  um  so  klarer 
und  bestimmter  ausdrücken  und  ist  dieselbe  als  Werkzeug  umso  taug- 
licher, je  mehr  sich  ihr  Wortschatz  diesem  Ideal  nähert:  Selbst  die 
genauste  Definition  ist  oft  nicht  imstande,  den  Begriff  so  klar  und 
eindeutig  zu  bezeichnen,  wie  das  einzelne  Wort.  Der  aus  mehreren 
Wörtern  zusammengesetzte  Ausdruck  hat  außerdem  meist  einen  andern 
Anschauungs-  und  Gefühlsgehalt  und  kann  also  das  eine  Wort 
nicht  in  seinem  ganzen  Bedeutungsgehalt  ersetzen.  (Vgl.  darüber 
S.  802  und  S.  815).  Jedesmal  nun,  wenn  zur  Bezeichnung  eines  Begriffs 
ein  Wort  gewählt  werden  muß,  das  ihn  nur  ungenau  wiedergibt,  oder 
der  Begriff  durch  einen  mehrgliedrigen  Ausdruck  umschrieben  werden 
muß,  so  kompliziert  das  den  Gedankengang  (und  damit  den  Satzbau), 
vermehrt  die  psychische  Arbeit  des  Sprechenden  und  erschwert  das 
Verständnis  für  den  Hörer.  Nicht  alle  mehrgliedrigen  Ausdrücke  sind 
in  gleicher  Weise  unbequem:  kurze  oft  wiederkehrende  Polynome  er- 
starren zu  einer  gewissen  Einheit  und  werden  von  der  Sprache  fast 
wie  einzelne  Wörter  behandelt,  (vgl.  z.  B.  pomme  de  pin,  poire  sau- 
vage, terrain  ä  bätir).  Je  länger  und  seltener  andererseits  das  Polynom, 
desto  schwerfälliger  gestaltet  sich  der  Ausdruck. 

Vergleichen  wir  in  dieser  Hinsicht  den  Wortschatz  der  franz. 
Schriftsprache  mit  dem  der  Volkssprache,  so  konstatieren  wir,  daß  sehr 
vielen  Wörtern  dieser  letztern  kein  schriftsprachliches  Wort  ge- 
nau entspricht.  Diese  Lücken  machen  ein  Festhalten  an  den  provin- 
ziellen Bezeichnungen  in  der  Volkssprache  fast  zur  zwingenden 
Notwendigkeit. 

1.  In  erster  Lienie  fehlen  dem  Französischen  die  Bezeichnungen 
für  eine  Reihe  von  konkreten  Begriffen,  die  uns  Schweizer  sehr  ge- 
läufig, in  der  Isle  de  France  aber  ganz  unbekannt  sind,  wie  diejenigen 
für  Besonderheiten  unserer  Kultur  oder  der  uns  umgebenden  Natur, 
vgl.  les  areins  (S.766),  la  vaudaire  (S.  767),  rarolle(S.  768),  la  toube 
S.773),  le  seret  (S.774),  le  cadot(S.786),  la  taillole  (S.788),  le  cibare 
(S.  790),  gremailler  (S.  791)  etc.  —  Die  Schriftsprache  selbst  muß  sich 
gelegentlich  unserer  Provinzialismen  bedienen,  will  sie  nicht  die  um- 
ständlichen Definitionen  immer  wiederholen  oder  sieh  mit  ungenauen 
Bezeichnungen  begnügen.  Ein  Teil  dieser  Wörter,  besonders  natur- 
wissenschaftliche Ausdrücke,  werden  im  Schriftfranzösischen  als  Lehn- 


762  G.  Wißlei- 

Wörter  anerkannt,  wie  nevC;  sörac,  avalanche  etc.  Es  existieren  in 
unserem  Volksbewußtseiu  auch  abstrakte  Begriffsbildiiugen,  die  dem 
Franzosen  ganz  unbekannt  sind  und  die,  wenn  auch  vielleicht  weniger 
gebieterisch  als  gewisse  konkrete  Begriffe,  nach  einer  Bezeichnung  in 
der  Volkssprache  verlangen  (vgl.  S.  793 ff.). 

2.  Selbst  für  Begriffe,  die  der  Isle  de  France  nicht  absolut  fremd 
sind,  besitzt  der  franz.  Wortschatz  oft  keine  so  kurze  und  prägnante 
Bezeichnung  wie  unser  Volksfranzösisch.  Vgl.  z.  B.  die  franz.  Syno- 
nyma für  lechet  (S.  772),  fla(S.777),  grenette(S.  785),  pruneaulier 
(S.  769)  etc. 

3.  In  manchen  Fällen  ist  endlich  das  in  der  Schriftsprache  zur 
Bezeichnung  des  Begriffs  verwendete  Wort  nur  einem  beschränkten 
Kreis  von  Leuten  (Gelehrten  und  gewissen  Fachleuten)  bekannt  und 
für  das  Volk  so  gut  wie  nicht  vorhanden,  vgl.  z.  B.  monchete,  etoile 
(für  motele,  S.  771),  clematite  (fürvouable,  S.768),  cone  (für  pive, 
S.  769)  etc. 

Da  es  mir  nicht  in  allen  Fällen  möglich  war,  festzustellen,  ob  und 
wie  weit  ein  Begriff  in  Frankreich  bekannt  ist  und  in  welchem  Maße 
gewisse  Wörter  ]iopulär  sind,  muß  ich  die  zu  den  drei  erwähnten  Kate- 
gorien gehörenden  Provinzialismen  zusammen,  nach  Begriffsgruppen 
geordnet,  anführen. 

a)  Klima  und  Bodenbeschaf feuheit. 

a)  Einige  der  hierhergehörigen  Provinzialismen  sind  in  die  fran- 
zösische Schriftsprache  aufgenommen  worden,  als  termini  technici  der 
Geologen: 

glacier^):  Ob  dies  Wort  frankoi)rovenzalischen  Ursprungs  ist, 
kann  ich  nach  dem  mir  zu  Gebote  stehenden  Material  nicht  entscheiden. 
Es  fehlen  mir  namentlich  die  mundartlichen  Formen,  {öasi  im  Val 
dllliez  z.  B.  kann  dem  Franz.  entlehnt  sein).  Für  die  ältesten  Beleg- 
stellen des  Wortes  verweise  ich  auf  A.  Frangois:  Les  provincialismes 
de  J.  J.  Rousseau,  S.  52  —  glaciire :  1572  glacier  bei  Jacques  Peletier 
du  Maus  (nach  E.  Ritter).  Ein  zweites  frühes  Zeugnis  finden  wir  in 
der  1585—1587  geschriebenen  (erst  1619  gedruckten) Beschreibung  der 
Savoyischen  Gletscher  durch  Pere  Jacques  Fodere  in  :  Narration  histo- 
rique  et  topographique  des  Convens  de  l'ordre  St.  Frangois  et  monast. 
Ste.  Ciaire,  eriges  en  la  province  aneiennement  appelöe  de  Bourgogne 
(S.  297/8)  [nach  W.  A.  B.  Coolidge  :  Josias  Siraler  et  les  origines  de 
l'alpinisme;  Grenoble  1904,  S.  CXXVII  u.  ff.];  glaciere  im  Sinn  eines 
bestimmten  Gletschergebiets  (Montblancmassiv)   in  den :  Lettres  sur   les 


1)  Vgl.  dies  Wort  und  die  folgenden  auch  in  :  F.  Gohin:Les  transforma- 
tions  de  la  langue  frangaise  (1740—1789);  Paris  (Belin)  1903,  S.  331  flf. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  763 

glacieres  de  Savoie,  Journal  Hclvet.  1743  und  in  der  Nouvelle  Heloise^). 
Die  Encyclopedie  von  1757  gibt  für  Gletscher  neben  ghieier  auch  gla- 
cifere.  H.  B.  de  Saiissure  in  seinen  Voyages  dans  les  Alpes  I  (1779) 
S.  436  beruft  sich  ausdrücklich  auf  die  Alpenbewohner,  wenn  er  glacier 
im  Sinne  von  „amas  de  glace  eternelle  .  .  ."  und  glaci^re  im  Sinne 
von  „cavit^  souterraine  ...  qui  conserve  la  glace"  gebraucht  \).  — 
Jedenfalls  ist  glacier  nicht  das  einzige  Wort,  das  in  den  Alpen  zur 
Bezeichnung  des  Gletschers  gebraucht  wird:  Nach  Umlauft:  Die 
Alpen,  Wien  1887  (S.  433)  hießen  im  12.  Jahrh.  die  Gletscher  im  Aosta- 
thal  rose,  roisa,  roise-,  Coolidge  führt  (a.a.O.,  S.  CXXX)  die  Formen 
reuse,  ruise,  roesa  an  und  weist  darauf  hin,  daß  Rosa  bei  Simler 
(a.  a.  0.  S.  66)  den  Gletscher  im  Grunde  desZermatthaies  bezeichnet.  Vgl. 
hiermit  noch  die  Stelle  bei  H.B.  de  Saussure  :  Voyages  dans  les  Alpes  I, 
S.449:  „II  fant  voir  [leMont  Blanc]  du  cote  du  Sud  de  l'Allee  blanche, 
du  glacier  ou  de  la  ßuise  de  Miage"  und  ruiza  =  glacier,  usite  dans 
quelques  localites  des  frontieres  de  Savoie  (Bridel)^).  —  Nach  Brock- 
haus :  Conversations-Lexikon  heißt  der  Gletscher  „im  Wallis"  biegno ; 
vgl.  dazu  beugna,  beuna,  s.  f.,  boiigno,  bioiigno,  s.  m.,  glacier,  dans 
plusieurs  vallees  du  Bas-Valais  (Bridel).  —  Im  Val  d'Entremont :  triiino 
(Bridel).  —  Sind  diese  letzteren  Typen  alt?  In  wiefern  machten 
y^rtiiza'-^,  „tridno'-^,  „biegno"'  im  Wallis  dem  Typus  glacier  Konkurrenz, 
in  wiefern  schlössen  sie  ihn  aus?  —  Diese  und  andere  Fragen  müßten 
wir  beantworten,  um  den  Ursprung  des  franz.  Wortes  geographisch 
genauer  fixieren  zu  können  und  um  der  These  Meyer-Lübkes 
unbedingt  beistimmen  zu  können,  das  schweizerdeutsche  (und  jetzt  auch 
schriftsprachliche)  „Gletscher"  habe  sich  nur  von  den,  im  früher  roma- 
nischen Oberwallis  angesiedelten  Alemannen  ausbreiten  können  *). 
Kann  das  Wort  nicht  so  gut  im  ganzen  Alpenlaud,  wie  im  Oberwallis 
eine  Spur  der  einstigen  Romanisierung  sein?  Finden  sich  vor  1550 
(Seb.  Münsters  Cosmographia)  ^)  keine  deutschen  Belege  für  das  Wort? 


1)  Vgl.  auch  die  Belege  aus  alten  Karten  bei  W.  A.  B.  Coolidge:  La  chaine 
du  Mt.  Blanc  ä  travers  les  sifecles,  im  Jahrbuch  des  S.  A.  C,  Jahrgang  1901/92, 
S.  249  ff.,  glaciere  findet  sich  z.  B.  1650  bei  Visscher :  Sabaudiae  Status  und  bis  ins 
19.  Jahrhundert. 

2)  Nach  Brockhaus  Konversationslexikon  heißt  der  Gletscher  [noch  heute  ?] 
in  Savoyen  und  im  Dauphinö  glacier  oder  glaciere. 

3)  Über  rös  =  Gletscher  in  den  schweizerischen  Alpendialekten  vgl.  die 
durchaus  dilettantischen  Arbeiten  des  Dr.  phil.  C.  Täuber  im  „Jahrbuch  des 
S.  A.  C."  1906,  S.  253  ff.:  „Zur  Bergnamenforschung"  und  „Alpina«  1906,  S.  88. 
Vgl.  auch  A.  Wäber:  „Walliser  Berg-  und  Passnamen"  im  selben  Jahrbuch, 
Bd.  1904,  S.  259/260. 

4)  Meyer-Lübke:  Gletscher,  Zeitschi ift  für  deutsche  Wortforschung  II, 
Seite  73. 

5)  Cf.  Coolidge. -Jos.  Simler  .  .  .,  S.  CLXIX. 


764  G.  Wißler 

Wie  hießen  denn  früher  die  Gletscher  z.  B.  des  Berner  Oberlandes? 
Außerdem  wäre  in  Betracht  zu  ziehen,  daß  Gletscher  ^)  in  der  deutschen 
Schweiz  auch  Eis  überhaupt  (schon  1563  in  einem  Tierbuch),  Glatteis, 
und,  z.  B.  im  Berner  Oberland,  jede  Eismasse  bezeichnet,  die  im  Sommer 
nicht  schmilzt.  Stehen  diese  Bedeutungen  dem  ursprünglichen,  vielleicht 
allgemeineren  Sinne  des  Wortes  nicht  näher?  In  St.  Gallen,  Uri  und 
Unterwaiden  kommt  auch  ein  Wort  Gletsch  (=  Eis)  vor. 

„Les  söracs  sont  des  cristaux  de  glace  .  ,  .  qui  ont  une  vague 
ressemblance  avec  une  espece  de  fromage'^)  qui  se  fabrique  dans  les 
chalets  des  Alpes;  il  n'y  en  a  gu6re  que  sur  les  sommets  tres  charges 
de  neige  et  aux  pentes  accident^es.  II  fuut  les  chercher  sur  les  lignes 
de  faite  ou  aa  bord  des  gouffres,  lorsque  la  pente  change  brusquement." 
So  definiert  E.  Rambert  die  Seracs  in  seinem  Artikel:  „Le  Glacier" 
in  Revue  des  deux  mondes  vom  15.  Nov.  1867  (S.  384).  Eine  etwas  andere 
Bedeutung  schreibt  Heim  in  seinem  Handbuch  der  Gletscherkunde'), 
(S.  197)  dem  Worte  zu  :  nach  ihm  sind  es  die  einzelnen  Stücke  des 
durch  zahlreiche  Firnklüfte  geborstenen  Firnmantels,  in  den  steileren 
Teilen  der  Firnmulde.  Gegen  eine  dritte  Auffassung,  die  bei  den  Geo- 
logen üblich  geworden  sei,  wendet  sich  schon  Rambert  (auf  S.  395). 
Diese  verstehen  nämlich  unter  Seracs  die  einzelnen  an  den  steileren 
Teilen  des  Gletschers  sieh  bildenden  Eisblöcke.  Schon H.  B.  de  Sauss  ure 
(Voyages  dans  les  Alpes  IV.,  S.  158,  163,  25.5)  braucht  das  Wort  im 
gleichen  Sinne  wie  Rambert.  —  In  Grindelwald  heißen  die  Seracs : 
Zigerstecken,  vgl.  A.  Friedli  :  BärndUtsch  II,  S.  51. 

Das  deutsche  Firn,  „welches  den  körnigen  Schnee  bezeichnet,  der 
von  früheren  Jahren  auf  den  Bergen  liegt  und  durch  Auftauen  und 
Wiedergefrieren  nach  und  nach  in  Gletschereis  tibergeht"  ist  dem 
Schweizerdeutschen  entlehnt  (vgl.  Schw.  Idiotikon  I,  1020).  Desgleichen 
entstammt  das  entsprechende  französische  neve,  das  erst  in  der  zweiten 
Hälfte  des  letzten  Jahrhunderts  in  die  Schriftsprache  aufgenommen 
wurde*),  den  frankoprovenzalischen  Mundarten,  vgl.  nhb  bei  Bridel; 
im  Val  d'Illiez  bedeutet  nevi  überhaupt  jede  Schneemasse,  die,  etwa 
an  schattigen  Stellen,  während  des  Sommers  nicht  schmilzt;  vgl.  nevi 
im  Dict.  savoy. 

So  wie  das  deutsche  Lawine  (Schweizerdeutsch  läumid)  stammt 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  das  franz.   avalanche^)   aus  der 


1)  Schweizerisches  Idiotikon  III,  656. 

2)  In  dieser  Bedeutung  siehe  das  Wort  auf  S.  774. 

3)  Stuttgart  1885. 

4)  Vgl.  z.  B.  den  Artikel:  Les  glacicrs  actuels  .  .  ."  von  Ch.  Martins,  in 
der  Revue  des  deux  moudos  vom  1.  III.  1867,  S.  218. 

5)  Vgl.  über  das  Wort  und  seine  p]tymologie  den  Artikel  Prof.  E.  Mure  te  im 
„Bulletin"  1908,  S.  25 ff.;  vgl.  ferner  „Alpine  Journal"  V.  Bd.  S.  316,  VI.  Bd.,  S.  99. 


Das  schweizerische  Volksfranzösich  765 

Schweiz.  Die  mimdaitlicheu  Formen  sind  folgende:  lavUs9  (Salvan), 
lavätsd  (Chanipery),  leätsd  (l'Etivaz);  laved-d,  valei>d,  avalä&e  (Diet.  sav.). 
Bridel  gibt  nur  den  franz.  Typus  :  avalantzche^  avalants9  und  ^^valantze  ^) 
an  (vgl,  aber  bei  ihm  :  lavantschi^)  s.  m.  =  lieu  expose  aux  avalanches, 
couIoir  par  lequel  elles  descendent).  Der  franz.  Typus  ist  jedenfalls 
im  Frankoprovenzaliscbeu  nicht  der  ursprüngliche.  Vgl.  lavanchiae  in 
einer  Urkunde  aus  dem  Dauphine,  1323  (nach  Du  Gange)  und  1475 
in  einer  Urkunde  („touchaut  la  percee  du  Tunnel  sous  le  Col  de  la 
Traversette",  zitiert  nach  L.  Vaccarone  :  Le  pertuis  du  Viso,  Turin  1881, 
in  Coolidge:  loc.  cit.,  Ö,  CXXII.)  und  in  einer  franz.  Urkunde  aus 
dem  Jahr  1477 :  lavanches  (Coolidge :  loc.  cit.,  nach  Vaccarone).  Vgl. 
auch  die  von  Scheuchzer  1705  in  seinen  „Itinera  per  Helvetiae  Alpinas 
regiones  facta"  zitierten  Formen  levantze^  vallantze.  —  Der  franz.  Typus 
erscheint  meines  Wissens  zuerst  bei  Cotgrave  1611 :  avalanche  =a 
great  falling  or  sinking  downe  of  earth  etc.  [Merkwürdig  ist,  daß 
Cotgrave  die  Schneelawine  nicht  erwähnt].  Bei  Saussure  „Voyages 
dans  les  Alpes"  finden  wir  ausschließlich  avalanche  (z.  B.  I,  S.  443). 
Andere  Beispiele  liefern  Delille  und  Millevoye;  im  Dict.  del'Academie 
figuriert  avalanche  seit  1835. 

mollasse,  s.  f.')  bezeichnet  einen  weichen,  grauen  Sandstein 
(G,  F,  N  und  de  Saussure :  Voyages  dans  les  Alpes  I,  39).  Die  Geo- 
logen brauchen  diesen  Namen  für  eine  besondere  Formation  der  mittleren 
tertiären  Ablagerungen;  in  der  Mundart  :  mo/asse  (Bridel). 

moraine  =  Gletschermoräne  (de  Saussure :  loc.  cit.  I.  455  und 
III.  486).  Nach  G  bezeichnet  moraine  abschüssige  Stellen  an  den 
Ufern  eines  Flusses,  wie  die  Ortsbezeichnungen:  les  moraines  de  Champel, 
les  moraines  de  Pinchat  (an  der  Arve),  les  mor.  du  Bois  de  la  Bätie,  les 
mor.  de  Cartigny  (an  der  Rhone)  beweisen.  Bridel  schreibt  moraina 
nur  die  Bedeutung  Gletschermoräne  zu;  w^ore^^a  (Dict.  sav.)  =renflement 
qui  se  forme  ä  la  lisiere  inferieure  d'un  champ  en  pente  par  suite  de 
la  descente  de  la  terre^).  —  moraine  im  Dict.  de  V  Academie  seit  1878. 

ß)  Nicht  Gemeingut  der  Französischsprechenden  sind  unter  anderen 
folgende  Wörter: 

rimee  (W)  =  Bergschrund;  vgl.  über  das  Wort  Coolidge :  Jos. 
Simler,  S.  23*  uud  Desor  :  Excursions  et  sejours  dans  les  Alpes  I. 
s6rie  (1844),  S.  333. 

areins:  „Les  areins  et  les  avalanches  out  fait  de  rüdes  debor- 
donnees    [=  Getöse]    On  aurait    jure    qu'on    entendait   le   canon    de 

1)  Dazu  evalanche  (V,  Dupertuis  Loc.  vic). 

2)  Auch  als  Ortsname,  im  Ormonttal  z.  B. 

3)  Das  Wort  fehlt  im  Dict.  general. 

4)  Nach  de  Saussure  III,  486  moraine  in  Savoyen,  im  Lyonnais  und  in  der 
Schweiz  =  petite  montagne  ou  la  pente  rapide  d'une  colline. 


766  ^-  Wißler 

grosses  batteries".  (Ceresole  :  Scenes  vaud.  S.  264).  Das  Wort  bedeutet 
Staublawine,  wie  in  der  Mundart,  vgl.  arein  bei  Bridel  und  im  Artikel 
„Le  Glaeier"  von  E.  Rambert  in  der  Rev.  des  deux  mondes  vom 
15.  XI.  1867;  S.  379. 

läpes,  s.  f.  pl.  =  bancs  de  roches  inclinees  et  polies  qui  se  trou- 
vent  ä  la  surface  du  sol  (N) ;  in  der  Mundart  vgl  lava,  lave  =  couche  de 
pierres  tres  polies  .  .  dans  le  Jura  (Bridel)  ^). 

rape,  s.  f.  ist  (nach  N)  eine  steile  unbebaute  Halde,  vgl.  rapa 
(Bridel)  2). 

chable  s.  m.,  bezeichnet  eine  natürliche  Rinne  an  einem  Bergab- 
hang;  durch  welche  man  Baumstämme  hinabgleiten  läßt  (N,  Ceresole: 
Scenes  vaud.  S.  259,  279:  in  der  Mundart  cÄa^/o,  tschabllo^)  <'  tsahtoy- 
(Bridel),  ^liühlo  ^^däbloy  (Dict.  savoy.);  in  W,  und  in  derWaadt:de- 
valoir  (vgl.  Ceresole  :  loc.  cit.,  S.  260  und  Courthion  :  Scenes  valais. 
S.  241); 

un  gor  =  ein  Bergschrund,  in  dessen  Tiefe  sich  das  Wasser 
ansammelt  (Pierrehumb.);  in  der  Mundart  gor  (Gauchat :  Patois  du  Val 
de  Ruz); 

un  bisse*),  im  Wallis  =  künstliche  Kanäle,  mittels  deren  den 
Wiesen  und  Feldern  von  weither  (oft  von  einem  Gletscher)  Wasser 
zugeführt  wird,  in  der  Mundart :  Evolene  :  bis,  Vermaniege  bis,  Isörable  : 
bi,  Griments  bis. 

liadieres,  s.  f.  pl,  nom  que  l'on  donne,  sur  le  lac  de  Geneve,  ä 
certains  courants  irreguliers  qui  se  forment  parfois  dans  les  eaux  ä 
differentes  epoques  de  l'annee,  et  entrainent  les  bateaux  malgrö  les 
efforts  des  rameurs.  Ces  courants  vont  tantot  dans  une  direction  tan- 
tot  dans  une  autre  (G);  in  der  Mundart:  lardaire  (Bridel) ;  vgl.F.  A.Forel: 
Le  Leman  II,  S.  285. 

seiche,  s.  f.,  eine  Erscheinung  des  Genfersees,  die  in  der  Bildung 
stehender  Wellen,  infolge  plötzlicher  Änderung  des  atmosphärischen 
Druckes  besteht  [und  nicht  wie  Bridel  anzunehmen  scheint  in  einer  Art 
Ebbe  und  Flut].  Die  Erscheinung  wurde  meines  Wissens  zuerst  er- 
wähnt in  Fatio  de  Duillier:  Remarques  sur  l'histoire  naturelle  du 
Lac  de  Geneve,  1730  (nach  F.  A.  Forel:  Le  Leman,  IL  S.  39  und  ff.), 
dann  in    den  „Mcmoires   de  TAcademie   royale   des   sciences"  1742  in 


1)  Im  Val  d'Illiez  bedeutet^  läpya  :  pierre  plate  dont  on  couvre  les  maisons 
dans  la  plaine,  in  Estavannens  l&pxa  =  pieire  plate  travaill6e  p.ar  l'eau. 

2)  Vgl.  rapille  =  pente  (V). 

3)  Davon  abgeleitet  tschabllay.  a.  (Bridel),  chablei(N)  =  glisser,  d6valer 
du  bois. 

4)  Das  Wort  ist  identisch  mit  dem  franz.  bief,  biez  =  Mühlgerinne;  vgl. 
darüber  Gauchat  im  Bulletin  1909,  S.  13  ff .  —  Im  Deutschen  (Oberwallis)  heißt 
der  bisse  :  Suone  (An  der  egg,  Lehrbuch  der  .  .  .  Alpwirtschaft,  S.  191). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  767 

einem  Artikel  über  „Trombe  observee  sur  le  lac  de  Gencve",  von 
Jallabert'),  unter  dem  Namen  „seiches  ou  l'aidöce".  Beschrieben  wurde 
sie  dann  von  de  Saussure  in  den  genannten  „Mömoires"  (1763)') 
und  in  seinen  „Voyages  dans  les  Alpes''  I.  12  (1779);  vgl.  ferner  F.  A. 
Forel:Le  Lemau  II.  39  u.  ff.  und  Geographisches  Lexikon  der 
Schweiz  II.  284  und  III.  573.  [Die  „seiches"  sind  auch  im  Neuenburger 
und  Bodensee  bekannt;  im  letztern  nennt  man  die  Erscheinung  das 
„Lauten"  des  Sees,  nach  Graf  Zeppelin  :  Bodenseeforschungen  VI,  47^), 
nach  Bridel  „rMÄss"  [?].  In  der  Mundart  der  Westschweiz  heißt  sie 
seiches  oder  leidesse  (Bridel). 

Speziellen  Charakter  und  spezielle  Namen  haben  in  der  Westschweiz 
auch  die  Winde: 

„uberre"  ist  ein  dem  „Föhn"  ähnlicher  Süd-  oder  Südostwind 
(N),  identisch  mit  obere,  obere  (F :  Estavayer) ;  vgl.  für  die  mundart- 
lichen Formen  [ilher  im  Kt.  Neuenburg  (Val  de  Ruz)  übera  und  oher9 
im  Kt.  Waadt)  den  Artikel  von  Prof.  Gaue  hat  im  „Bulletin  du  glos- 
saire  des  Patois  de  la  Suisse  romande"  II.  S.  63—67  und  Bridel: 
uberra. 

„vaudaire",  s.  f.  heißt  der  dem  deutsch  schweizerischen  „Föhn" 
entsprechende,  vom  Wallis  herwehende  Wind  im  östlichen  Teil  des 
Genfer  Sees;  vgl.  Ceresole  •  Scenes  vaud.  S.  200,  228,  269;  in  der 
Mundart :  vaudeire  (Bridel),  vowderd  im  eben  cit.  „Bulletin"  II,  S.  66.  — 
Vgl.  F.  A.  ForeltLe  Leman  I,'325. 

„bornan"  ist  ein  im  westlichen  Teil  des  Genfersees  wehender 
Süd-Wind:  „II  souffle  ordinairement  par  raffales  et  excite  de  grands 
orages  (G) ;  vgl.  „Des  qu'il  avait  mis  le  nez  dans  ses  deux  ou  trois 
verres  d'absinthe,  c'etaient  la  vaudaire  et  le  bornan  qui  faisaient  rage 
dans  la  maison"  (Ceresole  :  En  cassant  .  .  .  S.  38,  39);  in  der  Mund- 
art:  Jo/72aw  (Bridel)'). 

„joran"  ist  ein  West-  oder  Nordwestwind,  der  von  den  Höhen 
des  Jura  in  die  Ebene  hinuutersteigt  und  oft  abends  plötzlich  herein- 
bricht; für  die  kleinen  Schiffe  auf  dem  Neuenburger-  und  Bielersee  ist 
er  besonders  gefährlich.  In  Genf  kommt  er  aus  der  Richtung  von 
Gex.  (G,  siehe  auch  N,  F  [Estavayer]  und  Ceresole  :  Scenes  vaud,,  S.  99). 
In  der  Mundart  dzorä  oder  dzorä  vgl.  den  Artikel  von  Prof.  Gauch at 
im  „Bulletin  du  Glossaire"  III,  S.  14,  djorrein,  djorran  (Bridel);  vgl. 
auch  F.  A.  Forel:Le  Leman  I,  S.  309  und  326. 


1)  Nach  G.  E.  v.  Haller :  Bibliothek  der  Schweizergeschichte I.  (Bern,  1785). 

2)  Vgl.  den  Artikel  von  demselben  Verfasser  im  Geographischen  Lexikon 
der  Schweiz  I,  296. 

3)  Vgl.  F.  A.  Forel;  Le  L6man:  L  S.  320. 


768  G.  Wißler 

un  pousse  =  Schneesturm  (nach  N  und  P^ter:  Cacologie);  in  der 
Mundart  ;;ms  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Kuz);  im  Französischen  :  tem- 
pete,  tourmente  de  neige. 

Mit  menees,  s.  f.  pl.  bezeichnet  man  in  N.  und  St.  Imier  Schnee- 
wehen, d.  h.  Schneehaufen,  die  der  Wind  dort  zusammenweht,  wo  sich 
ihm  Hindernisse  entgegenstellen  [Schweizerdeutsch:  Schneewächte]-^  in 
der  Mundart  der  Montagne  neuchäteloise  mney  (Gauchat).  Vgl.  das 
Wort  auch  bei  Beauquier:  Dep.  du  Doubs. 

gonf  les'),  s.  f.  pl.  bedeutet  dasselbe  (F,  W,  Ceresole  :  Scenes  vaud., 
S.  279,  R.  Morax:Dime,  S.  157);  in  der  Mundart :  ^owÄ//a,  <igbXay 
(Bridel). 

la  chotte  (F,  N,  Dupertuis. :  Loc.  vic),  la  choüte,  la  soüte,  la 
sioüte  (G)=Obdach,  Schutz  vor  dem  Regen:  in  der  Mundart :  cÄo^to, 
tsotta,  siouta  (Bridel).  Der  Begriff  des  franz.  Wortes  abri  ist  weiter; 
es  bedeutet  Schutz  überhaupt.  Über  andere  mundartliche  Ausdrücke, 
welche  den  Begriff  „abri"  spezialisieren,  vgl.  Bulletin  1,  S.  5. 

b)  Flora  und  Fauna. 

Von  Bäumen,  welche  dem  Alpengebiet  eigen  sind,  nenne  ich  hier: 

Die  Arve,  im  Wallis  arolle,  s.  f.;  in  der  Mundart  «ro//a  (Bridel), 

aralla^  arolla,  erolla  (H.  Savoy  :  Flore  romande),  arola   (Constantin  et 

Gave  :  Flore  savoisienne,  S.  93).    Das  franz.  cembre   ist  dem  Proven- 

zalischen  entlehnt. 

Auch  meleze=Lärche  soll  nach  dem  Dictionnaire  general  aus 
dem  Frankoprovenzalischen  stammen.  In  der  Schweiz  wenigstens 
scheint  dieser  französische  Typus  nicht  einheimisch  zu  sein.  ,,meleza'-^ 
(Hub.  Savoy :  Flore  romande  S.  167)  ist  dem  Franz.  entlehnt.  Die 
autochthone  Bezeichnung  ist  la°rtze,  larza,  arza  (H.  Savoy  :  loc.  cit.), 
larze,  arze,  s.  m.  (Bridel).  Dieser  Typus  {läza,  läzo,  lärzo  etc.)  kommt 
auch  in  Savoyen  vor  (Constantin  et  Gave :  Flore  savoisieune,  S.  66). 
Die  geographische  Verteilung  dieses  Typus  und  des  französischen 
{mleze,  mlezd  etc.)  erlaubt  mir  keinen  Schluß  darüber,  ob  der  letztere 
Typus  in  Savoyen  autochthon  sei.  —  Vgl.  melfeze  bei  Du  Gange  in 
einer  Urkunde  von  1336,  im  Dict.  de  l'Academie  seit  1762. 

Andere  Pflanzen  und  Pflanzenteile: 
DasVergissmeinnicht  =  verguissm  i nette  (N)  etc.,  vgl.  S.  753. 
Die  Schlüsselblume  =  pecosi,  vgl.  S.  748. 
Die  Waldrebe  (Clematis  vitalba):  la  vouable  (G)  voible  (Duper- 


1)  Das  Adjektiv  gonfle  =  gonfl6  vgl.  auf  S.  742.  Une  gonfle  bedeutet  auch  : 
ampoule  ".vessie  (G,  F,  Dupertuis),  vgl.  kofla  auf  der  Karte  1436  des  Atl.  ling 
(im  Savoyischen).    In  N  gonfle  =  houle,  vagues  aprös  la  tempete. 


Das  ßchweizerische  Volksfranzösiscli  "^60 

tuis  :  Loc.  vic.  und  Peter  :  Cacol.) ;  in  der  Mundart :  voiiahlla^)  <:^vu-ablay- 
(Bridel),  wäbla  (Constantin  etGave  :  Flore  savoisienne),  ivahlia  (H.  Savoy  : 
Flore  romande). 

Nach  Peter  :  Cacol,  nennt  das  Volk  die  Pflanze  auch  völie,  velire, 
nach  N  :  bois  ä  fumer  (vgl.  Flore  savois.  loc.  c,\i.:biv9  a  fdmä) ;  im  Franz. 
clematite  des  haies,  vigne  blanche,  herbe  aux  gueux,  viorne  despauvres. 

DerZwetschenbaum  (prunus  domesticaL)  =  pruueaulier  (G,N), 
abgeleitet  vom  Worte  pruneau,  in  der  Volkssprache  =  Zwetsche,  im 
Französischen  nur  gedörrte  Zwetsche.  (cf.  G,  F,  N,  V,  W).  Der 
Baum  heißt  in  der  Mundart  premlolley,  die  Frucht  '.preniö^  premio^  (Hub. 
Savoy :  loc.  cit.,  S.  47).  Im  Französischen  heißt  die  Zwetsche  prune 
oder  quetsche  (Sachs-Villatte),  der  Baum  nur  prunier. 

Für  die  Holzbirne  sagt  man  bles8on(G, V, F,  Peter:  Cacol.);  in 
der  Mundart  blesson,  blosson  (Bridel);  bliechon  (Hub.  Savoy  :  loc.  cit. 
S.  57);  im  Französischen:  poire  sauvage. 

Die  leeren  Kastanien,  die  nicht  zur  Entwicklung  gelangen, 
nennt  man  im  Wallis:  des  oueres  <«^er>;  für  die  Mundart,  vgl.  den 
Dict.  sovoyard:  ^iwera  adj.  f.  =  vide.  Le  were  =  chätaignes  peu  rem- 
plies qui  tombent  avant  la  maturit^-'. 

Tan nr eiser,  mit  denen  die  Gartenpflanzen  den  Winter  über  be- 
deckt werden  (berndeutsch  xrJs),  heißen  in  N^  Peter :  Cacol.  de  la  darre, 
in  der  Mundart  dar  (Gauchat :  P.  de  la  Mont.  neuch.) ;  in  Epesses,  Lau- 
sanne de  la  daille*),  in  F  (Supplement)  dais;  in  der  Mundart  de,  dez 
(Bridel  und  Hub.  Savoy  :  loc.  cit.  S.  168). 

Tann  zapfen  =  pive  (F,  V,  N,  Peter  :  Cacol.),  pivot  (F);  in  der 
Mundart  :^/ya  (Bridel)'),  ^evö  (H.  Savoy:  loc.  cit.,  S.  168);  im  Wallis 
labone.    Im  Französischen  :  cone,  pomme  de  pin. 

Insekten: 

Den  Marienkäfer  [coccinella  septempunctata]  (schwd.  Himmels- 
guege)  nennt  man  in  G:pernette,  siehe  auch  Ceresole  :  Scenes  vaud., 
S.  266;  in  der  Mundart :  jjerwe/to  (in  Montreux,  nach  Bridel);  im  Franz. 
coccinelle  oder  bete  ä  bon  Dieu. 

Die  Zecke  [Ixodes  rhicinus]  =  lovat  (G,  Dupertuis :  Loc.  vic.)  oder 
lovet  (G);  in  der  Mundart :  lovet^  s.  m.  oder  lovetta,  s.  f.  (Bridel);  franz. : 
tique  des  marais. 


1)  Nach  Bridel  wird  vouablla  auch  gebraucht  zur  Bezeichnung  von  Salix 
viminalis  (Weide)  und  Viburnum  Lantaua  (Schlingbaum).  Vgl.  auch  vwabia  etc. 
auf  der  Karte  clematite  (1505)  des  Atl.  ling. 

2)  daille  sonst  =  Kiefer,  in  der  Mundart :  daille,  dailla  (H.  Savoy,  S.  167). 
Über  de  und  dar  vgl.  auch  L.  Gauchat  in  Rom.  Forsch.  XXIII,  S.  873. 

3)  Nach  einer  privaten  Mitteilung  heißt  auch  in  Turin  der  Tannzapfen 
piva.    Der  Atl.  ling.  verzeichnet  (K.  1515)  ]gdvi,  plve. 

Bomauiache  Forscuungen  XXYII.  49 


770  ^-  Wißler. 

Fißche: 

ferra*)  (s.  f.  nach  G,  s.  m.  nach  V)  ist  eine  spezielle  Fischart 
des  Genfersees  [Coregonus  Schinzii  fera];  in  der  Mundart  ferra,  fara 
(Bridel);  derselbe  Fisch  heißt  auch  bezole  oder  bezule');  in  der  Mund- 
art hesaula,  bessola,  bessula^  s.  f.  (Bridel). 

„gravanche"  s.  f.  (G)  ist  der  Name  einer  Abart  der  fer»  [Core- 
gonus hiemalis  Surine];  sie  heißt  auch  fera  blanche,  fem  jaune, 
petite  fera,  bezole,  bezule  etc.  und  kommt  auch  nur  im  Genfersee 
vor;  in  der  Mundart  ••  ^rrayoMCÄe,  garvanche  (Bride!). 

„plate"  (s.  f.)  ebenfalls  eine  Spielart  der  fera,  6  zitiert  de  Saus- 
sure: „La  platte  vit  dans  le  golfe  de  Thonon  et  se  peche  rarement 
ailleurs",  (Voy.  dans  les  Alpes  I.  16);  in  der  Mundart  pllatta,  s.  f., 
pllaUet,  pllatton  etc.,  s.  m.  (Bridel).  —  Vgl.  über  die  Fische  des  Genfer- 
sees F.  A.  Forel;Le  Leman  III.,  S.  62  u.  ff. 

Die  palee,  s.  f.  ist  ein  Fisch  des  Neuenburger-,  Murtner-  und 
Bielersees  (N)  [Coregonus  Schinzii  palea  F.].  Der  Fisch  heißt  auch 
fera,  petite  fera,  giblion;  im  Bielersee  :  J5a/m,  Baichen  odier  Balch- 
pfärnt.    In  der  westschweizerischen  Mundart  palea  (Bridel). 

Die  bondeile,  s.  f.  gehört  nur  dem  Neuenburger-  und  Bielersee 
an  (N,  F:Suppl.)  [Coregonus  exiguus  bondella,  F.];  im  Bielersee  heißt 
sie  Pfärrit-,  in  der  Mundart  bondalla  (Bridel). 

Vögel: 

Eine  Reihe  von  Wasservögeln  hat  J.  J.  Rousseau  in  der  Nou- 
velle  Heloise  mit  den  provinziellen  Bezeichnungen  benannt,  vgl.  G  und 
A.  FrauQois  :  Les  provincialismes  de  J.  J.  Rousseau: 

Der  helle  Wasserläufer  [Totanus  griseus,  Brisson]  =  tioutiou; 
französisch  :  Chevalier  aboyeur. 

Der  Gambettwasserläufer  [Totanus  calidris,  L.]  sifflasson; 
in  der  Mundart  sifflasson^  sifflet  (Bridel);  franz.  gambette,  Chevalier 
gambette. 

Der  Regenbrachvogel  [numenius  phaeopus  L.]  =  crenet;  vgl. 
in  der  Mundart  crenot  =  demi  courlis  (Bridel);  im  Franz.  corlieu. 

Die  Flußmeerschwalbe  [sterna  fluvialis,  Naum.]  =  besolet; 
in  der  Mundart  hezolet  (Bridel);  in  der  Schriftsprache :  hirondelle  de 
mer,  Pierre-garin.  —  „besolet"  bezeichnet  auch  die  schwarze  Seeschwalbe 
[Hydrochelidon  nigra,  Briss.J;   im  Franz.  epouvantail.  —  Vgl.   hierzu: 


1)  Der  Fisch  (ferate,  s.  f.  pl.)  wird  zuerst  erwähnt  in  einer  Urkunde  des 
Jahres  1150,  vgl.  F.  A.  Forel:  Le  Löman  III,  S.  329flF. ;  vgl.  auch  Saussure: 
Voyages  dans  leg  Alpes  I,  16,33,  Rousseau  (Nouvelle  Heloise),  Larousee:  Diot. 
univcrsel;  Littre  :  Supplement  etc. 

2)  Nach  A.  Franyois:  Les  provincialismes  de  J,  J.  Roussejiu. 


Das  schweizerische  Volksfranzösigch  771 

besule,  s.  f.  ou  besu,  s.  m.,  „Ces  noms  se  donnent  indifferemment  aux 
diverses  esp^ces  de  mouettes,  oiseaux  de  mer  de  l'ordre  des  palmip^des" 
(G);  in  der  Mundart  bezu,  beju^  bedzu  (Bridel). 

Der  große  Brachvogel  [Numenius arquatus,  L]  =sifflet;  frz.: 
courlis. 

c)  Viehzucht. 

Eine  alte  Kuh,  die  keine  oder  wenig  Milch  mehr  gibt  und  des- 
halb gemästet  wird,  nennt  man  une  cabe  (N,  Pierrehumb.);  in  der 
Mundart :  caba  (Bridel),  kaba  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 

Das  einjährige  Kalb  =  un  mogeon  (F,  G,  W).  Das  Wort  be- 
zeichnet bald  nur  das  Stierkalb,  wie  im  Freiburgischen,  bald  auch  die 
weiblichen  Kälber  (vgl.  L.  Favrat  im  Glossar  zu  den  „Dernieres 
poesies"  von  Rambert);  in  der  Mundart :  modjon,  modzon  =  veau  (Bridel), 
mojhon^  <jnodü>  =  veau  male  de  6  ä  18  mois  (Dict.  savoyard).  —  Vgl. 
im  Atlas  ling.  die  Karte  veau  (1354)  :  mXjzo  im  Savoyischen  (Pkt.  93, 
945,  967)  =  jeune  veau. 

Farbbezeichnungen  für  Kühe: 

gräulich  :  brenasse  (se  dit  de  certains  pelages,  Pierrehumbert) 
=  brun-gris. 

gestreift :  djail lote  adj.  =  avecplusieurs  raies blanches  (Pierre- 
humb.), vgl.  in  der  Mundart :  djallho-ota,  adj.  =  seme  de  taches  blanches, 
se  dit  du  manteau  des  vaches  (Bridel). 

gefleckt:  ramele,  adj.  =  avec  le  dos  blanc  (Pierrehumb.); 
moteI6,  moutele  (G,  N,  Pierrehumb.),  adj.  =  mouchetö  d'une  certaine 
fa§on,  etoile ;  vgl.  in  der  Mundart  motellä,  adj.  =  qui  a  une  etoile  blanche 
au  front  (Bridel)  [motaila,  s.  f.  ist  nach  Bridel  der  Name  der  so  gezeichneten 
Kuh],  motelä,  adj.  =  tachete  (Dict.  sav.);  chacotte,  adj.  =  tachete 
de  blanc,  vgl.  in  der  Mundart  ^t'Ä/aA;o,  -a  (Bridel);  boucharde,  s.  f.  = 
vache  qui  a  des  taches  blanches  k  la  tete  (F);  in  der  Mundart  :  bo- 
tzarda\  s.  f.  (Bridel). 

Für  Pferde: 

falet  (G),  adj.  masc.  =  rouan,  se  dit  des  ehevaux  dont  le  poil 
est  mele  de  blanc  de  gris  et  de  bai;  in  der  Mundart  :/a/e  <Cfal(£^ 
(Dict.  sav.). 

Der  Schweinestall:  le  boiton  (G,  N,  V,  F),  buidon 
(G),  beutson  (W)  :  [Un  gargon]  „est  en  train  d'ofixir  leur  pätee  aux 
cochons  de  la  ferme  :  il  verse  dans  les  auges  du  boiton  une  part  de 
la  prebende".    (Vallotton :  Portes  entr'ouvertes,  S.  69)  „Tous  les  caions 


1)  botzard  heißt  (nach  Bridel)  eigentlich  :  sale  autonr  de  la  bouche,  davon 
das  Verb  botzardä  (Bridel):  salir  le  visage;  denselben  Sinn  haben  die  ent- 
sprechenden Provinzialismen  boucluird  und  boucharder  (N.  Pierrehnmbert). 

49* 


772  G-  Wißler 

[Schweine]  ne  sont  pas  dans  les  boitons"  (R.  Morax :  Dirne,  S.  62).  In 
der  Mundart:  boueton^  houaton,  heuaithon  (Bride!);  hivede  <jbwedoey- 
hwedo  (Dict.  Sav.).  Vgl.  auch  Atlas  lingnistique,  Karte  ecurie  (451  B) : 
bwatö,  bwaedö,  botso  etc.  in  der  Schweiz,  bivöto,  bwetö  etc.,  in  den  Dep. 
du  Doubs  und  du  Jura,  btvedö  etc.  in  der  Haute  Savoie,  bwede  in  der 
Savoie.     Vgl.  auch  W.  0.  Streng:  Haus  und  Hof,  S.  64  und  79. 

Der  Hirtenknabe  (Schweizerdeutsch  :  Hüete rhu eb)  =bovai- 
ron  (G,  F  :  Supplement,  Dupertuis  :  Loc.  vic.)  =  petit  bouvier,  jeune 
pätre  qui  garde  les  boeufs ;  in  der  Mundart :  bovairon  (Bridel),  bovero 
(Dict.  savoy.). 

„Das  Vieh  besorgen"  wird  mit  gouverner  v.  n.  wieder- 
gegeben (N,  V,  F,  Ceresole  :  En  cassant  .  .  .,  S.  44  und  85),  in  den 
„Derniöres  poesies"  von  Rambert  definiert  als  :  donuer  de  la  päture 
au  betail,  le  faire  boire  et  renouveler  la  litiere;  in  der  Mundart  goii- 
herna,  gouverna  (Bridel)^). 

Häcksel  als  Viehfutter  heißt  fouetre  s.  m.  (F)  =  fourrage  com- 
pose  de  paille  et  de  foin ;  in  der  Mundart  fwetr  (Gauchat :  Patois  frib.)  ; 
schwd.  fudtdr  (—  Futter  überhaupt). 

lechet,  s.  m.  =  portion  de  nourriture  du  betail,  composee  de 
betteraves,  pommes  de  terre,  c^reales  ou  son  (N) ;  in  der  Mundart : 
letm  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 


d)  Alpwirtschaft. 

un  gite  nennt  man  in  F  eine  Weide  im  Tal,  wo  sich  das  Vieh 
nur  im  Herbst  und  Frühling  aufhält,  in  der  Mundart  glto,  djHo, 
(Bridel);  vgl.  dzi&9^  s.  f.  (Gruyöre). 

toupin  nennt  man  die  „Treichle",  d.  h.  die  aus  Eisen  ge- 
schmiedete Kuhglocke  von  spezieller  Form  und  von  speziellem  dumpfem 
Klang  (G,  Dupertuis  :  Loc.  vic);  in  der  Mundart  toupein,  tepein  (Bridel). 
Der  ursprüngliche  Sinn  des  Worts  ist :  irdener  Topf  (vgl.  N,  G,  V,  F, 
Peter :  Cacologie  und  mundartlich,  vgl.  toupein  (Bridel)'^). 

loi,  s.  m.  (F)  ist  eine  lederne  Hirtentasche,  die  nur  auf  den 
Bergen  Verwendung  findet  und  in  der  das  Salz  für  die  Tiere  und  das 
Fett  zum  Melken  aufbewahrt  werden;  in  der  Mundart : /o«//  (Gauchat: 
Patois  fribourgeois),  lohi  (Dict.  savoy.). 

oiseau^)  heißt,  nach  einer  privaten  Mitteilung  in  Bulle  das  Trag- 
gestell der  Sennen;  in   der  Mundart  ozi  (Luchsinger  :  Molkereigerät, 


1)  Vgl.  über  das  Wort  S.  753  und  759. 

2)  Vgl.  auch  tupce,  tcepe  etc.  in  der  Schweiz,  Haute  Savoie,  Is6re,  Ain  und 
Jura  nach  Atl.  ling.  Karte  pot  (1065). 

3)  Auch  das  Traggestell  der  Maurer  für  den  Mörtel  heißt  in  Bulle  :  oiseau. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  773 

§  30,  ü),  tze  (in  Leysiu).  Das  „-??«/"  in  der  deutsehen  Schweiz  hat 
eine  andere  Form  und  wird  mit  Riemen  getragen. 

k ritze  ist  in  Bex  der  Name  für  dasselbe  Gerät;  in  der  Mundart 
krits3(m  Rossinicre,  Iserable  etc.,  nach  Luchsinger  §  30;  b),  vom  schwd. 
Chrütze  (=  Tragkorb). 

chola,  s.  f.  (F)  ist  die  Bezeichnung  für  den  Melkstuhl,  vgl.  in 
der  Mundart  i^ola  (in  Bulle,  nach  Luchsinger  :  Molkereigerät,  S.  22). 
Nach  Bridel  bedeutet  chola,  sola  =  „chaise",  „siege"  überhaupt;  im 
Frz.  :  sellette  ä  traire. 

bagnolet,  s.  m.  ist  ein  hölzernes  weites  und  wenig  tiefes  Auf- 
rahmgefäß (G,  N);  in  der  Mundart :  hagniolet  (Bridel),  banole  in  Gryon, 
Salvan  und  Trois-Torrents,  nach  Luchsinger :  Molkereigerät,  S.  23. 
[bagnolet  bezeichnet  auch  das  Gefäß,  in  dem  man  das  Geschirr  reinigt 
(Bridel,  F  und  V)]. 

guetzo  (F)  [ich  hörte  in  Bulle  immer  dyetso]  bezeichnet  das- 
selbe Aufrahmgefäß:  in  der  Mundart  dytiso  (in  Bulle),  gyets^  gwlso 
(nach  Luchsinger :  loc.  cit.  S.  23),  guietzo,  dietzo  (Bridel) ;  Schweizer- 
deutsch :  gUsL 

toube,  8.  f.  nennt  man  im  Wallis  das  Alphorn;  in  der  Mundart 
touba  (Barman  :  Glossaire  valaisan). 

Mit  chargeoir  übersetzt  Luchsinger  (loc.  cit.,  S.  36)  das  mundart- 
liche tserdzä  (Bulle)  etc.,   welches  die  Käsepresse  bezeichnet;  frz.? 

Ziegenkäse  heißt  chevrotin  in  G,  F,  V;  in  der  Mundart 
tsavrote  (Gauchat :  Bulletin  VI,  S.  20),  ghevrotin  <^9dvrote>  im  Dict. 
sav. ;  frz.  fi  omage  de  lait  de  chevre. 

Mit  crezeuet,  s.  m.  bezeichnet  man  in  Grpetite  tomme  ou  fro- 
mage  que  les  fruitiers  (=vachers)  se  fönt  daus  les  laiteries  avec  les 
egouttures  de  lait  qui  restent  daus  le  couloir". 

päre,  s.  f.  =  er  oute,  pelure  du  fromage  (G);  in  der  Mundart 
pära  (Dict.  savoy.),  joara  (Bridel)  =  bavure  du  fromage  dans  sa  forme. 

vacherin'),  s.  m.  bezeichnet  eine  spezielle  Art  kleiner  weicher 
Käse^),  die  nur  in  der  Schweiz,  (speziell  im  Jura)  und  in  den  fran- 
zösischen Departementen  Jura  und  Franche  Comte  und  im  Chablais 
fabriziert  werden  (G,  F,  N,  V) ;  in  der  Mundart  vatzerein  (Bridel).  Das 
Wort  ist,  mit  dem  Gegenstand,  auch  in  Frankreich  bekannt  geworden, 
vgl.  Larousse :  Dict.  universel.  Es  wurde  schon  von  J.  J.  Rousseau 
gebraucht,  vgl.  Alexis  F  r  a  n  q  o  i  s  :  Les  provincialismes  ...  de  J.  J. 
Rousseau. 


1)  Vgl.  Belegstellen  aus  dem  15.— 17.  Jahrh.  bei  Godefroy  und  mundart- 
liche Formen  aus  Savoyen  im  Atl.  ling.  (Karte  fromage:  G13). 

2)  Über  die  mundartlichen  Namen  für  Käse  in  der  Schweiz   schrieb  Prof, 
Gauchat  im  Bulletin  du  Glossaire  VI.,  S.  19. 


•J74  ^'  Wißler 

tomme,  s.  f.  bezeichnet  kleine,  weiche  Ziegenkäse  (G,  Duper- 
tuis  :  Loc.  vic,  F,  N);  dieser  Gebrauch  des  Wortes  scheint  nicht  ursprüng- 
lich zu  sein;  denn  das  Patoiswort  touma,  fema  <C^tdmay.  (Bridel),  tqma 
(Gauchat :  Bulletin  VI,  8.  19)  bezeichnet  schlechten  Magerkäse;  über 
die  Bedeutung  des  Wortes  in  Savoyen  [alle  Käse,  außer  denen  „ä  la 
fa9on  de  Gruyere"]  she.  Dict.  sav.  toma.  Vgl.  auch  die  Karte  „fromage" 
(613)  des  Atlas  linguist.,  wo  tZma  in  der  Schweiz  (Pkt.  40  und  50)  und 
in  Savoyen  bald  den  Käse  überhaupt;  bald  den  „kleinen  Käse"  be- 
zeichnet. Diesen  Sinn  hat  auch  der  Provinzialismus  in  F  und  N  und 
in  Auvernier. 

seret^)  (N)[sre  in  Auvernier],  serac'^),  söret  (G),  chere,  ser^, 
serac  (F)  ist  die  volkstümliche  Bezeichnung  für  den  Zieger,  d.  h.  den 
aus  den  Molken  gewonnenen  Käse;  in  der  Mundart  cere,  seret,  sdre 
(Bridel),  sere  (Dict.  savoy.)  —  Vgl.  im  Atlas  ling.  die  Karte  „fromage" 
(613),  wo  sre  etc.  im  Berner  Jura  als  „fromage  de  menage"  und  sere 
etc.  in  Savoyen  als  „deuxieme  fromage"  [Zieger]  gedeutet  ist.  — 
Vgl.  H.  B.  de  Saussure: Voyages  dans  les  Alpes  I.,  236  und  IV. 
158  und  Belegstellen  aus  dem  16.  Jahrh.  im  Dict.  sav.  unter  :  $erac.  — 
V  tibersetzt  seret  mit  caillebotte  (Quark),  Bedeutung,  die  ihm  auch  in 
La  Chaux-de-Fonds  zukommt.  —  Quark  heißt  (nach  G)  in  Genf,  Waadt 
und  Neuenburg  ceracee,  s.  f..  Vgl.  das  Wort  in  J.  J.  Rousseau's 
Nouvelle  Helofse,  nach  A.  FranQois  :  Les  provincialismes  de  J.  J.  Rous- 
seau, und  in  den  Erläuterungen  zu  den  Planches  der  Grande  Encyclo- 
pödie  VI.  Bd.  (1758),  wo  es  dem  brocotte  (==  Quark,  aus  dem 
Zieger  bereitet  wird)  der  Vogesen  gleichgesetzt  wird.  Dieselbe  Be- 
deutung hat  das  mundartliche  s^rasset  (Bridel),  s.  m.,  während  das 
genau  entsprechende  serachä,  s.  f.  vom  Dict.  sav.  durch  „petit  lait  avec 
lequel  on  fait  le  sere"  übersetzt  wird. 

cuite,  s.  f.  =  „petit -lait  recuit,  dernifere  qualite  de  petit-lait, 
c'est-ä-dire  celui  qui  reste  aprfes  qu'on  en  a  fait  le  seret"  (G,  auch  im 
Waadtland);  in  der  MxinA'drtikweta  (Dict.  savoy.).  —  Im  Schweizer- 
deutschen heißt  dieser  Teil  der  Molken  Schotte. 

Das  runde  Formgefäß  für  den  Zieger  nennt  man  in  Bulle 
ruchon;  in  der  Mundart  ratsd  (Luchsinger:  Molkereigerät  S.  30). 

e)  Landwirtschaft,  Ackerbau. 
Das  gesamte  Zubehör  zu  einem  Bauernhof  =  che  dal  (G,  F,  N, 
V,  W,  Peter :  Cacol.),  chödail  (F :  Suppl.);  in  der  Mundart  chedal  (Bridel), 


1)  Die  Pariser  kennen  das  Gericht  nur  von  den  Italienern  (ricotta)  oder 
Südfranzosen  (brou^o)  und  nennen  es  recuite  oder  brousse  (nach  Larousse :  Dict. 
universel). 

2)  Über  s^rac  als  Terminus  der  Geologien  she.  S.  764, 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  775 

ghadä   <  &adä  >    (Dict.    sav.) ;    im   Frz. :  attirail   d'une   fertne    oder 
cheptel  mort. 

Ein  Gut,  das  in  Halbpacht  Übernommen  wird,  heißt  une  moi- 
tre8se')(N);  in  der  Mundart :  wo<7er<?ssa  (Bridel);  in  der  Schriftsprache: 
ferme  ä  moltie  fruit  (Sachs- V.);  moison  (Larousse  :  Dict.  universel)  ist 
veraltet. 

ordon,  s.  m.  bedeutet  nach  Pierrehumb. :  „rangee  de  ceps  qu'on 
vendange  sans  se  detourner",  nach  G  und  N :  „portion  de  tfiche"; 
„mener  l'ordon  (ibid.)  =  etre  k  la  tete  des  faucheurs,  des  vendangeurs." 
„relever  l'ordon"  nach  Pierrehumb.  =  tenir  le  bord  de  la  rangee  de 
ceps";  in  der  Mundart  :  ordo  =  sillon,  täche  (Gauchat :  Patois  du  Val 
de  Ruz.),  „ordon  =  partie  d'un  champ  qui  a  6t6  beehre,  fauchee  ou 
vendangee  par  un  ou  plusieurs  ouvriers,  marchant  en  ligne  droite  dang 
le  sens  de  la  plus  grande  longueur  du  champ"  (Dict.  sav.).  Diese 
letztere  Definition  gibt  wohl  die  ursprünglichste  Bedeutung  des  Wortes 
wieder.    Ein  französisches  Synonym  dafür  existiert  nicht. 

Der  Saum  des  Feldes^  wo  der  Pflug  gewendet  wird  (und  der 
erst  nachträglich  gepflügt  wird?),  heißt  nach  Pienehumbert :  une 
cheintre'');  in  der  M\md&rt :  tmtr  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz); 
vgl.  auch  tsetra,  s.  m.  „Bulletin"  1903,  S.  58. 

Davon  abgeleitet  das  Verb  ch ein trer  (Pierrehumb.);  chintrer  (N) 
nach  dem  ersteren  =  labourer  la  „cheintre"  par  sillons  transversaux ; 
Bonhöte  fügt  hinzu:  .  .  afin  que  la  charrue  puisse  y  etre  tournee  [?]; 
in  der  Mundart  des  Val  de  Ruz  :  tsäträ. 

Dieselbe  Bedeutung  soll  nach  Pierrehumb.  dem  Verb :  confouler 
zukommen;  vgl.  aber  in  der  Mundart  des  Val  de  Ruz  köfolä  =  passer 
sur  le  voisin  en  tournaut  la  charrue. 

Der  Schollenbrecher  heißt  (nach  Plud'hun :  Parlons  frangais) 
im  Wallis  cacheu.  Plud'hun  übersetzt  es  mit  räteau  de  fer;  doch  ist, 
nach  Barman :  „Glossaire  valaisan",  das  mundartliche  cacheu  mit  frz. 
cassemotte  identisch. 

f)  Heu. 

Der  Wetzsteinkasten  der  Mäher  heißt  nach  V:goy,  goille 
<gü^?>,  nach  Vallottou :  Mr.  Potterat  ...  S.  190 :  la  coffia  [?],  nach 
Pierrehumbert :  couvier  (vgl.  im  Patois  duBournois  [Ch.  Roussey]  kum), 
in  Lausanne  le  covä,  oder  covai  (selbst  in  Zeitungsannoncen  häufig); 
in  der  Mundart :  com,  cot^ae  (Bridel),  kovey  im  Freiburgischen*),  kova^  in 


1)  Davon  abgeleitet:  un  moitressier  =  der  Pcächter  (N). 

2)  Cf.  Bridel :  tscheintra,  s.  f.  =  sillon  (Vall6e  de  Joux),  tsantra,  tschantra, 
s.  f.  =:  bände  de  terrain,  entre  la  vigne  et  .  .  le  mur  de  cloture  .  .  .  ou  l'on 
cultive  des  legumes  (Lavaux). 

3)  Vgl.  Gauchat:Etymologie8  fribourgeoises  im  „Bulletin"  II,  S.  34. 


776  Gl.  Wißler 

Leysin;  im  Frz.  heißt  der  Gegenstand  coffiu  oder  coyer.  —  Vergl.  Atl. 
ling.,  Karte  coffin  (307)  die  Formen  ikövw,  kova;  daneben  köft,  auch 
in  Savoyen. 

Der  Wetzstein  selbst  wird  molette  genannt  (G,  F,  N,  Duper- 
tuis  :  Loc.  vic.),  im  W  meulette;  in  der  Mundart  moletta  (Bride!);  im 
Frz.  pierre  ä  aiguiser  oder  queux  oder  dalle  [?]  (Littre). 

berr,  s.  m.  =  „filet  servant  ä  trän  sporter  du  foin"  (N),  das 
gleiche  Gerät,  das  im  Scbweizerdeutschen  ,^Heu-,  „Gras-  ,^Laubbogen'-^ 
oder  einfach  ,^Bogen^'  genannt  wird;  vgl.  auch  A.  Bachelin :  Jean- 
Louis,  S.  42^);  in  der  Mundart :  bär^)  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz); 
im  Waadtland  nennt  man  den  „Bogen"  le  fleurier.  Dies  Wort  be- 
zeichnet z.  B.  in  G  nnd  V  ein  großes,  starkes  Tuch,  speziell  auch  das 
Laugentuch  der  Wäscherinnen);  in  der  Mundart  :^on  (Dict.  savoy.), 
h  dvrö  (Val  d'llliez).  Nun  werden  solche  Tücher  noch  heute  (z.  B. 
im  Val  d'llliez)  benutzt,  um  kleinere  Quantitäten  Gras  oder  Heu, 
besonders  von  wenig  zugänglichen  Stellen  aus,  heimzubefördern. 
Der  Name  des  primitiven  Gegenstandes  ist  also  auf  den  ihn  später 
verdrängenden,  wahrscheinlich  aus  der  deutscheu  Schweiz  eingeführten, 
übertragen  worden.  —  In  Bex  nennt  man  dasHeutuch:  sarge,  s.  f.; 
in  der  Mundart  sardze^  8.  f.  (Barman :  Patois  valaisan).  —  Netze  (ohne 
die  hölzernen  Bogen),  welche  zum  gleichen  Zweck  dienen,  heißen  in 
Bex  filard;  in  der  Mundart : /e/arc?  (Bridel).  Nach  Atl.  ling,,  (Karte 
569)  bedeutet  fdlar,  flä,  etc.  in  einigen  Ortschaften  der  Schweiz,  des 
D6p.  du  Jura  etc.  =  Netz  überhaupt. 

Für  die  kleinen  Heuhaufen^),  in  denen  das  Heu  über  Nacht  bleibt 
und  die  am  Morgen  wieder  verstreut  werden,  um  es  neuerdings  der 
Sonne  auszusetzen,  hat  unsere  Volkssprache  mehrere  Bezeichnungen : 
cuchet(G,  Peter:  Cacologie),  in  der  Mundart :  cutset^){V>v\At\)\  Chiron^) 
(V,  N,  Vallotton :  Mr.  Potterat,  S.  201,  217  etc.),  in  der  Mundart  tsiron 
(Bridel),  tslrd  in  Estavannens,  in  der  Volkssprache  des  Departement  du 
Doubs  :  Chiron  (Beauquier);  chillon  (Peter:  Cacologie),  in  der  Mundart 
chillon,  tsillon  (Bridel);  im  Wallis  un  matson  (?)  [in  der  Mundart  des 


1)  Neuchätel,  1896,  Sme  ^AM. 

2)  Das  Wort  stammt  offenbar  aus  dem  Schweizerdeutschen  und  ist  iden- 
tisch mit  dem  Ber  II,  2d  oder  Heu-Beren  2)  des  Idiotikon,  welches  allgemein 
„Netz"  und  speziell  „Heubogen"  bezeichnet  (in  den  Waldstätten,  den  Kt.  Luzern, 
Zürich,  Zug,  Thurgau;  aus  dem  Kt.  Bern  kein  Beleg). 

3)  Über  die  mundartlichen  Ausdrücke  für  Heu  etc.  soll  demnächst  eine 
Arbeit  von  Herrn  Prof.  Tappolet  im  Bulletin  du  Glossaire  erscheinen. 

4)  Vgl.  cuchon  bei  Godefroy  und  cuchoun  bei  Mistral  und  Puitspelu. 

5)  tsiron  heißt  nach  F  =  Haufen  überhaupt,  also  auch  un  tsiron  de  pom- 
mes  de  terre. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  777 

Val  d'Illiez  o  kafso^)],  im  valamon,  in  der  Mundart  valamon  (nach 
Bridel  in  Moudon),  wolamo  (im  Val  d'Illiez);  in  der  Schriftsprache: 
veillotte^),  moyette  oder  buirette. 

Die  Heuhaufen  wieder  auflösen  heißt :  decucher  (Gaudy-le- 
Fort),  dechironner  (Pierrehumbert,  Ceresole :  Seines  vaud.,  S.  270). 

Das  in  Schwaden  liegendeHeu  zerstreuen  :  desandagnerT(Pierre- 
humbert),  in  der  Mundart :  dezndanyi  (nach  dem  Artikel  „andaiu"  von 
Prof.  Tappolet  im  Bulletin  du  Glossaire  1908  (S.  13). 

Die  Heuschober,  d.  h,  die  großen  Haufen,  zur  Überwinterung 
im  Freien  sorgfältig  um  eine  Stange  aufgeschichteten  Heues  nennt 
mau  :  maia(F),  mie  (G),  meye  (Peter  :  Cacologie),  in  der  Mundart  ma'ia 
(Bridel),  in  hyon :  maya  (Puitspelu);  tfeche')  (G,  N,  V),  in  der  Mund- 
art tetsche  *)  (Bridel)^  tes  (in  BournoiS;  nach  Roussey) ;  im  Französischen  : 
meule  oder  pile  de  foin. 

clousin  (F :  Supplement),  in  der  Mundart  hllesein  <Clez~e>^  hlloson 
(Bridel)  =  poussiere  ramassee  dans  la  grange  et  renfermant  les 
graines  de  graminees  qu'on  recueille  pour  les  semer. 

fla,  s.  m.  (Dupertuis  :  Loc.  vic,  V,  W),  in  der  Mundart  :///a,  fla 
(Bridel)  =  herbe,  foin  des  marais. 

g)  Ob  stbau. 

Der  Fruchtkorb,  in  den  man  z.  B.  die  Kirschen  pflückt,  heißt 
cratte  s.  m.  (N,  F);  in  der  Mundart  crato  (Bridel).  Das  Wort  stammt 
vom  schweizerdeutschen  xrato;  im  Frz.  cueilloir. 

Gedörrte  Früchte  =  secherons  (F,  V),-  in  der  Mundart: 
Setzeron,  chetzeron  =  poire  sechee  au  four  toute  ronde  (Dumur  :  Patois 
vaudois). 

la  pure,  od.  l'apure,  s.  f.  =  le  moment  de  la  plus  grande  abon- 
dance  d'un  legume,  d'un  fruit,  d'un  poisson  „J'attends  la  pure  des  fram- 
boises  pour  faire  mes  coufitures"  (G).  Nach  dem  Dict.  savoyard  wird 
das  Wort  auch  in  der  Volkssprache  von  Thonon  gebraucht. 


1)  Bezeichnet  speziell  die  ganz  kleinen  Heuhaufen. 

2)  Nach  Larousse  :  Dictionnaire  universel  bezeichnet  veillotte  einen  etwas 
größeren  Heuhaufen,  den  man  in  der  Absicht  aufschichtet,  ihn  längere  Zeit  auf 
dem  Felde  zu  lassen,  bis  eine  günstige  Gelegenheit  erlaubt,  das  Heu  in  die 
Scheune  zu  bringen.  Welche  Provinzialismen  speziell  der  veillotte  entsprechen, 
konnte  ich  nicht  in  Erfahrung  bringen. 

3)  Nach  Courthion :  Scenes  valaisannes  (S.  23) :  amas  de  foin  dans  les 
granges. 

4)  tetsche  bedeutet  Haufe,  Schicht  überhaupt,  davon  in  der  Greyerzer 
Mundart  das  Diminutiv:  tetsd  (Bulle). 


778  ö.  Wißler 

h)  Weinbau. 

Von  den  Begriffen,  für  die  Gignoux  keine  geeignete  französische 
Bezeichnung  fand  und  für  die  er  zu  einem  Provinzialismus  greifen 
mußte,  um  das  Dialektwort  zu  übersetzen,  seien  die  folgenden  an- 
geführt: 

I,  21.  ferre  adj.  „se  dit  des  raisins  dont  la  croissance  s'arrete 
par  les  trop  grandes  chaleurs;  le  grain  reste  petit,  prend  une  teinto 
bleuätre  et  devient  tres  dur;  in  der  Mundart : /em  etc. 

II,  18.  les  rebias  =  seconde  pousse  de  la  vigne;  in  der  Mundart 
rdbf%.     Cf.  Girebiolon,  Bridel :  ni/o^n. 

IL  17.  Davon  abgeleitet :  rebio  1er  =  enlever  les  pousses  entre 
les  feuilles;  c'est  la  deuxieme  Operation  de  l'epamprement;  in  der  Mund- 
art rdhyolä  etc.  Cf.  N :  rebioler,  Bridel :  rebiola. 

Zu  111.  23  les  effeuilles  =  action  d'epamprer  la  vigne  et  aussi : 
epoque  de  l'epamprement.  (Zur  Bezeichnung  eines  bestimmten  Zeit- 
punktes wird  das  frz.  epamprement  meines  Wissens  nicht  verwendet). 
In  der  Mundart  efoie  etc.,  s.  f.  pl.  Cf.  les  effeuilles  in  G,  N,  V,  W; 
Bridel  :  ejß^olhe. 

III.,  27.  La  Ifeve  =  Operation  consistant  a  attacher  ä  l'echalas 
les  rameaux  de  la  vigne;  epoque  oü  se  fait  ce  travail ;  in  der  Mundart 
Teva.  Für  den  Zeitpunkt  brauch  t  man  in  Epesses  la  1 6  v  e  oder  lesattaches, 
cf.  dies  Wort  in  N  und  das  v.  atatsi  (Gignoux  III,  §  25)  für  „accoler". 

III,  §  38  traluire  :  se  dit  des  raisins  qui  commencent  k  mürir; 
ils  deviennent  translucides^);  in  der  Mundart  des  Kt.  Waadt  tralivir] 
vgl.  das  Wort  in  V  und  in  Gorgibus  :  Frederi  .  .  etc.,  S.  70. 

clairer^)  bedeutet  dasselbe  in  der  Volkssprache  der  Neuenburger; 
in  der  Mundart  des  Kt.  Neuenburg  txerta  etc. ;  cf.  das  Wort  in  N. 

in,  §  46.  agrets  =  petits  raisins  aigres  provenant  d'une 
deuxieme  floraison;  ils  croissent  au  haut  des  sarments  et  ne  mürissent 
generalement  pas ;  in  der  Mundart :  agre;  nach  G  hat  agrets  in  der  Waadt 
die  oben  genannte  Bedeutung;  im  Kt,  Genf  heißt;  Les  raisins  sont 
en  agr6s  =  ils  ont  passe  fleur,  les  grains  commencent  ä  poindre;  die 
nämliche  Bedeutung  hat  das  savoyisch  mundartliche:  etr  en  agre 
(Dict.  savoy.), 

in.  §  48.  Le  fendant:  On  donne  ce  nom  ä  un  plant,  dont  les 
grains  se  fendent  sous  la  pression  des  doigts  au  lieu  que  l'interieur 
jaillisse  dehors;  in  der  Mundart  fede  etc. 


1)  Das  franz,  tourner,  mit  dem  Plud'hun  „traluire"  übersetzt,  ist  nicht 
zutreffend,  da  es  bedeutet  ,, Farbe  bekommen"  und  von  den  roten  Trauben  ge- 
sagt wird.    In  der  Volkssprache  braucht  man  dafür  changer  (G,  u.  in  der  Waadt). 

2)  Sonst  allgemein  gebraucht  für  frz.  6clairer, 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  779 

Bemerkung:  InEpesses  heißt  das  Gegenteil  vom  „fendant",  d.h. 
diejenige  Traubensorte,  deren  Beeren  unter  dem  Druck  der  Finger  den  In- 
halt plötzlich  fortschleudern,  du  r  iflet,  in  G  :  raffeux  (adj.),  in  Vrrafu 
[oder  gifleux,  in  N  :  du  quicheux].  Diese  Wörter  stehen  ohne  Zweifel 
im  Zusammenhang  mit  raffe  (G,  N,  V,  DupertuisiLoc.  vic),  rifle  (V, 
Dupertuis,  Loc.  vic.)  =  diarrhße  (in  der  Mundart  raßa  s.  m.,  Bridel). 

IV.  §  20  char  ä  brecettes  =  sorte  de  char  ä  ridelles  (Leiter- 
wagen) servant  au  transport  des  „gerles"  <cuve8>;  in  der  Mundart 
tser  a  hdrse  etc.  in  der  Mundart  des  Kt.  Neuenburg;  vgl.  N  brecettes, 
[berosses  und  epondes].  und  brdsta,  (Gauchat,  Patois  de  la Montagne 
neuchäteloise). 

IV.  §  30:goger  =  imbiber  d'eau  les  ustensiles  de  vendange, 
combuger ;  in  der  Mundart  godz'i  etc. ;  vgl.  das  Wort  in  V,  Dupertuis : 
Loc.  vic.  und  Pierrehumbert  und  godji  bei  Bridel. 

bonner  <  bone  >  (G)  bedeutet  dasselbe;  in  der  Mundart  :iona 
(Bridel),  bona  (Dict.  sav.),  bona  etc.  (Gignoux  IV,  §  30). 

IV.  §  16:bo8sette,  s.  f.  (G,  Dupertuis  :  Loc.  vic.)  ist  ein  läng- 
liches, oben  mit  einer  Öffnung  versehenes  Faß,  in  dem  in  den  Kt. 
Waadt,  Wallis  und  Genf  die  Trauben  vom  Weinberg  zur  Kelter  trans- 
portiert werden,  in  der  Mundart  bqseta  (in  Genf,  Waadt  und  Wallis, 
nach  Gignoux),  bossetta  (Bridel). 

IV.  §  22:  fuste,  s.  f.  heißt  ein  der  bossette  ähnliches  Faß  zum 
Weintransport  (G,  N,  F,  W,  V);  in  der  Mundart /ws^a  (Gignoux),  füsfa 
(Bridel). 

lY.  §  19:gerle  =  cuve  servant  au  transport  de  la  vendange, 
munie  de  deux  oreilles  dans  l'ouverture  desquelles  on  passe  un  fort 
bäton  (N);  in  der  Mundart  dztrl,  dzlrla  (Gignoux),  djerla  (Bridel).  Die 
„gerles"  werden  nur  im  Neuenburgischen  gebraucht.  Das  franz.  tine, 
das  (nach  Littre)  ein  zum  gleichen  Zweck  dienendes  Gefäß  bezeichnen 
kann,  ist  im  Kt.  Neuenburg  nicht  gebräuchlich. 

Von  den  Details  der  Kelter  seien  nur  folgende  genannt: 

V.  §  6:Le  traderan:nom  donne  aux  deux  poutres  transver- 
sales qui  soutiennent  le  bassin  du  pressoir;  in  der  Mundart  tra  de  re 
(Kt.  Waadt);  vgl.  auch  Bridel  unter  tra  [=  poutrej^. 

V.  §  7:  L'etringnan  =  fortes  pieces  de  bois  entaillees  dans 
leur  milieu  et  placees  de  chaque  cote  des  traderans  de  maniere  ä  serrer 
et  ä  maintenir  en  place  les  diverses  pieces  qui  composent  le  bassin  du 
pressoir;  in  der  Mundart  etreuä  etc. 

V.  §  21:  Le  poisson  =  poutre  de  bois  de  ebene,  dont  les  deux 
extr^mites  sont  engagees  dans  les  rainures  pratiquees  dans  les  colonnes 


1)  In  den  Pianches  zur  Encyclop6die  (im  ersten  Band)  heisst  der  „tradö- 
ran" :  souillard. 


780  G.  Wißler 

soutenant  l'ecrou  (=  „ecouvre").  Elle  doit  son  nom  ä  sa  forme  renflee 
dans  le  milieu  et  amiucie  aiix  deux  bouts,  ce  qui  lui  donne  une  vague 
ressemblance  avec  un  poisson;  in  der  Mundart  pesö.  Vgl.  das  Wort 
bei  Pierrehumb.  und  pesson  bei  BrideP), 

Bemerkung:  Die  Provinzialismen  für  diese  Details  der  Wein- 
kelter sind  natürlich  nur  mehr  an  den  Orten  bekannt,  wo  die  alte 
Kelter  noch  im  Gebrauch  ist;  wo  die  neuen  Modelle  (mit  Differential- 
presse etc.)  eingeführt  sind,  sind  auch  die  Wörter  veraltet. 

V.  §  37 :  le  tracolon^)  ^moüt  que  l'on  retire  de  la  cuve  ou  qui 
coule  du  pressoir  avant  que  l'on  ait  commence  a  presser;  in  der  Mund- 
art trakolö  etc.  Vgl.  das  Wort  in  N  und  trakolö  bei  Gauchat  (Patois 
du  Val  de  Ruz). 

ecolai  oder  ecoulai  bezeichnet  in  G  dasselbe;  vgl.  in  der  Mundart 
ekqle  (in  den  Genfer  Patois). 

V.  §  38 :  le  troillu  =  moüt  extrait  de  la  pressöö  aprfes  la  der- 
niere  „recoupe"  [=  action  de  tailler  la  presseej;  ce  moüt  est  de 
qualite  infßrieure;  in  der  Mundart  trqiü  etc  ;  vgl.  das  Wort  bei  Bridel 
als  „vin  nouveau  de  mauvaise  qualite". 

VI.,  §  17:le  laigre  =  vase  de  cave  de  grandes  dimensions;  in 
der  Mundart  Ugr;  vgl.  das  Wort  in  N,  F,  Peter  :  Cacologie.  — 

le  legrefasse  in  G,  N,  F,  Epesses,  bezeichnet  dasselbe;  in  der 
Mundart  legrdfas^  'egrsfas  etc.  —  Beide  Wörter  sind  dem  Schweizer- 
deutschen lägdrfas  entlehnt,     legr  scheint  eine  bloße  Kürzung  zu  sein. 

VI,  §  31:le  guillon^)  =  „petite  cheville  de  bois  pour  boucher 
le  trou  pratiquö  dans  le  fond  d'un  tonneau"  et  qu'on  retire  pour  goüter 
le  vin;  in  der  Mundart  gdio  etc.  Vgl.  das  Wort  in  G,  N,  V  [N  über- 
setzt es  mit  bonde]  und  gnellhon  bei  Bridel,  glion  <i(jiö'>  im  Dict.  sav. 

VI.  §  32.  Davon  abgeleitet  guillonuer  (G,  F)  =  raettre  le 
fausset"),  in  der  Mundart  gat/ma  (guellhonna  bei  Bridel). 

Es  sei  mir  gestattet,  hier  noch  auf  einige  Provinzialismen  hinzu- 
weisen, deren  mundartliche  Entsprechungen  in  Gignoux'  Arbeit  fehlen: 

Ad.  I  §  6  {berkia  =  treille) :  bercler  les  sarments  =  les  courber 
de  fagon  ä  leur  donner  la  forme  d'un  demi-cercle.  (N,  Pierrehumb.)*). 
In  der  Mundart  heißt  (nach  Bridel)  herhllä  <3erAä>  =  mettre  des 
tuteurs,  wie  übrigens  auch  der  Provinzialismus  bercler  im  Kt.  Waadt 
(V  und  Epesses). 

1)  In  den  Planches  zur  Encyclop6die  (loc.  cit.) :  mouton. 

2)  Die  Ausdrücke  ,,mcre  goutte"  und  „surraoüt",  mit  denen  Gignoux  tra- 
colon  übersetzt,  scheinen  nicht  zum  Sprachgut  des  Volkes  zu  gehören. 

3)  Für   die  Verbreitung   von   guillon  <^g3io~^    vgl.    die  Karte    fausset 
(1564)  des  Atl.  ling. 

4)  „On  ne  bercle  pas  la  vigne  iudigöne,  mais  un  plant  du  Rhin"  (Pierre- 
humb.) 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  781 

berclet8  =  ceps  dont  les  sarments  ont  ete recourbös.    (N,  Pierre- 

humb.)- 

iselets  ist  der  Name  für  dieselbe  Art  die  Rebenranken  zu  führen 
(nach  Pierrehumbert  und  in  Auvernier).  Das  Dialektwort  izelet  (Dimin. 
von  ize)  bedeutet  wörtlich  :  petit  oiseau  (she.  Bridel  unter  ozalet). 

i  Zell  es  =  vignes  d'„izelets",  (Pierrehumb.);  \izala  im  Patois  = 
weiblicher  Vogel,  Bridel]. 

hutains,  nach  G  =  g-uirlandes  de  vigne,.  in  Epesses: vigne  qui 
grimpe  aux  arbres  \  in  der  Umgebung  von  Lausanne  :  vigue  qui  grimpe 
ä  une  grande  brauche  de  chätaiguer  ecorcee,  plantee  ci  et  lä  dans  les 
vignes;  in  der  Mundart :  utins,  uteins,  hauteins  s.  m.  pl.  „vigue  qui 
monte  sur  des  appuis  fort  eleves,  places  en  lignes  tres  espacees,  entre 
lesquelles  il  y  a  un  terrain  ensemence"  (in  Coppet,  nach  Bridel);  im 
Frz.  hautain  =  vigne  accolee  coutre  unarbre;  nom  que  Ton  donne  aux 
berceaux  de  vigue  dans  le  midi  de  la  France  (Larousse  :  Dict.  uni- 
versel). 

carabasse,  s.  f.  =  sarments  de  hutains  avec  lesquels  on  lie  les 
haies.  (G). 

porteur  =  bout  de  sarment,  d'environ  un  demi-pouce  de  lon- 
gueur  qu'on  laisse  au  sommet  d'un  cep  de  vigne  pour  rapporter  des 
raisins  (G)  [in  der  Mundart  wird  ports^  in  St.  Maurice  gebraucht  für 
pedoncule].    Das  franz.  Wort  ist  cource  =  Tragholz. 

brot,  s.  m.  =jeunes  sarments  de  vigue  quand  ils  sont  tendres  et 
cassants  (G);  in  der  Mundart  6ro  (Jeanjaquet :  Patois  d'Hermance);  das 
Wort  ist  wahrscheinlich  identisch  mit  dem  franz.  brout,  welches  die 
jungen  Triebe  eines  Baumes  bezeichnet,  [vgl.  brq  =  bourgeon,  Dict. 
sav.]. 

les  pianes  =  rejetons  du  cep  de  vigne  (W),  cf.  in  der  Mundart 
piennä,  piainä,  pllenä  =  les  premieres  pousses  de  la  vigne  qu'on 
enleve  et  qui  sont  une  bonue  päture  pour  le  betail  (Bridel);  dazu 
epxcina  =  ebourgeonner  III,  13,  Gignoux;  epienna,  eplana  (Bridel): 
eplaner  =  epamprer  (Dupertuis  :  Loc.  vic). 

dechargeoir,  s.  m.=  grande  cuve  oü  l'on  jettela  veudange  qui 
vient  d'etre  cueillie  (G);  vgl.  in  der  Mundart  dkharjhira  <  de&aröira  > 
im  Dict.  sav.,  mit  dem  gleichen  Sinn.  Vielleicht  ist  dies  Gefäß  iden- 
tisch mit  der  tiue  (Mundart  tdnd)  im  Kt.  Waadt '),  cuve  im  Kt.  Neuenbürg, 
(Gignoux  IV.  23). 

i)  Fischerei. 

Das  von  einem  einzigen  Mann  besetzte  Stehruderboot  [mit  eckigem 
Vorderteil]    heißt    im  Neuenburgersee   loquette.    (Geograph.  Lexicon 


1)  Vgl.  auch  tena  mit  dem  gleichen  Sinn  bei  Dumur  und  im  Atl.  ling.  Una 
(Karte  1529). 


782  G-  Wißler 

der  Schweiz  III.,  S.  578).  Vgl.  auch  N,  F,  V  und  liquette  in  G,  V 
(auf  dem  Geufersee),  in  Epesses  likyet.  In  der  Mundart  loketta^  liketta 
(Bridel),  Idkdta  (Dict.  sav.);  im  Frz.  entspricht  diesem  Wort  etwa :  bachot, 
uacelle. 

Ein  reusenförmiges  Fischgarn  (im  Frz.  :  verveux)  nennt  man 
berfou  (F,  N),  barfou  oder  barfolet  (G);  in  der  Mundart  barrefou^ 
barrefolet  (Duret :  Patois  genevois)  [Der  Dict.  sav.  zitiert  G]. 

k)  Aus  der  Sprache  anderer  Berufe;  Geräte  etc. 

Der  wandernde  Kesselflicker  heißt  le  magnin  (G,  F,  N,  V,  W, 
Peter :  Cacol.);  in  der  Mundart  magnin  (Bridel);  im  Frz.  chaudronnier 
ambulant  oder  chaudronnier  ä  sifflet  (Larousse :  Dict.  univ.).  —  Das 
Wort  fand  sich  noch  in  der  ersten  Ausgabe  des  Dict.  de  l'Academie 
und  ist  heute  in  Frankreich  noch  ziemlich  verbreitet  (in  der  Champagne, 
Poitou,  Berry,  Bourgogne,  Metz;  vgl.  Godefroy  maignah).  Vgl.  Atlas, 
ling.  die  Karte  chaudronnier :  mane  (Pkt.  937,  52)  und  in  den  franz. 
Dep.  Meurthe  et  Moselle,  Vosges,  Hte.  Marne,  Hte.  Saone,  Cöte  d'Or, 
Doubs,  Jura,  Saone  et  Loire,  Ain,  Rhone  und  Savoie  ==  chaudronnier 
ambulant;  vgl.  auch  die  Dissertation  von  W.  Kusche  „Handwerker- 
benennungen im  Französischen"  (Kiel  1902),  S.  23  ff. 

Die  Beilage  (Knochen  etc.),  die  man  zum  Fleisch  erhält  = 
la  Charge  (V,  Pierrehumb.),  in  der  Mundart : /a  ^särof^^?  (Val  d'Illiez); 
in  F:  sei,  schi,  in  der  Mundart  chi  <,si'>  (Gauchat :  Patois  frib.); 
garneson  in  G,  V,  Peter  :  Cacol.  und  in  der  Volkssprache  Savoyens. — 
Besteht  die  Beilage  aus  einem  Stück  Fleisch  geringerer  Qualität,  so 
heißt  sie  marcon  (N) ;  in  der  Mundart :  marÄrö  (Gauchat :  Patois  du  Val 
de  Ruz) ;  in  der  Schriftsprache  :  rejouissance  oder  surpoids. 

Die  Schlachtbank,  auf  der  Schafe,  Schweine  etc.  ausgeweidet 
und  ausgehäutet  werden,  kennt  das  Volk  unter  dem  Namen  trebuchet^) 
(F,  N,  V);  in  der  Mundart  trabetzet;  im  Frz.  etou. 

Der  Hackblock  =  plot  (G,  F,  N,  V,  W);  in  der  Mundart  pllo 
<.pio'>  (Bridel),  plot"^)  (Dict.  Sav.  und  Puitspelu :  Patois  lyonnais). 

chapieure,  s.  f.  bedeutet  nach  Pierrehumb.  das  Nämliche;  nach 
Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz  ist  das  mundartliche  tsapy^r  auf  den 
Hackblock  der  Fleischer  beschränkt;  im  Franz.  tronc  ä  hacher  oder 
billot. 

bambaner  =  scier  de  long  (W);  in  der  Mundart  bambannä 
(Bridel). 

Das  erste  (und  das   letzte)  Brett,   das    beim  Längssägen   abfällt 


1)  Französisch,  mit  anderer  Bedeutung. 

2)  Das  Wort  kommt  (nach  G)  auch  in  der  Franche  Comt6  und  im  Berry 
vor.    Für  die  Provence  vgl.  plot  =  billot  bei  Mistral  und  Piat. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  783 

(bernd.  Schwarte)  und  das  an  der  äußern,  zylindrisch  gebogenen  Fläche 
die  llinde  beibehält,  heißt  coineau  (G,  N,  W,  Pöter :  Caco!.),  coinet 
(G),  couenni  (F);  in  der  Mundart  couene,  couenneau  (Bridel),  kouini  im 
Freiburgischen,  nach  Gauchat :  Etymologies  fribourgeoises  im  „Bulletin 
du  Glossaire^'  II,  S.  34.  Die  franz.  Bezeichnung  ist  une  dosse;  doch 
versteht  man  darunter  auch  eine  Futterbohle  oder  ein  Gerttslbrett;  ge- 
nauer ist  flache-dosse  (Sachs-Vill.). 

Der  eiserne  Hebel  heißt  un  paufer  <pofer>  (G,  F,  N,  V),  in  der 
Mundart  pau-fer  (Bridel),  p''/?  (Dict.  sav.);  presson  (G,  N,  Peter:  Cacol.); 
in  Annecy  presson  (Dict.  sav.);  im  Frz.  levier,  barre  de  fer. 

Der  hölzerne  Hebebaum  =  palanche  (F,  N,  V);  in  der  Mund- 
art palantse  (Bridel),  paläts  etc.  bei  Gignoux  (La  terminologie  du  vig- 
neron  V,  §  24),  wo  es  einen  Teil  der  Kelter  bezeichnet :  grand  levier 
de  bois  dont  on  introduit  l'une  des  extremites  dans  le  trou  pratique 
dans  la  tete  de  la  vis.  Par  uu  mouvement  de  va  et  vient  imprime 
ä  la  „palanche",  par  un  treuil  vertical  ['?'?],  la  vis  s'abaisse  et 
exerce  une  pression  sur  les  raisins.  —  N  :  palanche  designe  surtout  la 
perche  avec  laquelle  on  presse  le  foin  sur  les  chariots.  Der  Dict.  sav. 
zitiert  eine  Stelle  aus  Brächet  (Dict.  du  patois  savoyard  .  .  .  d'Albert- 
ville,  1889),  wo  das  Patoiswort  palanze  dieselbe  Bedeutung  hat.  In 
Annecy  palanjhe  <  paläöe  >  =  rame,  aviron. 

palanchon  ist  der  Name  für  einen  kleinen  hölzernen  Hebel  (N, 
Dupertuis  :  Loc.  vic),  palantson  (F  :  Suppl.)  =  id.;  in  der  Mundart 
palantzon  (Bridel)  =  petit  levier  de  bois.  Bei  Gignoux  (V,  25)  be- 
zeichnet palätso  etc.  den  Hebel  des  Wellbaums  zur  Kelter. 

Die  hölzerne  Schöpfkelle  führt  den  Namen  un  gaume  (G,  N), 
un  goume  (F,  V);  in  der  Mundart  :^02<mo,  s.  m.  (Bridel),  gomo  (Dict.  sav.). 
In  der  Gruyere  sagt  man  „un  cavouet  (F :  Suppl.),  in  der  Mundart 
Ä;avj^e  (Gauchat :  Patois  fribourgeois);  im  W  un  cau  [kö],  in  der  Mundart 
kq  (Barman  :  Glossaire  valaisan).  Im  Frz.  heißt  das  Gerät  louche  oder 
puisoir. 

Die  Hakenschraube  zum  Aufhängen  der  Kleider  heißt  un  strube 
<strüb>  (N  und  Pierrehumb.);  in  der  Mundart  struba  s.  f.  (Bridel).  Im  Frz. 
etwa  patere  oder  crochet  ä  vis.  [Das  schwd.  srüba^  oder  strühd,  dem  das 
Wort  entlehnt  ist,  bezeichnet  allgemein  eine  Schraube.  Beim  Übergang 
vom  Alemanischeu  zum  Frankoprovenzalischen  hat  sich  also  die  Be- 
deutung spezialisiert,  und  so  ist  das  Bedürfnis  der  Sprache  nach  einer 
präzisen  Bezeichnung  befriedigt  worden.] 


784  ^-  Wißler 

1)  TraDsporlmittel. 

luge*),  8.  f.  (G,  N,  V,  W),  liuge,  liudze  (F)  ist  der  Name  des 
leichten,  breiten,  niedrigen,  unbeschlagenen  hölzernen  Schlittens, 
der,  von  Menschen  oder  Tieren  gezogen  (in  den  Bergen  selbst  im 
Sommer),  zum  Transport  von  Holz,  Heu  u.  s.  w.  dient;  in  der  Mund- 
art :  lucfja,  litdza^  liiidza,  lieudje  etc.  (Bridel).  iiidd^  lidd^  iedzd  etc. 
(Dict.  sav.).  Der  Name  wurde  übertragen  auf  den  kleinen  Schlitten, 
dessen  sich  die  Kinder  zum  „Schlitteln",  „Rodeln"  bedienen.  Als  Be- 
zeichnung des  Sportschlittens  wurde  er  auch  in  Frankreich  be- 
kannt'^X 

Anmerkungen.  I.  Vom  Typus  luge  sind  abgeleitet  l.lugeon  s.m.= 
a)  Sehlittenku  fe  (N,  Lausaune)  und  b)  kleiner  Schlitten (Dupertuis  :  Loc. 
vic ),  in  der  Mundart  ludzon  =petit  traineau  (Bridel);  liidzö  (Byland)  =  Rad- 
schuh, Izon^  (Dict.  sav.)  =  patin  d'un  traineau.  —  2.  luget  (Dupertuis) 
=  traineaU;  in  der  Mundart  lodze  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz).  — 
3.  dasVerbum  luger,  se  luger  (G,N),  liuzer(F)  =  „rodeln "3).  — 
Andere  Bezeichnungen  für  den  Schlitten  sind  in  der  Schweiz: 
1.  glisse*);  s.  f-  (N,  F  (Estavayer),  Peter :  Cacologie,  St.  Imier).  In 
der  Mundart  ist  von  einem  solchen  Wort  keine  Spur  vorhanden;  es  ist 
also  wahrscheinlich  eine  Neubildung  der  Volkssprache,  nach  der  Pro- 
portion :  luger  :  luge  =  glisser  :  x.  —  2.  ferron  (G),  ferreau  (V)  =  petit 
traineau  ä  l'usage  des  enfants,  dont  les  patins  sont  ferres;  in  der 
Mundart  :/(?>TOw  (Bridel).  —  3)  beudje  <bqBdz>  s.  f.  (Pierrehumbert, 
Neuenburg) ;  nach  Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz  wird  das  Wort  nur 
in  der  Volkssprache,  nicht  in  der  Mundart  gebraucht.  4.  carbole, 
s.  f.  (F)  =  Kinderschlitten.  —  5.  viate^),  in  Porrentruy  =  „luge": 
yuat  im  Pat.  v.  Charmoille.  —  6.  tombereau  [!]  (Sitten)  =  kleiner 
niederer  Sportschlitten,  dessen  Kufen  aus  ganzen  Brettern  bestehen, 
(in  Bern  :  a:;es3/s7/^3,  Zürich,  Thurgau  :  x^/^ica,  Zng  :  boddho''x^r.  —  7.  bre- 
gantin  (N)  eine  Art  großer  und  hoher  „luge"  mit  beweglicher  Deichsel. 
—  In  Frankreich:  1.  liotte,  s.  f.  (Montbeliard).  —  2.  schütte,  s.  f. — 
3.  glieue,  leue,  lu  s.  f.  im  Dep.  du  Doubs  (Beauquier). 


1)  Über  luge  und  seine  Ableitungen  vgl.  die  Artikel  von  E.Hausknecht 
und  D.  Behrens  in  der  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und  Literatur  (XXXI,  S.  294). 
Vgl.  auch  die  Karte  traineau  (1322)  des  Atlas  ling. 

2)  Vgl.  z.  B.  Petit  Larousse  illustre,  1907. 

3)  Im  D6p.  du  Doubs :  lucher  (nach  Beauquier),  in  Dijon :  lizer  (nach  €u- 
nisset-Cainot).    Vgl.  Atl.  ling.  Karte  glisser  (651). 

4)  glisse,  s.  f.,  bedeutet  nach  G,  F,  V,  W  =  glissoire  =  Glitschbahn  auf 
dem  Eise. 

5)  Cf.  Atlas  ling.  (Karte  1322)  traineau,  Pkt.  Gi-.lvat. 


Das  schweizeriflche  Volksfraiizösisch  785 

II.  Auch  piolet,  die  franz.  Bezeichnung  des  Gletscherbeile  a, 
als  S})Oi'tausdruck  der  Alpinisten  stanimt  aus  dem  Frankoproveuzalischen, 
vgl.  Bridel :  inoletta,  s.  f.,  jnolon,  s.  m.  =  petite  hache. 

tsergosse,  s.  f.  (mitgeteilt  in  Lausanne  als  Wort  der  Waadtländer 
Alpen),  chargosse^)  (Courthion :  Sceues  valaisannes,  S.  192).  So  heißt 
ein  originelles,  leicht  gebautes  Fuhrwerk,  zum  Transport  von  Heu 
und  dergl,  in  hügeligen  Gegenden.  Es  besteht  vorne  aus  einem  Schlitten 
(zwei  Kufen)  und  hinten  aus  einem  Wagen  (zwei  Rädern).  Im  Emmen- 
thal  heißt  es  snak  (=:  Schnecke)'^).  Vgl.  die  Anmerkung  von  Bridel :  on 
l'appelle  aussi  „escargot".  In  den  frankoprovenzalischeu  Mundarten 
bezeichnet  man  es  mit  tsergossa^  tschergossa  (Bridel);  tsergose  in  Leysin 
und  tsargos9  in  der  Mundart  des  Val  de  Bagnes^)  =  charrette  a  deux 
roues  et  ü  brancard.    • 

m)  Gebäude. 

Der  Bauplatz  =  chesal*)  (N,  Pierrehumb,);  in  der  Mundart  be- 
deutet chesal,  cÄesa^a;  (Bridel)  auch  :  propriete  d'un  agriculteur;  im  Frz.: 
terrain  a  bätir. 

Die  Getreidehalle,  das  Kornhaus  =  la  grenette  (G,  F,  V),  in 
der  Mundart :  ^/-ewe^^a  (Bridel);  im  Französischen  :  halle  aux  bles. 

Das  Gartenhäuschen  =  kikajon  (N).  [Nach  G  und  Duper- 
tuis  :  Loc.  vic.  bedeutet  quicageon  =  maisonnette,  reduit];  in  der 
Mundart  :  hikadzö  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz);  franz. :  pavillou  de 
jardin. 

mazot^),  s.  m.  ist  eine  kleine,  aus  unbehauenen  runden  Hölzern 
aufgebaute  Scheune  in  den  Alpen,  zur  vorübergehenden  Aufbewahrung 
des  Heus  (V);  in  der  Mundart  mazot  (Bridel);  vgl.  auch  F.  Isabel:  ,,Un 
feuil  aux  Ormonts"  im  „Bulletin"  I,  S.  31. 

borne,  s.  f.  =  grande  cheminee  de  bois,  dont  le  bas  a  la  meme 


1)  Courthion  beschreibt  das  Fahrzeug  (irrtümlicherweise?)  folgendermaßen: 
„La  mode  etait  venue  aux  „chargosses"  tenant  du  charparles  deux  roues  basses 
de  dovant  et  du  traineau  par  les  deux  patins  de  derrifere." 

2)  Vgl.E.  Friedli:BärndUtsch:  I.  Lützelflüh  (Bern;  Francke  1905)  S.  340 
und  eine  Abbildung  auf  S.  341. 

3)  Nach  Cornu,  Romania  VI.,  S.  407. 

4)  Vgl.  W.  0.  Streng:  Haus   und  Hof,  S.   13;   Godefroy   chesal,    chasal 
etc.  =  bourg,  ehäteau,   domaine,   manoir  entoure  de  terrain  propre  ä  cultiver 
heute  chezal  =  habitation  in  den  Dep.  Indre  und  Cher.  —  Vgl.  auch  Beauquier 
(Dep.  du  Doubs)  chasal  =  vieille  maison  en  ruine  und  Mistral  casau  =  chau- 
mi^re,  enclos,  jardin. 

5)  Über  das  aus  der  Schweiz  stammende  franz.  chalet  (=  Sennhütte, 
jetzt  auch  =  Wohnhaus  aus  Holz  im  „Chalet-Stil")  vgl.  A.  FranQois:Le3 
provincialismes  de  J.  J.  Rousseau,  S.  40  und  E.  Richter  in  Ztschr.  f.  rom. 
Phil.  XXXI,  S.  571. 

Romauisube  Forschungen  XXVII.  50 


786  ^-  Wißler 

dimension  que  la  cuisine(F);  in  der  Mundart :  bouarna^),  bouaina,  borna 
(Bridel);  cf.  Atl.  ling.,  Karte  263  B  borna,  bwärna  etc.  =  cheminee,  im 
Wallis  und  Pkte.  968,  969;  borna  in  Leysin,  buqrna  in  Albeuve  im 
Glossar  zu  Cornu:Chauts  et  rondes  populaires  de  la  Gruyere;  Roma- 
nia  IV,  S.  208. 

louvelou,  s.  m.  ist  der  Deekel,  mit  dem  man  die  „borne"  schließen 
kann  (R.  Morax :  Dime,  S.  48),  in  der  Mundart  louvenos  (Conteur 
vaudois). 

cadot,  cadotzon  (F)  =  espece  d'escalier  qui  separe  le  poele 
de  la  paroi,  sur  lequel  on  s'assied  pour  se  chauffer  [Berndeutsch : 
Ofetritt]]  in  der  Waadt :  cavette  (V);  in  der  Mundart :  kadotzon,  cavetta 
(Bridel),  caveta  (Cornu,  Romania  IV,  S.  240). 

Die  Kachel  =  catelle  (G,  F,  N,  W,  Peter  :  Cacol.);  in  der  Mund- 
art, catalla  (Bridel),  catda  (Dict.  sav.) ;  franz.  :  brique  veruissee,  faience. 

Die  Butzenscheibe  =  coquecibe  (N,  Pierrehumb.,  Peter: 
Cacol.) ;  franz. :  rond  de  verre. 

n)  Haushalt. 

charriot,  s.  m.  nennt  man  eine  Art  Unterbett,  das  am  Tage 
unter  ein  anderes  geschoben  und  abends  hervorgezogen  wird  (F  :  Supple- 
ment) ;  in  der  Mundart :  tsarro  (Bride!). 

Der  Gehwagen,  in  dem  die  Kinder  das  Gehen  lernen,  heißt 
tintebin  (F,  V);  in  der  Mundart  tintebein  (Bridel),  [wörtlich  =  tiens- 
toi  bien];  bregolet  (G);  in  der  Mundart  bregolet  (Bridel);  in  der 
Schriftsprache  etwa  :  chariot  a  roulettes  (Sachs-V.). 

Die  Glutschaufel  =  beruar  (F);  in  der  Mundart  Äerwar  (Bridel) 
=  pelle  a  feu.    Vgl.  darüber  L.  Gaucbat  in  Rom,  Forsch.  XXIll,  p.  873. 

Eine  primitive  Öllampe,  die  selbst  noch  heute  von  einigen  Leuten 
(z.  B.  im  Val  d'llliez)  gebraucht  wird,  heißt  er  aisu  (V),  cresu  (R.  Morax  : 
Dime,  S,  142),  crozet  (N),  croijet  (Courthion  :  Scenes  val,  S,  228);  in 
der  Mundart  craisu,  eourzo,  crozet  etc.  (Bridel),  vgl.  Gauchat:  Le 
conte  du  craizu  („Bulletin"  V,  S.  38)^)  und  Dict.  sav.  :  crivesa^  crwaju\ 
Puitspelu  (Pat.  lyonnais)  :  crusi)  Godefroy  :  croiseP). 

peuglise,  s.  f.  ist  der  Name  für  das  Bügeleisen  (N,  Pierrehumb., 
Peter  :  Cacol.);  in  der  Mundart  poegllz  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 
Das  schweizerdeutsche  Ä/y^^/^s^  bedeutet  besonders  das  von  den  Schneidern 


1)  Bedeutet  auch :  cavite ,  fissure  dans  un  locher.  —  Vgl.  auch  W.  0. 
Streng: Haus  und  Hof,  S.  48,  Anm.  ^)  und  im  Atl.  ling.  die  Karten  creux  (352) 
und  caverne  (204). 

2)  Mit  einer  Abbildung  des  Gegenstandes. 

3)  Vgl.  über  die  ganze  Wortsippe  den  Artikel  Schuchardts  in  der  Z.  für 
rem.  Phil.  XXVI.,  S.  314  flf.    Die  frankoprov.  Formen  werden  darin  nicht  erwähnt. 


t)&3  schweizerische  Volksfranzösisch  787 

verwendete  Bügeleisen  (im  Gegensatz  zum  gletlsa  der  WäseherinneD), 
she.  Idiotikon.    Im  Frz.  fer  ä  repasser  oder  carreau. 

Eine  kleine  irdene  Pfanne  (mit  3  Füßen)  nennt  man  un  toufelet 
(F,  W),  un  tcepflet  (N,  Peter  :  Cacol.),  in  der  Mundart  toße-^  im  Frz.  etwa 
poelon.  Das  Wort  stammt  ebenfalls  aus  dem  Alemannischen  :  tdpfli  = 
dimin.  v.  Topf. 

Ein  Fläschchen  aus  farblosem  Glas  =  une  topette  (G,  F,  N, 
V,  Peter :  Cacol.);  in  der  Mundart :  ^ope^to  (Bridel);  franz.  etwa  fiole. 

o)  Küche,  Speisen. 

Das  Lendenstück  =  cuard  (G,  V,  F),  cuvard  (F,  N);  in  der 
Mundart :  kuar  (Bridel) ;  franz. :  cimier.  —  Dict.  sav. :  civar. 

epenalet  (G)  =  tranche  de  lard  coupee  au  dos  d'uu  cochon; 
in  der  Mundart  von  Hermance  :  epnale  (Jeanjaquet). 

oienas  (V),  ouienas  (F),  in  der  Mundart :  oA/ew«  (Bridel)  =  aba- 
tis  d'oie. 

In  das  Netz  eingewickelte  gehackte  und  gebratene  Schweinsleber 
nennt  mau  ätriau,  s.  m.^)  (G,  V;  F :  Suppl.,  N,  W,  Peter ;  Cacol.) ;  in 
der  Mundart  atriau  (Bridel),  ätrw  (Dict,  sav.);  franz.  crepinette. 

Der  Anschnitt  des  Brotes  =  crochon  (G,  V,  N,  Peter  :  Cacol.) ; 
in  der  Mundart  crofzoii  (Bridel),  croghon  <  kro&Ö  >  (Dict.  sav.);  im 
Frz.  entamure  [Das  entsprechende  franz.  croüton  ist  nicht  ganz  syno- 
nym, cf.  Sachs- V.]. 

Ein  ziemlich  dicker  Brei  (aus  Eiern  Mehl,  Milch  etc.),  den  man 
vor  dem  Backen  über  einen  Fruchtkuchen  schüttet,  um  die  Zwischen- 
räume zwischen  den  einzelneu  Fruchtstückchen  auszufüllen,  heißt  bei 
unsern  Hausfrauen  un  g  u  e  1  o  n  (N) ;  in  der  Mundart  gelö  (Gauchat  : 
Patois  de  la  Montagne  neuch.);  in  F:goumeau  (Mundart : ^om/) ;  im 
Franz.  sauce  oder  farce  [?]. 

nillon  (G,  V,  Peter :  Cacologie)  =  päte  de  noix  (apres  qu'on  en 
a  extrait  l'huile);  in  der  Mundart  nillhon  (Bridel,  Dumur). 

Die  beim  Kochen  der  Butter  ausscheidenden  Überreste  aus  der 
Milch  heißen:  cramache  (N),  in  der  Mundart  ÄTöwa/s  (Gauchat : Patois 
duValdeRuz);  cremette(N,  Peter  :  Cacol.);  dräche  (F,  V),  dratze 
(W),  d  räche e  (G,  F,  Peter  :  Cacol.),  in  der  Mundart  drckha,  dratscha, 
dreche  (Bridel);  crape  (Courthion  :  Scenes  val.  S.  13),  in  der  Mundart 
krappa,  s.  f.  (Bridel),  franz.  =  crasse  de  beurre  [?]. 

Die  Grieben  (Überreste  beim  Kochen  von  Schweineschmalz)  = 
grabons(N,  Peter :  Cacol),  greubo n 8  (G,V,F);  in  der  Mundart  ^rmi^ows, 
greubons  (Bridel),  greubons,  groubons  (Dict.  sav.);  franz.  cretons,  regrignes 

1)  Vgl.  Littr6  und  Dict.  göneral  : hätereau  =:  tranche  de  foie  de  porc 
poivröe,  sal^e  et  grillee  (veraltet!),  Godefroy :  hasterei,  h6triau  und  Le  Duchats 
Bemerkung  zu  hastereaux  in  Rabelais  Pantagruel  IV.    Kap.  59. 

50* 


788  C}.  Wißler 

biscome  (G,  F,  N,  V)  entspricht  dem  franz.  pain  d'öpices 
(Honigkuchen;  schwd.  Lebkachen).  Stammt  auch  dies  Wort  aus  der 
Mundart?'). 

brisselets,  s.  m.  pl.  sind  ein  speziell  schweizerisches  Gebäck, 
eine  Art  flacher  Waffeln  (G,  N,  V)  [im  Schweizerdeutschen  ,.Brätzeli-']] 
in  der  Mundart  bresshalet  (Bridel). 

ecrelets  (G,  N),  lecrelets  (G,  F)  heissen  bei  den  Welschen  die 
unter  dem  Namen  „Läckerli"  in  der  deutschen  Schweiz  bekannten 
Basler-Lebkuchen;  vgl.  ecreletbeiJ.J.  Rou.sseau  :  Nouvelle  Heloise  IV. 
zitiert  von  A.  FranQois  :  loc.  cit. 

taiilole,  s.  f.  (N,  Lausanne)  ist  eine  Art  Torte,  dem  schweizer- 
deutschen ^^Gugelhwpf-^  ähnlich;  in  der  Mundart  to/^M^a  (Gauchat : Patois 
de  la  Moutagne  ueuchäleloise). 

salee  (G,  F,  N,  V)  =  espece  de  galette  aux  oeufs;  in  der  Mund- 
art mleyd  e  yqe  [aux  oeufs]  in  Noiraigue. 

sfeche  (N,  V)  =  Sorte  de  galette  au  beurre  et  au  sei;  in  der  Mund- 
art tse^sß,  chetze,  s.  f.  (Dumur). 

cugnu  (R.  Morax  :  Dirne,  S.  190);  in  der  Mundart  (Freiburg) 
künyü  (vgl.  Gauchat :  Etymologies  fribourgeoises  im  „Bulletin"  1903, 
S.  34),  cugmi  (im  Conteur  vaudois  1906,  S.  52). 

matafan,  vgl.  S.  734. 

couglof  (Pierrehumbert),  vgl.  S.  752. 

cougnarde,  vgl.  S.  736. 

p)  Klei  düng. 

Zwilch  =  triege  (G,  V,  N,  F);  in  der  Mundart  iridzo'^)  (Bridel): 
franz.  coutil. 

Das  Achselstück  des  Hemdes  =  soucare,  s.  m,  (G,  V);  cf.  in 
der  Mundart  soucarra  s.  f.  (Bridel),  socäro,  s.  m.  (Dict,  sav.);  franz.; 
gousset. 

Hausschuhe,  aus  Saum  und  Stoffresten  zusammengenäht,  ent- 
sprechend dem  schvveizerdeutschen  ,^Fmken'-\  heißen  :  cafiguons  (N, 
Plud'hun,  St.-Imier);  in  der  Mundart  kafifio  (Gauchat :  Patois  de  la 
Montagne  neuch.) ;  in  der  Schriftsprache :  souliers  oder  chaussons  de 
lißiere. 

q)  Körperteile  und  Krankheiten. 

Knorpel  =  keurchiaule  (Pierrehumb.),  crechaule  (N);  in  der 
Mundart  kcersyola  (Gauchat  :  Patois  de  la  Montagne  neuch.);  coraille 
(Dupertuis)  [coraille  in  F  und  N  =  l'oesophage,  la  trachee-artöre  et  les 


1)  In  der  Mundart  von  Bulle  sagt  man  dafür  beikubo  (private  Mitteilung), 
in  Cliarmey :  büsküb,  in  der  von  Val  d'Illiez  :  biskömg.  Dazu  biscömier  (N)  = 
fabricaiit  de  „bi-scönacs". 

2)  trijho  <Ctnöo^  =  teile,  linge  ouvr^  (Dict.  sav.). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  789 

vaisseaiix  du  poumon,  vgl.  in  der  Mundart  corahlla  <;  koroia  >  (Bride!) 
=  trai'hee-artere;  coralle  (Dumur :  Patois  vaudois)  =  truchee-artere, 
gosier,  laryux.];  corgueule  (Dupertuis :  Loc.  vic),  vgl,  in  der  Mund- 
art :cory'»7a  =:  larvnx,  oesopliage  (Dict.  sav.) ;  im  Franz.  cartilagc. 

Das  Fiugergelenk  =  la  nille  (G,N,  V);  in  der  Mundart :  «/^Ma 
(Bridel),  nita  (Dict.  sav,);  im  Franz.  articulation,  jointure. 

Kleine  Bläschen  und  Krusten  in  den  Mundwinkeln  nennt  das 
Volk  bouchcre,  s.  f, ;  in  der  Mundart  bofsira,  bot^chira  (Bridel), 
borhivire,  boghird  <iboiHrdy  (Dict.  sav.);  im  Franz. :  boutons  aux  levres, 
babouin. 

Quetschungen  (an  Arm  und  Bein  z.  B.)  heißen:  cassin,  s.  m, 
(G,  N,  V,  W) ;  in  der  Mundart :  cassein  (Bridel);  in  der  Schriftsprache  : 
meurtrissure,  ecchymose. 

Der  Grind  (Schorf)  =  molan  (V,  F);  in  der  Mundart :  wo^a« 
(Bridel,  Dict.  sav.);  franz. :  teigne,  gale. 

Gewisse  Krämpfe  der  kleinen  Kinder  bezeichnet  man  mit  malet 
(G,  N,  V),  in  der  Mundart  mallet  (Bridel),  mald  (Dict-  sav.) ;  im  Franz. : 
convulsions  nerveuses. 

r)  Aus  der  Beamtensprache, 

Holzfrevel  =  fravail,  s.  m.  (F);  vgl.  in  der  Mundart /raya^/a, 
8.  f.  =  concussion,  fraude,   delit  forestier  (Bridel),  vom   schwd.  fräfdl. 

Der  Feldhüter  =  messalier  (G,  V, Peter  :  Cacol.);  in  der  Mund- 
art:  messa/e<,  wMsse/e/ (Bridel);  brevard(N,  Pierrehumb.,  Peter :  Cacol.) 
in  der  Mundart  brewär  (Gauchat  :  Patois  du  Val  de  Ruz);  bangarde 
(Peter  :  Cacol.)  [?,Q,\\v^di.  Banmvart,  Bawmert];  gageur  (Pierrehumb.)^); 
franz. :  garde-cbampetre  (veraltet :  messier).  —  Vgl.  Atlas  ling.  die  Karte 
„garde-champetre"  (ß2b) :  tnesTii  (Pkte.  40,  50,  937),  brcewc  (Pkt.  52), 
bäoe  (Pkte.  64,  74).  Über  brevavd  vgl.  auch  Gauchat  in  Rom.  Forsch. 
Xxill,  S.  873. 

s)  Gewohnheiten  und  Gebräuche. 

In  der  Westschweiz  sind  noch  vielfach  alte  einheimische  Maße  im 
Gebrauch,  z.  B.  als  Flüssigkeitsmaß: 

picholette,  s.  f.  (G,  W,  V,  Dupertuis :  Loc.  vic.)  ist  der  4.  Teil 
eines  pot;  in  der  ^Aundart  ipichohtta  (Bridel),  patsqlcfa,  pa&gleta  (Gi- 
gnoux  :  Terminologie  du  vigneron  VI,  §  7c). 

quartette,  s.  f.  dasselbe  Maß  nach  F,  V,  Pierrehumbert;  in  der 
Mundart  cartetta  (Bridel),  karteta  (Gignoux  :  loc.  cit.  VI,  §  7  a). 


1)  Cf.  gager  =  mettre  ä  Taraende  (N). 


790  ^-  Wißler 

Als  Flächenmaß:  la  pose  (pause),  nach  G,  N,  F,  and  in  der 
Waadt  (Lausanne)  =  45a,  in  Neuenburg  =  27,01a  (Pierreh.),-  in  der 
Mundart  püza  (Gignoux  :  loc.  cit.  I,  §  20);  cf.  Godefroy  :  pose  =  mesure 
agraire. 

Touvrier  (Pierrehumb.,  Lausanne)  oder  fossorier  (Lausanne)  = 
450  m^  (Lausanne)  oder  352  m^  (Neuenbg.) ;  in  der  Mundart :  ovrä,  ovrw 
bezw.  fosarä  etc.  (Gignoux  :  Terminologie  .  .  I,  §  18),  fochiria  (Bridel). 

Mit  unserem  eigenartigen  schweizerischen  Schießwesen  hängen 
zusammen  Wörter  wie: 

le  stand*)  <  stä  >,  welches  den  Schießstand  der  Schützen  be- 
zeichnet (F,  N),  vom  deutschen  Stand;  vgl.  auch  im  Patois  de  la  Mon- 
tagne  neuchäteloise  (Gauchat) :  stä. 

cibare  (G,  F,  N,  V,  W)  heißt  der  Zeiger  bei  den  Scheiben;  in 
der  Mundart  cibare  (Bridel),  abgeleitet  von  ciba  (=  schwd.  s7^3  :  Scheibe). 

distac  (G)  =  prix  supplementaire,  second  prix,  donne  par  des 
amateurs;  in  der  Mundart  distak  (Bridel). 

Auch  einige  Spiele  sind  der  franz.  Schweiz  eigen,  so  z.  B.  die 
aus  der  deutschen  Schweiz  stammenden  Kartenspiele,  wie  le  yass 
(Pierrehumbert)  =  schwd.  yass,  etc. 

Ein  technischer  Ausdruck  des  Kartenspieles  ist  :  chinder  (N), 
chointer  (V)  =  ne  pas  prendre  les  cartes,  quoiqu'on  puisse  et  reserver 
sa  carte  pour  une  meilleure  occasion;  als  Patoiswort  set&  in  Granges 
de  Vesin;  das  schwd.  slnda  oder  sinta  hat  dieselbe  Bedeutung. 

souster  (G,  N,  V,  Peter :  Cacologie)  wird  gebraucht  im  Sinne  von 
garder,  accompagner,  appuyer :  „Mon  roi  de  pique  etait  bien  souste" 
(N)  „Le  roi  l'a  soustö"  (G);  in  der  Mundart  =? 

Das  Gegenteil :  dessouster  (G)  =  cesser  d'appuyer. 

Kinderspiele:  „Anzählen"  heißt  am  pr  6g  er^)  (G,  N),  im- 
proger,  ap runger  etc.  (Pierrehumb.);  in  der  Mundart  eprpdzl  (Gauchat : 
Patois  de  la  Montagne  neuch.). 

„Jouer  „ä  grispille"  (G),  „ä  tirepoils"  (G),  „ä  tsopille"  oder 
„a  tserpille",  „ä  graspiUe",  „jx  ferfioule"  (Peter:  Cacol.),  „ä  ra- 
pille"  (V)  ist  dasselbe  wie  jouer  k  la  gribouillette  im  Frz. :  jeter  des 
dragees  etc.  au  milieu  d'une  troupe  d'eufants  qui  cherchent  ä  s'en  saisir. 
Vgl.  in  der  Mundart :  ^m^??^?  =  dissipation  (Dict.  sav.);  ä  tird-pe  (Dict. 


1)  In  Genf  gibt  es  einen  Square  du  Stand. 

2)  Der  Anzählreim  selbst  heißt  am  pro.  Beispiele  davon  finden  sich 
z.  B.  im  Schweiz.  Archiv  für  Volkskunde  Bd.  I,  S.  224  (Courthion).  Vgl.  auch 
den  Artikel  cmpreii  von  G.  Paria  in  Eomania  XVII,  S.  101  und  die  Beispiele 
bei  Godefroy, 


Das  schweizeriscLe  Volksfranzösisch  791 

sav.);    .  .  .  ä  la  tserpilijd  (Gauchat :  Patois    fribourgeois);    rappillhä  = 
grappiller  (Bride)). 

Gebränche,  die  Mahlzeiten  betreffend: 

charbeuille  ou  charbouille,  s.  f.  =  petit  gofiter  qiie  les  jeunes 
bergers  et  berg^res  fönt  en  commun  Je  jour  de  hi  Toussaint  (G). 

„ressat"  ist  eine  Mahlzeit,  die  am  Ende  der  Ernte  der  Besitzer 
des  Weinberges  den  Arbeitern  gibt  (N,  Pierrebumb.);  in  der  Mundart 
ressat ')  (Bridel),  r9sä  (Gignoux  :  La  termiuologie  du  vigneron  IV,  §  41). 

requet,  s.  m.  =  repas  donnö  ä  des  femmes  par  une  nouvelle 
mariee  le  lendemain  des  ses  noces  (G). 

repas  du  loup,  s.m.=  repas  donne  le  troisieme  jour  de  la  noce 
aux  personnes  avec  lesquelles  on  est  moins  en  relation  (G). 

merande^)  (G).  marandon  (V)  =  petit  repas  qui  se  fait  ä  4^^«  de 
l'apres-midi,  goüter;  in  der  Mundart :  weVa/?6?a  (Dict.  sav.),  mareindon 
(Bridel). 

poussenion  (N,  Pierrebumb.,  P^ter  :  Cacol.,  Robert :  Carabinier, 
S.  40),  repoussenion  (V)  =:  petit  repas  du  soir,  collation,  reveillon; 
in  der  Mundart  pusiiä  (Gaucbat :  Patois  de  la  Montagne  neuch.).  —  Vgl. 
obw.  pitsein,  ital.  pusigno,  die  Meyer-Lübke   von  postcenium  ableitet^). 

Andere  Gebräuche. 

Im  Kt.  Waadt  heißt  gremailler*)  =  „Dealer  les  nois"*,  um  sie 
für  die  Olgewinnung  zuzubereiten.  Diese  Arbeit  wird  an  Winterabenden 
in  der  Familie  vorgenommen;  Freunde  und  Verwandte  werden  dazu 
eingeladen,  so  daß  aus  dem  Anlaß  ein  kleines  Fest  entsteht,  wie  es 
A.  Ceresole  in  seinem  „En  cassant  les  noix"  (S.  11 — 32)  so  anmutig 
beschreibt;  in  der  Mundart :  germa Uli  (Bridel),  grdtnalyl  im  Dict,  sav. 
In  G  sagt  man  nailler;  in  der  Mundart :  »ö^?//  (Dict.  sav.). 

don-ne  <  dön  >  s.  f.  =  distribution  de  pain  ä  tous  les  pauvres 
de  la  paroisse  apres  un  enterrement  (G);  in  der  Mundart :  c?owwa 
<  döna  >  (nach  Bridel  auch  im  Waadtländischen,  nach  Prof.  Jaberg, 
z.  B.  im  Ormonttal.),  donna  (Dict.  sav.).  —  Nach  G  ist  das  Wort  auch 
im  Dauphine  und  im  Languedoc  bekannt.  Vgl.  auch  bei  Godefroy  : 
donne  =  donation. 

arode,  s.  f.  =  Les  cadeaux  de  Noel  ou  la  bonne  dame  qui  est 
censee  les  apporter  (N :  terme  enfantin). 

magnintse  (F),  in  der  Mundart  wa?ew^se,  s.  f.  pl.  (Bridel)  =  jeunes 

1)  Nach  Bridel  auch  am  Schluß  der  Aussaat,  der  Heu  =r  und  Getreideernte 

2)  Vgl.  uiarande  bei  C4odefioy. 

3)  Meyer-Lübke:  Einführung  in  das  Studium  der  Romanischen  Sprach- 
wissenschaft (Heidelberg  1901),  S.  162. 

4)  Vgl.  giemeau  (Bridel),  gruraeau  (F,  N,  V,  W)  =  cerneau  de   noix   und 
den  Artikel  „dßgremillß"  von  Gauchat  im  Bulletin  1909,  S.  15. 


792  ^-  Wißler 

filles  qui,  le  premier  dimanche  de  mai,  vont  chanter  de  poite  enporte 
avee  im  panier  au  bras,  vgl.  auch  Schweiz.  Archiv  für  Volkskunde  I,  S.  229. 

Das  Kirchweihfest  heißt  im  Kt.  Freiburg :  bönichon;  in  der 
Mundart  benechon  etc.  =  benediction,  feie  patronale  (Bridel);  im  Kt. 
Genf  heißt  es  la  vogue^),  in  der  Mundart  vogua  <C,vogay  (Bridel);  in 
der  Waadt  :abbaye,  cf.  z.  B.  Cöresole :  Sceues  vaud.  S.  67;  in  der 
Mundart :  abbat,  vgl.  Monnet :  Favey  . .  S.  87,  (in  L'histoire  de  Guyaume 
Te  par  L.  Favrat). 

Eine  kleine  Feier  für  die  Zimmerleute  nach  Aufrichtung  des 
Dachstuhles  heißt  la  levure  (N,  F,  cf.  auch  R.  MoraxrLa  dinieS.  22); 
vgl.  in  der  Mundart :  leoirha  <  levirya  ?  >  =  charpente  d'un  batiment 
(Bridel). 

tsaffairu,  s.  m.  -=  feux  allumes  le  soir  des  Brandons  sur  les 
hauteurs  par  les  jeunes  villageois  (F),  in  der  Mundart :  tsajfalrou, 
tschaffairou  (Bridel),  vgl.  auch  den  Artikel  über  „les  Brandons"  im 
„Bulletin"  VI,  S.  5  (u.  ff,). 

Am  selben  Sonntag  ziehen  im  Kt.  Genf  die  jungen  Leute  mit 
Fakeln  umher,  alouilles  <  aluy  >  (G)  genannt.  Vgl.  in  der  Mund- 
art nlouilles  (Bridel)  und  aluye  in  dem  erwähnten  Artikel  des  „Bulle- 
tin"   VI;    (S.    9). 

Aberglauben. 

La  tsoceviUc,  s.  f.  =  Albdrücken  (F);  in  der  Mundart  tschau  — 
fsevilha  (Bridel);  franz.  cauchemar,  cbauche-vieille^). 

servant  =  foUet,  lutin  qui  fait  du  bruit  et  des  espiegleries  dans 
les  chalets  et  les  vieux  edifices  (G,  N,  V);  in  der  Mundart  cervein  etc. 
(Bridel),  sarvan  (Dict.  sav.). 

t)  Aus  verschiedenen  Begriffsgruppen. 

Ein  unabwendbares  und  unvermutet  hereinbrechendes  Unglück 
nennen  unsere  Landleute  „uu  cas  d'ovaille,  [s.  f.]  (G,  V),  un  orvalle 
(N);  in  der  Mundart  :  ovallhe  <  ovatd  >,  orvalla,  s.  f.  (Bridel).  „Ou 
appelle  ka  d'ovallhe  tout  accident  impr^vu,  tout  cas  fortuit  ou  de  force 
majeur :  iuceudie,  inondation,  tremblement  de  terre",  nach  G  auch  „les 
degäts  causes  par  une  grele,  par  une  gelee,  par  un  ouragan,  .  .  .  par 
une  invasion  ennemie". 

cledar,  s.  m.  =  porte  ä  barreaux,  de  bois  ou  de  fer  [porte  h, 
claire-voie],  fermeture  d'un  champ,  d'un  jardin,  d'une  cour  (G,  F,  N,  V) ; 
in  der  Mundart  clcdar  (Bridel),  cledd  (Dict.  sav.).  Vgl.  auch  Gauchat 
in  Rom.  Forsch.  XXIII,  S.  874. 


1)  Cf.  Ph.  Moanier:  Causeries  genevoises  S.  97.  Nach  G  existiert  das 
Wort  auch  im  Dauphin6  und  in  der  Provence;  vgl.  auch  Piat  (voga)  und  bei 
Littr6  (als  lokaler  Ausdruck  in  Cienf,  Savoyen,  Dauphine,  Forez  und  Bresse). 

2)  Nach  Larousse  :  Dict.  universel. 


Das  Bchweizerische  Volksfranzösisch  793 

peignette  (G,  F,  N,  V)  =  peigne  fin;  in  der  Mundart  pegnetta 
(Bridel). 

bretter  =  fuire  tourner  ravant-train  d'iin  ehariot  (Pierrehumb.); 
in  der  Mundart  briffa  (Bridel),  brefd  (Dict.  sav.). 

dögredeler  =  tomber  dans  l'escalier,  vgl.  S.  811. 

peblache  adj.  =  sec  et  mou;  se  dit  d'un  lögume  qui  n'a  plus  sa 
fraicheur  primitive,  qui  s'est  dnrci  en  perdant  sa  saveur  (G);  in  der 
Mundart  pebla(;he  <  j^eblä^a  >  (Biet,  sav.) 

vaille  adj.  =  trop  peu  serre,  „lache"  (Pierrebumbert)  =  locker. 

riere  praepos.  =  dans  le  territoire  de  .  .,  vgl.  ,,{x  vendre  une  vigne 
situ^e  riere  Neucbatel  (N);  auch  in  F,  V  und  noch  heute  sehr  häufig  in 
amtlichen  Publikationen;  in  der  Mundart  ri^re  (Bridel). 

ä  noviou,  loc.  adv.,  vgl.  S.  801. 

u)  Abstrakte  Begriffsbildungen,   welche    die   Schriftsprache 

nicht  kennt. 

acouet  (V),  acoue  (G,  F),  acoi  (G),  acout(N)  =  puissance,  cou- 
rage,  force,  energie.  auclace:  „.  .  .  des  veterans  qui  ont  eneore  de 
l'acouet  et  de  l'huile  de  coude  de  premiere  qualite".  [Es  handelt  sich 
um  einen  alten  Soldaten,  der  noch  mit  aller  Rüstigkeit  die  Trommel 
rührt].  (Ceresole  :  Scenes  vaud.,  S. 243).  —  „De  Taccouet,  Pere Michel!" 
[=  Mut  zu!]  (R.  Morax:Dime,  S.  160).  —  „Ces  gens  ont  peu  d'acout, 
ils  resteront  toujours  miserables"  (N).  —  „Tu  n'as  pas  l'acoi"  (G). 
J^ai  pas  meme  l'accouet  de  rire  tant  je  suis  en  colere  de  voi  .  . .  (Gor- 
gibus :  Fr6deri  .  .  .,  S.  127);  in  der  MimAsiYt :  akouet^)  =  puissance, 
faculte,  force  physique:  „Te  )i'as  pas  rakouef-^  =  „Tu  n'as  pas  la 
force"  (Bridel).  —  Guillebert  bemerkt  in  seinem  „Glossaire  neuchätelois" 
(1858):  „Le  mot  acout  que  nous  employons  quelquefois  ä  la  place 
d'energie,  force,  courage  .  .  .  exprime  mieux  ce  que  nous  voulons  dire, 
quand  nous  nous  en  servons,  que  ces  trois  mots  fran^ais".    (S.  74). 

emi)are,  s.  f.  (G;  V)  =  „marge",  „champ":  „En  evaluant 
ä  25000  francs  nos  frais  d'etablissement,  nous  avons  de  Fempare"  (G) 
„ün  ouvrier  taille  un  habit;  le  maitre  qui  l'observe  lui  dit:  Prenez  uu 
peu  d'empare  de  ce  cOte,  M.  N.  a  l'epaule  droite  un  peu  plus  grosse 
que  l'epaule  gauche"  (V)  —  „Cinquaute  francs  suffisent,  mais  je  pre- 
fere  prendre  un  peu  d'empare"  (V).  —  „Un  tireur  dira  :  le  vent  n'est 
pas  eneore  assez  fort  pour  guidonner  (das  Visier  am  Gewehr  ver- 
schieben), mais  il  faut  prendre  un  peu  d'empare  ä  droite"  (V).  —  Je 
.vous  pröviens  qu'il  marche  bien,  donc  si  vous  voulez  arriver  avant  lui, 
prenez    de    l'empare"  (V);    in   der  Mundart:   Bridel    übersetzt    einpare 


1)  Verbalsubstantiv  von  „accueillir". 


794  G.  Wißler 

<.epar'>  mit  soutieO;  appui  credit :  L'a  de  Veinpare  =  \\  a  du  credit; 
preindre  Veinpare  =  prendre  les  devants,  prevenir;  preindre  de 
Veinpare  =  prendre  de  la  marge,  se  premunir;  enpäro  =  aide, 
appui  (Dict.  sav.).  —  Vom  eng  schriftsprachlichen  Standpunkt  aus 
wird  man  mit  V  aus  den  gegebenen  Beispielen  schließen :  der  Sinn  von 
prendre  de  l'empare  sei  „d'une  dösesperante  generalitö",  läßt  er  sich 
doch  weder  durch  „laisser  de  la  marge"  noch  durch  „prendre  du  champ" 
genau  wiedergeben.  Auch  im  Deutschen  kenne  ich  kein  Wort  das 
„empare"  entspricht. 

avondre  =  venir  ä  bout  (N,  Pierrehumb.):  „L'eau  envahissait  la 
cave  et  nous  n'avons  pu  avondre  h  la  vider"  (N)  —  „Peux-tu  avondre  ou 
bien  si  je  [est-ce  que  je]  te  tends  des  [dej  trop  grosses  fourchees?"  (Pierre- 
humb.). „Ne  pouvoir  avondre"  bedeutet  nachN:„ne  pouvoir,  faute  de 
temps,  ex6cuter  les  travaux  dont  ou  est  charge".  Präziser  drückt  sich 
Pierrehumbert  aus:  L'ouvrier  qui  avond  est  celui  qui,  n'etant  pas  en 
retard  sur  les  autres  (dans  un  travail  dont  les  parties  sont  depeudantes 
l'une  de  I'autre)  ne  ralentit  pas  la  manoeuvre"  —  „avondre  heißt  also 
in  jedem  einzelnen  Moment  der  Handlung  das  vorgeschriebene  Stück 
Arbeit  bewältigen  und  entspricht  etwa  dem  schweizerdeutschen 
y,z' schlag  cho'-^.  —  Gauchat  übersetzt  das  Dialektwort  avÖd(r)  mit  „venir 
ä  bout"  (Patois  du  Val  de  Ruz). 

cordre  =  „gönnen"  (F,  N,  Pierrehumb.,  V,  Dupertuis  :  Loc.  vic, 
P6ter  :  Cacologie),  corder(Dupertuis:Loc.vic.):  „Je  lui  cors  bien  cet  heri- 
tage"  (V)  —  IIa  obtenu  cette  place,  je  la  lui  cords  bien"  (F)  —  Vous  n'etes 
pas  de  ces  gens  qui  cordent  du  bien  ä  leurs  amis,  vous  leur  en  faites (Peter : 
Cacol.);  „Oh,  s'il  se  cassait  le  nez,  que  je  le  lui  cordrais"  (Chaux-de-Fonds); 
in  der  Mundart :  cordre,  couerdre  (Bridel)  -  „cordre"  entspricht  genau  dem 
deutschen  gönnen  und  hat  im  Franz.  kein  Synonym,  wie  alle  Glos- 
saires  konstatieren;  etre  heureux  que  .  .  .,  souhaiter,  accorder, 
ne  pas  envier  sind  nur  Notbehelfe,  die  den  Gedanken  nicht  ganz 
wiedergeben.  Daher  bemerkt  Guillebert  in  seinem  Glossaire  neuch. 
(1858),  S.  74  nicht  ganz  mit  Unrecht:  „C'est  lä  un  de  nos  idiotismes 
qui  möriteraient  d'etre  fran^ais".  — 

2.  Inkongruenz  des  Bedeutungsumfanges  des  Provinzialismus  und 
seines  französischen  Synonyms. 

Es  kommt  vor,  daß  das  schriftsprachliche  Wort  mit  dem  ent- 
sprechenden Provinzialismus  zwar  in  der  einen  (der  Grnnd)  Bedeutung 
übereinstimmt,  daneben  aber  in  gewissen  andern  Bedeutungen  verwendet 
wird,  die  dem  Provinzialismus  (oder  Dialektwort)  nicht  zukommen.  Ist 
nun  der  Sprechende  dessen  bewußt,  daß  die  beiden  Wörter  einander, 
im  Allgemeinen   entsprechen,   so    hat  er  unwillkürlich   das  Bestreben, 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  795 

dem  neuen  Worte  auch  alle  jene  speziellen  Bedeutungen  beizumessen, 
die  er  dem  alten  zuschrieb,  und  es  in  allen  Fällen  für  jenes  einzusetzen. 
Daraus  ergeben  sich  im  Verkehr  Mißverständnisse  und  demzufolge  ein 
Gefühl  der  Unsicherheit  und  des  Mißtrauens  dem  neuen  schriftsprach- 
lichen Worte  gegenüber.  So  wird  dieses  lieber  ganz  vermieden,  und 
der  heimische  Ausdruck,  der  so  unbequem  (bald  durch  diesen,  bald 
durch  jenen  schriftsprachlichen  Terminus)  zu  ersetzen  ist,  bleibt.  So 
mag  der  Unterschied  im  Bedeutungsumfang  die  Aufnahme  des  franz. 
Wortes  erschwert  und  die  Beibehaltung  des  Provinzialismus  begünstigt 
haben  in  Fällen  wie  den  folgenden: 

ecalabrer^)  (G,  F,  V),  öcalambrer  (N)  bedeutet:  weit  öffnen, 
spreizen  und  entspricht  franz.  ouvrir  entierement,  ouvrir  tout 
grand  in  „Portes  et  fenetres  etaient  ecalabröes"  (G)  =  „La  porte  est 
toute  ecalumbree"  (N)  —  „II  laisse  toujours  sa  porte  ecalabree"  (F), 
und  dem  franz.  ecarquiller  in:  „les  jambes  ecalabrees"  (F);  in  der 
Mundart:  eka  lab  ra,  ekalamhra  =  ouvrir  une  porte,  une  fenetre  avec 
fracas;  etendre  les  bras  pour  faire  de  grands  gestes  (Bridel);  vgl. 
ekalabri,  s.  m.  =  homme  qui  fait  de  grands  gestes,  qui  a  de  grandes 
jambes  et  qui  les  ecarte  en  marchant;  etourdi  (Bridel).  —  Vgl.  das 
ital.  spalancare! 

cotter,  V.  a.  (G,  N,  F,  V,  W,  Peter :  Cacol.)  heißt  festmachen, 
stützen  im  weitesten  Sinne  und  muß  im  Französischen  wiedergegeben 
werden  durch  „fixer"  in  :  „cotter  un  contre-vent  qui  bat"  (G) —  „Cotez 
cette  fenetre  qui  bouge-'  (Peter  :  Cacol.).  —  „Cotez  ma  robe  avec  une 
epingle".  (Peter :  Cacol.)  —  „coter  un  fichu".  (Pierrehumb.)  „Est-ce- 
que  mon  chapeau  est  bien  cot6  '  ?  (La  Chaux-de-Fonds);  mit„appuyer" 
in:  „coter  sa  tete"  (Plud'huu)  mit  „etayer"  in  „coter  un  plafond,  une 
muraille  (Peter  :  Cacol.),  mit  „cal  er"  in  „cotter  une  table"  (V,  Plud'hun); 
mit  „fermer"  in  „coter  ä  clef"  (Dupertuis :  Loc.  vic.)  [Vgl.  V,  N,  G]; 
„eile  [la  porte]  etait  cottee"  (Gorgibus :  Cabotzet  .  .  .,  S.  30);  „II 
faut  entrer  et  puis  coter  les  portes  et  les  fenetres".  (Vallotton : 
Mr.  Potterat  .  .  .,  S.  255).  —  Als  v.  n.  heißt  cotter  =  butter,  heurter: 
„cotter  contre  le  mur"  (Plud'hun  :  ParlousfrauQais);  s'arreter,  hesiter 
en  recitant  (G,  N,  Peter  :  Cacol.):  „II  recita  (toute  la  piece)  sans 
cotter  d'un  seul  mot.  —  Als  v.  refl.  =  ne  pas  tomber  d'accord 
sur  un  marche  qui  allait  etre  conclu,  se  tenir  ä  tres  peu  de  chose:  „On 
allait  conclure  le  marche  quant  on  s'est  cotte  pour  vingt  francs"  (G).  — 
In  der  Mundart :  co^^«  =  appuyer,  etayer,  fermer  au  verrou;  resister; 
hesiter  en  parlant.  —  se  cottä  =  s'opiniätrer  (Bridel).  —  „cotd,  v.  a.  = 
etayer,  accoter;  fermer  avec  une  clef"  (Dict.  sav.). 

1)  Im  modernen  Provenzalisch  heißt  cscaiaftro  :  pourfendre,  havasser;  gravir 
comme  une  chevre;  ecarquiller  les  jambes  (Mistral), 


796  G.  Wißler 

Vergl.  auch  emmoder  und  s'emmodcr  und  ihre  franz.  Ent- 
sprechungen (S.  819  und  822). 

Entspricht  einem  dialektischen  Verbum,  das  sowohl  transitiv  wie 
intransitiv  gebraucht  werden  kann,  im  Französischen  ein  solches,  das 
entweder  nur  transitiv  oder  nur  intransitiv  ist,  so  treten  ähnliche  Ver- 
hältnisse ein;  vgl.  gicler :  jaillir  und  eclabousser  (S.  811). 

Es  kommt  auch  vor,  daß  ein  schriftsprachliches  Wort  in  der  Volks- 
sprache wirklich  alle  die  Bedeutungen  annimmt,  die  das  ihm  in  dem 
einen  Fall  entsprechende  Dialektwort  hat.  So  entsteht  das  sogenannte 
Bedeutungslehnwort,  vgl.  S.  759. 

3.  Homonymie. 

Eine  zweite  ideale  Forderung  an  die  Sprache  ist  die  folgende: 
Jedes  Wort  —  als  lautliches  Gebilde  aufgefaßt  —  soll  nur  einen 
Begriff  bezeichnen.  Je  näher  eine  Sprache  diesem  Ideal  kommt,  desto 
weniger  gibt  sie  zu  Verwechslungen  Anlaß  und  desto  bequemer  ist  sie. 

Diese  Forderung  ist  noch  weniger  absolut  als  die  in  Abschnitt  1) 
(S  72)  erwähnte:  1.  Hat  ein  Wort  neben  der  Hauptbedeutung  mehrere 
übertragene  Nebenbedeutungen,  so  ist  dies  für  die  Sprache  so  lange 
kein  Nachteil,  als  das  Abhängigkeitsverhältnis  von  Haupt-  und 
Nebenbedeutung  vom  Sprechenden  noch  empfunden  wird.  So  tut  es 
dem  Worte  „grün"  keinen  Abbruch,  daß  man  nicht  nur  sagt  „das 
grüne  Gras"  sondern  auch  „grüne  Fische",  „grüner  Junge". 

2.  Auch  wenn  ein  solcher  Zusammenhang  nicht  mehr  empfunden 
wird  oder  das  eine  Wort  überhaupt  ganz  heterogene  Dinge  bezeichnet, 
so  kann  von  einem  wirklichen  Makel  des  Wortes  —  une  tare,  wie 
Gillieron  sagen  würde  —  nur  die  Eede  sein,  wenn  Sinn  und  syn- 
taktische Verwendung  des  Wortes  wirklich  zu  Verwechslungen 
Anlaß  geben,  vgl.  z.  B.  Fälle  wie  .,le  pouce^'  und  „pousse"  mit  solchen 
wie  :  „il  n'y  en  a  plus"  und  „il  y  en  a  plus". 

Ohne  die  Bedeutung  dieses  Momentes  zu  hoch  einschätzen  zu 
wollen,  glaube  ich  doch,  daß  in  einer  Anzahl  von  Fällen  der  Umstand 
zur  Erhaltung  des  Provinzialismus  beiträgt,  daß  das  entsprechende 
schriftsprachliche  Wort  mehrdeutig  ist.  Das  Volk  empfindet  ein 
gewisses  Unbehagen,  ein  Wort  unnötigerweise  in  zwei  oder  mehreren 
Bedeutungen  zu  verwenden  und  zieht  daher  gegebenenfalles  für  die 
eine  oder  andere  den  verschieden  lautenden  Provinzialismus  vor: 

Statt  taon  <  tä  >  sagt  man  nach  G,  F,  N,  V,  Peter  :  Cacol.  :  tavan; 
in  der  Mundart  tavan  (Bridel)  für  die  Bremse  —  Vgl.  Atlas  ling., 
Karte  taon  (1281)  :^aw,  tave  etc. 

Für  lessive  =  Laugenwasser  behält  man  lissu,  s.  m.  bei 
(G,  F,  N,  V,  W,  P6ter  :  Cacol.),  das  in  der  Mundart  lissu,  hinzu  (Bridel) 
lautet. 


Das  schweizerische  Volkafranzösisch  797 

Ebenso  statt  rayon  für  die  Querbretter  in  Schränken  :  t ab lar, 
s.  m.  (G,  F,  N,  V,  P6ter  :  Cacol.);  in  der  Mundart :  ^röÄ//ar,  tublar, 
tolai\  telar  (Bridel),  tahlär  (Dict.  sav.).  Vgl.  auch  Gauchat  in  Rom. 
Forsch.  XXIIf,  S.  874. 

Statt  plant  <  plä  >  für  Setzling  :  pl  anton^)  (G,  F,  N,  V,  Peter: 
Cacol.);  in  der  Mundart  ptäfö  (Dict.  sav.). 

Statt  fusil  für  Wetzstah  1 :  stahl  <  §täl  >  (N,  Dupertuis :  Loc. 
vic.)  vom  schweizerdeutschen  stäl  [daneben  fuset  (F,  V)]. 

Statt  bretelles  für  Tragriemen  :  courgeons  (R.  Morax  :  Sac-ä- 
douilles  S  26;  cf.  F,  N  corgeons);  in  der  Mundart  cordzon  (Bridel), 
kordzö  (Gignoux :  Terminologie  IV,  §  9). 

Statt  hotte  für  „Brente"  zur  Unterscheidung  von  der  eigent- 
lichen hotte  (=  Tragkorb);  braute  (F,  V),  brande  (G,  N,  V);  in 
der  Mundart  breta  (Gignoux  IV,  §  7,  Luchsinger  oa);  bo  utile 
(N),  boille  <  boy  >  (G,  F,  V;  W);  in  der  Mundart  :  bot,  boda  etc. 
(Luch Singer  3  b)^). 

Statt  der  allgemeinen  und  vieldeutigen  morceau,  piece  für 
Flicken  :  b  1  e  t  z  (N),  bietse  (Dupertuis  :  Loc.  vic);  in  der  Mundart  blets 
(Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz),  vom  schweizerdeutschen  ^/«Ys;  tacon 
(F,  N,  V,  Peter :  Cacol.),  in  der  Mundart  takon  (Bridel,  Dict.  sav.).  — 
Vgl.  ital.  taccone. 

p r u n e a u  statt  prune  für  Z w e t s c h e  und  pruneaulier  statt 
p  r  u  n  i  e  r ,  vgl.  S.  769. 

Als  Beispiele  für  Provinzialismen,  welche  trotz  der  Homo- 
nymie mit  französischen  Wörtern  erhalten  bleiben,  zitiere  ich  nur  die 
folgenden : 

Statt  des  franz.  c  a  n  n  e  11  e  [homonym  mit  cannelle  ■=  Zimt]  oder 
robinet  [nicht  präzis!]  für  Faßhahn  bleibt  boite,  s.  f.  (in  G,  F,  N,  V, 
Peter :  Cacol.),  in  der  Mundart  biveta  (Dict.  sav.),  bwMa  (Atl.  ling., 
Karte  1160,  Pkt.  40). 

Statt  des  franz.  louche  für  Suppenlöffel  bleibt  poche  (F,  V,  N); 
in  der  Mundart  :  po/scÄß,  l>o^se3)  (Bridel);  davon  abgeleitet  pochon 
(G,  F,  V)   potson  (Bridel)  =  petite  „poche". 

Für  franz.  lange  erwähnen  G,  V,  Pierrehumb.  das  Wort :  pattins; 
in  der  Mundart  patein  (Bridel),  Ableitung  von  patta  =  guenille  patte^ 
s.  f.  pl.  =  vetements  (Bridel). 

Hierher  auch  drapeau  (vgl.  S.  742). 

1)  Nach  Littie  noch  bei  Oudin:Dict.  italien  et  frangais  (1640). 

2)  Cf.  das  Wort  bouille  bei  Littr^  und  im  Dict.  gen.,  wo  es  als  provin- 
ziell bezeichnet  wird;  bei  Sachs-Villatte  :  bouille  =  Kiepe  der  Winzer  im  Jura. 
Das  synonyme  franz.  comporte  (Sachs-V)  ist  wenig  bekannt. 

3)  Etymologie  nach  Cornu  (Romania  XXXII,  S.  126)  das  lat.  popia;  vgl. 
pochia  bei  Du  Cange  (1453). 


798  G.  Wißler 

4.  Die    Verdeutlichung    des  Bedeutungsgehaltes   der  Wörter  durch 

den  Wortstamm. 

Eine  dritte  Forderung  an  die  Sprache  ist  die,  daß  die  Wörter  die 
Begriffe  nicht  nur  so  einfach  und  unzweideutig  als  möglich  aus- 
drücken, sondern  daß  die  Wörter  und  ihr  Bedeutungsgehalt 
einander  beina  Hörenden  und  Sprechenden  so  leicht  als  möglich 
reproduzieren  und  der  Hörende  den  ganzen  Bedeutungsgehalt  so 
rasch  und  so  klar  als  möglich  erfaße.  Der  Begriffs-,  Vorstellungs-  und 
Gefühlsgehalt  eines  Wortes  soll  also  durch  seine  äußere  Gestalt, 
durch  den  Wortstamm,  die  Prä-  und  Suffixe  so  deutlich  als  möglich 
zum  Ausdrucke  kommen  ^). 

Durch  den  Wortstamm  sind  vor  allem  Begriffs-  und  Vor- 
stellungsgehalt eines  Wortes  bedingt.  Die  Begriffe  und  Vorstellungen 
sind  in  unserem  Bewußtsein  nicht  isoliert,  sondern  bilden  mehr  oder 
weniger  geschlossene  Reihen.  Die  Sprache  kann  dies  dadurch  aus- 
drücken, daß  die  Bezeichnungen  für  verwandte  Begriffe  und  Vorstel- 
lungen etymologisch  zusammenhängen.  Das  Vorhandensein  abge- 
leiteter Bezeichnungen  für  sekundäre  Begriffe  und  Vorstellungen  ist  für 
den  Sprechenden  insofern  ein  Vorteil,  als  er  nur  auf  den  HauptbegriflF 
und  die  dominierende  Vorstellung  zurückzugreifen  braucht,  um  den 
damit  assoziierten  Wortstamm  zu  finden,  von  dem  er  das  Wort  immer 
wieder  neu  ableiten  kann.  Andererseits  ruft  der  bekanntere  Wort- 
stamm dem  Hörenden  den  Begriff  und  die  Vorstellung  viel  klarer  und 
viel  rascher  ins  Bewußtsein.  — 

Gehört  nun  der  einen  sekundären  Begriff  bezeichnende  Provin- 
zialismus zu  den  Ableitungen  einer  häufig  vorkommenden  Stammsilbe 
(oder  überhaupt  zu  einer  zahlreichen  Wortsippe),  ist  im  Gegenteil  das 
schriftsprachliche  Wort  isoliert,  so  wird  dieses  letztere  gegenüber  dem 
Provinzialismus  im  Nachteil  sein  und  wird  ihn  weniger  leicht  ver- 
drängen können.  Auch  diesem  Moment  möchte  ich  keine  zu  große 
Bedeutung  beimessen,  sind  doch  die  Beispiele,  in  denen  sich  sein  Ein- 
fluß annehmen  läßt,  nicht  besonders  zahlreich. 

Das  Butterfaß  wird  oft  une  beurriere  genannt  (G,  F  :  Suppl., 
N,  V),  das  sich  zu  beurre  verhält,  wie  das  mundartliche  horvaira'^) 
(Bridel),  büräre  etc.  (Luchsinger  :  Molkereigerät  10a)  zu  bür"  etc.  (= 
Butter  in  den  Patois^).   Das  franz.  Wort  baratte  ist  isoliert,  ist  aber 


1)  Über  die  begriffliche  Verdeutlichung  durch  Präfixe,  vgl.  S.  739,  743.  Über 
die  Veranschaulichung  des  Gefühlsgehalts  durch  Suffixe  oder  Lautsymbole 
Vgl.  S.813flF, 

2)  Vgl.  die  Formen  buraer9,  hurire,  buratäre  auf  der  K.  1455  des 
Atl.  ling. 

3)  Nach  Atl.  ling.  Karte  beurre  (130),  (z.  B.  Pkt.  50,  60,  70,  959  etc.). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  799 

trotzdem,  wenn  Bridels  Angabe  (baratta)  richtig  ist,  in  die  Mundart 
gedrungen. 

Von  ausgelasseneu  unruhigen  Kindern  sagt  man  „e'est  un  bou- 
gillon')  (G,  Dupertuis  :  Loc.  vic,  N,  Peter:  Cacol.).  In  der  Mundart: 
hudgiUon^  biidjellon  (Bridel).  Außerdem  kommt  das  Wort  (nach  dem 
Dict.  sav.)  auch  in  der  Volkssprache  Savoyens  vor.  Es  hängt  zu- 
sammen mit  bouger,  franz.  etwa  vif,  turbulent,  veraltet :  mievre. 
Vgl.  bougiller  (Neuenburg)  =  sc  remuer  sans  cesse. 

Der  Griebs,  eines  Apfels  z.  B.,  heißt  rongeon  (Dupertuis :  Loc. 
vic,  V,  F),  rongillon  (G);  in  der  Mundart  rondjon,  rondjillhon,  ron- 
djellhon  (Bridel).     Das  frnnz.  Wort  dafür  ist  trognon. 

Statt  „une  gourde"  sagt  man  (nach  Pierrehumb.)  „un  boutil- 
lon"'^)  (an  bouteille  angelehnt;  in  der  Mundart :  io^o/^on  <.  botofö  y 
(Dict.  sav.). 

Statt  t  roch  et  für  ein  Büschel  (Kirschen  z.  B)  wird  das  Wort:un 
p  ende  au  gebraucht  (in  G,  F,  N,  und  nach  G  auch  inMoudon);  in  der 
Mundart :  peindo  (Bridel),  pedlyon  (Dict.  sav.). 

Neben  panache  für  Federbusch  finden  wir  plumache  (in  G,  F, 
N,  V);  das  Wort  scheint  die  mundartliche  Umgestaltung  des  französischen 
panache  zu  sein,  vgl,  p^amatso  (Val  d'Illiez). 

5.  Gruppenbildungen. 
a)  Morphologische  Gruppen. 

Die  gleichen  Gründe,  welche  die  Entlehnung  und  die  Neubildung 
analogischer  Formen  bedingt  haben,  tragen  auch  zu  deren  Er- 
haltung bei.  Deshalb  bleibt  auch  eine  Form  wie  ils  soustraisent 
(S.  730),  s'asseyer,  enclinte(S. 731) länger  und  hartnäckiger  im  Munde 
des  Volkes  als  etwa  toussir  (S.  729)  oder  bleuve  (S.  731). 

Weil  ihre  Formen  leicht  zu  behalten  und  leicht  neu  zu  bilden  sind, 
zieht  die  Sprache  des  Volkes  die  regelmäßige  n  Verba  den  unregel- 
mäßig konjugierten  vor  und  behält  daher  das  entlehnte  oder  neuge- 
gebildete  regelmäßige  Synonym  eines  unregelmäßigen  franz.  Verbum 
bei,  z.  B.  con  fusionner  für  confondre,  Joint  er  für  joindre  (vgl. 
S.  739),  emotionner  für  emouvoir  (Pierrehumb.,  cf.  Dict.  general); 
avanter  (G,  F,  V)  =  aveinta  (Bridel,  Dict.  sav.)  für  aveindre  und 
vielleicht  aus  dem  gleichen  Grunde  aus  gicler  für  jaillir,  vgl. 
S.  811. 


1)  Vgl.  das  Wort  bei  Bescher  eile  Dictionnaire  national;  nach  Sachs- 
Villatte  ist  es  selten. 

2)  Im  Militär  :  Feldfläschcben. 


QOO  G.  Wißler 

b)  Analogische  Ginippen  in  den  Affixbildungen. 

a)  Suffixbildungen. 

Auch  hier  werden  die  analogischen  Bildungen  den  unregelmäßigen 
vorgezogen  und  deshalb  in  der  Volkssprache  beibehalten,  vgl-  nament- 
lich die  Formen  auf  S.  735. 

b)  Präfixbildungen. 

In  den  folgenden  Beispielen  ist  die  Möglichkeit,  zwei  Verba  von 
entgegengesetzter  Bedeutung,  von  ein  und  demselben  Stamm 
mit  Hilfe  konträrer  Präfixe  bilden  zu  können,  hervorzuheben. 
Die  franz.  Synonyma  bieten  diesen  Vorteil  nicht: 

Für  an-  und  abhängen  besitzt  die  Volkssprache  die  beiden  Wörter 
appondre  und  depondre  (G,  V,  N,  W) ;  in  der  Mundart  appondre 
und  depondre  (Bridel).  Dem  franz.  ajouter  entspricht  kein  *dejouter 
und  attacher  und  detacher  sind  den  beiden  Provinzialismen  nur  in  einer 
beschränkten  Zahl  von  Fällen  synonym. 

Das  gleiche  Verhältnis  besteht  zwischen:  aguiller  =  placer  une 
chose  debout,  dans  une  positiou  elevee,  instable  (G,  N,  V)  und  d6- 
guiller  =  abattre,  faire  tomber,  renversör  (G,  V,  Pierrehumb.) ;  in  der 
MmidiSiXt  aguellhi  <iagdil^  und  c/e^ue///?,/ (Bridel) 0;  zwischen  aj  oc her 
(N,  Pierrehumb.)  =  jucher  und  dedjocher  (Pierrehumb.)  =  faire 
tomber  quelque  chose;  in  der  Mundart:  vgl.  ajhoghi  <  adoS^i  >>  (Dict. 
sav.)  und  dedzqtsl  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz);  zwischen  cotter^) 
=  fixer,  etayer  (G,  N,  F,  V,  W)  und  decotter  (G,  N,  Pierrehumb.) 
=  enlever  les  etais;  in  der  Mundart :  co^^ä  und  dekotta  (Bridel);  und 
zwischen  demanguiller  =  gäter  und  ramanguiller  =  raecom- 
moder  (Pierrehumb.). 

c)  Syntaktische  Gruppen. 

Ausdrücke,  welche  Ähnliches  bedeuten,  sind  in  der  Sprache  häufig 
syntaktisch  gleich  konstruiert;  damit  ist  auch  äußerlich  ein  Zu- 
sammenhang zwischen  ihnen  hergestellt.  Ausdrücke  der  Volkssprache, 
welche  in  derartige  Gruppen  passen,  haben  Aussicht,  erhalten  zu  werden, 
besonders  wenn  ihre  franz.  Synonyma  nicht  dahin  gehören. 

Körperliche  Zustände  werden  meist  mit  avoir  konstruiert  (avoir 
mal  aux  dents,  avoir  la  fievre).  In  dieser  Keihe  gehören  z.  B.  avoir 
la  bäille,  avoir  les  bäilles  (F :  Suppl.,  Pierrehumb.)  =  avoir 
frequemment  envie  de  briiller;  avoir  les  chatouillons  (N,  Pierre- 
humb.) =etre  chatouilleux;  avoir  letienchetet  [patois=tais-toiJ  (F)=: 
n'etre   pas   dispose  ä  parier,   rester   coi.    Zur  Reihe   „ä  califourchon", 


1)  Vgl.  dies  Wort  auf  S.  823. 

2)  Vgl.  S.  795. 


Das  schweizerische  Volksfranzösich  301 

„ä  tätons"  etc.,  gehören  ä  botzon^)  (Bridel):  äbouchon  (G,  V),  äbotion 
(]S),  ü  boucheton  (V)-)  =  seDs  dessus  dessous;  acachons  (G)  =  eu 
cachette,  chiudestinement;  a  «or/on  (Bridel)  :  ä  novion(V),  a  iioveyon 
(N),  ä  noveillon  (F)  =  dans  Tobscuritc,  sans  lumiere;  Schweizerdeutsch  : 
ßschterlige  [no  vi  yd  eigeDtlich :  ne  voit  rien !]. 

Anmerkung: 
Zur  Erhaltung  gewisser  Provinzialismen  mag  auch  der  Umstand 
beitragen,  daß  sie  nicht  bloß  als  Gattungsnamen,  sondern  in  Ortsbe- 
zeichnungen  häufig  auch  als  Eigennamen  vorkommen.  Hierher 
gehören  z.  B.  ch ab le,  gor,  bisse  (Ö.  766),  ferner  n an t(G),  in  der  Mund- 
art nan  (Bridel)  =  ruisseau,  petit  torrent  permanent  ou  temporaire 
(nach  G  =  ravin  boise),  vgl.  le  Nant  de  la  Gria,  le  Nant  de  Taconay, 
le  Nant  des  Buissons  (bei  Saussure  :  Voyages  .  .,  T.  I,  S.  432),  le  Nant 
d'Eusannaz,  le  Nant  Rouge  (bei  Bridel);  la  combe  (G,  V,  W,  Pierre- 
humbert, Peter  :  Cacol.),  in  der  Mundart  comba  (Bridel)  =  vallee,  vallon; 
un  er  et  (G,  F  :  Suppl.,  N,  W,  Peter  :  Cacologie),  in  der  Mundart 
cret  (Bridel)  =  petit  mont,  tertre,  eminence  (z.  B.  le  Cret  du  Locle  bei 
La  Chaux- de -Fonds);  les  paquis  (F :  Supplement,  G)  päquiers 
(Pierrehumbert),  in  der  Mundart  pakis  (Bridel)  s.  m.  pl.  =  pätu- 
rages  etc.    „Les  Paquis"  heißt  ein  Quartier  von  Genf. 

IL  Kapitel: 
Das  Wort  als  anschauliches  AusdrucksmitteL 

Das  Wort  ist  in  der  Sprache  des  Volkes  nicht  bloß,  wie  etwa  in 
der  Sprache  der  Wissenschaft,  die  möglichst  klare  und  möglichst  ein- 
deutige Bezeichnung  für  einen  Begriff;  es  ist  auch  nicht  bloß  ein 
Element  der  Grammatik,  das  Glied  einer  Wortsippe  oder  eines  Satzes, 
sondern  es  ist  ein  Mittel,  die  Gedanken  eindrucksvoll  und 
anschaulich  wiederzugeben.  In  je  höherem  Maße  dies  geschieht, 
desto  größer  ist  der  Wert  des  Wortes  als  sprachliches  Ausdrucksmittel. 
Anschaulich  und  eindrucksvoll  sind  vor  allem  Wörter  mit 
ausgeprägtem  Vorstellungsgehalt  oder  deren  Bedeutungs- 
gehalt durch  die  Laute  symbolisch  angedeutet  wird. 

1.  Vorstellungsgehalt. 
a)  Im  Allgemeinen. 
In  der  Einleitung  zur  Lexikologie  (S.  744flf.)  haben  wir  darauf  hin- 
gewiesen, wie  jedes  Wort  einen   bestimmten  Vorstellungsgehalt  besitzt 

1)  Vgl.  ital. :  bocconi  und  ä  bouchons  bei  Godefroy  (mit  Beispielen  aus  der 
heutigen  Sprache  des  Lyonnais,  Forez  und  Baujolais). 

2)  Vgl.  ä  boucheton  bei  Godefroy  =  appuyant  les  mains  sur  les  genoux  [?J. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  51 


802  ^'  Wißler 

und  haben  auch  die  allgemeinen  Gründe  angegeben,  warum  die  fran- 
zösischen Synonyma  sich  nicht  so  eng  mit  der  Vorstellung  der  Gegen- 
stände assoziieren  können  wie  die  Provinzialismen  und  warum  diese 
letztern,  sowohl  in  der  Schule  wie  im  täglichen  Verkehr  der  Er- 
wachsenen^ durch  die  Vorstellungen  in  erster  Linie  reproduziert  werden 
und  so  in  der  Volkssprache  erhalten  bleiben. 

Hieran  knüpft  sich  noch  folgende  Erwägung:  Eben  dadurch^  daß 
die  schriftsprachlichen  Wörter  nicht  mit  den  Vorstellungen  so  eng 
assoziiert  sind,  wie  die  Provinzialismen,  ist  für  das  Volk  der  Anschau- 
ungsgehalt der  beiden  (auch  wenn  sie  ganz  denselben  Gegenstand 
bezeichnen)  ein  verschiedener.  Das  französische  Wort  wird  gegen- 
über dem  Provinzialismus  blasser,  lebloser,  abstrakter  erscheinen 
und  ihn  also  nicht  ersetzen  können,  solange  es  nicht  durch  „Erleb- 
nisse" mit  dem  Anschauungsgehalt  des  Provinzialismus  gleichsam  ge- 
füllt worden  ist. 

Wir  haben  schon  (S.  761)  speziell  darauf  hingewiesen,  daß  die 
mehrgliedrigen  Ausdrücke,  mit  denen  die  Schriftsprache  die 
Provinzialismen  oft  wiedergeben  muß,  nicht  denselben  Vorstellungs- 
gehalt haben  wie  diese  selbst.  In  der  Tat  ruft  die  Definition  „une 
pente  en  friche  avec  des  buissons"  die  Vorstellung  des  Gegenstandes 
nicht  so  rasch,  nicht  so  kräftig,  nicht  so  klar  hervor  wie  das  eine  W^ort 
„une  rape",  da  es  zur  Verschmelzung  der  drei  Vorstellungen  (pente,  en 
friche,  buissons)  einer  gewissen  psychischen  Arbeit  bedarf;  „cledar"  ist 
jene  bekannte  niedere  zweiflügligeTüre,  mit  den  eigentümlich  geschnitzten 
Latten,  die  wir  jedesmal  beim  Betreten  und  Verlassen  des  Gartens  öffnen 
und  schließen  etc.  .  .;  „porte  ä  barreaux''  hingegen  ist  ein  allgemeiner  Be- 
griff, unter  dem  wir  uns  nichts  Besonderes  vorstellen.  Vgl.  noch  Bei- 
spiele wie:  tsergosse,  cadot,  cheintre  etc. 

Der  Vorstellungsgehalt  ist  für  die  Beibehaltung  gewisser  Provin- 
zialismen ganz  besonders  wichtig.  Die  hier  in  Betracht  kommenden 
Wörter  scheiden  wir  am  besten  in  zwei  Kategorien,  je  nachdem  sie 
gefühlsbetont*)  sind  oder  nicht. 


b)  Der  Pi'ovinzialisiiiiis  ist  nicht  gefühlsbetont. 

Veranlaßt  ein  Gegenstand  nicht  heftige  Sinneseindrücke  oder  leb- 
hafte Gemütsbewegungen,  so  bedarf  die  Sprache  nicht  mehr  als  eines 
Wortes,  um  ihn  zu  bezeichnen.  Bestehende  Synonyma  trachten  ein- 
ander auszuschließen  oder  sich  in  ihrer  Bedeutung  zu  differen- 
zieren. 

Hat  die  Sprache  in  einem  solchen  Falle  zwischen  mehreren,  sonst 


1)  Über  diesen  Begriff  vgl.  S.  815  ff. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  303 

gleichwertigen  Wörtern  zu  wählen,  so  gibt  sie  dem  den  Vorzug,  das 
den  Begriff  am  klarsten,  am  anschaulichsten  wiedergibt,  mit  dem 
der  Sprechende  seine  Gedanken  am  wirkungsvollsten  einkleiden 
kann  und  das  auf  den  Hörer  am  unmittelbarsten  wirkt. 

Unter  den  auf  S.799  augeführten  Provinzialismen  finden  sich  mehrere, 
zu  deren  Erhaltung  nicht  allein  das  häufigere  Vorkommen  des  Wort- 
stammes, sondern  namentlich  dessen  größerer  Vorstellungswert 
beigetragen  hat.  So  ist  der  Wortstamm  von  „p  ende  au"  nicht  nur  viel 
häufiger  gebraucht  als  der  von  trochet,  sondern  er  erweckt  auch  beim 
Hörer  viel  unmittelbarer  die  Vorstellung  der  (in  Büscheln)  hängenden 
Früchte.  Vgl.  noch  die  Wörter:  boutillon,  plumache,  rongeon  (auch 
bougillon)  und  ihre  franz.  Synonyma. 

Wird  ein  Wort  nicht  in  seiner  eigentlichen,  sondern  in  einer  über- 
tragenen Bedeutung  verwendet,  so  wirkt  es  um  so  anschaulicher,  je 
vollständiger  der  Parallelismus  und  je  frappanter  der  Vergleich. 
Man  beachte  die  folgenden  Beispiele  aus  der  Volkssprache:  ferre  (von 
den  Trauben  gesagt,  S.  778),  riflet  oder  raffeux  (im  Gegensatz  zu 
fendant,  S.  779  . 

Die  neuen  Triebe  an  der  Wurzel  des  Weinstocks,  die  die  Pflanze 
durch  Saftentzug  stark  schädigen,  heißen  in  G:loup,  s.  m.,  in  der 
Mundart :  lg  etc.  (Gignoux  :  La  terminologie  .  . .,  III,  §  32),  loiv  (üict.  sav.). 

epaule  =  grappillon  au  haut  d'une  grappe  et  qui  en  depend  (G) ^) 

la  lune  baigne  [statt  se  baigne],  =  la  lune  est  entouree  d'un 
cercle  de  vapeur  (G)  =  der  Mond  hat  einen  Hof. 

Für  „einen  Auftrag  vergessen'^  hat  man  in  G  und  N  den  Aus- 
druck „manger  un  ordre"  —  „Je  lui  avais  dit  de  m'attendre  ä  la 
garC;  mais  il  a  mange  l'ordre"  (G). 

Wenn  sowohl  Volkssprache  wie  Schriftsprache  zur  Bezeichnung 
eines  Gegenstandes  oder  einer  Handlung,  für  die  kein  eigener  Terminus 
existiert,  Wörter  wählen,  welche,  in  übertragenem  Sinne  gebraucht, 
die  Sache  gleich  anschaulich  und  lebendig  darstellen,  aber  zu  zwei 
verschiedeneu  Vorstellungen  greifen,  so  mag  vom  Volke  oft  der 
Provinzialismus  bevorzugt  (und  daher  in  der  Sprache  beibehalten)  werden, 
weil  auch  hier  die  Loslösung  von  der  einen  Vorstellung  und  die  Ver- 
bindung mit  der  andern  eine  gewisse  psychische  Arbeit  bedingt,  wie 
alle  Veränderungen  in  unseren  feststehenden  Gedankenassoziationen. 
Dies  soll  an  einigen  Beispielen  erläutert  werden: 

In  N  sagt  man  statt  „L'eau  .  .  .  s'est  ^vaporee"  :  „l'eau  de  la 
marmite  s'est  toute  embue"  (von  emboire).  Desgl.  im  Patois  du  Val 
de  ßuz :  s'ebär  =  s'evaporer.     Man    erklärt    also    gleichsam    das    Ver- 


1)  Hierher  auch    das    scherzhafte :  une    gerle   für  „chapeau  de   feutre" 
(tube)  in  N! 

51* 


804  G.  Wißler 

schwinden  des  Wassers  bei  der  Verdunstung  durch  das  Eindringen 
desselben  in  die  Wandungen  des  Gefäßes.  (Vgl.  Sachs-V, :  Les  couleurs 
s'emboivent  =  saugen  sich  ein^).  Die  schriftsprachliche  Bezeichnung 
erweckt  die  (richtige)  Vorstellung  des  Übergangs  in  Wasserdanipf,  wird 
aber  erst  dann  das  emboire  ganz  verdrängen,  wenn  das  Wesen  des 
Vorgangs  allen  Leuten  klar  ist. 

Wenn  sich  an  einem  Glied,  z.  B,  am  Finger,  ein  Abszess  bildet  und  es  sich 
infolgedessen  entzündet,  sagt  der  welsche  Schweizer:  „le  doigt  amasse", 
der  Franzose  :,,le  doigts'en  flamme".  Dem  einen  schwebt  also  haupt- 
sächlich die  Vorstellung  des  sich  Sammeins  von  Eiter,  dem  Andern  die  der 
„Entzündung"  des  Fingers  (d.h.Avohl  die  Vorstellung  desRot-undScbmerz- 
haftwerdens  ^)  vor.  Über  diesen  Unterschied  in  der  Auffassung  vergleiche 
Gorgibus  :  Frederi  etc.,  (S.  70):  Grand  Frederi  (der  Typus  des  Waadt- 
länder  Bauern)  kritisiert  die  betreffende  Stelle  in  Plud'huns  „Parlons 
frangais".  „La  encoo  [encorej  une :  Ne  dites  pas:son  doigt  amasse; 
dites :  son  doigt  s'enflamme.  Est-ce  logique?  Est-ce  qui  [qu'ilj  ne 
s'amasse  pas  des  humeurs  dans  le  doigt?  Y  [il]  s'enflamme,  d'acoo 
[d'accord],  mais  justement  parce  qui'l  amasse".  Cf,  das  Wort  auch 
in  G,  V  und  ramasser  in  N,  F,  Pierrehumb. :  in  der  Mundart :  «massä 
(Dict.  sav.). 

Die  Pflugsterzen  heißen  (nach  V  und  F)  les  cornes  de  la 
charrue,  im  Franz. :  les  mancherons.  Das  eine  Wort  erweckt  die 
Vorstellung  von  den  Tierhörnern,  mit  denen  die  Sache  verglichen 
wird,  das  andere  stellt  sie  zusammen  mit  den  Gegenständen  (manches), 
welche  zum  gleichen  Zwecke,  zur  Handhabung  dienen. 

c)  Der  Provinzialismus  ist  gefühlsbetont. 

Ist  mit  einem  Gegenstand  (oder  einer  Handlung)  ein  starkes  Gefühl 
assoziiert  oder  macht  er  einen  lebhaften  Eindruck  auf  unsere  Sinne, 
so  wird  unsere  Phantasie  augeregt.  Diese  bringt  den  Gegenstand  un- 
willkürlich mit  solchen  zusammen,  welche  ähnliche  Gefühle  hervor- 
rufen oder  ähnliche  Vorstellungen  wecken.  Suchen  wir  nun  nach 
Ausdrücken,  um  in  unseren  Mitmenschen  den  Eindruck  hervorzubringen 
den  wir  selbst  von  dem  Gegenstand  empfangen,  so  drängen  sich 
unserem  Geiste  auch  die  Ausdrücke  für  jene  verwandten  Gegenstände 
auf,  und  zwar  oft  mehrere  zugleich^),    und   je   nach  den    psycho- 


!)•  Ähnlich  in    der  Mundart ;  {Ptvioe  e  tdta  ehüsa  ■=  djis  Wasser   ist   ganz 
in  den  Boden  gedrungen  (Val  d'IUiez). 

2)  Da  der  Sprechende  wohl  kaum  an  den   ursprünglichen  Sinn    von    „en- 
flammer"  denkt. 

3)  Vgl.  dazu,  was  Herr  Prof.  Tapp  ölet  speziell  über  die  „Expressions  pour 
nne  volce  de  coups"  schreibt  (im  Bulletin  du  Glossaire  1906,  S.  8) :  „La  rancune 


Das  schweizerische  Vollssfranzösisch  805 

logischen  Umständen  und  der  besonderen  Nuance  des  Gedankens M, 
die  wir  ausdrücken  wollen,  wählen  wir  bald  den  einen,  bald  den  andern 
jener  Ausdrücke  oder  wir  häufen  sie,  um  den  Eindruck  zu  verstärken. 
Das  Volk  hat  noch  mehr  als  der  Gebildete  das  Bedürfnis,  seine  starken 
und  innigen  Gefühle  durch  anschauliche  Ausdrücke  zu  illustrieren  und 
ottenbart  in  seiner  Rede  oft  eine  lebendige,  schöpferische  Einbildungs- 
kraft und  einen  ausgesprochenen  Sinn  für  packende  Bilder.  Zwischen 
den  einzelnen  synonym  gewordenen  Ausdrücken  entsteht  kein  scharfer 
Konkurrenzkampf.  Es  können  sehr  wohl  auch  mundartliche  und  schrift- 
sprachliche Typen  nebeneinander  bestehen.  Nur  wird  der  Sprechende 
unter  allen  Ausdrücken  im  allgemeinen  auch  hier  die  bevorzugen,  welche 
die  Sache  am  anschaulichsten,  am  lebendigsten,  am  originellsten  be- 
zeichnen, die  also  einen  packenden  Vergleich,  ein  eindringliches  Bild 
enthalten''^):  Wie  die  in  ihrer  freien  Entwicklung  ungestörte  Mundart, 
so  ist  auch  die  Volkssprache  sehr  reich  an  derartigen  gefühlsbetonten 
Synonymen,  reicher  als  die  an  eine;  gewisse  Tradition  gebundene 
Schriftsprache;  zwar  ist  mir  kein  Beispiel  dafür  bekannt,  daß  diese 
letztere  für  Begriffe,  die  mit  Affekten  verbunden  sind  (wenigstens  in 
der  familiären  Redeweise)  der  anschaulichen  Ausdrücke  ganz  entbehrte. 
Diese  hindern  aber  nicht,  daß  ein  großer  Teil  ihrer  kräftigen  und 
plastischen  Synonyma  aus  der  Mundart  in  die  Volkssprache  herüber- 
genommen wird  und  dort  weiter  lebt.     Vgl.  folgende  Beispiele^): 

Für  „langue"  im  Sinne  des  deutscheu  „Mundwerk"  sagt  man 
tapette:  „tenir  sa  tapette  au  chaud"  (G)  [=  schweigen] ;  „Elleajoli- 
ment  mene  sa  tapette  aujourd'hui  i^N).  (Vgl.  auch  V  und  Pierrehumbert), 
„tapette"  bezeichnet  eigentlich  den  Waschblenel  [franz.  hatte,  battoir] 
(G,  N,  V):  in  der  Uimdart :  tajjetfa  (nur  mit  der  ursprünglichen  Be- 
deutung bei  Bridel),  fapef  =  „langue"  (Glos  du  Doubs),  tapeta  (Cor- 
sier  sur  Vevey). 

Eine  Person,  deren  Besuche  und  Gespräche  durch  ihre  Länge  lang- 
weilig werden,  heißt  „une  pedge"  <pedz>:  „Quelle  pcdge  que  ce 
Jean- Jacques"  (N);  pege  in  G :  „T'apergois-tu  que  le  papa  N.  devient 


et  la  victoire  sont  des  etats  d'äme  qui  remuent  l'esprit,  qui  poussent  ä  creer, 
ä  chercher  une  expresslon  nouvelle  et  originale  qui  rende  bien  l'affront  qu'on  a 
subi  et  la  joie  de  l'avoir  eraportö  sur  son  ennemi". 

1)  Solche  Feinheiten  in  der  Nüancierung  kennt  natürlich  nur  derjenige, 
der  die  Volkssprache  täglich  beobachten  kann. 

2)  Verliert  sich  die  Vorstellung,  die  mit  dem  in  bildlichem  Sinne  ge- 
brauchten Wort  ursprünglich  assoziiert  war,  so  wird  das  Wort  trotzdem  oft  als 
stark  gefühlsbetonter  Ausdruck  beibehalten,  vgl.  die  Beispiele  auf  S.  756. 

3)  In  welchem  Maße  der  Zusammenhang  zwischen  der  ursprünglichen  und 
der  übertragenen  Bedeutung  in  diesen  Beispielen  dem  Bewusstsein  des  Sprechen- 
den noch  gegenwärtig  ist,  entzieht  sich  unsei'er  Beobachtung. 


gQß  G.  Wißler 

im  peil  pege?"  —  „Je  ue  connais  pas  de  plus  fameuses  pfedzes  que 
ces  douleurs  [=  les  rhumatismes]".  (Ceresole :  Seines  vaud.,  S.  261). 
„pedge"  bedeutete  ursprünglich  PeehM  (G,  F,  V,  N);  in  der  Mundart 
pedge,  pedze  =  poix  de  cordonnier  (Bridel).  Im  Dict.  sav.,  ist  pejhe 
<.pedd>   auch  nur  mit  dem  wörtlichen  8inn  angeführt. 

„pedger"  v.  n.  heißt  wörtlich:  coller  (N),  in  übertragenem  Sinn: 
tarder,  hösiter,  wie  in  dem  folgenden  Beispiel:  „Au  monde,  qu'est-ce 
que  vous  pedzez  encore,  sergent?  Toutes  les  autres  sections  ont  dejä 
envoye  leurs  corvees,  Vous  n'avez  pas  soif  ?"  (R.  Morax :  Sac  ä  douilles 
S.  13).     Vgl.  in  der  Mundart  pedji  =  poisser  (Bridel). 

mißhandeln  =  bourreauder:  „bourreauder  un  chien,  un  en- 
fant";  in  der  Mundart :  5orn■a^(flfa  (Bridel),  abgeleitet  von  borriau  = 
Henker  (Bridel).  Nach  G  ist  das  Wort  auch  in  Savoyen  und  im  nörd- 
lichen Teil  Frankreichs  bekannt. 

,, langsam  arbeiten,  seine  Zeit  mit  Kleinigkeiten  vertändeln" 
franz.  vetiller)  =  koussenioter  (Pierrehumb.).  Der  eigentliche  Sinn 
des  Wortes  ist :  fabriquer  des  dentelles,  „klöppeln";  in  der  Mundart 
kusnyqta  (Gauchat :  Patois  de  la  Montagne  neuchäteloise). 

„in  Verlegenheit  sein"  heißt  „etre  dans  les  etroubles" 
(G).  etrouble,  s.  f.  =  eteule  (G,  Dupertuis:  Loc.  vic);  also  bedeutet  der 
Ausdruck  wörtlich:  (barfuß)  in  den  Stoppeln  stehn  und  sich  nicht  zu 
helfen  wissen,  vgl.  das  franz.  marcher  sur  des  charbons  ardents.  |Vgl. 
in  der  Mundart  etrobte^)  (Dict.  sav.),  dtrohdö  =  Stoppeln,  dtrqbda  = 
jachere  in  (Leysin)]. 

avoir  la  tete  en  brelaudes,  =  avoir  la  tete  fatiguee  et  souf- 
frante  (G);  brelaudes  s.  f.  pl.  eigentlich:  lambeaux,  pieces,  loques  (G), 
wie  brelauda  (Bridel,  Dict.  sav.)  in  der  Mundart.  [Vgl.  das  franz. :  avoir 
la  tete  en  compote]. 

Das  Bild  ist  das  nämliche  wie  im  Franz.  in  dem  folgenden  Bei- 
spiele: 

bresoler^)  =  ungeduldig  sein  (G,  Pierrehumb.):  „II  bresole 
d'etre  marie"  —  „Nos  enfants  bresolent  d'aller  sur  un  bateau  ä  vapeur" 
(G);bresoler bedeutet  eigentlich: griller,  ri8Soler(G),  brisoler  in  N,  V,F); 
in  der  Mundart  bresola  (Bridel,  Dict.  sav.).  Vgl.  das  franz.  griller 
d'impatience. 

2.  Lautsymbolik. 

Volltönende  und  schallkräftige  Wörter  machen  schon  an  und  für 
sich  einen  größeren  Eindruck  und  prägen  sich  dem  Gedächtnis  besser 


1)  Dann  überhaupt  jede  klebrige  Materie. 

2)  Vgl.  etrehia  auf  der  Karte  6teule  (1557)  des  Atl.  ling. 

3)  Vgl.  das  Wort  auf  S.  812. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  807 

ein  als  andere.  Nicht  ohne  Grund  werden  sie  von  der  geschäftlichen 
Reklame  ausgenutzt*).  Solche  Wörter  werden  auch  wohl  von  einzelnen 
Personen  nachgesprochen,  ohne  daß  sie  sich  über  den  Sinn  genaue 
Rechenschaft  zu  geben  suchten.  Es  wird  ihnen  aufs  Geratewolil  irgend 
eine  Bedeutung  beigelegt.  —  So  verwendete  ein  alter  Walliser  Pächter 
das  Wort  bivouaquer  als  v.  a.  mit  der  Bedeutung  „transporter" : 
„Mademoiselle  quand  est-ce  qu'il  faut  bivouaquer  ce  bois  au  grenier?" 

In  einer  Familie,  wo  niemand  ein  Wort  Patois  verstand,  brauchte 
man  den  Ausdruck  st  yadzo  [=  diesmal]  gleichsam  zur  Verstärkung 
in  Sätzen  wie  „Est-ce  qu'il  va  venir  st  yadzo?",  ohne  daß  dem  Wort 
eine  bestimmte  Bedeutung  zuerkannt  wurde;  ein  jüngeres  Glied  jener 
Familie  glaubte  gar  st  yadzo  bedeute  „ce  type,  cet  individu"! 

Das  Wort  trigailler  (=  zaudern,  die  Zeit  vertändeln)  fand  Auf- 
nahme in  eine  Neuenburger  Familie,  welche  eine  Zeitlang  mit  einer 
solchen  aus  dem  Wallis  verkehrt  hatte. 

Noch  viel  leichter  werden  solche  Wörter  im  Gedächtnis  behalten, 
wenn  sie  mit  einem  bestimmten  Begriffe  fest  assoziiert  sind,  besonders 
wenn  zwischen  der  durch  die  Laute  hervorgerufenen  Seh  allem  p  fin- 
dung und  deniBedeutungsi  nhalt  des  Wortes  gewisse  Beziehungen 
bestehen.  Wird  der  Vorstelliings-  oder  Gefühlsgehalt  eines  Wortes  durch 
die  lautliche  Form  symbolisch  angedeutet,  so  kommen  diese  dem 
Hörer  viel  unmittelbarer  und  mit  lebendiger  Anschaulichkeit  zu  Bewußt- 
sein und  ein  solches  Wort  ist  als  Ausdrucksmittel  gegenüber  anderen 
im  Vorteil. 

Die  welschen  Mundarten  sind  an  solchen  Wörtern  sehr  reich,  viel 
reicher  als  die  franz.  Schriftsprache,  welche  ihrem  ganzen  konservativen 
Charakter  gemäß  neue  onomatopoetische  Wortschöpfungen  oder  — 
durch  den  Spieltrieb  oder  das  Streben  nach  Lautmalerei  veranlaßte  — 
Umbildungen^)  schon  existierender  Wörter  nur  sehr  schwer  auf- 
nimmt. 

Die  Volkssprache  im  Gegenteil  hat  eine  ganze  Anzahl  solcher 
Wörter  aus  den  Mundarten  herübergenommen,  selbst  in  Fällen,  wo  auch 
die  Schriftsprache  ein  lautkräftiges  Synonym  besitzt,  vgl.  z.  B.  rebe- 
douler  :  degringoler,  S.  811. 

Je  nachdem  durch  die  Laute  mehr  der  konkrete  Vorstellungs- 
gehalt oder  mehr  der  abstrakte  Gefühlswert  symbolisch  veranschau- 
licht wird,  können  wir  zwei  Kategorien  solcher  Wörter  unter- 
scheiden. 


1)  Man  denke  an  die  bekannte  Geschichte  des  Doktor  Schnauzius  Eapun- 
zius  von  Trafalgar. 

2)  Ob  die  im  Folgenden  angeführten  Beispiele   auf  die  eine  oder  andere 
Art  entstandea  sind,  dies  zu  untersuchen  ist  nicht  meine  Aufgabe. 


808  Gr.  Wißler 

a)  Lautsi/mbole  für  JconJcvete  Vorstellungen, 

a)  Schalleindrücke. 

Zu  den  durch  Lautsymbolik  ausgezeichneten  Wörtern  gehören  in 
erster  Linie  die  Bezeichnungen  für  gewisse  ScballeindrUcke: 

brison  =  bruit  lointain  de  la  grele  (V),  bruchon,  s.  f.  (N);  in  der 
Mundart :  hrison^  breson,  s.  m.  (Bridel),  hrüsö^  s.  f.  (Gauchat :  Patois  du 
Val  de  Ruz). 

friser,  v.  n.:  „La  peuglise  [=  le  fer  ä  repasser]  frise"  =  rend 
le  bruit  que  fait  l'eau  en  tombant  sur  un  fer  chaud  (N). 

cresener  =  er  aquer,  cröpiter,  petiller  (F,  Dupertuis  :  Loc.  vic, 
Pierrehumb.)  „Ce  plancher  krgzan"  (Epesses) ;  in  der  Mundart  kresena 
(Bride!),  krdzdnä  (Byland,  §  79).  [Davon  abgeleitet :  er esen^e  =  cra- 
quement,  s.  Gorgibus :  Fredöri  ,  .  .  S.  130]. 

touper  =  faire  le  bruit  d'un  petard  qui  rate  brusquement  [davon 
toupee  =  detonnation  sourde]  (Pierrehumb.).  Vgl.  in  der  Mundart: 
tupa  =  coup  qui  resoune  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 

tredon  (G,  F,  N,  F),  tredan  (G),  teurdon(N)  =  bruit,  vacarme; 
tumulte :  „Tiel  tredon!"  (Gorgibus  rFredcri  .  .  .,  S.  86  und  161);  in  der 
Mundart  tredan,  tredon  (Bridel),  tdrdö  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 

ouinguer,  (rouinguer,  vouinguer)  =  grincer,  se  dit  d'une, 
manivelle,  d'une  poulie,  d'une  porte  (Pierrehumb.)  [als  v.  a. :  tourner  une 
manivelle];  in  der  Mundart :  ?<;e^ä  (Gauchat  :  Patois  du  Val   de  Ruz)'). 

zonner  <zöne>  =  resonner,  retentir,  ronfler  (G,  V,  N):  „Vers 
chez  Moise  on  entend  zonner  la  mecanique"  (Ceresole  :  Seines  vaud. 
S.  260).  „J'ai  entendu  zonner  les  canquoires  [=bannetons]  sur  les  hauts 
fayards  [=  hetres]  et  pres  des  ebenes"  (Ceresole  :  loc.  cit.,  S.  169).  — 
„Faire  zonner  une  ronfle"  [=  toupie]  (G).  —  In  der  Mundart  zonnä 
[zöna]  (Dumur :  Patois  vaudois  und  Dict.  sav.). 

Davon  abgeleitet :  zonn 6 e  [zDne],  s.  f.  =  r etentissement(G,  V, 
N):  „Le  canon  faisait  des  zonnees  terribles"  (G,  N);  in  der  Mundart 
zonnaie  <izonay3>  (Dumur  :  Patois  vaudois). 

ronner  <röne>  =  grogner,  se  dit  de  certains  animaux,  enparti- 
culier  du  chien  et  du  porc;  in  übertragenem  Sinne  vom  Mensehen  = 
gronder,  bougonner  (G,  N,  V) :  „Bourrez-le  [le  poele]  seulement  d'atta- 
que  [=  comme  il  faut]  jnsqu'ä.  ce  qu'il  rönne"  (Vallotton  :  Portes 
entr'ouvertes,  S.  218);  in  der  Mundart  ronna  <rdna>  (nach  Bridel  in 
Freiburg),  rdna  oder  räna  (Dict.  sav.). 

ronchonner  =  grogner,  bougonner  (Pierrehumb.,  St.  Imier):„Tl 
est   tonjours  ä  ronchonner,    cet    oiseau  [=  cet  individu]"    (R.  Morax : 


1)  Dazu  une  ouingue,  vgl.  S.  756. 


Das  schweizerische  VolksfrauzösiBch  809 

Sac  ä  douilles,  S.  29).  —  „Dans  le  temps  Ics  femmes  ne  ronchonnaient 
pas  tant,  causaient  moins  et  travuillaient  davantag-e"  (Vallotton  :  Mr. 
Potterat,  S.  239).  —  „Si  on  avait  pas  ronchonnc  tout  le  temps  on  ne 
serait  janiais  arrive  au  bout".  (Vallotton :  Portes  entr'ouv.,  S.  12);  in 
der  Mundart  rotichä,  ronchonä  (nach  Pierreburab.)  [rosnä  =  scier  avec  une 
mauvaise  scie,  Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz]. 

boueler  (V)  =  beugler,  jeter  de  hauts  cris;  in  der  Mundart: 
bouaila^  iowa/«  =  pousser  des  cris  d'effroi,  de  douleur,  de  colere(Bridel), 
boelä  (Dict.  sav.),  bwelä  (Byland,  §  65). 

roueler(V),  rueler  (Dupertuis)  [Ableitung  des  Vorigen?;  ident.  mit 
reler  (N)  =  rela  (Bridel)?]  =  beugler,  hurler,  brailler. 

coailler,  couailler,  coueler  =  pou8ser  des  crisaigus  (G), 
vgl,:  „Ces  petits  enfants  faisaient  des  couaillees  ä  nous  rompre  le 
tympan"  (G);  in  der  Mundart  kouallhi  <:Jcicaii^  (nach  Bridel  in  Neuen- 
burg). 

siel  er  =  pousser  des  cris  aigus  (G,  F,  N,  V):  „Amusez-vous, 
mes  amis,  sans  crier  et  sans  sicler"  (G).  Vgl,  „Elles  ötaient  lä,  toutes 
en  fievre,  .  .  .  tragant  [courant]  derrifere  cette  caisse  [ce  tambour]  et 
poussant  des  siclees  ä  percer  les  oreilles"  (Cerösole :  Scfenes  vaud. 
S.  244),  le  quatrieme  cielard  [=  enfant]!"  (Gorgibus  :  Cabotzet  .  .  ., 
S.  73).  In  der  Mundart :  cildlo^  s/'hla  <siXa>,  tsiklla  (Bridel),  cicia 
<ßikid>  (Dict.  sav.)'). 

ranquemeler  (V),  ranguemeler  (G),  ronchemeler  (G) ;  ran- 
quiller  (N,  Peter  :  Cacol.)  =raler,  respirer  avec  peine;  in  der  Mund- 
art rankmelä  (Bridel). 

piorner  =  bougonner,  geindre,  se  lamenter  (G,  N,  V,  W,  F, 
St.  Imier) ;  in  der  Mundart  :  p/'ornä  (Bridel). 

trioler  (G,  V),  teriouler  (N)  =  klagen,  durch  Bitten  belästigen : 
„j'ai  beau  trioler  mon  garcon  pour  qu'il  mange  un  peu"  (M^^^  Mussard  : 
Petit  Jean,  S.  106);  in  der  Mundart :  ^no?^/«  (Bridel). 

quequeier  <kakeye>  (Dupertuis  :  Loc.  vic.),  quequeiller  (Pierre- 
humb.)  =  begayer:  „Ma  langue  quequeillait  toujou  [tonjours]  un 
peu,  aussi  j'ai  ete  nie  coucher  sans  piper  un  mot  de  plus".  (Gorgibus : 
Frederi  .  .  .,  S.  140);  in  übertragenem  Sinne  gebraucht :  [Ein  unge- 
schickter Trommler]  ,.radotait,  barbotait,  quequeillait  et  s'enconblait 
[verwirrte  sich]  ä  toutes  reprises  sur  sa  caisse  qui  lui  ballotait  dans 
les  jambes",  (Ceresole  :  Scenes  vaud.,  S.  231):  in  äer  Mundari :  k9keii 
(Dumur  :  Patois  vandois);  vgl.  Atl.  ling,,  Karte  bögayer  (122)  :  kcekoei/ia. 

cocasser  =  begayer  (N);  in  der  Mundart  kokasl  (Gauchat: 
Patois  du  Val  de  Ruz), 


1)  Das  Subst.  fem.  sicl6e  in  G,  N,  F;  in  der  Mundart:  sikllahie,  sihllahie  etc. 
(Bridel). 


810  G.  Wißler 

batoiller  <  batoye  >  (N,  F,  V),  batouiller  (N)  =  schwatzen. 
„Peudant  tonte  la  ceremonie,  il  ü'a  rien  fait  que  de  marronner  | brummen] 
et  de  batoiller  avec  un  autre  tire-lignu  [Schuster]  qui  etait  avec  lui", 
(Ceresüle :  Scenes  vaud.  S.  69).  —  „. .  .  ces  vieilles,  quand  ga  s'y  met, 
ga  batoille,  qu'on  ne  peut  pas  seulement  placer  un  mot  .  .  ."  (Vallotton  : 
Mr.  Potterat  .  .  .,  S.  178);  in  der  Uundiwt :  baitltolli  (Bridel).  —  Das 
Subst.  batoille  cf.  S.  833. 

barj  aquer  (G,  N,  W,  Dupertuis  :Loc.  vic.)  =  schwatzen: 
„.  .  .  cet  allangue  [=  schwatzhaft]  Badische,  avec  une  sale  cas- 
quette  noire  sur  la  tcte,  ne  pouvait  se  tenir  de  critiquer,  de  barjaquer  .  . ." 
(Cerösole :  Scenes  vaud.,  S.  69)  „Qu  batoille  de  tout;  ga  barjaque  sur 
tout,  Sans  s'arreter."  (Ceresole :  loc.  cit.,  S.  126);  in  der  Mundart  :J«r- 
Jakkä  (Bridel)'). 

ß)  Bewegungen. 

In  zweiter  Linie  dient  die  Lautmalerei  dazu,  eine  Bewegung  durch 
die  Nachbildung  der  sie  begleitenden  Geräusche  zu  charakterisieren 
oder  durch  ein  dem  visuellen  Eindruck  der  Bewegung  ver- 
wandtes akustisches  Symbol  das  Wesen  der  Bewegung  eindring- 
licher und  anschaulicher  zu  schildern.    Vgl.  die  folgenden  Beispiele: 

houffer  =  souffler  ä  la  maniere  des  chats  [=  fauchen]  (Pierre- 
humb.);  in  der  Mundart :  ?(/ä  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 

roiller(N,  F,  V)  =  battre  :  „. .  jeroiliais  dessus  [sur  un  piquet]  avet 
[avec]  une  mailloche".  (Gorgibus :  Frederi  .  .  .  S.  38);  „.  .  ils  ont 
et6  rollies  par  des  Allemands"  (N\  „Vous  pouvez  roiller  ä  la  porte" 
(Vallotton  :  Mr.  Potterat  .  .  .,  S.  224);  in  der  Mundart  rollh/'  <iroii'> 
(Bridel)2). 

ötracler^),  v.  a.  =  faire  ciaquer  un  fouet  (N);  in  der  Mund- 
art etratyä  (Gauchat :  Patois  de  la  Moutagne  neuchäteloise),  etrakyä  im 
Val  de  Ruz. 

ouichter  =  fouetter  (N,  Pierrehumb.)  „.  .  va  voir  chercher  une 
brauche  de  noisetier  poü  [pour]  la  onister  un  peu  [la  „Grise",  eine 
Mähre]  (Vallotton  :  Mr.  Potterat  .  .  .,  S.  216);  in  der  Mundart  wistci 
(Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz).   —   Dazu  ouicht^e  etc.,  cf.  S.  821. 

tirevougner  (G,  N),  trivougner  (G,  N,  V),  tervougner,  tser- 
vouegner(Pierrehumb.),  tervoigner  (N, Pierrehumb.),  travouguer(F: 
Suppl.)==tirailler :  [In  der  Angst  vor  einem  Gespenst] :  „La  femme  avait  pris 
un  manche  ä  balet  d'une  main  et  de  l'autre  eile  trivognait  mon  molleton." 
(Ceresole  :  Seines  vaud.,  S.  249,  250);  in  der  Mundart:  trevougni  (Bridel), 

1)  Dazu  barjaque,  s.  f.  =  geschwätzige  Person  (G,  V,  N) :  &arjaÄ;a,  har- 
cljaka  (Bridel),  barjaca  (Dict.  sav.). 

2)  une  roille  =  une  averse,  vgl.  S.  822. 

3)  Vgl.  6tracl6e,  S.  821. 


Das  schweizerische  Volksfranzösiach  811 

tdrweni  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz).  —  Vgl.  vougni  (Bridel)  = 
tirer  les  cheveux. 

ccl affer  =  ,, 6craser  avec  le  pied  im  objet  qui  cclate  ou  exprime 
un  suc  par  le  fait  nieme  de  recrascment"  (G.  V,  Pierrehumb.,  St,  Imier), 
ctiafer  (Nj  :  „eclaffer  une  poire,  une  g-renouille,  un  escargot".  —  „II  lui 
eclaffa  [!]  le  uez  d'un  coup  de  poing"  (G);  in  der  Mundart:  ehllaffa^ 
<.eXafa^,  ekiaffa  (Bridel),  elciafa  (Dict.  sav.)^). 

r ebener  (V)  =  herumwühlen:  „Mais  dis  me  voi  [voire  == 
doch],  pou  Tamou  [pour  l'amour]  du  bon  Dieu,  qu'as-tu  tonjou  [ton- 
jour.s]  ä  rebener  et  a  fourguenö  [fourgonner,  hier  Synon.  von  rebener  = 
fureter]  par  ce  galetas?"  (Gorgibus  :  Frederi  .  .  .,  S.  42);  in  der  Mund- 
art :  rebenä  (Dumur  :  Patois  vaudois).  —  [Cf.  Dict.  sav. :  arbena,  rehena  = 
re-biner]. 

rebatter  (N,  V,  W),  grebatter  (G)  =  tomber,  degringoler  :  „II  a 
rebatte  en  bas  le  talus"  (N)  —  „J'aime  bien  mieux  voir  les  ministres 
[zz=  les  pasteurs]  se  rubater'^)  comme  ga  [dans  la  neige]  que  dans 
les  papiers",  [=  journaux]  (Ceresole  :  Scenes  vaud.  S.  283);  in  der 
Mundart  :  rebatfä^  v.  a.  =  rouler  (Bridel);  S9  rbata  =  se  laisser  rouler 
sur  un  plan  incline  (Dict.  sav.). 

rebedouler  (V),  bredouler(]S()berdouler<^bor.  .>> (Pierreh.)  = 
tomber,  degringoler  :  „  . .  on  sent  les  pommes  de  terre  vous  rebedouler 
en  bas  le  dos"  (R.  Morax :  Sac  h  donilles,  S.  88).  —  „un  vacarme  de 
fusil  ou  de  gamelle  qui  rebedoule"  (Cercsole  :  Scenes  vaud.,  S.  88).  — 
[Un  Soldat]  „qui  rebedoulait  dans  le  patrigot"  [=  la  boue]  (Cercsole, 
ibid.,  S.  93).  —  „Nous  avons  bredoule  en  bas  le  talus"  (N);  in  der 
Mundart  :  rebedoulä  (Bridel). 

derupiter  (Pierrehumb.  [Waadt],  Plud'hun  [Waadt])  =  herunter- 
stürzen: „.  .  ce  wagon  qui  se  derupite  dans  l'eau  .  .  ."  [der  Water 
Toboggan]  (Gorgibus :  Cabotzet  .  .,  S.  17)  „Nous,  on  se  derupite  aprfes 
[„les  billons,  pousses  en  bas  du  haut  des  devaloirs"]  comme  on 
pent  .  ."  (Ceresole :  Scenes  vaud.,  S.  260);  in  der  Mundart :  c;?^n/j?e^ä 
(Bridel). 

degredeler  :  J'ai  degredele  au  bas  de  la  rampe  (G);  in  der  Mund- 
art :  degradalä  (Bridel)  =  tomber  dans  l'escalier. 

gicler^),  als  v.  n.  =  jaillir,  sortir  impetueusement,  als  v.  a.  = 
faire  jaillir,  jeter  de  l'eau  und,  mit  der  bespritzten  Sache  als  Objekt,  = 


1)  Vgl.  bei  Puitspelu:  na  ecliafa  d'aigni  =  une  trombe  d'eau. 

2)  Nicht  etwa  Druckfehler  für  ,,rebater";  in  Epesses  sagt  man  so! 

3)  Littrö  (Supplement)  bezeichnet  das  Wort  als  ,,populaire".  Vgl.  A. 
Baudoiiin  :  Patois  de  Clairvaux  gigler  =  jaillir ;  Roussey :  Glossaire  du  Bournois 
djtkae  [=  jaillir];  Fiat: jiscla,  jihla  (gascon)  =  jaillir.  Godefroy  erwähnt  ein 
Beispiel  von  1542  und  beutige  Formen  aus  der  Champagne  und  Bourgogne. 


812  G.  Wißler 

eclabousser  (G,  V,  N,  F,  W,  Peter :  Cacol.):  „.  .  la  pluie  nous  giele  ä 
la  figure"  (Vallotton :  Portes  entr'ouv.,  S.  239).  —  „Veillez-vous  de  ne 
pas  etre  giclee"  [=  prenez  garde  de  .  .  .]  (Vallotton :  Mr.  Potterat  .  .  ., 
S.  289,  290).  „Fiuis  donc,  Louis,  tu  me  gicles"  (N)  —  „Ma  pliime  jicle" 
(F)  —  „Od  lui  avait  jicle  de  l'eau  sur  les  habits".  In  der  Mundart: 
djiklla  <:dHkia^>,  dziklla  (Bridel).  —  Dazu :  j i cle e  =  Spritzer  (G,  F,  N, 
Dnpertnis)  :  djikllahie  (Bridel);  jicle,  s.  f.  =  petite  seringue  (N,  F), 
djiklla,  s.  f.  (Bridel). 

jaffer  =  produire  de  recume  (N,  Pierrehumb.) :  „11  jaffait 
pendant  sa  crise"  (N);  in  der  Mundart :  «'i^a/a  (Gauchat :  Patois  de  la 
Montagne  neuch.). 

greboler  =  grelotter,  trembler  (G,  V):  „Julie!  Julie!  dep6che-toi 
[de  m'ouvrir  la  porte],  je  suis  tont  grebolant",  (Gorgibus  :  Fiöderi  .  .  ., 
S.  102).  „Les  six  qui  grebolaient  de  peur  dans  la  cuisine"  (Gorgibus: 
ibid.,  S.  132);  „ils  grebolent  de  froid"  (Vallotton  :  Portes  entr'ouvertes, 
S.  230).     In  der  Mundart  grehola  (Bridel) ;  vgl.  grevolä  (Dict.  sav.). 

bresoler  =  griller  siehe  S.  806. 

ecalabrer,  vgl.  S.  795. 

banibiller  =  pendiller  (G,  F,  N,  V,  Peter :  Cacol):  „Qu'est-ce 
que  je  vois  bambiller  ä  cette  fenetre?"  (G).  In  der  Mundart  banbellhi 
<bäbdtt>  (Bridel),  hanhlyi  (Dict.  sav.). 

ganguiller  =  se  pendre,  etre  suspendu  (G,  F,  N,  V,  Peter: 
Cacol.)  :  „II  faudra  couper  ces  branches  qui  ganguillent".  —  „Une 
affreuse  panosse  \=  torchon]  ganguillait  ä  la  croisee".  —  „Ne  te 
ganguille  pas  ä  cette  ecbelle,  tu  pourrais  tomber"  (G).  In  der  Mund- 
art: ganguellhi  <gägdit>  (Bridel),  ganglyi  (Dict    sav.)'). 

egaguel  ucher,  v.  a.  =  poser  un  objet  sur  un  lieu,  d'oü  il  court 
le  risque  de  se  briser  en  tombaut  (N). 

h)  Lautsymhole  für  den  abstrakten  Gefühlsgehalt. 
a)  Das  ganze  Wort. 

Um  den  Gefühlsgebalt  symbolisch  anzudeuten,  kann  die  Sprache, 
wie  in  den  bisher  angeführten  Beispielen,  ein  schallkräftiges  Wort 
wählen.  Die  innere  Beziehung  zwischen  dem  Gefühl  und  seinem 
Symbol  ist  aber  in  diesem  Falle  nicht  sehr  durchsichtig;  vergleiche  die 
folgenden  Beispiele: 

Der  Provinzialismus  veranschaulicht  etwas  Großes,  Auffälliges: 
uneramelee,uneembardoufflee(vgl.S.821),unerecaff6e(vgl.S.822); 

etwas  Kräftiges:  s'escormancher  (vgl.  S.  822),  torrailler,  vgl. 
8.  823; 

etwasSchlechtes,  Widerwärtiges:  charavoüte  (S.  825),  rac- 
cusepöter  (S.  827),  bracaillon  (S.  827); 

1)  Vgl.  ganguellhe  (Bridel) :  ganguilles  (G,  N)  =  guenilles,  lambeaux. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  8j^3 

etwas  Lästiges:  echaibotter  (S.  829),  trig-ailler  (S.  821),  ba- 
touiller  (S.  810),  depatoillu  cf.  S.  831,  embardouff  I  er  ef.  S.  832, 
patrigoter  cf.  S.  832,  pouet  cf.  S.  832; 

etwas  Lächerliches:  daderidou  cf.  S.  833,  iaiä  cf.  S.  828, 
tauberbitche  cf.  S.  822,  quenolion  cf.  S.  834; 

etwas  Zärtliches:    faire  niäce  cf.  S.  835,  cocoler  cf.  S.  835; 

etwas  Humorvoll- heiteres:  glinglin  cf.  S. 836,  äcaquelicou 
cf.  S.  836,  risolet-ette  cf.  S.  836. 

ß)  Die  Lantgruppe. 

WcDD  „batouiller"  neben  der  Vorstellung  des  Schwatzens  in  so 
deutlicher  Weise  den  pejorativen  Gefühlswert  erkennen  läßt,  so  kann 
man  sich  fragen,  ob  dies  wirklich  durch  die  Lautform  des  ganzen 
Wortes  bedingt  ist  oder  nicht  vielmehr  fast  ausschließlich  durch  die 
Endung  -ouiller  oder  noch  spezieller  die  Lautgruppe  „-onill"  <Oiy^, 
welche  in  franz.  Wörtern  wie  barbouiller,  brouiller,  bredouiller,  grouil- 
1er,  soailler  etc.  in  ähnlicher  Weise  ein  lästiges,  unentwirrbares 
Durcheinander  oder  etwas  Widerwärtiges,  Schmutziges,  Garstiges,  Ekel- 
erregendes andeutet  und  deshalb  als  lautliches  Symbo  1  für  ein  solches 
Gefühl  betrachtet  werden  kann.  Nur  wenige  Wörter,  in  denen  sich  diese 
Lautgruppe  findet,  haben  den  erwähnten  Gefühlswert  nicht,  wie  z.  B. 
die  einsilbigen  houille,  ronille,  donille.  Wie  die  Lautgruppe  -ny-  zu 
diesem  Gefühlswert  gekommen  ist.  müßte  noch  genauer  untersucht 
werden.  In  gewissen  Fällen  ist  es  das  Ergebnis  eines  lat.  Suffixes 
0 -h -iculu  (foniller  =  *fodiculare),  -üculu  (grenouille  =  ranucula)  etc.; 
doch  wird  es  heute  nicht  mehr  als  Suffix,  sondern  nur  mehr  als 
Lautsymbol  gefühlt,  da  die  Simplicia  zu  diesen  Bildungen  ver- 
schwunden sind.  Nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Bedeutung  der  Lautgruppe 
-ny-  mag  ihr  akustischer  Eindruck  gewesen  sein,  der  den  erwähnten 
Gefühlswert  treffend  symbolisiert.  Ist  ein  Provinzialismus  durch  -ouill- 
(oder  eine  andere  symbolische  Lautgruppe)  charakterisiert,  so  ist  er, 
wie  die  bis  jetzt  genannten  laut  symbolischen  Wörter,  als  Ausdrucks- 
mittel seinen  franz.  Synonymen  tiberlegen  und  hat  große  Aussicht,  in 
der  Volkssprache  beibehalten  zu  werden;  vgl,  die  folgenden  Beispiele: 

-onill- :  gadrouiller  (G,  N,  V)  =  tiipoter  dans  Teau  [vgl.  ga- 
droullhi  {Biidel)] ;  rebouiller')  (G,  N,  V),  rabouiller  (F)  =  remuer, 
farfoailler:  „ce  type  qui  rebouille  le  feu"  (Vallotton  :  Portes  entr'ouvertes, 
S.  36).  Weitere  Beispiele  siehe  Vallotton  ihid.,  S.  218;  Ceresole  :  Scenes 
vaudoises,  S.  200;  Gorgibus  :  Cabotzet,  S.  20;  [vgl.  reboullhi,  Bridel], 
empoutouiller  (G)  =  embrouiller;  gafouiller  (G)  =  salir;  gan- 


1)  Im  Sinne  von  6mouvoir:    „5a   la  rebouillerait  trop"  (Vallotton  ;  Portes 
entr'ouvertes,  S.  175). 


814  Gr.  Wißler 

drouille  (G,  N)  =  personne  malpropre;  troulllon  (G)  =  femme 
salement  vetue  [vgl.  trohllard,  trouhllon,  s.  m.  =  sale,  Bridel];  touillon 
(G)  =  femme  malpropre  [vgl.  tollhon,  s.  m.,  Bridel];  frouille  (vgl. 
S.  826);  crouille  (vgl.  S.  825)  etc. 

-aill-  hat  als  Suffix  oder  als  Lautsymbol  einen  ähnlichen  pejo- 
rativen Charakter,  vgl.  c  a  s  s  i  b r  a  i  1 1  e  (G,  N)  =  rebut  [vgl.  cassibraille  = 
Canaille  (Bridel)];  trigailler,  torrailler,  bracaillon,  vgl.  S.812,  813 
und  die  dortigen  Verv^eisungen;  couailler,  vgl.  S.  809;  mailler  [?], 
S.  818;  tsaille  (F),  tschaille  (N)  =  platras,  [vgl.  tstnj  in  der  Mundart 
des  Val  de  Kuz  (Gauchat)];  fravail  [?],  vgl.  S.  789,  bonbonnaille, 
vgl.  S.  738. 

-ill-  ist  häufiger  als  diminutives  Suffix  denn  als  bloßes  Lautsymbol 
zu  betrachten.  Es  kann  tadelnden,  neutralen  oder  zärtlichen  Sinn 
haben,  vgl.  de  man  gui  11  er  (S.  830),  bambiller,  ganguiller(S.  812); 
bougiller,bougillon(S.  7ü9);rongiller(S.739),  rongillon(S.  799); 
1 0  u  s  s  i  1 1  e  r  (S.  739) ;  gr  e  m  i  1 1  o  n  (N)  =  grumeau  [vgl.  gremelhon,  Bridel] ; 
boutillon  (S.799);  vergillon  (vgl.S.  742);  appondillon  (G)  =  petite 
allonge. 

Die  folgenden  Lautsymbole  (Suffixe)  sind  durch  die  Laute  v?euiger 
scharf  charakterisiert,  als  die  bisher  behandelten,  und  wenn  durch  sie 
der  Gefühlsgehalt  des  Wortes  dem  Hörer  klarer  wird,  so  beruht  dies 
mehr  auf  einer  traditionellen  Konvention  innerhalb  der  Sprachgemein- 
schaft, als  auf  einer  Innern  Verwandtschaft  zwischen  dem  akustischen 
Eindruck  des  Lautsymbols  und  seiner  Bedeutung : 

-ot- ist  pejorativ  verkleinernd  in  koussenioter  (S.  806);  papotter 
(F)  =  coUer  avec  de  l'amidon;  chaploter  (S.  830);  echarbotter 
(S.  829);  brotter  (S.  830). 

-on-  <o>  ist  augmentativ  und  in  gewissen  Bildungen  zugleich  pejo- 
rativ :  eveillon,  ochon  (S.  825),  tredon  (S.  808);  miston  (S.  825); 
quenolion(S.S34);  [?]  caion  (S.  832);  gäpion  (S.827);  breluron(G) 
=  etourdi,  tapageur  (cf.  Bridel  :  brelurln);  avocaton  (S.  738) ;  ferner  in 
bracaillon  und  den  S.  826  zitierten  Bildungen  auf -ouillo  n;  grotesk- 
zärtlich  ist  es  in  achintou  und  flairon  (S.  835)  und  vielleicht  auch' 
in  einigen  der  Bildungen  auf  -illon  (Siehe  oben). 

Das  verwandte  -oun-  ist  tadelnd  in  ronchonner  (S.  808);  bio- 
tsonner  (S.  830). 

-et- ist  diminutiv  zärtlich  in  risolet,  bravet  (S.  836);  guing- 
let  (S.836);  gros8et(S.  743);  humoristisch  in  boquenet,  tinquet, 
clopet  (S.836)  und  tadelnd  verkleinernd  in  fennet  (S.  834),  pe- 
natzet (S.  831)  etc. 


Dag  schweizerische  Volksfranzösisch  8J5 

IIL  Kapitel. 
Das  Wort  als  Träger  des  Oefülilswertes. 

1.  Im  Allgemeinen. 

Zum  Bedeutung-sinhalt  eines  Wortes  gehört,  außer  dem  begriff- 
licbeu  luhalt  und  dem  Vorstellungswert,  auch  der  Gefühlswert. 

Schon  in  der  Einleitung  zu  diesem  Teil  der  Arbeit  (S.  745— 7 18)  ist 
die  Bedeutung  des  Gefühlswertes  für  die  Erhaltung  der  Provinzialismen 
z.  T.  angedeutet:  Weder  in  der  Schule  noch  im  Verkehr  wird  das 
schriftsprachliche  Wort  so  oft  „erlebt"  wie  der  entsprechende  Pro- 
vinzialismus, assoziiert  sich  also  nicht  so  eng  mit  den  Gemütsbewegungen 
und  wird  von  diesen  nicht  so  leicht  reproduziert.  Der  Provinzialismus 
besitzt  also  einen  Gefühlsinhalt,  der  dem  französischen  Synonym  ab- 
geht, und  dies  bewirkt,  daß  die  beiden  nicht  als  identisch  gefühlt 
werden  und  einander  nicht  leicht  ersetzen  können.  Das  Volk  empfindet 
das  korrekte  franz.  Wort  als  etwas  Kaltes,  Steifes,  Geziertes, 
Fremdes,  ohne  Kraft  und  ohne  Innigkeit^),  so  wie  uns  die  den  fremden 
Sprachen  entlehnten  termini  technici  vorkommen.  (Vgl.  das  von  Erd- 
mann angeführte  v  i  o  1  a  o  d  o  r  at a  für  Veilchen !). 

Der  Gefühlswert  der  einheitlichen  Ausdrücke. 

Wir  haben  schon  auf  S.  761  darauf  hingewiesen,  daß  speziell  schrift- 
sprachliche mehrgliedrige  Ausdrücke  und  provinzielle  einheitliche  Wörter 
verschiedene  Gefühlswerte  besitzen:  So  wenig  ,,Rumpeliiammer"  iden- 
tisch ist  mit  „Kammer  zur  Aufbewahrung  aker  Gerätschaften",  so  wenig 
ist  carcagnou(G)  identisch  mit  chambre  borgne;  carcagnou  ist  das 
tiustere  Gemach,  vor  dem  sich  die  Kinder  fürchten;  chambre  borgne  ist 
der  technische  Ausdruck  des  Baumeisters  für  einen  besonderen  Raum 
des  Hauses,     Vgl.  in  der  Mundart:  karkayniou,  s.  m.  (Bridel). 

cramine  (S.  820)  erweckt  viel  mehr  den  Eindruck  einer  außerordent- 
lichen und  sehr  empfindlichen  Kälte  als  das  franz.  „froid  excessif", 
das  wie  der  Witterungsbericht  einer  meteorologischen  Station  anmutet. 

2.  Die  gefühlsbetonten  Wörter^). 

Von  der  größten  Wichtigkeit  ist  der  Gefühlswert  der  Provinzialis- 
men für  deren  Beibehaltung  in   allen  den  Fällen,   wo  das  Wort    nicht 


1)  Diese  Auffassung  ist  natürlich  eine  völlig  subjektive:  Die  schriftsprach- 
lichen Ausdrücke  haben  für  den,  der  sie  täglich  hört  und  braucht,  einen  ebenso 
ausgesprochenen  Gefühlswert,  wie  die  Provinzialismen  für  unser  Volk. 

2)  Über  die  Andeutung  des  Gefühlswertes  durch  lautliche  Symbole,  vgl. 
S.  812  ff. 


8J6  G.  Wißler 

nur  gelegentlich  und  individuell,  sondern  fast  regelmäßig  und  von 
jedermann  unter  dem  Eindruck  einer  heftigen  oder  innigen  Ge- 
mütsbewegung gesprochen  wird  und  beim  Hörer  einen  analogen 
Affekt  hervorruft.  Mit  solchen  gefühlsbetonten  Wörtern  will  der 
Sprechende  nicht  hauptsächlich  den  Begriff  bezeichnen,  sondern  vor 
allem  sein  subjektives  Urteil  über  den  Gegenstand,  seine  Gefühle 
für  oder  gegen  ihn,  seinen  Mitmenschen  kundgeben  und  auf  sie  über- 
tragen. Je  ausgesprochener  ein  Provinziah'smus  gefühlsbetont  ist,  desto 
weniger  läßt  es  sich  durch  korrekte,  nur  verstandesmäßig  erlernte, 
schriftsprachliche  Synonyma  ersetzen  und  verdrängen.  Er  haftet  mit 
zu  vielen  Fasern  am  ganzen  Sprachbewußtsein.  IS^icht  ohne  Bedeutung 
für  die  Beibehaltung  gefühlsbetonter  Wörter  ist  vielleicht  auch  der 
Umstand,  daß  sie  häufig  mit  Nachdruck  und  starker  Betonung 
gesprochen  werden. 

Wie  nachhaltig  der  Eindruck  stark  gefühlsbetonter  Wörter  im 
Gedächtnis  ist,  und  wie  innig  sie  mit  unserem  Wesen  verwachsen,  geht 
auch  daraus  hervor,  daß,  mag  einer  noch  so  lange  in  einem  fremden 
Milieu  gelebt  haben,  er  doch  im  Affekt  zu  den  heimatlichen  Kraftwörtern 
und  Flüchen  greift.  —  Die  große  Wichtigkeit  des  Gefühlswertes  für 
die  Erhaltung  der  Provinzialismen  ersehen  wir  schon  aus  der  Tatsache, 
daß  viele  mundartliche  Typen,  die  eine  konkrete  und  eine  gefühls- 
betonte übertragene  Bedeutung  haben,  beim  Übergang  in  die  Volks- 
sprache die  erstere  verlieren  und  nur  die  letztere  beibehalten.  Vgl. 
S.  756. 

Je  größer  der  Gefühlswert  eines  Wortes,  desto  mehr  tritt  sein 
begrifflicher  Inhalt  zurück.  Daher  erweitern  und  verändern  diese 
Wörter  leicht  ihre  Bedeutung,  vgl.  z.  B.  embeter,  das  in  Neuenburg 
den  Sinn  von  ,.enj61er,  tromper"  angenommen  hat. 

Durch  das  Zurücktreten  des  eigentlichen  Sinnes  ist  es  auch  erklär- 
lich, daß  sich  die  Wörter  mit  gleichem  oder  ähnlichem  Gefühlsgehalt 
nach  dem  (S.  804)  dargestellten  Vorgang  leicht  assoziieren  und  als 
Synonyma  auftreten.  Unter  diesen  sind  natürlich  nicht  alle  in  gleicher 
Weise  und  im  gleichen  Grade  gefühlsbetont,  sondern  zwischen  den 
einzelnen  bestehen  Unterschiede  in  der  Nuance,  die  durch  Nebenvor- 
stellungen, Lautsymbolik,  Suffixe  etc.  bedingt  sind,  doch  ist  das  Volk 
dieser  Unterschiede  oft  selbst  kaum  bewußt.  Um  so  schwieriger  ist  es 
für  einen  Uneingeweihten,  dieselben  nachzuempfinden. 

Es  ist  oft  schwer  zu  entscheiden,  ob  ein  Wort,  das  in  der  Volks- 
sprache als  gefühlsbetont  erscheint,  diese  Eigenschaft  schon  in  der 
Mundart  besaß  oder  in  wie  weit  ihm  eben  der  Umstand,  daß  es  aus 
dem  Patois  stammt  und  in  der  korrekten  Schriftsprache  nicht  vorkommt, 
einen  höheren  Gefühlswert  verliehen  hat.    Vgl.  S.  757. 

Um  von  dem  Keichtum  der  Volkssprache  an  gefühlsbetonten  Syno- 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  817 

nymen  einen  ungefähren  Begriff  zu  geben,  habe  ich  für  einige  Begriffe 
die  Anzahl  der  mir  bekannten  Bezeichnungen  angegeben: 

Eine  große  Menge:  24  Provinzialismen,  eine  Tracht  Prügel:  32;  ein 
heftiger  llegenguß:  IG;  ein  strenger  Verweis:  23;  schlagen  und  sich 
balgen  17;  herunterfallen,  kollern  G;  zerdrücken,  zerstampfen  21;  großer 
Lärm  13;  schreien  7;  laut  auflachen  5;  rittlings  12;  necken,  ärgern, 
aufziehen:  14;  mißhandeln:  9;  betrügen:  11;  beschwatzen  (enjoler):  10; 
boshafter  Mensch:  8;  stehlen:  13;  Lump,  Taugenichts:  13;  Ausschuß, 
wertloses  Zeug:  18;  beschmutzen,  beschmieren:  28;  schmutzige  Person 
10;  schmutzig  und  gierig  essen  12;  zerreißen,  (auf  verschiedene  Arten) 
beschädigen  21 ;  flicken  (verschiedene  Arten)  17;  zerlumpt9;  vermischen, 
vermengen  7;  in  Verwirrung  bringen  9;  belästigen  14;  lästige  Person  15; 
umherspüren,  aufstöbern  14;  sich  abmühen  9;  unnütz  hin- und  herlaufen, 
sich  unnütze  Mühe  geben  10;  tändeln  8;  Trödler,  Kleinigkeitskrämer  18; 
müßig  gehen  9;  träge  10;  mürrisch  7;  Geschwätz  8;  schwatzhafte 
Person  15;  schwerfällige  Person  13;  dumm  (Adj.)  45;  Dummkopf  (Subst.) 
11;  blödsinniger  Mensch,  Kretin  12;  Dummheit  11;  schwach,  Schwäch- 
ling IG;  Furcht  7;  verzärteln?;  verzogenes  Kind  7;  schlafen  G;  sterben 
15;  betrunken  sein  25. 

Gefühlsbetont  sind  vor  allem  V^örter,  welche  die  Ursache  der 
Gefühlsbewegung  bezeichnen:  Gegenstände  und  Handlungen,  welche 
unser  Gefühl  affizieren  (cf.  uneroille,  S.822;  cresener,  S.  808),  dann 
der  Urheber  dieser  letztern  (cf.  equepille,  S.  829),  dessen  Eigen- 
schaften (cf.  engaine,  S.826)  dieGemütsbewegungselbst  (revo- 
lin,  S.  832). 

Im  Folgenden  habe  ich  versucht,  die  gefühlsbetonten  Provinzialis- 
men nach  der  Qualität  und  dem  Grad  des  mit  ihnen  verknüpften 
Gefühls  zu  gruppieren;  doch  verhehle  ich  mir  nicht,  daß  eine  solche 
Einteilung  zu  künstlich  ist  und  der  Wirklichkeit  bei  weitem  nicht 
gerecht  wird,  da  im  Leben  die  Qualität  eines  und  desselben  Wortes 
unendlicher  Nuancen  fähig  ist  und  die  Intensität  der  mit  dem  Worte 
assoziierten  Gemütsbewegung  jeweilen  zwischen  sehr  weit  auseinander- 
liegenden Grenzen  schwanken  kann.  Ein  anderer  möglicher  Einteilungs- 
grund hat  sich  mir  aber  nicht  geboten. 

a)  So  können  wir  etwa  zusammenstellen  die  Bezeichnungen  für 
Gegenstände,  Handlungen  und  Eigenschaften,  die  unsere  Aufmerk- 
samkeit —  die  sich  bis  zur  Überraschung,  ja  bis  zum  Schrecken 
steigern  kann  —  oder  unser  lebhaftes  Interesse  —  das  in  Bewun- 
derung oder  Neid  übergehen  kann  —  erregen.  Charakteristisch  für 
diese  Wörter  ist,  daß  der  Sprechende  durch  sie  eine  eindringliche, 
verstärkende,  übertriebene  Darstellung  von  der  Sache  zu  geben 
sucht. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  52 


818  G.  Wißler 

Hierher  gehören: 

a)  Handlungen,  dieeinenbedeutendenKraf  tauf  wand  bedingen,  wie 

schlagen: 

roiller,  vgl.  S.  810. 

zermalmen,  zerquetschen: 

emeluer  (Dupertuis :  Loc.  vic):  .  .  jusqu'ä  ce  qui  [qu'ils]  tombent 
par  terre  le  cräne  ä  moitie  emelue  (Gorgibus :  Frederi  .  .  .  S.  111);  in 
der  Mundart :  hnelua  (Bridel). 

drehen,  winden  (tordre): 

mailler  (G,  N,  V,  F):  „mailler  une  brauche  de  ebene  pour  faire 
une  rioute"  [=  rouette]  (G)  „le  cotzon  [=  la  nuque]  maille"  (Vallotton  : 
Mr.  Potterat);  in  der  Mundart :  wiazY/e  (Bridel),  mälyi  <:jnäii^  (Dict. 
sav.  und  Puitspelu). 

ß)  Handlungen,  welche  durch  eine  plötzlich  wirkende  große 
Kraft  hervorgebracht  werden: 

an  etwas  stoßen: 

s'embaumer(V, Dupertuis:  Loc.  vic,  Pierrehumb):  „Attention! .. . 
9a  tourne  ä  droite!  n'allez  pas  vous  embaumer  contre  la  muraille!" 
(Vallotton :  Portes  entr'ouv.,  S.  219)  —  „.  .  un  cycliste  qui  s'est  em- 
baum^  contre  un  tramway  ave  [avec]  sa  machine"  (Vallotton :  ibid. 
S.  243).  —  [Im  „Labyrinth"] :  „.  .  je  souleve  un  rideau  ...  et  rran, 
je  m'embaume  contre  une  glace."  (Gorgibus :  Cabotzet  .  .  S.  16);  in 
der  Mundart :  s'einbonma  <^eböma^  (Conteur  vaudois). 

mit  dem  Kopf  zusammenstoßen: 

se  tüter  (F,  N,  V):  „deux  beliers  qui  se  tutaient"  (F);  in  der  Mund- 
art futä  =  cosser  (Bridel). 

turter,  oder  se  turter  (V,  Dupertuis  :  Loc.  vic.)  [on  vit  le  taureau] 
„.  .  .  s'eflfrayer,  bondir,  turter,  ebranler  son  rätelier  au  choc  de  ses 
cornes"  (Ceresole  :En  cassant  .  .  .,  S.  46)  „Je  parie  qu'elle  s'est  encore 
turtee  avec  la  chevre  aux  Parchet?"  (B.  Vallotton :  Torgnoluz,  Lau- 
sanne 1908,  S.  8);  in  der  Mundart :  ifwr/ä,  v.  n.  (Dumur  :  Patois  vaudois). 

erschlagen,  zusammenschlagen: 

6tertir  (V,  Dupertuis :  Loc.  vic):  „Ce  n'est  pas  l'envie  qui  me 
manque  de  l'etertir,  cette  sale  bete"  (R.  Morax :  Dime,  S.  162).  „. . .  l'idöe 
d'etre  vole  ou  6terti  dans  ces  especes  de  cages  ä  poulets  [Eisen- 
bahnwagen!] oü  y  [ils]  fourre  [fourrent]  les  voyageu  [voyageurs]". 
(Gorgibus :  Frederi  .  . .,  S.  9;  vgl.  auch  Vallotton :  Mr.  Potterat,  S.  66); 
in  der  Mundart :  efetit  (Ormont  dessus,  auch  bei  Bridel  und  Dumur). 

y)  Rasche  oder  plötzliche  Bewegungen: 
einen  Anlauf  nehmen: 
s'emmoder^)  (N,  F  :  Suppl.)  und  nach  Plud'hun    im  Kt.  Waadt): 

1)  emmoder  =  commencer  vgl.  S.  822. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  819 

„II  s'est  6mod6  de  loin  pour  faire  un  pareil  saut"  (N).  [Les  caisses] 
„qiii  ^taient  pleines  de  billets  etaient  legeres,  mais  quant  ä  Celles  qiii 
avaient  de  Tor  et  des  ecus,  il  fallait  eneore  s'emmoder  pour  les  avoir" 
(Ceresole  :  Seines  vaud.  177);  cf.  in  der  Mundart :  emmoda  =  partir; 
mettre  en  train  (Bi  idel).  —  Dazu :  emmoder  v,  a.  =  mettre  en  mouvement 
(N,  F,  Dupertuis:  Log.  vic.):  emoder  un  battoir  [Hanfbreche]  (Pierre- 
humb.) :  „L'un  [des  pasteurs]  tenait  la  ficelle  .  .  eramodait  la  luge 
[le  traineau]  en  se  frayant  une  route  dans  la  neige"  (Ceresole :  Scenes 
vaud.,  S.  279);  emoder  une  vache  =  preparer  le  pis  avant  la  traite 
(Pierrehumbert);  „ceux  qui  emmodent  les  guerres  (Ceresole  :  Seines  vau- 
doises,  S.  89).  —  s'emmoder  =  sich  in  Bewegung  setzen  „11  y  a  un  petit 
air  de  bise,  je  me  demande  si  le  train  [Lokalbahnzug!]  veut  pouvoir 
[pourra]  s'emmoder  (Vallotton  :  Mr.  Potterat,  S  163).  —  s'emoder  = 
se  mettre  ä  l'oeuvre,  au  travail  (N);  etre  emraode  =  sich  mit  vollem 
Eifer  der  einmal  begonnenen  Tätigkeit  widmen:  „Une  fois  que  je  suis 
emode,  Touvrage  va  tout  seul"  (N;  vgl.  auch  Vallotton :  Mr.  Potterat,. 
S.  202  und  212). 

s'embrier^)  (V,  Pierrehumb.,  Plud'huu  :  Waadt) :  [Ein  Hund  sieht 
einen  Knochen  an  einem  Glockenzug  hängen]  :  ,,I1  l^ve  aussi  la  tete, 
il  flaire,  il  renifle,  il  s'embrille  .  .  .  Rran!"  (Vallotton :  Portes  entr'ouv., 
S  205;.  Apres  qu'on  s'est  eu  arrete  trois  fois  et  qu'on  s'est  eu  rembriö, 
le  mossieu  me  dit"  .  .  .  [auf  der  Eisenbahnfahrt]  (Gorgibus  :  Frederi ,  .  ., 
S.  11);  in  der  Mundart :  s'emöna  (Bridel). 

s'emourger^)  (G):  „Je  trimbale  mes  provisions  sur  le  bateau, 
et  puis,  quand  le  „Winkleriede"  s'est  eu  emmourge,  je  trace  preudre 
mon  biyet"  (Gorgibus :  Frederi  .  .  .,  S.  167).  —  „Bref!  Un  beau  matin 
je  m'emmourge  du  cöte  de  la  gare"  (Gorgibus  ibid.,  S.  10);  in  der 
Mundart,  vgl.  einmordji  etc.  =  mettre  en  train  (Bridel). 

fallen,  kollern: 

rebatter,  rebedouler,  derupiter,  degredeler,  vgl.  S.  811. 

zu  Boden  fallen,  purzeln: 

cupesser')  (G,  N,  St.  Imier):  „La  table  oü  il  ecrivait  cupessa".  — 
„En  voulant  monter  sur  l'echelle  je  cupessai"  (G) ;  in  der  Mundart : 
küpesa  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz),  tiupessa  (Conteur  vaud.),  cu- 
pessi  V.  a.  =  renverser  (Dict.  sav.). 


1)  Für  embrier  v.  a.  =  in  Bewegung  setzen,  vgl.  ein  Beispiel  bei  Cere- 
sole:  Seines  vaud.  S.  256;  vgl.  auch  embruyer  bei  Cunisset-Carnot  und  bei 
Beauquier. 

2)  Nach  G.  bedeutet  s'ömourger  auch :  s'animer,  se  röveiller,  se  douner  de 
la  peine. 

3)  Hierzu:  la  cupesse  =  Purzelbaum,  und  Sturz  (G,  N,  V,  W)-,  in  der 
Mundart:  cupessa  (Bridel,  Dict.  sav.). 

52* 


820  G.  Wißler 

betculer  (N  .*  „Je  fourre  mon  pied  dans  un  des  trous  et  je  b6te- 
cule  .  .  .  dans  un  fossö."  (Gorgibus :  Frederi  .  .  .,  S.  38);  in  der  Mund- 
art: betküla  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz),  betetiula  (Conteur  vaud.). 

eilen,  rennen: 

tracer,  v.  n.  (V,  Pierrehumb.)  :  [„chacun  son  metier"]  „les  uns 
garnissent  des  chajieaux,  et  les  autres  tracent  aprös  les  voleurs"  ( Vallot- 
ton  :Mr.  Potterat,  S.  94)  —  „Et  je  trace  du  cote  de  la  foret"  (Gorgibus: 
Frederi  .  ,  .,  S.  42);  in  der  Mundart,  cf.  treffi  [in  Genf?],  tressi 
(Bridel);  traci  ^  Conteur  vaud.)- 

hin-  und  hereilen,  umherstöbern: 

bourgater(V,  Pierrehumb.),  bargater  (Pierrehumb.):  ,,A  les  en- 
tendre  [les  zouavesj,  il  parait  qu'ils  bourgataient  de  ci  de  lä,  tiraient 
sur  la  frontiere,  faisaient  plus  de  fumee  que  de  mal  .  .  ."  (Ceresole, 
Scenes  vaud.,  S.  127);  in  der  Mundart:  borghatta,  etc.  (Bridel). 

herumwühlen : 

rebouiller,  vgl.  S.  813,  rebener,  vgl.  S.  811. 

hin-  und  herzerren: 

tirevougner,  vgl.  S.  810. 

schütteln : 

gruler^),  v.  a.  (V),  greuler  (G,  W),  gurler  (F):  „gruler  un  prunier 
pour  en  faire  tomber  les  fruits"  (V);  in  der  Mundart :  ^rw/Za,  gurla  etc. 
(Bridel). 

abhauen,  abbrechen: 

trosser  (N,  Pierrehumb.) :  trocer  des  arbres  =  les  couper,  les 
saper  (Pierrehumb.).  —  „C'est  un  reuard  qui  a  trosse  uue  branche" 
(R.  Morax:Dime,  S.  158);  in  der  Mundart  trossi  =  rompre,  briser, 
casser  (Bridel) ;  trossi  =  scier  ou  fendre  du  bois  (Dict  sav.). 

zerquetschen: 

eclafer,  vgl.  S.  811. 

d)  Starke  und  auffällige  Geräusche: 

Vgl.  die  Beispiele  auf  S.  808—809;  cresener,  touper,  tredon, 
ouingner,  zonuer,  ronner,  boueler,  roueler,  coailler,  sicler. 

e)  Extreme  Temperaturen:  Kälte: 

cramine,  s.  f.  =  froid  excessif  iN,  V;:  „II  faisait  une  cramine 
de  la  metzance"  [franz.  etwa: du  diable!]  (Ceresole :  Scenes  vaud., 
S.  217).  —  „Quelle  cramine  il  faisait  au  Nouvel-an"  (N);  in  derMuud- 
art ikramena  (Bridel). 

Hitze: 

raveur,  (N,  V):„Ti  [Est-il]  possible,  quielle  [quelle]  raveur  pou 
[pour]  faire  cette  grimpöe!"    (Monnet :  Favey  et  Grognuz,    S.   61).   — 


1)  Als  V.  n.  =  trcmbler  (G,  F,  N),  vgl.  grullä  (Bridel). 


Das  schweizerische  Volksfraiizösisch  821 

„On  se  tue  en  marchant  par  une  teile  raveur"  (N);    in   der  Mundart : 
raveur  (Bridel),  ravmi  in  den  Waadtländer  Alpen ^)  etc. 

"Q)  Große  Quantitäten,  wie  eine  große  Menge,  eine  be- 
deutende Anzahl,  im  allgemeinen: 

une  trrUee  (G  und  nach  ihm  auch  in  Freiburg  und  in  der  Waadt): 
„une  trälee  de  gamins";  „une  trälee  d'injures"  (G).  —  „11  nous  lächa 
une  tralöe  de  sottises  (G)  —  „y  [il]  parait  qu'il  avait  une  trälee 
d'heritiers  qui  ne  lui  etaient  pas  simpatiques  ..."  (Gorgibus :  Freden  , .  ., 
S.  22)  „dire  toute  la  trälee  charmante  des  vieux  mots".  (Ph.  Monnier : 
Causeries  genevoises,  S.  161);  in  der  Mundart :  ^ra^S^^a  (Duret :  Patois 
genevois). 

une  charoupee  (G):  „une  charoupee  de  badauds"  ;G).  „C'est 
grande  pitie  de  voir  un  si  petit  cheval  trainer  une  pareille  charoupee 
de  monde"  (G),  vgl.  in  der  Mundart :  tsaroppahie,  <Ctsaropaydy  =  lourde 
chute  (Bridel),  abgeleitet  von  tsaroppa  =  personne  engourdie,  pares- 
seuse.  „charoupee"  hat  also  die  spezielle  Nuance:  eine  schwere,  unbe- 
wegliche Masse. 

une  ramelee  de  gamins  (F,  N),  de  badauds  (G),  de  pommes(F); 
in  der  Mundart :  ramelahie  <C:raindlay9>  (Bridel). 

une  embardouflee:  „lls  m'en  ont  fourreune  embardouflee  [d'iod] 
que  je  suis  brun  comme  un  cafard".  (R.  Morax  :  Sac  ä  douilles,  S.  71), 
vgl.  in  der  Mundart  das  vb.  einbardoffla  (Bridel)  [embardoufler :  G,  N] 
=  salir,  barbouiller;  Nuance  also:  eine  Masse,  die  beschmiert. 

eine  Tracht  Prügel: 

In  den  Kt.  Frei  bürg  und  Waadt  wurden  von  zwei  Dialektsprechen- 
den nicht  weniger  als  170  mundartliche  Ausdrücke  dafür  gesammelt'^). 
Von  den  32,  die  m.  W.  auch  in  die  Volkssprache  herübergenommen 
wurden,  seien  nur  die  folgenden  erwähnt: 

une  ouichtee  (N),  uichtee  (Pierrehumb.) ;  in  der  Mundart :  öwa 
vwistäyd  (Tappolet  :loc  cit.  sub^),  S  3),  abgeleitet  von  rim^a  =  Rute  ^) 

une  pongenee  (Pierreh.);  in  der  Mundart  :joö.s9wäj/a  (Tappolet: 
loc.  cit.,  S.  4). 

une  etraclee  (N,  Pierrehumb.);  vgl.  in  der  Mundart  :e^rn'%ä,  v.  n.= 
ciaquer  du  fouet  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz) :  etracler,  S.  810. 

ein  heftiger  Regen*): 

une  carre,  (=  G,  F,  N,  V,  Peter  :  Cacol.)  :  On  sentait  venir  l'orage 


1)  Vgl.    über   die    mundartlichen   Formen   des   Wortes,   deren  Bedeutung 
und  Etymologie  Gauchat  im  Bulletin  du  Glossaire  1908,  S.  55. 

2)  Cf.  E.  Tappolet:  Les  expressions  pour  une  volee  de  coups.    (Bulletin 
du  Glossaire  1906,  S.  3  u.  flf.). 

3j  Das  V.  ouichter  vgl.  auf  S.  810. 

4)  Über  die  Ausdrücke  für  Regen  im  Val  de  Bagnes  vgl.  M.  Gabbud  und 
L.  Gauchat  im  Bulletin  1909,  S.  3ff, 


822  ^-  Wißler 

ou,  en  tout  cas,  une  grosse  carre"  (Ceresole :  Scenes  vaudoises,  S.  249); 
in  der  Mundart :  cara,  kara  (Bridel),  cära  (Dict.  sav). 

une  roille^)  <r9^>  (V,  Pierrehumb.,  W):  „.  .  .  je  pressens  une 
roille  et  je  m'abrite"  (Ceresole:  En  cassant .  .  .,  S.  41)  „par  cette  roille 
du  tonuerre"  (Vallotton  :  Mr.  Potterat,  S.  73);  in  der  Mundart :  ro//Aa 
<j'qia^^  s.  f.  (Bridel).  Zur  gleichen  Wortsippe  gehören :  roiller,  v. 
impers.  (V,  Pierrehumb.)  =  heftig  regnen ;  roillee,  s.  f.  (N,  Pierrehumb.) 
=  averse.  —  roiller,  v.  a.  =  schlagen,  vgl.  S.  810. 

lautes  Gelächter: 

recaffee,  s.  f.  (G,  V,  Pierrehumb,):  „De  ce  groupe  de  bonnes 
d'enfants  et  de  domestiques  sortaient,  par  intervalles,  d'enormes  re- 
caffees"  (G).  [Zwei  Pfarrherren  fallen  beim  Schütteln  zusammen  in  den 
Schnee]:  „Tl  fallait  entendre  alors  ees  recafföes  et  voir  cette  remollee 
[ümarmuugj  pastorale  dans  cette  neige."  (Ceresole :  Scenes  vaud., 
S.  283).  „Cet  [C'est]  le  grand  Fred^ri  qui  pouvai  [pouvait]  faire 
des  recafifees  quand  je  lui  racontais  Qa."  (Gorgibus  :  Frederi  . . .,  S.  94): 
in  der  Mundart :  rekafohie  <:ydkafaydy  (Bridel),  recafä  (Dict.  sav.).  — 
Hierzu  recaffer  =  laut  auflachen  (G,  V,  Pierrehumb.,  vgl.  auch  Gorgi- 
bus :  Frederi  .  .  .,  S.  94) ;  in  der  Mundart :  rekaffa  (Bridel). 

ri)  Große  Intensität  einer  Tätigkeit,  hoher  oder  höchster 
Grad   einer  Eigenschaft. 

(mit  Nachdruck)  beginnen: 

s'emmoder :  „Cette  poule  avait  ete  pondre  lä  dedans,  et  comme 
il  y  faisait  bon  chaud,  eile  s'etait  emmodee  ä  couver."  (Vallotton : 
Portes  entr'ouv.,  S.  71).  —  [Herr  Potterat  trägt  in  zwei  Körben  je  eine 
Katze;  die  eine  beginnt  ganz  erbärmlich  zu  miauen:]  „Charrette-arti- 
cula  Potterat  -  Bougre  de  bete!  .  .  .  Pourvu  que  Tautre  ne  s'emmode 
pas!  —  L'autre  s'emmoda  presqu'immediatement."  (Vallotton  :  Mr. 
Potterat  .  .  .,  S.  250).  —  „Voilä  un  bout  de  niaise  [une  quereile]  qui 
s'emmode"  .  .  .  (Ceresole  :  Scenes  vaud.,  S.  288);  in  der  Mundart :  em- 
moda  =  commencer  (Bridel).  —  Vgl.  die  übrigen  Bedeutungen  des 
Wortes  auf  S.  818. 

s'embrier^):  Voilä  la  Chorale  du  Brassus  qui  s'embrille.  [Jetzt 
fängt  gar  der  Gesangverein  von  Le  Brassus  zu  singen  an !]  (R.  Morax : 
Sac  ä  douilles,  S.  64);  in  der  Mundart  cf. :  s'einbryia  m edzi  =  commQncQX 
ä  manger  (Couteur  vaud.). 

(angestrengt)  arbeiten,  sich  abmühen: 

s'escormancher  (G,  V,  Pierrehumb.,  Peter  :  Cacol.):  „C'etait  le 
tambour  de  garde  qui  s'escormanchait   sur    sa   caisse  .  .  ."  (C^resole: 

1)  Auf   der  Karte    averse   (1447)    des  Atl.    ling.   findet   sich   nur   ro^ya 
[?]  (P.  969),  carre  ist  nicht  vertreten. 

2)  Die  übrigen  Bedeutungen  des  Wortes  siehe  S.  819. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  823 

Scenes  vaud.,  S.  85).  —  „.  .  .  tout  en  s'escormanchant  ä  ciaquer  du 
fouet..."  (Cerösole,  ibid.,  S.  273);  Inder  Mundart :  e^iorwa»/^;/ (Bridel). 

(endlich)  weggehen: 

se  döpedger')  (Pierrehumb.) ;  vgl.  in  der  Mundart :  s^  depedji  = 
se  detacher  de  quelqu'un  (Bridel). 

(heftig)  kratzen: 

ruper  (G,  V);  in  der  Mundart :  rw/jpa  (Bridel);  ruper  =  essen, 
vgl.  Gorgibus  :  Fröderi  .  .  .,  S.  12. 

(hoch  hinauf)  befestigen: 

aguiller  (G,  N,  V):  „Au  lieu  de  pendre  [suspendre]  ton  coque- 
mar,  pourquoi  l'aguilles-tu  ainsi  sur  les  büches?"  (G,  N)  —  „Comment, 
vous  n'avez  pas  eneore  aguille  l'enseigne?"  (R.  Morax :  Dirne,  S.  182); 
in  der  '^nuA-dri '.  aguellhi  <^agdii'>  =  jucher,  percher  etc.  (Bridel).  — 
Das  Gegenteil  (herunterholen) :  deguiller  (G,  V,  W):  deguelhi  (^v\di%\y). 

(heftig)  rauchen: 

torrailler  (N,  V)":  „Tout  ce  qu'ils  savent  faire  c'est  de  torailler 
des  cigarettes."  (Ceresole  :  Seines  vaud.,  S.  127);  in  der  Mundart :  torayi 
(in  dem  Patois  von  Villeneuve).  —  torrailler,  v.  n.  wird  in  N  und  V  ge- 
sagt vom  Feuer,  das  einen  dichten  Rauch  entwickelt.  —  torraille 
(N),  torree  (N)  =  bouffee  de  fumee;  torree  (Pierrehumb.)  =  Feuer 
der  Hirten  auf  dem  Felde ;  vgl.  in  der  Mundart :  torey  =  feu  des  champs 
(Gauchat :  Patois  de  la  Montagne  neuch.). 

(tief)  schlafen  : 

bener  (V,  Dupertiiis :  Loc.  vic,  Pierrehumb.),  binner(F);  Nach  N, 
F  bedeutet  das  Wort  auf  ein  Gericht  bezogen:  zu  lange  über  dem 
Feuer  bleiben  und  deshalb  einen  schlechten  Geschmack  bekommen 
wie  das  mundartliche  bena  (Gauchat :  Patois  fribourgeois). 

(mit  großer  Mühe)  verdienen: 

affaner^),  v.  a.  (G,  V,  Dupertuis  :  Loc.  vic):  „Tu  l'affanes  bien, 
ton  mois,  pauvre  petit  .  .  .",  (M™*.  Mussard :  Petit  Jean,  S.  22)  —  „Ces 
ouvriers  ont  bien  affane  un  pauvre  ecu"  (G);  in  der  Mundart :  a/«na 
(Bridel  und  Dict.  sav.). 

(nach  reiflicher  Überlegung)  einen  Entschluß  fassen: 

jobler  (N,  Guillebert :  Gloss.  neuch.,  S.  75):  „J'avais  joble  que  je 
lui  ecrirais,  mais  je  n'en  ai  pas  eu  le  temps"  (N).  Guillebert  sagt  loc. 
cit.  „Les  trois  mots  projeter,  se  proposer,  compter  ne  peuvent  pas  tou- 
jours  remplacer  notre  jobler,  qui  ajoute  quelquefois  une  nuance  ä 
Tidöe  qu'ils  expriment."  In  der  Mundart :  djoblla  =  entreprendre ;  parier; 
prendre  conseil;  prendre  ses  mesures  (Bridel). 


1)  Über  pöäge  etc.,  vgl.  S.  805. 

2)  Vgl.  S.  800. 

3)  Vgl.  Godefroy  ahaner :  se  fatiguer,  travailler. 


824  Gr.  Wißler 

(wichtige)  Geschäfte: 

abras,  s.  m.  pl.  (G,  N):  „II  est  dans  tous  ses  abras"  (G) —  il  fait 
beaucoup  d'abras  poiir  peu  de  chose"  [G);  in  der  Mundart :  obras  (Bridel). 

Kraft,  Energie: 

la  brasse  =  les  bras,  le  courage,  la  force:  La  mort  de  ma  femme 
m'a  eoupe  la  brasse  (N). 

l'acouet,  cf.  S.  793. 

gesunder  Menschenverstand: 

escien  tO  (G,  N,  F,  V,  Peter :  Cacol.) :  ,,. .  .  toutes  ces  braves  femmes 
qui  sont  lestes  et  pleines  d'escient"  (Ceresole :  Scenes  vaud.,  S.  161)  — 
„un  camarade  qui  ait  un  peu  plus  d'escient  que  lui  et  qui  se  fasse 
apprecier  du  monde  .  .  ."  (Ceresole,  ibid.,  S.  212).  —  „Qa  prouve  du 
goüt,  de  l'escient  .  .  .,  eu  fin  §a  a  bonne  fa^on."  (Vallotton  :  Portes 
entr'oiiv.,  S.  156  :  in  der  Mundart  ecÄem  =  bon  sens,  raison,  savoir-faire 
(Bridel),  ese  (Byland,  §  54). 

emme,  eme,  einae,  s.  m.  (G):  „II  n'a  point  d'eime";  in  der  Mund- 
art :  emo  =  intelligence,  bon  sens,  jugement  (Dict.  sav.). 

große  Furcht  haben: 

avoir  la  deguille  (N),  vgl.  in  der  "MimdsiYt :  degitelha  (Bridel)  = 
discours  mal  fait. 

(ganz)  voll  von: 

cläfi:  „Un  lit  cläfi  de  punaises,  une  tele  cläfie  de  poux"  (G);  in 
der  Mundart :  c/a/  (Dict.  sav.) ;  vgl.  daß  ==  serre,  masse  (vom  Brot  ge- 
sagt) bei  Puitspelu. 

abends  spät: 

sare  nuit  (N)  =  nuit  close. 

ganz  allein: 

mare  seul  (N)  :  „Ils  m'ont  laisse  mare  seul  toute  la  journee  (N) 

b)  Von  fremder  Hand  verursachte  physische  Schmerzen  veran- 
lassen in  uns  Unlustgefühle  und  geben  Anlaß  zu  heftigen  Gemütsbe- 
wegungen wie  Entrüstung,  Haß,  Zorn,  Wut,  Rachsucht;  der 
Urheber  seinerseits  empfindet  ein  gewisses  Lustgefühl,  wie  Sieges- 
freude, Bewußtsein  eigener  Überlegenheit  und  Macht, 
Schadenfreude  etc.  Diese  Gefühlswerte  sind  charakteristisch  für 
die  folgenden  Wörter: 

m  ißh  andeln: 

brigander^)  (F,  V,  Pierrehumb.):  „i  [ilj  brigandait  ses  betes 
sü  [sur]  la  route  d'Ouchy."  (Vallotton  :  Portes  entr'ouv.,  S.  36); 
Fernere  Beispiele  siehe  Vallotton :  Mr.  Potterat,  S.  58,  60,  152;  in  der 
Mundart :  hreganda  (Bridel). 


1)  Vgl.  escient  bei  Godefroy. 

2)  Vgl.  brigander  =  pillei-,  violenter  (Godefroy). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  825 

Backen  streich: 

^veillon  (G,  V),  röveillon  (N):  „II  lui  flanqua  un  eveillon  qui  le 
fit  taire"  (G);  in  der  Mundart :  (^m//o«,  reveillon  (Bridel),  evelion 
<  evdto>  (Dict.  sav.). 

Schlag: 

och  OD  (G):  „,  .  .  si  le  pauvre  bouöbe  [=  gargon]  avait  re^u 
l'ochon  im  peu  plus  bas,  il  en  serait  parti  [=  mort]"  (M"*^  Mussard: 
Petit-Jean,  S.  48). 

Vgl.  auch  die  folgenden  Wörter: 

roiller  S.  810,  ötraclee,  ouichtee,  poncenee  S.  821,  ötertir 
8.  818. 

c)  Ahnliche  GefUhlsbewegungen  werden  hervorgerufen  durch  Hand- 
lungen, welche  der  Betroffene  als  absichtlich  zugefügte  Beleidigung 
und  Unrecht  empfindet  und  die  er  dem  Urheber  als  Schlechtigkeit, 
als  Gemeinheit  auslegt.  Vgl.  die  folgenden  Beispiele,  von  denen  einige 
den  im  Worte  enthaltenen  Tadel  und  Schimpf  bis  zur  Grobheit 
steigern: 

seh  lecht,  böse: 

crouillei)  (G),  crouye  (G,  N,  V):  „dans  ce  monde  lesbonss'en- 
vont,  et  les  crouilles  restent"  (Vallotton :  Portes  entr'ouv.,  S.  186) ;  in 
Mundart :  croulo-a,  adj.  (Bridel). 

der  Halunke: 

ridan  =  gueux,  vagaboud,  homme  mal  fame  (N) ;  in  der  Mundart : 
redan,  redanna,  adj.  =  gueux,  rodeur  etc.,  (nach  Bridel  in  Aigle). 

miston  (N,  Pierrehumbert)  in  den  Neuenburger  Bergen  =  vaga- 
bond :  „Les  mistons  de  la  Chaux-de-Fonds  furent  enfermcs  pendant  le 
tir  federal"  (N);  in  der  Mundart :  niisto  (Gauchat :  Patois  de  la  Montagne 
neuchateloise). 

charavoüte,  s.  f.  (G,  Dupertuis :  Loc.  vic):  „Ecoute  voire  [donc], 
espece  de  tzaravoute"  .  .  .;  (Gorgibus  :  Frederi  .  .  .,  S.  72).  —  „Cette 
charavoüte  de  femme  a  ete  rapportee  chez  eile  ivre-morte"  (G);  in  der 
Mnüdart :  tsaravoüta,  charavoüta  (Bridel)  =  charogne;  bandit,  vaurien, 
faineant. 

frecher  Schlingel: 

detertin  (V);  in  der  MnndsiYt :  detert in  =  garnement,  debauche, 
mauvais  sujet  (Bridel).  detertin  wird  in  V  mit  temeraire  übersetzt; 
vgl.  dazu  den  folgenden  Passus  (aus  Ceresole  :  Seenes  vaud.,  S.  271): 
„C'est  un  tout  detertin  [il  s'agit  d'un  petit  gargon]  qui  n'a  peur  de 
rien  ni  des  rats  ni  des  derbons"  [=  taupes]. 


1)  Cf.  auch  R.  Morax :  Sac  ä  douilles,  S.  110  etc. 


826  ^-  Wißler 

Betrügerei: 

frouille,  s.  f.  (G,  N,  V,  Peter:  Cacol.);  vgl.  in  der  Mundart  das 
V.  fruiw ')  =  tricher  au  jeu  (Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz).  —  Siehe 
das  Wort  auch  in  Beauquier:  Dep.  du  Doubs. 

Verschlagener  Mensch,  der  sein  Wort  nicht  hält: 

bracaillon  (Pierrehumb.);  „.  .  .  suis  un  homme,  moi!  Suis  pas  un 
braeaillon"  (Gorgibus :  Les  cäfes  . .  .,  S.  49);  in  der  Mundart :  brakaillon 
(Bridel) ;  vgl.  bracalyon  <i  brakaiu  ^  ■=  petit  etourdi  (Dict.  sav.). 

List,  Betrug: 

engaine  (V);  in  der  Mundart :  em^ama,  angaina  =  rnse,  fraude, 
subterfuge  (Bridel). 

Aufschneiderei: 

gandoises  (V,  G,  N):    in   der    Mundart :  ^a«c?o/sa  [??]    (Bridel). 

betören: 

apigeonner  (G,  V,  Pierrehumb.):  „II  se  laissa  [!]  apigeonner  par 
toutes  leurs  magnifiques  promesses  (G);  in  der  Mxm^&xi:  apedjouna 
(Bridel). 

beleidigen: 

devousoyer  (Pierrehumb.) ;  in  der  Mundart :  devoseiki  <idevozeyt> 
(Bridel). 

verleumden: 

delaver  (N):  „Vous  avez  si  bien  delav6  ce  commis  qu'on  l'a  mis 
ä  la  porte"  (N);  anderes  Beispiel  in  Monnet :  Favey  et  Grognuz,  S.  53; 
in  der  Mundart :  delavä  (Bridel).  [Die  eigentl.  Bedeutung  des  Wortes 
ist:  durch  Waschen  entfärben,  vgl.  auch  Dict.  sav.]. 

ausschelten: 

di sputer 2),  v.  a.  (N,  F,  V):  „Je  la  dlsputais  tous  lesjours"  (N).  — 
„Mon  maitre  m'a  dispute''  (F) ;  in  der  Mundart :  despütä  (Gauchat : 
Patois  du  Val  de  Ruz). 

Verweis: 

pide,  8.  f.  (G  und  nach  ihm  auch  im  Waadtland,  Peter :  Cacol.) : 
„Tu  as  eu  ta  pide  et  ceia  te  venait  [=  revenait]"  (G) ;  in  der  Mund- 
art ipida  (Bridel). 

barsche  Abweisung: 

regauffde  (G  und  nach  ihm  auch  im  Kt.  Waadt,  N):  „faire  une 
regauffröe  äquelqu'un"(G);  regaufr6e(Pierrehumb.);  in  der  Mundart: 
reyauffahie  <Crgofayd^  (Bridel). 

remauffee  (V,  Dupertuis :  Loc.  vic),  vgl.:  „Quand  le  pauvre 
Veteran  [il  s'agit  d'un  coqj  a  senti  que  c'ötait  lui  qui  recevait  la 
remouffUe  et  que  ses  pucines  fpoules]  lui  faussaient compagnie"  .  .  . 


1)  Das  V.  frouiller  =  betrügen  in  G,  V,  N,  P6ter :  Cacol. 

2)  Nach  Littr6 :  disputer  qn.  =  lui  faire  quereile  bei  Saint-Simon. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  827 

(Cör^sole  :  Sccnes  vaud.,  S.  208) ;  in  der  Mundart :  remavffahie  <  rgmo- 
fayd  >  (Bridel). 

verspotten: 

se  bavarder  (G,  V):  „.  .  .  on  dicoute  plus  les  vieux  aujourd'hui; 
la  jeunesse  s'en  bavarde"  (M^^^  Mussard :  Petit-Jean,  S.  147)  —  „ces 
filles  se  bavardaient  des  passants"  (G);  in  der  Mundart  :s^  bavardä 
(Bridel)  —  Godefroy  zitiert  eine  Stelle  aus  Du  Pinet :  se  bavarder  =  se 
railler. 

hinterbringen,  ausplaudern: 

raccusepöter,  (N,  Pierrehumb.):  in  der  Mundart :  raÄ;Mspe^ä 
(Gauchat :  Patois  du  Val  de  Ruz). 

redipeter  (V,  Dupertuis :  Loc.  vic.):  „Mais  attend  te  voi,  si  [8'ils[ 
se  mele  de  redzipete  ce  qui  les  regarde  pas!"  (Gorgibus :  Frederi  .  .  ,, 
S.  99);  in  der  ^.ymAaxt'.redipeta,  redzapettä  (Bridel),  abgeleitet  von 
red/pet-etta,  adj.  =  rapporteur,  indiscret  (Bridel),  vgl.  redipet  (V). 

d)  Hier  möchte  ich  einige  Provinzialismen  anschließen,  die  als 
Spott-  und  Schimpfnamen  verwendet  werden  und  in  denen  die 
Gegensätze  zwischen  einzelnen  Klassen  der  Bevölkerung, 
zwischen  den  verschiedenen  Kantonen  und  Konfessionen  zum  Ausdruck 
kommen. 

Der  Schuster: 

tirelignu  (G) :  [.  .  .  un  vieux  petit  cordonnier  allemand]  „.  .  .  n'a 
rien  fait  que  marronner  et  de  batoiller  [=  schwatzen]  avec  un  autre 
tire-lignu  qui  ötait  avec  lui"  (Cdsr^sole :  Scenes  vaud.,  S.  69);  leingnu, 
lugnu,  lignu  etc.  (Bridel) :  lignu  (G,  F,  V),  lugnu  (F)  =  ligneul 
[Pechdraht].  —  Vgl.  in  der  Mundart :  tirdlünü  (Byland,  §  64). 

Der  Klempner: 

tapatoule  (F  :  Suppl.);  in  der  Mundart :  fapa-^ow^a  (Bridel);  — 
toula  =  töle,  fer-blanc. 

Der  Scheffelmacher: 

tapaseillon(V,  F),  tapeseillon  (N);  in  der  Mundart :  to/^as^^Y/o«, 
z.  B.  in  Bulle. 

Der  Uhrmacher: 

gratteloton  (G);  loton  =  laiton  vgl.  S.  755. 

Der  Polizei-  oder  Zollbeamte: 

le  gäpion  (G,  N,  V):  „Suivez-moi,  que  me  fait  un  gros  gäpion 
avec  un  tricorne  ä  deux  pointes."  (Gorgibus  :  Cabotzet  .  .  .,  S.  34).  — 
„Les  gapions  nous  ont  poursuivis"  (N);  vgl.  auch  Ceresole :  En  cas- 
sant. . .,  S.  168,  etc.;  in  der  Mundart :  gäpion  (Bridel);  ^a^j/rtw=douanier, 
employe  de  l'octroi  (Dict.  sav.). 

Der  Zivilstandsbeamte: 

Le  petabosson  (Dupertuis  :  Loc.  vic):  „.  . .  j'avais  juste  le  temps 
de  couri  [courir]  chez  le  petabosson."    (Gorgibus :  Frederi  .  .  .,  S.  43). 


828  ^-  Wißler 

Der  Lehrling: 

le  pommeau  (N);  in  G :  petit  messager  d'iin  bureau;  in  der  Mund- 
art :;9om(^  =  apprenti  (Gauchat :  Patois  de  la  Montague  neuchäteloise). 

Der  Deutsche: 

un  iäiä  (FrSuppl):  »Le  yä-yä  s'y  met"  (Gorgibus  :  Frederi  .  .  ., 
S.  90). 

un  albotch  (Pierrehumb.):  „•  .  •  car  9a mange-t-y,  ces  Alboches!" 
(Gorgibus :  Frederi  .  .  .,  S.  87). 

un  staufiff  re  <Csto..>  (Genf,  Pierrehumb.):  „Cependant  le  Comniis- 
saire  avait  provisoirement  renonce  en  la  presence  de  son  geudreätoute 
plaisanterie  sur  les  „Sloffifers,  Totos,  tetes  carrees,  bouffeurs  de  chou- 
croiite"  et  autres  amenites  .  .  ."  (Vallotton  :  Mr.  Potterat  .  .  .,   S.  245). 

un  tauberbitche  (Pierrehumb.). 

un  touyetz  (Gorgibus : Frederi  .  .  .,  S.  90). 

nn  Tutche  (Pierrehumb.);  Schweizerdeutsch  :  f?^i;6^  =  deutsch;  in 
der  Mundart  von  Estavannens  :  0  tüts. 

Der  Italiener: 

un  capiäne,  nn  couachtre  „Ces  sacres  macaronis  deCuachtresl" 
(Vallotton :  Portes  entr'ouv.,  S.  37),  vgl.  hwästr  in  der  Mundart  bei 
Urtel  (Diss.  :  Glossar);  un  tschink  [wie  im  Schweizeideutschen  tsii^h] 
(Pierrehumb.). 

Der  Freiburger: 

un  zozet  (Pierrehumb.),  vgl.  le  Dzozet  [=  ein  Knecht  aus  dem 
Freiburgischen]  (Vallotton  :  Mr.  Potterat,  S.  193  u.  ff.).  —  „Vivent  les 
Dzozets!"  (R.  Morax  :  Dime,  S.  193)  —  „un  Dzozet,  c.  ä  d.  un  des  nom- 
breux  Joseph  issu  des  campagnes  fribourgeoises".  (Ceresole  :  En  cas- 
cant  .  .  .,  S.  28). 

Der  Protestant: 

inguenod  (F):  vgl.  „Vivent  les  Tnguenots!"  (R.  Morax :  Dime, 
S.  193);  in  der  Mundart :  m^?<6;wo^  =  huguenot  (Bridel). 

e)  Im  Folgenden  sind  Provinzialismen  vereinigt,  welche  Dinge  und 
Handlungen  bezeichnen,  die  unser  moralisches  und  ästhetisches  Schick- 
lichkeitsgefühl  —  bald  mehr  das  eine,  bald  mehr  das  andere  — 
verletzen,  uns  lästig  fallen,  unangenehm  berühren,  und  widerwärtig 
erscheinen  und  zu  Mißfallen,  Ärger,  Unwillen,  Überdruß  Anlaß 
geben.  Handlungen,  Sachen,  Personen  dieser  Art  betrachten  wir  als 
mangelhaft  und  minderwertig  und  sprechen,  aus  dem  Gefühl  eigener 
Überlegenheit  unsere  Unzufriedenheit,  unsere  Mißbilligung,  unseren 
Tadel,  unsere  Geringschätzung  und  unsere  Verachtung  über  sie 
aus  und  kleiden  unser  Urteil  in  eine  Form,  die  oft  das  Selbstbewußt- 
sein der  andern  verletzt  und  grob  erscheint.  Vgl.  die  folgenden  Bei- 
spiele : 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  829 

verwirren,  verwickeln: 

echarbotter  (G):  eclieveau  echarbntte  (G);  in  der  Mundart: 
eSarbotla"  (Jeauja(iuct :  Palois  d'llernuuice),  erliaibofö  <  e^  .  .  .>  (Dict. 
sav.),  —  Siebe  das  Wort  auch  bei  Cunisset-Carnot :  Vocables  dijonnais. 

sich  verwirren,  in  Verlegenheit  geraten: 

s'encoubler')  (G,  F,  N,  Peter :  Cacol.):  Lii  jeune  fille  s'eucoubla 
[!j  dans  su  robe  et  tomba  (G):  ,,Comme  il  y  en  avait  qui  ne  voyaieut 
pas  bieu  les  petits  tas  de  racloiis,  echelonnes  au  bord  de  la  route,  il 
arrivait  qu'ils  s'encoublaient  et  puis  se  jetaient  par  terre  .  .  ."  (Cere- 
sole :Scenes  vaud.,  S.  93),  „Couime  il  ne  lisait  pas  ä  la  precipitee  en 
bredouillant  et  en  s'encoublant  .  .  /'  (Cercsole,  ibid.  S.  59);  in  der 
Mundart:  einhobllia  <  ekobta  >  (Bride!),  encoblä  (Dict.  sav.). 

langweiliger  Mensch: 

equepille^),  s.  m.  (N),  aquepille  (Pierrehumb.,  St.-Imier):  „Quel 
equepille  que  ce  magnin  [=  wandernder  Kesselflicker],  il  arrive 
toujours  quand  on  diue"  (N);  in  der  Mundart :  aÄ;/9CB^  (Gauchat :  Pafois 
du  Val  de  Ruz).  —  Vgl.  enquepille  bei  Beauquier  :  Departement  du  Doubs; 

durch  seine  fortdauernden  Klagen  lästiger  Mensch: 

piorne,  s.  f.  (G,  F,  N,  V);  piourne  (G):  „Toi,  la  Pernette,  tu  n'es 
qu'une  piorne"  (R.  Morax :  Dirne,  S.  14).  —  „Etre  condamne  ä  avoir, 
ä  sa  gauche  une  ,.piorne"^  .  .  .  (Cercsole  :En  cassant  .  .  .,  S.  16).  — 
„Tais-toi,  piourne!"  (G);  in  der  Mundart :  piorna  (Bridel).  —  Zur  gleichen 
Wortsippe  :  /j/orw« (Bridel)  =  se  plaindre  sans  cesse  :  piorner  (G,  V,  Peter  : 
Cacol.,  N,  F),  cf.  S.  809. 

durch  anhaltende  Klagen  (Bitten)  belästigen: 

trioler,  vgl.  S.  809. 

langweilige,  oft  wiederholte  Rede: 

ritoule  (F,  N,  V):  „.  .  .  David;  tu  m'enerves  ä  la  fin  avec  ta 
ritoule  .  .  ."  (Ceresole  :  En  cassant  .  .  .,  S.  42);  in  der  Mundart  :nY- 
toula,  8.  f.  (Bridel). 

lässig  und  langsam  arbeiten: 

patracler  (G,N,  V);  vg).  in  der  Mundart :  pa^mÄ-«  (Gauchat :  Patois 
du  Val  de  Ruz),  abgeleitet  von  franz.  patraque  adj.  =  alt,  hinfällig:  — 
s.  f  .=  abgenutzte  Maschine. 


1)  6  n  CO  üble,  s.  f.  (G,  F,  Dupertuis  :Loc.  vic.) :  eincohlla  (Bridel)  bedeutet 
eigentlich  :*entiave  (d'UQ  cheval  par  ex.)  und  encoubler  =  entraver  und  erst 
in  übertragenem  Sinne  =  erabarrasser.  Gleiche  Bedeutung  haben  im  Neupro- 
venzalischen  encoublo  (s.  f.)  und  encouhla  (v.  a.),  nach  Mistral.  Vgl.  auch  ekoMd 
und  ekohiä  auf  den  K.  1550  und  1551  des  Atl.  ling. 

2)  Vgl.  über  das  Wort  und  die  verwandten  dequepiller  =  debarrasser, 
aquepiller  =  embarrasser,  Prof.  Gauchat  im  „Bulletin  du  Glossaire"  1908, 
S.  58  ff. 


830  G.  Wißler 

zögern,  die  Zeit  verlieren: 

trigailler  (Sitten);  in  der  Mundart :  ^rc^a//>' (Courthion  :  Patois  du 
Val  de  Bagnes). 

untätig  herumschlendern: 

bandroüler(N),  bandoüler  (Pierrehumb.),  vgl.  in  der  Mundart : 
bandholli  (Bridel). 

Fauler  Mensch,  Taugenichts: 

charoupe,  s,  f. :  (G,  V,  F  :  Supplement)  „.  .  .  mais  sa  charoupe 
de  mari  se  contente  de  boire,  manger  et  dormir"  (G).  —  „Tais-toi, 
charoupe,  ou  je  te  casse  la  gueule"  (R.  Morax :  Dime,  S.  139) ;  in  der 
Mundart :  tsaroppa  (Bridel),  gharopa  <  ^■a  .  .  .  >  (Dict.  sav.). 

rasch  und  nachlässig  arbeiten: 

brotter  (Plud'hun.),  brau8ser(Pierrehumb.);  in  der  Mundart:  brotta 
und  brothi  <;^brq9^iy^  (Bridel). 

schlecht  pflügen: 

egravater  (Pierrehumb.) ;  in  der  Mundart :  ^^mt;9^ä  (Val  d'IIliez), 
auch  =  scharren  (von  HUhnern). 

schlecht  melken: 

biotsonner  (Pierrehumb.),  abgeleitet  von  mundartl.  bllossi  <Cbiosi<C, 
etc.  (Bridel),  blossi  (Dict.  sav.),  =  pincer;  vgl.  blosser  (N), 

durch  ungeschicktes  Beschneiden  beschädigen: 

chapler*)  (G,  F),  chap  loter  (G,  F),  chapuser'')  (N):  „Les 
ecoliers  se  plaisent  ä  chapler  les  bancs  et  les  pupitres"  (G).  —  „La 
couturiere  m'a  chaple  cette  robe"  (G).  —  „Chapioter  des  etoffes"  (Pierre- 
humb.). —  „Au  Heu  de  faire  la  pointe  aux  echalas,  il  les  a  tout 
chapuses"  (N);  in  der  Mundart :  isap^/a  <itsapia'>  etc.;  isapllotta  etc.: 
tsappouaisl  etc.  (Bridel),  ghaplotä  <,&a  .  .  .  >  (Dict.  sav.). 

ausrenken,  aus  den  Fugen  bringen: 

demangonner(G), demangouner,  demanguiller(Pierrehumb.): 
.  .  .  „quand  le  soleil  6tait  dejä  bien  haut,  que  les  reins  6taient 
demanguillonn^s  et  les  bras  tout  en  breloque  [vom  Mähen!]  .  .  ." 
(Cerösole :  Seines  vaud.,  S.  271).  —  „La  cheminöe  est  toute  d^man- 
guill6e"  (Pierrehumb.)  —  „serrure  demangounee"  (G);  in  der  Mundart; 
demangounna^  demangidllonnä  (Bridel),  demangiielionna  (Conteur  vaudois). 

zerzausen: 

6pini acher  (G):  „  •  •  .  c'etait  de  voir  les  femmes  .  .  .  retenir 
leurs  cheveux  tout  6piniach6s.''  (M»»«.  Mussard  :  Petit  Jean,  S.  218);  vgl. 
in  der  Mundart :  epenassi  =  sörancer  (Bridel). 


1)  Vgl,  tsap^a  auf  der  Karte  d6pecer  (1533)  des  Atl.  ling. 

2)  Als  V.  n.  =  travailler  comme  charpentier  (Pierrehumb.). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  831 

zerlumpt: 

döpatoillu  (V,  Dupei'tuis  :  Loc.  vic);  in  der  Mundürt :  depathollu 
<?>  (Bridel). 

Fetzen,  Lumpen: 

brelaudes,  8.  f.  pl.  (G) :  „  .  .  .  un  [une]  paire  de  bas  dont  j'ai 
bien  retenu  les  elaires  [=  raccommode  les  rangs  de  mailles  useesj 
afin  que  Jean  ne  les  mette  pas  [tout]  de  suite  en  brelaudes"  (M«"«. 
Mussard  :  Petit  Jean,  S.  247);  in  der  Mundart :  Are/aMrfa  (Bridel),  brelode^ 
pl.  (Dict.  sav.). 

alter  abgetragner  Schuh: 

grolle  (G,  V);   in  der  Mundart :  ^ro/^a  (Bridel),  grola  (Dict.  sav.). 

(alte)  Hütte: 

cazintche  (Pierrehumb.)  ==  maison  au  sens  pejoratif. 

cadolle  (N)  =  baraque,  cabane;  in  der  Mundart :  Ä;ac?o/  (Gauchat: 
Patois  du  Val  de  Ruz). 

schlechte  Uhr: 

un  cloclo  (G,  N,  Pierrehumb.). 

Schindmähre: 

ergalle,  s.  f.  (N):  Jamais  ces  deux  ergalles  de  chevaux  ne  con- 
duisent  cette  voiture  ä  Chaumont  (N);  in  der  Mundart :  er^a/ (Gauchat : 
Patois  du  Val  de  Ruz). 

alte  Kuh: 

c  ab  e  (N,  Pierrehumb.) ;  in  der  Mundart :  caba  (Bridel),  kaba  (Gauchat 
Patois  du  Val  de  Ruz),  siehe  auch  S.  771. 

schlechtes  Getränk  (Arznei): 

potr in gue(G,N, Peter  :  Cacol.);  „Votre  cidre  a  un  goüt  de potringue" 
(G);  in  der  Mundart :  po^r/^^^a  *)  =  drogue,  tisane  (Bridel). 

schlechter  Wein : 

penatzet  (V,  Dupertuis :  Loc.  vic):  „un  vin  qui  n'avait  pas  l'air 
d'etre  du  penatzet".  (Ceresole  :  Scönes  vaud.,  S.  175) ;  in  der  Mundart : 
penatzet  (Dumur  :  Patois  vaudois). 

beschmieren,  beschmutzen: 

embardouffer  (G,  N,  F,  V,  W):  „Mais,  monpauvre  ami,  oü  t'es-tu 
embardouffle  pour  empester  [=  puer]  de  la  sorte?"  (Ceresole :  En 
cassant  .  .  .,  S.  45).  —  «.  .  .  la  tete  embardoufllee  de  riz  .  .  ."  (Cere- 
sole; ibid.,  S.  91);  in  der  Mundart :  em^arrfo^/ä  (Bridel). 

Auswurf: 

clämeau  (G,  V)  =  crachat  epais  et  degoütant;  in  der  Mundart: 
clämö  :  (Dumur),  hllamo,  klamo  (Bridel). 


1)  Dazu  potringa  v.  a.  =:  donner  des  remedes  (Bridel) :  potrlnguer  (G,  N, 
P6ter :  Cacol.). 


832  G.  Wißler 

erbrechen: 

regouesser*)  (N,  F,  V)  :  regouaissl,  reguetti,  regoueintzi  (Bridel)  = 
vomir. 

Kot  (von  Tieren): 

petolle,^.  f.  (G,  V);  in  der  Mundart : ;}e7o^a  (Bridel,  Dict.  sav.). 

im  Schlamm  (Kot)  herumpatschen: 

patrigoter  (G,  N,  F,  V);  in  der  Mundart  :/)a^n^o^ä  (Bridel,  Dict. 
sav.).  —  Dazu  patrigot  (G,  N/F,  V)  =  Kot,  Schlamm;  in  der  Mund- 
art:  |)r/#W(/o<  (Bridel) ;  vgl.  patricot  =  troc,  melange,  tripotage,  (Mistral). 

Garstiges,  unbrauchbares  Zeug,  auch  =  Canaille: 

bourtia  (V):  „Ces  bourtiäs!"  [Eine  Waadtläiiderin  spricht  von 
den  Genfern!]  (Gorgibus :  Les  cäfes  de  Tte.  Julie,  S.  57;  anderes  Bei- 
spiel in  Gorgibus,  Frederi  .  .  .,  S.  74);  in  der  Mundart :  (5'0rÄ;m,  bortia^ 
bourtia  (Bridel). 

Schmutzfink: 

caion  (G,  V,  W):  „Faut-il  etre  caion  pour  relever  une  pomme 
rongillee  |=  rongee  ä  nioitie]  et  la  manger"  (G);  in  der  Mundart: 
käion  (Bridel),  caion  (Dict.  sav.,  Puitspelu)  in  der  übertragenen  und  in 
der  ursprünglichen  Bedeutung  [Schwein].  In  dieser  letztern  vgl. 
das  Wort  bei  R.  Morax  (Dime,  S.  62),  bei  Gorgibus  (Cabotzet  .  .  ., 
S.  73)  etc. 

häßlich: 

pouet,  pouette  (N,  V):  „Comment  ont-ils  fait  pour  en  prendre 
un  aussi  pouet?"  (Vallotton,  Sergent  Bataillard,  S.  32).  —  „Et  pi  [puis] 
j'ai  vu  aussi  des  sarpents  [serpents],  tielles  [quelles]  pouetes 
betes  .  .  .",  (Gorgibus :  Cabotzet  etc.,  S.  41);  in  der  Mundart : ^JOMe^e^^a 
=  laid,  vilain  (Bridel). 

f)    Provinzialismen    zur    Bezeichnung   einer    v^riderwärtigen 

Gemütsbewegung. 

Laune: 

revolin  (G,  V):  „A  ^a!  quel  revolin  lui  a  douc  passe  par  la  tete?'' 
(M""«.  Mussard :  Petit  Jean,  S.  139).  —  „II  lui  a  pris  un  revolin  et  il  a 
congödie  les  Irois  domestiques  et  le  cocher"  (G);  in  der  Mundart :  revo- 
lein  (Bridel).  —  Die  eigentliche  Bedeutung  des  Wortes  ist  „coup  de  vent 
subit",  cf.  Bridel  und  G. 

aus  Unzufriedenheit  den  Mund  verziehen,  schmollen: 

faire  la  potte  (G,  F,  N,  V):  „Ne  me  fais  pas  la  potte.  Je  viens 
pour  faire  la  paix"  (R.  Morax :  Dime,  S.  138).  —  „Ce  n'est  pas  en  ta- 
pant    son    homme    [mari]    qu'on    en    fait    tout    ce    qu'on    veut.     Cet 


1)  Vgl.  Atl.  ling.   die-  Karte   vomir  (1413) :  rdhivela,   rgtvesi,    rnardä   (vgl. 
dieses  letztere  auf  S.  838). 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  833 

[c'est]  en  lui  faisant  la  pote.  ^a  manque  rarement."  (Gorgibus : 
Frederi  .  .  .,  S.  79);  in  der  Muudart  :  fa  la  potta  (Bridel)  —  j^otta  be- 
deutet  eig-entlich  :  levre,    grimace,    moue   (Bridel),  cf.  2^ota  (Diet.  sav.). 

übelgelaunt: 

g;ringe  (G,  F  :  SuppL,  N,  V):  „II  est  tout  gringe  aujourd'hui  .  .  . 
C'est  son  mal  de  dents"  (R.  Morax :  Dirne,  S.  58).  —  „N'allez  pas  le 
voir,  il  est  gringe  comme  un  petou  [=  putois]  (N);  „Or,  un  matin .  .  , 
Pipe-en-bec  fut  d'humeur  gringe."  (Ceresole  :  En  cassant  .  .  .,  S.  80)  in 
der  Muudart :  grelndje  etc.  (Bridel). 

murre  n: 

ronchonner,  vgl.  S.  808. 

wütend  sein: 

daguer  (G):  „.  .  .  je  dagiie  rüde  [fortement]  quand  on  me 
donne  des  coups  (M™«.  Mussard :  Petit-Jean,  S.  154). 

fluchen: 

sacrementerCN);  in  der  Mundart :  sakremeinta  =  proferer  des 
jurements  grossiers,  maugröer  (Bridel). 

g)  Die  folgenden  Provinzialismen  bezeichnen  zwar  auch  Dinge  und 
Handlungen,  die  wir  als  etwas  Unvollkommenes  betrachten  und  die 
uns  im  Grunde  nicht  befriedigen.  Doch  fordern  diese  Mängel  nicht  so 
stark  zum  Widerspruch  heraus;  wir  empfinden  sie  nicht  als  besonders 
unerträglich,  unverzeihlich  und  verdammungswürdig,  sondern  das  Be- 
wußtsein der  eigenen  Überlegenheit  und  Selbstzufriedenheit  bewirkt, 
daß  uns  solche  Un  Vollkommenheiten  zur  Ironie  und  zum  Spotte 
reizen.  So  haben  die  meisten  der  folgenden  Wörter  einen  mehr  oder 
weniger  ausgesprochenen  komischen  Beigeschmack. 

schwatzen: 

barjaquer,  batoiller,  vgl.  S.  810. 

geschwätzige  Person : 

batoille  <  bato^  >  (F,  V),  batouille  (N,  Pierrehumb.),  s.  f.:  „Les 
lavandieres  sont  de  terribles  batouilles"  (N);  in  der  Mundart :  6a/^/2o//a 
[?],  batohlla,  s.  f.  (Bridel). 

stammeln: 

quequeier:  vgl.  S.  809. 

dummer,  alberner  Tropf: 

bidognol  (G):  „.  .  .  tu  es  encore  plus  bidognol  que  tous  ceux 
que  j'ai  connus."  (M"»«.  Mussard  :  Petit  Jean,  S.  26).  —  „.  .  .  Lander 
qui  me  declara  qu'en  politique  je  n'etais  qu'un  bidagneul".  (Ph.  Mon- 
nier:Le  livre  de  Blaise,  S.  98). 

daderidou  (G,  V,  W):  „.  .  .  les  Allemands?  ce  sont  des  hommes 
comme  nous  .  .  .  pas  de  ces  petits  crazets  [=  kleiner  schwächlicher 
Mensch]  .  .  .  ni  de  ces  gros  daderidous,    comme  cela  s'est  dit  souvent 

Romanische  Forschungen  XXVII.  5o 


834  G.  Wißler 

8ur  les  papiers  [Zeitungen]/'     (Ceresole :  Scenes  vaud.,  S.  103);   in   der 
Mundart :  daderidou  (Bridel). 

Kretin: 

taguier(Dupertuis:Loc.vic.),  tadier(Dupertius:Loc.vic.,W),  tag-ue 
(V):  „Tadie,  va!  .  .  .  Vois-tu  pas  que  c'est  pou  rigoler!!"  (Gorgibus : 
Cabotzet  .  .  .,  S.  75);  in  der  Mundart :  ^«(/m/^  (Dumurj. 

Dunamheit,   unüberlegtes  Gerede: 

yotaiseO  (Pierrehumb.),  liotaise  (N);  in  der  Mundart :  ^/o^e^ 
(Gauch at :  Patois  du  Val  de  Ruz). 

verwirrt: 

debetiDche(N);  in  der  Mundart:  debetetsid  (Gauchat:  Patois  du  Val 
de  Kuz). 

ungeschickt: 

magan  (N);  vgl.  in  der  Mundart :  wa^aw  =  lourdaud,  malotru 
(Bridel). 

schief,  verkehrt: 

de  bisingue  (G,  V,  Dupertuis :  Loc.  vic);  in  der  Mundart :  fZe  hi- 
singue  (nach  Bridel  in  Genf  und  im  Waadtland). 

Kleiner  M  en  s  ch: 

botasson  (G,  F  :  Suppl.,  Dupertuis :  Loc.  vic):  „J'ai  pas  peur 
d'un  botsaton  comnie  toi.''  (R.  Morax  :  Sac  ä  douilles,  S.  111)  —  „on  ne 
peut  pourtant  pas  mettre  l'armee  suisse  ä  Fatfront,  devant  tous  ces 
etrangers,  en  appelant  les  premiers  botassons  venus.''  (Vallottou  :  Sergent 
Bataillard,  Ö.  25);  in  der  Mundart :  Äo^asson  (Bridel).  —  Das  v.  botassä 
(Bridel)  =  vegeter,  cf.  bot  asser  (G,  N,  V). 

Kleinigkeitskrämer,  Mann,  der  sich  mit  allerlei  kleinen  Hausge- 
schäfteu  abgibt. 

que  nolion  (F):  „Son  mari  est  un  franc  quenolion"  (F);  in  der  Mund- 
art :  kdnolyo  (Gauchat :  Patois  fribourgeois). 

fennet  (V,  Dupertuis  :  Loc.  vic):  „Oh!  le  fennet,  qui  pleure  comme 
une  fille!"  (R.  Morax :  Sac  ä  douilles,  S.  112);  in  der  Mundart  :/m>^e^') 
(Bridel). 

flicken,  stopfen: 

restouper  (G,  F, Dupertuis:  Loc.  vic,  Pierrehumb.),  restauper(V) : 
„restouper  des  bas"  (G);  in  der  Mundart  restoppa  (Bridel)  [=  re  -f- 
deutsch  stopfen]. 

verfehlen: 

beder  (V,  Pierrehumb.):  „Hier.  . .  on  a  bede  notre  aflfaire"  (Vallot- 
ton :  Mr.  Potterat  .  .  .,  S.  73)  —  „.  .  .  le  fils  au  juge  qui  mene  sa  faux 
si  tellement  haut  qu'il  bede  les  fourmiliferes."  (Vallotton  :  ibid.,  S.  196). 
—  „Toutes  les  fois  que  j'en  peux  epouvanter  un,  je  ne  b6de  pas  l'oc- 

1)  yot  (Pierrehumb.)  =  idiot :  in  der  Mundart  des  Val  de  Ruz  :  yo. 

2)  Ableitung  von  fenna  (=  femme  in  der  Mundart). 


i)as  schvveizerisehe  Volks  französisch  835 

casion."  (Vallotton :  Portes  entr'ouv.  .  .  .,  S.  188);  in  der  Mundart: 
heda,  beda  (Bridel). 

h)  Endlich  seien  noch  einige  provinzielle  Bezeichnungen  angeführt 
für  Dinge  und  Handlungen,  zu  denen  wir  eine  gewisse  Zuneigung 
empfinden,  die  in  unserem  Gemüte  iutime  Gefühle  wecken,  wie  naive 
Freu  de,  Zufriedenheit,  Gewogenheit,  humorvolle  Liebe 
zum  Kleinen,  Schwachen,  Zarten,  Einschmeichelnden. 
Auch  diese  Gefühle  bringt  das  Volk  durch  die  Provinzialismen  leichter 
zum  Ausdruck,  als  durch  die  schriftsprachlichen  Synonyma: 

liebkosen: 

faire  niace  (G,  V),  faire  gnä  (V,  F  :  Suiipl.):  „II  ne  connaissait 
des  hommes  que  leur  caresse  et  que  leur  baiser.  La  vie  lui  faisait 
gniace."  (Ph.  Monnier :  Le  livre  de  Blaise,  S.  21);  in  der  Mundart: 
fars  niace  (Dict.  sav.). 

küssen: 

rem  oll  er  (N,  Pierrehumb.,  V,  Dupertuis  :  Loc.  vic,  St.  Imier):  „te 
rappelles-tu  la  premiere  fois  que  je  t'ai  remollee  ä  la  danse  .  .  ,?'' 
(Gorgibus :  Frederi  .  .  ,,  S.  48)  —  „Ils  se  remolaient  comme  deux  pau- 
vres"  (N);  in  der  Mundart :  se  remolu  (Conteur  vaudois).  —  Davon  ab- 
geleitet:  rem  oll  ee  =  Umarmung,  (Ceresole :  Scenes  vaud,,  S.  283). 

Der  Kuß: 

bec,  8.  m.  (N,  Pierrehumbert),  bet  <^e>  (F):  „Donne-moi  un  bet, 
mon  petit  amü'  (F).  In  der  Mundart  vgl.  Atlas  ling.,  Karte  baiser  (106) 
r  be  und  ci  JSek. 

(ein  Kind)  verwöhnen: 

cocoler  (G,  F  :  Suppl,  W,  Peter :  Cacol.) :  „11  y  fut  le  bien  regu, 
choye  et  cocolle  par  tous"  (Ceresole :  Scenes  vaud.,  S.  37) ;  in  der  Mund- 
art :  cocolä  (Bridel). 

verwöhntes  Kind: 

flairon  (G);  in  der  Mundart  :^/eVow  </^fro>  (nach  Bridel  in  der 
Waadt),  fleron  (Dict.  sav.). 

achinton')  (V),  c  h  a  n  t  i  o  n  (F),  a  s  s  a  t  i  o  n  (Pierrehumb,), 
tyetyö  (W);  in  der  Mundart :  acAemion,  usseinton  (Bridel). 

Säugling,  kleines  Kind: 

houriou  (G):  „Et  les  ourious,  voisin,  comment  sont-ils?"  (G)  — 
„.  .  .  eile  repasse  du  linge  avant  que  ses  ourious  s'eveillent''  .  .  .  (M™«. 
Mussard  :  Petit  Jean,  S.  87);  in  der  Mundart :  02<no»  (Bridel). 

petiot,-otte')  (G):  „Tout  doux,  mon  petiot!"  (Ceresole :  En  cas- 
sant...,  S.  57);  in  der  '^xxn^o.vi :  petlou-ouda  (Bridel). 

1)  Davon  :  achin  tonner  (V) :  asseni/wonwa  (Bridel)  =  gäter  un  enfant  en 
faisant  toutes  ses  fantaisies. 

2)  Littre  bezeichnet  das  Wort  als  veraltet,  der  Dict.  göneral  als  familiär, 
desgl.  Larousse  im  Dict.  univ. 

53* 


836  Gl.  Wißler 

(Junge)  Person,  die  gerne  lacht: 

ri  sol  e  t,-e  tte  (G,  N,  V,  F):  „Allons,  petite  risolette,  c'est  assez 
se  moquer"  (G);  —  „Enfiu  Marie,  la  risolette,  note  gaie  dans  ce  quatuor 
plutöt  morose."  (Gorgibus :  Les  cäfes  .  .  .,  S.  7);  in  der  Mundart :  mo- 
let^  -etta  (Bridel)  —  Sachs  zitiert  das  Wort  nach  Töpffer'). 

hübsch,  niedlich: 

bravet;-ette  (G,  Dupertuis :  Loc.  vic):  „Que  notre  Elisa  etait 
bravette  avec  son  chapeau  rose!''  (G);  in  der  Mundart :  bravet  (Bridel), 
brave,  braveta  (Dict.  sav.).  —  Nach  G  kommt  bravet  auch  im  Dauphine 
und  im  Languedoc  vor  2). 

kleines,  viereckiges  Stückchen: 

u  n  e  n  0  c  e  (G,  N,  V,  F  :  Suppl.) :  „Fais  des  petites  noces  avec  ta 
viande"  (K);  in  der  Mundart :  nossa  (Bridel). 

ein  Br 0  cken: 

un  boquenet(N,  Fierrehumb.) ;  in  der  Mundart :  boJcenet,  bokounet 
Bridel),  abgeleitet  von  bocon  =  morceau  (Bridel),  vgl.  bocon  bei 
G,  V,  Fierrehumb. 

ein  großes  Stück  (Brot): 

un  tiuquet(G,  N,  V),  trinquet  (V),  tanquet  (N);  tanqu in  (Peter: 
Cacol.  und  nach  G  in  Neuenbürg):  „.  .  .  pou  [pour]  en  avoi  [avoir] 
un  beau  tinquiet  [de  fromage],  bien  gras,  avet  [avec]  des  yeux  qni 
pleurent  .  .  .,  je  ferais  des  folies."  (Gorgibus  :  Frederi  .  .  .,  S.  117); 
„un  tinquet  de  pain,  de  saucisse"  (G);  in  der  Mundart  tinqu et  (Diimnr : 
Patois  vaudois),  vgl. :  Bridel :  teinkie  =  voilä ! 

(Mittags)-S  c  h  1  ä  f  c  h  e  n : 

clopet  (G),  glopet  (G),  liopet  (V)|:  „Cette  apres-midi  eile  a  ete 
faire  un  clopet"  (Gorgibus :  Frederi  .  .  .,  S.  42)  —  „et  on  faisait  un 
clopet  numero  un  .  .  ."  (Ceresole  :  Scenes  vaud.);  in  der  Mundart :  klopet, 
glopet  (Bridel). 

der  kleine  Finger: 

glinglin  (G),  guinglet(N);  glaingain  (V);  in  der  Mundart :  ^^^m- 
glein  (Bridel). 

rittlings  auf  dem  Rücken  (einer  Person): 

ä  cacou  (V):  „Des  fois  je  les  prends  Tun  ou  l'autre  avec  moi  ä 
cakou  sur  mon  dos  (Cer^sole : Scfenes  vaud.,  S.  271);  in  der  Mundart: 
d  cakou  (Bridel). 

ä  c  a  q  u  e  1  i  c  0  u  (F) ;  in  der  Mundart :  a  kahdiku  (Gauchat :  Patois 
fribourgeois). 

i)  Euphemismen,  d.  h.  Wörter,  welche  das  mit  dem  Begriffe 
gewöhnlich  assoziierte  ernste  oder  unangenehme  Gefühl   durch  Neben- 


1)  cf.  Pnitspelu:  risoletta. 

2)  Puitspelu  und  Mistral  verzeichnen  bravo  =:joli,  vgl.  brave  auf  S.  758. 


Bas  schweizerische  Volksfranzösisch  837 

vorstelluDgen,  weithergeholte  Vergleiche  etc.  verschleiern.    Hierher  ge 
hören  die  folgenden  Provinzialismen: 

Seh  wei  n: 

bete  noire  (G);  in  der  Mundart ibita  neire  (Bridel).  —  Das 
Epitheton  ist  von  der  schvyarzborstigen  Schweinerasse  genommen. 

In  Todesgefahr  schweben: 

sonner  le  carcan  (G;  N).  Im  eigentlichen  Sinne  wird  es  ge- 
braucht von  einem  Geschirr,  das  geborsten  ist,  wie  in  der  Mundart : 
i  sgn  Id  karkä  (Gauchat :  Patois  de  la  Montagne  neuchät.). 

betrunken  sein: 

il  a  sa  tiole  (G,  Pierrehumb.);  vgl.  in  der  Mundart : Dict.  sav. 
unter  twla,  das  eigentlich  =  „tuile"  bedeutet,  vgl.  auch  thiola  (Bridel). 

11  a  s  a  n  i  n  a  (G,  V) ;  vgl.  in  der  Mundart :  Dict.  sav.  unter  ninä 

il  est  danslesbiole8(G);  vgl.  in  der  Mundart :  Dict.  sav.  unter 
bigla  (eigentlich  =  boulean,  cf.  auch  Bridel). 

k)  Schluß  bemerk  ung: 

Auf  S.  815  haben  wir  gesehen,  daß  der  Unterschied  im  Gefühlswert 
der  Provinzialismen  und  ihrer  schriftsprachlichen  Synonymen  meist  nur 
subjektiv  für  das  Volk  besteht,  das  der  Schriftsprache  nicht  ganz 
mächtig  ist  und  daß,  im  allgemeinen,  die  Schriftsprache  Wörter  mit 
ausgesprochenem  Gefühlswert  den  gefühlsbetonten  Provinzialismen  zur 
Seite  stellen  könnte.    Es  gibt  aber  Fälle,  in  denen   dies   nicht  zutrifft. 

So  würden  sich  z.  B.  schwer  franz.  Synonyma  finden,  die  den  Ge- 
fühlsgehalt der  folgenden  Provinzialismen  erschöpfend  wiedergäben : 
s'emmoder,  s'embrier  (S.  822),  torrailler  (S.823),  jobler  (S.823); 
escient,  emme  (S.  824),  raccusepeter  (S.  827),  egravater  (S.  830), 
biotsonner  (S.  830),  remoller  (S.  835)  etc. 

Es  ist  selbstverständlich,  daß  der  Mangel  eines  absoluten  Synonyms 
der  Erhaltung  solcher  Provinzialismen  nur  förderlich  sein  kann. 


IV.  Anhang. 

Argotismen : 

Über  die  Gründe,  welche  die  Einführung  von  Ausdrücken  der 
Pariser  Volkssprache  in  unser  Volksfranzösisch  veranlaßt  haben,  vgl. 
S.  24.  Nicht  nur  von  der  Volkssprache  wurden  einzelne  Argotwörter 
aufgenommen,  sondern,  wenn  man  den  Beispielen  bei  Bridel  trauen 
darf,  sogar  von  unsern  Mundarten,  vgl.  re/wMa  (Bridel):  relu quer 
(G  :  Suppl.),  cf.  Villatte  :  Parisismen  =  anblinzeln;  bouffa  (Bridel),  boufa 
(Dict.  sav.) :  bouff er  (F,  G  :  Siippl.),  cf.  bouff"er  (Villatte)  =  gierig  essen; 
^n;/a  (Bridel)  rbriffer  (G :  Suppl.),  cf.  briff'er  =  gierig  essen  (Villatte); 
godallhi  (Bridel) :  godailler  (F,  N),   cf.  godailler  =  in    den  Kneipen 


838  Gr.  Wißler 

umherzechen  (Villatte);  pion^  jnonna  (Bridel) :  pion  (G,  V),  cf.  pion 
(Villatte)  =  ivie;  renarda  (Bridel) :  renarder  (G,  N,  V),  cf.  renarder 
(Villatte)  =  erbrechen ;  rikihi  (Gaiichat :  Patois  du  Val  de  Ruz)  :  r  i  - 
quiqui  (G,  F,  N,  V),  cf.  riquiqui  (Villatte)  =  Branntweiu,  Fusel;  figno- 
let  (Bridel)  :  fignolet  (N),  cf.  fignolet  (Villatte)  =  Zierpuppe;  bousin 
(Bridel)  :  bousin  (N),  cf.  bousin  (Villatte)  =  Heidenlärm;  churla 
(Bridel):  c hur  1er  (V),  cf.  churler  (Villatte)  =  pleurer  iheulen);  slaga 
(Gauchat :  Patois  du  Val  de  Buz)  :  schl  aguer  (G,  N,  Pierrehumb): 
„ils  Font  joliment  schhigue'^  (N),  cf.  schlaguer  (Villatte).  Das  Wort 
scheint  eher  aus  dem  Hochdeutschen  (slagon)  als  aus  dem  Schweizer- 
deutschen {Hö)  zu  stammen.  In  die  franz.  Volkssprache  scheint  es 
durch  Vermittlung  des  Militärs  gedrungen  zu  sein  :  la  schlague  (Villatte) 
=  Prügelstrafe;  krevezo  (Gauchat :  Patois  de  la  Montugne  neucb.)  : 
crevaison  (G,  N,  V),  vgl.  crevaison  (Villatte)  =  Todeskampf.  Ohne 
Beleg  für  die  Mundart :  p  1  u  m  e  t  (N,  V),  cf.  Villatte  =  Rausch :  b  i  t  u  r  e  e 
(Pierrehumb.)  =  ivresse,  vgl.  biturer  =  tüchtig  schmausen  oder  trinken 
(Villatte);  arsouillc  (C,  N,  V,  F),  cf.  Villatte  =  schmutziger  Lump 
(auch  =  ivrogne);  boulotter  (Pierrehumb.),  cf.  Villatte  =  essen; 
sehn  ick  (F),  vgl.  chenique  (Villatte)  =  Schnaps;  schlinguer 
(Pierrehumb.),  vgl.  chelinguer  (Villatte)  =  puer;  foutim  asser  (F, 
Dupertuis  :  Loc.vic),  foutumasser(N),  vgl.  foutimasser (Villatte)  =  nichts 
Ordentliches  leisten,  albernes  Zeug  reden;  foutaise  (N),  vgl.  Villatte 
=  Lappalie;  boucan  (N,  F,  G  :  Suppl ),  vgl.  Villatte  =  Lärm  etc. 


Schluss. 


Die  verschiedenen  Teile  dieser  Arbeit  bestätigen  durchaus  die 
Richtigkeit  der  bei  Gelehrten  und  Laien  verbreiteten  Ansicht,  daß  die 
eigentümlichen,  von  der  Schriftsprache  abweichenden  Ausdrucksformen 
unseres  Volksfranzösisch  durch  den  Einfluß  der  Mundart  zu  erklären 
sind.  Neue,  eigene  Ausdrucksformen  schaflf't  die  Volkssprache  nur  auf 
dem  Gebiete  der  Morphologie  und  der  Wortbildung.  Von 
einer  beginnenden  Einwirkung  der  Volkssprache  Frankreichs  (speziell 
Paris)  auf  die  unserige  sind  erst  in  der  Lexikologie  deutliche  Anzeichen 
vorhanden. 

Es  bleibt  uns  nur  mehr  übrig  anzudeuten,  in  welcher  Weise  die 
provinziellen  Ausdruckformen  in  den  verschiedenen  Klassen  der  Be- 
völkerung verbreitet  sind  und  uns  zu  fragen,  welches  voraussichtlich 
die  zukünftige  Entwicklung  des  Volksfranzösischen  in  der  Westschweiz 
sein  wird. 


"Das  scliweizerigche  Volksfranzösisch  839 

A.  Die  Verbreitung  der  proTinziellen  Besonderheiten  in  den 
Yerschiedenen  Kreisen  der  BeYÖlkerung. 

Die  verschiedenen,  der  Erhaltung  der  provinziellen  Sprachbesonder- 
heiten günstigen  und  ungünstigen  Tendenzen  beeinflussen  nicht  in  dem- 
selben Maße  die  Sprache  jedes  einzelnen.  Je  nach  seinem  Wo  h  nort, 
seinem  Berufe,  seinem  Alter,  seiner  Bildung  und  dem  Milieu, 
in  dem  er  verkehrt,  folgt  der  einzelne  bewußt  oder  unbewußt  mehr 
dieser  oder  mehr  Jener  Strömung.  So  entsteht  das  vielgestaltige  Bild, 
das  die  Volksspr-iche  heute  bietet  und  das  wir  in  kurzen  Zügen  werden 
zu  skizzieren  suchen.  Wir  werden  in  Bezug  auf  die  Verbreitung  der 
provinziellen  Sprachbesonderheiten  vier  Stufen  unterscheiden: 

1.  Am  stärksten  mundartlich  gefärbt  ist  die  Volkssprache  dort, 
wo  die  Mundart  vor  nicht  langer  Zeit  als  Verkehrssprache  aufgegeben 
wurde,  und  im  Munde  älterer  u  n  g  e  b  i  1  d  e  t  e  r  L  e  u  t  e ,  die  in 
ihrer  Jugend  noch  die  Mundart  gesprochen  haben.  Die  Volkssprache 
ist  da  noch  wesentlich  französisierte  Mundart,  mit  allen  be- 
sondern Erscheinungen  der  Phonetik,  Morphologie  (mit  Ausnahme 
der  die  Verbalflexiou  betreffenden,  die,  wie  angedeutet,  nur  gelegentlich 
und  individuell  vorkommen),  der  Wortbildung  und  der  Lexik ol  ogie. 
Schriftsprachliche  und  provinzielle  Ausdrucksformen  werden  auf  dieser 
Stufe  noch  kaum  von  einander  geschieden. 

2.  Bei  wachsendem  Einfluß  der  Schule  und  des  Verkehrs  ver- 
schwinden allmählich  von  den  lautlichen  Erscheinungen  die- 
jenigen, die  am  auffälligsten  vou  der  Schriftsprache  abweichen,  wie 
die  Aussprache  ty,  ky  für  k')  (vgl.  S.  26 tf.),  die  falschen  Rückbildungen 
vgl.  S.  37 ff.  Im  Wortschatz  beginnt  die  Auslese;  Provinzialismen, 
deren  Erhaltung  nicht  durch  besondere  Umstände  gefördert  wird,  ver- 
schwinden allmählich.  Die  Bezeichnungen  für  die  allgemeinsten 
Begriffe  werden  französisch,  wie  poule  statt  genille  (vgl.  Vorwort, 
S.  2),  chambre  statt  paillo  (F)  oder  pailo  (Vd)  und  erhalten  die  fran- 
zösische Lautform,  wie  aiguillon  statt  avouiUon,  sitflet  statt  subllet 
(vgl.  S.  66)  etc.  Auf  dieser  Stufe  steht  die  Sprache  der  Jüngern 
Bauern  und  der  altern,  ungebildeten  Städter.  (Der  Polizei- 
kommissär Potterat  sagt  noch  „canä"  für  canard,  vgl.  Vallotton,  Mr. 
Potterat  ,  .  ,,  S.  11,  und  so  spricht  auch  noch  heute,  selbst  von  der 
Kanzel  herab,  ein  waadtländischer  Dorfpfarrer). 

3.  Im  Munde  der  jüngsten  Generation  und  des  Mittelstandes 
mit  guter  Volksschulbildung  gibt  die  Volkssprache  nach  und  nach  Laut- 
formen wie  cana,  journa  (vgl.  S.  33)  soife,  vife,  saque  (vgl.  S.  34), 
Mißgriffe  wie  die  S.  35  erwähnten  und   Entstellungen  wie    patalons 


1)  Vor  nicht  langer  Zeit  soll   noch  ein  Syndic   vou  Lausanne    absichtlich 
boutyet  etc.  gesprochen  haben,  wenn  er  sich  populäre  Allüren  geben  wollte, 


840  ^-  Wißler 

(vgl.  S.  35)  auf;  ferner  verschwinden  Formen  wie  kinsou,  1er ger, 
murgaet  (S.  66)  etc.;  die  Bildung  des  Femininum,  das  Genus  der  Sub- 
stantiva  werden  allmählich  auf  der  ganzen  Linie  französisch;  unfran- 
zösische Agglutinationen  und  Deglutinationen  fallen  weg.  In  der  Lexi- 
kologie beginnt  das  Sprachbewnßtsein  mit  einiger  Sicherheit  Provin- 
zielles und  Schriftsprachliches  auseinanderzuhaltenund  die 
Ausscheidung  der  Provinzialismen  nimmt  ihren  Fortgang.  Viele  Tiere, 
Pflanzen,  Körperteile  erhalten  die  franz.  Bezeichnungen;  die  genaue 
Bedeutung  namentlich  gewisser  gefühlsbetonter  Provinzialismen  wird 
vergessen.  Die  Provinzialismen  überhaupt  werden,  im  Gegensatz  zu 
ihren  schriftsprachlichen  Synonymen  immer  mehr  als  seltene,  unge- 
wöhnliche, originelle  Ausdrücke  empfunden  und  absichtlich  nur 
mehr  dort  angewendet,  wo  auf  das  Wort  ein  ganz  besonderer  Nach- 
druck gelegt  werden  soll. 

4.  In  den  gebildelten  Kreisen  der  Bevölkerung  verbreitet  sich 
immer  mehr  das  bewußte  Streben  nach  sprachlichem  Purismus.  Es 
bildet  sich  ein  doppeltes  Stil-  und  Sprachbewußtsein:  ein 
höheres  für  den  schriftlichen  Verkehr,  für  den  mündlichen  Verkehr 
mit  Unbekannten  gleichen  oder  höheren  Standes  und  mit  Franzosen; 
in  dieser  Redeweise  gilt  der  Gebrauch  von  Provinzialismen  für  be- 
schämend; man  sucht  es  den  Parisern  in  den  Feinheiten  der  Aus- 
sprache und  in  der  Verwendung  speziell  französischer  Redewendungen 
gleichzutun.  Die  familiäre  Redeweise  wird  im  Verkehr  mit  Unter- 
gebenen, in  der  Familie,  im  Freundeskreise  gebraucht.  Auf 
die  Aussprache  wird  keine  besondere  Sorgfalt  verwendet:  tete,  chaine 
etc.  behalten  ihr  geschlossenes  e  (vgl.  S.27if.);  in  der  Wortbildung  herrscht 
noch  ziemlich  Freiheit;  die  Bedeutung  gewisser  Wörter  ist  noch  häufig  vom 
Französischen  abweichend  (vgl.  fourneau,  fruitier,  patte  jLappen], 
S.  68flf).  Der  Gebildete  kennt  aus  dem  Verkehr  mit  Dienstboten, 
Handwerkern  u.  s.  w.  den  größten  Teil  des  dem  Volke  geläufigen  pro- 
vinziellen Wortschatzes,  aber  er  verwendet,  sogar  in  der  familiären 
Redeweise,  bloß  einen  Teil  desselben.  Selbst  Provinzialismen,  für  die 
in  der  Schriftsprache  kein  geeignetes  Synonym  existiert  (vgl.  S.  72flF.) 
fallen  z.  T.  außer  Gebrauch,  besonders  wenn  sie  Gegenstände 
bezeichnen,  die  nicht  zum  täglichen  Leben  gehören,  wie  gewisse 
Einzelheiten  der  Landwirtschaft,  des  Handwerks  etc.  Am  längsten 
erhalten  sich  die  Ausdrücke  für  örtliche  Besonderheiten, 
Sitten  undGebräuche,  für  Haushaltungsgegenstände, 
Spei  s  e  n  etc.  und  Provinzialismen,  deren  Wiedergabe  im  Französischen 
gar  zu  unbequem  ist,  wie  taccon,  cordre,  jicler  etc. 

Die  gefühlsbetonten  Provinzialismen  verlieren  allmählich  an  Boden; 
einige  werden  nur  mehr  zum  Scherz  verwendet;  andere  gelten  als 
grob  und  unanständig.    Am  längsten  werden  die  Ausdrücke  beibe- 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  841 

halten,  die  im  intimen  Verkehr,  besonders  mit  den  Kindern  gebraucht 
werden  und  in  denen  die  Eltern  in  humoristischer  Weise  ihre  zärtlichen 
Gefühle  kundgeben  (vgl.  z.  B.  S.  14G  ff.)-  So  nähert  sich  allmählich  auch 
die  familiäre  Redeweise  der  Gebildeten  der  Schriftsprache.  In  ge- 
wissen Familien,  die  sich  zur  intellektuellen  Aristokratie  rechnen,  wird 
sorgfältig  jede  provinzielle  Sprachform  aus  dem  Gespräch  verbannt, 
selbst  in  der  Familie.  Die  Kinder  allerdings  beeilen  sich  dann,  einzelne 
urchige  Ausdrücke  aus  der  Schule  oder  von  der  Gasse  heimzubringen! 


B.  Die  zukünftige  Entwicklung  der  Volkssprache. 

Wird  die  Volkssprache  der  französischen  Schweiz  immer  in  gleicher 
Weise  dem  assimilierenden  Einfluß  des  Schriftfranzösischen  folgen  und 
immer  mehr  von  ihrer  Originalität  einbüßen?  Werden  die  extremen 
Puristen,  wie  Herr  Plud'hun,  einmal  die  Freude  erleben,  im  letzten 
Bergdörfchen  des  Wallis  den  letzten  Zeugen  der  autochthonen  franko- 
provenzalischen  Dialekte  zu  begraben?  Alle  Aussichten  für  eine  der- 
artige Weiterentwicklung  scheinen  ja  vorhanden  zu  sein.  Die  Schulen 
werden  immer  besser;  die  allgemeine  Bildung  des  Volkes  wird  ge- 
hoben, der  wachsende  Verkehr  begünstigt  den  Einfluß  des  Auslandes 
auf  unser  Volk,  der  Städte  auf  das  Land.  Die  bewußte  Tendenz,  sich 
der  provinziellen  Sprachbesonderheiten  zu  entledigen,  zu  der  schon 
Ansätze  vorhanden  sind,  wird  mit  der  Zeit  stärker  werden  und  weitere 
Bevölkerungskreise  ergreifen;  schließlich  wird  eine  Umwälzung  der  be- 
stehenden Ansichten  über  die  heimischen  Ausdrucksformen  stattfinden. 
Selbst  das  konservative  Landvolk  wird  nicht  mehr  so  zähe  an  den- 
selben festhalten  wollen,  sobald  sie  einmal  allgemein  als  Kennzeichen 
gemeiner,  bäuerischer  Lebensart  gelten  werden;  wie  sehr  auch  der 
Bauer  auf  seine  Eigenart  gegenüber  dem  Gebildeten,  dem  Städter  stolz 
ist,  als  inferior  möchte  er  sich  von  ihm  um  keinen  Preis  verspotten 
lassen.  Wie  lange  Zeit  mag  noch  verstreichen,  bis  eine  solche  Bewegung 
zum  Abschluß  gelangt  ist?  Wird  sich  die  Acad^mie  bis  dahin  dazu 
bequemt  haben,  auch  noch  diesen  oder  jenen  schweizerischen  Provin- 
zialismus zu  sanktionieren?  Wer  vermöchte  da  bestimmte  Antworten 
zu  geben? 

Welches  auch  das  schließliche  Resultat  des  langen  Kampfes  zwischen 
mundartlichen  und  schriftsprachlichen  Sprachformen  sein  wird,  eines 
scheint  mir  sicher:  das  von  den  extremen  Puristen  erstrebte  Ziel  wird 
nie  erreicht  werden:  Nie  wird  in  unsern  Alphütten  und  in  den  Pariser 
Salons  zu  gleicher  Zeit  eine  und  dieselbe,  in  allen  Einzelheiten  iden- 
tische Sprache  erklingen.  So  lange  sich  die  Alpen  nicht  in  eine  Ebene 
verwandelt  haben,  so  lange  zwischen  der  Schweiz  und  der  Isle  de 
France  kulturelle  und  politische  Verschiedenheiten  bestehen, 


842  <>•  Wißler 

solange  werden  auch  hier  und  dort  die  sprachliehen  Bedürf- 
nisse und  folglich  auch  die  sprachlichen  Tatsachen  in 
mancher  Hinsicht  auseinandergehen.  Es  werden,  wenn  nötig,  neue 
Bezeichnungen  geschaffen  oder  gewissen  Wörtern  neue  Bedeutungen 
zugeschrieben  werden.  „Der  Sprechende  hilft  sich  selbst  zuletzt." 
Andererseits  wird,  trotz  der  vollkommneren  Verkehrsmittel,  trotz  der 
rascheren  Ausbreitung  durch  die  Schrift,  ein  im  Zentrum  des  Sprach- 
gebietes geschaffenes  Wort  doch  einiger  Zeit  bedürfen,  bis  es  sich  au 
dessen  Peripherie  ausgebreitet  hat.  Manche  Sprachwelle  wird  auch  in 
Zukunft  noch  zu  schwach  sein,  um  den  Jura  zu  übersteigen. 

Zu  den  kulturellen  gesellen  sich  die  sozialen  Unterschiede  und 
die  Unterschiede  in  der  Bildung.  So  lange  zwischen  einzelnen  Menschen 
und  zwischen  ganzen  Klassen  solche  bestehen  werden,  und  solange  es 
Dichter  und  Sprachkünstler  geben  wird,  welche  die  Traditionen  der 
franz.  Literatur  weiter  pflegen,  so  lange  werden  sich  überall  die  kor- 
rektere, gewähltere,  feinere  und  wenig  veränderliche 
Sprache  der  Gebildeten  (die  auch  für  den  schriftlichen  Ausdruck 
mustergültig  bleiben  wird)  und  die  freiere,  lebendigere  und 
weniger  Wähler  isc  h  e  Spruche  des  Volkes  unterscheiden.  Die 
Bauern  von  Savigny  werden  sich  nie  in  der  gleichen  Weise  ausdrücken, 
wie  die  Pariser  Gelehrten  (vgl.  Vorwort).  Beide  werden  fortfahren, 
gegenseitig  auf  einander  einzuwirken  und  zwischen  beiden  Extremen 
wird  immer  Kaum  für  zahlreiche  Zwischenstufen  sein.  So  ist  es  ja 
schon  heute  in  der  französischen  Hauptstadt  selbst.  Wahrscheinlich 
wird  aber  in  Zukunft  die  Volkssprache  der  Metropole  diejenige  der 
Provinzen  (und  auch  der  Schweiz)  in  viel  stärkcrem  Maße  beeinflussen, 
als  bisher,  so  daß  nicht  nur  in  der  Sprache  der  Gebildeten,  sondern 
auch  in  der  des  Volkes  die  zentral  istischen  Bestrebungen  deut- 
licher zum  Ausdruck  kommen  werden. 

C.  Persönliche  Meinung  zum  Streit  PIud'hun-Godet. 

Wenn  es  auch  vielleicht  für  unbescheiden  gelten  mag,  wenn  ein 
Deutschschweizer  sich  in  eine  so  ausschließlich  „weis  che"  Angelegen- 
heit mischt;  so  dürfen  wir  vielleicht  doch  am  Schlüsse  dieser  Arbeit 
auf  den  im  Vorwort  besprochenen  Streit  über  die  Provinzialismen 
zurückkommen.  Wir  fragen  uns,  in  wie  fern  im  Hinblick  auf  die  an- 
gedeutete —  wie  ich  glaube,  unvermeidliche  —  Weiterentwicklung  des 
Volksfranzösischen,  der  Standpunkt  von.,Parlon8  clair'-  oder  der 
von  ,,Parlons  francais"  als  der  richtigere  erscheint  und  in  welcher 
Weise  speziell  die  Schule  die  Gefahren  der  einen  und  der  andern 
Methode  vermeiden  könnte.  Wie  mir  scheint,  gehen  die  Vertreter  beider 
Ptichtungcn  in  ihren  Forderungen  etwas  zu  weit  und  vergessen,  ge- 
wisse Unterschiede  zu  machen.    So  verkennen  die  Puristen  ganz  und 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch  843 

gar  den  ästhetischen  Wert  des  Provinzialismus  und  der  Volkssprache 
iil)erbau])t;  ihr  Stilgefühl  ist  ein  einseitig  und  ausschließlich  schrift- 
sprachliches. Zudem  sehen  sie  nicht  ein,  daß  die  Notwendigkeit,  die 
Schriftsprache  vollkommen  zu  beherrschen,  um  sich  verständlich  zu 
machen,  nicht  für  jedermann  in  gleicher  Weise  besteht  und  daß  es  keinen 
Zweck  hat  und  zu  keinem  Ziele  führt,  in  Landschulen  z.  B.  auf  abso- 
lute Sprach-  und  Stilreinheit  zu  dringen.  Die  Verteidiger  der  Volks- 
sprache hingegen  vergessen,  daß  ihre  Provinzialismen  nur  für  sie  und 
ihre  engern  Mitbürger  „klar"^  sind  und  daß  sie  dieselben  auch  nur  als 
gelegentliches,  bewußtes  Stilmittel  anwenden  und  selbst  die  ersten  sind, 
welche  sich  absoluter  Sprachreinheit  befleissen,  wenn  sie  nicht  bloß  für 
ihre  Mitbürger,  sondern  auch  für  ihre  Sprachgenossen  jenseits  des 
Jura  schreiben.  Den  wirklichen  Nutzen,  den  das  Volk  und  besonders 
gewisse  Berufe  aus  einer  guten  methodischen  sprachlichen  Schulung 
gewinnen  kann,  schätzen  sie  zu  gering  ein.  Mir  scheint  Herr  E.  PI  atz - 
hoff-Lejeune  habe  Recht,  wenn  er  das  von  Ph.  Godet  verteidigte  Prinzip 
der  Klarheit  als  zu  subjektiv  bezeichnet  (,,Der  Kampf  mit  Herrn 
Plud'hun  und  der  sprachliche  Purismus"  in  „Basler  Nachrichten", 
27.  Februar  1905)  und  wenn  er  fordert,  daß  man  in  gebildeten  Kreisen 
die  Provinzialismen  nur  anwenden  sollte  ,,mit  dem  klaren  Bewußtsein, 
daß  es  sich  um  solche  handelt'^,  wie  es  ja  tatsächlich  immer  mehr  der 
Fall  ist.  —  Für  die  Schule  könnten  vielleicht  folgende  Grundsätze  nicht 
unangebracht  erscheinen.  Vor  allem  sollten  alle  Lehrer  selbst  unbedingt 
Schriftsprachliches  von  Mundartlichem  (bezw.  Provinziellem)  unterscheiden 
können.  In  ihren  Forderungen  an  die  Schüler  sollten  sie  sich  nach  dem 
richten,  was  je  nach  den  besondern  örtlichen  Verhältnissen  erreicht  werden 
kann  und  was  für  die  Mehrzahl  der  Schüler  im  spätem  Leben  not- 
w^endig  und  nützlich  ist.  Auch  Rein  in  seinem  „Encyclopädischen  Hand- 
buch der  Pädagogik"  (Artikel  „Mundart",  Bd.  V,  S.  948)  mahnt  die 
Lehrer,  in  ihren  Forderungen  nicht  zu  weit  zu  gehen  und  mundartliche 
Wörter  im  schriftdeutschen  Gewände  zu  dulden  (z  B.  die  süddeutschen  : 
Auffahrt,  |=  Himmelfahrt],  eine  Straße  besetzen,  Hafner,  Imme, 
Weibel,  lüpfen,  rüsten,  zweigen  [=  pfropfen]).  Vor  allem  aber  sollten 
die  Lehrer  nicht  einseitig  und  pedantisch  nach  bestimmten  provinziellen 
Sprachformen  Jagd  machen  und  die  andern  übersehen,  sondern  alle 
gleichmäßig  behandeln.  Die  Volkssprache  soll  den  Schülern  nicht  als 
etwas  Niedriges,  Gemeines  verächtlich  gemacht  werden.  Außer- 
halb der  Schule  sollen  die  Schüler  das  Recht  haben,  zu  reden, 
„wie  ihnen  der  Schnabel  gewachsen  ist''.  Von  einer  gewissen  Stufe 
an  sollen  sie  Schriftsprache  und  Volkssprache,  gehobenen  literarischen 
und  volkstümlich  ungezwungenen  Stil  nach  ihren  Ausdrucksformen 
unterscheiden  lernen.  Der  Unterschied  zwischen  unnötigen  und  sprach- 
technisch oder  ästhetisch  wertvollen  Provinzialismen  soll  ihnen  allmäh- 


844 


G.  Wißler 


lieb  klar  werden.  In  dieser  Weise  wird  die  Schule  beiden 
Ford  erungen  „P  ar  Ions  clair"  iind„Parlons  fran^ais'^ 
zugleicb  mögliehst  gerecht  und  vermeidet  allzu  will- 
kürliche Eingriffe  in  die  natürliche  Entwicklung  der 
Volkssprache.  — 


Wörterverzeichnis. 


abanlieue  728. 
abbaye  792. 
aboucler  740. 
abras  824. 
abre  727. 
abremelle  728. 
acachons  801. 
accompagneur  738. 
accomparer  740. 
acculer  743. 
achinton  etc.  814,  835. 
achintonner  835. 
acouet  etc.  793,  824. 
acraser  740. 
adriau  etc.  753,  787. 
affaner  823. 
affranchissage  738. 
agaffer  740. 
age  691. 
aglan  728. 
agoüter  740. 
agracier  740. 
agrets  778. 
aguiller  800,  823. 
aiser  (s')  738. 
aises  690. 
ajocher  800. 
albotch  828. 
alouilles  792. 
amasser  739,  804. 
ampro  790. 
ainpröger  etc.  790. 
apigeonner  826. 
apparution  735. 
appondillon  814. 
appondve  800. 
apprentif  724. 
apure  etc.  728,  777, 
aqaepille  etc.  829. 


aquepiller  etc.  829. 
aragner  743. 
areins  761,  766. 
arode  791. 
arolle  761,  768. 
arriörage  735. 
arsouille  838. 
assassineur  738. 
assation  etc.  835. 
asseyer  730,  799. 
assouvenii(8')  740. 
atran  etc.  728. 
atriau  etc.  753,  754,  787. 
attaches  737,  778. 
avalanche  764. 
avanter  799. 
avocaton  738,  814. 
avondre  794. 
avonillon  755,  839. 

bache  etc.  752. 
bacouni  754. 
badje  726. 
bagne,  s.  f.  732. 
bagnolet  773. 
baigner  803. 
bäille  800. 
bambaner  782. 
bambiller  812,  814. 
bandroüler  etc.  830. 
bangarde  789. 
baptis6,  s.  m.  734. 
baragne  690. 
barfolet  782. 
barfou  etc.  782. 
bargagner  etc.  691. 
barjaque  810. 
barjaquer  810,  833. 
barricarde  736, 


batouille  etc.  810,  833. 
batouiller   etc.    810,    813, 

827,  833. 
batze  etc.  752. 
bavarder(8e)  758,  827. 
bec  823. 
bMe,  8.  f.  737. 
beder  729,  834. 
bener  etc.  823. 
bßnichon  792. 
bercler  780. 
berclet  781. 
berdouler  811. 
böricles  724. 
bernar  786. 
b6rosse  779. 
berre  752,  776. 
besolet  770. 
betculer  820. 
bete  noire  837. 
betteler  etc.  752. 
beudge  784. 
beurriöre  738,  798. 
beuze  755. 
bezule  etc.  770,  771. 
bidognol  etc.  833. 
biegno  763. 
billon  811. 
biole  756,  837. 
biotsonner  814,  830,  837. 
bise  (etre)  738. 
biscöme  788. 
bisingue  (de)  834. 
bisse  766,  801. 
biturße  838. 
bivouaquer  807. 
blesson  769. 
bletz  etc.  752,  797. 
bleuve,  adj.  f.  731,  799. 


Das  schweizerische  Volksfranzösisch,  Wörterverzeichnis 


845 


blosser  830. 

bocon  836. 

boite  797. 

boiton  etc.  771. 

boubonnaille  738,  814. 

bondelle  770. 

bonner  743,  779. 

boquenet  740,  743, 814,  836. 

bornan  754,  767. 

borne  78ö. 

bossette  779. 

botasser  834. 

botasson  834. 

boucan  838. 

bouchard  771. 

boucharde,  s.  f.  771. 

boucharder  771. 

bouchfere  741,  789. 

boucheton  (ä)  801. 

bouchon  (ä)  801. 

bouchonner  739. 

bouchoyer  743. 

bou^be  752,  825. 

boueler  809,  820. 

bouer  739. 

bouflfe,  8.  f.  737. 

bouffer  837. 

bougiller  739,  799,  814. 

bougiUon  799,  803,  814. 

bouille  797. 

boulotter  838. 

bourenfle  742. 

bourgater  820. 

bourneau  690. 

bourreauder  743,  806. 

bourtia  832. 

bousin  838. 

boutillon  742,  799,  803. 

bovairon  772. 

bovi  755. 

bracaillon  812,  814,  826. 

braisette  743. 

brandard  742. 

brande  etc.  762,  797. 

brasse  824. 

brave  758. 

bravet  740,  743,  814,  836. 

brecette  779. 

bregantin  784. 


brelaude  806,  831. 
breluron  814. 
breuielle  etc.  728. 
brena.sse  771. 
bresoler  729,  806,  812. 
bretter  793. 
brevard  789. 
briffer  836. 
brigander  824. 
brise,  s.  f.  737. 
brison  etc.  818. 
brisseiet  752,  788. 
brot  781. 
brotter  814,  830. 
bruchon  etc.  808. 
brülon  742. 
buidon  etc.  771. 

cabe  771,  831. 
cacheu  775. 
cacou  (ä)  836. 
cadenati6re  738. 
cadolle  831. 
cadot  761,  786,  802. 
cadotzon  786. 
cafignon  725,  788. 
caion  814,  832. 
calluger  697. 
calonnier  724. 
camber  690. 
canefon  724. 
canquoire  808. 
capiane  828. 
capotte  731. 
caquelicou  (ä)  813. 
carabasse  781. 
carbole  784. 
carcagnou  815. 
carcan  837. 
carolö  735. 
carre  821. 
carron  694. 
catelle  748,  786. 
cassibraille  814. 
cassin  725.  789. 
cau  783. 
cavette  786. 
cavouet  753,  783. 
cazintche  831. 


c616bral  724. 
cerassee  774. 
chable  766,  801. 
chabler  766. 
chacotte  771. 
chafzigre  etc.  752. 
chalet  785. 
chalvfere  752. 
chalv6rien  752. 
chambrouler  729. 
chainbroulon  726. 
changer  778. 
chantion  etc.  835. 
chapieure  782. 
chapler  830. 
chaplotter  814,  830. 
chappe  adj.  742. 
chapuser  830. 
charavoüte  812,  825. 
charbeuille  791. 
Charge  782. 
chargeoir  773. 
chargosse  etc.  785. 
chariot  786. 
charoupe  830. 
charoupee  742,  821. 
charpi,  s.  m.  732. 
chatagne  726,  755. 
chatouillons  800. 
ch6dal  etc.  774. 
cheintre  775,  802. 
cheintrer  775. 
chelampe  752. 
chemarotzer  752. 
chömelet  752. 
cheneau,  s.  f.  732. 
cheniüle  etc.  756. 
cherche  etc.  736. 
ch^sal  754,  785. 
chette  756. 
chevau  732. 
chevrotin  773. 
chillon  776. 
chinder  etc.  790. 
Chiron  776. 
chola  773. 
choquet  726. 
chotte  etc.  691,  768. 
churler  838. 


846 


G.  Wißler 


cibare  74'2,  761,  790. 

cläfi  824. 

claiie,  B.  m.,  s.  f.  734,  831. 

clairer  778. 

clämeau  726,  831. 

cledar  792,  802. 

cloclo  841. 

clopet  etc.  814,  836. 

clousin  726,  777. 

coailler  etc.  809,  814. 

cocasser  809. 

cocoler  813,  835. 

coeur,  adj.  734. 

cogner  758. 

coiflage  738. 

coineau  etc.  754,  783. 

col6reux  738. 

combe  801. 

compar  727. 

confouler  775. 

confusionner  739,  799. 

consequeiit  759, 

consulte,  s.  f.  737. 

copieur  738. 

coraille  788. 

cordre  etc.  794. 

corgeons  etc.  726,  797, 

corgneule  789, 

cornes  804. 

cotter  795,  800. 

cotzon  etc.  726,  818. 

couachtre  828. 

coudre,  s.  f.  732. 

couenui  etc.  783. 

couglof  752,  788. 

cougnarde  736,  788. 

courtine  739. 

coüte,  8.  f.  737. 

couverte,  s.  f.  737. 

couvier  775. 

cova  etc.  775. 

crache,  s.  f.  737, 

crachöe  738. 

craisu  etc.  754,  786. 

cramache  etc.  787. 

cramine  741,  815,  820. 

crape  787. 

craqu6e  738. 

cratte  752,  777. 


cvazet  833. 
crechaule  etc.  788. 
Gliche  726, 
crenet  770. 
cr6mette  etc.  787. 
cresenee  808. 
cresener  808,  817,  820. 
ciet  801. 
crevaison  838. 
crezenet  773. 
crocheter  758. 
crochou  726,  755,  787, 
crouille  814,  825. 
crozet  etc,  786, 
ciü,  s.  m.  737, 
crutze  etc,  752, 
euchet  776. 
ciiguu  788, 
cuite  774. 
cupesse  819. 
cupesser  819, 
cuvard  etc.  748,  787. 

daderidou  813,  833, 
daguer  833. 
daille  769. 
dais  769. 
darre  769. 
debattre  739. 
d6betinch6  834. 
d6briser  740. 
decesser  740. 
döchironner  777. 
decotter  800. 
d^cucher  777. 
dödjocher  800, 
dögredeler  793,   811,   819. 
d6grener  740. 
degroumiller  691. 
dcguille  824. 
deguiller  800,  823. 
d^laver  826. 
deraaugouner  etc.  830, 
dömanguiller  800,  814,  830. 
demanguillonner  830. 
d6moustille  740. 
döpatoillu  813,  831. 
depedger  823. 


döpersuader  736. 
döpoudre  800. 
dequepiller  829. 
derbon  758,  825. 
dernier  759. 
derocher  754. 
derupiter  811,  819, 
desagrafer  736. 
dösandaguer  743,  777. 
desatteler  736, 
desencombrer  736. 
desseparer  743. 
dessineur  738. 
dessouster  790. 
detertin  825. 
detriper  740. 
devaloir'  766. 
devers  740. 
dövousoyer  826. 
dimauche,  s.  f.  732. 
diot  743. 
disputailler  739. 
disputer  s.  f.  758,  826. 
distac  790. 
djaillotS  726,  771. 
djoume  726. 
donne,  s.  f.  754,  791, 
döter  743. 
dräche  etc.  787. 
drächee  787. 
drapeau  742,  797. 
duvet  758. 
dzozet  etc.  828. 

öbaraguer  743. 
öcalabrer  etc.  795,  812. 
ecliappe  adj.  742, 
6charbotter  813,  814,  829. 
öclaffer  etc.  811,  820. 
6colai  780. 
^cot  743. 
ßcoter  743. 
^couvre  780. 
öcrelet  etc,  788, 
eflfeuilles  737,  778. 
6flemu  etc.  752. 
egaguelucher  812. 
egledon  724, 
6gravater  830,  837. 


Das  schweizerische  Yolksfranzösisch,  Wörterverzeichnis 


847 


ömbardoufflee  742, 812,821. 
embardoull'ler  etc.  813,821, 

831. 
einbaumer  741,  818. 
cmbeter  7.'S8,  826. 
emboire  803. 

embrier754,  819,  822,  837. 
^meiner  818. 
emme  etc.  824,  837. 
emmoder  741,  796,818,822, 

837. 
emotionuer  799. 
emourger  819. 
empare  754,  793. 
empoigne,  s.  f,  737. 
empoutouiller  813. 
empuanter  731. 
encavage  738. 
encave,  s.  m.  737. 
enclinte.  adj.  f.  731,  799. 
encoiible  829. 
encoubler  756,  809,  829. 
eudiotfr  743. 
enfil60  738. 
enfle  742,  754. 
engaine  817,  826. 
engringev  741. 
enluge  691. 
ennoyer  (s')  743. 
enrouure  738. 
ensauver  (s')  743. 
eusourder  739. 
entöcher  741. 
entorse,  s.  m.  733. 
enverjure  735. 
environnier  738. 
6paule  803. 
öpenalet  787. 
6piüiacher  830. 
öplaner  781. 
6plateau  728. 
6ponde  779. 
öquepille  etc.  817,  829. 
6rer  735. 
ergalle  831. 
escieut  754,  824,  837. 
escormancher  812,  822. 
espace,  s.  f.  733. 
6tenailles  728. 


ctertir  817,  825. 
6tou<1e,  8.  f.  737. 
6tracl6e  742,810,821,  825. 
ötracler  810,  821. 
ötringnan  779. 
etrouble  806. 
exprimatioii  735. 
6valanche  765. 
6veilIon  814,  825. 

faibler  731. 
falet  771. 
fautif  759. 

fayard  etc.  753,  758. 
fendant  778,  803. 
fennet  814,  834. 
ferfioule  790. 
ferra  770. 
ferre  778,  803. 
ferreau  784. 
ferron  784. 
fertik  753. 
fibre,  3.  ID.  733. 
fidöea  etc.  752. 
fignolet  838. 
filard  776. 
fil6e  738. 
flairon  814,  835. 
flanimer  738. 
flat  762,  777. 
Üeurguisses  753. 
fleurier  776. 
Üot  726,  755. 
flotte  726. 
flumii  etc.  752. 
flutaine  724. 
foröce  753. 
fossorier  790. 
foufetre  752,  772. 
fourguener  811. 
fourneau  757. 
foutaise  838. 
ioutimasser  838. 
foyard  etc.  753,  758. 
fraise  725. 

fravail  753,  789,  814. 
frelore  753. 
friser  808. 
frouille  814,  826. 


frouiller   826. 
frouler  (se)  691. 
fruitier  748,  757. 
fumet  742. 
fuset  797. 
fuste  779. 

gaber  754. 

gadroiiiller  813. 

gafouiller  813. 

gager  789. 

gageur  789. 

galetas  758. 

gandoises  826. 

gandrouille  813. 

ganguilles  812,  814. 

gauguiller  812,  814. 

gapion  814,  827. 

gaspiller  758. 

gaufre,  s.  in.  733, 

gel,  s.  m.  737. 

genille  691,  839. 

gerle  726,  779,  803. 

gicle,  s.  f.  812. 

gieler   796,   799,  811,  840. 

gifleux  779. 

ginguer  726. 

gite  772. 

glacier  762. 

glaire,  s.  m.  783. 

gliuglin  etc.  813,  836. 

glisse,  s.  f.  737,  784. 

glopet  etc.  836. 

gnä  etc.  835. 

godailler  837. 

goger  779. 

goille  etc.  775. 

goufle,  s.  f.  768. 

gonfle  adj.  742,  754. 

gor  766,  801. 

goume  etc.  753,  783. 

goumeau  787. 

gouverner  753,    7.59,    772. 

grabons  etc.  748,  787. 

grafion  697. 

granet  740,  743. 

gratteloton  827. 

gravanche  etc.  770. 

greboler  812. 


848 


G.  Wißler 


greifion  etc.  697. 
gremailler  761,  791. 
gremillon  814. 
grenette  762,  785. 
greubons  etc.  787. 
gries  etc.  752. 
grillet  743. 
gringe  833. 
grispille  etc.  790. 
grolle  831. 

groBset  743,  754,  814. 
grouille,  s.  f.  737. 
gruler  820. 
grunieau  791. 
guelon  787. 
guetton  742, 
guetzo  752,  773. 
gueuser  739. 
guillon  780. 
guillonner  780. 
guinglet  etc.  814,  886. 
guisses  753. 

hachon  742. 
honter  (se)  738. 
houffer  810. 
houriou  835. 
buile,  s.  m.  732. 
huilidre  738. 
hurl6e  738. 
hutains  755,  781. 

iäiä  813,  828. 
improger  etc.  790. 
inducation  736. 
inguenod  828. 
invite,  s.  f.  737. 
iselets  781. 
ivrer  (s')  736. 
izelles  781. 

jaffer  812. 

jicler  etc.    796,  799,   811, 

840. 
jöbler  823,  837. 
jointer  739,  799. 
joran  767. 
journau  731. 
kannepire  753. 


keurchiaule  etc.  788. 
kikajon  785. 
kinson  755,  840. 
kneupflet  etc.  752. 
koussenioter  806,  814. 
kritze  752,  773. 

labene  769. 

lächer  759. 

langet  738. 

läpes  766. 

lochet  762,  772. 

lecrelet  727,  752,  788. 

leidesse  767. 

Ifegre  752,  780. 

Ifegrefass  734,  752,  780. 

lerger  726,  755. 

leton  724. 

l^ve,  s.  f.  737,  778. 

levure  792. 

liadiere  766. 

liSvre,  s,  f.  732. 

ligner  739. 

lignu  etc.  827. 

liotaise  etc.  834. 

Hotte  784. 

liquette  782. 

lissu  796. 

loi  772. 

lointeur  738. 

loirie  727. 

longeole  726. 

loquet  727,  758. 

loquette  781. 

loten  754,  755,  827. 

lotte  727. 

loup  803. 

louvelou  786. 

lovat  etc.  769. 

Inge  784. 

lugeon  784. 

luger  697,  784. 

luget  784. 

luiset  727. 

luppe  727. 

mäcle  690. 
magan  834 
m  agnin  754,  782,  829. 


magnintze  791. 
maia  777. 

mailler  754,  814,  818. 
mallet  789. 
inanger  803. 
marandon  791. 
marcon  782. 
mare  seul  824. 
matafan  etc.  734,  788. 
matinier  738. 
rnatson  776, 
maunet  734. 
mazot  785. 
mfege  725. 
möifeze  768. 
menees  768. 
merande  791. 
mercier  736. 
messalier  789. 
metta  730. 
metzance  820. 
meunns  753. 
miaulee  738. 
mie  777. 
mietter  739. 
mince,  s.  m.  734. 
minuit,  s.  f.  732. 
miser  739. 
mis^re,  adj.  734. 
misten  814,  825. 
mogeon  etc.  771. 
moitresse  775. 
moitressier  775. 
Diolan  789. 
molard  741,748. 
molette  776. 
mollasse  765. 
moraine  765. 
morse,  s.  f.  737. 
mosets  756. 
motele  762,  771. 
mouehon  etc.  726. 
mouille  737,  740. 
mouillon  742. 
murguet  etc.  755,  840. 

nageotter  739. 
nailler  791, 
nant  801, 


Das  schweizerische  Volksfrauzösisch,  Wörterverzeichnis 


849 


nappjige  738. 

neigeotter  739. 

n6va  756. 

n6v6  764. 

niäce  etc.  814,  835, 

niaise  822. 

niau  725. 

nille  789. 

nillon  787. 

nina  837. 

nine  731. 

noce  836. 

nouveau,  e.  m.  733. 

novioa  (ä)  etc.  793,  801. 

noyöre,  s.  f.  732. 

ob6r6  etc.  767. 

ochon  814,  825. 

oTenas  etc.  787. 

oiseau  772. 

ongle,  s.  f.  733. 

ordon  775. 

orvalle  etc.  792. 

ouöres  7B9. 

ouichtöe  742,  810,  821,  825. 

ouichter  810,  821. 

ouingue  etc.  756,  757. 

ouingueretc.756,  808,  820. 

ourtie  754. 

ouviier  790. 

ouze!  753. 

ovaille  etc.  792. 

pailo  etc.  839. 
palancbe  783. 
palanchon  783. 
paI6e  770. 
paneret  743. 
panosse  757,  812. 
papotter  814. 
päquis  etc.  801. 
parapel  727. 
päre  773. 
patalons  724. 
patein  797. 
patracler  829. 
patrigot  811,  832. 
patrigoter  813,  832. 
patte  724,  758. 


pattier  741. 

p aufer  754,  783. 

peblache  793. 

pechier  735. 

peclet  758. 

pecosi  734,  748,  768. 

p^dge  etc.  805,  823. 

p6dger  etc.  806. 

peiguette  793. 

peintrer  739. 

penatzet  814,  831. 

pendeau  740,  742.  799,  803. 

perclue  adj.  f.  731. 

perd-temps  734. 

pernette  769. 

petabosson  734,  827. 

petiot  743,  835. 

petolle  832. 

petou  833. 

p6tuble  757. 

peuglise  734,  752,  786. 

piaillöe  738. 

planes  781. 

picholette  789. 

pide  826. 

pilon  758. 

pintailler739. 

piolet  785. 

pion  838. 

pionnier  758. 

piorne  etc.  829. 

piorner  753,  809,  829. 

piöte  754. 

pipee  738. 

pister  690. 

pive  762,  769. 

pivot  769. 

plancher,  v.  a.  739. 

planelle  754. 

planton  797. 

plate  770. 

pleuvotter  739. 

plot  754,  782. 

plovigner  691,  739. 

plumache  799,  803. 

plumer  758. 

plumet  838. 

poche  797. 

pochon  743,  797. 


Romauisoh«  Forschungen.  XXVII. 


poire,  s.  m.  732. 
poirifere  732. 
poison,  8.  f.  732. 
poisson  779. 
polmon  etc.  755. 
pommeau  827. 
poncenee  742,  921,  825. 
portette  743. 
porteur  781. 
pose  754,  790. 
potringue  831. 
potringuer  831. 
potte  743,  756,  832. 
potter  743. 
pouet  813,  832. 
pouliue  etc.  731. 
pousse  768. 
poussöe  737. 
poussenion  791. 
poutzer  752. 
pressen  783. 
prin  694,  724. 
primbeche  724. 
procure,  s.  f.  737. 
pruneau  769,  797. 
pruneaulier  738,  762,  769, 

797. 
pucine  826. 
puissant  759. 
pure  etc.  728,  777. 

quartette  789. 
quenollon  813,  814,  834. 
quequeier  etc.  809,  833, 
quicageon  785. 
quicheux  779. 
quinson  755,  840. 
quitter  759. 

rablet  753. 
raboutonner  740. 
raccompagner  739. 
raccusepeter  812,  827,  837. 
raffe  779. 

raffeux  etc.  779,  803, 
rafoncer  729. 
rail,  8.  f.  733, 
raller  739. 
ramanguiller  800. 
ramasser  759,  804. 
54 


850 


G.  Wißier 


ramel6  771. 

ramelee  742,  812,  821. 

ramenfee  742. 

rancuneux  738. 

ranquemeler  etc.  809, 

ranquiller  809. 

ranter  etc.  739. 

rape  766,  802. 

rapille  766,  790. 

rarrauger  739. 

ratelet  743. 

ratenir  743. 

rater  739. 

ravour  820. 

rebatter  etc.  811,  819. 

rebedouler   etc.  807,   811, 

819. 
rebener  811,  820. 
rebias  778. 
rebioler  778. 
rebiolon  778. 
rebouiller  etc.  813,  820. 
recaftee  742,  812,  822. 
recaffer  822. 
rechigneur  738. 

vechuter  739. 
recouvre,  s.  f.  737.    , 

redecider  739. 

redipet  etc.  827. 

redip6ter  etc.  827. 

refalloir  739. 

refrissonner  739. 

regauffde  etc.  826. 

regouesser  832. 

relatioüDÖ  738. 

relaver  759. 

reloin  739. 

reluquer  837. 

remauffße  etc.  826. 

rembourä,  s.  m.  737. 

remollöe  822,  835. 

remoller  835,  837. 

rerauer  758. 

renarder  832,  838. 

renrhumer  739. 

lenrouler  739. 

repas  du  loup  791. 

repassße  742. 

repeutu  729. 


replaire  (se)  739. 

repochonner  743. 

repoussenion  etc.  791. 

requet  791. 

resin  724. 

ressat  791.  ■ 

rester  759. 

restoiiper  834. 

retaloniier  738. 

retamer  736. 

röveillon  825. 

revolin  817,  832. 

ridan  825. 

rifere  793. 

rifle  779. 

riflet  779,  803. 

rimee  76.5. 

riquiqui  838. 

rioute  818. 

rises,  s.  f.  pl.  737. 

risolet  743,  813,  814,  836. 

risotter  739. 

rituule  829. 

rizu  730. 

rogmenter  739. 

roille  810,  817,  822. 

roillee  822. 

roiller  69 1 ,  810,818,822, 825. 

roncliemeler  809. 

ronchonner  808,  814,  833. 

ronfle,  s.  f.  737,  808. 

rongeon  742,  799,  803. 

rongiller  739,  814,  832. 

rougilloii  742,  799,  814. 

ronner  808,  820. 

roueler  etc.  809,  820. 

rouingner  etc.  808. 

rousse,  s.  f.  734. 

ruchon  774. 

ruise  763. 

ruper  823. 

sable,  s.  f.  732. 
sacrementer  833. 
salarde  735. 
sal6e  788. 
saligot  731. 
sanglee  738. 
eapelle  742. 


sarbre  727. 

sare  nuit  824. 

sarge  776. 

sarpeut  832. 

saule,  s.  f.  732. 

schätz  752. 

schi  etc,  782. 

schilte  etc.  752. 

schlaguer  838. 

schlinguer  838. 

schnetz  etc.  752. 

schnetzer  752. 

sfeche  788. 

sßcherons  777. 

seiche  766. 

secou^,e  735,  738. 

segneule  etc.  756,  757. 

sentu  729. 

serac  etc.  764,  774. 

seretetc.754,  761,764,774. 

serpent,  s.  f.  732. 

servant  792. 

sicl6e  809. 

sicler  809,  820. 

sifflasson  770. 

sifflet  771. 

sioute  768. 

singuliarite  735. 

sottines  690. 

soucare  788. 

soupe  ä  la  bataille  753. 

soupoudrer  736. 

täourdite  735. 

sourifebe  752. 

souster  790. 

soustraisent  730,  799. 

stand  752,  790. 

stahl  752,  794. 

staufiffre  828. 

stfekre  752. 

stotz  753. 

strube  752,  783. 

sugage  735,  738, 

sublet  etc.  755,  839. 

tablar  753,  797. 
taccon  754,  797,  840. 
tadier  etc.  834. 
taillarder  736. 


Das  schweizerische  Volksfriuizosisch,    Wörterverzeichnis 


851 


taillolo  7G1,  788. 
taraer  730. 
tapaseillon  734,  827. 
tapatoiile  734,  827. 
tapeg:oiiille  734. 
tapette  805. 
tapisseur  738. 
tauberbitche  813,  828. 
taupe  7.^8. 
tavan  755,  796, 
taxeur  738. 
t^che  777. 
tertasse  754. 
teurdou  etc.  808. 
tiatsin  734. 
tieuchetet  800. 
tiuquet  etc.  814,  836. 
tintöbin  734,  754,  786. 
tiole  756,  837. 
tioutiou  770. 
tirelig'na  734,  810,  827. 
tirepoils  790. 
tirevüugner  etc.  734,  810, 

820. 
toil  727. 
tombereau  784. 
torame  754.  774, 
topette  787. 
toqueur  738. 
torraille  823. 

torrailler812,  814,  823,  837. 
torröe  823. 
toube  761,  773. 
toufelet  etc.  752,  787. 
touillon  814. 
toulon  725. 
touper  808,  820. 
toupin  772. 
toupine  741. 
tourner  759. 


tourniquer  739. 

toussiller  739,  814. 

toussir  729,  799. 

touyetz  828. 

tracer  690,  809,  820. 

tracolon  780. 

tracl6ran  734,  779. 

tralöe  742,  821. 

traiuire  778. 

trape,  aclj.  742. 

travaii  732. 

tröbiichet  782, 

tredon  etc,  808,  814,   820, 

tremble,  s,  m.  737. 

trempe  adj.  742. 

triSge  788. 

trigailler  807,  813,  814,  830. 

tringuelte  etc.  752. 

trinquet  etc.  836. 

trioler  809,  829. 

trocher  729. 

troillu  780. 

tronche  726. 

trosser  820. 

trottee  738. 

trouillon  814. 

troupiner  690. 

trouve,  s.  f.  737. 

truino  763. 

tsaffairu  726,  792. 

tsaille  etc.  814. 

tschink  828. 

tsergosse  etc.  785,  802. 

tserpille  790. 

tseye753. 

tsoceville  792. 

tsopille  790. 

tsrouker  753. 

tuilifere  742. 

turter  818. 


tutclie  852,  828. 
tfiter  818. 

uberre  etc.  767. 
use,  adj.  742,  754. 

vacherin  773. 

vaille,  adj.  793, 

valamoii  777, 

vaudaire  761,  767, 

vec  etc.  752. 

velie  etc.  769. 

vepr6  691, 

verde,  adj,  f,  731. 

vergillon  740,  742,  814, 

verguissffiinette   etc.    753, 

768. 
viate  784. 
videe  737, 
vieudge  726, 
virer  690,  759. 
vogue  754,  792. 
voire  690,  691. 
vouable  etc.  762,  768. 
vouöpe  755,  756. 
vouicher  691,  610. 
vouiugue  etc.  756,  757,  808. 
vouinguer  etc.     756,    808, 

820. 
voyage  757. 

yadzo  (st')  807. 
yass  752,  790. 
yot  834. 
yotaise  etc.  834. 

z5re  727. 
zonnße  808. 
zonner  808. 
zozet  etc.  828. 


Nachtrag. 


Zu  S.  696  vgl.  Ph.  Monnier:  Mon  village,  p.  216—225  (Geneve  1910). 

Zu  S.  704,  Über  die  westschweizerischen  Mundarten  vgl,  auch: 

E.  Tappole t:  Die   Sprachverhältnisse    in    der  französischen  Schweiz.  — 
Sonntagsblatt  der  Basler  Nachrichten  vom  3.,  10.  und  17.  März  1907. 

E,  Muret:  Les  patois  de  la  Suisse  romande.  —  Bibliotheque  universelle, 
tome  54,  p,  285-311  (mai  1909). 

„Zu  S.  751  flf.    (Schweiz.  Lehnwörter)    vgl.    einen  Artikel   von    Quin  che 
in  der  Zeitschrift  für  franz.  und  engl.  Unterricht  VIII,  4."  — 

Zu  S.  772  (toupin)  n.  775  (Heu)  vgl.  „Bulletin"  1909,  p.  17  und  26 ff. 

54^^ 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter 
personne  und  meme. 

Von 
Willy  Etzrodt. 


Einleitung. 


In  vorliegender  Arbeit  soll  versucht  werden,  die  Syntax  der  unbe- 
stimmten Fürwörter  ^^personne^^  und  „w^me"  darzustellen. 

Die  Bezeichnung  „unbestimmte  Fürwörter",  zu  denen  ich  die  beiden 
Pronomina  rechnen  möchte,  passt  zwar  nicht  für  alle  Verwendungsarten 
von  ,^personne"  und  „?weme",  ist  jedoch  der  Zweckmässigkeit  halber  in 
Übereinstimmung  mit  vielen  der  bedeutendsten  Grammatiker  beibehalten 
worden.  Eine  völlige  Übereinstimmung  der  Grammatiker  bezüglich  der 
zu  den  unbestimmten  Fürwörtern  zu  rechnenden  Worte  besteht  über- 
haupt nicht  (cf.  Jäger  1). 

Über  „per sofnie'-' imd  „meme'-'  hat  schon  Gessner  einiges  in  seinen 
bekannten  Programmen  gegeben,  doch  sind  von  ihm  nur  wenige  Er- 
scheinungen kurz  berührt  worden.  Ausser  dieser  ersten  historisch- 
syntaktischen Untersuchung  über  das  französische  Pronomen  und  ausser 
den  oben  aufgezählten  Texten,  die  der  Arbeit  zugrunde  liegen,  sind 
noch  zahlreiche  andere  syntaktische  Arbeiten  durchgesehen  worden, 
die  entweder  die  Syntax  eines  kürzeren  Zeitraums  oder  die  eines  ein- 
zelnen Autors  behandeln. 

Ausserdem  sei  noch  bemerkt,  dass  ich  bezüglich  der  Gliederung 
des  ganzen  iu  einzelnen  wenigen  Fällen  die  in  Göttingen  erschienenen; 
unter  den  benutzten  Abhandlungen  bereits  aufgeführten  Dissertationen 
von  Kramer,  Lemme,  Jäger  und  Hoepner  zu  Rate  gezogen  habe, 
da  die  vorliegende  Arbeit  ebenso  wie  diese  ein  Gebiet  aus  der  Syntax 
des  Pronomens  behandelt. 

personne. 

I.  Entstehung. 

Das  Wort  personne  (v.  lat.  persona)  ist  ursprünglich  ein  reines  Sub- 
stantiv gewesen  und  hat  diese  ursprüngliche  Bedeutung  auch  während 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  m§me         853 

der  ganzen  afr.  Periode  bis  in  die  neueste  Zeit  beibehalten.  Ich  gebe 
zunächst  einige  Beispiele,  in  denen  es  in  seiner  ursprünglichen  Funktion 
als  reines  Substantiv  steht.  Als  solches  ist  es  mir  zuerst  im 
12.  Jahrhundert  begegnet 

En  une  personne  \a  sostance  deu  et  de  l'omme  (orig. :  in  persona 
una).    Bernhard  36. 

Moult  pers  bele  personne.    Jourdains  1415. 

Et  certainement  ce  que  j'ay  cy  devant  escript,  je  Tay  mis  tout  au 
plus  prez  de  la  verite  que  j'ay  peu,  selon  que  je  Tay  veu  en  ma  propre 
personne  et  que  j'en  ay  souvenance.     Jehan  le  Bei  194. 

La  personne  par  moy  fut  envlimee.    Villen,  Codicille  110. 

C'est  honte  qu'une  personne  se  dit  sgavant.  Rabel.  Pant.  II,  8; 
Littre. 

Madame  vostre  Mere  sera  tousjours  la  meilleure  et  la  plus  galante 
personne  du  monde.     Voiture  186. 

L'archeveque  d'Upsal  etait  la  seconde  per  sonne  du  royaume.  Vol- 
taire, Moeurs  119,  Littre. 

Eh!  bon  Dieu!  m'ecriai-je,  avec  qui  voulez-vous  que  je  m'entende 
ä  mon  age,  si  ce  n'est  avec  les  j^ersoww^s  serieuses?    France,  Crime  72. 

Aber  schon  im  13.  Jahrhundert  nahm  personne  daneben  die  Funk- 
tion eines  unbestimmten  Fürworts  an.  Seine  Bedeutung  ging  von 
,,Person"  in  Jemand,  irgend  jemand"  über.  Der  Begriff  „Person"  wurde 
also  verallgemeinert,  eine  Bedeutungsentwicklung,  wie  sie  auch  in 
anderen  Sprachen  zu  beobachten  ist.  Diese  Grundbedeutung  des  per- 
sonne als  unbestimmtes  Fürwort  liegt  vor  in  folgenden  Beispielen: 

Abbes,  tu  as  non  de  persone^  car  chil  nons  abbes  „pere"  sone. 
Reuclus  de  Molliens,  Carite,  CIX,  1 ;  Godefroy. 

Or  me  queres  dunque  personne  ki  me  soit  avenans  et  bonue.  Maho- 
met  663.  Quand  eile  fut  venue  au  lieu  desire,  moult  iuy  tardoit  de 
rencontrer  celle  qu'elle  hayt  plus  que  personne.  Cent  253.  S'il  y  a 
personne  qui  ayt  trouve  ung  livre.     Des  Periers  350. 

Weitere  afr.  Beispiele:  Mist.  D.  V.  T.  7503,  Mir.  II,  863. 

In  neufr.  Zeit  tritt  personne  in  der  Bed.  „jemand,  irgend  jemand" 
so  häufig  auf,  dass  Beispiele  an  dieser  Stelle  unnötig  sind. 

IT,  Geschlecht. 

I.  personne  als  Substantiv. 
1.  Mit  weiblichem  Geschlecht. 

Personne  hatte  nach  seiner  Herkunft  weibliches  Geschlecht  und  hat 
sich  mit  diesem  die  ganze  afr.  Periode  hindurch  bis  heute  erhalten. 
Kar    tes    serfs    loab  cumandad   que  jo  en  ma  personne   e   en  la 


g54  Willy  Etzrodt 

personne  de  mes  fiz,  parlasse  de  teie  et  de  tes  fiz.  Kois  ü,  14,  19. 
Bon  conseil  me  donne  et  avenant  a  ma  personne.  Mahomet  388.  Selon 
que  j'ay  veu  cn  ma  propre  personne  et  qne  j'en  ay  souveiiance.  Jehan 
le  Bei  194.     Sa  persone  par  moy  fut  envlimee.    Villon,  Cod.  110. 

In  nfr.  Zeit  sind  die  Beispiele  für  weibl.  personne  so  zahlreich, 
dass  es  nicht  nötig  erscheint,  solche  anzuführen.' 

2.  Mit  männlichem  Geschlecht. 

Aber  im  Nfr.  wird  personne  bisweilen  auch  männlich  verwandt. 
Dies  ist  der  Fall,  wenn  man  ganz  allgemein  von  Personen  spricht,  ohne 
auf  die  Unterscheidung  von  Personen  männlichen  oder  weiblichen  Ge- 
schlechts Gewicht  zu  legen.  Ferner  auch  ohne  diesen  Grund,  wenn  per- 
sonne von  seinem  Beziehungswort  erheblich  getrennt  ist,  eine  Erscheinung, 
die  wohl  dadurch  zu  erklären  ist,  dass  wegen  der  grossen  Entfernung 
das  Gefühl  dafür,  dass  personne  ursprünglich  weibliches  Geschlecht  hat, 
verloren  geht. 

Deux  personnes  non  liez.    Marg.  III,  183,  Gräfenberg  20. 

Jamals  je  n'ai  vu  deux  personnes  etre  si  contents  Tun  de  l'autre. 
Moliere,  Don  Juan  I,  2;  Livet.  A  cause  des  personnes  qui  venoient 
offrir  des  parfums  ä  la  deesse,  et  qui  etoient  parfiime  eux-meme&.  Laf. 
Vni,  179/80,  Lexique. 

Weitere  Beispiele:  Livet  p.  260. 

II.  personne  als  indefinites  Pronomen. 
1.  Mit  weiblichem  Geschlecht. 

Als  indefinites  Pronomen  erscheint  personne  seiner  Herkunft  nach 
in  afr.  Zeit  mit  weiblichem  Geschlecht. 

Or  me  queres  dunque  personne,  ki  me  soit . . .  bonne.  Mahomet  663. 
II  n'avoit  . . .  personne  qui  fust  si  dolente.  Prise  3578.  Humble  vierge, 
a  qui  ne  ressamble  personne  nee.     Mir.  V.  503. 

Auch  aus  dem  16.  Jahrhundert  habe  ich  das  pronominale  personne 
noch   iliit  weiblichem  Geschlecht  belegen  können: 

L'epistre  venue  de  moy,  pour  femme  qui  vault  mieux  que  toy, 
n'est  autre  cas  qu'une  rlsee,  ou  personne  n'est  desprisie.  Marot  178. 
II  n'y  a  personne  qui  ne  soit  ^si'own^e.     Farel,  Lettres,  1531;  Brunot  322. 

In  neuerer  Zeit  wird  personne  nur  dann  weiblich  gebraucht,  wenn 
es  ausdrücklich  weibliche  Wesen  bezeichnen  soll,  wie  in  folgenden  Bei- 
spielen: 

Personne  n'est  si  serieuse  que  moi  pour  les  choses  serieuses. 
Plattner  I,  382.  Personne  n'ctait  plus  belle  que  Cleopatre.  Littrö.  En- 
fin  Jamals  personne  ne  fut  si  peu  inariee^  et  ue  le  fut  tant.    Voiture261. 


Die  Syntax  der  unbestimrateu  Fürwörter  porsonne  und  meme  855 

2.  Mit  männlichem  Geschlecht. 

Im  allg-emeinen  nimmt  peih^onue  mit  Anbruch  der  ueufranzösischeu 
Zeit  als  indefinites  Pronomen  das  männliche  Geschlecht  au.  So  meist 
schon  im  16.  Jahrhundert:  Si  personne  tant  feust  esprins  de  temerite 
qu'il  luy  voulust  resister.    Rabel.  I,  27,  Brunot  22. 

Für  die  spätere  Zeit  bieten  sich  ausserordentlich  zahlreiche  Bei- 
spiele für  das  pronominale  personne  als  Maskulinum.  Zwei  Schulbei- 
spiele sind:  Personne  n'est  venu,  personne  n'est  parfait. 

Anmerkung: 

Beachtenswert  ist  folgendes  Beispiel,  in  dem  personne  in  ein  und 
demselben  Satze  gleichzeitig  als  Femininum  wie  als  Maskulinum 
auftritt:  Gix\'  per  sonne  n'est  morte^  s'en  enfer  n'est  enclos,  Ol.  Maillart, 
Stark  697. 

in.  Positives  personne. 

Wie  die  Entstehung  aus  lat.  persona  zeigt,  ist  personne  seiner 
Natur  nach  ein  positives  Pronomen.  Es  wird  nur  in  Beziehung  auf 
Personen  verwandt  und  dient  zur  Bezeichnung  einer  Person,  auf  deren 
nähere  Bezeichnung  man  verzichtet.  Das  positive  personne  ist  mir  in 
folgenden  Fällen  begegnet: 

I,  Noch  der  JPraeposition  sans. 

1.  sans  -f  Substantiv  4-  de  +  personne. 

0  que  ces  helles  destinees  ont  aujourd'hui  fait  un  beau  trait,  de 
m'avoir  ordonne  estre  aveugle,  ä  fin  qu'indiÖeremment,  et  sans  acce- 
pcion  de  personne,  chacun  soit  au  hazard  de  mes  traits  et  de  mes  flesches. 
Labe  21.  Bien  je  m'esbahissois  comment  les  deux  portes,  chascune 
par  soy,  sans  Toppressiün  de  personne,  estoient  ainsi  ouvertes.  Gar- 
gantua  145. 

2.  sans  -{-  Infinitiv  +  personne. 

a)  personne  als  Objekt. 

Sans  rencontrer  personne.  Cent.  I,  137.  Mais  au  fond,  c'est  abus, 
Sans  excepter  personne.  Regnier  115.  II  passa  tout  ce  jour,  sans  voir 
personne.  Voiture  658.  Comment  venir  ä  bout  de  subsister  sans  con- 
naitre  personne.  Laf.,  Contes  III,  1.  117.  J'entrai  dans  le  grand  salon 
sans  rencontrer  personne.    France,  Crime  55. 

b)  personne  von  einer  Präposition  abhängig. 

Diese  ist:  de. 

Mais  Fortune  ne  lui  vouloit  tant  de  mal  faire;  car  secretement  entra 


856  Willy  Etzrodt 

dedens  Tostel,  sans  estre  veu  ne  senty  de  personne.  Nouv.  14.",  180. 
Sans  estre  veu  de  personne.  Gargantua  60.  Ce  soir  ...  je  dois,  sans 
etre  vu  ni  suivi  de  personne  entretenir  Hortense.  Voltaire  174. 
ä. 
S'en  alla  en  sa  chambre  qu'il  avoit  au  palais,  sans  tourner  le  vi- 
sage  et  sans  escouter  ne  parier  ä  personne  qui  vive.  Nouv.  14.",  180. 
Ce  disant,  partit  de  sa  place,  sans  faire  aueune 'reverence  ä  personne. 
Menippee  218.  J'en  pouvais  disposer  ä  mon  gre  sans  rendre  compte 
ä  personne.  Rousseau  106.  Je  revais  donc;  par  moments,  sans  oser  le 
dire  d  personne,  de  rencontrer  un  homme.    Dumas  ü,  13. 

II,  Nach  der  Konjunktion:  sans  que. 
1.  sans  que  -|-  personne. 

Quand  je  concoy  en  moy  comment  ensemble  passerons  nos  jeunes 
jours  joyeusement  sans  que  personne  s'en  puist  donner  garde,  je  sengloutiz 
de  joye.    Cent.  II,  244. 

Soubdainement  les  deux  portes  sans  que  personne  y  touchast,  de 
soy-mesrae  s'ouvrirent.    Gargantua  144. 

On  disputera  fort  et  ferme  de  part  et  d'autre,  comme  nous  avons 
fait,  sans  que  personne  se  rende.    Moli^re  III,  369. 

Je  tins  parole  ä  Du  Eozel,  et  lui  payais  vingt-six  mille  livres  sans 
que  personne  le  süt.     Saint- Simon  284. 

Les  filles  savoient  tout,  sans  que  personne  eüt  parle.  Pot- 
Bouille  344. 

Anmerkung: 

Gleichbedeutend  mit  sans  que  ist  das  bisweilen  im  afr.  erscheinende 
sans  ce  que  „ohne  den  Umstand  dass";  „ohne  dass". 

En  ce  point  cuntinuerent  grand  teraps  sans  ce  que  personne  s'en 
aperceust.     Cent.  II,  50. 

2.  sans  que  -f-  personne  mit  Präpos. 

Le  Portrait  etait  si  juste,  sans  que  l'ironie  en  füt  blessante  pour 
personne,  qu'un  rire  courait  autour  de  la  table.    Maup.  Fort  66. 

Anmerkung: 

Der  Modal-Satz  ist  durch  einen  Präpositionalausdruck  vertreten  in 
folgenden  Beispielen: 

Et  il  s'imaginait  ä  present  que,  hors  de  cette  maison,  dans  les  bois 
peut-etre  oü  ils  seraient  tout  a  fait  seuls,  sans  personne  autours  d'eux, 
cette  iuquietude  de  son  coeur  serait  satisfaite  et  calmee.  Maup.  Fort  108. 
La  voilä  sans  personne!    Zol.,  Le  docteur  Pascal,  531490,  Gaufinez. 


Die  Syntax  der  imbestimmten  Fürw()rter  personne  und  meme  857 

111.  Heini  Infinitiv f  der  abhängt : 
1.  Von  einem  begrifflich  eine  Negation  enthaltenden  Verbum. 

a)  defendre. 

Mais  sa  timidite  ou  plustost  sa  naturelle  bonte  rempescheient  d'user 
de  radvantage  qu'il  avoit  an  main,  faisant  f/ß^<?wrfre  a  ses  gens  de  guerre 
de  frapper  ny  o'^QUi^Qr  personne.  Meni])pee  163.  Elle  (la  charite)  c^^/ewo? 
de  iiuire  et  de  faire,  meme  de  souhaiter,  du  mal  ä  personne.  Saint- 
Simon  15.  Le  docteur  m'avait  defendu  de  recevoir  personne.  Je  sais 
tout  73. 

b)  garder. 

Mais  toutes  foiz  .  .  .  gardez-Yoii»  bleu  d'en  rien  dire  ä  personne. 
Cent.  4. 

2.  Von  einem  Verbum  des  Affekts,  fächer. 

Non,  non,  je  serais  fache  d'incommoder  personne.  Faites  librement 
ce  que  vous  avez  ä  faire.    Moliere  III,  408. 

3.  Von  einem  negierten  Verbum  des  Wollens. 

a)  daigner. 
II  ne  daigne  pas  attendre  personne.    Lücking. 

b)  permettre. 

II  n'etoit  pas  permis  aux  pretres  de  maudire  personne.    Racine  VI, 

318,  Lexique. 

c)  refuser. 

En  attendant  qu'elle  descende,  voulez-vous  vous  rafraichir?  —  Oh! 
je  n'ai  jamais  refuse  de  trinquer  avec  personne.    Marivaux  246. 

4.  Von  einem  Substantiv  oder  Adjektiv,  die  einen  negativen  Begriff  in 

sich  schliessen. 

Von  Substantiven  sind  mir  zwei  begegnet,  crainte  und  defense. 

a)  crainte. 

On  raeonte  des  anecdotes  plus  ou  moins  authentiques  sur  sa  crainte 
d'offenser  personne.    R.  15/3,  1883,  Stier  446. 

b)  defense. 

Le  Roi  l'avait  dit  au  duc  de  Noailles  en  entrant  au  conseil,  mais 
avec  defense  d'en  parier  ä  personne^  meme  ä  ses  collegues.     Saint  S.  116. 

Von  Adjektiven  ist  mir  nur  „impossible"  entgegengetreten:  II 
vous  serait  impossible,  je  crois,  de  jamais  b\e&8er  personne.  Rod.  in  R. 
1/10,  1893;  Stier  447. 


858  Willy  Etzvodt 

IV.  Beim  Wehensat^e  mit  qiie,  der  abhängt' 
1.  Von  einem  begrifflich  eine  Negation  enthaltenden  Verbum. 

a)  defendre. 

J'avais  defendu  qiie  vons  vissiez  2^^^'somie.  Lücking-.  Je  dSfends 
qiie  personne  lui  parle.    Bastin  87. 

b)  douter. 

Je  doute  que  personne  y  reussisse.  Dictionnaire.  Je  doute  qua  per- 
sonne  ait  mieux  peint  la  nature.  Restant,  Mätzner:  Gr.  164.  Je  doute 
que  persotine  puisse  le  faire.    Bastin  140. 

c)  empecher. 

Nous  fimes  nos  promenades  daus  un  ehemin  creux,  dans  un  sentier, 
entre  deiix  haies  qui  empechaient  que  personne  uous  vit.  Cherb.  in  R 
15/10,  1884;  Stier  446. 

2.  Von  einem  negierten  Verbum  des  Denkens,  Wissens,  Woliens. 

a)  croire. 

Chacun,  et  le  roi  meme,  rioit  de  tont  son  coeur,  et  la  plupart  en 
eclats,  en  teile  sorte  que  je  ne  crois  pas  que  personne  ait  jamais  rien 
essuye  de  semblable.     Saint-Simon  99. 

b)  se  flgurer. 

II  est  difficile  de  se  figurer  que  ce  genre  de  litterature  ait  pu  avoir 
pour  personne  le  moiudre  attiait.     Plattner  I,  388. 

Der  Verbindung-  il  est  difficile  de  entspricht  in  diesem  Falle  fast 
einer  Negation. 

c)  supposer. 

11  se  sentait  .  .  .  tellement  entre  dans  une  agonie  inimagiuable, 
qu'il  ue  pouvait  supposer  que  jj^rsonwe  eüt  souffert  comme  lui.    Maupass., 

Fort  282. 

d)  savoir. 

Je  ne  sacke  jamais   que   personne  ait  manie   mon    arc    que  moy. 

Labe  15. 

e)  souflPrir. 

Non  content  de  n'etre  pas  sincere,  il  ne  sovffre  pas  que  personne 
le  soit.     La  Bruyere,  Darmesteter. 

f)  vouloir. 

II  ue  veut  pas  que  personne  perisse.  Bossuet,  Littre.  Tarquinius 
respondit  fierement,  qu'il  ne  vouloit  point  que  personne  fust  son  juge. 
Amyot,  Publ.  34,  id. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  P"'üiwürtcr  personne  und  mßme  859 

Anmerkung: 

Während  in  diesen  beiden  Beispielen  vouloir  wirklich  verneint 
war,  kann  der  negierte  Sinn  auch  durch  die  Frageform  ausgedrückt 
werden, 

Comment  voulez-vous  que  personne  vous  vienne  Jamals  voir?  Ra- 
cine VI,  151;  Livet. 

F.  Nach  koinparativeni  Begriff. 

1.  plus. 

Moult  luy  tardoit  de  rencontrer  celle  qu'elle  hait  plus  que  per- 
sonne. Cent.  I,  319.  Principalement  lorsque  apres  avoir  p/ws  contribue 
que  personne  du  monde  a  son  retour  en  France.  Sevigne  I,  460.  Tout 
le  monde  l'a  crn,  et  je  le  crois  k  la  flu  moi-meme  plus  que  personne. 
Voltaire  I,  283.  11  en  sgavoit  plns  que  personne,  comme  membre  de  la 
Chambre.     Maup.  Fort  54. 

2.  mieux. 

Et  la  Reyne  qui  la  sentit  mieux  qne  personne^  fut  celle  qui  fit  moins 
de  semblant  de  l'avoir  entendue.     Voiture  658.     Celui-ci  peut  enseigner 
beaucoup  mieux  que  personne.    Racine  VI,  37,  Lexique. 
Vous  savez  mieux  que  personne  que  cette  satire  est  d'un  poete  du  Martis. 
Voltaire  I,  6. 

Anmerkung; 

Mieux  und  plus  in  demselben  Satze  finden  wir  in  folgendem  Bei- 
spiel: 

Je  vous  dis  que  c'est  ä  devenir  fou  quaud  on  vous  a  connue  comme 
moi,  qui  vous  ai  regardee  mieux  que  personne  et  aimee  plus  que  per- 
sonne.   Maup.  Fort  165. 

VI.  Nach  eifiem  mit  trop  verbundenen  Adjektiv  oder 

Adverb. 

1.  trop  .  .  .  pour  -f-  Infinitiv. 

II  est  trop  hardi  pour  craindre  personne.  Vaugelas,  Rem.  I,  63. 
Ceci  me  chagrinC;  mais  je  l'aime  trop  pour  la  ceder  ä  personne.  Mari- 
vaux  318,  C'est  un  secret  irop  important  pour  le  confier  ä  persomie. 
VoiturC;  Lettre  23.  La  ruse  est  trop  grossiere  pour  tromper  personne. 
Plattner  I,  388. 

2.  trop  .  .  .  pour  +  que. 

C'est  que  l'histoire  n'attaque  et  ne  revele  que  des  morts,  et  morts 
depuis  trop  longtemps  pour  que  personne  prenue  part  en  eux.  Saint- 
Simon  20. 


860  Willy  Etzrodt 

FJTI.  In  mit  si  „wenn"  oder  „ob"  eingeleiteten  Sätzen. 

1.  si  =  wenn. 

Et  si  personne  les  blasme.  Rabelais,  Gräfenberg.  Je  suis  le  plus 
trompe  du  monde,  si  cela  est  approuve  de  personne.  Moliere  III,  425. 
Si  jamais  personne  est  assez  hardi  pour  rentreprendre;  il  reussira. 
Dictionnaire. 

2.  si  =  ob. 

Et  aussy  avoit-il  sergeans  souldoyers  ä  ses  gages  pour  faire  ses 
commandemens,  et  espier  et  aviser  s'il  y  avait  personne  rebelle  ä  luy. 
Jehan  le  Bei  128.  Je  m'envoys  faire  mes  commissions,  et  specialement 
chercher  la  trompette  de  la  ville  pour  faire  crier  s'il  y  u,  personne  qm. 
Des  Periers  363.  N'est  il  pas  mieux  de  voir  s'il  vient  perso??ne.  Moliere, 
Ampb.  III,  7;  Schmidt  47. 

VIII.  In  der  rhetorischen  Frage. 

Y  a-t-il  personne  d'assez  hardi?  Dictionnaire.  Personne  oserait-il 
nier?  Ib.  Personne  croirait-il  jamais?  Littre.  Connaissez-vous  per- 
sonne de  plus  obligeant?  Larousse.  Personne  a-t-il  jamais  raconte  plus 
naivement  que  La  Fontaine?    Restant;  Mätzner,  Gr.  164. 

Anmerkung: 

An  dieser  Stelle  sei  noch  darauf  hingewiesen,  dass  der  Satz,  in 
dem  personne  vorkommt,  doch  stets  eine  negative  Färbung  hat;  per- 
sonne kann  nicht  in  schlechthin  affirm.  Sätzen  verwandt  werden. 

IV.  Negatives  personne. 
I,  Entwicklung  des  negativen  per  sonne. 

Die  Entwicklung  des  negativen  personne  hebt  mit  dem  Augenblick 
an,  wo  die  Negafionspartikel  ne  zu  personne  tritt.  Dann  beginnt  der 
Prozess  der  Verschmelzung:  ne  und  persoiine  verschmelzen  zu  einem 
negativen  Begriff.  Wenn  dann  später  personne  selbst  mit  negativer 
Bedeutung  erscheint,  so  ist  dies  daraus  zu  erklären,  dass  ne  und  per- 
Bonne  sich  wieder  trennen  und  personne  als  negatives  Fürwort  aus  dieser 
Trennung  hervorgeht. 

Interessant  ist  übrigens  noch,  dass  derselbe  Vorgang,  wie  er  sich 
in  der  Bildung  des  negativen  personne  durch  die  Verbindung  der  Ne- 
gationspartikel ne  mit  einem  „ein  persönliches  Wesen  bezeichnenden 
Substantiv",  personne,  findet,  im  Lateinischen  in  dem  Worte  nemo  aus: 
ne  -|-  homo  anzutreffen  ist. 

Das  erste  Beispiel  des  negativen  personne  habe  ich  belegen 
können  aus  dem  etwa  1288   entstandenen  Dirne    de    penitence   des 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  meme  861 

Jehan  de  Journi,  also  ganz  bedeutend  früher  als  die  meisten  Gramma- 
tiker, die  das  erste  Auftreten  in  das  16.  Jahrhundert  setzen.  Es  folgen 
dann  weitere  Beispiele  aus  afr.  Zeit;  für  die  nfr.  Zeit  glaubte  ich  solche 
hier  tibergehen  zu  können. 

En  cui  (Christus)  tous  sens  ici  s'ensauche,  qu'il  w'est  personne  ki 
riens  sache,  qui  de  lui  n'ait  le  sens  eü  et  de  sa  grasse  techeti.  Peni- 
tence  107/10. 

Et  ne  troiiveroient  noz  gens  personne  de  par  le  roy  ne  son  conseil 
qui  les  osast  aider  ne  socourir.  Jehan  de  Bei  42.  II  w'avoit  .  .  .  per- 
sonne qui  fust  si  dolente.    Prise  3578. 

Bisweilen  ist  personne  auch  von  einer  Präposition  abhängig: 

Et  te  pry  pour  Dieu  que  ä  personne  qui  vive  tu  ne  me  descouvres. 
Nouv.  14^,\  137.  Si  ne  s'arreste  ga  et  la,  ne  a  personne  ne  parle. 
Meliador  20814.  Va  garde  bien  que  tu  ne  dy es  a  personne  que  ]e  sache 
parier  de  ceste  matere.  Cent.  11,  51.  One  puis  ne  mesfist  a  personne, 
mais  fut  vray  homme.     Villon,  Gr.  T.  158. 

Von  dieser  Zeit  an  mehren  sich  die  Beispiele  bedeutend,  so  dass 
ich  nfr.  Belege  nicht  anführen  zu  brauchen  glaube. 


II-  Negatives  personne  oJme  die  Negationspartikel  ne. 

Wie  wir  oben  sahen,  bildete  sich  durch  den  Zusammentritt  von 
ue  und  personne  das  negative  personne.  Diese  Negationspartikel  ne 
stellte  sieh  dabei  zum  Verbum.  Fehlt  dieses  nun,  so  bleibt  auch  ne 
weg  und  personne  wird  nunmehr  für  sich  allein  negativ. 


1.  Das  Verbum  fehlt. 

1.  Der  negative  Gehalt  von  personne  wird  durch  den  Zusammen- 
hang klar. 

Personne  dans  les  rues,  personne  aux  portes  de  la  ville.  Chateau- 
briand, Littre.  Fersonne  comme  lui  pour  amurer  une  voile,  pour  baisser 
le  point  du  vent.  Hugo,  Trav.  I,  235.  Nous  la  trouvous  la  .  .  .,  per- 
sonne auteur  d'elle,  ni  famille  ni  enfants.    Fromentin,  Sahel  172. 

2.  Negatives  personne  antwortet  auf  eine  Frage. 

Dis-nous:  a  qui  veux-tu  faire  perdre  la  cause?  —  A  personne. 
Racine  II,  217. 

Je  vous  demande,  äqui  vous  parlez?  —  .^^ersowwe,  Madame.  Mari- 
vaux  351. 

Dis  moi,  Raphael,  tu  n'as  pris  conseil  de  personnne  pour  meubler 
ton  hütelV  —  De  personne.  Peau  166.  Voulez-vous  etre  ä  moi?  — ■ 
Non,  Monsieur,  d  personne.    Rostand  II,  7. 


862  Willy  Etzrodt 

2.  Das  Verbum  fehlt  nicht. 

Auch  in  diesem  Falle  kann  bisweilen  die  Negationspartikel  ne  fehlen, 
doch  sind  die  Belege  wenig  zahlreich. 

Der  negative  Gehalt  des  personne  wird  auch  hier  durch  den  Zu- 
sammenhang klar. 

Cache  derriere  ce  mur,  vu  de  personne^  retenant  son  haieine,  11 
s'habitua  ä  voir  Deruchette  aller  et  venir  dans  le  jardin.  Hugo,  Trav. 
I,  214. 

Zu  ergänzen  ist  das  Verbum  in  folgenden  Beispielen: 

On  y  perdit  fort  peu  de  monde  et  personne  de  distinction  que  le 
fils  aine  de  Broglio.    Saint- Simon  270. 

Ähnlich: 

Ne  confie  a  personne  ce  que  (u  viens  d'apprendre,  ä  personne,  en- 
tends-tu.    Aug.,  Fourch.  V,  5,  ~ 

III.  Persomie  und  eifi  anderer  negativer  Begriff  in 
demselben  Satze. 

Bisweilen  tritt  ausser  personne  noch  ein  anderes  von  den  Worten, 
die  mit  ne  beim  Verbum  einen  negativen  Ausdruck  bilden,  zu  der 
Negationspartikel  ne.  Steht  nun  mit  personne  ein  solcher  negativer 
Begriff  in  demselben  Satze,  so  hat  das  eine  der  beiden  Werte,  die  zu 
ne  treten,  positiven  Sinn.  „Nach  der  individuellen  Auffassung  wird 
die  Entscheidung  darüber,  welcher  Begriff  pos.  Bedeutung  annimmt, 
verschieden  ausfallen"  (Hoepner  26). 

1.  Zu  ne  ist  ausser  personne  noch  pas,  point  getreten. 

Nous  «'irons  pas  demander  la  charite  ä  personne.  A.  Daudet, 
Plattner  III,  2,  175.  Grand  et  sublime  eflfort  d'une  Imagination  qui  ne 
le  cfede  pohit  ä  j^ersonne  qui  yiye.  Moliere,  l'^t.  III,  4;  Haase  17".  Nous 
ne  sommes  poi^it  caress^s  de  personne.    La  Bruyere,  Lahmeyer. 

2.  plus. 

Bien  voy  et  congnoys  que  au  monde  w'y  a  plus  personne,  tout  est 
mort.  Mist.  D.  V.  T.  590,  9.  Maximin,  ä  ce  mot  furieux,  l'oeil  ardent, 
ne  connait  plus  personne.  Rotrou  299.  Personne  ne  faisait  plus  la 
moindre  attention  ä  la  ceremonie.    Pot-Bouille  186. 

3.  rien. 

Onques  personne  dou  cha stiel  «'en  seut  riens,  forsque  Flor^e. 
Meliador  1177.  Je  le  hay  un  peu  plus  par  comi)lexion  que  je  ne 
l'accuse  par  discours;  seulement  par  desir,  je  ne  soustrais  rien  ä  per- 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mgme  863 

sonne.     Montaigne  59.     Ils  7ie  fuisaieut  rten  ä  personne  et  ne  compren- 
nent  pas  ce  qui  leur  est  arrive.    Hugo,  Trav.  I,  106. 

4.  Jamals. 

Je  vous  dy  que  de  Troilus  jamais  personne  du  monde  ne  le  savra. 
Nouv.  14.",  171.  Ne  uussi  il  ne  trouvera  jamis  personne  qui  lui  en  die. 
Quiuze  joyes  54,  31.  Fersonne  «'eust  jamak  une  naissance  si  heureuse 
que  la  sienne.  Voiture  650.  iQn''i\\jamaisir2Ai\  personne.  Marivaux  268. 
Jamals  personne  ne  l'avait  entendue  chauter.  Peau  118.  Fort  myope, 
il  semblait,  malgre  son  pincenez,  ne  jamais  voir  personne.  Maup. 
Fort  58. 

Anmerkung: 

Eine  bemerkenswerte  Häufung  findet  sich  in  folgendem  Beispiel: 

Et  personne  jamais  w'a  rien  fait  de  si  beaux.  Moliere,  F.  s.  HI,  2; 
Kayser. 

V.  Nähere  Bestimmungen  zu  personne. 
I.  Präpositioiielle  Bestimmung. 

1.  Ein  Substantiv  oder  ein  Pronomen  personale  schllesst  sich  an. 

a)  Mit  de. 

W  fut  esmerveille  de  ce  que  per  sonne  de  ses  gens  ne  demonra 
noye  en  la  riviere.  Jehan  65.  Quand  il  vit  qu'il  ne  se  pouvoit  des- 
pecher  d'eulx  et  qu'il  ne  venoit  personne  de  ses  gens,  si  fut  estonne. 
Parangon  23.  Oedipe  demande  s'il  ne  revint  persomie  de  la  suite  de 
Laius.    Voltaire  I,  12, 

Formelhaft  ist  die  Verbindung  „personne  du  monde"  ge- 
worden, die  schon  im  14.  Jahrhundert  auftritt: 

Secretement  antra  dedeus  l'ostel  sans  estre  veu  ne  senty  de  per- 
sonne  du  monde.  Nouv.  14.",  186;  cf.  ib.  171,  200.  Se  tu  es  mauvais, 
se  t'en  vas  sans  faire  mal  a.  personne  du  monde!  Parangon  21,  cf, 
ib.  203.  Quoi?  cousine,  personne  ne  fest  venu  rendre  visite?  —  Per- 
sonne du  monde.    Moliere  HI,  311. 

b)  Mit  a. 

An  Stelle  der  eben  besprochenen  Verbindung  personne  du  monde 
erscheint  auch  die  ebenfalls  formelhafte  Verbindung  „per sonne  au 
monde": 

Comment  cela  se  pourroit-il  faire?  Car  il  n'y  a  point  de  personne 
au  monde  qui  soit  moins  fagonniere  que  moi.  Moliere  HI,  402.  Fer- 
sonne au  monde  que  son  maitre  ne  m'a  donne  l'aversion  naturelle  que 
j'ai  pour  lui.    Marivaux  264,     Et  il  s'agissait  simplemcnt  de  passer  la 


864  Willy  Etzrodt 

nuit  dans  la  chambre  de  la  bonne,  oü  personne  au  monde  n'aurait  l'idöe 
d'aller  les  chercher.    Pot-Bouille  334. 

c)  Mit  dans. 

II  n'y  eut  plus  personne  dans  la  cour,  qiii  ne  jugeast,  que  .  .  . 
Voiture  664. 

d)  Mit  en. 

C'est  l'arrest  de  nature  et  personne  en  ee  monde  ne  sgauroit  Con- 
troller 8a  sagesse  profonde.  ßegnier  20.  Et  continuay  le  reste  si 
melodiensement,  et  si  tristement,  qu'il  n'y  eut  personne  en  la  compagnie 
ä  qui  les  larmes  n'en  vinssent  aux  yeux.    Voiture  97. 

e)  Mit  sur. 

Nous  marmottions  toutes  les  deux  ensemble  un  long  et  doux  eha- 
pelet  de  menus  et  mievres  Souvenirs  que  personne  sur  la  terre  ne  sait 
plus  que  moi.    Maup.  Fort  139. 

f)  Mit  si  non. 

Ne  trouva  personne  en  chemin,  si  non  le  gouverneur  d'Espaigne. 
Jehan  25. 

An  Stelle  dieses  „si  non"  tritt  auch  „fors  que",  einfaches  „que"  oder 
auch  „horsmis". 

fors  que  findet  sich  in  folgendem  Beispiel:  Onques  personne  dou 
chastiel  n'en  seüt  riens,  fors  que  Floree.    Meliador  1177. 

que:  Quelles  menasses  sout  ce  cy?  Je  n'ay  trouve  encore  j^ersowne 
qui  m'ait  menasse  que  cette  folle.  Labe  12.  Personne  au  monde  que 
son  maitre  ne  m'a  donne  l'aversion  naturelle  que  j'ai  pour  lui.  Mari- 
vaux  264. 

Auch  ein  Fronomen  personale  kann  sich  an  dieses  „que"  an- 
schliessen : 

Je  ne  sache  jamais  que  personne  ait  manie  mon  arc  que  moy. 
Labe  15.  Le  pourquoi?  Ah!  par  exemple,  voilä  ce  que  personne  au 
monde  ne  sait  que  lui  .  .  .    Peau  149. 

An  „horsmis"  ebenso: 

Personne  n'est  encore  mort  de  votre  absence,  horsmis  moy.  Voiture  262. 

2.  Ein  Adjektiv  schliesst  sich  an. 

a)  Mit  de. 

II  n'y  a  personne  de  raisonnable  qui  puisse  parier  de  la  sorte. 
Pascal,  Pens.  IX,  1;  Darmesteter,  Dictionnaire.  II  n'y  a  personne  de 
vraiment  heureux  ici-bas.  Darmesteter.  II  n'y  a  personne  de  si  sot. 
Bastin  87. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  menie         865 

b)  Ohne  de. 

Dies  ist  bei  weitem  seltener. 

Et  aussy  avoit-il  sergeans  soiildoyers  ä  ses  gages  pour  faire  ses 
commandemens,  et  espier  et  aviser  s'il  y  avoit  personne  rebelle  ä  luy. 
Jehan  le  Bei  128. 

3.  Ein  Partizipium  schliesst  sich  an. 

Dieser  Fall  ist  sehr  selten. 

Humble  vierge,  a  qui  ne  ressamble  personne  nee.    Mir,  V,  503. 

4.  Ein  Pronomen  demonstr.  oder  indef.  schliesst  sich  an. 

a)  Mit  de. 

a)  ceux. 

Mais  il  n'y  eut  personne  de  ceux  qui  l'entendaient  qui  ne  le  baissät 

la  tete  pour  rire  ä  son  aise.    Chifflet,  Lücking.    Et  il  n'y  a  personne 

de  ceux  qui  vous  aiment  le  mieux,  qui  put  desirer  que  . . .  Yoiture  100. 

ß)  autre. 

autre  in  Verbindung  mit  personne  erscheint  nur  sehr  selten  durch 
de  verbunden;  es  ist  nach  Plattner  I,  355  zu  meiden  (cf.  Jäger  78). 

Et  en  me  priant  de  faire  en  sorte  que  personne  d'autre  ne  vint  ä 
s'y  präsenter.    Töpffer  228,  Jäger  78. 

y)  autrui. 
Führt  Plattner  III,  2,  169  einmal  an: 

II  ne  m'avait  plus  ete  possible  de  decerner,  ä  personne  d'mdrui,  le 
titre  de  sense.    P.  Hervicu. 

a)  Ohne  de. 

Ohne  durch  de  mit  autre  verbunden  zu  sein,  erscheint  personne 
öfters : 

A  qui  s'en  prendre  de  ce  degät?  personne  autre  que  moi  n'etait 
entre  dans  la  chambre.    Rousseau  25, 

.  .  ,  En  ce  cahier,  que  je  relirai  jusqu'ä  ma  mort  et  qui  ne  sera 
lu  par  personne  antre  que  moi,  France,  Crime  55.  Personne  autre  que 
D6sire  ne  savait  ä  quel  point  .  .  .    Daudet,  Fromont  52;  Jäger  78. 

5.  Ein  Adverb  schliesst  sich  an. 

a)  Mit  de. 

Escoutant  si  personne  de  ceans  faisoyt  poinet  de  bruit.  Heptam. 
ni,  88;  Lahmeyer. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  55 


866  Willy  Etzrodt 

b)  Ohne  de. 
On  ne  pouvait  se  fier  ä  personne  mieux  qu'ä  iin  fraudeur.    Hugo, 
Trav.  I,  252. 

II,  Sat^bestinimung. 

Als  SatzbestimmuDg  zu  personne  erscheint  sehr  oft  ein  Relativ- 
satz.   So  schon  im  14.  Jahrhundert. 

Oncques  pour  personne  qiä  luy  en  parlast  .  .  .  il  n'en  voult  aultre 
chose  faire.    Jehan  le  Bei  94;  ib.  301. 

Par  ma  foy,  monsieur,  fait-elle,  madame  est  bien  malade,  et  n'y 
a  2}ersonne  qui  puisse  riens  faire.    Quiuze  joyes  94,  23. 

Pour  faire  crier  s'il  y  a  personne  qui  ayt  point  trouve  ce  diable 
de  livre.     Des  Periers  363;  cf  350. 

II  n'y  a  personne  qiie  j'honore  ä  l'egal  de  vous.     Moliere  III,  416. 

Eh !  peut-on  posseder  ce  que  le  coeur  desire,  etre  heureux,  et 
n'avoir  personne  ä  qui  le  dire?    Voltaire  I,  179;  cf  I,  12. 

Personne  als  Beziehungswert  eines  Relativsatzes  erscheint  auch 
in  der  formelhaften  Verbindung:  „per sonne  qui  vive",  die 
ebenfalls  schon  im  14.*'  auftritt: 

Et  te  pry  pour  Dieu,  que,  s'il  y  a  foy  ne  loyaulte  en  nostre  amour, 
que  ä  personne  qui  vive  tu  ne  me  descouvres.    Nouv.  14.",  137;  cf.  204. 

VI.  Stellung  von  personne. 

J.  Stellung  als  Subjekt  oder  Objekt  ^uni  Verb  im 
Allgemeinen. 

1.  Stellung  als  Subjekt. 

a)  Vor  dem  Verbum. 

Dies  ist  die  bei  weitem  gebräuchlichste  Stellung,  die  sich  bis  heute 
erhalten  hat. 

De  nostre  mal  personne  ne  s'eu  rie.    Villon,  Codicille  147, 

Autvement  personne  ne  vous  aymera,  ny  les  voysins,  ny  voz  parens. 
Des  Periers  20. 

Elles  souhaiteront  fort  que  personne  ne  füt  ici  pendant  cette  röpe- 
tition.     Moliere  III,  405. 

C'est  que  l'histoire  n'attaque  et  ne  revcle  que  des  gens  morts, 
et  morts  depuis  trop  longtemps  pour  que  personne  prenne  part  en  eux. 
Saint-Simon  20. 

Et  il  s'agissait  simplemeut,  de  passer  la  nuit  dans  la  chambre 
de  la  bonne,  oü  personne  au  monde  n'aurait  l'idee  d'aller  les  chercher. 
Pot-Bouille  334. 

b)  Nach  dem  Verbum. 

Humble  vierge,  ä  qui  ne  ressamble  personne  nee.    Mir.  V,  503. 


Die  Syntax  der  unbestiiumten  Fürwörter  personne  und  luöme  867 

2.  Stellung  als  Objekt. 

Die  häufigste  Stellung  des  personne  in  diesem  Falle  ist 

a)  nach  dem  Verbum: 
Ne    trouva    personne    en    ehemin.     Jeban   25.     N'eslöve    aiicun    et 
n'abaisse  personne.    Des  Furiers  123.    L'amour  est  un  tyran  qui  n'6- 
pargne  personne.    Corneille  III,  10. 

b)  Vor  dem  Verbum. 
Diese  Gruppierung  ist  selten. 

Jamais  personne  n'esconduisons  nous  invitant  courtoisemcnt  ä  boire. 
Gargantaa  164. 

II.  Stellung  als  Subjekt  oder  Objekt  bei  den  synthetisch 
gebildeten  Zeitformen. 

1.  Stellung  als  Subjekt. 

Die  am  meisten  verwandte  Stellung  ist:  personne  +  Hülfsverb  + 
Participium. 

Toute  circulation  semble  interrompue;  personne  encorew'a  paru  sur 
les  routes.  From.,  Sahel  105.  Personne  n'a  songe  ä  introduire  en  France 
cet  exercice,  qui,  repugne  ä  la  delicatesse  europeenne.   Je  sais  tout  108. 

2.  Stellung  als  Objekt. 

Die  Stellung  ist  in  diesem  Falle :  Hülfsverb  +  Participium  +  personne. 

Quelles  menasses  sont  ce  cy?  Je  n'ai  trouve  encore  personne  qui 
m'ait  menace  que  cette  folle.  Labe  12.  Me  promets-tu  le  secret?  — 
Je  n'ai  jamais  trahi  personne.    Marivaux  268. 

III.  Stellung  als  Objekt  beim  Infinitiv, 
2.  Personne  nach  dem  Infinitiv. 

Diese  Stellung  ist  vom  Anfang  an  sehr  beliebt  gewesen,  sowohl 
wenn  der  Infinitiv  von  einer  Präposition  begleitet  ist  als  auch  wenn 
dies  nicht  der  Fall  ist. 

a)  Der  Infinitiv  ist  von  einer  Präposition  begleitet. 

Sans  rencoutrer  personne.     Cent  I,  137.    Faisant  defiendre  ä  ses 

gens  de  guerre  de  frapper  ny  offenser  personne.    Menippee  163.    Non, 

non,  je  serais  fache  d'incommoder  personne.   Möllere  III,  408.    Elle  entra 

chez  eile  ä  un  desir  de  se  coucher,  de  ne  voir  personne.   Maup.  Fort  37. 

Anmerkung: 

Dieselbe  Gruppierung  wie  in  den  vorangehenden  Beispielen  findet 
sich  auch,  wenn  persoune  mit  einer  Präposition  verbunden  ist,  wie 
in  folgenden  Beispielen: 

55* 


868  Willy  Etzrodt 

Sans  escouter  ne  parier  a  personne  qui  vive.  Nouv.  14.",  204.  Le 
Roi  i'avoit  dit  au  duc  de  Noailles  .  .  .  avec  defense  d'en  parier  ä  per- 
sonne. Saint-Simon  116.  Oh!  je  n'ai  Jamals  refuse  de  trinquer  avec 
personne.    Marivaux  246. 

b)  Der  Infinitiv  ist  nicht  von  einer  Präposition  begleitet. 
Der  Infinitiv  ist  abhängig: 

cc)  Von  oser. 
Et  en  son  abseuce  eile  n'osoU  recevoir  personne,    Cent  II,  149. 

ß)  Von  pouvoir. 
Mad.  de  Sevigne  ne  pouvait  epouser  personne  ä  qui  je  donnasse  de 
meilleur   coeur  mon   approbation.    Sevigne  I,  533.    Le  pauvre  enfant 
est  malade  et  ne  peut  recevoir  personne.    Je  sais  tout  71, 

y)  Von  sembler. 
Fort  myope,  il  semblait,  malgre  son  pincenez,  ne  jamais  voir  per- 
sonne.    Maup.  Fort  58. 

d)  Von  Vouloir. 
Monsieur  n'a  voulu  voir  personne.    Peau  147. 

*)  Von  falloir. 
Pour  se  donner  ä  lui,  faut-i\  n'aimer  personne  ?    Corneille  HI,  490. 

S)  Von  laisser. 
Mais  faisons  mieux  et  ne  laissons  venir  2)^*'sonne.    Laf.  Contes  III, 
6,  167.    Ne  laisse  entrer  personne.    Peau  219. 

2.  Personne  vor  dem  Infinitiv. 

Personne  vor  dem  Infinitiv  ist  äussert  selten ;  ich  habe  es  nur  be- 
legen können  in  einem  Beispiel,  in  dem  sowohl  der  Infinitiv  als  auch 
personne  mit  einer  Präposition  verbunden  war. 

Laquelle  chose  voulant  faire,  me  fiit  necessaire,  avecques  piusieurs 
engins  et  faczons,  sans  a  personne  du  monde  la  faire  assavoir^  m'en 
partir  tres  celeement.    Nouv.  14.",  200. 

Vn.  Einige  Besonderheiten  im  Gebrauch  von  personne. 

I,  Personne  im  pluralischen  Sinne  gebraucht. 

Diesen  Gebrauch  führt  Plattner  (III,  2,  159)  an  mit  folgendem  Be- 
leg; Per  sonne  ne  dit  du  mal  les  uns  des  autres.    A.  Germain. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Ftiiwörter  peisonne  und  memo  869 

II,  Personne   gleichzeitig   als   Pronomen  tind  als  Sub- 
stantiv gehraucht, 

Bienaime  n'a  surpris  personne^  au  moins  de  Celles  qui  par  devoir 
professiouel  frequentent  au  ministfere  de  la  marine.    Plattner  III,  2,  159. 

III,  Personne  zweimal  in  einem  Satze  gehraucht, 

Personne  n'a  ete  ruine  par  personne,  avec  plus  de  gräce,  et  de 
charme.     Desnoyers;  Plattner  III,  2,  175. 

IV,  Personne  verstärkt: 

a)  Durch  einen  folgenden  negativen  Ausdruck. 
Personne,   aucun  voisin  n'ayant  pii  ou  voulu  faire  poiir  eile  cette 
course,  eile  avait  entrepris  .  .  .    Maupassant,  Hoepner  58. 

b)  Durch  nul. 
II  ne  trouva  personne  nulle.    Perceforest,  t.  I,  Littre. 

VUI.  Einige  feste  Wendungen  mit  personne. 

1.  li  y  a  personne  et  personne 

führen  die  Wörterbücher  (Academie,  Littre,  Larousse)  an  in  der  Be- 
deutung „il  y  a  nne  grande  difference  d'une  personne  ä  autre."  Die 
Bedeutung  wird  etwa  dem  deutschen  Ausdruck  „es  gibt  solche  und 
solche  Leute"  gleichkommen. 

2.  II  n'y  a  plus  personne  au  legis 

erwähnt  das  Dictionnaire  de  l'Academie  als  Redensart,  mit  der  man 
denjenigen  bezeichnet  „qui  a  perdu  la  tete".  Die  Wendung  entspricht 
also  etwa  der  deutschen:  „er  hat  den  Kopf  verloren,  es  spukt  bei  ihm 
im  Oberstübchen,  er  ist  nicht  ganz  richtig." 

Daneben  kommt  dieselbe  Wendung  nach  den  Angaben  der  Lexiko- 
graphen auch  in  dem  Sinne  unseres  deutschen  Ausdruckes:  „er  ist  tot, 
gestorben"  vor. 

3.  II  n'y  a  personne  qui 
erscheint : 

a)  Mit  verneintem  Verb  im  Relativsatz. 

Armes  vous  et  le  faictes  brief,  et  qu'il  w'y  ai/f  icy  personne  qui  ne 
se  arme.  Mist.  D.  V.  T.  8041.  Et  continuay  le  reste  si  melodieusement 
et  si  tristement,  qu'«7  n'y  eut  personne  en  la  compagnie  a  qui  les  larmes 
w'en  vinssent  aux  yeux.    Voiture  97. 

a)  Mit  affirmativem  Verb. 
Et  apres  tout  cela,  mille  coups  de  chappin,  de  baston  et  de  verges, 
il  n'y  a  personne   qui   les   puisse   contenter.    Parangon  242.    //  n'y  a 


870  Willy  Etzrodt 

personne  que  j'honore  k  l'egal  de  vous.    Mol.  III,  416.    II  dit  que  dans 
l'univers  ü  n't/  a  per  sonne  qiii  le  merite.    Marivaux  401. 

IX.  Umschreibungen  zum  Ersatz  von  personne. 

Das  Indefinitiim  personne  tritt  in  afr.  Zeit  verhältnismässig  selten 
auf,  erst  in  nfr.  Zeit  erweitert  sich  sein  Gebiet. 

Zum  Ersatz  finden  sich  in  afr.  Zeit  zahlreiche  Verbindungen,  die 
sich  zum  Teil  noch  im  Nfr.  belegen  lassen. 

I,  ne-nul» 

Ganz  besonders  häufig  begegnet  uns  im  Sinne  von  personne:  ne-nul, 
das  sich  bis  heute  erhalten  hat.  Es  tritt  schon  in  den  ältesten  Denk- 
mälern auf: 

1.  Ohne  nähere  Bestimmung. 

Toit  i  acorent,  niils  ne  s'en  voit  torner.    Alexius  104. 

Gar  la  langue  «e  puet  «m^s  donter  (nemo  domtare  potest:  Original!). 
Bernhard  331. 

Quar  nus  ne  puet  graignur  folie  fere  que  de  son  meillur  ami 
mettre  a  mort.    Marques  129. 

Mais  les  Genevois  se  deffendirent  si  fort  de  trait  que  nul  ne  porroit 
approchier  de  la  galee.     Valois  236. 

II  w'en  estoit  mors  nidz,  Abel  en  est  commencement.  Mist.  D.  V. 
T.  3021. 

Nul  ne  prent  goust  ä  voir  des  bestes  s'entrejouer  et  caresser, 
et  nul  ne  faut  de  s'esjouyr  ä  les  voir  s'enlredechirer  et  desmembrer. 
Montaigne  113. 

Mais  nul  ne  peut  öviter  sa  destinee.    France,  Crime  113. 

Anmerkung: 

Um  die  Verneinung  besonders  nachdrücklich  hervorzuheben,  findet 
sich  eine  Verbindung  der  Maskulin-  und  Femininform  (cf.  Jäger  100). 

Et  come  il  seit  einsi,  que  nus  ne  nule  me  puet  tolir  a  estre  empe- 
reres  apres  la  mort  seignor  l'empereor  se  il  non,  ge  vos  pri  .  .  .  Mar- 
ques 130;  cf.  139. 

2.  Mit  näherer  Bestimmung. 

a)  Satzbestimmung. 
a)  Relativsatz. 
Hier  sei  erwähnt,  dass  sich,  in  ähnlicher  Weise  wie  dies  bei  per- 
sonne der  Fall  war,  bei  nul  oft  der  formelhaft  hinzugefügte  Relativ- 
satz „qui  vive"  findet. 

Sire,  ne  entreie  mie  en  jugement  encontre  ton  sergeut,  quar  nul 
qui  vive  ne  puet  estre  deuant  ti  juste  ne  iustifiez.    Lolhr.  Ps.  142,  2. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  möme  871 

ß)  Konzessivsatz. 
Et  chastel  avoit  grant  moleste  dcl  conte  qiii  estoit  ocis;  mes  n'i  a 
ntil^  tant  soit  de  i^ris,  qui  voist  apres  pou  le  vengier.    Erec  4914.    Nen 
i  a  nid  tant  soit  preus  ne   vallans   por    lui    aidier    osant   paser    avant. 
Aliscans  1516, 

b)  Präpositionelle  Bestimmung. 

Ein  Substantiv  oder  ein  Pionomen  scbliesst  sich  an  mit:    si   non. 

Car  viuls  ne  vit  bien  se  eil  non  qui  lo  bien  fait.  Bernhard  265. 
Ne  nus  n'a  vostre  fille  mal  menee  s'ele  meisme  ??ow.  Marques  87;  cf.  38, 
142.  Vos  maulx  verrez  en  bien  tourner;  nul  ?i'y  peut  nuire  sl  non 
Dieu.  Ball.  169.  Nul  w'y  a  iuterest  si  non  moy,  ;i  qui  la  chose  toucbe. 
Parangon  152. 

Si  non  kann  auch  vertreten  werden  durch  fors,  fors  .  .  .  solement 
und  que. 

fors:  Mes  nus  n'i  pot  onques  mes  trouver  cest  pertuis  fors  vos. 
Marques  43. 

fors-solemant:  Si  n'i  a  mil,  qui  le  conoisse  fors  que  Lunete 
solemant.    Löwenr.  4636. 

que:  Nul  ne  passe  aujourd'hui  aux  rochers  92<'egare.  Hugo,  Trav. 
I,  231. 

c)  Attributive  Bestimmung. 

Die  attributive  Bestimmung  ist  ein  Adjektiv:  II  n'y  a  nul  content^ 
il  n'y  a  nul  qui  die.    Parangon  249.    Weitere  Beispiele:  Jäger  108. 

II,  ne-nvl  honiTne, 

Auch  dieser  Ersatz  für  ne-personne  ist  in  afr.  Zeit  sehr  häufig  an- 
zutreffen.    Schon  im  Leodegarlied  und  in  der  Passion  begegnet  er  uns. 

1.  Ohne  nähere  Bestimmung. 

Ne  fud  nuls  oni  del  son  iuvent  qui  mieldre  fust  donc  a  ciels  temps. 
Leodegar  31.  Sos  monument  füre  toz  uous,  anz  lui  w'oi  iag  unque  nulz 
om.     Passion  356. 

Nulz  hom  ne  sout  les  sons  ahanz  fors  sul  le  lit  u  il  ad  geu  tant. 
Alexius  55.     Tenez  m'espee,  meillur  n'en  ad  nuls  hom.    Roland  620. 

Nuls  huem  nel  poeit  reteuir.    Marie  de  Fr.,  Biscl.  232. 

Nus  hom  ne  vos  en  fera  tort.    Marques  19. 

Adonc  en  mon  euer  nouvelle  estoit  Amours,  qui  tant  amer  me 
faisoit  qu'oncques  d'amour  teile  nulz  hom  «'oy,  ce  croy,  parier.    Ball.  107. 

Zahlreich  sind  die  Fälle,  in  denen  ne-nus  hom  in  Verbindung  mit 
einer  Präposition  erscheint: 

Diese  Präposition  ist:  de. 


872  Wi"y  Etzrodt 

Car  ja  de  nul  home  w'avrez  socors.    Joiirdains  3900. 

ä 
A  null  omne  no  l'demonstrat.    Leodegar  13.    Ne  vus  descovrez  a 
nul  humef  Marie  de  Fr,,  Lanv.  145.  Ä  nul  home  mal  ne  fera.  Bestiaire  229. 

pour 
For  nul  ome  ne  fu  mes  nons  celez.    Couronn.  1569.    Ja  pur   nul 
hume  nel  lerreie.     Marie  de  Fr.,  Eqii.  234. 

2.  Mit  näherer  Bestimmung. 

a)  Satzbestimmung. 

Als  solche  erscheint  ein  mit  tant  eingeleiteter  Konzessivsatz  in 
folgendem  Beispiel: 

Einsi  fu  la  pucele  gardee  nne  piece,  que  nus  hom  .  .  .  tant  fust 
bien  de  Vempereor,  n'osoit  entrer.    Marques  108. 

b)  Pr&positionelle  Bestimmung. 
a)  Ein  Pronomen  oder  Eigenname  schliesst  sich  an  mit:  fors. 
Nuls  huem  fors  vus  ne  me  verra  ne  ma  parole  nen  orra.    Marie  de 
Fr.,  Lauv.  169. 

fors  solement. 
Einsi  fu  la  pucele  gardee  une  piece,  que  nus  hom . . .  n'osoit  entrer 
es  chambre  fors  solement  Marques.    Marques  108. 

ß)  Ein  Substantiv  schliesst  sich  an. 

aa)  Mit  de. 

Dies  ist  der  Fall  in  der  formelhaften  Wendung:  „ne-nul  homme 
de  char",  die  bereits  im  Rolandsliede  auftritt: 

Ne  vus  lerrai  pur  nul  hume  de  carn.  Roland  2141.  Nuls  om  de 
char,  pelerins  ne  palmiers,  ne  seUst  tant  errer  ne  chevalchier.  Couronn. 
1372,  cf.  1379.    Nus  hom  de  char  ne  vit  si  bei.    Flore  554. 

ßß)  Mit  en. 
Nuls  huem   el  mund  ne  purreit  dire  la  grant  peine  ne  le  martire. 
Marie  de  Fr.,  Guig.  661. 

c)  Attributive  Bestimmung. 
Als  solche  erscheint 

a)  ein  Adjektiv 

carnal:  Schon  in  der  Passion:  Non  fu  «?/^  om  carnals  en  cel  enfern 
qui . . .  Passion  381.  Ja  n'iert  vencuz  pur  nul  hume  carnel.    Roland  2153. 

crestiens:  Nus  hom  crestiens  plus  bei  ne  plus  riebe  ne  vit.  Ville- 
hardouin;  Roeschen. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  pereonne  und  m^me  873 

mortel:  Nulz  om  wor^«/2;  no  1  pod  penser.  Passion  83.  Ja  ne  verra 
Ulis  hom  mortex  plus  delitable.    Flore  1861. 

vivant:  Ne  placet  Deu,  qo  li  respiint  Rollanz,  que  go  seit  dit  de 
nul  hume  vivant.  Roland  1674.  Plus  biax  ne  fu  nus  hom  vivans. 
Flore  2852. 

ß)  Ein  Partizipium. 

Hier  ist  mir  nur  das  Partzipium  n6  begegnet,  das  in  Verbindung 
mit  de  mere  oder  ohne  diesen  Zusatz  formelhaft  sieh  an  homme  an- 
schliesst. 

Ne  ohne  de  mere  zeigt  folgendes  Beispiel: 

Onques  par  tml  home  ne  tant  bele  ne  fu  veue.  Chansonn.  12.'', 
Gautiers  XVI,  22. 

Ne  mit  dem  Zusatz  de  mere  erscheint  schon  in  der  Passion: 

Tot  nol  vos  posc  en  ben  comptar,  no  1  pod  nul  om  de  madre  nez. 
Passion  448.  Einsi  fu  la  pucele  gardee  . . .  que  7ius  hom  de  mere  nez . . . 
n'osoit  entrer.    Marques  108. 

III,  ne-Jionime, 

Interessant  ist,  dass  dieser  Ersatz  vom  ne-personne  ganz  dem  lat. 
nemo  entspricht,  das  ja  aus  ne  +  homo  entstanden  ist.  Der  einzige  Unter- 
schied ist  der,  dass  im  Französischen  die  beiden  Worte  nicht,  wie  im 
Lateinischen,  mit  einander  verschmolzen  sind. 

Ne-homme  tritt  bereits  in  der  Passion  auf  und  hat  sich,  wenngleich 
selten,  bis  heute  erhalten.    Es  erscheint: 

1.  Ohne  nähere  Bestimmung. 

a)  ne-homme  ohne  Präposition. 

Cum  cela  caru  vidra  murir,  quäl  agre  dol  no  1  sab  om  vivs.  Pas- 
sion 332. 

Carles  ne  dutet  hume  .  .  .    Roland  2740. 

iV'est  hom  qui  vus  en  face  aie.    Adam  509. 

Ne  venoit  §aienz  hom  qne  il.    Marques  111. 

Oncques  «'avait  homme  veu  la  chose  pareile.   Jehan  le  Bei  162. 

iV'espargnez  homme,  je  vous  prie.    Villon,  Gr.  T.  538. 

Oncques  homme  ne  fut  plus  joyeux.     Parangon  91. 

Personne  ne  souffla,  homme  ne  s'en  plaigna.  Paul-L.  Courier, 
Plattner  ID,  2,  152. 

Anmerkung: 

Ahnlich  wie  bei  ne-nul  findet  sich  Gegenüberstellung  von  ne-hom 
und  ue-femme  zur  Verstärkung  der  Negation: 

N'ume  ne  femme  n'i  trouva.  Marie  de  Fr.,  Yonec  380.  Plus  bei 
ne   Vit   ne  hom  ne  femme     Flore  500.    Ne  il  n'i   trovoit   ne   home   ne 


874  Willy  Etzrodt 

ferne.     Marques   38.     Homme  ne  femme  w'encontra.    Meliador  20219; 
cf.  12152. 

b)  ne-homme  abhängig  von  einer  Präposition. 

de: 

Ne  fust  arrest^s  d'ome  .  .  .    Mainet  II,  132. 

Et  d'omme  ne  suis  boir.    Villon,  Poes.  div.  58. 

ä: 

Uno  puis  a  hume  ne  parla.  Marie  de  Fr.,  Yonec  546.  Que  ne  seit 
mais  batesmes  fait  a  homme,  ni  espousemens.    Mahomet  1525. 

par: 

Aidiez;   ainz  mais  jjar  ome  ne  perdi   mes  estiers.     Couronn.  2561 
Ainz  mais  ^ar  home  ne  fui  deschevauchiez.    Jourdains  1937. 

pour: 

En  Rencesvals  a  RollaDt  irai  joindre,  de  mort  n'avrat  guarautisun 
pur  hume.  Roland  924.  Ainz  mais  por  ome  ne  vos  vi  esmaier.  Couronn.  358. 

2.  Mit  näherer  Bestimmung. 

a)  Satzbestimmung. 
a)  Relativsatz. 

Formelhaft  erseheint  ein  Relativsatz  in  folgenden  Sätzen: 

Si  grant  empire  ne  vit  hom  qui  soit  nes.  Aliscans  4165.  Parmi  la 
ville  en  est  batant  meuez,  qu'il  «'est  rescouz  d'omme  c'onques  fust  nes. 
Jourdains  3287. 

Bisv^eilen  auch  mit  dem  Zusatz:  de  mere: 

Dex  ne  fist  home  gut  de  mere  soit  nes,  qui  .  •  .    Amis  32. 

Genau  wie  der  formelhafte  Relativsatz  „qui  soit  (fust)  nes",  er- 
scheint die  Wendung  „qui  soit  (fust)  vivans." 

Oez  d'une  merveille  grant,  ne  l'oit  hom  qui  soit  vivant.  Adam  931. 
Ja  ne  fust  arrestes  d'ome  qui  fust  vivans.    Mainet  II,  132. 

Ähnlich  auch: 

Quant  mes  compains  en  vult  ce  recouvrer  que  hom  qui  vive  ne  li 
porroit  donner.    Amis  2941. 

ß)  Konzessivsatz. 
Einen  mit  tant  eingeleiteten  Konzessivsatz  als  nähere  Bestimmung 
zu  ne-homme  haben  wir  in  folgendem  Falle: 

II  w'est  hom  . . .,  tant  soit  de  grant  hautece^  que  ele  daignast  prendre. 
Marques  90. 

b)  Präpositionelle  Bestimmung. 

«)  Ein  Pronomen  oder  Substantiv  schliesst  sich  an  mit:  si  non. 

A/'i  ot  hume  se  les  suens  non.    Marie  de  Fr.,  Eliduc  811. 
Für  si  non  kann  auch  eintreten : 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  pei'sonne  und  mßmc  875 

fors: 
Car  non  est  hom  qui  nos   pust  garantir  fors  Dameldeu.    Aliscans 
210/11;  cf.  1547. 

que: 
la  ne  veuoit  gaienz  hom  que  il.    Marques  111. 

ß)  Ein  Substantiv  schliesst  sich  an  mit:  ä: 
II  n'a  komme  an  ?»o»c/e  qui  pluie  li  feist  si  profonde.  Myst.  15.**;  235. 

en: 
II  n'est  Jiom  el  monde  qui  autant  vos  soit  de  lignage.    Marques  90. 

sous: 

Soz  ciel  «'at  komme  qui's  poisset  conforter.  Alexius  118.  Suz  ciel 
n'ad  hume  que  tant  voeillet  liair.  Roland  1244.  Suz  ciel  «'a  hume . .  . 
ki  durement  n'en  amendast.  Marie  de  France,  Equ.  87.  Ne  parlons  mes 
a  home  desoz  ciel.     Jourdains  731. 

Alle  diese  Verbindungen  sind  formelhaft. 

a)  Attributive  Bestimmung. 
Diese  kann  sein: 

«)  ein  Adj  ektiv. 
Nur  das  Adjektiv  vi  van  t  ist  mir  so  begegnet: 
la  mes  w'avra  hume  vivant.    Marie  de  Fr.,  Eliduc  517. 
Das  Dictionnaire  de  l'Acad.  führt  an: 
II  w'y  a  komme  vivant  qui  puisse  assurer. 

/?)  Ein  Partizipium. 
Als  solches  erscheint  in  formelhafter  Weise  das  Partizipium  ne 

und  zwar 

aa)  ohne  weiteren  Zusatz. 

11  n'estoit  komme  ne  qui  tont  le  sien  ne  m'eust  donne.  Villon,  Gr.  T.  46. 

ßß)  Mit  dem  Zusatz:  de  mere. 
En  Aucebier  par  ot  si  graut  fierte  que  7ie  feri  komme  de  mere  ne 
cui   nen   euist   au   premier   cop    tue.     Aliscans  4204/05.     Ne  douterai 
komme  de  mere  ne.    Jourdains  3821. 

IV.  ne-celui. 

Hier  möchteich  die  Wendungen  il  n'y  a  (n'est)  celui  behandeln, 
die  mehrfach  die  Bedeutung  von  „niemand"  annehmen  und  im  Sinne 
von  ne-personne  stehen. 

In  fast  allen  Fällen  folgt  auf  il  n'y  a  (n'est)  celui  ein  Relativsatz 
mit  qui.  Nur  in  einem  Falle  habe  ich  bei  Lemme  (124/125)  fehlendes 
qui  belegt  gefunden: 


876  Willy  Etzrodt 

Si  plorerent,  n'i  ot  celui.    J.  Conde,  Tobler,  Zeitschr.  II,  567. 
Ich  behandle  il  n'y  a  (n'est)  celui  im  Anschluss  an  Lemme,  1.  c. 

1.  Mit  verneintem  Verb  im  Relativsatz. 

Gel  w'en  i  at  qui  w'report  sa  dolor.  Alexius  111.  Gel  w'en  i  ad  qui 
Monjoie  ne  demant.  Roland  1482.  JV'/  a  celui  qui  ne  l'ait  chier.  Marie 
de  Fr,  Biscl.  178.  S\  nH  ot  celui,  ^m?  we  tremblast  de  poor.  Marques  101. 
11  n*est  presque  celui  qui  de  son  parentage  tie  lamente  quelqu'un  en 
ce  public  orage.    Garnier. 

2.  Mit  nicht  verneintem  Verb. 

N'i  ad  icel  hi  un  sul  mot  respundet.  Roland  3540.  N'i  ot  celui 
des  barons  qui  la  bataille  osast  emprendre.  Marques  101.  N'i  ait 
celui  qui  ait  rewart  de  deux,  tant  sont  fier  couraige.  Guerre  203.  // 
n^est  celuy  pourtant  d'entre  tous  qui  l'ait  faict.     Garnier,  Jensen  30. 

Weitere  Beispiele;  Lemme  124/25. 

Anmerkung: 

Einmal  habe  ich  die  Verbindung  der  Maskulin-  und  Femiuin- 
form  zum  stärkeren  Ausdruck  der  Negation  belegen  können: 

II  n'y  a  ne  celuy  ne  celle  qui  puisse  eschapper  ce  passage. 
Mist.  D.  V.  T.  7121. 

Ein  Konzessivsatz  als  nähere  Bestimmung  zu  ne-celui  erscheint 
in  folgendem  Beispiel: 

Si  rüi  ot  celui,  tant  fust  empensez,  qu'il  ne  risist  de  ce.   Marques  21. 

Auch  eine  präpositioneile  Bestimmung  kann  in  Beziehung 
auf  ne-celui  stehen: 

Nen  i  ad  cel  qui  ne  l'graant  e  otreit  fors  sul  Tierri.    Roland  3805. 

F.  ne-ame. 

Eine  weitere  Wendung,  die  zum  Ersatz  für  ne-personne  dienen 
kann,  ist  ne-ame.    Sie  erscheint: 

1.  Ohne  nähere  Bestimmung. 

Ja  mais  ame  ne^  sera  cuite  de  pechie,  ne  n'i  avra  fuite  que  .  .  . 
Mahomet  1076.  La  dessus  seoit  une  dame,  mais  si  estrange  onc  ne  vit 
ame.     Chemin  2364. 

Chastoy  est  une  belle  aulmosne,  ame  w'en  doit  estre  marry.  Villon, 
Gr.  T.  1641,  cf.  Cod.  147.  Mais  gardez  qu'awe  ne  nous  voie.  Mir.  II, 
491,  cf.  VlII,  121.  Comment?  ame  ne  les  oserait  il  toucher.  Des 
Pöriers  15. 

Anmerkung: 

Schon  früh  hat  sich  ne-ame  mit  dem  indefiniten  nul  verbunden: 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mßme         877 

Vindrent  al  ost  de  cez  de  Syrie,  mais  n'\  truverent  mde  anme. 
Rois  IV,  7,  5.  Ja  mais  ne  trouvaissent  nule  anme  ki  lor  feist  8i  loi 
uument  lor  choses.  Muhomet  90.  Nulle  ame  ne  peut  mal  avoir  .  .  . 
s'en  vostre  secours  a  fianee.    Mir,  I,  488. 

2.  Mit  näherer  Bestimmung. 

a)  Präpositionelle  Bestimmung. 

Ein  Substantiv  oder  ein  Pi'onomen  schliesst  sich  an  mit:  si  non: 
Et  w'estoit  ame  qui  rien  sceust   de   leur  trös  plaisant  passetemps, 

si  non  une  damoiselle.    Cent  246. 

Si  non  kann  vertreten  werden  durch:  fors  seulement: 

II  vint  veoir  qu'on  disoit  en  lu  cuisine,   oü  il  ne  trouva   ame  fors 

seullement  ces  chemises  .  .  .    Cent  H,  73. 

que: 
Arne  que  Dieu  7j'y  scet  la  voie.    Mir.  I,  904.    II  n'y  a  point  de  peril, 

Monseigneur,  ce  dit  mademoiselle:  arne  ne  vient  icy  jwe  nous.   Cent  16". 

b)  Attributive  Bestimmung. 

Die  attributive  Bestimmung  ist  ein  Adjektiv,  wie  in  folgendem 
Falle: 

An  jour  d'ui  w'est  ame  He,  on  ne  chante  n'esbanie,  chascun  cuide 
avoir  deffaut.    Deschamps  DLXII,  6. 

Formelhaft  ist  das  Adjektiv  vivant  in  Verbindung  mit  ne-ame 
geworden : 

Et  pour  ce  vous  n'avez  cause  de  douloir,  w'est  ame  vivant  qui  a  la 
verite  vous;  en  puisse  ou  doyve  chargier.  Cent  139.  J'ai  ete  en  tel 
lieu,  je  n'y  ai  trouve  ame  vivante.    Dictionnaire  de  l'Ac. 

c)  Satzbestimmung. 

Als  solche  erscheint  ein  Relativsatz  in  folgenden  Beispielen: 
Ja   mais    ne    trouveroient    nule  anme  ki  lor  feist  si  loiaumeut    lor 

choses.   Mahomet  90.   Et  pour  ce  vous  n'avez  cause  de  douloir,  et  w'est 

ame  vivant  qui  a  la  verite  vous  en  puisse  ou  doyve  chargier.    Cent  139. 

On  place  un  soldat  k  son  poste,  avec  ordre  de  ne  laisser  passer   dme 

qui  vive.    R.  15/9,  1887,  Stier  447. 

VI,  ne-nule  rien  vivant. 

Diese  Verbindung  habe  ich  nur  in  einem  Falle  belegen  können; 
doch  kommen  wohl  sicher  mehrere  vor,  wenngleich  diese  Wendung 
selten  zu  sein  scheint. 

N'i  trouva  nule  rien  vivant  fors  sul  le  Chevalier  dormant.  Marie 
de  Fr.,  Guig.  279. 


878  Willy  Etzrodt 

VII*  ne-corps  d'homme. 

Auch  diese  Ausdrucksweise  tritt  nur  einzeln  auf: 
Corps  d'homme   n'etoit   avec   moi.    Scarron,  Virg.  II;    Haase  17.". 
Corps  cfhomme  w'en  regut  outrage.    Ib. 

Weitere  Beispiele  sind  mir  nicht  begegnet. 

VIII.  ne-gent. 

Dieser  selten  zum  Ersatz  von  ne-personne  dienende  Ausdruck  wird 
einmal  von  Ro eschen,  über  den  Gebrauch  der  Negation,  erwähnt 
unter  Anführung  folgenden  Beispieles:  Et  sacbiez  que  si  halte  conve- 
nance  ne  fu  onques  mais  Offerte  a  gent.    Villehardouin. 

IX.  ne-qui  que  ce  soit  (füt). 

Diese  Wendung  tritt  erst  vom  17.  Jahrhundert  an  auf;  wenigstens 
ist  mir  ein  früherer  Beleg  nicht  begegnet. 

Cette  fa§on  de  parier  ...  est  fres-mauvaise,  et  je  ne  conseillerois 
ä  qui  que  ce  soit  d'en  user.    Vaugelas,  Rem.  II,  190. 

Tout  le  monde  convient  que  le  temp6rameut  varie  et  que  ses  vicis- 
situdes  peuvent  etre  funestes,  et  qui  que  ce  soit  ne  se  met  en  peine  d'en 
chercher  la  cause.    Diderot  68, 

Plattner  III,  2,  199  führt  einige  Beispiele  an,  von  denen  ich  hier 
die  folgenden  erwähne: 

Qui  que  ce  soit  w'y  trouve  k  redire.  P.  L.  Courier.  Vous  n'avez 
parle  ä  personne?  —  Ä  qui  que  ce  soit.  A.  Dumas.  Cependant,  il  y 
eut  aussi  de  la  faute  du  sort;  il  en  eprouva,  plus  que  qui  que  ce  soit, 
les  piquantes  contrarietes.    A   Grouvelle. 

Der  Vollständigkeit  halber  seien  zum  Schluss  noch  zwei  Beispiele 
angeführt,  die  das  Dictionnaire  de  l'Academie  gibt: 

Je  w'ai  trouve  qui  que  ce  soit. 

II  w'y  a  qui  que  ce  soit. 

meme. 

Einleitung. 


Das  unbestimmte  Fürwort  meme  ist  die  luutgesetzliche  Entwick- 
lung eines  anzusetzenden  metipsimnm.  Dieses  entwickelte  sich  korrekt 
zu  afr.  meesme,  das  nfr.  meme  ergab.  Daneben  findet  sich  ein  afr. 
meisme,  das  durch  Dissimilation  aus  meesme  zu  erklären  ist. 

In  den  ältesten  Denkmälern  begegnet  uns  noch  das  ohne  Zusammen- 
setzung mit  met- gebildete  eps  aus  ipsum  und  ein  medeps,  das  aus  met 
•\-  ipsum  herzuleiten  ist.     So  findet  sich  eps  in  der  Passion  sechsmal, 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mSme         879 

im  Leodegar  zweimal ;  die  dazugehörige  Femininform  epsa  ist  mir  nur 
in  der  Passion  und  zwar  dreimal  entgegengetreten.  Die  Bedeutung  des 
eps,  epsa  entspricht  der  des  lat.  ipse  und  der  des  deutschen  „selbst". 

1.  eps. 

eps  erscheint  in  folgenden  Fällen: 

Peccad  negun  unque  non  fez,  per  eps  los  nostres  fu  aucis.  Pas- 
sion 3.     Chi  eps  lo  morz  fai  se  revivre.     Ib.  9. 

In  Verbindung  mit  einem  Personalpronomen: 

Tu  eps  l'as  deit,  respon  Jbesus.  Ib.  46.  Nos  cestes  pugnes  son 
aven,  contra  nos  eps  pugnar  deven.    Ib.  126. 

In  Verbindung  mit  dem  Demonstrativum: 

Lo  nostrae  seindrae  en  eps  cel  di  ueduz  furae  ueiades  eine.  Ib.  105. 
Pedras  lo  vit  en  ejjs  cel  di.  Ib.  106.  Paschas  furenl  in  eps  cel  di. 
Leodegar  14. 

Auch  substantivisch  in  einem  Falle: 

Un  compte  i  oth,  pres  en  l'estrit,  ciel  eps  num  avret  Evrui.    Ib.  10. 

Anmerkung: 

Alexius  125  findet  sich  die  fast  noch  ganz  lat.  Form:  ipse  für 
die  lat.  Ablativform  ipso;  es  ist  also  nur  das  o  zu  e  geschwächt: 

En  icest  siecle  nos  achat  pais  e  joie,  et  en  cel  altre  la  plus  durable 
glorie  en  ijjse  verbe. 

Ebenso  ist  in  der  Passion  45  die  lat.  Schreibung  ipsum  anzu- 
treffen : 

Dauant  l'ested  le  pontifex,  si  conjuret  per  ijysum  deu  qu'el  lor 
disset,  per  pura  fied,  si  vers  Jhesus  fils  deu  est  iL 

2.  epsa. 

Für  epsa  bieten  sich  drei  Beispiele. 

Pedres  fortment  s'en  aduned,  per  epsa  mort  no  1  gurpira.  Pas- 
sion 29.  Respon  li  bons  qui  non  mentid,  chi  en  epsa  mort  se  per  fu 
pius.  Ib.  75.  Ad  epsa  nona  cum  perveng,  donc  escrided  Jhesus  granz 
cris.    Ib.  74. 

Ausser  diesem  eps,  epsa  tritt  nun,  wie  schon  erwähnt,  noch  eine 
mit  met  zusammengesetzte  Form  med  eps  auf;  ich  habe  sie  zweimal 
in  der  Passion  und  einmal  im  Alexanderfragment  belegen  können: 

Per  lui  medeps  audit  l'auem.  Passion  46.  Et  cum  asez  Tont  escarnid, 
donc  li  ventent  son  vestiment,  et  el  medepts  si  pres  sa  cruz.  Ib.  64. 
Li  quarz  lo  duyst  corda  toccar  et  rotta  et  leyra  dar  sonar  et  en  toz 
tons  corda  temprar,  per  se  medips  cant  allevar.    Bartsch,  Chrest.  20, 40. 

In  eps,  epsa  sowohl  wie  in  medeps  haben  wir  provenzalische 
Formen  zu  sehen,  die  sich  bei  den  eigentlich  französischen  Autoren  nicht 


880  Willy  Etzrodt 

finden.  Hier  erscheint  in  ganz  seltenen  Fällen  ein  Feniinium  esse  und 
häufiger  ein  Maskulinum  es,  letzteres  jedoch  nur  in  bestimmten  Rede- 
wendungen, wie  en  es  le  pas,  en  es  le  jor,  etc.  Die  Femininform  esse  ist 
mir  im  Computus  begegnet: 

Quant  sun  cors  at  furnit  et  de  tut  aemplit,  par  esse  la  chariere 
s'en  repairet  arriere.     1433,  34,  cf.  2469,  70. 

Weitere  Beispiele  von  „es"  wie  von  „esse"  bringt  Godefroy. 

Nach  diesen  Bemerkungen  über  eps,  epsa,  es  und  esse  wende  ich 
mich  zur  Darstellung  der  Syntax  der  meme. 

I.  meme  im  Sinne  des  lat.  idem. 

I.  meme  in  Verbindung  mit  dem  bestimmten  Artikel, 

1.  Adjektivischer  Gebrauch. 

Wie  im  Deutschen  der  Artikel  in  Verbindung  mit  „selb",  so  findet 
sich  im  Französischen  der  Artikel  in  Verbindung  mit  „meme"  im  Sinne 
des  lat.  idem. 

Die  regelrechte  Stellung  des  meme  in  dieser  Verwendung  ist  die 
zwischen  Artikel  und  Substantiv.  Diese  Regel  erleidet  jedoch  in  afr. 
Zeit  viele  Ausnahmen.  Erst  in  späterer  Zeit  wurde  der  Stellung  des 
meme  vor  Artikel  und  Substantiv,  zwischen  Artikel  und  Substantiv  und 
nach  Artikel  und  Substantiv  eine  bestimmte  Bedeutung  gegeben. 

Für  meme  im  Sinne  des  lat.  idem  finden  sich  folgende  Stellungen : 

a)  Artikel  4-  meme  +  Substantiv. 
In  dieser  Stellung  ist  mir  meme  zuerst  im  15.''  begegnet.   Es  wird 
von  da  ab  sehr  häufig  und  ist  in  nfr.  Zeit  eine  so    geläufige   und    be- 
kannte Erscheinung,  dass  ich  nur  wenige  Beispiele  anzuführen  brauche. 

a)  Singularischer  Gebrauch. 

Double  ballade  sur  le  mesme  propos.    Villen,  Gr.  T.  46. 

Vous  retombez  en  la  mesme  faute  qu'avez  dejä  commise.  Estienne 
I,  40. 

Nous  fümes  avant-hier  a  la  meme  piece.    Meliere  III,  321. 

J'avois  lie  une  amitie  intime  avec  le  comte  de  Coetquen,  qui  etoit 
dans  la  meme  compagnie.     Saint-Simon  56. 

I'habite  depuis  quarante  ans  la  meme  maison  et  je  n'en  sors  gufere. 
France,  Crime  28. 

ß)  Pluralischer  Gebrauch. 
Je  vous   assure    que   les   mesmes   paroles  qui   unt   ete   dictes  au- 
jourd'hui  au  baptesme  de  vostre  fiUeul  furent  dictes  et  celebrees  a  vostre 
baptesme.    Cent  II,  102. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  nnd  m^me  881 

Noos  noii8  retournons  donques  de  rechef  aux  mesmes  propos  que 
au  commencement  nous  avions  nyez  et  rejettez.    Des  Pcriers  44. 

Quelque  autre  peut-etre  auroit  pu  reduire  les  memes  choses  en 
moins  de  paroles     Sövigne  I,  346. 

CoDQQie  on  u'eu  etait  citoyen  que  par  une  espcce  de  fiction, 
qu'on  n'avait  plus  les  memes  magistrats^  les  memes  murailles,  les 
memes  dieux,  les  memes  teinples,  les  memes  sepultures,  ou  ne  vit  plus 
Rome  des  memes  yeux.     Montesquieu,  Grandeur  101. 

J'ai  eonnu  un  vieux  teuor  qui  avait  les  memes  inquietudes  lors  de 
sou  trolsieme  debut.    Robe  III,  4. 

b)  meme  +  Artikel  +  Substantiv. 

Neben  der  sehr  gewöhnlichen  Stellung  des  meme  findet  sich  obwohl 
selten  auch  Voranstellung  des  meme  vor  den  beiden  Gliedern.  Sie  tritt 
schon  sehr  früh  auf,  kommt  aber  nach  meinen  Belegen  nach  dem  14." 
nicht  mehr  vor. 

11  a  sa  mort  fust  enseveliz  en  meime  le  sepulcre  u  li  bons  huem  fud 
enseveliz.  Rois  p.  290.  Fist  faire  une  eschiele  de  quyr  de  meisme  la 
longure  de  le  fyl  de  saye  que  s'amie  ly  maunda.  Nouv.  14. °,  37.  De 
quel  estature  est-il?  —  Sire,  a  mon  entendement,  de  meisme  l'estature 
que  je  suy.    Nouv.  14.°,  81 ;  cf.  83. 

c)  Artikel  +  Substantiv  +  meme. 

Eine  durchaus  sichere  Entscheidung,  ob  meme  im  Sinne  vom  lat. 
idem  oder  in  dem  vom  lat.  ipse  vorliegt,  ist  bei  dieser  Gruppierung  in 
einzelnen  Fällen  nicht  möglich.  Je  nach  der  individuellen  Auffassung 
wird  mau  sich  für  die  erstere  oder  die  letztere  Bedeutung  entscheiden. 
Solche  Fälle  sind  z.  B. 

L'armee  du  roi  demeura  longtemps  comme  eile  se  trouva,  sur  le 
terrain  mhne  oü  eile  avoit  combattu.  Saint-Simon  261.  N'est-ce  pas  le 
propre  des  pays  de  gyuecees  de  produire  une  sorte  de  confusion  dans 
les  sexes  et  d'affaiblir  Tun  dans  la  mesiire  ineme  oü  l'autre  est  degrade. 
From.,  Sahel  90. 

Hierher  gehören  dagegen  m.  E.  Beispiele  wie  die  folgenden: 

C'est  pourquoy  le  Sage  mesme  (Plato)  a  dit:  Bouum  est  pauxillum 
amare  sane;  insane  non  est  bonum.  Menippee  211.  Quand  nous  faisons 
plaisir,  nous  avons  la  consideration  meme  que  nous  avons  quand  nous 
labourons  et  que  nous  semons.    Malherbe  II,  98;  Haase  17.". 

2.  Substantivischer  Gebrauch. 

Der  Gebrauch  des  substantivischen  meme  ist  im  Vergleich  zu  dem 
des  adjektivischen  bedeutend  seltener.  Beispiele  vermag  ich  erst  vom 
16.  Jahrhundert  an  beizubringen. 

Romanische  Forschungen  XX VII.  56 


882  Willy  Etzrodt 

a)  le  meme. 

Et  Plauens  escrivant  au  mesme  (Cicero)  dit  qu'il  ne  se  peut  tenir 
de  le  remercier.    Estieune  44. 

Quel  est  votre  dessein  apres  ees  beaux  discours?  —  Le  meme  que 
j'avais,  et  que  j'aurois  toujours.  Corneille  III,  403.  II  etait  rare  que 
le  sujet  de  la  conversation  füt  le  meme  ä  la  table  des  patrons  et  ä  la 
table  des  douaniers.    Hugo,  Tr.  I,  240. 

Anmerkung-: 

Le  meme  wird  wiederholt  nach  vorausgehendem  le  meme  +  Sub- 
stantiv in  folgendem  Beispiel: 

Et  le  meme  interet  qui  nous  fit  consentir  .  .  .    ii  me   laisser  partir 

le  meme  me  derobe  ici  votre  couronue.    Corneille,  LaPoisou  d'or  111,  3; 

Littre. 

c)  la  meme. 

Oui,  je  me  reconnois,  je  suis  toujours  la  meme.  Racine  II,  527. 
Ija  nature  n'est-elle  pas  la  meme  dans  tous  les  hommes?  Voltaire  I, 
213.  La  beaute  des  betes  n'est  pas  la  meme  que  la  beautö  des  hommes. 
Hugo,  Trav.  I,  331. 

Anmerkung: 

Wie  oben  le  meme  wird  la  meme  wiederholt: 

La  meme  vivacite  qu'on  a  ä  lui  donner  sa  parole,  la  meme  fait  qu'on 
la  retracte.     L'abbe  Boileau,  Pensees  choisies;  Godefroy:  Corneille. 

e)  les  memes. 

Les  mesmes  vous  diront,  j'ai  reconvert  cela,  au  lieu  de  dire,  j'ay 
recouvre  cela.  Estienne  186.  De  Juifs  parlant  la  langue  commune  et 
restes  toujours  les  memes.    From.,  Sahel  86. 

Anmerkung: 

Les  memes  nach  vorausgehendem  les  memes  -j-  Substantiv  begegnet 
uns  in  nachstehendem  Satze : 

Avec  les  memes  armes  qu'employa  le  soldat  pour  combattre  son  des- 
espoir,  avec  les  memes  il  attaque  sa  pudicite.  St.-Evremond,  La  Matr. 
d'Eph.;  Godefroy:  Corneille. 

Besonders  häufig  erscheint  les  memes  in  der  Bühnenanweisung  bei 
Theaterstücken: 

Les  memes,  Nichette.  Dumas  I,  2.  Les  memes,  Blanche.  Aug., 
Fourch.  I,  7.    Les  memes,  moins  Ligniere.    Rostand  I,  3. 

II,  meme  in  Verbineltmg  mit  dem  unhestimmten  Artikel. 

1.  Adjektivischer  Gebrauch. 

In  ähnlicher  Verwendung  wie  mit  dem  bestimmten  Artikel  erscheint 
meme  mit  dem  unbestimmten  Artikel;  un  meme  resp.  une  meme  ent- 
spricht etwa  dem  deutschen:  „ein  und  derselbe,  eine  und  dieselbe." 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  meme  883 

Es  tritt  schoD  im  12.  Jahrhundert  auf  und  hat  sich  bis  iu  die 
neueste  Zeit  erhalten.  Die  gewöhnliche  Stellung  von  meme  in  Ver- 
bindung mit  dem  unbestimmten  Artikel  und  einem  Substantiv  ist  die 
des  meme  zwischen  beiden  Gliedern.  Doch  findet  es  sich,  allerdings 
sehr  selten,  auch  nach  dem  Substantiv. 

a)  Unbestimmter  Artikel  +  meme  -f  Substantiv. 

Ju  encherche  cum  el  seit  ne  tote  li  trinitez  seit  d'ecuval  glore  et 
d'une  mesmes  sustance  (uua  eademque  substantia :  Original).  Bernhard  35. 
Et  eurent  les  diz  trois  estas  une  mesmez  consideracion  chacun  par  soy. 
Valois  59.  S'entr'amerent  tant  fort  et  si  loyalment  qu'ils  n'avoient  qu'une 
seul  coeur  et  ung  mesme  vouloir.  Cent  138.  Nous  vivons  sous  mesme 
tect  et  humons  im  mesme  air.  Montaigne  153.  Un  meme  coup  a  mis 
ma  gloire  en  sürete,  mon  äme-au  desespoir,  ma  flamme  en  liberte. 
Corneille  III,  192.  Pour  lors  Rome  ne  fut  plus  cette  ville  dont  le  peuple 
n'avait  eu  qu'ww  meme  esprit,  mi  meme  amour  pour  la  liberte,  une  meme 
haine  pour  la  tyrannie.  Montesqu.  Grandeur  101.  Aussi  n'etions-nous 
unis,  ni  par  une  meme  volonte,  ni  par  un  meme  pas.    Peau  106. 

Anmerkung: 

Auffällig  in  den  ersten  beiden  Beispielen  ist  die  Schreibung  des 
meme  mit  einem  s.  Diese  Schreibung,  die  sich  für  meme  sowohl  in 
der  Bedeutung  des  lat.  idem  wie  in  der  von  ipse  findet,  lässt  sich  nur 
unter  Einfluss  des  Pronominaladverbs  memes  erklären,  das  in  afr.  zum 
Teil  auch  noch  in  nfr.  Zeit  das  sogenannte  adverbiale  s  zeigte. 

Anmerkung: 

meme  mit  dem  unbestimmten  Artikel  une  vermisst  man  vor  dem 
zweiten  Substantiv  in  folgendem  Beispiel: 

En  un  mesme  sang  et  famille.     Chartier,  L'esper.  316,  3;   Eder  90. 

Anmerkung: 

Zuweilen  findet  sich  un,  une  meme  +  Substantiv  durch  seul  ver- 
stärkt : 

Un  seul  et  mesme  esprit  operant  toutes  choses  en  tous.  Montchrestien 
I,  14;  Lücking.  Aussi  remarque-t-on  que,  dans  «n  sew^e^  »<me  Systeme, 
la  nature  a  pris  soin  de  diversifier  ces  passions.  Diderot  73.  J'ai 
montre  que  les  noms  qui  .  .  .  et  ceux  qui  .  .  .  dependaient  d'une  seiile 
et  meme  condition.    Littre. 

b)  Unbestimmter  Artikel  4*  Substantiv  +  meme. 

Car  il  a  a  sei  apele  gent  paene  et  gent  judaisme,  qui  creient  une 
lei  me'isme.  ßestiaire  2100  (Reim!).  Je  ne  vois  qu'wwe  cadence  mesme. 
Dammholz  36. 

56* 


884  VfiUy  Etzrodt 

2.  Substantivischer  Gebrauch. 

ün  meme  ohne  folgendes  Substantiv  habe  ich  nur  selten  angetroffen 
und  nur  in  den  afr.  Übersetzungen  der  Psalmen  und  der  Reden  des 
heiligen  Bernhard. 

E  si  cume  cuverture  uraera  eis;  mais  tu  un  mesme  ies,  e  li  tuen  an 
ni  defaldrunt.  Psalm  CI.  Car  iins  mismes  est  li  germons  nostre  signor 
et  li  fruiz  de  la  terre,  uns  mismes  est  li  filz  de  üeu  et  li  fruiz  de  la 
virgine  Marie,   uns  mismes  est  li  filz  David  et  li  sires.     Bernhard  196. 

III,  meme  ohne  Artikel. 

A.  Adjeictivischer  Gebrauch. 

Das  adjektivisch  gebrauchte  meme  im  Sinne  des  lat.  idem  hat  der 
Regel  nach  den  bestimmten  Artikel  bei  sich.  Doch  finden  sich  zahl- 
reiche Fälle,  wo  der  Artikel  fehlt  und  zwar  nicht  nur,  wenn  die  Be- 
deutung des  meme  =  idem  geschwächt  ist  und  etwa  die  Bedeutung 
von  lat.  similis  angenommen  hat,  sondern  auch  zum  Teil,  wenn  die 
volle  Bedeutung  gewahrt  ist. 

a)  Singular. 
a)  meme  ohne  vorangehende  Präposition. 

L'homme  ha  tousjours  mesme  corps,  mesme  teste^  mesme  bras.  Labe  47. 
Mesme  fer^  mesme  jour  achevoit  nos  fuzees,  nous  devalions  ensemble  aux 
plaines  Elizees.  Hardy,  Didon  V.  Huit  jour  apres,  ce  gentilhomme 
prit  femme  a  sou  tour;  a  Guillot  il  permit  meme  faveur.  Laf.,  Conles 
III,  9,  11. 

Die  Auslassung  des  Artikels  ist  besonders  häufig  bei  fehlendem 
etre  oder  il  y  a. 

II  en  est  des  maisons  particulicres  comme  des  boutiques;  meme 
apparence  discrete  et  me})ie  iticurie  ä  l'exterieur.  From.,  Sahel  28.  Elle 
portait  le  heunin  ä  deux  corues  et  la  queue  de  la  robe  de  brocart  ser- 
pentait  autour  de  ses  petits  pieds;  7neme  visage^  m^me  taute.  France, 
Crime  56. 

Anmerkung: 

Bemerkenswert  ist  die  Stellung  des  meme  in  folgendem  Beispiel: 

Ceux  que  tu  vois  d'uu  visage  si  blesme  couchez  icy,  ont  eu/ortune 
mesme.    Franciade  104  (Reim!). 

ß)  mßme  mit  vorangehender  Präposition. 

de: 

Combien  diversement  discort  il  de  mesme  chose!    Montaigne  207. 
Une  aiguicre  et  une  jatte  d'argent,  deux  burettes  et  un  petit  bassin 
de  meme  metal.    Massillon  124,  1. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personnc  und  iu6me         885 

De  toutes  maisons  qui  m'entourent,  il  n  y  en  a  pus  deax,  dout 
les  habitunts  soient  de  meine  race.    From.,  Sahel  15. 

ü: 

Nous  sommes  chresliens,  ä  mesme  titre  qiie  nous  sommes  ou  peri- 
gordins  ou  alemans.    Montaigne  125. 

avec: 

Tou8  ceux  que  ce  devoir  ü  nion  service  engage  ne  s'en  acquittent 
pas  avec  meme  conrage.     Corneille  III,  171, 

d  e  d  a  n  s : 

Charon,  qui  dedans  mesme  nef  et  d'un  mesme  aviron  traverse  les 
pasteurs.    Hardy,  Panthöe  III,  1. 

en: 

Heraclitus  disoit  que  jamais  homrae  n'estoit  deux  fois  en  mesme 
riviere.     Montaigne  313. 

Anmerkung: 

Der  Artikel  fehlt  stets  bei  en  meme  temps.  Beispiele  anzuführen 
erscheint  nicht  nötig. 

par: 

Par  mesme  raison  nous  fut  dict  qu'elle  ne  fiantoit  si  non  par  pro- 
curation.  Gargantua  91.  Et  par  mesme  moyen  nous  ont  laisse  nostre 
langue  si  pauvre  et  nue,  qu'elle  a  besoing  des  ornementz.    Defense  56. 

sous: 
D'heureux  soldats  qui  sous  meme   Hentard   ont   rendu    des    combats. 
Rotrou  319,  cf.  325.     Voici  comment  le  grand  pere  ä  Brulette  et  la  mere 
k  Joseph  demeuraient  sous  meme  chaume.     G.  Sand  6,  12;  Born  66. 

b)  Plural. 
Die  Beispiele  sind  hier  nicht  so  zahlreich  wie  im  Singular 
Du  tout  semblable  ä  l'heritier  d'Hector,  mesmes  cheveux  crespelus 
de  fin  or.  Franciade  47-  Je  tremble,  je  soupire,  et  vois  que  si  nos 
Coeurs  avoient  wewes  rfcs/rs,  je  n'aurois  pas  besoin  d'expliquer  messou- 
pirs.  Corneille  III,  424.  Un  marche  arabe  ressemble  ä  nos  foires  de 
village;  memes  iisages  ou  ä  peu  pres.    From.,  Sahel  265. 

B.  Substantivischer  Gebrauch. 

Die  Beispiele  sind  äusserst  spärlich;  ich  erwähne  hier  folgende: 
Ton    art    est    toujours    meme.    Rotrou  291.     Leur   souflfrance,    leur 
chagrin,  etaient  memes.     Daniel  Riche;  Plattner  III,  2,  181. 

IV.  Neutrales  meme. 

Es  erscheint  in  Verbindung  mit  dem  bestimmten  und  unbestimmten 
Artikel;  für  den  bestimmten  Artikel  erscheint  einmal  das  demonstrative 
ce.    Der  Gebrauch  dieses   le  meme,    un  meme  und  ce  meme  ist  im 


fcm/^  Willy  Etzrodt 

ganzen  selten;  für  die  neueste  Zeit  habe  ich  keinen  Beleg  gefunden. 
Zum  Ersatz  finden  sieh  mehrere  Umschreibungen^  die  ebenfalls  im  folgen- 
den erwähnt  werden. 

1.  ie  meme. 

II  y  en  a  d'autres  desquels  on  ne  peut  dire  le  meme.  Estienne  282. 

Je  mesprisois  son  dire  et  ne  le  croyois  pas,  bien  que  mon  bon 
demon  me  dist  souvent  le  mesme.  Regnier  30.  J'espere  de  vous  le 
mhne.    Corneille,  Ages.  I,  2;  Lücking. 

Aus  neuerer  Zeit  führt  Plattner  III,  2,  181  an; 

II  faut  dire  le  meme  de  la  diphthougue  ai.    Mourgues. 
,Noch  heute  gebräuchlich  ist  neutrales  lememe  in  der  Redewendung: 
cela  revient  au  meine.,  die  sich  auch  im  18."  findet: 

A  l'exception  de  vous,  toute  femme  m'est  ögale ;  brune,  blonde,  petite 
ou  grande,  tout  cela  revient  au  meme.    Marivaux  366. 

2.  un  meme. 

Ce  qui  souffre  mutation  ne  demeure  pas  un  mesme,  et  s'il  n'est  pas 
un  mesme^  il  n'est  donc  pas  aussi.    Montaigne  315. 

3.  ce  meme. 

Et  ce  mesmes  fut  dit  au  roy  Edouart  d'Angleterre,    Valois  259. 
Vertretung  des  neutralen  meme  findet  statt: 

a)  Durch:  la  meme  chose. 

Wie  schon  gesagt,  wird  das  neutrale  meme  nur  selten  gebraucht, 
die  gebräuchlichste  Wendung,  die  zum  Ersatz  dient,  ist  la  meme  chose, 
das  seit  dem  16."  auftritt 

Ils  peuvent  exprimer  la  mesme  c/iose  eu  diweraes  aoHes.   Estienne  71. 

Vous  me  priez  que  je  vive.  Je  vous  demande  la  mesme  citose. 
Voiture  673. 

Je  ne  dormais  plus;  je  revais  toujours  la  meme  chose,  j'etais  melan- 
colique.     Voltaire  I,  272. 

Vous  etes  butee,  vous  r6p6terez  toujours  la  meme  chose.  —  Oui, 
je  rcpeterai  toujours  la  meme  chose.    Robe  II,  7. 

Auch  mit  Auslassung  des  Artikels  bisweilen: 

Tout  aufre  n'eüt  pas  fait  jneme  chose  en  ma  place?  Moliöre,  Dep. 
am.  1205,  Lexique.  Tromper  une  femme  ou  faire  faillite  a  toujours  ete 
meme  chose  pour  moi.     Peau  80. 

Anmerkung: 

Adverbial  gebraucht  im  Sinne  von  egal  ement  erscheint  la  meme 
chose  in  folgendem  Beispiel  aus  der  neuesten  Zeit,  das  Pfau  p.  35 
anführt: 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  peraonnc  und  mcme         887 

Ils  avaient  faire  la  mcme  chose  toiis,  la  femme  et  les  tetes  de  bagne. 
Gyp,  Miquette. 

b)  Durch:  une  meme  chose. 

Et  totevoies  siguefiet  et  li  uns  et  li  altres  une  meismes  chose  (utrumque 
idem  siguificat :  Original).  Beruhard  378.  cf.  213.  Ainsi  doneques  toutes 
les  choses,  que  la  nature  a  crees  .  .  .  sont  cliacune  endroit  soy  une 
tnesme  chose.  Defense  51.  Tressaillir,  pousser  un  cri,  m'ölancer  ä  la 
place  qu'elle  m'avait  marque,  ne  fut  pour  moi  qu'une  m^me  chose.  Kous- 
seau  114. 

c)  Durch:  une  seule  et  meme  chose. 

Une  seule  et  meme  chose,  etwa  dem  deutschen  „genau  dasselbe" 
entsprechend,  tritt  bedeutend  seltener  auf  als  die  zuerst  genannten 
Wendungen.  Ich  führe  hier  nur  der  Vollständigkeit  halber  das  Schul- 
beispiel an:  Ce  n'est  qu'une  seule  et  meme  chose. 

IL  meme  im  Sinne  des  lat.  ipse. 

In  dieser  Verwendung  bezeichnet  meme  die  Person  oder  Sache,  von 
der  man  spricht,  ausdrücklicher  und  nachdrucksvoller;  es  hebt  die 
Person  oder  „den  Gegenstand  mit  Nachdruck  in  seiner  Ausschliesslich- 
keit hervor"  (Mätzner,  Gr.  171).  Es  entspricht  in  dieser  Verwendung 
meist  dem  deutschen  „selbst"  und  schliesst  sich  vorzugsweise  an  ein 
Substantiv  oder  ein  Pronomen  personale  au. 

I,  meme  in  Verbindung  mit  einem  Substantiv  und  dem 

best,  Artikel. 

Bezüglich  der  Stellung  des  meme  in  diesem  Falle  ist  zu  be- 
merken, dass  meme  nicht  nur  in  der  jetzt  allgemein  vorgeschriebenen 
Stellung  hinter  dem  Substantiv  erscheint,  sondern  auch  zwischen  Ar- 
tikel und  Substantiv  anzutrefieu  ist,  obgleich  diese  Gruppierung  Anlass 
zu  Verwechslungen  mit  meme  in  der  Bedeutung  des  lat.  idem  bieten 
konnte. 

1.  Artikel  -f-  Substantiv  -j-  meme. 

a)  Das  Substantiv  ist  ein  Konkretum. 
a)  Singularischer  Gebrauch: 
Beispiele  zeigen  sich  schon  früh;    ich    bringe    solche    nur   bis  zum 
16.",  da  sie  in  nfr.  Zeit  eine  ganz  geläufige  und  bekannte  Erscheinung 
sind. 

II  avoit  oit  ceu  que  li  salveres  mismes  avoit  dit.  Bernhard  93. 
Erec  tarda  mout  la  bataille,  les  armes  quiert,  et  Tan  li  baille;  la  pucele 
meismes  Tarme.  Erec  709.  Li  rois  meismes  m'i  ot  donne  Labia s  a 
moillier.   Amis  2198.    Etyls'i  ferirent  vigerousement;  le  Q,o\m\,Q  meismes 


888  Willy  Etzrodt 

asaily  sire  Fouke,  Nouv.  14.<>,  100.  Celui  qui  mieulx  souhaytera  au 
dit  de  l'hotesse  ne  payera  lien  et  s'en  ira  franc  et  quitte,  et  l'hotesse 
meme  en  jugera.    Parangou  121. 

ß)  Pluralischer  Gebrauch. 

Je  ne  puis  aller  ä  pied,  je  suis  fort  mal  ä  cheval,  le  carosse  m'est 
trop  rüde,  et  ies  chaises  mesmes  ,  .  ,  me  sont  incommodes.  Voiture  257. 
Les  dieux  memes  ne  peuvent  le  condamner.  Fenelon,  Mätzner,  Gr.  171. 
Los  Romains  ne  vainquiient  les  Grecs  que  par  les  Grecs  meines.  Dictionn. 
de  l'Acad. 

Anmerkung: 

Im  17.'' findet  sich  zuweilen  meme  im  Plural  ohne  s  geschrieben. 
„Die  Verklirznng  geschah  dem  Vers  zuliebe,  damit  durch  die  Elision 
der  letzten  Silbe  von  meme  vor  darauffolgendem  Vokal  der  Vers  seine 
richtige  Anzahl  Silben  bekam"  (Lahmeyer  89). 

Ainsi  par  les  lois  meme  en  mon  pouvoir  remise,  je  me  donne  au 
monarque  ä  qui  je  fus  promise.     Corneille,  Soph.  III,  6;  Lahmeyer  89. 

b)  Das  Substantiv  ist  ein  Abstraktum. 

„Abstrakte  Substantiva  hebt  das  hinzugefügte  meme  aus  ihrer  All- 
gemeinheit heraus  und  individualisiert  oder  personifiziert  sie  gleichsam." 
Mätzner,  Gr.  171. 

Die  Bedeutung  des  meme  geht  hier  weiter  von  „selbst"  zu  „für 
sich  selbst  betrachtet,  leibhaftig  verkörpert". 

A  ceu  a  faire  ne  poot  om  plus  covenaule  maistre  atrover  ke  la 
veriteit  mismes  (veritas  ipsa:  Original).  Beruhard  22.  Füt-il  la  valeur 
mhne^  et  le  dien  des  combats,  il  verra  ce  que  c'est  de  n'obeir  pas.  Cor- 
neille III,  138.  Cette  femme  etait  la  laideur  tneme.  Saint-Simon  293. 
D'ailleurs,  la  vieille  demoiselle  etait  la  probite  meme.    Pot-Bouille  164. 

meme  in  dieser  Verwendung  kann  sich  auch  auf  mehrere  Ab- 
strakte zugleich  beziehen. 

II  etoit  la  verite  et  l'honneiir  et  la  probite  meme.  Saint-S.  30. 
C'est  la  douceur,  la  raison,  l'enjouement  meme.    Marivaux  229. 

2.  Artikel  -j-  meme  +  Substantiv. 

a)  Singularischer  Gebrauch. 

Quand  aux  especes  de  vers,  qu'ilz  veulent  imiter,  elles  sont  aussi 
diverses,  que  la  fantasie  des  hommes  et  que  la  mesme  nature.   Defense  139. 

Ebenso  noch  im  17.": 

Sais-tu  que  ce  vicillard  fut  la  meme  vertu,  la  vaillance  et  l'honneur 
de  son  temps?     Corneille  III,  128. 

Beispiele  aus  dem  18.  und  19."  sind  mir  nicht  aufgefallen. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personue  und  uißuie         889 

Anmerkung: 

meme,  in  dem  gleichen  Sinne  (=  ipse,  selbst),  hinter  und  vor  dem 
Substantiv  liegt  vor  in: 

Uinnocence  meme  et  la  meme  candeur.    Com.,  M^dee  II,  1 ;  Lahm  85. 

Auch  bei  Eigennamen  findet  sich  meme  zuweilen  zwischen  dem 
Artikel  und  dem  Eigennamen : 

Pense  avant  le  refus  ce  que  ))our  toy  je  suis,  qui  le  mesme  Cirus 
en  son  absence  suis.  Hardy,  Panthee  II,  1.  .  .  .  Qui  ne  penseroint,  et 
feussent  ilz  la  mesme  Pytho,  pouvoir  rien  dire  de  bon,  si  n'etoit  en 
langaige  etranger.  Defense  60.  Fust  ce  le  mesme  Apollo.  Rec.  de  ron- 
deaux,  1639,  p.  128;  Livet. 

b)  Pluralischer  Gebrauch. 

Hier  sei  ein  Beispiel  aus  dem  16."  angeführt: 

Le  tens  viendra  .  .  .  que  nostre  langue  sortira  de  terre,  et  s'elevera 
en  teile  hauteur,  et  grosseur,  qu'elle  se  pourra  egaler  aux  mesmes  Grecs 
et  Romains.    Defense  59. 

II.  meme  in  Verbindung  mit  einem  Eigennamen. 

Meist  steht  meme  in  dieser  Verbindung  hinter  dem  Eigennamen,  so 
schon  im  Alexius;  für  Vornnstellung  des  meme  bieten  sich  nur  ganz 
seltene  Beispiele. 

1.  Eigenname  +  meme. 

9o  lor  est  vis  que  tiengent  Deu  medtsme.  Alexius  123.  Si  cum 
sainz  Pols  mismes  tesmogiiet.  Bernhard  143.  Mahommes  mesmes  i  va, 
il  dist  .  .  Mahomet  816.  Et  de  Cesar  les  vaillances  supremes  nul 
n'eust  pas  mieulx  escript  que  Cesar  mesmes.  Des  Periers  181.  II 
respecte  en  Pyrrhus  Achille,  et  FyrrJms  meme.  Racine  II,  114.  II  vous 
doit,  a-t-il  dit,  plus  qu'ä  Porsenna  meme.    Voltaire  I,  235. 

2.  meme  -|-  Eigenname. 

Par  le  mien  escientre,  90  est  me'ismes  Deus!    Karlsr.  139. 

III.  meme  in  Verbindting  7nit  dem  Pronomen personnale. 

Die  Forderung  der  modernen  französischen  Grammatik,  dass  meme 
nur  in  Verbindung  mit  den  satzbetonten,  sog.  absoluten  Formen 
des  Pronomen  personale  auftreten  darf,  ist  in  der  älteren  afr.  Zeit  nicht 
zu  konstatieren.  Erst  im  Laufe  des  13.  und  14.*'  sind  die  satzbetonten, 
schweren  Formen  an  die  Stelle  der  alten  satzunbetonten,  leichten 
Formen  getreten,  „haben  sich  im  15.°  fast  ganz  festgesetzt  und  er- 
langen ihre  volle  Geltung  im  16.®  (Lahmeyer  7;  Gessner  I,  4). 


890  Willy  Etzrodt 

1.  Singular. 

So  ist  mir  für  die  1.  Pers.  Sg.  des  mit  meme  verbundenen  Pro- 
nomen personale  sehr  oft  die  Form  je  meme  begegnet.  Diese  ist  nach 
meinen  Belegen  die  bis  zum  15.*  für  den  Nominativ  allein  existierende 
Verbindung.  Erst  zu  dieser  Zeit  gelang  es  dem  Obliquus  den  Nominativ 
zu  verdrängen,  so  dass  von  da  ab  die  heute  allein  gebräuchliche  Form 
moi-meme  erscheint. 

Bemerkt  sei  noch,  dass  die  Schreibung  des  meme  mit  s  sich 
auch  bei  dem  mit  meme  verbundenen  Personalpronomen  findet. 

1.  Person. 

a)  je  meme. 

Ju  nen  entent  k'altres  soit  li  amins  qui  qui  a  mi  vient,  mais  que 
ju  misines.    Bernhard  153. 

13.":  lou  meismes  vous  ocirrai  et  de  vous  deus  les  cies  prendrai. 
Flore  2975. 

14.":  Et  Je  mesmes  qui  fus  lä  present  ne  peus  en  mon  hostel  entrer. 
Jehan  le  Bei  40. 

15.":  Je  le  scay  bien,  car  Je  mesmes  vous  baptisay.    Cent  II,  102. 

b)  moi-meme. 
a)  Als  Subjekt. 

Nach  dem  Aussterben  von  je  meme  als  Subjekt  des  mit  meme  ver- 
bundenen Personalpronomen  tritt  moi-meme  an  seine  Stelle. 

16.°:  Sire  dit  le  marchant,  il  dit  plus  de  bien  ä  ceste  heure  cy  de 
vous  que  je  ne  fays  moi  mesme.    Parangon  113. 

17.":  Quand  je  vis  que  mon  coeur  ne  sc  pouvoit  defendre,  moi- 
meme  Je  donnai  ce  que  je  n'osois  prendre.     Corneille  III,  111. 

18.":  Je  rcQois  une  troisieme  critique;  celle-ci  est  si  miserable  que 
Je  n'en  puis  moi-meme  soutenir  la  lecture.    Voltaire  I,  37. 

19.":  C'est  bien  la  jeune  fille  que  j'aimais  quand  /etais  moi-meme 
un  jeune  homme.    France,  Crime  58. 

In  den  im  Vorstehenden  augeführten  Beispielen  ist  die  von  Diez  III, 
50  bereits  erwähnte  Regel:  „Ist  das  Subjekt  bereits  durch  das  be- 
tonte Pronomen  ausgedrückt,  so  wird  heute  in  der  Kegel  die  tonlose 
Form  pleonastisch  dem  Verb  hinzugefügt",  befolgt.  Es  finden  sich  aber 
auch  Fälle,  in  denen  das  satzunbetonte  Pronomen  fehlt,   zum  Beispiel: 

Et  je  vous  confesse  que  moy-mesme  use  souveut  decemot.  E8tiennell2. 

Da  dieselbe  Erscheinung  fast  bei  allen  folgenden  Verbindungen 
des  Pronomen  personale  mit  meme  in  ähnlicher  Weise  zu  Tage  tritt,  so 
werde  ich  dann  nur  ganz  kurz  darauf  zurückkommen. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personno  und  möme  891 

ß)  Als  Objekt. 

Da  die  Beispiele  überaus  zahlreich  sind,  führe  ich  solche  nnr  bis 
zum  IG.**  an: 

Si  je  V08  aimme  si  cum  mi  mismes  (me  ipsnm:  Original).  Bern- 
hard 286.  La  trouveroiz  les  dcstriers  et  les  armes  et  moi  me/sme. 
Jourdains  983.  Je  cougnois  tout,  fors  que  mo^j  mesmes.  Villon,  Poes, 
div.  11.  Mais  je  n'y  ay  autres  armes,  conseii,  municion,  ayde  que  moy 
mesme.    Labe  14. 

y)  Von  einer  Präposition  abhängig. 

Besonders  häufig  erscheint  das  mit  meme  verbundene  Personal- 
pronomen nach  Präpositionen.  Wegen  der  sich  in  sehr  grosser  Menge 
bietenden  Beispiele  führe  ich  jedesmal  nur  einige  wenige  Fälle  an.  So 
tritt  moi-meme  auf  nach:  de: 

Et  ne  pensez  pas,  j'eusse  trop  mieulx  ame  la  mort  que  d'avoir  de 
moy  mesmes  consenty  ne  accorde  ce  meschef.  Cent  31.  J'interromprai 
ici  pour  un  moment  cette  relation,  pour  dire  un  mot  de  moi-meme. 
Saiut-Simon  249. 

Anmerkung: 

de  in  Verbindung  mit  dem  durch  meme  verstärkten  Personal- 
pronomen dient  öfters  zum  Umschreiben  des  Possessivums  (cf. 
Kramer  46). 

C'est  le  temps  d'oü  je  date  sans  interruptions  la  conscience  de  moi- 
meme.    Rousseau  I,  8;  Kramer  ib. 

bors  de. 
Mais  j'apergoy,  ayant  errt^  maint  tour,  que,  si  je  veus  de  toy  estre 
delivre,  il  me  convient  hors  de  moy  mesme  vivre.     Labe  125. 

au  deduns  de: 

Je  murmurai  mi  deduns  de  moi-meme  le  vers  du  poete  athenien! 
France,  Crime  28. 

ä: 

Et  si  ju  en  voix,  ju  reverrai  lo  parax  et  si  vos  parrai  a  mi  mismes 
Bernhard  180.  Oh!  que  j'ai  honte  ä  avouer  cela,  ä  le  dire  tout  haut, 
apres  me  Fetre  avone  a  moi-meme.    Kobe  III,  9. 

Anmerkung: 

Zur  Verstärkung  des  Pos sessiv um  dient ä  moi-meme  in  folgen- 
den Beispielen: 

A  mei-meesme  la  meie  aneme  est  conturbee.  Psalm  XLI,  8.  Tous 
mes  sens  ä  moi-7)ietne  en  sont  eocor  charmes.     Corneille  III,  105. 

contre: 
Plus  j'y  pensais,  plus  je  m'md^giisiis  contre  moi-m^me.   Rousseau  95. 


892  Willy  Etzrodt 

dans: 
Et  dans  moi-meme  je  dis.    Laf.,  Contes  III,  12,  22. 

en: 
Et  ne  fait  mies  a  mervillier,  si  ju  suis  en  cusenceon  por  vos,  deske 
ju   troz  en  moi  mismes  granz  okesons  de  cusenceon  (in  me  ipso:    Ori- 
ginal).   Bernhard  286.    Je  l'observe  et  je  me  dis  en  moi-meme.   France, 
Crime  120. 

entre: 
Si  me  pris  un  pou  a  souscrire  et  entre  moy  meismes  a    dire:   suis 
je  fole?    Chemin  1118. 

avec: 
Je  ne  suis  point  d'accord  avec  moi-meme.    Marivaux  373. 

par: 
„Die  Bedeutung  dieses  par  ist  meist,  dass  eine  Tätigkeit  aus  eigener 
Kraft,  in  eigener  Person  geleistet  wird  und  keine  fremde  Beihilfe  nötig 
ist  .  .  .  Öfters  aber  bedeutet  es  auch,  dass  eine  Handlung  aus  eigenem 
Antriebe  ohne  fremde  Anregung  erfolgt"  (Plattner  III,  2,  55).  Diese 
Bemerkung  gilt  auch  für  die  übrigen  Verbindungen  der  Präposition  par 
mit  dem  durch  meme  verstärkten  Pronomen  personale. 

Quand  ton  maitre  sera  venu,  je  tächerai  .  .  .  de  le  connaitre  par 
moi-meme.  Marivaux  243.  Je  ne  puis  rien  entreprendre  par  moi-meme. 
Dumas;  Plattner  III,  2  54. 

pour: 
Kar  jo   ceste   cited   guarantirai   pur  mei-meime  e  pur  David  mun 
serf.    Rois  IV,  19,  34.    Je  me  suis  souvenu  tout  ä  coup  que  le   temps 
fuyait  pour  tout,  pour  tous  et  pour  moi-meme.    From.,  Sahel  83. 

sur: 
Je  n'avais  plus  de  souci  pour  moi-meme.    Rousseau  87. 

vers: 
De  ses  dous  enfanz  mesparlai,  vers  mei  meismes  mesdit  ai.    Marie 
de  Fr.;  Fraisne  480. 

2.  Person. 

a)  tu  meme. 

Das  satzunbetonte  Personalpronomen  der  2.  Person  tu  in  Verb,  mit 
meme  ist  mir  nur  im  Oxforder  Psalter,  in  der  Übersetzung  der  vier 
Bücher  der  Könige  und  der  Reden  des  heil.  Bernhard  begegnet. 

Ich  führe  je  ein  Beispiel  an: 

Tu  medesme  ies  li  miens  reis  e  li  miens  Deus,  chi  mandes  saluz  ä 
Jacob.  Psalm  XLIII,  6.  Respundi  li  reis:  Tu-meime  as  dit  le  dreit 
jugement  que  estre  en  deit.  Rois  III,  20,  40.  Ensi  poras  tu  mismes 
o'iT  ceu  que  li  apostle  oirent.    Bernhard  192. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mfemc  893 

b)  toi-meme. 
«)  Als  Subjekt. 

Die  satzbetonte  Nominativform  toi-meme  erscheint  nach  meinen 
Belegen  zuerst  im  16.". 

Toy  menie  tu  as  dit  qu'elle  avoit  refuse  dix  escus,  Parangon  222. 
Toi-meme  tu  Tas  vu  courir  dans  les  combats.  Racine  II,  486.  Tu  dois 
aller  toi-meme  ouvrir  la  porte?     France,  Crime  94. 

Auch  mit  Auslassung  des  satzunbetonten  tu: 

Toy  meme  vens  ta  femme,  puisque  tu  prens  ces  biens  lä.  Paran- 
gon 220.  As-tu  pas  eu  .  .  .  toute  la  liberte  que  toy-mesme  as  vonlue. 
Sophonisbe  12. 

ß)  Als  Objekt. 

Hier  erscheinen  Belege  schon  im  12.". 

Tu,  qui  altrui  ensegnes,  nen  ensegues  mie  toi  mismes.  Bernhard  122. 
Aime  ton  proebain  com  toy  mesmes.    Mir.  V,  921. 

Tu  ne  dois  point  pour  quelque  faultre  extresme  tant  chastier  autruy 
comme  toy  mesme.    Des  P^riers  121. 

Ein  modernes  Beispiel: 

Je  ne  peux  pas  le  croire,  et  je  te  trouve  toi-meme  un  peu  prompt. 
Augier,  Fourch.  V,  1. 

y)  Von  einer  Präposition  abhängig. 
Von  den  zahlreichen  Beispielen  führe  ich  nur  folgende  an: 
Die  Präposition  ist:  de. 

Et  si  eswarde  de  toi  mismes,  que  tu  assi  ne  soies  temptez.  Bern- 
hard 115.  C'est  de  toy  meme  que  le  nom  seulement  change,  la  fable 
est  feinete  et  racomptee.    Des  Periers  100. 

ä 
Geste  perfete  continence,  que  tu  doies  a  toi  mismes,  quier  devant 
totes   altres  choses.     Bernhard  122.    Retourne,    frere,  retourne  a  toy- 
mesmes.     Curial  13,  29. 

devant 
Mon  rachat  devant  toi-meme  etait  de  faire  de  toi   un   des   heureux 
de  ce  monde  qui  me  rejetait.    Aug.,  Fourch.  II,  1. 

en 
Je  te  conseille  que    tu   te   delectes   en   toy   mesmes   de   ta   vertu. 
Curial  19,  18. 

pour 
Mais  si  d'aventure  quelqu'un  vouloit  achapter  la  vache,   vens   la 
comme  pour  toy  mesme.    Parangon  6. 

sur 
Sor  toi  mismes  soies  desdignos.    Bernhard  282. 


894  Willy  Etzrodt 

3.  Person. 
Maskulinum. 

a)  il  meme. 

Als  männliches,  mit  meme  verbundenes  Personalpronomen  der 
3.  Pers.  Sg.  erscheint  in  afr.  Zeit  zunächst  il  meme  und  zwar  zum 
erstenmal  im  12.";  das  letzte  Beispiel  vermag  ich  aus  dem  Ib."  beizu- 
bringen. 

E  il  meismes  vers  Ramatha  alad.  Rois  I,  19,  22.  Li  rois  fist 
maintenant  monter  .  .  .  puis  est  il  meismes  montez,    Erec  2339. 

13.":  Et  il  meismei^  en  fu  menez  chaitis.     Jourdains  3479. 

14." :  Le  cheval  sire  Joce  fust  ocys,  et  i/l  meismes  durement  naufre. 
Nouv.  14.«,  46. 

lö.*»:  II  dist  a  sa  femme  .  .  .  que  pour  mieulx  besoigner,  ily  vou- 
loit  mesmes  aler.     Cent  II,  116. 

Im  Anschluss  an  ein  vorangehendes  Substantiv  findet 
sich  il  meme  in  folgenden  Beispielen: 

Li  deus  de  Israel  il-meesme  dunrat  vertut  et  fortece  a  sun  pople. 
Psalm  LXVII,  38.  El  li  empereres  il  meismes  les  servit  au  mangier 
del  Premier  mes.    Marques  2. 

Anmerkung: 

Beachtenswert  ist  die  aus  cors  und  einem  Possessivum  be- 
stehende Hinzufügung  zu  il  meme: 

II  meismes  ses  cors  est  maintenant  montez.  Gui  de  Bourg.  44; 
Tobler,  V.  B.  I,  63. 

b)  lui  meme. 

Neben  il  meme  findet  sich  schon  im  12."  das  in  nfr.  Zeit  allein 
existierende  lui  meme  als  3.  Sg.  Maskulini. 

Wie  bei  moi  meme  und  toi  meme  das  tonlose  Pronomen  fehlen 
kann,  so  auch  bei  lui  meme  das  il. 

a)  Als  Subjekt. 

Eliseus  li  prophetes  resucitat  un  mort,  mais  ceu  fut  altrui  et  ne 
mies  lui  mismes.  Bernhard  97.  Et  s'en  ala  luy  mesmes  a  Vilvorde. 
Jehan  le  Bei  150.  Le  remede  dont  il  m'advertit,  lui  mesmes  le  mist  a 
exercion.  Cent  20.  II  daigne  bien  lui  mesme  peine  prendre  d'user  de 
l'art  que  je  te  veux  apprendre.    Marot  43. 

Nfr.  Beispiele  glaube  ich  nicht  anführen  zu  brauchen.  —  Im  An- 
schluss an  ein  Substantiv  begegnet  meme  in  folgenden  Fällen: 

Mais  le  document  lui-meme,  qu'etait  il  devenu?    France,  Crime  41. 

Ebenso  nach  einem  Eigennamen: 

Amour  luy  meme,   il  me  le  faict  laisser,   pour   me  venger  de   son 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personue  und  uiftme         895 

tort  et  oiiltrage.  Des  Periers  161.  Et  qui  s'honoreroit  de  l'appui 
d'Agrippine  lorsque  Neron  lul-meme  aunouce  mu  ruioe?  Racine  II,  268. 
Lethierrg  avait  construit  lui-meme  la  Galiote.    Hugo,  Trav.  I,  178. 

ß)  Als  Objekt. 

Als  Objekt  erscheint  lui-meme  in  einem  doppelten  Gebrauch,  näm- 
lich 1.  in  nicht  reflexivem  2.  in  reflexivem.  Letzteren  Gebrauch  lasse 
ich  hier  unerwähnt,  da  er  in  folgender  Dissertation  ausführlich  be- 
handelt ist: 

Rudolf  Warnecke,  Die  Syntax  des  betonten  Reflexivpronomens 
im  Frz.     Gott.  Diss.  1908. 

Nicht  reflexiver  Gebrauch  liegt  vor  in  folgenden  Fällen: 

J'auroye  plus  eher  acquester  un  bon  amy  que  tout  Tor  du  roy 
Darius,  ou  que  l'avoir  prisonnier  lui-mesme.  Des  Periers  22.  Gar  vou- 
loir  coDtrefaire  un  comedien  dans  une  röle  comique,  ce  n'est  pas  le 
peindre  lui-meme.    Moliere  III,  394. 

ImAnschluss  an  ein  vorangehendes  Substantiv  im  Akkusativ 
erscheint  lui-meme,  wenn  es  heisst: 

Epargnez  mes  sujets;  epuisez  toutsurmoi!  Sanvezle  roilui-meme! 
Voltaire  I,  146. 

y)  Mit  einer  Präposition  verbunden. 

Auch  in  Verbindung  mit  einer  Präposition  erscheint  lui-meme  in 
reflexivem  und  nicht  reflexivem  Sinne.  Vergleiche  auch  hier  die  so- 
eben angeführte  Diss.  v.  R.  Warne cke. 

Nicht  reflexiv  gebraucht  ist  d e  1  u i - m e m e  in  folgendem  Beispiel : 

Si-ben-Hamida,  je  l'appris  de  lui-meme,  est  un  eleve  du  College 
Saint-Louis.    From.,  Sahel  139. 

Anmerkung: 

Wie  de  moi-meme,  so  kann  auch  de  lui-meme  zur  Umschreibung 
des  Possessivums  dienen. 

Li  Sire  el  ciel  aprestad  sun  siege,  e  le  regne  de  lui-medesme  a  tutes 
choses  segnurerad.  Psalm  ClI,  19.  Ce  qu'il  portoit  dans  la  partie  la 
plus  intime  de  lui-meme  le  consumoit  secretement.  Fenelon,  Tel.  503; 
Kramer  52. 

ä  lui-meme  als  persönliches  Fürwort  erscheint  in: 

A  lui  medisme  ont  l'almosne  donede,  il  la  receut  come  li  altre 
fredre.  Alexius  24.  Et  par  biaux  sillogisemens  lui  en  fist  pluseurs 
argumens,  a  lui  meismes  les  faisoit  souldre.     Chemin  273. 

Da  der  Gebrauch  und  die  Verwendung  der  übrigen  Präposi- 
tionen bei  lui-meme  genau  ebenso  ist  und  nichts  neues  bietet,  glaube 
ich  diese  von  der  Untersuchung  ausschliessen  zu  dürfen. 


896  '  Willy  Etzrodt 

Femininum. 

a)  li  meisme. 

li  meisme  habe  ich  nur  im  12."  nachweisen  können  und  nur  nach 
Präpositionen.  Dann  kam  es  ausser  Gebrauch  und  die  ursprüngliche 
Nominativform  eile  trat  an  seine  Stelle. 

Es  erscheint  abhängig  von  folgenden  Präpositionen: 

de 
Ceste  est  vraiement  cele  sapience,   ke  de  lei  mismes  dist:    Cil  qui 
me  manjüent,  averunt  ancor  faim  de  moi.    Bernhard  331. 

ä 
Mes  la  dame  tote  nuit  ot  a  li  me'ismes  grant  tan^on.     Low.  1735. 

per 
Si  11  humaine  nature  ne  pot  ester  quant  ille  ancor  estoit  enterigne, 
molt  moeus  puet  ille  or  relever  'per   lei  mismes,   quant  ille  corrumpue 
est  (Original:  per  se  ipsam).    Bernhard  16. 

b)  eile  meme. 

Als  weibliche  Nominativform  der  3.  Sg.  des  Personalpronomen  in 
Verb,  mit  meme  habe  ich  nur  eile  meme  belegen  können,  das  mir  zu- 
erst im  Erec  begegnet  ist  und  sich  bekanntlich  bis  heute  erhalten  hat. 
Interessant  ist,  dass  es  der  schweren,  satzbetonten  Form  li  nicht  ge- 
lungen ist,  die  satzunbetonte,  leichte  Form  eile  zu  verdrängen. 

Et  bien  savoit  qu'il  seroit  rois  et  ele  meisme  enoree.  Erec  689. 
Elle  meisme  li  a  ceint  a  son  flanc.  Jourdains  1747.  Puis  cria  elle-meme 
a  la  fenetre.  Jehan  82.  Ma  cousine  d'Aumale  feit  fort  bien  son  devoir, 
fouillant  elle-inesme  dedans  les  cabinets.    Menippee  45. 

Ein  nfr.  Beispiel: 

Elle  reconnait  elle-meme  le  danger.    Augier,  Fourch  II,  1. 

Oft  findet  sich  eile  meme  im  Anschluss  an  ein  vorangehendes 
Substantiv: 

La  marechale  eile  meme  me  l'a  conte.  Saint-Simon  85.  Ainsi,  la 
nature  elle-meme  conspirait  ä  le  plonger  dans  une  extase  douloureuse. 
Peau  11. 

Ebenso  auch  bei  einem  vorangehenden  Eigennamen: 

De  Cupido  le  dyademe  et  de  roses  un  chappelet,  que  Venus  cueillit 
eile  mesme  dedans  son  jardin  verdelet.  Marot  14.  Sauvons-le,  malgre 
lui,  de  ce  peril  extreme,  pour  nous,  pour  nos  amis,  pour  Roxane  elle- 
meme.    Racine  II,  543. 

Anmerkung: 

Wie  bei  il  meme  findet  sich  auch  bei  eile  meme  die  Hinzu- 
ftigung  von  Possessivum  -V  cors  als  verstärkende  Apposition: 


Die  Syntax  der  iinbestiinniten  Fürwörter  personnc  und  m6me  (S97 

Ele  meisme  ses  cors  eomeiicc  Marqiie  a  desarmer  et  les  damoiseles 
desarmercDt  les  aiitres.     Mur(|ucs  154. 

Elle  meme  beluiu])tete  sich  aber  nicht  nur  als  Nominal ivforni, 
sondern  trat  an  Stelle  von  li  mesme,  das  ja  nur  kurze  Zeit  lebte,  auch 
nach  Präpositionen  auf;  so  nach:  de. 

Lairray  je  done  ceste  belle  et  doulce  femme?  Eh,  je  la  lairray ; 
eile  ait  doresnavant  la  eure  et  soing-  (Velle  mesme.  Cent  II,  229.  La 
niain,  fine  et  blcme,  indiquait  une  flamme  oisive  et  soigneuse  d'elle- 
meme.    From.,  Sahel  54. 

Ebenso  nach  ä,  contre,  en,  par,  pour,  sur. 

Reflexlvum. 

soi  meme. 
Ich  verweise  bezüglich  des  Gebrauches  von  soi  mesme  auf  die  an- 
geführte Diss.  V.  R.  Waruecke. 

2.  Plural. 

Wie  wir  sahen,  traten  im  Singular  im  Laufe  der  Zeit  für  die  satz- 
unbe  tonten  Formen  des  Personalpronomens  die  entsprechenden  satz- 
betonten Formen  auf,  mit  Ausnahme  von  elle-meme. 

Im  Plural  ist  dieser  Wechsel  nur  für  ils  memes,  das  durch  eux 
memes  verdrängt  wird,  nachweisbar,  dagegen  nicht  für  nous-,  vous-, 
elles- memes,  da  der  Nominativ  und  Akkusativ  bei  nous,  vous  und  elles 
gleichlautete  (cf.  G essner  I,  4). 

1.  Person. 

nous  memes. 

Nous  memes  tritt  auf: 

a)  Als  Subjekt. 

Nos  mismes  ne  pussiens  per  altre  oqueson  espirer  Veritage  perme- 
nant.  Bernhard  35.  Et  nous  mesmes  ne  goustasmes  d'aultre  viande  que 
cascuu  son  pain.  Jehan  le  Bei  54.  Et  ne  la  devous  trouver  estrange, 
veu  que  t^ous  mesmes  disons  m'amie  plustost  que  mon  amie.    Estieune  158. 

Nous  wird  pleonastisch  dem  Verb  hinzugefügt  in  folgendem  nfr, 
Beispiel: 

Mais  il  ne  veut  pas  dire  que  dans  les  tentatious  que  nous  cherchons 
nous-memes  .  .  .  il  sera  toujours  pret,  a  nous  souteuir.    Massillon  73,  2. 

Oft  ist  mit  uous  meme  nur  eine  einzelne  Person  gemeint, 
dann  wird  meme  natürlicherweise  ohne  das   pluralische  s  geschrieben: 

Mais  jouissons  plutöt  noits-meme  de  sa  peine,  et  si  Rome  nous  hait, 
triomphons  de  sa  haine.    Corneille  III,  437. 

b)  Als  Objekt. 
Ne  seit  mais  oie  de  vus  tele  parole,  de  go  que  Deu  nus  ad  duned 
e  nus  nieismes  ad  guarded,  e  nos  enemis  ad  livred.    Rois  I,  29,  23. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  57 


898  Willy  Etzrodt 

Tant  est  merveilleux  l'effort  de  la  conscience;  eile  nous  faict  trahir, 
aecuser  et  combattre  tious  mesmes.     Montaigne  34. 

Letzteres  Beispiel  zeigt  die  im  Nfr.  übliche  Wiederholung  des  nous. 

Eine  einzelne  Person  ist  gemeint,  wenn  es  heisst: 

En  ce  double  attentat,  que  sa  mort  doit  purger,  nous  avons  et  les 
dieux  et  nous-meme  ä  venger  (sagt  Diocletian).    Rotrou  327. 

c)  Mit  Präpositionen. 

de: 

Ensi  si  est  de  nos  mismes.    Bernhard  16. 

Ein  nfr.  Beispiel: 

Devant  notre  conteraplation  spectrale,  une  vie  autre  que  la  notre 
s'agrege  et  se  desagrege,  composee  de  nous-memes  et  d'autre  chose 
Hugo,  Tr.  I,  135. 

Anmerkung: 

Im  Sinne  des  Possessivum  steht  de  nous-memes  in  folgendem 
Beispiel : 

Nous  sommes  du  bonheur  [de  nous  mesmes  artisans,  et  fabriquons 
nos  jours  ou  fascheux  ou  plaisans.    Regnier  126. 

ä: 

Zahlreich  sind  auch  die  Fälle,  in  denen  nous  memes  bei  der  Prä- 
position ä  steht: 

Quant  om  nos  lait  a  nos  mismes.  Bernhard  16.  Pourquoy  sommes 
nous  tant  iniques  d  noi^s  mesmes?  Defense  156.  Regardons  comme 
des  pieges  que  nous  tend  l'orgueil,  le  desir,  souwent  cache  ä  nous  memes, 
de  nous  donner  en  spectacle.    Massillon  51,  2. 

Ebenso  erscheinen  nach  meinen  Belegen  die  Präpositionen  en,  par, 
pour,  doch  ist  es  unnötig,  noch  Belege  anzuführen,  da  sie  in  jeder 
Grammatik  und  in  allen  Texten  anzutreffen  sind. 

2.  Person, 
vous  meme(8). 

a)  Als  Subjekt. 

Wie  nous  meme  in  einigen  Fällen  zur  Bezeichnung  einer  einzelnen 
Person  dient,  so  steht  auch  vous  meme  sehr  oft  ebenso,  meist  in  Be- 
ziehung auf  die  angeredete  Person.    So  schon  in  afr.  Zeit: 

Vos  me'ismes  a  la  parsome  an  seroiz  morz  et  afolez,  se  consoil 
croire  ne  volez.    Erec  5612. 

Ebenso  in  den  folgenden  Jahrhunderten;  aus  dem  19."  sei  noch 
angeführt : 

Dame,  il  ne  fait  pas  bon  se  singulariser.  —  Me  singulariser!  Mais, 
vous  meme!    Robe  I,  6. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  peraonne  und  möme  899 

b)  Als  Objekt. 

Ore  desceadez,  vus  ke  avez  rendu  as  autres  lursalu,  evusmeimes 
sauvez.     Keimpred.  83. 

Hiuzuflignng  des  vous  zum  Verbiim  ist  in  folgenden  Beispielen 
zu  bemerken: 

Je  vous  appelle  vous  mesnie  ä  tesmoin,  Montaigne  259.  Vous  etes 
assez  fort  pour  vous  vaincre  vous-ineme.  Corneille  III,  508.  Osez 
paraitre,  osez  vons  seeourir  vous-meme.     Voltaire  I,  146. 

c)  Nach  Präpositionen. 

In  den  von  mir  beigebrachten  Beispielen  steht  das  mit  einer  Prä- 
position verbundene  vous  meme  mit  Ausnahme  eines  einzigen  Bei- 
spieles nur  in  Beziehung  auf  die  angeredete  Person. 

Die  mit  vous-meme  auftretenden  Präpositionen  sind  folgende: 

de: 

Dame,  fet  il,  por  Deu  merei,  de  vos  me'is7ne  aüez  mercil  ErecV,  694. 

Ebenso  im  nfr.: 

De  qui  voulez-vous  parier?  —  De  vous  meme^  mon  eher  president. 
Robe  I,  5. 

Anmerkung: 

Zur  Umschreibung  des  Possessivums  dient  de  vous  meme 
in  nachstehenden  Fällen: 

Chevaler,  fet  yl,  vous  m'avez  vencu,  ne  mie  par  force  de  vus  meismes. 
Nouv.  14.",  20.  Comment,  Madame,  dist  l'enfermiere,  vous  estes  de 
vous  mesmes  homicide!  Cent  118.  Quel  caprice  vous  rend  ennemi  de 
vous-meme?     Racine,  Ber.  I,  3;  Kramer  52. 

Ähnlich  wie  bei  de  ist  die  Verwendung  von  vous  meme  bei  ä, 
avec,  contre,  en,  par,  pour  und  sur,  für  die  ich  keine  Beispiele 
anführe.  Erwähnt  sei  nur,  dass  vous  memes  bei  der  Präposition  sur 
einmal  in  Beziehung  auf  mehrere  Personen  erscheint: 

Filles  de  Jerusalem,  ne  plorez  mies  sor  mi,  mais  sor  vos  mismes 
plorez  et  sur  vos  filz.    Bernhard  116. 

3.  Person. 
Maskulinum. 

a)  il  meesme(s). 

Als  Nominativform  der  3.  Plur.  Mask.  des  mit  meme  verbundenen 
Personalpronomens  ist  mir  im  Oxforder  Psalter  und  in  den  Redendes 
heiligen  Bernhard  die  Form  il  meesme(s)  begegnet.  Die  Sehreibung 
des  meme  ohne  s  ist  auffällig,  cf.  darüber  eux  meme(8);  il  memes 
erscheint  nur  in  einem  Falle. 

Enhabiterunt  e  se  repundrunt,  ü-meesmele  mien  talun  aguaiterunt. 

57* 


900  Wn\y  Etziodt 

Psalm  LV,  6.     11  mismes  s'apelent  philosofes,  mais  dos  les  poons  plus 
a  droit  apeler  curious  et  vains.     Bernhard  235. 


b)  eux  meraes. 

An  Stelle  des  Nominativs  il  meme's^  der,    wie   wir  sahen,  nur  im 

12.  Jahrhundert  lebt,    trat  nach  meinen  Belegen  mit  dem  Anfange  des 

13.  Jahrhunderts  der  ursprüngliche  Akkusativ  eux  (<  illos)  memes;  diese 
Form  hat  sich    bekanntlich  bis  heute  erhalten. 

Bezüglich  der  Schreibung  des  meme  bei  il  meme(s)  und  eux 
memes,  ebenso  bei  elles-memes,  ist  zu  bemerken,  dass  das  pluralische 
8  öfters  fehlt. 

Les  immortels  eiix-mesme  en  sont  persecutez.  Malherbe,  Vaugelas, 
I,  319.  Eux-meme  ils  detruiront  cet  efl'royable  ouvrage,  Instrument  de 
leur  honte  et  de  leur  esclavage.  Voltaire,  Alz.  II,  6;  Mätzner,  Gr.  151. 
0  vils  marchands  rfVi/ic  ?//l/«e,    V.  Hugo,  Legende  des  siecles  XII,  2;  ib. 

Eux-memes  erscheint  nun : 

«)  Als  Subjekt. 

Ja  greinnur  ben  ne  te  durrunt  ke  eus  mesmes  iloekes  unt.  Josa- 
phaz  2214. 

14.":  Si  est  a  leur  coulpe  le  mal  qu'ils  eu  ont,  et  non  mie 
d'Amour.  Car  eidx  mesmes  se  fönt  le  mal  et  grief  qu'ils  en  recoivent. 
Ball.  261. 

16.":  Je  parle  ainsi  apres  les  Italiens,  car  eux-mesmes  quelquefois 
adjoustent  ces  mots,    Estienne  107. 

17.*:  Mit  Hinzufügung  der  tonlosen  Form  des  Personal- 
pronomens: 

Et  plusieurs  avaient  remarque,  qu'jjs  estoient  amoureux  Tun  de 
l'autre,  devant  qu'//s  s'en  appergeussent  eux-mesmes.    Voiture  (354. 

Ebenso  19.":  Au  für  et  ä  mesure  que  M.  Vagret  parlait,  on  sentait 
qii'ils  auraient  voulu  eux-memes  lui  faire  son  affaire,     Robe  III.  7. 

Ohne  Hinzufüguug  des  ils: 

11  est  impossible  de  les  confondre;  eux-memes  ne  veulent  pas  etre 
confondus.    From.,  Sahel  88. 

Im  Auschluss  an  ein  vorangehendes  Subs  tan tiv um  steht  eux- 
memes  in  den  folgenden  Beispielen : 

On  y  voit  beaucoup  d'actions  qui  se  passent  sur  la  scene,  et  les 
recits  eux-memes  y  sont  des  actions.  Moliere  III,  364.  Les  Anglais  eux- 
memes  avouent  que  Shakespeare  .  .  .  Voltaire  I,  213.  Je  veux  dire 
qu'un  bon  juge  est  moins  guide  par  les  faits  eux-memes  que  par  une 
Sorte  d'inspiration.    Robe  II,  4. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personnc  und  m&me  901 

ß)  Nach  eiuer  Präposition, 
de: 

Adonc  furent  les  Jacques  tous  esperduz  poiir  leur  cappitaiue  qui 
n'estoit  point  avecques  eulx,  et  ne  furent  d'eidx  mesmes  tous  d  zijnoose 
Valois  75. 

Ein  nfr. Beispiel :  Puisils  parl^rent  d'eux-memes.  Maupassant,  Fort21. 

Ebenso:  au-dedaus  de: 

Ils  sout  pauvres  et  denues  au-dedans  d'eux-memes.  France,  Crime  27. 

Anmerkung: 

Im  Sinne  eines  Possessivums  wird  d'eux-memes  auch  ver- 
wendet : 

Dens  detriblerat  les  denz  d'els  en  la  buche  d'els  meismes.  Psalm 
LVII,  G. 

Ebenso  nach  den  Präpositionen  ä,  en  und  par,  wofür  ich  Beispiele 
nicht  anführe. 

Femininum. 
elles-memes. 

Während  im  Fem.  Sg.  neben  eile  menie  eine  Zeitlang  wenigstens 
ein  li,  lei  meme  existierte,  findet  sich  im  Plural  nur  die  Form  elles- 
memes. 

Ich  erwähne  elles  memes: 

a)  Im  Anschluss  an  ein  vorangehendes  Substantivum. 
Puis,  ils  se  resiguaient,    devant  l'embarras    de   la   remplacer,   car 
les  voleuses  elles-memes  refusaieiit  d'entrer  chez  eux.    Pot-Bouille  32. 

b)  Alleinstehend. 
Mademoiselle,  rien  ne  peut  estre  dans    vos    lettres    plus    agreable 
{\WeUes  mesmes.    Voiture  127. 

c)  Nach  Präpositionen. 

de: 

Les  langues  ne  sont  uees  d'elles  mesmes  en  facon  d'herbes,  racines, 
et  arbres.  Defense  50.  Le  premier  baiser  par  lequel  deux  ämes 
prennent  possession  d^ elles-memes.     Peau  163. 

Ebenso  nach  en,  entre  und  pour. 

Mein  ältester  Beleg  für  elles  meme  ist: 

Maintes  choses  fait  om  por  eles  mismes  solement.     Bernhard  81. 

Anhang. 

Stibstantivierung  des  mit  meme  zusammengesetzten 
Pronomen  i^ersonale  mit  vor  atisgehendem  autre. 

Der  Vollständigkeit  halber  sei  hier  die  Substantivierung  des  mit 
meme  verbundeneu  Personalpronomens  mit  vorausgehendem  autre   an- 


902  Willy  Etzroclt 

gefügt,  über  die  auch,  allerdings  von  anderen  Gesichtspunkten  aus,  0. 
Müller:  Die  Substantivierung  anderer  Redeteile  im  Französischen,  und 
Jäger:  Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  tel,  autre  und  nul, 
berichten.  So  sagt  Müller  folgendes  (p.  58):  „Ein  subst.  Pronomen 
wie  moi-meme,  toi-meme,  vous-meme,  das  also  Maskul.  und  Feminin, 
bezeichnen  kann,  hat  kein  für  alle  Fälle  bestimmtes  Geschlecht.  Je  nach 
dem,  ob  von  einem  Maskul.  oder  Feminin,  aasgesagt  wird,  dass  es  das 
Ebenbild  einer  mit  moi-meme,  toi  meme,  vous-meme  gekennzeichneten 
Person  sei,  haben  diese  männliches  oder  weibliches  Geschlecht.  Anderer- 
seits kann  eile  meme  auch  ein  Maskul.  Subst.  werden,  wenn  ein  Mann 
als  das  Ebenbild  einer  Frau  bezeichnet  werden  soll." 

Meist  steht  in  Verbindung  mit  autre  moi-meme  elc.  der  unbestimmte 
Artikel,  bisweilen  auch  der  Teilungsaitikel  de  oder  das  Demonstrativum. 

1.  moi-meme. 

Gar  alors  on  poiirrait  dire  que  puisque  un  mien  perfaict  ami  est 
un  autre  moymesme  .  .  .  c'est  me  remercier  moymesme,  le  remercier  de 
quelque  chose.  Estienne  47.  Je  n'ai  pas  cru  d'abord  a  cet  autre  nwi- 
mesme.  Rotrou  100.  Pendant  que  moi  .  .  .  j'exergais  ma  fonction,  un 
märe  moi-meme  exaniinait  la  cause  avec  sang-froid.     Robe  III,  9. 

Ebenso:  une  autre  moi-meme.  La  comtesse:  Regardez-moi  dans 
cette  occasiou-ci  comme  une  autre  vous-meme !  —  Le  marquia:  Ah!  que 
c'est  bien  dit,  une  autre  moi-meme.    Marivaux  348. 

2.  toi-meme. 

Avant  la  coup  mortel  dont  je  dois  te  frapper,  va,  je  te  punirai  dans 
an  autre  toi-meme.  Voltaire  135;  Jäger  95.  Tes  enfants,  ces  autres 
toi-meme.     Littre. 

3.  lui-meme. 

Un  autre  lui  meme  dient  „zur  Bezeichnung  einer  anderen  Persön- 
lichkeit, die  mit  der  identisch  ist,  vonder  gesprochen  wird".    Müller  59. 

Cent  fois  je  me  suis  fait  une  douceur  extreme  d'entretenir  Titus 
dans  im  untre  lui-meme.     Racine,  Berenice  I,  4;  Müller,  1.  c. 

4.  elle-meme. 

Mais  un  loyal  mary  vers  sa  femme  qu'il  aime  n'est  pas  un  etranger, 
c'est  un  autre  eile  mesme.    Garnier,  Hyppolyte  IV;  Müller  ib. 

5.  soi-meme. 

„In  derselben  Bedeutung  wie  lui-meme,  nur  dass  nicht  von  einer  be- 
stimmten Persönlichkeit  die  Rede  ist,  wird  un  autre  soi-meme  gebraucht." 
Mull  er  60. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  m6me  903 

Mais  voiiloir  au  public  immoler  ce  qu'on  aime,  s'attacher  au  combat 
contre  un  autre  soi-meme,  attaquer  un  parti  qui  prend  pour  döfenseur 
le  fröre  d'uue  femme  et  l'amant  d'une  soeur  une  teile  vertu  ii'apparte- 
uoit  qu'ä  uous.    Corneille  III,  307. 

6.  nous-meme. 

Sans  lui  je  ne  puis  vivre,  et,  vivant  avec  lui,  je  puls  etre  encor 
reine  et  regner  en  autrui,  la  puissance  qui  passe  en  un  autre  nous-meme 
laisse  encor  en  nos  mains  Tautorite  supreme.    Rotrou  470. 

7.  vous-meme. 

Un  autre  vous-meme  dient  „zur  Bezeichnung  der  der  angeredeten 
oder  den  angeredeten  Personen  gleichen  Persönlichkeit."     Müller  60. 

Elevant  Mardesane  a  ce  degre  supreme,  vous  regnerez,  Seigneur, 
en  un  autre  vous  meine.    Rotrou  472. 

une  autre  vous-meme. 
La  comtesse:  Regardez-moi  dans  cette  oecasion-ci  comme  wwe  at/^re 
vous-meme.    Marivaux  348. 

III,  meme  in  attributiver  Verbindung  mit  anderen 

Wörtern. 
I.  meine  in  Verbindung  mit  dem  Denionstrativum. 

A.  Demonstrativ  und  meme  attributiv  bei  einem  Substantivum. 

Wie  zum  bestimmten  und  unbestimmten  Artikel,  so  tritt  meme  auch 
zum  Demonstrativum  und  zwar  sowohl  zu  ecce  iste   wie    zu  ecce   ille. 

1.  ecce  iste. 

In  ähnlicher  Weise  wie  dies  bei  meme  in  Verbindung  mit  dem 
Artikel  der  Fall  ist,  erscheinen  auch  bei  dem  mit  dem  Demonstr.  ver- 
bundenen meme  verschiedene  Stellungen  dieses  meme.  Die  häufigste 
ist  die  Stellung  von  meme  zwischen  Demonstr.  und  Subst. 

a)  Demonstr.  -j-  meme  -(-  Substantiv. 

Singular. 

«)  eist,  cest,  ce. 

A  ceu  est  assi  semblant  ceu  que  eist  mismes  prophetes  dist  en    un 

altre  leu.     Bernhard  43.     II  me  souvient  bien  d'avoir  leu  en  ce  mesme 

auteur  ce  mot  aussi.     Estienne  90.     Je  me  ruppelai  qu'un  beau  jour  de 

ma  vingtieme  aunee,  je  me  promenais  dans  ce  meme  jardin  du  Luxem- 

bourg.    France,  Crime  81. 

Auch  in  Verbindung  mit  Eigennamen: 


904  Willy  Etzrodt 

Aiissi  le  pocte  Eschyle  iie  fit  point  de  difficulte  d'introduire  dans 
une  tnigedie  la  inere  de  Xerxes;  cependant  ce  meme  Eschyle  s'etait 
trouve  en  personue  ä  la  bataille.     Racine  II,  477. 

ß)  ceste,  cette. 
Cesfe  mesme  antiquite  se  peut  voir  en  tous  les  argumens  de  Piaute. 
Defense  138.     Sur  cette  wewe  ^reyerodaient  jadis  les  vingt-quatre  dogues 
portiers  de  Saint  Malo.    Hugo,  Trav.  I,  237. 

Plural. 

«)  c  e  s :  Maskul. 
Ces  mesmes  docteurs  de  Jerusalem   prouvoient   par   Tescriture   que 
Jesus-Christ  meritoit  la  mort.     Menippee  185.     Je  sens  que  ces   meines 
Souvenirs  se  naissent  tandis  que  les  autres  s'eifaeent.    Kousseau  29. 

ß)  ces  :  Femin. 
Et  li  dirons  en  11  saluant  ces  meismes  paroles  que  je  proposay  au 
commencement  de  raon  sermon.    Mir.  V,  205. 

b)  Demonstrativum  -f-  Substantiv  +  meme. 
Singular, 
Das  Demonstrativum  ist: 

«)  ce. 
Elle  le  regardait,  et  il  se  rappelait  le  premier  regard,  echangedans 
cet  escalier  meme.     Pot-Bouille  205. 

ß)  ceste,  cette. 

Et  ceste  grace  mismes  renommet  il  en  ceu  qu'il  apres  dist.  Beru- 
hard 374.  C'est  cette  vertu  meme  .  .  .  que  vous  louiez  alors,  Corneille 
III;  500. 

Ähnlich  im  Plural. 

B.  Demonstrativum  und  meme  substantivisch. 

Einmal  erscheint  ces  in  Verbindung  mit  memes  ohne  folgendes  Sub- 
stantiv: 

Cume  go  sout  Saiil,  altres  messages  i  enveiad,  e  Dens  a  ces  meismes 
la  grace  dunad.    Rois  I,  194. 

2.  ecce  ille. 

Ecce  ille  in  Verbindung  mit  meme  erscheint  in  ähnlicher  Verwen- 
dung wie  ecce  iste.  Auch  hier  ist  die  Stellung  des  meme  zu  dem 
Demonstrativum  und  Substantiv  eine  mehrfache. 


Die  Syntax  der  unbestiminten  Fürwörter  personne  und  mcme         905 

A.  Demonstrativum  und  meme  bei  einem  Substantivum. 

a)  Demonstrativum  +  meme  -f-  Substantiv. 
Das  Demonstrativum  ist: 

a)  eil,  eel,  cellui,  iceluy. 

Cil  wm«ßs  2)ro/?//r/^s  dist  (idem  propbeta:  Original!).  Bernhard  336. 
Eissi  cum  Gerlauz  dit  en  cel  nu'isnie  escrit.  Computus  3120.  De  celliii 
meismes  exercite  de  doulceur  Seneque  recite  au  dit  livre  tout  ensiwant. 
Chemiu  5687.    Dedans  iceli(7j  mesme   corps.    Rabelais  282,  Lemme  36. 

Spätere  Verbindungen  dieser  Art  sind  mir  nicht  begegnet. 

ß)  cele,  Celle. 
Cil,   qui  autrui  juge  a  tort,  doit  de  cele  meUme  mort   morir  quo   il 
li  a  jugiee.     Low.  4574.    Nous  Bulduyns  par  la    grace   de  deu   archi- 
vesques  de  Trivres,  nous  Jehaus  per  celle   meyme  gvaice   roys   de  Ba- 
hengne.    Guerre  404. 

b)  Demonstrativum  +  Substantiv  +  meme. 

Sing^ular. 
a)  cel,  celuy. 
Cel  an  moieme^  apres  l'Ansancion.     Girard  de  Viane  43,  Godefroy. 
Et  en  celuy  monstier  me'isme.     Greg.  46,  Lemme  31. 

ß)  cele. 
Qui  refaisioet  celes    choses   que   deffallies   estoient    per   cele   main 
mismes,  dont  11  faites  les  avoit  (eadem  manu  qua:  Original !).  Bernhard  161. 

Plural. 

celes: 

Et  si  tracent  avant  celes  jiaroUes  mismes,  dont  elles  se  deplaguioent 
davant  (eadem  quae  supra  meminimus  verba:  Original!).    Bernhard  28. 

e)  meme  +  Demonstrativum  +  Substantiv. 
a)  cel. 
E  un  altel  fist  de  airaim  .  .  .  e  fud  en  meime  cel  aitre  asis.   Kois 
III,  7,  44. 

ß)  cele 

A  tant  dementres  s'est  ale  defroter  de  niemes  cele  herbe  ke  il  out 
achate.     Boeve  2998. 

B.  Demonstrativum  und  meme  alleinstehend. 
In  vielen  der  unter  diesem  Punkte  angeführten  Beispielen  lässt  sich 
nicht  mit  voller  Sicherheit  entscheiden,  ob  meme  im  Sinne  des  lat.  idem 


906  Willy  Etzrodt 

oder  in  dem  von  i|3se  vorliegt.  Je  nach  der  individuellen  Auffassung 
wird  die  Entscheidung  bald  für  idem  bald  für  ipse  ausfallen,  zumal 
da  es  zahlreiche  Fälle  gibt,  in  denen  sich  die  Bedeutung  von  meme  im 
Sinne  von  ipse  und  von  idem  sehr  eng  berühren,  wie  z.  B.  in  dem 
Satze:  „11  habita  la  chambre  meme  que  son  frere"  und  „il  habita  la 
meme  chambre  que  son  frere"   (Cledat,  Revue  de  phil.  fr.  13,  229.). 

Wie  sich  hier  die  Bedeutungen  von  idem  und  ipse  sehr 
nahe  stehen,  so  in  anderen  Beispielen  die  von  ipse  und  lat.  etiam, 
dem  deutschen  „selbst"  „sogar". 

Hierüber  sagt  Littre  folgendes:  „Apres  un  substantifil  faut  distin- 
guer,  quand  „meme"  ne  peut  pas  etre  deplace  et  mis  avant  le  sub- 
stautif,  alors  il  est  adjectif  et  s'accorde"  (d,  h,  es  steht  in  dem  Sinne 
von  lat.  ipse). 

„Mais  quand  „meme"  peut  se  deplacer  et  etre  mis  devant  le  substantif, 
alors  il  peut  etre  traite  comme  un  adverbe  et  demeurer  invariable"  (d. 
h.  es  steht  im  Sinne  des  lat.  etiam). 

Hierzu  ist  jedoch  zu  bemerken,  dass  diese  Regel  keinen  sicheren 
Entscheid ungsgrnnd  bietet  und  nicht  in  allen  Fällen  zutrifft. 

Die  Entscheidung  wird  nun  durch  die  Schreibung  des  meme 
noch  bedeutend  erschwert.  Was  die  nfr.  Zeit  anbelangt,  so  lautet  der 
Sg.  von  meme  sowohl  in  der  Bedeutung  von  idem  wie  auch  in  der  von 
ipse  gleich.  Auch  das  Pronominaladverb  zeigt  dieselbe  Form  meme. 
Graphisch  ist  also  ein  Unterschied  nicht  zu  konstatieren ;  dieser  ist  also 
nur  in  der  Bedeutung  und  in  der  Auffassung  zu  erkennen,  die  man  dem 
einzelnen  Falle  zuteil  werden  lässt. 

Der  Plural  bietet  in  den  beiden  ersten  Fällen  die  Form  memes; 
als  Adverb  naeh  einem  Plural  erscheint  natürlich,  da  das  Adverb  ja 
unveränderlich  ist,  die  Form  meme.  —  Hier  ist  also  graphisch  eine 
Unterscheidung,  ob  adjektivisches  oder  adverbiales  meme  vorliegt,  fest- 
zustellen. Doch  ist  zu  bedenken,  dass  die  Scheidung  memes  und  meme 
nach  einem  Substantiv  im  Plural  wie  auch  nach  einem  Pronomen  im 
Plural  mehr  eine  von  den  Grammatikern  festgelegte  als  eine  von  der 
Sprache  deutlich  gefühlte  und  gewollte  ist,  da  man  in  zahlreichen 
Fällen  sowohl  plural.  memes  wie  adverbiales  meme  setzen  kann,  ohne 
irgend  welchen  Unterschied  in  der  Bedeutung  feststellen  zu  können.  So 
sagt  auch  Mätzner,  Gr.  172,  betreff  dieses  Punktes:  „Das  Fürwort, 
welches  sich  überhauj)t  nur  im  Plural  als  solches  klar  erkennen  lässt, 
und  das  Adverb  bedingen  keinen  Unterschied  des  Inhaltes  des  Satzes, 
sondern  lediglich  der  grammatischen  Konstruktion." 

Was  nun  die  afr.  Zeit  anlangt,  so  ist  hier  die  Scheidung  des  meme 
im  Sinne  des  lat.  ipse  und  in  dem  des  lat.  etiam  noch  bedeutend 
schwieriger,  da  nicht  nur  die  plural.  Formen  des  adjektivisch  gebrauchten 
meme  die  Schreibung  memes  zeigten,  sondern  sich  auch  für  die  singu- 


Die  Syntax  der  unbeatiinmten  Fürwörter  personne  und  mömc  907 

larischen  Formen  und  ebenfalls  flir  das  adverbiale  meme  die  Schreibung 
memes  fand. 

Aus  den  angegebenen  Gründen  habe  ich  der  Zweckmässigkeit  und 
Übersichtlichkeit  halber  mome  bei  dem  alleinstehenden  Demonstrativum 
sowohl  in  der  Bedeutung  von  idem  wie  in  der  von  ipse  und  etiam  unter 
einem  Punkt  behandelt. 

Singular. 
a)  eil,  celui,  celuy-la,  celui-la. 

Cil  mismes  qui  lou  consol  at  doneit,  eil  mismes  facet  Tajue.  Bern- 
hard 32.  Vous  faites  des  triolets  comme  celui  meme  qui  les  a  inventes. 
Sev.  I,  366.  Mais  le  me^me  bransle  de  leur  ame  qui  leur  faict  fuir  les 
precipices,  et  se  raettre  ä  couvert  du  serein,  celuy  lä  mesme  leur  pre- 
sente  cette  fantasie.  Mont.  284.  Tu  connois  Techanson  du  monarque 
des  dieux?  —  Ganymfede?  —  Celui-la  meine.   Laf.,  Contes  III,  13,  427. 

b)  icele,  eelle,  celle-la. 

Posas  tenebres,  e  faite  est  nuit;  en  icele-medesme  trespasserunt 
tutes  les  bestes  de  selve.  Psalm  CHI,  21.  II  ont  fuy  une  fosse  devant 
ma  faice,  et  sont  cheus  en  celle  meisme.  Lothr.  Ps.  56,  6.  Enfin  la 
porte  Neuve,  celle-la  meme  par  laquelle  l'armee  de  1830  est  entree. 
From.,  Sahel  19. 

Ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  im  Plural. 

11,  meme  in  Verbindung  mit  dem  I*ossessivum. 

A.  Possessivum  und  meme  bei  einem  Substantivum. 

Mit  dem  Possessivum  verbundenes  meme  bei  einem  Substantivum 
steht  meist  zwischen  Possessivum  und  Substantiv.  Daneben  findet  sich 
Nachstellung  des  meme  hinter  beiden  und  Voranstellung  vor  beiden 
Gliedern.  Schliesslich  kann,  in  seltenen  Fällen,  auch  noch  in  der  zweiten 
Stellung  der  Artikel  vor  das  Possessivum  treten. 

a)  Possessivum  -\-  meme  +  Substantiv. 

Diese  Gruppierung  ist  mir  zuerst  im  15.  Jahrhundert  begegnet  und 
hat  sich  bis  heute  erhalten. 

In  manchen  der  aus  der  neueren  Zeit  angeführten  Beispielen  dient 
diese  Verbindung  zur  Bezeichnung  von  „Eigenschaften  einer  Person  oder 
Sache  als  diesen  eigentümliche  oder  charakteristische"  (Kram er  115). 

Vous  soyez  le  bien  venu  en  vosfre  mesme  terre.  Jehan  101.  Maxi- 
min, achevant  tant  de  gestes  guerriers,  semble  au  front  de  mon  pere 
en  voler  les  lauriers;  et  Constance,  souflCrant  qu'un  ennemi  l'aftronte, 
dessus  son  meme  front  en  imprime  la  honte.  Rotrou  284.  Je  lui  fais 
reponse  dans  son  meme  style.    Sevigue,  LUcking.    Notre  vieille  Marthe 


908  Willy  Etzrodt 

u'a  plus  sa  meine  silrete  de  main.  H.  Lavedan,  Plattuer  III,  2,  181. 
Quand  Sherlock  Holmes  les  voit  ecrases  par  l'effroi,  il  va  de  son  meme 
pas  tranquille  vers  la  porte  du  vestibule.    Je  sais  tout  78. 

b)  Possessivum  +  Stibstantiv.  -\-  meme. 

In  dieser  Stellung-  begegnet  meme  scliou  sehr  früh. 

De  s'espee  meime  le  chief  li  colpad.  Rois  I,  17,  51.  Uns  des  Che- 
valiers de  la  Halequa,  qui  portoit  l'espee  au  soudanc,  feri  le  soudanc 
de  s'espee  mismes  parmi  la  mnin.     Joinville  349,  Driesch  744. 

Ebenso  in  nfr.  Zeit: 

Elle  (Folie)  vous  demande  ce  que  ne  lui  pouvez  refiiser,  qu'il  soit 
dit  qu'Amonr  pr.r  sa  faufe  memie  est  devenu  aveugle.  Labe  63.  Cet 
aiiteur  ingeuieiix  et  fecond  .  .  .  ecrit  contre  son  art  meme.  Voltaire  L  37. 
Croyez-moi,  eroyez-moi  ...  dans  votre  interet  meme,  arouez!  Robe  II,  6. 

c)  meme  +  Possessivum  +  Substantiv. 

Diese  Gruppierung  ist  weit  seltener  als  die  vorhergehenden  und 
scheint  nur  in  afr.  Zeit  vorzukommen. 

De  meismes  fespee  t'irai  je  honte  faire.  Elie  442.  De  meime  vo 
cosse  vous  doi  je  honte  faire.    Elie  2282. 

d)  Artikel  -j-  Possessivum  -j-  Substantiv  +  meme. 

Auch  diese  Stellung  ist  nur  selten  anzutreffen  und  kommt  ebenfalls 
nur  in  afr.  Zeit  vor. 

Trait  ses  chevals  et  debat  sa  peitriue,  a  giant  duel  met  la  soe 
charn  medisme.  Alexius  432.  E  la  tue  discipliue  castiat  mei  en  fin,  e 
la  tue  discipline  meesme  mei  eusaignerat.    Psalm  XVII,  29. 

B.  Possessivum  und  meme  substantivisch. 

Das  Possessivum  in  Verbindung  mit  meme  ohne  folgendes  Sub- 
stantivum  findet  sich  im  Ganzen  selten.  Es  erscheint  zuerst  im 
12.  Jahrhundert  und  hält  sich  nach  meinen  Belegen  bis  ins  17.  Jahr- 
hundert. 

Ceu  seit  eil  qui  les  cuers  cerehet,  quantes  fieies  mes  cuers  est  plus 
chargiez  de  vostre  cusenceon  ke  de  In  seie  mismes.  Bernhard  286. 
La  pouvre  chambriere  estoit  lant  souj)prinse  que  s'elle  fut  a  la  mort 
condemnee,  tant  pour  le  deshonneur  et  des  plaisirs  de  sa  maistresse 
que  pour  le  sien  mcsmes  qu'elle  avoit  meschamirient  perdu.  Cent  228. 
Sur  qui  tombe  ce  foudre?  Oü  l'avez-vous  lanceV  Sur  la  tete  oü  vos 
mains  portaient  mon  diademe,  sur  celle  de  mon  pcre  et  sur  la  votre 
meme.  1^'otrou  500.  Je  n'ay  garde  de  trouver  rien  ä  redire  ä  vostre 
prudence^  puis  qu'elle  est  jointe  avec  tant  de  bontö;  et  qu'elle  ne  s'em- 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  ni^rae  909 

ploye  pas  moins  ä  pourvoir  ;uix  biens  des  antres  qu'auxvostresmesmes. 
Voiture  114. 

III.  ynenie  in   Verhindunfj  mit  dem  Indefinituni  tel. 

Von  den  indefiuiteu  PronomiDa  ist  mir  nur  tel  in  Verbindung  mit 
meme  begegnet.  Ich  hjibe  es  nur  in  der  jifr.  Übersetzung  der  Predigten 
des  heil.  Bernliurd  belegen  können  (cf.  Jäger  25). 

De  fclr  sosp/cioH  misiUi  ,k  que  Pharaous  fut  tochiez,  fut  aussi  tochiez 
Herodes.  Beruhard  1-11.  C;'.r  eil  de  eui  nos  faisons  feste;  fut  Iiom  enfers 
si  cum  nos  sommes  et  forniez  de  fei  terre  mismes  cum  nos  (ex  eodem 
luto  formatus:  Original!).     Bernhard  260. 

IV.  Das  Pronominaladverb  meine. 

Meine  als  Adverb  bezeichnet  die  Iuteuh;itüt  und  entspricht  etwa  Sem 
lat.  „etiam,  quin  etiam'  und  den  franz.  Adverbien  „de  plus,  plus,  aussi 
encore".  Im  deutschen  ist  meme  in  dieser  Verwendung  etwa  wiederzu- 
geben durch:  „selbst,  sogar,  überhaupt,  besonders,  auch". 

Über  die  oft  gleiche  Bedeutung  des  flektierten  meme  mit  dem 
adverbialen  meme  siehe  S.  55.  Bezüglich  der  Schreibung  des 
Pronominaladverbs  meme  ist  zu  bemerken,  dass  sich  im  modernen 
Französisch,  wie  bekannt,  immer  die  Form  meme  zeigt.  Doch  hat  sich 
diese  feste  Schreibung  erst  im  Laufe  der  Zeit  entwickelt;  früher  exi- 
stierte eine  grosse  Unsicherheit  bezüglich  der  Schreibung  und  man  findet 
das  adverbiale  meme  bald  mit  s,  bald  ohne  s  geschrieben.  Vaugelas 
(I,  80)  sagt  hierüber  folgendes:  „Tous  deux  sont  bons,  et  avec  s,  et 
saus  s.''  Während  also  Vaugelas  beide  Schreibangen  für  gut  erklärt, 
verwirft  Th.  Corneille  schon  meines  und  sagt:  „Mesme  etant  adverbe, 
devroit  toujours  s'ecrire  sans  s."  Auch  die  Academie  sagt:  „II  est 
plus  ordinaire  d'escrire  le  moi  mesme  sans  s  ä  la  fin  quand  il  est  ad- 
verbe'' (ib.  I,  81).  Doch  auch  nach  dieser  Zeit  findet  sich  noch  einzeln 
die  Schreibung  mit  s  für  das  adverbiale  meme.  So  hat  Boileau  noch: 
Que  si  meines  un  jour  le  lecteur  gracieux  . . .  (Brachet-Dussouchet  325). 
Dies  scheint  das  späteste  Beispiel  zu  sein. 

Im  Nachstehenden  behandle  ich  nun  das  Pronominaladverb  meme 
in  folgenden  Verwendungen: 

I,  Beim  Verhiim. 

Es  steht  entweder  vor  demselben: 

On  dit  .  .  .  On  dit  .  .  .  Mesmes  on  dit:  s'accommoder  de  la 
femme  de  quelcun.  Estienne  136.  Et  c'est  pour  m'affranchir  de  cette 
depeudance,  que  je  la  fuis  partout,   que  meme  je  Voffense.     Racine  II, 


910  Willy  Etzrodt 

278-  Elle  (la  charite)  defend  de  naire  et  de  faire^  meine  de  souhaiter, 
du  mal  ä  persoiine.     Saint-Simon  15, 

Oder  nach  demselben : 

S'estoient  joints  de  tous  les  costez  de  la  terre  .  .  .  on  dit  mesmesj 
qii'il  en  est  venu  du  fonds  de  la  Noivegue.  Voiture  232.  Y  a-t-il 
quelqu'un  ici,  qui  .  .  .  puisse  se  procurei';  concevoir  tneme  quelquefois 
satisfaction  durable?  Diderot  94.  Cependant,  dans  un  coin,  l'oncle 
dormait;  on  ne  le  reveilla  pas,  on  feignit  meme  poliment  de  ne  pas  le 
voir.    Pot-Bouille  68. 

II,  Heini  Stibstantivum. 

Von  den  zahlreichen  Beispielen  erwähne  ich  nur  folgende: 

1.  meme  steht  vor  dem  Substantivum 

»  Je  suis  dans  cet  etat  de  passion,  od  l'homme  est  eapable  de  tout, 
meme  d'une  infamie.  Dumas  IV,  7.  Une  partie  de  football  est  un 
spectacle  extremement  varie  et  emouvant,  meme  pour  des  profanes.  Je 
sais  tout  113. 

2.  meme  steht  nach  dem  Substantivum. 

Ces  murs  meme,  Seigneur,  peuvent  avoir  des  yeux.  Racine  II,  281. 
Les  hommes,  les  animaux,  les  plantes  meme  sont  sensibles  aux  bien- 
faits.    Girault-Duvivier,  Gr.  392. 

III,  Beitn  AdJeJcfivuni. 

1.  meme  vor  dem  Adjektivum. 

Cela  me  doit  estre  agreable  et  mesme  avantageux.  Voiture  240. 
J'avais  un  joli  pied  ...  les  yeux  petits  et  meme  enfonces.  Rousseau  71. 
Eh!  bien,  reprit  Aquilina,  n'est-ce  rien  que  de  se  voir  admiree,  flatt6e, 
de  triompher  de  toutes  les  femmes,  m^me  des  plus  vertueiises?    Peau56. 

2.  meme  nach  dem  Adjektivum. 

Elle  etait  petit  de  stature,  courte  meme.  Rousseau  74.  Mon  Dieu  . . ., 
c'est  un  magistrat  tres  assidu,  ponctuel  meme.    Robe  II,  4. 

IV,  Beim  Adverbiuni. 

Dieses  ist: 

1.  Ein  Adverbium  der  Zeit. 

aujourd'hui;    a)  meme  vor  aujourd'hui. 
Cette  economie  etait  moins  l'effet  de  la  prudence  que  d'une  simpli- 
cite  de  goüt  que  metne  aujourd'hui  l'usage  des  grandes  tables  n'a  point 
alt^ree.    Rousseau  109. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  persoune  und  ui6me  911 

b)  memo  nach  aujourd'hvii. 

Je  rCQois  anjoiod'hui  meme  Im  lettre  quo  voici.     From.,  Saliel  113. 

Meist  befiudet  sieh  noch  eiicore  dabei,  das  dann  entweder  hinter 
meme  tritt,  oder  zwischen  meme  und  aujourd'hui: 

Aujourd'hui  meme  encor,  ils  m'ont  dit  qu'il  res])ire.  Voltaire  I,  323. 
Meme  encore  aujourd'hui  je  trouve  que  je  pensais  juste.    Rousseau  115. 

or: 

Or  misnies,  quant  nos  soffrons  ou  froit  ou  faim  ou  aucune  tel  chose, 
que  tormentet  en  nos  si  la  propre  volunteit  non?  (etiam  nunc,  cum 
Original!).    Bernhard  128. 

2.  Ein  Adverbium  des  Ortes. 

ci: 

Bien  me  sovient  que  jel  laissai  ou  pres  de  ci  ou  ci  me'ismes.  Low.  4997. 

ici-bas: 

Mais  avoir  de  la  eonscience  et  pecher  contre  eile,  c'est  s'exposer, 
meme  ici-bas,  . . .  aux  regrets  et  ü  des  peines  continuelles.    Diderot  91. 

iluec: 

Iluec  me'ismes  an  la  place  li  ont  les  armes  desvestues.    Low.  4214. 

lai: 

Certes,  lai  mismes  ue  deffarrit  mies  li  flons.    Bernhard  43. 

3.  Ein  Adverb  der  Art  und  Weise. 

en  general: 

Mais  quelle  est  la  flu  de  ces  creatures  en  particulier?  En  general 
meme,  k  quoi  sert  l'espece  entiere  de  quelques-unes  d'entre  elles? 
Diderot  23. 

peut-etre: 

Peut-etre  meme  que  ce  fut  un  bonheur  pour  lui  de  n'avoir  en  au- 
cune des  qualites  qui  pouvaient  lui  procurer  l'empire.    Mont.,  Grand.  143. 

plus: 

Avec  une  femme  comme  la  sienne  .  .  .  sa  position  serait  toujours 
aussi  precaire  que  par  le  passe,  ylus  meme.    Aug.,  Fourch.  II,  8. 

trop: 

Tu  me  parleS;  je  te  reponds;  c'est  beaucoup,  a^Q^t  trop  meme.  Mari- 
vaux  259. 

V.  Beim  Pronomen* 

1.  Demonstrativum. 

Über  diesen  Punkt  cf.  oben,  S.  54/55. 


912  Willy  Etzrodt 

2.  Indefinitum. 

aucun:  a)  meme  steht  vor  aucun. 
Les  perruques  ont  este  tellement  en  vogiie  du  temps  de  nos  aneestres 
que  mesmes  aucuns  en  porto^-ent  des  faiisses.    Estieune  254. 

b)  meme  steht  nach  aucun. 
Aucuns  m^me  pretendaient  que  ...   Cl.  Tillier,  Mon  oncle  Beujamin  93. 

VI.  Bei  den  koi^ulativen  resp.  adversativen  Konjunk- 
tionen oiif  ni,  niais. 

1.  ou  meme. 

Ou  meme,  dem  lat.  vel  potlus,  vel  etiam  entsprechend,  steht  in 
folgenden  Beispielen: 

A  une  cocotte,  ä  une  actrice,  il  eüt  envoye  des  fleurs  ou  meme  un 
bijou.  Maup.  Fort  39.  J'eprouvais  une  teile  joie  qu'il  m'en  coutait  de 
la  dissimuler  ou  meme  de  la  röprimer.     Je  sais  tout  90. 

2.  ni  meme. 

11  avoit  femme  prise,  honnete  et  sage  autant  qu'il  est  besoin,  jeune 
pourtant,  du  reifte  toute  belle,  et  n'eüt-on  vu  de  jouisssauce  teile  daus 
le  pays  ni  meme  encor  plus  loin.  Laf.,  Contes  III,  2,  6.  Pas  un  meuble 
ne  semblait  avoir  ete  derange  ni  meme  ouvert.     Pot-Houille  262. 

ni  meme  ist  im  Deutsehen  etwa  durch  „oder  auch  nur,  oder  etwa 
gar"  wiederzugeben. 

3.  mais  meme. 

mais  meme  erscheint  meist  in  der  frz.  Wendung  non  seulement . . . 
mais  meme : 

Rien  presque  ne  parait  non  seulement  vous  accabler,  mais  meine 
vous  occuper.  Massillon  87,  2.  ün  chretien  doit  aimer  non  seulement 
ses  amis,  mai^  meme  ses  ennemis.     Dictionnaire  de  TAcad. 

Aber  auch  sonst: 

Les  Gaulois  etant  indisciplinables,  il  est  impossible  d'arriver,  nous 
ne  disons  pas  ä  l'unite  orgauisee  et  centralisee,  mais  meme  ä  une  asso- 
ciation  föderale  pacifique  et  reguliere.     H.  Martin:  Plattner  III,  2,  184. 

VII.  Hei  den  &ur  Einleitung   eines  hypothetiseJien  resp. 
konzessiv -hypothetischen     Satzes     dienenden    Konjunk- 
tionen „quand'*  und  ,,si*'. 

Man  vergleiche  diesen  Punkt  auch  bei  BrUss,  Der  Ausdruck  des 
Konzessivverhältnisses  im  Mittelfrz.  und  Neufrz.  Diss.  Göttingen  1906 
S.  97/104. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  ni6me  913 

1.  meme  bei  quand. 

Zur  Ver>;tärknng  des  qiiaiid  dient  meme  sowohl  in  der  Verbindung 
meme  quand  wie  quand  meme. 

a)  meme  quand. 

a)  Im  Haupt-  und  Nebens^atz  steht  der  Indikativ. 
Est-il  deflfendu  en  ce  mesme  endroict  user  de   quelques  motz  nou- 
veaux,  mesmes  qnand  la  necessite  uous  y  contraint?   Defense  126.    Par 
excös  de  discretion,    eu  fille  qui  se  tenait  k  sa  place,   7)ieme  quand  eile 
savait  tout,  eile  ue  regarda  pas  sortir  madame.     Pot-Bouille  310. 

ß)  Im  Haupt-  und  Nebensatz  steht  das  Konditionnel. 
Mesmes  quand  ce  seroit  un  tel  homme  ...  eucores  ne  seroit-ee  pas 
cause  süffisante.     Calvin,  Brüss  103. 

}')  Im  Hauptsatz  der   Konj.   Plusqperf.,    im  Nebensatz   das 

Kondit.  anterieur. 

.  .  .  Ils  m'eussent  encore  epousee,  meme  quand  ils  n'auraient  trouve 
en  moi  qu'une  fille  pauvre     Peau  94. 

b)  quand  meme. 

a)  Im  Haupt-  und  Nebensatz  steht  der  Indikativ. 

Tout  ce  que  vous  touchez  est  d'un  agrement  qui  ue  se  peut  com- 
parer  ä  uul  autre,  quand  meme  votre  coeur  u'est  pus  de  la  patrie.  Sev. 
U,  270,  Lexique. 

Der  Indikativ  Futuri  II  steht  in  folgendem  Beispiel  nach  quand 
meme: 

Cette  sagesse  dont  vous  parlez  n'aura  rien  ä  faire  qu'ä  vous  louer, 
quand  meme  vous  m\iurez  appris  vos  plus  secrctes  pensees.  Mad.  de 
Scudery,  Haase,  Erg.  Bem.  217. 

ß)  Im  Haupt-  und  Nebensatz  steht  das  Konditionnel. 

Et  que  pourrais-je  esperer  ...  quand  meine  je  possedera/'s  ton  coeur. 
Marivaux  261.  Ah!  que  pour  ton  bonheur  je  donnerais  le  mien,  quand 
meme  tu  devrais  n'en  savoir  jamais  rien.     Rostand  III,  6. 

y)  Im  Hauptsatz  steht  der  Indikativ,  im  Nebensatz  das 

Konditionnel. 
Quand  meme  il  se  rendroit,  peux-tu  liii  pardonner?    Racine  H,  547. 

S)  Im  Hauptsatz  das  Kondit.  anterieur,  im  Nebensatz  der 
Konj.  Plusquamperf. 
Je    lui   aurais  pardonne,    quand  meme  11  m.'eat  gravement  offeuse. 
Ayer,  Gr. 

Romanisuhe  Forschungen  XXVII.  58 


914  Willy  Etzrodt 

Anmerkung: 

Einen  verkürzten  konzessiv-hypothetischen  Nebensatz  möchte  ich 
mit  Brüss  (p.  127)  in  der  in  der  modernen  Sprache  so  geläufigen  Rede- 
wendung „quand  meme"  sehen,  die  im  Sinne  von  neantmoins, 
pourtant  erscheint.  Aus  der  überreichen  Menge  von  Beispielen  führe 
ich  nur  die  folgenden  an: 

Ne  dites  rien,  monsieur,  ne  dites  rien,  ou  vraiment  j'eclate  ...  II 
ne  dit  rien,  et  eile  eclata  quand  meine.  Pot-Bouille  35.  J'en  veux  faire 
litiere  ä  mon  amour  tetu,  et  je  vous  aimerai  quand  meme.    Verlaine  211. 

c)  quand  bien  meme  que. 

Diese  Verbindung  finde  ich  einmal  bei  Brüss  (p.  104)  belegt: 
Quand  bien  meme  que  mon  amitie  se  serait  tourne  en  amour,    quel 
mal  le  bon  Dieu  y  trouverait-il  ?     G.  Sand  213. 

2.  meme  bei  „si''. 

meme  bei  ,,si*'  erscheint  als: 

a)  meme  si. 

«)  Im  Hauptsatz  steht  das  Imperf.,   im  Nebensatz  der  Konj. 

Plusqperf. 

Mesme  si  la  vertu  de  ce  mystere  .  .  .  eust  et6  bien  consideree  . .  ., 
il  y  avoit  assez  de  quoy  se  contenter.     Calvin,  Brüss  100. 

ß)  Im  Hauptsatz  steht  das  Konditionnel,   im  Nebensatze  das 

Plusquamperf. 

Quant  ä  Valerie,  eile  ne  .  .  .  serait  pas  tout  aussi  mal  conduite, 
meme  si  son  mari  l'avait  contentee.     Pol-Bouille  78. 

b)  si  meme. 

«)  Im  Hauptsatz  steht  das  Passe  def.,  im  Nebensatze  das 

Passe  anterieur. 

Si  meme  aucun  nom  fächeux  ne  fut  prononce  parmi  les  concurrents 
6cartes,  le  mouvement  electoral  fut  assez  vif  et  les  demonstrations  assez 
bruyants,  pour  alarmer  le  roi  et  la  cour.  K.  d.  d.  m.,  15/9  1874;  Ber- 
tram 550. 

ß)  Im  Hauptsatze  steht  das  Kondit.,  im  Nebensatze  das 

Plusquamperf. 

Si  meme  il  s'etaif  contente  d'une  marque  de  desapprobation,  je 
ne  lui  en  voudrais  pas.    Plattner. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mÄmc  915 

y)  Im  Hauptsatz  das  Kond.  ant6r.,  im  Nebensatz  der  Konj. 

Plusquperf. 
Si  »lerne  la  guerre  de  partisans  eüt  ete  ü  demi  organise,    Werder 
aurait  pu  expier  la  temerite  de  cette  marche  aveutureuse.    Bertram,  ib. 

VIII,  irieme  beim  I^artiziinum  mit  konzessivetn  Sinne 

zur  Verstärkung  der  Einränmung. 

(Ja  tirait  des  larmes  des  yeux  ...    (Ja.  vous  donnait  envie  d'avouer, 

mhne  etant  sür  de  n'avoir  rieo  fait.     Robe  II,  7. 

Einmal  belegt  Brüss  (S.  111)  quaud  meme  in  derselben  Verwendung: 
A  la  cendre  on  coguoist  combien,  vive,  estoit  forte  la  beaute  de  ce 

Corps,  quand  memes  estant  morte  eile  euflamme  la    terre    et    la    tombe 

d'amour.    Rons.  I,  240. 

IX,  meme  heim  Gertinclitim  tnit  en  in  konzessivetn  Sinne 

zur  Verstärkung  der  Einräumung, 

0  eourage  inflexible!  0  trop  constante  foi;  que  meme  en  perissant 
j'admire  malgre  moi.  Racine  II,  510.  Et  ce  coeur  innocent  vous  a 
garde  sa  foi,  meme  en  vous  ha'issant.  Voltaire  I,  100.  Meme  en  eclatant, 
meme  en  s'elevant  aux  intonations  de  la  colere,  son  gosier  parfait  ne 
rencoutrait  pas  une  note  fausse.    From.,  Sahel  54. 

Weitere  Beispiele  cf.  Brüss  111/12. 

X,  JBei  den  zur  Einleitung  eines  Temporalsatzes  dienen- 

den Konjuktionen  lorsque,  alorsque. 

Das  adverbiale  meme,  in  der  älteren  Zeit  auch  mesmes  geschrieben, 
erscheint  bei  den  temporalen  Konjunktionen  lors  que,  alors  que  zur 
Verstärkung  des  lors,  alors  und  zwar  in  folgenden  Gruppierungen: 

1.  lors  meme  que. 

Et  il  faut  croire  que  la  flamme  en  est  bien  agreable,  puisqu'elle 
me  piaist,  lors  meme  ^^^'elle  me  devore.  Voiture  221.  Car  ce  grand 
bomme  est  toujours  au-dessus  des  autres,  lors  meme  q^i'W  n'est  pas 
eutierement  egal  ä  lui-meme.     Voltaire  I,  24. 

2.  alors  meme  que. 

Nous  avons  tous  en  nous  un  Don  Quichotte  et  un  Sancho  que  nous 
ecoutons,  et  alors  meme  que  Sanche  nous  persuade,  c'est  Don  Quichotte 
qu'il  nous  faut  admirer.     France,  Crime  62. 

3.  meme  lors  que. 

Ayant  de  longue  main  experimeutee  quel  cette  grande  compagnie 
de  seigneurs  est  mal  aisee  a  contenir  en  regle,  mesmes  lors  qu'tWQ  est 

58* 


916  Willy  Etzrodt 

destituee  de  la  presence  du  maistre.      Du  Villars,    Mem.  II,    an  1551; 
Güdefroy. 

4.  meme  alors  que. 

...  Et  d'un  doux  bruit  souvent  t'eudormiroüt,  mesmes  alors  que  ta 
fluste  champestre  par  trop  chanter  lasse  seutiras  estre.  Marot  42. 
.  .  .  Meine  alors  que  l'aurore  allume  les  cottages  jauries  et  noires.  Ver- 
laine 147. 

XI.  Bei  den  zur  Einleitiifig  eines  K€itisalsatzes  dienen- 
den Konjunktionen  pour  cela  qtie  und  veu  que. 

In  ähnlicher  Weise  wie  meme  beim  Temporalsatze  und  Konzessiv- 
satze zur  Verstärkung-  der  diese  Sätze  einleitenden  Konjunktionen  diente, 
ist  dies  auch  beim  Kausalsatze  der  Fall.  Verstärkt  werden  hier  die 
beiden  Konjunktionen  pour  cela  que  und  veu  que.  Man  vergleiche 
hierüber  auch  Rohte,  Die  Kausalsätze  im  Franz.,  Diss.  Göttingen  1901. 

1.  pour  cela  meme  que. 

Rohte  (p.  15)  führt  folgende  Beispiele  an: 

Je  l'adopte,  je  la  defends,  je  la  proclame,  par  la  raison  qui  la 
fait  combattre!  C'est  pour  cela  meme,  messieurs,  que  je  voudrais,  c'est 
pour  cela  meme  que  nous  devons  nous  imposer,  non  seulement  de  le 
relever,  mais  de  l'ennoblir.  Mirabeau  I,  77.  Je  ne  l'aimois  pas  non 
plus  comme  j'avois  aime  et  comme  j'aimois  madame  de  Warens;  mais 
c'etoit  pour  cela  meme  que  je  la  possedois  cent  fois  mieux.   Rousseau  275. 

2.  veu  meme  que. 

Ich  habe  diese  Verbindung  besonders  oft  im  16.  Jahrhundert  be- 
legen können  und  gebe  folgende  Beispiele: 

II  vauldroit  beaucoup  mieux  ecrire  sans  immitation  que  de  ressembler 
un  mauvais  aucteur,  veu  mesmes  que  c'est  chose  accordee  entre  les  plus 
scavans.  Defense  109.  Doy  je  peuser  que  ton  coeur  tant  humain  trouve 
mauvais  si  je  preste  la  main  a  un  amy,  veu  mesmes  que  nous  sommes 
et  luy  et  moy  du  nombre  de  tes  hommes?     Marot  269. 

XII.  Bei  der  &ur  Einleitung  eines  Modalsatzes  dienen- 

den Konjunktion  sans. 

Zur  Verstärkung  des  „sans"  steht  „meme"  in  folgenden  Bei- 
spielen : 

11  le  suivit,  Sans  meme  oser  lui  adresser  la  parole.  Pot-Bouille  323. 
11s  avaient  refus6,  sans  meme  vouloir  dire  oü  ils  allaient.  Figar.  6,  8. 
1887;  Scherffig  37. 


Die  Syi)tax  der  unbct-tinunteii  Füiwöiter  peisoiine  und  mSine  917 

Sans  meine  wird  in  diesem  Falle  etwa  durcli  das  deutsche  „ohne 
auch  nur"  wiederzugeben  sein. 

Anhang. 

I,  Verstärkung  des  Pronominaladverbs  nteme  durch 
vorantretejides  voire, 

Voire,  ja  sogar,  das  im  Sinne  von  vrai,  vrainient  steht,  trat  in 
früherer  Zeit  oft  zu  dem  adverbialen  meme  als  Verstärkung-  hinzu. 
Vaugel  as  sagt  in  seinen  Remarques  hierüber  folgendes  (1, 110) :  „J'avoue 
que  ce  terme  est  conime  necessaire  en  plusieur.s  rencontres  .  .  .  Neant- 
moins  il  est  certuin  qu'on  ne  le  dit  plus  ä  la  Cour,  et  que  tous  ceux 
qui  veulent  escrire  purement,  n'en  oseroient  user."  Tb.  Corneille  er- 
klärt es  für  gänzlich  abgeschafft  und  auch  die  Academie  sagt:  „On 
a  condamne  eutierement  „voire  mesme"  comme  une  fagon  de  parier  qui 
n'est  plus  d'usage,  et  qui  a  vieilli  (ib.  I,  111). 

Ich  führe  folgende  Beispiele  an: 

Car  il  est  tel  son  renom  en  tous  lieux,  qu'il  est  congneu,  voire 
mesme  des  dieux.    Des  Periers  74. 

Aus  neuerer  Zeit: 

Les  auteurs  de  ces  traites  de  versification  etaient  des  grammairiens, 
des  compilateurs,  des  professeurs  laiques  et  ecclesiastiques,  voire  meme 
des  avocats.     F.  de  Gramont;  Plattner  EI,  2,  184. 

II.  Ersatz  des  PronoTninaladverhs  meme  durch  voire. 

Ausser  in  der  Verbindung  mit  meme  trat  voire  auch  selbständig 
auf  und  konnte  auch  für  meme  eintreten. 

Die  Belege  für  diese  Verwendung  von  voire  sind  nur  selten. 

Voire.  le  poete  Homere,  qui  est  si  ancien,  en  a  use.  Estienne  90. 
En  tous  climats,  voire  au  fond  de  la  Thrace,  apres  les  neiges  et  les 
glagons,  le  beau  temps  reprend  sa  place.  Malherbe  LXXXII,  7.  II 
restait  toujours  le  meme,  et  voire  n'avait  fait  que  croitre  et  embellir 
en  epaisseur  pendante.     J.  Richepin,  Plattner  III,  2,  184. 

V.  Das  Pronominaladverb  memement, 

Dcis  aus  meme  -\~  meut  (mente)  gebildete  memement  erseheint 
nach  meinen  Belegen  zuerst  im  12.  Jahrhundert.  Es  ist  heute  veraltet 
und  schon  Vaugelas  erklärt  es  für  ausser  Gebrauch.  (Remarques  1,  384.) 
Doch  habe  ich  ein  Beispiel  noch  aus  Marivaux  (f  1763)  beibringen 
können. 

memement  tritt  zunächst  alleinstehend  auf,  dann  bildet  es,  mit 
que  zusammentretend,  die  Konjunktion  memement  que  und  findet  sich 


918  Willy  Etziodt 

dann  bei  den  zur  Einleitung  eines  konzessiven  oder  konzessiv-hypo- 
thetischen Satzes  dienenden  Konjunktionen  „quaud"  und  „ßi"  als  Ver- 
stärkung.    Ich  behandle  also: 

I.  menietnent. 

Dieses  entspricht  dem  deutschen: 

1.  „besonders,  vor  allem". 

In  dieser  Bedeutung  erscheint  es  sehr  häufig. 

Mes  peril  i  avoit,  desqu'il  vint  en  aaige;  meesmement  por  la  pucele 
qui  novellement  estoit  venue.  Marques  108.  .  .  .  Pour  guerrier  las 
FJamens,  mestnement  cenlx  de  Bruges.  Jehan  le  Bei  91.  Jaques  le 
Gros  n'ayme  que  les  jambons,  et  mesmement  des  jambons  de  Maiance. 
Des  Periers  156. 

2.  „sogar". 

De  luy  on  ne  faisoit  plus  d'estirae,  mestnement,  que  pis  estoit, 
n'avoit  loisir  ne  espace  de  parier,  ne  jouir  avec  sa  fiancee.  Jehan  83. 
C'est  grand  cas  que  vous  voulez  faire  croire  ä  nostre  langue  qu'elle  a 
besoin  d'emprunter  de  l'italienne,  en  choses  mesmement  oü  eile  est  aussi 
bleu  ou  mieux  fournie  qu'elle.  Estienne  120.  La  nef  ainsi  depatronnee, 
et  memement  detimonnee.     Scarron,  Virg.  V;  Haase  17.**. 

3.  „auch,  ebenfalls,  in  gleicher  Weise." 

Seint  Nicholas  meismement  amout  e  honor  out  forment.  St.  Nicho- 
las,  Wace,  115G/7.  Et  cestui  n'ai  ge  pas  fet  tot  por  vos,  mespordieu 
meesmement.  Marques  50.  De  Noe  es  raaudit,  Cbanaam,  mesmement 
toute  ta  semence.  Mist.  D.  V.  T.  6494.  Je  suis  de  vostre  opinion  et 
mesmement  ]q  doute  si  ce  mot  est  Italien  de  sa  premiere  origine.  Estienne  97. 

Anmerkung  1: 

In  allen  Beispielen  ist  eine  durchaus  sichere  Scheidung  der  Be- 
deutung nicht  möglich.  Diese  wird  vielmehr  je  nach  der  individuellen 
Auffassung  verschieden  ausfallen. 

Anmerkung  2: 

Nicht  zu  verwechseln  mit  mesmement  ist  ein  „maimement", 
auch  „meimemant,  maismcmant"  geschrieben,  das  aus  maxima -f- 
mente  herzuleiten  ist.  Es  findet  sieb,  so  viel  ich  sehe,  nur  in  den  „Rois" 
und  im  „Bernhard"  und  beruht  offenbar  auf  das  im  lateinischen  Original 
sich  findende  maxime. 

Et  plut  sun  estre  ä  tut  le  pople,  maimement  ä  la  maignee  Saül 
(maximeque!).  Kois  I,  18,  5.  Ensi  sunt  ordineies  totes  celes  choses 
que  de  deu  sunt,  et  maismement  celes  choses  que  .  .  .  (maximeque: 
Original!).     Bernhard  181. 


Die  Syntax  der  unhestimmten  Fürwörter  personnc  und  nifemc  919 

II.  nieinernent  que. 

nicmement  que  als  kausale  und  konzessive  Konjunktion  habe  ich 
in  folgenden  Bedeutungen  belegt: 

1.  besonders  da. 

Et  pour  ce  que  tres  fort  doubtoit  de  le  perdre,  mesmement  que 
c'estoit  le  menibre  oii  il  devoit  plus  de  guet  et  de  soing,  manda  le 
cyrurgien  de  monseigneur  le  duc  .  .  .  Cent  ü,  173.  Car  11  ne  pouvoit 
rompre  tant  facillement  les  dietes  chaisnes,  mesmement  qiCW  u'avait  pas 
espace  au  berceau  de  donner  la  secousse  des  bras.  Rabelais  I,  235; 
Huguet  248. 

Aus  späterer  Zeit  sind  mir  Belege  nicht  begegnet. 

2.  obgleich. 

Mesmement  qu'W  n'estoit  question  de  nioutons  en  la  cause,  neant- 
moins  le  drapier  y  entremesloit  son  drap.  Pasquier,  Recherches  VHI,  1;  id. 

III.  tuemenient  quand. 

Wie  meme  quand  zur  Einleitung  eines  hypothetischen  resp.  kon- 
zessiv-hypothetischen  Satzes  dienen  kann,  so  auch  memement  quand, 
das  auch  in  der  Stellung  quand  memement  erscheint. 

Toutefois  il  n'est  pas  dueil  que  au  bout  de  quelque  temps  ne  se 
apprise  et  qu'on  ne  l'oublye,  et  mesmement  quand  ks  parties  sont  si 
loing  Tun  de  l'autre.  Jehan  38.  Et  tant  bien  se  conduisit  avec  le  bou 
homme  qu'il  ne  buvoit  ne  mangoit  quelque  jour,  meismement  quand  aultre 
euvre  faisoit.     Cent  II,  114. 

Zwei  Beispiele  aus  dem  16.  Jahrhundert  siehe  bei  Brüss,  p.  103, 
wo  er  auch  einen  Beleg  für  mesmement  que  quand  bringt: 

Mesmement  que  quand  ils  auroient  dresse  tous  les  apprests  d'un 
tel  triomphe,  il  est  certain  que  sa  Majeste  n'accepteroit  jamais  une 
gloire  qui  .  .  .    Jodelle  1,  238. 

IV.  quand  memement. 

quand  memement  ist  mir  nur  in  einem  Beispiele  aus  dem  16,  Jahr- 
hundert begegnet. 

Tu  SQauras  dextrement  choisir  et  appropier  ä  ton  oeuvre  les  mots 
plus  significatifs  des  dialectes  de  noslre  France,  quand  mesmement  tu 
n'en  auras  point  de  si  bons  ny  de  si  propos  en  ta  uation.  Ronsard 
Vn,  321;  Brüss  104. 

VI.  Das  Präpositionaladverb  de  meme, 

I.  de  tnenie. 

de  meme  erscheint  im  Anschluss  an: 


920  Willy  Etzrodt 

1.  ein  vorausgehendes  Verbum. 

So  findet  es  sich  schon  im  Rolandsliede;  es  hat  sich  in  dieser  Ver- 
wendung bis  auf  den  heutigen  Tag  erhalten. 

De  vospaieus  lur  euveiez  cent  milie,  une  bataille  lur  i  rendeut  eil 
primes  .  .  .,  altre  bataille  lur  livrez  de  nie'isme.  Eoland  592.  Puis 
feurent  introduits  les  empoisonnez,  eile  leur  sonna  une  autre  chanson, 
et  gens  debout.  Puis  les  aveugles,  les  sourds,  les  muets,  leur  appliquant 
de  mesme.  Gargantua  78.  Par  mon  conimandement  la  garde  en  fait 
de  meine.  Corneille  III,  172.  Passons,  passons  lä-dessus,  je  Tai  cru 
de  meme.  Marivaux  536.  Et  sur  le  theme  de  cet  amour,  ils  mari- 
vauderent  tont  l'apres-midi.  II  en  fnt  de  meme  les ioiws  srnvants.  Maup. 
Fort  31. 

2.  ein  vorausgehendes  Substantivum. 

Dieser  Gebrauch  von  de  meme,  in  dem  es  fast  wie  ein  Adjektiv 
erscheint,  tritt  zuerst  im  16.  Jahrhundert  auf,  und  findet  sich  noch  im 
18.  Jahrhundert, 

Se  m'ait  Dieu,  dit  la  chamberiere,  il  ne  tiendra  qu'ä  vous;  vous 
n'ayez  bonne  robbe  et  cotte  de  mesme.  Parangon  276.  Ils  n'avoient  autre 
marque  de  servitude  qu'un  cercle  d'or  ä  l'entour  du  col,  d'oü  pendait 
une  chaisue  de  mesme.  Voiture  682.  Jamals  il  ne  s'est  vu  de  surprise 
de  meme.  Moiiere,  Tart.  IV;  5;  Sachs-Villatte.  Nous  l^guons  ä  nostre 
seminaire  de  Clermont  .  .  .  quatre  grands  chandeliers  d'argeut  et  une 
croix  de  meme.    Massillon  124,  1. 

Anmerkung: 

Bezüglich  de  meme,  de  meme  que  in  einem  Vergleichungssatze 
siehe  Kapitel  IX,  Seite  75. 

II.  Verstärkung  von  de  meme  durch  tout. 

tout  de  meme  hat  als  Verstärkung  von  de  meme  „ebenso''   die 

Bedeuiung  ,.gerade  ebenso,  ganz  ebenso".  Dann  aber    dient  es  auch 

als  Bekräftigungs-  und  Adversativpartikel.  Es  entspricht  den  deutschen 
Ausdrücken : 

1.  gerade  ebenso,  ganz  ebenso. 

C'est  en  vain  que  Calypso,  graude  deesse,  et  Circe,  toid  de  meme, 
m'ont  voulu  retenir  dans  leurs  grottes.  KacineVI,  142;  Marty-Laveaux. 
Toutes  les  sectes  parlent  tout  de  meme.    Bossuet,  Quillacq  504. 

2.  ja,  doch,  freilich. 

In  dieser  Bedeutung  als  Bekräftigungspartikel  erscheint  tout  de 
meme  erst  in  der  neueren  Zeit. 

Hein?  c'est  dröle  tout  de  meme,    qu'on  vous   empeche  de  coucher 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mfeme  921 

avec  votre  femme!  Pot-Bouille  149.  Elle  m'a  donne  gratis  son  fonds 
et  son  restaut  de  bail.  Ah!  e'est  uue  bonne  femme  toid  de  memel 
Pcau  161.  Voudriez-vous  garder  mon  cheval,  ud  instant?  lui  demanda 
Martial.  —  Toiä  de  memel  fitl'homme.  E.  Gaboriau;  Plattner,  III,  2,  184. 

3.  dennoch,  trotzdem. 

Diese  Bedeutung  entwickelt  sich  aus  der  von  „ganz,  gerade  eben- 
so", wie  folgendes  Beispiel  erkennen  lässt: 

Brutus  ose  bien  dire  ä  ses  amis  que  quand  son  pere  reviendrait 
sur  hl  tcrre,  il  le  tueroit  tont  de  meme.  Mont.,  Grandcur  129.  (dass  er 
ihn  „ganz  ebenso"  töten  würde,  nämlich:  als  wenn  er  nicht  zurück- 
kehren ^yürde,  d.  h.  dass  er  ihn  „trotzdem"  töten  würde,  wenn  er  zu- 
rückkehren würde). 

Faut  avoir  l'air  de  l'obeir,  avec  une  particuliere  de  cette  espece, 
et  ca  n'emueche  pas,  on  rigole  tout  de  inemel  Pot-Bouille  231.  II 
repondit  avec  conviction:  Cela  me  serait  arrive  tout  de  meme,  un  jour 
ou  l'autre.  Maup.  Fort  307.  Enfiu,  si  ce  n'est  pas  moi,  est-ce  qu'il 
faut  tout  de  meme  que  je  dise  que  c'est  moi?     Robe  11,  6. 

Anmerkung: 

Über  tout  de  meme,  tout  de  meme  que  im  Vergleichungssatze  siehe 
Kapitel  IX,  p.  75. 

VII.  Das  Präposition aladverb  k  meme. 

Wie  de  in  der  Verbindung  mit  meme  ein  Präpositionaladverb  bildet, 
so  auch  il  meme,  das  in  zahlreichen  Verwendungen  auftritt. 

I.  ä  meme. 

Dieses  ä  meme  steht  in  Verbindung  mit  einem  folgenden  Substan- 
tivum.  Es  kann  in  diesem  Falle  vor  dem  Substantiv  eine  Präpo- 
sition stehen  oder  nicht.  Der  letztere  Gebrauch  liegt  vor  in 
folgenden  Beispielen: 

Cherches-tu  de  la  joie  d  wvewe  mes  douleurs?  Corneille;  Godefr.  39. 
Une  fois,  au  jour  tombant,  il  s'etait  allonge  ä  meme  cette  fraicheur  du 
pre,  les  yeux  vers  la  maison  la-bas.  A.  Daudet;  Plattner  III,  2,  182. 
II  fait  un  de  ces  temps  ainsi  que  je  les  aime,  ni  brume  ni  soleil!  le 
soleil  devine,  pressenti,  du  brouillard  mourant  dansant  ä  meme  le  ciel 
tres  haut  qui  tourne  et  fuit,  rose  de  creme.    Verlaine  282. 

Der  erstere  Gebrauch  zeigt  sich  seltener: 

11  lavait  SOS  raains  souilles  de  terre  ä  meme  d\m  seau  d'eau.  Allard; 
Plattner  III,  2,  182.  Des  sabots  grossierement  taillcs  ä  meme  dans  le 
tronc  d'un  bouleau.     0.  Mirbeau;  id. 


922  Willy  Etzrodt 

II,  hoire,  mordre  in  Verbindung  mit  ä  menie. 

Auch  hier  erscheint  ä  meme  mit  und  ohne  folgende  Präposition. 

Die  Verbindung  von  ä  meme  mit  boire  und  mordre  erscheint  sehr 
häufig.  Schon  Th.  Corneille  kennt  die  Redewendung  und  sagt: 
Quelquefois  daus  le  discours  familier  on  l'emploie  ä  un  .  .  .  usage  qui 
n'est  pas  receu  par  ceux  qui  parlent  correctement.  C'est  quand  on  dit* 
boire  ä  mesme  la  bouteille. 

Vor  folgendem  Substantiv  ohne  Präposition  tritt  boire  und 
manger  ä  meme  auf  in  nachstehenden  Beispielen: 

Au  Heu  de  boire  goutte  ä  goutte.  en  un  mignon  de  ä  coudre  d'or 
fin,  l'eau  fade  du  Lignon,  si  Ton  tentait  de  voir  comment  l'äme  s'abreuve 
en  biivant  largement  ä  meme  le  grand  fleuve.  Kostand  III,  6.  Deu- 
xieme  pocte,  fnordont  ä  meme  la  grande  lyre  de  pätisserie.    Rostand  11,  4. 

Mit  einer  Präposition  in  folgenden: 

II  buvait  ä  meme  .  .  .  dans  une  parpouillette  ä  rafraichir.  Z.  f, 
franz.  Spr.  XXXll,  14.     Us  boiventtonsd  meme  dans  \ii  nieme  tarne.    Ib. 

Bemerkenswert  ist,  dass  boire  ä  meme  auch  mit  Ellipse  des 
Substantivs  vorkommt: 

On  lui  apporta  de  l'eau  daus  une  gargoulette;  mais  des  qu'il  y  eut 
bu,  on  la  cassa,  parce  que,  comme  Frangoi,  il  l'avait  souül^e  en  buvant 
ä  meme.  Bern,  de  St.-Pierre,  Littrc.  Un  ruisseau  d'eau  vive  coulait 
au  bord  de  la  route.  II  s'est  mis  ä  plat  ventre  et  il  a  bu  ä  meme.  Fr. 
Copp^e;  Plattner. 

Anmerkung: 

Über  die  Bedeutung  der  Redewendung  ä  meme  ist  zu  sagen,  dass 
sie  etwa  dem  deutschen  Ausdruck :  unmittelbar  au,  auf,  in,  über,  aus  etc. 
entspricht.  Doch  muss  man  bei  jedem  einzelnen  Fall  die  besondere 
Nuance  des  Wortes  feststelleu  und  danach  die  Übers^etzung  treffen. 

Eine  ansprechende  Erklärung  der  Wendung  ä  meme  gibt  Cledat, 
Revue  de  phil.  fraug.  XIII,  235  .  .  . 

III,  Stre  ä  meme. 

etre  a  meme  ist  zu  belegen: 

1.  Mit  der  Präposition  de. 

So  erscheint  es  schon  früh  bei  einem  Pronomen: 

Et  il  se  prendent  ä  haster  tant  qu'il  sont  ä  me'ismes  d'eus.     Zwei 

Schwerter,  Godefroy. 

Die  Bedeutung  ist:  „unmittelbar  bei,  ganz  nahe  bei". 

Bei  einem  Substantiv  finde  ich  es  in  folgendem  Beispiel: 

le  veux  me    faire  un    gendre    et    des    allies    mc-decins  afin    d'etre 

ä  meme  des  consultations  et  des  ordonnances.  Molicre,  Mal.  imag.  I,  5; 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  mcme  923 

Lexiqtie.  Die  Bedeutung  von  etre  ä  meme  de  entspricht  hier  etwa 
dem  deutschen  Ausdruck:  „imstande  sein  zu,  fähig-  sein  zu:"  und 
dem  französischen:  etre  capable  de. 

Dieselbe  Bedeutung  liegt  auch  vor  bei  etre  a  meme  de  +  In- 
finitiv, einer  liedewendung,  die  auch  heute  noch  sehr  gebräuch- 
lich ist: 

Je  leur  lairrois,  moy  qui  suis  ä  mesme  de  jouer  ce  rolle,  la  jouys- 
sance  de  ma  maison  et  mos  biens.  Moni.  64.  Je  suis  ä  meme,  par  ma 
profession,  de  connattre  le  monde,  France,  Crime  84.  Je  fiis  ä  meme 
d'observer  qu'il  y  avait  du  vrai  dans  les  propos.     Je  sais  tont  91. 

2.  Mit  der  Präposition  pour. 

Ein  Analogon  zu  etre  ä  meme  de  +  Inf.  ist  etre  ä  meme  pour 
+  Inf.,  das  im  folgenden  Beispiel  vorliegt:  Venus  .  .  .  esiatit  a  mes- 
me ..  .  pour  choisir  quelque  amoureux  gentil  et  beau  .  .  .  choisit  et 
s'amouracha  du  dieu  Mars.  Brant.,    Dam.  gal.,  Disc.  8.,  Godefroy. 

IV,  mettre  ä  meme, 

mettre  ä  meme  steht  ebenso  wie  etre  ä  meme  mit  der  Prä- 
position de  vor  folgendem  Infinitiv,  auch  vor  folgendem  Pronomen. 

1.  de  vor  Infinitiv  liegt  vor  in: 

Je  Tai  mis  ä  meme  de  travailler  utilement,  Dict.  de  l'Acad. 

2.  de  vor  dem  Pronomen  tout  in: 

11  s'en  vint  ii  moy,  avec  un  visage  riaut,  m'oft'rir  tout  son  pouvoir 
et  me  mettre  ä  meme  de  tout  ce  qu'il  avoit  au  monde,  Chapelain; 
Livet. 

Je  letzterem  Falle  kann  die  Präposition  auch  fehlen. 

II  vous  mettrai  a  mesme  mes  biens,  lä  oü  vous  pourrez  puiser  et 
prendre,  Amyot,  Godefr. 

Anmerkung: 

Die  Bedeutung  der  Wendung  mettre  qu.  ämeme  de  kommt  etwa 
der  deutschen:  ,.jem.  die  Gelegenheit,  Möglichkeit  zu  etwas;  die  Macht, 
Verfügung  über  etwas  geben,  verschaffen"  gleich. 

F.  laisser  ä  'nieme. 

Diese  Wendung  habe  ich  bei  verschiedenen  Lexikographen  belegt 
gefunden.  Beispiele  für  diese  Redensart,  die  ich  hier  der  Vollständig- 
keit halber  anführe  und  die  der  deutschen:  „freistellen"  entsprechen 
soll,  sind  mir  selbst  nicht  begegnet. 

VI,  ä  meme  que, 

ä  meme  que  ist  eine  temporale  Konjunktion,  die  im  Deutschen 
etwa   durch:    „zu   der  gleichen  Zeit    wie,    sobald    als"    wieder- 


924  Willy  Etzrodt 

zugeben  ist.  VaDgelas  bemerkt  (Remarques  ü,  190)  über  a  meme  que 
Folgendes:  ^Cette  faQon  de  parier  .  .  .  est  trcs-manvaise,  et  je  ne  con- 
seiilerois  k  qui  que  ce  soit  den  user,  ny  en  parlant,  ny  en  escrivant." 
Th  Corneille  äussert  sich  in  ähnlichem  Sinne.  Die  Academie  be- 
merkt 1694:  „ä  meme  que  .  .  .  n'est  point  uue  phrase  de  la  langue''. 
Letztere  Bemerkung  wird  dadurch  bestätigt,  dass  mir  seit  Corneille 
kein  weiteres  Beispiel  für  ä  meme  que  begegnet  ist. 

Hier  seien  folgende  Beispiele  angeführt: 

Aussi  i)  mesme  qiion  prend  le  plaisir  au  vice,  il  s'engendre  un 
desplaisir  contraire  en  la  conscience,  Montaigne  33.  Ä  mesme  que  l'on 
imprimoit  cette  orayson,  j'appris  que  j'avois  este  fait  evesque,  Fr.  de 
Sales  I,  315;  E.  Müller  58.  Cabite  se  ranime  d  meine  que  je  meurs. 
Corneille,  Clitandre  290;  Jacobi  47. 

VIII.  meme,  memement,  de  meme  in  VerbinduDg  mit 

einer  Negation. 

Ich  erwähne  zunächst  meme  bei  der  Negation  ne-pas  und  führe 
die  verschiedenen  Stellungen  auf,  die  meme  in  diesem  Falle  haben  kann. 

I  meme, 

1.  Bei  der  Negation  ne-pas. 

Die  Gruppierung  ist: 

a)  ne  .  .  .  meme  pas. 

ß)  Bei  nicht  ziisammenge  setzten  Verbformen. 

Mot  qui  n'etait  pas  encore  ä  la  mode,  et  qu'elle  ne  connaissait 
meme  ims  dans  le  sens  qu'il  porte  aujourd'hui.  Rousseau  123.  Aveu^le 
par  une  sorte  de  delire,  //  ne  s'aper9ut  meme  pas  de  Tiucroyahle  duc- 
tilite  de  la  peau  de  chagriu.     Peau  31. 

ß)  Bei  den  synthetisch  gebildeten  Zeitformen. 

Depuis  trois  ans,  eile  n'y  etait  meme  pas  venue  une  seule  fois. 
Maup.  Fort  11. 

b)  ne  .  .  .  pas  meme. 

«)  Beim  nicht  zusammengesetzten  Verbum. 

Et  que  repondrois-je  ä  un  homnie  qui  ne  pense  rien  et  qui  ne  sait 
pas  meme  construire  ce  qu'il  pense.  Racine  II,  369.  Je  Tai  vu,  je  lui 
ai  parle.  Je  7ie  vous  cache  pas  meme  que  je  l'ai  trouve  fort  aimable. 
Beaum.,  B.  de  S.  ü,  10.  S'ils  ont  fait  du  bien  ou  du  mal,  cela  ne 
uous  regarde  ])as,  et  nous  w'avons  pas  meme  le  droit  d'allumer  une 
bougie  rose  en  leur  honneur,     From.,  Sahel  168. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  persuniie  und  meuie  925 

ß)  Bei  synthetisch  gebildeten  Zeitformen. 

Tout  est  pleiu  de  cette  pratique  chez  les  saiuts  les  plus  reveres 
et  les  plus  illustres,  qui  ;/''ont  pas  meme  6pargiie  les  decouvertes  des 
fuits  les  plus  facheux.     Saint-Öimun  15. 

Anmerkung: 

meme  ist  durch  das  Partizipium  von  der  Negation  getrennt 
in  folgendem  Beispiel: 

Je  v/ai  pas  vu  meme  la  queue  d'un  diablc.    Plattner  111,  2,  183. 

y)  Beim  Infinitiv. 

ne  und  pas  meme  treten  dann  zusammen  vor  den  Infinitiv: 

Et  quel  mystere  d'epouvante  poignante,  d'intolerable  augoisse  que 

de  ne  pas  savoir,  que  de  «e  pas  meme  voir  quel  homme  voulait  entrer? 

Je  sais  tout  88. 

6)  bei  Auslassung  des  Verbums. 

In  diesem  Falle  fehlt  ne  und  es  steht  einfaches  pas  meme. 

Mon  pere  .  .  .  ne  compta  jamais  avec  aucun  ministre,  pas  meme 
avec  le  cardinal  de  Kichelieu.  Saint-S.  146.  Tout  ga  en  un  mois! 
Pas  meme  le  temps  d'aller  les  pincer  dans  leur  cuisine!  Pot- 
Bouille  338. 

c)  meme  ne  .  .  .  pas. 

Während  die  ersten  beiden  Gruppierungen  sehr  häufig  vorkommen, 
erscheint  meme  ne  .  .  .  pas  nur  selten. 

Non,  non,  je  ne  veux  point  d'un  esjirit  qui  soit  haut;  et  femme, 
qui  compose,  en  sait  plus  qu'il  ne  faut;  je  pretends  que  la  mienne,  en 
clarte  peu  sublime,  meme  ne  suche  pas  ce  que  c'est  qu'une  rime. 
Mol.  III,  165. 

2.  Bei  der  Negation  ne-plus. 

In  ähnlicher  Weise,  wie  meme  bei  ne  .  .  .  pas  steht,  findet  es  sich 
bei  der  Negation  ne  .  .  .  plus;  ne  .  .  .  meme  plus  oder  ne  .  .  .  plus 
meme  entspricht  dann  dem  deutschen:  nicht  einmal  mehr. 

a)  ne  .  .  .  meme  plus. 

La  societe  ne  daignait  meme  plus  se  grimer  pour  lui,  parce  qu'il 
la  devinait  peut-etre.  Peau  1U7.  Cette  lutte  tragique  n'avait  pas  seule- 
ment  epuise  ma  vigueur;  eile  ne  me  laissait  meme  plus  la  force  de 
penser.    Je  sais  tout  üO. 


926  Willy  Etzrodt 

b)  ne  .  .  .  plus  meme. 

«)  Beim  nicht  zusammengesetzten  Verb. 

A  l'instant  qu'il  faudrait  des  miracles  pour  vous  subjuguer,  quand 
la  verge  de  Moise  y  suffiiait  ä  peine,  je  w'ai  [jIus  meme  la  ressource 
du  bäton  de  Jacob.    Beaum.  364. 

/S)  Beim  Infinitiv. 

Ah!  ne  plus  rien  attendre,  ne  plus  rien  esp^rer,  n'&yoir  plus  meme 
le  droit  de  desirer.    Maup.  Fort.  272. 

3.  Bei  der  Negation  ne-jamais. 

Hier  ist  mir  nur  die  Gruppierung  ne  .  .  .  meme  jamais  begegnet. 

J'avoue  peut-etre  sans  Sophocle  je  ne  serais  jamais  venu  ä  bout 
de  mon  Oedipe;  je  ne  l'aurais  meme  jamais  eutrepris.  Voltaire  I,  18. 
Lorsque  j'en  parle  ainsi,  ce  n'est  pas  que  je  le  connaisse  plus  que 
vous,  ni  peut-etre  autant,  ne  l'ayant  meme  jamais  vu.  P.  L.  Courier; 
Plattner  HI,  2,  183. 

II.  metnenient. 

Wie  das  Pronominaladverb  meme,  so  trat  auch  früher  memement 
zu  der  Negation  ne-pas.  Die  Stellung  war  iu  diesem  Falle  ne  .  .  .pas 
memement. 

J'enten  qui  w'ont  yas  memement  aucune  cognoissance  de  la  langue 
latine.     Estienne  264. 

III,  de  meme. 

de  meme  in  Verbindung  mit  der  Negation  ne-pas  erscheint  als 
ne  .  .  .  pas  de  meme  und  hat  die  Bedeutung  „gleichwohl  nicht, 
doch  nicht". 

La  musique  ...  est  excellente  .  .  .  mais  w'a  pas  de  meme  cette 
chaleur  qu'on  admire  dans  les  compositions  des  grands  maitres.  Ba- 
chaum.,  Mem.,  Scherffig  37. 

IX.  Pronominales  meme  und   adverbiales  de   meme 
in  Beziehung  zu  einem  Vergleicliungssatze. 

I.  Pronominales  mem,e. 

Dieses  Kapitel  wie  auch  das  folgende  über  adverbiales  de  meme 
im  Vergleichssatze  hat  E.Müller,  die  Vergleichssätze  im  Französischen, 
Diss.  Gott.  1900,  p.  53/57  zwar  schon  behandelt,  doch  nicht  vom  Stand- 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  meine  927 

pimkt   des    meme,    sondern  von    dem    des  vergleichenden  Nebensalzes 
aus,    so    dass  mir  hier  eine  neue  Behandlung  wohl  angebracht  schien. 


le,  la  meme;  ies  memes. 

a)  Das  Korrelat  ist :  que. 
Wie  im  Lateinischen  auf  idem  ac,  atque,  später  auch  quam  folgte, 
so  im  Französischen  der  Regel  nach  das  Korrelat  que. 

«)  Substantivischer  Gebrauch. 

aa)  Der  vergleichende  Nebensatz  ist  vollständig. 
Je  fais  le  meme   que   ceux,    qui    nous    survivront,    feront  de  nous. 
Malherbe  I,  358. 

ßß)  Er  ist  unvollständig. 

La  beaute  des  betes  n'est  pas  la  Dieme  que  la  beaute  des  hommes. 
Hugo,  Trav.  I,  331. 

ß)  Adjektivischer  Gebrauch. 
aa)  Der  vergleichende  Nebensatz  ist  vollständig. 

Die  Beispiele  sind  äusserst  zahlreich,  ich  führe  nur  die  folgen- 
den an: 

Si  fist  le  guet  par  pluseurs  nuiz,  et  le  veoit  entrer  par  le  mesme 
Heu  que  es  aultres  ses  jours  faisoit.     Cent  206. 

Oyez,  je  vous  prie,  que  c'est  par  la  mesme  raison  que  Ies  hommes 
sont  pareils  entre  eulx,  par  icelle  sont  ilz  amys,  Des  Periers  28. 

Auch  Fehlen  des  Artikels  findet  sich: 

Nous  sommes  chrestiens  d  mesme  titre  que  nous  sommes  ou  peri- 
gordins  ou  alemans.    Montaigne  125. 

ßß)  Der  vergleichende  Nebensatz  ist  unvollständig. 

Pour  SQavoir  si  Ies  princes  et  Ies  princesses  sans  queue  entreroient 
en  la  me^me  ceremo?iie  qu'au  matin,  je  voulus  attendre  leur  venue. 
Menippee  219. 

Vous,  vous  faites  le  meme  personnage  que  dans  la  critique,  et  je  n'ai 
rien  ä  vous  dire.     Moliere  III,  404. 

Chacun  eut  le  meme  habit  et  la  meme  danseuse  qii*a.u  precedent. 
Saint-Sinion  97. 

Et  cependant  il  n'etait  pas  du  meme  avls  que  la  plupart  de  ses 
collegues.    Maup.  Fort  54. 


928  Willy  Etzrodt 

Fehlen  des  Artikels  bei  meme  ist  auch  hier  häufig  wahr- 
zunehmen : 

Josephe,  de  mesme  nation  et  religion  que  les  Juifs,  les  exhortoit  de 
prevenir  Tire  de  Dieu.  Meuippee  186  .  .  .  Parlant  ä  des  personnes  qui 
le  chargeroient  de  meme  chose  que  vous.     Moliere  III,  413. 

Anmerkung. 

Auch  adjektivisches  un  meme  kann  als  Korrelat  que  nach  sich 
haben: 

Lisez  les  livres  de  Josephe,  de  la  guerre  des  Juifs,  cur  c'est  quasi 
un  mesme  faict  que  le  nostre.    Meuippee  52. 

ta)  Das  Korrelat  ist:  oü,  d'ou. 

Ist  adjektivisches  meme  +  Substantiv  mit  einer  Präposition  wie 
ä,  dans,  en  verbunden,  so  ist  das  Korrelat  in  einigen  Fällen  oü;  so 
schon  in  den  „Kois".  II  a  sa  mort  fust  enseveliz  en  meime  le  sepulcre 
u  li  bons  huem  fud  enseveliz.  Kois  290  .  .  .  E  ly  pria  qu'il  vienge  ä 
meisme  le  lu  ou  dreyn  s'en  ala  de  le  chastel.    Nouv.  14.",  37. 

Wegen  der  Stellung  des  meme  in  diesen  beiden  Fällen,  siehe 
oben,  p.  30. 

Me  mettant  dans  la  meme  Situation  oh  nous  devons  tous  paraitre 
un  jour  devant  Dieu  notre  juge.    Massillon  101,  1. 

So  auch  noch  bei  Voltaire: 

Lalli  fut  enferme  ä  la  Bastille  dans  la  meme  chambre  oü  avait 
6te  Labouronnais.    Voltaire;  Littre. 

Auch  d'oü  ist  mir  begegnet: 

Qui  croirait  qu'un  des  ressorts  les  plus  vigoureux  de  mon  äme  fut 
tremp6  dans  la  meme  source  d^ou  la  luxure  et  la  mollesse  ont  coule 
dans  mon  sang?    Eousseau  24. 

c)  Das  Korrelat  ist:  de. 

II  parait  que  ce  cuscus  ou  cusos  des  Indes  orientales,  est  en  effet 
un  aniraal  du  meme  yenre  que  les  philanders  d'Amerique:  mais  cela  ne 
prouve  pas  qu'ils  soient  de  la  meme  espece  d'aucun  de  ceux  du  nou- 
veau  continent.    Bufton;  Plattner  III,  2,  180. 

Einige  weitere  Fälle  ähnlicher  Art  siehe  bei  E.  Müller,  S.  55. 

d)  Das  Korrelat  ist:  dont. 

In  einigen  Beispielen  aus  dem  16.  und  17.  Jahrhundert  kann  ich 
auch  dont  als  Korrelat  belegen. 

Je  ne  croyray  jamais  qu'on  puisse  bien  apprendre  tout  cela  des 
traducteurs,  pource  qu'il  est  impossible  de  le  rendre  auecques  la  mesme 
grace^  dont  I'autheur  en  a  us6.    Defense  64. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  menie  929 

Hierfür  wUrde  man  jetzt  sagen:  , . .  avec  la  meme  graec  que  celle 
dont  Tauteur  a  use. 

Ahnlieh:  Portent-elles  des  mesmes  masques,  dont  on  souloit  user  en 
farces  et  en  momons?    Estienne  220. 

Olli,  crois  qu'avec  plaisir  je  serai  spectateur  en  la  meme  action 
dont  je  serai  l'acteur.  Kotrou  291.  Je  vous  le  dis  avec  la  meme  sin- 
cerite  dont  vous  m'ecrivez,  ma  belle  cousine.     Sövigue  I,  547. 

e)  Das  Korrelat  ist:  a. 

Sogar  „ä"  erscheint  einmal  als  Korrelat;  es  ist  zu  erklären,  durch 
Einfluss  von  6gal.  Hymen  .  .  .  tenant  de  la  main  gauehe  un  volle 
de  mesme  coideur  d  celui  qu'Amerine  portoit.     Dürfe,  Godefr. 

f)  Das  Korrelat  ist:   com. 

Dieses  habe  ich  nur  einmal  belegen  können  und  zwar  nur  bei 
meme  in  Verbindung  mit  dem  indefiniten  Pronomen  tel. 

Car  eil  de  cui  nos  faison  feste,  fut  hom  enfers  si  cum  nos  som- 
mes  et  formez  de  tel  terre  mismes  cum  nos  (ex  eodem  luto  formatus: 
Original!)     Bernhard  260. 

II,  Adverbiales  de  meme» 

De  meme  in  Verbindung  mit  que  dient  zur  Einleitung  eines  Ver- 
gleichssatzes. Im  2.  Gliede  kann  eine  Entsprechung  folgen 
oder  nicht.    Folgt  eine  solche,  so  ist  dies: 

a)  de  meme. 

De  mesme  g-w'une  cire  molle  regoit  aisement  toutes  sortes  d'em- 
preintes,  et  de  figures,  de  mesme  un  jeune  homnie  regoit  facilement 
toutes  les  impressious  qu'uu  veut  luy  donner.  Dict.  de  l'Ac.  De  meme 
gw'un  lion  furieux  se  jette  au  milieu  d'un  troupeau  de  moutous  timides, 
de  meme  se  precipite  au  milieu  des  ennemis  etfrayes.     Stier  404. 

b)  ainsi. 

De  meme  qn^xm  chene  est  rive  au  sol  par  les  minces  filaments 
chevelus  de  ses  racines,  ainsi  nos  coeurs  sont  rattaches  a  la  maison 
paternelle  par  des  milliers  de  liens  freies  et  vulgaires,  mais  puissants 
par  le  nombre.     A.  Theuriet;  Plattner  HI,  2,  182. 

Ein  Beispiel  für  Auslassung  einer  solchen  Entsprechung  im 
2.  Gliede  ist: 

De  meme  que  les  papes  se  donnent  de  nouveaux  noms  en  montant 
au-  dessus  des  hommes,  j'en  ai  pris  un  autre  en  m'elevant  au-  dessus  de 
toutes  les  femmes.    Peau  53. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  59 


930  Willy  Etzrodt 

Ebenso  im  18.  Jahrhundert: 

Or,  de  meine  que  les  objets  sensibles,  les  images  des  corps  .  .  . 
aifectent  nos  sens,  lors  meme  que  nous  sommeillons,  les  etres  intel- 
lectuels  et  moraux  .  .  .  l'appliquent  et  l'evercent  en  tout  temps. 
Diderot  34. 

Anmerkung: 

de  meme  folgt  nicht  nur  nach  vorausgehendem  de  meme  que, 
sondern  auch  nach:  ainsi  que,  tout  ainsi  que, 

Ainsi  que  d'un  voisin  le  trespas  survenu  fait  resoudre  un  malade, 
en  son  lict  detenu,  a  prendre  malgre  luy  tont  ce  qu'on  luy  ordonne . . ., 
de  mesme  les  esprits  debonnaires  et  doux  se  fagonnent  prudens  par 
l'exemple  des  foux.  Regnier  110.  Tout  ainsi  que  les  pensees  sont  les 
portraits  des  choses,  de  meme  nos  paroles  sont-elles  les  portraits  de 
nos  pensees.  Moliere;  Stier  404.  Beachtenswert  im  letzten  Beispiel  ist 
die  Inversion  nach  de  meme.  — 

In  den  bis  jetzt  angeführten  Beispielen  war  der  durch  de  meme 
que  eingeleitete  Vergleichssatz  immer  vollständig.  Er  kann  aber 
auch  unvollständig  sein,  wie  in  folgenden  Beispielen: 

Le  respect  public,  de  meme  que  la  reprobatiun  universelle,  veulent 
etre  epluches.    Hugo,  Trav.  1,  282.    Ebenso  im  18.  Jahrhundert: 

Ils  chautent  victoire,  comme  si  vous  pensiez  de  meme  qu'eux. 
Massillon  58,  1. 

Bisweilen  findet  sich  eine  Verstärkung  von  de  meme  durch 
out:  Par  son  mari  chere  tenue,  tout  de  meme  jzf'auparavant.  Laf., 
Contes  111,  4,  480. 

Anmerkung: 

Auslassung  des  que  liegt  vor  in  nachstehendem  Beispiel: 

De  cela  ne  fault  il  pas  graude  exposition,  car  eile  (sc.  la  chose) 
est  de  mesme  la  premiere.    Jehan  112. 

X.  Einige  mit  meme  gebildete  Redewendungen. 

Der  Vollständigkeit  halber  seien  zum  Scbluss  noch  einige  den 
Wörterbüchern  entnommene,  mit  meme  gebildete  Redewendungen  an- 
geführt; ausser  den  bereits  in  den  vorhergehenden  Kapiteln  erwähnten, 
so  z.  B.  bei  ä  meme,  seien  noch  die  folgenden  genannt: 

1.  jouer  le  meme. 

Dies  ist  ein  terminus  technicus  des  Billardspieles.  „II  se  dit  .  .  . 
d'une  partie  qui  conuite  ä  pousser  la  bille  de  son  adversaire  imme- 
diatement  dans  une  des  six  blouses".     Dictionnaire. 

Die  deutsche  Entsprechung  dieses  Ausdrucks  ist  nach  Sachs- 
Vi Hatte:  eine  Lochpartie  machen. 


Die  Syntax  der  unbestimmten  Fürwörter  personne  und  menie  931 

2.  faire  son  joueur  au  meme  oder  jouer  la  bille  au  meme 

wird  ebenfalls  beim  Billardspiel  als  terminus  tcclinicus  verwandt.  Die 
Aeadömie  erklärt  es  als  „envoyer  la  bille  de  son  adversaire  dans  une 
blouse,  Sans  lui  avoir  fait  toucher  la  bände".  Im  Deutschen  wird  man 
hier  etwa  sagen:  den  Ball  ohne  Bande,  gleich  ins  Loch  machen. 

3.  faire  au  meme  qn. 

Diese  Redewendung  wird  volkslümlieh  gebraucht: 

a)  für  frz.  tromper,  attraper  qn.  und  kommt  etwa  dem  deutschen: 
„jem.  betrügen,  jem.  hinters  Licht  führen"  gleich. 

Das  Dictionnaire  de  l'Ac.  gibt  als  Beispiel: 
Vous  voulez  me  faire  au  meme. 

b)  für  frz.  rendre  la  j)areille  und   entspricht  dann  dem    deutschen 
Ausdruck:  „Wiedervergeltung  üben". 

4.  etre  soi-meme 

hat  die  Bedeutung  des  deutschen:  „sich  selbst  treu,  gleich  bleiben" 
und  des  lateinischen:  sibi  constare. 

le  suis  toujours  moi-meme    et    mon    coeur  n'est   point  autre.     Cor- 
neille ni,  424. 


59* 


Le  sens  pejoratif  du  suffixe-ard  en  francais. 

Par 
Kurt  Glaser. 


Cette  etude  souffre  des  difficultes  que  connaissent  les  lomanistes. 
C'est  d'abord  la  difficulte  etymologique.  Tel  mot  n'est.pas  d'une  origine 
assez  claire  poiir  pouvoir  trouver  place  dans  une  etude  philologique; 
daDS  tel  autre  mot,  c'est  la  forme  qui  trompe.  Dans  blafard  p.  e.  nous 
ne  sommes  pas  en  piesence  d'nn  radical  blaf  —  et  d'un  suffixe  —  f/rc?, 
mais  de  deux  mots  d'origine  germanique,  reunis  en  un  seul  (bleihfaro: 
de  couleur  pale);  dans  Leta  (homme  tres  bete,  mot  injuiieux  et  tres  fa- 
milier)  qui,  par  fausse  etymologie  populaire,  s'öcrit  parfois  betard 
(Sacbs-Villatte  s.  v,  —  betar  dans  Constantin  —  Desormaux,  Diction- 
naire  savoyard,  1902,  p.  47)  il  ne  s'agit  pas  d'une  forme  bet-ard,  derivee 
de  bete  avec  la  terminaison  arri?  (le  sens  se  preterait  tres  bien  ä  cette 
derivation-,  cf.  bestardise  f.  en  vieux  francais  au  sens  de  betise,  God.  I, 
p.  636'^),  mais  d'une  forme  dialectale  de  betail  (voir  Littre  s.  v.,  Dict. 
Gen.  s.v.),  fetard^  fetart,  faitard,  festart,  adj.:  paresseux,  lache,  negli- 
gent  (se  disait  encore  au  XVIl«  siecle,  cf.  God.  111,  p.  774)  vient  de 
fai  tard  (voir  Meyer-Lübke,  Grammatik  der  romanischen  Sprachen,  II. 
p.  577  et  Nyrop,  Grammaire  historique  de  la  langue  frangaise,  III,  p.  38, 
§  42).  Dans  d'autres  mots,  Torigine  est  parfois  discut^e  et  plus  qu'in- 
cei  taiue,  comme  dans  papelard,  que  le  Dict.  Gen.  s.  v.  derive  de  l'ancien 
verbe  paper  (au  sens  de  manger)  et  de  lard^)^  tandis  que  Körting,  Lat.- 
rom.  Wörterbuch  n"  6842  y  voit  une  derivation  du  verbe  *papalare 
(frangais  *pai)eler,  allem,  papeln,  au  sens  de  , Gebete  plappern'  ou 
,päp8teln',  den  , Papisten  spielen'.  —  voir  aussi  Scheler,  Dict.  etym.  s. 
V.).  Bref,  en  ne  considerant  que  la  forme  exterieure  d'un  mot,  on  ne 
sait  pas  toujours  ä  quoi  s'en  tenir,    J'ai  cherche  a  eviter  cette  difficulte, 


1)  On  pense  ä  cea  vers  de  Clement  Marot: 

,Par  la  inorbieu,  voylä  CI6ment, 

,Prenezle,  il  a  mang6  le  lard, 

,11  faict  bon  estre  papelard'  (6d.  D'Höricault.  1867,  p.  64). 

,Je  ne  mange  poisson  ne  lard, 

,Non  que  craigne  le  papelart'  (ib.  p.  205). 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe-ard  en  fran^ais  933 

en  me  bornant  ä  des  mots  dont  l'etyniologie  est  suffisamment  conoue; 
mais,  mon  6tude  s'occupant  d'une  questiou  de  sömantique,  je  n'ai  pas 
cru  trahir  ce  principe,  en  ajoutant  d'uutres  mots,  lor8que  le  sens  per- 
mettait  ce  rapprochement,  surtout  qiiand  le  suffixe-ard  ne  servait  spö- 
cialement  qu'iY  renforcer  et  a  mettre  plus  en  cvidence  l'idde  pejorative. 

En  abordant  ici  la  question  de  s6mantique,  nous  nous  heurtons  k 
une  nouvelle  difficulte.  Que  fant  il  entendre  par  pejoratif?  Ce  qui 
ravale  le  sens,  ce  qui  se  prend  en  mauvaise  part,  ce  qui  donne  une 
id^e  de  denigrement,  un  sens  defavorable  etc.  Voilä  tout  un  choix  de 
definitions  prises  au  hasard  et  qui  nous  donnent  dejä  une  Idee  de  la 
multitude  et  de  la  vari6t6  des  difF^rentes  acceptions  qn'impliqne  le  mot 
pejoratif.  Nous  allons  montrer  maintenant  de  queUe  maniere  nous  avons 
procede,  pour  grouper  cette  multitude  de  sens  si  varies  et  toujours 
variables,  et  pour  faire  comprendre  le  role  que  joue  le  sens  pejoratif 
dans  l'histoire  du  suffixe-ard. 

Nous  nous  restreignons  au  frangais,  invoquant  seulement  en  cas  de 
besoin  l'aide  et  le  temoignage  d'autres  langues. 


Nous  nous  proposonS;  dans  les  pages  qui  suivent,  d'examiner  le  sens 
pejoratif  du  suffixe  -ard  en  frauQais.  Le  but  de  cette  etude  est  de 
chercher  ä  rcunir,  aussi  completement  que  faire  se  peut,  les  substantifs 
et  les  adjectifs,  affectes  du  suffixe-ard,  qui  ont  pris,  pour  une  cause  ou 
pour  une  autre,  un  sens  pejoratif.  Comme  nous  venons  de  le  voir,  le 
choix  des  mots  qui  figurent  dans  uotre  ^tude  n'est  pas  toujours  facile 
ä  faire,  pour  la  simple  raison  que  le  sens  pejoratif  est  parfois  difficile 
ä  saisir  (abstraction  faite  du  c6t6  etymologique).  II  y  a  bon  nombre 
de  mots  oii  ce  sens  n'a  jamais  existe,  tandis  que  dans  d'autres  il  se 
presente  sous  une  forme  plus  ou  moius  vague,  parait  parfois  s'etre 
attenu6  ou  avoir  meme  completement  disparu. 

En  eflFet,  le  sens  pejoratif,  quoique  ötant  le  sens  le  plus  en  vue, 
n'est  pas  le  seul  que  comporte  le  suffixe-ard.  Dans  balbuzard,  b/llard, 
binard  (binart),  eUndavd,  placard,  dans  bombarde,  moutarde^  poulorde 
et  dans  beaucoup  d'autres  mots,  il  n'y  a  pas  ombre  de  sens  pejoratif. 
II  en  est  de  meme  d'un  certain  nombre  de  mots  appartenant  ä  Tancien 
frangais,  tels  que  coiffard  (marchand  de  coiffes.  God.  II,  p.  171«)  et 
afilart  (effile,  rapide.  God.  I,  p.  141«,  cf.  afilant  et  afile)  et  d'un  cer- 
tain nombre  de  mots  dialectaux,  parmi  lesquels  nous  citerons  pleumard 
m.  au  sens  de  plumet,  panache  (,un  pleumard  ä  mon  chapiau'  dans  une 
chanson  populaire  du  Centre  de  la  France.  Jaubert,  Glossaire  du  Ceutre 
n,  p.  187.  —  Morvan:  pienmar,  voir  De  Chambure,  Glossaire  du  Mor- 
van  1878,  p.  654  etc.).  Dans  bScard  (saumon  k  longue  saillie  crochue 
de  la  mächoire  inferieure),  busard  (oiseau  de  proie  du  genre  buse)  etc. 
le  suffixe-ard  indique  une  propriete,  dans  pechard  \2i^].,  couleur  defleur 


934  K:urt  Glaser 

de  peclier:  ,cheval  pechard',  employe  dans  certains  patois  du  Centre, 
voir  Jaubert,  Glossaire  du  Centre  II,  p.  153)  et  ferart  (anc.  fr.,  de  fer. 
God.  ni;  p.  753^)  il  indique  simplement  une  qualite;  dans  d'uutres  mots 
comme  fauchard  (graude  faux),  meulard  (grosse  meule),  bombarde  (piece 
d'artillerie)  etc.  le  suffixe-ard  a  pris  un  sens  augmentatif ;  plus  rarement, 
il  a  pris  un  sens  diminutif  comme  dans  chevrillard  (petit  chevreuil), 
bichart  (vieux  frangais,  le  petit  de  la  biche.  God.  I,  p.  644''),  'piai% 
piard  (vieux  frangais,  le  petit  de  la  pie.  God.  VI,  p.  140''),  pouillard 
(jeune  perdreau,  jeune  faisan)  et  caillard  (caille  trop  jeune  pour  etre 
tuee.  Patois  du  pays  de  Bray,  voir  Decorde,  Dict.  du  patois  du  pays 
de  Bray  1852,  p.  58).  II  faut  laisser  de  cote  blafard  (de  Tallemand 
bleihfaro),  boulevard,  oü  le  suffix-ard  s'est  introduit  ä  la  place  de  la 
desinence  du  mot  allemand  werk  (bollwerk),  boyard  (du  russe  boyar), 
bezoard  (du  portugais  bezuar),  brancard  (du  provengal  bfancal),  brocart, 
oü  -art  a  remplace  au  XVIII»  siecle  le  suffixe  original-at  de  l'italien 
broccato  et  enfin  patard,  emprunte,  avec  Substitution  de  suffixe,  du 
provengal  patac,  lequel  se  rattaehe  ä  Tespagnol  pataco,  d'origine  arabe  ^). 

Notre  suffixe,  qui,  en  tout  temps,  a  ete  tres  rcpandu,  n'a  pas  seule- 
ment  garde  toute  sa  föcondite;  il  a  meme  gagne  en  activite  et  en  energie 
creatrice,  en  fournissant  surtout  ä  la  langue  populaire  et  familiere  un 
grand  nombre  de  mots  de  sens  tres  varies.  Ce  sont  pour  la  plupart 
des  creations  essentiellement  populaires,  souvent  mem.e  audacieuses,  et 
auxquelles  la  langue  litteraire  fait  fort  rarement  accueil.  Bornons-nous 
ä  nommer  ici: 

bouffard  s,  m.  fumeur.  cf.  bouffarde  f.,  pipe,  par  allusion  aux 
bouffees  de  tabae  qui  s'en  öchappent,  et  bouff arder:  fumer  la  pipe.  Argot 
de  Paris,  voir  Larcbey,  Dict.  historique,  etymologique  et  anecdotique 
de  l'argot  parisien  (Paris  1872),  p.  58,  Kigaud,  Dict.  d'argot  moderne 
(Paris  1881),  p.  53,  Delesalle,  Dict.  argot-frangais  et  frangais-argot 
(Paris  1896),  p.  43.  bouff arde  est  employe  pour  la  prämiere  fois  par 
Labiche  dans  la  comedie  intitulee,  Deux  papas  tr6s  bien'  (1844),  cf. 
Nyrop,  Gram.  bist.  UI,  p.  168,  §  356. 

criarde  f.,  ce  qui  produit  un  son  criard:  1"  poule;  2°  Urne,  seie; 
3"  sonnette;  4°  serrure.  Jargon  des  voleurs.  Kigaud  p.  121,  Delesalle 
p.  82,  Lotscb,  Wörterbuch  zu  modernen  franz.  Schriftstellern  (1899),  p.  26*. 

luisard  m.,  ce  qui  luit,  ,luisant' :  le  soleil. 

luisarde  f.  ,luisaute' :  1°  lune;  2"  fenetre.  Termes  de  l'argot  des 
voleurs.    Larcbey  p.  167,  Delesalle  p.  167,  Lotscb  p.  bS'^. 

flambard  m    (de  flamber) :  poignard;  cf. 

flambarde  f.  lampe;  chaudelle.    Kigaud  p.  175,  Lotscb  p.  41''. 

woucharde  f.   (de  moucher):    la  lune.     Appartient    au  Jargon    des 

1)  Poar  plus  de  dötails  voir  Nyrop,  Gramraaire  historique  de  la  langue 
fran^aise  III  (1908),  p.  167,  §  351 


Le  sens  pßjoratif  du  suffixe-ard  en  fran^ais  935 

voleurs,  commc  les  termes  pr6c^dents;  cf.  mouchard  ä  becs:  rdverb6re. 
Kigaud  p.  257. 

souillarde  f.  blouse  de  travail  (que  l'on  ,souille').  Terme  d'argot. 
Delesalle  p.  273,  Lotsch  p.  96^ 

brillard  m,,  piece  d'or,  qui  ,brille'.  Jargon  des  voleurs.  Delesalle 
p.  48,  Lotsch  p.  14^ 

bissard  m.,  pain  bis,  dans  le  langage  populaire  de  Paris.  Delesalle 
p.  37,  Rigaud  p.  41,  —  De  meme: 

soufßard  m.,  celui  qui  ,souffle';  forgeron,  maröchal  ferrant.  Dele- 
salle p.  273,  Lotsch  p.  96»». 

bisard  m.  (de  ,bise'),  soufflet  de  forge,  soufflet  ä  feu.  Larchey 
p.  51,  Rigaud  p.  41. 

j)liimard  m.  (de  plume),  lit  (s'emploie  aussi  au  sens  de  houssoir  ou 
balai  de  plumes).  —  se  plumarder:  se  coucher.  Rigaud  p.  300,  Lotsch 
p.  77b. 

crottard  m.,  trottoir:  Delesalle  p.  83. 

ciboulard  m.  ,ciboulot':  la  tete.     Delesalle  p.  70,  Lotsch  p.  21*. 

citrouillard  m.  ,citron':  la  tete.     Delesalle  p.  70. 

ginglard  m.  ,ginglet',  vin  leger.    Larchey  p.  148,  Delesalle  p.  137. 

bosselard  m.  ,bo8sele':  chapeau  haut  de  forme  dans  le  Jargon  du 
College,  par  allusion  k  l'etat  ordinaire  des  chapeaux  des  collegiens. 
Delesalle  p.  42,  Rigaud  p.  51,  52. 

griffard  m.  (de  griffe),  chat.  Larchey  p.  152,  Delesalle  p.  145  (cf. 
grippard,  grippart  m.:  meme  sens.     Delesalle  p.  145). 

bocard  m.  ,boc':  1"  cafe;  2"  maison  publique.  Larchey  p.  54,  Dele- 
salle p.  39. 

Les  quelques  exemples  cites  plus  haut  nous  montrent  dejä  toute 
une  Serie  de  nuances  de  sens  oü  l'on  n'arrive  plus  a  reconnaitre  l'ac- 
ception  originale  de  la  terminaison  germanique  -hard  (dur,  fort).  Ce 
n'est  pas  ici  le  lieu  d'expliquer  l'existence  et  la  raison  d'etre  des  sens 
differents  que  presentent  les  mots  en  -ard;  il  ne  s'agit  que  de  savoir 
comment  il  faut  expliquer  le  sens  pejoratif  auquel  revient  une  place  si 
importante  au  milieu  de  cette  variöte  d'autres  sens.  Meyer-LUbke  dans 
sa  grammaire  monumentale  des  langues  romanes  dit  ä  ce  sujet;  „Ard 
ist  germanischen  Ursprungs  und  bat  seinen  Ausgangspunkt  bei  zusammen- 
gesetzten Eigennamen  wie  Reginhart,  Adalhart,  Eberhart  u.  s.  w.  Ob- 
schon  erst  im  Mittelhochdeutschen  auch  Appellativa  auf -hart  erscheinen, 
darf  man  doch  wohl  schon  für  die  Zeit,  wo  Germanen  und  Romanen 
sich  verschmolzen,  bei  Frauken,  Burgunden  und  Longobardeu  eine  ge- 
wisse Beliebtheit  derartiger  Bildungen  auch  ausserhalb  der  Eigennamen 
voraussetzen,  so  dass  jene  bei  ihrer  Romanisierung  -hard  auch  mit 
romanischen  Adjektiven  verbanden,  also  dem  riebe :  richart  ein  bon : 
bonart  zur  Seite  stellen.     Dem  Romanen  war  natürlich  die  Bedeutung 


936  Kurt  Glaser 

von  :  art,  deren  vielleicht  schon  der  Germane  nicht  mehr  ganz  bewosst 
war,  dunkel,  er  hörte  die  Endung  zunächst  in  Eigennamen,  deren  erster 
Teil  mit  einem  Adjektivum  übereinstimmte,  das  Suffix  schien  also  im 
Verhältnis  zum  Adjektivum  das  Individuum  zu  bezeichnen,  ans  der 
ganzen,  unbegrenzten  Zahl  der  mit  einer  Eigenschaft  behafteten  einen 
einzelnen  herauszuheben,  an  welchem  die  betreffende  Eigenschaft  in  be- 
sonderem Grade  zum  Ausdruck  kam.  Naturgemäss  verband  sich  aber 
nun  -ard  hauptsächlich  mit  solchen  Adjektiven  oder  auch  Verben,  die 
eine  nach  der  Auffassung  des  Sprechenden  tadelnswerte  Eigenschaft 
oder  Handlung  ausdrücken"  (Grammatik  der  roman.  Sprachen  H,  p.  556, 
557,  §  519).  Cette  explication  n'est  pas  tres  claire  et  parait  insuffisante, 
du  moins  pour  le  cote  semantique  de  la  question.  On  ne  voit  pas  trop 
comment  -ard  a  pu  prendre  un  sens  depreciatif  (Meyer -Lübke  dit  laconi- 
quement:  „Naturgemäss").  Nyrop,  Gram,  histor.  de  fa  langue  fran- 
gaise  ni,  p.  167,  168,  §  355,  3°  releve  avec  raison  que  le  sens  pejoratif 
se  rattache  au  sens  augmentatif.  ,Comme  -art  sert  souvent  ä  souligner 
la  presence  d'une  qaalite:  bocard^  nasard,  vieillard,  il  adopte  facilement 
un  sens  augmentatif:  becard,  brocard^  chicard^  dagard,  gaillard,  veinard. 
Au  sens  augmentatif  se  Joint  facilement  une  nuance  pejorative:  r Ichard, 
gueusard,  frocard.  Dans  la  langue  moderne,  le  sens  defavorable  l'a 
empörte'.  Ajoutons  ä  cette  explication  que  le  sens  pejoratif  s'est  in- 
troduit  d'abord  dans  la  categorie  des  mots  oii  le  radical  exprime  par 
lui-meme  une  idee  depreciative:  ainsi  dans  soülard^  sotard  etc.  l'idee 
deprecialive  eveillee  par  le  radical  soül,  sot  etc.  atteint  le  suffixe 
d'abord  dans  ces  mots,  puis  dans  les  autres  derives  en  -ard,  comme 
dans  lignard  fsoldat  de  la  ligne,  pioupiou)  et  Jisard  (qui  sait  lire,  qui 
aime  ä  lire  et,  par  extension,  malin,  fin  en  affaires,  voir  p.  954). 

C'est  ainsi  que  le  suffixe  -ard  s'est  uni  aux  substantifs  et  aux  ad- 
jectifs  afin  de  leur  douner  un  sens  defavorable,  oü  perce  souvent  en- 
core  l'idee  augmentative.  Cette  formalion  tres  vivante  parait  de  tres 
bonne  heure  et  se  poiirsuit  jusqu'ä  nos  jours  sans  rien  perdre  de  son 
inepuisable  fecondite.  Les  premiers  exemples  de  l'emploi  du  suffixe 
-ard  datent  dejä  de  l'epoque  gallo-romaine.  ,Des  noms  propres,  le 
suffixe  -ard  passe  aux  noms  communs  (substantifs  et  adjectifs)  comme 
le  montrent  bdfard,  couard^  gaillard,  richard^  vieillard  qui  remontent 
tous  ä  l'epoque  gallo-romaine'  (Nyrop,  Gram.  bist.  III,  p.  166,  §  352). 
En  vieux  frangais  notre  suffixe,  et  avec  lui  le  sens  pejoratif,  a  visible- 
ment  gagn6  du  terrain:  Voir  surtont  p.  950a,  957a,  959a,  960a,  961a, 
964  a,  967  a,  969a,  972a,  974a. 

Le  XVP  siecle,  si  fecond  en  creations  nouvelles,  marque  une  etape 
fort  importante  dans  Thistoire  du  suffix  -ard,  pour  cette  raison  qu'il  a 
introduit  bon  nombre  de  mots  nouveaux:  Voir  surtout  p.  952b,  958b, 
959  b,  961b,  962b,  963  a,  968b,  972  b,  973  a. 


Le  sens  pßjoratif  du  suffixe-ard  en  fran^ais  937 

De  toutes  les  pöriodcs  de  l'histoire  de  lu  langue  frangaise,  aucune 
n'a  vu  uaitre  plus  de  teinies  nouveaux  en  -ard  ä  sens  pejoratif  que  la 
Periode  nioderiie:  Voir  surtout  p.  9428s,  956c,  y59c,  960c,  961c,  962c, 
963  b,  965b,  968  c,  971b,  972c,  973  b,  975  b. 

Ce  qne  dous  venons  de  dire  sur  la  provenance  du  sens  pöjoratif 
dans  les  mots  en  -ard  serait  incomplet,  si  nous  ne  parlions  pas  de  la 
mani^re  dont  s'est  developpc  le  sens  pejoratif  dans  d'autres  Suffixes. 
Parmi  ces  derniers,  le  suffixe  qui  se  rajiproche  le  plus  de  la  terminaison 
-ard  est  le  suffixe  -ald^  egalement  d'drigiue  germanique  {-wald),  qui  a 
forme  en  frangais  une  quantite  de  noms  propres  {Arnand,  Clairaud  etc.) 
et  qui  s'est  etendu  plus  tard  ;i  des  noms  communs  designant  des  per- 
sonues  et  des  animanx  [clabaud^  heraut,  ribaud  etc.),  le  plus  souvent 
dans  un  sens  pejoratif:  crapaud,  levraut,  pataud^  ßnaud,  lourdaiid^  noi- 
raiid,  rustaiid,  salaud,  badaud,  nigaud^  richaud ;  en  vieux  frangais  bri- 
faud,  guinaut  etc. 

II  faut  nommer  ensuite  -asse  (du  suffixe  latin  -acea,  -acia,  forme 
feminine  du  latin  -aceu,  aciu,  en  frangais -os;  exemples  uniques:  bour- 
ras,  platras).  Ce  suffixe,  de  signification  collective  et  augmentative  dans 
fouasse  (foiiace)^  vinasse  etc.,  a  abouti  a  la  signification  pejorative  dans 
besfiasse,  cognasse^  grlmace^  tignasse,  tStasse,  villace,  paperasse  etc.,  l'idee 
de  grandeur,  prise  en  mauvaise  part,  ayant  engendrc  l'idee  de  la  gran- 
deur  demesuree  et,  par  consequent,  diiforme.  On  en  a  forme  egalement 
des  adjectifs  feminins  en  -asse  ä  signification  pejorative:  bonasse,  mol- 
lasse etc.,  mais,  comme  la  forme  feminine  n'etait  plus  sentie,  on  l'a 
etendue  au  masculin  dans  blondasse  et  fadasse. 

Le  frangais  aille  (du  latin  -alia,  dans  carnalia,  fatalia  etc.)  indique 
non  seulement  un  sens  collectif  (c'est  justement  cette  signification  col- 
lective qui  distingue  les  mots  en  -aille  de -alia  des  mots  en  -aille  formes 
de  -acula),  mais  encore  un  sens  pejoratif  ou  voisin  du  sens  pejoratif, 
,eine  meist  verächtliche  Menge  von  Dingen'  (Meyer-Lübke  Gram,  der 
rom.  Sprachen  11,  p.  481).  II  faut  nommer  ici:  ferraille,  gueusaille, 
maraudaille,  mangeaille,  pretraille^  radicaille,  valetaille  etc.  Dans  ces 
mots  le  sens  pejoratif  est  d'origine  relativement  moderne. 

Par  contre,  dans  le  suffixe-m  (lat.  -inu),  c'est  la  signification  dimi- 
nutive qui  a  donne  naissance  au  sens  pejoratif,  l'idee  de  petitesse 
engendrant  le  mepris.  Ce  sens  se  retrouve  dans  bon  nombre  de  mots, 
comme  calotin,  galantin,  plaisantin  etc. 

II  en  est  de  meme  du  suffixe-on,  oü  la  signification  pejorative  de- 
coule  de  l'idee  diminutive.  Nous  retrouvons  ce  dernier  sens  dans  des 
noms  d'auimaux:  aiglon,  ourson,  nioticlieron,  hanneton  etc.  Au  sens 
pejoratif:  brouillon,  fanfaron,  fripon^  grognoti,  marmiton,  souillon. 

Le  suffixe  latin  -attus,   -ottus,   -ittus  presente  en  frangais  la  meme 


938  Kurt  Glaser 

gradation  de  sens;  dans  aiglat^  loiivat,  dans  Hot,  archerot,  maillot  etc., 
il  est  diminutif;  dans  bellot,  vieillot  etc.  il  est  depreciatif. 

II  reste  encore  ä  nommer  le  suffixe-a^re,  qui  a  conserve  la  valeur 
depr^ciative  du  suffixe  latin  -aster  (cf.  patraster,  parasitaster)  dans 
mardtre^  ecolätre,  mulälre,  opiniätre,  acaridtre,  bellätre,  blanchdtre, 
douceätre,  foldtre,  jaundtre]  (dans  ces  derniers  adjeetifs  le  sens  depre- 
ciatif est  moins  visible). 

Avant  d'aller  plus  loin,  il  Importe  de  relever  que,  dans  la  variete 
et  la  multitude  de  sens  que  peut  'exprimer  le  suffixe  -ard,  c'est  le  sens 
pejoratif  (plus  ou  moins  nettement  defini,  il  est  vrai)  qui  lui  est  parti- 
culierement  caracteristique,  plus  caracteristique  meme  qu'ä  tous  les 
autres  Suffixes  signales  plus  haut  (ä  la  seule  exception  du  suffixe  -ätre 
peut-etre,  qui  a  ete  dej<x  pejoratif  eu  latin).  C'est  justement  ce  sens-lä 
qui  se  reucontre  ä  chaque  pas  dans  le  vocabulaire  fran^ais  et  qui, 
comme  nous  le  verrons  dans  le  cours  de  notre  etude,  tend  ä  devenir 
de  plus  en  plus  important.  Aussi  peut-on  dire  que  c'est  le  sens  vrai- 
ment  vivant,  le  sens  par  excellence. 

On  se  rend  facilement  compte  du  sens  pejoratif  qui  se  rattache  ä 
la  terminaison  -ard,  en  com|)arant  soldat  (emprunte  au  XVP  sifecle  de 
Titalien  soldato)  ä.  soMc?a;(^  (ou  soudart]  tire  de  la  meme  racine;  depuis 
le  XIV*  siecle).  Soudard  indique,  dans  un  sens  defavorable,  celui  qui 
a  des  habitudes  soldatesques;  ,il  se  prend  en  mauvaise  part,  soit  par 
moquerie,  soit  pour  exprimer  la  grossierete  ou  la  barbarie'  (Littre  s.  v.). 

Le  sens  pejoratif  est  aussi  fort  visible  dans  bdtard  et  cor7iard  (pour 
ne  citer  ici  que  ces  deux  exemples).  bdtard  (du  radical  bat,  voir  Dict. 
G^n.  s.  V.):  1"  de  naissance  illegitime.  2"  qui  n'est  pas  de  race,  d'espece 
pure;  degön^r^  de  l'esp^ce  ä  laquelle  il  appartient;  aufigure:  qui  n'est 
point  d'un  caractere  determine.  —  cornard  (derive  de  corne;  depuis  le 
Xni«  siecle,  voir  Dict.  Gen.  s.  v.  et  God.  Compl.  IX,  p.  201"  s.  v.  cor- 
nart):  celui  qui  a  des  cornes;  par  plaisanterie:  mari  trompö  par  sa 
femme,  cocu  (terme  d'injure). 

Dans  campagnard  et  dans  goujard  le  suffixe  -ard  r6pond  ä  l'idee 
pejorative  qu'impliquent  souvent  ces  mots.  Cawpagnard:  homme  dont 
les  manieres  sont  rustiques,  grossi{?res  et  maladroites^).  Goujard  (en 
fran^ais  moderne  gouj'at,  emprunte  au  XV^  siecle  du  proven^al  goujat, 
de  goujo,  au  sens  ])ropre  de  ,gargon'):  V  valet  d'armee;  2"  (plus  rare- 
ment)  apprenti  magon,  dont  la  fonction  est  de  porter  les  materiaux; 
3**  par  extension :  homme  sale  et  grossier,  malhonnete  et  coquin.  Gou- 
jard   (pour   goujat;    en   vieux  frangais  aussi  gougeard,    coujard,    voir 


1)  Voir  aussi  Nitzsche,  Über  Qualitätsverschlechterung  französischer  Wörter 
und  Redensarten.  Eine  semasiologische  Untersuchung.  Leipzig.  ;  Diss.  1898, 
p.  10,  16. 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe-ard  en  franfais  939 

God.  IV,  p.  SIT«)  se  dit  encore  dans  des  patois;  voir  p.  e.  Labourasse, 
Patois  de  la  Meuse  (Voutbons)  1887,  p.  303;  Corblet,  Gloss.  da  patois 
picard  (1851),  p.  428. 

Ces  quelques  remarques  nöaumoins  ne  veulent  pas  dire  qua  les 
mots  en  -ard  qui  figurent  dans  notre  etude  soient  tous  nettement  pe- 
joratifs  ou  risqueut  de  le  deveuir;  car,  comme  nous  Tavons  dit  plus 
haut,  ils  laissent  souvent  entrevoir  un  sens  qui,  sans  etre  nettement 
pöjoratif,  ne  fait  que  sc  rapprocher  plus  ou  moins  du  sens  pöjoratif, 
comme  dans  les  mots  suivanis,  qui  paraissent  präsenter  une  valeur 
legerement  depreciative: 

vasard  adj.  (tenne  de  marine):  vaseux,  ,e6te  vasarde'.  —  s.  m,: 
fond  de  vase  moUe. 

fagnard  (ä  cote  de  fagnoux) :  fangeux,  plein  de  ,fagne'  (fange, 
boue).  Patois  de  la  Saintonge.  Eveille,  Gloss.  saintongeais  (1887), 
p.  163. 

mouillard,  adj.,  humide.  ,terrain  mouillard',  ,terres  mouillardes'. 
Centre.    Jaubert,  Gloss.  du  Centre  II,  p.  89. 

Jaimard,  adj.,  jaunätre.  ,cettc  eau  est  jaunarde'.  Centre.  Jaubert, 
Gloss.  du  Centre  I,  p.  553. 

rougeard,  adj.,  rouge,  rougeaud.  .j'ai  vu  passer  un  chien  grand  et 
rougeard'.     Centre.    Jaubert,  Gloss.  du  Centre  II,  p.  287. 

Dans  d'autres  mots  le  sens  pejoratif  a  presque  entierement  (on 
peut  meme  dire  entierement)  disparu,  comme  dans: 

vieillard  m.;  ce  mot  implique  l'idee  d'un  bomme  respectable  par 
l'äge  et  beaucoup  moins  l'idee  d'un  homme  impotent  et  infirme.  Cf. 
dans  ce  dernier  sens:  bequillard  p.  971;  penard  p.  954;  coquard  (orig. 
vieux  coq):  vieillard  preteutieux  et  ridicule,  benet  (p.  965);  bonicard 
(vieux  bonicard),  dans  le  Jargon  des  voleurs  (Larchey,  Dict.  historique, 
etymologique  et  anecdotique  de  l'argot  parisien,  1872,  p.  55.  Rigaud, 
Dict.  d'argot  moderne,  1881,  p.  49)  de  ,bomgue\  mcme  sens  (Larchey, 
1.  c,  Delesalle,  Dict.  argot-frangais  et  frangais-argot,  1896,  p.  41). 
Rappeions  aussi  vieillarde  f ,  employe  seulement  avec  une  nuance  de 
mepris  dans  le  style  moqueur  et  satirique,  voir  Littre  s.  v.  vieillard  n»  4. 

Dans  grognard  nous  trouvons  le  sens  pejoratif  conserve  au  sens 
propre :  ,qui  a  la  manie  de  grogner'  (groiguart,  gruinard  en  vieux  fran- 
^ais-,  God.  IV.,  p.  363''  et  Compl.  IX,  p.  728"^),  mais  ce  sens  s'est  affaibli 
et  n'est  plus  guere  visible  au  sens  figure  de  ,soldat  de  la  vieille  garde' 
(et,  par  extension,  de  vieux  soldat  en  general).  Ce  qui  nous  Interesse 
ici,  c'est  que  le  mot  grognard  qui  a  ete  d'abord  un  sobriquet  donne 
aux  soldats  de  Napoleon  I«""  se  prend  ,le  plus  souvent  en  un  sens  favo- 
rable'  (Littre  s.  v.).  ,Voilä  que  je  grogne  en  vrai  grognard  pour  une 
promenade  reculee  de  quelques  heures'.  Sue,  Juif  errant,  II,  p.  239. 
,Troi8  fantomes  de  vieux  grognards,  En  uniformes  de  l'ex-garde,  Avec 


940  Kurt  Glaser 

deux  ombres  de  hussards',  Th.  Gautier,  Les  vieux  de  la  vieille.  ,Et 
celui-lä!  Ho!  ho!  en  grognard  de  l'Empire',  Rostand,  L'Aiglon  IV,  10 
(p.  186). 

Le  sens  pejoratif  s'est  affaibli  aussi  dans: 

gueiisard  (de  gueux;  admis  par  TAcadeniie  en  1835,  voir  Dict.  Gen. 
s.  V.),  celui  qui  vit  de  gueuserie,  gueux  renforce ;  employe  familierement 
comme  mot  d'amitie.  Larchey  p.  154,  155.  Delesalle  p.  147.  Lotsch, 
Wörterbuch  zu  moderneu  franz.  Schriftstellern,  1899,  p.  50*>. 

hurlard^  petit  hurlard,  qui  hiirle  fort  et  sans  cesse  (cf.  hurler, 
hurleur).  Je  n'ai  rencontre  ce  mot  que  dans  le  sens  de  ,harle'  (oiseau). 
Patois  de  Cayeux.  Corblet,  Gloss.  du  patois  picard,  1851,  p.  512;  cf. 
huard  (du  radical  huer)  un  des  noms  de  l'orfaie;  aigle  de  mer. 

tetard,  adj.  et  s.  m.,  qui  a  uue  grosse  tete  (sens  aiigmentatif).  De 
lä:  premiere  forme  de  la  greuouille,  du  crapaud  et  de  la  salamandre 
et  nom  vulgaire  de  certains  poissons  (chabot  etc.,  voir  aussi  Beauquier, 
Provincialismes  usites  dans  le  departement  du  Doubs  1881,  p.  282)  et 
dösignation  populaire  d'un  gros  arbre  decouronne  (qui  a  une  tete,  un 
falte,  une  cime  difforme.  De  Chambure,  Gloss.  du  Morvan  1878,  p.  833 
s.  V.  t^tar).  S'emploie  encore  figurement  au  sens  depreciatif  de  tetu, 
opiniätre,  p.  950^). 

Remarquons  ici  le  phenomenecurieuxquedesmotsen-ard,  discredites 
par  le  sens  depreciatif  qui  se  rattache  ä  la  terminaison-ard,  tombent 
en  d^suetude;  c'est  Nigard,  remplace  par  Nicien  ou,  plus  couramment, 
par  Nigois,  et  Savoyard^  designation  de  l'habitant  de  la  Savoie,  par  ex- 
tension,  dösignation  d'un  ramoneur  ou  decrotteur  (metier  exerc6  par  les 
Savoyards  expatries  et  trfes  nombreux  en  France)  et  enfin  designation 


1)  II  nc  fallt  pas  s'ötonner,  d'apröa  ce  qui  pröcede,  si  I'on  rencontre  en 
vieux  fraiiQais  et  plus  tard  encore  des  exemples  oü  rintioduction  de  la  termi- 
naison  -ard  (-art)  est  due  ä  un  besoin  de  la  rime  et  ne  parait  pas  etie  motiv6e 
par  le  sens.  On  trouve:  aufart  pour  aufage  dans  ,La  Prise  de  Pampelune* 
V.  6072,  ed.  Mussafia: 

,Quand  oiries  l'olifant,  che  fu  de  Helmont  l'aufart, 
,Aou  miir  dever  senestre,  ou  n'i  a  bois  ne  desart, 
jAsailiries  la  ville'  (cf.  aussi  God.  I,  p.  496»  s.  v.  aufart). 
Croysard   pour    croise    dans   une  poesie  du  commencement  du  XVI»  sifecle 
(Recueil  de  po6sies  frangoises  des  XVe  et  XVI«  sifeclcs,  publi6  par  A.  de  Mon- 
taiglon  et  J.  de  Rothschild.     XI,  p.  287): 

,Que  tu  te  gardez  des  hazars. 
, —  Ce  n'est  qu'ä  faulte  des  Croysardz 
,Que  le  Turcq  nous  occupe  Rhodes.' 
(On  parle  ici  des  Chevaliers  de  Rhodes  qui,  apres  un  siege  opiniätre,  se  sentant 
hors  d'6tat  de  defendre  leur  ile  contre  les  Turcs,  l'abandounferent  en  1522  ä, 
Soliman  II). 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe-ard  en  fran^aia  941 

d'un  honime  grossier').  Savoyard,  gräce  au  sens  d^pröeiatif  et  ironique 
qu'exprime  le  suffixe  -ard,  s'est  maintenu  comme  terme  de  mepris  daus 
ces  derniöres  acceptions,  taiidis  qu'on  a  fiui  par  le  remplacer  dans  son 
seus  primitif  et  benin  par  Savoisien  (parfois  Savoyen),  expression  modelee 
sur  Parisien  et  qui  tend  ä  devenir  de  plus  en  plus  commune^). 

Ce  petit  choix  d'exeniples,  puise  au  hasard  dans  le  lexique  des 
patois,  dans  celui  de  l'argot  et  enfin  dans  celui  du  frangais  iittöraire, 
suffira  pour  montrer  que  les  limites  qui  separent  le  sens  pejoratif  pro- 
prement  dit  de  la  serie  des  nuances  de  sens  qui  s'y  rattacbent  sont 
souvent  tres  vagues,  de  sorte  qu'un  sens  queleonque,  empietant  sur  le 
sens  pejoratif  et  se  confondant  avec  lui  oq  Tabsorbant  entierement,  peut 
produire  des  modifications  de  sens,  parfois  considerables  et  qui  ont 
souvent  pour  resultat  final  l'attcuuation  ou  meme  la  disparition  du  sens 
pejoratif.  Nous  nous  voyous  iei  en  presence  d'un  fait  des  plus  com- 
muns  et  des  plus  foudanientaux  dans  la  vie  des  uiots:  c'est  la  loi  du 
continuel  devenir,  de  la  transformation  eternelle  oü  se  trouve  une  langue 
dans  sa  morphologie  et  sa  synt.ixe  aussi  bien  que  dans  sa  semantique. 
Ces  changemeuts  incessants  et  plus  ou  moius  profonds  auxquels  le  sens 
d'un  mot  est  soumis,  ne  reposent  pas  sur  une  transition  brusque  et 
momentanee  qui  tout  d'un  coup  fait  naitre  ou  disparaitre  un  sens  nou- 
veau  dans  l'ensemble  des  sens  qui  coustituent  Telement  semantique  d'un 
mot,  mais,  comme  dans  tous  les  changemeuts  de  semantique,  sur  une 
transition  imperceptible,  sur  un  developpement  lent  et  graduel,  qui  fait 
naitre  un  sens  nouveau  ou  qui,  d'autre  pari,  produit  tantot  l'attenuation, 
tantöt  meme  la  perte  d'un  sens.  C'est  justement  cet  etat  de  trans- 
formation permanente  dans  lequel  s'est  trouve  et  se  trouve  toujours  le 
vocabulaire  frangais,  qui  explique  pourquoi,  dans  l'histoire  du  suffixe 
-ard,  le  sens  pejoratif  n'est  pas  toujours  elairement  eireonscrit  et  precise, 
et  par  consequent  souvent  difficile  ä  saisir. 


1)  Voir  aussi  Nitzsche,  Über  Qualitätsversclilechterung  franz.  Wörter  und 
Redensarten,  p.  15.  —  Savoisien  et  Savoyen  ne  sont  pas  des  n6ologismes,  comme 
on  pourrait  le  croire;  ces  uiots  remontent  tous  les  deus  au  moins  au  XVI«  siecle: 
,Le8  principaulx  de  ceste  chasse  cstoient  les  nobles  du  Daulpliine  et  Savoysiens'. 
Commynes,  t^d.  Dupont  I,  3  (T,  p.  40);  , Savoysiens  et  Bourguignons  de  tous 
temps  se  entre  aymoicnt  tres  fort',  ib.  II,  5  (I,  p.  153").  ,Les  Allobroges  dictz 
maintenant  Sauoysiens'.  Bonivard,  Advis  et  Devis  des  iengues  (nouvelle  edition 
Genöve  1865,  p.  10).     ,Les  Allobroges  noinez  de  present  Sauoyens',  ib.  p.  22. 

2)  De  meme  Briard  (parfois  aussi  Briois;  de  Brie,  habitant  de  cette  pro- 
vince).  On  dit  cependant  et  sans  aucune  nuance  pejorative,  autant  que  je  sache: 
Anniviard  (habitant  de  la  vallee  d'Anniviers.  Vaud.);  Bagnard  (habitant  de  la 
vall6e  de  Bagnes;  le  bagnard:  patois  de  cette  region) ;  Bionnerard  {habitant  Ae 
Bionnay,  village  au  pied  du  Mont-Blanc);  Chamoniard  (habitant  de  Chamouix); 
Tignard  (habitant  de  la  valI6e  de  Tignes),  Sagnard  (habitant  de  la  vallee  de 
Sagne.    Jura)  etc. 


942  Kurt  Glaser 

Nous  arrivons  enfin  ä  la  categorie  des  mots  en  -ard  qui  pr^sentent 
uu  sens  plus  clairement  (ou  meme  nettenieut)  pejoratif.  C'est  siirtout 
le  langage  popiilaire  et  familier  qui  s'est  empaie  du  suffixe  ard  pour 
exprimer  un  sens  depreciatif.  Une  graude  quantitc  de  ces  termes  appartient 
au  vocabulaire  des  patois  et  de  Targot,  mais  il  s'en  trouve  pourtant  un 
nombre  appreciable  dans  le  bon  frauQais. 

Pour  montrer  le  role  que  le  sens  pejoratif  a  joue  et  joue  toujours 
dans  riiistoire  du  suffixe  -ard,  commengons  par  nommer  des  mots  d'origine 
moderne  (ou  d'origine  relativement  moderne)  apparteuant  au  langage 
populaire  ou  familier,  et  oü  l'empioi  du  suffixe  -ard  dans  un  but  depre- 
ciatif comporte  en  meme  temps  une  nuance  legerement  ironique.  En 
effet,  le  sens  qui  se  rapproche  le  plus  du  sens  pejoratif,  c'est  le  sens 
plaisant  et  ironique.  De  la  moquerie  ä  une  Interpretation  en  mauvaise 
part,  il  n'y  a  qu'un  pas.  C'est  ainsi  qu'un  homnie  saus  caractere,  qui 
se  laisse  dominer  par  les  femmes,  se  voit  qualifie  de  pantonfiard  (De- 
lesalle,  Dict.  argot-frauQais  et  frangais-argot,  1896,  p.  201')  et  qu'un 
babitant  de  la  banlieue  de  Paris  est  qualifie  de  banlieusard  (,Journal 
amüsant'  du  20  novembre  1897,  Lotsch  p.  1^,  Donos,  Paul  Verlaine  in- 
time p.  195 ;  parait  etre  forme  sur  gueusard,  voir  Nyrop,  Gram,  histor. 
111,  p.  166,  §  352;  cf.  plus  bas  bondieusard).  Un  membre  de  l'Institut  est 
nomme  coupolard,  par  allusion  ä  la  coupole  du  Palais-Mazarin  (Delesalle 
p.  79,  Rigaud  p.  118);  le  titulaire  d'une  medaille,  qui  la  porte  avec  osten- 
tation  estnommö  medaillard  (Sachs- Villatte,  Suppl.  s.  v.);  un  homme  (ou- 
vrier  etc.)  qui  porte  une  blouse  est  nomme  hlousard  (Sachs- Villatte,  Suppl. 
8.  V.);  un  meudiant  vetu  de  guenilles:  ^?<e»///ort/ (Sachs- Villatte,  Suppl. 
8.  V.);  un  marchand  de  bric-a-brac:  hricard  (Sachs-Villattes.  v.  —  rare); 
un  malfaiteur  condamne  au  bagne :  bagnard  (Sachs-Villatte  s.  v.  —  loff(e) 
et  loffard\  argot  des  malfaiteurs,  Sachs-Villatte  s.  v.);  un  officier  qui 
tient  fort  ä  la  discipline:  discipUnard  (Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.);  un 
voleur  de  pendules:  pendulard  (employe  adjectivement.  rare.  Sachs- 
Villatte  s.  V.);  un  homme  qui  se  laisse  facilement  piper  (c'est  ä-dire 
tromper)  s'appelle  pipard  (Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.;  cf.  simplart: 
homme  fort  simple,  naif  et  credule.  vieilli.  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.). 
Un  mendiant  qui  exploite  la  charite  publique  dans  les  omnibus  s'appelle 
parfois  omnibusard  (Rigaud  p.  267,  Delesalle  p.  195,  196);  un  voleur 
qui  profite  d'une  ,trepe'  (c'est-ä-dire  d'un  rassemblement)  et  qui,  au 
besoin  fait  naitre  un  rassemblement,  ä  la  faveur  duquel  il  exerce  sa 
petite  Industrie,  s'appelle  en  argot  trepignard  (Rigaud  p.  374,  Delesalle 
p.  292);  un  homme  qui  a  ,le  truc'  s'appelle  trucard  (Delesalle  p.  296); 
un  homme  qui  cherche  ä  tirer  profit  de  toute  chose  s'appelle  proßtard 


1)  C'6tait  aussi  le  sobriquet  donne  en  1871  aux  gardes  iiationaux  de  Paris 
impropres  au  Service  militaire.    Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 


Le  sena  p6joratif  du  suffixe-ard  en  fran^ais  943 

(Sachs  Vilhitte,  Suppl.  s.  v.;  cf.  profiteur);  iin  buveur  d'eau,  oii,  plus 
couramment,  un  giund  amalcur  de  bains  froids:  grenoiiillanl  (Rigaud 
j).  204,  Delesalle  p.  144);  iin  amatenr  de  courses  de  chevaux  qui  de 
pröference  stationne  snr  la  pelouse  (c'est-ä-dire  sur  la  parlie  interieure 
du  cbamp  de  courses)  porte  !e  sobriquet  de  j^^^ousard  (Lotsch  p.  TS-"»). 
Un  marcband  d'objets  de  devotion  et  enluniineur  d'images  de  saintete 
s'appelle  bondieusard  (bondieuzard);  ce  mot  se  dit  aussi,  dans  le  lan- 
gage  des  libres-penseurs,  de  quiconque  croit  en  Dieu  ou  fait  montre  de 
sentiments  religieux  (Kigaud  p.  48—49,  Delesalle  p.  41.  Darmesteter, 
De  la  creation  actuelle  de  mots  uouveaux  dans  la  laugue  fran9ai8e. 
Paris  1877,  p.  89;  cf.  bondieusarderie  f.:  devotion,  pratiquc  religieuse, 
hommage  ä  la  religion,  par  oppos^ition  k  boudieuserie  f.:  metier  du 
bondieusard;  articles  de  piete;  commerce  d'objets  de  saintete).  Un 
Soldat  d'infanterie  de  ligne  se  voit  qualifie  de  lignard^)^  de  gamellard 
(de  gamelle.  Sachs-Villatte,  Suppl,  s.  v.)  ou  de  ßingart,  parce  qu'il 
porte  le  flingot  (fusil).  Rigaud  p.  177.  Rapprochons  ici:  cüroiiillard: 
dragou,  par  allusion  ä  la  forme  de  son  easque  (et  non  par  allusion  ä 
la  couleur  de  sa  tunique,  comme  le  croit  Rigaud  p.  100).  —  flottard, 
aspirant  ä  l'ecole  navale  (Rigaud  p.  177,  Delesalle  p.  122).  —  torpillard, 
nom  donne  recemment  aux  soldats  de  marine  cbarges  de  placer  les 
torpilles  (Darmesteter,  De  la  creation  actuelle  de  mots  nouveaux  dans 
la  langue  frangaise.  Paris  1877,  p.  90).  —  conscrar(d)  (pour  conscrit), 
eleve  de  l'Ecole  Polytechnique  pendant  sa  premi^re  annee  d'etudes  (Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V.).  —  briscard  ou  brisquart^  soldat  (sergent),  qui 
porte  les  ,brisques'  (chevrons),  vieux  troupier.  Larchey  p.  64  s.  v. 
briscard,  Delesalle  p.  48  s.  v.  briscard,  Rigaud  p.  61  s.  v.  brisqiiart, 
Darmesteter,  De  la  creation  actuelle  etc.  p.  89.  —  foignard^  soldat,  de 
,foigne':  guerre.  Delesalle  p.  123,  Lotsch  p.  42",  cf.  Franc-Foignard: 
capitaine.  Delesalle  p.  127  s.  v.  franc  et  Lotsch  p.  43^  —  camisard, 
soldat  des  compaguies  de  discipline;  iis  portent  une  blouse  blanche 
semblable  ä  une  ,chemise'  (argot  militaire).  Delesalle  p.  55,  Darme- 
steter p.  89.  —  truffard:  ,truffin',  vieux  soldat.  Delesalle  p.  296.  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V.  (voir  plus  bas  p.  944). 

Un  homme  (ecclesiastique)  qui  va  souvent  en  pelerinage  est  trait^ 
de  felerinard  (par  Opposition  a  pelerineur:  celui  qui  organise  des  pele- 
rinages;  neologisme,  voir  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.);  un  pretre,  en  sa 
qualite  de  porteur  de  chasuble,  est  traite  de  chasublard  et,  en  sa  qua- 
lite  de  porteur  de  calotte,   de  calot(t)ard  (Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.); 

1)  De  ,ligne'  dans  le  sens  de  ,suite  de  mots  Berits  ou  imprimes  sur  une 
mfeme  direction'  est  tire  lignardi  redacteur  de  Journal  paye  ä  la  ligne;  typo- 
graphe  charge  de  la  ligne  courante  (Rigaud  p.  227).  ,Ligne'  dans  le  sens  de 
,fil  pour  pöclier'  a  donne  lignard:  pecheur  ä  la  ligne  (sobriquet  d'usage  dans  le 
Jargon  des  canotiers  de  la  Seine.    Rigaud  p.  227). 


944  Kurt  Glaser 

uu  meine,  porteur  de  froc  (cf.  ,porte-froc')  est  traite  de  frocard  (depuis 
le  XVII«  ou  XVm«  siecle.  Admis  Acad.  1835,  cf.  Dict.  Gen.  s.  v.  — 
\a  frocarde:  la  religieuse.  Saclis-Villatte,  Suppl.  s.  v.).  ,Vit-on  un  seul 
royaliste,  un  seul  cagot,  un  seul  chasublard,  preudre  les  armes  pour  la 
defense  du  tröne  et  de  l'autel?'  (G.  Guillemot,  ,Le  mot  d'oidre'  du 
6  septembre  1877;  voir  aussi  Rigaud  p.  89).  ,Quatre  gendarnies  pour 
mettre  les  frocards  dehors  et  fermer  la  porte,  cela  suffit'  (,Lanterne'  du 
5  mai  1880).  ,Et  voilä  ce  frocard  imbecile  qui  va  les  avoir'  (Paul 
Bourget,  ,Un  saint',  6d.  de  Cloudesley-Brereton,  Londres  1907,  p.  52). 
,J'oubliais  que  le  frocard  a  un  gite',  .  .  .  ,je  sais  maiDtenant  oü  trouver 
le  frocard'  .  .  .,  vous  etes  perdu,  ab !  frocard'  (Michel  Zevaco,  L'heroine, 
,Matin'  du  21  juillet  1908). 

Un  homme  riebe  s'appelle  richard,  ou,  en  argot,  sacard^  qui  a  le 
,8ac',  c'est-ä-dire  de  l'argent  (Delesalle  p.  260)'),  douillard  (de  ,douille', 
argent.  Larchey  p.  120,  Rigaud  p.  140,  Delesalle  p.  96),  rondouillard 
(probablement  par  allusion  aux  ,rouds'  que  Ton  gagne,  Sacbs-Villatte, 
Suppl.  s.  V.),  suiffard,  riebe,  tricheur  (Larchey  p.  224,  Delesalle  p.  276, 
Rigaud  p.  355.  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.v.;  cf.  suifferie  :  tripot),  rif(f)lard 
(de  ,rifler'  :  voler,  Sacbs-Villatte  s.  v.)  eufin  rouhlard,  qui  possede  des 
roubles,  terme  d'argot  qui  s'emploie  aussi  au  sens  de  ,ruse  dans  la 
defense  de  ses  interets';  ,blase,  malin'  (voir  aussi  plus  bas  p.  945.  — 
Larchey  p.  216,  Rigaud  p.  3.55;  Delesalle  p.  255).  Antonyme:  pauvrard 
(Sacbs-Villatte  s.  v.). 

ön  homme  qui  a  de  la  veine  (c'est-ä-dire  de  la  cbance)  est  nomme 
veinard  ou  chanqard  (Rigaud  p.  85,  384.  Eveille,  Gloss.  saintongeais 
p.  87,  88,  Constantin  —  Desormaux,  Dict.  savoyard  p.  93,  Sachs-Villatte 
s.  V.  —  ,ici  la  signification  depreciative  du  suffixe  parait  s'effacer:  dans 
veinard,  -ard  indique  seulement  une  sorte  d'aduiiratiou  jalouse',  Darme- 
steter  p.  90);  en  argot:  bidard  (Delesalle  p.  35,  origine?)  et  truffard 
(Rigaud  p.  378.  Sacbs-Villatte,  Suppl.  s.  v.;  cf.  truffeur:  trompeur; 
truft'erie:  tromperie.  Delesalle  p.  297).  De  meme:  debidard  (Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V.),  deveinard,  homme  qui  a  de  la  ,deveine'  ou  guig- 
nard,  qui  a  la  ,guigDe'  ou  le  ,guignon'  (c'est-ä-dire  la  mauvaise  Chance 
surtout  en  parlant  du  jeu.  ,vieux  refrain  qui  berce  l'amertume  des 
aigris,  des  guignards,  des  decourages,  des  attardes'.  Le  Matin  8  oc- 
tobre  1908)  et  enfin  dechard:  celui  qui  est  dans  la  ,deche',  ,deeheux', 
qui  est  pauvre,  miserable.    Delesalle  p.  88.    Rigaud  p.  129. 


1)  Cf.  le  Dictionnaire  de  Trevoux  (1771)  s.  v.  sacard:  ,0n  appelle  ä  Dijon, 
sacards,  ces  gens  qui  en  temps  de  peste  enterrent  les  corps  des  pestiför^s,  et  qui 
dans  cette  occasion  volent  tout  ce  qu'ils  trouvent  sous  leur  main  dans  les  mai- 
sons  des  malades.  On  entend  par  ce  mot  tous  coquins,  pendarde,  gens  de  nöant, 
et  comme  on  dit,  de  sac  et  de  corde.' 


Le  scns  p6jor<atif  du  suffixe-ard  en  franjais  945 

Un  agent  de  police  que  le  style  officiel  honore  du  titre  sonore  de 
jgardien  de  la  paix'  est  noinme  en  argot  de  Paris  Jlickard  (fliquard) 
ou  menje  Jliquadard  (Delesulle  p.  122,  creation  audacieuse  que  Larchey 
p.  139  öcrit  par  fausse  etyniologie:  fligue  ä  dard),  le  mot  simple  (flick 
ou  flique)  ^)  n'etant  plus  assez  detavorable.  Termes  synonymes:  roub- 
lard  (liigaud  p.  335.  Delesalle  p.  255,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.)  et 
affurard:  sergent  du  guet  qui  arretait  les  voleurs  (cf.  affurer:  tromper, 
gagner  en  volant.  —  alfur,  affurage:  profit  d'un  vol.  Larchey  p.  26, 
Delesalle  p.  6) 2). 

Souvent,  comme  dans  ces  derni^res  expressions,  la  terminaison  -ard 
a  ete  introduite  pour  mieux  faire  ressortir  l'idee  pejorative  qu'implique 
tel  ou  tel  mot').    Ainsi  s'expliquent  les  expressions  suivantes: 

faiblard:  faible  (dans  le  sens  de  mediocre).  Kigaud  p.  160,  Dele- 
salle p,  114,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

fichard,  dans:  va-t'en  au  fichard:  va  te  faire  fiche.    Rigaud  p.  171. 

flanchard,  pour  ,flancbeur',  celui  qui  ,flanche',  qui  lache  pied.  Dele- 
salle p.  121,  Lotsch  p.  41'^. 

rigolard  ou  rigouillard:  rigoleur,  rigolo.  Delesalle  p.  232.  Lotsch 
p.  87'';  terme  synonyme  :  r//o/wrc?.     liigaud  p.  332,  Delesalle  p.  232. 

farfouillanl:  ,farfouilleur',  celui  qui  ,farfouille',  chercheur,  chuchoteur. 
Delesalle  p.  115. 

parmesard  (parmezard):  pour  ,parmesan',  pauvre,  räpe  comme  du 
parmesan.  Jargon  des  voleurs.  Rigaud  p.  278,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

poupard,  pour  ,poupon',  vol  organise.  Argot  des  malfaiteurs.  Lar- 
chey p.  204,  Delesalle  p.  230.  ,(^a  serait  flambant  pour  uous  qui  avons 
nourri  le  poupard',  Sue,  Mystöres  de  Paris  I,  p.  68.  —  ,lä  il  verrait 
celui  qui  a  nourri  le  poupard'  1,  p.  271.  ,puisque  c'est  nous  qui  aurons 
nourri  le  poupard'  UI,  p.  63.  ,un  petit  poupard'  VIÜ,  p.  272.  ,puisque 
tu  veux  t'arranger  de  mes  poupards'  VIII,  p.  273. 

verminard:  vermineux,  homme  de  rien,  individu  mal  mis,  sale, 
s'occupant  d'affaires  vereuses.  Rigaud  p.  385.  Delesalle  p.  302.  Sachs- 
Villaite,  Suppl,  s.  v. 

blechart:  ,bleche',  laid,  mediocre,  mauvais.     Delesalle  p.  38. 

busard  s.  m.:  ,bu8e'  (au  sens  de  ,80t')  ou  ,busou'.    Sachs-Villatte  s.  v. 

couiUard  s.  m. :  ,couille'  ou  ,couillon'.    Sachs-Villatte  s.  v. 

momard  s.  m. :  ,m6me':  petit  enfant,  enfant  puni  pour  vol,  voleur. 
Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 


1)  On  6crit  aussi  flic:  ,Ta8  de  charognes,  flies,  viande  ä  saler!'  ,Le  Journal' 
du  17  mai  1909. 

2)  Cf.  en  vieux  frangais  rifflart  m.:  sergent,  recors.  God.  VII,  p.  lOö»  (rifle 
m.:  pillard;  veibe  rif(f)ler:  manger  avidement,  arracher,  ecoicher;  enlever,  piller, 
ravager,  escroquer.     De  lä  rif(fßard  au  sens  de  ,richard'.    Sachs-Villatte  s.  v.). 

3)  Cette  liste  se  completera  d'elle-meme  dans  le  cours  de  notre  etude. 

Romanisulio  Forschungen  XXYU»  DU 


946  r^urt  Glaser 

chourinard  s.  m.  ^chourineur'  (verbe  chouriner).  Sachs-Villatte, 
Suppl.  8.  V. 

vhiard  adj.:  venal.     Sachs-Villatte  s.  v. 

loffard  adj.  et  s.  m.:  ,loffe',  .lofat',  ,loffiat',  niaiS;  maladroit,  faux, 
mauvais  etc.  Argot  des  voleuis.  Delesalle  p.  165,  Lotsch  p.  58*,  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V. 

focard  adj,  et  s.  m.:  ,toc',  ,tocandin',  ,tocasse':  luid,  vieux,  iiß6,  ab- 
surde. Larchey  p.  227,  228,  Delesalle  p.  286,  Lotsch  p.  101%  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V.  (se  dit  surtout  en  parlant  d'un  cheval). 

Un  bomme  qui  a  du  chic  s'appelle  en  lang-age  populaire  chicard 
et  meme  chicandard  et  chicocandard  (les  deux  dernieres  expressions  in- 
diquent  celui  qui  possede  le  comble  du  chic,  sens  augmentatif  oü  se 
rattache  l'idee  pejorative.  Darmesteter,  De  la  creation  actuelle  etc , 
p.  89,  90;  Nyrop,  Gram.  bist.  III,  p.  168,  remarque;  Larcbey  p.91,  92, 
Delesalle  p.  67.  ,11  parlait  argot  afin  d'eblouir  ...  les  bonrgeois,  di- 
sant  .  .  .  chicard,  chicandard.'  Flaubert,  Madame  BoVary,  p.  308). 
Cf.  pschuttard  au  sens  de  ,pscbutteux'  ou  ,pscbutt':  elegant  (Dele- 
salle p.  233)  et  fadard,  plus  que  ,fade',  egalement  au  sens  d'^legant 
(Larchey  p.  131,  Delesalle  p.  113).  De  meme  flambard  (ou  ßam- 
hart):  ,flambaut',  gai  luron,  orgueilleux,  richement  vetu.  ,faire  le  flam- 
bard.' 

Le  laugage  populaire,  nou  content  des  expressions  dedaigneuses  de 
pedaleur  (pour  cyclistej  et  pedard  (cycliste  grossier  et  maladroit)  a 
cree  meme  le  mot  pHalard,  comme  on  dit  populairement  cydard  (voir 
aussi  Lotsch  p.  27*J.  Rappeions  ici:  chavßard  (pour  Chauffeur)  et 
automaboulard  (form6  de  ,auto' et  ,maboule' ,fou':  automobiliste,  expres- 
sion  dedaigneuse  creee  par  Edmond  Picard ;  cf.  ,automaboulisme',  terme 
du  au  meme  auteur). 

Le  substantif  dynamiteur  ne  süffisant  plus,  on  en  a  fait  dynamitard 
(Delesalle  p.  97).  De  meme:  pudibard:  faux  pudibond  (Larchey  p.  206, 
Delesalle  p.  233,  Darmesteter  p.  90;  cf.  pudibarderie :  pudibonderie 
exag^ree)  et  bicepsard:  ,bice])smau',  ,celui  qui  a  du  biceps'  (c'est-ä-dire 
est  tres  fort.     Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.). 

On  a  pu  lire  tout  recemment  encore  dans  les  journaux  les  phrases  sui- 
vantes:  ,Allon8,  Messieurs  les  patriotards,  qui  parlez  si  souvent  de  pro- 
grcs',  ,Le  Peuple'  de  Bruxelles,  2  aoüt  1908.  ,rattitude  qui  le  faisait 
Tallic  des  revanchards  et  des  patriotards' .  ,L'Express'  de  Lifege, 
22  juillet  1909.  ,une  assemblee  nourrie  de  prejuges  et  de  cliches  pa- 
triotards' ib.  Le  sens  defavorable  qui  se  rattache  ä  patriotard  se  sent 
aussi  dans  ,patrioterie':  ,lui  qui  avait  6t6  elev6  dans  la  patrioterie  et  la 
religion  de  la  baionnette  souveraine'  (Th.  Gautier,  Les  Jeune  France 
1833,  p.  145;  voir  aussi  Darmesteter,  De  la  creation  actuelle  p.  99). 

Parfois  les  mots  en  -ard  impliquent  meme  un  sens  obscene,  comme 


Le  sens  pöjoratif  du  suffixe  -ard  en  fran^ais  947 

crevard,  enfant  niort-ne,  qiii  vicnt  de  ,crever'  (Eig::uid  p.  120,  Sachs- 
Villatte  s.  v.)*),  gndonard  (de  gadoue:  eng-rais  coustitue  par  les  ordures 
mcnageres):  vidangeur  et  fignard  pour  figne  et  troufignard  pour  trou- 
tignon  (aDus.  Delesalle  p.  118,  296);  mome  sens  que  pignard  (Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  v.)=^). 

luutile  de  dire  qne  le  suffixe  -ard  s'est  introdiiit  aiissi  dans  de 
nombreux  mots  patois,  pour  exprimcr  uu  seus  plus  ou  moins  uettement 
döpreciatif  et  que  souligne  ßouveiit  uue  legere  nuaiiee  d'ironie. 

Citons  ici: 

boudard  adj.:  boudeur.  Patois  du  Haut-Maine.  Montesson,  Voca- 
bulaire  des  mots  usites  daus  le  Haut-Maine  (1899),  p.  118,  119.  Termes 
synonymes:  bogiiä  (cf.  boque  f.  boude,  moue.  et  boquer:  bouder).  Patois 
messin.  Lorrain,  Glossaire  du  patois  messin,  1871),  p.  14.  et  miliar 
(de  mulo:  bouder).  Patois  du  Val  de  Saire  (Manche).  Romdahl,  Glos- 
saire du  patois  du  Val  de  Saire,  1881,  p.  49. 

finard  adj.,  finaud,  ruse.  Dialecte  de  Stavelot.  Haust,  Vocabulaire 
du  dialecte  de  Stavelot,  1904,  p.  17. 

javülard:  babillard  (de  javiller:  bavarder).  Patois  du  Haut-Maine, 
Montesson,  Vocabulaire  des  mots  usites  dans  le  Haut-Maine  (1899), 
p.  333. 

piaulard :  pleurnicheur.  Patois  picard.  Corblet,  Glossaire  du  patois 
picard  1851,  p.  513,  Decorde,  Pays  de  Bray  1852,  p.  109.  Du  verbe 
piauler:  pleurnicher;  ce  sens  decoule  de  Tacception  originale  ,pousser 
de  petits  cris,  en  parlant  des  petits  de  certains  galliuaces';  cf.  en  frangais 
piauleur  (petit  gargon  qui  a  l'babitude  de  piauler,  de  crier  en  pleurant) 
et  piaulement  (action  de  piauler). 

pignard  adj.,  qui  pleure  pour  peu  de  chose;  plus  fort  que  le  terme 
synonyme  ,pignoux'  (du  verbe  ,pigner',  pleurer  aisement).  Patois  du 
Haut-Maine.  Montesson,  Vocabulaire  des  mots  usites  dans  le  Haut- 
Maine  (1899),  p.  418. 

bennard,  ä  cote  de  ,bennoux',  pleureur  (verbe  ,benner'),  dans  le 
meme  patois.    Montesson  p.  99. 

brocar,  adj.  et  s.  m.,  pleurnicheur  (cf.  broquer:  beugler,  mugir, 
chanter  mal  et  fort).  Patois  de  Mons.  Sigart,  GIoss.  etymologique 
montois  1870,  p.  100. 

ßaunard,  fiaunard,  adj.,  pleurnicheur  (verber  ,flauner',  ,fiauner': 
pleurnicher).    Centre.     Jaubert,  Gloss.  du  Centre  I,  p.  441. 

bolar  (fem.  bolarde ;  du  verbe  ,boler',  pleurer,  cf.  ,bolet',  pleureur) 


1)  Sachs- Villatte,  Suppl.  s.  v.  cite  encore  le  sens  figurß  de  .verbohrt,  ver- 
dreht.' 

2)  Origine?     Je  ne  trouve  a  rapprocher  que  pigne  m.:   celui  qui  a  du  mal 
aux  parties  secrötes,  releve  par  God.  VI,  p.  156b  dans  un  exemple  unique  de  1411. 

60* 


948  Kurt  Glaser 

celui  qui  se  plaint  ä  tout  propos,  qui  gemit  sans  cesse,  qui  va  toujours 
plenrant.  Patois  du  Morvan.  De  Chambure,  Glossaire  du  Morvan, 
1878,  p.  95. 

baillard^  adj.  et  s.  m.:  criard  (du  verbe  ,bailler').  Patois  messin. 
Lorrain,  Glossaire  du  patois  messin,  1876,  p.  11  s.v.  bayä,  Meme  sens 
que  pUicIiard.     Lorrain  p.  49  s.  v.  pinchä. 

craillard,  adj.,  ß'emploie  dans  les  patois  du  Centre  de  la  France 
au  sens  de  criailleur.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  I,  p.  297.  Montesson, 
Vocabulaire  des  mots  usites  dans  le  Haut-Maine  (1899),  p.  186.  Mar- 
telliere,  Glossaire  du  Veudomois  (1893),  p.  88.  Le  verbe  ,crailler'  (crier 
fort ;  memes  patois)  est  reste  frangais  au  sens  de  ,pousser  le  eri  parti- 
culier  ä,  la  Corneille'  (en  parlant  de  cet  oiseau);  cf.  ,craillement':  cri 
de  la  Corneille. 

benglard,  qui  beugle  au  lieu  de  chanter.  Patois  picard.  Corblet, 
Glossaire  du  patois  picard,  1851,  p.  292, 

coumard  adj.  (verbe  couiner,  de  l'allemand  quienen),  grognon,  qui 
se  plaint  toujours.  Dans  certains  patois.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  I, 
p.  288.    De  Chambure,  Glossaire  du  Morvan  1878,  p.  219  s.  v.  couinar. 

vetillard,  pour  vetilleux  (qui  s'amuse  ä  des  vetilles).  Eudel,  Locu- 
tions  nantaises,  1884,  p.  185. 

honurd,  adj.:  imbecile.  Patois  du  Haut-Maine.  Montesson,  Voca- 
bulaire des  mots  usitös  dans  le  Haut-Maine,  1899,  p.  116.  En  proven- 
9al  bounard  (limousin),  bounas:  tresbon;  bonhomme,  debonnaire.  Mistral 
s.  V.  —  Cf.  en  frangais  bonicard  p.  939  et  bonasse :  d'une  boute  qui  va 
jusqu'ä  la  faiblesse,  d'une  bonte,  d'une  simplicite  excessives. 

dichar  s.  m.  P  qui  a  la  dysenterie,  2"  sobriquet  qu'on  donne  aux 
habitants  des  villes.  Cf.  dich  f.  dysenterie.  clichie:  avoir  la  dysenterie. 
Patois  du  Val  de  Saire  i Manche).  Romdahl,  Glossaire  du  patois  du 
Val  de  Saire,  1881,  p.  28. 

rateJard  m.  begue  (de  rateler :  bögayer).  Patois  picard.  Corblet, 
Glossaire  du  patois  picard,  1851,  p.  535.  Faut-il  reconnaitre  ce  sens 
dans  la  phrase  suivante:  ,il  quacquette  trop,  il  rateile  trop  pour  ung 
saige  homme?'  (Palsgrave,  Esclairc.  de  la  langue  fr.,  ed.  Genin  p,  486). 
God.  VI,  p.  617*=  explique  ici  ,rateler'  par  ,bavarder'. 

billard,  adj.,  boiteux,  qui  marche  la  pointe  des  pieds  en  dedans; 
s'emploie  dans  certains  patois,  voir  p.  e.  Decorde,  Pays  de  Bray  (1852) 
p.  63.    Jaubert,  Gloss.  du  Centre  I,  p.  145.    Sachs-Vi Hatte,  Suppl.  s.  v. 

w?^ar(/ (verbe  nifler:  renifler,  surtout  en  parlant  d'un  chien.  God.  V, 
p.  498'',  cf.  nifle  f.  nez.  God.  V,  p.  498),  qui  nifle,  qui  flaire  en  faisant 
du  bruit  avec  les  narines.  Patois  picard.  Corblet,  Glossaire  du  patois 
picard,  1851,  p.  496;  cf.  en  frangais  renifleur  (qui  a  l'habitude  de  renifler) 
et  reniflard  (soupape  de  cbaudiöre  ä  vapeur). 

canißard:  meme  sens  que  niflard.    Patois  picard.     Corblet  p.  320. 


Le  seus  pöjoratif  du  suffixe  -ard  en  fran^ais  949 

gouinardy  adj.  (de  ,goiiine',  ])rostitiiee  de  la  plus  vile  espöee),  eou- 
reur  de  peisonnes  de  mauvaise  vie.  Patois  du  Centre.  Jaubert,  Gloss. 
du  Centre  I,  p.  493. 

honfar  8.  m.  grand  mangeur  (peu  usit6);  verbe  boufcr:  maoger 
avidemeut.  Patois  du  val  de  Saire  (Manche).  Komdahl;  Glossaire  du 
patois  du  Val  de  Saire,  1881,  p.  21. 

paissard,  adj.,  j)oisseux,  collant.  Haut-Maine.  Montesson,  Voca- 
bulaire  des  mots  usites  dans  le  Haut-Maine  (1899),  p.  399. 

pichar  s.  m.  pisseur.  , Saint  Mödard,  grand  pichar'.  Patois  wallon 
de  Mons.     Sigart,  Gloss.  etymologique  montois,  1870,  p.  281. 

relar  s.  m.  et  adj.,  qui  ,rele'  (c'est-ä  dire  bougonne)  beaucoup.  Verbe 
reler,  du  flamand  .rellen'  (causer,  jaser).  Patois  wallon  de  Mons.  Sigart, 
p.  309. 

bleffar  adj.  et  s.  m.  bleffon,  qui  ,blefl[e'  (c'est-ä-dire  bave).  Patois 
wallon  de  Mons,  Sigart  p.  90. 

hoid.,  adj.  et  s.  m.,  begue,  bredouiileur.  Patois  messin.  Lorrain, 
Glossaire  du  patois  messin.,  1876^  p.  14,  cf. 

berboid,  adj.,  bavard,  bredouiileur.  Verbe  berboier:  barbouiller  en 
parlant,  bredouiller,  marmoter.    Patois  messin.     Lorrain  p.  12. 

cayard{cmjd),  adj.,  bigle,  qui  louche.  Verbe  cäyer:  loucher.  Patois 
messin.     Lorrain  p.  17. 

patd  (grous):  gros  pataud.     Patois  messin.    Lorrain  p.  47. 

toünia  ady.^  sournois;  pour  tournillard:  qui  u'agit  pas  franchemeut, 
qui  tourne  la  tete.  Cf.  verbe  toügner :  tourner  le  cou  sournoisement, 
manquer  de  frauchise;  touruiller.    Patois  messiu.    Lorraiu  p.  59. 

cachard^  adj.  et  s.  m.  1"  paresseux,  surtout  en  parlant  d'un  cbeval. 
Patois  de  la  Basse-Normandie.  Decorde,  Pays  de  Bray  1852,  p.  57  s.  v. 
cachard.  Romdahl,  Glossaire  du  patois  du  Val  de  Saire  1881,  p.  23 
8.  V.  cacbar  (cf.  eacber:  chasser,  faire  marcher  un  animal  devant  soi, 
ä  coups  de  fouet  ou  de  baton).  2"  cachottier,  sournois.  Suisse  romande 
et  Savoie).  Constantin-DesormauX;  Diet.  savoyard,  1902,  p.  77  s.  v. 
cachard. 

pourissard  m.,  enfant  malpropre.  Cf.  pourissant  etc.  Eudel,  Lo- 
cutions  nantaises,  1884,  p.  141. 

queuld  (f^m.  -arde):  culot,  le  dernier-ne  d'une  famille,  le  dernier 
d'une  classe,  expression  patoise  en  usage  ä  Vouthons  (Meuse),  oü  le 
suffixe  -ard  a  ete  introduit  k  la  place  du  suffixe  fran^ais  -ot,  Labourasse, 
Patois  de  le  Meuse,  1887,  p.  449. 

rumonard  m.  (pour  ramoneur)  dans  certains  patois :  ,ramonä,  rai- 
moignä,  raimougnä'.  Patois  du  Morvan  (De  Chambure,  Gloss.  du  Morvan, 
1878,  p.  716);  ,ramognard\  jx  cote  de  ,ramonicham'.  Patois  du  Haut- 
Maine  (Montesson,  Vocabulaire  des  mots  usites  dans  le  Haut-Maine,  1899, 
p.  452).     Ce  changement  de  suffixe  est  dil  au  sens  depreciatif  que  le 


950  ^^^^'*  Glaser 

langage  populaire  prete  souvent  ä  raraoneur  (le  metier  de  ramoneur 
est  souvent  discredite.  Voir  ce  que  nous  avons  dit  plus  haut  p.  940  ä 
propos  de  ,Savoyard'). 

De  cette  manifere  le  suffixe  -ard  devient  de  plus  en  plus  capable 
de  ß'ajouter  ä  toutes  sortes  de  radicaux  et  de  produire  encore  des  crea- 
tions  nouvelles  si  le  besoin  s'en  fait  sentir. 

En  parcourant  les  dictionnaires,  nous  voyons  que  le  suffixe  -ard 
forme  de  pref(^rence  des  derives  avec  certains  groupes  de  mots:  dans 
les  uns,  le  sens  pejoratif  n'a  ete  introduit  qu'avec  le  suffixe  -ard  (comme 
dans  patriotard,  par  Opposition  ä  patriote);  chez  d'autres,  il  ne  sert 
qu'ä  donner  plus  de  relief  au  seus  pejoratif  dejä  exprime  par  le  radi- 
cal:  c'est  ainsi  que  s'expliquent:  soülard,  ä  cöte  de  soül,  sottart,  acote 
de  sot  et  la  grande  majorite  des  autres  mots  en  -ard  que  nous  allons 
maintenant  passer  en  revue,  Ce  sont  presque  tous  des  mots  dont  le 
sens  est  essentiellement  populaire,  parfois  meme  grossier  et  qui  se  prete 
facilement  ä  une  Interpretation  en  mauvaise  part. 

Nous  distinguons  les  groupes  suivants: 

1.  Le  suffixe  -ard  indique  des  qualit^s  de  toutes  sortes  prises  en 

mauvaise  part. 

a)  Remontent  au  vieux  franpais: 

goilart  m.  v.  fr.  taciturne,  qui  cele  ce  qu'il  sait  (exemple  tire  des 
jTrouveres  artesiens',  publ.  par  Diuaux,  p.  37).     God.  II,  p.  173°. 

esperart,  adj.,  v.  fr.,  qui  espere  facilement.     God.  III,  p.  521°. 

faschard,  -art^  adj.,  v.  fr.,  fäcbeux,  importun.     God.  III,  p.  725^ 

faussart,  adj.,  v.  fr.,  traitre.  Deux  exemples  tirös  du  , Chevalier  au 
cygne'  (ed.  de  ReiflFenberg)  v.  11530  et  v.  11548.  God.  III,  p.  732°; 
cf.  faussant,  adj.,  v.  fr.,  faux,  trompeur. 

lo(ii)rdart  s.  m.,  lourdaud.  God.  V,  p.  40°;  cf.  en  vieux  franyais 
lo(u)rdel,  lourdet,  lourdier,  lourdin,  lourdois  etc. 

mentenart,  adj.,  v.  fr.,  menteur,  traitre.  Trois  exemples  dans  Jehan 
des  Preis,  Geste  de  Liege  (publ.  par  St.  Bormaus.  Bruxelles  1887,  11, 
4134,  4998,  8SjGö).     God.  V,  p.  243°. 

pillard^  v.  fr.  pillart  (de  piller;  depuis  le  XIV«  siecle,  voir  God.  X, 
Compl.  p.  338,  339etDict.  Gen.  s.v.)  celui  qui  pille,  pilleur;  au  figure: 
plagiaire. 

teturd,  V.  fr.  testart:  qui  a  une  grosse  tete;  encore  dans  les  patois, 
voir  p.  e.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  II,  p.  362.  —  entet^,  opiniätre,  sens 
releve  par  God.  VII,  p.  700°  dans  plusieurs  exemples  depuis  le  XIV° 
siecle.  Se  retrouve  encore  dans  les  patois  (voir  Constantin-Desormaux, 
Dict.  savoyard,  1902,  p.  396  s.  v.  tctard)  et  comme  terme  d'argot  (Ri- 
gaud,  Dict.  d'argot  moderne,  1881,  p.  36B.    Delesalle,  Dict.  argot-fran- 


Le  sens  pijoratif  du  suffixe  -ard  en  franjais  951 

gais  et  frangais-argot,  1896,  p.  283).  En  argot  teturd  figure  aussi  au 
sens  de  ,hümme  de  tote,  bonime  de  lettres,  homme  entetö  qui  aime  ä 
contredire'  (Deleisalle  1.  c,  Lotscli,  Wörterbuch  zu  modernen  franz.  Solirift- 
stellern,  1899,  p.  100*.  ,Bien  sorbonne  [c'est-ä-diie  raisonnö].  Mon 
homme  ,tu  es  toujours  le  roi  des  tetards'  [c'est-ü  dirc  des  hommes  de  tete]. 
8ue,  Les  Mysteres  de  Paris  III,  p.  21.  ,Vieux  tetard!  il  peiise  ä  tout', 
III,  p.  206). 

musanl^  v.  fr.  nnisart  etc.,  adj.  et  s.  m.  (derive  de  muser;  depuis 
le  XII«  siöcle,  voir  God.  V,  p.  453,  Compl.  X,  p.  186b  et  Dict.  Gen. 
s.v.)  qui  muse,  qui  perd  le  temps  ;i  des  bagatelles;  etourdi,  irröflechi, 
sot,  libertin^). 

depufart,  v.  fr.:  deputaire  (mauvais,  pervers,  mecbant,  perfide, 
God.  II,  p.  521): 

Or  vos  redirai  de  Renart, 
,Le  rous,  le  fei,  le  deputart'. 

Roman  de  Renart,  6d.  Meon  I,  p.  285,  v.  7611,  7612. 

gaillafd,  v.  fr.  gaillart  (depuis  le  XI*  siecle,  voir  Dict.  Gen.  s.  v.), 
est  parfois  pejoratif,  quoique  etant  le  plus  souvent  employe  sans  aucune 
nuance  pejorative  au  sens  de  fort  gai,  vif  et  rejoiii;  vaillant,  bardi; 
sain,  bien  portant.  Mais  on  sent  dejä  la  signification  pejorative  au  sens 
de  ,pris  de  viu,  evapore'  (dans  un  exemple  tire  de  H.  Estienne,  God. 
Compl.  IX;  p.  679''  et  Litlre  s.  v.  n**  3)  et  daus  la  definition  que  donne 
Nicot  en  1606:  ,Gaillard,  c'est  joyeux,  gay,  esbandy,  qui  tressaut  de 
joye,  bilaris  ...  Le  Francois  a  estendu  ce  mot  k  la  signification  de 
debaict,  pour  dire  joyeux,  sans  souci,  et  prompt  ä  tout  faire  sans  pre- 
cedent  discours,  II  le  prend  aussi  en  dimiuution  de  escervele,  pour 
celuy  qui  est  un  peu  moins  que  tel,  et  attribue  le  nom  de  gaillardise, 
par  attenuation  ä  un  acte  follement  et  indiscretement  fait,  et  par  trop 
grande  jeunesse,  par  Imitation  de  ce  que  ceux  qui  sont  transportez  de 
trop  grande  Hesse  tombent  en  maints  actes  indecents,  peu  et  mal  con- 
siderez.'  Cf.  le  feminin  ^gaillarde' :  femme  peu  scrupuleuse,  trop  libre. 
Gaillard  se  dit  aussi  en  parlant  des  cboses^)  et  plus  particulierement, 
en  parlant  des  discours:  ,propos  gais,  propos  gaillards'.  ,Li8ez  hardi- 
ment,  dames  et  damoyselles,  il  u'y  ha  rien  qui  ne  soit  honneste;  mais, 
si   d'aventure  il  y  en  ha  quelques-unes  d'entre  vous  qui  soyent  trop 


1)  musarde  f.  dans  le  sens  de  , femme  de  mauvaise  vie'  p.  972. 

2)  p.  e.  en  parlant  des  moeurs,  comme  dans  la  phrase  suivante  que  J'em- 
prunte  au  petit  bonheur  ä  Zola,  La  d6bäcle.  Paris  1892,  p.  181:  ,il  etait  de 
moeurs  gaillardes  et  avait  rendu  sa  femme  fort  malheureuse'.  —  ,L'ecclesiastique 
se  contenta  de  pousser  un  gemissement,  et  le  pharmacien  poursuivit:  C'est 
comme  dans  la  Bible;  il  y  a  .  .  .  savez-vous  .  .  .,  plus  d'un  detail  .  .  .  piquant, 
des  choses  .  .  .  vraiment  . . .  gaillardes!'  . . .    Flaubert,  Madame  Bovary,  p.  242. 


952  ^^^^  Glaser 

tendrettes  et  qui  ayent  peur  de  tomber  en  quelques  passages  trop 
gaillars  (c'est-ä-dire  libres),  je  leur  conseille  .  .  .'  Bonaventure  Des 
Periers,  Les  nouvelles  röcreations;  premiöre  nouvelle,  ed.  Laeour  (Paris 
1856)  II;  p.  11.  ,Bod!  voici  de  nouveau  quelque  conte  g-aillard'  (d'une 
gaiete  un  peu  trop  libre).  Moliere^  Ecole  des  Femmes  I,  4,  v.  306  etc. 
,En  ce  Bens  restreint,  les  propos  gais,  les  contes  gais  sont  un  peu  libres; 
les  propos  gaillards,  les  contes  gaillardsle  sont  davantage.  Les  premers 
ont,  dans  leur  licence,  quelque  chose  qui  exeite  la  gaiete;  les  seconds 
ont,  dans  leur  licence,  quelque  chose  de  hardi  qui  semble  braver  l'hon- 
netete.'    Littre  s.  v. 

b)  Creations  des  XV»  et  XVh  siecles: 

cabochard  adj.;  ,il  y  a  aussi  des  dialectes  dont  aucuns  mots  sont 
comme  descriez,  sinon  qu'on  en  use  par  joyeusete.  Et  en  ce  nombre 
sont  plusieurs  des  Picards,  comme  caboche  pour  la  teste,  d'ou  vient 
cabochard  pour  testu  ou  testard,  c'est  a  dire  opiniastre'  (Henri  Estienne, 
Prec.  de  langue  fr.,  ed.  Feugfere  p.  181,  dans  God.  I,  p.  764^).  Se  dit 
encore  en  frangais  moderne  d'un  homme  ou  d'un  animal  entete.  Cf. 
caboche  f. :  (grosse)  tete  et  cabochard  au  sens  de  tete  et  au  sens  de 
chapeau  (Rigaud  p.  65,  Delesalle  p.  51). 

chatouülard  adj.,  qui  chatouille: 

,0n  est  saoul,  on  se  met  en  Jeu, 
,Et  puis  s'on  sent  venir  le  feu 
,De  la  chatouillarde  amourette.' 

Jodelle,  ,Eugene'  (1552),  I,  1:  (Theätre  frangais  au  XVP  et  au  XVII« 
siöcle,  public  par  E.  Fournier  p.  5,  cf.  aussi  God.  IX,  p.  6P).  —  ,trou- 
peau  tempeste  de  ton  chatouillard  affolement'  Baif  II.  p.  214  (cite  par 
Vaganay,  Zeitschrift  für  rom.  Philologie  XXVIII  (1904)  p.  589). 

mignard  (parait  remonter  jusqu'au  commencement  du  XV®  sifecle, 
voir  Dict.  G6n.  s.  V.),  qui  a  ou  affecte  une  gentillesse  mignonue  et  meme 
plus  que  mignonne;  gracieux  avec  un  m^lange  d'affeterie.  ,Le  mignon 
est  tel,  le  mignard  se  fait  tel'.  II  reste  ä  ajouter  aux  exemples  cites 
par  God.  X,  Compl.  p.  152''  les  passages,  suivants  oü  mignard  est  pris 
dans  un  sens  visiblement  ironique  et  meprisant:  ,Cecy  dy  ie  pour  un 
tas  de  mignartz  se  gloriffiantz  si  fort,  pour  V  ou  VI  motz  de  Latin 
quilz  sgavent,  quilz  tiennent  pour  veaux  ou  asnes  touz  ceux,  quelz  sga- 
vantz  quilz  soient,  qui  parlantz  eu  Latin  choppent  quelquefoys  en  quelque 
mot  sentant  sa  patria,  quelque  bone  et  veritable  sentence  que  sorte  de 
leur  bouche'.  Bonivard,  Advis  et  Devis  des  lengues  (nouvelle  edition. 
Gen^ve  1865,  p.  55.  ,.  .  .  a  cause  qu'il  nest  rien  plus  impertinent  que 
duser  de  lenguage  mignart  en  lexposition  de  verite\  ib.  p.  60.  ,Aussy 
nous  nous  deuons  garder  de  telz  mignartz  parlierz,  affin  que  le  liseur 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe  -ard  en  fran^ais  953 

ne  Barreste  au  furd  de  hi  peau,  sans  vouloir  penetrer  plus  auant  pour 
taster  de  la  mouelle  et  du  sang.',  ib.  p.  62.  L'id6e  pejorative  est  visible 
aussi  daus  inignarde  f.,  petitc  fille  et  femme  galante,  maitresse  (God. 
V,  p.  328*).  —  mignard  s'eiii])loie  daiis  les  palois  niome  au  sens  de 
,petit  gargon  pleureur,  enfant  gätc'  (Bridel,  Patois  de  la  Suisse  ro- 
maiide  1866,  s.  v.  mcgnaid;  Deeorde,.  Pays  de  Bray,  1852,  p.  101  s.  v. 
mignard);  cf.  ,faire  le  mignard':  se  dit  d'iin  enfant  qui  demande  ä  etre 
caresse;  amignarder  ou  amignoter:  caresser  (Pays  de  Bray.,  Deeorde 
p.  48). 

foignart:  feignart:  celui  qui  feint  (cf.  faigneur,  -eor  etc.,  God.  III, 
p.  698**).  Je  n'ai  pu  trouver  que  cet  exemple  du  commencement  du 
XVI^  siecle:  ,Foignars  usez  et  trcs  usez'.  Recueil  de  poösies  fran^aises 
des  XV«  et  XVJe  sifecles,  par  A.  de  Montaiglon  et  J.  de  Rothschild  X, 
p.  232.    Manque  dans  God. 

clormard,  adj.,  qui  a  toujours  envie  de  dormir,  God.  II,  p.  750,  751 
(XVP  siecle).  Reste  ä  ajouter  Texemple  suivant:  ,ä  leur  compagnons 
dormars'.    Rabelais  IV,  16  (ed.  Burgaud  Des  Marets-Rathery  I,  p.  112). 

songeard^  v.  fr.  aussi  -art,  adj.,  songeur,  reveur.  Depuis  le  XVI® 
siecle  selon  God.  VII,  p.  474.  On  lit  cependant  dans  Villen  (ed.  Longnon, 
Paris  1892)  p.  146:  ,Songears  ne  soiez  ])our  derer'  (voir  aussi  le 
Lexique  ib.  p.  274*  s  v.  songear).  Ajoutez  aussi:  ,excepte  quelques 
resveurs  songears'.  Rabelais  III,  15  (6d.  Burgaud  Des  Marets-Rathery 
I.  p.  582). 

soiiillard^  v.  fr.  souillart,  -ard:  1°  adj.  ,boueux,  couvert  de  fange. 
God.  VII,  p.  508"=  cite  i)lnsieurs  exemples  du  XVI®  siecle.  Patois  du 
Centre:  boueux,  sale,  oü  l'on  se  salit,  se  souille.  ,march6  souillard', 
,foire  souillarde',  qui  se  tiennent  par  un  temps  de  pluie,  dans  un  champ 
de  foire  boueux.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  II,  p.  335.  —  2**  s.  m.; 
souillon,  individu  malpropre.  God.  VII,  p.  508  s.  v.  souillart  1  cite  de 
nombreux  exemples  de  ce  raot  empruutes  ä  des  textes  des  XV®  et  XVI® 
siecles.  Conservc  encore  dans  certains  patois,  au  propre  aussi  bien 
qu'au  figure.  Le  sens  de  ,marmiton  ou  aide  de  cuisine'  qu'on  rencontre 
daus  la  Suisse  romande  (souliard)  parait  egalement  remonter  au  XVI® 
siecle:  ,Qu'on  nomme  soullart  de  cuisine' (commencement  du  XVI®  siecle. 
Recueil  de  poesies  frangaises  des  XV®  et  XVI®  siecles,  par  A.  de  Mon- 
taiglon et  J.  de  Rothschild  XI,  p.  385.  ,Qui  demonstre  clere  faveur  en 
leurs  justices,  et  povres  gens  avoir  mal  an  quant  ilz  plaideut  seullement 
contre  le  souillard  de  la  cuysine  d'ung  solliciteur  ou  chiquaueur  en 
causes'  (Contred.  de  Songecreux,  f.  101  r*^,  ed.  1530,  voir  God.  1.  c). 
jComme  ung  souillard  cuisinier  de  ses  saulses'  (.La  Prognostication  des 
Prognostications'  de  1537.  Recueil  de  poesies  frangaises  etc.  V,  p.  227). 
,Et  les  renvoye  ordiuairement  aux  diables  souillars  de  cuisine'  (Rabe- 
lais IV,  46,  ed.  Burgaud  Des  Marets-Rathery  II,  p,  230).     Le  feminin 


954  Kurt  Glaser 

soiiillarde  dans  Rabelais  II,  30  (T,  p.  472):  ^Melusine  estoit  sonillarde 
decuisine.'  ,Souillardm.  A  souillon,  or  kitchin  boy,'  Cotgrave  1611.  Cf.  en 
frangais  souillon  (de  cuisine)  au  sens  de  ,servante  employ^e  ä  de  bas 
Offices,  ecureuse  de  vaisselle.'  —  Moins  souvent:  nom  d'une  espece  de 
chien  couiant.  ,Souillard  est  le  nom  d'un  cbien  qui  fut  le  premier  de 
la  race  des  cbiens  eourans  blancs,  dits  bauds,  surnommez  greffiers,  qui 
sont  en  France'.  Nicot  1606.  ,souiIlard  m.  The  name  of  a  dog,  bet- 
ween  which,  and  a  bitch,  calied  baude  the  race  of  the  bauds  (white, 
and  excellent  hounds)  was  begun.'  Cotgrave  1611;  voir  aussi  God.  VII, 
p.  508«. 

lisard,  lisart]  manque  dans  God. 

,Uiig  homme  ne  peult  bien  escrire 
,S'il  n'est  quelque  peu  bon  lisart'. 

Marot,  ed.  D'Hericault  (Paris  1867)  p.  64.  Qui  sait  lii'e;  sens  döpre- 
ciatif:  qui  aime  trop  ä  lire,  et,  au  figure,  malin,  fin  en  affaires.  Patois 
du  Centre.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  II,  p.  19.  Se  prend  en  assez 
mauvaise  part  par  Opposition  ä  lecteur  (celui  qui  lit,  pour  son  compte, 
quelque  ouvrage)  et  liseur  (celui  qui  a  l'habitude  de  lire).  Le  sens 
döpröciatif  qui  se  rattache  ä  lisard  est  visible  aussi  dans  lisardier  et 
lisottier  (synonyme  de  lisard;  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  II,  p.  19  et 
Montesson,  Vocabulaire  des  mots  usites  dans  le  Haut-Maine  1899, 
p.  348)  et  dans  Temploi  du  verbe  lisotter  au  sens  de  ,lire  mal.' 
Jaubert  1.  c. 

vantard,  adj.,  homme  qui  se  vante  Sans  cesse;  se  rencontre  depuis 
le  XVIe  siecle  (ä  cote  de  vanteur  existant  depuis  le  XII«  siecle,  cf.  God. 
Compl.  X,  p.  829). 

chichard,  adj.,  chiche,  avare.  God.  Compl.  IX,  p.  78*=  (exemples 
des  XVI«  et  XVH«  si^cles).    Sacbs-Villatte,  Sui)pl.  s.  v. 

peinard  s.  m.  (deriv6  de  peine;  depuis  leXVl«  siecle,  voir  God.  Compl. 
X,  p.  310^^  et  Dict.  Gen.  s.  v.;  terme  de  d^nigrement,  vieilli  et  peu  usite 
aujourd'hui):  individu  qui  peine,  qui  fait  un  travail  penible.  —  homme 
d6plaisant.  —  vieillard  debile  et  souffreteux. 

friponar(d):  fripon.  ,Des  postillonnans  pies  d'ecoliers  friponars.' 
Fin  du  XVI«  siecle,  1579;  cite  par  Vaganay,  Zeitschrift  für  rom.  Philo- 
logie XXVIII  (1904),  p.  718.  Voir  aussi  Nyrop,  Grammaire  historique 
III,  p.  166,  §  353,  1. 

foirard^  v.  fr.  foirart,  foyrard  etc.:  qui  a  la  foire,  souillö  de  foire 
(terme  populaire  qui  s'emploie  encore  parfois,  voir  Sachs-Villatte  s.  v. 
—  cf.  foireux).  Manque  dans  God.  ,De  fait  (comme  dit  le  proverbe, 
ä  cul  de  foyrard  tousjours  abonde  merde)  .  .  .',  Rabelais  I,  9  (ed.  Bur- 
gaud  Des  Marets-Rathery  I,  p.  116).  ,ehiart,  foirart,  petart',  I,  13  (I, 
p.  133).    ,des  foyrars  pour  ceux  qui  sont  constipes  du  ventre'  I,  25  (I, 


Le  sens  pöjoratif  du  suffixe  -aid  en  frangais  955 

p.  184),    ,c'est  un  voyage  de  foirards:  iious  ne  faisons  que  vessir,  que 
peter,  que  fianter,  que  ravasser,  que  ricn  faire'.    V,  15  (II;  p.  377). 
attrapard,  adj. 

,De  voir  ces  larrons  attiapards 

,Vendre  et  achetter  b6nefices'. 

,Sottie  du  Monde',  jouce  en  1524  (6d.  Fournier,  Le  theätre  fran^ais  avant 
la  Kenaissance,  p.  404). 

t'grillard^  adj.  (qui  sort  des  grilles,  des  bornesV  —  depuis  le  XVI« 
sieele),  qui  est  d'une  gaietö  un  peu  trop  libre,  qui  a  quelque  chose  d'un 
peu  trop  gaillard. 

lechard,  v.  fr.  leschart  etc.,  dans  les  patois  actuels  aussi  lichard; 
ä  Torigine:  friand,  gourmand  (de  lechier,  en  frangais  moderne  Idcher); 
figurement:  avide  du  bien  d'autrui.  ßelev6  par  God.  IV,  p.  749"  dans 
deux  exemples  em])runtes  ä  Rabelais.  Le  sens  original  est  toujours 
conserve  dans  certains  patois,  voir  p.  e.  Martelli^re,  Gloss.  du  Vendomois 
1893,  p.  187.     Voir  aussi  p.  964. 

plaidard  et  plaidoiart,  plmjd.  — ,  v.  fr.,  homme  procedurier;  qui  a 
la  manie  de  plaider  sans  cesse.  God.  VI,  p.  183^  et  185*  (playdoiart 
dans  Rabelais,  III,  41,  ed.  Bnrgand  Des  Marets-Ratliery  11,  p.  711). 

piaffard,  adj.,  .piaffant',  piafFeur',  ^braggard,  strouting,  vaine  glorious, 
proudly  vaunting,  fondly  braving  it'.  Cotgrave  1611.  God.  VI,  p.  139<=, 
cf,  piaffe  (faste,  ostentation)  et  piaffer  (faire  de  la  piaffe  etc.). 

chiard,  v.  fr.  chiart,  chiard  (God.  ü,  p.  119'=):  chieur.  Ajoutez  ces 
deux  exemples:  ,chiart,  foirart,  petart',  Rabelais  I,  13,  ed.  Burgaud 
Des  Marets-Rathery  1,  p.  133),    ,un  petit  chiart'  II,  29  (I,  p.  461). 

petard,  v.  fr.  petart:  peteur,  p^teux  (verbe  peter).  ,chiart,  foirart, 
petart'  Rabelais  I,  13.    N'est  pas  dans  God. 

trepillard:  qui  trepille  fort;  de  trepiller:  sautiller,  se  demener, 
danser  (eucore  dans  certains  patois,  voir  God.  VIII,  p.  43*).  Je  n'ai 
trouve  que  ce  seul  exemple:  ,ä  les  faire  fuir  comme  trepillards,  ou 
comme  un  renard  devant  un  lion',  Adrien  de  Montluc,  La  comedie  de 
proverbes  II,  6  (dans  Fournier,  Le  theatre  frangais  au  XVI^  et  au  XVII^ 
siede,  p.  215). 

fretillard,  ä  cöte  de  fretillant:  qui  fretille  sans  cesse.  Comme 
terme  de  manage,  cheval  ä  la  langue  fretillarde  ou  Serpentine:  la 
langue  du  cheval  est  fretillarde  lorsqu'elle  est  toujours  en  mouve- 
ment.  fretillard  se  rencontre  depuis  le  XVI«  sieele,  God.  Compl.  IX, 
p.  663«. 

mangeard,  adj.,  qui  mange  beaucoup,  glouton  (cf.  mangeur).  —  ,feu 
mangeard':  eclair.  ,Le  feu  mangeard  qui  se  tourne  et  se  vire'.  Ron- 
sard, Franciade  II  (ed.  Blancbemain  III,  p.  96).  En  Normandie  et  au 
Canada  on  trouve  meme  le  sens  figure  de  ,depensier'.  God.  V^  p.  143. 
Notez  le  möme  sens  dans  mangeur:  qui  dissipe  son  bien. 


956  Kurt  Glaser 

bragard,  adj.,  qui  porte  la  marque  de  la  richesse  et  du  luxe;  fier 
arrogant.  God.  Compl.  YIIl,  p.  363,  364;  cf.  en  vieux  fraii^ais:  brag- 
ueur:  ,biagueur,  as  bragard'  Cotgrare.  —  bragueux.  —  brague  f.  (osten- 
tation).  —  braguerie  f.  (luxe,  faste,  vanite);  en  provengal  bragard, 
braiard:  pialfeur;  faiseur  d'embarras;  elegant,  galant,  gaillard.  —  bra- 
gardiso,  braiardige:  piaffe,  ostentation;  parure,  objet  de  toilette;  gail- 
lardise.  —  braga:  piaffer,  faire  ostentation,  se  vanter;  porter  de  beaux 
atours,  une  riebe  toilette;  briller,  fleurir,  prosperer;  se  divertir  etc.  — 
Les  exemples  dans  God.  vont  du  XVI«  (ou  XV®?)  siecle  jusqu'au  com- 
mencement  du  XVIP  siecle.  Nous  ajoutons  encore  les  exemples  sui- 
vants:  ,0r  sus,  sus,  Monde,  es-tu  braguard'.  ,Sottie  du  Monde'  de  1524 
(Foui'nier,  Le  th^ätre  frangais  avant  la  Renaissance,  p.  405).  ,Les  sept 
marcbans  de  Naples.  C'est  assavoir:  l'adventurier,  le  religieux,  l'escolier, 
l'aveugle,  le  vilageois,  le  marchant  et  le  bragart'  (titre  d'uu  petit  recueil 
de  poesies,  vers  1530.  Recueil  de  poesies  frangaises  des  XV®  et  XVI® 
siecles,  par  A.  de  Montaiglon  et  J.  de  Rothschild  II,  p.  99). 
,Le  Bon  Temps  verrez  en  bragard 
jVenir  en  pompe  souveraine' 

(,Les  moyens  tres  utiles  et  necessaires  pour  rendre  le  monde  paisible 
et  faire  en  brief  revenir  le  bon  temps' 1615;  peut-etre  du  commencement 
du  XVI®  siecle,  sinon  merae  de  la  fin  du  XV®  siecle.  Recueil  de  poesies 
frangaises  etc.  IV,  p.  147). 

.Mignons  bragars  portans  la  robe  fine'  (,La  grand  et  vraye  Pronostication 
generale  par  Habenragel;  vers  la  fin  du  premier  tiers  du  XVI^  siecle. 
Recueil  etc.  VI,  p.  20). 

,Et  ces  bragars  faisans  du  damoiseau*,  ib.  p.  25. 

jLes  aultres  sotz,  effeminez,  bragars',  ib.  p.  34. 

,Mai8  auquel  des  mortels  si  bragard  est  permis 

.D'avoir  .  .  .  (,Le  Trophäe  d'Anthoine  de  Croy'  1567.    Recueil  VII,  p.  128). 

,Telz  glorieux,  bragars  des  honnestös'.    Recueil  IX,  p.  67. 

jMignons,  bragars  et  bateurs  de  pavez 


,Mirez-voas  cy,  glorieuses  bragardes'.    Recueil  IX,  p.  72. 

,Et  ce  bragard,  ce  maistre  sot 

,Se  courrouce  et  fait  lä  le  brave'.     Belleau,  La  Reconnue  (1564)  V,  4  (dans 

Fournier,  Le  theätre  frangais  au  XVIe  et  au  XVIl«  siecle,  p.  51). 
,Pour  tousjours  la  tenir  bragarde'.     Franjois  Perrin,  Les  Escoliers   (1589) 

n,  1  (ib.  p.  173). 
jChacun  fait  le  bragard, 
,Et  chacun  n'a  pas  un  patart'.   Gabriel  Meurier,  Thresor  des  sentences  doröes 

1588,  p.  49. 

c)  D'origlne  plus  moderne: 

hataillard,  adj.,  qui  aime  ä  batailler,  plus  fort  que  batailleur.    ,les 
reis  vaillants  et  bataillards'.    Victor  Hugo,  Notre-Dame  de  Paris  I,  p.  9 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe  -ard  en  fran^ais  957 

(nouvelle  edition  de  1862).     ,Ali!    ah!    ah!     Cyrano!     .  .  .  Soii  humeur 
bataillarde'.     Kostand,  Cyrano  de  Bergerac  III,  2  (p.  107). 

fouinard,  adj.  et  s.  m.  (cf.  fouine,  fouiner,  fouineur):  individu  qui 
fouine  partout,  qui  fonrre  son  nez  dans  les  alTaires  d'autrui,  curieux, 
indiscret,  malin,  rusc.  Mot  familier  et  populairc  qui  ne  figure  pas  dans 
Littre  ni  dans  le  Dict.  Gen.  —  Öubstantif  selon  Sachs-Villatte  8.  v. ; 
s'emploie  aussi  adjectivement:  ,Miroufle  redressa  sa  tete  fouinarde' 
Theuriet,  La  pipe  (ed.  Sarrazin,  Leipzig  18'.t8,  p.  23). 

aboyard^  adj.  et  s.  m.:  aboyeur;  qui  aime  ä  aboyer.  Sachs-Vil- 
latte 8.  V. 

chamaillard  s.  m.:  celui  qui  aime  a,  (se)  chamailler.  Sachs-Villatte 
s.  V,;  cf.  chamailleiie  et  chamaillis  (querelle), 

soudrillard,  adj.  et  s.  m.:  libertin  (argot  de  Paris,  voir  Larchey, 
Dict.  historique,  etymologique  et  anecdotique  de  l'argot  parisien,  1872, 
p.  223,  Delesalle,  Dict.  argot-frangais  et  frangais-argot,  1896,  p,  273, 
Rigaud,  Dict.  d'argot  moderne,  1881,  p.  351,  Sachs-Villatte  s.  v.),  cf. 
soudrille  m.  (vieilli,  conserve  comme  terme  d'argot):  soldat  libertin  ou 
fripon;  semble  apparente  a  drille  (m):  soudard,  Dict.  Gen.  s.  v.  soudrille. 

nichard:  qui  aime  ä  faire  des  niches.     Sachs-Villatte,    Suppl.  s.  v. 

visard:  celui  qui  regarde  de  trop  pres,  qui  regarde  de  cote  etc. 
au  figure:  1"  qoi  se  monlre  chiche  et  difficile.  Patois  picard.  Cor- 
blet,  Glossaire  du  patois  picard,  1851,  p.  589,  2°  controleur.  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V.;  cf.  en  provengal  viscard,  biscard,  adj.  egril- 
lard,  eveille,  plein  de  vie.  —  malin,  ruse,  dissimule  (dans  les  Alpes). 
Mistral  s.  v. 

plaigtiard,  adj.  et  s.  m.,  qui  se  plaint  toujours  et  sans  sujet.  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  V. 

rebigeard^  adj.,  qui  ,rebige',  qui  regimbe.    Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

refivard^  adj.,  retif,  en  parlaut  d'un  cheval  (cf.  retivete  etc.).  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  8.  V. 

douillard  plus  fort  que  douillet:  qui  est  bien  douillet  (neologisme). 
Dict.  Gen.  s.  v. 

bafrard  ou  bafrard  m.:  bäfreur,  glouton.  Sachs-Villatte,  Suppl. 
s.  V.;  cf.  bäfrer  (manger  avidement,  goulüment  et  avec  exces)  et  bäfre 
ou  bäfree  f.  (ripaille). 

2.  Le  suffixe  -ard  indique  plus  sp^cialement  l'idöe  de  bavardage. 

a)  Remonte  au  vieux  franpais: 

languard,  v.  fr.  languart  etc.  (God.  IV,  p.  716),  qui  a  la  langue 
bien  pendue;  vieilli  (voir  Dict.  Gen.  s.  v.);  se  retrouve  encore  dans  les 
patois:  lang(u)ard,  ä  cote  de  linguard.  Centre,  Saintonge  (Jaubert, 
Gloss.  du  Centre  II,  p.  7;  cf.  ib.  langueux.    Eveille,  Gloss.  saintongeais 


958  Kurt  Glaser 

1887,  p,  224);  Suisse  romande:  langouard,  linvouard  (Bridel,  Patois  de 
la  Suisse  romaude,  1866,  p.  220);  Savoie:  legar  (Brächet,  Patois  sa- 
voyard,  1883,  p.  209),  alengä  (jxThönes,  Moutricber  etc.),  alegä  (Tlioues), 
alenvu  (Sainte-Fo}^  etc.),  voir  ConstaDtiu-Desormaux,  Dict.  savoyard,  1902, 
p.  13;  Departement  du  Donbs:  relungard:  rapporteur,  mouchard.  (Beau- 
quier,  Provincialismes  usites  dans  le  departement  du  Doubs,  1881, 
p.  255.  —  Verbe:  langarder,  v.  fr.:  bavarder,  parier  ä  tort  et  ä  travers 
(God.  IV,  p.  714*);  picard  linguarder  (Corblet,  Gloss.  du  patois  picard, 
1851,  p.  466). 

b)  Creations  du  XVI"  siede: 

bavard,  adj.  et  s.:  qui  bavarde,  qui  parle  avec  iutemp^rance.  — 
par  extension,  qui  commet  des  JDdiscretions,  qui  dit  ce  qu'il  faudrait 
taire.  ,En  ce  sens,  on  peut  etre  bavard  sans  parier  beaucoup'  (Littre 
s.  V.).  Le  sens  pejoratif  est  visible  aussi  dans  bavard  employe  sub- 
stantivement  au  sens  de,  livret  militaire  qui  porte  la  feuille  de  punition 
et  relate  la  conduite  du  soldat'  (langage  militaire)  et  au  sens  de  ,avo- 
cat'^)  (argot  des  malfaiteurs),  Delesalle  p.  31.  De  meme  pour  bavarde 
f. :  langue,  boucbe  (,boucler  sa  bavarde',  ,remiser  sa  bavarde',  , coucher 
sa  bavarde' :  se  taire),  terme  d'argot,  voir  ßigaud  p.  33,  Delesalle  p.  31, 
Lotsch  p.  8''.  ,Une  main  autour  de  son  colas  (c'est-ä-dire  cou)  et 
l'autre  daus  sa  bavarde  pour  lui  arquepincer  le  chiffon  rouge  (l'autre 
dans  la  bouche  pour  lui  prendre  la  langue),'  Sue,  Les  Mysteres  de  Paris 
m,  p.  21. 

babillard,  adj.  et  s.  (depuis  le  XV^  ou  le  XVP  siecle,  voir  God. 
Compl.  Vni,  p.  264**  et  Dict.  Gen.  s.  v.),  qui  aime  ä  babiller.  —  sub- 
stantivement:  un  babillard,  une  babillarde;  par  extension:  personne  qui 
ne  sait  pas  garder  un  secret.  En  argot  babillard  a  pris  1°  le  sens  de 
confesseur,  par  allusion  aux  efforts  persuasifs  des  aumoniers  de  prison 
(argot  des  malfaiteurs,  voir  Larchey  p.  37,  Delesalle  p.  23);  2"  le  sens 
de  Journal'  (,grififonneur  de  babillards',  ,babillardeur':  journaliste).  — 
babillarde  f.:  1"  pendule,  montre;  2"  lettre  (,babillarde  volante':  tele- 
gramme;  ,porteur  de  babillardes':  facteur;  ,babillarder':  ecrire).  Rigaud 
p.  21,  Delesalle  p.  23,  Lotsch  p.  6**. 

jasard,  v.  fr.  aussi  jae-:  babillard,  bavard:  ,a  prater,  prattler, 
babbler,  tattler,  chatterer,  jangier,  idle  talker'.  Cotgrave  1611.  jasard 
se  dit  encore  dans  quelques  provinces,  particulierement  dans  la  Flandre 
God  IV,  p.  638«. 


1)  jQuandj'ai  vuquejeneserais  pas  tue,  mon  premier  mouvement  a  6t6  de 
sauter  sur  mon  bavard  pour  l'etrangler'  (bavard  est  ici  pris  au  sens  d'avocat). 
Sue,  Les  Mystöres  de  Paris  I,  p.  78. 


Le  sens  pejoratif  oa  suffixc  -ard  en  fran^.ais  959 

c)  D'origine  plus  moderne: 

bagoidard  s.  m.:  häbleur,  bavurd  (apparticnt  au  laogagc  populaire), 
cf.  bagouler:  parier  k  tort  et  ä  travers;  bagoii  (m.):  bavardage  hardi 
et  effrontö.  Delesalle  p.  24.  Romdahl,  Gloss.  du  palois  du  Val  de 
Saire,  1881,  p.  18  s.  v.  bagoular.     Sachs-Villatte  s.  v.  bagou(t). 

salivard  m.  qui  depense  beaucoup  de  salive,  c'est  ä-dire  parle  beau- 
coup;  mot  populaire.     Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

gibernard  ni.  qui  ,giberuc',  raseur,  im])ortuD,  persoiine  d'niie  elo- 
quence  encombrante ;  mot  populaire.  Delesalle  p.  136.  Sachs-Villatte, 
Suppl  s.  V. 

d)  Nous  retrouvons  le  sens  pejoratif  dans  les  substantifs  suivants: 

racontar  m. :  racontage,  commerage  (neologisme  pour  racontard, 
derive  de  raconter,  voir  Dict.  Gen.  s.  v.). 

patroul(lJart  s.  m.,  v.  fr.,  langage  corrompu,  inintelligible  God.  VI, 
p.  43%  cf.  pastroiUaz  etc.  s.  m.,  v.  fr.,  baragouin.     God.  VI,  p.  36^ 

houchardle  f.,  v.  fr.  (de  bouche),  exprime  l'idee  de  paroles  injurieuses 
et  meprisantes.  God.  I,  p.  694^;  cf.  dans  un  autre  sens:  botzard,  adj., 
sale  autour  de  la  bouche;  qui  a  le  visage  sale  =  boghär  (-ärdä),  adj,, 
mouchete  de  taches  noires  sur  le  museau  (en  parlant  des  boeufs,  vaches, 
moutons);  sali,  mächuie  autour  de  la  bouche  (en  parlant  d'une  personue). 
Patois  savoyard.  Constantin-Desormaux,  Dict.  savoyard,  1902,  p.  54; 
voir  aussi  De  Chambure,  Glossaire  du  Morvau  1878,  p.  107  s.  v.  bouchar. 
—  Verbe  botzardä:  salir  au  visage,  salir  autour  de  la  bouche  et 
debotzarda:  laver  un  visage  sale.  Patois  de  la  Suisse jomande.  Bridel, 
Patois  de  la  Suisse  romande,  1866,  p.  49,  98.    Voir  aussi  boqua  p.  16. 

3.  Le  Suffixe  -ard  sert  h.  qualifier  des  personnes  qui  mauquent 

de  courage. 

a)  Remonte  au  vieux  franpais: 

coiiard,  v.  fr.  coart  etc.  (depuis  le  XI®  siecle,  voir  God.  Comp!. 
IX,  p.  116%  Dict.  Gen.  s.  v.),  adj.  et  s.,  de  queue,  ancien  frangaiscoe: 
propr.  qui  porte  la  queue  basse;  au  figure:  poltron, 

b)  Creation  du  XVh  siede: 

fuyard,  adj.  et  s.:  porte  ä  s'enfuir,  qui  s'enfuit,  qui  se  sauve,  qui 
a  l'habitude  de  fuir.  Dans  l'emploi  de  fuyard  comme  substantif  ce  sens 
se  presente  sous  differentes  formes:  1"  (vieilli),  en  parlant  d'animaux: 
pigeons  fuyards,  a  demi  sauvages,  qui  habitent  les  colombierS;  mais  ne 
restent  pas  dans  les  volleres  (God.  Compl.  IX,  p.  672%  Dict.  G^n.  s.  v.); 
oiseau  fuyard,  faucon  qui  se  sauve  avec  la  proie,  au  lieu  de  la  rapporter 


960  Kurt  Glaser 

(terme  de  fauconneiie.  Littie  s.  v.,  Dict.  G^n.  s,  v.);  cheval  fiiyard: 
sauviigc,  farouche.  ,Ce  cheval  u'est  pas  encore  sorti  des  pr6s;  il  est 
bien  fuyard'.  Patois  du  Centre.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  I,  p.  467; 
2°  en  parlant  de  personneS;  surtout  en  parlaiit  de  soldats:  qui  prend 
la  fuite  pendant  le  combat;  deserteur.  Par  exteusion:  consent  refrac- 
taire,  se  cachant  pour  se  soustraire  a  la  conscription  (Littre  s.  v., 
Dict.  Gen.  s.  v.);  au  figure:  celui  qui  echappe  ä  quelque  engagement 
(Littre  s.  v.). 

c)  D'origine  plus  moderne: 

froussard,  adj.  et  s.,  terme  populaire  qui  manque  daus  Littre,  dans 
le  Dict.  Gen.  et  dans  Sachs- Villatte:  qui  a  la  frousse,  poltron.  ,Les 
froussards  de  M.  Clemenceau  et  les  soudards  du  general  Picquart'.  ,Le 
Peuple'  de  Bruxelles,  2  aoüt  1908, 

capitulard:  ä  l'origine  celui  qui  capitule,  de  lä,  dans  un  sens  plus 
general,  lache,  bomme  qui  se  derobe.  Designatiou  injurieuse  qui  date 
de  la  guerre  franco-allemande  et  des  capitulations  de  Metz  et  de  Paris 
(voir  Darmesteter,  De  la  creatiou  actuelle  de  mots  nouveaux  dans  la 
langue  fran^aise.     Paris  1877,  p.  89). 

vessard  (a  cöte  de  vesseur,  vesseux),  capon,  qui  a  la  vesse,  qui  a 
peur.  Terme  d'argot.  Delesalle  p.  303,  Rigaud  p.  385.  Dans  certains 
patois,  voir  Decorde,  Fajs  de  Bray  1852,  p.  133,  Martelliere,  Gloss.  du 
Vendomois  1893,  p.  327. 

fouinard  (voir  p.  957),  s'emploie  non  seulement  au  sens  de  curieux, 
indiscret,  malin,  ruse  (de  lä:  rapporteur,  petit  espion  de  College,  ,foui- 
neur'j,  mais  aussi  au  sens  de  ,poltron',  , fuyard'.  Verbe  fouiner:  avoir 
peur,  decamper.  Larchey  p.  141,  Rigaud  p.  180,  Delesalle  p.  125, 
Martelliere,  Gloss.  du  Vendomois,  1893,  p.  134. 

baudrouillard:  fuyard  (verbe  baudrouiller:  fuir).  Terme  d'argot. 
Rigaud  p.  33,  Delesalle  p.  31,  Sachs- Villatte,  Suppl.  s.  v. 

4.  Le  sufäxe  -ard  forme  des  d^riv^s  qualifiant  des  personnes  qai 

aimeut  ä  pleurer. 

a)  Remonte  au  vieux  franpais: 

grignard,  v.  fr.  grignart ;  rechigne,  en  colere ;  triste,  affreux,  God. 
IV,  p.  357".  En  usage  encore  dans  les  patois  picard  et  wallon:  grig- 
nard: pleureur,  homme  chagrin;  enfant  qui  pleure  sans  cesse.  Corblet, 
Gloss.  du  patois  picard,  1851,  p.  430.  Decorde,  Pays  de  Bray  1852, 
p.  89.  Sigart,  Dict.  du  wallon  de  Mons.  1870,  p.  201.  —  Termes  syno- 
nymes: grigne,  adj.,  v.  fr.,  rechignant,  rechigne,  grognon.  God.  IV, 
p.  358*.  Bourgogne  et  Champagne:  greigne:  triste,  qui  a  del'humeur; 
Franche-Comte  et  Suisse  romaude:    griuge.     De  Chambure,   Gloss.  du 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe    aid  eu  fiangais  961 

Morviin  1878,  j).  428,  429.  —  grigneux,  grignos  etc.,  v.  fr  (God.  IV, 
p.  358*)  et  dialecte  picard  (Corblet,  Gloss.  du  patois  picard,  1851, 
]).  430).  —  grignoii:  chagrin  et  de  mauvaise  hmneur.  Decorde  p.  89, 
De  Cliambure  p.  429.  —  grignon,  dialecte  walloD  de  Mons,  meme  sens. 
Sigart  p.  201. 

b)  Creation  du  XV!*"  siede: 

pleurard,  adj.  et  s.,  plus  fort  que  pleureur;  celui  qui  pleure  souvent 
et  Sans  sujet,  qui  se  lamente  sans  cesse.  Ajoutez  aux  exemples  dans 
God.  Compl.  X,  p.  35G*  les  exemi)le8  suivanls:  ,Heraclitus  le  pleurart', 
Rabelais  IV,  1  (ed.  Burgaud  Des  Maiets-Rathery  II,  p.  46);  ,Panurge 
le  pleurart'  ib.  IV,  19  (II,  p.  125). 

c)  D'origine  plus  moderne: 

geignard,  adj.  et  s.  (du  verbe  geindre),  qui  a  Thabitude  de  geindre, 
geignant.  Terme  populaire.  Sachs- Villatte,  Suppl.  s.  v.  ,Une  vieille 
fiUe  geiguarde  et  malade  imaginaire.'  Les  Aunales  politiques  et  litte- 
raires,  1892,  17  juillet,  p.  34^ 

pleurnichard  ai.  celui  qui  aime  ä  pleurniclier  (voir  aussi  Lotsch, 
Wörterbuch  zu  modernen  franz.  Schriftstellern,  189J,  p.  77^  s.  v.  })leur- 
nicharde). 

chignard.  adj.,  renfrogne,  qui  ,chigne'.  Delesalle  p.  68,  Martelliere, 
GloüS.  du  VendOmois  1893,  p.  76,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.  —  Patois 
messin  chegna:  pleurard  (verbe  chegner:  pleurer).  Lorrain,  Glossaire 
du  patois  messin,  1876,  p.  20.  cf.  rech/gnard,  en  vieux  frangais  aussi 
rechignart  (ä  cote  de  rechigneux),  adj.  et  s.,  qui  rechigne.  God.  VI, 
p.  663  (exemples  des  XV«,  XVP  et  XVU«  siecles). 

5.  Le  sufflxe  -ard  sert  ä  qualifier  les  persouiies  qui  crient  fort  et 

mal  ä  propos. 

a)  Remonte  au  vieux  franpais: 

gueulard,  v.  fr.  goliard,  etc.:  celui  qui  a  l'habitude  de  gueuler,  de 
crier  ou  parier  fort  haut  et  beaucoup.  Cette  derniere  nuance  de  sens 
se  retrouve  dans  goulard:  bavard,  ä  qui  on  ne  peut  rien  confier.  Patois 
blaisois  (Thibault,  Gloss.  du  pays  blaisois  1892,  p.  173;  cf.  ib.  gouler: 
parier,  bavarder;  —  goularderie  f.:  bavardage).  Sens  voisin:  qui  tient 
la  bouche  ouverte,  et,  au  figure:  celui  (ou  celle)  qui  aime  ä  manger  ou 
äboire  beaucoup.  En  argot:  1*'  braillard,  2'  gourraand,  ivrogne.  Larchey 
p,  154,  Delesalle  p.  66  s.  v.  cheulard  et  p.  146,  147  s.  v.  gueulard; 
voir  aussi  Rigaud  p.  91  s.  v.  cheulard;  cf.  gueulardise  au  sens  de  gour- 
mandise.  Larchey  p.  154,  Delesalle  p.  147,  Lotsch  p,  50^  Ce  sens 
existe  aussi  dans  les  patois:    cheulä,    adj.,    qui  a  toujours    soif  (verbe 

Romaniache  Forscliungen  XXVU.  Ol 


%2  ^iii't  Glaser 

cheuler:  avoir  soif,  boire  avidement).  Patois  messin.  Lorrain,  Glossaire 
du  patois  messin,  1876,  p.  21.  —  golmr  (fem.  -ärdä),  friand,  gourmet. 
Patois  savoyard  (Constantiu-Desormaux,  Dict.  savoyard  1902,  p.  209  et 
Desormaux,  Revue  de  philologie  fiangalse  et  de  litterature  XVII,  1903, 
p.  171)  =  goullhard,  Suisse  romande  (Bridel,  Gloss.  des  patois  de  la 
Suisse  romande,  1866,  p.  184).  Voir  aussi  God.  IV,  p.  306  s.  v.  goliard. 
—  II  faut  noter  enfin  sans  Idee  pejorative  gueulard  aux  sens  tecliniques 
de  ,porte-voix'  (terme  nautique:  instrument  en  forme  de  trompette)  et 
d'jOuverture  superieure  d'un  haut-fourneau'.  De  meme:  gueulard:  ,poele; 
bissae'  dans  le  Jargon  des  voleurs  et  gueularde:  ,poche'  (la  poche  etant 
la  gueule,  la  boucbe  du  paletot.  Larchey  p.  154.  Kigaud  p.  207. 
Delesalle  p.  146,  147),  et  enfin  en  wallon  gueular  (m):  espece  de  fusil 
ä  large  gueule'.     Sigart,  Dict.  du  wallon  de  Mons.  1870,  p.  203. 

b)  Remontent  au  XVh  siede: 

criard,  adj.  et  s.,  qui  crie  sans  cesse  et  d'une  maniere  desagr^able '). 

braillard,  adj.  et  s.,  v.  fr.  braiart  etc.  (God.  Comp!.  VIII,  p.  364'>):  qui 
a  l'habitude  de  brailler  (cf.  brailleur).  Se  trouve  aussi  dans  les  patois, 
p.  e.  dans  le  patois  de  Mons:  braillard,  brayard  (au  sens  de  trainard, 
personne  leute,  Sigart  p.  97),  braiyard,  breyard,  synon.  braiyou,  au 
Borinage  breyoire,  au  sens  de  pleureur  (Sigart  p,  97);  breyä,  patois 
messin  (Lorrain  p.  15)  etc.;  cf.  encore  bralar,  patois  du  Val  de  Saire 
(Komdahl,  Gloss.  du  patois  du  Val  de  Saire,  1881,  p.  22).  Le  patois 
de  Montbeliard  connait  bruillai  (de  bruillie:  crier  ä  haute  voix,  brailler). 
Contejeau,  Gloss.  du  patois  de  Montbeliard,  1876,  p.  70. 

c)  D'origine  plus  moderne: 

piaUlard,  adj.  et  s.,  plus  fort  que  piailleur:  qui  a  l'habitude  de 
piailler.  Terme  familier  qui  se  rencontre  pour  la  premiere  fois  chez 
Voltaire  (voir  Lit!r6  s.  v  ,  Dict.  Gen.  s.  v.).  ,d'humeur  difficile,  piaillarde, 
nerveuse'.    Flaubert,  Madame  Bovary  (nouv.  ed.  Paris  1908)  p.  5. 

6.  Le  Suffixe  -ard  donue  naissance  ä  des  d^riv^s  indiquant   des 
personnes  d'un  caract^re  morne  et  grondeur. 

grondari,  v.  fr.,  adj.  (de  gronder):  qui  aime  ä  gronder,  grognon. 
God.  IV,  p,  3Qb'^.  Notons  ici  grolä:  grondeur  (de  Tallemand  groll?  cf. 
groler:  gronder).     Patois  messin.    Lorrain  p.  35. 

fonynurt,  v.  fr.,  adj.,  grogneur,  grondeur  (cf.  fongner,  grogner, 
gronder),     God.  IV,  p.  59^ 


1)  En  parlant  d'un  cheval  ,qui    aime   ä  hennir':    ,Aux  champs  fuz  criart'. 
Marot,  ed.  D'IIßricault  (Paris  1867),  p.  159. 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe  -ard  en  fian^ais  963 

hognart  (cf.  hogrieur),  adj.  et  s.,  grondeur.  God.  IV,  p.  483^^); 
verbe  hogner:  grogner;  picaid  woingner:  pleuniicher.  Decorde,  Pays 
de  Brav,  1852,  p.  133.  Picurdie  et  Vermandoie:  liognard:  grognon; 
Haute-Normandie,  Vallee  d'Yöres,  PaysdeBray:  hoiiignard,  woingnard: 
qui  pleurniche  sans  cesse  et  sans  raison.  Decorde,  Pays  de  Bray  1852, 
p.  133. 

7.  Le  Suffixe  -ard  s'ajoute  j\  des  inots  qui  expriment  l'idöe 

d'ivresse. 

a)  Appartient  au  XVh  siede: 

dronquart  (de  ralleniand  trinken),  ivrognc.  God  11,  p.  775'=  releve 
un  exemple  tire  d'une  chanson  sur  le  siege  de  Mezieres  de  1521  (Leroux 
de  Lincy,  Chanfs  historiques  frangais  II,  p.  74i.  Citons  encore:  ,Boivent 
noon  vin  eomme  dronequars'  ,La  Condamnacion  de  Bancquet',  ed.  Jacob, 
Recueil  de  farces,  p.  338 '^j.  Cf.  en  auglais  drunkard  (datant  egale- 
ment  du  XVI^  siecle,  voir  Murray,  New  English  Dictionary  s.  v.);  se 
dit  toujours,  tandis  que  le  mot  frangais  est  tonibc  en  d^suetude. 

b)  D'origine  plus  moderne: 

soülard,  adj.  et  s.  (dcpuis  la  premiere  moitie  du  XVIP  siecle,  voir 
Dict.  Gen.  s.  v.),  s'emploie  au  sens  de  soül,  ivrogne,  et  souvent  meme 
au  sens  plus  fort  de  ^ivrogne  de  piofession',  la  terniinaison  -ard  servant 
ä  mettre  plus  en  evidence  le  sens  pejoratif  exprime  d6jä  par  le  radical 
tout  seul  (voir  p.  950).  Terme  familier  et  qu'on  trouve  aussi  dans  les 
patois,  voir  p.  e.  Corblet,  Gloss.  du  patois  picard  1851,  p.  564,  Decorde 
Pays  de  Bray  1852,  p.  123  s.  v.  saoulard,  p.  124  s.  v.  soulard. 

pochard,  adj.  et  s.,  neologisme  populaire,  derive  de  poche,  propre- 
ment  ,rempli  comme  une  poche'  (cf.  la  locution  ,sac  ä  vin'),  ivrogne. 
Verbe  se  pocharder;  subst.  pocharderie  f.,  ivrognerie  etc. 

soiffard  (de  soif  +  allem,  saufen,  cf.  säufer),  buveur;  qui  aime  ä 
soiifer,  soiffeur.  'Mot  populaire.  Larchey  p.  222,  Delesalle  p.  271, 
Martelliere,  Gloss.  du  Vendomois,  1893,  p.  293.  Sachs-Villatte  s.  v.  ,Le 
fait  est  qu'il  est  soitfard  et  cränement  chicard'.  Sue,  Juif  errant  IV 
(1844)  p.  9.  —  ,Ses  patrons  sont  saint  Soiffard  et  saint  Chicard.'  Ib. 
VI  (1845),  p.  81. 

1)  Reste  ä  ajouter  l'exemple  suivant: 

jLes  ungs  morveulx,  chacieulx  ou  grevez 
,Les  autres  sont  hongnars,  grongiiars,  divers'. 

,La  Resolution  de  Ny  Trop  Tost  Ny  Trop  Tard  Marie.'    Recueil  de  poesieg  etc. 

III,  p.  134. 

2)  L'explication  que  donne  Jacob  est  inacceptable.  Voir  aussi  Fournier, 
Le  theätre  frangais  avant  la  Renaissance,  p.  237,  n.  1. 

61* 


964  Kurt  Glaser 

lichard  (voir  p.  955):  ^licheur'  (cf.  liehe,  adj.,  ivre;  lieher:  boire; 
liche-ä-mort:  buveur  etc.),  mot  populaire.  Larehey  p.  164,  Delesalle 
p.  163,  Sachs-Villatte  s.  v. 

mouillard  m.  ivrogne  (de  moiiiller  au  sens  de  boire,  Sachs-Villatte 
s.  V.  n,  2).    mot  populaire,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

hibard  m.:  grand  buveur.  Larehey  p.  47,  Delesalle  p.  34,  Sachs- 
Villatte  s.  V.;  cf.  bibasser  (boire  beaucoup),  bibarder  (se  debaucher  en 
vieillissant),  bibarde  f.  (vieille  femme  debauchee)  etc. 

8.  Daus  un  autre  groupe  de  mots  le  suffixe  -ard  a  pour  but  de 
marquer  plus  clairemeut  l'id^e  de  raillerie  ou  moquerie. 

a)  Remontent  au  vieux  franpais: 

raillard,  -art,Y.h'.:  railleur,  moqueur,  plaisaut;  ,peasting,  boording, 
pleasanl',  selou  la  definitiou  de  Cotgrave,  1611.  Ajoutous  aux  uombreux 
exeroples  fournis  par  God.  VI,  p.  560  les  exemples  suivants:  ,Lequel 
d'estre  plaisant  raillart'  Villon,  ed.  Lougnon  (Paris  1892)  p.  38.  ,lon 
compagDon  et  raillard,  si  onques  en  fut.'  Rabelais  III,  28  (ed.  Bur- 
gaud  Des  Marets-Kathery  I,  p.  653).  ,fusmes  advertis  que  l'hoste  en 
son  temps  avoit  este  bon  raillard'.  Rabelais  V,  17  (ed.  Burgaud  Des 
Marets-Rathery  11,  p.391),  ,ChantereauIx,  barbouilleurs,  raillars',  ,Marche- 
beau'  (moralite  du  regne  de  Charles  VII,  ed.  Fournier,  Le  theätre  fran- 
Quis  avant  la  Renaissance  p.  41).  ,L'uug  est  luoqueur,  Tautre  raillard.' 
,Monologue  du  Resolu'  (regne  de  Louis  XII,  6d.  Fournier  p.  291).  ,Fai- 
sant  de  l'amoureulx  raillart.'  ,Le  Bateleur'  (farce  du  regne  de  Fran- 
Qois  P"",  ed.  Fournier  p.  328).  ,Joyeux  entre  les  raillards,  et  plorard 
chez  les  tristes  et  mehmeoliques'.  Noel  du  Fail,  Contes  d'Eutropel, 
XXVil,  p.  314  (6d.  Guichard,  Paris  1842).  —  Raillard  qui  n'appartient 
plus  au  fran^ais  courant  a  ete  repris  j)ar  des  auteurs  du  XIX^  siede, 
voir  God.  1.  c. 

moquard,  v.  fr.  mo(c)quart,  m. :  raoqueur.  God.  V,  p.  401*,  qui  ne 
cite  qu'un  seul  exemple.  Ajoulez:  ,Meschant  trubert,  coquin  moquart'. 
,Le  Martire  S.  Estiene'  (mystere  du  regne  de  Charles  VI.  ed.  Fournier, 
Le  thöätre  frangais  avant  la  Renaissance  p.  3). 

riard,  m.:  rieur.  God.  VII,  p.  181  (plusieurs  exemples).  Sachs- 
Villatte  8.  V. 

janglart,  gang-,  v.  fr.,  adj.:  medisant.  God.  IV,  p.  631«,  cf.  en  vieux 
frangais  jangleur,  -cor  etc.  (bavard,  häbleur,  m6disant)  et  les  verbes 
jangier,  jangleter  (jaser,  bavarder),  jangloier  (jaser,  medire,  se  moquer). 

raffard^  v.  fr.,  adj.:  railleur.  God.  VI,  p.  552''  (origine?);  cf.  en 
vieux  frauQais:  raffarde  f.  (raillerie,  moquerie),  raffarder  (railler),  raffar- 
deur  (moqueiir,  railleur) 

jobard,  v.  fr.  jo(u)bard,  adj. :    qui  aime   k  plaisanter,    ä  s'amuser. 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe  -aid  en  fran^ais  965 

God.  IV,  p.  644^.  En  franguis  moderne  jobard  est  synonyme  de  uiais, 
sot  (voir  p,  967),  cf.  en  vieux  frangais  jobe  (adj.  et  s.)  au  sens  de  jo- 
bard, niais,  sot.    God.  IV,  p.  644^. 

b)  D'origine  plus  moderne: 

goguenard^  adj.  et  s.  (mentionnö  pour  la  premi^re  tbis  dans  Oudin 
1642,  voir  God.  IX,  Comp!,  p.  706<=  et  Dict.  Gen.  s.  v.),  qui  a  l'air  de 
se  moquer,  qui  plaisante  en  se  moquant,  mauvais  plaisant. 

9.  L'idöe  de  betise  se  trouve  expriin^e  dans  les  niots  suivants  qui 
remoDtent  tous  au  vieux  franijais: 

coqimrd,  x.  fr.  coquart  etc.  (derive  de  coq),  ä  l'origine  möchant 
coq;  figurement:  benet  (voir  p.  939).  Sens  voisin:  digne  d'un  coquard. 
God.  Compl.  IX,  p.  194^  Ajoutons  ici  les  exemples  suivants:  ,Lequel 
Duchesne  respondit  audit  Bernart  que  le  dit  Bernart  estolt  bien  coquart' 
(1391;  Areb.  JJ.  142,  pifece  20,  God.  ä  l'article  ,bernart').  ,Et  ne  suys 
qu'ung  ieune  coquart'.  Villon  (ed.  Longnon  p  51).  ,Carungamant  seroit 
cocquard'.  ,Le  debat  de  deux  demoiselles',  probablement  du  milieu  du 
XV«  sieele  (Recueil  de  pocsies  etc.  V,  p.  276). 

Et  qui  donc  vous  a  meu,  coquart, 
jD'envoyer  querier  le  paste.' 

.Farce  nouvelle  du  paste  et  de  la  tarte'  (du  regne  de  Charles  VII.  ed. 
Fournier,  Le  theätre  frangais  avant  la  Renaissance  p.  15). 

,Je  me  rys  düng  maistre  coquart, 
,Le  plus  follas  que  je  viz  oncques.' 

,Farce  de  la  Pippöe'  (regne  de  Louis  XI,  ed.  Fournier  p.  132). 

,Ce  coquart  lä  tranche  du  maistre',  ib.  p.  138. 

,Ny  tel  coquart  sans  aa  coquarde',  ib.  p,  142. 

jVous  apportez  vous  ä  la  forge 

,0ü  Ion  affine  les  coquars?'  ib.  p.  145. 

,Mais  ung  tres  glorieux  foUastre, 

.Coquart  qui  ne  scet  ce  quil  fait',  ib.  p.  145. 

,Ma  foy,  je  seroye  bien  coquart'.     ,Moralite  de  l'aveugle  et  du  boiteux'  (de 

1496,  ib.  p.  160). 
,.  .  .  ce  n'est  q'ung  coquart'.    ,Mystere  du  chevalier  qui  donna  sa  femme  au 

dyable'  (de  1505,  ib.  p.  182). 
,Et  dit  Ten:  Veez  la  un  coquart',  ib.  p.  184. 
,0r  sentez,  maistre  Quoquart.'    , Farce   du  Cuvier'  (rögne  de  Louis  XII,   ib. 

p.  196). 
,Et  faire  taire  le  coquart.'    Monologue  du  Resolu'  (regne  de  Louis  XII,  ib. 

p.  290). 
jParlons  des  glorieulx  cocars.'   ,Les  Sobres  Sotz'  (regne  de  Fran^ois  I«r-  ib. 

p.  434). 


966  Kurt  Glaser 

jPaix,  coquart.'   , Farce  du  Munyei'  (^d.  Jacob  p.  245).    ,Car  je  vous  dy  que 

ces  coquars  .  .  .',  .La  Condamnacion  de  Bancquet',  6d.  Jacob  p.  337. 
,La  teste  coquarde'  ib.  p,  368.     ,D'iing  chascun  dit:  C'est  ung  coquart.' 

,Des  Villains,  Villenniers,  Vilnastres,  et  doubles  Villains'  1533  (Recueil 
de  poesies  etc.  VII,  p.  71).  ,Et  seroit  riiomme  bien  coquart',  Marot,  ed. 
D'Hericault  (Paris  1867)  p.  309.  —  Coquard  se  retrouve  aussi  dans  les 
patois  et  dans  le  laDgage  populaire,  voir  p.  e.  Rigaud,  Dict.  d'argot 
moderne,  1881,  p.  111.  Delesalle,  Dict,  argot-francais  et  fran^ais-argot, 
1896,  p.  76,  Montesson,  Vocabulaire  des  mots  usites  dans  le  Hant-Maine, 
1899,  p.  176,  Eveille,  Gloss.  saintongeais,  1887,  p.  107. 

coquillard,  en  vieux  fran^aisco^mV^ar^  etc.;  sot,  benet,  mari  trompe. 

—  galant  d'une  femme  mariee.  God.  IT,  p.  295.  Au  temps  de  Villon 
et  plus  tard  encore  .Coquillart'  (ou  ,compagnon  de  la  Coquille')  etait 
la  denomiuation  d'une  redoutable  bände  de  larrons,  ,conipaignons  oizeux 
et  vaccabundes'  (Marcel.  Sehwob,  Mem.  de  la  soc.  de  linguistique  de 
Paris  Vn,  1892,  p.  168  bs.).  C'est  ä  ce  sens-lä  que  paraissent  se 
rapporter  plusieurs  exemples  dans  Villon:  ,Coquillars,  aruans  ä  Ruel' 
(ed.  Longnon,  Paris  1892,  p.  147);  ,Et  pour  ce,  benardz,  Coquillars' 
(p.  150);  .Maint  coquillart,  escorne  de  sa  sauve'  fp.  157).  Victor  Hugo 
a  repris  ce  mot:  ,La  plupart  eclopes,  ceux-ci  boiteux,  ceux-h\  manchots, 
les  courtauds  de  boutanche,  les  coquillarts,  leshubins,  les  sabouleux' . . . 
,Deux  tables  plus  loin,  un  coquillart,  avec  son  costume  complet  de 
pelerin  .  .  .'  (,Notre-Dame  de  Paris',  nouvelle  edition,  1862,  I,  p.  96  et 
p.  122).  En  Picardie  coquillard  se  dit  encore  pour  ,mari  trompe  par 
sa  femme'  (le  feminin  coquillarde  s'emploie  au  sens  de  , femme  qui 
trompe  son  mari').  Corblet,  Gloss.  du  patois  picard,  1851,  p.  348.  — 
Sachs- Villatte  s.  v.  donne  encore  les  acceptions  vieillies  et  sans  doute 
ddfavorables  de  ,Gauner,  der  Muscheln  als  von  Heiligen  geweiht  ver- 
kauft' et  de  ,Bettler,  der  vorgab  als  Pilger  unterwegs  zu  sein'  et  enfin 
de  ,Setzer,  der  oft  Fehler  macht'  (typogr.,  flg.).  —  Cf.  en  vieux  fran- 
Qais:  coquardeau:  sot,  niais  (rarement  en  fran^ais moderne).  —  coquardie 
f.:  sottise,  betise.  —  coquardise  f.  sottise. 

bernard,  v.  fr.  bernart  (de  Tallemand  Bernhard,  nom  propre  em- 
ploye  comme  nom  commun) :  sot,  niais,  God.  I,  p.  627*.  Conserve  dans 
plusieurs  patois,  comme  dans  celui  du  Haut-Maine  (Montesson,  Vocab. 
des  mots  usites  dans  le  Haut  Maine,  1899,  p.  99  s.  v.  b^nard)  et  dans 
le  patois  savoyard  (Constantin-Desormaux,  Dict.  savoyard,  1902,  p.  40 
s.  V.  berna,  cf.  beurä,  adj.  et  s.:  sot,  nigaud.  Constantin-Desormaux 
p.  48).  On  trouve  la  meme  gradation  de  sens  en  proven^al :  bernart, 
barnart,  bernard:  nom  propre,  qui,  par  extension,  s'emploie  au  sens  de 
nigaud  (Mistral  s.  v.).  Rappeions  ici  le  provengal  töni  (Tony):  Antoine, 
au  sens  de  benet.  —  toni-boui  s.  m. :  nigaud,  brutal,  imbecile    mechaut. 

—  tönio,  touönio,  tougno:    Autoinette;    femme  stupide,    grossiere  niaise 


Le  sens  pßjoratif  du  suffixo  -ard  cn  franrais  967 

(Mistral  s.  v.'';  cf.  en  fran(;ai8  Ag-n6a  (nom  propre;  j>ersonnage  de  l'Ecole 
des  FcDimes  de  Moliöre,  type  de  l'ingenue)  au  ^ens  de  Jeune  fille  naive 
et  ignorante'. 

hinard^  hinart,  v.  fr.,  adj.:  dont  la  tote  penche  d'un  cöte;  sot. 
God.  I,  p.  651b. 

hiisnart^  buinard^  buiijnart^  v.  fr.,  adj.  et  s  :  niais,  imböcile.  God.  I, 
p.  756,  cf.  buisnardie  f.:  niaiserie,  sottisc.    God.  I,  p.  756^. 

johard,  adj.  et  s.  (voir  p.964):  niais,  qui  se  laisse  sottement  dnper. 
Terme  familier  et  qui  s'emploie  aussi  par  moquerie  daus  le  langage  du 
peuple,  voir  p.  e.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre  T,  p.  557  et  Eveiile,  Gloss. 
saintongeais  1887,  p.  219;  cf.  jobarder:  duper  en  se  moquant.  —  jobar- 
derie:  niaiserie,  betise  de  jobard;  paroles  d'un  jobard. 

lorgnart,  v.  fr.,  adj  :  malavisö,  sot.  Wallon  lognar:  nigaud.  God. 
V,  p.  32,  cf.  lorgne,  adj.  louche  (encore  dans  certains  patois  au  sens 
de  morne,  triste,  abattu).  God-  V,  p.  32"^  et  l'expression  ,faire  le  Jean 
Lorgne':  faire  le  got,  l'innocent.     Littre  s.  v.  Jean  n®  4. 

niart,  v.  fr.,  adj.:  niais.     God.  V,  p.  494*. 

cuidart,  v.  fr.:  personnage  credule.  God.  11,  p.  394°;  cf.  en  vieux 
frangais  cuidant,  cuideor  etc.:  presomptueux  etc.:  verbe:  cuider. 

beguard,  begard,  begart  s.  ra.,  nom  donne  ü  des  beretiques  du 
Xin®  siecle,  qui,  pretendant  etre  arrives  ä  la  perfection,  se  eroyaient 
en  droit  en  refusant  robeisf^ance  aux  princes  et  en  se  dispensant  de 
toutes  les  pratiques  de  la  religion;  adj.,  par  extension,  pour  dire  stupide 
(God.  I,  p.  612*).  Ce  dernier  scds  est  toujours  conserve  dans  certains 
patois,  par  exemple  dans  les  patois  de  la  Meuse  (Vouthons\  voir  La- 
bourasse,  Patois  de  la  Meuse,  1887,  p.  151  s.  v.  begu.  Cf.  en  vieux 
frangais  begaud  m.  (sot,  niais),  begauder  (agir  comme  uu  sot). 

sottard,  sofart,  adj.:  sot  et  plus  que  sot.  En  se  basant  sur  les 
exeraples  que  nous  donne  God.  VII,  p.  487*  sottard  semble  avoir  et6 
surtout  en  vogue  au  XVP  siecle.  Le  premier  exem])le  dans  God.  est 
tire  de  Deschamps.  Notez  encore  l'exemple  suivant:  .Dont  nous  vient 
ce  sotart  yci?'  ,Farce  de  la  Pippee'  (regne  de  Louis  XI,  ed.  Fournier, 
Le  theätre  fran^ais  avant  la  Renaissance  p.  143).  Cf.  dans  le  meme 
sens  sotouarf,  a  cöte  de  sotois,  soteau,  sotelet.  God.  VTI,  p.  488^.  Sotard 
est  aujourd'hui  un  des  noms  vulgaires  de  la  becasse.  God.  1.  c.  Sachs- 
Villatte  s.  v. 

10.  Le  Suffixe  -ard  s'ajoute  ä  des  niots  qui  exprlment  l'idee   de 

tromperie. 

a)  Remontent  au  vieux  franpais: 

trichard^  v.  fr.  ^r/cÄar^  (God.  VIII,  p.  7P),  celui  qui  triebe,  tricheur; 
se  retrouve  aujourd'hui  dans   les   patois,   voir  Montesson,    Vocabulaire 


968  Kurt  Glaser 

des  mots  nsites  dans  le  Haut-Maine,  1899.  p.  519,  Martelliere,  Gloss. 
du  Vendomois,  1893,  p.  313,  Romdahl,  Gloss.  du  patois  du  Val  de  Saire, 
1881,  p.  36  s.  V.  etrichar,  p.  37  s.  v.  etrivar. 

boisart.  v.  fr.,  adj.:  trompeur.  God.  I,  p.  673'';  cf.  boiseur  (trora- 
peur),  boise,  boisie  f.  (tromperie),  boisement  (tromperie),  boisier  (trom- 
per).    God.  I,  p.  674. 

ahusart  m.,  v.  fr.:  abuseur,  trompeur.  L'exemple  unique  releve  par 
God.  I.  p.  39°  se  trouve  dans  la  , Farce  de  la  Pippee'(XV®  siecle,  rfegne 
de  Louis  XI,  ed.  Fournier,  Le  theätre  frangais  avant  la  Renaissance 
p.  136). 

guernart,  v.  f.,  adj.:  trompeur,  qui  cherche  ä  tromper.  God.  IV, 
p.  376«. 

engignart  etc.,  v.  fr.,  adj.:  trompeur  (s'emploie  aussi  pour  designer 
un  diable).  God.  III,  p.  169;  cf.  engigne  f. :  tromperie.  ---  engignement 
m. :  iuvention,  engin;  moyen  quelcouque  qu'on  imagine  pour  arriver  a 
un  but.  —  eugignant,  adj.,  trompeur.     God.  1.  c. 

gaignart,  guaignart,  wnignart  etc.,  v.  fr.,  adj. :  cruel,  violent,  pillard, 
voleur,  Nombreux  exemples  dans  God.  IV,  p.  203,  204.  gaignart  com- 
porte  une  idee  meprisante,  tandis  que  gaigneur  (v.  fr.;  celui  qui  gagne) 
se  prend  en  bonne  part. 

b)  Remontent  au  XVh  siecle: 

poissard  (derive  de  poix),  qui  a  comme  de  la  poix  au  bout  des 
doigts,  voleur.  Ce  sens,  qui  se  trouve  au  XVI^  siecle  (voir  God.  VI, 
p.  259*),  a  fait  place  aujourd'hui  ä  d'autres  acceptions:  P  adjective- 
ment:  qui  imite  le  langage  grossier  du  peuple;  2*>  substantivement: 
poissarde  f.,  vendeuse  de  poisson,  femrae  de  la  halle,  et,  par  extension, 
femme  aux  manieres  hardies,  au  langage  grossier.  —  ABresse  en  Vosges 
,poukhare'  a  pris  le  sens  plus  bönin  de  ,personne  qui  recueille  la  rösine 
des  sapins'  (voir  God.  1.  c). 

grip2)ard^  v.  fr.  grippart,  adj.  et  s.:  voleur.  Exemples  du  XVP 
sifecle  dans  God.  IV,  p.  360*';  avare.  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.  — 
Cf.  le  verbe  gripper  (attaquer  ou  saisir  subitement,  en  parlant  du  chat 
ou  de  tout  autre  animal  ä  griffes;  par  extension  et  familiörement: 
derober,  ravir  le  bien  d'autrui  etc.);  grippeur,  adj.  et  s.  m.,  celui  qui 
grippe,  qui  dörobe  (peu  usite):  grii)pe-sou  m.:  avare  qui  fait  de  petits 
gains  sordides. 

c)  D'origine  plus  moderne: 

grap(pjillard  m.:  celui  qui  a  la  manie  de  grappiller  (c'est-ä-dire  de 

faire  de  petits  gains  secrets  et  souvent  peu  legitimes).  Sachs-Villatte  s.  v. 

cagnoüard  V  s.  m.  , Spiel :  betrügerischer  Croupier,  der  das  Doppelte 


Lc  sens  pejoratif  du  stiffixe  -ard  eii  fraiifais  969 

bis  Fünffache  der  verabredeten  Summe  zu  seinem  Vorteil  in  die  eag- 
notte  fliesseu  lässt.     2''  adj.,  betrügerisch.'     Sachs-Vilhitte,    Suppl.  s.  v. 

filard  s.  m.  ,Bouillettespieier,  der  immer  passt,  wenn  er  nicht  ein 
glänzendes  Spiel  in  der  Hand  hat'  (du  verbe  filer:  terme  du  jeu  de 
cartes).    Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

blscoppard  s.  m.  trompeur,  escroe,  tricheur  (cf.  biscopperie  f.:  trom- 
perie,  tricheriel.     Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v, 

ßanchard  s.  m.  joueur  (de  flancher :  jouer).  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

11.  Le  Suffixe  -ard  indique  des  particularitös  ou,  plus  souvent, 
des  d^fauts  physiques  de  toutes  sortes. 

a)  Remontent  au  vieux  franpais: 

pansard,  v.  fr.  pansart:  (terme  familier  et  |)opulaire)  plus  fort  qua 
pansu.  Les  exemples  dans  God.  V,  p.  723*'  ne  vont  pas  plus  loin  que 
1660.  Furetiere,  ,l\oman  bourgeois'  (1666)  I,  p.  179  (ed.  Fournier, 
Paris  1854)  emploie  aussi  pansard :  ,C'est  ainsi  que  de  gros  milords, 
des  pansars  et  des  mustai)has  cajolleut  aujourd'hiiy,  dans  des  alcoves 
magnifiques  et  sur  des  carreaux  en  broderies,  des  blondelettes,  blanche- 
lettes,  mignardelettes'.  Cf,  aussi  la  locution  ,faire  feste  saint  Pmicart' 
pour:  s'emplir  la  panse  (God.  1.  c).  St.  Pansard:  Caruaval  (La  Curne  de 
Sainte-Palaye,  Dict.  bist,  de  Taucien  langage  frangois  VIIT,  p.  170*). 
En  patois  picard  ,panchard'  est  le  nom  populaire  donne  au  mardi-gras 
(voir  Corblet,  Gioss.  du  patois  picard,  1851,  p.  505).  ,Le8quelz  furent 
tous  gens  de  bien  et  bons  raillards.  Et  de  ceste  race  nasquit  saint 
Pansard.'  Rabelais  II,  1  (ed.  Bnrgaud  Des  Marets-Rathery  I,  p.  313). 
,Ne  desprise  pas  sainct  Pansart'  (,Debat  de  Vraye  Charite  ä  Tencontre 
de  OrgueiP,  vers  1530.    Recueil  de  poesies,  XI,  p.  302). 

,J'ay  leu  une  hystoire  dor6e, 

,Oii  recite  fröre  Richard 

,Que  Karesme  faict  son  entröe 

jL'endemain  du  jour  Saint  Pansart.' 

(,Le  Prenostication  de  maistre  Albert  Songecreux',  vers  1527.  Recueil 
de  poesies  XII,  p.  189).  Sachs-Villatte  s.  v.  donne  encore  ,Saint  Pan- 
sard :  Schutzpatron  der  Leute  mit  gutem  Appetit'.  —  En  wallen  ,pan- 
char'  (comme  .panchu')  se  rencontre  aussi  dans  le  sens  de  ,gourmand, 
goulu'.     Sigart,  Dict.  du  wallon  de  Mens.  1870,  p.  274. 

gifard,  -art^  adj.,  v.  fr.:  joufflu:  gißa/'r,  patois  du  Morvan  (De 
Chambure,  Gloss.  du  Morvau,  1878,  p.  406),  degifef.:  joue.  Cf.  gifarde 
f.:  servante  de  cuisine  joufflue.     God.  IV,  p.  277^ 

guignard,  -art  s.  m.  (du  verbe  guigner,  v.  fr.  guignier)^):  celui  qui 


1)  Cf.  provengal  guigno  f.:   mauvais  oeil,   mine   (en   mauvaise  part);   ital. 


970  Kurt  Glaser 

guigne,  qui  clignote,  Fem.  guignarde:  celle  qui  gnigne,  qoi  eligne  de 
l'oeil,  Celle  qui  se  mire,  qui  se  pare.  God.  IV,  p.  383^  Dans  la  Suisse 
romande  on  trouve  guegnare  m.:  louche,  myope,  qui  voit  ä  peine. 
Bridel,  Gloss.  des  patois  de  la  Suisse  romaode,  1866,  p.  193. 

louchard,  v.  fr.  loschart  etc.  (God.  V,  p.  35''):  loucheur,  celui  qui 
iooche.  Mot  populaire.  En  patois  morvandeau  louessar  (fem.  louessarde), 
de  ,lousse'.  De  Chambure,  Gloss.  du  Morvan,  1878,  p.  503.  —  leuilcä, 
loüchä  etc.  s.  m. :  qui  louche  (verbe  leuilquer  :  loucberj.  Patois  de  la 
Meuse.  Labourasse,  Patois  de  la  Meuse,  1887,  p.  343.  —  Termes  patois 
synonymes:  briclar^  adj.;  verbe  bricler:  loucber  (n'est  plus  usite)  et 
bourniclard;  verbe  bournicler:  loucher.  Patois  du  döpartement  du 
Doubs.  Beauquier,  Provincialismes  usites  dans  le  depart.  du  Doubs 
(1881),,  p,  47,  54. 

jambard.,  -art,  adj.:  qui  a  de  fortes  jambes.  God.  IV,  p.  630*  (voir 
p.  976);  cf.  gambillard,  ä  cote  de  ,gambilleur';  bon  mareheur,  bon 
danseur  (sens  augmentatif).  Terme  d'argot.  Kigaud,  Dict.  d'argot 
moderne,  1881,  p.  189,  Delesalle,  Dict.  argot-frangais  et  francaisargot, 
1896,  p.  132,  Lotsch,  Wörterbuch  zu  modernen  franz.  Schriftstellern, 
1899,  p.  45^  Sachs-ViUatte,  Snppl.  s.  v. 

dentard,  adj.,  v.  fr.:  qui  a  de  longues  dents  (cf.  en  vieux  frangais 
dentu).    God.  II,  p.  508^ 

choppard,  adj.,  v.  fr.:  qui  choppe,  qui  bronche.  God.  II,  p.  128^ 
(voir  p.  976). 

Ward,   V.  fr  iestart:  qui  a  une  grosse  tete.     Voir  p.  940  et  p.  950. 

camard,  adj.  et  s.  (premier  exemple  dans  Kabelais,  selon  God. 
Compl.  Vm,  p.  415''  et  Dict.  Gen.  s.  v.^):  qui  a  le  nez  plat  et  comme 
ecrase  (cf.  camus).  En  patois  morvandeau  ,camouar'  a  pris  aussi  le 
sens  figure  de  sournois,  hypocrite,  traitre.  De  Chambure,  Gloss.  du 
Morvan,  1878,  p.  142. 

gauchard,  v.  fr.  gauchart  (exemple  du  XV^  siecle  dans  God.  IV, 
p.  244^:  gaucher. 

mouflavd,  v.  fr.  mo(u)flard,  -art  (God.  V,  p.  354*),  adj.:  celui  qui  a 
les  joues  tres  pleines,  joufflu,  qui  a  le  visage  plein  et  rebondi. 

narinart,  adj.,  v.  fr.:  qui  a  de  larges  narines.     God.  V,  p,  470''. 

mouard,  adj.,  qui  fait  la  moue,  releve  par  God.  V,  p.  425*  dans  un 
exemple;  existe  encore  dans  les  patois,  voir  p.  e.  Beauquier,  Provin- 
cialismes usites  dans  le  departement  du  Doubs,  1881,  p.  203;  cf.  grimou- 
art  (m.),  guinimart  (m.),  v.  fr.  au  sens  de  ,moue  dedaigneuse'.  God.  IV, 
p.  359^  p.  387*. 

ghigna  f.,  m^me  sens  et  ghigno  f.:  souris  malin;  vieux  provengal  guin:  regard; 
ital.  ghingnare :  ricaner,  rire  avec  malice. 

1)  C'est  inexact.     On  llt  d6jä  dans  une  poesie  datant  de  1501: 

,Riches  camars.  de  finance  dismars'.    ßecueil  de  po6sies,  XIII,  p.  400. 


Le  sens  p6joratif  du  suffixe  -ard  en  frangais  971 

b)  D'origine  plus  moderne: 

poupard,  adj.,  (jui  ruppelle  lui  i)Ouj)urd :  ])hysionomie  jjouparde;  se 
dit  d'un  petit  enfant  gras  et  joufflii  et  aussi  d'nne  personne  adulte, 
grasse  et  joufflue  comme  un  eufaiit. 

nasillard:  nasilleur,  qui  nasille  (cf.  uasillardise  f.:  dcfaut  de  celui 
qui  nasille,  etc.);  depuis  le  XVn«  siccle  environ.  S'emploie  aussi  figure- 
ment  au  scus  de  fächcux.  Patois  du  Ccntre.  Jaubert,  Gloss.  du  Centre 
n,  p.  99. 

oreillard,  orillard,  adj.  (pour  la  pvemiöre  fois  dans  Oudin  1642, 
voir  Dict.  Gen.  s.  V.),  qui  a  les  oreilles  d'une  longueur  demesuree:  ,hibou 
oreillard'  (Sachs  Villatte,  Öuppl.  s.  v.),  ,cbevul  oreillard'  (qui  a  les 
oreilles  longues  et  pendantes).  Se  prend  aussi  substantivement:  oreillard 
1"  genre  de  petites  chauves-souris,  remarquables  par  leurs  enormes 
oreilles  en  cornet,  2'^  ane.  Delesallc,  Diet.  argot  fran^ais  et  fran^ais- 
argot,  1896,  p.  196,  Sachs-Villatte  s.  v. 

bequillard  m.  (pour  la  premifere  fois  note  par  Richelet,  voir  Littre 
s.  V.):  oelui  qui  a  besoin  de  böquilles,  qui  marche  avec  des  bequilles; 
se  prend  aussi,  le  plus  souvent  familierement,  dans  un  sens  defavorable: 
vieillard  impotent  p.  939,  —  Sens  a  part:  homme  qui  begaie.  Departe- 
ment du  Doubs.  Beauquier,  Provincialismes  usites  dans  le  departement 
du  Doubs,  1881,  p.  35. 

tortillard,  adj.:  P  qui  tortille  des  hanches  en  marchant.  Centre. 
Jaubert,  Gloss.  du  Centre,  II,  p.  372;  2"  boiteux,  coutrefait,  surtout  dans 
le  Jargon  des  voleurs.  Iligand,  Dict.  d'argot  moderne,  1881,  p.  369, 
Delesalle,  Dict.  argot-frangais  et  fran^ais-argot,  1896,  p.  288.  Sachs- 
Villatte  s.  V. 

berdouillard:  ventru  (cf.  berdouille:  ventre).  Terme  d'argot.  Rigaud 
p.  36.    Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

ventrou/llard,  adj.  et  s.:  ,ventripotent',  ,ventridolent':  ventru.  Terme 
d'argot.     Delesalle  p.  302. 

pingard,  adj.  (derive  de  pince),  terme  de  marecbalerie  qui  se  lit 
pour  la  premi^re  fois  dans  Lafosse,  Hippiatrique  1772  (voir  Dict.  Gen. 
s.  V.):  r  se  dit  d'un  cheval  qui  s'appuie  sur  la  pince  en  marchant; 
2"  pied  pingard,  rampin,  pied  dont  Tappul  se  fait  principalement  sur 
la  pince,  qui  est  presque  verticale;  3"  le  sens  pcjoratif  a  disparu  dans 
pingard:  bon  cavalier  (langage  familier  et  populaire).  Delesalle  p.  217, 
Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.  —  Cf.  panard  (parait  pour  la  premiere  fois 
dans  Bourgelat,  Elem.  d'bippiatrique,  1750,  I,  p.  144,  admis  Acad.  1762, 
voir  Dict.  Gen.  s.  v.),  adj.  invariable;  dont  les  pieds  de  devant  sont 
tournes  en  dehors  (par  Opposition  ä  cagneux:  dont  les  pieds  sont  tournes 
en  dedans). 

piffard  m.:  individu  qui  a  un  grand  nez.  Derive  de  pif:  nez.  Terme 
d'argot.    Delesalle  p.  215. 


972  Kurt  Glaser 

bossard,  adj.  (cf.  bossu  etc.):  s'emploie  figurement  au  sens  de 
louche,  ambigu,  qui  n'est  pas  droit.  Terme  populaire.  Eigaud  p.  51, 
Sachs-Villatte,  Siippl.  s.  v. 

borgnard,  adj.:  fort  borgne.  ,Le  duc  borgnard  est  de  sa  clique' 
dans  une  chanson  politique  de  1720,  dirigee  contre  le  Duc  de  Bourbon, 
appele  le  ,duc  borgne'.  , Chansonnier  historique  du  XVIll*  siede',  publie 
par  E.  Rauniö,  III,  p.  201. 

13.  Le  Suffixe  -ard  sert  ä  indiquer  des  personnes  de  mauyaise  Tie. 

a)  Remontent  au  vieux  franpais: 

paillard,  v.  fr.  paillart  etc.  (depuis  le  XIIP  siecle,  voir  God.  V, 
p.  690,  691),  proprement  celui  qui  couche  sur  la  paille;  delä:  personne 
miserable  et  portee  ä  la  lubricite,  amateur  excessif  du  beau  sexe, 
döbauche  (terme  familier  et  populaire.  • —  parfois  aussi :  läcLe,  poltron. 
Delesalle  p.  198.  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.).  —  Le  feminin  paillarde 
a  pris  le  sens  obsccne  de  concubine.  God.  V,  p.  691*.  Cf.  paillardise 
et  paillarder;  en  vieux  frangais:  paillardie  (paillardise,  God.  V,  p.  690<'); 
paillardeau  (paillard,  God.  V,  p.  690^);  paillardaille  f.  (troupe  de  pail- 
lard,  God.  V,  p.  690^);  paillardir  (se  conduire  comme  un  paillard,  God. 
V,  p.  690°);  rapaillardi  et  repaillardi  (adj.,  retombe  dans  la  paillardise, 
God.  VI,  p.  5941»  et  VII,  p.  47<=). 

musarde  f.  (voir  musard  p.  951)  en  vieux  fran^ais:  femme  de  mau- 
vaise  vie. 

,De  qoi,  Sire?  or  i  prenez  garde, 

,Vous  maintenez  une  musarde 

,Qui  vous  hoint  et  vous  afole'  etc. 

,De  la  bourse  pleine  de  Sens' :  Fabliaux  et  contes,  publies  par  Barba- 
zan  I  (Paris  1808),  p.  39;  cf.  ib.  Glossaire  p.  502^. 

b)  Remonte  au  XVh  siecle: 

mignarde  f.,  mot  ä  double  sens :  petite  fille  (cf.  mignonne)  et  femme 
galante,  maitresse.    Exemples  du  XVP  siecle,  God.  V,  p.  328*. 

c)  D'origine  plus  moderne: 

fetardy  adj.  et  s.  (de  fete)'),  neologisme:  celui  qui  aime  ä  faire  la 
fete,  ä  s'amuser;  se  prend  de  preference  en  mauvaise  part:  noceur.  Je 
ne  sais  pas  sur  quoi  se  fonde  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.  en  notant  le 
sens  de  ,Stutzer  (1889)'. 

bambochard  m.:   bambocheur,  coureur  de  cabaret.  —  bambocharde: 


1)  N'a  rien  ä  faire  avec  fetard:  paresseux,  lache  p.  932. 


Le  86118  pöjoratif  du  suffixe  -aid  en  frangais  973 

femme  de  niauvaise  vie.  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v.,  cf.  banibochineur, 
bamboclie,  bambocher  etc.     etre  bamboebe:  etrc  ivre. 

nuibillarde  (grue  mahillarde)  f.,  demoiselle  qui,  au  bal  Mabille  (,ce 
beau  jardin  de  Teleg-ance  et  du  plaisii',  Murger,  Sccues  de  la  vie  de 
boh^me  p.  155),  se  met  en  frais  de  coquetterie  pour  seduire  un  riebe 
6trang-er.    Argot  de  Paris.    Kigaud  p.  233,  234. 

hobecharde  f.,  Temme  de  mauvaise  vie,  de  la  plus  vile  espöee,  cf. 
bobiche,  bobi(e)  etc.     Sacbs-Villatte,  Suppl,  s.  v. 

trouillarde  f.,  devcrgondce.  Cf.  trouille  f.:  souillon  de  cuisine, 
femme  malpropre.  —  trouillotcr:  puer,  r^pandre  une  odeur  infecte.  Ri- 
gaud  p.  377.     Sacbs-Villatte  s.  v. 

badonillard  s.  m.,  viveur,  ami  des  ])laisirs,  de  la  bonne  cbere  et 
des  bals  publics.  Mot  en  vogne  ä  Paris  entre  1840  et  1850,  La  societe 
des  badouillards  ctait,  dans  le  principe,  eomposee  d'etudiants.  Pour 
faire  partie  de  cette  societe,  il  fallait  subir  ,bonorablement'  certaines 
epreuves,  telles  celles  du  diner,  de  l'ingurgitation  du  cbampagne,  du 
puncb  et  des  liqueurs  fortes,  de  Tengueulement,  du  duel,  du  bal  etc. 
Celui  qui  sortait  triomphant  de  cette  sßrie  d'epreuves,  dont  la  sante  et 
souvent  la  raison  etaient  les  enjeux,  etait  proclame:  Badouillard,  Ri- 
gaud  p,  22,  23.  Larchey  p,  38,  Delesalle  p.  24,  Darmesteter,  De  la 
creation  etc.  p.  89,  Cf,  badouille  f,:  liomme  sans  energie,  qui  se  laisse 
gouverner  par  sa  femme,  et  badouiller:  nocer,  courir  les  bals  publics 
et  les  lieux  de  döbauche, 

vadroiäUard:  vadrouilleur,  vadrouilleux,  vadrouillant;  celui  qui 
vadrouille;  noceur,  bambocbeur,  crapuleux.  Argot  de  Paris.  Delesalle 
p.  299;  Rigaud  p.  382, 

pelotard  m.:  ,peloteur',  ,patouilleur':  coureur  de  femmes,  Sacha- 
Villatte,  Suppl.  s.  v. 

13.  II  nous  reste  ä  mentionner  encore  un  certain  noiubre  de 
sobriquets  donn^s  ä  des  personnes  qui  exercent  divers  m^tiers. 

a)  Remonte  au  XVh  siede: 

mouchard  m.  (derive  de  moucbe,  au  sens  d'espion;  depuis  la  fin  du 
XVI^  siecle,  voir  Dict.  Gen.  s.  v.).  terme  de  denigrement:  celui  qui 
espionne;  s'emploie  principalement  au  sens  d'espion  de  police;  par 
extension,  celui  qui  epie  pour  rapporter. 

b)  D'origine  plus  moderne: 

cumulard  m.  celui  qui  cumule  plusieurs  fonctions  publiques  retri- 
buees.  (Toujours  pris  dans  un  sens  de  reprocbe,  qui  ne  se  trouve  pas 
dans  cumuleur;  cf.  cumuleur  de  genie:  bomme  ingeuieux,  de  beaucoup 
de  talent.    Sachs- Villatte  a.  v.). 


974  Kurt  Glaser 

pofard  m.:  pharmacien;  61eve  pharmacien  (par  allusion  aux  nom- 
breux  pots  dont  il  est  gardieu).  Larchey  p.  204,  Delesalle  p  229, 
Sachs- Villatte  s.  v.  —  Terme  synonyme :  camdard  (de  canule).  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  s.  v. 

chevillard  m, :  celui  qui  vend  ä  la  cheville,  boucher  en  gros.  Ri- 
gaud  p.  92,  Delesalle  p.  67,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

pierard  m. :  ouvrier  qui  travaille  ä  ses  pieces  (Jargon  des  carrossiers). 
Rigaud  p.  290.     Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

topard  m.:  ,topo',  officier  d'etat-major  qui  s'occupe  de  topographie 
(argot  militaire).    Delesalle  p.  287,  Sachs-Villatte  s.  v. 

14.  Ponr  d^signer  le  bourreau,  qui  exerce  le  mutier  le  plus 
odieux,  le  fran^ais  a  cräe  plusieurs  expressions. 

a)  Remontent  au  vieux  franpais: 

pendard^  v.  fr.  pendart  (m.):  celui  qui  pend.  God.  VI,  p.  76«^  (cf. 
peudeur,  -eor  m.  God.  VI,  p.  77^  et  pendereau  m.:  ineme  sens.  God. 
VI,  p.  77'').  Depuis  la  fin  du  XVP  siöcle^),  cette  acception  a  disparu 
de  la  langue  qui  ne  connait  plus  que  le  sens  de  vaurien,  fripon,  ,qui  merite 
d'etre  pendu'.  Cet  emploi  (hyperbolique)  date  du  XVP  siede.  Je  note 
les  exemples  suivants:  ,n'est  ruffian,  forfant,  scelerat,  pendart,  puant, 
punais,  ladre'  .  .  .  Rabelais  III,  48  (ed.  Burgaud  Des  Marets-Rathery 
II,  p.  736).  ,Et  quant  a  ce  pendart  Finet'.  Perriu,  Les  Eseoliers,  1589, 
II,  2  (Fournier,  Le  thöätre  fran^ais  au  XVI®  et  au  XVIP  sifecle,  p.  176). 
,Avec  son  pendart  de  valet'  (ib.  p.  187).  ,Cocquius,  pendars,  de  Dien 
blasphemateurs'  (poesie  du  commencement  du  XVI«  siecle.  Recueil  de 
poesies  etc.  XII,  p.  225). 

rouard^  -art  m.:  celui  qui  roue.  God.  VII,  p.  245°.  —  ,rouart, 
c'est  a  dire  prevost  des  mareschaux,  pour  ce  qu'il  fait  mettre  les  mal- 
faicteurs  sur  la  roue'.  Nicot  1606.  —  ,rouart,  prevost  des  mareschaus, 
qui  condamne  ä  la  roue'.  Monet  1636.  S'emploie  encore  rarement 
comme  terme  d'argot.     Delesalle  p.  255,  Lotsch  p.  88''. 

tollart  m.  (XV«  et  XVI«  siöcle,  God.  Vn,  p.  735);  s'est  conserve 
dans  ce  sens  comme  terme  d'argot.  Delesalle  p.  286.  Voir  aussi  Archiv 
für  das  Studium  der  neueren  Sprachen  und  Literaturen.     1909,  p.  204. 

frappard,  frap(p)art,  adj.  et  s.,  celui  qui  frappe.  II  est  reste  un 
Souvenir  de  ce  sens  dans  la  denomination  qu'on  donne  en  Lorraine  ä 


1)  jMeschants  pendards  qui  les  juges  pendez, 

jirapunite  par  lä  vous  pretendez: 
,Mais  vous  devez  tout  le  contraire  attendre: 
,Oncques  pendard  ne  put  son  juge  pendre.' 
Satyre  M6nippee,  publice  par  Verger  (Paris  1824)  I,  p.  47.     C'est  peut-^tre   le 
dernier  exemple  de  l'euiploi  de  ,pendard'  dans  le  sens  de  ,bourreau'. 


Le  sens  p6joratif  du  Suffixe  -ard  en  franjais  975 

des  gens  döguises  qiii  viennent,  le  jour  de  la  Saint-Nicolas,  deux  ä  deux 
porter  des  bonboiis  aux  enf;ints  et  s'informer  s'ils  sont  sages;  Tun  a  le 
costume  d'^veque  comme  Saint  Nicolas,  Pautre  a  celui  d'un  inoine,  et 
porte  une  verge  ä  la  main :  c'est  le  frh'e  frappart.  God.  IV,  p.  128^ 
Pour  designer  le  meme  personnuge,  ou  dit  commuuement  Ph'e  Fouettard. 
—  Frere  frappart  (od  recontre  uussi  frappart  tout  seul)  a  pris  encore 
le  sens  defavorable  de  moine  libertin  et  döbauche  (Littre  s.  v.).  God., 
tout  en  enregistrant  plusieurs  exemples  de  cet  emploi,  n'indique  pas  ee 
sens  lui-meme.    Ajoutons  ici  les  exemples  suivants: 

,.  .  .  Et  quel  suaire 

jPour  accoler  fröre  Frappart.' 
, Farce  de  la  Pippee'  (XV^  siecle,  regne  de  Louis  XI.  ed.  Fournier,  Le 
theätre  fran^ais  avant  la  Kenaissance  p.  137) 

,Le  Trictrac  des  freres  frappars'.  Rabelais  II,  7  (ed.  Burgaud  Des 
Marets-Rathery  I,  p.  350).  ,hypocrites,  caffars,  frapars'.  Rabelais  11, 
34  (ed.  Burgaud  Des  Marets-Rathery  I,  p.  488).  »Estes  vous  des  frap- 
pins,  des  frappeurs,  ou  des  frappars?'  Rabelais  IV,  15  (ib.  II,  p.  105, 
106).  —  Dans  un  sens  plus  beuin  l'argot  entend  par  ,pere  frappart' 
ou  , frere  frappart'  le  marteau.  Larchey  p.  142,  Rigaud  p.  183,  Dele- 
salle  p.  127. 

b)  D'origine  plus  moderne: 

bequiUard  m. :  ,bequilleur';  le  bourreau  qui  pendait  ä  la  ,bequille', 
ou  ä  la  jbequillarde',  c'est  a-dire  ä  la  potence.  Argot  des  voleurs  ä 
Paris.  Larchey  p.  46.  Rigaud  p.  36.  Delesalle  p.  33.  ,Si  j'avais  de 
quoi,  je  te  tirerais  un  feu  d'artifice  sur  ta  beule,  et  je  t'illurainerais  en 
verres  de  couleurs  ä  la  Saint- Charlot,  patron  du  bequillard'.  Sue,  Les 
Mysteres  de  Paris  III,  p.  22. 

16.  Le  Suffixe  -ard  indique  l'idee  de  paresse  dans  les  mots  sui- 
vants qui  appartiennent  tous  au  fran^ais  moderne^): 

cagnard,  adj.  et  s.  (de  ,cagne',  par  comparaison  avec  le  chien  qui 
s'accroupit  au  coin  du  feu.  Pour  la  premiere  fois  dans  Cotgrave  1611): 
qui  se  tient  dans  son  coin,  indolent,  faineant  (de  lä  le  sens  de  ,poltron' 
que  cagnard  a  pris  dans  le  langage  populaire).  —  cagne  (mauvais  chien) 
lui-meme  a  pris  le  sens  de  personne  faineante  et  meprisable. 

trahiard  m.  (de  trainer;  se  lit  pour  la  premiere  fois  dans  Cotgrave 
1611):  celui  qui  reste  habituellement  en  arriöre  des  autres  dans  une 
marche;  par  extension,  celui  qui  fait  les  choses  avec  lenteur,  homme 
inactif,   negligent.     On   reconnait    facilement   l'idee  pejorative   qui  se 


1)  Notons  encore:   ponnard   m.  paresseux.    Deux  exemples  du  XV«  siede 
dans  God.  VI,  p.  273a;  cf.  ponnardie:  paresse.    Origine? 


976  Kurt  Glaser 

rattaclie  ä  trainard,  en  comparant  trainard  a  traineiir:  ,le  traineur  ne 
peut  effectivement  plus  avancer,  les  forces  lui  manqiient  reellement; 
le  trainard  fait  semblant  d'etre  au  boüt  de  ses  forces,  afin  de  se 
soustraire  ä  la  fatigue  commune.'     Sachs-Yillatte  s.  v. 

flemard  ou ßemmard  m. :  celui  qui  a  la  fleme  (pour  flegme),  paresseux, 
celui  qui  travaille  lentement  ou  qui  ne  travaille  pas.  Expression  po- 
pulaire. 

rossardm.,  de  rosse,  mauvais  cheval;  par  extension :  faineant,  lache, 
vaurien.  Terme  populaire;  cf.  rosse:  mecbant.  Larchey  p.  216,  Dele- 
salle  p.  255,  Rig-aud  p.  334,  Sachs- Villatte  ».  v. 

vachard  m,  paresseux.  Terme  du  langage  populaire;  cf.  vache  f.; 
mot  injurieux  et  möprisant:  prostituee;  delateur,  hypocrite.  —  vacher: 
paresser.    Delesalle  p.  299. 

16.  Nonis  propres  ä  significatiou  pejorative. 

II  nous  reste  encore  ä  dire  que  le  seus  pejoratif  qui  se  rattache  ä 
la  terminaison  -ard  a  peuetre  jusque  dans  les  noms  propres.  C'est 
justement  par  les  noms  propres  que  notre  suffixe  a  fait  son  entree  eu 
frangais  (voir  p.  935).  Le  sens  pejoratif  ne  se  fait  pas  sentir  tout 
d'abord.  il  n'existe  pas  encore  dans  jles  noms  propres  d'origine  ger- 
manique,  comme  Aymard,  Kenait  etc.,  il  tend  cependant  ä  se  faire 
jour  dans  les  noms  propres  que  le  frangais  lui-meme  a  crees.  On 
peut  regarder  comme  premicre  etape  de  ce  developpemeut  semautique, 
qui  est  lout-ä-fait  dans  le  genie  de  la  laugue,  certaines  combinaisons 
de  noms  propres  avec  des  adjectifs  (qualiticatifs)  en  -ard.  Je  releve 
les  exemples  suivants: 

jConstantius  Jubar\  texte  du  Xu«  si^cle.  ,Avec  uu  sens  incertain', 
God.  IV,  p.  644''.  Ne  serait-ce  pas  un  sens  pejoratif?  Voir  Jobard 
p.  964  et  967. 

,Pierre8  Fessarf  {fessart  =  fessu),  exemple  de  la  fin  du  XIIP  siecle 
(1283,  Cart.  de  S.  Georg.,  f.  65r,  Bibl.  Konen).    God.  lll,  p.  769b. 

,Jehans  Jambarz  {Jambart:  qui  a  de  fortes  jambes,  voir  p.  970). 
1305,  Gens,  dou  Paraclet,  f.  11  v,  Arch.  Aube.    God.  IV,  p.  630*. 

jGuillaume  Escorchart'  {escorchart:  ecorcheur);  exemple  de  1287. 
God.  III,  p.  424». 

,Martin  Hapart'  {happart:  celui  qui  happe).  ,De  Martin  Hapart', 
titre  d'un  conte  publie  par  Montaiglon  et  Raynaud,  FabliauxII,  p.  172; 
voir  aussi  God.  IV,  p.  416^ 

,Johau  Guignarf  {guignart  voir  p.  969).  1378.  Forets  de  Blois, 
Areb.  KK.  229,  f.  2v,    God.  IV,  p.  383*. 

jJebanne  la  chopparde'  {choppard  voir  p.  970).  1387.  Arch.  MM.  31, 
f.  43  r.'     God.  V,  p.  128^ 

,Andri  GifarL'   Reg.  ceuilloir  du  Temple.    Arch.  MM.  128,  f  33r  et 


Le  sena  pejoratif  du  suftixe  -ard  cn  fianjuis  977 

,Genevicve  In  Gifarde'.  Liv.  de  la  Tnillc  de  Paris  ponr  1292. 
God.  IV,  j).  277''  s.  V.  gifurt. 

,Jaquet  Goussart\     1307.     Poiitigny.    Arch.  Yonne.  H.  1542,  et 

,Siinonnette  Go^sart'.  Test,  de  1438,  Arch.  mim.  Doiiai ;  ccs  deux 
exemples  sout  cites  par  God.  IV,  p.  316"*  avec  cette  remurque:  ,gosaarf^ 
gomsart,  adj.:  qui  a  uue  gousse;  ii'a  ete  rencontre  qiie  comnie  nom  de 
personne.' 

j'Wicbars  Groignas'  (voir  grogm.id  p.  939).  Juillet  1287,  Lett.  de 
Ferri,  D.  de  Lorr.;  God.  Compl.  IX,  p.  728*  s.  v.  groignart. 

La  plus  simple  formation  de  uoms  propre-  ä  signification  pejorative 
est  la  siiivante:  uu  substautif  oii  adjectif,  exprimaut  uue  mauvaise 
qualite  (ou  une  qualite  quelconque  prise  eu  mauvaise  part)  est  employ6 
comme  nom  propre.  Aiusi  le  licvre,  animal  excessivement  poltrou  et 
couard,  pieud  daus  le  ,Koman  de  lieuart'  le  nom  de  ,Coart'  {yCoarz') 
ou  ,Dant  Coarf  ou  ,Sire  Coarf  (ed.  Mcon.  v.  10049,  10149,  11109, 
11210,  11217,  11225,  11231,  11242,  11243,  11272,  14018,  14525  etc.). 
,Pris  h\  sire  coars  li  lievres',  Kutebeuf,  ,Charlot  le  Juif,  v.  27  (,Fabli- 
aux  et  contes',  publies  par  Barbazaii.  Paris  1808,  1,  p.  88).  L'äne, 
grace  ä  sa  betise,  porte  les  noms  de  ,Bernart'  (c'est-ji-dire  ,sot",  voir 
p.  966),  .Frere  Bernart'  (v.  9904),  ßire  Bernart'  (v.  13274),  ,Dant  Ber- 
nart' (V.  23932),  ,Be.rnart  l'Arche-jrresfre'  (v.  132o3,  2-5861,  23886, 
26  420),  et  ^Bernart  l'Arche-provoire'  (v.  13439).  De  meme:  ,Se/gnor 
Monflart'  (y.  3849),  ßire  Moußarf  (v.  3864,  3870)  ou  simplement, 
,Mo(ii)ßart'  (v.  3882,  3895,  3920);  ,Ainsi  crioit  Mouflar,  jeune  dogue'. 
Lafontaine,  ,Le  cbieu  ä  qui  on  a  coupe  les  oreilles'.  Fables  X.  8  (ed. 
Eegnier,  III,  p.  42).  , Mouflar,  le  bon  Mouflar,  de  nos  chiens  le  modele'. 
Florian,  ,Le  cbien  eoupable'.     Fables  V,  18  (Paris  1805,    VII,   p.  184). 

Cette  maniere  de  creer  des  noms  propres  ä  signifieation  pejorative 
est  tres  repandue.  Kabelais  nous  en  oflre  uu  exemple  fort  interessant, 
CD  cieant  le  nom  propre  ,Bossard':  ,C'est  l'occasion  pourquoy  les  parens 
s'en  deschargent  en  eeste  isle,  mesmement  s'ils  sont  des  appanaiges  de 
Visle  Bossard.  C'est,  dist  Panurge,  Pisle  Boucliard  lez  Chinon.  Je 
dis  Bossard,  respondit  Aedituc:  car  ordinairement  ils  sont  bossus,  borgues, 
boiteux,  manehüts,  podagres  contrefaits  et  maleficies:  poids  inutile  de 
la  terre',  V,  4  (ed.  Burgaud  Des  Marets-Rathery  II,  p.  336,  337). 

Une  poesie  calviniste  de  1575  donne  au  pretre  catholique,  en  sa 
qualite  de  defenseur  de  la  messet,  \g  sohriquet  de , Jean  niessart' :  ,Jean 
messart  ne  me  veut  prendre'.  ,Le  Passe-Temps  de  Jean  le  blanc'  (Ke- 
cueil  de  poesies  etc.,  VIII,  p.  133). 


1)  La  messe  est  souvent  attaquße  dans  les  poesies  hugueuotes  du  XVI"  sifecle, 
voir  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und  Literatur,  XXXI*,  p.  ISOss. 

Romanische  Forschungen  XXVII.  62 


978  ^"^"^  Gflaser 

Dans  UDe  comedie  representee  eu  1718')  figiire  ,M.Oriffart^  Procu- 
reur  Fiscal',  type  de  prociireur  avide  qui  saisit  pour  ainsi  dire  avec 
des  griffes  le  bien  d'autriii^). 

Une  autre  comedie,  intitulce  ,La  foire  des  fees'  et  representee  en 
1722  par  des  coinediens  italiens^)  a  introduit  im  mauvais  po6te  appel6 
fihevillard\  Ce  noni  s'explique  par  allusion  aux  nombreuses  chevilles 
dont  il  aime  ä  g-arnir  ses  vers. ;  cf.  aussi  les  paroles  que  liii  adresse  la 
,Fee  Doyeiine':  ,Aliez,  Monsieur  Chevillard,  vous  etes  riebe  ä  jamais. 
Par  la  vertu  de  la  baguetle  qui  vous  a  touche,  il  se  retrouvera  dans 
votre  poche  une  pistole  ä  chaque  cheville  que  vous  mettez  dans  vos 
Vers.' 

Honore  de  Balzac  s'est  servi  du  menie  procede  de  formation;  il  a 
eu  recours  au  suffixe-ard  pour  mieux  curacteriser  par  le  choix  du  nom 
le  beros  d'un  de  ses  romaiis  (,L'lllustre  Gaudissart'),  type  acheve  de 
commis-voyageur,  en  tirant  du  verbe  (se)  gaudir  le  nom  propre  de 
Gaudissart:  celui  qui  aime  ä  se  gaudir  (cf.  gaudisseur,  gaudisserie).  Ce 
uiot  est  toujours  frangais  pour  designer,  daus  le  sens  defavorable  in- 
dique  par  le  suffixe  -ard,  un  perisonnage  d'une  gaiete  bruyante,  triviale 
et  encombrante. 

Dans  son  ronian  ,Les  Mysteres  de  Paris'  Eugene  Sue,  qui  aime  les 
mots  expressifs,  a  nomme  un  personnage  boiteux  et  contrefait  tout 
simplement  Tortillard.  ,C'etait  le  meme  regard  penetrant  et  astucieux ; 
le  front  de  l'enfaut  disparaissait  a  demi  sous  une  foret  de  cheveux 
jaunätres,  durs  et  roides  comme  des  erins.  Un  pantalon  marron  et  une 
blouse  grise,  sanglee  d'une  ceinture  de  cuir,  completaient  le  costume 
de  Tortillard,  ainsi  nomme  ä  cause  de  son  infirmite  .  .  .'  I,  p.  240. 

Le  sens  pejoratif  perce  legferement  dans  le  siirnom  que  Eostand  a 
donne  ä  l'un  des  personnages  de  son  ,Aiglon',  Flambeau,  vieux  soldat 
de  l'Empire  et  laquais  au  service  du  Duc  de  Keichstadt:  il  a  fait  de 
Flambeau,  par  un  simple  changement  de  suffixe,  Flambard  (, Jean- Pierre- 
Seraphin  Flambeau,  dit  le  Flambard'  II,  9,  p.  93),  double  allusion  k 
ses  maniöres  de  soldat  toujours  gai  et  hasardeux  (voir  flambard  p.  946) 
et  ä  sa  carriere  aventureuse,  au  cours  de  laquelle  il  a  risque  plus  d'une 
fois  d'etre  ,flambe'. 

Citons  ici  Fepiard,  nom  propre,  dösignant  familierement  une  per- 
sonue  qui  a  la  pepie  (c'est-ä-dire  toujours  soif).    Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 


1)  ,Les  Amours  de  Nanterre'.  Dans  la  collection:  ,Le  thöätre  de  la  foire, 
ou  op6ia  comique  contenant  les  meilleures  pieces  qui  ont  ete  reprösentöes  aux 
Foires  de  S.  Germain  et  de  S.  Laurent'.  Par  Mrs.  Le  Sage  et  D'Orneval. 
Amsterdam  172288.     III,  p.  270s8. 

2)  Cf.  Gripardin  comme  nom  des  avocats  et  des  juges  dans  les  pifeces  de 
la  Revolution.     H.  VVelschinger,  Le  tlieätre  de  la  rövolution.     Paris  1880,  p.  23. 

3)  Möme  collection,  V  (172G),  p.  3G6s8. 


Le  scns  pöjoratif  du  suffixe  -ard  en  fran^ais  979 

De  la  mcme  manifere  ont  cte  form^s  des  sobriquets  comme: 

c^quard  (de  chi'qnc),  crce  en  Tüiver  de  1892  ,panaiiiiteur';  c'est 
un  de  ces  niots  cphömöres  qui  naissent  avec  le  besoin  du  nioment  et 
qui  ne  survivent  pas  ü  Toccabion  qui  los  a  fait  uaitrc  (Meyer-Lübke, 
Gram,  der  roni.  Sprachen  II,  p.  557:  Nyroi),  Gram.  bist.  III,  p.  168). 

balochard^)  m.  personnagc  de  carnaval  ä  la  mode  daiis  les  bals 
masques  de  1840  ii  1850.  Larcbey  p.  40,  Delesalle  p.  27,  Darmesteter, 
De  la  creation  etc.  p.  89,  Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v,  (cf.  balocheur; 
verbe  balocher:  courir  les  bals  publics). 

choucroutard  m.:  ,cboucrouteur',  ,cboucroutman(ny;  mangeur  de 
choucroute,  c'est-ä-dire  Allemand.     Sachs-Villatte  s.  v. 

boitard  m.  (pour  boiteux)  en  parlant  d'un  Journal,  le  ,Temps'  p.  e. ; 
il  est  irrcgulier.     Delesallc,  p.  40. 

Le  plus  souvent  le  suffixe  -ard  a  servi  et  sert  toujours  k  creer  des 
surnoms  politiques: 

Guisard  m.  Littre  est  peu  exact  en  expliquant  ce  mot  par,  parti- 
san  du  duc  de  Guise,  dans  la  lutte  de  ce  duccontre  Henri  III;  ligueur'. 
Guisard  s'employait  dejä  en  1560  et  en  1561  pour  designer  les  partisans 
de  Frangois  de  Lorraine,  duc  de  Guise  et  de  son  frere,  le  cardinal 
Charles  de  Guise,  chefs  du  parti  catholique  sous  Frangois  II  et  Charles  IX. 
Exemples :  ,Le  Tygre.  Satyre  sur  les  gestes  memorables  des  Guisards 
1561'  (voir  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und  Literatur  XXXII',  p.  253). 
,Les  Guisars,  pleins  d'outrecuidance'  (, Chanson  spirituelle  du  siecie  d'or 
avenu'.  1562.  Recueil  de  poesies  etc.  VIII,  p.  270ss.,  voir  Zeitschrift 
XXXIIP,  p.  75).  ,De8  Guisards  pleins  d'arrogance.'  ,A  ce  grand  rouge 
Guisard'  (ici  c'est  le  cardinal  de  Guise  lui-meme).  Zeitschrift  XXXI 11^ 
p.  85.  .Autant  que  sont  de  Guisarts  demeurez'.  Zeitschrift  XXX' 11^  p.  95. 
,Je  suis  perdu  quoyque  Guysards  y  posent'  (, Discours  de  la  vermine  et 
prestraille  de  Lyon'  de  1562.     Recueil  de  poesies  etc.  VII,  p.  27). 

Montagnard  m.,  sous  la  Convention,  membre  du  parti  revolutionnaire 
de  la  ,Montagne':  s'emploie  aussi  adjectivement:  ,patriotisme  montag- 
nard' etc.  Neologisme  dataut  de  la  Revolution,  voir  Rauft,  Der  Einfluss 
der  franz.  Revolution  auf  den  Wortschatz  der  franz.  Sprache  (1908) 
p.  138.  —  se  dit  parfois  encore  aujourd'hui  d'un  homme  qui  a,  en 
politique,  des  opiuions  trcs  revolutionnaires. 

Decembraillard  (modele  sur  ,braillard'):  ,decembrigand',  ,decem- 
brigueur',  ,decembriste',  ,decembrouillon\  .decembroyeur',  ,decembri8eur'; 
partisan  du  coup  d'Etat  du  2  decembre  1851;  nom  donue  aux  partisans 
de  la  dynastie  napoleonienue  par  leurs  adversaires  politiques.  Rigaud 
p.  129.    Darmesteter,  De  la  creation  etc.  p.  90.    Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 


1)  Sens  ä  pnrt:  ouvrier  spirituel,  iusoiiciant,  gai,    tapageur  quelqiiefois  (cf. 
balocher  au  sens  de  ,fläner  en  rigolant'). 

62* 


980 


Kurt  Glaser 


Philippard  s.  m ,  partisan  de  Philippe  VII,  conte  de  Paris  (verbe 
philippiser).    Sacbs-Villatte,  Snppl.  s.  v. 

Philipfotard  s.  m.,  partisan  de  Louis  Philippe.  Saehs-Villatte, 
Snppl.  s.  V.;  cf.  philippotin  m.:  partisan  du  duc  d*0rl6ans  pendant  la 
Eevolntion.     Ranft  p.  143.     Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

Septemhraillard :  ,septembriseur'.  Sobriquet  des  republicains  du 
4  septembre  1870.     Sachs-Villatte,  Suppl.  s.  v. 

Gamhettard,  adj.  et  s.  m. :  partisan  de  Gambetta.  Sachs-Villatte, 
Suppl.  s.  V. 

Commnnard,  adj.  et  s.:  partisan  de  la  Commune  de  Paris,  en  1871. 
jQuand  eclata,  en  1871,  l'insurrection  de  la  Commune,  les  chefs  du 
mouvement  ne  surent  de  quel  nom  se  designer:  communiste  avait  d6jä 
pris  une  acception  speciale;  ils  ne  voulaieut  pas  accepter  la  denomi- 
nation  meprisante  de  communeux  ni  de  communard;  jls  adopterent 
commuualiste,  qui  avait  le  tort  de  ne  pas  ruppeler  le  mot  essentiel  de 
commune;  la  derivation  communier  se  serait  imposee  d'elle-meme'  etc. 
Darmesteter,  De  la  creation  etc.  p.  109, 

Dreyfusard^  designation  d'un  partisan  du  cajiitaine  Dreyfus  (employe 
aussi  comme  adjectif  dans  .presse  dreyfusarde'  etc ). 

blocard,  qui  se  rapporte  au  parti  radical-socia liste  du  ,bloc'  (parti 
blocard,  Journal  blocard,  etc.,  cf.  anti-blocard). 

legitimard  s.,  partisan  du  comte  de  Chambord,  royaliste.  Sachs- 
Villatte  s.  V. 

fusionnard  s.,  partisan  de  la  ,fusion'  de  la  brauche  ainee  des 
Bourbons  avec  la  brauche  cadette  (cf.  fusionniste).  Darmesteter,  De  la 
cröation  etc.  p.  90,  Sachs-Villatte  s.  v. 

revanchard  m. :  qui  veut  a  tont  prix  prendre  sa  revanche.  Sachs- 
Villatte,  Suppl.  8.  V.  ,rattitude  qui  le  faisait  Fallie  des  revanchards 
et  des  patriotards'.    ,L'Express'  de  Liege,  22  juillet  1909. 


aboyard  p.  957, 
abusart  p.  968. 
aflfuraid  p.  945. 
attrapard  p.  955. 
aufart  p.  940  Dote. 
automaboulard  p.  946. 


Index. 

babillard  p.  958. 
badoiiillard  p.  973. 
bafiaid  p.  957. 
bagnard  p.  942. 
bagoulard  p.  959. 
baillard  p.  948. 


balochard  p.  979, 
bambochard  p.  972. 
banlieusard  p.  942. 
bataillard  p.  956. 
hätard  p.  938. 
baudrouillard  p.  960. 


Le  sens  pejoratif  du  suffixc  -ard  en  franyais 


981 


bavard  p.  958. 
bavarde  p.  958. 
b^g(ii)ard  p.  967. 
beiinard  p.  947. 
bequillard  p.  971.  975. 
beiboia  p.  949. 
berdouillaid  p.  971. 
bernard  p.  966. 
Bernalt  p.  977. 
beuglard  p.  948. 
bibard  p.  964. 
bicepsard  p.  946. 
bidard  p.  944. 
billard  p.  948. 
binard  p.  967. 
bisard  p.  935. 
biseoppard  p.  969. 
bissard  p.  935. 
blöchart  p.  945. 
bleffav  p.  949. 
blocavd  q.  980. 
blousaid  p.  942. 
bobecharde  p.  973. 
bocaid  p.  935. 
boiä  p.  949. 
boisart  p.  968. 
boitard  p.  979. 
bolar  p.  947. 
bonard  p.  948. 
boiidieusard  p.  943. 
bonicard  p.  939. 
boqnä  p.  947. 
borguavd  p.  972. 
bossard  p.  972. 
Bossard  p.  977. 
bosselaid  p.  935. 
bouchardie  p.  959. 
boudard  p.  947. 
boufar  p.  949. 
bouffard  p.  934. 
bourniclard  p.  970. 
braguid  p.  956. 
biaillard  p.  962. 
Briavd  p.  941  note. 
bricaid  p.  942. 
briclar  p.  970. 
brillard  p.  935. 
biiscaid  (brisquart)  p.  943. 
brocar  p.  947. 


biiisnart  p.  967. 
busard  p.  945. 
cabocliard  p.  952. 
cachaid  p.  949. 
cagnard  p.  975. 
cagiiottaid  p.  968. 
cal()t(t):ird  p.  943. 
cauiard  p.  970. 
camisaid  p.  943. 
canipagnard  p.  938. 
caniflurd  p.  948. 
capitulard  p.  960. 
cayäid  p.  949. 
chainaillard  p.  957. 
chaiK^-ard  p.  944. 
cl)a8ulilard  p.  943. 
chatouillard  p.  952. 
chaiiffard  p.  946. 
ch6qiiard  p.  979. 
clievillaid  p.  974. 
Chevillard  p.  978. 
chiard  j).  955. 
chicaiidard  p.  946. 
chicard  p.  946. 
cliicliard  p.  954. 
chicocandard  p.  946. 
chignard  p.  961. 
choppard  p.  970.  976. 
elioiicroutard  p.  979. 
chourinaid  p.  946. 
ciboulard  p.  935. 
citrouillard  p.  935.  943. 
clichar  p.  948. 
Coart  p.  977. 
Qoilart  p.  950. 
Communard  p.  980. 
conscrar(d)  p.  943. 
eoquard  p.  965. 
coquillard  p.  966. 
cornard  p.  938. 
couard  p.  959. 
couillard  p.  945. 
couinard  p.  948. 
coupolard  p.  942. 
craillard  p.  948. 
crevaid  p.  947. 
criard  p.  962. 
criarde  p.  934. 
crottaid  p.  935. 


croysard  p.  940  note. 
cuidart  p.  967. 
cumulard  p.  973. 
cyclard  p.  946. 
d6bidaid  p.  944. 
Dücenibraillaid  p.  979. 
dechard  p.  944. 
dentard  p.  970. 
deputart  p.  951. 
dt'veinard  p.  944. 
disciplinard  p.  942. 
dormard  p.  953. 
douillard  p.  944. 
douillard  p.  957. 
Dreyfiisard      (dveyfusard) 

p.  980. 
droiiquart  p.  963. 
dynamitard  p.  946. 
egiillard  p.  955. 
engignart  p.  968. 
escorcbart  p.  976. 
esperait  p.  950. 
fadard  p.  946. 
fagnard  p.  939. 
faiblard  p.  945. 
farfouillard  p.  945. 
faschard  p.  950. 
faussart  p.  950. 
fessart  p.  976. 
fetard  p.  972. 
fiaunard  p.  947. 
fichard  p.  945. 
fignard  p.  947. 
filard  p.  969. 
finard  p.  947. 
flambaid  p.  934. 
flambard  p.  946. 
Flambaid  p.  978. 
flambaide  p.  934. 
flanchard  p.  945. 
flanchard  p  969. 
flauuard,  voir  fiaunard. 
fleinard  (flemruard)  p.  976. 
flickard  p.  976. 
fliugart  p.  943. 
fliquadard  p.  945. 
fliquard,  voir  flickard. 
flottart  p.  943. 
foignard  p.  943. 


982 

foignart  p.  953. 
foirard  p.  954. 
fongnart  p.  962. 
Fouettard  (P6re-)  p.975. 
fouinard  p.  957.  960. 
frappard  p.  974. 
fr6tillard  p.  955. 
friponar(d)  p.  954. 
frocard  p.  944, 
frocarde  p.  944, 
froussard  p.  960. 
fusionnard  p.  980, 
fuyard  p.  959, 
gadouard  p.  947. 
gaignart  p.  968. 
gaillard  p.  951. 
Gambettard  p.  980. 
ganibillard  p.  970. 
gamellard  p.  943. 
ganglart  voir  janglart 
ganchard  p.  970. 
Gaudissart  p.  978. 
geignard  p.  961. 
gibernaid  p.  959. 
giffard  p.  969. 
ginglard  p.  935. 
goguenard  p.  965. 
goujard  p.  938. 
gouinard  p.  949. 
grap(p)illard  p.  968. 
grenouillard  p.  943, 
grifFard  p.  935. 
Grififart  p.  978. 
grignard  p.  960. 
grippard  p.  935.  968. 
grognard  p.  939. 
grondart  p.  962. 
guenillard  p.  942. 
guernart  p.  968. 
gueulard  p.  961. 
gueusard  p.  940. 
guignard  p.  944. 
guignard  p.  969. 
Guisard  p.  979. 
Hapart  (happart)  p.  976. 
hognart  p.  963. 
hurlard  p.  940. 
jambard  p.  970. 
janglart  p.  964. 


Kurt  Glaser 

jasard  p.  958. 
jaunard  p.  939. 
javillard  p.  947. 
jobard  p,  964.  967. 
Iang(u)ard  p.  957. 
l^chard  p.  955, 
lögitiinard  p.  980, 
lichard  p,  955,  964, 
lignard  p.  943. 
lisard  p.  954. 
loflfard  p.  952.  946. 
lorgnart  p,  967. 
louchard  p.  970, 
lourdart  p,  950. 
luisard  p.  934. 
luisarde  p.  934. 
mabillarde  p.  973. 
mangeard  p.  955. 
tnedaillard  p.  942. 
mentenart  p.  950. 
raessavt    (Jean  messart) 

p.  977. 
mignard  p.  952. 
mignarde  p.  953.  972. 
mömard  p.  945. 
Montagnard  p.  979, 
moquard  p.  964. 
mouard  p.  970. 
mouchard  p,  973, 
moucharde  p.  934, 
inouflard  p.  970. 
Mouflar(t)  p.  977. 
niouillard  p.  939. 
mouillard  p.  964. 
mulai-  p.  947. 
musard  p.  951. 
musarde  p.  972. 
narinart  p.  970. 
nasillard  p.  971. 
niart  p.  967. 
Nigard  p.  940. 
nichard  p.  957. 
niflard  p.  948. 
omnibusard  p.  942. 
oreillard  (orillard)  p.  971. 
paillard  p.  972. 
paissard  p.  949, 
panard  p.  971, 
pansard  p,  969. 


pantouflard  p.  942. 
parmesard  p.  945. 
patä  p,  949. 
patrlotard  p.  946, 
patioul(l)art  p,  959, 
pauvrard  p,  944, 
pedalard  p.  946, 
pödard  p.  946. 
peinard  p.  954, 
p61erinard  p,  943. 
pelotard  p,  973. 
pelousard  p.  943. 
pendard  p.  974, 
pendulard  p.  942, 
Pöpiard  p,  978. 
p6tard  p.  955. 
Philippard  p.  980. 
Philippotard  p.  980. 
piaffard  p.  955. 
piaillard  p.  962. 
piaulard  p.  947. 
pichar  p.  949. 
piegard  p.  974. 
piflfard  p.  971. 
pignard  p.  947. 
pillard  p.  950. 
pingard  p.  971. 
pinchard  p.  948. 
pipard  p.  942. 
plaidard  p.  955. 
plaidoiart  p.  955. 
plaignard  p.  957. 
pleurard  p.  961. 
pleurnichard  p.  961. 
plumard  p.  935. 
pochard  p.  963. 
poissard  p.  968. 
potard  p.  974. 
poupard  p.  945.  971. 
pourissard  p.  949. 
prolitard  p.  942. 
pschuttard  p.  946. 
pudibard  p.  946. 
queulä  p.  949. 
racontar  p.  959. 
raffard  p.  964. 
raillard  p.  964. 
ramonard  p.  949. 
ratelard  p.  948. 


Le  sens  pejoratif  du  suftixc-  ard  en  fian^ais 


983 


rebigeard  p.  957. 
roehignard  p.  961. 
rolangard  p.  958. 
relar  p.  949. 
r6tivard  p.  957. 
revanchaid  p.  980. 
riard  p.  964. 
richard  p.  944. 
rif(f)lard  p.  944. 
rifolaid  p.  945. 
ri^olard  p.  945. 
rigouillaid  p.  945. 
roudoiiillard  p.  944. 
rossard  p.  976. 
rounrd  p.  974. 
roublard  p,  944.  945. 
rougeard  p.  939. 
sacaid  p.  944. 
salivaid  p.  959. 
Savoyaid  p.  940. 
septeinbraillard  p.  980, 


simpLut  p.  942. 
soitVaid  p.  963. 
songeard  p.  953. 
sotoiiart  p.  967. 
sottard  p.  967. 
soudard  p.  938. 
sondrill.ird  p.  957. 
soufHard  p.  935. 
soiiillard  p.  953. 
souillarde  p.  935. 
soülard  p.  963. 
8uiff;ird  p.  944. 
tetard  p.  940.  950.  970. 
tocard  p.  946. 
tollart  p.  974. 
topard  p.  974. 
torpillaid  p.  943. 
tortillard  p.  971. 
Tortillard  p.  978. 
tounia  p.  949. 
tratnard  p.  975. 


tri'pignaid  p.  942. 
trßpillard  p.  955. 
tricliard  p.  967. 
tioutignard  |).  947. 
tiüuillarde  p.  973. 
tiucard  p.  942. 
truffard  p.  943.  944. 
vachard  p.  976. 
vadroiiillard  p.  973. 
vantaid  p.  954. 
vasard  p.  939. 
veinard  p.  944. 
v6uaid  p.  946. 
vcntrouillard  p.  971. 
vermiuard  p.  945. 
vessard  p,  960. 
vötillard  p.  948. 
vieillard  p.  939. 
vieillarde  p.  939. 
visard  p.  957.